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Alexander Graham Bell
mini|Alexander Graham Bell(Foto, ca. 1914–1919) rahmenlos|klasse=skin-invert-image Alexander Graham Bell (* 3. März 1847 in Edinburgh, Schottland; † 2. August 1922 in Baddeck, KanadaBiographie bei biography.com (englisch).) war ein britischer, später US-amerikanischer Audiologe, Erfinder, Großunternehmer und Befürworter der Eugenik. Es gelang ihm 1876, aufbauend auf Ideen seiner Vorgänger, das Telefon zur Marktreife zu entwickeln und ein flächendeckendes Telefonnetz in Nordamerika aufzubauen, das von seinem Unternehmen American Telephone and Telegraph Company monopolartig beherrscht wurde. Leben und Werk Bell als Sprachtherapeut und Gehörlosenlehrer mini|Alexander Graham Bell (oben rechts) mit Lehrern und Schülern der Pemberton Avenue School for the Deaf, einer Gehörlosenschule in Boston Bereits Bells Großvater Alexander und sein Vater Alexander Melville Bell beschäftigten sich mit Sprechtechnik, wobei Letzterer als Professor der Rede- und Vortragskunst das erste universale phonetische Schriftsystem bzw. eine Lautschrift oder phonetisches Alphabet entwickelte, das er Visible Speech nannte, weil damit die Laute abgebildet würden. Bells Mutter Eliza Symonds Bell war stark schwerhörig, Bell konnte sich jedoch mit ihr mit besonders tiefer Stimme unterhalten. Außerdem konnte sie die Schwingungen seiner Klaviermusik spüren. Das sowie die familiär vorgeprägte berufliche Laufbahn machten Bell später zu einem der engagiertesten Befürworter des lautsprachlich orientierten Erziehungsprinzips für Gehörlose im Gegensatz zu gebärdensprachlich orientierten Methoden. Alexander, der aus Bewunderung für einen Freund der Familie noch als Kind den zweiten Vornamen „Graham“ annahm, wurde wie seine beiden Brüder zunächst von der Mutter unterrichtet. Ab dem 10. Lebensjahr besuchte er eine Privatschule in Edinburgh und ab dem 14. Lebensjahr eine Schule in London. Er studierte in Edinburgh Latein und Griechisch. Mit 17 Jahren wurde er Lehrer an der Weston House Academy für Sprechtechnik und Musik in Elgin, Schottland. Während dieser Zeit begann er mit ersten selbstständigen Forschungsarbeiten auf dem Gebiet der Akustik. Dabei lernte er auch den deutschen Physiker und Physiologen Hermann von Helmholtz kennen, der mit seinem 1863 erschienenen Werk „Lehre von den Tonempfindungen als physiologische Grundlage für die Theorie der Musik“ den jungen Bell wesentlich beeinflusste. Schließlich folgte er seinem Vater nach London, wo dieser am University College als Dozent für Sprechtechnik tätig war und seinen Sohn als Assistenten einstellte. Bell studierte bis 1870 Anatomie und Physiologie der menschlichen Stimme. 1868 gab er an Susanna Hulls Schule in London Sprechunterricht für gehörlose Kinder. mini|Die Melville Farm in Brantford, erster Wohnsitz Bells auf dem amerikanischen Kontinent Nachdem Alexanders Brüder Edward (1868) und Melville (1870) beide an Tuberkulose gestorben waren, siedelten Alexander und seine Eltern 1870 wegen des besseren Klimas nach Kanada über, wo der Vater Dozent für Philologie am Queen’s College, Kingston, Ontario wurde. 1871 ging er als Gehörlosenlehrer an die in Northampton (Massachusetts) eingerichtete spätere „Clarke School“. Ein Luftballon, den sich jedes dieser Kinder ans Ohr hielt, konnte die Schwingungen in der Stimme aufnehmen. Bell blieb danach für den Rest seines Lebens Mitglied des Aufsichtsrats der Schule und wurde in den letzten fünf Lebensjahren auch dessen Vorsitzender. Zur gleichen Zeit unterrichtete er auch neben Edward Miner Gallaudet am American Asylum for the Deaf in Hartford (Connecticut). Von 1873 bis 1877 war Bell Professor für Sprechtechnik und Physiologie der Stimme an der Universität Boston. Im Jahr 1877 heiratete er die gehörlose Tochter Mabel (1857–1923) seines Geschäftspartners Hubbard, die er als Gehörlosenlehrer (damals „Taubstummenlehrer“) an der Clarke-Schule kennengelernt hatte. Mit ihr hatte er zwei Töchter, Elsie May und Marian (Daisy) Bell, sowie die Söhne Edward und Robert, die beide im Kindesalter starben. 1890 war er Mitbegründer der American Association to Promote the Teaching of Speech to the Deaf (AAPTSD) (heute Alexander Graham Bell Association for the Deaf and Hard of Hearing), deren erster Präsident er wurde. Bell und die Erfindung des Telefons Die historisch nachhaltigste Wirkung erzielte Bell 1876 mit der Weiterentwicklung des Telefons zu einem gebrauchsfähigen System und dessen nachfolgender großindustrieller Vermarktung; die Bell Telephone Company, die sich später zum weltweit größten Telekommunikationskonzern AT&T entwickelte, erlangte dabei eine marktbeherrschende Stellung. Um 1873 versuchte Bell, einen „harmonischen Telegraphen“ zu entwickeln, der durch Benutzung mehrerer isolierter musikalischer Tonlagen mehrere Nachrichten gleichzeitig senden können sollte, betrieb das jedoch mit wenig Engagement. 1874 führt Bell akustische Experimente zur Aufzeichnung von Schallwellen durch. Er konstruierte damit den „Phonautographen“, ein Gerät, das die Vibrationen des Schalls auf einem berußten Zylinder aufzeichnete. Antonio Meucci Bereits in den 1830er Jahren hatte der italienische Wissenschaftler und Erfinder Antonio Meucci die Entdeckung gemacht, dass Schall durch elektrische Schwingungen in Kupferdraht übertragen werden kann. Nach seiner Übersiedlung in die USA 1850 entwickelte er ein Telefon, mit dem er das Krankenzimmer seiner Ehefrau mit seiner Werkstatt verband. In den nächsten zehn Jahren vervollkommnete er seine Erfindung und präsentierte sie ab 1860 öffentlich. In der italienischsprachigen Presse wurde darüber berichtet,Thomas Görne: Tontechnik. Hanser Verlag, 2008, ISBN 3-446-41591-2, S. 201. nicht aber in angelsächsischen Medien. 1871 beantragte Meucci für sein „Telettrofono“ schließlich ein Patent, das über zwei Jahre lang nicht erteilt wurde, so dass der Antrag erlosch. Später wurde verbreitet, Meucci hätte nicht die nötigen Mittel für die Patentgebühren gehabt. Diese Darstellung wird allerdings von Kritikern angezweifelt, da er in derselben Zeit (1872–1876) vier andere Patente, beispielsweise für ein Hygrometer erteilt bekam. Meucci reichte seine Unterlagen und Geräte bei Edward B. Grant ein, dem Vizepräsidenten der American District Telegraph Co., um seine Erfindung an deren Telegraphenkabel testen zu lassen, wurde aber mehr als zwei Jahre lang hingehalten. In der Zwischenzeit nutzte Bell, der jetzt in den ehemaligen Werkstätten Meuccis bei der American District Telegraph Co. arbeitete, dessen Materialien und Unterlagen für die Weiterentwicklung seines Telefons. Als Meucci 1874 diese Gerätschaften und Unterlagen von Grant zurückforderte, wurde ihm mitgeteilt, man habe sie verloren. Meucci, der des Englischen nicht mächtig war, beauftragte einen Anwalt, gegen Bell vorzugehen, was allerdings nie geschah. Trotz jahrzehntelanger Streitigkeiten gelang es Antonio Meucci nicht, das Patent oder wenigstens eine finanzielle Entschädigung von Bell zu erhalten. Er starb als verarmter Mann. Am 11. Juni 2002 würdigte das Repräsentantenhaus der Vereinigten Staaten in einer Resolution Antonio Meuccis Leistungen und seinen Beitrag zur Erfindung des Telefons. Philipp Reis Von 1858 bis 1863Silvanus P. Thompson: „Philipp Reis: Inventor of the telephone“. E. & F.N. Spon, London 1883. hatte Philipp Reis ebenfalls ein funktionierendes GerätWerner Rammert: Technik aus soziologischer Perspektive. Westdeutscher Verlag, Opladen, 1993, ISBN 3-531-12421-8, S. 249. zur Übertragung von Tönen über elektrische Leitungen entwickelt und seiner Erfindung den Namen „Telephon“ gegeben. Am 26. Oktober 1861Horst Kant: „Ein mächtig anregender Kreis“ – die Anfänge der Physikalischen Gesellschaft zu Berlin. Preprint 2002, Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte, Berlin 2002. führte er den Fernsprecher zahlreichenFerdinand Rosenberger: Die Geschichte der Physik. Verlag Georg Olms, Frankfurt am Main 1882, S. 792. Mitgliedern des Physikalischen Vereins in Frankfurt vor. Reis nahm den Morse-Telegraphen als Vorbild, der mit Unterbrechung des Stromkreislaufs arbeitet. Damit konnte er Musiknoten an einen Empfänger schicken; für Sprache war das Gerät (noch) nicht geeignet. Danach verbesserte Reis den Apparat bis 1863 wesentlichHermann Julius Meyer: Meyers Konversationslexikon. Bibliographisches Institut, Leipzig, 1894, S. 314. und verkaufte ihn in größerer Stückzahl als wissenschaftliches Demonstrationsobjekt.Werner Rammert: Technik aus soziologischer Perspektive. Westdeutscher Verlag, Opladen, 1993, ISBN 3-531-12421-8, S. 234. So kamen auch Exemplare ins Ausland. Bell lernte ein frühes Modell des Reis’schen Telefonapparates bereits 1862 in Edinburgh kennen. Sein Vater versprach ihm und seinen Brüdern einen Preis, wenn sie diese Sprechmaschine weiterentwickeln würden.Joachim Beckh: Blitz und Anker, Band 1: Informationstechnik – Geschichte und Hintergründe. Books on Demand, 2005, ISBN 3-8334-2996-8, S. 223. 1865 konnte der britisch-amerikanische Erfinder David Edward Hughes in England gute Resultate mit dem deutschen „Telephon“ erzielen.E.C.S.: Calendar of Scientific Pioneers. Nature 106, 13. Januar 1921, S. 650f. Ab 1868 wurde in den USA mit der deutschen Erfindung gearbeitet. Als Bell im März 1875 an der amerikanischen Forschungs- und Bildungseinrichtung Smithsonian Institution mit dem Reis’schen Telefonapparat experimentierte, war die Erfindung in Fachkreisen bereits gut bekannt und Reis seit über einem Jahr verstorben. Bell konnte aber von der für ihn wichtigen Grundlagenforschung des Deutschen profitieren.Rudolf Vierhaus (Hrsg.): Deutsche biographische Enzyklopädie. 2. überarbeitete Auflage, K. G. Saur Verlag, München u. Leipzig 2007, ISBN 978-3-598-25030-9, S. 303. Patentstreit mit Gray Der Direktor der „Clarke School for the Deaf“, der prominente Bostoner Rechtsanwalt Gardiner Greene Hubbard, und der wohlhabende Geschäftsmann Thomas Sanders aus Salem erfuhren von Bells Experimenten und bewogen ihn, die Entwicklung des „Harmonischen Telegraphen“ voranzutreiben. Die drei unterzeichneten eine Vereinbarung, nach der Bell finanzielle Unterstützung erhielt im Gegenzug für eine spätere Beteiligung von Hubbard und Sanders an den Erträgen. Hubbards gehörlose Tochter Mabel wurde als Druckmittel eingesetzt: Bell durfte sie erst heiraten, nachdem er seine Erfindung fertiggestellt hatte, zwei Tage nach Gründung der Bell Telephone Company. mini|links|240px|Bell (dargestellt von einem Schauspieler) spricht in ein Telefon Obwohl Bell bei seinen Versuchen zufällig entdeckt haben soll, dass statt der erwarteten Telegraphenimpulse auch Tonfolgen übertragen werden konnten, gelang es ihm nicht, diese Entdeckung zu wiederholen. Gleichwohl meinte er, das Prinzip für die Übertragung von Tönen für einen Patentantrag beschreiben zu können. Zugute kam ihm dabei, dass das Patentamt einige Jahre zuvor die Anforderung hatte fallen lassen, mit dem Patentantrag ein funktionierendes Modell einzureichen. Am 14. Februar 1876 reichte Gardiner Greene Hubbard als Bells Anwalt den Patentantrag ein, nur zwei Stunden bevor der Lehrer, Erfinder und Unternehmer Elisha Gray das Gleiche tun konnte. Der wesentliche Unterschied zwischen beiden Fernsprechern war, dass Grays Erfindung im Gegensatz zu der von Bell funktionierte. Während Bell in seinem Antrag sehr vage blieb, beschrieb Gray sein Telefon bis in die Einzelheiten.Jörg Becker: Fern-Sprechen: Internationale Fernmeldegeschichte, -soziologie und -politik. Verlag Vistas, 1994, ISBN 3-89158-094-0, S. 52. Bells Eile war nicht unbegründet, wusste er doch von mehreren Erfindern, die auch an Telefonen arbeiteten.Bernd Fleßner: Geniale Denker und clevere Tüftler 20 bahnbrechende Erfindungen der Menschheit. Verlag Beltz & Gelberg, 2007, ISBN 3-407-75329-2, S. 74. Der von Hubbard eingereichte Antrag löste den größten Patentstreit der Geschichte aus. Bell verwendete bei der späteren praktischen Ausführung seines Telefons u. a. einen regelbaren Widerstand in Form eines Drahts, der in eine Schwefelsäurelösung getaucht war. Dieser Widerstand war in seiner Patentschrift nicht aufgeführt und Bell soll ihn nie zuvor erprobt haben. Elisha Grays Antrag hingegen enthielt einen solchen Widerstand. Besonders, nachdem Bells Patent am 7. März 1876 erteilt worden war, wurden die Stimmen lauter, die eine illegale Verbindung zwischen Bell und dem Patentamt sahen. Ein Beamter beschuldigte sich selbst der Bestechung, doch wurde seine wankelmütige Aussage in der internationalen Fachpresse bezweifelt.Elektrotechnischer Verein (Hrsg.): Elektrotechnische Zeitschrift. 9. Jahrgang, Verlag Julius Springer, 1888, S. 231. Weiterentwicklung Das von Bells sachkundigem Mechaniker Thomas A. Watson gebaute erste funktionierende Telefon sah den Berichten zufolge merkwürdig aus. Die im Patentstreit umstrittene säuregefüllte Metalldose war mit einer Scheibe bedeckt, die einen Draht hielt, der in die Säure getaucht war. Außen an der Metalldose befand sich ein anderer Draht, der zum Empfängertelefon führt. Das Hineinbrüllen in einen senkrecht darüber angeordneten Trichter brachte Scheibe und Draht zum Schwingen. Durch diese Schwingungen veränderten sich der Abstand und damit auch der Stromfluss durch Draht und Säure zum Empfängertelefon. Dort wurden die Schwankungen des Stromes wieder in gleichartige Membranvibrationen umgesetzt, die dann Töne produzierten. Am 10. März 1876 soll der erste deutlich verständliche Satz übertragen worden sein: „Mr. Watson, come here. I want to see you.“ (Watson, kommen Sie her, ich will Sie sehen). Bell soll sich aus Versehen Säure über die Kleidung geschüttet und nach Watson gerufen haben. Dieses Telefon war nicht sonderlich gebrauchstauglich, doch Bell verbesserte es, da er im Gegensatz zu der Reis’schen Schallübertragungsmethode, die auf der Schwingung einer Membran beruhte, nun die elektromagnetische Induktion benutzte, welche der englische Physiker und Chemiker Michael Faraday entdeckt hatte.Christoph Meinel, Harald Sack: WWW. Springer Verlag, 2003, ISBN 3-540-44276-6, S. 70. Bell verwendete jetzt sowohl für den Lautsprecher als auch für das Mikrofon elektromagnetische Spulen, Dauermagnete und den bereits erwähnten Widerstand. 1877 wurde dann ein neuartiger Schallwandler verbaut, der den druckabhängigen Übergangswiderstand zwischen der Membran und einem Kohlegranulat zur Signalgewinnung nutzte. Als Erfinder dieses Kohlemikrofons, das auf dem von Philipp Reis erfundenen Kontaktmikrofon aufbaut, gelten sowohl der britisch-amerikanische Konstrukteur und Erfinder David Edward Hughes, der 1865 mit einem importierten Telefon des Deutschen experimentiert hatte, als auch der deutsch-amerikanische Erfinder Emil Berliner 1877 während seiner Tätigkeit bei den Bell Labs. Dennoch dauerte es noch bis 1881, bis das Bell-Telefon praktisch einsatzfähig war. Bell als Unternehmer mini|Bell führt 1892 das erste Ferngespräch von New York nach Chicago Im Juli 1877 gründete Bell zusammen mit Thomas Sanders und Gardiner Greene Hubbard unter Beteiligung seines Assistenten Thomas Watson die Bell Telephone Company. Nicht ganz überraschend war der Bedarf an Telefonapparaten zunächst gering und Bell und seine Partner hatten so große Absatzschwierigkeiten, dass sie schließlich ihre Patente der mächtigen Western Union Telegrafengesellschaft – Elisha Grays Arbeitgebern – für 100.000 $ zum Kauf anboten. Die Western Union lehnte ab, was sich als schwere Fehlentscheidung herausstellen sollte. Dennoch sahen Amerikas Telegraphengesellschaften voraus, dass Bells Telefon eine Bedrohung für ihr Geschäft darstellte, und versuchten, dem gegenzusteuern. Die Western Union Company ließ Thomas Alva Edison ein eigenes Telefon mit anderer Technik entwickeln. Bell verklagte daraufhin Western Union wegen der Verletzung seiner Patentrechte. Diese berief sich darauf, dass eigentlich Elisha Gray das Telefon erfunden habe, verlor jedoch diesen und zahlreiche weitere Prozesse. Auch Emil Berliner hatte Ärger mit dem Patentamt und Thomas Edison, für dessen Phonographen er ganz neue Vorstellungen eingereicht hatte. Berliner hatte auch ein Mikrofon entwickelt, das er 1877 für 50.000 Dollar an die „Bell Telephone Company“ verkaufte.Die etwas andere Geschichte der Schall-Platte auf der Website der Emil Berliner Studios in Berlin. Eine Chronik von Peter K. Burkowitz. Er zog nach Boston und arbeitete für Bell Telephone bis 1883. Im März 1879 fusionierte die Bell Telephone Company mit der New England Telephone Company zur National Bell Telephone Company, deren Präsident William H. Forbes, Schwiegersohn von Ralph Waldo Emerson, wurde. Im April 1880 erfolgte eine weitere Fusion mit der American Speaking Telephone Company zur American Bell Telephone Company. 1885 wurde die American Telephone and Telegraph Company (AT&T) in New York als Tochterunternehmen von Graham Bell gegründet, um die Fernverbindungslinien quer durch die USA für das Bell’sche System zu erobern. Theodore Vail wurde der erste Präsident der Gesellschaft. 1889 wurden sämtliche Geschäftsaktivitäten der American Bell Telephone Company zur American Telephone and Telegraph Company transferiert, da Gesetze in Massachusetts das aggressive Wachstum verhindert hätten. Diese markiert den Anfang der heutigen Gesellschaft AT&T. 1925 wurden die Bell Telephone Laboratories aufgebaut, um die Forschungslaboratorien der AT&T und der Western Electric Company zusammenzufassen. Weitere Erfindungen mini|Ton-Aufnahme von Alexander Graham Bell im Volta Laboratory, 15. April 1885. Für seine Erfindung verlieh Frankreich Bell 1880 den Volta-Preis im Wert von 50.000 Franc. Mit diesem Geld gründete er das Volta Laboratory in Washington D.C.,Volta Laboratory and Bureau building. wo er im gleichen Jahr mit seinem Assistenten, Charles Sumner Tainter, und seinem Cousin Chichester Alexander Bell das Photophon entwickelte, welches Licht als Mittel der Projektion der Informationen verwendete, während das Telefon auf Strom angewiesen war. Im Jahr 1881 konnten sie erfolgreich eine Nachricht über das Photophon 200 Meter von einem Gebäude zum anderen versenden. Bell sah das Photophon als „die größte Erfindung, die ich je gemacht habe“. Im Jahr 1886 erfanden Bell und seine Mitarbeiter im Volta Laboratory die erste Phonographenwalze, die Schallwellen auf Wachs aufzeichnen konnte. Diese Neuerung ging einher mit der Weiterentwicklung des von Thomas Alva Edison erfundenen Phonographen, hin zum Graphophon. Im gleichen Zeitraum experimentierten die drei Mitglieder der Volta Laboratory Association mit einer flachen Wachsscheibe in senkrechter Position und nahmen somit die Idee einer Schallplatte vorweg. Die dabei verwendete Funktionsweise ähnelte der später vom Emil Berliner bei seinem Grammophon zum Tragen kommende horizontale Anordnung der verwendeten Tonträger. Nach Gründung der Volta Graphophone Company, deren Aufgabe darin bestand, die Patente der Mitglieder der Volta Laboratory Association zu vermarkten, erfolgte die Veräußerung dieser an die American Graphophone Company mittels Verschmelzung beider Unternehmen. Daneben betrieb Bell eine Vielzahl anderer wissenschaftlicher Experimente, unter anderem zu Drachen mit tetraedrischen Strukturen,Das Tetraeder-Prinzip in Drachenstrukturen (Aufsatz im National Geographic Magazine Vol. XIV, No. 6, Juni 1903). Mehrlingsgeburten in der Schafzucht sowie Entsalzung von Meerwasser. Das Attentat auf Präsident Garfield 1881 brachte Bell auf die Idee einer Induktionswaage zur Lokalisierung von Metallgegenständen im menschlichen Körper. 1881 starb Bells neugeborener Sohn Edward an einer Erkrankung der Atemwege. Bell reagierte auf diese Tragödie durch die Erfindung einer Metall-Vakuum-Jacke, die das Atmen erleichtern sollte. Dieser Apparat war ein Vorläufer der Eisernen Lunge, die in den 1950er Jahren Anwendung fand. Immer wieder beschäftigte er sich auch mit der Taubheit und entwickelte das Audiometer zum Messen der Gehörleistung. In seiner Jugend inspiriert in Edinburgh von dem von Charles Wheatstone nachgebauten Sprechapparat des Ungarn Wolfgang von Kempelen, baute Bell mit Hilfe seines Bruders einen eigenen Sprechapparat, wobei er mit Guttapercha den Vokaltrakt im Abguss eines menschenlichen Schädels modellierte.George A. Miller: Wörter. Streifzüge durch die Psycholinguistik. Herausgegeben und aus dem Amerikanischen übersetzt von Joachim Grabowski und Christiane Fellbaum. Spektrum der Wissenschaft, Heidelberg 1993; Lizenzausgabe: Zweitausendeins, Frankfurt am Main 1995; 2. Auflage ebenda 1996, ISBN 3-86150-115-5, S. 88–89 (Die ersten Sprechapparate). 1907 – vier Jahre nach dem ersten Flug der Brüder Wright in Kitty Hawk – gründete Bell mit Glenn Curtiss, William „Casey“ Baldwin, Thomas Selfridge, und J.A.D. McCurdy die Aerial Experiment Association zum Bau von Flugzeugen. Bis 1909 bauten sie vier Prototypen, deren erfolgreichster, „Silver Dart“, am 23. Februar in Kanada der erste Flug gelang. Er wurde von einem zugefrorenen See in Baddeck, Nova Scotia, gestartet, wo Bell ein Haus besaß.Flight of the Silver Dart. Bell beschäftigte sich auch intensiv mit der Konstruktion von Tragflügelbooten. Mit seinem Geschäftspartner und Freund Casey Baldwin baute er das Boot Hydrodrome IV, das 1919 mit 70,86 Meilen pro Stunde (114,04 km/h) einen absoluten Geschwindigkeitsweltrekord auf dem Wasser erzielte. Bis zu seinem Tode 1922 beschäftigte sich Bell vor allem mit weiteren Entwicklungen und Erfindungen auf zahlreichen technischen Gebieten sowie mit eugenischen Untersuchungen zur Taubheit. Eugenik Bell erforschte zwischen 1882 und 1892 das gehäufte Auftreten von Gehörlosigkeit auf der Insel Martha’s Vineyard nahe Boston und vermutete zu Recht Vererbung als Ursache. Die genauen Zusammenhänge konnte er jedoch nicht erklären; ihn irritierte, dass nicht jedes Kind von Eltern mit entsprechenden Erbanlagen gehörlos wurde. Ihm fehlte die Kenntnis der Mendelschen Gesetze, die Gregor Mendel schon 1865 formuliert hatte, die aber bis zum Jahr 1900 der Öffentlichkeit weitgehend unbekannt blieben. Dennoch empfahl Bell in der Monographie Memoir upon the Formation of a Deaf Variety of the Human RaceBell, Alexander Graham. (PDF; 31 MB) Alexander Graham Bell Association for the Deaf, 1883. ein Eheverbot unter Tauben, warnte vor Internaten an den Gehörlosen-Schulen als möglichen „Brutstätten“ einer „tauben Menschenrasse“ und empfahl die eugenische Kontrolle von US-Immigranten. Spätere Arbeiten von „Rassenhygienikern“ stützten sich bis weit in das 20. Jahrhundert ungeprüft auf Bells Angaben. Als Folge wurden zahlreiche gehörlose Menschen ohne ihr Wissen und Einverständnis sterilisiert. Dabei soll Bell durchaus die methodischen Schwächen seiner Untersuchungen gekannt haben. 1921 war Bell Ehrenpräsident des zweiten internationalen Eugenikkongresses unter der Schirmherrschaft des American Museum of Natural History in New York. Er arbeitete mit diesen Organisationen mit dem Ziel zusammen, Gesetze zur Verhinderung der Ausweitung von „defekten Rassen“ einzuführen. George Veditz, Präsident der National Association of the Deaf, nannte Bell 1907 „den Feind, den die tauben Amerikaner am meisten zu fürchten haben“. Bell haftet damit der Ruf an, die Entwicklung der Gemeinschaft der gehörlosen Menschen und der Gebärdensprache massiv behindert zu haben, mit Auswirkungen, die noch heute in vielen Ländern spürbar sind. Auszeichnungen und Ehrungen 1877 wurde er in die American Academy of Arts and Sciences gewählt. 1882 wurde er gewähltes Mitglied der American Philosophical Society. 1883 wurde Bell Mitglied der National Academy of Sciences. 1887 wurde er zum Mitglied der Gelehrtenakademie Leopoldina gewählt. 1914 erhielt er für sein Lebenswerk die AIEE Edison Medal. Als Bell 1922 starb, ruhte zu seinem Gedenken in den Vereinigten Staaten für eine Minute der gesamte Telefonverkehr. 1931 wurde zu Ehren Bells die dimensionslose Maßeinheit (Pseudomaß) für logarithmische Verhältniswerte, mit dem elektrische Spannungen, Leistungen und auch Schallpegel gemessen werden, mit Bel benannt; bekannt ist vor allem die abgeleitete Maßeinheit Dezibel. 1965 wurde Bell in die National Aviation Hall of Fame aufgenommen. 1970 wurde der Mondkrater Bell nach ihm benannt.Gazetteer of Planetary Nomenclature. 1974 wurde Bell in die National Inventors Hall of Fame aufgenommen. 1977 erklärte ihn die kanadische Bundesregierung zu einer „Person von nationaler historischer Bedeutung“. 2008 zu seinem 161. Geburtstag am 3. März wurde ihm ein Google Doodle gewidmet. Im arktischen Archipel Franz-Josef-Land sind die Graham-Bell-Insel und die dortige ehemalige sowjetische Luftwaffenbasis „Greem-Bell“ nach Alexander Graham Bell benannt. Die Insel wurde 1899 von Evelyn Baldwin entdeckt und vom Expeditionsleiter Walter Wellman benannt.P. J. Capelotti: E. B. Baldwin and the American–Norwegian discovery and exploration of Graham Bell Island, 1899. In: Polar Research. Band 25, Nr. 2, 2006, S. 155–171. doi:10.3402/polar.v25i2.6245 Ihm zu Ehren ist die IEEE Alexander Graham Bell Medal benannt, die höchste Auszeichnung der IEEE für Telekommunikation. Verschiedenes 1897 wurde Bell nach dem Tod von Gardiner Greene Hubbard zum zweiten Präsidenten der National Geographic Society gewählt. 1939 wurde Bell in der Hollywood-Filmbiografie Liebe und Leben des Telefonbauers A. Bell (The Story of Alexander Graham Bell) unter der Regie von Irving Cummings von Don Ameche gespielt. 1971 veröffentlichte die britische Glam-Rock-Gruppe The Sweet den Titel Alexander Graham Bell, der in Deutschland Platz 24 in der Hitparade erreichte. The Sweet erhielten dafür eine goldene Schallplatte. Bell war Mitbegründer der internationalen Fachzeitschrift „Science“. Schriften Memoir upon the formation of a deaf variety of the human race. New Haven, CT: National Academy of Sciences. 1883. („Anmerkungen zur Formierung einer tauben Variation der menschlichen Rasse“) Utility of signs, 1894. („Nützlichkeit von Gebärden“) The question of sign language, 1898. („Die Frage der Gebärdensprache“) Marriage of the deaf, 1917. („Heiraten unter Tauben“) Veröffentlichungen von Alexander Graham Bell Literatur Catherine Mackenzie: Alexander Graham Bell. Überwinder der Distanz (Originaltitel: Alexander Graham Bell). Deutsch von J. N. Lorenz. Rohrer, Wiesbaden 1951. Jon Balchin: Quantensprünge , 100 große Wissenschaftler und ihre Ideen. Deutsch von Hans w. Kothe, Gondrom 2005, S. 132. Karl K. Darrow: Bell: Das Telefon. Leprince-Ringuet, Louis (Hrsg.), Die berühmten Erfinder. Physiker und Ingenieure, [Les inventeurs celebres], Genf: Mazenod, 1951, S. 208–210. Wilhelm Berdrow: Buch der Erfindungen. 2. Auflage. Düsseldorf: VDI-Verlag GmbH, 1985. C. H. Hylander: Amerikanische Erfinder. München: Carl Hanser Verlag, 1947. John Brooks (Hrsg.): Telephone. The First Hundred Years. New York: Harper and Row, 1976, S. 43–56. K. Jäger, F. Heilbronner (Hrsg.): Lexikon der Elektrotechniker. VDE Verlag, 2. Auflage von 2010, Berlin/Offenbach, ISBN 978-3-8007-2903-6, S. 45–46. Klaus Beyrer: Johann Philipp Reis – Alexander Graham Bell. Zwei Pioniere des Telefons. In: Mensch Telefon. Aspekte telefonischer Kommunikation, hrsg. v. Margret Baumann u. Helmut Gold. Heidelberg: Braus 2000, S. 57–74. Filme Thomas Ammann: Meilensteine der frühen Kommunikation. DVD. Drehbuch: Susanne Päch. Kamera: Johannes Kirchlechner. Reihe: P.M. Wissensedition. Meilensteine 3, o. J. (2007), 60 MinDie Reihe stellt vier Pioniere der Kommunikations- und Speichertechnologien vor. Neben Bell und dem Telefon sind dies Guglielmo Marconi und die Funktechnik, Louis Daguerre und die Fotografie, sowie Thomas Alva Edison und die Schallaufzeichnung. Weblinks Bell-Hörer von 1877 der Museumsstiftung Post und Telekommunikation Deutsches Telefon Museum Rekonstruierte Original-Sprachaufnahme von Alexander Graham Bell (ca. 1885) Einzelnachweise Kategorie:Erfinder (Sprechmaschinen) Kategorie:Unternehmer (Elektrotechnik) Kategorie:Unternehmer (Vereinigte Staaten) Kategorie:Unternehmer (19. Jahrhundert) Kategorie:Person (Gehörlosenpädagogik) Kategorie:Eugeniker Kategorie:National Geographic Society Kategorie:Mitglied der Leopoldina (19. Jahrhundert) Kategorie:Mitglied der American Academy of Arts and Sciences Kategorie:Mitglied der National Academy of Sciences Kategorie:Mitglied der American Philosophical Society Kategorie:Mitglied der National Inventors Hall of Fame Kategorie:Absolvent des University College London Kategorie:Person als Namensgeber für einen Mondkrater Kategorie:Emigrant aus dem Vereinigten Königreich Kategorie:Schotte Kategorie:Brite Kategorie:US-Amerikaner Kategorie:Geboren 1847 Kategorie:Gestorben 1922 Kategorie:Mann Kategorie:Wikipedia:Artikel mit Video
de
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Busen
Busen steht für: die weibliche Brust veraltet für die menschliche Brust Geografie: Kirchspiel Busen in Schleswig-Holstein, heute Büsum Buseno, deutsch Busen, Gemeinde im Kanton Graubünden, Schweiz Busen Point, Landspitze in Südgeorgien, Antarktis Busen ist der Familienname folgender Personen: Hermann Busen (1913–1971), deutscher Architekt und Denkmalpfleger Karlheinz Busen (* 1951), deutscher Politiker (FDP), MdB Martin Busen (* 1970), deutscher Opern- und Konzertsänger Peter Maria Busen (1904–1967), deutscher Politiker (CDU) Siehe auch: Meerbusen (Bucht, Golf)
de
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Aussagenlogik
Die Aussagenlogik ist ein Teilgebiet der Logik, das sich mit Aussagen und deren Verknüpfung durch Junktoren befasst, ausgehend von strukturlosen Elementaraussagen (Atomen), denen ein Wahrheitswert zugeordnet wird. In der klassischen Aussagenlogik wird jeder Aussage ein Element einer Booleschen Algebra als Wahrheitswert zugeordnet. Der Wahrheitswert einer zusammengesetzten Aussage lässt sich ohne zusätzliche Informationen mittels der Operationen der Booleschen Algebra aus den Wahrheitswerten ihrer Teilaussagen bestimmen. Geschichte Historisch geht die Aussagenlogik zurück bis zu Aristoteles, der erstmals aussagenlogische Grundsätze diskutierte, nämlich in seiner Metaphysik den Satz vom Widerspruch und den Satz vom ausgeschlossenen Dritten, und der in seiner ersten Analytik den indirekten Beweis thematisierte. Die zweiwertige aussagenlogische Semantik entwickelten etwas später die megarischen Philosophen Diodoros Kronos und Philon. Die Aussagensemantik und -axiomatik kombinierte der Stoiker Chrysippos von Soli, der den ersten aussagenlogischen Kalkül formulierte. Die Weiterentwicklung der Aussagenlogik der Stoa durch das Mittelalter wird oft übersehen.Karl Dürr: Aussagenlogik im Mittelalter. In: Erkenntnis. Bd. 7, Nr. 1, 1937/1938, , S. 160–168, doi:10.1007/BF00666521. Eine erste vollständige und entscheidbare Formalisierung für aussagenlogische Tautologien – allerdings noch nicht für das aussagenlogische Schließen – schuf George Boole 1847 mit seinem algebraischen Logikkalkül. Den ersten aussagenlogischen Kalkül mit Schlussregeln formulierte Gottlob Frege im Rahmen seiner Begriffsschrift 1879. Er war die Vorlage für den Aussagenkalkül von Bertrand Russell 1908, der sich später durchsetzte (s. u.). Abgrenzung zu anderen Logiken Da in der heutigen Mathematik die klassische Aussagenlogik maßgeblich wurde, wird in diesem Artikel dieser moderne Haupttypus der Aussagenlogik behandelt. Allgemein ist die klassische Logik durch zwei Eigenschaften charakterisiert: Jede Aussage hat einen von genau zwei Wahrheitswerten, meist falsch oder wahr (Prinzip der Zweiwertigkeit oder Bivalenzprinzip). Der Wahrheitswert jeder zusammengesetzten Aussage ist eindeutig durch die Wahrheitswerte ihrer Teilaussagen bestimmt (Prinzip der Extensionalität oder Kompositionalität, siehe Extensionalitätsprinzip) Das Prinzip der Zweiwertigkeit wird oft mit dem Satz vom ausgeschlossenen Dritten verwechselt. Die klassische Aussagenlogik ist jenes Gebiet der klassischen Logik, das die innere Struktur von Sätzen (Aussagen) daraufhin untersucht, aus welchen anderen Sätzen (Teilsätzen) sie zusammengesetzt sind und wie diese Teilsätze miteinander verknüpft sind. Die innere Struktur von Sätzen, die ihrerseits nicht in weitere Teilsätze zerlegt werden können, wird von der Aussagenlogik nicht betrachtet. Ein Beispiel: Die Aussage „Alle Katzen sind Hunde, und die Erde ist eine Scheibe“ ist mit dem Bindewort und aus den beiden kürzeren Aussagen „Alle Katzen sind Hunde“ und „Die Erde ist eine Scheibe“ zusammengesetzt. Diese beiden Aussagen lassen sich ihrerseits nicht mehr in weitere Aussagen zerlegen, sind aus aussagenlogischer Sicht also elementar oder atomar. Andere, auf die Aussagenlogik aufbauende logische Systeme betrachten die innere Struktur solcher atomaren Aussagen; ein wichtiges Beispiel ist die Prädikatenlogik. In Abgrenzung zur klassischen Logik entstehen nichtklassische Logiksysteme, wenn man das Prinzip der Zweiwertigkeit, das Prinzip der Extensionalität oder sogar beide Prinzipien aufhebt. Nichtklassische Logiken, die durch die Aufhebung des Prinzips der Zweiwertigkeit entstehen, heißen mehrwertige Logik. Die Zahl der Wahrheitswerte (in diesem Falle üblicher: Pseudowahrheitswerte) kann dabei endlich sein (z. B. dreiwertige Logik), ist aber oft auch unendlich (z. B. Fuzzy-Logik). Hingegen verwenden Logiken, die durch die Aufhebung der Extensionalität entstehen, Junktoren (Konnektive), bei denen sich der Wahrheitswert des zusammengesetzten Satzes nicht mehr eindeutig aus dem Wahrheitswert seiner Teile bestimmen lässt. Ein Beispiel für nichtextensionale Logik ist die Modallogik, die die einstelligen nichtextensionalen Operatoren „es ist notwendig, dass“ und „es ist möglich, dass“ einführt. Logische Systeme stehen innerhalb der Logik nicht in einem Konkurrenzverhältnis um Wahrheit oder Richtigkeit. Die Frage, welches logische System für einen bestimmten Zweck genutzt werden soll, ist eher eine pragmatische. Oft werden logische Systeme und logische Fragestellungen mit außerlogischen Fragen verwechselt oder vermischt, z. B. mit der metaphysischen Frage, welches logische System „richtig“ sei, d. h. die Wirklichkeit beschreibe. Zu dieser Frage gibt es unterschiedliche Standpunkte einschließlich des positivistischen Standpunkts, dass diese Frage sinnlos sei. Diese Fragen fallen aber in andere Gebiete, z. B. Philosophie, Wissenschaftstheorie und Sprachwissenschaft. Wenn in diesem Artikel die klassische Aussagenlogik behandelt wird, so ist das also nicht als metaphysische Festlegung zu verstehen oder gar als Behauptung, dass „alle Aussagen wahr oder falsch sind“. Es ist lediglich so, dass die klassische Aussagenlogik einfach nur solche Aussagen behandelt, die wahr oder falsch sind. Das ist eine große formale Vereinfachung, die dieses System relativ leicht erlernbar sein lässt. Braucht man aus metaphysischen oder pragmatischen Gründen mehr als zwei Wahrheitswerte, kann die klassische Aussagenlogik als Ausgangspunkt dienen, um ein geeignetes logisches System aufzustellen. Umgangssprachliche Einleitung Einfache Aussage (Elementaraussage) Eine Aussage A ist ein Satz, der entweder wahr (w, wahr, true, 1, ⊤) oder nicht wahr (f, falsch, false, 0, ⊥) ist. Das gilt sowohl für einfache als auch für verknüpfte Aussagen. „Halbwahrheiten“ gibt es nicht. Eine Aussage kann sowohl der gewöhnlichen Sprache entstammen als auch der Sprache der Mathematik. Eine Elementaraussage ist eine Aussage, die keine aussagenlogischen Verknüpfungen (nicht, und, oder, wenn … dann, genau dann wenn) enthält. Beispiele für Elementaraussagen: A1: München ist 781 km von Hamburg entfernt. A2: 9 ist durch 3 teilbar. A3: Eintracht Frankfurt wird in der nächsten Saison deutscher Fußballmeister. A4: Alle Autos sind grün. A2 ist offensichtlich wahr (triviale mathematische Aussage), A4 dagegen ist falsch (es gibt einfache Gegenbeispiele). A1 stellt im mathematischen Sinne keine Aussage dar (ungenau genug in vielerlei Hinsicht, hat Interpretationsspielraum)Was ist München? Was ist Hamburg? Von wo aus wird die Entfernung gemessen? Genauigkeitsprobleme, gleiches gilt für A3.Die Aussage ist immer unbestimmt, da zukünftige Ereignisse immer unbestimmt sind. In der klassischen Aussagenlogik ist eine Aussage entweder wahr oder nicht wahr, auch wenn man den Wahrheitsgehalt nicht kennt. Das ist zum Beispiel bei den ungelösten mathematischen Problemen der Fall. Anmerkung: A4 ist eine All-Aussage; die Struktur solcher Aussagen ist Gegenstand der Prädikatenlogik. Im Sinne der Aussagenlogik ist es eine Elementaraussage. Verneinte Aussage – Negation Die Verneinung bzw. Negation (auch: Satzverneinung, äußere Verneinung, kontradiktorisches Gegenteil) einer Aussage A ist diejenige Aussage ¬A, die genau dann wahr ist, wenn A falsch ist, und die genau dann falsch ist, wenn A wahr ist. Einfacher: Die Verneinung einer Aussage A dreht den Wahrheitswert von A in sein Gegenteil um. Man erhält die Verneinung einer Aussage A immer dadurch, dass man ihr die Formulierung „Es ist nicht der Fall, dass“ voranstellt. Zwar lässt sich ein natürlichsprachlicher Satz auch verneinen, indem man das Wort „nicht“ oder eine andere negative Formulierung an geeigneter Stelle einfügt – es ist aber nicht immer ganz einfach, zu erkennen, welche Formulierung zu verwenden und an welcher Stelle einzufügen ist. Formal schreibt man für „nicht A“ in der gebräuchlichsten Notation (Schreibweise) ¬A, auf Englisch und in der Schaltalgebra auch „NOT A“, gelegentlich auch ~A. A ¬A falsch wahr wahr falsch Wir verneinen die obigen Beispiele: ¬A1: Es ist nicht der Fall, dass München 781 km von Hamburg entfernt ist. ¬A2: Es ist nicht der Fall, dass 9 durch 3 teilbar ist. ¬A3: Es ist nicht der Fall, dass Eintracht Frankfurt in der nächsten Saison deutscher Fußballmeister wird. ¬A4: Es ist nicht der Fall, dass alle Autos grün sind. (Es gibt mindestens ein Auto, das nicht grün ist.) Allgemein gilt für die Verneinung: Wenn eine Aussage A wahr ist, ist die Verneinung ¬A falsch. Wenn eine Aussage A falsch ist, ist die Verneinung ¬A wahr. Eine Aussage A kann nicht gleichzeitig wahr und falsch sein. Die Aussagen A und ¬A können nicht gleichzeitig wahr sein. Und-verknüpfte Aussagen – Konjunktion Eine Konjunktion ist eine aus zwei Aussagen zusammengesetzte Aussage, die die Wahrheit all ihrer Teilaussagen behauptet. Umgangssprachlich verbindet man zwei Aussagen A und B durch das Bindewort „und“ zu einer Konjunktion „A und B“, in der logischen Sprache verwendet man meist das Zeichen ∧ (Schreibweise: A ∧ B), gelegentlich auch &. Sprechweise: „A und B“ Schreibweise: A ∧ B auf Englisch und in der Schaltalgebra auch A B Die Aussage A ∧ B ist immer dann wahr, wenn sowohl A als auch B jeweils wahr sind. Andernfalls ist A ∧ B falsch, nämlich dann, wenn entweder A oder B oder beide Aussagen falsch sind. Beispiele für eine Und-Verknüpfung: A: 9 ist durch 3 teilbar B: 9 ist eine Quadratzahl A B A ∧ B wahr wahr wahr falsch wahr falsch wahr falsch falsch falsch falsch falsch Diese Teilaussagen und ihre Negationen werden nun durch ∧ miteinander verknüpft: C1: 9 ist durch 3 teilbar und 9 ist eine Quadratzahl. C2: 9 ist nicht durch 3 teilbar und 9 ist eine Quadratzahl. C3: 9 ist durch 3 teilbar und 9 ist keine Quadratzahl. C4: 9 ist nicht durch 3 teilbar und 9 ist keine Quadratzahl. Nur C1 = A ∧ B ist wahr, weil A wahr ist und auch B wahr ist. C2 = ¬A ∧ B ist falsch, weil ¬A falsch ist. C3 = A ∧ ¬B ist falsch, weil ¬B falsch ist. C4 = ¬A ∧ ¬B ist falsch, weil sowohl ¬A als auch ¬B falsch ist. Nichtausschließendes Oder – Disjunktion Eine Disjunktion ist eine zusammengesetzte Aussage, die behauptet, dass mindestens eine ihrer Teilaussagen wahr ist. Die Disjunktion in diesem Sinn wird auch nichtausschließendes Oder genannt. (Aber Achtung: Die Bezeichnung „Disjunktion“ wurde und wird oft auch für das ausschließende Oder, „entweder … oder“, verwendet – man denke an das Konzept der disjunkten Mengen. Einige Autoren verwenden daher für das Nichtausschließende Oder den Begriff Adjunktion.) Das Formelzeichen ∨ stammt von dem lateinischen Wort vel; für ausschließendes Oder wurde im Lateinischen aut … aut verwandt. Sprechweise: „A oder B“; genauer: „A oder B oder beide“, häufig in juristischen oder medizinischen Texten: „A und/oder B“ Schreibweise: A ∨ B auf Englisch und in der Schaltalgebra auch A B Die Aussage A ∨ B ist immer dann wahr, wenn mindestens eine der Teilaussagen A oder B wahr ist, bzw. wenn beide Teilaussagen wahr sind. Andernfalls ist A ∨ B falsch, nämlich dann, wenn sowohl A als auch B falsch sind. Beispiel für eine Oder-Verknüpfung: A: 9 ist durch 3 teilbar B: 9 ist eine Quadratzahl A B A ∨ B wahr wahr wahr falsch wahr wahr wahr falsch wahr falsch falsch falsch Diese Teilaussagen und ihre Negationen werden nun durch ∨ miteinander verknüpft: C5: 9 ist durch 3 teilbar oder 9 ist eine Quadratzahl. C6: 9 ist nicht durch 3 teilbar oder 9 ist eine Quadratzahl. C7: 9 ist durch 3 teilbar oder 9 ist keine Quadratzahl. C8: 9 ist nicht durch 3 teilbar oder 9 ist keine Quadratzahl. C5 = A ∨ B ist wahr, weil sowohl A als auch B wahr sind. C6 = ¬A ∨ B ist wahr, weil B wahr ist. C7 = A ∨ ¬B ist wahr, weil A wahr ist. Nur C8 = ¬A ∨ ¬B ist falsch, weil sowohl ¬A als auch ¬B falsch sind. Materiale Implikation Die materiale Implikation, auch Konditional oder Subjunktion genannt, drückt die hinreichende Bedingung aus: Sie sagt, dass die Wahrheit des einen Satzes eine hinreichende Bedingung für die Wahrheit des anderen Satzes ist. Man schreibt A → B oder A ⇒ B analog B ← A oder B ⇐ A oder auch A ⊃ B und liest A ist eine hinreichende Bedingung für B. A ist hinreichend für B. Schon wenn A, dann B. A setzt voraus, dass B. B ist eine notwendige Bedingung für A.Dass B genau dann eine notwendige Bedingung für A ist, wenn A eine hinreichende Bedingung für B ist, ist eine auf den ersten Blick überraschende und vielleicht kontraintuitive, jedoch zutreffende Feststellung. Das Unterkapitel Hinreichende und notwendige Bedingung bemüht sich, diesen Zusammenhang sichtbarer zu machen. A impliziert B. Aus A folgt B. Nur wenn B, dann A. oder auch nur Wenn A, dann B. In einem Konditional nennt man A das Antezedens, B das Konsequens oder Sukzedens. Beispiele: Dass es regnet, ist eine hinreichende Bedingung dafür, dass die Straße nass ist. Schon wenn es regnet, ist die Straße nass. Wenn es regnet, ist die Straße nass. Nur wenn die Straße nass ist, kann es regnen. Wenn der Nachbar einen Wagen der Marke Y hat, hat der Nachbar ein Auto. Wenn eine Zahl n durch 6 teilbar ist, dann ist die Zahl n durch 3 teilbar. Die Lesart „wenn … dann“ ist insofern problematisch, als mit dem natürlichsprachlichen „wenn … dann“ vor allem inhaltliche Zusammenhänge wie Kausalität oder zeitliche Nähe ausgedrückt werden. Das tut die materiale Implikation nicht, sie nennt nur den formalen Zusammenhang: „Dass es regnet, ist eine hinreichende Bedingung dafür, dass die Straße nass ist“. Zur Frage, warum das eine hinreichende Bedingung ist – ob auf Grund eines kausalen Zusammenhangs oder auch nur rein zufällig –, nimmt die materiale Implikation nicht Stellung. A B A → B ¬B → ¬A falsch falsch wahr wahr falsch wahr wahr wahr wahr falsch falsch falsch wahr wahr wahr wahr Als Umkehrschluss bezeichnet man den Schluss von A → B auf ¬B → ¬A. Für die Beispiele bedeutet das: Wenn die Straße nicht nass ist, regnet es nicht. Wenn der Nachbar kein Auto hat, dann hat er keinen Wagen der Marke Y. Wenn die Zahl n nicht durch 3 teilbar ist, dann ist n nicht durch 6 teilbar. Umgangssprachlich lässt man sich gelegentlich zu weiteren – falschen – Aussagen verleiten: Weil es nicht regnete, kann die Straße nicht nass sein. Diese Folgerung ist falsch, da die Straße auch aus anderen Gründen nass werden kann (Rohrbruch, Übung der Feuerwehr …). Der Nachbar hat keinen Wagen der Marke Y, also hat er kein Auto. Falsch, denn er könnte ja einen Wagen der Marke Z haben. n ist nicht durch 6 teilbar, also ist n auch nicht durch 3 teilbar.Auch diese Folgerung ist falsch. Die Zahl 9 ist zwar nicht durch 6, jedoch durch 3 teilbar. Das bedeutet: Wenn die Folgerung A → B wahr ist, dann erhält man aus der Aussage ¬A keine Aussage über B, denn B kann dann sowohl wahr als auch falsch sein. (Ex falso sequitur quodlibet – „Aus Falschem folgt Beliebiges“) Die Implikation ist ein wichtiges Mittel in der Mathematik. Die meisten mathematischen Beweise verwenden das Konzept der Implikation. Bikonditional Das Bikonditional, oft auch objektsprachliche Äquivalenz oder materiale Äquivalenz genannt, drückt die hinreichende und notwendige Bedingung aus, sagt also, dass eine Aussage A genau dann zutrifft, wenn eine Aussage B zutrifft. Man schreibt: A ↔ B oder A ⇔ B oder A = B oder A ≡ B und liest A ist genau dann der Fall, wenn B der Fall ist. A genau dann wenn B. (Kurz: „A gdw. B“ oder „A g. d. w. B“) A ist äquivalent zu B. A ist dann und nur dann der Fall, wenn B der Fall ist. Auf Englisch: A if and only if B (Kurz: A iff B) Auch beim Bikonditional wird eine rein formale Aussage getroffen, die nichts über einen allfälligen inhaltlichen Zusammenhang von A und B aussagt. Statt A ↔ B zu sagen, kann man auch sagen, dass A eine hinreichende Bedingung für B und dass B eine hinreichende Bedingung für A ist, also (A → B) ∧ (B → A). Tatsächlich sind diese beiden Aussagen logisch äquivalent. A B A ↔ B falsch falsch wahr falsch wahr falsch wahr falsch falsch wahr wahr wahr Beispiel: Die natürliche Zahl n ist genau dann durch 6 teilbar, wenn n durch 2 und durch 3 teilbar ist.Wenn n durch 6 teilbar ist, dann folgt daraus, dass n durch 2 und durch 3 teilbar ist. Umgekehrt gilt aber auch: Wenn n durch 2 und durch 3 teilbar ist, dann ist n durch 6 teilbar. Heute ist genau dann Dienstag, wenn morgen Mittwoch ist. Das Bikonditional als zusammengesetzte Aussage innerhalb der logischen Sprache (siehe Objektsprache) wird oft mit dem Konzept der logischen Äquivalenz verwechselt oder vermischt. Die logische Äquivalenz ist eine metasprachliche, meist natürlichsprachlich formulierte Eigenschaft zweier Aussagen der logischen Sprache. Ein Zusammenhang zwischen logischer Äquivalenz und Bikonditional besteht nur insofern, als das Metatheorem gilt, dass ein Bikonditional A ↔ B genau dann eine Tautologie ist, wenn die beiden Aussagen A und B logisch äquivalent sind. Ausschließendes Oder A B A ↮ B falsch falsch falsch falsch wahr wahr wahr falsch wahr wahr wahr falsch Schreibweise: A ↮ B oder A ⊻ B oder A ≠ B Das ausschließende Oder (Kontravalenz oder Antivalenz), „entweder A oder B“, besagt, dass genau eine der beiden von ihm verknüpften Aussagen wahr ist. Entsprechend ist ein ausschließendes Oder nicht nur dann falsch, wenn sowohl A als auch B falsch sind, sondern auch, wenn beide wahr sind. (Einige Autoren verwenden für das Ausschließende Oder den Begriff Alternative.) Obwohl das ausschließende Oder ein Konzept ist, mit dem man in der natürlichen Sprache immer wieder zu tun hat, wird es in den meisten logischen Sprachen nicht als eigenständiger Junktor eingeführt. Stattdessen wird das ausschließende Oder zum Beispiel als verneintes Bikonditional ausgedrückt, also als ¬(A ↔ B). Große Bedeutung genießt das ausschließende Oder hingegen in der Schaltalgebra, wo es meist als (exclusive ) aufgeschrieben wird. Verneinung einer verknüpften Aussage (De Morgansche Gesetze) Verneinung einer Konjunktion Die Verneinung der Konjunktion „A und B“ (in der logischen Schreibweise: A ∧ B) lautet „Es ist nicht der Fall, dass A und B zutreffen“, in der logischen Schreibweise: ¬(A ∧ B). Diese ist logisch äquivalent mit der Aussage „A ist nicht der Fall, oder B ist nicht der Fall (oder beides)“, in logischer Schreibweise: (¬A ∨ ¬B). AB¬(A ∧ B) falsch falsch wahr falsch wahr wahr wahr falsch wahr wahr wahr falsch Ein Beispiel: Wenn man die Aussage Es regnet, und die Erde ist eine Scheibe verneinen möchte, dann kann man entweder sagen Es ist nicht der Fall, dass es regnet und die Erde eine Scheibe ist. oder man sagt Es regnet nicht oder die Erde ist keine Scheibe (oder beides). In der Schaltalgebra wird sehr oft der Junktor verwendet, wobei „A B“ denselben Wahrheitswertverlauf hat wie der Ausdruck ¬(A ∧ B). Verneinung einer Disjunktion Die Verneinung der Disjunktion „A oder B (oder beides)“ (in der logischen Schreibweise: A ∨ B) lautet „Es ist nicht der Fall, dass A oder B zutrifft“, in logischer Schreibweise: ¬(A ∨ B). Diese ist logisch äquivalent mit der Aussage „A ist nicht der Fall, und B ist nicht der Fall“ oder „weder A noch B“, in logischer Schreibweise: ¬A ∧ ¬B. A B ¬(A ∨ B) falsch falsch wahr falsch wahr falsch wahr falsch falsch wahr wahr falsch Ein Beispiel: Wenn man die Aussage Die Erde ist eine Scheibe, oder die Erde ist ein Würfel. verneinen möchte, so sagt man Es ist nicht der Fall, dass die Erde eine Scheibe ist oder dass die Erde ein Würfel ist. Nach dem Gesetz von De Morgan kann man nun aber auch sagen: Die Erde ist keine Scheibe, und die Erde ist kein Würfel oder in schönerem Deutsch Die Erde ist weder eine Scheibe noch ein Würfel. In der Schaltalgebra wird das Konnektiv verwendet, das denselben Wahrheitswertverlauf hat wie die Aussage ¬(A ∨ B). Hinreichende und notwendige Bedingung Dieser Abschnitt soll den zunächst oft als kontraintuitiv empfundenen Zusammenhang zwischen hinreichender und notwendiger Bedingung, wie er im Abschnitt über die materiale Implikation angesprochen wurde, wiederaufgreifen und näher ausführen. Betrachten wir noch einmal die materiale Implikation A → B. Man sagt: A ist hinreichend für B: Schon wenn A der Fall ist, ist auch B der Fall. Umgekehrt kann man aber auch sagen: B ist notwendig für A. Ohne B kann A nicht erfüllt sein. Wie kommt dieser Zusammenhang zustande? Wir wissen, dass die Wahrheit von A die Wahrheit von B nach sich zieht, denn A ist ja hinreichende Bedingung für B. Somit ist es einfach nicht möglich, dass A eintritt, ohne dass B damit ebenfalls eintreten würde: B ist also gezwungenermaßen der Fall, wenn A der Fall ist. B ist „notwendig“ für A. Dieser Zusammenhang ist in Wahrheit also ziemlich einfach; Hauptgrund dafür, dass er anfangs oft als kontraintuitiv empfunden wird, ist wahrscheinlich die Schwierigkeit, zwischen den vielen Bedeutungen des umgangssprachlichen „wenn … dann“ einerseits und der rein formalen hinreichenden und notwendigen Bedingung andererseits strikt zu trennen. Mit dem umgangssprachlichen „wenn … dann“ möchte man fast immer einen inhaltlichen (kausalen oder auch temporalen) Zusammenhang zwischen Antecedens und Konsequenz ausdrücken: „Regen verursacht Straßennässe“, „Zuerst fällt der Regen, erst nachher wird die Straße nass“. Wenn man die hinreichende Bedingung in diesem Sinn missversteht, dann ist es klar, dass die in umgekehrter Reihenfolge formulierte notwendige Bedingung „Nur wenn die Straße nass ist, regnet es“ seltsam aussieht: „Regen verursacht doch Straßennässe. Wie kann daraus je gefolgert werden, dass Straßennässe Regen verursacht?“ All dies sagt die materiale Implikation aber nicht aus. „A ist eine hinreichende Bedingung für B“ meint schlicht, dass wenn die Aussage A wahr ist, auch die Aussage B wahr ist – zeitlos und zusammenhanglos, nicht etwa „später“ oder „weil“. Analog sagt die notwendige Bedingung, „B ist eine notwendige Bedingung für A“, lediglich das aus, dass B wahr ist, sofern A es ist. Genau das ist aber die Definition des Konditionals A → B. Formaler Zugang Einleitung Spätestens beim lauten Lesen von Sätzen wie „Die Aussage A ∧B ist genau dann wahr, wenn die Aussagen A und B wahr sind“ wird der selbstbewusste Laie verlangen, dass ihm erklärt wird, was das soll. Die Antwort des Logikers: Es soll versucht werden, Sicherheit in die Regeln des logischen Schließens zu bringen. Seit den Sophisten ist dem Abendland klar, dass scheinbar zwingende Schlüsse zu offensichtlich absurden Ergebnissen führen können. Immer wieder wurden Paradoxien formuliert und von großen Denkern als Herausforderung empfunden. Logiker versuchen deshalb, die Regeln des Argumentierens so streng wie möglich zu fassen. Das einleitende Beispiel macht klar, dass dazu eine Trennung der Sprachebenen unerlässlich ist: Die formale Aussage A ∧ B soll dadurch erklärt werden, dass auf einer metasprachlichen Ebene sowohl über die Aussage A als auch über die Aussage B geredet wird. Ein Versuch, dies durchzuführen, besteht darin, die Aussagenlogik als formales System, konkret als Kalkül (eine bestimmte Art eines formalen Systems) zu definieren. Die Begriffe wahr und falsch kommen in diesem System zunächst überhaupt nicht vor. Stattdessen werden Axiome gesetzt, die einfach als Zeichenketten angesehen werden, aus denen weitere ableitbare Zeichenketten aufgrund von bestimmten Schlussregeln hergeleitet werden. Das Ziel dabei ist einerseits, dass in einem formalen System nur Zeichenketten (Sätze) hergeleitet werden können, die bei einer plausiblen Interpretation auch wahr sind. Andererseits sollen alle Sätze, die als wahr interpretierbar sind, auch hergeleitet werden können. Das erste ist die Forderung nach Korrektheit, das zweite die nach Vollständigkeit des formalen Systems; beide Eigenschaften sind unter Kalkül: Der Begriff Kalkül in der Logik beschrieben. Für die klassische Aussagenlogik, mit der wir es hier zu tun haben, gibt es Kalküle (formale Systeme), die sowohl korrekt als auch vollständig sind. Für gewisse komplexere logische Systeme (z. B. Mengenlehre) ist es aber unmöglich, einen vollständigen Kalkül aufzustellen, der auch korrekt ist; diese Erkenntnis wurde 1931 von Kurt Gödel bewiesen (Gödelscher Unvollständigkeitssatz). Syntax Es gibt viele verschiedene Möglichkeiten, die Syntax („Grammatik“) einer logischen Sprache formal zu definieren; meist geschieht das im Rahmen eines Kalküls. Die folgende Definition ist daher nur als Beispiel dafür zu verstehen, wie ein Kalkül für die klassische Aussagenlogik aussehen kann. Weitere Beispiele für konkrete Kalküle finden sich unter Baumkalkül, Begriffsschrift, Systeme natürlichen Schließens, Sequenzenkalkül oder Resolutionskalkül. Ein weiterer axiomatischer Kalkül ist als Beispiel im Artikel Hilbert-Kalkül angegeben, ein graphischer Kalkül im Artikel Existential Graphs. Bausteine der aussagenlogischen Sprache Als Bausteine der aussagenlogischen Sprache sollen Satzbuchstaben („atomare Formeln“, Satzkonstanten), Junktoren und Gliederungszeichen verwendet werden. Satzbuchstaben sollen die Zeichen P0, P1, P2, … sein. Junktoren sollen die Zeichen ¬, ∧, ∨, → und ↔ sein. Als Gliederungszeichen sollen die runden Klammern dienen.E. Grädel (2009) S. 1 f Formal lässt sich das z. B. auf folgende Weise ausdrücken: Sei V die (abzählbar unendliche) Menge der atomaren Formeln (Satzbuchstaben): V = { Pn | n ∈ ℕ0 } (ℕ0 bezeichnet die Menge der natürlichen Zahlen inkl. 0), d. h. V = {P0, P1, P2, P3, …} Sei J die Menge der Junktoren und Gliederungszeichen: J = {¬, ∧, ∨, →, ↔, (, )} Das Alphabet der logischen Sprache sei die Menge V ∪ J, also die Vereinigungsmenge von atomaren Formeln, Junktoren und Gliederungszeichen. Formationsregeln Die Formationsregeln legen fest, wie man aus den Bausteinen der aussagenlogischen Sprache Sätze (Formeln) bilden kann. Hier sollen aussagenlogische Formeln als Worte über dem Alphabet der logischen Sprache, also über V ∪ J wie folgt induktiv definiert werden:Vergleiche E. Grädel (2009) S. 2 Alle atomaren Formeln F ∈ V (d. h. alle Satzbuchstaben) sind Formeln. Ist F eine Formel, so ist auch (¬F) eine Formel.(Diese Formel heißt Negation von F.) Sind F und G zwei (nicht notwendigerweise unterschiedliche) Formeln, so ist auch (F ∧ G) eine Formel.(Diese Formel heißt Konjunktion von F und G.) Sind F und G zwei (nicht notwendigerweise unterschiedliche) Formeln, so ist auch (F ∨ G) eine Formel.(Diese Formel heißt Disjunktion von F und G.) Sind F und G zwei (nicht notwendigerweise unterschiedliche) Formeln, so ist auch (F → G) eine Formel.(Diese Formel heißt materiale Implikation oder Konditional von F und G.) Sind F und G zwei (nicht notwendigerweise unterschiedliche) Formeln, so ist auch (F ↔ G) eine Formel.(Diese Formel heißt Bikonditional von F und G.) Nichts anderes ist eine aussagenlogische Formel. Schlussregeln Schlussregeln sind allgemein Transformationsregeln (Umformungsregeln), die auf bestehende Formeln angewandt werden und aus ihnen neue Formeln erzeugen. Wenn man einen Kalkül für ein logisches System aufstellt, dann wählt man die Transformationsregeln so, dass sie aus bestehenden Formeln solche Formeln erzeugen, die aus den Ausgangsformeln semantisch folgen – deshalb die Bezeichnung „Schlussregel“ (eine Schlussfolgerung ziehen). Innerhalb der Syntax sind die Schlussregeln allerdings rein formale Transformationsregeln, denen für sich keinerlei inhaltliche Bedeutung zukommt. An konkreten Schlussregeln sollen hier nur zwei angegeben werden: der Modus ponendo ponens und die Substitutionsregel. Modus ponendo ponens Aus einem Satz der Form F → G und einem Satz der Form F darf man auf einen Satz der Form G schließen; dabei sind F und G Platzhalter für beliebige Formeln. Zum Beispiel darf man nach dieser Schlussregel aus „Wenn Regen die Straße benetzt, dann ist der Straßenbelag regennass“ und aus „Regen benetzt die Straße“ schließen auf „Der Straßenbelag ist regennass“. Substitutionsregel (Ersetzungsregel) In einem Satz dürfen alle Vorkommnisse eines beliebigen Atoms (z. B. P) durch einen beliebig komplexen Satz, z. B. (P ∧ ¬Q), ersetzt werden. Es müssen dabei aber auch wirklich alle Vorkommnisse des gewählten Atoms ersetzt werden und sie müssen auch wirklich alle durch denselben Satz ersetzt werden. Zum Beispiel darf mittels der Substitutionsregel aus P → (P ∨ Q) auf (P ∧ ¬Q) → ((P ∧ ¬Q) ∨ Q) geschlossen werden. Man sagt, P werde durch (P ∧ ¬Q) ersetzt oder (P ∧ ¬Q) werde für P substituiert (eingesetzt). Axiome Axiome sind ausgezeichnete (im Sinn von: hervorgehobene) Formeln der aussagenlogischen Sprache. Die Auszeichnung besteht darin, dass sie innerhalb eines Beweises oder einer Herleitung (siehe unten) ohne weitere Rechtfertigung verwendet werden. Pragmatisch wählt man solche Formeln als Axiome, die semantisch gesehen Tautologien sind, also immer zutreffen, und die dabei helfen, Beweise zu verkürzen. Innerhalb der Syntax sind die Axiome allerdings rein formale Objekte, denen keinerlei inhaltliche Bedeutung oder Rechtfertigung zukommt. Axiome sind im Allgemeinen optional, d. h., ein Kalkül kann auch ganz ohne Axiome auskommen, wenn er ausreichend viele bzw. mächtige Schlussregeln hat. Axiomfreie Kalküle sind zum Beispiel die Systeme natürlichen Schließens oder Baumkalküle. Hier soll exemplarisch ein axiomatischer Kalkül gezeigt werden, und zwar Russells Aussagenkalkül aus seiner Typentheorie 1908, den er 1910 in die Principia Mathematica übernahm.Bertrand Russell: Mathematical logic as based on the theory of types. In: American Journal of Mathematics. 30, 1908, S. 246 (2)-(6). = Principia Mathematica Band I, S. 12f. Dieser Kalkül umfasst die folgenden Axiome (von denen das vierte redundant, d. h. nicht unbedingt erforderlich ist, weil aus den anderen Axiomen herleitbar): (P ∨ P) → P Q → (P ∨ Q) (P ∨ Q) → (Q ∨ P) (P ∨ (Q ∨ R)) → (Q ∨ (P ∨ R)) (Q → R) → ((P ∨ Q) → (P ∨ R)) Um aus diesen Axiomen auch solche gültigen Sätze herleiten zu können, die andere als die in den Axiomen vorkommende Junktoren enthalten, werden diese durch folgende Festlegung auf die vorhandenen Junktoren zurückgeführt: (P → Q) wird definiert als (¬P ∨ Q) (P ∧ Q) wird definiert als ¬(¬P ∨ ¬Q) Alternativ zu – wie hier – konkreten Axiomen kann man auch Axiomenschemata angeben, in welchem Fall man auch ohne Substitutionsregel auskommt. Interpretiert man die obigen Axiome als Axiomenschemata, dann stünde z. B. das erste Axiomenschema, (P ∨ P) → P, für unendlich viele Axiome, nämlich alle Ersetzungsinstanzen dieses Schemas. Herleitung und Beweis Eine Herleitung ist eine Liste von aufsteigend nummerierten Sätzen, die mit einer oder mehreren Annahmen (den Prämissen der Herleitung) oder Axiomen beginnt. Alle auf diese folgenden Sätze sind entweder ebenfalls Axiome (bei manchen Kalkülen sind auch weitere Annahmen zulässig) oder sind aus einer oder mehreren der vorangehenden Zeilen durch Anwendung von Schlussregeln entstanden. Der letzte Satz in der Liste ist die Konklusion der Herleitung. Eine Herleitung ohne Prämissen heißt Beweis. Oft werden aber die Wörter „Herleitung“ und „Beweis“ synonym gebraucht. Wenn es gelingt, aus einer Menge von Annahmen (Prämissen) Δ eine Konklusion P herzuleiten, dann schreibt man auch Δ ⊢ P. Gelingt es, einen Satz P ohne die Verwendung von Annahmen herzuleiten (zu beweisen), dann schreibt man auch ⊢ P. In diesem Fall wird P ein Theorem genannt. Das Zeichen ⊢ geht auf die Begriffsschrift zurück, jenes Werk, in dem Gottlob Frege 1879 die erste Formalisierung der Prädikatenlogik angegeben hat. In der klassischen Aussagenlogik wählt man die Schlussregeln so, dass sich mit ihrer Hilfe alle gültigen Argumente (und nur gültige Argumente) herleiten lassen; die Frage der Gültigkeit wird im folgenden Abschnitt, „Semantik“, behandelt. Semantik Außerhalb der Logik bezeichnet Semantik ein Forschungsgebiet, das sich mit der Bedeutung von Sprache und deren Teilen befasst. Oft wird auch das Wort Semantik gleichbedeutend mit dem Wort Bedeutung verwendet. Auch innerhalb der Logik geht es bei Semantik um Bedeutung: Darum nämlich, den Ausdrücken einer formalen Sprache – zum Beispiel der hier behandelten Sprache der Aussagenlogik – eine Bedeutung zuzuordnen. In der Logik wird auch das meist sehr formal unternommen. Im Zentrum der (formalen) Semantik steht eine Auswertungsfunktion (andere Bezeichnungen lauten Bewertungsfunktion, Denotationsfunktion, Wahrheitswertefunktion), die den Formeln der logischen Sprache eine Bedeutung zuordnet. Formal gesprochen ist die Auswertungsfunktion eine Abbildung von der Menge der Formeln der Sprache in die Menge der Wahrheitswerte. Oft wird die Auswertungsfunktion mit dem Großbuchstaben V bezeichnet. In der klassischen Aussagenlogik ist die Auswertungsfunktion sehr einfach: Das Prinzip der Zweiwertigkeit fordert, dass sie für jede zu bewertende Formel genau einen von genau zwei Wahrheitswerten liefern muss; und das Prinzip der Extensionalität fordert, dass die Bewertungsfunktion beim Bewerten eines komplexen Satzes nur die Bewertung von dessen Teilsätzen berücksichtigen muss. Jedem Atom, also jedem Satzbuchstaben (Atom) wird durch Festsetzung ein Wahrheitswert zugeordnet. Man sagt: Die Atome werden interpretiert. Es wird also z. B. festgelegt, dass P0 wahr ist, dass P1 falsch ist und dass P2 ebenfalls falsch ist. Damit ist der Bewertung der Bausteine der logischen Sprache Genüge getan. Formal ist eine solche Bewertung – Interpretation genannt und oft mit dem Kleinbuchstaben v bezeichnet – eine Funktion im mathematischen Sinn, d. h. eine Abbildung von der Menge der Atome in die Menge der Wahrheitswerte. Wenn die Auswertungsfunktion V auf ein Atom angewandt wird, d. h. wenn sie ein Atom bewerten soll, liefert sie die Interpretation dieses Atoms im Sinn des obigen Absatzes. Mit anderen Worten, sie liefert den Wert, den die Bewertung v dem Atom zuordnet. Um die zusammengesetzten Formeln bewerten zu können, muss für jeden Junktor definiert werden, welchen Wahrheitswert die Bewertungsfunktion für die unterschiedlichen Wahrheitswertkombinationen liefert, den seine Argumente annehmen können. In der klassischen Aussagenlogik geschieht das meist mittels Wahrheitstabellen, weil es nur überschaubar wenige Möglichkeiten gibt. Der einstellige Junktor ¬, die Negation, ist in der klassischen Aussagenlogik so definiert, dass er den Wahrheitswert seines Arguments ins Gegenteil umkehrt, also „verneint“: Ist die Bewertung einer Formel X wahr, dann liefert die Bewertungsfunktion für ¬X falsch; wird aber X falsch bewertet, dann liefert die Bewertungsfunktion für ¬X wahr. Die Wahrheitstabelle sieht folgendermaßen aus: A Negation¬A falsch wahr wahr falsch Die Wahrheitswertverläufe der verwendeten zweistelligen Konnektive sind in der klassischen Aussagenlogik wie folgt definiert: A B KonjunktionA ∧ B DisjunktionA ∨ B KonditionalA → B BikonditionalA ↔ B falsch falsch falsch falsch wahr wahr falsch wahr falsch wahr wahr falsch wahr falsch falsch wahr falsch falsch wahr wahr wahr wahr wahr wahr Allgemein gibt es für die klassische Aussagenlogik vier einstellige und sechzehn zweistellige Junktoren. Die hier behandelte logische Sprache beschränkt sich nur deshalb auf die Junktoren ¬, ∧, ∨, → und ↔, weil diese am gebräuchlichsten sind und weil sie auch inhaltlich noch am ehesten aus der Alltagssprache bekannt sind. Aus formaler Sicht ist die einzige Bedingung, die man bei der Wahl von Junktoren erfüllen möchte, die, dass sich mit den gewählten Junktoren auch alle anderen theoretisch möglichen Junktoren ausdrücken lassen; man sagt: Dass die Menge der gewählten Junktoren funktional vollständig ist. Diese Anforderung ist bei der hier getroffenen Wahl erfüllt. Näheres zur Frage, wie viele und welche Junktoren es gibt und wie viele Junktoren man benötigt, um funktionale Vollständigkeit zu erreichen, ist im Kapitel Junktor beschrieben. Semantische Gültigkeit, Tautologien Semantische Gültigkeit ist eine Eigenschaft von Formeln oder von Argumenten. (Ein Argument ist die Behauptung, dass aus einigen Aussagen – den Prämissen – eine bestimmte Aussage – die Konklusion – folgt.) Eine Formel der aussagenlogischen Sprache heißt genau dann semantisch gültig, wenn die Formel unter allen Interpretationen – d. h. unter allen Zuordnungen von Wahrheitswerten zu den in ihr vorkommenden Atomen – wahr ist; wenn sie sozusagen allgemeingültig ist; mit anderen Worten: Wenn die Wahrheitstabelle für diese Aussage in jeder Zeile das Ergebnis wahr zeigt. Man nennt semantisch gültige Formeln auch Tautologien und schreibt, wenn P eine Tautologie ist, formal wie folgt: ⊨ P Ein Argument heißt genau dann semantisch gültig, wenn unter der Voraussetzung, dass alle Prämissen wahr sind, auch die Konklusion wahr ist. In der Formulierung von Gottfried Wilhelm Leibniz: Aus Wahrem folgt nur Wahres. Diese Definition muss natürlich ebenfalls formal gefasst werden, und das geschieht wie folgt: Ein Argument ist genau dann semantisch gültig, wenn alle Zuordnungen von Wahrheitswerten zu den in Prämissen und Konklusion vorkommenden Atomen, unter denen die Bewertungsfunktion für alle Prämissen den Wert wahr liefert, auch für die Konklusion den Wert wahr liefert. Um auszudrücken, dass aus einer Menge Δ von Formeln (der Prämissenmenge) eine Formel P (die Konklusion) semantisch folgt, schreibt man formal wie folgt: Δ ⊨ P Beachte die graphische Ähnlichkeit und die inhaltliche Verschiedenheit zwischen Δ ⊢ P (Kapitel „Herleitung und Beweis“) und Δ ⊨ P (Siehe: Semantische Folgerung): Die erste Formulierung, Δ ⊢ P, drückt die syntaktische Gültigkeit des Arguments aus, sagt also, dass aus den Formeln in Δ mit den Schlussregeln des gewählten Kalküls die Formel P hergeleitet werden kann. Hingegen behauptet Δ ⊨ P die semantische Gültigkeit, die in der klassischen Aussagenlogik wie in den vorangegangenen Absätzen als das Leibniz’sche Aus Wahrem folgt nur Wahres definiert ist. Wichtige semantische Eigenschaften: Erfüllbarkeit, Widerlegbarkeit und Unerfüllbarkeit Neben der Eigenschaft der Gültigkeit (Allgemeingültigkeit) gibt es einige andere wichtige Eigenschaften: Erfüllbarkeit, Widerlegbarkeit und Unerfüllbarkeit. Im Gegensatz zur Gültigkeit, die Eigenschaft von Formeln oder von Argumenten sein kann, sind Erfüllbarkeit, Widerlegbarkeit und Unerfüllbarkeit Eigenschaften von Sätzen oder von Satzmengen. Eine Formel heißt erfüllbar, wenn es mindestens eine Interpretation der in ihr vorkommenden Atome (Satzbuchstaben) gibt, unter der die Formel wahr ist. Eine Formel heißt widerlegbar, wenn es mindestens eine Interpretation der in ihr vorkommenden Atome gibt, unter der die Formel falsch ist. Eine Formel heißt unerfüllbar, wenn sie unter allen Interpretationen der in ihr vorkommenden Satzbuchstaben falsch ist. Eine Formelmenge heißt gültig, wenn alle in ihr enthaltenen Formeln erfüllbar sind. Die Frage, ob eine Formel (oder eine Formelmenge) eine der genannten Eigenschaften hat, ist ebenso wie die Frage, ob eine Formel allgemeingültig, d. h. eine Tautologie ist, für allgemeine Formeln nicht effizient lösbar: Zwar ist die Wahrheitstafel ein Entscheidungsverfahren für jede dieser Fragen, doch umfasst eine Wahrheitstafel für eine Aussage bzw. eine Aussagemenge in n Atomen 2n Zeilen; das Wahrheitstafelverfahren ist nichts anderes als ein Brute-Force-Verfahren. Jede dieser Fragestellungen kann auf die Frage zurückgeführt werden, ob eine bestimmte Formel erfüllbar ist: Eine Formel F ist genau dann eine Tautologie, wenn ¬F unerfüllbar ist. Eine Formel F ist genau dann widerlegbar, wenn ¬F erfüllbar ist. Die Frage, ob eine Aussage erfüllbar ist, wird Erfüllbarkeitsproblem oder SAT-Problem (nach dem englischen Wort für Erfüllbarkeit, satisfiability) genannt. Das Erfüllbarkeitsproblem spielt eine wichtige Rolle in der theoretischen Informatik und Komplexitätstheorie. Für allgemeine (beliebige) Formeln ist es NP-vollständig, d. h. (unter der Voraussetzung, dass P ungleich NP ist) nicht in polynomialer Laufzeit lösbar. Für bestimmte echte Teilmengen der Formeln der aussagenlogischen Sprache ist das as Erfüllbarkeitsproblem dennoch schneller, d. h. in polynomial beschränkter Rechenzeit lösbar. Eine solche Teilmenge sind die Horn-Formeln, das sind Konjunktionen von Disjunktionen, deren Disjunkte verneinte (negierte) oder unverneinte (positive) Atome sind, wobei innerhalb einer solchen Disjunktion allerdings höchstens ein Atom positiv sein darf. Algebraische Sicht Wenn man die Semantik betrachtet, die hier für die klassische Aussagenlogik aufgestellt wurde, dann erkennt man gewisse Gesetzmäßigkeiten. Wird z. B. die Auswertungsfunktion auf eine Aussage der Form X ∧ W angewendet, wobei W eine beliebige wahre Aussage sein soll, dann stellt man fest, dass die Auswertungsfunktion für X ∧ W immer den Wahrheitswert wahr liefert, wenn V(X) = wahr ist (das heißt V(X ∧ W) = V(X)). Von der Struktur her gleichwertige Gesetzmäßigkeiten gelten auch in anderen Semantiken, auch in solchen, die für ganz andere, nichtlogische Systeme aufgestellt werden. Für die Arithmetik gilt z. B., dass die dortige Bewertungsfunktion (hier Vℕ genannt) für einen Ausdruck der Form x + y immer den Wert von x liefert, sofern der Wert von y null ist: Vℕ(x + y) = Vℕ(x), wenn Vℕ(y) = 0 ist. Eine formale Wissenschaft, die solche strukturellen Gesetzmäßigkeiten untersucht, ist die abstrakte Algebra (meist Teilgebiet der Mathematik, aber auch der Informatik). In der abstrakten Algebra wird zum Beispiel untersucht, für welche Verknüpfungen es ein neutrales Element gibt, d. h. ein Element e, das für eine Verknüpfung ∘ dazu führt, dass (für beliebiges x) gilt: x ∘ e = x. So würde man aus algebraischer Sicht sagen, dass es für die klassische aussagenlogische Konjunktion genau ein neutrales Element gibt, nämlich wahr, und dass es für die Addition in der Arithmetik ebenfalls genau ein neutrales Element gibt, nämlich 0. Nur am Rande sei erwähnt, dass es auch für andere Junktoren neutrale Elemente gibt; das neutrale Element für die Disjunktion ist falsch: V(X ∨ F) = V(X), wenn V(F) = falsch ist. Die formale Algebra betrachtet formale Semantiken rein nach ihren strukturellen Eigenschaften. Sind diese identisch, dann besteht zwischen ihnen aus algebraischer Sicht kein Unterschied. Aus algebraischer Sicht, genauer: Aus Sicht der formalen Algebra ist die Semantik für die klassische Aussagenlogik eine zweiwertige Boolesche Algebra. Andere formale Systeme, deren Semantiken jeweils eine Boolesche Algebra bilden, sind die Schaltalgebra und die elementare Mengenlehre. Aus algebraischer Sicht besteht daher zwischen diesen Disziplinen kein Unterschied. Normalformen Jede aussagenlogische Formel lässt sich in eine äquivalente Formel in konjunktiver Normalform und eine äquivalente Formel in disjunktiver Normalform umformen. Metatheorie In der Metatheorie werden die Eigenschaften von logischen Systemen untersucht: Das logische System ist in der Metatheorie der Untersuchungsgegenstand. Eine metatheoretische Fragestellung ist zum Beispiel die, ob in einem Kalkül ein Widerspruch hergeleitet werden kann. Der vorliegende Abschnitt soll einige wichtige metatheoretische Fragestellungen aus dem Blickwinkel der Aussagenlogik betrachten. Konsistenz Ein Kalkül wird genau dann konsistent genannt, wenn es unmöglich ist, mit Hilfe seiner Axiome und Regeln einen Widerspruch herzuleiten, d. h. eine Aussage der Form P ∧ ¬P (z. B. „Hugo ist groß, und Hugo ist nicht groß“). Für einen Kalkül, der in der Aussagenlogik verwendet werden soll, ist das eine Mindestanforderung. Ist es in einem Kalkül möglich, einen Widerspruch herzuleiten, dann wird der Kalkül inkonsistent genannt. Es gibt formale Systeme, in denen solch ein Widerspruch hergeleitet werden kann, die aber durchaus sinnvoll sind. Für solche Systeme wird ein anderer Konsistenzbegriff verwendet: Ein Kalkül ist konsistent, wenn in ihm nicht alle Formeln herleitbar sind (siehe parakonsistente Logik). Es lässt sich leicht zeigen, dass für die klassische Logik die beiden Konsistenzbegriffe zusammenfallen: In der klassischen Logik lässt sich aus einem Widerspruch jeder beliebige Satz herleiten (dieser Sachverhalt wird Ex falso quodlibet genannt), d. h. wenn ein klassischer Kalkül auch nur einen Widerspruch herleiten könnte, also im ersten Sinn inkonsistent wäre, dann könnte er jede Aussage herleiten, wäre also im zweiten Sinn inkonsistent. Wenn umgekehrt ein Kalkül inkonsistent im zweiten Sinn ist, also in ihm jede Aussage herleitbar ist, dann ist insbesondere auch der Widerspruch wahr → falsch herleitbar und ist er auch inkonsistent im ersten Sinn. Korrektheit Ein Kalkül heißt genau dann korrekt (semantisch korrekt), wenn in ihm nur solche Formeln hergeleitet werden können, die auch semantisch gültig sind. Für die klassische Aussagenlogik bedeutet das einfacher: Ein Kalkül ist genau dann korrekt, wenn in ihm nur Tautologien bewiesen und nur gültige Argumente hergeleitet werden können. Ist es in einem aussagenlogischen Kalkül möglich, mindestens ein ungültiges Argument herzuleiten oder mindestens eine Formel zu beweisen, die keine Tautologie ist, dann ist der Kalkül inkorrekt. Vollständigkeit Vollständig (semantisch vollständig) heißt ein Kalkül genau dann, wenn in ihm alle semantisch gültigen Formeln hergeleitet werden können; für die klassische Aussagenlogik: Wenn in ihm alle Tautologien hergeleitet werden können. Adäquatheit Ein Kalkül heißt genau dann im Hinblick auf eine spezielle Semantik adäquat, wenn er (semantisch) korrekt und (semantisch) vollständig ist. Ein metatheoretisches Resultat ist zum Beispiel die Feststellung, dass alle korrekten Kalküle auch konsistent sind. Ein anderes metatheoretisches Resultat ist die Feststellung, dass ein konsistenter Kalkül nicht automatisch korrekt sein muss: Es ist ohne weiteres möglich, einen Kalkül aufzustellen, in dem zwar kein Widerspruch hergeleitet werden kann, in dem aber z. B. die nicht allgemeingültige Aussage der Form A ∨ B hergeleitet werden kann. Ein solcher Kalkül wäre aus ersterem Grund konsistent, aus letzterem Grund aber nicht korrekt. Ein weiteres, sehr einfaches Resultat ist die Feststellung, dass ein vollständiger Kalkül nicht automatisch auch korrekt oder nur konsistent sein muss. Das einfachste Beispiel wäre ein Kalkül, in dem jede Formel der aussagenlogischen Sprache herleitbar ist. Da jede Formel herleitbar ist, sind alle Tautologien herleitbar, die ja Formeln sind: Das macht den Kalkül vollständig. Da aber jede Formel herleitbar ist, ist insbesondere auch die Formel P ∧ ¬P und die Formel A ∨ B herleitbar: Ersteres macht den Kalkül inkonsistent, letzteres inkorrekt. Das Ideal, das ein Kalkül erfüllen sollte, ist Korrektheit und Vollständigkeit: Wenn das der Fall ist, dann ist er der ideale Kalkül für ein logisches System, weil er alle semantisch gültigen Sätze (und nur diese) herleiten kann. So sind die beiden Fragen, ob ein konkreter Kalkül korrekt und/oder vollständig ist und ob es für ein bestimmtes logisches System überhaupt möglich ist, einen korrekten und vollständigen Kalkül anzugeben, zwei besonders wichtige metatheoretische Fragestellungen. Abgrenzung und Philosophie Die klassische Aussagenlogik, wie sie hier ausgeführt wurde, ist ein formales logisches System. Als solches ist sie eines unter vielen, die aus formaler Sicht gleichwertig nebeneinander stehen und die ganz bestimmte Eigenschaften haben: Die meisten sind konsistent, die meisten sind korrekt, etliche sind vollständig, und einige sind sogar entscheidbar. Aus formaler Sicht stehen die logischen Systeme in keinem Konkurrenzverhalten hinsichtlich Wahrheit oder Richtigkeit. Von formalen, innerlogischen Fragen klar unterschieden sind außerlogische Fragen: Solche nach der Nützlichkeit (Anwendbarkeit) einzelner Systeme für einen bestimmten Zweck und solche nach dem philosophischen, speziell metaphysischen Status einzelner Systeme. Die Nützlichkeitserwägung ist die einfachere, bezüglich deren Meinungsunterschiede weniger tiefgehend bzw. weniger schwerwiegend sind. Klassische Aussagenlogik zum Beispiel bewährt sich in der Beschreibung elektronischer Schaltungen (Schaltalgebra) oder zur Formulierung und Vereinfachung logischer Ausdrücke in Programmiersprachen. Prädikatenlogik wird gerne angewandt, wenn es darum geht, Faktenwissen zu formalisieren und automatisiert Schlüsse daraus zu ziehen, wie das unter anderem im Rahmen der Programmiersprache Prolog geschieht. Fuzzy-Logiken, nonmonotone, mehrwertige und auch parakonsistente Logiken sind hochwillkommen, wenn es darum geht, mit Wissensbeständen umzugehen, in denen Aussagen mit unterschiedlich starkem Gewissheitsgrad oder gar einander widersprechende Aussagen abgelegt werden sollen und dennoch sinnvolle Schlüsse aus dem Gesamtbestand gezogen werden sollen. Auch wenn es je nach Anwendungsfall sehr große Meinungsunterschiede geben kann, welches logisches System besser geeignet ist, ist die Natur des Problems für alle Beteiligten unmittelbar und in gleicher Weise greifbar. Einzelwissenschaftliche Überlegungen und Fragestellungen spielen sich überwiegend in diesem Bereich ab. (Noch) kontroverser als solche pragmatischen Überlegungen sind Fragestellungen philosophischer und metaphysischer Natur. Geradezu paradigmatisch ist die Frage, „welches logische System richtig ist“, wobei richtig hier gemeint ist als: Welches logische System nicht nur einen Teilaspekt der Wirklichkeit modellhaft vereinfacht, sondern die Wirklichkeit, das Sein als Ganzes adäquat beschreibt. Zu dieser Fragestellung gibt es viele unterschiedliche Meinungen einschließlich der vom philosophischen Positivismus eingeführten Meinung, dass die Fragestellung als Ganzes sinnlos ist. In den Bereich metaphysischer Fragestellungen fällt auch die Frage, ob es so etwas wie ein metaphysisches Prinzip der Zweiwertigkeit gebe, ob also Aussagen über die Wirklichkeit durchgehend ins Schema wahr/falsch passen oder nicht. Diese Frage ist unabhängig von der Frage, ob die Beschäftigung mit zwei- oder mehrwertigen Logiken praktisch sinnvoll ist: Selbst wenn ein metaphysisches Prinzip der Zweiwertigkeit herrscht, könnte man anwendungspraktisch mehrwertige Logiken nützen, etwa dazu, epistemische Sachverhalte zu fassen, zum Beispiel aus Aussagen zu schließen, die zwar metaphysisch wahr oder falsch sind, von denen aber nicht oder noch nicht bekannt ist, welches von beidem der Fall ist. Umgekehrt kann man auch dann, wenn ein solches metaphysisches Prinzip nicht gilt, zweiwertige Logik wegen ihrer Einfachheit für solche Anwendungen bevorzugen, bei denen nur mit solchen Sätzen umgegangen werden muss, die tatsächlich wahr oder falsch sind. Die Frage nach einem metaphysischen Prinzip der Zweiwertigkeit ist wie die meisten metaphysischen Fragen nicht endgültig zufriedenstellend beantwortet. Ein früher Einwand gegen ein solches Prinzip, den Aristoteles zur Diskussion stellte, war das Thema der Aussagen über zukünftige Sachverhalte („Morgen wird es regnen“). Wenn Aussagen über Zukünftiges schon heute wahr oder falsch wären, so wird argumentiert, dann müsse die Zukunft bis ins letzte Detail vorbestimmt sein. Ein anderer Einwand, der vorgebracht wird, ist, dass es Aussagen gibt, deren Wahrheit praktisch oder theoretisch nicht festgestellt werden kann – zum Beispiel lässt sich die Wahrheit von „Der Rasen vor dem Weißen Haus bestand am 1. Februar 1870 um 9 Uhr vormittags aus genau 6.120.375 Grashalmen“ einfach nicht feststellen. Befürworter eines metaphysischen Zweiwertigkeitsprinzips berufen sich oft auf das Verhalten von Metatheoretikern, also von Mathematikern oder Logikern, die Aussagen über formale Systeme treffen: Egal wie mehrwertig oder nichtklassisch das untersuchte System ist, die dabei getroffenen Metavermutungen, Metabehauptungen und Metafeststellungen sind immer zweiwertig: Ein Kalkül, auch ein parakonsistenter oder nonmonotoner, wird immer als entweder konsistent oder inkonsistent betrachtet, und ein logisches System ist immer entweder korrekt oder inkorrekt, vollständig oder nicht vollständig, entscheidbar oder unentscheidbar, niemals „ein bisschen“ von beidem. Befürworter deuten das als Hinweis darauf, dass es in der Wirklichkeit tatsächlich eine strenge Unterscheidung nach wahr und falsch gebe oder dass es zumindest sinnvoll ist, eine solche anzunehmen. Eine andere philosophische Fragestellung ist die nach dem metaphysischen Status des Untersuchungsgegenstands der Logik, also danach, was logische Systeme, Kalküle, Wahrheitswerte eigentlich „sind“. Der platonische Standpunkt besteht darin, dass die in der Logik verwendeten Zeichen und Konstrukte eine außerlogische Bedeutung haben, dass sie Namen für real existierende (wenn auch natürlich nicht-physikalische) Gegenstände sind. In diesem Sinn gäbe es so etwas wie das Wahre und das Falsche, abstrakte Gegenstände, die von den Zeichen wahr und falsch benannt werden. Der Gegenpol zum Platonismus wäre der Nominalismus, der Existenz nur den Zeichen zuspricht, die in der Logik manipuliert werden. Gegenstand der Logik sind Zeichen, und die Tätigkeit der Logiker ist die Manipulation von Zeichen. Die Zeichen bezeichnen aber nichts, so etwas wie das Wahre oder das Falsche gibt es also nicht. Im Grundlagenstreit der Mathematik entspräche der nominalistischen Position die formalistische Richtung. Eine Mittelstellung nähme der philosophische Konstruktivismus ein, demzufolge die Zeichen zwar keine unabhängig existierenden Gegenstände bezeichnen, durch den Umgang mit den Zeichen aber Gegenstände konstruiert werden. Literatur Jon Barwise, John Etchemendy: The Language of First Order Logic (= CSLI Lecture Notes. Bd. 23). 2. Auflage, revised and expanded. Center for the Study of Language and Information, Stanford CA 1991, ISBN 0-937073-74-1. Ansgar Beckermann: Einführung in die Logik. 2., neu bearbeitete und erweiterte Auflage. de Gruyter, Berlin u. a. 2003, ISBN 3-11-017965-2. Karel Berka, Lothar Kreiser: Logik-Texte. Kommentierte Auswahl zur Geschichte der modernen Logik. 4., gegenüber der 3., erweiterte, durchgesehene Auflage. Akademie-Verlag, Berlin 1986. Wolfgang Detel: Grundkurs Philosophie. Band 1: Logik (= Universal-Bibliothek. Nr. 18468). Reclam, Stuttgart 2007, ISBN 978-3-15-018468-4. Wilfrid Hodges: Logic. Penguin Books, Harmondsworth 1977, ISBN 0-14-021985-4 (2. Auflage. ebenda 2001, ISBN 0-14-100314-6). Rüdiger Inhetveen: Logik. Eine dialog-orientierte Einführung (= Eagle. Bd. 2). Edition am Gutenbergplatz, Leipzig 2003, ISBN 3-937219-02-1. E. J. Lemmon: Beginning Logic. Nelson, London 1965 (2. Auflage. Chapman & Hall, London 1987, ISBN 0-412-38090-0). Wesley C. Salmon: Logik. (= Universal-Bibliothek. Nr. 7996). Reclam Stuttgart 1983, ISBN 3-15-007996-9. Weblinks Christian Spannagel: Aussagen- und Prädikatenlogik. Vorlesungsreihe, 2012. Einzelnachweise Kategorie:Sprachphilosophie
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Freie Hansestadt Bremen
Die Freie Hansestadt Bremen (; ISO-3166-2-Code DE-HB) ist ein Bundesland im nordwestlichen Teil Deutschlands. Als Stadtstaat umfasst dieses mit Bremen und Bremerhaven zwei Großstädte, weshalb es gelegentlich auch als „Zwei-Städte-Staat“ Bremen bezeichnet wird. Es ist das flächenkleinste und bevölkerungsärmste Land der Bundesrepublik, Teil der Metropolregion Nordwest und hat () Einwohner. Geographie Geographische Lage Das Land Bremen liegt in Nordwestdeutschland am Unterlauf und Mündungstrichter der Weser und umfasst die beiden 53 km voneinander entfernten Städte Bremen (ca. 325 km²) und Bremerhaven (seit 2010 ca. 94 km²), die durch niedersächsisches Gebiet voneinander getrennt sind. Bremerhaven grenzt zusätzlich noch im Westen an die Nordsee und umschließt das Stadtbremische Überseehafengebiet Bremerhaven. Das Land Bremen wird durch die niedersächsischen Landkreise Osterholz, Verden, Diepholz, Wesermarsch, Cuxhaven und die Stadt Delmenhorst begrenzt. Landschaft Naturräume Naturräumlich ist die Freie Hansestadt Bremen fünf naturräumlichen Haupteinheiten zuzuordnen: den Wesermarschen, der Wümmeniederung, der Wesermünder Geest, der Thedinghäuser Vorgeest sowie dem Verdener Wesertal. Naturbelassene Flächen finden sich vor allem entlang der Flüsse Wümme, Lesum, Ochtum und Geeste mit unter Naturschutz stehenden Marschwiesen und Altarmen. Die Marsch- wie auch die Geestflächen werden landwirtschaftlich genutzt und dienen als Naherholungsgebiete für die Stadtbevölkerung. Bremen hat 20 Naturschutzgebiete mit insgesamt 3546 ha, die rund 8,5 % der Landesfläche ausmachen. Daneben bestehen drei Wasserschutzgebiete. Flüsse Der landschaftsprägende Fluss Weser ist in ganzer Länge eine Bundeswasserstraße und an seinen Ufern innerhalb der Freien Hansestadt Bremen überwiegend stark befestigt. Die Gezeiten in der Nordsee beeinflussen den Wasserstand in der Weser, teilweise auch die lokalen Wetterverhältnisse, und prägen Fauna und Flora im Land Bremen. Durch den Ausbau der Unterweser im 19. Jahrhundert kam es in der Folge zur Tiefenerosion im Verlauf und oberhalb des ausgebauten Flusses mit erheblichem Sandaustrag. Um ein Fortschreiten der Sohlenerosion zu verhindern, wurde Anfang des 20. Jahrhunderts in Bremen-Hastedt das Weserwehr gebaut. Infolge der Weserkorrektion und weiterer Vertiefungen des Schifffahrtsweges stieg der Tidenhub von zuvor etwa 1 m auf bis zu heute 5 m in der Stadt Bremen, was auch die Strömungsgeschwindigkeit erhöhte. Die Ansiedlung hat sich im Laufe der Geschichte hauptsächlich entlang der Flüsse entwickelt. Die stärkste Versiegelung des Bodens ist daher an den Ufern der Weser und den unmittelbar angrenzenden Stadtteilen zu finden. Die Häfen machen mit über 30 km² einen erheblichen Teil der Landesfläche aus. Seen Größter Binnensee ist der Sportparksee Grambke mit 40 ha. Erhebungen Die mit 32,5 m ü. NHN höchste natürliche Erhebung befindet sich im Friedehorstpark in Bremen-Burglesum. Damit hat Bremen die niedrigste höchste natürliche Erhebung aller Bundesländer. Der Gipfel der Mülldeponie im Ortsteil Hohweg des Bremer Stadtteils Walle, der unterschiedlichen Angaben zufolge zwischen 42 m und 49 m hoch ist, überragt allerdings die Parkerhebung. → Siehe auch: weitere Erhebungen in den Stadtgemeinden Bremen und Bremerhaven Wald Das größte geschlossene Waldgebiet des insgesamt waldarmen Landes liegt in den Bremer Ortsteilen Farge und Lüssum-Bockhorn. Es handelt sich um den bremischen Anteil an der Neuenkirchener Heide. Davon wird der größte Teil vom Tanklager Farge eingenommen, welches nicht öffentlich zugänglich ist. Schienen und Straßen Die Landschaft wird an vielen Stellen von Hauptverkehrsstrecken durchschnitten, darunter die Bundesautobahn A 27, die von Hannover über Bremen und Bremerhaven nach Cuxhaven führt, und von mehreren Eisenbahnstrecken. Bevölkerung Ethnische Zusammensetzung Die Bevölkerung bestand ursprünglich aus Chauken und zuwandernden Friesen. Um 250 v. Chr. drangen Sachsen in den heutigen Bremer Raum ein und vermischten sich mit den bereits ansässigen Volksgruppen. Ab 100 v. Chr. findet für diese Siedler der Begriff Nordseegermanen Verwendung, zu denen die Angeln, Chauken, Friesen, Sachsen und Warnen gehören. Ab dem 3. Jahrhundert n. Chr. ist die Bezeichnung Sachsen nachweisbar. Die ethnische Zusammensetzung hat sich jedoch durch Zuwanderung in ihrer Zusammensetzung stark verändert, wobei eine Besonderheit die Zuwanderung von Polen im 19. Jahrhundert darstellt. Bremerhaven war damals einer der Auswanderhäfen. Bei den Polen handelte sich um Emigranten, die nach Nordamerika auswandern wollten, wobei sich die meisten ohne Visum einschifften. Wer auf Ellis Island abgewiesen wurde, musste mit dem nächsten Schiff zurück nach Europa und kam dann wieder in einem der Auswandererhäfen an. Von dort aus konnten viele allerdings oft nicht mehr zurück in ihren Heimatort und strandeten. Nach dem Zweiten Weltkrieg sind viele Heimatvertriebene hinzugekommen, vornehmlich aus Ostpreußen, Posen und Pommern, zu einem geringeren Anteil auch aus der Tschechoslowakei. In den 1960er und 1970er Jahren kamen vor allem Gastarbeiter aus dem Mittelmeerraum sowie Westafrikaner in die Freie Hansestadt Bremen, in den letzten Jahren zogen vor allem Menschen aus dem Nahen Osten, Afghanistan und verschiedenen Regionen Afrikas nach Bremen. Sprache In Bremen wird überwiegend Hochdeutsch und Bremer Dialekt gesprochen. Weit verbreitet ist Missingsch, ein Hochdeutsch mit Einflüssen aus dem Niederdeutschen, das hier Bremer Schnack genannt wird. Die niederdeutsche Sprache selbst, das Plattdüütsch, ist auch in Bremen noch beheimatet, allerdings seit einigen Jahrzehnten stark im Rückzug begriffen – nur noch wenige sprechen Niederdeutsch im Alltag. Für den Erhalt des Niederdeutschen setzt sich das Institut für niederdeutsche Sprache ein. In Familien mit Migrationshintergrund sind daneben noch die jeweiligen Heimatsprachen verbreitet (vor allem Russisch, Polnisch, Türkisch und Arabisch). Bevölkerungsentwicklung mini|Bevölkerungsentwicklung der Stadt Bremen, Bremerhaven und des Landes Bremen 1945–2016 mini|Bevölkerungspyramide für das Land Bremen (Datenquelle: Zensus 2011Datenbank Zensus 2011, Bremen, Alter + Geschlecht) Mit Stand vom haben die Stadtgemeinden Bremen und Bremerhaven bzw. Einwohner. Mit gleichen Stand hat die Freie Hansestadt Einwohner. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte die Freie Hansestadt Bremen und gleichermaßen beide Stadtgemeinden von 1946 bis 1960 einen Bevölkerungszuwachs von rund 47 % bei zusätzlichen 222.886 Einwohnern. Der Höchststand der Einwohnerzahl wurde in Bremen 1971 mit 594.591 Einwohnern erreicht und in Bremerhaven 1973 mit 144.578 Einwohnern. Danach sank die Einwohnerzahl bis 2000 kontinuierlich; in Bremen noch gemäßigt um rund 8 %, im von Wirtschaftskrisen betroffenen Bremerhaven sehr stark um 21,5 %. Allerdings nimmt die Einwohnerzahl in der Stadt Bremen seit 2001 wieder zu. + Verwaltungsgliederung und Einwohnerzahl 1871Fußnote: Volkszählung 1871 im Staat Freie Hansestadt Bremen Stadtgemeinde Einwohner 1871 Bremen 82.969 Bremerhaven 10.768 Vegesack 3.838 Landherrnamt Einwohner 1871 links der Weser 10.941 rechts der Weser 14.574 Landgebiet 25.515 + Tabelle der Bevölkerungsentwicklung im Zwei-Städte-Staat Jahr StadtgemeindeBremen StadtgemeindeBremerhaven Freie Hansestadt Bremen(Land) 1946 377.696 97.000 474.696 1950 441.025 113.176 554.201 1960 557.461 140.121 697.582 1970 592.533 142.919 735.452 1980 555.118 138.728 693.846 1990 551.219 130.446 681.665 2000 539.403 120.822 660.225 2010 547.340 113.366 660.706 2012 546.451 108.323 654.774 2014 551.767 110.121 661.888 2016 565.719 113.034 678.753 2017 568.006 113.026 681.032 2018 569.352 113.634 682.986 Ausländeranteil 1961 lag der Ausländeranteil an der Bevölkerung in der Freien Hansestadt Bremen wie auch in den beiden Stadtgemeinden bei 1 %, 1970 belief er sich auf 3,3 %, 1980 auf 6,9 % und 1990 auf 10 %, wobei der Anteil in den Stadtgemeinden Bremen und Bremerhaven bei 10,4 % bzw. 8,4 % lag. Bis 2006 ist der Ausländeranteil auf Landesebene auf 12,4 % gestiegen, wobei der Anteil in Bremen bei 12,9 % und in Bremerhaven bei 10 % lag. Im Jahr 2022 betrug die ausländische Bevölkerung 21 %. Der Anteil der Bevölkerung mit Migrationshintergrund lag in Bremen 2022 bei 41,7 % und damit am höchsten unter allen deutschen Bundesländern.Bundeszentrale für politische Bildung: Bevölkerung mit Migrationshintergrund, abgerufen am 26. August 2023. + Nationalitäten mit Hauptwohnsitz Land Bremen am 31. Dezember 2022 Nationalität Bremen BremerhavenBremerhaven.de: Anteil der ausländischen Bevölkerung von Bremerhaven, abgerufen am 11. April 2024. gesamt 23.315 2.859 26.174 18.085 4.101 22.186 9.325 2.899 12.224 9.460 2.076 11.536 6.173 1.948 8.121 4.240 1.383 5.623 3.720 478 4.198 3.490 595 4.085 2.775 71 2.846 2.560 241 2.801 2.435 230 2.665 2.195 205 2.390 2.140 198 2.338 1.895 171 2.066 1.780 125 1.905 Lebenserwartung Die durchschnittliche Lebenserwartung lag im Zeitraum 2015/17 bei 77,2 Jahren für Männer und bei 82,6 Jahren für Frauen. Die Männer belegen damit unter den deutschen Bundesländern Rang 14, während Frauen Rang 15 belegen. Beide Werte liegen damit unter dem Bundesdurchschnitt. In Bremen lag die Lebenserwartung der Gesamtbevölkerung 2013/15 bei 80,29 Jahren und in Bremerhaven bei 77,70 Jahren. Bremerhaven zählt damit zu den Städten mit den landesweit niedrigsten Werten. Umlandentwicklung Beachtlich und überproportional ist das Bevölkerungswachstum der unmittelbaren Nachbargemeinden der beiden Städte. An Bremen grenzend: Delmenhorst: 1960 mit 57.312 und 2014 mit 74.804 Einwohnern (+ 30 %) Stuhr: 2014 mit 32.729 Einwohnern Weyhe: 1974 um 21.556 und 2014 mit 30.291 Einwohnern (+ 41 %) Syke: 1961 mit 16.203 und 2014 mit 24.847 Einwohnern (+ 51 %) Achim: 2014 mit 30.594 Einwohnern Oyten: 2014 mit 15.425 Einwohnern Lilienthal: 1970 mit 8.841 und 2014 mit 18.528 Einwohnern (+ 110 %) Osterholz-Scharmbeck: 1970 mit 15.175 und 2014 mit 30.032 Einwohnern (+ 98 %) Ritterhude: 1970 mit 7.422 und 2010 mit 14.521 Einwohnern (+ 98 %) Schwanewede (nur Ortsteil): 1970 mit 8.310 und 2010 mit 9.646 Einwohnern (+ 16 %) Berne: 1980 mit 6.176 und 2014 mit 6.837 Einwohnern (+ 11 %) Lemwerder: 2014 mit 6.859 Einwohnern An Bremerhaven grenzend: Langen: 1974 mit ca. 15.000 und 2013 mit 18.330 Einwohnern (+ 22 %) Spaden: 1970 mit 2.935 und 2010 mit 4.400 Einwohnern (+ 50 %). Geschichte mini|hochkant=1.4|Urbis Bremae Territorium, 1603 mini|hochkant=1.4|Landgebiete der Reichsstadt Bremen (rote Schrift) im 14. bis 18. Jh., dazu das Weserdelta Im Unterschied zum Stadtstaat Hamburg, zu dem mit dem Stadtteil Neuwerk auch eine in der Nordsee gelegene Inselgruppe gehört, entwickelte sich Bremerhaven zu einer eigenständigen Stadt, sodass die Bezeichnung Zwei-Städte-Staat für Bremen entstand. Name Der Name Bremen () könnte soviel bedeuten wie am Rande liegend (altsächsisch Bremo bedeutet Rand bzw. Umfassung) und bezieht sich möglicherweise auf den Rand der Bremer Düne. Der Stadt- bzw. Staatsname wandelte sich. Im Mittelalter bezeichnete sich die Stadt als civitas Bremensis, also als Stadt Bremen und dieses auch noch nach 1646. Wenn die verfassungsrechtliche Stellung Bremens betont werden sollte, führte sie nach dem Erhalt der Reichsstadturkunde (Linzer Diplom) ab 1646 den Titel Kayserliche und deß heiligen Römischen Reichs Freye Stadt (und Ansestadt) Bremen. Nach der Kaiserzeit wurde Bremen ab 1806 bzw. dann 1815 als souveräner Staat im Deutschen Bund zur Freyen Hansestadt Bremen bzw. ab 1871 als Bundesstaat im Deutschen Kaiserreich zur Freien Hansestadt Bremen. Zwischen 1810 und 1813 wurde Bremen als Bonne ville de l’Empire français des Französischen Kaiserreichs bezeichnet. Seit 1949 ist das Land Bremen die Freie Hansestadt Bremen in der Bundesrepublik Deutschland. Mittelalter und Frühe Neuzeit Nach der Gründung des Bistums Bremen entstand die heutige Stadt Bremen neben dem Bischofssitz, der Domburg, zunächst als Marktort, dann als Stadt unter der Hoheit der Bischöfe. Durch das Gelnhauser Privileg von 1186 unterstellte Kaiser Friedrich I. Barbarossa die Stadt der iustitia imperialis, „kaiserlichen Gerechtigkeit“. Seither unterstand Bremen als städtisches Gemeinwesen in weltlichen Dingen eigentlich nicht mehr dem Erzbischof. Diese Weichenstellung in Richtung Freie Reichsstadt geschah allerdings zu einem Zeitpunkt, da die Position der Bürger gegenüber dem Erzbischof noch schwach war und ein anderer Konflikt im Vordergrund stand; Heinrich der Löwe war 1181 nach England ins Exil gegangen, nachdem ihm wegen seiner Opposition gegen Kaiser Friedrich I. die Herzogswürde über das Stammesherzogtum Sachsen (und ebenso Bayern) entzogen worden war. Die Herzogswürde für dessen westlichen Teil bis zur Weser war dem Erzbischof von Köln übertragen worden, die für den Osten den Askaniern. Zu den in der Urkunde erwähnten Zeugen gehörten aus Bremen bezeichnenderweise nur der Erzbischof und der Vogt, aber kein Vertreter der Bürger. Fortan schwankte das Verhältnis zwischen der Stadt auf der einen Seite, Erzbischof und Domkapitel auf der anderen Seite laufend zwischen Gleichberechtigung und Bevormundung, zwischen Kooperation und Konkurrenz. Der Bremer Erzbischof Gerhard II. zur Lippe versuchte, mit der Witteborg die Unterweser zu kontrollieren, und erlitt dabei 1222 eine militärische Niederlage durch die Stadt, die diese Burg eroberte und zerstörte. Eine Bedrohung für die Emanzipation der Stadt bildete die Konstitution von Ravenna Kaiser Friedrichs II. von 1232, in der er, wohl vor allem wegen seiner Konflikte mit italienischen Städten, die Selbstbestimmung der Bischofsstädte und sogar die Zünfte verbieten wollte. Erzbischof Gerhard II. suchte damals allerdings zunächst die Unterstützung der Bürger für seinen Stedingerkrieg. Dafür gewährte er ihnen 1233 steuerliche und rechtliche Erleichterungen und sicherte der Stadt zu, gegen ihren Willen keine Burgen mehr an der Weser zu bauen. Der Vertrag wurde sogar durch Friedrichs Sohn und Mitregenten Heinrich VII. bestätigt. Erst nach dem Sieg über die Stedinger ging der Erzbischof 1246 mit seinen Gerhardschen Reversalen daran, die Stadt an die kurze Leine zu nehmen. Unter anderem wurden „die Bürgermeister und die Gemeinde aller Bürger“ genötigt, die wilcore genannten ersten eigenständigen Statuten der Stadt zu widerrufen. Seine Anordnung, die erzbischöflichen Dienstmannen der städtischen Gerichtsbarkeit zu entziehen, trug wohl mit dazu bei, dass ein halbes Jahrhundert später aus einem einzelnen Streitfall heraus der erzbischöfliche Palast von Bürgern gestürmt wurde und in Flammen aufging. Mit dem seit 1303/09 kodifizierten Bremer Stadtrecht schuf sich die Stadt dann dauerhaft ein eigenes Rechtssystem. Aber völlig beendet war die Bevormundung noch lange nicht. Das Privileg Karls V. von 1541 erlaubte es zwar den städtischen Amtsträgern, sich in der Rechtsprechung über den erzbischöflichen Vogt hinwegzusetzen, aber dessen Amt blieb noch bestehen. Der Hanse trat Bremen relativ zögerlich bei. Die Mitgliedschaft war zudem mehrmals gefährdet. Teilweise ging Bremen, um es sich nicht ganz mit den Friesen zu verderben, nicht energisch genug gegen Seeräuber vor. Teilweise kam es durch Bürgermeister anderer Hansestädte zu negativen Reaktionen, wenn ihnen bekannte Bremer Bürgermeister entmachtet wurden. Die von der Stadt erworbenen Landgebiete gehören heute großenteils zur Stadtgemeinde Bremen, sofern sie nicht im 17. Jahrhundert wieder verloren gingen. Manche, wie etwa das Vieland, waren zunächst von Stadt und Domkapitel gemeinsam regiert worden. Versuche der Stadt, ihre Macht entlang der Unterweser auszudehnen, erlitten schwere Rückschläge wie den Verlust der Vredeborg. Erst im 17. bzw. 19. Jahrhundert gelang es, Vegesack und Bremerhaven als Vorhäfen zu gründen – beide wurden dringend gebraucht, weil die Unterweser versandete und immer schwieriger mit Seeschiffen zu befahren war. Das Erzbistum dagegen erwarb weltlichen Territorialbesitz in größerer Entfernung von der Stadt. Schließlich beherrschte es große Teile des Elbe-Weser-Dreiecks. Dieses Gebiet gehört nicht zu den Vorläufern der heutigen Freien Hansestadt Bremen. Die Erzbischöfe residierten zunehmend nicht mehr in Bremen, sondern in Bremervörde. Infolge der Reformation wurde dieses Erzstift Bremen säkularisiert und auf dem Westfälischen Frieden 1648 zum Herzogtum Bremen. Zusammen mit dem Herzogtum Verden kam es im Umweg über schwedische und dänische Hoheit schließlich zum Kurfürstentum Braunschweig-Lüneburg, dem späteren Königreich Hannover. Innerhalb der Bremer Stadtbefestigung besaß das Erzstift und spätere Herzogtum Bremen die Domfreiheit. 19. Jahrhundert Beim Reichsdeputationshauptschluss von 1803, drei Jahre vor der Auflösung des Heiligen Römischen Reiches, war Bremen eine der sechs Reichsstädte, die nicht mediatisiert wurden, sondern ihre Eigenständigkeit behielten. Außerdem gewann es die bis dahin mit dem Herzogtum Bremen unter hannöverscher Hoheit stehende Domfreiheit zurück. Nach der Annexion Nordwestdeutschlands durch das napoleonische Frankreich war Bremen von 1811 bis 1814 Hauptstadt des französischen Departements der Wesermündungen (Département des Bouches-du-Weser). Von 1815 bis 1866 war Bremen im Deutschen Bund ein souveräner Staat. Wegen der Versandung der Weser wurde 1827 ein zweiter Vorhafen gegründet, aus dem die Stadt Bremerhaven entstand. Nach der Deutschen Revolution von 1848/49 gab sich Bremen 1849 eine liberale Verfassung, die 1854 durch eine konservative Verfassung mit einem Achtklassenwahlrecht abgelöst wurde. Von 1866 bis 1871 war Bremen ein Gliedstaat im Norddeutschen Bund und bis 1918 im Deutschen Kaiserreich. Bremer Räterepublik mini|hochkant=1.4|Die Freie Hansestadt Bremen seit 1800 Am Ende des Ersten Weltkriegs übernahm im Zuge der Novemberrevolution ein Arbeiter- und Soldatenrat am 15. November 1918 die Macht in Bremen, oberstes Organ der Exekutive wurde jedoch ein gemeinsamer Ausschuss von Rätevertretern und Senatoren. Die Bremer Räterepublik, erst am 10. Januar 1919 ausgerufen, wurde am 4. Februar desselben Jahres durch eine vom Rat der Volksbeauftragten des Reiches angeordnete militärische Intervention beendet. Weimarer Republik Danach wurde eine provisorische Regierung des Stadtstaates eingesetzt. Diese ließ am 9. März 1919 in allgemeiner und freier Wahl die Bremer Nationalversammlung wählen, die 1920 eine neue, parlamentarische Landesverfassung verabschiedete, mit einem allgemeinen und gleichen Wahlrecht. Damit hatte sich auch das Frauenwahlrecht durchgesetzt. + Regierung (Senat) in Bremen von 1919 bis 1933 Zeitraum Präsident des Senats Bürgermeister Regierungsparteien 1919–1920(provisorisch) Karl Deichmann (MSPD) Hermann Hildebrand (DDP) MSPD, DDP und DVP 1920–1925 Martin Donandt (DNVP) Theodor Spitta (DDP) DDP, DVP und mehrere, teilw. parteilose Kaufleute 1925–1928 Martin Donandt (DNVP) Theodor Spitta (DDP) DDP, DVP und DNVP 1928–1933 Martin Donandt (DNVP, ab 1929 parteilos) Karl Deichmann (SPD) SPD und DDP Nationalsozialismus Mit dem Regierungsantritt der NSDAP in der Freien Hansestadt Bremen am 6. März 1933, einen Tag nach der Reichstagswahl, begann die Phase Bremens im Nationalsozialismus. Die zwölfjährige Zeit war geprägt durch Unterdrückung und Verfolgung von Demokraten und Minderheiten. Es wurden mehrere Arbeitslager errichtet, in denen Kriegsgefangene und Regimegegner unter schwersten Bedingungen Zwangsarbeit leisten mussten und dabei zu tausenden ihr Leben verloren. Wie die übrigen deutschen Länder verlor die Freie Hansestadt Bremen durch das Gesetz über den Neuaufbau des Reichs vom 30. Januar 1934 ihre staatlichen Hoheitsrechte. Als Hansestadt Bremen wurde das Land dem 1928 gegründeten Gau Weser-Ems unter dem Gauleiter Carl Röver zugeteilt. Durch die Vierte Verordnung über den Neuaufbau des Reichs vom 28. September 1939 musste die Hansestadt Bremen die Stadtgemeinde Bremerhaven mit Ausnahme der dortigen Häfen an die preußische Provinz Hannover abtreten. Bremerhaven wurde so ein Teil von Wesermünde, welches 1924 aus Geestemünde und Lehe gebildet worden war. Im Austausch dafür bekam die Hansestadt Bremen große Teile des Kreises Blumenthal, wodurch Bremen-Nord seine heutige Ausdehnung gewann. Dazu kamen noch Hemelingen, Arbergen und Mahndorf. Zweiter Weltkrieg Im Zweiten Weltkrieg kam es in Bremen (173 Luftangriffe) und in Wesermünde (52 Angriffe) zu schweren Zerstörungen. In Bremen war schließlich 59 % der städtebaulichen Substanz zerstört. In Wesermünde betrug der Anteil 56 %, wobei Alt-Bremerhaven alleine fast vollständig zerstört war. Durch Luftkrieg kamen in Bremen rund 4000 Menschen ums Leben, in Wesermünde mehr als 1100 Menschen. Am 10. April 1945 begann mit britischem Artilleriebeschuss letztlich der Kampf um Bremen. Die britische Schlussoffensive am 25. April führte in der Nacht vom 26. auf den 27. April zur Kapitulation durch den letzten Kampfkommandanten.Historisches Journal 26. April 1945: Befreiung Bremens. In: Internetseite Denkort Bunker Valentin. 23. April 2015, abgerufen am 15. Mai 2018. Kurz darauf (am 8. Mai) erfolgte schließlich auch die Bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht, womit der Zweite Weltkrieg in Europa sein Ende fand. Nach 1945 mini|Tabellarische Übersicht über die Gutachten zur Länderreform, die im Zonenbeirat zur Abstimmung stand. Um als Port of Embarkation den Nachschub für die US-Truppen zu sichern, wurde das in der Britischen Besatzungszone gelegene Bremen mit Bremerhaven zur US-amerikanischen Exklave. Sowohl die Hansestadt Bremen als auch die Stadt Wesermünde gehörten zur amerikanischen Besatzungszone und waren umgeben von der britischen Zone, wobei Wesermünde vom Jahreswechsel 1945/46 bis zum 31. März 1947 zwischenzeitlich zur britischen Zone gehörte und am 10. März 1947 in Bremerhaven umbenannt wurde. Abgesehen von dieser offiziellen Zuordnung war Bremen zeitweise sowohl ein Teil der amerikanischen wie auch der britischen Zone. Dem Länderrat der amerikanischen Zone gehörte die Hansestadt Bremen an, solange dieser bestand. Im ersten Zonenbeirat der britischen Zone (6. März 1946 bis 30. April 1947) mit sechs Ländervertretern und zehn Ressortvertretern wurde der Vertreter der vier kleineren Länder turnusgemäß auch von der Hansestadt Bremen gestellt, im zweiten Zonenbeirat der britischen Zone (10. Juni 1947 bis 29. Juni 1948) aus 37 Länderdelegierten war die Hansestadt Bremen nicht mehr vertreten. Indem die Hansestadt Bremen und die Stadt Bremerhaven in ihren Grenzen von 1939 nach Kriegsende zur Amerikanischen Exklave und da heraus zur Freien Hansestadt Bremen wurden, umfasst der Zwei-Städte-Staat seit seiner Neukonstitution im Januar/Februar 1947 ein größeres Territorium als zur Zeit des Deutschen Reiches (1871: 255,25 km², 1939: 325,42 km², 1947: 404,28 km²). Heute Seit Gründung der Bundesrepublik ist es eine Konstante der Bremer Politik, die Selbständigkeit als Stadtstaat zu erhalten. Wirtschaftspolitisch ist seit den 1970ern eine Umstrukturierung zu meistern. Der Niedergang der Werftenindustrie (AG Weser, Bremer Vulkan) und ein Bedeutungsrückgang der stadtbremischen Häfen machten es erforderlich, weitere wirtschaftliche Standbeine zu finden und ein Profil als Wirtschafts- und Wissenschaftsstandort mit Schwerpunkten in der Luft- und Raumfahrttechnik sowie in der Logistik zu schärfen. Nach der Einkommensteuerreform von 1970 werden Steuern nunmehr nicht mehr an den Arbeitsstandort, sondern an den Standort des Wohnsitzes des Steuerpflichtigen abgeführt. Die zunehmende Anzahl der im niedersächsischen Umland wohnenden und dort steuerzahlenden bremischen Beschäftigten (2006: 130.000; im Saldo von Bremen/Niedersachsen noch 100.000 Beschäftigte) führt zu einer Finanzkrise, die Bremens Selbständigkeit bedroht. 1986 bzw. 1992 hat das Bundesverfassungsgericht zum Finanzausgleich beschlossen, dass die Steuergesetzgebung so erfolgen muss, dass der „Andersartigkeit der Stadtstaaten“ Rechnung getragen werden muss. Durch die Bremer Erklärung vom Senat Wedemeier, Oberbürgermeister von Bremerhaven, Kammern, Wirtschaftsverbänden und Gewerkschaften vom November 1992 wurde die Selbstständigkeit der Freien Hansestadt Bremen bekräftigt. Außer den vorübergehenden Zuwendungen des Bundes von 1994 bis 2004 in Höhe von 8,5 Milliarden Euro und seit etwa 2008 bis 2016 in Höhe von 2,7 Milliarden Euro erfolgte jedoch noch keine dauerhafte Regelung zur Behebung des Haushaltsnotstandes. Durch den Staatsvertrag mit Niedersachsen zur Luneplate vom 5. Mai 2009, der am 1. Januar 2010 in Kraft getreten ist, wuchs die Fläche des Bundeslandes um 14,95 km² auf 419,23 km². + Regierung (Senat) und Opposition in Bremen seit 1945 Zeitraum Bürgermeister,Amtsperiode Regierungsparteien Oppositionsparteien6. Juni bis 1. August 1945 Vagts Parteilose, BDV, SPD, KPD 1945–1946 Kaisen I SPD, BDV, KPD, Parteilose 1946–1948 Kaisen II SPD, BDV, KPD, Parteilose CDU, DP 1948–1951 Kaisen III SPD, BDV, Parteilose CDU, DP 1951–1955 Kaisen IV SPD, FDP, CDU DP, SRP, KPD, GB/BHE, WdF 1955–1959 Kaisen V SPD, CDU, FDP DP, KPD 1959–1963 Kaisen VI SPD, FDP CDU, DP 1963–1965 Kaisen VII SPD, FDP CDU, DP/NPD 1965–1967 Dehnkamp SPD, FDP 1967–1971 Koschnick I SPD, FDP CDU, NPD 1971–1975 Koschnick II SPD CDU, FDP 1975–1979 Koschnick III SPD CDU, FDP 1979–1983 Koschnick IV SPD CDU, FDP, BGL 1983–1985 Koschnick V SPD CDU, Grüne 1985–1987 Wedemeier I SPD 1987–1991 Wedemeier II SPD CDU, Grüne, FDP, DVU 1991–1995 Wedemeier III SPD, Grüne, FDP CDU, DVU 1995–1999 Scherf I SPD, CDU Grüne, AFB, FDP 1999–2003 Scherf II SPD, CDU Grüne, DVU 2003–2005 Scherf III SPD, CDU Grüne, DVU, FDP 2005–2007 Böhrnsen I SPD, CDU 2007–2011 Böhrnsen II SPD, Grüne CDU, FDP, Linke, DVU, BIW 2011–2015 Böhrnsen III SPD, Grüne CDU, Linke, BIW 2015–2019 Sieling SPD, Grüne CDU, Linke, FDP, AfD, BIW 2019–2023 Bovenschulte I SPD, Grüne, Linke CDU, AfD, FDP, BIW seit 2023 Bovenschulte II SPD, Grüne, Linke CDU, BD, FDP Politik Staatsaufbau mini|Proklamation Nr. 3 von 1947: Neugründung des Landes Bremen Laut seiner Verfassung führt der bremische Staat den Namen Freie Hansestadt Bremen und ist Glied der deutschen Republik und Europas (Art. 64 BremLV). Laut Art. 65 bekennt sich der bremische Staat zu Demokratie, sozialer Gerechtigkeit, Freiheit, Schutz der natürlichen Umwelt, Frieden und Völkerverständigung. Alle Macht geht in Bremen vom Volke aus. Verwaltungsgliederung Die Freie Hansestadt Bremen gliedert sich in zwei Stadtgemeinden, die jeweils in Stadtbezirke, Stadtteile und Ortsteile unterteilt sind: Stadtgemeinde Bremen mit Einwohnern () Bremen ist in 5 Stadtbezirke (Mitte, Süd, Ost, West und Nord) und diese in 19 Stadt- und 4 eigenständige Ortsteile gegliedert. Diesen Einheiten sind 22 Beiräte und 17 Ortsämter zugeordnet. 18 Stadtteile sind weiter in 84 Ortsteile unterteilt, sodass insgesamt 88 Ortsteile bestehen. Der Stadtteil Oberneuland hat keinen Ortsteil. Stadtgemeinde Bremerhaven mit Einwohnern () Bremerhaven ist in 2 Stadtbezirke (Nord und Süd) und diese in 9 Stadtteile gegliedert. Die Stadtteile sind weiter in 24 Ortsteile unterteilt. Legislative – Landesparlament Aufbau und Struktur Die Legislative bildet die Bremische Bürgerschaft. Sie ist mit 87 Abgeordneten das Landesparlament und als Stadtbürgerschaft mit den 72 Bremer Abgeordneten zugleich für die kommunalen Angelegenheiten der Stadtgemeinde Bremen zuständig. Die Mitglieder der Bürgerschaft werden in den Wahlbereichen Bremen und Bremerhaven auf vier Jahre gewählt. Außerdem steht die Legislative dem Volke in Volksabstimmungen zu. Für die kommunalen Angelegenheiten der Stadt Bremerhaven ist die Bremerhavener Stadtverordnetenversammlung mit 48 Stadtverordneten zuständig. Parteien Bremen ist seit Kriegsende das einzige Bundesland, in dem bis 2019 die SPD bei jeder Landtagswahl zur stärksten Partei gewählt wurde, immer an der Regierung beteiligt war und seit Juli 1945 immer den Präsidenten des Senats stellt. Die Wahlergebnisse der CDU lagen bei jeder Wahl unter ihrem Bundesdurchschnitt. Zwischen 1946 und 1967 waren noch die Deutsche Partei (DP) und von 1951 bis 1955 der BHE bzw. Gesamtdeutscher Block/Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten (GB/BHE) in der Bürgerschaft vertreten. Beide Parteien gingen in der CDU auf. Die liberale Bremer Demokratische Volkspartei (BDV) mit Bürgermeister Theodor Spitta war zwischen 1945 und 1951 eine einflussreiche bürgerliche Partei. Sie wurde 1951 Teil der FDP. Die KPD war von 1947 bis 1956 in der Bürgerschaft vertreten. Die DKP erzielte 1971 mit 3,1 % ihr bestes Landtagswahlergebnis in Bremen. Bei der Bürgerschaftswahl in Bremen 2007 kam die Linke mit 8,4 % erstmals in ein westdeutsches Landesparlament. 1979 gelang der Bremer Grünen Liste, Vorläuferpartei der Grünen, der Einzug in die Bremische Bürgerschaft. Den Grünen gelangen seit 1987 (mit Ausnahme von 1999) stets Wahlergebnisse im zweistelligen Bereich. Begünstigt durch die Struktur als Stadtstaat und das Wahlrecht, bei dem beide Städte getrennte Wahlgebiete mit getrennt geltender Fünf-Prozent-Hürde bilden, erzielten auch Splitterparteien außerhalb des linken Spektrums meistens gute Ergebnisse. So hatte die rechtsextreme DVU – insbesondere in Bremerhaven – höheren Zulauf, der ab 1987 einen Sitz und ab 1991 für Fraktionsstärke in der Bürgerschaft reichte. Nachdem die DVU 1995 nicht mehr in der Bürgerschaft vertreten war, gelang der Einzug wieder 1999 aufgrund der Überwindung der Fünf-Prozent-Hürde in Bremerhaven mit einem Sitz bis zum Jahr 2011. Von 1995 bis 1999 war die als rechte SPD-Abspaltung hervorgegangene Partei Arbeit für Bremen und Bremerhaven mit 10,7 % und zwölf Abgeordneten in der Bürgerschaft vertreten. Der Partei Rechtsstaatlicher Offensive gelang 2003 ein Wahlergebnis von landesweit 4,4 %, wobei mit 4,8 % in Bremerhaven der Einzug in die Bürgerschaft knapp misslang. Die rechtspopulistische Wählergemeinschaft Bürger in Wut zog vier Jahre später mit 5,29 % Stimmenanteil in Bremerhaven mit einem Mandat in die Bürgerschaft ein. Wahlergebnisse In der folgenden Tabelle sind die Ergebnisse von Bürgerschafts-, Bundestags- und Europawahlen seit 2013 dargestellt. Jahr Wahl Wahl­beteiligung Sonst. 2025 Bundestagswahl 77,8 23,1 15,6 20,6 3,5 14,8 15,1 7,3 2024 Europawahl 57,0 21,5 16,2 19,8 5,3 5,8 10,2 21,0 2023 Bürgerschaftswahl 56,8 29,8 11,9 26,2 5,1 10,9 — 16,2 2021 Bundestagswahl 73,5 30,6 22,1 17,2 9,5 8,1 6,2 6,4 2019 Europawahl 65,3 24,2 23,5 22,0 4,6 8,0 7,2 10,7 Bürgerschaftswahl 66,5 24,9 17,6 27,2 6,0 11,8 5,7 6,9 2017 Bundestagswahl 72,2 26,0 11,6 25,1 9,7 13,8 9,6 4,3 2015 Bürgerschaftswahl 52,2 32,6 15,8 22,2 6,7 9,9 5,6 7,2 2014 Europawahl 41,5 33,5 18,8 21,6 3,4 9,8 5,8 7,1 2013 Bundestagswahl 69,9 34,9 12,8 29,1 3,5 10,3 3,7 5,7 Exekutive – Landesregierung Die Exekutive bildet der Senat der Freien Hansestadt Bremen: Er ist die Landesregierung der Freien Hansestadt Bremen. Die einzelnen Senatsmitglieder werden von der Bürgerschaft mit der Mehrheit der abgegebenen Stimmen für die Dauer der Wahlperiode der Bürgerschaft gewählt. Dabei wird zunächst der Präsident des Senats in einem gesonderten Wahlgang in geheimer Abstimmung gewählt. Zu weiteren Mitgliedern des Senats können Staatsräte, deren Zahl ein Drittel der Zahl der Senatoren nicht übersteigen darf, auf Vorschlag des Senats gewählt werden (Art. 108). Im Vergleich zu den anderen Landesregierungen ist der Charakter des Senats als Kollegialorgan ausgeprägt; der Präsidenten des Senats hat keine formale Richtlinienkompetenz. Die Senatsmitglieder können nicht gleichzeitig der Bürgerschaft angehören. mini|Schuldverschreibung über 5000 Mark der Freien Hansestadt Bremen vom 1. Oktober 1920 Kommunalverwaltung Bremen Die kommunalen Organe der Stadtgemeinde Bremen sind mit den staatlichen Organen der Freien Hansestadt Bremen weitgehend personalidentisch. Die im Wahlbereich Bremen gewählten Abgeordneten der Bremischen Bürgerschaft sind gleichzeitig Mitglieder der kommunalen Volksvertretung Bremens (Stadtbürgerschaft); Verschiebungen können sich dadurch ergeben, dass EU-Ausländer nur auf die Zusammensetzung der Stadtbürgerschaft, nicht aber auf die Zusammensetzung des Landesparlaments Einfluss nehmen können. Der Senat des Landes ist zugleich Organ der Stadtgemeinde Bremen. Bremerhaven Das Landesrecht sieht in den Artikeln 145 bis 148 der Landesverfassung der Freien Hansestadt Bremen einen losen Rahmen für die Gemeindeverfassung vor. Bremerhaven hat sich gem. Artikel 144 der Landesverfassung durch das Ortsgesetz der Stadt Bremerhaven vom 4. November 1947 die Verfassung der Stadt Bremerhaven gegeben. Die Stadtverordnetenversammlung der Stadt beschließt über alle Stadtangelegenheiten. Die Aufsicht der Freien Hansestadt Bremen beschränkt sich gem. Artikel 147 „auf die Gesetzmäßigkeit der Verwaltung“ (Rechtsaufsicht). Bremerhaven besitzt als Spitze der Verwaltung einen Magistrat mit einem Oberbürgermeister, dem Bürgermeister als Stellvertreter und den Stadträten. Bremerhaven hat einige Gestaltungsrechte zum Beispiel im Schul- und Polizeiwesen, die in anderen Bundesländern auf Landesebene ausgeübt werden. Judikative – Richter Die Judikative, die richterliche Gewalt, wird von unabhängigen Richtern ausgeführt (Art. 135). Die Mitglieder der Gerichte werden von einem Ausschuss gewählt, der aus drei Mitgliedern des Senats, fünf Mitgliedern der Bürgerschaft und drei Richtern gebildet wird (Art. 136). Für Fragen, die die Bremische Verfassung betreffen, wurde ein Staatsgerichtshof eingerichtet. Der Staatsgerichtshof besteht aus dem Präsidenten des Oberverwaltungsgerichts der Freien Hansestadt Bremen oder seinem Stellvertreter sowie aus sechs gewählten Mitgliedern, von denen zwei rechtsgelehrte bremische Richter sein müssen. Die gewählten Mitglieder werden von der Bürgerschaft unverzüglich nach ihrem ersten Zusammentritt für die Dauer ihrer Wahlperiode gewählt und bleiben im Amt, bis die nächste Bürgerschaft die Neuwahl vorgenommen hat. Bei der Wahl soll die Stärke der Fraktionen nach Möglichkeit berücksichtigt werden. Die gewählten Mitglieder dürfen nicht Mitglieder des Senats oder der Bürgerschaft sein. Wiederwahl ist zulässig (Art. 139). Finanzen Staatsverschuldung Das Land Bremen hat seit vielen Jahren die mit Abstand höchste Pro-Kopf-Verschuldung aller deutschen Bundesländer. 2007 lag diese bei 22.000, im Jahr 2011 bei 28.638 Euro je Einwohner. Aufgrund der unterschiedlichen Verwaltungsstruktur sind solche Angaben jedoch nicht ohne weiteres vergleichbar, da bei dieser Betrachtung nur die Länderhaushalte miteinander verglichen werden. Unter Berücksichtigung der kommunalen Haushalte ergibt sich teilweise ein anderes Bild, da Bremen aus den beiden Kommunen Bremen und Bremerhaven besteht. Nach Angaben des Bundes der Steuerzahler stellt die Staatsverschuldung zusammen mit den hohen Personalausgaben ein großes Problem dar: „Die jährlichen Finanzierungsdefizite von zurzeit 1,2 Milliarden Euro müssen nach und nach zurückgeführt werden.“ Die Pro-Kopf-Verschuldung stieg im Zeitraum 2008–2018 um 37,6 % (siehe im Vergleich dazu die Verschuldung der Bundesländer). Ab 2020 sollen die kommunalen Schulden der Städte Bremen und Bremerhaven in Höhe von etwa 10,6 Milliarden Euro als auch die darauf anfallenden Zinsen auf das Bundesland Freie Hansestadt Bremen verlagert werden.ButenundBinnen.de: Darum sind Bremen und Bremerhaven bald schuldenfrei, 19. Januar 2019 Länderfinanzausgleich Bremen ist seit 1970 „Nehmerland“ im Länderfinanzausgleich.Ausgleichsbeiträgen und -zuweisungen bis 1994 (PDF) Bundesfinanzministerium der Finanzen Die Zuwendungen stiegen von 471 Mio. Euro im Jahr 2005 der Zweiten Verordnung zur Durchführung des Finanzausgleichsgesetzes im Ausgleichsjahr 2005 auf 771 Mio. Euro im Jahr 2019. In einer Studie von 2013, bei der sich die Wiedereinführung der Vermögensteuer an einem Konzept der damaligen rot-grünen Bundesländer orientierte, wurden die daraus resultierenden zusätzlichen Steuereinnahmen nach Bundesländern aufgeschlüsselt. Demnach hätten auch aufgrund des Länderfinanzausgleichs Hamburg und Bremen die höchsten zusätzlichen Steuereinnahmen je Einwohner. Länderfusion und Verhältnis zu Niedersachsen Die Abgrenzung zwischen Bremen und Niedersachsen wurde nach dem Zweiten Weltkrieg unter US-amerikanischer Militärregierung im Einvernehmen mit Bremen und dem Bremer Bürgermeister Wilhelm Kaisen gegenüber der Abgrenzung von 1938/39 verändert. Dabei wurde die angebotene Erweiterung des Umlandes aus politischem Kalkül nicht aufgegriffen. Immer wieder wird eine Fusion mehrerer norddeutscher Länder diskutiert. So wurde ein Zusammenschluss der Länder Niedersachsen und Bremen thematisiert. Eine Fusion stößt traditionell und insbesondere in Bremen, jedoch auch in Niedersachsen, eher auf Ablehnung. Zwischen Bremen und Niedersachsen kam es wiederholt zu Irritationen, die häufig auf von Bremer Seite als ungünstig empfundene Aspekte der Raumordnungs- und Wirtschaftsplanung niedersächsischer Umlandkommunen basierten, in denen große Gewerbegebiete in Konkurrenz zur Bremer Wirtschaft entstanden. Aber auch sogenannte „Bremer Alleingänge“ in der Infrastrukturplanung wurden kritisiert. Bremen in Europa Mit der Verbindung zur Europäischen Politik und Verwaltung ist die Europaabteilung der Bevollmächtigten der Freien Hansestadt Bremen beim Bund, für Europa und Entwicklungszusammenarbeit betraut. Staatsrätin für Bundes- und Europaangelegenheiten und für Entwicklungszusammenarbeit ist Ulrike Hiller (SPD). Bremen wird durch die beiden Abgeordneten Joachim Schuster (SPD) und Helga Trüpel (Bündnis 90/Die Grünen) im Europäischen Parlament vertreten. Das Land Bremen erhält Förderungen aus den Strukturfonds der Europäischen Union, dem Europäischen Sozialfonds (ESF). Dieser wird von der Senatorin für Wirtschaft, Arbeit und Europa verwaltet. Mit den Mitteln werden in Programme und Projekte in Bremen und Bremerhaven zur Armutsbekämpfung und sozialräumliche gezielte Beschäftigungsförderung (BAP) durchgeführt. Das Land Bremen unterhält eine Partnerschaft zur Region Odessa in der Ukraine.Bericht zur Partnerschaft des Landes Bremen mit der Region Odessa Hoheitszeichen Bremen besitzt insgesamt vier Staatsflaggen. Die Staatsflagge mit mittlerem Wappen unterscheidet sich von der mit Flaggenwappen zusätzlich durch die Anzahl ihrer Streifen. Das Flaggenwappen auf der Staatsflagge ist nicht mit dem großen Landeswappen zu verwechseln. Die Behörden greifen meist auf eine Flagge mit Wappen zurück. Die Staatskanzlei Bremen kam dem Wunsch von Privatpersonen, Vereinen und Unternehmen, ihre Zugehörigkeit oder Verbundenheit zu „ihrem Land“ zu dokumentieren, mit einem eigens entwickelten Wappenzeichen nach, da die Landeswappen an sich ausschließlich von den Behörden geführt werden dürfen. Senatsmedaillen Orden zu verleihen oder zu tragen ist nicht bremischer Brauch. In Bremen gibt es aber verschiedene Ehrenmedaillen. Bremische Ehrenmedaille in Gold Senatsmedaille für Kunst und Wissenschaft der Freien Hansestadt Bremen Bremische Rettungsmedaille Wirtschaft und Verkehr Wirtschaft Hafen- und Seewirtschaft → Siehe: Bremische Wirtschaft#Hafen- und Seewirtschaft Aufgrund der Hafengruppe Bremen/Bremerhaven ist das Land Bremen Deutschlands Außenhandelsstandort Nummer zwei, gleich nach Hamburg. Die Palette der verschiedenen Handelsgüter, die hier im- und exportiert werden, erstreckt sich von Fisch-, Fleisch- und Molkereiprodukten über traditionelle Rohstoffe wie Tee, Baumwolle (siehe Bremer Baumwollbörse), Reis und Tabak bis hin zu Wein und Zitrusfrüchten. Besondere Bedeutung besitzt Bremen für den Kaffeeimport und den Autoexport. Der Seehafen Bremerhaven ist Deutschlands größter Umschlagplatz für Automobile. Große Unternehmen In Bremen befinden sich ein Mercedes-Benz-Werk, Airbus – Produktion und Raumfahrt – (EADS, OHB Technology) sowie Lebensmittelindustrie (Kraft Foods, Hachez (bis 2023), Brauerei Beck & Co., Kellogg’s Deutschland (bis 2018), Melitta-Kaffee). Im Bremer Schütting ist die Handelskammer Bremen – IHK für Bremen und Bremerhaven angesiedelt. Wirtschaftsleistung Verglichen mit dem Bruttoinlandsprodukt der Europäischen Union erreichte Bremen 2014 einen Index von 161,0 (EU-28: 100,0 Deutschland: 126,0). 2017 betrug die Wirtschaftsleistung in der Freien Hansestadt Bremen gemessen am Bruttoinlandsprodukt rund 37 Milliarden Euro. Bremerhaven ist ein wichtiger Standort der Offshore-Windenergie-Aktivitäten in Deutschland. Energieversorgung → siehe Bremische Wirtschaft#Energiewirtschaft In der Freien Hansestadt Bremen werden mehrere Kraftwerke mit fossilen Brennstoffen betrieben, die auch das niedersächsische Umland mit elektrischem Strom versorgen. In den beiden Städten Bremen und Bremerhaven ist jeweils eine Müllverbrennungsanlage in Betrieb, deren Abwärme für Fernheizung genutzt wird. Bereits in den 1990er Jahren begann die Entwicklung der Erneuerbaren Energien. Bis 2013 wurden im Land selbst und in den umliegenden niedersächsischen Gemeinden Windkraftanlagen mit einer Gesamtleistung von rund 195 MW angeschlossen, womit die Region hinsichtlich der Leistung pro Fläche eine Spitzenstellung in Deutschland einnimmt. Nach Angaben der Bundesnetzagentur waren Ende 2012 in der Freien Hansestadt Bremen 77 Windkraftanlagen mit einer Leistung von insgesamt 149 MW in Betrieb, was etwa 355 kW je km² Landesfläche bedeutet. Tourismus → siehe Bremische Wirtschaft#Tourismus Verkehr Schiffsverkehr Bremen und Bremerhaven bilden zusammen den zweitgrößten Seehafen Deutschlands. Schwerpunkte in den Bremer Häfen sind hierbei insbesondere der Autoumschlag, Containerterminal und Fischereihafen in Bremerhaven sowie der Neustädter Hafen in Bremen. Die Hafenmanagementgesellschaft nennt sich Bremenports und befindet sich zu 100 % in Besitz der Stadtgemeinde Bremen, auch wenn sich ihr Zuständigkeitsbereich auf beide Städte und somit auch auf die Häfen in Bremerhaven erstreckt. In der Freien Hansestadt Bremen bestehen mehrere Fährverbindungen über die Weser. Diese Verbindungen bestehen zwischen Bremerhaven und Nordenham, zwischen Bremen-Farge und Berne, zwischen Bremen-Blumenthal und Motzen, sowie zwischen Bremen-Vegesack und Lemwerder. Eisenbahn Bremen und Bremerhaven sind durch eine elektrifizierte zweigleisige Haupteisenbahnlinie miteinander verbunden. Von Bremen Hauptbahnhof aus führen ferner Verbindungen nach Hamburg, Hannover, Uelzen, ins Ruhrgebiet, nach Delmenhorst–Oldenburg/–Osnabrück/-Nordenham und in den Stadtteil Vegesack, von wo aus die Farge-Vegesacker Eisenbahn den Stadtteil Blumenthal erschließt. Von Bremerhaven Hauptbahnhof aus führen Eisenbahnverbindungen nach Cuxhaven und nach Bremervörde/Hamburg. Der Bremer Hauptbahnhof ist in die zweithöchste deutsche Preisklasse eingestuft. Insgesamt gibt es in der Freien Hansestadt Bremen 27 Haltepunkte der Eisenbahn für den Personenverkehr sowie mehr als zehn Güter- und Rangierbahnhöfe. Bis 2001 war auch Bremerhaven in das Fernverkehrsnetz der Deutschen Bahn eingebunden. Seitdem ist nur noch der Hauptbahnhof Bremen im nationalen und internationalen Fernverkehr erreichbar, die übrigen Verbindungen gehören zum Regionalverkehr. Die Hauptbahnhöfe Bremen und Bremerhaven sind Durchgangsbahnhöfe. Straßen Beide Landesteile werden durch die Autobahn A 27 miteinander verbunden. Im Norden der Stadt Bremen verläuft die A 270 und im Stadtgebiet selbst ist derzeit der weitere Ausbau der A 281 geplant. Ferner tangiert die A 1 die Stadt Bremen. Die Freie Hansestadt Bremen ist das erste und bisher einzige Bundesland mit einem durchgehenden Tempolimit von 120 km/h auf den durch das Hoheitsgebiet führenden Autobahnen. Flugverkehr In Bremen-Neuenland befindet sich der internationale Flughafen Bremen. Bis 2016 befand sich in Bremerhaven-Luneort ein kleinerer Flugplatz, der Verkehrslandeplatz Bremerhaven-Luneort. Dieser wurde geschlossen, um Flächen für die Windkraftindustrie erschließen zu können und um den geplanten Offshore-Terminal Bremerhaven (OTB) zu realisieren. Der OTB wurde allerdings bis heute (2020) nicht gebaut. Öffentliche Einrichtungen Allgemein Die Polizei Bremen ist auch die Landespolizei der Freien Hansestadt Bremen. Die oberen Gerichte der Freien Hansestadt Bremen, alle mit Sitz in der Stadtgemeinde Bremen, sind: Der Staatsgerichtshof Das Oberlandesgericht Das Landesarbeitsgericht Das Finanzgericht Das Landessozialgericht mit einer Zweigstelle Das Oberverwaltungsgericht Um die 40 Konsulate und Honorarkonsulate befinden sich in der Freien Hansestadt Bremen. Als Körperschaften und Anstalten des öffentlichen Rechts sind u. a. tätig: Die Arbeitnehmerkammer Bremen Die Handelskammer Bremen Die Industrie- und Handelskammer Bremerhaven Die Handwerkskammer Bremen Die Hanseatische Rechtsanwaltskammer Die Bremer Notarkammer Die Bremische Landesmedienanstalt Radio Bremen Im Umweltinformationssystem BUISY sind aktuelle Luftgütedaten sowie Messwerte auch zu Badegewässern abrufbar. Bildung, Wissenschaft und Forschung Schulwesen Hochschulen im Land Bremen Universität Bremen: Mit drei Einrichtungen, die durch die Exzellenzinitiative gefördert werden. Die private Constructor University Hochschule Bremen Hochschule Bremerhaven Hochschule für Künste Bremen Wissenschaftliche Einrichtungen Fraunhofer-Institut für Fertigungstechnik und Angewandte Materialforschung in Bremen Fraunhofer-Institut für Digitale Medizin MEVIS in Bremen Max-Planck-Institut für marine Mikrobiologie (MPI-MM) in Bremen Zentrum für Marine Umweltwissenschaften (MARUM) in Bremen Leibniz-Zentrum für Marine Tropenforschung (zmt) in Bremen Deutsches Schifffahrtsmuseum in Bremerhaven (Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft), Deutsches Zentrum für Polarforschung im Alfred-Wegener-Institut (Mitglied der Helmholtz-Gemeinschaft) in Bremerhaven, Staats- und Universitätsbibliothek Bremen Bremen hat sich in den letzten Jahrzehnten zu einem bedeutenden Standort für Meereswissenschaften entwickelt. 2005 wurden Bremen und Bremerhaven vom Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft zur Stadt der Wissenschaft 2005 gewählt. Gesundheitswesen Behörde und Körperschaften Der Senator für Gesundheit Die Ärztekammer Bremen Die Kassenärztliche Vereinigung Bremen Die Kassenzahnärztliche Vereinigung Bremen Die Tierärztekammer Kliniken Klinikverbund Gesundheit Nord mit: Dem Klinikum Bremen-Mitte Dem Klinikum Bremen-Nord Dem Klinikum Bremen-Ost Dem Klinikum Links der Weser Freie Kliniken Bremen mit: Dem Rotes-Kreuz-Krankenhaus Dem Diako Krankenhaus Bremen Dem Krankenhaus St. Joseph Stift Bremen Der Roland-Klinik Private Fachkliniken wie u. a.: Das AMEOS Klinikum Bremen Die Paracelsus-Klinik Bremen Landesuntersuchungsamt für Chemie, Hygiene und Veterinärmedizin Das Klinikum Bremerhaven (Zentralkrankenhaus Reinkenheide), eine kommunale Klinik Das AMEOS Klinikum Am Bürgerpark Bremerhaven Das AMEOS Klinikum Mitte Bremerhaven Die ARCHE Klinik Bremerhaven Sport → Sportanlagen und Sportvereine sind zu finden in den Artikeln zu den Stadt- bzw. Ortsteilen von Bremen und Bremerhaven. Der Sport in der Freien Hansestadt Bremen wird in rund 450 Bremer und Bremerhavener Sportvereinen mit rund 160.000 Mitgliedern betrieben. Er wird vertreten durch den Landessportbund Bremen (LSB) als Dachverband, den Kreissportbünden Bremen, Bremen-Nord und Bremerhaven und den um die 50 Sportfachverbänden. Der Breitensport ist ein besonderes Anliegen. Organisatorisch sind Bremer und Bremerhavener Sportvereine oft eng mit denen aus Niedersachsen verzahnt. Der älteste, noch bestehende Verein Vorwärts in Bremen wurde 1846 als Arbeiterbildungsverein von Zigarrenmachern gegründet und hatte seinen Sitz von 1853 bis 1973 im Haus Vorwärts. Der älteste Verein in Bremerhaven wurde 1859 vom Pädagogen Justus Lion als Turnverein Bremerhaven gegründet, woraus 1919 der ATS Bremerhaven (ATSB) und 1972 der OSC Bremerhaven mit rund 4500 Mitgliedern (2013) hervorging. Der größte und erfolgreichste Verein in Bremen ist der SV Werder Bremen mit rund 40.100 Mitgliedern (2021), gefolgt von Bremen 1860 mit ca. 6400 Mitgliedern (2016). Sportarten von Bedeutung Auswahl, alphabetisch geordnet Basketball: Die Eisbären Bremerhaven spielen in der ProA. Eishockey: Die Fischtown Pinguins vom REV aus Bremerhaven spielen in der DEL. Floorball: Der TV Eiche Horn (Herren) in der Bundesliga. Fußball: Der SV Werder Bremen spielt in der Bundesliga. In der ewigen Tabelle der Fußball-Bundesliga steht Werder auf dem 3. Platz. Werder wurde viermal Deutscher Meister, sechsmal DFB-Pokalsieger und einmal Europapokalsieger der Pokalsieger. Werder Bremens Frauen spielen in der Bundesliga. Handball: Der TV Grambke-Bremen war in den 1970er bis 1990er Jahren eine Hochburg des Handballs. Der TuS Walle Bremen wurde in den 1990er Jahren bei den Frauen fünfmal Deutscher Handballmeister. Hockey: Die 1. Damen des Bremer Hockey Clubs (BHC) spielen in der höchsten Spielklasse Deutschlands (1. Bundesliga). Dies tun sie auf dem Feld und auch in der Halle. Hockey wird auch Feldhockey genannt. Judo: Die Frauen vom TV Eiche Horn kämpfen (2013) in der 2. Judo-Bundesliga. Kegeln: Die Damen von der SG LTS/KCN Bremerhaven sind (2013) in der Kegel-Bundesliga (Bohle). Rhythmische Sportgymnastik: In Bremen befindet sich seit 1992 der Bundesstützpunkt für die Rhythmische Sportgymnastik. Lena Rübke wurde von 2008 bis 2010 vielfache Deutsche Meisterin in verschiedenen Übungen. Rudern: Die Große Bremer Ruderregatta findet seit 1879 jährlich auf dem Werdersee statt. Knud Lange vom Bremerhavener Ruderverein errang bei den Ruder-Weltmeisterschaften mehrere WM-Medaillen (2006, 2008 und 2009). Rugby: Bremen 1860/Union 60 Bremen spielt (2013) in der 2. Rugby-Bundesliga. Schach: Werder Bremen spielt in der Schach-Bundesliga. Squash: Der 1. Bremer Squash-Club von 1976 spielt (2013) in der Bundesliga. Tanzsport: Die Städte Bremerhaven und Bremen gelten als überregional bekannte Zentren im Tanzsport. Die Tanzsportgemeinschaft Bremerhaven (TSG) von 1971 wurden 20-mal Deutscher Meister, zehnmal Europameister, 14-mal Weltmeister und viermal Bremer Mannschaft des Jahres (1997, 1999, 2001 und 2002). Beim Grün-Gold-Club Bremen tanzte das A-Team von 1998 bis 2002 in der 2. Bundesliga und stieg 2002 in die 1. Bundesliga auf. Das A-Team wurde Weltmeister 2006, 2009 und 2012; Europameister 2007, 2008 und 2010; Deutscher Meister 2004, 2005 und von 2007 bis 2012. Es war siebenmal Bremer Mannschaft des Jahres von 2003 bis 2009. Das B-Team tanzt seit 2002/2003 ebenfalls in der 1. Bundesliga. Tennis: Die Herrenmannschaft des Bremerhavener TV 1905 spielt in der 1. Tennis-Bundesliga. Tischtennis: Werder Bremen spielt seit 2007 in der Tischtennis-Bundesliga. Religion Konfessionsstatistik Im Jahr 1970 waren 82,4 % der Einwohner evangelische Kirchenmitglieder, 10,2 % römisch-katholische und lediglich 7,4 % waren konfessionslos oder gehörten sonstigen Glaubensgemeinschaften an. Der Anteil der katholischen Kirchenmitglieder an der Gesamtbevölkerung und vor allem die der evangelischen Kirchenmitglieder ist seitdem gesunken, während der Anteil der Einwohner mit sonstiger Konfession oder ohne Konfession beträchtlich zugenommen hat. Ende 2024 waren von den Einwohnern 25,7 % evangelisch, 8,2 % katholisch und 66,1 % gehörten sonstigen oder keinen Glaubensgemeinschaft an.Kirchenmitglieder in den Bundesländern 2024, abgerufen am 21. Juli 2025 Evangelische Kirche Die Entwicklung in Bremen folgt dem Trend der meisten der früher überwiegend von evangelischen Kirchenmitgliedern bewohnten Großstädte in Deutschland. Anfang des 20. Jahrhunderts noch die absolut dominierende und damit beherrschende Kirche (über 90 %) beläuft sich dieser Anteil mittlerweile auf ein Drittel.Bremen Religionszugehörigkeiten 1871–2018 Die evangelische Landeskirche (Bremische Evangelische Kirche in Bremen und Bremerhaven-Mitte) hat sowohl eine lutherische wie auch eine reformierte Tradition und ist somit eine unierte Kirche. Daneben gehören Christen in den übrigen Teilen Bremerhavens, die früher zum Königreich Hannover gehörten, zur Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers. Katholische Kirche Die römisch-katholischen Christen gehören zum Dekanat Bremen des Bistums Osnabrück (Bremen/südlich der Lesum) und zu den Dekanaten Bremerhaven und Bremen-Nord des Bistums Hildesheim (Bremerhaven und Bremen-Nord/nördlich der Lesum). Altkatholische Kirche Es gibt eine Gemeinde der Altkatholischen Kirche, die zur Theresiendomgemeinde in Nordstrand gehört. Altkatholische Messen werden in der römisch-katholischen Kirche am Krankenhaus St.-Joseph-Stift abgehalten. Freikirchen Daneben gibt es in Bremen noch eine Reihe von Freikirchen, darunter die Apostolische Gemeinschaft, die Neuapostolische Kirche und die Siebenten-Tags-Adventisten. Zeugen Jehovas Die Zeugen Jehovas sind mit Gemeinden im Stadtgebiet vertreten. Judentum In Bremen-Schwachhausen befindet sich eine Synagoge. In Hastedt ist der alte Jüdische Friedhof Deichbruchstraße und am Riensberg zwischen der H.-H.-Meier-Allee Nr. 80 und der Beckfeldstraße (Zugang) wurde im November 2008 der neue Jüdische Friedhof fertig gestellt. In Bremerhaven gibt es die Jüdische Gemeinschaft Bremerhaven. Islam Die Muslime sind in einer Vielzahl von Gemeinden und Vereinen organisiert. Die größte Moschee ist die Fatih-Moschee in Bremen-Gröpelingen. In Bremerhaven befinden sich u. a. die Moschee Merkez Camii in Lehe. 2011 lebten ca. 40.000 Muslime in Bremen (6 %). Zu den in Bremen aktiven muslimischen Verbänden gehören: die „Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion“ (DITIB), der „Verband der Islamischen Kulturzentren“ (VIKZ), die „Islamische Föderation Bremen“ (IFB) und der Dachverband „Schura – Islamische Religionsgemeinschaft Bremen e. V.“ Sonstige Angehörige asiatischer Religionsgemeinschaften sind in weniger festgefügten Organisationsformen, z. B. Buddhisten. Der Eldaring e. V. (bundesweiter Verein des germanischen Neuheidentums) hat einen Herd und Stammtisch in Bremen, der sich monatlich trifft. Siehe auch Landesverfassung der Freien Hansestadt Bremen Bremer Bürgerschaft Liste der Bremer Bundestagsabgeordneten Literatur Weblinks Offizielle Website der Freien Hansestadt Bremen Offizielle Website der Bremischen Bürgerschaft Landesverfassung der Freien Hansestadt Bremen Literatur über Bremen in der Niedersächsischen Bibliographie Wahlen zur Bremer Nationalversammlung 1919 und den Bürgerschaften 1920–1933 Einzelnachweise Carl V. Scholz (Übers.): . Bremische Bürgerschaft, Schuster Leer, Bremen 2004, ISBN 3-7963-0362-5 Nach der Europäischen Charta der Regional- oder Minderheitensprachen Seit Inkrafttreten des Staatsvertrages zur Luneplate. Bremen, Senator für Umweltschutz und Stadtentwicklung 1992: Landschaftsprogramm Bremen 1991 Statistisches Landesamt Bremen Senator für das Bauwesen und Niedersächsischer Minister des Innern: Bremen-Niedersachsen. 10 Jahre gemeinsame Landesplanung, S. 116 f. Bremen 1973. Schwarzwälder: Das Große Bremen-Lexikon, Bd. I., S. 275, Edition Temmen, Bremen 2003. Bremer Urkundenbuch. Band 1 Nr. 234, 31. Juli 1246, Gerhardsche Reversalen, S. 269. Wikisource: Vierte Verordnung über den Neuaufbau des Reichs vom 28. September 1939 Bettina Blank: Die westdeutschen Länder und die Entstehung der Bundesrepublik – Zur Auseinandersetzung um die Frankfurter Dokumente vom Juni 1948. Oldenbourg Wissenschaftsverlag, 1995, S. 57 ff. Bettina Blank: Die westdeutschen Länder und die Entstehung der Bundesrepublik – Zur Auseinandersetzung um die Frankfurter Dokumente vom Juni 1948. Oldenbourg Wissenschaftsverlag, 1995, S. 60. Senat der Freien Hansestadt Bremen, Presse- und Informationsdienst: 1947: Bremens Eigenständigkeit wird wiederhergestellt: amerikanisch-britische Vereinbarung am 21. Januar 1947, Proklamation N°. 3 der amerikanischen Militärregierung am 22. Januar, Gründung am 7. Februar rückwirkend zum 1. Januar Kai Arzheimer: Landtagswahlen in Bremen (PDF) Sicherung der Bremer Eigenständigkeit In: WP Wilhelm Kaisen Bremen Bremen Bremen Bremen Bremen Bremen
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Buddhismus
mini|Buddha-Statue in der Seokguram-Grotte mini|Die Internationale Buddhistische Flagge wurde 1885 erstmals verwendet und ist seit 1950 internationales Symbol des Buddhismus Der Buddhismus ist eine der großen Weltreligionen. Im Gegensatz zu anderen großen Religionen ist der Buddhismus keine theistische Religion, und daher hat er auch nicht die Verehrung eines allmächtigen Gottes als sein Zentrum (wie es etwa im Christentum der Fall ist). Vielmehr gründen sich die meisten buddhistischen Lehren auf umfangreiche philosophisch-logische ÜberlegungenMichael von Brück: Buddhismus – Philosophie oder Religion? S. 39–64, und Michael Zimmermann: Der Buddhismus – Mehr als Religion und Philosophie. In: Carola Roloff, Michael Zimmermann (Hrsg.): Buddhismus im Westen: ein Dialog zwischen Religion und Wissenschaft. Waxmann, Münster 2011, ISBN 978-3-8309-2555-2, S. 65–70. in Verbindung mit Leitlinien der Lebensführung, wie es auch im chinesischen Daoismus und Konfuzianismus der Fall ist. Zudem ist die Praxis der Meditation und daraus herrührendes Erfahrungswissen ein wichtiges Element im Buddhismus. Wie andere Religionen umfasst auch der Buddhismus ein weites Spektrum an Erscheinungsformen, die sowohl philosophische Lehre beinhalten als auch Klosterwesen, kirchen- oder vereinsartige Religionsgemeinschaften und einfache Volksfrömmigkeit. Sie werden im Fall des Buddhismus aber durch keine zentrale Autorität oder Lehrinstanz, die Dogmen verkündet, zusammengehalten. Gemeinsam ist allen Buddhisten, dass sie sich auf die Lehren des Siddhartha Gautama berufen, der in Nordindien lebte, nach den heute in der Forschung vorherrschenden Datierungsansätzen im 6. und möglicherweise noch im frühen 5. Jahrhundert v. Chr. Er wird als der „historische Buddha“ bezeichnet, um ihn von den mythischen Buddha-Gestalten zu unterscheiden, die nicht historisch bezeugt sind. „Buddha“ bedeutet wörtlich „der Erwachte“ und ist ein Ehrentitel, der sich auf ein Erlebnis bezieht, das als Bodhi („Erwachen“) bezeichnet wird. Gemeint ist damit nach der buddhistischen Lehre eine fundamentale und befreiende Einsicht in die Grundtatsachen allen Lebens, aus der sich die Überwindung des leidhaften Daseins ergibt. Diese Erkenntnis nach dem Vorbild des historischen Buddha durch Befolgung seiner Lehren zu erlangen, ist das Ziel der buddhistischen Praxis – wobei von den beiden Extremen der selbstzerstörerischen Askese und des ungezügelten Hedonismus, aber auch generell von Radikalismus abgeraten wird, vielmehr soll ein Mittlerer Weg eingeschlagen werden.Hans Wolfgang Schumann: Der historische Buddha. Leben und Lehre des Gotama. München 2004, S. 82 f. (mit Quellentext). In diesem Zusammenhang stellen die Aussagen des Religionsgründers Buddha in der Überlieferung die zentrale Autorität dar, und es gibt einen historisch gewachsenen Kanon an Texten, mit dem im Rahmen von Buddhistischen Konzilien die Grundlinien der Religion bestimmt worden sind (siehe Buddhistischer Kanon). Gleichwohl handelt es sich nicht um Dogmen im Sinne einer Offenbarungsreligion, deren Autorität sich auf den Glauben an eine göttlich inspirierte heilige Schrift stützt. Dementsprechend wird der Buddha im Buddhismus verehrt, aber nicht in einem engeren Sinne angebetet. Der Buddhismus hat weltweit je nach Quelle und Zählweise zwischen 230 und 500 MillionenEncyclopædia Britannica 2005 (englisch).Todd M. Johnson, Brian J. Grim: The World’s Religions in Figures: An Introduction to International Religious Demography. Wiley-Blackwell, Hoboken, NJ 2013, S. 34 (Chapter 1 Global Religious Populations, 1910–2010, PDF; 1,2 MB). Anhänger – und ist damit die viertgrößte Religion der Erde (nach Christentum, Islam und Hinduismus). Der Buddhismus stammt aus Indien und ist heute am meisten in Süd-, Südost- und Ostasien verbreitet. Etwa die Hälfte aller Buddhisten lebt in China.Todd M. Johnson, Brian J. Grim: The World’s Religions in Figures: An Introduction to International Religious Demography. Wiley-Blackwell, Hoboken, NJ 2013, S. 35 (Chapter 1 Global Religious Populations, 1910–2010, PDF; 1,2 MB). Er hat seit dem 19. Jahrhundert aber auch begonnen, in der westlichen Welt Fuß zu fassen. Überblick Entwicklung mini|hochkant=2|Die fünf ersten Schüler des Buddha mit dem Dharmachakra, einer symbolischen Darstellung der Lehre, das in der frühen buddhistischen Kunst auch für den Buddha selbst steht Der Buddhismus entstand auf dem indischen Subkontinent durch Siddhartha Gautama. Der Überlieferung zufolge erlangte er im Alter von 35 Jahren durch das Erlebnis des „Erwachens“ eine innere Transformation. Zunächst habe er es nicht für möglich gehalten, über seine Einsichten überhaupt zu sprechen, habe sich aber dann dazu bewegen lassen, sie in eine ausformulierte Lehre zu kleiden, um sie nach Möglichkeit weiterzugeben.Hans Wolfgang Schumann: Der historische Buddha. Leben und Lehre des Gotama. München 2004, S. 80 f. Er gewann bald Schüler und gründete die buddhistische Gemeinde. Bis zu seinem Tod im Alter von etwa 80 Jahren wanderte er schließlich lehrend durch Nordindien. Von der nordindischen Heimat Siddhartha Gautamas verbreitete sich der Buddhismus zunächst auf dem indischen Subkontinent, auf Sri Lanka und in Zentralasien. Insgesamt sechs buddhistische Konzile trugen zur „Kanonisierung“ der Lehren und, gemeinsam mit der weiteren Verbreitung in Ost- und Südostasien, zur Entwicklung verschiedener Traditionen bei. Der nördliche Buddhismus (Mahayana) erreichte über die Seidenstraße Zentral- und Ostasien, wo sich weitere Traditionen, wie etwa Chan (China), Zen (Japan) und Amitabha-Buddhismus (Ostasien), entwickelten. In die Himalaya-Region gelangte der Buddhismus auch direkt aus Nordindien; dort entstand der Vajrayana (Tibet, Bhutan, Nepal, Mongolei u. a.). Aspekte des Buddhismus drangen auch in andere religiöse Traditionen ein oder gaben Impulse zu deren Institutionalisierung (vgl. Bön und Shintō bzw. Shinbutsu-Shūgō). Von Südindien und Sri Lanka gelangte der südliche Buddhismus (Theravada) in die Länder Südostasiens, wo er den Mahayana verdrängte. Der Buddhismus trat in vielfältiger Weise mit den Religionen und Philosophien der Länder, in denen er Verbreitung fand, in Wechselwirkung. Dabei wurde er auch mit religiösen und philosophischen Traditionen kombiniert, deren Lehren sich von denen des ursprünglichen Buddhismus stark unterscheiden. Lehre mini|Das Dharmachakra (Rad der Lehre) ist das Symbol der Lehre des Buddha.Klaus-Josef Notz: Herders Lexikon des Buddhismus. Hohe, Erftstadt 2007, S. 133. Die acht Speichen des Rades weisen auf den Edlen Achtfachen Pfad hin. Die Grundlagen der buddhistischen Praxis und Theorie sind vom Buddha in Form der Vier Edlen Wahrheiten Dalai Lama: Einführung in den Buddhismus. Die Harvard-Vorlesungen. Herder Verlag, Freiburg 1998. Insbesondere S. 42ff. formuliert worden: Die Erste Edle Wahrheit lautet, dass das Leben in der Regel vom Leiden (dukkha) an Geburt, Alter, Krankheit und Tod geprägt ist, sowie von subtileren Formen des Leidens, die vom Menschen oft nicht als solches erkannt werden, wie etwa das Hängen an einem Glück, das jedoch vergänglich ist (in diesem Zusammenhang wird darauf hingewiesen, dass das Wort „dukkha“ sich auch auf Bedeutungen wie „Unbefriedigtsein, Frustration“ erstreckt). Die Zweite Edle Wahrheit lautet, dass dieses Leid in Abhängigkeit von Ursachen entsteht, nämlich im Wesentlichen durch die Drei Geistesgifte, die in deutscher Übersetzung meist als „Gier“, „Hass“ und „Unwissenheit / Verblendung“ bezeichnet werden. Die Dritte Edle Wahrheit besagt, dass das Leiden, da durch Ursachen bedingt, zukünftig aufgehoben werden kann, wenn nur diese Ursachen aufgelöst werden können, und dass dann vollständige Freiheit von Leiden erlangt werden kann (also auch Freiheit von Geburt und Tod). Die Vierte Edle Wahrheit besagt, dass es Mittel zu dieser Auflösung der Leidensursachen gibt, und damit zur Entstehung von wirklichem Glück: Dies ist die Praxis der Übungen des Edlen Achtfachen Pfades. Sie bestehen in: rechter Erkenntnis, rechter Absicht, rechter Rede, rechtem Handeln, rechtem Lebenserwerb, rechter Übung, rechter Achtsamkeit und rechter Meditation, wobei mit recht die Übereinstimmung der Praxis mit den Vier Edlen Wahrheiten, also der Leidvermeidung, gemeint ist. Nach der buddhistischen Lehre sind alle unerleuchteten Wesen einem endlosen leidvollen Kreislauf (Samsara) von Geburt und Wiedergeburt unterworfen, Ziel der buddhistischen Praxis ist, aus diesem Kreislauf des ansonsten immerwährenden Leidenszustandes herauszutreten. Dieses Ziel soll durch die Vermeidung von Leid, also ethisches Verhalten, die Kultivierung der Tugenden (Fünf Silas), die Praxis der „Versenkung“ (Samadhi, vgl. Meditation) und die Entwicklung von Mitgefühl (hier klar unterschieden von Mitleid) für alle Wesen und allumfassender Weisheit (Prajna) als Ergebnisse der Praxis des Edlen Achtfachen Pfades erreicht werden. Auf diesem Weg werden Leid und Unvollkommenheit überwunden und durch Erleuchtung (Erwachen) der Zustand des Nirwana realisiert. Nirwana ist nicht einfach ein Zustand, in dem kein Leid empfunden wird, sondern eine umfassende Transformation des Geistes, in dem auch alle Veranlagungen, Leiden je hervorzubringen, verschwunden sind.Hans Wolfgang Schumann: Der historische Buddha. Leben und Lehre des Gotama. 4. Auflage der Neuausgabe. Eugen Diederichs Verlag, München 1997. Seite 175. Es ist ein transzendenter Zustand, der nicht sprachlich oder vom Alltagsverstand erfasst werden kann, aber im Prinzip von jedem fühlenden Wesen verwirklicht werden könnte. Indem jemand Zuflucht zum Buddha (dem Zustand), zum Dharma (Lehre und Weg zu diesem Zustand) und zur Sangha (der Gemeinschaft der Praktizierenden) nimmt, bezeugt er seinen Willen zur Anerkennung und Praxis der Vier Edlen Wahrheiten und seine Zugehörigkeit zur Gemeinschaft der Praktizierenden des Dharma. Die Sangha selbst unterteilt sich in die Praktizierenden der Laien-Gemeinschaft und die ordinierten der Mönchs- bzw. Nonnenorden. Siddhartha Gautama mini|hochkant|Siddhartha Gautama, hier als Statue am Niederrhein in der Darstellung als Buddha Shakyamuni (Ehrentitel: Der Weise aus dem Geschlecht der Shakya) Die Lebensdaten Siddhartha Gautamas gelten traditionell als Ausgangspunkt für die Chronologie der südasiatischen Geschichte, sie sind jedoch umstritten. Die herkömmliche Datierung (563–483 v. Chr.) wird heute kaum noch vertreten. Die neuere Forschung geht davon aus, dass Siddhartha nicht 563 v. Chr. geboren wurde, sondern mehrere Jahrzehnte, vielleicht ein Jahrhundert später. Die gegenwärtig vorherrschenden Ansätze für die Datierung des Todes schwanken zwischen ca. 420 und ca. 368 v. Chr.Heinz Bechert: In: Indologica Taurinensia. 10, 1982, S. 29–36.Heinz Bechert: Die Lebenszeit des Buddha – das älteste feststehende Datum der indischen Geschichte? In: Nachrichten der Akademie der Wissenschaften in Göttingen. Philologisch-Historische Klasse. Jg. 1986, Nr. 4.Richard Gombrich: Rezension von Heinz Bechert: Die Lebenszeit des Buddha. In: Göttingische gelehrte Anzeigen. 246, 1994, H. 1/2, S. 86–96; zahlreiche kontroverse Diskussionen in Heinz Bechert (Hrsg.): The Dating of the Historical Buddha. 3 Bände. Göttingen 1991–1997. Nach der Überlieferung wurde Siddhartha in Lumbini im nordindischen Fürstentum Kapilavastu, heute ein Teil Nepals, als Sohn des Herrscherhauses von Shakya geboren. Daher trägt er den Beinamen Shakyamuni, „Weiser aus dem Hause Shakya“. Im Alter von 29 Jahren wurde ihm bewusst, dass Reichtum und Luxus nicht die Grundlage für Glück sind. Er erkannte, dass Leid wie Altern, Krankheit, Tod und Schmerz untrennbar mit dem Leben verbunden ist, und brach auf, um verschiedene Religionslehren und Philosophien zu erkunden, um die wahre Natur menschlichen Glücks zu finden. Sechs Jahre der Askese, des Studiums und danach der Meditation führten ihn schließlich auf den Weg der Mitte. Unter einer Pappelfeige in Bodhgaya im heutigen Nordindien hatte er das Erlebnis des Erwachens (Bodhi). Wenig später hielt er in Isipatana, dem heutigen Sarnath, seine erste Lehrrede und setzte damit das „Rad der Lehre“ (Dharmachakra) in Bewegung. Danach verbrachte er als ein Buddha den Rest seines Lebens mit der Unterweisung und Weitergabe der Lehre, des Dharma, an die von ihm begründete Gemeinschaft. Diese Vierfache Gemeinschaft bestand aus den Mönchen (Bhikkhu) und Nonnen (Bhikkhuni) des buddhistischen Mönchtums sowie aus männlichen Laien (Upāsaka) und weiblichen Laien (Upasika). Mit seinem (angeblichen) Todesjahr im Alter von 80 Jahren beginnt die buddhistische Zeitrechnung. Geschichte und Verbreitung des Buddhismus mini|Stupa in Bodnath, Nepal Die ersten drei Konzile Drei Monate nach dem Tod des Buddha traten seine Schüler in Rajagarha zum ersten Konzil (sangiti) zusammen, um den Dhamma (die Lehre) und den Vinaya (die Mönchsregeln) zu besprechen und gemäß den Unterweisungen des Buddha festzuhalten. Die weitere Überlieferung erfolgte mündlich. Etwa 100 Jahre später fand in Vesali das zweite Konzil statt. Diskutiert wurden nun vor allem die Regeln der Mönchsgemeinschaft, da es bis dahin bereits zur Bildung verschiedener Gruppierungen mit unterschiedlichen Auslegungen der ursprünglichen Regeln gekommen war. Während des zweiten Konzils und den folgenden Zusammenkünften kam es zur Bildung von bis zu 18 verschiedenen Schulen (Nikaya-Schulen), die sich auf unterschiedliche Weise auf die ursprünglichen Lehren des Buddha beriefen. Daneben entstand auch die Mahasanghika, die für Anpassungen der Regeln an die veränderten Umstände eintrat und als früher Vorläufer des Mahayana betrachtet werden kann. Die ersten beiden Konzile sind von allen buddhistischen Schulen anerkannt.Helwig Schmidt-Glintzer: Der Buddhismus. C. H. Beck, München 2005, S. 42. Die anderen Konzilien werden nur von einem Teil der Schulen akzeptiert. Die Historizität der Konzile stuft der Sinologe Helwig Schmidt-Glintzer allerdings als unwahrscheinlich ein. Im 3. Jahrhundert v. Chr. trat in Pataliputra (heute Patna), unter der Schirmherrschaft des Königs Ashoka und dem Vorsitz des Mönchs Moggaliputta Tissa, das 3. Konzil zusammen. Ziel der Versammlung war es, sich wieder auf eine einheitliche buddhistische Lehre zu einigen. Insbesondere Häretiker sollten aus der Gemeinschaft ausgeschlossen und falsche Lehren widerlegt werden. Im Verlauf des Konzils wurde zu diesem Zweck das Buch Kathavatthu verfasst, das die philosophischen und scholastischen Abhandlungen zusammenfasste. Dieser Text wurde zum Kernstück des Abhidhammapitaka, einer philosophischen Textsammlung. Zusammen mit dem Suttapitaka, den niedergeschriebenen Lehrreden des Buddha, und dem Vinayapitaka, der Sammlung der Ordensregeln, bildet es das in Pali verfasste Tipitaka (Sanskrit: Tripitaka, deutsch: „Dreikorb“, auch Pali-Kanon), die älteste große Zusammenfassung buddhistischen Schriftgutes. Nur diese Schriften wurden vom Konzil als authentische Grundlagen der buddhistischen Lehre anerkannt, was die Spaltung der Mönchsgemeinschaft besiegelte. Während der Theravada, die Lehre der Älteren, sich auf die unveränderte Übernahme der ursprünglichen Lehren und Regeln einigte, legte die Mahasanghika keinen festgelegten Kanon von Schriften fest und nahm auch Schriften auf, deren Herkunft vom Buddha nicht eindeutig nachgewiesen werden konnte. Ausbreitung in Südasien und Ostasien mini|hochkant|Buddhistisches Denkmal im Horyu-ji In den folgenden Jahrhunderten verbreitete sich die Lehre in Süd- und Ostasien. Während der Regierungszeit des Königs Aśoka (3. Jahrhundert v. Chr.) verbreitete sich der Buddhismus über ganz Indien und weit darüber hinaus. Auch Teile von Afghanistan gehörten zu seinem Reich. Im Grenzgebiet zu Pakistan entstand dort, beeinflusst von griechischen Bildhauern, die mit Alexander dem Großen ins Land gekommen waren, in Gandhara die graeco-buddhistische Kultur, eine Mischung von indischen und hellenistischen Einflüssen. In deren Tradition entstanden unter anderem die Buddha-Statuen von Bamiyan. Aśoka schickte Gesandte in viele Reiche jener Zeit. So verbreitete sich die Lehre allmählich über die Grenzen jener Region, in welcher der Buddha gelebt und gelehrt hatte, hinaus. Im Westen reisten Aśokas Gesandte bis in den Nahen Osten, Ägypten, zu den griechischen Inseln und nach Makedonien. Über Sri Lanka gelangte die Buddha-Lehre in den folgenden Jahrhunderten zum malayischen Archipel (Indonesien, Borobudur) und nach Südostasien, also Kambodscha (Funan, Angkor), Thailand, Myanmar (Pegu) und Laos. Im Norden und Nordosten wurde der Buddhismus im Hochland des Himalaya (Tibet) sowie in China, Korea und in Japan bekannt. Zurückdrängung in Indien mini|Sanchi, Indien (3. Jh. v. Chr.) Während der Buddhismus so weitere Verbreitung fand, verschwand er aus den meisten Gegenden Indiens ab dem 12. Jahrhundert. Die GründeNach: Edward Conze: Eine kurze Geschichte des Buddhismus. Suhrkamp, Frankfurt 1986, S. 121 ff. werden zum einen in der gegenseitigen Durchdringung von Buddhismus und Hinduismus gesehen, zum anderen in der moslemischen Invasion Indiens, in deren Verlauf viele Mönche getötet und Klöster zerstört wurden. Auch die heute noch bekannten letzten Hochburgen des Buddhismus auf dem indischen Subkontinent (Sindh, Bengalen) gehörten zu den islamisierten Gebieten. Auf dem malayischen Archipel (Malaysia, Indonesien) sind heute (mit Ausnahme Balis) nur noch Ruinen zu sehen, die zeigen, dass hier einstmals buddhistische Kulturen geblüht hatten.B. R. Ambedkar, "The decline and fall of Buddhism," Babasaheb Ambedkar: Writings and Speeches, Bd. III, Government of Maharashtra. 1987, S. 238. Weiterentwicklung Eine vielfältige Weiterentwicklung der Lehre war durch die Worte des Buddha vorbestimmt: Als Lehre, die ausdrücklich in Zweifel gezogen werden darf, hat der Buddhismus sich teilweise mit anderen Religionen vermischt, die auch Vorstellungen von Gottheiten kennen oder die die Gebote der Enthaltsamkeit weniger streng oder gar nicht handhabten. Der Theravada („die Lehre der Ältesten“) hält sich an die Lehre des Buddha, wie sie auf dem Konzil von Patna festgelegt wurde. Er ist vor allem in den Ländern Süd- und Südostasiens (Sri Lanka, Myanmar, Thailand, Laos und Kambodscha) weit verbreitet. Der Mahayana („das große Fahrzeug“) durchmischte sich mehr mit den ursprünglichen Religionen und Philosophien der Kulturen, in denen der Buddhismus einzog. So kamen z. B. in China Elemente des Daoismus hinzu, wodurch schließlich die Ausprägung des Chan-Buddhismus und später in Japan Zen entstand. Insbesondere der Kolonialismus des 19. Jahrhunderts hat in vielen Ländern Asiens zu einer Renaissance des Buddhismus geführt. Die Schaffung einer internationalen buddhistischen Flagge 1885 ist dafür ein symbolischer Ausdruck. Besonders den Initiativen von Thailand und Sri Lanka ist die 1950 erfolgte Gründung der World Fellowship of Buddhists (WFB) zu verdanken. Heutige Verbreitung in Asien mini|hochkant=1.5|Prozentualer Anteil der Buddhisten pro Land, laut Pew Research Center, Stand: 2010 Heute leben weltweit näherungsweise 450 Millionen Buddhisten. Diese Zahl ist jedoch eher als Anhaltspunkt aufzufassen, da es starke Schwankungen zwischen einzelnen Statistiken gibt. Die Länder mit der stärksten Verbreitung des Buddhismus gemessen am prozentualen Anteil der buddhistischen Bevölkerung im jeweiligen Land sind (in dieser Reihenfolge) Thailand, Kambodscha, Myanmar, Bhutan, Sri Lanka, Laos, die Mongolei, Japan, Südkorea, Vietnam, Taiwan, Singapur, Malaysia, China und Nepal. Land Artikel Anteilder buddh. Bevölkerung im jeweiligen Land (in Prozent) überwiegende Strömung Thailand Buddhismus in Thailand 95 Theravada Kambodscha Buddhismus in Kambodscha 93 Theravada Myanmar Buddhismus in Myanmar 87,2 Theravada Bhutan Buddhismus in Bhutan 72 Vajrayana Sri Lanka Buddhismus in Sri Lanka 70,2 Theravada Laos Buddhismus in Laos 66,3 Theravada Mongolei Buddhismus in der Mongolei 40 Vajrayana Japan Buddhismus in Japan 20–67 Mahayana Südkorea Buddhismus in Südkorea 23,7 Mahayana Vietnam Buddhismus in Vietnam 22 Mahayana Taiwan Buddhismus in Taiwan 21,2 Mahayana Singapur Buddhismus in Singapur 21,1 Mahayana Malaysia Buddhismus in Malaysia 19–22 Mahayana China Buddhismus in China 18 unbekannt Nepal Buddhismus in Nepal 8,2 Vajrayana Geringere Anteile, aber gewisse Bekanntheit, haben die Gemeinschaften folgender Staaten: Indien Buddhismus in Indien 0,7 Navayana Russland Buddhismus in Russland 0,6 Vajrayana Situation in anderen Erdteilen Seit dem 19. und insbesondere seit dem 20. Jahrhundert wächst auch in den industrialisierten Staaten Europas, den USA und Australien die Tendenz, sich dem Buddhismus als Weltreligion zuzuwenden. Im Unterschied zu den asiatischen Ländern gibt es im Westen die Situation, dass die zahlreichen und oft sehr unterschiedlichen Ausprägungen der verschiedenen Lehrrichtungen nebeneinander in Erscheinung treten. Organisationen wie die 1975 gegründete EBU (Europäische Buddhistische Union) haben sich zum Ziel gesetzt, diese Gruppen miteinander zu vernetzen und sie in einen Diskurs mit einzubeziehen, der einen längerfristigen Prozess zur Inkulturation und somit Herausbildung eines europäischen Buddhismus begünstigen soll. Ein weiteres Ziel ist die Integration in die europäische Gesellschaft, damit die buddhistischen Vereinigungen ihr spirituelles, humanitäres, kulturelles und soziales Engagement ohne Hindernisse ausüben können. In vielen Ländern Europas wurde der Buddhismus gegen Ende des 20. Jahrhunderts öffentlich und staatlich als Religion anerkannt. In Europa erhielt der Buddhismus zuerst in Österreich die volle staatliche Anerkennung (1983).Webseite der Österreichischen Buddhistischen Religionsgesellschaft, abgerufen am 8. Oktober 2022. In Deutschland und der Schweiz haben die buddhistischen Religionsgemeinschaften keinen öffentlich-rechtlichen Status. Siehe auch: Buddhismus im Westen Buddhismus in Europa Buddhismus in Deutschland Buddhismus in Österreich Buddhismus in der Schweiz Die Lehren des Buddhismus mini|hochkant|Ein dem Buddha zugeschriebener Sinnspruch steht im Karlsruher Garten der Religionen. Es ist der fünfte Vers des Dhammapada. Richtig übersetzt, hieße es „Nicht-Hass“ anstelle von „Liebe“. In seiner ursprünglichen Form, die aus der vorliegenden ältesten Überlieferung nur eingeschränkt rekonstruierbar ist, und durch seine vielfältige Fortentwicklung ähnelt der Buddhismus teils einer in der Praxis angewandten Denktradition oder Philosophie. Der Buddha selbst sah sich weder als Gott noch als Überbringer der Lehre eines Gottes. Er stellte klar, dass er die Lehre, Dhamma (Pali) bzw. Dharma (Sanskrit), nicht aufgrund göttlicher Offenbarung erhalten, sondern vielmehr durch eigene meditative Schau (Kontemplation) ein Verständnis der Natur des eigenen Geistes und der Natur aller Dinge gewonnen habe. Diese Erkenntnis sei jedem zugänglich, der seiner Lehre und Methodik folge. Dabei sei die von ihm aufgezeigte Lehre nicht dogmatisch zu befolgen. Im Gegenteil warnte er vor blinder Autoritätsgläubigkeit und hob die Selbstverantwortung des Menschen hervor. Er verwies auch auf die Vergeblichkeit von Bemühungen, die Welt mit Hilfe von Begriffen und Sprache zu erfassen, und mahnte gegenüber dem geschriebenen Wort oder feststehenden Lehren eine Skepsis an, die in anderen Religionen in dieser Radikalität kaum anzutreffen ist. Von den monotheistischen Religionen (Judentum, Christentum, Islam) unterscheidet der Buddhismus sich grundlegend. So kennt die buddhistische Lehre weder einen allmächtigen Gott noch eine ewige Seele. Das, und auch die Nichtbeachtung des Kastensystems, unterscheidet ihn auch von Hinduismus und Brahmanismus, mit denen er andererseits die Karma-Lehre teilt. In deren Umfeld entstanden, wird er mitunter als eine Reformbewegung zu den vedischen Glaubenssystemen Indiens betrachtet.Vgl. auch Helmuth von Glasenapp: Vedānta und Buddhismus (= Abhandlungen der Akademie der Wissenschaften und der Literatur. Geistes- und sozialwissenschaftliche Klasse. Jahrgang 1950, Band 11). Verlag der Wissenschaften und der Literatur in Mainz (in Kommission bei Franz Steiner Verlag, Wiesbaden). Mit dieser antiritualistischen und antitheistischen Haltung ist die ursprüngliche Lehre des Siddhartha Gautama sehr wahrscheinlich die älteste hermeneutische Religion der Welt.Peter Antes: Grundriss der Religionsgeschichte. (= Theologische Wissenschaft. Band 17). Kohlhammer, Stuttgart 2006, ISBN 3-17-016965-3, S. 65–66.Daniel Tschopp: Buddhistische Hermeneutik. Seminararbeit. Institut für Philosophie der Universität Wien, 2007 (PDF; 324 kB), S. 2–4. Dharma Dharma (Sanskrit) bzw. Dhamma (Pali) bezeichnet im Buddhismus im Wesentlichen zweierlei: Die Lehre Buddhas (im Theravada die des Buddha, im Mahayana und Vajrayana auch zusammen mit den Lehren der Bodhisattvas und großen verwirklichten Meister). Basis des Dharma sind die Vier edlen Wahrheiten. Es bildet eines der Drei Juwelen, der so genannten „Zufluchtsobjekte“, bestehend aus dem Lehrer, der Lehre und der Gemeinschaft der Mönche (Buddha, Dharma und Sangha). Es ist auch Teil der Zehn Betrachtungen (Anussati). Die Gesamtheit aller weltlichen Phänomene, der Natur an sich und der ihr zu Grunde liegenden Gesetzmäßigkeiten (siehe Abschnitt Das bedingte Entstehen). Kern der Lehre des Buddha sind die von ihm benannten Vier Edlen Wahrheiten, aus der vierten der Wahrheiten folgt als Weg aus dem Leiden der Achtfache Pfad. Im Zentrum der „Vier edlen Wahrheiten“ steht das Leiden (dukkha), seine Ursachen und der Weg, es zum Verlöschen zu bringen. Der Achtfache Pfad ist dreigeteilt, die Hauptgruppen sind: die Einsicht in die Lehre, ihre ethischen Grundlagen und die Schwerpunkte des geistigen Trainings (Meditation/Achtsamkeit). Das bedingte Entstehen Die „bedingte Entstehung“, auch „Entstehen in Abhängigkeit“ bzw. „Konditionalnexus“Hans Wolfgang Schumann: Buddhismus. Stifter, Schulen und Systeme. Eugen Diederichs Verlag, Olten 1998, ISBN 3-424-01461-3, S. 87–98. (Pali: Paticcasamuppada, Sanskrit: Pratityasamutpada), ist eines der zentralen Konzepte des Buddhismus. Es beschreibt in einer Kette von 12 miteinander verwobenen Elementen die Seinsweise aller Phänomene in ihrer dynamischen Entwicklung und gegenseitigen Bedingtheit. Die Essenz dieser Lehre kann in dem Satz zusammengefasst werden: „Dieses ist, weil jenes ist“. Ursache und Wirkung: Karma Kamma (Pali) bzw. Karma (Sanskrit) bedeutet „Tat, Wirken“ und bezeichnet das sinnliche Begehren und das Anhaften an die Erscheinungen der Welt (Gier, Hass, Ich-Sucht), die Taten, die dadurch entstehen, und die Wirkungen von Handlungen und Gedanken in moralischer Hinsicht, insbesondere die Rückwirkungen auf den Akteur selbst. Es entspricht in etwa dem Prinzip von Ursache und Wirkung. Karma bezieht sich auf alles Tun und Handeln sowie alle Ebenen des Denkens und Fühlens. All das erzeugt entweder gutes oder schlechtes Karma oder kann karmisch gesehen neutral sein. Gutes wie schlechtes Karma erzeugt die Folge der Wiedergeburten, das Samsara. Höchstes Ziel des Buddhismus ist es, diesem Kreislauf zu entkommen, indem kein Karma mehr erzeugt wird – Handlungen hinterlassen dann keine Spuren mehr in der Welt. Im Buddhismus wird dies als Eingang ins Nirwana bezeichnet. Da dieses Ziel in der Geschichte des Buddhismus oft als unerreichbar in einem Leben galt, ging es, besonders bei den Laien, mehr um das Anhäufen guten Karmas als um das Erreichen des Nirwana in diesem Leben. Gekoppelt daran ist der Glaube, dass das erworbene Verdienst (durch gute Taten, zeitweiligen Beitritt in den Sangha, Spenden an Mönche, Kopieren von Sutras und vieles mehr) auch rituell an andere weitergegeben werden könne, selbst an Verstorbene oder ganze Nationen. Der Kreislauf des Lebens: Samsara Der den wichtigen indischen Religionen gemeinsame Begriff Samsara, „beständiges Wandern“, bezeichnet den fortlaufenden Kreislauf des Lebens aus Tod und Geburt, Werden und Vergehen. Das Ziel der buddhistischen Praxis ist, diesen Kreislauf zu verlassen. Samsara umfasst alle Ebenen der Existenz, sowohl jene, die wir als Menschen kennen, wie auch alle anderen, von den Höllenwesen (Niraya Wesen) bis zu den Göttern (Devas). Alle Wesen sind im Kreislauf des Lebens gefangen, daran gebunden durch Karma: ihre Taten, Gedanken und Emotionen, durch Wünsche und Begierden. Erst das Erkennen und Überwinden dieser karmischen Kräfte ermöglicht ein Verlassen des Kreislaufs. Im Mahayana entstand darüber hinaus die Theorie der Identität von Samsara und Nirwana (in westlich-philosophischen Begriffen also Immanenz statt Transzendenz). Nicht-Selbst und Wiedergeburt Die Astika-Schulen der indischen Philosophie lehrten das „Selbst“ (p. attā, skt. ātman), vergleichbar mit dem Begriff einer persönlichen Seele. Der Buddha verneinte die Existenz von ātta als persönliche und beständige Einheit. Im Gegensatz dazu sprach er von dem „Nicht-Selbst“ (p. anattā, skt. anātman). Die Vorstellung von einem beständigen Selbst ist Teil der Täuschung über die Beschaffenheit der Welt. Gemäß der Lehre des Buddhas besteht die Persönlichkeit mit all ihren Erfahrungen und Wahrnehmungen in der Welt aus den Fünf Gruppen, (p. khandhā, skt. skandhas): Körper, Empfindungen, Wahrnehmungen, Geistesregungen und Bewusstsein. Das Selbst ist aus buddhistischer Sicht keine konstante Einheit, sondern ein von beständigem Werden, Wandeln und Vergehen gekennzeichneter Vorgang. Vor diesem Hintergrund hat das zur Zeit des Buddha bereits existierende Konzept der Wiedergeburt, punabbhava, (p.; puna ‚wieder‘, bhava ‚werden‘)Digital Dictionaries of South Asia: The Pali Text Society’s Pali-English dictionary. In: dsal.uchicago.edu (englisch). im Buddhismus eine Neudeutung erfahren, denn die traditionelle vedische Reinkarnationslehre basierte auf der Vorstellung einer Seelenwanderung. Wiedergeburt bedeutet im Buddhismus aber nicht individuelle Fortdauer eines dauerhaften Wesenskernes, auch nicht Weiterwandern eines Bewusstseins nach dem Tode. Vielmehr sind es unpersönliche karmische Impulse, die von einer Existenz ausstrahlend eine spätere Existenzform mitprägen. Das Erwachen (Bodhi) Bodhi ist der Vorgang des „Erwachens“, oft ungenau mit dem unbuddhistischen Begriff „Erleuchtung“ wiedergegeben. Voraussetzungen sind das vollständige Begreifen der „Vier edlen Wahrheiten“, die Überwindung aller an das Dasein bindenden Bedürfnisse und Täuschungen und somit das Vergehen aller karmischen Kräfte. Durch Bodhi wird der Kreislauf des Lebens und des Leidens (Samsara) verlassen und Nirwana erlangt. Die buddhistische Tradition kennt drei Arten von Bodhi: Pacceka-Bodhi wird durch eigene Bemühungen, ohne die Hilfe von Lehrern, erreicht. Ein derart Erwachter wird als ein Pratyeka-Buddha bezeichnet. Savaka-Bodhi bezeichnet das Erwachen jener, die mit Hilfe von Lehrern Bodhi erlangen. Ein so Erwachter wird als Arhat bezeichnet. Samma-Sambodhi wird von einem Samma-Sambuddha („Vollkommen Erwachter“) erlangt. Ein solcher „Vollkommen Erwachter“ gilt als die perfekte, mitfühlendste und allwissende Form eines Buddha. Der historische Buddha Shakyamuni aus dem Geschlecht von Shakya wird als ein solcher Samma-Sambuddha bezeichnet. Verlöschen: Nirwana Nirwana (Sanskrit) bzw. Nibbana (Pali) bezeichnet die höchste Verwirklichungsstufe des Bewusstseins, in der jede Ich-Anhaftung und alle Vorstellungen/Konzepte erloschen sind. Nirwana kann mit Worten nicht beschrieben, es kann nur erlebt und erfahren werden als Folge intensiver meditativer Übung und anhaltender Achtsamkeitspraxis. Es ist weder ein Ort – also nicht vergleichbar mit Paradies-Vorstellungen anderer Religionen – noch eine Art Himmel und auch keine Seligkeit in einem Jenseits. Nirwana ist auch kein nihilistisches Konzept, kein „Nichts“, wie westliche Interpreten in den Anfängen der Buddhismusrezeption glaubten, sondern beschreibt die vom Bewusstsein erfahrbare Dimension des Letztendlichen. Der Buddha selbst lebte und unterrichtete noch 45 Jahre, nachdem er Nirwana erreicht hatte. Das endgültige Aufgehen oder „Verlöschen“ im Nirwana nach dem Tod wird als Parinirvana bezeichnet. Meditation und Achtsamkeit Weder das rein intellektuelle Erfassen der Buddha-Lehre noch das Befolgen ihrer ethischen Richtlinien allein reicht für eine erfolgreiche Praxis aus. Im Zentrum des Buddha-Dharma stehen daher Meditation und Achtsamkeitspraxis. Von der Atembeobachtung über die Liebende-Güte-Meditation (metta), Mantra-Rezitationen, Gehmeditation, Visualisierungen bis hin zu thematisch ausgerichteten Kontemplationen haben die regionalen buddhistischen Schulen eine Vielzahl von Meditationsformen entwickelt. Ziele der Meditation sind vor allem die Sammlung und Beruhigung des Geistes (samatha), das Trainieren klar-bewusster Wahrnehmung, des „tiefen Sehens“ (vipassana), das Kultivieren von Mitgefühl mit allen Wesen, die Schulung der Achtsamkeit sowie die schrittweise Auflösung der leidvollen Ich-Verhaftung. Achtsamkeit (auch Bewusstheit, Vergegenwärtigung) ist die Übung, ganz im Hier und Jetzt zu verweilen, alles Gegenwärtige klarbewusst und nicht wertend wahrzunehmen. Diese Hinwendung zum momentanen Augenblick erfordert volle Wachheit, ganze Präsenz und eine nicht nachlassende Aufmerksamkeit für alle im Moment auftauchenden körperlichen und geistigen Phänomene. Buddhistische Schulen mini|300px|Schulen des Buddhismus Es gibt drei Hauptrichtungen des Buddhismus: Hinayana („Kleines Fahrzeug“), aus dessen Tradition heute nur noch die Form des Theravada („Lehre der Älteren“) existiert, Mahayana („Großes Fahrzeug“) und Vajrayana (im Westen meist als Tibetischer Buddhismus bekannt oder irreführenderweise als „Lamaismus“ bezeichnet). In allen drei Fahrzeugen sind die monastischen Orden Hauptträger der Lehre und für deren Weitergabe an die folgenden Generationen verantwortlich. Üblicherweise gilt auch der Vajrayana als Teil des großen Fahrzeugs. Der Begriff Hinayana wurde und wird von den Anhängern der ihm zugehörigen Schulen abgelehnt, da er dem Mahayana entstammt. Theravada Theravada bedeutet wörtlich „Lehre der Ordens-Älteren“ und geht auf diejenigen Mönche zurück, welche die Lehrreden noch direkt vom Buddha gehört haben, z. B. Ananda, Kassapa, Upali. Der Theravada-Buddhismus ist die einzige noch bestehende Schule der verschiedenen Richtungen des Hinayana. Seine Tradition bezieht sich in ihrer Praxis und Lehre ausschließlich auf die ältesten erhaltenen Schriften der buddhistischen Überlieferung, die im Tipitaka (Pali) (auch Tripitaka (Sanskrit) oder Pali-Kanon), zusammengefasst sind. Dieser „Dreikorb“ (Pitaka: Korb) besteht aus folgenden Teilen: Die Regeln für die Gemeinschaft (Sangha) der buddhistischen Mönche und Nonnen – Vinaya, siehe auch: Vinayapitaka Die Lehrreden des Buddha – Sutta, siehe auch: Suttapitaka Eine philosophische Systematisierung der Lehren des Buddha – Abhidhamma, siehe auch: Abhidhammapitaka Die Betonung liegt im Theravada auf dem Befreiungsweg des Einzelnen aus eigener Kraft nach dem Arhat-Ideal und der Aufrechterhaltung und Förderung des Sangha. Theravada ist vor allem in den Ländern Süd- und Südostasiens (Sri Lanka, Myanmar, Thailand, Laos und Kambodscha) verbreitet. Hinayana Der Hinayana-Buddhismus (Sanskrit, n., , hīnayāna, „kleines Fahrzeug“) bezeichnet einen der beiden großen Hauptströme des Buddhismus. Hinayana ist älter als die andere Hauptrichtung, der Mahayana. Im Hinayana strebt ein Mensch nach dem Erwachen, um selbst nicht mehr leiden zu müssen. Hinayana bezieht sich also nur auf eine Person, die danach strebt, vollkommen zu sein. In diesem Aspekt unterscheidet er sich vom Mahayana, in dem versucht wird, auch andere Lebewesen zum Erwachen zu führen. Mahayana Der Mahayana-Buddhismus (Sanskrit, n., , mahāyāna, „großes Fahrzeug“) geht im Kern auf die Mahasanghika („große Gemeinde“) zurück, eine Tradition, die sich in der Folge des zweiten buddhistischen Konzils (etwa 100 Jahre nach dem Tod des Buddha) entwickelt hatte. Der Mahayana verwendet neben dem Tripitaka auch eine Reihe ursprünglich in Sanskrit abgefasster Schriften („Sutras“), die zusammen den Sanskrit-Kanon bilden. Zu den bedeutendsten Texten gehören das Diamant-Sutra, das Herz-Sutra, das Lotos-Sutra und die Sutras vom reinen Land.Hisao Inagaki, Harold Stewart (transl.): The Three Pure Land Sutras. Numata Center for Buddhist Translation and Research, Berkeley 2003, ISBN 1-886439-18-4 (). Ein Teil dieser Schriften ist heute nur noch in chinesischen oder tibetischen Übersetzungen erhalten. Im Unterschied zur Theravada-Tradition, in der das Erreichen von Bodhi durch eigenes Bemühen im Vordergrund steht, nimmt im Mahayana das Bodhisattva-Ideal eine zentrale Rolle ein. Bodhisattvas sind Wesen, die als Menschen bereits Bodhi erfuhren, jedoch auf das Eingehen in das Parinirvana verzichteten, um stattdessen allen anderen Menschen, letztlich allen Wesen, zu helfen, ebenfalls dieses Ziel zu erreichen. Bedeutende Schulen des Mahayana sind beispielsweise die des Zen-Buddhismus, des Nichiren-Buddhismus und des Amitabha-Buddhismus. Vajrayana mini|hochkant|Vajrasattva (Tibet) Vajrayana („Diamantfahrzeug“) ist eigentlich ein Teil des Mahayana. Im Westen ist er meist fälschlicherweise nur als Tibetischer Buddhismus oder als Lamaismus bekannt, tatsächlich ist er jedoch eine Sammelbezeichnung für verschiedene Schulen, die außer in Tibet auch in Japan, China und der Mongolei (geschichtlich auch in Indien und Südostasien) verbreitet sind. Er beruht auf den philosophischen Grundlagen des Mahayana, ergänzt diese aber um tantrische Techniken, die den Pfad zum Erwachen deutlich beschleunigen sollen. Zu diesen Techniken gehören neben der Meditation unter anderem Visualisierung (geistige Projektion), das Rezitieren von Mantras und weitere tantrische Übungen, zu denen Rituale, Einweihungen und Guruyoga (Einswerden mit dem Geist des Lehrers) gehören. Diese Seite des Mahayana legt besonderen Wert auf geheime Rituale, Schriften und Praktiken, welche die Praktizierenden nur schrittweise erlernen. Daher wird Vajrayana innerhalb des Mahayana auch „esoterische Lehre“ genannt, in Abgrenzung von „exoterischen Lehren“, also öffentlich zugänglichen Praktiken wie dem Nenbutsu des Amitabha-Buddhismus. Der tibetische Buddhismus legt besonderen Wert auf direkte Übertragung von Unterweisungen von Lehrer zu Schüler. Eine wichtige Autorität des tibetischen Buddhismus ist der Dalai Lama. Die vier Hauptschulen des Tibetischen Buddhismus sind: Nyingma („Die Alten“): Die älteste tibetische Schule, zurückgehend auf Padmasambhava (8. Jahrhundert). Kagyü („Linie der mündlichen Überlieferung“): Gegründet von Marpa und dessen Schüler Milarepa (11. Jahrhundert). Sakya („Graue Erde“): Nach dem von Khön Könchog Gyalpo gegründeten Kloster benannt (11. Jahrhundert). Gelug („Die Tugendhaften“): Gegründet von Tsongkhapa (14. Jahrhundert). Der Tibetische Buddhismus ist heute in Tibet, Bhutan, Nepal, Indien (Ladakh, Sikkim), der Mongolei und Teilen Russlands (Burjatien, Kalmückien, Tuwa, Republik Altai) verbreitet. Etwa im 9. Jahrhundert verbreitete sich der Vajrayana auch in China. Als eigene Schule hielt er sich nicht, hatte aber Einfluss auf andere Lehrtraditionen dort. Erst in der Qing-Zeit wurde der Vajrayana der Mandschu unter Förderung der tibetischen Richtungen wieder eine staatliche Religion. Er wurde noch im gleichen Jahrhundert seiner Einführung in China nach Japan übertragen. Dort wird Vajrayana in der Shingon-Schule gelehrt. Mikkyō (jap. Übersetzung von Mizong) hatte aber Einfluss auf Tendai und alle späteren Hauptrichtungen des japanischen Buddhismus. Buddhistische Feste und Feiertage mini|hochkant|Entzündung von Räucherstäbchen in einem Tempel in Malaysia Buddhistische Zeremonien, Feste und Feiertage werden auf unterschiedliche Art und Weise zelebriert. Einige werden in Form einer Puja gefeiert, was im Christentum etwa einer Andacht – ergänzt durch eine Verdienstübertragung – entsprechen würde. Andere Feste sind um zentrale Straßenprozessionen herum organisiert. Diese können dann auch Volksfest-Charakter mit allen dazugehörigen Elementen wie Verkaufsständen und Feuerwerk annehmen. In Japan zum Beispiel werden sie dann Matsuris genannt. Die Termine für die Feste richteten sich ursprünglich hauptsächlich nach dem Lunisolarkalender. Heute sind dagegen einige auf ein festes Datum im Sonnenkalender festgelegt. Name Anlass Termin Region Visakha Puja (Vesakh) Des Buddhas Geburt, Erleuchtung und Eintritt ins Nirvana. Es ist der höchste buddhistische Feiertag, auch „Buddha-Tag“ genannt.Ende Mai, Anfang Juni universell Jahrestag der Geburt des Buddha Des Buddhas Geburt, siehe auch Kambutsue Hana-Matsuri8. April Japan Jahrestag der Erleuchtung des Buddha Des Buddhas Erleuchtung Bodhitag, Jodo-e8. Dezember Japan Jahrestag des Eintritts in das Nirvana Des Buddhas Eintritt in das Nirvana Nirvanatag, Nehan-e15. Februar Japan Uposatha Tag der inneren Einkehr, der Erneuerung der Dhamma-Praxis, v. a. im Theravada-Buddhismus, vergleichbar dem jüdischen Schabbatje nach Kalender regelmäßig alle 5 bis 7 Tage universell Magha Puja (Māgha Pūjā) Erinnerung an eine spontane Versammlung von 1.250 Schülern des Buddha, im Theravada-BuddhismusEnde Februar, Anfang März Thailand, Laos, Kambodscha Abhidhamma Tag Des Buddhas Aufstieg ins Tushita, um seiner Mutter Abhidhamma zu lehrensiebter Monat im Mondkalender (Juni) Myanmar Ullambana Allerseelenfest, Fest der Universellen Erlösung, siehe auch: ObonVollmondtag des siebten Monats (August) Japan, evtl. noch andernorts Asalha Puja Des Buddhas erste Rede vor seiner Gefolgschaft, auch „Dhamma-Tag“ genannt.achter Monat im Mondkalender (Juli) Thailand Vassa dreimonatige Rückzugszeit der buddhistischen Mönche, buddhistische „Fastenzeit“, siehe auch: Khao Phansa, Ok Phansavon Juli bis Oktober universell Kathin-Zeremonie Dankerweisung gegenüber den MönchenMitte Oktober, November Thailand Die „universellen“ Feiertage sind fett hervorgehoben. Damit sind Feiertage gemeint, die nicht nur in einem bestimmten Land oder einer bestimmten Schule des Buddhismus gefeiert werden, sondern die von grundlegender Bedeutung für die buddhistische Praxis sind (vergleichbar etwa dem christlichen Ostern oder Weihnachten). Siehe auch Buddhistische Literatur Buddhistische Philosophie Buddhistische Wirtschaftslehre Liste der buddhistischen Tempel und Klöster Kloster#Buddhistische Tradition Literatur Nachschlagewerke Robert E. Buswell: Encyclopedia of Buddhism. Macmillan Reference, 2003, ISBN 0-02-865910-4. Robert E. Buswell und Donald S. Lopez (Hrsg.): The Princeton Dictionary of Buddhism, New Jersey: Princeton University Press 2014. Oliver Freiberger, Christoph Kleine: Buddhismus: Handbuch und kritische Einführung, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2. verb. Aufl. 2015. Damien Keown (Hrsg.): Encyclopedia of Buddhism. Routledge, London u. a. 2009, ISBN 978-0-415-55624-8. Tomohiro Matsuda (Hrsg.): A Dictionary of Buddhist Terms and Concepts. 3. 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Verlag der Weltreligionen, Frankfurt/Leipzig 2007, ISBN 978-3-458-71001-1. Hansjörg Pfister: Philosophische Einführung in den frühen Buddhismus. Verlag Reith & Pfister, Bötzingen 2004, ISBN 3-9805629-9-9. Verena Reichle: Die Grundgedanken des Buddhismus. 11. Auflage, Fischer, Frankfurt 2003, ISBN 3-596-12146-9. Almut-Barbara Renger: Buddhismus. 100 Seiten. Reclam, Stuttgart 2020, ISBN 978-3-15-020438-2. Geschichte und Lehre Heinz Bechert, Richard Gombrich: Der Buddhismus: Geschichte und Gegenwart. 2. Auflage. Beck, München 2002, ISBN 3-406-42138-5. Edward Conze: Der Buddhismus: Wesen und Entwicklung. 10. Auflage. Kohlhammer, Stuttgart 1995, ISBN 3-17-013505-8. Wilhelm K. Essler, Ulrich Mamat: Die Philosophie des Buddhismus. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2005, ISBN 3-534-17211-6. Oliver Freiberger, Christoph Kleine: Buddhismus. Handbuch und kritische Einführung. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2011, ISBN 978-3-525-50004-0. Donald S. Lopez: Buddhism: A Journey through History. 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Version 1.4, 2014 International College for Postgraduate Buddhist Studies Dhammawiki Wiki, in englischer Sprache, zum Thema Buddhismus Nuamata Zentrum für Buddhismuskunde der Universität Hamburg mit Videos und Texten zum Thema Buddhismus Thomas Oberlies: Veda-Schüler, Bettelasketen und Mönche. (PDF; 127 kB) Schema und Stammbaum der buddhistischen Schulen in Beziehung zur Zeit. (Bild) Einzelnachweise Kategorie:Weltreligion Kategorie:Universalismus (Religionswissenschaft)
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Ångström (Einheit)
Das Ångström [] (nach dem schwedischen Physiker Anders Jonas Ångström) ist eine Maßeinheit der Länge. Das Einheitenzeichen ist Å (A mit Ring).Duden: Großes Fremdwörterbuch. ISBN 978-3-411-04163-3, Eintrag „Ångström“, S. 102. Ein Ångström entspricht dem zehnmillionsten Teil eines Millimeters. Das Ångström ist keine SI-Einheit. 1 Å = 100 pm = 0,1 nm = 10−10 m Das Ångström wird insbesondere in der Kristallographie und der Chemie benutzt, um mit „einfachen“ Zahlenwerten arbeiten zu können. So ist 1 Å die typische Größenordnung für Atomradien sowie Abstände von Atomen in Kristallstrukturen und Bindungslängen in Molekülen. Der Radius isolierter neutraler Atome beträgt zwischen 0,3 und 3 Å. Daher wird das Ångström oft als Einheit für Abstände in atomaren Größenordnungen verwendet, z. B. für die Dicke sehr dünner Schichten, für die Angabe der Wellenlänge der Röntgenstrahlung bei Röntgenbeugungsexperimenten wie der Kristallstrukturanalyse, sowie für die Porengröße von stationären Phasen in flüssigchromatographischen Säulen für die Hochleistungsflüssigkeitschromatographie (HPLC). In der Thermodynamik wird die mittlere freie Weglänge der sich bewegenden Moleküle häufig in Ångström angegeben. Auch in der Optik und der Astronomie wird es zur Angabe einer Wellenlänge genutzt (allerdings weniger in deutschsprachigen, sondern eher in englischsprachigen Fachpublikationen). Da das Ångström nicht in der Einheitenrichtlinie aufgeführt wird, ist es in der EU keine gesetzliche Einheit, nach der schweizerischen Einheitenverordnung auch nicht in der Schweiz. In DIN 1301-3 ist sie ausdrücklich als nicht mehr zugelassene Einheit aufgelistet. Geschichte Um die Jahrhundertwende 1900 benutzte Michelson eine rote Spektrallinie von Cadmium als Referenz für andere Messungen, weil diese experimentell besonders gut zugänglich und stabil war. Im Jahr 1907 setzte die Internationale Astronomische Union diese Wellenlänge als 6438,4696 Ångström fest und definierte damit eine Längenmaßeinheit, die sehr nahe, aber nicht exakt bei 10−10 m lag. Für Präzisionsmessungen in diesem Längenbereich war es einfacher, diese mikroskopisch definierte Maßeinheit zu benutzen, als den Meter um zehn Größenordnungen „herunterzubrechen“. Einen ähnlichen Versuch, zu einfach handhabbaren Zahlenwerten zu kommen, unternahm 1925 Manne Siegbahn mit der Definition der X-Einheit, die etwa 10−13 Meter entsprach. Das Ångström setzte sich aber durch. Als 1960 der Meter über eine Wellenlänge (des Kryptons) neu definiert wurde, bot die „mikroskopische“ Definition des Ångström keinen Vorteil mehr, und es bekam seine heutige Definition. 1965 führte der amerikanische Atomphysiker Joyce Alvin Bearden die Einheit Ångström Stern (Einheitenzeichen: Å*) für die Messung der Wellenlänge von Röntgenstrahlen und Kristallgittern ein, die die X-Einheit ersetzen sollte. Dabei wählte er als Definition die Kα1-Linie des chemischen Elements Wolfram, die dann entsprach.https://www.sizes.com/units/angstrom-star.htmJ. A. Bearden: "Selection of the W Kα1 as the X-Ray Wavelength Standard". Physical Review 2nd series, volume 137, issue 2B, S. 455B–B461. Der aktuelle CODATA-Wert ist 1 Å* = Darstellung in Computersystemen mini|Darstellungen von Å in Unicode. Die letzt­genannte Möglich­keit soll nicht verwendet werden. Laut Unicode-Standard soll die Längeneinheit Ångström durch den Großbuchstaben Å (U+00C5) dargestellt werden. Unicode enthält zwar auch ein Zeichen namens ANGSTROM SIGN (Ångströmzeichen, U+212B: Å), dieses wurde jedoch lediglich zur Kompatibilität mit älteren Zeichenkodierungsstandards aufgenommen und soll in neu erstellten Texten nicht verwendet werden. Weblinks Einzelnachweise C. V. Jackson: The red line of cadmium as a standard of wave-length, Proceedings of the Royal Society of London. Series A – Mathematical and Physical Sciences, Volume 155, Issue 885, Juni 1936 Kategorie:Längeneinheit
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Berlin-Schöneberg
Schöneberg ist ein Ortsteil im Berliner Bezirk Tempelhof-Schöneberg. Aus einer mittelalterlichen Dorfgründung im Bereich der heutigen Hauptstraße entwickelte sich die eigenständige Stadt Schöneberg, die 1920 im Bezirk Schöneberg von Berlin aufging. Geographie Schöneberg ist ein dicht bebauter innerstädtischer Ortsteil von Berlin und liegt am Übergang des Berlin-Warschauer Urstromtals zur Hochfläche des Teltow. Der damit verbundene Anstieg ist an mehreren Stellen im Ortsteil wahrnehmbar, vor allem auf der Hauptstraße zwischen U-Bahnhof Kleistpark und dem Richard-von-Weizsäcker-Platz. Auf Schöneberger Gebiet erstreckt sich außerdem der östliche Ausläufer eines Nebenarms der glazialen Rinne der Grunewaldseenkette, der im Rudolph-Wilde-Park gut sichtbar ist. Im Norden grenzt Schöneberg an den Ortsteil Tiergarten, im Osten an Kreuzberg und Tempelhof, im Süden an Steglitz, im Westen an Friedenau und Wilmersdorf sowie im Nordwesten an Charlottenburg. Geschichte Gründung und Namensherkunft Schöneberg wurde wahrscheinlich im ersten Drittel des 13. Jahrhunderts als breites Straßendorf durch deutsche Siedler gegründet. Der Siedlungskern Schönebergs lag entlang der Hauptstraße zwischen der heutigen Dominicus- und Akazienstraße. Die Dorfkirche Schöneberg lag auf der nördlichen Straßenseite der Dorfmitte. Das Dorf wurde urkundlich erstmals am 3. November 1264 erwähnt, als Markgraf Otto III. dem Nonnenkloster zu Spandau fünf Hufen Land im Dorf Schöneberg („villa sconenberch“) schenkte. Obwohl Schöneberg auf einer leichten Erhebung am Nordrand des Teltow liegt, geht der Name wahrscheinlich nicht auf diesen „Berg“ zurück, sondern ist ein sogenannter „Wunschname“. Anders als früher dargestellt war die deutsche Ostsiedlung nicht ausschließlich auf einen ostwärts drängenden Bevölkerungsüberschuss zurückzuführen. Um zum Zwecke der Herrschaftsbildung Siedler anzulocken, warben die Lokatoren für die zu gründenden Dörfer u. a. mit Wunschnamen. Typisch sind Ortsnamen mit Schön-, Licht-, Grün-, Rosen-, Sommer- und Reichen- in vielen Varianten.Zum Beispiel: Schönebeck, Schöneberg, Schöneiche, Schönerlinde, Schönfeld, Schönefelde, Schönermark, Schönfließ, Schönhausen, Schönholz, Schönow und Schönwalde. Vgl. Wunsch- und Werbenamen von heute Seniorenresidenz Rosenhof. Eine Namensübertragung vom Heimatort der Zuzügler ist wenig wahrscheinlich, weil die Wunschnamen weit verbreitet waren.Brandenburgisches Namenbuch. Band 3: Die Ortsnamen des Teltow. Weimar 1972, S. 162. Im Landbuch Karls IV. (1375) wird Schonenberge/Schonenberch/Schonenberg mit 50 Hufen erwähnt, davon zwei Pfarrhufe und eine Kirchenhufe. Der Bürger Reiche (Ryke/Rike) aus Alt-Kölln und sein Bruder hatten zehn abgabenfreie Hufe, die sie selbst bewirtschaften, desgleichen der Köllner Bürger Parys mit zwölf Hufen. Die Rechte auf Abgaben und Leistungen waren unter zahlreichen Berechtigten stark aufgeteilt. Parys hatte offenbar die meisten Rechte. Es gab 13 Kossäten­höfe und einen Krug. In den Jahren 1591, 1652 und 1721 wurde ein SetzschulzeDer Setzschulze ist ein von der Herrschaft eingesetzter Schulze. erwähnt, zunächst mit vier, später mit drei Freihufen. 1652 endete die Grundherrschaft des Spandauer Nonnenklosters. Schöneberg von 1700 bis 1870 mini|Alt- und Neu-Schöneberg, 1798 mini|Das Dorf Schöneberg um 1800, links die Dorfkirche. Kolorierter Kupferstich von J. F. Hennig. Um 1750 ließ Friedrich II. entgegen dem Willen der Schöneberger direkt anschließend an Schöneberg ein zweites Dorf für die Ansiedlung böhmischer Weber errichten. Dieses wurde Neu-Schöneberg genanntLieselott Enders, Klaus Neitmann (Hrsg.): Historisches Ortslexikon für Brandenburg: Teltow, Teil 4, 2011, ISBN 978-3-941919-81-5, S. 257 (). und erstreckte sich an der Hauptstraße bis zur heutigen Grunewaldstraße. Erst als im Siebenjährigen Krieg am 7. Oktober 1760 abziehende russische Truppen Schöneberg niederbrannten, kamen sich deutsche und böhmische Schöneberger näher, als zum Überleben nachbarschaftliche Hilfe notwendig war. Aber erst 1874 erfolgt unter Gemeindevorsteher Adolf Feurig der Zusammenschluss von Alt- und Neu-Schöneberg zu einer Gemeinde. Das große Feld war ein Gebiet östlich der heutigen Naumannstraße, auf dem Schöneberger Bauern Kartoffeln und Getreide anbauten. Es wurde 1828 vom preußischen Militär aufgekauft. 1830 wurde eine Pferderennbahn erbaut, die aber schon 1841 dem Eisenbahnbau weichen musste.Geschichtsparcours Papestrasse (PDF; 5,2 MB) Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg, 2006 In der Mitte des 19. Jahrhunderts wuchs die Stadt Berlin über ihre Grenzen in das Schöneberger Gebiet hinein. Trotz Protesten Schönebergs wurde auf Anordnung des Königs Wilhelm I. das Gebiet bis zum südlichen Ende der Potsdamer Straße zum 1. Januar 1861 nach Berlin eingemeindet und bildete dort fortan die Schöneberger Vorstadt.Ralf Schmiedecke: Berlin-Schöneberg: nicht nur „wie einst im Mai“. Sutton-Verlag, Erfurt 2005, ISBN 978-3-89702-729-9, S. 7 (). Die Einwohnerzahl Schönebergs sank durch diese Maßnahme von über 8.000 auf 2.700. Schöneberg im Kaiserreich mini|Bildpostkarte von Schöneberg um 1900 Nach der Reichsgründung im Jahr 1871 stieg die Einwohnerzahl Schönebergs rasant an: 1871 waren es 4.555, im Jahr 1900 bereits 95.998 und im Jahr 1919 schon 175.093 Einwohner.Friedrich Leyden: Gross-Berlin. Geographie der Weltstadt. Hirt, Breslau 1933 (darin: Entwicklung der Bevölkerungszahl in den Vororten von Berlin. S. 207 ff.). Viele der ehemaligen Schöneberger Bauern wurden reich, indem sie ihre Felder in begehrtes Bauland umwandelten und verkauften. Man nannte sie die „Millionenbauern“. Innerhalb weniger Jahrzehnte wurde so aus einem märkischen Dorf eine Großstadt. mini|Der Stadtpark Schöneberg wurde 1911 im Stil eines Kurparks angelegt Am 1. April 1898 bekam Schöneberg die lange ersehnten Stadtrechte verliehen. Exakt ein Jahr später schied es als Stadtkreis aus dem Landkreis Teltow aus.Deutscher Reichs-Anzeiger und Königlich Preußischer Staats-Anzeiger vom 1. April 1899 1898 wurde Rudolph Wilde Bürgermeister (seit 1902 Oberbürgermeister). Unter Wilde gab es erste Planungen für den Bau des Schöneberger Rathauses auf der trockenen Fläche des Mühlenberges neben einem sumpfigen Fenn, das einige Jahre zuvor trockengelegt und zum „Stadtpark“ umgestaltet wurde. Zur Trockenlegung verwendeten die Ingenieure den Aushub aus den Baugruben der Schöneberger Untergrundbahn. Sie verlief als erste kommunale U-Bahn überhaupt mit fünf Stationen zwischen Nollendorf- und Innsbrucker Platz. Damit war Schöneberg nach Berlin die zweite Stadt in Deutschland mit einer U-Bahn. Die U-Bahn sollte die rasant wachsende Stadt und das gezielt für ein großbürgerliches Publikum konzipierte Bayerische Viertel vernetzen und die Attraktivität Schönebergs erhöhen. Sie wurde im Todesjahr Wildes 1910 fertiggestellt. Unter Wildes Nachfolger Alexander Dominicus kam 1914 der Rathausbau zum Abschluss, nachdem bereits zwei Jahre zuvor der Stadtpark fertiggestellt war. Der Rathausvorplatz bekam den Namen Rudolph-Wilde-Platz. Nach Entwürfen des langjährigen Stadtbaurats Paul Egeling und des Stadtbaurats Friedrich Gerlach entstanden zwischen 1895 und 1914 weitere bedeutende Bauten, darunter zahlreiche Schulen, Feuerwachen und Verwaltungsgebäude sowie das 1906 eröffnete Auguste-Viktoria-Krankenhaus (AVK).Der neue Bebauungsplan für das Westgelände Schönebergs. In: Berliner Tageblatt, 19. Oktober 1902. Von Mai bis September 1907 fand in unmittelbarer Nähe des Bahnhofs Friedenau und der Nathanael-Kirche die Deutsche Armee-, Marine- und Kolonial-Ausstellung statt, mit einem Vergnügungspark und einer „Völkerschau“ unter dem Titel „Wild Afrika“, deren Teilnehmende nicht aus den deutschen Kolonien, sondern aus Tunesien, Marokko und dem Sudan stammten. Im November 1910 wurde der Berliner Sportpalast des Architekten Hermann Dernburg an der Potsdamer Straße eröffnet, in dem ab 1911 die Sechstagerennen stattfanden. Die Halle wurde 1973 abgerissen. Stadt Berlin-Schöneberg Einen ersten Teil der Selbstverwaltungsrechte verlor Schöneberg wieder am 1. April 1912 mit der Einführung des Zweckverbandes Groß-Berlin, dessen Aufgabe die einheitliche Entwicklung von Verkehr, Bebauung und Erholungsfläche in seinem Gebiet war. Von 1912 bis 1920 lautete der amtliche Name der Stadt Berlin-Schöneberg.1. April (Jahr 1912) in Tagesfakten des Luisenstädtischen Bildungsvereins (beim DHM). Zwischen den Weltkriegen mini|hochkant=0.5|Ehemaliges Bezirkswappen Schönebergs (1920–2000) Mit der Bildung von Groß-Berlin am 1. Oktober 1920 verlor Schöneberg seine Selbstständigkeit und bildete von da an gemeinsam mit Friedenau den 11. Berliner Verwaltungsbezirk „Schöneberg“. Die Berliner Gebietsreform mit Wirkung zum 1. April 1938 hatte zahlreiche Begradigungen der Bezirksgrenzen sowie einige größere Gebietsänderungen zur Folge. Das gesamte Gebiet südlich der Kurfürstenstraße gehörte nun wieder – wie schon bis 1861 – zu Schöneberg. Gleichzeitig wurde auch das bis dahin zu Charlottenburg gehörende Gebiet zwischen dem Nollendorfplatz und der Nürnberger Straße in den Bezirk Schöneberg eingegliedert. Von dem Schöneberger Gebiet östlich der Anhalter Bahn kam der Teil nördlich der Ringbahn, der seinerzeit bis etwa zur Gontermannstraße reichte, 1938 zu Tempelhof. Zweiter Weltkrieg Durch die alliierten Luftangriffe im Zweiten Weltkrieg wurden insbesondere der Norden und der Westen Schönebergs stark zerstört; rund ein Drittel des gesamten Wohnungsbestandes ging verloren. Historische Bekanntheit erlangte die berüchtigte Sportpalastrede von Propagandaminister Goebbels am 18. Februar 1943. In der Schlacht um Berlin wurde Schöneberg in den letzten Apriltagen 1945 von Truppen der Roten Armee eingenommen. Nachkriegszeit mini|Rathaus Schöneberg Schöneberg gehörte von 1945 bis 1990 zum amerikanischen Sektor von Berlin. Im Rathaus Schöneberg hatten während der Teilung Berlins das Berliner Abgeordnetenhaus und der Senat von West-Berlin ihren Sitz. Im Rathaus-Turm befindet sich die Freiheitsglocke, die von gesammelten Spenden der Zivilbevölkerung der USA für die Berliner gestiftet wurde. Das Rathaus, der Rudolph-Wilde-Platz und die darauf zulaufenden Straßen waren der Ort vieler Kundgebungen und des Staatsbesuches des US-Präsidenten John F. Kennedy. Dort hielt er am 26. Juni 1963 seine Rede mit dem berühmten Zitat „Ich bin ein Berliner“. Zu seinen Ehren wurde der Rudolph-Wilde-Platz im selben Jahr in ‚John-F.-Kennedy-Platz‘ umbenannt; der Stadtpark erhielt daraufhin den Namen Rudolph-Wilde-Park. mini|links|Berliner Kammergericht: Ehemaliger Sitz des Alliierten Kontrollrates Der Alliierte Kontrollrat für ganz Deutschland hatte seinen Sitz im Gebäude des Kammergerichts im Heinrich-von-Kleist-Park. Vom 8. Mai 1945 bis zur Gründung der beiden deutschen Staaten 1949 war dieser Kontrollrat die oberste Regierungsgewalt in Deutschland. Später war dort die „Alliierte Luftsicherheitszentrale“ untergebracht. Seit der deutschen Wiedervereinigung wird das Gebäude wieder für die höchsten Gerichte Berlins genutzt. Seit 1946 wurden aus Schöneberg die Rundfunkprogramme des RIAS Berlin (Rundfunk im Amerikanischen Sektor) gesendet. Zunächst als Drahtfunk aus dem Telegrafenamt in der Winterfeldtstraße, ab 1948 aus dem Funkhaus in der Kufsteiner Straße 69 am heutigen Hans-Rosenthal-Platz in der Nähe des Rudolph-Wilde-Parks. Bis 1990 war diese Informationsquelle für die DDR-Bevölkerung von großer Bedeutung und die Adresse sehr bekannt. Heute wird dort das Programm von Deutschlandradio Kultur produziert. Das Haus mit dem denkmalgeschützten „RIAS“-Schriftzug ist weit sichtbar. mini|RIAS-Funkhaus am Hans-Rosenthal-Platz, heute Gebäude von Deutschlandfunk Kultur Bis 1959 befand sich an der Badenschen Straße in unmittelbarer Nähe zum Rathaus Schöneberg die Deutsche Hochschule für Politik, die jedoch mit ihrer Integration in das Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin nach Dahlem zog. Seit 1971 hat die neu gegründete Fachhochschule für Wirtschaft Berlin dort ihren Hauptsitz. Bis 1966 wurden mehr als 22.000 Wohnungen neu errichtet. Ende der 1970er Jahre sollten viele Altbauten entlang der Berlin-Potsdamer Eisenbahn dem geplanten Weiterbau der Westtangente weichen, was durch das Engagement der Anwohner verhindert werden konnte. Anfang der 1980er Jahre war die Gegend um den Winterfeldtplatz und die Potsdamer Straße einer der Hauptschauplätze der Auseinandersetzungen zwischen Hausbesetzern und der Berliner Polizei.Chronologie der Berliner Häuserkämpfe. Zwischen 1920 und Ende 2000 gab es einen eigenständigen Bezirk Schöneberg, der neben dem namensgebenden Ortsteil noch den Ortsteil Friedenau umfasste. Der Bezirk Schöneberg wurde am 1. Januar 2001 im Rahmen einer Verwaltungsreform mit dem damaligen Bezirk Tempelhof fusioniert. Da der Bezirk Tempelhof mehr Einwohner und eine größere Fläche als der Bezirk Schöneberg hatte, wurde Tempelhof bei der Wahl des Namens für den neu formierten Bezirk Tempelhof-Schöneberg an die erste Stelle des Namens gestellt. Bevölkerung Jahr Alt-Schöneberg Neu-Schöneberg gesamtSchöneberg auf dem Weg nach Berlin, Bezirksamt Schöneberg 1987 1750 120 80 200 1801 284 240 524 1840 2.033 467 2.500 1858 6.929 773 7.702 1871 3.407 1.148 4.555 Der Grund für die Bevölkerungsabnahme zwischen 1858 und 1871 war die Eingemeindung von Teilen Alt-Schönebergs nach Berlin im Jahre 1861. Jahr Einwohner1871–1919 Gross-Berlin: Geographie der Weltstadt, Friedrich Leyden 1933 1880 11.180 1890 28.721 1900 95.998 1910 172.823 1919 178.207 Jahr Einwohner1930–1987 Statistisches Jahrbuch von Berlin (jeweilige Jahre) 1930 187.433 1937 178.283 1938 227.641 1946 119.679 1956 158.909 1960 156.809 1970 138.177 1987 118.355 2000 118.604 Jahr Einwohner 2007 116.162 2010 116.976 2015 119.786 2020 122.658 2021 122.341 2022 124.472 2023 124.788 2024 125.060 Der Grund für den starken Bevölkerungszuwachs zwischen 1937 und 1938 war die Eingliederung von Teilen der Bezirke Charlottenburg und Tiergarten. Sehenswürdigkeiten Stadtquartiere mini|Übersichtskarte von Schöneberg mit den Stadtquartieren Schöneberg beheimatet mehrere Stadtquartiere und Ortslagen mit einer spezifischen Charakteristik oder Geschichte: Südöstliche City West mini|links|Kaufhaus des Westens, kurz: KaDeWe In dem großstädtisch geprägten Quartier um den Wittenbergplatz und die Tauentzienstraße im Schöneberger Nordwesten dominiert der gehobene Einzelhandel, besonders in der Tauentzienstraße, mit zahlreichen Label-Stores und dem KaDeWe als deutschlandweit führendem Kaufhaus. Das Gebiet ist (ebenso wie die angrenzenden Teile von Tiergarten und Charlottenburg) Teil der Berliner City West. Der größte Teil der City West gehört allerdings zu Charlottenburg-Wilmersdorf. Die Bezeichnungen ‚Wittenbergplatz‘ und ‚Tauentzienstraße‘ erinnern an die Schlacht von Wittenberg unter General von Tauentzien während der napoleonischen Befreiungskriege. Erst mit der Berliner Gebietsreform zum 1. April 1938 wurde die Gegend um das KaDeWe zwischen Nürnberger Straße und Nollendorfplatz dem damaligen Bezirk Schöneberg zugeordnet. Vorher hatte sie zum Bezirk Charlottenburg gehört. Grund hierfür war eine Begradigung zahlreicher Bezirksgrenzen innerhalb Berlins. Bayerisches Viertel Im Schöneberger Westen liegt das Bayerische Viertel. Es wurde während der Amtszeit des Schöneberger Oberbürgermeisters Rudolph Wilde in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg erbaut. Schöneberg überließ die Entwicklung des Bayerischen Viertels der Berlinischen Bodengesellschaft, die 1890 von dem Unternehmer Salomon Haberland und seinem Sohn Georg gegründet wurde. In seinem Ursprungszustand prägten elegante Fassaden im süddeutschen Renaissancestil das Viertel, dessen Straßen teilweise nach bayerischen Städten benannt sind. Viele prominente Persönlichkeiten wie Albert Einstein lebten hier. Aufgrund seines hohen jüdischen Bevölkerungsanteils wurde das Bayerische Viertel auch „Jüdische Schweiz“ genannt. An die Verfolgung der Berliner Juden in der Zeit des Nationalsozialismus erinnert das Denkmal Orte des Erinnerns im Bayerischen Viertel, das seit 1993 an 80 Straßenbeleuchtungs­masten installiert ist. Das Bayerische Viertel wurde im Zweiten Weltkrieg stark zerstört und ist größtenteils im typischen Baustil der 1950er Jahre wiederaufgebaut worden. Kielgan-Viertel mini|Kroatische Botschaft in der Ahornstraße Das heute nur noch rudimentär erkennbare Kielgan-Viertel nördlich des Nollendorfplatzes war geprägt durch mehrere kleine Stichstraßen und eine Bebauung mit Landhäusern und Stadtvillen. Nach starken Kriegszerstörungen sind heute nur noch wenige der originalen Bauten erhalten, darunter die Villa Ahornstraße 4, in der sich die Botschaft von Kroatien befindet. Nollendorfkiez Im Nollendorfkiez um die Fuggerstraße, die Motzstraße und den Nollendorfplatz befinden sich zahlreiche Kneipen, Bars und Läden, die sich überwiegend an ein homosexuelles Publikum richten. Jährlich am dritten Wochenende im Juli findet in diesem Teil Berlins das homosexuelle „Motzstraßenfest“ statt, das mit einer Mischung aus Informationsständen gleichgeschlechtlicher Gruppen, Show-Bühnen sowie Imbiss- und Verkaufsbuden mittlerweile tausende Besucher anzieht und sich zu einer Touristenattraktion entwickelt hat. Die Gegend galt bereits in den Goldenen Zwanzigern als sogenanntes Schwulenviertel, eine Ortsteilgegend, die über eine dichte Infrastruktur und kulturelles Angebot für homo- und transsexuelle Menschen verfügt und auf diese Weise einen diskriminierungsarmen Raum für queere Menschen bieten soll. Einer der ersten Zeitzeugenberichte hierzu ist der autobiografische Roman Leb wohl, Berlin des britischen Autors Christopher Isherwood, der zweieinhalb Jahre in der Nollendorfstraße 17 wohnte, wo ein Großteil der Handlung des Buches spielt. Der Roman war unter anderem Vorlage für das Musical Cabaret. Die Gegend ist geprägt von teilweise komplett erhaltenen Straßenzügen der Gründerzeit und kaiserzeitlichen Schmuckplätzen, wie dem Winterfeldtplatz oder dem Viktoria-Luise-Platz. Hauptstraße und Akazienkiez mini|hochkant|Denkmalgeschütztes Mietshaus an der Grunewald- Ecke Akazienstraße mini|links|hochkant|Wohnhaus Pallasseum über einem ehemaligen Hochbunker in der Pallasstraße Der Bereich der Hauptstraße zwischen Dominicusstraße und Grunewaldstraße ist der Bereich des ehemaligen Dorfes Schöneberg. Der dörfliche Charakter ist kaum noch erkennbar. An das ehemalige Dorf erinnern allerdings noch einige Häuser und insbesondere die Dorfkirche Schöneberg. Im Bereich des einstigen Dorfes Alt-Schöneberg fällt die große Konzentration von Kirchen und kirchlichen Gemeindezentren auf. Unmittelbar neben der evangelischen Dorfkirche befindet sich die ebenfalls evangelische Paul-Gerhardt-Kirche, dahinter wiederum (zur Dominicusstraße ausgerichtet) die katholische Kirche St. Norbert. Auf der anderen Seite der Hauptstraße angesiedelt ist das Gemeindezentrum der Baptisten Schöneberg sowie Gebäude der von den Baptisten Schöneberg getragenen Immanuel Diakonie. Die Gemeinden der genannten Kirchen arbeiten im Rahmen der Kleinen Ökumene Schöneberg zusammen. Die Hauptstraße ist – ebenso wie die Potsdamer Straße – eine stark befahrene Einkaufsstraße. Ein Schwerpunkt des Einkaufens liegt im Bereich des Richard-von-Weizsäcker-Platzes. Er wurde 2007 umgestaltet und mit einem neuen Brunnen ausgestattet. In: Berliner Zeitung, 6. Juli 2007. Auf dem Platz steht eine Gedenktafel für die Opfer der Konzentrationslager mit dem Titel „Orte des Schreckens, die wir niemals vergessen dürfen“ sowie den Namen von zwölf Konzentrationslagern. Der Akazienkiez rund um die von der Hauptstraße abzweigende Akazienstraße mit der Belziger Straße ist ein Kiez mit leicht alternativem Flair und vielen kleinen Läden, Kneipen und Cafés. Zusammen mit der sich nördlich anschließenden Goltzstraße und dem nördlich angrenzenden Winterfeldtplatz (mit dem großen Wochenmarkt) bildet der Akazienkiez dazu mit vielen Cafés und Kneipen sowie Kunsthandwerksbetrieben ein sehr vitales Gegenstück. Dieses Kiezzentrum reicht in östlicher Richtung über den Richard-von-Weizsäcker-Platz bis zur Roten Insel. Potsdamer Straße Die Stadtquartiere beiderseits der Potsdamer Straße gehören bis 1920 zur ehemaligen Schöneberger Vorstadt von Berlin. Der Bereich der Schöneberger Vorstadt südlich der Kurfürstenstraße ist Teil des Ortsteils Schöneberg. Während der Teilung Berlins, insbesondere seit dem Bau der Berliner Mauer im Jahr 1961, hat der Schöneberger Abschnitt der Potsdamer Straße als Einkaufsstraße an Bedeutung verloren. Gewerbetreibende der einstmals bedeutenden und in der Nachkriegszeit immer unattraktiver gewordenen Potsdamer Straße bemühen sich, das Image als Einkaufsstraße zu verbessern. Im Haus Potsdamer Straße 188–192 befand sich bis Ende August 2008 die Hauptverwaltung der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG). Rote Insel Die Rote Insel hat sich – eingeschlossen von mehreren Bahnstrecken – im Schöneberger Osten herausgebildet und weist traditionell eine politisch „rote“ – also eine eher linke – Orientierung seiner Arbeiterbevölkerung auf. Die frühere Wohnbevölkerung der 1930er und 1940er Jahre leistete zum Teil erheblichen Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Baugeschichtliche Bedeutung haben die Königin-Luise-Gedächtniskirche von 1912 und der markante Schöneberger Gasometer. Das Industriedenkmal auf dem EUREF-Campus im Südwesten der Insel überragt als architektonische Landmarke die gesamte Rote Insel. Der Alte Zwölf-Apostel-Kirchhof gehört zu den kunst- und kulturgeschichtlich bedeutendsten Begräbnisplätzen Berlins und ist unter anderem letzte Ruhestätte für Friedrich von Falz-Fein, dem Gründer des heute noch bestehenden Naturreservats Askanija-Nowa in der Ukraine. Der 2012 eröffnete Ost-West-Grünzug mit dem Alfred-Lion-Steg über die Gleisanlagen hinweg bindet die Insel an Tempelhof und die Schöneberger Schleife an den Park am Gleisdreieck an. Dominicusstraße mini|Dominicusstraße, Blick Richtung Osten in Höhe der Feurigstraße An der Martin-Luther- und der Dominicusstraße dominiert rund um den John-F.-Kennedy-Platz die öffentliche Verwaltung mit dem Bezirksamt, den Senatsverwaltungen für Wirtschaft, Energie und Betriebe sowie Justiz (Nordsternhaus), am Heinrich-von-Kleist-Park, Landesverfassungsgericht und Kammergericht. Sachsendamm / Schöneberger Linse Dieser Bereich umfasst das Areal zwischen Wannseebahn und der Ortsteilgrenze zu Tempelhof sowie zwischen der Ringbahn und dem südlichen Stadtring einschließlich des Autobahnkreuzes Schöneberg. Das Gelände wird von Gewerbegebieten und Verkehrstrassen dominiert. Der Sachsendamm durchzieht das Gebiet als dominante Straße. Der Teilbereich nördlich des Sachsendamms wird auch „Schöneberger Linse“ genannt. Er bezeichnet das Gebiet der sich erweiternden und wieder schließenden Trassenführung der Ringbahn und des Sachsendamms. Gewerbegebiete befinden sich in der Alboinstraße, am Werdauer Weg, an der Naumannstraße und mit Möbel Höffner auf dem Gelände des ehemaligen Radstadions. Auf dem Gelände des ehemaligen Reichsbahnausbesserungswerk Berlin-Tempelhof (RAW Tempelhof) wurden große Filialen von Bauhaus und IKEA angesiedelt. Fördernd für die Erschließung des Gebietes der „Schöneberger Linse“ ist der 2006 eröffnete Bahnhof Südkreuz, ehemals Bahnhof Papestraße, sowie die Gründung einer Interessengemeinschaft der Grundstückseigentümer der „Schöneberger Linse“. Siedlung Ceciliengärten mini|Südlicher Bereich der Ceciliengärten mit Atelierturm und Torbogen Beispielhaften Städtebau kann man in den Ceciliengärten anhand des – in den 1920er Jahren entstandenen und inzwischen denkmalgeschützten – Stadtquartiers begutachten. Der Fassadenschmuck der Gebäude mit den lebensnahen Darstellungen von kindlichem Alltag und dem seinerzeit modernen Verkehr sowie die Formensprache der Türgestaltungen machen die Ceciliengärten zu einem öffentlichen Freilichtmuseum des Art déco. Der als Gartenbaudenkmal ausgewiesene zentrale Platz mit dem großen Fontänen-Springbrunnen, dem kleinen Fuchsbrunnen von Max Esser und den zwei Frauenstandbildern Der Morgen und Der Abend des Künstlers Georg Kolbe vervollständigen die Anlage. Die im April und Mai jeden Jahres rosafarben blühenden japanischen Kirschbäume bilden ein ansehnliches Blütendach über der Straße und machen der stadtbekannten Britzer Baumblüte Konkurrenz. Um den S-Bahnhof Friedenau mini|Menzelstraße im Malerviertel Im Bereich beiderseits des S-Bahnhofs Friedenau herrscht eine großzügige bürgerliche Bebauung aus der Zeit der Wende zum 20. Jahrhundert vor. Das Wohngebiet wird umgangssprachlich oft dem benachbarten Friedenau zugeordnet, wie etwa bei der Berichterstattung um die hier lebende Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller. Der eigentliche Ortsteil Friedenau beginnt aber erst einige Straßen weiter westlich an der Fregestraße. Die Straßen östlich der Bahntrasse erhielten die Namen von bekannten Malern, weswegen die Gegend oft Malerviertel, oder nach dem zentralen Dürerplatz auch Dürerkiez, genannt wird. Quartier um den Grazer Platz Das Quartier um den Grazer Platz östlich des Malerviertels ist ein Wohngebiet. Direkt am Grazer Platz und am Grazer Damm ist eine Siedlung aus der Zeit des Nationalsozialismus erhalten. Südgelände mini|Überwachsene Bahnanlagen im Natur-Park Südgelände Für das Schöneberger Südgelände zwischen dem Sachsendamm und der Grenze zu Steglitz existierten bereits zur Kaiserzeit Pläne für eine umfangreiche Bebauung.Hermann Jansen: Bebauungsplan Schöneberger Südgelände. Architekturmuseum in der Universitätsbibliothek der TU Berlin Verlag Karl Sanwald, 1927. Diese wurden jedoch nicht realisiert; es wurde 1928 lediglich der S-Bahnhof Priesterweg fertiggestellt und während der Zeit des Nationalsozialismus am westlichen Rand die Siedlung Grazer Damm gebaut.A. Gruhn-Zimmermann: Baudenkmale in Berlin, 1989. Auf den unbebauten Flächen des Südgeländes entstand das bis heute größte zusammenhängende Kleingartengelände Berlins.Marina Naujoks: Auf nach Samoa! Wenn es für die Südsee nicht reicht: Das Südgelände. In: Stadtteilzeitung Schöneberg, Juni 2006. Im Osten des Südgeländes erstreckten sich die weitläufigen Anlagen des Rangierbahnhofs Tempelhof entlang der Anhalter und Dresdener Bahn. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde ein großer Teil der Bahnanlagen stillgelegt und allmählich von der Natur zurückerobert. Auf diesen Flächen befindet sich heute der Natur-Park Schöneberger Südgelände. Direkt westlich der S-Bahn-Strecke Südkreuz – Priesterweg liegt der Hans-Baluschek-Park. Insulaner Südlich des Prellerweges in der Nähe des S-Bahnhofs Priesterweg liegt der Insulaner, ein in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg aufgeschütteter Trümmerberg. An seinem Fuße befindet sich das 1965 eröffnete Planetarium am Insulaner und auf seinem Gipfel die 1963 eröffnete Wilhelm-Foerster-Sternwarte. Auf der Südseite liegt bereits auf Steglitzer Gebiet das „Sommerbad am Insulaner“. Siedlung Lindenhof mini|Siedlung Lindenhof mit dem Ostteil des Lindenhofteiches Die Siedlung Lindenhof im äußersten Südosten Schönebergs ist ein Beispiel für den genossenschaftlichen Wohnungsbau der 1920er Jahre. Ihr Bau wurde durch den sozialdemokratischen Schöneberger Stadtbaurat Martin Wagner maßgeblich vorangetrieben. Die Siedlung sollte das Konzept der genossenschaftlichen Selbsthilfe mit städtebaulichen Anleihen aus der Gartenstadtidee verbinden.Marina Naujoks: Der Lindenhof, ein Refugium. In: Stadtteilzeitung Schöneberg, September 2005. Die Martin-Wagner-Brücke über den Lindenhofsee ist die einzige Schöneberger Brücke, die über ein Gewässer führt. In der Nachbarschaft der Siedlung liegen das Gartendenkmal Alboinplatz und der II. Städtische Friedhof Eythstraße. Gebäude Rathaus Rathaus Schöneberg mit der Freiheitsglocke am John-F.-Kennedy-Platz (ehemals Rudolph-Wilde-Platz) Kirchen mini|hochkant|Dorfkirche Schöneberg mini|Blick über Schöneberg mit der Zwölf-Apostel-Kirche Evangelische Apostel-Paulus-Kirche an der Grunewaldstraße (1892–1894) von Franz Schwechten Evangelisch-freikirchliche Baptistenkirche an der Hauptstraße Evangelisch-freikirchliche Gemeinde (Brüdergemeinde) an der Hohenstaufenstraße Evangelische Dorfkirche Schöneberg an der Hauptstraße (1764–1766) von Johann Friedrich Lehmann Evangelische Königin-Luise-Gedächtniskirche auf dem Gustav-Müller-Platz auf der Roten Insel (1910–1912) von F. Berger Evangelische Lutherkirche auf dem Dennewitzplatz (1891–1894) von Johannes Otzen Evangelische Michaelskirche an der Bessemerstraße (1955–1956) Evangelische Nathanaelkirche auf dem Grazer Platz (1903) von Jürgen Kröger Evangelische Paul-Gerhardt-Kirche neben der Dorfkirche (1958–1962) von Hermann Fehling und Daniel Gogel, anstelle eines zerstörten Vorgängerbaus (1908–1910) von Richard Schultze Evangelische Silaskirche an der Großgörschenstraße Evangelische Kirche Zum Heilsbronnen an der Heilbronner Straße im Bayerischen Viertel (1911/1912) von Ernst Deneke Evangelische Zwölf-Apostel-Kirche an der Kurfürstenstraße, entworfen von Friedrich August Stüler (1864), errichtet von Hermann Blankenstein und Julius Emmerich (1871–1874) Römisch-katholische St.-Elisabeth-Kirche an der Kolonnenstraße (1910/1911) vom Kölner Dombaumeister Bernhard Hertel Römisch-katholische St.-Konrad-Kirche an der Rubensstraße (1958) von Architekt Schaefers Römisch-katholische St.-Matthias-Kirche auf dem Winterfeldtplatz (1893–1896) von Engelbert Seibertz Römisch-katholische St.-Norbert-Kirche an der Dominicusstraße (1913–1918) von Carl Kühn, tiefgreifend umgebaut (1958–1962) von Hermann Fehling, Daniel Gogel und Peter Pfankuch Neuapostolische Kirche Berlin-Schöneberg in der Erfurter Straße am Innsbrucker Platz Moscheen Emir-Sultan-Moschee in der Hauptstraße 150 Semerkand Moschee in der Kurfürstenstraße 37 Botschaften Argentinien in der Kleiststraße 23–26 Dschibuti in der Tauentzienstraße 6 Kroatien in der Ahornstraße 4 (Villa Geisberg) Sonstige Planetarium am Insulaner mit der Wilhelm-Foerster-Sternwarte und dem Bamberg-Refraktor GalerienSchöneberger Art 2022. Abgerufen am 27. Oktober 2022. In der Vergangenheit betrieb der Verkehrsmuseum Berlin e. V. mit Sitz am Halleschen Ufer 74–76 das Verkehrsmuseum Berlin. Die Ausstellungsräume befanden sich im Haus der deutschen Kulturgemeinschaft Urania an der Kreuzung An der Urania und Kleiststraße. Die Existenz lässt sich für die Jahre 1964 und 1970 nachweisen. Es gab die Abteilungen Eisenbahn, Luft- und Raumfahrt, Straßenverkehr und Städtischer Verkehr sowie Schifffahrt. Ausgestellt waren ein VW Käfer und ein Maurer-Union von 1902. Zum Bestand gehörten ferner ein Adler, ein Fahrzeug von Steyr Daimler Puch, ein Tatra und ein Wanderer.Wolfgang Schmarbeck: 100 Auto-Museen in Europa. Schatztruhen der Automobilgeschichte. Motorbuch-Verlag, Stuttgart 1970, S. 206. Die Verbindung zum Deutschen Technikmuseum ist ebenso unklar wie zum Deutschen Historischen Museum, die beide ebenfalls technische Dinge in Berlin ausstellen. Das kleine Grosz Museum, seit 2022 Parks Rudolph-Wilde-Park – (ehemals Stadtpark Schöneberg) ausführlich zur Entwicklung Schönebergs und zum Bau der Berliner U-Bahn zu Beginn des 20. Jahrhunderts Alboinplatz – ausführlich zu den Naturdenkmälern „Blanke Helle“ und „Krummer Pfuhl“ (Toteislöcher) sowie zur denkmalgeschützten Wohnsiedlung Lindenhof Wartburgplatz – ausführlich zur innerstädtischen Grünanlage Natur-Park Südgelände – Mischung aus Natur, Technik-Ruinen und Kunst Alice-Salomon-Park – kleiner Zwischenpark am Barbarossaplatz Wirtschaft und Infrastruktur Wirtschaft Im Ortsteil dominieren kleine und mittlere Unternehmen in den Bereichen Handel, Dienstleistungen sowie der Gastronomie und Hotellerie. Verkehr Eisenbahn Mit dem 2006 eröffneten Bahnhof Südkreuz hat Schöneberg eine direkte Anbindung an den Fern- und Regionalverkehr der Deutschen Bahn. Der Bahnhof wird unter anderem von der ICE-Linie Hamburg – Berlin – Leipzig – München bedient. S-Bahn Schöneberg wird von der Wannseebahn (Linie S1), der Dresdener Vorortbahn (Linie S2), der Anhalter Vorortbahn (Linien S25 und S26) sowie der Berliner Ringbahn (Linien S41, S42, S45 und S46) bedient. Wichtige Knotenpunkte sind die S-Bahnhöfe Schöneberg und Südkreuz. Insgesamt liegen sieben Haltestellen im Ortsteil. Im Zuge der neuen S-Bahn-Linie S21 soll Schöneberg ca. 2030 eine direkte S-Bahn-Anbindung zum Hauptbahnhof erhalten, die derzeit nur durch den Regionalverkehr ermöglicht wird. U-Bahn mini|Die Häuserzeile am Dennewitzplatz mit der Durchfahrt in Richtung Gleisdreieck wurde im November 1943 zerstört Schöneberg wird von den U-Bahn-Linien U1, U2, U3, U4 und U7 bedient. Wichtige Knotenpunkte und auch von besonderer architektonischer Bedeutung sind die U-Bahnhöfe Wittenbergplatz und Nollendorfplatz. Östlich des Nollendorfplatzes verläuft die U-Bahn-Linie U2 als Hochbahn. Die dadurch erforderlich gewordene Hausdurchfahrt am Dennewitzplatz war bis zur Zerstörung des „durchfahrenen“ Hauses im Zweiten Weltkrieg ein vielbeachtetes Kuriosum. Die Linie U4, hervorgegangen aus der Schöneberger Untergrundbahn, liegt vollständig auf Schöneberger Gebiet. Eine Besonderheit bildet der U-Bahnhof Rathaus Schöneberg, der oberirdisch liegt und Fenster zum Rudolph-Wilde-Park hat. Individualverkehr Die Stadtautobahnen A 100 (Stadtring) und A 103 (Westtangente) sind im Autobahnkreuz Schöneberg miteinander verbunden. Die A 100 unterquert westlich des Autobahnkreuzes in einem 270 Meter langen Tunnel den Innsbrucker Platz. Weitere wichtige Verkehrsachsen sind der sogenannte „Generalszug“ Tauentzienstraße – Kleiststraße – Bülowstraße, der Straßenzug An der Urania – Martin-Luther-Straße – Dominicusstraße – Sachsendamm sowie die Bundesstraße 1 auf dem Straßenzug Potsdamer Straße – Hauptstraße (– Dominicusstraße – A 103). Der Hobrecht-Plan sah ursprünglich eine gradlinige Weiterführung der Bülowstraße in Richtung Osten vor. Die Eisenbahnanlagen auf dem Gleisdreieck-Gelände dehnten sich jedoch so schnell aus, dass der „Generalszug“ nach Süden verschoben werden musste, um das Bahngelände unter den Yorckbrücken durchqueren zu können. Die so entstandene Kurve der Bülowstraße, der „Bülowbogen“, gab der ARD-Fernsehserie Praxis Bülowbogen ihren Namen. Die Aufweitung und der überbreite Grünstreifen im Kreuzungsbereich An der Urania/Lietzenburger Straße gehen auf mittlerweile aufgegebene Pläne für eine autobahnähnliche Hochstraße zurück. Im Rahmen des „Planwerks Innenstadt“ gibt es Überlegungen, diesen Bereich umzugestalten. Weitere Relikte der Verkehrsplanung der Nachkriegszeit findet man in der Hohenstaufenstraße und Pallasstraße. Dieser Straßenzug sollte nach einer mittlerweile aufgegebenen Planung durchgehend mehrstreifig ausgebaut werden. Zu diesem Zweck sollte auch das Haus Hohenstaufenstraße 22 abgerissen werden; es steht jedoch bis heute auf der geplanten Trasse der Hohenstaufenstraße und muss engkurvig umfahren werden. Von den unvollendeten Ausbauplänen für die Pallasstraße zeugt auch die vom Straßenverkehr nicht benutzte nördliche Unterfahrung des Pallasseums. Sport In Schöneberg ansässige Fußballvereine sind der FC Internationale Berlin, der sich gegen die Kommerzialisierung des Fußballspiels wendet sowie der 1. FC Schöneberg und der BSC Kickers 1900. Persönlichkeiten In Schöneberg geborene Persönlichkeiten Reinhold Begas (1831–1911), Bildhauer Karl Neunzig (1864–1944), Zeichner und Herausgeber Otto Colosser (1878–1948), Architekt und Politiker (Wirtschaftspartei, DStP) Martin Luserke (1880–1968), Reformpädagoge Carl Lange (1885–1959), Schriftsteller, Lyriker und Offizier Wilhelm Furtwängler (1886–1954), Dirigent der Berliner Philharmoniker, in der Maaßenstraße 1 geboren (Gedenktafel) Erich Kuttner (1887–1942), Politiker (SPD), Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus Karl Schneider (1887–1969), Verwaltungsjurist Herman-Walther Frey (1888–1968), Musikwissenschaftler Ernst Hildebrand (1888–1962), evangelisch-lutherischer Pastor Werner Dehn (1889–1960), Ruderer Erich Schmidt-Schaller (1889–1980), Maler und Grafiker Hedda Korsch (1890–1982), Pädagogin und Hochschullehrerin Emma Rosenthal (1890–1973), Klavierlehrerin und Gerechte unter den Völkern Hans Schwarz (1890–1967), Dramatiker Nelly Sachs (1891–1970), Schriftstellerin, in der Maaßenstraße 12 geboren (Gedenktafel) Ernst Wetzel (1891–1966), SA-Führer, Kommandeur der Berliner SA Fritz Loewe (1895–1974), Meteorologe, Glaziologe und Polarforscher, Hochschullehrer Ilse Bois (1896–1960), Kabarettistin, Schauspielerin und Parodistin Charlotte Schultz-Ewerth (1898–unbekannt), Schriftstellerin Hans Schiftan (1899–1941), Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus Ilse Blumenthal-Weiss (1899–1987), Lyrikerin Kate Diehn-Bitt (1900–1978), Malerin Hedwig Porschütz (1900–1977), Widerstandskämpferin, Gerechte unter den Völkern Herbert Schimkat (1900–1969), Schauspieler Günther Stein (1900–1961), Journalist und Autor Ruth Andreas-Friedrich (1901–1977), Widerstandskämpferin und Journalistin Marlene Dietrich (1901–1992), Schauspielerin, in der Leberstraße 65 geboren, lebte als Kind in der Potsdamer Straße 116 Heinrich Vogel (1901–1958), Agrarwissenschaftler und SS-Führer Arthur Georgi (1902–1970), Verlagsbuchhändler Harry Halm, eigentlich Harry Hahn (1902–1980), Schauspieler Gertrud Kirchhoff (1902–1966), Politikerin Georg Mohr (1902–1971), Filmproduzent Reinhold Schmidt (1902–1974), Leichtathlet Wolfgang Langkau (1903–1991), Angehöriger des Bundesnachrichtendienstes Hermann Ehlers (1904–1954), Politiker (CDU), Bundestagspräsident, in der Gotenstraße 6 geboren (Gedenktafel) Herbert Horn (1904–1974), Zeichner, Maler und Schriftsteller Karl Gaile (1905–1979), Parteifunktionär der SED Alice Treff (1906–2003), Schauspielerin Heinrich Wilhelmi (1906–2005), Ingenieur, Hochschullehrer für Mess- und Regelungstechnik Heinz Schulze, ab 1953 Heinz Schulze-Varell (1907–1985), Modedesigner Karl-Adolf Zenker (1907–1998), Marineoffizier Leonhard Berger (1908–1944), römisch-katholischer Geistlicher und Märtyrer Gisèle Freund (1908–2000), Fotografin Brigitte Helm (1908–1996), Schauspielerin Alfred Lion (1908–1987), Musikproduzent, in der Wielandstraße 22 geboren Dolly Raphael (1908–1989), Schauspielerin und Synchronsprecherin Otto Salman (1908–1970), Korvettenkapitän der Kriegsmarine und u. a. Verlagsleiter einer Tageszeitung Elli Schmidt (1908–1980), Vorsitzende der DDR-Frauenorganisation DFD Alfred Neumann (1909–2001), Politiker (SED), in der Bülowstraße geboren„Bei der Siegerehrung ließ ich die Knochen unten“. arbeiterfussball.de Ernst Ludwig Heuss (1910–1967), Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus, Unternehmer Rupprecht von Keller (1910–2003), Diplomat Ferdinand von Lüdinghausen-Wolff (1910–1977), Jurist, Bürgermeister und Landrat Erika Raphael (1910–2006), Schauspielerin Ulrich Lauterbach (1911–1988), Theaterintendant, Regisseur und Hörspielleiter des Hessischen Rundfunks Béatrice du Vinage (1911–1993), deutsch-schwedische Fotografin und Malerin Olivia Fried (1912–1958), Tänzerin und Schauspielerin Willi Stoph (1914–1999), Politiker (SED), u. a. Vorsitzender des Ministerrats der DDR, in der damaligen Sedanstraße (heute: Leberstraße) geboren Richard Achenbach (1916–2003), Diplomat, Botschafter der Bundesrepublik Deutschland Heinz Spitzner (1916–1992), Schauspieler Oskar Kusch (1918–1944), Offizier der Kriegsmarine, wegen regimekritischer Äußerungen hingerichtet Marli Shamir (1919–2017), israelische Fotografin und Fotojournalistin Helmut Newton (1920–2004), Fotograf, in der Innsbrucker Straße 24 geboren (Gedenktafel) Alfred Kardinal Bengsch (1921–1979), katholischer Bischof von Berlin, wohnte am Tempelhofer Weg 26 (Gedenktafel) Liane Berkowitz (1923–1943), Widerstandskämpferin gegen den Nationalsozialismus, wohnte am Viktoria-Luise-Platz 1 Peter Hartmann (1923–1984), Sprachwissenschaftler und Hochschullehrer Hildegard Hendrichs (1923–2013), Bildhauerin und Malerin Günter Josef Mai (1923–1963), Schriftsteller Klaus Willerding (1923–1982), Politiker (SED) und Diplomat Horst Breitenfeld (1924–2010), Schauspieler, Hörspiel- und Synchronsprecher Konrad von Rabenau (1924–2016), Theologe und Einbandforscher Shlomo Shafir (1924–2013), Journalist Siegfried Leibholz (1925–2005), Offizier des Ministeriums für Staatssicherheits der DDR Dieter Ranspach (1926–2017), Schauspieler und Synchronsprecher Udo-Dieter Wange (1928–2005), Politiker (SED), Minister der DDR Ted Herold (1942–2021), Schlagersänger Hugo Egon Balder (* 1950), Entertainer, wuchs in der Semperstraße auf Corinna Rohn (* 1969), Bauforscherin Grischa Vercamer (* 1974), Historiker Tobias Schneider (* 1981), Eisschnellläufer Rabea Rogge (* 1995), erste deutsche Raumfahrerin Cedric Stern (* 2000), Schauspieler Mit Schöneberg verbundene Persönlichkeiten Wilhelm Adolf Lette (1799–1868), Gründer der Bildungsanstalt Lette-Verein am Viktoria-Luise-Platz Friedrich Kiel (1821–1885), Kompositionslehrer, wohnte in der Potsdamer Straße Albert Dietrich, (1829–1908), Komponist und Dirigent, verbrachte seine letzten Lebensjahre in Schöneberg; starb dort in der Geisbergstraße 29. August Bebel (1840–1913), Mitbegründer der SPD, wohnte in der Hauptstraße 97 (Gedenktafel) Eduard Bernstein (1850–1932), Politiker (SPD), Stadtrat in Schöneberg, wohnte 1918–1932 in der Bozener Straße 18 (Gedenktafel) Fanny Moran-Olden (1855–1905), deutsche Sängerin (Sopran), hatte seit 1892 ihren Wohnsitz in Berlin, starb im Maison de Santé in Schöneberg Hermann Ganswindt (1856–1934), Raketenpionier, Erstflug seines Hubschraubers in Schöneberg Wilhelm Wetekamp (1859–1945), Reformpädagoge, Rektor des Werner-Siemens-Realgymnasiums, wohnte in der Kyffhäuserstraße 3 Friedrich Naumann (1860–1919), Politiker (DDP), lebte in der Naumannstraße 24 (Gedenktafel) Rudolf Steiner (1861–1925), Begründer der Anthroposophie, lebte mit seiner Frau Marie von Sievers in der Motzstraße 30 (Gedenktafel) Arno Holz (1863–1929), Dichter, lebte in der Stübbenstraße 5 (Gedenktafel) Walter Leistikow (1865–1908), Maler, lebte in der Geisbergstraße 33 (zerstört) Ferruccio Busoni (1866–1924), Komponist, wohnte am Viktoria-Luise-Platz 11 (Gedenktafel) Else Lasker-Schüler (1869–1945), Lyrikerin, lebte in der Motzstraße 7 Hans Baluschek (1870–1935), Maler und Grafiker, lebte 1929–1933 im Atelierturm in den Ceciliengärten (Gedenktafel Semperstraße 5) Rosa Luxemburg (1871–1919), Sozialistin, wohnte 1902–1911 in der Cranachstraße 58 (Gedenktafel) Alexander Dominicus (1873–1945), 1911–1921 Oberbürgermeister der Stadt Schöneberg Rudolf Breitscheid (1874–1944), Politiker (SPD), wohnte in der Haberlandstraße 8a (Haus zerstört, Gedenkstein vor dem Neubau) Franz Czeminski (1876–1945), Stadtrat, Mitglied des Schöneberger Stadtparlaments Clemens August Graf von Galen (1878–1946), Bischof und Kardinal, war Kaplan und Pfarrer von St. Matthias (Gedenktafel an der Kirche) Karl Hofer (1878–1955), Maler, Gedenktafel am Haus Grunewaldstraße 44 Albert Einstein (1879–1955), Physiker und Nobelpreisträger, wohnte 1918–1933 in der Haberlandstraße 5 (heute Nr. 8, Haus zerstört, Gedenkstein vor dem Neubau an gleicher Stelle)Gudrun Blankenburg: Das Bayerische Viertel in Berlin-Schöneberg. Leben in einem Geschichtsbuch. Berlin 2010. Hendrik Bäßler Verlag, S. 46. ISBN 978-3-930388-60-8. Nanna Conti (1881–1951), „Reichshebammenführerin“, lebte 1905 bis um 1937 in der Kleiststraße 3 Paul Zech (1881–1946), Schriftsteller, wohnte 1925–1933 in der Naumannstraße 78 (Gedenktafel) Ernst Weiß (1882–1940), Arzt und Schriftsteller, wohnte in der Luitpoldstraße 34 (Gedenktafel) Albert Coppenrath (1883–1960), 1929–1941 Pfarrer an der Kirche St. Matthias Theodor Heuss (1884–1963), Politiker (FDP) und Bundespräsident, wohnte 1918–1930 in der Fregestraße 80 (Gedenktafel) Claire Waldoff (1884–1957), Chansonsängerin, lebte 1919–1933 in der Regensburger Straße 33 (Gedenktafel) Egon Erwin Kisch (1885–1948), Journalist, wohnte in den 1920er Jahren im Haus Hohenstaufenstraße 36 (Gedenktafel) Erich Klausener (1885–1934), katholischer Politiker und Widerstandskämpfer, lebte in der Keithstraße 8 (Gedenktafel) Gottfried Benn (1886–1956), Arzt und Dichter, wohnte 1937–1956 in der Bozener Straße 20 (Gedenktafel) Leon Hirsch (1886–1954), Kabarettist, hatte seine letzte Wohnung vor der Emigration 1933 in der Bozener Straße 10 Renée Sintenis (1888–1965), Bildhauerin und Grafikerin, wohnte in der Innsbrucker Straße 23 (Gedenktafel) Michael Hirschberg (1889–1937), Jurist und Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus, lebte in der Winterfeldtstraße 8 (Gedenktafel) Hans Fallada (1893–1947), Schriftsteller, verbrachte seine Kinderjahre in der Luitpoldstraße 11 (das Haus existiert nicht mehr) Erwin Piscator (1893–1966), Regisseur der Piscator-Bühne am Nollendorfplatz (Gedenktafel) Carl Zuckmayer (1896–1977), Schriftsteller und Dramatiker, wohnte in der Fritz-Elsas-Straße 18 (Gedenktafel) Sepp Herberger (1897–1977), Fußballtrainer, lebte 1937–1944 in der Bülowstraße 89 (Gedenktafel) Leonardo Conti (1900–1945), „Reichsärzteführer“, lebte ab 1905 während seiner Kindheit und Jugend in der Kleiststraße 37 Robert Uhrig (1903–1944), Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus, lebte in der Wartburgstraße 4 (Gedenktafel) Christopher Isherwood (1904–1986), englischer Schriftsteller, lebte zwischen 1930 und 1933 in der Nollendorfstraße 17 (Gedenktafel) Billy Wilder (1906–2002), Regisseur, lebte in seinen jungen Jahren am Viktoria-Luise-Platz 11 (Gedenktafel) Friedrich Luft (1911–1990), Theaterkritiker, wuchs in der Kaiserallee 74 auf, lebte später in der Maienstraße 4 (Gedenktafel) Walter Scheel (1919–2016), Politiker (FDP) und Bundespräsident, lebte bis 2008 in SchönebergAlexandra Wenning: Walter Scheel verlässt Berlin. In: B.Z., 6. Oktober 2008; abgerufen am 18. Mai 2013 Hildegard Knef (1925–2002), Schauspielerin und Sängerin, wuchs auf der Roten Insel auf Klaus Kinski (1926–1991), Schauspieler, wohnte in der Wartburgstraße 3Kinskis Schulzeit und frühe Jugend. Biografie von Klaus Kinski. Joachim Kemmer (1939–2000), Schauspieler und Synchronsprecher, lebte in der Crellestraße 41 (Gedenktafel) Joachim Gauck (* 1940), Bundespräsident, wohnte bis Juli 2012 in der Nymphenburger Straße Jörg Fauser (1944–1987), Schriftsteller, lebte 1981–1984 in der Goebenstraße 10 Edgar Froese (1944–2015), Musiker, startete seine Karriere in der Schwäbischen Straße David Bowie (1947–2016), britischer Musiker, wohnte 1976–1978 in der Hauptstraße 155 (Gedenktafel) Iggy Pop (* 1947), Musiker, lebte in den 1970er Jahren in der Hauptstraße Gerhard Seyfried (* 1948), Comiczeichner und Schriftsteller, lebt in Schöneberg Ingo Kühl (* 1953), Maler, Bildhauer und Architekt, lebt in Schöneberg Herta Müller (* 1953), Schriftstellerin und Literaturnobelpreisträgerin, lebt in Schöneberg Tex Morton (* 1961), Musiker, lebt in Schöneberg Graciano Rocchigiani (1963–2018), Boxweltmeister, wuchs in der Hauptstraße auf David Berger (* 1968), Theologe und Publizist, lebt in Schöneberg Alpa Gun (* 1980), Rapper, wuchs in der Steinmetzstraße auf Kevin Kühnert (* 1989), Politiker (SPD), lebt in Schöneberg Siehe auch Liste der Straßen und Plätze in Berlin-Schöneberg Liste der Kulturdenkmale in Berlin-Schöneberg Liste der Gedenktafeln in Berlin-Schöneberg Liste der Stolpersteine in Berlin-Schöneberg Literatur Werner Bethsold: Schöneberg, eine Gegend in Berlin. Berlin 1977. (Fotodokumentation) Stefan Eggert: Spaziergänge in Schöneberg = Berlinische Reminiszenzen 78. Verlag Haude & Spener, Berlin 1997, ISBN 3-7759-0419-0. Christian Simon: „Es war in Schöneberg im Monat Mai …“ Schöneberg im Wandel der Geschichte. be.bra verlag, Berlin-Brandenburg 1998. Helmut Winz: Es war in Schöneberg. Aus 700 Jahren Schöneberger Geschichte. Haupt & Puttkammer, Berlin 1964. (Der Titel nimmt den alten Gassenhauer Das war in Schöneberg, im Monat Mai von Walter Kollo auf, als der Ort noch Ausflugsziel der Berliner Kleinbürger war.) Berliner Geschichtswerkstatt (Hrsg.): „Das war ’ne ganz geschlossene Gesellschaft hier“. Der Lindenhof: Eine Genossenschaftssiedlung in der Großstadt. Nishen Verlag, Berlin 1987, ISBN 3-88940-133-3. Gudrun Blankenburg: Das Bayerische Viertel in Berlin Schöneberg. Leben in einem Geschichtsbuch. Hendrik Bäßler Verlag, Berlin 2012, ISBN 978-3-930388-60-8. Weblinks Information zum Ortsteil Schöneberg. Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg von Berlin Stadtteilzeitung Schöneberg mit Beiträgen über das historische Schöneberg Bildergalerie von Schöneberger Orten/Plätzen Einzelnachweise Schoneberg Schoneberg Kategorie:Ehemalige kreisfreie Stadt in Deutschland Kategorie:Ersterwähnung 1264 Kategorie:Stadtrechtsverleihung 1898 Kategorie:Gemeindeauflösung 1920
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Aussetzung des Handels
Aussetzung des Handels ist eine Maßnahme der Geschäftsführung einer Börse, die den Börsenhandel mit Handelsobjekten allgemein oder einem bestimmten Handelsobjekt für einen unbestimmten Zeitraum untersagt. Börsenkurse sind dadurch gekennzeichnet, dass sie mehr oder weniger starken Schwankungen unterliegen. Die Kursbildung beruht auf den unterschiedlichen Vorstellungen der Marktteilnehmer und stellt für diese ein Kursrisiko dar. Wenn die Kursschwankungen und damit Kursrisiken jedoch so groß sind, dass ein ordnungsgemäßer Börsenhandel nicht mehr stattfinden kann, darf die Geschäftsführung in den Handel eingreifen und Kursnotierungen (vorübergehend) untersagen. Auch Direktgeschäfte zwischen Börsenteilnehmern sind dann verboten. In Deutschland Rechtsgrundlagen Das Börsengesetz (BörsG) kennt zwei Arten der Kursaussetzung. Die Geschäftsführung einer Börse ist nach Abs. 1 BörsG befugt, den Handel von Handelsobjekten auszusetzen oder einzustellen: Aussetzung des Handels ist vorzunehmen, wenn ein ordnungsgemäßer Börsenhandel zeitweilig gefährdet oder wenn dies zum Schutz des Publikums geboten erscheint; Einstellung des Handels ist geboten, wenn ein ordnungsgemäßer Börsenhandel nicht mehr gewährleistet erscheint. Bei Aussetzung oder Einstellung geht das Gesetz davon aus, dass ein ordnungsgemäßer Börsenhandel nicht mehr stattfinden kann. Ist der Börsengeschäftsführung aufgrund der Mitteilung des Emittenten erkennbar, dass sich die von den Handelsteilnehmern vereinbarten Preise infolge ihrer Informationsdefizite nicht fair und transparent bilden, so ist die Ordnungsmäßigkeit des Börsenhandels nicht mehr gewährleistet.Landgericht Hamburg, WM 1989, 336, 338 Temporäre Gefährdungen führen zur Aussetzung, länger anhaltende zur länger andauernden Einstellung des Handels. Beide Maßnahmen führen zur Einstellung der Kursnotiz und sind der Börsenaufsicht und der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) zu melden. Die Vorschrift des § 25 Abs. 1 BörsG übernimmt in § 57 die Börsenordnung für die Frankfurter Wertpapierbörse. Danach kann die Geschäftsführung den Handel im regulierten Markt aussetzen, „wenn ein ordnungsgemäßer Börsenhandel zeitweilig gefährdet oder wenn dies zum Schutz des Publikums geboten erscheint.“ Wenn dieser ordnungsgemäße Börsenhandel nicht mehr möglich ist, kann der Handel sogar ganz eingestellt werden. Nach Abs. 1 Nr. 5 KWG kann die BaFin die Schließung eines Kreditinstituts für den Verkehr mit der Kundschaft anordnen, wodurch es den Bankkunden nicht mehr möglich ist, Wertpapierorders für die Börse abzugeben. Unterbrechungen Eine so genannte Volatilitätsunterbrechung beim Computerhandelssystem Xetra findet statt, wenn ein möglicher Kurs „außerhalb des dynamischen Preiskorridors“ liegt. Dieser Korridor wird von den Handelssystemen der Börse errechnet, eine Aussetzung des Handels wird den Anlegern unmittelbar mitgeteilt. Volatilitätsunterbrechungen dauern bei Aktien aus dem DAX und Werten der STOXX Europe 50-Indizes drei Minuten, bei allen anderen Wertpapieren fünf Minuten. Der Umfang des Preiskorridors wird nicht veröffentlicht, damit sich die Marktteilnehmer nicht hierauf einstellen können. Schwanken Kurse über längere Zeit sehr stark, kann die Börsenleitung mit dem Status des „Fast Market“ die Kursnotierungen aussetzen. Dies geschah zuletzt wegen der COVID-19-Pandemie am 16. März 2020. Ursachen und Folgen Auslöser für Eingriffe in den Börsenhandel können sowohl Ereignisse bei einem einzelnen Wertpapier (angekündigte Ad-hoc-Publizität durch Unternehmen), beim Publikum (Panikkäufe und -verkäufe) oder Extremereignisse (Terroranschläge am 11. September 2001) sein. In WpHG ist vorgeschrieben, dass kursbeeinflussende Tatsachen unmittelbar vor ihrer Veröffentlichung den Börsen und der BaFin mitzuteilen sind. Dadurch erhalten die Börsen etwa 20 Minuten vor der Öffentlichkeit diese Informationen und haben ausreichend Zeit, über eine Kursaussetzung zu entscheiden.Michael Schuster, Feindliche Übernahmen deutscher Aktiengesellschaften, 2003, S. 59 FN 288 Ad-hoc-Mitteilungen sind geeignet, einen erheblichen Kursausschlag herbeizuführen. Die Unterbrechung des Börsenhandels ist eine Ermessensentscheidung der Börsengeschäftsführung.Eberhard Schwark: Börsengesetz: Kommentar, 1994, § 43 Rn. 5 Ist die Entscheidung der Börsengeschäftsführung zur Kursaussetzung gefallen, erhält der letzte Kurs des betroffenen Wertpapiers den Kurszusatz au/ausg = ausgesetzt: Die Kursnotierung ist ausgesetzt, ein Ausruf ist nicht gestattet. Der Anleger kann aus einer Kursaussetzung schließen, dass Ereignisse eingetreten sind, die für die Bewertung seines Handelsobjekts maßgeblich sein können.Wolfgang Gerke: Gerke Börsen Lexikon, 2002, S. 87 Kursaussetzungen führen dann – anders als bei der Handelsunterbrechung („trading halt“) – zum Erlöschen aller betroffenen Orders (§ 6 Abs. 4 Börsengeschäftsbedingungen). Denn die Marktteilnehmer haben angesichts der veröffentlichten kursbeeinflussenden Tatsachen „kein Interesse mehr an der Ausführung ihrer in Unkenntnis dieser Tatsachen erteilten Kauf- und Verkaufsaufträge“.Siegfried Kümpel in: Heinz-Dieter Assmann/Uwe Schneider: Wertpapierhandelsgesetz: Kommentar, 1995, § 15 Rn. 133 Wegen der schwerwiegenden Folgen einer Kursaussetzung durch die Börsenorgane ist ein solcher Vorgang die Ausnahme. Nach Kursaussetzung wird mit dem zuletzt festgestellten Kurs begonnen bzw. bei Kursaussetzung vor Börsenbeginn mit dem Schlusskurs des Vortages. Zweck Aussetzungen oder Einstellungen führen zu keinen Umsätzen, so dass die Kauf- und Verkaufsabsichten nicht realisiert werden können. Diese Maßnahmen zielen darauf ab, durch Unterbrechung des Handels die Marktteilnehmer zu beruhigen und ihnen Zeit für die Beschaffung aktueller Informationen zu geben, um das Informationsgleichgewicht wiederherzustellen.DIRK Deutscher Investor Relations Kreis: Handbuch Investor Relations, 2004, S. 481 Matthias Ecke wies 2005 nach,Matthias Ecke: Kursaussetzungen am deutschen Aktienmarkt, 2005, S. 135 ff. dass Ereignisse mit Kursaussetzungen durch eine starke Reaktion bei Wiederaufnahme des Handels gekennzeichnet sind. Im Vergleich mit – nicht kursausgesetzten – Ad-hoc-Meldungen zeigen Kursaussetzungen stärkere Ereigniseffekte. Ecke gelangt zu dem Ergebnis, dass Emittenten und Anleger darauf vertrauen können, dass Kursaussetzungen in der Regel nur dann vorgenommen werden, wenn sie mit sehr sensitiven Informationen in Verbindung stehen. Da starke Kursschwankungen im Rahmen eines Spillovers von der Finanzwirtschaft auch auf die Realwirtschaft übergreifen können, kann eine Kursaussetzung auch Finanz- und Wirtschaftskrisen abschwächen oder gar verhindern. In den USA In den USA ist bei „Trading halts“ oder „Suspensions“ zu unterscheiden, ob die US-Finanzaufsicht Security Exchange Commission (SEC) oder die Börse eine Aussetzung initiiert hat. In den meisten Fällen werden Aussetzungen von den Börsen selbst initiiert. Die Gründe dafür können Verstöße gegen Listing-Bedingungen, gegen handelssegmentspezifische Anforderungen oder gegen Publizitätspflichten sein. Der am meisten zu beobachtende Grund sind anstehende Unternehmensnachrichten. Die SEC hat die Möglichkeit, Aktien bis zu zehn Handelstage vom Börsenhandel auszuschließen. Die Handelsaussetzung bleibt bis 23.59 Uhr des zehnten Handelstages nach der Ankündigung der Aktion bestehen. Handelsobjekte Handelsaussetzungen beschränken sich nicht auf Aktien, sondern können sich auf alle Handelsobjekte erstrecken, so auch auf Staatsanleihen, Leerverkäufe oder Geld. So wurden im Jahr 2002 sowohl in Argentinien als auch Uruguay so genannte Bankfeiertage ausgerufen. Effektiv wurde der Handel mit Geld, Abhebungen und Überweisungen ausgesetzt. Auch in diesen Fällen war die Stabilisierung der jeweiligen Währung das Ziel. Die längerfristige Aussetzung des Handels mit dem einzig allgemein akzeptierten Tauschmittel eines Landes hat fatale Folgen für die arbeitsteilige Wirtschaft: Ohne Tauschmittel kommt die Arbeitsteilung zum Erliegen. In der Regel folgt auf solche Umständen eine allgemeine Verelendung. Kritik Befürworter sehen in der Aussetzung des Handels mit Wertpapieren einzelner Unternehmen einen Anlegerschutz. So wird der Handel mit Aktien eines Unternehmens ausgesetzt, wenn dieses Unternehmen Pflichtmitteilungen zu tätigen hat, die einen erheblichen Einfluss auf den Kurs haben können wie z. B. Insolvenzanträge, Fusionen eines Unternehmens oder Unternehmensübernahmen. Hierzu bekommen die Kontrollorgane die Pflichtmitteilung vor der Veröffentlichung und können den Handel aussetzen, bevor die Nachricht bekannt wird. Kritiker sehen in Aussetzungen des Handels einen Widerspruch zur Idee des wirtschaftlichen Liberalismus, da dort Märkte frei von Beeinflussung sein sollen. Häufig wird der Handel eines bestimmten Wertpapiers oder gleich aller Wertpapiere an einer Wertpapierbörse ausgesetzt. Die Begründung dafür ist, dass bei steigenden Kursen Wertpapiere gekauft werden, womit der Kurs noch weiter steigt, und dass bei fallenden Kursen Wertpapiere verkauft werden, womit der Kurs noch weiter fällt. Die Nichtaussetzung von Kursen hat möglicherweise trendverschärfende Effekte. Siehe auch Argentinien-Krise Börsenkrach Schwarzer Freitag Schwarzer Montag Einzelnachweise Kategorie:Börsenhandel
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Baryon
Baryonen sind subatomare Teilchen mit relativ großer Masse. Zu ihnen gehören das Proton und das Neutron (Sammelbegriff: Nukleonen) sowie eine Reihe weiterer, noch schwererer Teilchen. Sie sind (im Regelfall) aus drei Quarks zusammengesetzt. Baryonen sind Fermionen, d. h., sie haben halbzahligen Spin und unterliegen dem Paulischen Ausschließungsprinzip (Pauli-Prinzip). Baryonen können nur als Paare von Baryon und Antibaryon erzeugt oder vernichtet werden. Bei der Umwandlung eines Baryons („Zerfall“) entsteht immer ein anderes Baryon. Das leichteste Baryon, das Proton, ist stabil. Zusammen mit den Mesonen werden Baryonen zur Klasse der Hadronen (zusammengesetzte Teilchen, die der starken Wechselwirkung unterliegen) zusammengefasst. Im Unterschied zu den Baryonen haben Mesonen ganzzahligen Spin, und ihre Zahl bleibt nicht erhalten. Etymologie Die Bezeichnung „Baryon“ kommt von altgriechisch (barýs ‚schwer‘, ‚gewichtig‘) als Gegensatz zu den „leichten“ Leptonen und den „mittelschweren“ Mesonen. Die Namensgebung passt zu den zuerst entdeckten Teilchen: das leichteste Baryon (das Proton) ist siebenmal so schwer wie das leichteste Meson (das Pion) und fast 2000-mal so schwer wie das leichteste geladene Lepton (Elektron). Allerdings gibt es Mesonen mit schweren Quarks, die deutlich schwerer sind als das Proton, und auch das Tau-Lepton ist schwerer. Eigenschaften Spin Baryonen sind Fermionen, d. h., sie haben halbzahligen Spin und unterliegen dem Paulischen Ausschließungsprinzip (Pauli-Prinzip). Sie werden durch die Fermi-Dirac-Statistik beschrieben. Die Baryonen der niedrigsten Energie haben Spins von und Isospin Proton und Neutron, aber auch Gruppen anderer Baryonen (z. B. Sigma-Baryonen) haben sehr ähnliche Eigenschaften, so dass man sie als unterschiedliche Ladungszustände eines Teilchens interpretieren kann. Dies wird durch den Isospin-Formalismus beschrieben. Strangeness, Charm, Bottomness In den 1950er Jahren wurden Baryonen entdeckt, die – zusammen mit K-Mesonen – über die starke Wechselwirkung erzeugt wurden, aber nur über die schwache Wechselwirkung zerfielen. Dieses „seltsame“ Verhalten wurde über eine Quantenzahl Strangeness (S) beschrieben, die nur bei der schwachen Wechselwirkung nicht erhalten bleibt. Im Quarkmodell beschreibt S die Anwesenheit eines s-Quarks. Den in den 1970er und 1980er Jahren entdeckten Baryonen mit den schwereren c- und b-Quarks werden entsprechend die Quantenzahlen Charme (C) und Bottomness (B′) zugeordnet. Baryonenzahl Bei der Umwandlung („Zerfall“) eines Baryons entsteht immer ein anderes Baryon. Baryonen können nur als Paare von Baryon und Antibaryon erzeugt oder vernichtet werden. Ordnet man Baryonen und Antibaryonen die Baryonenzahl bzw. zu, so bleibt die Gesamtbaryonenzahl stets konstant. Die Baryonenzahl ist eine additive Quantenzahl, d. h. für Systeme mehrerer Teilchen addieren sich die Quantenzahlen der einzelnen Konstituenten zur Quantenzahl des Gesamtsystems. Die Baryonenzahl ist nach heutigem Kenntnisstand eine absolute Erhaltungsgröße. Im Unterschied zu anderen erhaltenen Quantenzahlen ist für die Baryonenzahl keine zugehörige Symmetrie bekannt. Experimente suchen nach einem möglichen Zerfall des Protons, der diesen Erhaltungssatz verletzen würde. Masse Baryonen, die aus leichten Quarks (u, d, s) zusammengesetzt sind, haben Massen zwischen knapp 1 und Baryonen mit schwereren Quarks (c, b) haben Massen bis Das leichteste Baryon, das Proton, hat eine Masse von Lebensdauer Baryonen, die aufgrund von Erhaltungssätzen nur über die schwache Wechselwirkung zerfallen können, sind relativ langlebig (typischerweise 10−10 s; das Neutron mit einer mittleren Lebensdauer von fast 15 Minuten ist ein Sonderfall). Über die starke Wechselwirkung zerfallende Baryonen haben hingegen Lebensdauern von typischerweise Sie werden als Baryonresonanzen bezeichnet. Das leichteste Baryon, das Proton, ist nach heutigem Wissensstand stabil. Baryonen im Quarkmodell Zusammensetzung Baryonen bestehen aus drei Quarks, den so genannten Valenzquarks, die die Ladung und Quantenzahl des Baryons bestimmen, sowie aus dem Feld der starken Wechselwirkung, das sich in Gluonen und virtuellen Quark-Antiquark-Paaren, den so genannten Seequarks manifestiert. Während in Atomkernen der Beitrag des Feldes noch relativ moderat ist (die typische Bindungsenergie eines Nukleon beträgt 8 MeV, was weniger als 1 % der Nukleonmasse ist), ist er in Baryonen weit stärker: Im Proton tragen die drei Valenzquarks nur ca. 1 % zur Masse bei. Man kann die Baryonen rechnerisch so behandeln, als würde sich der Beitrag des Feldes auf die drei Valenzquarks aufteilen und ihnen damit eine deutlich höhere Masse verleihen. Die „effektiven“ Quarks bezeichnet man als Konstituentenquarks. Die drei leichten Quarks – up (u), down (d) und strange (s) – haben Konstituentenquarkmassen von etwa der gleichen Größenordnung (wobei das s-Quark ca. 50 % schwerer ist als u- und d-Quark); charm-Quark (c) und bottom-Quark (b) sind deutlich schwerer. Baryonen mit top-Quarks (t) wurden nicht beobachtet, und aufgrund der extrem kurzen Lebensdauer des t-Quarks ist nicht zu erwarten, dass sich solche Baryonen bilden können. Dass es gerade drei Valenzquarks sein müssen, ergibt sich aus der Theorie der starken Wechselwirkung, der Quantenchromodynamik (QCD). Jedes Quark trägt eine „Farbladung“, die drei verschiedene Werte, willkürlich „rot“, „grün“ und „blau“ genannt, annehmen kann. Diese Ladungen müssen sich insgesamt aufheben, was nur als Kombination rot+grün+blau möglich ist. Quantenzahlen Die Quantenzahlen der Baryonen lassen sich im Quarkmodell gut erklären. Elektrische Ladung: Da Baryonen immer aus drei Valenzquarks bestehen und diese die elektrische Ladung + oder − haben, ist die Ladung der Baryonen immer ganzzahlig und kann Werte zwischen +2 und −1 annehmen. Strangeness, Charm und Bottomness ergeben sich aus der Zusammensetzung aus Valenzquarks. Das Ξ0 mit der Zusammensetzung uss hat beispielsweise die Strangeness Die dritte Komponente des Isospins I3 ergibt sich aus der Zahl der d- und u-Valenzquarks, denen die Quantenzahlen und zugeordnet sind. Für den Isospin gilt: . Baryonenzahl: Die Erhaltung der Baryonenzahl entspricht der Erhaltung der Quark-Zahl: Quarks können sich in andere Quarks umwandeln, aber nur als Quark-Antiquark-Paare erzeugt oder vernichtet werden. Man ordnet Quarks daher die Baryonenzahl B = + und den Antiquarks entsprechend B = − zu. Spin und Parität: Bei Atomen können sich aufgrund des Pauli-Prinzips nur maximal zwei Elektronen im Grundzustand (n = 1, ℓ = 0) befinden, eines für jede Spinrichtung. Ebenso können im Atomkern nur jeweils zwei Protonen und zwei Neutronen im Grundzustand sein. Die Spins jedes Paars addieren sich dabei zu Null. Für die Valenzquarks in Baryonen gilt diese Einschränkung hingegen nicht: Mit der Farbladung als zusätzlichem Freiheitsgrad können sich alle drei Quarks, auch wenn sie gleichen Flavour haben, mit gleicher Spinrichtung im Grundzustand befinden. Daher ist ein Gesamtspin von sowohl als auch möglich. Die Parität dieser Baryonen ist wegen ℓ = 0 dann positiv, weil die intrinsische Parität der Quarks konventionsgemäß positiv ist.Analog zu den Elektronen im Atom und den Nukleonen im Atomkern können die Quarks im Baryon aber auch angeregte Zustände annehmen – im Atom entspräche dies einer Hauptquantenzahl > 1 und/oder einer Bahndrehimpulsquantenzahl ℓ > 0. In diesem Fall entstehen (sehr kurzlebige) Baryonen höherer Masse und mit höheren Spinquantenzahlen. Baryonen aus leichten Quarks (u, d, s) Multipletts Eine wichtige Konsequenz des Aufbaus der Baryonen aus Quarks ist, dass es Gruppen von Baryonen mit ähnlichen Eigenschaften gibt, so genannte Multipletts. Betrachten wir zunächst Baryonen, die aus den drei leichten Quarks up (u), down (d) und strange (s) aufgebaut sind, die als Konstituentenquarks ähnliche Massen haben (das s-Quark etwas höhere als d und u). Dann gibt es zehn mögliche Kombinationen: 4 Kombinationen für Baryonen, die aus den beiden leichtesten Quarks aufgebaut sind: ddd, ddu, duu, uuu; 3 Kombinationen, wenn das Baryon ein s-Quark enthält: dds, dus, uus; 2 Kombinationen, wenn das Baryon zwei s-Quarks enthält: dss und uss; 1 Kombination für drei s-Quarks: sss. Eine mögliche Einschränkung ergibt sich aus dem Pauli-Prinzip: Da Quarks halbzahligen Spin haben, muss ihre Gesamtwellenfunktion antisymmetrisch sein: Sie muss ihr Vorzeichen wechseln, sobald man die Quantenzahlen zweier Quarks vertauscht. Die Wellenfunktion ist dabei das Produkt aus vier Bestandteilen: Ortswellenfunktion: sie ist im Grundzustand symmetrisch (wegen ℓ = 0); Spinwellenfunktion: sie ist symmetrisch, wenn alle drei Quarkspins in dieselbe Richtung zeigen (woraus sich ein Gesamtspin ergibt); Flavourwellenfunktion: sie ist symmetrisch, wenn alle drei Quarks denselben Flavour haben. Wenn nur u- und d-Quarks involviert sind, kann man den Isospinformalismus anwenden; Farbwellenfunktion: sie ist für drei Quarks antisymmetrisch, weil das aus ihnen gebildete Baryon stets farbneutral („weiß“) ist (Kombination aus einem „roten“, einem „grünen“ und einem „blauen“ Quarks). Das Baryon-Dekuplett (JP = +) mini|Das Dekuplett von Baryonen mit In der Tat wurden zehn Baryonen (Dekuplett) mit Spin und positiver Parität gefunden, die perfekt zu diesem Schema passen: Vier Δ-Baryonen mit fast gleicher Masse (Isospin-Quadruplett), elektrischer Ladung von −1 bis +2 und Strangeness drei Σ*-Baryonen mit fast gleicher Masse (Isospin-Triplett), elektrischer Ladung von −1 bis +1 und Strangeness zwei Ξ*-Baryonen mit fast gleicher Masse (Isospin-Duplett), elektrischer Ladung von −1 bis 0 und Strangeness ein Ω-Baryon (Isospin-Singulett), elektrischer Ladung −1 und Strangeness Die Masse dieser Isospin-Multipletts steigt mit der Strangeness-Quantenzahl um jeweils was sich auf die höhere Masse des s-Quarks zurückführen lässt. Alle diese Baryonen haben positive Parität, was dazu passt, dass alle Quarks im Grundzustand (Bahndrehimpuls 0) sind. Historisch gesehen war die Existenz von Spin--Baryonen mit drei Quarks gleichen Flavours (Δ++, Δ− und Ω−) ein Indiz dafür, dass es neben Ort, Spin und Flavour einen weiteren Freiheitsgrad – die Farbladung – geben musste, damit das Pauli-Prinzip erfüllt war. Das Baryon-Oktett (JP = +) mini|Das Oktett von Baryonen mit Wenn die Spins der der Quarks zu koppeln, hat die Spinwellenfunktion gemischte Symmetrie. Aus gruppentheoretischen Überlegungen ergibt sich ein Oktett – ohne die Kombinationen ddd, uuu und sss, aber mit einem zusätzlichen Singulett der Kombination dus. Genau dies wurde beobachtet. Das Isospinduplett aus ddu und duu sind Neutron und Proton, zusätzlich zum Isospintriplett der Σ-Baryonen und zum Duplett der Ξ-Baryonen gibt es ein Singulett, das Λ-Baryon. Massenaufspaltung Da sich die verschiedenen Zeilen der Multipletts durch die Anzahl der strange-Quarks unterscheiden (die Strangeness nimmt jeweils nach unten hin zu), liefert der Massenunterschied zwischen dem strange- und den nicht-strange-Quarks ein Maß für die Massenaufspaltung der einzelnen Isospinmultipletts. Ferner existiert eine grundlegende Aufspaltung zwischen den Massen in Oktett und Dekuplett, die auf die (farbmagnetische) Spin-Spin-Wechselwirkung zurückzuführen ist. So hat z. B. die Quarkkombination (uus) je nach Spin unterschiedliche Massen: m(Σ+) = , m(Σ*+) = Innerhalb der Isospinmultipletts ist die Aufspaltung gering: z. B. m(Σ0) = , m(Σ−) = . Baryonen mit schweren Quarks (c, b) mini|Erweitertes Multiplett von Baryonen aus d-, u-, s- und c-Quarks mit . Die unterste Ebene bildet das Oktett der Baryonen aus leichten Quarks. Hinzu kommt ein Nonett von Baryonen mit einem c und ein Triplett von Baryonen mit zwei c-Quarks Auch die schwereren Quarks charm und bottom können Bestandteile von Baryonen sein, z. B. hat das Λc die Zusammensetzung udc. Das Top-Quark hingegen kann keine gebundenen Zustände bilden, weil es zu schnell zerfällt. Durch Hinzunahme dieser Quarks lassen sich Multipletts höherer Dimension bilden. Die Teilmultipletts unterscheiden sich allerdings deutlich in den Massen, da c und b erheblich schwerer sind. Angeregte Zustände Neben den beschriebenen Grundzuständen der Baryonen gibt es noch eine große Zahl angeregter Zustände mit radialer Anregung der Quarks (entsprechend der Hauptquantenzahl der Elektronen im Atom) oder Drehimpulsanregung (entsprechend der Nebenquantenzahl). Solche Baryonen können höhere Spins haben (extremes Beispiel: für das Δ(2420)) und zerfallen über die starke Wechselwirkung meist in ein Baryon und ein oder mehrere Mesonen. Ihre Lebensdauer ist extrem kurz, sie liegt typischerweise in der Größenordnung von 10−24 s, entsprechend einer Zerfallsbreite von 100 MeV und höher. Exotische Baryonen Es ist möglich, dass Hadronen mit halbzahligem Spin nicht aus drei (Valenz-)Quarks, sondern aus einer anderen Zahl von Quarks zusammengesetzt sind. Da freie Teilchen immer die Gesamtfarbladung 0 haben müssen (Confinement), muss die Zahl der Quarks abzüglich der Antiquarks durch drei teilbar sein. 2015 und 2019 wurden Pentaquarks mit der Zusammensetzung qqqqq nachgewiesen. Nomenklatur Baryon N Δ Λ Σ Ξ Ω Anzahl d-, u-Quarks 3 2 1 0 Anzahl s-, c-, b-Quarks 0 1 2 3 Isospin 0 1 0 Ladungszustände 2 4 1 3 2 1 Für die Baryonen hat die Particle Data Group die folgende Nomenklatur festgelegt: Baryonen werden abhängig von der Zahl der leichtesten Quarks (d, u) und dem Isospin mit den Buchstaben N (Nukleon), Δ (Delta), Λ (Lambda), Σ (Sigma), Ξ (Xi) und Ω (Omega) bezeichnet. ein Baryon aus drei u- und/oder d-Quarks heißt Nukleon (N), wenn es den Isospin hat, und Δ, wenn es den Isospin hat. Für die beiden Ladungszustände des Nukleons im Grundzustand gelten die Bezeichnungen Proton (p) und Neutron (n). ein Baryon mit zwei u- und/oder d-Quarks ist ein Λ (Isospin 0) oder Σ (Isospin 1). Wenn das dritte Quark ein c oder b ist, wird dies als Index angegeben. ein Baryon mit einem u- oder d-Quark ist ein Ξ. Quarks schwerer als s werden wiederum als Index angegeben. (Beispiel: ein Baryon der Zusammensetzung usc ist ein Ξc; ein Baryon der Zusammensetzung ucc ist ein Ξcc.) ein Baryon ohne u- und d-Quark ist ein Ω. Quarks schwerer als s werden wiederum als Index angegeben. Zur weiteren Unterscheidung wird die Masse des Baryons (in MeV/c2) in Klammern angegeben. Beim niedrigsten Zustand kann diese Angabe entfallen. Die niedrigsten Spin--Zustände von Σ und Ξ können statt mit der Masse auch mit einem Sternchen gekennzeichnet werden. Bei Baryonen mit Isospin > 0 (also N, Δ, Σ, Ξ) gibt es mehrere Ladungszustände, je nachdem, wie viele u- oder d-Quarks involviert sind. Daher wird dort zusätzlich die elektrische Ladung angegeben. (Beispiel: ein Baryon mit der Zusammensetzung uss ist ein Ξ0.) Pentaquarks werden mit dem Buchstaben P bezeichnet, mit der Ladung als oberem und schwerem Flavour als unterem Index, gefolgt von der Masse und optional von den Quantenzahlen Spin und Parität, z. B. Pc+(4312). Baryonische Materie in der Kosmologie Als Baryonische Materie bezeichnet man in der Kosmologie und der Astrophysik die aus Atomen aufgebaute Materie, um diese von dunkler Materie, dunkler Energie und elektromagnetischer Strahlung zu unterscheiden. Im sichtbaren Universum gibt es mehr Baryonen als Antibaryonen, diese Asymmetrie nennt man Baryonenasymmetrie. Forschungsgeschichte Im Jahr 1919 führte Ernest Rutherford die erste künstliche Kernumwandlung durch und wies nach, dass dabei Wasserstoffkerne emittiert wurden. Damit wurde deutlich, dass auch der Atomkern eine Struktur besitzen musste. Bald wurde klar, dass Atomkerne neben Wasserstoffkernen (Protonen) weitere, elektrisch neutrale Teilchen (Neutronen) beinhalten mussten. Mit dem Nachweis des Neutrons durch James Chadwick 1930 hatte man die Bestandteile normaler Materie – Elektron, Proton und Neutron – gefunden. Da Proton und Neutron sehr ähnliche Eigenschaften hatten, wurden sie von Werner Heisenberg als ein Teilchen (Nukleon) mit zwei Ladungszuständen (Isospin) beschrieben. 1950 wurde das Λ-Baryon als erstes weiteres „schweres“ Teilchen in Reaktionen mit kosmischer Strahlung entdeckt, es folgten die Entdeckung von Σ und Ξ. Mit Zyklotron-Experimenten wurden „Resonanzen“ (starker Anstieg der Reaktionswahrscheinlichkeit bei bestimmter Energie) bei der Reaktion von Pionen mit Nukleonen entdeckt und von Murray Gell-Mann als Quadruplett von Δ-Teilchen gedeutet. Der Name „Baryon“ etablierte sich für diese Teilchen. Kazuhiko Nishijima und Gell-Mann fanden 1953 bzw. 1956 unabhängig voneinander eine Gesetzmäßigkeit, die heute als Gell-Mann-Nishijima-Formel bekannt ist. Im Jahr 1961 gelang es Gell-Mann und Yuval Ne’eman, die bekannten Hadronen aufgrund gruppentheoretischer Überlegungen in bestimmten Schemata (den „Achtfachen Weg“, engl.: eightfold way) anzuordnen – die Baryonen in ein Oktett und ein Dekuplett. Vom Spin--Dekuplett waren zu diesem Zeitpunkt das Δ-Quadruplett und das Σ*-Triplett bekannt. Nach dem Nachweis des Ξ*-Dupletts im Jahr 1963 fehlte als letztes das Teilchen mit Strangeness dessen Masse Gell-Mann berechnete (Gell-Mann-Okubo-Massenformel). Aufgrund dieser Voraussagen wurde 1964 tatsächlich das Ω-Baryon mit einem speziell hierfür ausgelegten Experiment gefunden (siehe Ω-Baryon → Forschungsgeschichte). Damit galt die Richtigkeit des „Achtfachen Wegs“ als erwiesen. Zur Erklärung dieser Ordnung postulierte Gell-Mann 1964 (und unabhängig von ihm George Zweig), dass Mesonen und Baryonen aus noch kleineren Teilchen zusammengesetzt seien, und nannte diese Quarks. In den späten 1960er Jahren zeigten Experimente mit tief inelastischer Streuung hochenergetischer Elektronen am SLAC, später auch weitere Experimente mit Neutrinos und Myonen an anderen Orten, dass Nukleonen tatsächlich eine Substruktur haben und Teilchen mit Spin enthalten. Nachdem 1974 mit dem J/ψ-Meson das zuvor postulierte c-Quark nachgewiesen wurde, entdeckte man im Jahr darauf mit dem (Λc = udc) das erste Baryon mit Das erste Baryon mit einem b-Quark (Λb = udb) wurde 1981 gefunden. 2015 gab es den ersten experimentellen Hinweis auf ein Pentaquark. Liste der Baryonen Die Liste der Baryonen enthält die Zusammenstellung aller bekannten Baryonen sowie der vorhergesagten Baryonen mit Gesamtdrehimpuls oder und positiver Parität. Literatur Bogdan Povh u. a.: Teilchen und Kerne. 6. Auflage. Springer, Berlin 2004, ISBN 3-540-21065-2. Weblinks Particle Data Group, Messwerte von Elementarteilchen (englisch) Anmerkungen Historisch ist das Quarkmodell erst aus der Analyse der Eigenschaften von Baryonen (und Mesonen), insbesondere der Multipletts, entstanden und hat in der Folge große Vorhersagekraft bewiesen. Da Baryonen und Quarks immer nur als Teilchen-Antiteilchen-Paar erzeugt und vernichtet werden können, ist nur die relative Parität von physikalischer Bedeutung. Per Konvention wurde Proton, Neutron und Λ0 positive Parität zugeordnet, woraus sich positive Parität für up-, down- und strange-Quark ergibt, und die Parität anderer Baryonen relativ dazu gemessen. Diese Konvention wurde später auf die übrigen Quarks ausgeweitet. Eine konventionelle Festlegung für nur eines der Teilchen wäre nicht ausreichend gewesen, weil sich die Quark-Flavours nur über die schwache Wechselwirkung ineinander umwandeln und dabei das Gesetz der Paritätserhaltung nicht gilt. Da Baryonen und Quarks Fermionen sind, haben die entsprechenden Antiteilchen entgegengesetzte Parität. Dem s-Quark ist die Strangeness zugeordnet. Natürlich wäre logischer, aber diese Vorzeichenkonvention hatte sich etabliert, bevor das Quarkmodell entwickelt wurde. Die Spins der Baryonen lassen sich durch die Kopplung der Drehimpulse der Valenzquarks sehr gut erklären. Die Realität ist aber komplexer. Experimente der European Muon Collaboration (EMC) in den späten 1980er Jahren am CERN und das nachfolgende HERMES-Experiment am DESY (1995–2007) kamen zu dem unerwarteten Ergebnis, dass der Spin des Protons weniger als zur Hälfte von den Valenzquarks herrührt; den größeren Teil tragen Gluonen bei („Spinkrise“, „Spinrätsel“). Einzelnachweise (online) Wilhelm Gemoll: Griechisch-Deutsches Schul- und Handwörterbuch. München/Wien 1965. Particle Data Group, R.L. Workman et al. (Particle Data Group), Prog. Theor. Exp. Phys. 2022, 083C01 (2022), 8. Naming Scheme for Hadrons, abgerufen am 11. September 2022
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Antonym
Antonyme (von , und ), Gegensatzwörter, Gegenwörter und Oppositionswörter sind in der Sprachwissenschaft Wörter mit gegensätzlicher Bedeutung. Zwei Wörter, die füreinander Gegensatzwörter sind, heißen Gegensatzpaar.Gegensatzpaar. In: Duden – Deutsches Universalwörterbuch. 5. Auflage. 2003, ISBN 3-411-05505-7. Die zwischen ihnen bestehende Relation heißt Antonymie, insbesondere von Wörtern, aber auch von Sätzen und Phrasen.Vater: Referenz-Linguistik. 2005, S. 46. Wenn zwei gegensätzliche Bedeutungen in einem einzigen Wort zusammentreffen, dann spricht man von Oppositionswort. Der Begriff der Antonymie kann dabei nach der Ebene und Art des Gegensatzes unterschiedliche Ausprägungen erfahren. Die Art der Antonymie hängt inhaltlich davon ab, wie der Gegensatz im logischen Sinn zu verstehen ist, ob er etwa innerhalb eines Oberbegriffes gesucht wird oder ob ein konträres oder kontradiktorisches Verhältnis der mit dem Gegensatzpaar bezeichneten Begriffe vorliegt. Ein Ausdruck, der für beide Begriffe eines Gegensatzpaares stehen kann, heißt Oppositionswort. Antonymbildung In der deutschen Sprache werden in vielen Fällen Antonyme auch durch das Voranstellen der Vorsilbe un- gebildet: etwa Ruhe – Unruhe; klar – unklar usw. Jedoch gibt es nicht automatisch derartige Antonympaare, beispielsweise hat ungefähr kein Gegenüber gefähr; ebenso ist für unausbleiblich kein ausbleiblich in Benutzung. Darüber hinaus gibt es Wörter mit un-, die aber zum Stammwort kein Antonym bilden, zum Beispiel Mut und Unmut; ziemlich und unziemlich. Ein weiterer Aspekt ist, dass verschiedene Oppositionen von Wortpaaren nicht automatisch auf andere übertragbar sind. So sind zwar Überführung und Unterführung (Verkehrswege) Antonyme, aber Übergang und Untergang haben keinen vergleichbaren Sinn und Gegensinn, sondern bedeuten etwas völlig anderes, nichts direkt Gegensätzliches. Arten von Antonymien Es lassen sich verschiedene Arten von Antonymie unterscheiden: DefinitionBeispiel Graduelle Antonymie oder konträre Antonymie (auch skalare Antonymie)Zwei Wörter sind graduell antonym, wenn sie zwar einen Gegensatz bezeichnen, es aber zwischen den Polen noch Abstufungen gibt. Aus der Verneinung des einen Wortes des Wortpaars folgt nicht, dass das zweite Wort des Wortpaars zutrifft. Diese Art der Antonymie wird auch Antonymie im engeren Sinn genannt.Die Wörter heiß und kalt sind graduell antonym, weil es dazwischen auch noch Abstufungen wie z. B. kühl, warm gibt. Adjektive, die in der Beziehung der graduellen Antonymie zueinander stehen, sind steigerbar. InkompatibilitätZwei Wörter, die in der Beziehung der Kohyponymie zueinander stehen, sind inkompatibel. Diese Art der Antonymie wird auch Antonymie im weiteren Sinn genannt.Die Wörter Pudel, Dackel und Schäferhund sind Kohyponyme des Oberbegriffs Hund. Im konkreten Satzzusammenhang schließen diese drei Wörter einander aus. Die Aussage Karlchen ist ein Dackel schließt, wenn sie wahr ist, die Wahrheit der Aussage Karlchen ist ein Pudel aus. Die Aussage Karlchen ist kein Dackel impliziert aber nicht die Aussage Karlchen ist ein Pudel (siehe unten). Komplementarität oder kontradiktorische AntonymieZwei Wörter sind komplementär (in einem bestimmten Zusammenhang), wenn ein Bedeutungsgegensatz zwischen den Wörtern besteht und gleichzeitig aus der Verneinung des einen Wortes folgt, dass das andere Wort zutrifft.Wenn eine Person nicht lebend ist, folgt automatisch, dass die Person tot ist. Konverse RelationZwei Wörter sind konvers, wenn sie einen Sachverhalt aus zwei verschiedenen Blickwinkeln beschreiben.Die Wörter Mutter und Kind beschreiben beide eine Beziehung, unterscheiden sich aber in der Perspektivierung. A ist die Mutter von B. B ist das Kind von A. Reverse RelationZwei Wörter stehen in einer Reversitätsrelation zueinander, wenn sie inkompatibel sind, beide Wörter Geschehen bezeichnen, und der Anfangszustand des ersten Geschehens den Endzustand des anderen Geschehens benennt und umgekehrt.Beispiel: beladen und entladen, Einbau und Ausbau. Antonymie im engeren und im weiteren Sinn Ursprünglich sprach man von Antonymie nur im Sinne von gradueller oder auch konträrer Antonymie und bezeichnete damit Adjektivpaare wie beispielsweise schön/hässlich. Teilweise spricht man auch heute noch von Antonymie nur dann, um einen „Bedeutungsgegensatz(.) zwischen skalierbaren lexikalischen Ausdrücke(n)“ zu bezeichnen.Meibauer: Einführung in die germanistische Linguistik, 2. Auflage. 2007, S. 349; so auch Lyons und Cruse; ebenso wohl Volker Harm: Einführung in die Lexikologie. WBG, Darmstadt 2015 (Einführung Germanistik), ISBN 978-3-534-26384-4, S. 76. In logischer Perspektive ist die graduelle Antonymie bei einem konträren Gegensatz gegeben (Beispiel: kalt/heiß). Ein Sonderfall der graduellen oder konträren Antonymie ist der polar-konträre Gegensatz, bei dem die gegensätzlichen Bedeutungen am Ende einer Skala sindKürschner: Grammatisches Kompendium, 4. Auflage. 2003, ISBN 3-8252-1526-1, S. 22. (Beispiel: neu/alt). „Nicht-polare Antonyme bezeichnen den gleichen Ausprägungsgrad auf entgegengesetzten Skalen; die Bildung konverser Komparative ist ausgeschlossen“.Antonymie. In: Bußmann: Lexikon der Sprachwissenschaft, 3. Auflage. 2002. Der Ausdruck der Antonymie wird häufig auch in einem weiteren Sinn verwandt, bezeichnet dann allgemein einen Oberbegriff für „semantische Gegensatzrelationen“ und erfasst dann auch den Fall des kontradiktorischen Gegensatzes, der in der Semantik auch als komplementärer Gegensatz (siehe unten) bezeichnet wird (Beispiel: tot/lebendig; sinnvoll/sinnlos). Man bezeichnet die kontradiktorische Antonymie auch als „Antonymie im strengen Sinne“,Paul Puppier: Lexikon. In: André Martinet (Hrsg.): Linguistik. 1973, S. 136 (141). während die konträre Antonymie auch als „Antonymie im eigentlichen Sinn“Kühn: Lexikologie, 1994, S. 54; Brandt/Dietrich/Schön: Sprachwissenschaft, 2. Auflage. 2006, S. 274. oder „gelegentlich“ auch als Antonymie im engeren Sinn bezeichnet wird.Brandt/Dietrich/Schön: Sprachwissenschaft, 2. Auflage. 2006, S. 274. Die Terminologie ist also alles andere als klar. Konträre Antonymie als Inkompatibilität Antonymie als Fall (konträrer oder kontradiktorischer) gegensätzlicher Bedeutung ist ein „Sonderfall“Lutzeier: Die semantische Struktur des Lexikons. In: Schwarze, Wunderlich: Handbuch der Lexikologie. 1985, S. 103 (109). unvereinbarer Bedeutung, das heißt einer Inkompatibilität (von Wörtern etc.).Schwarze, Wunderlich: Einleitung. In: Schwarze, Wunderlich: Handbuch der Lexikologie. 1985, S. 7 (17). Wird wie hier auch die Unvereinbarkeit im Fall der Kohyponymie als Antonymie angesehen, wird die Antonymie – losgelöst von der Wortbedeutung – mit jedweder Inkompatibilität gleichgesetzt und gleichzeitig der Ausdruck Inkompatibilität in einem engeren als üblichen Sinn verwendet. Auto-Antonyme Auto-Antonyme (Antagonyme, Januswörter) sind Wörter, die mehrere Bedeutungen haben (Homonymie, Polysemie oder Homophonie), wobei diese Bedeutungen zueinander eine antonymische Opposition bilden. Im Deutschen tritt dies beispielsweise bei dem Ausdruck Untiefe auf, das als sehr geringe Tiefe oder in der Umgangssprache auch als sehr große Tiefe gedeutet werden kann. Das Englische overlook kann sowohl ‚überwachen‘ als auch ‚nicht beachten‘ bedeuten. (Vergleiche: übersehen hat die beiden Bedeutungen überblicken und nicht beachten: Ich übersehe die Lage noch nicht. Ich habe den Brief übersehen.) Homonymie und Antonymie Viele Wörter sind Homonyme, d. h., sie haben mehrere Bedeutungen. Homonyme Wörter stellen keine Bedeutungsbeziehung dar. Lediglich die Ausdrucksseite ist identisch, die Inhaltsseite hat nichts miteinander zu tun, auch nicht historisch. Da die Antonymierelation von der Bedeutung abhängt, gibt es in diesen Fällen auch mehrere Gruppen von Antonymen. Zum BeispielChristiane und Erhard Agricola: Wörter und Gegenwörter. Antonyme der deutschen Sprache. VEB Bibliographisches Institut Leipzig, vierte unveränderte Auflage 1982, Verlagslizenz Nr. 433 130/107/82, LSV 0817, S. 5ff. hat das Wort abnehmen Antonyme in den Bedeutungsgruppen übergeben (Ware), aufhängen (Bild), aufdecken (Tischtuch), auflegen (Telefonhörer), anlegen (Schmuck), aufhängen (Gardine), aufsetzen (Hut), wachsen bzw. stehen lassen (Bart), zunehmen (Mond), zunehmen (Gewicht) und weiteren. Man spricht auch von Antonymengabel.Christiane Wanzeck: Lexikologie. Beschreibung von Wort und Wortschatz im Deutschen. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2010 (UTB 3316), ISBN 978-3-8385-3316-2, S. 67. Deren Auftreten kann auch helfen, verdeckte Mehrdeutigkeiten festzustellen. Nicht alle Wörter, die mehrere Bedeutungen haben, haben auch ebenso viele Antonyme. Beispiele: Zug im Sinne von Sog bzw. Anziehen – Antonyme: Schub oder Druck; Zug im Sinne von Eisenbahnzug – kein eindeutiges Antonym vorhanden; Zug im Sinne von Schach- bzw. Spielzug – kein eindeutiges Antonym vorhanden; Zug im Sinne von Geste – kein eindeutiges Antonym vorhanden. Siehe auch Lexikalische Semantik Gegenteil Dualismus Polytomie (Vielteilung) Dichotomie Falsches Dilemma („falsche Dichotomie“) Literatur Dietrich Busse: Semantik. Fink, Paderborn 2009. Christiane Agricola, Erhard Agricola: Wörter und Gegenwörter. Antonyme der deutschen Sprache. Bibliografisches Institut, Leipzig 1984 (besonders die Einführung). Erhard Agricola (Hrsg.): Wörter und Wendungen: Wörterbuch zum deutschen Sprachgebrauch. 14., unveränderte Auflage. Bibliografisches Institut, Leipzig 1990, ISBN 978-3-323-00200-5. Erich Bulitta, Hildegard Bulitta: Wörterbuch der Synonyme und Antonyme. Fischer, Frankfurt am Main 2003, ISBN 3-596-15155-4. George A. Miller: Wörter. Streifzüge durch die Psycholinguistik. Herausgegeben und aus dem Amerikanischen übersetzt von Joachim Grabowski und Christiane Fellbaum. Spektrum der Wissenschaft, Heidelberg 1993; Lizenzausgabe: Zweitausendeins, Frankfurt am Main 1995; 2. Auflage ebenda 1996, ISBN 3-86150-115-5, S. 229–239. Wolfgang Müller, Jakob Ebner: Das Gegenwort-Wörterbuch. Ein Kontrastwörterbuch mit Gebrauchshinweisen. De Gruyter, Berlin 1998, ISBN 3-11-014640-1; 2., erweiterte Auflage ebenda 2020, ISBN 978-3-110-61164-9. Horst Geckeler: Antonymie und Wortart. In: Edeltraud Bülow, Peter Schmitter (Hrsg.): Integrale Linguistik. Festschrift für Helmut Gipper. Amsterdam 1979, S. 455–482. Peter Rolf Lutzeier: Lexikologie. Stauffenburg, Tübingen 1995, ISBN 3-86057-270-9. Peter Rolf Lutzeier: Wörterbuch des Gegensinns im Deutschen. Drei Bände. de Gruyter, Berlin 2007–2018. John Lyons: Semantik. Band 1. Beck, München 1980, ISBN 3-406-05272-X (Antonyme: S. 281–300). Věra Kloudová: Synonymie und Antonymie. Universitätsverlag Winter, Heidelberg 2016, ISBN 978-3-8253-7534-8. Weblinks Einzelnachweise Kategorie:Semantik Kategorie:Rhetorischer Begriff
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Adolf Hitler
mini|Adolf Hitler (1938)rahmenlos|klasse=skin-invert-image|Unterschrift, 1944Unterschrift (1944), vermutlich mit einem Unterschriftenautomaten erzeugt (vgl. Abschnitt Weiterer Kriegsverlauf) Adolf Hitler (* 20. April 1889 in Braunau am Inn, Österreich-Ungarn; † 30. April 1945 in Berlin) war ein deutscher Politiker österreichischer Herkunft und von 1933 bis zu seinem Tod Diktator des Deutschen Reichs. Seit 1921 war er Vorsitzender der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP), von 1933 bis 1945 deutscher Reichskanzler, seit 1934 auch Staatsoberhaupt und seit 1938 Oberbefehlshaber der deutschen Wehrmacht. Im November 1923 versuchte er mit einem Putsch von München aus die Weimarer Republik zu stürzen. Mit seiner Schrift Mein Kampf (1925/26) prägte er die antisemitische und rassistische, auf Eroberung von sogenanntem Lebensraum ausgerichtete Ideologie des Nationalsozialismus. Hitler wurde am 30. Januar 1933 von Reichspräsident Paul von Hindenburg zum deutschen Reichskanzler ernannt. Innerhalb weniger Monate beseitigte sein Regime mit Terror, Notverordnungen, dem Ermächtigungsgesetz, Gleichschaltungsgesetzen, Organisations- und Parteiverboten die Gewaltenteilung, die pluralistische Demokratie, den Föderalismus und den Rechtsstaat. Politische Gegner wurden in Konzentrationslagern inhaftiert, gefoltert und ermordet. 1934 ließ Hitler anlässlich des „Röhm-Putsches“ politische Gegner und potenzielle Rivalen in den eigenen Reihen ermorden. Hindenburgs Tod im August 1934 nutzte er, um das Amt des Reichspräsidenten mit dem des Reichskanzlers vereinen zu lassen, und regierte seither als Führer und Reichskanzler. Die deutschen Juden wurden seit 1933 zunehmend ausgegrenzt und entrechtet, besonders durch die Nürnberger Gesetze vom 15. September 1935, die Novemberpogrome 1938 und die Arisierung von Unternehmen jüdischer Eigentümer. Zudem machten zahlreiche weitere Gesetze und Verordnungen den Juden schrittweise die Teilnahme am wirtschaftlichen, kulturellen und gesellschaftlichen Leben unmöglich und beraubten sie ihrer Vermögen und Erwerbsmöglichkeiten. Die Folgen der Weltwirtschaftskrise und die Massenarbeitslosigkeit ließ er mit einer enormen Ausweitung der Staatsverschuldung bekämpfen: mit Investitionsprogrammen und Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen wie dem Autobahnbau und mit der Aufrüstung der Wehrmacht über das System der Mefo-Wechsel. Zudem führte er einen paramilitärisch organisierten Reichsarbeitsdienst ein. Mit dem zunächst geheimen Aufbau (1934) der Reichsluftwaffe, der Wiedereinführung der Wehrpflicht, der Aufrüstung der Wehrmacht und der Rheinlandbesetzung brach Hitler den Versailler Vertrag. Die nationalsozialistische Propaganda stellte die Wirtschafts-, Sozial- und Außenpolitik als erfolgreich dar und steigerte so bis 1939 Hitlers Popularität. 1938 übernahm er die unmittelbare Befehlsgewalt über die Wehrmacht und setzte den „Anschluss“ Österreichs durch. Über das Münchner Abkommen vom 30. September 1938, das ihm die Angliederung des Sudetenlandes an das Deutsche Reich gestattete, setzte er sich mit der „Zerschlagung der Rest-Tschechei“ bereits am 15. März 1939 hinweg. Mit dem durch den Abschluss des sogenannten Hitler-Stalin-Pakts vom 23./24. August 1939 mit der Sowjetunion vorbereiteten Überfall auf Polen am 1. September 1939, der vertragsgemäß die Zerschlagung des polnischen Staates und die Aufteilung seines Territoriums unter den Vertragspartnern zum Ziel hatte und auf den bald die sowjetische Besetzung Ostpolens folgte, löste er den Zweiten Weltkrieg in Europa aus. Nach dem Sieg über Frankreich im Westfeldzug vom 10. Mai bis 25. Juni 1940 und dem Beginn der später gescheiterten Luftschlacht um England am 10. Juli 1940 teilte er am 31. Juli 1940 Vertretern des Oberkommandos der Wehrmacht seinen Entschluss mit, die Sowjetunion anzugreifen und gegen sie einen Vernichtungskrieg zur Eroberung von „Lebensraum im Osten“ zu führen. Den am 22. Juni 1941 begonnenen Krieg gegen die Sowjetunion ließ er unter dem Decknamen „Unternehmen Barbarossa“ vorbereiten und führen. Im Zweiten Weltkrieg verübten die Nationalsozialisten und ihre Helfer zahlreiche Massenverbrechen und Völkermorde. Bereits im Sommer 1939 erteilte Hitler die Weisung, die „Erwachseneneuthanasie“ vorzubereiten. Zwischen September 1939 und August 1941 wurden in der „Aktion T4“ über 70.000 psychisch kranke sowie geistig und körperlich behinderte Menschen, bis Kriegsende über 200.000 Menschen systematisch ermordet. Hitlers Antisemitismus und Rassismus gipfelte schließlich im Holocaust. In diesem wurden etwa 5,6 bis 6,3 Millionen Juden, im Völkermord an den Sinti und Roma bis zu 500.000 Sinti und Roma ermordet. Weitere Gruppen wurden brutal verfolgt, so soziale Randgruppen, politisch Andersdenkende und „Widerständler“, bekennende Christen bzw. Zeugen Jehovas, Homosexuelle, Menschen „nichtarischer“ Herkunft. Hitler autorisierte die wichtigsten Schritte des Judenmordes und ließ sich über den Verlauf informieren. Seine verbrecherische Politik führte zu vielen Millionen Kriegstoten und zur Zerstörung weiter Teile Deutschlands und Europas. Er beging am 30. April 1945 im Bunker der Reichskanzlei Suizid, acht Tage später folgte die bedingungslose Kapitulation der deutschen Wehrmacht. Frühe Jahre (1889–1918) Familie mini|hochkant|Adolf Hitler im ersten Lebensjahr um 1890 Hitlers Familie stammte aus dem niederösterreichischen Waldviertel an der Grenze zu Böhmen. Seine Eltern waren der Zollbeamte Alois Hitler (1837–1903) und dessen dritte Ehefrau Klara Pölzl (1860–1907). Alois war unehelich geboren worden und trug bis zu seinem 39. Lebensjahr den Familiennamen seiner Mutter, nämlich Schicklgruber. Maria Anna Schicklgruber (1796–1847) hatte 1842 Johann Georg Hiedler (1792–1857) geheiratet. Hiedler gilt in der Forschung mitunter als Alois’ Vater, doch bekannte er sich zeitlebens nicht dazu. 1876 wurde er posthum als Alois’ Vater bestätigt und in der Schreibweise Hitler beurkundet. Manche Historiker halten indes Johann Georgs jüngeren Bruder Johann Nepomuk Hiedler (1807–1888), bei dem Alois Hitler als Ziehkind aufwuchs, für dessen leiblichen Vater. Davon abgesehen war Klara Pölzl die Enkelin Johann Nepomuk Hiedlers. Somit hatte Alois seine Halbnichte ersten oder zweiten Grades geheiratet.Brigitte Hamann: Hitlers Wien. München 1998, S. 64–67; Ian Kershaw: Hitler. 1889–1936. 1998, S. 33–37. Adolf Hitler wurde am 20. April 1889 in Braunau am Inn geboren und zwei Tage später in der Braunauer Stadtpfarrkirche getauft.Peter Broucek (Hrsg.): Ein General im Zwielicht. Die Erinnerungen von Edmund Glaise von Horstenau. Band 1: K.u.K. Generalstabsoffizier und Historiker (= Veröffentlichungen der Kommission für Neuere Geschichte Österreichs, Band 67). Böhlau, Wien [u. a.] 1980, ISBN 3-205-08740-2, S. 75 u. Anm. 48. Seine älteren Geschwister Gustav (1885–1887) und Ida (1886–1888) waren vor seiner Geburt gestorben. Die drei jüngeren Geschwister waren Otto (*/† 1892, nur sechs Tage alt geworden), Edmund (1894–1900) und Paula Hitler (1896–1960). Ottos korrekte Lebensdaten wurden erst 2016 ermittelt.Der Fehler in Adolf Hitlers Biografie. In: Oberösterreichische Nachrichten, 30. Mai 2016. Hitlers zwei ältere Halbgeschwister Alois Hitler d. J. und Angela Hitler stammten aus der zweiten Ehe seines Vaters. Sie wuchsen nach dem Tod ihrer Mutter im Haushalt von Hitlers Eltern auf.Joachim Fest: Hitler, 2007, S. 34. Seit 1923 verschwieg Hitler manche Details seiner Herkunft.Björn Dumont: Gewebe oder Flickenteppich? Textmuster in Adolf Hitlers „Mein Kampf“. Frank & Timme, 2010, ISBN 3-86596-317-X, S. 68; Othmar Plöckinger: Frühe biografische Texte zu Hitler. Zur Bewertung der autobiografischen Teile in „Mein Kampf“. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte (VfZ) 58/2010, Heft 1, S. 93–114 (doi:10.1524/vfzg.2010.0004). 1930 verbot er Alois Hitler junior und dessen Sohn William Patrick Hitler, sich in Medien als seine Verwandten vorzustellen, weil seine Gegner seine Herkunft nicht kennen durften. Er wollte das öffentliche Interesse an seiner Abstammung beenden.Brigitte Hamann: Hitlers Wien. München 1998, S. 68–73; Wolfgang Zdral: Die Hitlers. Die unbekannte Familie des Führers. 2005, ISBN 3-593-37457-9, S. 75–77. Beunruhigt wegen entsprechender Äußerungen seines Neffen, soll Hitler 1930 seinen Anwalt Hans Frank, später Generalgouverneur im besetzten Polen, damit beauftragt haben, eine jüdische Herkunft seines Vaters zu widerlegen.Joachim C. Fest: Hitler, 1973, S. 32. Nach dem Krieg stellte Frank die so genannte „Frankenberger-These“ auf, wonach Hitlers Großvater väterlicherseits Jude gewesen sein könne. Diese These wurde jedoch von allen maßgeblichen Hitlerbiografen verworfen und 1971 von Werner Maser widerlegt.Brigitte Hamann: Hitlers Wien. München 1998, S. 73–77; Ian Kershaw: Hitler. 1889–1936. 1998, S. 35 f. Als ausländische Medien 1932/33 wiederholt behaupteten, der Führer der antisemitischen NSDAP habe jüdische Vorfahren aus dem Ghetto von Polná, ließ er zwei Ahnenforscher seinen Stammbaum untersuchen, der 1937 veröffentlicht wurde. Nach dem „Anschluss“ Österreichs 1938 erklärte Hitler die Heimatdörfer seines Vaters und seiner Großmutter im sog. Ahnengau, Döllersheim und Strones, zum militärischen Sperrgebiet. Bis 1942 ließ er dort einen großen Truppenübungsplatz anlegen, die etwa 7000 Einwohner umsiedeln und mehrere Gedenktafeln für seine Vorfahren entfernen. Auch das Ehrengrab seiner Großmutter wurde zerstört, während die Taufakten ihrer Familie erhalten blieben.Brigitte Hamann: Hitlers Wien. München 1998, S. 68–73. Dem Journalisten Wolfgang Zdral zufolge wollte Hitler mit all diesen Maßnahmen Zweifel an seinem „Ariernachweis“ unterbinden und Inzest-Vorwürfen wegen der Blutsverwandtschaft seiner Eltern vorbeugen.Wolfgang Zdral: Die Hitlers, 2005, S. 20. Schulzeit mini|hochkant=1.6|Adolf Hitler (Mitte) als Schuljunge, 1899 Wegen der Beförderung des Vaters zum Zollamts-Oberoffizial übersiedelte die Familie im Sommer 1892 in die deutsche Grenzstadt Passau. Im Frühjahr 1895 kehrte die Familie nach Österreich zurück und bezog das Rauschergut in Hafeld, sodass Hitler seit Mai die einklassige Volksschule in Fischlham besuchte. Mit dem Umzug nach Lambach im Juli 1897 absolvierte er die zweite und dritte Klasse und schließlich mit dem Umzug nach Leonding die vierte Klasse. Er galt als guter, aufgeweckter Schüler.Hannes Leidinger, Christian Rapp: Hitler. Salzburg/Wien 2020, S. 24 u. 30. Seit 1900 besuchte er die K. k. Staats-Realschule Linz, wo er zweimal wegen Verfehlung des Leistungszieles nicht in die nächstfolgende Klasse aufsteigen konnte. Den Religionsunterricht bei Franz Sales Schwarz verachtete er, nur der Geografie- und der Geschichtsunterricht bei Leopold Pötsch interessierten ihn. In Mein Kampf (1925) hob er den positiven Einfluss von Pötsch hervor.Gustav Keller: Der Schüler Adolf Hitler: Die Geschichte eines lebenslangen Amoklaufs. Lit Verlag, Münster 2010, ISBN 3-643-10948-2, S. 32, , und 37 f. Pötsch lehnte diese Verehrung später ab: Peter G. J. Pulzer: Die Entstehung des politischen Antisemitismus in Deutschland und Österreich 1867–1914. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2004, S. 229, Fn. 64, . In seiner Realschulzeit las Hitler gern Bücher von Karl May, den er zeitlebens verehrte. Sein Vater hatte ihn für eine Beamtenlaufbahn bestimmt und reagierte auf seine Lernunwilligkeit mit häufigen und erfolglosen Prügelstrafen.Brigitte Hamann: Hitlers Wien. München 1998, S. 21 f. Da der Vater am 3. Januar 1903 starb, erhielt Adolf einen männlichen Vormund, nämlich den Leondinger Gemeindevorstand Joseph Mayrhofer (Amtszeit: 1897–1906).Joseph Mayrhofer (* 6. Februar 1869 in Leonding-Langwied), Vater des NS-Funktionärs Josef Mayrhofer (1894–1974). Mit dessen Einverständnis schickte die Mutter Hitler im Jahr 1904 auf die Oberrealschule in Steyr. Nach erfolgreich bestandener Nachprüfung im Herbst 1905 hätte Hitler in die fünfte Klasse aufsteigen können, er entschied sich aber, die Schule abzubrechen. In Linz lernte Hitler durch Mitschüler, Lehrer und Zeitungsartikel die Ansichten des radikalen Antisemiten und Gründers der Alldeutschen Vereinigung, Georg von Schönerer, kennen.Brigitte Hamann: Hitlers Wien. München 1998, S. 23–27, 337. Er besuchte erstmals Aufführungen von Opern Richard Wagners, darunter Rienzi. Dazu äußerte er später: „In jener Stunde begann es.“ Unter dem Eindruck der Hauptfigur soll er laut seinem damaligen Freund August Kubizek gesagt haben: „Ich will ein Volkstribun werden.“Saul Friedländer, Jörn Rüsen: Richard Wagner im Dritten Reich: Ein Schloss Elmau-Symposion. Beck, München 2000, S. 173, . Hitlers Wagner-Verehrung enthielt jedoch keinen Bezug auf Wagners antisemitische Schriften: Beatrix Vogel: Der Mensch – sein eigenes Experiment: Kolloquium des Nietzsche-Forums München. Vorträge aus den Jahren 2003–2005. Mit Nietzsche denken. Band 4. Buch & Media, 2008, ISBN 3-86520-317-5, S. 413, Fn. 67, . In Mein Kampf stellte Hitler sein Schulverhalten als Lernstreik gegen den Vater dar und behauptete, ein schweres Lungenleiden habe seinen Schulabschluss vereitelt.Brigitte Hamann: Hitlers Wien. München 1998, S. 31–33. Die Gewalttätigkeit des Vaters gilt als mögliche Wurzel für seine weitere Entwicklung.Vera Schwers: Kindheit im Nationalsozialismus aus biographischer Sicht. Lit Verlag, Münster 2002, ISBN 3-8258-6051-5, S. 40–42, . Nach dem Zeithistoriker Joachim Fest schwankte er schon in der Schulzeit zwischen intensiver Beschäftigung mit verschiedenen Projekten sowie Untätigkeit und zeigte ein Unvermögen zu regelmäßiger Arbeit.Joachim Fest: Hitler, 2007, S. 37. Ansichtskartenmaler in Wien und München Nach dem Tod seines Vaters bezog Hitler als Halbwaise seit 1903 eine anteilige Waisenrente; seit 1905 erhielt er Finanzhilfen von seiner Mutter und seiner Tante Johanna. Anfang 1907 wurde bei seiner Mutter Brustkrebs festgestellt. Der jüdische Hausarzt Eduard Bloch behandelte sie. Da sich ihr Zustand rapide verschlechterte, soll Hitler auf der Anwendung von schmerzhaften Iodoform-Kompressen bestanden haben, die letztlich ihren Tod beschleunigten.Arno Gruen: Der Fremde in uns. Klett-Cotta, Stuttgart 2002, S. 67 f. Seit 1906 wollte Hitler Kunstmaler werden und trug später diese Berufsbezeichnung.Eintrag zu Hitler im Krankenbuch des Lazaretts Pasewalk vom Oktober 1918; Henrik Eberle: Hitlers Weltkriege. Wie der Gefreite zum Feldherrn wurde. Hoffmann und Campe, Hamburg 2014, ISBN 978-3-455-50265-7, S. 47. Er sah sich zeitlebens als verkannter Künstler.Birgit Schwarz: Geniewahn: Hitler und die Kunst. Böhlau, Wien 2009, ISBN 3-205-78307-7, S. 11 f. Im Oktober 1907 bewarb er sich erfolglos für ein Kunststudium an der Allgemeinen Malerschule der Wiener Kunstakademie. Er blieb zunächst in Wien, kehrte nach Linz zurück, als er am 24. Oktober erfuhr, dass seine Mutter nur noch wenige Wochen zu leben habe. Nach Aussage Blochs und Hitlers Schwester versorgte er den elterlichen Haushalt bis zum Tod der Mutter am 21. Dezember 1907 und sorgte für ihr Begräbnis zwei Tage darauf. Er bedankte sich dabei bei Bloch, schenkte ihm einige seiner Bilder und schützte ihn 1938 vor der Festnahme durch die Gestapo.Brigitte Hamann: Hitlers Wien. München 1998, S. 53–57. Als vorgeblicher Kunststudent erhielt Hitler von Januar 1908 bis 1913 eine Waisenrente von 25 Kronen monatlich sowie das Erbe seiner Mutter von höchstens 1000 Kronen. Davon konnte er etwa ein Jahr in Wien leben.Brigitte Hamann: Hitlers Wien. München 1998, S. 58. Sein Vormund Josef Mayrhofer drängte ihn mehrmals vergeblich, zugunsten seiner minderjährigen Schwester Paula auf seinen Rentenanteil zu verzichten und eine Lehre zu beginnen. Hitler weigerte sich und brach den Kontakt ab. Er verachtete einen „Brotberuf“ und wollte in Wien Künstler werden. Im Februar 1908 ließ er eine Einladung des renommierten Bühnenbildners Alfred Roller ungenutzt, der ihm eine Ausbildung angeboten hatte. Als ihm das Geld ausging, besorgte er sich im August von seiner Tante Johanna einen Kredit über 924 Kronen. Bei der zweiten Aufnahmeprüfung an der Kunstakademie im September wurde er nicht mehr zum Probezeichnen zugelassen. Er verschwieg seinen Verwandten diesen Misserfolg und seinen Wohnsitz, um seine Waisenrente weiter zu erhalten.Brigitte Hamann: Hitlers Wien. München 1998, S. 62 f., 87 und 195–197. Deshalb gab er sich bei Wohnungswechseln als „akademischer Maler“ oder „Schriftsteller“ aus. Ihm drohte die Einziehung zum Wehrdienst in der österreichischen Armee.Joachim Fest: Hitler, 2007, S. 69 f. Nach August Kubizek, der mit ihm 1908 ein Zimmer teilte, interessierte sich Hitler damals mehr für Wagner-Opern als für Politik. Nach seinem Auszug im November 1908Brigitte Hamann: Hitlers Wien. München 1998, S. 197. mietete er in kurzen Zeitabständen immer weiter von der Innenstadt entfernte Zimmer an, offenbar weil seine Geldnot wuchs. Im Herbst 1909 bezog er für drei Wochen ein Zimmer in der Sechshauser Straße 56Die Presse, 25. März 2014, „USA: Hitlers Wiener Meldezettel wird versteigert“, Eigenhändiger Meldezettel Hitlers vom 22. August 1909, gibt die Adresse Sechshausenstraße 56, II. Stock, Tür 21 an unter Aufgabe der bisherigen Adresse Felberstraße 22. Diese Wohnadresse meldete er am 16. September 1909 wieder ab. Faksimile des Meldezettels in Wien; danach war er drei Monate lang nicht behördlich angemeldet. Aus seiner Aussage in einer Strafanzeige ist ersichtlich, dass er ein Obdachlosenasyl in Meidling bewohnte.Brigitte Hamann: Hitlers Wien. München 1998, S. 206 und 247. Anfang 1910 zog Hitler in das Männerwohnheim Meldemannstraße, ebenfalls ein Obdachlosenasyl. 1938 ließ er alle Akten über seine Aufenthaltsorte in Wien beschlagnahmen und gab ein Haus in einem gehobenen Wohnviertel als seine Studentenwohnung aus.Brigitte Hamann: Hitler’s Vienna. The Truth about his formative years. In: Gerhard A. Ritter, Anthony J. Nicholls, Hans Mommsen (Hrsg.): The Third Reich Between Vision and Reality: New Perspectives on German History 1918–1945. Berg, 2003, ISBN 1-85973-627-0, S. 24. mini|Das kaiserlich-königliche Hof-Operntheater in Wien, von Hitler aquarelliert, 1912 Seit 1910 verdiente Hitler Geld durch nachgezeichnete oder als Aquarelle kopierte Motive von Wiener Ansichtskarten. Diese verkaufte sein Mitbewohner Reinhold Hanisch bis Juli 1910 für ihn, danach der jüdische Mitbewohner Siegfried Löffner. Dieser zeigte Hanisch im August 1910 wegen der angeblichen Unterschlagung eines Hitlerbildes bei der Wiener Polizei an. Der Maler Karl Leidenroth zeigte Hitler, wahrscheinlich im Auftrag Hanischs, wegen des unberechtigten Führens des Titels eines „akademischen Malers“ anonym an und erreichte, dass die Polizei ihm das Führen dieses Titels untersagte.Brigitte Hamann: Hitlers Wien. München 1998, S. 248. Daraufhin ließ Hitler seine Bilder von dem Männerheimbewohner Josef Neumann sowie den Händlern Jakob Altenberg und Samuel Morgenstern verkaufen. Alle drei waren jüdischer Herkunft. Der Mitbewohner im Männerwohnheim, Karl Honisch, schrieb später, Hitler sei damals „schmächtig, schlecht genährt, hohlwangig mit dunklen Haaren, die ihm ins Gesicht schlugen“, und „schäbig gekleidet“ gewesen, habe jeden Tag in derselben Ecke des Schreibzimmers gesessen und Bilder gezeichnet oder gemalt.Ian Kershaw: Hitler. 1889–1945. 2009, S. 55. In Wien las Hitler Zeitungen und Schriften von Alldeutschen, Deutschnationalen und Antisemiten, darunter eventuell die Schrift Der Unbesiegbare von Guido von List. Deren Wunschbild eines vom „Schicksal“ bestimmten, unfehlbaren germanischen Heldenfürsten, der die Germanen vor dem Untergang retten und zur Weltherrschaft führen werde, kann laut Brigitte Hamann Hitlers späteren Anspruch auf Auserwähltheit und Unfehlbarkeit mit erklären.Brigitte Hamann: Hitlers Wien. München 1998, S. 303–307. Für Hitler damals zugänglich war auch die Zeitschrift Ostara, die der List-Schüler Jörg Lanz von Liebenfels herausgab,Rainer Kipper: Der Germanenmythos im Deutschen Kaiserreich. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2002, S. 348, Fn. 137 und die von Eduard Pichl verfasste Biografie Georg von Schönerers (1912). Dieser hatte seit 1882 die „Entjudung“ und „Rassentrennung“ per Gesetz gefordert, einen Arierparagraphen für seine Partei eingeführt, ein völkisch-rassistisches Deutschtum gegen den Multikulturalismus der Habsburger Monarchie und als Ersatzreligion für das katholische Christentum vertreten („Los von Rom!“). Hitler hörte Reden seines Anhängers, des Arbeiterführers Franz Stein, und seines Konkurrenten, des Reichsratsabgeordneten Karl Hermann Wolf. Beide bekämpften die „verjudete“ Sozialdemokratie, tschechische Nationalisten und Slawen. Stein strebte eine deutsche Volksgemeinschaft zur Überwindung des Klassenkampfes an; Wolf strebte ein Großösterreich an und gründete 1903 mit anderen die Deutsche Arbeiterpartei (Österreich-Ungarn). Hitler hörte und bewunderte auch den populären Wiener Bürgermeister Karl Lueger, der die Christlichsoziale Partei (Österreich) gegründet hatte, für Wiens „Germanisierung“ eintrat und als antisemitischer und antisozialdemokratischer „Volkstribun“ massenwirksame Reden hielt. Hitler diskutierte 1910 nach Aussagen seiner Mitbewohner im Männerwohnheim über politische Folgen von Luegers Tod, lehnte einen Parteieintritt ab und befürwortete eine neue, nationalistische Sammlungsbewegung.Brigitte Hamann: Hitlers Wien. München 1998, S. 338–435. Wieweit diese Einflüsse ihn prägten, ist ungewiss. Laut Hans Mommsen herrschte damals Hitlers Hass auf die Sozialdemokraten, die Habsburgermonarchie und die Tschechen vor.Hans Mommsen: Foreword. In: Gerhard A. Ritter, Anthony J. Nicholls, Hans Mommsen (Hrsg.): The Third Reich Between Vision and Reality: New Perspectives on German History 1918–1945. 2003, S. VII f.; Ian Kershaw: Hitler. 1889–1945. 2009, S. 60. Während bis Sommer 1919 einige wohlwollende Aussagen Hitlers über Juden überliefert sind, griff er seit Herbst 1919 auf antisemitische Klischees zurück, die er in Wien kennengelernt hatte; seit 1923 stellte er Schönerer, Wolf und Lueger als seine Vorbilder dar.Brigitte Hamann: Hitlers Wien. München 1998, S. 496f. Im Mai 1913 erhielt Hitler das Erbe des Vaters (etwa 820 Kronen), zog nach München und mietete in der Schleißheimer Straße 34 (Maxvorstadt) ein anfangs mit Rudolf Häusler geteiltes Zimmer. Ein Grund dafür war die Flucht vor der militärischen Dienstpflicht in Österreich. Um diese zu vertuschen, ließ er nach dem Anschluss Österreichs 1938 seine militärischen Dienstpapiere beschlagnahmen.Joachim Fest: Hitler, 2007, S. 94. In München las Hitler unter anderem Houston Stewart Chamberlains damals populäre Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts, malte weiterhin Bilder, meist nach Fotografien bekannter Gebäude, und verkaufte sie an eine Münchner Kunsthandlung. Er behauptete später, er habe sich nach einer „deutschen Stadt“ gesehnt und sich zum „Architektur-Maler“ ausbilden lassen wollen. Nachdem die Münchner Kriminalpolizei ihn am 18. Januar 1914 aufgegriffen und beim österreichischen Konsulat vorgeführt hatte, wurde er am 5. Februar 1914 in Salzburg gemustert, als waffenunfähig beurteilt und vom Wehrdienst zurückgestellt.Ian Kershaw: Hitler. 1889–1936. 1998, S. 105f., 120–124; David Clay Large: Hitlers München. Aufstieg und Fall der Hauptstadt der Bewegung. München 2006, S. 72–74. Liebesbeziehungen Hitlers zwischen 1903 und 1914 sind unbekannt. Kubizek und Hanisch zufolge äußerte er sich in Wien verächtlich über weibliche Sexualität und floh vor Annäherungsversuchen von Frauen. 1906 verehrte er, ohne Kontaktaufnahme, die Linzer Schülerin Stefanie Isak. Später bezeichnete er eine Emilie, vielleicht Häuslers Schwester, als seine „erste Geliebte“. Auch diese Beziehung stuft Brigitte Hamann als Wunschdenken ein. Hitler soll schon 1908, wie die Alldeutschen, ein Verbot der Prostitution und sexuelle Enthaltsamkeit für junge Erwachsene gefordert und Letztere aus Angst vor einer Infektion mit Syphilis selbst praktiziert haben.Brigitte Hamann: Hitlers Wien. München 1998, S. 513–524. Soldat im Ersten Weltkrieg mini|hochkant=1.3|Hitler (ganz rechts sitzend) als Soldat, 1915 Wie viele andere begrüßte Adolf Hitler im August 1914 begeistert den Beginn des Ersten Weltkriegs. Nach eigener Darstellung hatte er die königliche Kanzlei Bayerns mit einem Immediatgesuch vom 3. August 1914 erfolgreich um die Erlaubnis ersucht, als Österreicher in die Bayerische Armee einzutreten. Am 16. August sei er als Kriegsfreiwilliger dort aufgenommen worden, am 8. Oktober sei er auf den König von Bayern vereidigt worden.Joachim Fest: Hitler, 2007, S. 98–100. Heute wird vermutet, dass Hitlers Staatsbürgerschaft für das bayerische Königreich im Trubel des Kriegsausbruches bei seiner Meldung keine Rolle spielte, zumal er nicht der einzige Österreicher im Regiment war. Möglicherweise wurde er gar nicht danach gefragt.Thomas Weber: Hitlers erster Krieg. Der Gefreite Hitler im Weltkrieg – Mythos und Wahrheit. Bonn 2012, S. 28 f.; analog: Ian Kershaw: Hitler 1889–1936: Hubris. Penguin Books Limited, 2001, S. 99. Eine von ihm später behauptete, kurzfristig beantragte österreichische Sondergenehmigung gilt als Legende.Gerhard Hirschfeld, Gerd Krumeich, Irina Renz: Enzyklopädie Erster Weltkrieg. Ferdinand Schöningh, Paderborn 2009, ISBN 978-3-8252-8396-4, S. 559. Am 1. September 1914 wurde er der ersten Kompanie des Reserve-Infanterie-Regiments 16 zugeteilt.Thomas Weber: Hitlers erster Krieg. Der Gefreite Hitler im Weltkrieg – Mythos und Wahrheit. Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn, S. 25–29. Hitler nahm Ende Oktober 1914 an der Ersten Flandernschlacht teil. Am 1. November 1914 wurde er zum Gefreiten befördert und am 2. Dezember 1914 mit dem Eisernen Kreuz II. Klasse ausgezeichnet, weil er am 15. November 1914 mit einem zweiten Meldegänger im Verlauf der Ersten Flandernschlacht nordwestlich von Messines das Leben des unter französischem Feuer stehenden Regimentskommandeurs Philipp Engelhardt geschützt und eventuell gerettet hatte.Thomas Weber: Hitlers erster Krieg. Der Gefreite Hitler im Weltkrieg – Mythos und Wahrheit. List Verlag, Berlin 2012, ISBN 978-3-548-61110-5, S. 76 f.Ian Kershaw: Hitler. 1889–1936. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart/München 1998, ISBN 3-421-05131-3, S. 130 f.Gerhard Hirschfeld, Gerd Krumeich, Irina Renz: Enzyklopädie Erster Weltkrieg. Paderborn 2009, S. 560. Vom 9. November 1914 bis zum Ende des Krieges diente Hitler als Ordonnanz und Meldegänger zwischen dem Regimentsstab und den Stäben der Bataillone mit 1,5 bis 5 Kilometer Abstand zur Hauptkampflinie, zunächst am Wytschaete-Bogen der Westfront.Ian Kershaw: Hitler. 1889–1936. 1998, S. 130 f. Entgegen seiner späteren Darstellung war er also kein besonders gefährdeter frontnaher Meldegänger eines Bataillons oder einer Kompanie und hatte weit bessere Überlebenschancen als diese.Thomas Weber: Hitlers erster Krieg. Der Gefreite Hitler im Weltkrieg – Mythos und Wirklichkeit. Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn, S. 128 f. Vom März 1915 bis September 1916 wurde er im Sektor Aubers-Fromelles und in der Schlacht von Fromelles (19./20. Juli 1916) eingesetzt.Ian Kershaw: Hitler. 1889–1936. Stuttgart 1998, S. 134. In der Schlacht an der Somme wurde Hitler am 5. Oktober 1916 bei le Barqué (Ligny-Thilloy) durch einen Granatsplitter am linken Oberschenkel verwundet,Anton Joachimsthaler: Hitlers Weg begann in München 1913–1923. 2000, S. 164. was später zu zahlreichen Spekulationen über seine Monorchie führte. Er wurde bis zum 4. Dezember im Vereinslazarett Beelitz (Potsdam) gesund gepflegt und hielt sich danach zur Pflege in München auf. Später wollte er dort erstmals die schwindende Kriegsbegeisterung in Deutschland bemerkt haben.Ian Kershaw: Hitler. 1889–1936. 1998, S. 134 f.; David Clay Large: Hitlers München. Aufstieg und Fall der Hauptstadt der Bewegung. München 2006, S. 104–106. Am 5. März 1917 kehrte Hitler zu seiner inzwischen nach Vimy verlegten alten Einheit zurück. Im Frühjahr nahm er an der Schlacht von Arras, im Sommer an der Dritten Flandernschlacht, seit Ende März 1918 an der deutschen Frühjahrsoffensive und an der kriegsentscheidenden zweiten Schlacht an der Marne teil. Im Mai 1918 erhielt er ein Regimentsdiplom für hervorragende Tapferkeit und das Verwundetenabzeichen in Schwarz. Am 4. August erhielt er das Eiserne Kreuz I. Klasse für einen Meldegang an die Front nach dem Ausfall aller Telefonleitungen. Der Regimentsadjutant Hugo Gutmann, ein Jude, hatte ihm dafür diese Auszeichnung versprochen; der Divisionskommandeur genehmigte sie nach zwei Wochen.Ian Kershaw: Hitler. 1889–1936. 1998, S. 136. Hitler bestritt später, das Eiserne Kreuz I. Klasse im Ersten Weltkrieg getragen zu haben, da es dem Juden Gutmann (Hitler: „ein Feigling sondersgleichen“) ebenfalls verliehen wurde.Werner Jochmann (Hrsg.): Monologe im Führerhauptquartier 1941–1944. Aufgezeichnet von Heinrich Heim (1980). Sonderauflage, Orbis, München 2000, ISBN 3-572-01156-6, S. 132 (Eintrag vom 10./11. November 1941). Anm.: Gutmann hatte das Eiserne Kreuz I. Klasse schon 1915 erhalten. Am 21. August 1918 verließ Hitler das in schwere Kämpfe verwickelte Regiment zu einem einwöchigen Telefonistenkurs in Nürnberg, um daraufhin seinen regulären Heimaturlaub in Berlin anzutreten. Während er später immer wieder auf seine Eindrücke in Berlin zu sprechen kam, verschwieg er den vermutlich erstmaligen Besuch in der späteren Stadt der Reichsparteitage zeitlebens, was zu Spekulationen über Zusammenhänge mit dem aus Nürnberg stammenden Vorgesetzten Gutmann Anlass gab. Am 27. September kehrte er an die Westfront zurück, wo sein Regiment inzwischen von den Auflösungserscheinungen betroffen war, die mit dem Schwarzen Tag des Deutschen Heeres am 8. August an der gesamten Westfront begonnen hatten.Thomas Weber: Hitlers erster Krieg. Berlin 2011, S. 290 ff.Egon Fein: Hitlers Weg nach Nürnberg: Verführer, Täuscher, Massenmörder; eine Spurensuche in Franken mit hundert Bilddokumenten. Verlag Nürnberger Presse, Nürnberg 2002, ISBN 3-931683-11-7, S. 47 ff. Am Morgen des 14. Oktober 1918 geriet Hitler auf einem Meldegang bei Wervik in Flandern in einen Senfgasangriff, den er auch in Mein Kampf schilderte. Gelangte das Gift in die Augen, schwollen die Lider unter heftigen Schmerzen schnell an, was zur funktionellen Erblindung führte. Kamen keine Komplikationen hinzu, klangen die Symptome wie bei Hitler nach wenigen Wochen oft vollständig ab. Die derart Verwundeten galten als „leicht verwundet“. Mit dieser Einstufung wurde Hitler unter der Nummer 7361 mit der Diagnose „gasvergiftet“ am 21. Oktober in das Reservelazarett Pasewalk, ein Genesungsheim für Leichtverletzte, eingeliefert. Üblicherweise dauerte der Genesungsaufenthalt vier Wochen. Hitler ging am 19. November als „kriegsverwendungsfähig“ zum Ersatzbataillon des 2. Bayerischen Infanterieregiments nach München ab.Henrik Eberle: Hitlers Weltkriege. Wie der Gefreite zum Feldherrn wurde. Hoffmann und Campe, Hamburg 2014, ISBN 978-3-455-50265-7, S. 42–47. Eberle zitiert die Einträge zu Hitler in den Pasewalker Krankenbüchern, die er im Krankenbucharchiv Berlin fand und als erster Historiker auswerten konnte. Er setzt sich mit der Entstehung der Legende, Hitler sei wegen einer Kriegshysterie in der „psychiatrischen Abteilung“ des Reservelazaretts behandelt worden, wie von Thomas Weber in Hitlers erster Krieg. Der Gefreite Hitler im Weltkrieg – Mythos und Wahrheit Propyläen, Berlin 2011, S. 294 f. vertreten, kritisch auseinander und kommt wie Jan Armbruster in Die Behandlung Adolf Hitlers im Lazarett Pasewalk 1918. Historische Mythenbildung durch einseitige bzw. spekulative Pathografie. In: Journal für Neurologie, Neurochirurgie und Psychiatrie 10 (4), 2009, S. 18–23, zu dem Schluss, sie sei ein Musterbeispiel für die „Entwicklung eines Mythos“. Hitler erfuhr in Pasewalk am 10. November von der Novemberrevolution und den Waffenstillstandsverhandlungen von Compiègne, was er zutiefst empört aufnahm. Später (1924) bezeichnete er diese Ereignisse im Sinne der Dolchstoßlegende als „größte Schandtat des Jahrhunderts“, die ihn zu dem Entschluss veranlasst habe, Politiker zu werden.Adolf Hitler: Mein Kampf. Eine Abrechnung. 5. Auflage, München 1940, S. 223; zitiert bei Ian Kershaw: Hitler. 1889–1945. 2009, S. 80. Letzteres gilt als unglaubwürdig, da Hitler damals nahezu mittel- und perspektivlos war, keine Kontakte zu Politikern hatte und den angeblichen Entschluss bis 1923 nie erwähnte.Ian Kershaw: Hitler. 1889–1936. 1998, S. 145 ff. Hitler verhielt sich laut Zeitzeugen unterwürfig gegenüber Offizieren. „Den Vorgesetzten achten, niemandem widersprechen, blindlings sich fügen“, gab er 1924 vor Gericht als seine Maxime an. Er klagte nie über schlechte Behandlung als Soldat und sonderte sich damit von seinen Kameraden ab. Darum beschimpften sie ihn als „weißen Raben“,Konrad Heiden: Adolf Hitler. Das Zeitalter der Verantwortungslosigkeit. Ein Mann gegen Europa. Europa Verlag AG, Zürich 1936, S. 57. als jemanden, der sich für etwas Besonderes hielt oder eine von der Mehrheit abweichende Meinung vertrat. Nach ihren Aussagen rauchte und trank er nicht, redete nie über Freunde und Familie, war nicht an Bordellbesuchen interessiert und saß oft stundenlang lesend, nachdenkend oder malend in einer Ecke des Unterstands.Ian Kershaw: Hitler. 1889–1936. 1998, S. 131 f. Die Nationalsozialisten Fritz Wiedemann und Max Amann behaupteten nach 1933, Hitler habe eine militärische Beförderung abgelehnt, für die er als mehrfach Verwundeter sowie Träger des Eisernen Kreuzes erster Klasse in Frage gekommen wäre.Anton Joachimsthaler: Hitlers Weg begann in München 1913–1923. 2000, S. 158. Späteres Lob von Hitlers angeblicher Kameradschaft und Tapferkeit durch Kriegskameraden gilt als unglaubwürdig, da die NSDAP sie dafür mit Funktionärsposten und Geld belohnte. Nach seinen Feldpostbriefen missbilligte Hitler den spontanen Weihnachtsfrieden 1914. Am 5. Februar 1915 schilderte er die Kampfhandlungen detailliert und äußerte zum Schluss, er hoffe auf die endgültige Abrechnung mit den Feinden im Inneren.Ian Kershaw: Hitler. 1889–1945. 2009, S. 76 f. Deutsche Kriegsverbrechen wie Brandschatzung und Massenerschießungen zur Vergeltung angeblicher Sabotage, die 1914 im besetzten Belgien begangen worden waren, stellte Hitler im September 1941 nach Beginn des Russlandfeldzugs im Rückblick deutlich übertrieben dar und bezeichnete sie als vorbildliche Methode zur Partisanenbekämpfung im Osten.John Horne, Alan Kramer: Deutsche Kriegsgreuel 1914. Die umstrittene Wahrheit. Aus dem Englischen von Udo Rennert, Hamburg 2004, S. 600; Werner Jochmann (Hrsg.): Monologe im Führerhauptquartier 1941–1944. Aufgezeichnet von Heinrich Heim (1980). Sonderauflage, Orbis, München 2000, ISBN 3-572-01156-6, S. 59 (Eintrag vom 14./15. September 1941). Sebastian Haffner nannte Hitlers Fronterfahrung sein „einziges Bildungserlebnis“.Sebastian Haffner: Anmerkungen zu Hitler. Frankfurt am Main 1981, S. 11. Ian Kershaw urteilte: „Der Krieg und die Folgen haben Hitler geschaffen.“Ian Kershaw: Hitler. 1889–1936. 1998, S. 126. Da Hitler sich 1914 erstmals in seinem Leben ganz einer Sache hingegeben habe, dem Krieg, hätten sich seine schon mitgebrachten Vorurteile und Phobien in der Erbitterung über die Kriegsniederlage seit 1916 entscheidend verstärkt.Ian Kershaw: Hitler. 1889–1945. 2009, S. 82. Thomas Weber urteilt dagegen: „Hitlers Zukunft und seine politische Identität waren noch vollkommen offen und formbar, als er aus dem Krieg zurückkehrte.“Thomas Weber: Hitlers erster Krieg. Berlin 2011, S. 337. Politischer Aufstieg (1918–1933) V-Mann und Propagandaredner der Reichswehr Am 21. November 1918 kehrte Hitler in die Oberwiesenfeldkaserne in München zurück. Er versuchte, der Demobilisierung des Deutschen Heeres zu entgehen, und blieb deshalb bis zum 31. März 1920 Soldat. In dieser Zeit formte er sein politisches Weltbild, entdeckte und erprobte sein demagogisches Redetalent.Ian Kershaw: Hitler. 1889–1945. 2009, S. 85. Vom 4. Dezember 1918 bis 25. Januar 1919 bewachte Hitler mit 15 weiteren Soldaten etwa 1000 französische und russische Kriegsgefangene in einem von Soldatenräten geleiteten Lager in Traunstein. Am 12. Februar wurde er nach München in die zweite Demobilmachungskompanie versetzt und ließ sich am 15. Februar zu einem der Vertrauensmänner seines Regiments wählen. Als solcher arbeitete er mit der Propagandaabteilung der neuen bayerischen Staatsregierung unter Kurt Eisner (USPD) zusammen und sollte seine Kameraden in Demokratie schulen. Am 16. Februar nahm er daher mit seinem Regiment an einer Demonstration des „Revolutionären Arbeiterrates“ in München teil. Historiker sind sich uneins darüber, ob Hitler am 26. Februar 1919 den Trauerzug für den fünf Tage zuvor ermordeten Eisner begleitete, wie ein unscharfes Foto belegen soll. Am 15. April ließ Hitler sich zum Ersatzbataillonsrat der Soldatenräte der Münchner Räterepublik wählen, die am 7. April ausgerufen worden war. Nach deren gewaltsamer Niederschlagung Anfang Mai 1919 denunzierte er andere Vertrauensleute aus dem Bataillonsrat vor einem Standgericht der Münchner Reichswehrverwaltung als „ärgste und radikalste Hetzer […] für die Räterepublik“, trug damit zu ihrer Verurteilung bei und erkaufte sich das Wohlwollen der neuen Machthaber. Später verschwieg er seine vorherige Zusammenarbeit mit den sozialistischen Soldatenräten.Ian Kershaw: Hitler. 1889–1936. Stuttgart 1998, S. 164; David Clay Large: Hitlers München – Aufstieg und Fall der Hauptstadt der Bewegung. München 2001, S. 159. Diese wird meist als Opportunismus oder Beleg dafür gewertet, dass Hitler bis dahin kein ausgeprägter Antisemit gewesen sein könne.Ralf Georg Reuth: Hitlers Judenhass. Klischee und Wirklichkeit. Piper, München 2009, ISBN 3-492-05177-4, S. 93–95; Sven Felix Kellerhoff: Adolf Hitler wurde spät zum Antisemiten. Die Welt, 3. März 2009 Anders als andere Angehörige seines Regiments schloss er sich keinem der gegen die Räterepublik aufgestellten Freikorps an.Thomas Weber: Hitlers erster Krieg. Der Gefreite Hitler im Weltkrieg – Mythos und Wirklichkeit. Berlin 2011, S. 322 f. und 333 f. Im Mai 1919 traf Hitler erstmals Hauptmann Karl Mayr, den Leiter der „Aufklärungsabteilung“ im Reichswehrgruppenkommando 4. Dieser rekrutierte ihn eventuell kurz darauf als V-Mann.Ian Kershaw: Hitler. 1889–1936. Stuttgart 1998, S. 166 f.; Hitlers Name fehlte jedoch in einem damaligen „Verzeichnis von Propagandaleuten“: Othmar Plöckinger: Unter Soldaten und Agitatoren: Hitlers prägende Jahre im deutschen Militär 1918–1920. Schöningh, 2013, ISBN 3-506-77570-7, S. 118. Auf Empfehlung seiner Vorgesetzten nahm er im Sommer 1919 an der Universität München zweimal an „antibolschewistischen Aufklärungskursen“ für „Propaganda bei der Truppe“ teil.Ian Kershaw: Hitler. 1889–1936. Stuttgart 1998, S. 166 f. So schulten ihn erstmals deutschnationale, alldeutsche und antisemitische Akademiker wie Karl Alexander von Müller, der Hitlers Talent als Redner entdeckte, und Gottfried Feder, der das Schlagwort von der „Brechung der Zinsknechtschaft“ geprägt hatte. Durch die Begegnung mit Feder, so schrieb Hitler während seiner Landsberger Festungshaft, habe er „den Weg zu einer der wesentlichen Voraussetzungen zur Gründung einer neuen Partei“ gefunden.Martin H. Geyer: Verkehrte Welt. Revolution, Inflation und Moderne: München 1914–1924. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1998, S. 105 und 300. Seit dem 22. Juli sollte Hitler mit einem 26-köpfigen „Aufklärungskommando“ der Münchner Garnison angeblich von Bolschewismus und Spartakismus „verseuchte“ Soldaten im Reichswehrlager Lechfeld propagandistisch umerziehen. Seine Reden weckten starke Emotionen, auch mit antisemitischen Äußerungen.Ian Kershaw: Hitler. 1889–1936. Stuttgart 1998, S. 168; Ernst Deuerlein: Hitlers Eintritt in die Politik und die Reichswehr. In: VfZ 7/1959 (PDF; 2,2 MB), S. 178–184. Mayr stellte ihn im Frühjahr oder Herbst 1919 Ernst Röhm vor, dem Mitgründer der geheimen rechtsradikalen Offiziersverbindung „Eiserne Faust“.Ian Kershaw: Hitler. 1889–1936. Stuttgart 1998, S. 200; Andreas Dornheim: Röhms Mann fürs Ausland. Politik und Ermordung des SA-Agenten Georg Bell. Münster 1998, S. 62 f. Mayrs V-Leute sollten neue politische Parteien und Gruppen in München überwachen. Dazu besuchte Hitler am 12. September 1919 erstmals eine Versammlung der Deutschen Arbeiterpartei (DAP). Dort widersprach er heftig der diskutierten Sezession Bayerns vom Reich. Der Parteivorsitzende Anton Drexler lud ihn wegen seiner Redegewandtheit zum Parteieintritt ein.Albrecht Tyrell: Vom ‘Trommler’ zum ‘Führer’: Der Wandel von Hitlers Selbstverständnis zwischen 1919 und 1924 und die Entwicklung der NSDAP. Wilhelm Fink, München 1975, ISBN 3-7705-1221-9, S. 27 und Fn. 99. Am 16. September verfasste er einen Brief an Adolf Gemlich, einen Teilnehmer der Lechfelder Kurse, der ihn um eine Stellungnahme zur Judenfrage gebeten hatte.Hitlers erste antisemitische Äußerungen in seinem Brief an Adolf Gemlich (16. September 1919) auf germanhistorydocs.org. Erst wenige Wochen zuvor hatte sich Hitler zum ersten Mal öffentlich antisemitisch geäußert. Vor 1919 gibt es, abgesehen von einem Feldpostbrief aus dem Jahr 1915, in dem er über Deutschlands „inneren Internationalismus“ schimpft, keine Belege für eine antisemitische Haltung Hitlers.Brendan Simms: Antisemitism and Anti-(International) Capitalism in the Early Thought of Adolf Hitler, 1919–1924. In: Antisemitism Studies 7, Heft 1 (2023), S. 135–151, hier S. 136 f. Im Brief an Gemlich betonte Hitler, das Judentum sei eine Rasse, keine Religion. „Dem Juden“ seien „Religion, Sozialismus, Demokratie […] nur Mittel zum Zweck, Geld- und Herrschgier zu befriedigen. Sein Wirken wird in seinen Folgen zur Rassentuberkulose der Völker.“ Mehrfach kam Hitler auf die angebliche Geldgier und den „Tanz ums goldene Kalb“ der Juden zurück, durch die „alle jene Güter, die nach unserm inneren Gefühl nicht die höchsten und einzig erstrebenswerten auf dieser Erde sein sollen“ in Gefahr seien. Daher müsse der „Antisemitismus der Vernunft“ die „Vorrechte des Juden“ planmäßig und gesetzmäßig bekämpfen und beseitigen. „Sein letztes Ziel aber muss unverrückbar die Entfernung der Juden überhaupt sein. Zu beidem ist nur fähig eine Regierung nationaler Kraft […] nur durch rücksichtslosen Einsatz national gesinnter Führerpersönlichkeiten mit innerlichem Verantwortungsgefühl.“ Der irische Historiker Brendan Simms betont den antikapitalistischen Ursprung von Hitlers Antisemitismus, der sich in diesem Brief zeige – Kommunismus, Bolschewismus und Sowjetrussland erwähnte Hitler überhaupt nicht.Brendan Simms: Antisemitism and Anti-(International) Capitalism in the Early Thought of Adolf Hitler, 1919–1924. In: Antisemitism Studies 7, Heft 1 (2023), S. 135–151, hier S. 137. Aufstieg zum Führer der NSDAP mini|Hitlers Mitgliedskarte der DAP, datiert vom 1. Januar 1920, mit der vermeintlichen Mitgliedsnummer 7. Laut Anton Drexler wurde die Nummer 555 herausretuschiert und die Nummer 7 an deren Stelle eingefügt. Hitler trat der DAP im September 1919 bei. Entgegen seiner Behauptung in Mein Kampf war er nicht das siebte Mitglied der Partei, sondern des Arbeitsausschusses der Partei als Werbeobmann. In der ersten überlieferten Parteimitgliederliste vom 2. Februar 1920 trägt er die Nummer 555,Bundesarchiv NS 26/230 bzw. 2099, Mitgliederverzeichnis, zitiert bei: Institut für Zeitgeschichte: Hitler. Reden, Schriften, Anordnungen. Juli 1931 bis Dezember 1931. 1996, S. 257.Klaus Albrecht Lankheit (Hrsg.): Hitler. Reden, Schriften, Anordnungen. Februar 1925 bis Januar 1933. Band V: Von der Reichspräsidentenwahl bis zur Machtergreifung. April 1932 – Januar 1933. Teil 1: April 1932 – September 1932. Saur, München 1996, ISBN 3-598-21936-9, S. 9. was ihn jedoch nicht zum 555. Mitglied macht, denn die Liste beginnt mit der Nummer 501 und ist zudem für die frühesten Mitglieder alphabetisch geordnet. Was Hitler in Mein Kampf über die Umstände seines Parteieintritts berichtete, ist kritisch zu lesen. Möglicherweise trat er der DAP lediglich auf Geheiß Mayrs bei. In der Rückschau erhöhte Hitler seinen Anteil am Aufstieg der Partei auf Kosten aller anderen Beteiligten. Er sei einer Partei ohne Mitglieder und Organisation beigetreten, die sich in schäbigen Hinterzimmern getroffen habe, und erst er habe daraus kraft seines eigenen politischen Genies eine Massenbewegung zur Rettung Deutschlands geformt. Den Parteiführern Drexler und Karl Harrer sprach er die Inspiration ab. Während Hitler nach ersten erfolgreichen Reden auf Versammlungen in Bierkellern und Gasthäusern auf eine große Massenveranstaltung im Festsaal des Münchner Hofbräuhauses drängte, trat der skeptische Harrer von seinem Posten als „Reichsvorsitzender“ zurück.Ian Kershaw: Hitler. 1889–1936. Stuttgart 1998, S. 171 f., 184–186. Hitler behauptete später, Harrer habe sich auf einen kleinen politischen Zirkel beschränken wollen und seine, Hitlers, weiter reichenden Pläne blockiert. Offenbar hatte Harrer aber Kontakte zur DNVP geknüpft, während Hitler keine Kooperation mit einem mächtigeren Partner wollte.Peter Longerich: Hitler. A Life. Oxford University Press, Oxford 2019, S. 69 f. Vor Hitlers Beitritt zur DAP hatte der antisemitische Schriftsteller Dietrich Eckart bei DAP-Versammlungen gesprochen und sich offenbar des Parteineulings angenommen. Eckart hatte sich in völkischen Kreisen bereits einen Namen gemacht und öffnete Hitler die Türen zur Münchner Gesellschaft. Wohlhabende Geschäftsleute wie der Verleger Julius Friedrich Lehmann, aber auch die Reichswehr in Person von Mayrs Büro und Franz Ritter von Epp finanzierten die klamme Partei. Eckarts Freund Gottfried Grandel sollte später für die Gelder bürgen, die zum Aufkauf des Völkischen Beobachters verwendet wurden.Ian Kershaw: Hitler. 1889–1936. Stuttgart 1998, S. 201 f. Eckart brachte Hitler mit vermögenden Bewunderern zusammen, die zu großzügigen und treuen Geldgebern für seinen Lebensunterhalt wurden, wie Helene Bechstein, Ehefrau des renommierten Berliner Klavierfabrikanten, oder dem Münchner Verlegerehepaar Hugo und Elsa Bruckmann. Als die DAP am 24. Februar 1920 zur NSDAP umbenannt wurde, trug Hitler das von ihm, Drexler und Feder verfasste 25-Punkte-Programm vor.Ian Kershaw: Hitler. 1889–1936. Stuttgart 1998, S. 190. Am 16. März 1920 stellte Eckart ihn in Berlin einigen Initiatoren des Kapp-Lüttwitz-Putsches vor, der am Folgetag zusammenbrach.Thomas Friedrich: Die missbrauchte Hauptstadt. Hitler und Berlin, Berlin 2007, S. 39–44. Bei einem weiteren Berlinbesuch 1920 traf Hitler Heinrich Claß (Alldeutscher Verband), der ihn danach finanziell unterstützte und den Ausbau und die Entschuldung der Parteizeitung Völkischer Beobachter vorantrieb.Rainer Hering: Konstruierte Nation. Der Alldeutsche Verband 1890 bis 1939, Hamburg 2003, S. 481 f.; Kurt Gossweiler: Kapital, Reichswehr und NSDAP, Berlin 1982, S. 233. Bei seiner Entlassung aus der Reichswehr (1. April 1920) konnte Hitler von seinen Redehonoraren leben. Er erreichte damals pro Auftritt 1200 bis 2500 Zuhörer und warb neue Mitglieder für die NSDAP an, mit welcher der Deutschvölkische Schutz- und Trutzbund (DVSTB) und die Deutschsozialistische Partei (DSP) damals noch stark konkurrierten.Michael Wladika: Hitlers Vätergeneration: Die Ursprünge des Nationalsozialismus in der k.u.k. Monarchie. Böhlau, Wien 2005, ISBN 3-205-77337-3, S. 612. Er hielt Drexler von einer Vereinigung der NSDAP mit der DSP ab und setzte am 7./8. August in Salzburg ein Bündnis mit der österreichischen DNSAP durch, um den alldeutschen Anspruch seiner Partei zu unterstreichen. In seiner Grundsatzrede Warum sind wir Antisemiten? vom 13. August 1920 erklärte Hitler erstmals ausführlicher seine Ideologie: Alle Juden seien aufgrund ihres angeblich unveränderlichen Rassecharakters unfähig zu konstruktiver Arbeit. Sie seien wesenhaft Parasiten und täten alles zum Erlangen der Weltherrschaft, darunter (so behauptete er) Rassenmischung, Volksverdummung durch Kunst und Presse, Förderung des Klassenkampfes bis hin zum Mädchenhandel.Reginald H. Phelps: Dokumentation: Hitlers „grundlegende“ Rede über den Antisemitismus (PDF; 5,6 MB). Institut für Zeitgeschichte, VfZ 16/1968, Heft 4, Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1968, S. 390–393. Damit machte er den rassistischen Antisemitismus zum Hauptmerkmal des NSDAP-Programms. Mit einem langen Regenmantel über dem Anzug, einem „Gangsterhut“, einem auffällig sichtbaren Revolver und einer HundepeitscheHeinz Schreckenberg: Hitler. Motive und Methoden einer unwahrscheinlichen Karriere. Eine biographische Studie. Lang, Frankfurt am Main/Berlin/Bern/Bruxelles/New York/Oxford/Wien, ISBN 3-631-54616-5, S. 145. machte Hitler bei Münchner Empfängen auf sich aufmerksam. Anhänger beschrieben ihn als „grandiosen Volksredner“, der „äußerlich irgendwie zwischen Unteroffizier und Handlungsgehilfen, mit gezierter Unbeholfenheit und zugleich so viel Redegewalt […] vor einem Massenpublikum“ auftrat.Ian Kershaw: Hitler. 1889–1945. 2009, S. 109, Zitat S. 135 f. Hitler wandelte die SA von einer „Saalschutztruppe“ in eine paramilitärische Schläger- und Einschüchterungstruppe der NSDAP um.Sebastian Haffner: Anmerkungen zu Hitler. Frankfurt am Main 2003, S. 32. Er entwarf Hakenkreuzfahnen und Standarten für Machtdemonstrationen der SA in Stadt und Land.Christian Zentner: Adolf Hitler. Texte, Bilder, Dokumente. Delphin, München 1979, ISBN 3-7735-4015-9, S. 33. Gleichwohl spielte Hitler zu dieser Zeit in der Partei keine große Rolle und war im Parteivorstand kaum präsent. So war er Anfang Juni 1921 auf unbestimmte Zeit nach Berlin gereist. Vermutlich wollte er dort Mittel für den in finanzielle Schwierigkeiten geratenen Völkischen Beobachter akquirieren und traf sich mit potentiellen Geldgebern wie Heinrich Claß. In München lud man in der Zwischenzeit Otto Dickel, ein sozialreformerisches Parteimitglied aus Augsburg, als Ersatzredner ein. Dickel vermittelte ein Treffen der Münchner NSDAP mit Nürnberger DSP-Abgesandten um Julius Streicher in Augsburg, um über einen Zusammenschluss zu verhandeln, von dem sich Drexler eine Verbreiterung der Parteibasis erhoffte. Einige Parteimitglieder lehnten den egozentrischen Hitler auch rundweg ab. Offenbar wurde Hitler durch Hermann Esser und Rudolf Heß über die Vorgänge informiert. Jedenfalls erschien er wutentbrannt in Augsburg und drohte, er werde die Fusion verhindern. Als Eckart, Drexler und andere Dickels Vorschläge zu einer Programmreform begrüßten, stürmte er aus dem Raum. Am 11. Juli gab Hitler seinen Rückzug aus der Partei bekannt. Angesichts des drohenden Verlustes ihres propagandistischen Zugpferdes und einer möglichen Spaltung der Partei akzeptierte die Parteiführung am 13. Juli de facto Hitlers Forderung nach diktatorischen Machtbefugnissen in der NSDAP. In einer ausführlichen Erklärung kritisierte Hitler am 14. Juli Dickel und dessen Ansichten scharf. Zum 26. Juli trat er wieder der Partei bei (Mitgliedsnummer 3.680) und drei Tage später beschloss eine außerordentliche Mitgliederversammlung eine Satzung mit dem geforderten „diktatorischen Prinzip“. Hitler wurde die Parteileitung übertragen, während Drexler als „Ehrenvorsitzender“ nunmehr von den Entscheidungsprozessen ausgeschlossen war. Die innerparteiliche Organisation, die in der Folge zusehends gestrafft und zentralisiert wurde, überließ Hitler seinem Vertrauten Max Amann.Albrecht Tyrell: Vom ‚Trommler‘ zum ‚Führer‘. Der Wandel von Hitlers Selbstverständnis zwischen 1919 und 1924 und die Entwicklung der NSDAP. Wilhelm Fink, München 1975, ISBN 3-7705-1221-9, S. 116–131; Ian Kershaw: Hitler. 1889–1936. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart/München 1998, ISBN 3-421-05131-3, S. 210–213; Manfred Görtemaker: Rudolf Hess. Der Stellvertreter. Eine Biographie. C. H. Beck, München 2023, S. 108–110. Die Historiker, die sich mit den Anfängen der NSDAP beschäftigten, folgten anfangs Hitlers Selbststilisierung in Mein Kampf und attestierten ihm, er habe von Anfang an den „innerparteilichen Parlamentarismus“ beseitigen wollen, um sich die alleinige Führung zu sichern.Albrecht Tyrell: Vom ‚Trommler‘ zum ‚Führer‘. Der Wandel von Hitlers Selbstverständnis zwischen 1919 und 1924 und die Entwicklung der NSDAP. Wilhelm Fink, München 1975, ISBN 3-7705-1221-9, S. 34. Werner Maser stellte die These auf, Hitler habe mit seiner Reise nach Berlin seinen Kontrahenten in der Partei eine Falle stellen wollen.Albrecht Tyrell: Vom ‚Trommler‘ zum ‚Führer‘. Der Wandel von Hitlers Selbstverständnis zwischen 1919 und 1924 und die Entwicklung der NSDAP. Wilhelm Fink, München 1975, ISBN 3-7705-1221-9, S. 119. Im Anschluss an Albrecht Tyrell geht die Forschung aber inzwischen davon aus, dass Hitler durchaus typisch spontan reagierte.Hellmuth Auerbach: Regionale Wurzeln und Differenzen in der NSDAP 1919–1923. In: Horst Möller, Andreas Wirsching, Walter Ziegler (Hrsg.): Nationalsozialismus in der Region. Beiträge zur regionalen und lokalen Forschung und zum internationalen Vergleich. Oldenbourg, München 1996, ISBN 3-486-64500-5, S. 80 f. Der erste Schritt zur Umwandlung der NSDAP in eine „Führer-Partei“ kam „nicht dank wohlüberlegten Taktierens zustande“, sondern war, so formuliert es Ian Kershaw, „das Ergebnis Hitlers Reaktion auf Ereignisse, die seiner Kontrolle entglitten waren“. Ian Kershaw: Hitler. 1889–1936. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart/München 1998, ISBN 3-421-05131-3, S. 213. Um seinen Einfluss auszudehnen, hielt er seit 1920 einige Reden vor dem Berliner Nationalklub von 1919 und in Österreich.Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes: Der Weg zum „Anschluss“: Österreich 1918–1938. Durch gezielte Angriffe auf politische Gegner wollte er öffentlich bekannter werden. Am 14. September 1921 störten er und seine Anhänger gewaltsam eine Veranstaltung des separatistischen Bayernbunds im Münchner Löwenbräukeller. Dabei wurde dessen Gründer Otto Ballerstedt verletzt, der ihn daraufhin anzeigte. Hitler wurde am 12. Januar 1922 wegen Landfriedensbruchs und Körperverletzung zu drei Monaten Haft verurteilt; zwei Monate waren bei guter Führung zur Bewährung ausgesetzt. Zwischen dem 24. Juni und dem 27. Juli 1922 verbüßte er seine Strafe in Stadelheim.Ian Kershaw: Hitler. 1889–1936. Stuttgart 1998, S. 224 f.; Ernst Deuerlein: Hitler. Eine politische Biographie. List, München 1969, S. 58. Bei der Säuberungsaktion im Zuge des „Röhm-Putsches“ (1934) ließ Hitler Ballerstedt ermorden.Christian Hartmann u. a. (Hrsg.): Hitler, Mein Kampf. Eine kritische Edition. 3. Auflage, Band 1. Institut für Zeitgeschichte, München/Berlin 2016, ISBN 978-3-9814052-3-1, S. 88, Anm. 2. Manche britische und US-amerikanische Presseartikel schätzten ihn damals als „potentiell gefährlich“, als Vertreter einer „Armee der Rache“ oder als „deutschen Mussolini“ ein.Quellenangaben bei Andrew Brian Henson: . Clemson University, Mai 2007 (PDF; 3.897 kB, S. 13, Fn. 24, S. 15, Fn. 28). Als solchen ließ Hitler sich am 3. November 1922, drei Tage nach Mussolinis erfolgreichem Marsch auf Rom, von Hermann Esser in München ausrufen.Wolfgang Horn: Führerideologie und Parteiorganisation in der NSDAP 1919–1933. Droste, Düsseldorf 1972, ISBN 3-7700-0280-6, S. 79. Putschversuch Während des Kapp-Putsches 1920 zwang die Reichswehrführung in Bayern die Koalitionsregierung Hoffmann zum Rücktritt. Die neue Regierung unter Gustav von Kahr schlug einen Rechtskurs ein, um aus Bayern die „Ordnungszelle“ des Reiches zu machen. Sie gewährte vielen militanten Rechtsextremen wie Hermann Ehrhardt Unterstützung und Unterschlupf.Eberhard Kolb: Die Weimarer Republik. 6., überarbeitete und erweiterte Auflage, Oldenbourg, München 2002, ISBN 3-486-49796-0, S. 42, . Sie organisierten sich nach der Auflösung der Freikorps im selben Jahr in bewaffneten „Einwohnerwehren“ und „vaterländischen Verbänden“, die den Sturz der Weimarer Republik anstrebten. Einige bejahten und verübten dazu politische Morde oder Fememorde.Eberhard Kolb: Die Weimarer Republik. München 2002, S. 49, . Bayern wurde infolge dieser Ereignisse zu einem Hort gegenrevolutionärer, antirepublikanischer Kräfte, die auf eine Beseitigung der parlamentarischen Demokratie drangen. Hitler und die NSDAP waren nur ein Teil dieser breiten, rechten Bewegung. Sie umfasste auch andere völkische Gruppierungen, die DNVP und Teile der Bayerischen Volkspartei (BVP) und fand starke, teils offene, teils verdeckte Unterstützung im Militär-, Polizei- und Justizapparat. Putschstimmung in Bayern mini|hochkant|Der bayerische Generalstaatskommissar Gustav von Kahr verfolgte im Krisenjahr 1923 eigene Putschpläne gegen die Regierung in Berlin Zum 17. März 1922 lud der christlich-konservative Bayerische Innenminister Franz Xaver Schweyer die Vorsitzenden der wichtigsten im Bayerischen Landtag vertretenen Parteien zu einer Besprechung, um die Abschiebung des als „staatenlos“ gemeldeten Hitlers aus Bayern zu erreichen. Die Vertreter der bürgerlichen Parteien stimmten Schweyers Vorschlag zu, lediglich der SPD-Fraktionschef Erhard Auer war dagegen. Die anderen Parteien gaben Auer nach und daher wurde Hitler nicht des Landes verwiesen. Nachdem die Alliierten 1921 die Auflösung der bayerischen Einwohnerwehren erzwungen hatten, betraute Kahr Otto Pittinger mit der geheimen Fortführung der „Wehrarbeit“.Christoph Hübner: Bund „Bayern und Reich“, 1921–1935. In: Historisches Lexikon Bayerns (online, Zugriff am 17. März 2015). Im August 1922 planten Pittinger, der Münchner Polizeipräsident Ernst Pöhner und Ernst Röhm einen Putsch, ausgehend von einer geplanten Massenkundgebung der vaterländischen Verbände gegen das Republikschutzgesetz am 25. August. Diese wurde jedoch kurzfristig verboten, sodass sich nur einige Tausend Nationalsozialisten versammelten. Hitler, der den Putschplan kannte, soll darüber vor Wut geschäumt und angekündigt haben, beim nächsten Mal werde er handeln.Ian Kershaw: Hitler. 1889–1936. Stuttgart 1998, S. 226 f. Die radikalen Kräfte um Röhm und Ludendorff lehnten Pittingers monarchistisch-föderalistischen Kurs ab und widerstanden zunehmend seinen Versuchen zur Einigung der Wehrbewegung. Zwar schloss sich die NSDAP zunächst der am 9. November 1922 gegründeten „Vereinigung vaterländischer Verbände in Bayern“ an, nicht jedoch der Bund Oberland und der Bund Wiking.Christoph Hübner: Bund „Bayern und Reich“, 1921–1935. In: Historisches Lexikon Bayerns, 13. Oktober 2009. Im Februar 1923, während der Ruhrbesetzung, gründete sich auf Initiative Röhms die Arbeitsgemeinschaft der Vaterländischen Kampfverbände, der sich die NSDAP und SA anschlossen.Hans Fenske: Arbeitsgemeinschaft der Vaterländischen Kampfverbände, 1923. In: Historisches Lexikon Bayerns, 18. Februar 2009. In ihr übte Hitler maßgeblichen Einfluss aus und definierte als ihre Ziele: Nachdem mehrere völkische Politiker, darunter Hitler, wegen Verstößen gegen das Republikschutzgesetz gerichtliche Vorladungen erhielten, ließ er die bayerische Staatsregierung im April 1923 durch die Arbeitsgemeinschaft ultimativ auffordern, Haftbefehle gegen „vaterländisch gesinnte Männer Bayerns ein für allemal“ abzulehnen. Sein Einfluss stieg, als er die SA aus ihrer Verbindung mit Ehrhardts Organisation löste. Hitler forderte als Erster eine „nationale Maifeier“.Wolfgang Horn: Führerideologie und Parteiorganisation in der NSDAP (1919–1933). Droste, Düsseldorf 1972, S. 110 f. Die traditionelle, behördlich genehmigte Demonstration der Linksparteien am Ersten Mai 1923 in München ließ sich jedoch nicht verhindern. Die Kampfverbände beschlossen daher, selbst gewaltsam gegen die Maifeier der Linken vorzugehen. Die 3.000 Bewaffneten, die sich dazu auf dem Oberwiesenfeld versammelt hatten, wurden dort jedoch von Reichswehrtruppen und Landespolizei umstellt und zur Aufgabe gezwungen. Dies schwächte Hitlers Autorität in der NSDAP, so dass er sich eine Weile aus der Öffentlichkeit zurückzog.Othmar Plöckinger: Geschichte eines Buches: Adolf Hitlers „Mein Kampf“: 1922–1945. Eine Veröffentlichung des Instituts für Zeitgeschichte. Oldenbourg, München 2011, ISBN 3-486-70533-4, S. 16.Wolfgang Niess: Der Hitlerputsch 1923. Geschichte eines Hochverrats. C.H. Beck, München 2023, S. 90–92. Im Mai 1923 gründete er mit dem Münchner Stoßtrupp Adolf Hitler eine Garde von Leibwächtern und Schlägern, die aus engen Vertrauten bestand. Beim „Deutschen Tag“ am 1. und 2. September 1923 in Nürnberg vereinigten Hitler, Ludendorff und ihre Anhänger den Bund Oberland mit dem Bund Reichskriegsflagge unter Röhm und der SA zum Deutschen Kampfbund. Dieser forderte eine „nationale Revolution“, bei der es wegen der Erfahrung vom 1. Mai primär darum gehe, von den „polizeilichen Machtmittel[n] des Staates“ Besitz zu ergreifen. Am 25. September übernahm Hitler seine politische Führung.Martin H. Geyer: Verkehrte Welt. Revolution, Inflation und Moderne: München 1914–1924. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1998, S. 332 (). Bei einem durch Ulrich Wille junior vermittelten Aufenthalt in Zürich im August 1923 redete er vor geladenen Gästen „Zur Lage in Deutschland“ und erhielt Spenden zwischen 11.000 und 123.000 Franken, meist in bar und ohne Quittung. Ob die unbekannte Gesamtsumme die Putschvorbereitung der NSDAP ermöglichte, ist ungeklärt.Alexis Schwarzenbach: „Zur Lage in Deutschland“. Hitlers Zürcher Rede vom 30. August 1923. In: Traverse, Zeitschrift für Geschichte – Revue d’histoire 1/2006, S. 176–189 (doi:10.5169/seals-29558). Am 26. September ließ der neue Reichskanzler Gustav Stresemann (DVP) den wirtschaftlich ruinösen passiven Widerstand gegen die belgisch-französische Ruhrbesetzung abbrechen. Daraufhin rief die bayerische Regierung den Ausnahmezustand über Bayern nach Artikel 48 aus und übertrug die vollziehende Gewalt auf Gustav von Kahr als „Generalstaatskommissar“. Er sollte offiziell mit seinen „speziellen Beziehungen“ zu bayerischen rechtsradikalen Organisationen und seiner bekannten völkisch-antisemitischen Gesinnung „Dummheiten“ von „irgendeiner Seite“ vorbeugen.Heinrich August Winkler: Weimar 1918–1933: Die Geschichte der ersten deutschen Demokratie. Beck, München 2005, ISBN 3-406-43884-9, S. 210, . Als eine seiner ersten Maßnahmen ließ er ostjüdische Familien aus Bayern ausweisen und ihren Besitz konfiszieren.Wolfram Selig: Ausweisung von Ostjuden aus Bayern (1923). In: Wolfgang Benz (Hrsg.): Handbuch des Antisemitismus. Judenfeindschaft in Geschichte und Gegenwart. Walter de Gruyter, Berlin 2011, S. 32 f. Ein Artikel mit dem Titel Die Diktatoren Stresemann – Seeckt im Völkischen Beobachter, der die Reichsregierung scharf angriff, ließ den Konflikt zwischen ihr und der Regierung Bayerns eskalieren.Burkhard Asmuss: Republik ohne Chance? Walter de Gruyter, Berlin 1994, ISBN 3-11-014197-3, S. 457, und Fn. 24. Reichswehrminister Otto Geßler, der nach der Verhängung des Ausnahmezustands über das ganze Reich am 27. September die vollziehende Gewalt innehatte, verbot daraufhin den Völkischen Beobachter. Kahr und der Kommandeur der Reichswehr in Bayern, Otto von Lossow, verweigerten diesen Befehl. Am 29. September erklärte Kahr, er werde das Republikschutzgesetz in Bayern nicht länger vollziehen. Hitler besuchte am 30. September erstmals die Villa Wahnfried. Der „Bayreuther Kreis“ um Cosima Wagner unterstützte seinen Putschplan und seinen Anspruch, der ersehnte nationale „Führer“ zu werden.Abraham J. Peck, Gottfried Wagner: Unsere Stunde Null: Deutsche und Juden nach 1945: Familiengeschichte, Holocaust und Neubeginn. Böhlau, Wien 2006, ISBN 3-205-77335-7, S. 40, ; Leonid Luks: Zwei Gesichter des Totalitarismus: Bolschewismus und Nationalsozialismus im Vergleich. 16 Skizzen. Böhlau, Wien 2007, ISBN 3-412-20007-7, S. 66, ; Tobias Ronge: Das Bild des Herrschers in Malerei und Grafik des Nationalsozialismus: Eine Untersuchung zur Ikonografie von Führer- und Funktionärsbildern im Dritten Reich. 2011, S. 58 . Am 7. Oktober versuchte Hitler vergeblich, Lossow und Seißer zum Eintritt in seinen Kampfbund zu bewegen. Am 20. Oktober setzte Geßler Lossow ab. Kahr ernannte Lossow daraufhin demonstrativ zum „Landeskommandanten“ und ließ die in Bayern stationierte 7. Reichswehrdivision auf Bayern vereidigen. Dieser offene Verfassungsbruch war ein erster Schritt zur Lösung Bayerns vom Reich.Ursula Büttner: Weimar. Die überforderte Republik. Klett-Cotta, Stuttgart 2008, S. 204, . Nach dem Austritt der SPD aus dem Kabinett Stresemann am 2. November 1923 forderte Reichspräsident Friedrich Ebert am 3. November analog zur Reichsexekution gegen das von Kommunisten mitregierte Sachsen, Reichswehrtruppen gegen Bayern einzusetzen. Der Chef der Heeresleitung, Hans von Seeckt, lehnte dies ab, da man nicht über ausreichende Kräfte verfüge und Reichswehr nicht gegen Reichswehr marschiere.Eberhard Kolb: Die Weimarer Republik. München 2002, S. 55. Seeckt verurteilte zwar den Ungehorsam der bayerischen Reichswehrtruppen, ließ aber Kahr gegenüber durchblicken, dass er vor allem im Interesse der Einheit des Reiches an den verfassungsgemäßen Formen festgehalten habe.Manfred Messerschmidt: Das preußische Militärwesen. In: Wolfgang Neugebauer (Hrsg.): Handbuch der preußischen Geschichte. Band III: Vom Kaiserreich zum 20. Jahrhundert und große Themen der Geschichte Preußens. Walter de Gruyter, Berlin 2000, S. 506 f. Zugleich warnte er Kahr und Lossow, sich nicht zu sehr an den völkischen und nationalen Extremisten zu orientieren. Seeckt war zudem sowohl von Vertretern der Schwerindustrie wie Hugo Stinnes als auch zeitweise von Politikern wie Ebert und Stresemann als möglicher „Notstandskanzler“ einer nationalen Diktatur vorgesehen.Heinrich August Winkler: Der lange Weg nach Westen. Band 1: Deutsche Geschichte vom Untergang des Alten Reiches bis zum Untergang der Weimarer Republik. Beck, München 2000, S. 439 (). Auch das „bayerische Triumvirat“ Kahr, Lossow und Oberst Hans von Seißer, Chef der Bayerischen Landespolizei, erwog Putschpläne gegen Berlin. In Absprache mit Kontaktleuten in Norddeutschland hofften sie im Oktober 1923, die Reichsregierung durch militärischen Druck dazu zu bringen, ein „nationales Direktorium“ einzusetzen. Lossow sprach bei einem Treffen mit den Führern der paramilitärischen Verbände am 24. Oktober sogar von einem „Marsch auf Berlin“, spielte tatsächlich aber vor allem gegenüber dem Deutschen Kampfbund auf Zeit. Anfang November herrschte indes noch völlige Unklarheit über die etwaige Zusammensetzung des Direktoriums. Während Kahr als Reichspräsident im Gespräch war, wären Hitler und Ludendorff, die ein Direktorium unter ihrer Führung in München wollten, in keinem Fall daran beteiligt worden. Am 3. November stellte Seeckt freilich gegenüber Seißer fest, nichts gegen die rechtmäßige Regierung unternehmen zu wollen.Ian Kershaw: Hitler. 1889–1936. Stuttgart 1998, S. 257 f.; Lothar Gruchmann: Justiz im Dritten Reich 1933–1940. Anpassung und Unterwerfung in der Ära Gürtner. Oldenbourg, München 1988, S. 32. 9. November 1923 mini| Der Stoßtrupp Adolf Hitler nahm am 9. November sozialistische Stadträte fest mini|Während des Putschs hielt Julius Streicher antisemitische Ansprachen auf dem Münchner Marienplatz Nach dem 3. November warnte Kahr alle Führer „vaterländischer Verbände“ vor eigenmächtigen Aktionen und lehnte ein Treffen mit Hitler ab. Dieser fürchtete Kahrs Einigung mit der Reichsregierung und verabredete daher am 7. November mit den anderen Kampfbundführern den baldigen Putsch.Klaus Mües-Baron: Heinrich Himmler – Aufstieg des Reichsführers SS (1900–1933). V&R Unipress, 2011, ISBN 3-89971-800-3, S. 193 (). Am Abend des 8. November sprach Kahr im Münchner Bürgerbräukeller vor etwa 3000 Anhängern über die Notwendigkeit der Diktatur und des Sturzes der „marxistischen“ Reichsregierung. Hitler ließ das Gebäude von seinem Kampfbund umstellen, verschaffte sich mit Waffengewalt Zutritt, rief die „nationale Revolution“ aus und forderte Kahr, Seißer und Lossow unter vorgehaltener Waffe zu einer Unterredung in einem Nebenraum auf. Das „Triumvirat“ war zunächst unwillig die Aktion mitzutragen. Erst nachdem Hitler durch eine kurze Rede im Saal die Stimmung in seinem Sinne gedreht und der mittlerweile eingetroffene Ludendorff Lossow und Seißer überzeugt hatte, erklärte sich auch Kahr bereit, den Putschversuch zu unterstützen und einer „provisorischen deutschen Nationalregierung“ unter Hitlers Führung zuzustimmen. Dass diese Zustimmung allein unter Todesdrohung erpresst worden sei, war eine spätere Schutzbehauptung Kahrs, Lossows und Seißers.Wolfgang Niess: Der Hitlerputsch 1923. Geschichte eines Hochverrats. C.H. Beck, München 2023, S. 178–181. Joachim Fest erkennt mit Blick auf Hitlers Inszenierung des Putsches dessen „Neigung zur chargierenden Szene“: So fuhr Hitler im roten Mercedes zum Bürgerbräukeller, trug einen langen schwarzen Gehrock und hatte sich sein Eisernes Kreuz angeheftet. Während der Umstellung des Gebäudes positionierte er sich unter großer Anspannung an der Saaltür. Er hielt dabei ein Bierglas in der Hand erhoben und beim Auffahren eines schweren Maschinengewehrs neben ihm nahm er einen letzten dramatisierenden Schluck, warf das Glas mit einem Klirren zu Boden und stürmte dann an der Spitze seines Stoßtrupps mitten in den Saal. Um sich Gehör zu verschaffen, sprang er auf einen Tisch und feuerte mit seiner Pistole in die Decke. Als Hitler sich daraufhin den Weg zum Podium gebahnt hatte, um die „nationale Revolution“ auszurufen, bedrohte er zudem die Anwesenden damit, ein Maschinengewehr auf die Galerie zu stellen, sollte nicht sofort Ruhe einkehren. Im weiteren Verlauf des Abends ließ Hitler alle anwesenden Mitglieder der bayerischen Landesregierung festsetzen und ernannte Ludendorff zum Oberbefehlshaber der Reichswehr. Dieser ließ das Triumvirat gegen 22.30 Uhr frei, das seine anfängliche Zustimmung einige Stunden später widerrief, als klar wurde, dass die Aktion, deren Zielsetzung sie teilten, dilettantisch vorbereitet war und auf Widerstand stieß. Erst dann trafen sie Maßnahmen zur Niederschlagung des Putsches.Heinrich August Winkler: Weimar 1918–1933. München 2005, S. 234 ().Niess: Hitlerputsch, S. 188–193. SA und Bund Oberland nahmen zahlreiche wirkliche oder vermeintliche Münchner Juden, deren Namen und Adressen aus Telefonbüchern entnommen waren, als Geiseln fest.David Clay Large: Hitlers München. Aufstieg und Fall der Hauptstadt der Bewegung. Beck, München 2006, ISBN 3-406-44195-5, S. 230. Obwohl der Münchner Kompaniechef Eduard Dietl, frühes DAP-Mitglied und Ausbilder der SA, und der Offiziersnachwuchs sich weigerten, gegen die Putschisten vorzugehen,Johannes Hürter: Hitlers Heerführer – Die deutschen Oberbefehlshaber im Krieg gegen die Sowjetunion 1941/42. Oldenbourg, München 2007, S. 100 (). gelang es den von Ernst Röhm geführten Kampfbundverbänden in der Nacht zum 9. November nicht, die meisten Münchner Kasernen, den Bahnhof und wichtige Regierungsgebäude zu besetzen.Jürgen Wilke: Unter Druck gesetzt. Böhlau, Wien 2002, ISBN 3-412-17001-1, S. 173 (). Seit den Ereignissen vom 1. Mai wusste Hitler, dass ein Putsch ohne Unterstützung von Reichswehr und Polizei aussichtslos war. Um sie und die Bevölkerung doch noch auf ihre Seite zu ziehen und den Umsturz in München zu erzwingen, beschlossen Hitler und Ludendorff, mit bis zu 4000 teilweise bewaffneten NSDAP-Anhängern vom Bürgerbräukeller durch die Innenstadt zum Sitz des Wehrkreiskommandos zu marschieren.Neiss: Hitlerputsch, S. 205 Eine Einheit der Landespolizei unter Michael von Godin stoppte diesen Marsch nahe der Feldherrnhalle. In einem kurzen Feuergefecht starben 15 Putschisten und 4 Polizisten sowie ein Unbeteiligter. Eine tödliche Kugel traf den Finanzier der NSDAP, Max Erwin von Scheubner-Richter, der sich bei Hitler untergehakt hatte. Als er stürzte, zog er Hitler mit sich, der sich dabei die Schulter ausrenkte. Dennoch gelang es ihm zunächst, zu fliehen und sich im Haus Ernst Hanfstaengls am Staffelsee zu verstecken. Dort wurde er am 11. November verhaftet.Hans-Ulrich Thamer: Verführung und Gewalt. Deutschland 1933–1945. Siedler, Berlin 1994, ISBN 978-3-442-75528-8, S. 107 f. Die schon in neun deutschen Ländern verbotene NSDAP wurde ebenfalls in Bayern und am 23. November reichsweit verboten.Christoph Gusy: Die Weimarer Reichsverfassung. Mohr Siebeck, Tübingen 1997, ISBN 3-16-146818-X, S. 123 (). Ebert hatte Seeckt trotz dessen Befehlsverweigerung noch am 8. November 1923 den Oberbefehl über die Reichswehr übertragen, damit dieser die bayerische Reichswehr zum Vorgehen gegen die Putschisten bewegen konnte. So bewirkte Hitlers und Ludendorffs Alleingang ungewollt, dass die 7. Division den Zusammenhalt mit der übrigen Reichswehr wahrte, die republikfeindlichen Kräfte gespalten und die Putschpläne des bayerischen „Triumvirats“ durchkreuzt wurden. Hitler lernte daraus, dass er die Macht „nicht in totaler Konfrontation mit dem Staatsapparat, sondern nur im kalkulierten Zusammenspiel mit ihm“ erreichen konnte und dazu den „Schein der Legalität“ wahren musste.Heinrich August Winkler: Weimar 1918–1933. München 2005, S. 235 (). Der dilettantisch inszenierte, gescheiterte Putschversuch wurde seit 1933 zum Triumph umgedeutet und jährlich als heroische Tat mit dem Gedenken an die „Blutzeugen der Bewegung“ gefeiert.Wolfram Selig: Hitlerputsch. In: Wolfgang Benz, Hermann Graml, Hermann Weiß (Hrsg.): Enzyklopädie des Nationalsozialismus. Stuttgart 1998, S. 515. Prozess und Festungshaft mini|hochkant=1.6|Hitler (4. von rechts) und weitere Angeklagte im Hochverratsprozess am 1. April 1924 Am 26. Februar 1924 begann vor dem bayerischen Volksgericht, nicht vor dem zuständigen Reichsgericht in Leipzig, ein Prozess gegen zehn Putschteilnehmer. Die bayerische Staatsregierung, insbesondere Justizminister Franz Gürtner, der Hitler nach 1933 in gleicher Funktion auf Reichsebene diente, setzte alles daran, die Hintergründe des Putschversuchs zu verschleiern, vor allem die Verwicklung Kahrs, Lossows und Seißers. Weder ihre Verbindungen zu Hitler noch dessen Rolle am 1. Mai 1923 wurden als Gegenstand des Verfahrens zugelassen, sondern ausschließlich die Ereignisse des 8./9. November. Aber selbst die Geiselnahmen und die Tötung der vier Polizisten wurden nicht verhandelt.Niess: Hitlerputsch, S. 239–255. Mit dem Vorsitz wurde der deutschnational eingestellte Landgerichtsdirektor Georg Neithardt betraut, der Hitler und den übrigen Angeklagten mit äußerstem Wohlwollen begegnete. So ersetzte er ein erstes Verhörprotokoll Ludendorffs, aus dem dessen monatelange, aktive Putschvorbereitungen hervorgingen, durch ein zweites, in dem er behauptete, von dem Putschplan nichts gewusst zu haben.Ian Kershaw: Hitler. 1889–1945. 2009, S. 155.Niess: Hitlerputsch, S. 240. Indem Neithardt ihm Gelegenheit zu ausführlichen politisch-propagandistischen Statements gab, ermöglichte er es Hitler, sich von Beginn an als treibende Kraft des Putschversuchs darzustellen. Hitler bestritt allerdings den Vorwurf des Hochverrats und behauptete, die „Novemberverbrecher“ von 1918 seien die eigentlichen Verräter. Sein scheinbar mutiges Auftreten war die Folge eines Angebots von Neithardt: Dieser hatte Hitler ein mildes Urteil in Aussicht gestellt, falls er die Putschpläne der als Zeugen geladenen Kahr, Lossow und Seißer verschweige. Die „Justizkomödie“, wie Hitlers erster Biograf Konrad Heiden den Prozess nannte,Konrad Heiden: Hitler. Das Zeitalter der Verantwortungslosigkeit. Eine Biographie. Zürich 1936, S. 181. endete am 1. April 1924 mit einem Freispruch für Ludendorff und milden Strafen gegen fünf Mitangeklagte wegen Beihilfe zum Hochverrat. Richter Neithardt hatte schon 1922 den ersten Prozess wegen Landfriedensbruchs gegen Hitler geführt und wusste daher, dass die damalige Haftstrafe noch zur Bewährung ausgesetzt war. Auch dass vier Beamte der Münchner Polizei von den Putschisten erschossen worden waren, wurde nicht zum Gegenstand der Verhandlungen gemacht. In einem Akt der Rechtsbeugung verurteilte er Hitler lediglich zur Mindeststrafe von fünf Jahren Festungshaft mit der Möglichkeit einer vorzeitigen Entlassung und einer Geldbuße von 200 Goldmark.Otto Gritschneder: Der Hitler-Prozeß und sein Richter Georg Neithardt: Eine Rechtsbeugung von 1924 mit Folgen. Beck, München 2001, ISBN 3-406-48292-9, S. 43, 54; Urteilstext im Lebendigen Museum Online.Manfred Görtemaker: Rudolf Hess. Der Stellvertreter. C.H. Beck, München 2023, S. 167. Zudem verweigerte das Gericht seine nach dem Republikschutzgesetz zwingend vorgeschriebene Ausweisung als straffällig gewordener Ausländer, da er eine „ehrenhafte Gesinnung“ habe, deutsch denke und fühle, viereinhalb Jahre freiwillig im deutschen Heer Soldat gewesen und dabei verwundet worden sei.Otto Gritschneder: Der Hitler-Prozeß. München 2001, S. 40; Walter Ziegler (Historisches Lexikon Bayerns): Ausweisung Adolf Hitlers aus Bayern. Sowohl die Möglichkeit der Strafaussetzung zur Bewährung als auch der Verzicht auf die Ausweisung widersprachen eindeutig den geltenden Gesetzen, die für vergleichbare Taten die Todesstrafe vorsahen.Niess: Hitlerputsch, S. 254 mini|Westansicht der Gefangenenanstalt Landsberg am Lech mit Markierung von Hitlers Zelle Hitler genoss während seiner Haft in einem separaten Trakt der Gefangenenanstalt Landsberg am Lech zahlreiche Privilegien; er hatte engen Kontakt mit Mitverurteilten und durfte mehr Besucher empfangen, als in der Strafvollzugspraxis bis dahin üblich war (unter Berücksichtigung der Mehrfachnennungen verzeichnet die Besucherliste Hitlers 330 Personen). Die meisten Besucher sprachen nur kurz mit Hitler. Längere Gespräche führte Hitler mit Edwin und Helene Bechstein, Ludendorff, Max Amann und Hermine Hoffmann. Mit politischen Gesinnungsfreunden durfte Hitler regelmäßig vertrauliche Gespräche führen. Besucher bezeichneten seinen Haftraum wegen der vielen Feinkostwaren als „Delikatessenladen“. Für seine „Hofhaltung“ ließ die Anstaltsleitung sogar zusätzliche Zellen herrichten.Manfred Görtemaker: Rudolf Hess. Der Stellvertreter. C.H. Beck, München 2023, S. 170. Hitler rechnete fest mit einer Entlassung nach einem halben Jahr zum 1. Oktober 1924. Dem widersprach die Staatsanwaltschaft München, da ein umfangreicher Briefschmuggel aufgedeckt worden war. Dennoch wurde Hitler auf Fürsprache des Leiters der Gefangenenanstalt wegen angeblich guter Führung nach weniger als neun Monaten Haft am 20. Dezember 1924 entlassen. Dass Landsberg Hitlers „Hochschule auf Staatskosten“ gewesen sei, gehört zur Legendenbildung um die Festungshaft, die nach 1933 einsetzte. Hitlers Haftstube wurde bis 1937 von 180.000 Personen besucht. Hitler selbst kehrte nur 1934, 1936 und 1938 jeweils unangemeldet in die Haftanstalt zurück. Bis zum Prozess hatte Hitler sich eher als „Trommler“ der völkischen Bewegung gesehen, der den Weg für einen anderen „Retter Deutschlands“ wie etwa Ludendorff frei machen sollte. Die Bühne, die das Gericht ihm bot, erlaubte es ihm nun, in eine neue, führende Rolle zu schlüpfen. Durch die Prozessberichte wurde er auch im Norden Deutschlands als radikalster „völkischer“ Politiker bekannt. Seine Anhänger verehrten ihn als Helden und Märtyrer für die nationale Sache. Das stärkte seine Stellung in der NSDAP und sein Ansehen bei anderen Nationalisten. Wegen dieser Zustimmung, des Propagandaerfolgs seiner Verteidigung, seiner Reflexion beim Abfassen von Mein Kampf und des Zerfalls der NSDAP während seiner Haft sah Hitler sich selbst in der Rolle des großen, von vielen erhofften Führers und Retters Deutschlands. Er wollte die NSDAP nach seiner Entlassung als straff organisierte, von anderen Parteien unabhängige Führerpartei neu aufbauen.Ian Kershaw: Führer und Hitlerkult. In: Wolfgang Benz, Hermann Graml, Hermann Weiß (Hrsg.): Enzyklopädie des Nationalsozialismus. 1998, S. 25. Ideologie „Mein Kampf“ Hitler schrieb in seiner Haftzeit 1923/24 weitgehend ohne fremde Hilfe den ersten Teil seiner Programmschrift Mein Kampf. Eine Autobiografie oder einen Ersatz für das 25-Punkte-Programm beabsichtigte er nicht.Othmar Plöckinger: Geschichte eines Buches, München 2011, S. 34, 49, 70 (). Der erste Band wurde von 1925 bis 1932 etwa 300.000 Mal verkauft und durch viele Rezensionen in öffentlichen Konflikten weithin bekannt.Othmar Plöckinger: Geschichte eines Buches, München 2011, S. 4, 240, . Beachtet wurden davon jedoch fast nur Hitlers außen- und parteipolitische Ziele, nicht seine Rassentheorie.Othmar Plöckinger: Geschichte eines Buches, München 2011, S. 543. Fast kein führender Politiker des Auslands las das Buch.Rainer F. Schmidt: Die Außenpolitik des Dritten Reiches 1933–1939. Klett-Cotta, 2002, ISBN 3-608-94047-2, S. 22, . Der 1926 erschienene zweite Band Die nationalsozialistische Bewegung führte Hitlers Vorstellungen zur Außenpolitik, Aufgabe und Struktur der NSDAP genauer aus und wurde noch weniger beachtet. Hitlers zweites Buch von 1928 führte seinen extremen Antisemitismus, Rassismus und seine bevölkerungspolitischen Pläne näher aus, blieb aber unveröffentlicht. Rassismus und Antisemitismus mini|Einladung zu einer NSDAP-Veranstaltung im Kronebau in München am 20. April 1923: „Es wird sprechen unser Führer Pg. Adolf Hitler über: ‚Politik u. Rasse‘ – Warum sind wir Antisemiten?“ Im ersten Band von „Mein Kampf“ entfaltete Hitler seinen seit Sommer 1919 vertretenen Rassenantisemitismus mit dem politischen Ziel einer „Entfernung der Juden überhaupt“. Zentralidee war ein Rassenkampf, der die Geschichte der Menschheit bestimme und in dem sich zwangsläufig das „Recht des Stärkeren“ durchsetze.Barbara Zehnpfennig: Hitlers Mein Kampf: eine Interpretation. Fink, München 2000, S. 266. Er verstand die „große[n] unvermischte[n] Bestände an nordisch-germanischen Menschen“ im „deutschen Volkskörper“Adolf Hitler: Mein Kampf. Band 2: Die nationalsozialistische Bewegung. Eher, München 1927, S. 29., womit er sich auf die Rassenideologie Hans F. K. Günthers bezieht,Christian Hartmann u. a.: Hitler, Mein Kampf. Eine kritische Edition. 3. Auflage, Band 2. Institut für Zeitgeschichte, München/Berlin 2016, ISBN 978-3-9814052-3-1, S. 1016, Anm. 44. als die stärkste, zur Weltherrschaft bestimmte Rasse. Als welthistorischen Todfeind der Arier sah Hitler die Juden: Diese strebten ebenfalls die Weltherrschaft an, sodass es zu einem apokalyptischen Endkampf mit ihnen kommen müsse.Hans-Ulrich Wehler: Der Nationalsozialismus: Bewegung, Führerherrschaft, Verbrechen 1919–1945. Beck, München 2009, ISBN 3-406-58486-1, S. 49, . Denn da sie keine eigene Kraft und Nation besäßen, trachteten sie, als „Parasit im Körper anderer Völker“, alle anderen Rassen zu vernichten.Wolfgang Benz: Geschichte des Dritten Reiches. Beck, München 2000, ISBN 3-406-46765-2, S. 130, . Da dieses Streben in ihrer Rasse angelegt sei, könnten die Arier ihre Rasse nur durch Vernichtung der Juden bewahren. Im letzten Kapitel des zweiten Bandes von Mein Kampf schrieb er über deutsche Juden: „Hätte man zu Kriegsbeginn und während des Krieges einmal zwölf- oder fünfzehntausend dieser hebräischen Volksverderber so unter Giftgas gehalten, wie Hunderttausende unserer allerbesten deutschen Arbeiter aus allen Schichten und Berufen es im Felde erdulden mußten, dann wäre das Millionenopfer der Front nicht vergeblich gewesen. Im Gegenteil: Zwölftausend Schurken zur rechten Zeit beseitigt, hätten vielleicht einer Million ordentlicher, für die Zukunft wertvoller Deutschen das Leben gerettet.“Zit. nach Wolfgang Wippermann: Ideologie. In: Wolfgang Benz, Hermann Graml, Hermann Weiss (Hrsg.): Enzyklopädie des Nationalsozialismus. 3. Aufl., Klett-Cotta, Stuttgart 1997, S. 14. Das belegt Hitlers Bereitschaft zum Völkermord.Alexander Meschnig: Der Wille zur Bewegung: Militärischer Traum und totalitäres Programm. Eine Mentalitätsgeschichte vom Ersten Weltkrieg zum Nationalsozialismus. Transcript, 2008, ISBN 3-89942-955-9, S. 166, . Vernichtung „unwerten“ Lebens Aus Hitlers Rassismus folgte seine Ablehnung alles „Schwachen“ als „unwertes“ Leben ohne Lebensrecht: „Der Stärkere hat zu herrschen und sich nicht mit dem Schwächeren zu verschmelzen, um so die eigene Größe zu opfern.“Adolf Hitler: Mein Kampf. Eine Abrechnung. 1925, S. 312; zitiert bei Jasmin Waibl-Stockner: „Die Juden sind unser Unglück“: Antisemitische Verschwörungstheorien und ihre Verankerung in Politik und Gesellschaft. Lit Verlag, Münster 2009, ISBN 3-643-50019-X, S. 133, . Nach außen wertete er die Slawen als „minderwertige Rasse“ ab, die zu Staatenbildung unfähig und darum künftig von höherwertigen Germanen zu beherrschen sei.Othmar Plöckinger: Geschichte eines Buches, München 2011, S. 14, . Nach innen forderte er etwa eine Zwangssterilisation von zeugungsfähigen Erbkranken, Menschenzucht und „Euthanasie“.Horst Möller, Udo Wengst: Einführung in die Zeitgeschichte. Beck, München 2003, ISBN 3-406-50246-6, S. 142, . So sagte er auf dem Nürnberger NSDAP-Parteitag 1929: „Würde Deutschland jährlich eine Million Kinder bekommen und 700.000 bis 800.000 der Schwächsten beseitigt, dann würde am Ende das Ergebnis vielleicht sogar eine Kräftesteigerung sein.“Hans-Walter Schmuhl: Rassenhygiene, Nationalsozialismus, Euthanasie. Von der Verhütung zur Vernichtung „lebensunwerten Lebens“, 1890–1945. 2. Auflage, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1992, ISBN 3-525-35737-0, S. 152. Diese Ideen gehen auf Vertreter der deutschsprachigen Rassenhygiene wie Alfred Ploetz und Wilhelm Schallmayer zurück.Wolfgang Wippermann: Ideologie. In Wolfgang Benz, Hermann Graml, Hermann Weiß (Hrsg.): Enzyklopädie des Nationalsozialismus. Klett-Cotta, Stuttgart 1997, ISBN 3-608-91805-1, S. 11–22; hier: S. 12. Sie betrafen vor allem Menschen mit Behinderungen. Hitlers Vorstellung des „Artfremden“, „Asozialen“ oder „Entarteten“ betraf auch in Mein Kampf ungenannte Gruppen, etwa „Zigeuner“ (gemeint: Roma und Jenische),Wolfgang Wippermann: Auserwählte Opfer? Shoah und Porajmos im Vergleich. Eine Kontroverse. Frank & Timme, 2005, ISBN 3-86596-003-0, S. 26 f. HomosexuelleTill Bastian: Homosexuelle im Dritten Reich. Beck, München 2000, ISBN 3-406-45917-X, S. 25. und christliche Pazifisten wie die Zeugen Jehovas, die Hitler als idealistisch verirrte und darum politisch gefährliche Verweigerer des notwendigen Überlebenskampfs abwertete.Ernst Willi Hansen, Gerhard Schreiber, Bernd Wegner: Politischer Wandel, organisierte Gewalt und nationale Sicherheit: Beiträge zur neueren Geschichte Deutschlands und Frankreichs. Festschrift für Claus-Jürgen Müller. Oldenbourg, München 1995, ISBN 3-486-56063-8, S. 212, . Seit 1933 ermordeten die Nationalsozialisten viele Mitglieder dieser Gruppen. Eroberung von „Lebensraum“ Die programmatische Forderung nach der Eroberung von Lebensraum im Osten zielte auf „Vernichtung des ‚jüdischen Bolschewismus‘“, wie Hitler das System der Sowjetunion nannte,Ian Kershaw: Hitler. 1889–1936. 1998, S. 299. und die „rücksichtslose Germanisierung“ osteuropäischer Gebiete. Gemeint war das Ansiedeln von Deutschen und Vertreiben („Aussiedlung“), Vernichten oder Versklaven insbesondere der slawischen Bevölkerung.Doris Lindner: Schreiben für ein besseres Deutschland. Königshausen & Neumann, 2002, ISBN 3-8260-2257-2, S. 52, ; Susanne Heim (Hrsg.): Autarkie und Ostexpansion. Pflanzenzucht und Agrarforschung im Nationalsozialismus. Wallstein, Göttingen 2002, ISBN 3-89244-496-X, S. 36, . Eine kulturell-sprachliche Assimilation lehnte er als „Bastardisierung“ und letztlich Selbstvernichtung der eigenen Rasse strikt ab.Adolf Hitler: Mein Kampf. 5. Auflage 1940, S. 428; referiert bei Anja Stukenbrock: Sprachnationalismus: Sprachreflexion als Medium kollektiver Identitätsstiftung in Deutschland (1617–1945). Walter de Gruyter, Berlin/New York 2005, ISBN 3-11-018278-5, S. 429, . Damit hatte er, so Kershaw, „eine feste gedankliche Brücke zwischen der ‚Judenvernichtung‘ und einem auf den Erwerb von ‚Lebensraum‘ gerichteten Krieg gegen Rußland hergestellt“.Ian Kershaw: Hitler. 1889–1936. 1998, S. 325. Auf dieser ideologischen Basis sollte Osteuropa bis zum Ural „als Ergänzungs- und Siedlungsraum“ für das nationalsozialistische Deutsche Reich gewaltsam erschlossen werden.Rolf-Dieter Müller: Der Zweite Weltkrieg. Klett-Cotta, Stuttgart 2004, ISBN 3-608-60021-3, S. 109. Hitlers Lebensraumidee knüpfte an Karl Haushofers Theorien zur Geopolitik an und überbot sie, indem er die Eroberung Osteuropas zum primären Kriegsziel der NSDAP und zum Mittel für dauerhafte ökonomische Autarkie und Hegemonie Deutschlands in einem von Grund auf neugeordneten Europa erhob.Birgit Kletzin: Europa aus Rasse und Raum. Lit Verlag, Münster 2000, ISBN 3-8258-4993-7, S. 24, 40, . Führerprinzip Gegen Demokratie, Gewaltenteilung, Parlamentarismus und Pluralismus setzte Hitler ein unbeschränktes Führerprinzip: Alle Autorität in Partei und Staat sollte von einem nicht gewählten, nur per Akklamation bestätigten „Führer des Volkes“ ausgehen. Dieser sollte die ihm untergeordnete Führerebene ernennen, diese wiederum die nächsttiefere Ebene. Die jeweilige „Gefolgschaft“ sollte blind und bedingungslos gehorchen. Diese Führeridee war seit 1800 im modernen Nationalismus entstanden und seit 1900 als Sehnsucht nach einem „Volkskaiser“ oder einem autoritären, kriegerischen Reichskanzler wie Otto von Bismarck im demokratiefeindlichen Lager Allgemeingut geworden. Hitler hatte sie in Linz als Kult um Georg von Schönerer kennengelernt und in Wien die Wirkung antisemitischer Volksreden Karl Luegers erlebt, den er nun als Vorbild eines „Volkstribuns“ hervorhob. Dem Führerprinzip entsprach die paramilitärische Organisation der NSDAP.Adolf Hitler: Mein Kampf. Eine Abrechnung. 1925, S. 107, 116 und 197 f.; dazu Brigitte Hamann: Hitlers Wien. München 1998, S. 409 f. Er reklamierte die Rolle des nationalen Führers ab November 1922 nach Mussolinis erfolgreichem Marsch auf Rom für sich und übernahm den damit verbundenen „Führerkult“ und ein voluntaristisches Politikverständnis aus dem italienischen Faschismus.Kurt Bauer: Nationalsozialismus: Ursprünge, Anfänge, Aufstieg und Fall. UTB, 2008, ISBN 3-8252-3076-7, S. 117, . Demgemäß behauptete er, er habe seine Ideologie in Wien bis 1913 als Autodidakt erworben und dieses „granitene Fundament“ seines Handelns seither kaum verändert.Adolf Hitler: Mein Kampf. Eine Abrechnung. 1925, S. 21; zitiert nach Barbara Zehnpfennig: Hitlers Mein Kampf: eine Interpretation. München 2000, S. 46. Schönerer und Lueger hätten ihm zwar die Augen für die „Judenfrage“ geöffnet und ihn gelehrt, die Juden in allen Varianten als fremdes Volk zu betrachten; aber durch eigenes Forschen habe er die Identität von Marxismus und Judentum erkannt und so seinen instinktiven Hass bis 1909 zu einer „Weltanschauung“ verdichtet.Ian Kershaw: Hitler. 1889 bis 1945. 2009, S. 58 f. Einstellung zu den christlichen Kirchen Hitler blieb trotz Ablehnung der Amtskirchen, die er als Konkurrenz sah und auf ideologischer und organisatorischer Ebene sich unterzuordnen suchte, zeitlebens Mitglied der römisch-katholischen Kirche. Rhetorisch bekannte er sich zu einem persönlichen Gott, den er als „Allmächtigen“ oder „Vorsehung“ bezeichnete und als in der Geschichte wirksame Macht verstand. Er habe das deutsche Volk geschaffen, zur Herrschaft über die Völker bestimmt und Einzelpersonen wie ihn selbst zu seinen Führern auserwählt. Damit übertrug er die biblische Erwählung des Volkes Israel auf das Deutschtum und integrierte sie in das rassistische Weltbild des Nationalsozialismus. Für dieses beanspruchte er in der Politik einzige und totale Geltung.Anton Grabner-Haider, Peter Strasser: Hitlers mythische Religion. Theologische Denklinien und NS-Ideologie. Böhlau, Wien/Köln/Weimar 2007, ISBN 3-205-77703-4, S. 152, ; Christian Dube: Religiöse Sprache in Reden Adolf Hitlers: Analysiert anhand ausgewählter Reden aus den Jahren 1933–1945. 2005, S. 168, . Der Philosoph Hermann Schmitz charakterisiert Hitler in Adolf Hitler in der Geschichte (1999) als antichristlich. Zum Beleg zitiert er u. a. Joseph Goebbels’ Tagebucheintrag vom 8. April 1941: „Der Führer ist ein ganz auf die Antike ausgerichteter Mensch. Er haßt das Christentum, weil es alles edle Menschentum verkrüppelt hat.“Hermann Schmitz: Adolf Hitler in der Geschichte. Bouvier, Bonn 1999, ISBN 3-416-02803-1, S. 325. Gemäß dem NSDAP-Programm, das ein überkonfessionelles „positives Christentum“ gegen den „jüdisch-materialistischen Geist“ im Rahmen des „Sittlichkeits- und Moralgefühls der germanischen Rasse“ bejahte, erklärte Hitler den politischen Antisemitismus zum Willen Gottes und sich zu dessen Vollstrecker: „So glaube ich heute im Sinne des allmächtigen Schöpfers zu handeln: Indem ich mich des Juden erwehre, kämpfe ich für das Werk des Herrn.“ Diesen „Erlösungsantisemitismus“ behielt er bis zu seinem Suizid unverändert bei und hob ihn immer wieder als Kern seines Denkens hervor.Saul Friedländer: Das Dritte Reich und die Juden. Beck, München 2007, ISBN 3-406-56681-2, S. 87–128; Zitat Aus dem Scheitern der „Los-von-Rom“-Bewegung Schönerers folgerte er: Der Nationalsozialismus müsse beide Großkirchen und ihre Lehren als „wertvolle Stützen für den Bestand unseres Volkes“ respektieren, schützen und konfessionelle Parteipolitik bekämpfen. Gläubige Protestanten und Katholiken könnten ohne Gewissenskonflikte in der NSDAP mitwirken. Schönerers Kampf gegen die Kirche habe die Volksseele missachtet und sei taktisch falsch gewesen, ebenso Luegers Judenmission, statt eine Lösung für die „Lebensfrage der Menschheit“ anzustreben.Adolf Hitler: Mein Kampf. Eine Abrechnung. 1925, S. 127 und 131–133; dazu Brigitte Hamann: Hitlers Wien. München 1998, S. 357 und 418. Als Einfluss nach 1918 lobte er nur Gottfried Feder.Elisabeth Kraus: Die Universität München im Dritten Reich: Aufsätze Teil II. Utz, 2008, ISBN 3-8316-0726-5, S. 43, . Einordnung und zeitgenössische Kritik Da Hitler fast alle seine Ideen aus dem Antisemitismus, dem Sozialdarwinismus und pseudowissenschaftlichen Biologismus des 19. und 20. Jahrhunderts übernahm, wird seine Ideologie und sein Aufstieg nicht als Ausnahme, sondern als Bestandteil und Ergebnis dieser Strömungen eingestuft.z. B. von Fritz Fischer: Hitler war kein Betriebsunfall. 4. Auflage, München 1998, S. 174 und 181. So war die Gleichsetzung von Sozialdemokraten, Marxisten und Juden in Österreich-Ungarn bei Christsozialen, Deutschnationalen und böhmischen nationalen Sozialisten seit den 1870er Jahren üblich.Brigitte Hamann: Hitler’s Vienna. The Truth about his formative years. In: Gerhard A. Ritter, Anthony J. Nicholls, Hans Mommsen (Hrsg.): The Third Reich Between Vision and Reality: New Perspectives on German History 1918–1945. 2003, S. 179, . Viele Einzelmotive seiner frühen Vorträge wie das angebliche Nomadentum der Juden und ihre angebliche Unfähigkeit zu Kunst, Kultur und Staatenbildung entnahm Hitler aus vielfach neu aufgelegten Schriften deutscher Antisemiten, die er 1919/20 vom Münchner Nationalsozialisten Friedrich Krohn ausgeliehen haben kann. Darunter waren H. Naudh (Die Juden und der deutsche Staat, 12. Auflage 1891), Eugen Dühring (Die Judenfrage als Frage des Racencharakters, 5. Auflage 1901), Theodor Fritsch (Handbuch zur Judenfrage, 27. Auflage 1910), Houston Stewart Chamberlain (Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts, 1899), Ludwig Wilser (Die Germanen, 1913), Adolf Wahrmund (Das Gesetz des Nomadentums und die heutige Judenherrschaft, München 1919) und die deutsche Übersetzung der Protokolle der Weisen von Zion, die Ludwig Müller von Hausen 1919 veröffentlicht hatte.Reginald H. Phelps (Hrsg.): Hitlers „grundlegende“ Rede über den Antisemitismus. In: VfZ 16/1968, Heft 4, S. 397–399, Fn. 21–34 (PDF; 5,6 MB). Hitler benutzte die „Protokolle“ wie vor ihm FederOthmar Plöckinger: Geschichte eines Buches, München 2011, S. 18, . als Beweis für die angebliche „jüdische Weltverschwörung“.Wolfgang Wippermann: Rassenwahn und Teufelsglaube. Frank & Timme, 2005, ISBN 3-86596-007-3, S. 138, . Um die Nationalsozialisten als unglaubwürdige Heuchler zu entlarven, betonten politische Gegner den Widerspruch von Hitlers Rassenideal zu seinem Aussehen. So zitierte Fritz Gerlich in der katholischen Zeitung Der gerade Weg 1932 ein „Gutachten“ des „Rassenhygienikers“ Max von Gruber von 1923 („Gesicht und Kopf schlechte Rasse, Mischling …“) und kam anhand der Rasse-Kriterien von Hans F. K. Günther zu dem Ergebnis, Hitler gehöre einer „ostisch-mongolischen Rassemischung“ an.Zitiert nach Tobias Ronge: Das Bild des Herrschers in Malerei und Grafik des Nationalsozialismus: Eine Untersuchung zur Ikonografie von Führer- und Funktionärsbildern im Dritten Reich. Lit Verlag, Münster 2011, S. 243, . Gerlich wurde vor allem wegen dieser Kritik 1934 ermordet. Auch Kurt Tucholsky bezeichnete Hitler 1932 als „hergelaufenen Mongolenwenzel“.Kurt Tucholsky (unter dem Pseudonym Ignaz Wrobel): Freier Funk! Freier Film! In: Die Weltbühne, 3. Mai 1932, Nr. 18, S. 660. Die Kritik an Hitlerkult und NS-Ideologie lebte nach 1933 als lebensgefährlicher Flüsterwitz fort: „Blond wie Hitler, groß wie Goebbels, schlank wie Göring und keusch wie Röhm.“Zitiert nach Tobias Ronge: Das Bild des Herrschers in Malerei und Grafik des Nationalsozialismus: Eine Untersuchung zur Ikonografie von Führer- und Funktionärsbildern im Dritten Reich. 2011, S. 242, . Neugründung und erste Erfolge der NSDAP mini|Einladung zu einer Versammlung im Münchner Bürgerbräukeller am 27. Februar 1925, dem Tag der Neugründung der NSDAP Am 4. Januar 1925 versprach Hitler Bayerns Ministerpräsidenten Heinrich Held, er werde nur noch auf legale Weise Politik machen und der Regierung im Kampf gegen den Kommunismus helfen. Daraufhin hob Held das NSDAP-Verbot zum 16. Februar 1925 auf. Mit einem Leitartikel im Völkischen Beobachter kündigte Hitler am 26. Februar die Neugründung der NSDAP unter seiner Führung für den nächsten Tag an. Damit seine Parteizentrale die Aufnahme kontrollieren konnte, mussten alle bisherigen Mitglieder einen neuen Mitgliedsausweis beantragen. Hitler selbst erhielt die Mitgliedsnummer 1.Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/15900893 Zugleich appellierte er an die Einigkeit der völkischen Bewegung im Kampf gegen Judentum und Marxismus, nicht gegen den in Bayern starken Katholizismus. Damit grenzte er sich gegen Ludendorff ab, der den Vorsitz der Nationalsozialistischen Freiheitsbewegung am 12. Februar niedergelegt und so deren Auflösung eingeleitet hatte. Hitler erreichte, dass die während des NSDAP-Verbots entstandenen konkurrierenden Splittergruppen Großdeutsche Volksgemeinschaft, „Deutsche Partei“, „Völkisch-Sozialer Block“ und die Deutschvölkische Freiheitspartei wieder oder neu in die NSDAP eintraten. Die SA ließ er nur noch als Hilfstruppe der NSDAP, nicht mehr als eigenständige paramilitärische Organisation zu, sodass Ernst Röhm ihre Führung abgab.Ian Kershaw: Hitler. 1889–1945. 2009, S. 182 f. Hitler verfügte über einen von Jakob Werlin geliehenen schwarzen Mercedes, einen eigenen Chauffeur und eine Leibgarde, mit der er zu seinen Auftritten fuhr. Er inszenierte diese fortan bis in jedes Detail hinein, indem er den Zeitpunkt seiner Ankunft, sein Betreten des Veranstaltungsraums, der Rednerbühne, seine Kleidung für die beabsichtigte Wirkung auswählte und seine Rhetorik und Mimik einstudierte. Auf Parteiversammlungen trug er eine hellbraune Uniform mit einer Hakenkreuzbinde, einen Gürtel, einen Lederriemen über der rechten Schulter und kniehohe Lederstiefel. Vor einem größeren Publikum trug er einen schwarzen Anzug mit weißem Hemd und Krawatte, „wenn es angemessen erschien, […] einen weniger martialischen, respektableren Hitler vorzuführen“.Ian Kershaw: Hitler. 1889–1936. DVA, Stuttgart 1998, S. 360. Mit seinem oft getragenen blauen Anzug, Regenmantel, Filzhut und Hundepeitsche wirkte er dagegen wie ein „exzentrischer Gangster“. In der Freizeit trug er am liebsten traditionelle bayerische Lederhosen. Im Hochsommer vermied er es, in Badehose gesehen zu werden, um sich nicht der Lächerlichkeit preiszugeben.Ian Kershaw: Hitler. 1889–1936. DVA, Stuttgart 1998, S. 362. Hitler gründete im April 1925 in München mit der Schutzstaffel (SS) eine der Partei unterstehende persönliche „Leib- und Prügelgarde“, die seit dem Reichsparteitag im Jahr 1926 der SA unterstand. Er betrieb erfolgreich zunächst die deutschlandweite Ausdehnung der NSDAP durch Gründung neuer Orts- und Regionalgruppen, für die er „Gauleiter“ ernannte. Regionale Redeverbote behinderten diese Arbeit kaum. Er beauftragte Gregor Strasser im März 1925 mit dem Aufbau der NSDAP in Nord- und Westdeutschland. Strasser bildete dort bis September 1925 einen eigenen Parteiflügel, der gegenüber Hitlers Münchner Parteizentrale stärker sozialistische Ziele, einen sozialrevolutionären Kurs sowie eine außenpolitische Zusammenarbeit mit der Sowjetunion befürwortete. Strassers Entwurf eines neuen Parteiprogramms verlangte eine Bodenreform, die Enteignung von Aktiengesellschaften und auch eine Beteiligung der NSDAP am Volksbegehren zur Fürstenenteignung. Hitler ließ ihn zunächst gewähren, gewann aber Strassers Anhänger Joseph Goebbels als Unterstützer seines Kurses und seiner Führerrolle. Im Februar 1926 setzte er gegen Strassers Flügel die Ablehnung des neuen Programmentwurfs und damit auch von dessen Forderung einer Fürstenenteignung als Form eines „jüdischen Ausbeutungssystem[s]“ durch. Hitler untersagte jede Diskussion über das Parteiprogramm (von 1920).Volker Ullrich: Adolf Hitler. Frankfurt am Main 2013, S. 223. Im Sommer 1926 führte die NSDAP den Hitlergruß ein und machte so den Hitlerkult zu ihrem zentralen Merkmal.Ian Kershaw: Führer und Hitlerkult. In: Wolfgang Benz, Hermann Graml, Hermann Weiß (Hrsg.): Enzyklopädie des Nationalsozialismus. Stuttgart 1998, S. 27. Hitler beherrschte die Partei damals ähnlich wie ab 1933, indem er Streit und Rivalitäten zunächst zuließ und dann die Entscheidung an sich zog. So wurde die persönliche Bindung an den „Führer“ entscheidend für den Einfluss, den ein Funktionär in der Partei hatte, und Hitler wurde in der NSDAP fast unangreifbar.Ian Kershaw: Hitler. 1889–1936. Stuttgart 1998, S. 379 f. mini|Hitler posiert als Redner im Atelier seines Fotografen Heinrich Hoffmann. Propagandapostkarte, August 1927 Seit seinem Legalitätsversprechen wollte Hitler die Demokratie mit ihren eigenen Waffen schlagen und untergraben. Die NSDAP sollte in die Parlamente einziehen, ohne dort konstruktiv mitzuarbeiten. Zudem sollte die SA mit spektakulären Aufmärschen, Straßenschlachten und Krawallen öffentliche Beachtung der Partei und ihres Führers erzeugen und zugleich die Schwäche des demokratischen Systems offenbaren. Dazu bediente sich die NSDAP der damals völlig neuen Methoden der Werbung und Massenbeeinflussung (→ NS-Propaganda). Grundlegend für deren Erfolg war Hitlers massenwirksame Rhetorik. Er griff tagespolitische Themen auf, um regelmäßig und gezielt von der „Schuld der Novemberverbrecher von 1918“, ihrem „Dolchstoß“, der „bolschewistischen Gefahr“, der „Schmach von Versailles“, dem „parlamentarischen Wahnsinn“ und der Wurzel allen Übels zu reden: „den Juden“. Mit seiner Ruhrkampagne und der Broschüre Der Weg zum Wiederaufstieg versuchte er, die Unterstützung der Ruhrindustrie zu gewinnen. Bei der Reichstagswahl 1928 blieb die NSDAP mit 2,6 Prozent der Stimmen jedoch „eine unbedeutende, wenn auch lautstarke Splitterpartei“.Hagen Schulze: Weimar. Deutschland 1917–1933. Btb, Berlin 1982, S. 334. Die stabilisierten wirtschaftlichen Verhältnisse und der anhaltende Wirtschaftsaufschwung („Goldene Zwanziger“) boten radikalen Parteien bis 1929 kaum Ansätze für ihre Agitation. Der 1929 von NSDAP und DNVP gemeinsam initiierte Volksentscheid gegen den Young-Plan, der die offenen Reparationsfragen zwischen Deutschland und seinen ehemaligen Kriegsgegnern regeln sollte, scheiterte zwar. Aber Hitler und seine Partei erhielten bei den Landtagswahlen in Thüringen im Herbst 1929 erstmals erhebliche Zustimmung im nationalistisch-konservativen Bürgertum. Auch das Presseimperium des DNVP-Vorsitzenden Alfred Hugenberg unterstützte Hitler fortan, weil er in ihm und der NSDAP lenkbare Mittel sah, den deutschnationalen Kräften zu einer Massenbasis zu verhelfen. mini|Führertagung der NSDAP in Bad Elster, 22. Juni 1930. Von links nach rechts, erste Reihe: Heinrich Himmler, Wilhelm Frick, Adolf Hitler, Franz von Epp und Hermann Göring; zweite Reihe: Martin Mutschmann, Joseph Goebbels und Julius Schaub; dritte Reihe: Karl Fritsch Infolge der Weltwirtschaftskrise zerbrach in Deutschland am 27. März 1930 die Weimarer Koalition. Dem Reichskanzler Hermann Müller (SPD), der noch eine demokratisch gesinnte Reichstagsmehrheit hatte, und dem ersten Präsidialkabinett von Heinrich Brüning (Zentrum) folgte die Reichstagswahl 1930: Dabei steigerte die NSDAP ihren Stimmenanteil auf 18,3 Prozent und ihre Reichstagssitze von 12 auf 107 Abgeordnete. Damit war sie als zweitstärkste Partei ein relevanter Machtfaktor in der deutschen Politik geworden. Im Ulmer Reichswehrprozess schwor Hitler als Zeuge der Verteidigung am 25. September 1930, er werde seine „ideellen Ziele unter keinen Umständen mit ungesetzlichen Mitteln erstreben“ und Parteigenossen, die sich nicht an diese Vorgabe hielten, ausschließen. Dann drohte er: „Wenn unsere Bewegung in ihrem legalen Kampf siegt, wird ein deutscher Staatsgerichtshof kommen; und der November 1918 wird seine Sühne finden, und es werden Köpfe rollen.“Gerhard Schulz: Aufstieg des Nationalsozialismus. Krise und Revolution in Deutschland. Propyläen, Frankfurt am Main, Berlin, Wien 1975, S. 596 f. Bei einer Zeugenvernehmung deckte Rechtsanwalt Hans Litten 1931 auf, dass Hitler weiterhin NS-Propaganda für einen gewaltsamen Umsturz zugelassen und somit seinen Legalitätseid gebrochen hatte. Hitler wurde wegen Meineides angezeigt.Knut Bergbauer, Sabine Fröhlich, Stefanie Schüler-Springorum: Denkmalsfigur: Biographische Annäherung an Hans Litten 1903–1938. Wallstein, 2008, ISBN 3-8353-0268-X, S. 149, . Obwohl genügend Beweise vorlagen, um ihn auszuweisen, wurde das Verfahren verschleppt und eingestellt.Klaus Wallbaum: Der Überläufer: Rudolf Diels (1900–1957) – der erste Gestapo-Chef des Hitler-Regimes. Peter Lang, 2009, ISBN 3-631-59818-1, S. 77, . Währenddessen versuchte Kanzler Brüning, Hitler zur Zusammenarbeit zu bewegen und bot ihm eine Regierungsbeteiligung an, sobald er, Brüning, die Reparationsfrage gelöst habe. Hitler lehnte ab, sodass Brüning sein Minderheitskabinett von der SPD tolerieren lassen musste.Philipp Heyde: Das Ende der Reparationen. Deutschland, Frankreich und der Youngplan 1929–1932. Schöningh, Paderborn 1998, S. 109–111. Weg zur Kanzlerschaft mini|hochkant=1.6|Kandidatenplakate vor einem Berliner Wahllokal am zweiten Wahltag, dem 10. April 1932: Hindenburg, Hitler, Thälmann, noch einmal Thälmann, Hindenburg und Hitler Seit 1931 wurde Reichspräsident Hindenburg von Unterschriftenlisten und Eingaben für Hitlers Reichskanzlerschaft „geradezu überschwemmt“.Gerhard Schulz: Zwischen Demokratie und Diktatur. Verfassungspolitik und Reichsreform in der Weimarer Republik. Band 3: Von Brüning zu Hitler. Walter de Gruyter, Berlin 1992, ISBN 3-11-013525-6, S. 1018, . Er lud Hitler und Hermann Göring zu einem ersten Gespräch am 10. Oktober 1931 ein, dem Vortag des Treffens der „Harzburger Front“. Laut Hitlerbiograf Konrad Heiden hielt Hitler dabei Monologe, statt Hindenburgs Fragen zu beantworten. Dieser soll daraufhin zu Kurt von Schleicher gesagt haben, der „böhmische Gefreite“ (Hindenburg verwechselte hier vermutlich das österreichische Braunau mit der gleichnamigen böhmischen Stadt, tschechisch Broumov, die er 1866 als Leutnant auf dem Weg zur Schlacht bei Königgrätz kennengelernt hatte)Heinrich Drimmel: Gott erhalte. Biographie einer Epoche. 2. Auflage, Amalthea, Wien/München 1977, ISBN 3-85002-072-X, S. 392. könne „höchstens Postminister“ werden.Konrad Heiden: Adolf Hitler. Das Zeitalter der Verantwortungslosigkeit. Eine Biographie. Europa, Zürich 1936, S. 288. Hitler beeindruckte ihn zwar, überzeugte ihn dennoch nicht von seiner Eignung für das Kanzleramt.Wolfram Pyta: Hindenburg. Herrschaft zwischen Hohenzollern und Hitler. Siedler, München 2009, S. 636 f. Im Krisenjahr 1932 wirkten die konservativen Politiker Franz von Papen, Kurt von Schleicher, Alfred Hugenberg und Oskar von Hindenburg mit verschiedenen persönlichen Zielen teils mit-, teils gegeneinander auf Hindenburg ein. Sie alle wollten die Weimarer Demokratie durch eine autoritäre Staatsform ersetzen und lehnten Hitler und seine Partei zunächst als „plebejisch“ ab. Weil sie kaum Rückhalt in der Bevölkerung erhielten, betrachteten und förderten sie die NSDAP oder einen ihrer Flügel zunehmend als die für ihre Vorhaben benötigte Massenbasis und setzten sich bei Hindenburg für deren Machtbeteiligung ein. mini|2. Wahlgang zum Reichspräsidenten, 10. April 1932 Um bei der Reichspräsidentenwahl März/April 1932 gegen Hindenburg antreten zu können, musste Hitler, der seit dem 30. April 1925 Staatenloser war,Othmar Plöckinger: Geschichte eines Buches, München 2011, S. 74. nach § 1 Reichs- und Staatsangehörigkeitsgesetz Staatsangehöriger eines Bundesstaates und somit Deutscher werden (siehe Einbürgerung Adolf Hitlers Februar 1932). Als wegen Hochverrats Vorbestrafter strebte er die nach § 14 Reichs- und Staatsangehörigkeitsgesetz mögliche „Anstellung im unmittelbaren oder mittelbaren Staatsdienst“ an, die „für einen Ausländer als Einbürgerung […]“ galt, um die zu erwartenden Bedenken eines Bundesstaats gegen seine Einbürgerung zu umgehen. Nach mehreren erfolglosen Anläufen berief ihn der Innenminister im Freistaat Braunschweig Dietrich Klagges (NSDAP) drei Tage nach Bekanntgabe seiner Kandidatur zum Braunschweiger Regierungsrat.Ingo von Münch: Die deutsche Staatsangehörigkeit. Vergangenheit – Gegenwart – Zukunft. Walter de Gruyter, Berlin 2007, ISBN 978-3-89949-433-4, S. 43 (). Hitler trat seinen vorgesehenen Dienst aber nie an, sondern erhielt sofort Urlaub für den Wahlkampf und beantragte später unbefristeten Urlaub für seine künftigen „politischen Kämpfe“. Er wurde erst als Reichskanzler am 16. Februar 1933 aus dem braunschweigischen Staatsdienst entlassen.Rudolf Morsey: Hitler als Braunschweigischer Regierungsrat. In: VfZ 8/1960, Heft 4, S. 419–448 (PDF; 1,4 MB). Hindenburg wurde im zweiten Wahlgang am 10. April mit 53 % der Stimmen wiedergewählt, Hitler bekam hingegen nur 36,8 % der abgegebenen Stimmen. Viele SPD-Wähler hatten auf Rat Brünings für Hindenburg als „kleineres Übel“ gestimmt, um Hitlers Sieg und damit das Ende der Weimarer Demokratie zu verhindern. Der wiedergewählte Hindenburg entließ Brüning jedoch am 29. Mai, ernannte Franz von Papen zum neuen Reichskanzler und löste den Reichstag auf.Heinrich August Winkler: Der lange Weg nach Westen, Bd. 1. Beck, München 2012, S. 504, . Die NSDAP nutzte alle für 1932 vorgesehenen Landes- und Reichswahlen zu ständiger Agitation. Hitler engagierte den Opernsänger Paul Devrient als Stimmtrainer und WahlkampfbegleiterWerner Maser (Hrsg.): Paul Devrient. Mein Schüler Adolf Hitler. Das Tagebuch seines Lehrers. Universitas, Tübingen 2003, ISBN 3-8004-1450-3. und ließ sich von April bis November 1932 zu 148 Großkundgebungen einfliegen, die durchschnittlich 20.000 bis 30.000 Menschen besuchten. Die NS-Propaganda inszenierte ihn dabei als über den sozialen Klassen stehenden Heilsbringer („Hitler über Deutschland“) einer Bewegung. Er wurde in der Bevölkerung bekannter als jeder andere Kandidat vor ihm. Bei provokativen NSDAP-Aufmärschen starben in diesem Wahlkampf Dutzende Menschen gewaltsam. Der „Altonaer Blutsonntag“ (17. Juli) etwa bot Papens Regierung den Anlass, die verfassungsgemäß geschäftsführend amtierende Landesregierung Preußens durch eine Notverordnung abzusetzen (Preußenschlag, 20. Juli).Michael Wildt: Geschichte des Nationalsozialismus. UTB, Stuttgart 2007, ISBN 3-8252-2914-9, S. 57, . Bei der Reichstagswahl vom Juli 1932 wurde die NSDAP mit 37,3 % stärkste Partei. Hitler beanspruchte das Kanzleramt. Schon in der zweiten Reichstagssitzung am 12. September löste Hindenburg den Reichstag auf Vorschlag Papens auf, da zu erwarten war, dass der Reichstag die Notverordnungen vom 4. und 5. September 1932, die erhebliche sozialpolitische Einschnitte enthielten, aufheben würde. Bei der Reichstagswahl im November 1932 wurde die NSDAP trotz Stimmenverlusten mit 33,1 % erneut stärkste Partei; die KPD gewann Sitze dazu, sodass die demokratischen Parteien keine parlamentarische Mehrheit mehr stellen konnten. Daraufhin trat Papen zurück und schlug Hindenburg vor, ihn per Notverordnung zum Diktator zu ernennen. „Nationalkonservative Kräfte in Wirtschaft, Militär und Bürokratie“ strebten die „autoritäre (monarchistische) Umgestaltung des Staates“, die „dauerhafte Ausschaltung von KPD, SPD und Gewerkschaften“, den „Abbau der steuerlichen und sozialstaatlichen Belastungen der Wirtschaft“, die „schnelle Überwindung des Versailler Vertrages“ und die „Aufrüstung“ an. Sie glaubten, ihre Ziele nur gestützt auf die nationalsozialistische Massenbewegung erreichen zu können. Für sie unerwünschte Teile von Hitlers Programm (Führerdiktatur statt Monarchie, Berücksichtigung von Arbeiterinteressen) wollten diese Eliten durch die „Einrahmung“ Hitlers und die „Zähmung“ seiner Politik abschwächen. Dazu erschien ihnen Papen als geeigneter Bündnispartner, da er „nach wie vor das volle Vertrauen Hindenburgs besaß und als Einziger in der Lage war, dessen Misstrauen gegenüber Hitler zu zerstreuen“. Die meisten Industriellen lehnten eine Kanzlerschaft Hitlers aber weiterhin ab.Reinhard Neebe: Großindustrie, Staat und NSDAP 1930–1933. Paul Silverberg und der Reichsverband der Deutschen Industrie in der Krise der Weimarer Republik (= Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft. Band 45). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1981 (PDF; 6,9 MB), S. 201 f.; Henry Ashby Turner: Die Großunternehmer und der Aufstieg Hitlers. Siedler Verlag, Berlin 1985, S. 365 f. Die lange verbreitete Vorstellung, Hitler wäre dank der Finanzierung durch die Großindustrie an die Macht gekommen, gilt heute als „Legende“Eberhard Kolb, Dirk Schumann: Die Weimarer Republik (= Oldenbourg Grundriss der Geschichte 16). 8. Auflage, Oldenbourg, München 2013, S. 275 f. bzw. als „Mythos“.Thomas Mergel: Dictatorship and Democracy, 1918–1939. In: Helmut Walser Smith (Hrsg.): The Oxford Handbook of Modern German History. Oxford University Press, Oxford 2011, S. 423–452, hier S. 434 mit Anm. 27. Hitler hatte Kapitalismuskritik in der NSDAP früh dem Antisemitismus untergeordnet, wonach nur die Juden ökonomisches Elend verschuldet hätten. Hitlers Rede vor dem Industrie-Club Düsseldorf lobte Anfang 1932 die Rolle der Wirtschaftseliten und betonte gegen die Wähler der Linksparteien: Das deutsche Volk könne nicht überleben, solange es zur Hälfte „Eigentum als Diebstahl“ betrachte. Nachdem Hitler bis Ende 1932 gute Beziehungen zu Unternehmerkreisen gewonnen und deren Bedenken gegen das NS-Wirtschaftsprogramm weitgehend ausgeräumt hatte, unterstützte die Großindustrie den Aufstieg der NSDAP in der Arbeitsstelle Schacht oder der Wirtschaftspolitischen Abteilung der NSDAP, vor allem durch „Wirtschaftsvertreter aus dem zweiten und dritten Glied der Eisen- und Stahlindustrie“Hans-Ulrich Thamer: Verführung und Gewalt. Deutschland 1933–1945. Berlin 1994, S. 211. und spätere Arisierungsgewinnler, aber auch Bankiers und Großagrarier: Diese versuchten, eine künftige NS-Wirtschaftspolitik „mit dem Gedeihen privater Wirtschaft in Einklang zu bringen“, damit „Industrie und Handel mitmachen können“.Schreiben Hjalmar Schachts an Hitler vom 12. April 1932 und an Paul Reusch vom 18. März 1932; beide zitiert nach Dirk Stegmann: Zum Verhältnis von Großindustrie und Nationalsozialismus 1930–1933. Ein Beitrag zur Geschichte der sog. Machtergreifung. (PDF; 21,4 MB) In: Archiv für Sozialgeschichte 13, 1973, S. 399–482, Zitate S. 449–451. Um das Risiko eines Bürgerkriegs und einer möglichen Niederlage der Reichswehr gegen die paramilitärischen Kräfte von SA und KPD zu vermeiden, ernannte Hindenburg Kurt von Schleicher am 3. Dezember zum Reichskanzler. Dieser war unter Papen Reichswehrminister geworden und vertrat scheinbar einen arbeiterfreundlicheren Kurs.Gerhard Schulz: Von Brüning zu Hitler. Der Wandel des politischen Systems in Deutschland 1930–1933. Walter de Gruyter, Berlin 1992, ISBN 3-11-013525-6, S. 1028 f. Schleicher versuchte, die NSDAP durch eine Querfront-Strategie zu spalten:Axel Schildt: Das Kabinett Kurt von Schleicher. In: Everhard Holtmann (Hrsg.): Die Weimarer Republik. Band 3: Das Ende der Demokratie. 1929–1933. München 1995, S. 403–413 (, PDF; 1,05 MB). Gregor Strasser war bereit, auf Schleichers Vorschlag einer Regierungsbeteiligung einzugehen, Vizekanzler zu werden und damit Hitler zu übergehen, was in der NSDAP die Strasser-Krise auslöste. Doch Hitler setzte seine Führungsrolle in der NSDAP und seinen Anspruch auf das Kanzleramt im Dezember 1932 unter Tränen und Drohungen, sich umzubringen, durch.Joachim Fest: Hitler, 2007, S. 256. Damit waren Hindenburgs konservative Berater mit dem Versuch, die NSDAP an der Regierung zu beteiligen, ohne Hitler das Kanzleramt zuzugestehen, gescheitert. Das Treffen Papens mit Hitler im Haus des Bankiers Schröder am 4. Januar 1933 gilt als „Geburtsstunde des Dritten Reiches“, die „eine unmittelbare kausale Geschehensfolge bis zum 30. Januar“ einleitete:Joachim Fest: Hitler, 2007, S. 497. Indem Hitler Papen die Vizekanzlerschaft, die Besetzung der klassischen Ministerien mit Deutschnationalen und das Recht anbot, bei allen Vorträgen des Kanzlers beim Reichspräsidenten zugegen zu sein, erlangte er dessen Zustimmung.Karl Dietrich Bracher, Gerhard Schulz, Wolfgang Sauer: Die nationalsozialistische Machtergreifung: Studien zur Errichtung des totalitären Herrschaftssystems in Deutschland 1933/34. 2. Auflage, Westdeutscher Verlag, Berlin 1962, S. 408. Papen und Hugenberg glaubten weiter, einen Reichskanzler Hitler in einer von konservativen Ministern dominierten Regierung „einrahmen“ und „zähmen“ zu können.Günther Schulz: Geschäft mit Wort und Meinung: Medienunternehmer seit dem 18. Jahrhundert. Büdinger Forschungen zur Sozialgeschichte 1996 und 1997. Oldenbourg, 1999, ISBN 3-486-56370-X, S. 122, . Ihr Bündnis mit Hitler isolierte Schleichers Regierung, die der nationalsozialistisch geführte Reichslandbund im Schutzzollkonflikt zwischen Landwirtschaft und Exportindustrie zusätzlich unter Druck setzte.Axel Schildt: Das Kabinett Kurt von Schleicher. In: Everhard Holtmann (Hrsg.): Die Weimarer Republik. Band 3: Das Ende der Demokratie. 1929–1933. München 1995, S. 415. Die NSDAP wurde bei der Landtagswahl in Lippe 1933 (15. Januar) mit 39,5 % der Stimmen (bei 100.000 Wahlberechtigten) stärkste Partei und sah damit ihren Führungsanspruch bestärkt.Axel Schildt: Das Kabinett Kurt von Schleicher. In: Everhard Holtmann (Hrsg.): Die Weimarer Republik. Band 3: Das Ende der Demokratie. 1929–1933. München 1995, S. 416 (, PDF; 1,05 MB). Als der Missbrauch der Osthilfe Hindenburgs Ruf bedrohte, setzte sich dessen Freund Elard von Oldenburg-Januschau persönlich für Hitlers Kanzlerschaft ein, von dessen Kabinett er die Vertuschung des Skandals erwartete. Zudem gewann Hitler am 22. Januar Oskar von Hindenburg mit Drohungen und Angeboten als Unterstützer. Dies beseitigte letzte Vorbehalte des Reichspräsidenten gegen seine Ernennung.Karl-Dietrich Bracher: Die Auflösung der Weimarer Republik. Eine Studie zum Problem des Machtverfalls in der Demokratie. Athenäum/Droste, Königstein/Düsseldorf 1978, ISBN 3-7610-7216-3, S. 619. Als General Werner von Blomberg mit dem Versprechen, neuer Reichswehrminister zu werden, für Hitlers Regierung gewonnen wurde, verlor Schleicher die geschlossene Unterstützung der Reichswehr und war völlig isoliert und handlungsunfähig.Axel Schildt: Das Kabinett Kurt von Schleicher. In: Everhard Holtmann (Hrsg.): Die Weimarer Republik. Band 3: Das Ende der Demokratie. 1929–1933. München 1995, S. 417. Als Hindenburg seine Bitte um Neuwahlen ablehnte, trat er am 28. Januar 1933 zurück. Hitler, Papen und Hugenberg hatten sich inzwischen auf ein Kabinett geeinigt. Das ermöglichte Hitlers Ernennung zum Reichskanzler.Wolfram Pyta: Die Weimarer Republik. Verlag für Sozialwissenschaften, 2004, ISBN 3-8100-4173-4, S. 154, . Herrschaft vor dem Zweiten Weltkrieg (1933–1939) Errichtung der Diktatur mini|Das Kabinett Hitler: die Nationalsozialisten Hitler, Göring und Frick (2. Reihe, 4. von links), „eingerahmt“ von konservativen Ministern, in der Alten Reichskanzlei, 30. Januar 1933 mini|Reichspräsident von Hindenburg und Reichskanzler Adolf Hitler am Tag von Potsdam, 21. März 1933 mini|Hitler in Parteiuniform, 1933 mini|Wahlwerbung zur Volksabstimmung über das Staatsoberhaupt des Deutschen Reichs am 19. August 1934 Am 30. Januar 1933 ernannte Hindenburg verfassungswidrig zunächst Blomberg zum neuen Reichswehrminister, da die NSDAP in Berlin Putschgerüchte gestreut hatte.Axel Schildt: Das Kabinett Kurt von Schleicher. In: Everhard Holtmann (Hrsg.): Die Weimarer Republik. Band 3: Das Ende der Demokratie. 1929–1933. München 1995, S. 418. Erst danach vereidigte er Hitler und das übrige Kabinett und erlaubte ihm die geforderte Auflösung des Reichstags, um Neuwahlen zu ermöglichen. So wollte Hindenburg die politische Einigung der Rechtsparteien in einer von Deutschnationalen dominierten Koalitionsregierung erreichen. Demgemäß gehörten fast alle Minister im Kabinett Hitler zur DNVP. Vertreter der NSDAP waren außer Hitler nur Wilhelm Frick, der mit dem Reichsministerium des Innern ein Schlüsselressort innehatte, und ohne Geschäftsbereich Göring, der jetzt als „Reichskommissar für das preußische Innenministerium“ die Polizei im größten deutschen Staat kontrollierte. Damit konnte die NSDAP die Innenpolitik in Deutschland bestimmen.Richard J. Evans: The Coming of the Third Reich. Penguin Group, 2003, ISBN 978-0-14-303469-8, S. 316. Hitler soll schon beim Einzug in die Alte Reichskanzlei gesagt haben: „Keine Macht der Welt wird mich jemals wieder lebend hier herausbringen.“Wolfgang Niess: Machtergreifung 33. Poller, 1982, ISBN 3-87959-185-7, S. 68. Bereits vor den Neuwahlen schränkte die Regierung Hitler durch die Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutze des Deutschen Volkes Grundrechte ein, bis der Reichstagsbrand vom 27. Februar als angebliches Startzeichen zu einem kommunistischen Aufstand ihr den Vorwand zur Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat (Reichstagsbrandverordnung) gab. Die auf Hitlers Initiative von Frick verfasste und vom Kabinett einstimmig beschlossene Verordnung schaffte Grundrechte wie die Versammlungsfreiheit, Pressefreiheit und das Briefgeheimnis ab und ermöglichte die Verhaftung politischer Gegner. Sie begründete für die gesamte Zeit des Nationalsozialismus bis 1945 den Ausnahmezustand. Sie gilt daher als eigentliche „Verfassungsurkunde des Dritten Reiches“.Michael P. Hensle: Die Verrechtlichung des Unrechts. Der legalistische Rahmen der nationalsozialistischen Verfolgung. In: Wolfgang Benz, Barbara Distel (Hrsg.): Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Band 1: Die Organisation des Terrors. Beck, München 2005, ISBN 3-406-52961-5, S. 76–91, S. 78. Im folgenden Wahlkampf ließ Hitlers Regime viele Gegner, vor allem Kommunisten, einschüchtern, verhaften oder ermorden. Dennoch verfehlten NSDAP und DNVP bei der Reichstagswahl am 5. März die für Verfassungsänderungen notwendige Zweidrittelmehrheit. Hitler kandidierte im Wahlkreis 24 (Oberbayern-Schwaben) und wurde Mitglied des Reichstages.Joachim Lilla: Statisten in Uniform. Die Mitglieder des Reichstags 1933–1945. Ein biographisches Handbuch. Unter Einbeziehung der völkischen und nationalsozialistischen Reichstagsabgeordneten ab Mai 1924. Unter Mitarbeit von Martin Döring und Andreas Schulz. Droste, Düsseldorf 2004, ISBN 3-7700-5254-4, S. 251, Nr. 433. Am Tag von Potsdam, der Reichstagseröffnung am 21. März, inszenierten NSDAP und Deutschnationale ihre Einigung unter der Leitfigur Hindenburg. Am 23. März 1933 beschloss der Reichstag nach Annullierung der KPD-Mandate aufgrund der Reichstagsbrandverordnung mit den Stimmen der bürgerlichen Parteien das verfassungsändernde Ermächtigungsgesetz. Es erlaubte dem Regime für zunächst vier Jahre, Gesetze künftig direkt zu erlassen. Damit verzichtete der Reichstag auf seine Rolle als Gesetzgeber (Legislative), überließ diese der Regierung (Exekutive) und entmachtete den Reichspräsidenten. Das ermöglichte Hitlers Diktatur und die Gleichschaltung von Staat und Gesellschaft.Jörg Biesemann: Das Ermächtigungsgesetz als Grundlage der Gesetzgebung im nationalsozialistischen Staat: ein Beitrag zur Stellung des Gesetzes in der Verfassungsgeschichte 1919–1945. Lit Verlag, Münster 1985, ISBN 3-88660-220-6, S. 299. Das NS-Regime zerschlug am 2. Mai, nach den Maifeiern des Vortags, die freien Gewerkschaften und gründete stattdessen am 10. Mai die Deutsche Arbeitsfront. Am 22. Juni wurde die SPD verboten, deren Abgeordnete als einzige gegen das Ermächtigungsgesetz gestimmt hatten, und bis zum 5. Juli die Selbstauflösung der übrigen Parteien verfügt. Am 1. Dezember 1933 wurde die NSDAP mit dem Gesetz zur Sicherung der Einheit von Partei und Staat zur einzigen Staatspartei. In diesem Prozess wirkten „Druck von ‚unten‘“ und Hitlers „persönliche Initiative“ zusammen.Ian Kershaw: Hitler. 1889–1936. Stuttgart 1998, S. 593 f. Am 30. Juni 1934 und an den folgenden Tagen wurden auf Hitlers Befehl unter dem Vorwand eines angeblichen von Ernst Röhm geplanten Putsches („Röhm-Putsch“) unter maßgeblicher Beteiligung der Leibstandarte SS Adolf Hitler 150 bis 200 Führungskräfte der SA ermordet. Hitlers Kabinett legalisierte die Morde am 3. Juli 1934 mit dem StaatsnotwehrgesetzGesetz über Maßnahmen der Staatsnotwehr vom 3. Juli 1934 (RGBl. I S. 529). als „Niederschlagung hoch- und landesverräterischer Angriffe“.Lothar Gruchmann: Justiz im Dritten Reich 1933–1940: Anpassung und Unterwerfung in der Ära Gürtner. Oldenbourg, München 2002, ISBN 3-486-53833-0, S. 450, ; Gesetzestext. Am 13. Juli 1934 versprach Hitler der Reichswehr erneut, sie bleibe die einzige Waffenträgerin des Staates. Am 1. August 1934, als der Tod Hindenburgs absehbar wurde, vereinigte das Kabinett dessen Reichspräsidentenamt per Gesetzesbeschluss mit dem Kanzleramt und übertrug „die bisherigen Befugnisse des Reichspräsidenten auf den Führer und Reichskanzler Adolf Hitler“. Am selben Tag gab Blomberg, ohne von Hitler dazu aufgefordert zu sein, bekannt, nach dem Ableben Hindenburgs die Soldaten der Wehrmacht auf den neuen Oberbefehlshaber vereidigen zu lassen.Volker Ullrich: Adolf Hitler. Frankfurt am Main 2013, S. 525; Heinrich August Winkler: Geschichte des Westens. Die Zeit der Weltkriege 1914–1945. Beck, München 2011, S. 702. Bisher waren alle Soldaten auf die Weimarer Verfassung vereidigt worden. Am 2. August, Hindenburgs Todestag, ordnete ein Führererlass an, Hitler künftig „im amtlichen und außeramtlichen Verkehr wie bisher“ mit diesem Doppeltitel anzureden, da der Titel „Reichspräsident“ mit Hindenburgs Namen „unzertrennlich verbunden“ sei.Frank Bajohr: Gesetz über das Staatsoberhaupt des Deutschen Reichs und Erlaß des Reichskanzlers zum Vollzug des Gesetzes über das Staatsoberhaupt des Deutschen Reichs vom 1. August 1934, 1. und 2. August 1934. Zusammenfassung (PDF; 17 kB), abgerufen am 22. Mai 2013; Cornelia Schmitz-Berning: Vokabular des Nationalsozialismus. Walter de Gruyter, Berlin 2007, ISBN 3-11-092864-7, S. 242, . Seitdem führte Hitler den Titel Führer und Reichskanzler.Ian Kershaw: Führer und Hitlerkult. In: Wolfgang Benz, Hermann Graml und Hermann Weiß (Hrsg.): Enzyklopädie des Nationalsozialismus. Klett-Cotta, Stuttgart 1997, S. 28; Cornelia Schmitz-Berning: Vokabular des Nationalsozialismus. Walter de Gruyter, Berlin/New York 2007, ISBN 978-3-11-092864-8, S. 241 (abgerufen über De Gruyter Online); Jörg Echternkamp: Das Dritte Reich. Diktatur, Volksgemeinschaft, Krieg (= Oldenbourg Grundriss der Geschichte, Bd. 45). Oldenbourg, München 2018, ISBN 3-486-59200-9, S. 24 (abgerufen über De Gruyter Online). Die Ämtervereinigung bejahten am 19. August in der Volksabstimmung über das Staatsoberhaupt des Deutschen Reichs 89,9 Prozent derer, die gültige Stimmen abgegeben hatten. Dennoch enttäuschte das Abstimmungsergebnis die NS-Führung, weil es in ihren Augen zu wenig beeindruckend ausgefallen war.Ian Kershaw: Hitler. 1889–1936. DVA, Stuttgart 1998, S. 661. Kabinettssitzungen verloren zunehmend an Bedeutung. 1935 kamen die Minister zwölfmal, 1937 sechsmal, am 5. Februar 1938 letztmals zusammen.Ian Kershaw: Hitler. 1889–1936. Stuttgart 1998, S. 670. Bis 1935 hielt sich Hitler an einen einigermaßen geordneten Tagesablauf in der Alten Reichskanzlei: vormittags, ab 10 Uhr, Besprechungen mit Hans Heinrich Lammers, Otto Meissner, Walther Funk und verschiedenen Ministern, Mittagessen um 13 oder 14 Uhr, nachmittags Besprechungen mit militärischen oder außenpolitischen Beratern oder bevorzugt mit Albert Speer über Baupläne. Allmählich wich Hitler von diesem festen Tagesablauf ab und pflegte wieder seinen früheren Bohème-Lebensstil. So erschwerte er seinen Adjutanten, von ihm als Staatsoberhaupt Entscheidungen zu erhalten. Die Minister (außer Goebbels und Speer) erhielten keinen Zugang mehr zu Hitler, falls sie keinen guten Kontakt zu dessen Adjutanten besaßen, die so große informelle Macht erlangten.Ian Kershaw: Hitler. 1889–1936. Stuttgart 1998, S. 671. Ausweitung des Hitlerkults mini|Propagandastücke im Militärhistorischen Museum der Bundeswehr in Dresden 1933 wurde der Hitlerkult zum Massenphänomen, bei dem Erwartungen der Bevölkerung und NS-Propaganda zusammenwirkten.Ian Kershaw: Der Hitler-Mythos. Volksmeinung und Propaganda im Dritten Reich. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1980, ISBN 3-421-01985-1, S. 16 und 22. Hitlers Herrschaft war von Beginn an „extrem personalisiert“: Er hatte kein Politbüro wie Josef Stalin, keinen Kriegsrat und keinen Großrat wie Mussolini.Ian Kershaw: Das Ende. Kampf bis in den Untergang NS-Deutschlands 1944/45. DVA, München 2011, S. 33. Er ließ keinen Länderrat oder Parteisenat als Gegengewicht zu und ersetzte das Kabinett nicht, nachdem es nicht mehr zusammengetreten war. Der Hitlergruß wurde 1933 für Beamte zur Pflicht gemacht und von großen Bevölkerungsteilen freiwillig übernommen. Hitlers Politik stieß in weiten Teilen der Bevölkerung auf wachsende Zustimmung. Die realen oder scheinbaren Erfolge des Regimes – Beseitigung der Massenarbeitslosigkeit, Überwindung des Versailler Vertrags und die innenpolitische Konsolidierung sowie später die zunächst spektakulären Siege zu Beginn des Zweiten Weltkriegs – schrieb die NS-Propaganda Hitler allein zu. Dadurch dehnte sie den Führerkult vom Parteimerkmal zu einem nationalen Kult aus und stärkte Hitlers Position gegenüber den konservativen Eliten und dem Ausland.Hans-Ulrich Wehler: Deutsche Gesellschaftsgeschichte. Band 4: Vom Beginn des Ersten Weltkrieges bis zur Gründung der beiden deutschen Staaten 1914–1949. Beck, München 2003, S. 675, 866 f.; Frank Bajohr: Vom antijüdischen Konsens zum schlechten Gewissen. Die deutsche Gesellschaft und die Judenverfolgung 1933–1945. In: Ders., Dieter Pohl: Der Holocaust als offenes Geheimnis. Die Deutschen, die NS-Führung und die Alliierten. Beck, München 2006, S. 35. Die fehlende Kritik nutzte Hitler zum weiteren Ausbau des schrankenlosen Führerstaates. Dieser wurde 1939 vollendet, als alle Beamten und Soldaten einen persönlichen Führereid ablegen mussten.Timothy Snyder: Bloodlands: Europa zwischen Hitler und Stalin. Beck, München 2011, S. 90, . Die NS-Rechtslehre legitimierte dies, indem sie Verfassungsrecht mit dem an keiner Rechtsidee messbaren Führerwillen gleichsetzte.Ian Kershaw: Führer und Hitlerkult. In: Wolfgang Benz, Hermann Graml, Hermann Weiß (Hrsg.): Enzyklopädie des Nationalsozialismus. Stuttgart 1998, S. 28 f. Schon seit 1934 als „Führer und Reichskanzler“ angeredet, war der Titel „Führer“ seit 1941 ausschließlich Hitler vorbehalten. Dadurch, so die Germanistin Cornelia Schmitz-Berning, habe sich der Begriff allmählich zum Eigennamen entwickelt.Cornelia Schmitz-Berning: Vokabular des Nationalsozialismus. Nachdruck der Ausgabe von 1998, Walter de Gruyter, Berlin 2000, S. 243, . Der Hitlerkult wurde im deutschen Alltag allgegenwärtig, etwa durch Umbenennung vieler Straßen und Plätze nach Hitler, durch die Würdigung als Ehrenbürger, einen Adolf-Hitler-Koog als Musterbeispiel für die staatliche Blut-und-Boden-Ideologie,Lars Amenda (Dithmarsche Landeszeitung, 29. August 2005): Die Einweihung des „Adolf-Hitler-Koogs“ am 29. August 1935 – Landgewinnung und Propaganda im Nationalsozialismus. dörfliche „Hitlereichen“ und „Hitlerlinden“, kommerziell vermarktete Hitlerbilder, ab 1937 staatliche Briefmarkenserien und Besucherandrang auf dem Obersalzberg. Diese Verehrung überstieg den Personenkult um Bismarck bei weitem. Für kritische Zeitgenossen wurde es immer schwieriger, sich davon zu distanzieren.Ian Kershaw: Hitler. 1889–1936. Stuttgart 1998, S. 612 f. Hitler zeichnete andere mit seinem Namen aus, etwa ab 1937 durch die Vergabe des Titels Adolf-Hitler-Schule an NS-Ausleseschulen.Barbara Feller, Wolfgang Feller: Die Adolf-Hitler-Schulen. Pädagogische Provinz versus ideologische Zuchtanstalt. Weinheim/München 2001, ISBN 3-7799-1413-1. Dem kamen weite Gesellschaftsbereiche zunächst freiwillig entgegen: So entwickelte sich die Adolf-Hitler-Spende der deutschen Wirtschaft für den „nationalen Wiederaufbau“ ab 1. Juni 1933 von einer freiwilligen Spende hin zu einer Pflichtabgabe, die sich bis 1945 auf rund 700 Millionen Reichsmark für die NSDAP addierte, über deren Verwendung Hitler frei entscheiden konnte. Dafür stiftete er 1937 den „Adolf-Hitler-Dank“, eine jährliche Spende von einer halben Million Reichsmark „für besonders verdiente, notleidende Parteigenossen“.Zitiert nach Cornelia Schmitz-Berning: Vokabular des Nationalsozialismus. Walter de Gruyter, Berlin/New York 1998, ISBN 3-11-013379-2, S. 13. Der Hitlerkult gilt Historikern als Kennzeichen einer „charismatischen Herrschaft“, die bürokratische Instanzen nicht ersetzte, sondern überwölbte und so vielfach Kompetenzstreit zwischen Parteihierarchie und Staatsapparat erzeugte. Rivalitäten von NS-Behörden, die in Wettläufe um das vorauseilende Erfassen des „Führerwillens“ eintraten, erforderten wiederum immer mehr autoritative tagespolitische Entscheidungen Hitlers. Dieser ließ jedoch viele Konflikte unentschieden, um seinen Ruf als über den Alltagskonflikten stehender, unfehlbarer, genialer Alleinherrscher nicht zu beschädigen, und trug so zur Aushöhlung einer funktionierenden Staatsverwaltung bei.Ian Kershaw: Führer und Hitlerkult. In: Wolfgang Benz, Hermann Graml, Hermann Weiß (Hrsg.): Enzyklopädie des Nationalsozialismus. Stuttgart 1998, S. 23 und 28 f. Mit dem Wachsen des Hitler-Mythos sank zugleich das Ansehen der NSDAP.Martin Broszat: Zur Einführung: Probleme der Hitler-Forschung. In: Ian Kershaw: Der Hitler-Mythos. Volksmeinung und Propaganda im Dritten Reich. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1980, ISBN 3-421-01985-1, S. 13. Nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich und der ersten Wahl zum „Großdeutschen Reichstag“ am 10. April 1938 mit 99,1 % Zustimmung war das Prestige des Diktators abermals gestiegen und die Konsensbasis seiner Herrschaft vermutlich nie größer.Volker Ullrich: Adolf Hitler. Frankfurt am Main 2013, S. 796. Der Überfall auf Polen war bei den Deutschen nicht populär. Kershaw zufolge erreichte Hitlers Popularität trotzdem nach dem siegreichen „Blitzkrieg“ gegen Frankreich einen neuen Höhepunkt, ging 1941 nur allmählich zurück und stürzte erst nach der Niederlage in Stalingrad 1943 rasch ab.Ian Kershaw: Der Hitler-Mythos. Führerkult und Volksmeinung. Deutscher Taschenbuchverlag, München 2002, S. 175–206. Götz Aly dagegen folgerte 2006 aus neuen Indikatoren eines von ihm geleiteten Forschungsprojekts, dass Hitlers Popularität schon vor dem Polenfeldzug stark abnahm, sich nach dem Westfeldzug 1940 kaum erholte und nach dem Überfall auf die Sowjetunion rapide abnahm.Götz Aly (Hrsg.): Volkes Stimme. Skepsis und Führervertrauen im Nationalsozialismus. S. Fischer, Frankfurt am Main 2006. Verfolgungen Nach dem Straßenterror der SA in der Weimarer Republik begann mit Hitlers Machtantritt eine systematische, gewaltsame Verfolgung politischer Gegner der NSDAP unter dem Schlagwort der „nationalen Revolution“. So ließ die SA seit Januar 1933 Konzentrationslager einrichten. Die staatlichen Internierungen, Misshandlungen und Morde trafen seit der „Reichstagsbrandverordnung“ vom 28. Februar 1933 Kommunisten, Sozialdemokraten, Pazifisten, Zeugen Jehovas, konservative NS-Gegner und andere Deutsche, die Kritik äußerten oder sich widersetzten (→ Mitglieder des Widerstandes), sowie vor allem Juden. In den folgenden Jahren wurden die Verfolgungen auf verschiedene christliche Gruppen, Behinderte, Homosexuelle, vermeintlich Asoziale und „Fremdrassige“ ausgeweitet. Hitler hatte keinen umfassenden Plan für die staatliche „Judenpolitik“,Hans-Ulrich Wehler: Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Band 4. Beck, München 2003, S. 658. sondern reagierte oft kurzfristig auf den Druck von NSDAP-MitgliedernMartin Broszat: Soziale Motivation und Führer-Bindung des Nationalsozialismus. In: VfZ 18/1970, S. 392–409 (PDF; 922 kB). mit Gesetzesinitiativen. Deren erkennbares Ziel war die im NSDAP-Programm festgeschriebene Ausgrenzung und Vertreibung der deutschen Juden. Hitler bereitete den „Judenboykott“ vom 1. April 1933 direkt mit vor, trat aber nach außen nicht als dessen Initiator und Organisator auf. Er beriet das am 7. April erlassene Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums (zum Ausschluss „nichtarischer“ Beamter) mit und entschied sich aus Rücksicht auf die politischen Bedingungen für eine gemäßigtere Fassung.Saul Friedländer: Nachdenken über den Holocaust. Beck, München 2007, ISBN 3-406-54824-5, S. 33, . Daraufhin schlossen auch viele Berufsverbände Juden aus. Dem folgten zahlreiche weitere, auch nichtstaatliche Ausgrenzungsschritte. Hitler schwebte schon 1933 eine konsequente Ghettoisierung der Juden und ihre räumliche Ausgrenzung vor: Sie müssten „heraus aus allen Berufen […], eingesperrt in ein Territorium, wo sie sich ergehen können […], während das deutsche Volk zusieht, wie man wilde Tiere sich ansieht“. mini|Hitler bei einer Parade auf dem Nürnberger Hauptmarkt anlässlich des Reichsparteitages im September 1935 Auch die Nürnberger Gesetze von 1935, die den deutschen Juden die staatsbürgerlichen Rechte entzogen und „Mischehen“ sowie sexuelle Beziehungen zwischen Juden und Nichtjuden als „Rassenschande“ mit Gefängnis oder Zuchthaus bedrohten, wurden durch Terror aus der Parteibasis angebahnt und sollten diese zufriedenstellen. Hitler bereitete sie monatelang mit vor, sodass er sich beim Nürnberger Reichsparteitag im September anderen Themen zuwenden konnte. Er strich die Begrenzung auf „Volljuden“ im Gesetzentwurf noch unmittelbar vor dessen Bekanntgabe am 15. September.Saul Friedländer: Nachdenken über den Holocaust. München 2007, S. 35, . Die Judenverfolgung trat zwar 1936 wegen Sommer- und Winter-Olympia und 1937 in den Hintergrund. Doch als Hitler am 9. November 1938 vom Tod des Botschaftssekretärs Ernst Eduard vom Rath erfuhr, auf den zwei Tage zuvor Herschel Grynszpan einen Anschlag verübt hatte, beriet er sich sofort mit Goebbels und autorisierte ihn, das Attentat als Vorwand für die Novemberpogrome auszunutzen. Dabei wurden in ganz Deutschland und Österreich Hunderte Juden ermordet, Zehntausende in KZs interniert und enteignet und Tausende Synagogen und jüdische Friedhöfe zerstört.Hans-Jürgen Döscher: „Reichskristallnacht“. Die Novemberpogrome 1938. Ullstein, Berlin 1988, S. 77 f. US-Präsident Franklin D. Roosevelt verschärfte daraufhin den Ton gegenüber Deutschland.Christoph Strupp: Beobachtungen in der Diktatur. Amerikanische Konsulatsberichte aus dem „Dritten Reich“. In: Frank Bajohr, Christoph Strupp (Hrsg.): Fremde Blicke auf das »Dritte Reich«. Berichte ausländischer Diplomaten über Herrschaft und Gesellschaft in Deutschland 1933–1945. 2. Auflage, Wallstein, Göttingen 2011, ISBN 3-8353-0870-X, S. 110. Hitler übertrug die weitere „Judenpolitik“ Hermann Göring, Heinrich Himmler und Reinhard Heydrich. Diese unterbanden den „spontanen“, unkontrollierten Straßenterror endgültig, indem sie die Juden gesetzlich wie Kriminelle behandelten und etwa mit der „Judenbuße“ für die Schäden der Novemberpogrome aufkommen ließen. Hitler sagte in seiner Reichstagsrede zum sechsten Jahrestag seines Amtsantritts am 30. Januar 1939: Die Rede fand durch ihre Wiedergabe im Rundfunk, in Wochenschauen, in der gesamten Tagespresse und in mehreren Buchveröffentlichungen größte Verbreitung, wurde vom Publikum aber zumeist nicht wörtlich verstanden.Brigitte Mihok (Mitwirkende): Handbuch des Antisemitismus. Bd. 6, Publikationen. De Gruyter Saur, Berlin/Boston 2013, ISBN 978-3-11-025872-1, S. 281. Die zentrale Passage, dass ein Weltkrieg, für den selbstverständlich das Judentum verantwortlich wäre, die physische Vernichtung der Juden bringen würde, wiederholte Hitler in den Kriegsjahren in weiteren Reden. Dabei datierte er seine „Prophezeiung“ vom 30. Januar 1939 auf den Tag des Kriegsbeginns um und verschärfte seine Rede von der „Vernichtung“ noch um das Wort „ausrotten“.Peter Longerich: „Davon haben wir nichts gewusst!“ Die Deutschen und die Judenverfolgung 1933–1945. Siedler, München 2006, ISBN 3-88680-843-2, S. 201. Longerich nennt hier folgende Ansprachen und Reden Hitlers: Neujahrsaufruf 1942, Ansprache im Sportpalast am 30. Januar 1942, Erklärung aus Anlass der Parteigründungsfeier am 24. Februar 1942, Rede im Sportpalast am 30. September 1942, Ansprache zur Gedenkfeier in München am Vorabend des 9. November 1942, Rede am 24. Februar 1943; die Bedeutung dieser vielfachen Wiederholung der Essentials seiner Rede vom 30. Januar 1939 betont jüngst auch Peter Hayes: Warum? Eine Geschichte des Holocaust. Aus dem Englischen von Ursel Schäfer. Campus, Frankfurt am Main 2017, ISBN 978-3-593-50745-3, S. 180. Auch Propagandaminister Goebbels wiederholte diese Äußerung Hitlers öffentlich. Am 16. November 1941 schrieb er in einem Leitartikel für das Wochenmagazin Das Reich: „Wir erleben eben den Vollzug dieser Prophezeiung (…). Das Weltjudentum (…) erleidet nun einen allmählichen Vernichtungsprozeß, den es uns zugedacht hatte und auch bedenkenlos an uns vollstrecken ließe, wenn es dazu die Macht besäße.“Joseph Goebbels: Die Juden sind schuld. Leitartikel in: Das Reich, 16. November 1941, S. 1, zit. nach Wolf Kaiser: „Geheime Reichssache“? Was die Deutschen im Reich über den Holocaust wussten. Unterrichtsmodul 03, Fritz Bauer Institut, Frankfurt am Main 2020. Baupolitik mini|hochkant=1.2|Hitler beim ersten Spatenstich zur angeblich ersten Autobahn (Strecke Frankfurt–Darmstadt), 23. September 1933 Hitler gab sich mit einem inszenierten Spatenstich am 23. September 1933 fälschlich als Erfinder und Planer der Reichsautobahnen aus und ließ deren Ausbau als „Hitler-Programm“ zur Beseitigung der Massenarbeitslosigkeit propagieren. Tatsächlich waren die ersten zwei Autobahnen vor 1933 gebaut und weitere geplant worden. Der Weiterbau in der NS-Zeit beschäftigte meist nur Zehntausende, maximal 125.000 Arbeiter, die abkommandiert, zum Arbeiten für Niedriglöhne gezwungen und bei Weigerung in KZs inhaftiert wurden. Das Programm wurde 1941 wegen der Einziehung der Arbeiter für den Kriegsdienst unvollendet eingestellt. Hitlers Versprechen einer Massenmobilität blieb uneingelöst. Dennoch bestand das Klischee nach 1945 fort, er habe die Arbeitslosigkeit mit dem Autobahnbau bis 1938 erfolgreich beseitigt.Erhard Schütz, Eckhard Gruber: Mythos Reichsautobahn. Bau und Inszenierung der ‚Straßen des Führers‘ 1933–1941. Ch. Links, 1996, ISBN 3-86153-117-8; Hitler plante seit 1933, Berlin bis 1950 als „Hauptstadt des germanischen Reichs deutscher Nation“ völlig umzugestalten und in „Germania“ umzubenennen. Dazu ernannte er Albert Speer 1937 zum „Generalinspekteur für die Neugestaltung der Reichshauptstadt“. Speer entwarf im Zuge der Planungen für den sich in der Öffentlichkeit gerne bescheiden gebenden Hitler einen gigantischen „Führerpalast“ im Spreebogen. Von den geplanten Monumentalbauten wurde 1939 nur die Neue Reichskanzlei fertiggestellt.Hubert Faensen: Hightech für Hitler. Die Hakeburg – Vom Forschungszentrum zur Kaderschmiede. Ch. Links, 2001, S. 70, . Die Stadt sollte von einem Autobahnring umgeben und von zwei schnurgeraden, kreuzungslosen, breiten, für Aufmärsche geeigneten Prachtstraßen durchquert werden. Der Bau eines Tunnels zur Unterquerung der Nord-Süd-Achse wurde 1939 begonnen, aber 1942 wegen Materialmangels im Krieg eingestellt. Hitler ließ sich als „genialer Baumeister“ des Reichsparteitagsgeländes in Nürnberg ausgeben und mischte sich mit seinen Ideen, Skizzen und Besuchen in die Planung ein, segnete tatsächlich aber meist nur Initiativen anderer NSDAP-Stellen ab.Eckart Dietzfelbinger, Gerhard Liedtke: Nürnberg – Ort der Massen: Das Reichsparteitagsgelände. Vorgeschichte und schwieriges Erbe. Ch. Links, 2004, S. 41, . Kirchenpolitik Gemäß der machttaktischen Bejahung des Christentums hatte Hitler Vertreter des Neuheidentums wie Artur Dinter 1928 aus der NSDAP ausgeschlossen und Alfred Rosenberg 1930 gezwungen, sein antikirchliches Buch Der Mythus des 20. Jahrhunderts als Privatansicht zu kennzeichnen. Zugleich hatte er planmäßige Versuche von NSDAP-Mitgliedern zugelassen, das Christentum an die NS-Rassenideologie anzugleichen. Dazu gründeten diese 1932 die Kirchenpartei Deutsche Christen (DC).Christoph Strohm: Die Kirchen im Dritten Reich. Beck, München 2011, ISBN 978-3-406-61224-4, S. 7–15. Hitlers erste Regierungserklärungen (1. Februar, 23. März 1933) betonten, er werde das Christentum als „Basis unserer gesamten Moral“ schützen, „tiefe, innere Religiosität“ ermöglichen, die Staatsverträge beider Kirchen einhalten, ihnen in Schule und Erziehung angemessenen Einfluss zugestehen, den „Bolschewismus“ und atheistische Organisationen bekämpfen und freundschaftliche Beziehungen zum Vatikan ausbauen. Die Großkirchen seien die „wichtigsten Faktoren zur Erhaltung unseres Volkstums“. Dafür sollten sie sich am Kampf gegen die „materialistische Weltauffassung“ und am Aufbau der „Volksgemeinschaft“ beteiligen.Friedrich Zipfel: Publikationen der Forschungsgruppe Berliner Widerstand beim Senator für Inneres in Berlin, Band I: Kirchenkampf in Deutschland 1933–1945. Walter de Gruyter, Berlin 1965, ISBN 3-11-000459-3, S. 1–3, . Er schloss mit dem Vaterunser nachempfundenen liturgischen Gebetsformeln und mit „Amen“. Beim inszenierten „Tag von Potsdam“ (21. März) knüpfte er an preußische Staatskirchentradition an und zerstreute zugleich katholische Sorgen vor einem neuen „Kulturkampf“.Christoph Strohm: Die Kirchen im Dritten Reich. München 2011, S. 16–19. mini|Der als „entartet“ eingestufte Maler Paul Thalheimer schuf 1938/39 in der katholischen Ludwigskirche Bad Dürkheim, Bistum Speyer, ein monumentales Kreuzigungsbild, auf dem einer der gekreuzigten Verbrecher die Gesichtszüge Adolf Hitlers aufweist. Dieser in der Kunst manifestierte Widerstand blieb seinerzeit unentdeckt. Wegen dieser gezielten NS-Propaganda und ihrer eigenen antidemokratischen Tradition bejahten beide Großkirchen die Aufhebung der Demokratie. Die katholische Zentrumspartei unter Ludwig Kaas stimmte am 23. März für das Ermächtigungsgesetz. Die deutschen katholischen Bischöfe hoben die 1931 erklärte Unvereinbarkeit von Christentum und Nationalsozialismus am 28. März auf und erlaubten Katholiken den Beitritt zur NSDAP.Hubert Wolf: Papst und Teufel: Die Archive des Vatikan und das Dritte Reich. 2. Auflage, Beck, München 2009, S. 172–194. Die meisten evangelischen Landeskirchen begrüßten die „nationale Wende“ und ließen Fürbitten zu Hitlers Geburtstag verlesen, ohne die Opfer der NS-Gewaltpolitik zu erwähnen.Christoph Strohm: Die Kirchen im Dritten Reich. München 2011, S. 23. Bis zum 20. Juli handelte Hitler mit dem Vatikan ein Reichskonkordat aus, ähnlich den Lateranverträgen des Vatikans mit Mussolini (1929). Es verpflichtete die Bischöfe, vor Übernahme ihrer Diözese den Treueeid für sich und ihren Klerus „in die Hand des Reichsstatthalters“ zu schwören (Artikel 16). Es auferlegte dem Heiligen Stuhl unter anderem, politische Betätigungen katholischer Kleriker in und für Parteien zu untersagen (Artikel 32). Die Einrichtung von Bekenntnisschulen wurde zugesichert (Artikel 23, 25). Katholische Vereinigungen durften nur innerhalb staatlicher Verbände tätig werden, außerhalb davon nur für rein religiöse, rein kulturelle und karitative Aufgaben. Und: „Staatliche Verbände werden religiöses Verhalten nicht behindern“ (Artikel 31). Die konkrete Festlegung der Vereinigungen unterblieb, weil die Selbstauflösung der Zentrumspartei (5. Juli) den raschen Vertragsabschluss erzwang.Hubert Wolf: Papst und Teufel: Die Archive des Vatikan und das Dritte Reich. München 2009, S. 196–200. Im Geheimanhang vereinbarten Hitler und der Vatikan Regelungen für die Wiedereinführung der verbotenen Wehrpflicht und den Kriegsfall.Lothar Schöppe: Konkordate seit 1800. Frankfurt am Main/Berlin 1964, S. 35. Um alle evangelischen Landeskirchen in einer „Reichskirche“ gleichzuschalten, berief Hitler am 25. April den ostpreußischen Militärpfarrer Ludwig Müller (DC) zum „Bevollmächtigten“ für evangelische Angelegenheiten und ernannte am 24. Juni August Jäger zum „Staatskommissar“ für die Landeskirchen in Preußen. Jäger ersetzte alle Kirchenleiter, die gegen staatliche Übergriffe protestierten, durch DC-Vertreter. Nach heftigen Protesten und einem von Hindenburg vermittelten Treffen nahm Hitler Jägers Maßnahmen zurück. Die am 11. Juli gebildete Deutsche Evangelische Kirche (DEK) verpflichtete sich dafür zu Kirchenwahlen am 23. Juli. Am Vorabend warb Hitler im Rundfunk massiv für die DC, die daraufhin die Leitung der meisten evangelischen Landeskirchen errangen.Christoph Strohm: Die Kirchen im Dritten Reich. München 2011, S. 23–35. Nach Gesprächsprotokollen von Zeitzeugen lehnte Hitler das Christentum jedoch im Juli 1933 als „jüdischen Schwindel“ ab. „Deutsches Christentum“ sei Krampf und Illusion. Man könne nur entweder Christ oder Deutscher sein. Sein Eintreten für die DC war demnach nur machtpolitisch motiviert.Kurt Dietrich Schmidt: Einführung in die Geschichte des Kirchenkampfes in der nationalsozialistischen Zeit. 2. Auflage, Ludwig-Harms-Haus, 2009, ISBN 3-937301-61-5, S. 56. Am 5. September wählten die DC Müller zum Reichsbischof und führten in Preußen ein zum Arierparagraphen analoges Gesetz ein, das Judenchristen aus der Landeskirche ausschloss. Infolge der Sportpalast-Kundgebung (13. November 1933) verloren sie viele Mitglieder und ihre Einheit. Daraufhin setzte Müller ihre Sprecher ab, unterstellte die evangelische Jugend im Dezember widerrechtlich der Hitlerjugend und verbot im Januar 1934 alle innerkirchliche Kritik an seiner Führung. Damit verlor er seine Autorität in der DEK. Im folgenden Kirchenkampf zerbrach deren organisatorische Einheit; der Arierparagraph ließ sich in ihr nicht mehr durchsetzen.Christoph Strohm: Die Kirchen im Dritten Reich. München 2011, S. 35–38. Hitler nötigte die DC-Gegner am 25. Januar 1934 mit Vorführen abgehörter Telefonate Martin Niemöllers zunächst, sich staatsloyal zu zeigen und Müller als Reichsbischof zu akzeptieren. Im März ernannte er den ehemaligen Freikorpskämpfer Franz von Pfeffer zum „Sonderbeauftragten für Kirchenfragen“, am 12. April Jäger zum „Rechtswalter“ der DEK. Deren Versuche, die Gleichschaltung der Landeskirchen durch Absetzen gewählter Landesbischöfe zu erzwingen, scheiterten am Widerstand der DC-Gegner. Am 30. Mai 1934 gründeten diese die Bekennende Kirche (BK), deren von Karl Barth verfasste Barmer Theologische Erklärung nur einen Rechtsstaat als dem Evangelium gemäß definierte und totalitäre Staatsideologien als Häresie verwarf. Im Oktober schuf ein Teil der BK eigene Verwaltungsstrukturen. Londoner Vertreter der Ökumene drohten mit dem Abbruch der Beziehungen zur DEK. Infolge der starken in- und ausländischen Proteste setzte Hitler Pfeffer und Jäger Ende Oktober 1934 ab, sagte die geplante Vereidigung aller evangelischen Bischöfe auf sich ab und erkannte die Bischöfe Hans Meiser, Theophil Wurm und August Marahrens als rechtmäßige Kirchenvertreter an. So inszenierte er sich als Schlichter des Streits in der DEK.Christoph Strohm: Die Kirchen im Dritten Reich. München 2011, S. 40–61. Parallel dazu stärkte Hitler 1934 die kirchenfeindlichen Kräfte in der NSDAP: Er ernannte Alfred Rosenberg zum „Weltanschauungsbeauftragten“ (Januar), ließ beim „Röhmputsch“ auch einige engagierte Katholiken ermorden (Juli), den Sicherheitsdienst des Reichsführers SS (SD) einrichten und dessen Hauptamt nach Berlin verlegen (Dezember). Die SD-Zentralabteilung für „weltanschauliche Auswertung“ bespitzelte beide Großkirchen und bekämpfte ihren öffentlichen Einfluss zugunsten neuheidnischer Religiosität. Im Anschluss an Vorschläge von Staatssekretär Wilhelm Stuckart (Januar 1935) lehnte Hitler den Rückzug des Staates aus kirchlichen Belangen jedoch ab und bevorzugte abwartende Neutralität und verschärfte Aufsicht des Staates über die Kirchen. Dazu ernannte er Hanns Kerrl zum „Reichskirchenminister“ (Juli). Dieser erließ ein „Gesetz zur Sicherung der DEK“ (September), das die Tätigkeit der BK mit 17 Durchführungsverordnungen bis 1939 stark begrenzte und den DEK-Teilkirchen unter anderem die Verfügung über ihre Geldmittel und Rechtsverfahren entzog. Mit Vertretern aller Richtungen besetzte staatliche „Kirchenausschüsse“ sollten die DEK organisatorisch einen. Kerrl verfehlte dieses Ziel und spaltete die BK in Befürworter und Gegner seiner Ausschüsse (Februar 1936). Infolge wachsender Proteste gegen Kerrl setzte Hitler am 15. Februar 1937 überraschend Neuwahlen in der DEK an, angeblich um ihr eine autonome Kirchenverfassung zu gewähren. Da Teile der DEK mit einem Wahlboykott drohten, wurde der Wahltermin mehrmals verschoben und im November abgesagt. Die Gestapo nahm bis zum Jahresende zahlreiche BK-Vertreter und katholische NS-Gegner fest. Im Dezember übertrug Kerrl die DEK-Leitung dem Juristen Friedrich Werner. Dieser schränkte kirchliche Publizistik, Ausbildung und Finanzierung fortlaufend weiter ein und entzweite die BK, indem er von allen Pfarrern Preußens einen Treueid auf Hitler verlangte (April 1938). Die meisten BK-Vertreter bejahten den Eid als rechtmäßige Staatsforderung, aber Hitlers Stellvertreter Martin Bormann schrieb an alle NSDAP-Gauleiter, der Eid sei innerkirchlich und freiwillig (Juli). Indem das NS-Regime dies im September bekannt werden ließ, schwächte es die Autorität der BK-Leitung erheblich. Kerrl versuchte 1939 wiederholt, alle DEK-Führer auf eine Erklärung zur „dem deutschen Volke artgemäßen nationalsozialistischen Weltanschauung“ und zum „unerbittlichen Kampf gegen den politischen und geistigen Einfluß der jüdischen Rasse“ zu verpflichten. August Marahrens unterschrieb die Erklärung im Juli eigenmächtig für den Lutherrat, der damit ebenfalls Autorität in der BK verlor.Christoph Strohm: Die Kirchen im Dritten Reich. München 2011, S. 67–80. Nach dem Anschluss Österreichs (März 1938) begrenzte Hitler Kerrls Befugnisse auf das „Altreich“; nach Kerrls Tod (Dezember 1941) ließ er dessen Amt unbesetzt. Er ließ die antikirchlichen NSDAP-Vertreter kirchliche Aktivitäten in den neuen Gebieten unterdrücken; sie beseitigten 1938 in Österreich alle Ordens- und Klosterschulen. Im September 1939 verbot Hitler jedoch alle NSDAP-Maßnahmen gegen die Großkirchen, damit sie seinen Krieg unterstützten. Diese riefen die Christen 1939 gemeinsam zum „Gehorsam gegen den Führer“, Gebet und Einsatz für den deutschen Sieg auf. Gauleiter Arthur Greiser erklärte die Kirchen im neugebildeten „Reichsgau Wartheland“ 1940 zu Religionsvereinen ohne staatlichen Rechtsschutz und enteignete sie bis auf reine Kulträume. Zwar protestierten die Großkirchen, dankten Hitler aber Ende Juni 1941 dafür, dass er die „christlich-abendländische Kultur“ vor dem „Todfeind aller Ordnung“, dem Kommunismus, gerettet habe. Dieser erklärte nun vor allem aufgrund deutlicher kirchlicher Proteste gegen die Euthanasiemorde vor Vertrauten öfter: Nach dem Krieg werde er das „Kirchenproblem lösen“ und die Großkirchen entmachten; das Christentum müsse „abfaulen wie ein brandiges Glied“. Daraufhin übertrug Bormann allen NSDAP-Gauleitern die Kirchenpolitik in den eroberten Gebieten und befahl ihnen, den Einfluss der Kirchen auf die „Volksführung“ endgültig zu brechen.Christoph Strohm: Die Kirchen im Dritten Reich. München 2011, S. 81–92. Aufrüstungs-, Expansions- und Kriegskurs Wie die demokratischen Regierungen der Weimarer Republik wollte Hitler außenpolitisch zunächst die im Versailler Vertrag von 1919 festgelegten deutschen Gebietsverluste und Rüstungsbeschränkungen revidieren, jedoch nicht bloß mit diplomatischen Vorstößen, sondern mit dem Risiko militärischer Konflikte. Öffentlich betonte er bis 1939 wiederholt seinen Friedenswillen; tatsächlich bereitete er seit 1933 erst die Aufrüstung der Wehrmacht und die deutsche Kriegsfähigkeit, spätestens seit 1937 einen Angriffskrieg vor. Laut der Liebmann-Aufzeichnung erläuterte er der Reichswehrführung am 3. Februar 1933 die angestrebte kriegerische Eroberung von „Lebensraum im Osten“ und nahm Polen schon als „Feindstaat“ ins Visier. Öffentlich betonte er dagegen in der Friedensrede vom 17. Mai 1933 vor dem Reichstag seinen Friedenswillen – ein Propagandamanöver, mit dem die Gegner des NS-Regimes beruhigt werden sollten. Die SPD-Fraktion stimmte in der Abstimmung zu dieser so genannten Friedensrede mit Ja, was zum Bruch der Reichs-SPD mit der Sozialistischen Internationale führte.Wolfgang Wippermann: Der konsequente Wahn: Ideologie und Politik Adolf Hitlers. Bertelsmann Lexikon Verlag, Gütersloh/München 1989, S. 48; Heinrich August Winkler: Der lange Weg nach Westen. Deutsche Geschichte II. Vom „Dritten Reich“ bis zur Wiedervereinigung. Beck, München 2014, S. 20 f. Im Oktober 1933 brach das NS-Regime Abrüstungsverhandlungen mit Großbritannien und Frankreich ab und veranlasste den Austritt des Deutschen Reiches aus dem Völkerbund. Nach Hindenburgs Tod 1934 teilte Hitler der Generalität mit, dass Deutschland in fünf Jahren kriegsbereit sein solle. Er unterstützte einen nationalsozialistischen Putschversuch in Wien, bei dem der österreichische Bundeskanzler Engelbert Dollfuß ermordet wurde. Nachdem dieser Putschversuch gescheitert war, erklärte Hitler, das Deutsche Reich habe nichts damit zu tun gehabt.Golo Mann: Deutsche Geschichte im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert. S. Fischer, 1958, S. 826. Im März 1934 erhöhte Hitler den deutschen Wehretat über die Grenzen des Versailler Vertrags hinaus. Im September 1934 schloss er mit Polen überraschend einen zehnjährigen Nichtangriffspakt. Am 16. März 1935 führte er die im Versailler Vertrag verbotene allgemeine Wehrpflicht wieder ein. In einer Sitzung seines Kabinetts am 21. Mai 1935 verkündete er das neue Wehrgesetz,Robert Kriechbaumer: Die Dunkelheit des politischen Horizonts. Salzburg 1933 bis 1938 in den Berichten der Sicherheitsdirektion. Band 2: Donnergrollen. Vom Februar 1934 bis Juli 1936 (= Schriftenreihe des Forschungsinstituts für politisch-historische Studien der Dr.-Wilfried-Haslauer-Bibliothek, Salzburg. Band 70,2). Böhlau, Wien/Köln/Weimar 2020, ISBN 978-3-205-23208-7, S. 501. wonach der „Führer und Reichskanzler“ „Oberster Befehlshaber der Wehrmacht“ sei. Unter ihm übe der Reichskriegsminister Blomberg als „Oberbefehlshaber der Wehrmacht“ Befehlsgewalt über die Wehrmacht aus.Norbert Berthold Wagner: Reine Staatslehre. Staaten, Fictitious States und das Deutschland-Paradoxon (= Juristische Schriftenreihe. Band 278). Teilband 2. Lit, Berlin/Münster 2015, ISBN 978-3-643-13091-4, S. 794, Fn. 10. Um Großbritannien in Sicherheit zu wiegen, wiederholte er am selben Tag in einer „Friedensrede“ im Reichstag, die deutsche Marine strebe nur 35 Prozent der Tonnage der britischen Flotte an.Ian Kershaw: Hitler. 1889–1936. DVA, Stuttgart 1998, S. 698 f. Am 18. Juni 1935 schloss Großbritannien mit Deutschland ein von Hitler angebotenes Flottenabkommen, um eine andernfalls eventuell noch stärkere deutsche Aufrüstung zu vermeiden.Heinrich August Winkler: Geschichte des Westens. München 2011, S. 758. 1936 kündigte Hitler den Vierjahresplan an. Dieser sollte in vier Jahren die deutsche Armee einsatzfähig und die deutsche Wirtschaft kriegsfähig machen.Wilhelm Treue: Dokumentation: Hitlers Denkschrift zum Vierjahresplan. In: VfZ 3/1955, Heft 2, S. 184–210 (PDF; 5 MB); Rolf-Dieter Müller: Der Zweite Weltkrieg. Klett-Cotta, Stuttgart 2004, ISBN 3-608-60021-3, S. 55, 109 f. Er wurde mit Mefo-Wechseln finanziert und trug zum deutschen Wirtschaftsaufschwung bei. Im März 1936 folgte die Rheinlandbesetzung. Beide Brüche des Versailler Vertrags nahmen die Alliierten hin. Das NS-Regime verhalf Francisco Franco im Spanischen Bürgerkrieg seit 1936 mit dem Einsatz der deutschen Legion Condor und völkerrechtswidrigen Bombenangriffen auf Städte wie Gernika zum Sieg. mini|hochkant=1.6|Die Regierungschefs des Vereinigten Königreichs, von Frankreich, Deutschland und Italien beim Schluss des Münchener Abkommens am 30. September 1938, das Hitler die Annexion des Sudetenlandes gestattete, aber bereits im März 1939 mit der Zerschlagung der Rest-Tschechei gebrochen wurde Am 5. November 1937 erläuterte Hitler vor dem Außenminister, dem Kriegsminister und den Oberbefehlshabern der drei Wehrmachtteile seine „grundlegenden Gedanken über […] unsere außenpolitische Lage“.Die Hoßbach-Niederschrift darüber wurde zum Schlüsseldokument der Anklage in Nürnberg wegen „Verschwörung gegen den Frieden“. 85 Millionen Deutsche hätten ein „Anrecht auf größeren Lebensraum“, daher sei die „Lösung der Raumnot“ die zentrale Aufgabe der deutschen Politik. England und Frankreich seien dabei die beiden Hauptgegner. Am Schluss des mehr als zweistündigen Monologs nannte er als erstes Ziel die Niederwerfung der „Tschechei und gleichzeitig Österreich[s], um die Flankenbedrohung […] auszuschalten“. Damit hatte der Diktator seine Karten aufgedeckt und die beiden Nahziele deutscher Expansion genannt.Zitiert nach Volker Ullrich: Adolf Hitler. Frankfurt am Main 2013, S. 769–771. In der folgenden zweistündigen Diskussion erhoben die Generäle Bedenken nicht wegen eines Anschlusses Österreichs und einer Annexion der Tschechoslowakei, waren aber beunruhigt wegen Hitlers Ungeduld und befürchteten einen vorzeitigen europäischen Konflikt. Außenminister Neurath will Hitler im Januar 1938 davor gewarnt haben, „dass seine Politik zum Weltkrieg führen“ müsse. Hitler soll nur erwidert haben, „er habe keine Zeit mehr“.Zitiert nach Volker Ullrich: Adolf Hitler. Frankfurt am Main 2013, S. 773. In der Blomberg-Fritsch-Krise (Januar/Februar 1938) trat Blomberg vom Amt als Reichskriegsminister zurück; Hitler entband Werner von Fritsch vom Oberkommando des Heeres (OKH) und übernahm das neugeschaffene Oberkommando der Wehrmacht (OKW) per Führererlass vom 4. Februar 1938.Rudolf Absolon: Die Wehrmacht im Dritten Reich, Band IV: 5. Februar 1938 bis 31. August 1939. 2. Auflage, Oldenbourg, München 1998, ISBN 3-486-41739-8, S. 156, . Er sah sich dabei als idealen „Feldherrn“, der „mit Kopf, Willen und Herzen den totalen Krieg für die Lebenserhaltung des Volkes“ (Ludendorff 1935) zu führen habe und dies wie sein Idol Friedrich „der Große“, aber anders als Wilhelm II. nicht den Militärs überlassen dürfe. Vielmehr verlange der im „Kampf ums Dasein“ notwendige, kommende Vernichtungskrieg vom „‚Führer‘ des deutschen Volkes“ die Bündelung aller gesellschaftlichen Kräfte. Er müsse nicht nur allgemeine „weltanschauliche“ und politische Ziele, sondern auch die Strategien der einzelnen Feldzüge vorgeben.Jürgen Förster: Die Wehrmacht im NS-Staat. Eine strukturgeschichtliche Analyse. Oldenbourg, München 2009, ISBN 3-486-59171-1, S. 152, 178, . mini|Wagenkolonne Hitlers in Wien, vom Praterstern in die Praterstraße einfahrend, März 1938 Mit militärischen Drohungen („Unternehmen Otto“) erreichte Hitler im März 1938 den „Anschluss“ Österreichs an das fortan „Großdeutsche Reich“. In Wien verkündete er am 15. März einer begeisterten Menge die „Vollzugsmeldung meines Lebens“: den „Eintritt meiner Heimat in das Deutsche Reich“.Joachim Fest: Hitler, 2007, S. 753–755. Im September 1938 verlangte er von der Tschechoslowakei, das Sudetenland an Deutschland abzutreten, und drohte andernfalls mit dem Einmarsch deutscher Truppen (Sudetenkrise). Auf der Münchener Konferenz am 29. September 1938 sicherte Hitler deren Verbündeten Frankreich und Großbritannien den Bestand der übrigen Tschechoslowakei zu. Dafür gestanden ihm der britische Premier Neville Chamberlain und der französische Ministerpräsident Édouard Daladier die Eingliederung der sudetendeutschen Gebiete zu, um den angedrohten Krieg zu verhindern. Hitler, der Krieg und Expansion für unaufgebbare Überlebensbedingungen seines Regimes hielt, fühlte sich mit dem Abkommen um die angestrebte Eroberung der ganzen Tschechoslowakei betrogen.Ian Kershaw: Hitler. 1936–1945. Stuttgart 2000, S. 169–182. Auf Hitlers Druck hin rief Jozef Tiso im März 1939 die Erste Slowakische Republik aus. Hitler ließ am 15. März das verbliebene tschechische Staatsgebiet von der Wehrmacht besetzen und am folgenden Tag als „Protektorat Böhmen und Mähren“ des Großdeutschen Reiches annektieren. Dieser Bruch des Münchner Abkommens sollte die „Germanisierung“ dieser Gebiete erleichtern: Ein Teil der Tschechen sollte assimiliert, der Rest als „rassisch unbrauchbar“ und „reichsfeindlich“ ermordet oder vertrieben werden.Protokoll einer Besprechung Karl Hermann Franks mit Hitler am 23. September 1940, zitiert nach René Küpper: Karl Hermann Frank (1898–1946). Politische Biographie eines sudetendeutschen Nationalsozialisten. Oldenbourg, München 2010, ISBN 978-3-486-59639-7, S. 168. Zur Pseudoautonomie des Protektorats vgl. ebenda, S. 131–134. Die Slowakei wurde zu einem Satellitenstaat Deutschlands. Am 23. März 1939 trat Litauen, das Hitler zuvor ebenfalls massiv unter Druck gesetzt hatte, das Memelland an Deutschland ab.Marie-Luise Recker: Die Außenpolitik des Dritten Reiches. 2. Auflage, Oldenbourg, München 2010, ISBN 978-3-486-59182-8, S. 23–25. Wegen Hitlers Vertragsbruch beendeten Frankreich und Großbritannien ihre bisherige Appeasement-Politik und schlossen mit Polen bis zum 13. April 1939 militärische Beistandsverträge. Schon am 11. April befahl Hitler dem Wehrmachtführungsstab, den Überfall auf Polen bis zum Herbst militärisch vorzubereiten.Horst Rohde: Hitlers erster „Blitzkrieg“ und seine Auswirkungen auf Nordosteuropa. In: Klaus A. Maier und andere (Militärgeschichtliches Forschungsamt, Hrsg.): Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg, Band 2: Die Errichtung der Hegemonie auf dem europäischen Kontinent. DVA, Stuttgart 1979, S. 82. Am 28. April kündigte er den deutsch-polnischen Nichtangriffspakt sowie das deutsch-britische Flottenabkommen und verlangte den Anschluss der Freistadt Danzig an das Deutsche Reich. Am 23. Mai erklärte er den Generälen der Wehrmacht, diese Forderung sei nur ein Vorwand zur Eroberung von „Lebensraum“ für eine autarke Ernährung der Deutschen (siehe Schmundt-Protokoll). mini|Fotografie der Titelseite der Time, die Hitler im negativen Sinne zum Mann des Jahres 1938 wählte Als Bedingung für einen Nichtangriffsvertrag mit den Westmächten, der diesen Polens Verteidigung erleichtern sollte, verlangte der sowjetische Diktator Josef Stalin von Polen eine Durchzugsgarantie für die Rote Armee, die dessen Regierung erwartungsgemäß ablehnte. Dann vereinbarte Stalin mit Hitler bis zum 24. August den deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt. Damit wollte er Zeit zur Reorganisation der Roten Armee gewinnen, deren Offiziere er im Großen Terror (1937–1939) massenhaft hatte ermorden lassen. Im geheimen Zusatzprotokoll des Paktes vereinbarten beide Seiten die Aufteilung Polens und des Baltikums. In der Ansprache Hitlers vor den Oberbefehlshabern am 22. August 1939 gab er die „Vernichtung Polens = Beseitigung seiner lebendigen Kraft“ als sein Kriegsziel bekanntWinfried Baumgart: Zur Ansprache Hitlers vor den Führern der Wehrmacht am 22. August 1939. Eine quellenkritische Untersuchung. In: VfZ 2/1968, S. 133 (PDF; 5,8 MB). und erklärte: „Wir werden den Westen halten, bis wir Polen erobert haben.“Zitiert nach Hans-Adolf Jacobsen: Der Weg zur Teilung der Welt. Politik und Strategie 1939–1945. Koblenz/Bonn 1977, ISBN 3-8033-0258-7, S. 23–26. Die Zeitschrift Time wählte Hitler 1939 zum „Mann des Jahres“ 1938, weil er zur größten Bedrohung der demokratischen, freiheitsliebenden Welt geworden sei.Joan Levinstein: Notorious Leaders. Adolf Hilter[sic]: 1938. In: Time.com, zuletzt abgerufen am 19. Dezember 2010. Herrschaft im Zweiten Weltkrieg (1939–1945) Überfall auf Polen Kurz nach Abschluss des Pakts mit Stalin forderte Hitler von Polen, den Polnischen Korridor abzutreten und die polnischen Rechte in der Freien Stadt Danzig dem Deutschen Reich zu überlassen. Die NS-Propaganda behauptete verstärkt angebliche Gräueltaten und Massaker von Polen an sogenannten Volksdeutschen und forderte ein Einschreiten dagegen. Seit dem 28. August stand für die deutsche Wehrmacht als Angriffstermin der 1. September fest. Am 31. August um 12:40 Uhr erteilte Hitler seine „Weisung Nr. 1 für die Kriegführung“. In der Nacht vom 31. August auf den 1. September 1939 inszenierten in polnische Uniformen gekleidete SS-Männer einen Überfall auf den Sender Gleiwitz in Schlesien. Seit 4:45 Uhr beschoss das deutsche Linienschiff Schleswig-Holstein die polnischen Stellungen auf der Danziger Westerplatte. Mit diesem Angriff begann der deutsche Überfall auf Polen, durch den Hitler den Zweiten Weltkrieg entfesselte. Am 1. September behauptete Hitler wahrheitswidrig in seiner im Radio übertragenen Rede vor dem Reichstag, Polen habe Deutschland angegriffen und seit 5:45 Uhr werde „zurückgeschossen“. Frankreich und Großbritannien erklärten am 3. September Deutschland den Krieg gemäß ihren Bündnisverträgen mit Polen, jedoch ohne eigene Kampfhandlungen gegen Deutschland zu eröffnen. Am 18. September wurde die Masse der polnischen Truppen eingeschlossen, nachdem tags zuvor die Rote Armee mit ihrem Einmarsch in Ostpolen begonnen hatte. Warschau kapitulierte am 27. September. Hitler nahm hier am 5. Oktober eine Parade der 8. Armee ab. mini|Parade in Warschau, 5. Oktober 1939 Im Verlauf des deutschen Polenkriegs fielen etwa 66.000 polnische und 17.000 deutsche Soldaten.Alexander Lüdeke: Der Zweite Weltkrieg. Ursachen, Ausbruch, Verlauf, Folgen. Berlin 2007, ISBN 978-1-4054-8585-2, S. 25, 27. Speziell aufgestellte Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD, Soldaten der Wehrmacht und Einheiten von Volksdeutschen ermordeten im Polenfeldzug rund 16.400, bis zum Jahresende rund 60.000 Polen, darunter etwa 7.000 Juden. Damit wollten sie möglichst viele der zwei Millionen polnischen Juden in das sowjetisch besetzte Ostpolen vertreiben. Seit Oktober 1939 erfolgten Deportationen von Juden in abgelegene polnische Gebiete. Sie wurden zwar im März 1940 nach örtlichen Protesten eingestellt, dienten aber als erprobtes Muster für umfassende Abschiebepläne der Folgejahre wie der (nach dem Westfeldzug undurchführbare) Madagaskarplan, deren erwünschte Folge die Vernichtung der europäischen Juden sein sollte.Dieter Pohl: Verfolgung und Massenmord in der NS-Zeit 1933–1945. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2003, ISBN 3-534-15158-5, S. 64–67. mini|Erschießungen von polnischen Zivilisten durch ein deutsches Einsatzkommando, Oktober 1939 Am 17. September 1939 marschierte die Rote Armee gemäß dem geheimen Zusatzprotokoll zum Hitler-Stalin-Pakt in Ostpolen ein. Nach dem Zusammentreffen von deutschen und sowjetischen Truppen in Brest-Litowsk am 22. September 1939 erfuhr Hitler, wie schlecht die sowjetischen Panzer seien. Die Niederlagen der Roten Armee im Winterkrieg gegen Finnland 1939/40 bestärkten Hitler in seiner Annahme, die Rote Armee sei ein leicht zu besiegender Gegner. „Euthanasie“ mini|Führererlass zur Ermordung behinderter Menschen, umschrieben mit „unheilbar Kranken“, rückdatiert auf den 1. September 1939 Aller Wahrscheinlichkeit nach äußerte sich Hitler um das Jahr 1935 grundsätzlich positiv zur „Euthanasie“, ohne diese konkret zu planen.Udo Benzenhöfer: Der gute Tod? Geschichte der Euthanasie und Sterbehilfe. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2009, ISBN 978-3-525-30162-3, S. 99 f. Er habe geäußert, die „Vernichtung lebensunwerten Lebens“ erst im Falle eines Krieges aufzugreifen, „wenn alle Welt auf die Kampfhandlungen schaut und der Wert des Menschenlebens ohnehin minder schwer wiegt“.Kurt Nowak: Widerstand, Zustimmung, Hinnahme. Das Verhalten der Bevölkerung zur „Euthanasie“. In: Norbert Frei (Hrsg.): Medizin und Gesundheitspolitik in der NS-Zeit (= Schriften der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, Sondernummer). R. Oldenbourg Verlag, München 1991, ISBN 3-486-64534-X, S. 235–251, hier S. 237. Der Fall eines behinderten Kindes aus Pomßen in Sachsen führte 1938 oder 1939 dazu, dass sich Hitler selbst oder die Kanzlei des Führers näher mit der Krankentötung beschäftigte. Zunächst wurde die Kinder-„Euthanasie“ vorbereitet.Udo Benzenhöfer: Der gute Tod? Geschichte der Euthanasie und Sterbehilfe. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2009, S. 103. Im Juli 1939 erteilte Hitler dem Reichsärzteführer Leonardo Conti dann den Auftrag, auch die „Erwachseneneuthanasie“ zu organisieren. Bereits zuvor hatte Hitler Ärzte als durch ihr Ansehen wertvolle Propagandisten der NS-Ideologie erkannt und zahlreiche Mediziner um sich versammelt.Ekkehart Guth: Militärärzte und Sanitätsdienst im Dritten Reich. Ein Überblick. In: Norbert Frei (Hrsg.): Medizin und Gesundheitspolitik in der NS-Zeit (= Schriften der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, Sondernummer). R. Oldenbourg Verlag, München 1991, ISBN 3-486-64534-X, S. 173–187, hier S. 184. Während Conti eine Reglementierung befürwortete, beauftragte Hitler mittels eines privaten Briefes Philipp Bouhler und Karl Brandt, die „Aktion Gnadentod“ in die Wege zu leiten. Im Oktober 1939 erging zu diesem Zweck ein informelles Schreiben Hitlers, das auf den 1. September, mithin auf den Kriegsbeginn, zurückdatiert war und Philipp Bouhler und seinen BegleitarztNorbert Frei: Medizin und Gesundheitspolitik in der NS-Zeit (= Schriften der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, Sondernummer). R. Oldenbourg Verlag, München 1991, ISBN 3-486-64534-X, Einleitung, S. 7–32, hier S. 18. Karl Brandt ermächtigte, die sprachlich als „Gnadentod“ verschleierte Ermordung von Psychiatriepatienten und behinderten Menschen zu organisieren.Order to Bouhler and Dr. Karl Brandt to increase the authority of physicians to perform euthanasia. Harvard Law School Library Item No. 2493. in der Bibliothek der Harvard University; Vera Große-Vehne: Tötung auf Verlangen (§ 216 StGB), „Euthanasie“ und Sterbehilfe. Reformdiskussion und Gesetzgebung seit 1870 (= Juristische Zeitgeschichte, 3: Beiträge zur modernen Strafgesetzgebung, 19). BWV Berliner Wiss.-Verl., Berlin 2005, ISBN 3-8305-1009-8, S. 125–135. Diese schriftliche Vollmacht legitimierte auf Drängen der Organisatoren Hitlers vorherigen mündlichen Auftrag für diesen Massenmord ohne ausdrückliches Gesetz, das er aus Geheimhaltungsgründen auch weiterhin verweigerte. Die Krankenmorde in der Zeit des Nationalsozialismus wurden als „Euthanasie“ beschönigt und als „Vernichtung lebensunwerten Lebens“ ideologisch gerechtfertigt.Ino Arndt, Wolfgang Scheffler: Organisierter Massenmord an Juden in nationalsozialistischen Vernichtungslagern. Ein Beitrag zur Richtigstellung apologetischer Literatur. In: VfZ 24/1976, Heft 2, S. 112–114 (PDF; 1,4 MB). Über die halbstaatliche Sonderverwaltung Zentraldienststelle T4 wurden Zwischenanstalten eingerichtet, in denen die Opfer aus dem ganzen Reich zunächst gesammelt und zur Vergasung in eigene Tötungsanstalten transportiert wurden. Wegen verschiedener Durchführungspannen erfuhren Vertreter der Großkirchen in Deutschland, darunter Bischof Clemens August Graf von Galen, von dieser „Geheimen Reichssache“ und wandten sich nach einiger Bedenkzeit vereinzelt öffentlich dagegen. Am 24. August 1941 befahl Hitler offiziell die Einstellung der „Aktion T4“ und damit einen Stopp der Krankenmorde, was vermutlich in erster Linie planungsstrategische Gründe hatte.Vgl. hierzu Kurt Nowak: Widerstand, Zustimmung, Hinnahme. Das Verhalten der Bevölkerung zur „Euthanasie“. 1991, S. 246 f. Die Morde wurden dezentral als „wilde Euthanasie“ (auch als „Aktion Brandt“ bezeichnet) nun vor allem mit Medikamenten und Nahrungsentzug fortgesetzt. In der „Aktion 14f13“ wurden außerdem kranke, alte oder „nicht mehr arbeitsfähige“ KZ-Insassen ermordet. Bei Kriegsende war ungefähr die Hälfte aller Anstaltsinsassen getötet worden. Die Ermordung der Behinderten diente den SS-Einsatzkommandos als Experimentierfeld für die späteren Massenmorde an Juden. Allein im damaligen Reichsgebiet wurden fast 190.000 geistig und körperlich behinderte Menschen vergast, vergiftet, erschossen oder dem Hungertod überlassen; viele weitere Opfer gab es in den besetzten Gebieten. Gesamtschätzungen belaufen sich auf bis zu 260.000 Opfer. Völkermord an den Sinti und Roma Hitler teilte seit seiner Wiener Zeit die gängigen Stereotype des Antiziganismus. Er beurteilte die in Mein Kampf unerwähnten Roma implizit wie die Juden als „rassefremde Elemente“, die somit aus dem „Volkskörper“ „auszumerzen“ seien.Michael Zimmermann: Rassenutopie und Genozid. Die nationalsozialistische Lösung der „Zigeunerfrage“. Hamburg 1996, S. 13 f. Gemäß Himmlers Erlass vom 8. Dezember 1938 zur „endgültigen Lösung der Zigeunerfrage“ wurden die Roma seit Juni 1939 aus vom NS-Regime kontrollierten Gebieten nach Osteuropa deportiert. Im Polenfeldzug seit September 1939 begannen die Nationalsozialisten und ihre Helfer mit Massenmorden an ihnen. Bis zum Kriegsende ermordeten sie zwischen 100.000 und 500.000 Roma.Wolfgang Benz, Barbara Distel: Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Band 9: Arbeitserziehungslager, Ghettos, Jugendschutzlager, Polizeihaftlager, Sonderlager, Zigeunerlager, Zwangsarbeiterlager. Beck, München 2009, ISBN 978-3-406-57238-8, S. 217, . Hitler lehnte die Einberufung von Roma in die Wehrmacht 1940/41 ab und verbot Himmler 1942, „arische“ Roma von der Internierung in KZs auszunehmen. SS-Einsatzgruppen, Offiziere der Wehrmacht bei Racheaktionen für Partisanenanschläge oder KZ-Besatzungen führten die Massenmorde aus, besonders 1943/44 in den Gaskammern von Auschwitz.Wolfgang Wippermann: Auserwählte Opfer? Shoah und Porajmos im Vergleich. Eine Kontroverse. Frank & Timme, 2012, ISBN 3-86596-003-0, S. 37–46, . Die Ermordung der Sinti und Roma war wie die Shoa ein rassistischer, auf Vernichtung zielender Völkermord. Direkte Mordbefehle Hitlers zu den Roma sind nicht bekannt. Seine Verantwortung steht jedoch wegen der rassistischen Gesamtplanung und Politik seines Regimes fest.Wolfgang Wippermann: Auserwählte Opfer? Shoah und Porajmos im Vergleich. Eine Kontroverse. 2012, S. 131, . Westfeldzug mini|Lagebesprechung im Hauptquartier des Oberbefehlshabers Walther von Brauchitsch (l. v. Hitler), 1940 mini|Reichsaußenminister von Ribbentrop, Hitler, Göring, Raeder, von Brauchitsch und der „Stellvertreter des Führers“ Heß vor dem Wagen von Compiègne, 22. Juni 1940 mini|Hitler mit Albert Speer und Arno Breker auf der Terrasse des Palais de Chaillot, im Hintergrund der Eiffelturm, 23. Juni 1940 In seiner Ansprache vor den Oberbefehlshabern am 23. November 1939 kündigte Hitler an, „zum günstigsten und schnellsten Zeitpunkt“ Westeuropa anzugreifen.Zitiert nach Hans-Adolf Jacobsen: Der Weg zur Teilung der Welt. Politik und Strategie 1939–1945. Koblenz/Bonn 1977, ISBN 3-8033-0258-7, S. 56 f. Im „Unternehmen Weserübung“ besetzte die Wehrmacht vom 9. April bis 10. Juni 1940 zunächst das neutrale Dänemark und eroberte Norwegen. Vom 10. Mai bis zum 25. Juni okkupierte sie im Westfeldzug Luxemburg, Belgien, die Niederlande und zwang das mit Großbritannien verbündete Frankreich nach wenigen Wochen zur Kapitulation. Ausschlaggebend für diesen überraschend schnellen Sieg war der später so bezeichnete Sichelschnittplan, den Generalleutnant Erich von Manstein ausgearbeitet und Anfang 1940 mit Unterstützung Hitlers gegen Vorbehalte seitens des OKH durchgesetzt hatte und der den ursprünglichen Angriffsplan ersetzte, welcher den Alliierten durch den Mechelen-Zwischenfall bekanntgeworden war. Der Sichelschnittplan sah einen hochriskanten Panzervorstoß durch die Ardennen vor, mit dem die Wehrmacht die Maginot-Linie umging und das Gros der gegnerischen Streitkräfte in Belgien und Nordfrankreich einkesselte. Hitlers persönliches Eingreifen in die Dynamik des schnellen Truppenvormarschs durch Haltebefehle führte jedoch dazu, dass das Hauptziel verfehlt wurde. Am 24. Mai entschied Hitler, in Übereinstimmung mit Rundstedt und im Widerspruch zur Meinung anderer Generäle, die angeschlagene Panzertruppe zu schonen und die Einschließung von Dünkirchen der Luftwaffe zu überlassen. Das ermöglichte es der Royal Navy, während der „Operation Dynamo“ über 224.000 britische und fast 112.000 französische und belgische Soldaten über den Ärmelkanal zu evakuieren. Waffen und Kriegsmaterial mussten die Alliierten zwar zurücklassen, aber der Kern des britischen Heeres blieb aufgrund von Hitlers Anhaltebefehl bestehen.H. A. Winkler: Geschichte des Westens. Die Zeit der Weltkriege 1914–1945. München 2011, S. 910 und A. Beevor: Der Zweite Weltkrieg. München 2014, S. 134. Das besiegte Frankreich und Deutschland unterzeichneten am 22. Juni 1940 die Kapitulation Frankreichs im Beisein Hitlers, am selben Ort und im selben Eisenbahnwaggon wie die Unterzeichnung des Waffenstillstands nach dem Ersten Weltkrieg. Am darauffolgenden Tag besichtigte Hitler mit seiner Entourage frühmorgens Paris.Peter Longerich: Hitler. Biographie. München 2015, S. 718. mini|Benito Mussolini und Hitler in München, Juni 1940 Kurz vor der französischen Kapitulation im Juni 1940 war Italien als Verbündeter Deutschlands in den Krieg eingetreten. Zusammen mit dem japanischen Botschafter Saburō Kurusu unterzeichneten Mussolini und Hitler am 27. September 1940 in Berlin den Dreimächtepakt zwischen Japan, Italien und Deutschland, der gegenseitigen Beistand bei der „Schaffung einer neuen Ordnung in Europa“ und „im großasiatischen Raum“ zusicherte. Die Vertragsbestimmungen, die vor allem die USA von einem Kriegseintritt abhalten und eine starke Front gegen Großbritannien bilden sollten, verfehlten diesen Zweck.Lothar Gruchmann: Der Zweite Weltkrieg. Kriegführung und Politik. (1967) dtv, 7. Auflage, München 1982, S. 95 f. Etwa zur gleichen Zeit, im Sommer und Frühherbst 1940, zeichnete sich jedoch ab, dass Hitler damit scheiterte, Großbritannien zur Anerkennung der deutschen Alleinherrschaft auf dem europäischen Festland und Duldung weiterer Eroberungen im Osten zu zwingen. Am 10. Mai 1940 war Winston Churchill, seit 1933 ein strikter Gegner der Appeasementpolitik, neuer britischer Premierminister geworden. Am 19. Juli 1940 lehnte er Hitlers öffentliches Waffenstillstandsangebot über die BBC umgehend und endgültig ab.Ian Kershaw: Hitler. 1936–1945. Stuttgart 2000, S. 411. Die Luftschlacht um England (10. Juli bis 31. Oktober 1940), die als militärisches Patt endete, war eine politische und strategische Niederlage für Hitler, dem es zum ersten Mal misslang, einem Land seinen Willen aufzuzwingen.Alexander Lüdeke: Der Zweite Weltkrieg. Ursachen, Ausbruch, Verlauf, Folgen. Berlin 2007, ISBN 978-1-4054-8585-2, S. 69. Daraufhin ließ Hitler im Frühjahr 1941 die Planungen für die Invasion Englands einstellen. Ebenso misslangen Hitlers Versuche, Spanien und das französische Vichy-Regime zum Kriegseintritt gegen Großbritannien zu bewegen. Am 23. Oktober 1940 traf er sich in Hendaye mit dem spanischen „Caudillo“ Franco. Hitler rechnete damit, dass dieser sich für die deutsche Hilfe im Spanischen Bürgerkrieg als dankbar erweisen würde, und schlug den sofortigen Abschluss eines Bündnisses und den spanischen Kriegseintritt für den Januar 1941 vor. Den spanischen Territorialwünschen in Nordafrika (Französisch-Marokko, Provinz Oran) wollte er aber mit Rücksicht auf Vichy-Frankreich nicht nachgeben. Außerdem konnte Großbritannien, anders als Deutschland, Spanien mit Kohle, Kautschuk, Baumwolle und lebenswichtigem Weizen beliefern, was das Land im Sommer 1940 vor einem wirtschaftlichen Kollaps bewahrt hatte.Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg. Hrsg. v. Militärgeschichtlichen Forschungsamt, Bd. 3, DVA, Stuttgart 1984, S. 135. Der vorsichtige Franco ließ sich daher nicht zu unbedachten Schritten, z. B. zu einem Angriff auf Gibraltar, bewegen und war nur zu einem Protokoll bereit, wonach der spätere Kriegseintritt erst noch gemeinsam festgelegt werden müsse. Damit war die Abmachung für Hitler praktisch wertlos.Lothar Gruchmann: Der Zweite Weltkrieg. Kriegführung und Politik. (1967) 8. Auflage, dtv, München 1985, S. 96–99. Im internen Kreis „wütete“ er später über das „Jesuitenschwein“ und den „falsche[n] Stolz des Spaniers“.Ian Kershaw: Hitler. 1936–1945. Stuttgart 2000, S. 444 und A. Beevor: Der Zweite Weltkrieg. München 2012, S. 173. Kershaw und Beevor beziehen sich auf Halders Kriegstagebuch. Kohlhammer, Stuttgart 1962–1964, Bd. 2, S. 158. Halder hielt Bemerkungen fest, die von Hitlers Heeresadjutanten Gerhard Engel weitergegeben wurden (Hinweis bei Kershaw). mini|Philippe Pétain und Adolf Hitler in Montoire-sur-le-Loir, 24. Oktober 1940.Foto: Heinrich Hoffmann Auf der Fahrt nach Hendaye war Hitler bereits am 22. Oktober 1940 in Montoire-sur-le-Loir zu einem informellen Gespräch mit dem französischen Außenminister Pierre Laval zusammengetroffen, einem Fürsprecher der Kollaboration mit Deutschland.Laval und der deutsche Botschafter in Paris, Otto Abetz, hatten das vorgesehene Treffen Hitlers mit Pétain, zwei Tage später, arrangiert. Einen Tag nach der Begegnung mit Franco traf Hitler erneut in Montoire ein, diesmal zu Gesprächen mit Marschall Pétain, seit Juni Staatschef des besetzten Frankreichs. Dabei verfolgte er die Absicht, wenn schon nicht eine Kriegserklärung Frankreichs an Großbritannien, so wenigstens die Verteidigung der französischen Kolonien in Nordafrika und Nahost gegen Angriffe der Forces françaises libres (Charles de Gaulle) und der Briten zu erreichen. Frankreich könne bei einer Neuverteilung afrikanischer Kolonien aus englischem Besitz voll entschädigt werden.Lothar Gruchmann: Der Zweite Weltkrieg. München 1985, S. 99–101. Pétain und Außenminister Laval bekräftigten, dass das Ausmaß der Zusammenarbeit Frankreichs mit Deutschland von großzügiger Behandlung und dem Erwerb von Kolonialgebieten bei einem Friedensschluss abhänge. Hitler bot Pétain nichts Konkretes an, und umgekehrt sagte Pétain eine aktive Unterstützung nicht präzise zu. „Das Ergebnis“, so Ian Kershaw, „war daher bedeutungslos“.Ian Kershaw: Hitler. 1936–1945. Stuttgart 2000, S. 445. Ähnlich Heinrich August Winkler: Geschichte des Westens. Die Zeit der Weltkriege. 1914–1945. Beck, München 2011, S. 932. Vgl. auch François Delpla: Montoire. Les premiers jours de la collaboration. Paris 1996, Kap. 16. Henry Rousso weist darauf hin, dass die Konsequenzen dennoch weitreichend gewesen seien. Denn obwohl enttäuscht, verkündete Pétain am 30. Oktober 1940 in einer Rede, er werde den „Weg der Kollaboration“ betreten, und leitete den Wechsel von einer attentistischen zu einer aktiven Zusammenarbeit seines Regimes mit der Besatzungsmacht ein. Er prägte dabei nicht nur einen neuen politischen Begriff, sondern führte auch einen Bruch herbei, der in der französischen und internationalen Öffentlichkeit negativ aufgenommen wurde.Dieter Gosewinkel: Die Illusion der europäischen Kollaboration. Marschall Pétain und der Entschluss zur Zusammenarbeit mit dem nationalsozialistischen Deutschland 1940. In: Themenportal Europäische Geschichte (2007) (aufgerufen 13. November 2013); Detlev Zimmermann: Philippe Pétain (1856–1951). In: Günther Fuchs, Udo Scholze, Detlev Zimmermann: Werden und Vergehen einer Demokratie. Frankreichs Dritte Republik in neun Porträts. Leipzig 2004, S. 221; Henry Rousso: Vichy: Frankreich unter deutscher Besatzung 1940–1944. Beck, München 2009, ISBN 978-3-406-58454-1, S. 47. Hitler gab schließlich den Plan auf, Großbritannien aus dem Mittelmeerraum (Gibraltar, Malta, Ägypten) zu verdrängen. Seiner Ansicht nach waren die gravierenden Interessengegensätze zwischen Spanien, Frankreich und Italien im Mittelmeerraum nicht zu überwinden, sodass eine darauf ausgerichtete Strategie gegen Großbritannien nicht von großem Nutzen sein würde, diesen Gegner zu besiegen und derart die USA von einem möglichen Kriegseintritt im Jahr 1941 abzuhalten.Ian Kershaw: Wendepunkte. Schlüsselentscheidungen im Zweiten Weltkrieg. DVA, München 2008, S. 115. Für zwei weitere Optionen, einen strategischen Luftkrieg oder einen Belagerungskrieg gegen Großbritannien, fehlten die materiellen Voraussetzungen: eine Flotte schwerer Bomber beziehungsweise eine starke Marine. Die vierte Option, eine Invasion auf der britischen Insel, wurde von der Heeresführung favorisiert.Henrik Eberle: Hitlers Weltkriege. Wie der Gefreite zum Feldherrn wurde. Hoffmann und Campe, Hamburg 2014, S. 214. Hitler jedoch sah im Sieg über die Sowjetunion, den er aus weltanschaulichen und rassischen Gründen ohnehin anstrebte, den sichersten Weg für das Deutsche Reich, sich seitens der USA und Großbritanniens unangreifbar zu machen. Er und sein Regime hatten laut Ian Kershaw „1940 nur eine Wahl: weiterzuspielen und wie stets den kühnen Schritt nach vorn zu wagen“.Ian Kershaw: Wendepunkte. München 2008, S. 119. Der Diktator hatte nach dem Sieg über Frankreich den Gipfel seiner Popularität bei den Deutschen erreicht. Nach einem Ausspruch von Generaloberst Wilhelm Keitel stilisierte ihn die NS-Propaganda zum „größten Feldherrn aller Zeiten“,Nach Stalingrad (1943) verwendeten deutsche Soldaten und Zivilisten die Abkürzung „Gröfaz“ im Flüsterwitz als ironische Anspielung auf Hitlers militärische Niederlagen und auf die Abkürzungsmanie der Nationalsozialisten. Dazu Schmitz-Berning: Die Sprache des Nationalsozialismus. In: Zeitschrift für Deutsche Wortforschung 17 (1961), S. 83. dessen Genie die nun so genannte „Blitzkriegstrategie“ erfunden und die raschen Siege bewirkt habe. Auch Hitler selbst war von seinen militärischen Fähigkeiten überzeugt. Daher griff er, anders als etwa Stalin, immer wieder in operative Entscheidungen der Militärs ein und entmachtete zunehmend die Generalstäbe, speziell das Oberkommando des Heeres.Karl-Heinz Frieser: Blitzkrieg-Legende – Der Westfeldzug 1940. München 2005, S. 393, 409 f. . Zudem war er der Ansicht, ein Krieg gegen die Sowjetunion sei, verglichen mit dem Westfeldzug, ein „Sandkastenspiel“.Ian Kershaw: Hitler. 1936–1945. Stuttgart 2000, S. 413. Diese Geringschätzung des sowjetischen Militärpotentials teilte Hitler mit seinen Befehlshabern; denn das nachrichtendienstliche Wissen über die Sowjetarmee war gering.Vgl. Ian Kershaw: Hitler. 1936–1945. Stuttgart 2000, S. 417. All das sollte sich im Verlauf des Russlandfeldzugs als verhängnisvoll für die deutsche Kriegsführung erweisen. Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion Das Wirtschaftsministerium hatte Hitler 1940 informiert, dass die im Hitler-Stalin-Pakt vereinbarten sowjetischen Rohstofflieferungen, die Deutschland bereits kaum begleichen konnte,Uwe Klußmann: Drang zum Zuschlagen. In: Spiegel Geschichte 3/2010, S. 24. nicht ausreichen würden, um einen langen Krieg gegen Großbritannien und möglicherweise die USA zu führen. Seine Absicht, demnächst die Sowjetunion anzugreifen, wurde dadurch bestärkt und in führenden Kreisen von Wehrmacht, Großwirtschaft und Ministerialbürokratie von vielen geteilt.Vgl. Ian Kershaw: Wendepunkte. DVA, München 2008, S. 95. Hitlers Ziel war „ein blockadefestes Großimperium“ bis zum Ural und über den Kaukasus hinaus.Rolf-Dieter Müller: Hitler war kein Bismarck. In: Spiegel Geschichte 3/2010, S. 66. Am 21. Juli 1940 sagte Hitler in einer Besprechung mit Walther von Brauchitsch, sein militärisches Ziel sei es, so weit „russischen Boden in die Hand zu nehmen“, um feindliche Luftangriffe auf Berlin und das schlesische Industriegebiet verhindern zu können.Franz Halder, KTB 2, 22. Juli 1940, zit. n. Peter Longerich: Hitler. Biographie. München 2015, S. 733. Damit rechtfertigte er den Zweifrontenkrieg. Zehn Tage später erörterte er auf dem Berghof in einem Kreis der höchsten GeneraleWilhelm Keitel (Chef Oberkommando Wehrmacht), Alfred Jodl (Chef Wehrmachtführungsstab), Walther von Brauchitsch (Oberbefehlshaber Heer), Erich Raeder (Oberbefehlshaber Kriegsmarine), Franz Halder (Generalstabschef). den geplanten Feldzug gegen die Sowjetunion: Wenn Russland geschlagen sei, dann sei Englands letzte Hoffnung getilgt.Vgl. Antony Beevor: Der Zweite Weltkrieg. München 2014, S. 156. Als politische Ziele nannte er: „Ukraine, Weißrußland, Baltische Staaten an uns. Finnland bis ans Weiße Meer.“ Militärisch war eine Linie von Archangelsk im Norden längs der Wolga bis nach Astrachan an der Mündung derselben avisiert.Zusammenfassung in Halders KTB 2, 31. Juli 1940, zit. n. Peter Longerich: Hitler. Biographie. München 2015, S. 734. Am 12. und 13. November 1940 besuchte der sowjetische Außenminister Molotow Berlin. Auch dieses Treffen blieb ergebnislos, da die territorialen Interessen Deutschlands und der Sowjetunion nach Ansicht Hitlers nicht miteinander vereinbar waren.Ian Kershaw: Hitler. 1936–1945. Stuttgart 2000, S. 447 f. Danach war er mehr denn je davon überzeugt, dass die „Vernichtung“ der Sowjetunion in einem Blitzfeldzug der einzige Weg sei, den Krieg zu gewinnen.Ian Kershaw: Wendepunkte. München 2008, S. 112 f. und 116. Er wies daher Brauchitsch und Franz Halder am 5. Dezember 1940 an, das Heer für einen Angriff auf die Sowjetunion Ende Mai nächsten Jahres vorzubereiten. Am 18. Dezember 1940 gab er seine formelle Weisung für das „Unternehmen Barbarossa“ heraus, „vor Beendigung des Krieges gegen England Sowjetrussland in einem schnellen Feldzug niederzuwerfen.“Ian Kershaw: Wendepunkte. München 2008, S. 114. In den Folgemonaten erließ er den Kommissarbefehl und weitere Befehle, die sowjetischen Führungseliten im Gefolge der Front zu ermorden und Partisanenaktionen durch Vergeltungsakte an Zivilisten zu bekämpfen. Vor über 200 höheren Offizieren der Wehrmacht erklärte er am 30. März 1941 in der Neuen Reichskanzlei, der bevorstehende Krieg sei ein rassenideologischer Vernichtungskrieg und ohne Rücksicht auf kriegsvölkerrechtliche Normen zu führen. Die Befehlshaber müssten jegliche persönlichen Skrupel überwinden. Keiner der Anwesenden nahm den Anlass wahr, Hitlers Forderungen nachher noch einmal zur Erörterung zu stellen.Ian Kershaw: Hitler. 1936–1945. DVA, Stuttgart 2000, S. 472–474. Das OKW und das OKH gaben daraufhin entsprechende operative Befehle aus. Zudem sah die Blitzkriegsplanung vor, große Teile der sowjetischen Bevölkerung verhungern zu lassen. Überleben sollte nur, wer in den besetzten Gebieten für die Bereitstellung von Rohstoffen und Nahrungsmitteln benötigt wurde. Die übrigen galten als unnütze Esser, welche die deutsche Ernährungsbilanz belasteten (→ Hungerplan). Mit einmonatiger Verzögerung infolge des Balkanfeldzuges überfiel die Wehrmacht die Sowjetunion am 22. Juni 1941 auf Hitlers Befehl ohne offizielle Kriegserklärung. Goebbels verlas um 5.30 Uhr auf allen deutschen Radiosendern eine längst vorbereitete Proklamation Hitlers. Zugleich wurde ein inhaltlich identischer Tagesbefehl an die „Soldaten der Ostfront“ erlassen. Das Auswärtige Amt übermittelte in den frühen Morgenstunden eine Note an die Sowjetunion, die Gründe für die angeblichen „militärischen Gegenmaßnahmen“ mitteilte. Auf Hitlers ausdrücklichen Befehl wurde das Wort „Kriegserklärung“ dabei vermieden, obwohl es de facto nichts anderes als eine Kriegserklärung war. Alle diese Dokumente hatten propagandistischen Charakter und enthielten im Kern die Behauptung, Deutschland sei lediglich sowjetischen Aggressionsplänen zuvorgekommen.Wolfram Wette: Die propagandistische Begleitmusik zum deutschen Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941. In: Gerd R. Ueberschär, Wolfram Wette (Hrsg.): „Unternehmen Barbarossa“: Der deutsche Überfall auf die Sowjetunion 1941: Berichte, Analysen, Dokumente. Schöningh, Paderborn 1984, S. 116–119, zit. S. 118. Hitler wurde als Retter des Abendlandes vor „asiatischer Barbarei“ und kulturzerstörendem „(jüdischem) Bolschewismus“ ausgegeben. An dieser Präventivkriegsthese hielten viele Generäle der Wehrmacht weit über 1945 hinaus fest. Dagegen betonen Historiker Hitlers Absichten, die er 1927 im zweiten Band von Mein Kampf dargelegt und seit 1933 wiederholt bekräftigt hatte: Er wollte die Sowjetunion zur „Erweiterung des Lebensraumes bzw. der Rohstoff- und Ernährungsbasis“ der Deutschen erobern, das fiktive, dort angeblich herrschende Weltjudentum vollständig vernichtenKarl Lange: Der Terminus „Lebensraum“ in Hitlers „Mein Kampf“. In: VfZ, 13/1965, Heft 4, S. 427 (PDF; 679 kB). und die Bevölkerung der eroberten Gebiete entweder als Sklavenarbeiter ausbeuten oder ebenfalls vernichten. Während der Leningrader Blockade von September 1941 bis Januar 1944 verhungerten im damaligen Leningrad gemäß dem deutschen „Hungerplan“ etwa 1,1 Millionen Menschen.Vgl. Jörg Ganzenmüller: Das belagerte Leningrad. Die Stadt in den Strategien von Angreifern und Verteidigern. Paderborn 2005, S. 20. Trotz siegreicher Kesselschlachten war der Plan Barbarossa bereits im August 1941 gescheitert, weil aus den Kesselschlachten große Teile des Gegners entkamen und sich neu formierten, der Überraschungseffekt abflaute, die deutschen Verluste zunahmen und Hitlers „Zickzack der Anordnungen“ zur Schwerpunktbildung bei der Heeresgruppe Mitte und der Heeresgruppe Süd sich häufte.Rolf-Dieter Müller: Der Feind steht im Osten. Hitlers geheime Pläne für einen Krieg gegen die Sowjetunion im Jahr 1939. Christoph Links, Berlin 2013, S. 240, 244, 245, 247, 248 f. Der deutsche Vormarsch geriet seit Oktober 1941 ins Stocken. Die Sowjetunion konnte einen Großteil ihrer Rüstungsproduktion östlich des Urals fortsetzen und neue Divisionen an ihre Westfront führen. Sie war grob fahrlässig unterschätzt worden, und die deutsche Logistik für die Eroberung eines so großen Landes war unzureichend.Vgl. Ian Kershaw: Höllensturz. Europa 1914 bis 1949. DVA, München 2016, S. 480. Bei einer Konferenz in Berlin am 29. November 1941 berichtete Walter Rohland Hitler und dem OKW von der Überlegenheit der sowjetischen Panzerproduktion. Nach seinen Angaben sagte Rüstungsminister Fritz Todt dabei im kleinen Kreis: „Dieser Krieg ist militärisch nicht mehr zu gewinnen!“ Hitler habe gefragt, wie er ihn beenden solle, und eine politische Lösung als kaum möglich ausgeschlossen.Walther Rohland: Bewegte Zeiten. Erinnerungen eines Eisenhüttenmannes. Stuttgart 1978, S. 78; zitiert nach Ian Kershaw: Hitler. 1936–1945. Stuttgart 2000, S. 593. Der Angriff auf Moskau (Beginn 2. Oktober) war ein letzter improvisierter Versuch Hitlers, die Niederlage der Sowjetunion vor dem Winter zu erzwingen. Aber ab Mitte Oktober ließen heftige Regenfälle und später strenger Frost (−22 °C) alle Operationen zum Stillstand kommen. Die Ausrüstung der deutschen Armee für den Winterkrieg und der Nachschub für die Heeresgruppe Mitte waren völlig unzureichend.Ian Kershaw: Hitler. 1936–1945. DVA, Stuttgart 2000, S. 563, 585 und 588. Trotzdem beharrte Hitler auf der Meinung, die Rote Armee befinde sich kurz vor dem Zusammenbruch, und wollte Moskau belagern und aushungern lassen. Am 5. Dezember musste der Vormarsch wegen arktischer Temperaturen von minus 40 bis 50 Grad Celsius und des mangelnden Nachschubs an Waffen, Verpflegung und Winterausrüstung 20 km vor Moskau eingestellt werden. Am Tag darauf begann der sowjetische Gegenangriff mit 100 Divisionen, unter ihnen frische, für den Winterkrieg ausgerüstete Einheiten aus Fernost, der die Heeresgruppe Mitte zum Rückzug zwang.Ian Kershaw: Hitler. 1936–1945. DVA, Stuttgart 2000, S. 594. Der Rückzug drohte in eine heillose Flucht umzuschlagen. In dieser gefährlichen Situation verbot Hitler am 15. und am 19. Dezember 1941 jeden weiteren Rückzug und erlaubte „nur dort eine Ausweichbewegung […], wo weiter rückwärts eine Stellung vorbereitet ist“.Hitlers Weisung vom 19. Dezember 1941, zitiert nach Ian Kershaw: Hitler. 1936–1945. DVA, Stuttgart 2000, S. 608. Dieser Befehl trug „möglicherweise und vorübergehend zur Vermeidung einer Katastrophe von napoleonischen Ausmaßen bei“.Ian Kershaw: Hitler. 1936–1945. DVA, Stuttgart 2000, S. 612 und ebda. Fn. 392. Hitler übernahm selbst den Oberbefehl über das Heer von Walther von Brauchitsch und war überzeugt: „Das bißchen Operationsführung kann jeder machen.“Franz Halder (1949), zitiert nach Ian Kershaw: Hitler. 1936–1945. Stuttgart 2000, S. 607, Fn. 372. Aber wäre Hitler flexibler gewesen, wäre die Ostfront bis Ende Januar 1942 wahrscheinlich mit weniger Verlusten an Menschenleben konsolidiert worden.Ian Kershaw: Hitler. 1936–1945. DVA, Stuttgart 2000, S. 612. Die deutschen Verluste in der Schlacht um Moskau, 581.000 Soldaten, waren größer als die in Stalingrad und bei Kursk im folgenden Jahr. Die Sowjetunion verlor 1,8 Millionen Soldaten. Vor Moskau wandte das Ostheer erstmals das Prinzip der „verbrannten Erde“ zur Deckung des Rückzugs an, das sowjetische Zivilisten und Kriegsgefangene im Rückzugsgebiet massenhaft dem Hunger- oder Kältetod preisgab. Nicht alle Befehle dazu stammten von Hitler oder Keitel, sollten aber „dem Führer entgegenarbeiten“.Ian Kershaw: Hitler. 1936–1945. DVA, Stuttgart 2000, S. 474. Die Niederlage vor Moskau gilt als Zäsur des Weltkriegs, weil sie die Serie der deutschen Blitzkriege beendete.Gerd R. Ueberschär: Das Scheitern des „Unternehmens Barbarossa“. In: Gerd R. Ueberschär, Wolfram Wette: Der deutsche Überfall auf die Sowjetunion: „Unternehmen Barbarossa“ 1941. Frankfurt am Main 2011, S. 120. Hitler erkannte dies laut Jodl sofort.Andreas Hillgruber: Der Zweite Weltkrieg 1939–1945. Kriegsziele und Strategie der Großen Mächte. Stuttgart 1989, S. 81. Der Deutsch-Sowjetische Krieg „war genau der Krieg, den Hitler seit den zwanziger Jahren gewollt hatte“.Ian Kershaw: Hitler. 1936–1945. Stuttgart 2000, S. 512. Als bisher verlustreichster Krieg der Menschheitsgeschichte kostete er etwa 28 Millionen Sowjetbürgern das Leben, darunter 15,2 Millionen Zivilisten.Christian Hartmann: Unternehmen Barbarossa. Der deutsche Krieg im Osten 1941–1945. Beck, München 2011, S. 115 f. Mindestens 4,2 Millionen Menschen starben hungers, unter ihnen 2,5 MillionenTimothy Snyder: Bloodlands: Europa zwischen Hitler und Stalin. Beck, München 2011, S. 419, 196. der 3,3 Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen, die im deutschen Gewahrsam an Unterernährung, Krankheiten oder Misshandlungen starben oder erschossen wurden.Christian Streit: Keine Kameraden: Die Wehrmacht und die sowjetischen Kriegsgefangenen 1941–1945. Bonn 1997, S. 10, 244 f. Holocaust Der Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion und die Eskalation zum Holocaust gingen Hand in Hand. Die vier Einsatzgruppen der SS sollten nach Heydrichs Instruktion vom 2. Juli 1941 kommunistische Funktionäre, „radikale Elemente“ (Partisanen) sowie „alle Juden in Partei- und Staatsstellungen“ erschießen. Bald wurden unterschiedslos alle auffindbaren Juden als angebliche Partisanen ermordet – zunächst überwiegend Männer, dann auch jüdische Frauen und Kinder.Ian Kershaw: Hitler. 1889–1945. Stuttgart 2009, S. 619 u. 624; Dieter Pohl: Verfolgung und Massenmord in der NS-Zeit 1933–1945. Darmstadt 2003, S. 70 f., 75–79. Am 16. Juli 1941 begrüßte Hitler gegenüber ranghohen NS-Funktionären den sowjetischen Partisanenkrieg: „… er gibt uns die Möglichkeit, auszurotten, was sich gegen uns stellt.“Saul Friedländer: Das Dritte Reich und die Juden: 1933–1945. 2010, S. 256. Er übertrug Himmler für diese Mordaufgabe die Führung über SS, Polizei und SD im Osten.Ian Kershaw: Wendepunkte. München 2008, S. 570. Himmler verstärkte die Einsatzgruppen sofort von 3.000 auf 33.000 Mann. Hitler ließ sich seit 1. August laufend über ihre Ergebnisse berichten. In den ersten fünf Monaten des Ostfeldzugs ermordeten sie ungefähr 500.000 Juden.Heinrich August Winkler: Geschichte des Westens. München 2011, S. 960. Am 19. August folgte Hitler dem Vorschlag von Goebbels, nach den polnischen die deutschen Juden zum Tragen des Judensterns zu zwingen. Etwa am 17. September 1941 erlaubte er auf Drängen vieler Gauleiter, die Deportation der deutschen Juden nach Osten einzuleiten, die er bislang erst nach dem Sieg über die Sowjetunion beginnen lassen wollte. Damit reagierte er auf Alfred Rosenbergs Vorschlag, sich so an Stalins Deportation der Wolgadeutschen zu rächen.Michael Wildt: Geschichte des Nationalsozialismus. Stuttgart 2007, S. 168, . Am 25. Oktober kam Hitler vor Vertrauten auf seine Ankündigung vom 30. Januar 1939 zurück, die Juden im Fall eines neuen Weltkriegs als Vergeltung für die deutschen Kriegsopfer zu vernichten: „Diese Verbrecherrasse hat die zwei Millionen Toten des Weltkrieges auf dem Gewissen, jetzt wieder Hunderttausende. Sage mir keiner: Wir können sie doch nicht in den Morast schicken! […] Es ist gut, wenn uns der Schrecken vorangeht, daß wir das Judentum ausrotten.“Zitiert bei Saul Friedländer: Das Dritte Reich und die Juden. Band 2: Die Jahre der Vernichtung 1939–1945. München 2006, S. 301, . Am 12. Dezember 1941, dem Tag nach seiner Kriegserklärung an die USA, sagte Hitler nach Goebbels’ Notizen zu den in die Neue Reichskanzlei geladenen Gau- und Reichsleitern: „Der Weltkrieg ist da, die Vernichtung des Judentums muss die notwendige Folge sein.“ Die Juden müssten die Opfer unter deutschen Soldaten im „Ostfeldzug“ mit ihrem Leben bezahlen.Joseph Goebbels: Die Tagebücher. Teil 2, Bd. 2, S. 498 (Eintrag vom 13. Dezember 1941). Zitiert bei Heiko Heinisch: Hitlers Geiseln: Hegemonialpläne und der Holocaust. Passagen, Wien 2005, ISBN 3-85165-662-8, S. 190. Die Anwesenden, darunter Hans Frank, verstanden Hitlers Aussage als Aufforderung, die europäischen Juden nicht mehr abzuschieben, sondern im besetzten Polen zu ermorden und nach geeigneten Methoden dafür zu suchen.Heinrich August Winkler: Der lange Weg nach Westen. Band 2: Deutsche Geschichte vom „Dritten Reich“ bis zur Wiedervereinigung. Beck, München 2010, ISBN 3-406-46002-X, S. 93, ; Barbara Schwindt: Das Konzentrations- und Vernichtungslager Majdanek: Funktionswandel im Kontext der „Endlösung“. 2005, S. 46, . Am 18. Dezember 1941 notierte Himmler in seinen Dienstkalender, Hitler habe auf sein Nachfragen das bisherige Vorgehen der Einsatzgruppen bestätigt und befohlen: „Judenfrage / als Partisanen auszurotten“.Peter Witte u. a. (Hrsg.): Der Dienstkalender Heinrich Himmlers 1941/42. Hans Christians, Hamburg 1999, S. 3. Hitler hatte Görings Auftrag an Reinhard Heydrich vom 31. Juli 1941 zur „Gesamtlösung der Judenfrage“ autorisiert und ordnete auch die Wannseekonferenz vom 20. Januar 1942 an, auf der Heydrich seinen Auftrag erläuterte: 11 Millionen europäische Juden sollten nach Osten deportiert werden, angestrebt sei ihre „natürliche Verminderung“ durch Sklavenarbeit sowie „entsprechende Behandlung“ der Überlebenden. Damit umschrieb er die Ausrottungsabsicht in der Tarnsprache des NS-Regimes.Raimond Reiter: Hitlers Geheimpolitik. Peter Lang, 2008, ISBN 3-631-58146-7, S. 81, . Für die „Räumung“ von bereits überfüllten Judenghettos für nachfolgende Deportierte wurden seit März 1942 im besetzten Polen drei Vernichtungslager in Betrieb genommen. Damit begann auch die Ermordung der Deportierten sofort bei ihrer Ankunft und durch Gaskammern. Davon waren Juden und Roma betroffen.Hans Mommsen: Der Wendepunkt zur „Endlösung“. Die Eskalation des nationalsozialistischen Judenverfolgung. In: Jürgen Matthäus, Klaus-Michael Mallmann (Hrsg.): Deutsche, Juden, Völkermord. Der Holocaust als Geschichte und Gegenwart. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2006, S. 63–66. mini|Ankunft von Juden aus Ungarn im KZ Auschwitz, Mai 1944 Ein schriftlicher Holocaustbefehl Hitlers wurde nicht gefunden und gilt als unwahrscheinlich.Ian Kershaw: Wendepunkte. München 2008, S. 548. Seine Aussage vom 12. Dezember 1941 deuten manche Historiker als Entscheidung, die Judenmorde auf ganz Europa auszuweiten, oder zumindest als wichtigen Eskalationsschritt des Holocaust. Diesen habe Hitler jedoch nicht allein eingeleitet und nicht an einem einzigen Datum befohlen.Christian Gerlach: Die Wannsee-Konferenz, das Schicksal der deutschen Juden und Hitlers politische Grundsatzentscheidung, alle Juden Europas zu ermorden. In: Derselbe: Krieg, Ernährung, Völkermord. Deutsche Vernichtungspolitik im Zweiten Weltkrieg. Pendo, Zürich/München 2001, ISBN 3-85842-404-8, S. 160 f.; Dieter Pohl: Holocaust. Die Ursachen, das Geschehen, die Folgen. Herder, 2. Auflage, Freiburg 2000, ISBN 3-451-04835-3, S. 60; Peter Longerich: Der ungeschriebene Befehl: Hitler und der Weg zur „Endlösung“. Piper, München/Zürich 2001, ISBN 3-492-04295-3, S. 140 f.; Ian Kershaw: Hitler. 1889–1945. 2009, S. 640. Zeitzeugen belegten mündliche Befehle Hitlers zur Durchführung von Judenmorden. So berief sich Staatssekretär Wilhelm Stuckart Ende Dezember 1941 – also wenige Wochen vor der Wannseekonferenz zur systematischen Vernichtung der Juden –, als er wegen Anordnungen zu Judenmorden entlassen werden sollte, erfolgreich auf einen Führerbefehl. Heinrich Himmler sprach in Briefen und Reden an Untergebene wie den Posener Reden von 1943 wiederholt von Hitlers ihm auferlegten Befehl zur „Endlösung“ und hielt besondere Anweisungen Hitlers dazu in seinen Privatnotizen fest. Hitler selbst erklärte seit Januar 1942 öffentlich mehrfach, dass sich seine „Prophezeiung“ vom Januar 1939 nun „erfülle“. Folgerichtig bezeichnete Goebbels ihn in einem Tagebucheintrag vom 27. März 1942 als „unentwegten Vorkämpfer und Wortführer einer radikalen Lösung“ der „Judenfrage“.Ian Kershaw: Wendepunkte. München 2008, S. 549. Hitler ließ sich am 7. Oktober 1942 persönlich von Odilo Globocnik über die Judenmorde in vier Vernichtungslagern unterrichten und im März 1943 den Korherr-Bericht über die Ermordung (umschrieben als „Evakuierung“ und „Sonderbehandlung“) von bis dahin 2,5 (tatsächlich über drei) Millionen Juden vorlegen. Auch die Tarnsprache ordnete er an. NS-Täter wie Rudolf Höß und Adolf Eichmann haben nach Kriegsende einen Befehl Hitlers vom Sommer oder Herbst 1941 zur Ausrottung der Juden bezeugt.Saul Friedländer: Nachdenken über den Holocaust. München 2007, . Auf dem Höhepunkt der Schlacht um Stalingrad erinnerte Hitler am 8. November 1942 im Münchener Löwenbräukeller zum vierten Mal in jenem Jahr an seine „Prophezeiung“ über die Juden, als er gerade alle Kompromisse und Friedensangebote an äußere Feinde ausgeschlossen hatte. Das Ergebnis des „internationalen Weltkrieg“[s] werde „die Ausrottung des Judentums in Europa sein“.Ian Kershaw: Hitler. 1936–1945. DVA, Stuttgart 2000, S. 709. Weiterer Kriegsverlauf mini|400px|Reichstagsrede Hitlers zur Kriegserklärung an die Vereinigten Staaten, Krolloper Berlin, 11. Dezember 1941 Am 7. Dezember 1941 griff das mit Deutschland verbündete Kaiserreich Japan den US-Flottenstützpunkt Pearl Harbor an und zog damit die USA in den Zweiten Weltkrieg. Hitler, nicht über den Zeitpunkt des japanischen Angriffs informiert, begrüßte den Angriff euphorisch: Nun könne Deutschland den Krieg nicht mehr verlieren.Ian Kershaw: Hitler. 1936–1945. Stuttgart 2000, S. 595. Im Reichstag erklärte er am 11. Dezember 1941 den USA den Krieg, ohne dass der Dreimächtepakt ihn dazu verpflichtete, ohne vorher seine Generäle zu konsultieren und ohne die militärstrategischen und wirtschaftlichen Folgen für die eigene Kriegführung kalkulieren zu lassen.Henrik Eberle, Matthias Uhl (Hrsg.): Das Buch Hitler. Bergisch Gladbach 2005, S. 157, Fn. 151. Historiker nehmen verschiedene Gründe dafür an: Hitler habe für 1942 ohnehin mit dem Eingreifen der USA gerechnet und ihre seit dem Leih- und Pachtgesetz begonnenen Rüstungslieferungen an Großbritannien und die Sowjetunion als Kriegseintritt gewertet. Er habe ihre Kriegserklärung nicht abwarten wollen, um ein Zeichen der Stärke zu setzen. Er habe immer noch mit dem baldigen Sieg über die Sowjetunion gerechnet und einen „Weltblitzkrieg“ mit dem Ziel deutscher Weltherrschaft führen wollen. Er habe Einzelsiege der USA gegen die Achsenmächte und etwaige bilaterale Friedensverhandlungen von vornherein ausschließen wollen. Er habe die Möglichkeit eines U-Boot-Krieges im Atlantik gegen US-Schiffe eröffnen wollen.Überblick bei Ian Kershaw: Der NS-Staat. Geschichtsinterpretationen und Kontroversen im Überblick. 4. Auflage, Rowohlt, 1999, ISBN 3-499-60796-4, S. 237–245. Hitler versuchte, die Entwicklung im Pazifik als vorteilhaft darzustellen. Denn der Krieg im Pazifik werde die USA veranlassen, ihre Waffenlieferungen an Großbritannien zu reduzieren. Deutschland werde also genügend Zeit gewinnen, um vor einem amerikanischen Eingreifen in Europa den Kontinent vollständig unter Kontrolle gebracht zu haben.Vgl. Peter Longerich: Hitler. Biographie. Siedler, München 2015, S. 827 (Reichstagsrede, 11. Dezember 1941). Im Krieg wurde Hitler zu einem Workaholic, der vor allem mit Details beschäftigt war, ohne sich erholen zu können, umgeben von der immer gleichen, wenig inspirierenden Entourage. Nächte mit wenig Schlaf und tägliche lange Besprechungen mit führenden Militärs folgten aufeinander – eine Lebensweise, die er nur durch die Einnahme immer stärkerer Medikamente durchhalten konnte. Sein Arbeitsstil war Folge der extrem personalisierten Herrschaft und seiner Unfähigkeit, Autorität zu delegieren. Seine egomanische Überzeugung, nur er könne den Sieg gewährleisten, verstärkte sein Misstrauen gegen seine Generäle und vermehrte seine cholerischen Wutausbrüche. Dies zerstörte seit 1940 die geregelte Arbeit der Regierung und des militärischen Kommandos, was mit Hitlers Übernahme der Heeresführung in der Winterkrise 1941 deutlich wurde. Bei Angelegenheiten, welche die Heimatfront betrafen, beanspruchte er kompromisslos die Autorität, intervenierte aber nur sporadisch und unsystematisch, um Untätigkeit zu verschleiern.Ian Kershaw: Hitler. 1936–1945. Stuttgart 2000, S. 793–796. Anfang 1943 verlor die Wehrmacht mit ihren bislang höchsten Verlusten die Schlacht von Stalingrad. Diese Niederlage gilt als Wendepunkt des Zweiten Weltkriegs. Hitler war dafür persönlich verantwortlich, da er dem Oberbefehlshaber der 6. Armee General der Panzertruppe Friedrich Paulus den Rückzug aus Stalingrad verboten hatte, solange dies noch operativ möglich gewesen war, ohne die Heeresgruppe A, die bis zum Kaukasus vorgestoßen war, zu gefährden. Hitler selbst äußerte danach, dass der Krieg nicht mehr zu gewinnen sei.Dieter Salewski: Die Abwehr der Invasion als Schlüssel zum „Endsieg“? In: Rolf-Dieter Müller, Hans-Erich Volkmann (Hrsg.): Die Wehrmacht. Mythos und Realität. Oldenbourg, München 1999, ISBN 3-486-56383-1, S. 211. Das Deutsche Afrikakorps (DAK) verlor die zweite Schlacht von El-Alamein, und Rommel befahl am 4. November 1942 gegen Hitlers Befehl wegen erdrückender Übermacht der Briten den Rückzug. In Tunesien wurde das DAK von britischen und inzwischen eingetroffenen US-Truppen in die Zange genommen („Operation Torch“). Rommels Bitte vom März 1943, Tunesien räumen und seine Truppen nach Sizilien zurückziehen zu dürfen, lehnte Hitler strikt ab und berief Rommel aus Nordafrika ab. Am 12. Mai 1943 kapitulierten 150.000 deutsche und 100.000 italienische Soldaten bei und in Tunis. Diese Niederlage deuteten viele Deutsche als „zweites Stalingrad“ oder „Tunisgrad“.Alexander Lüdeke: Der Zweite Weltkrieg. Ursachen, Ausbruch, Verlauf, Folgen. Berlin 2007, ISBN 978-1-4054-8585-2, S. 105. mini|hochkant=1.3|Hitler spricht beim Staatsakt zum umgedeuteten „Heldengedenktag“ (heute wieder Volkstrauertag) der gefallenen Soldaten in Berlin, 21. März 1943 Anfang April 1943 traf Hitler Mussolini im Schloss Kleßheim bei Salzburg und lehnte dessen Eintreten für einen Kompromissfrieden im Osten kategorisch ab. Mit langen Monologen über die preußische Geschichte versuchte er, Mussolini zur Fortsetzung des Krieges zu bewegen.Ian Kershaw: Hitler. 1936–1945. Stuttgart 2000, S. 756 f. Auch die verbündeten Machthaber von Bulgarien, Rumänien, Ungarn, Norwegen, der Slowakei, Kroatien und Frankreich traf er bis Ende April in Kleßheim, um ihren Widerstandswillen durch Schmeichelei, gutes Zureden und kaum verhüllte Drohungen zu stärken.Ian Kershaw: Hitler. 1936–1945. Stuttgart 2000, S. 757. Mit Hilfe eigens angefertigter Karten des OKW, auf denen der Frontverlauf im Osten falsch eingetragen und die Kräfte des Gegners sowie die eigenen nicht erkennbar waren, beschönigte er die Lage.Henrik Eberle, Matthias Uhl (Hrsg.): Das Buch Hitler. Bergisch Gladbach 2005, S. 211 f. Anfang 1944 erlangten die alliierten Bomber- und Jagdverbände allmählich die Luftüberlegenheit und zerstörten neben den wichtigen Rüstungsbetrieben auch viele große und mittlere deutsche Städte durch Flächenbombardements. Trotzdem ließ Hitler weiterhin Bomber statt vermehrt Jagdflugzeuge zur Bekämpfung dieser Angriffe bauen. Nach der „Operation Gomorrha“ gegen Hamburg im Juli 1943, bei der über 30.000 Menschen im Feuersturm umkamen, weigerte er sich, die zu mehr als 50 Prozent zerstörte Stadt zu besuchen, empfing keine Delegation der Rettungsdienste und hielt keine Rundfunkrede.Ian Kershaw: Hitler. 1936–1945. Stuttgart 2000, S. 777 f. Nach drei Großangriffen auf Berlin im August und September 1943 notierte Goebbels in sein Tagebuch, dass man „vor allem beklagt, daß bezüglich des Luftkriegs von seiten des Führers kein erklärendes Wort gesprochen wird“.Eintragung vom 1. September 1943, zitiert nach Peter Longerich: Goebbels. Biographie. Siedler, München 2010, S. 593. Hitlers strategische Fehlentscheidungen begünstigten die „Operation Overlord“ am 6. Juni 1944. So hatte er zwar zunächst die Normandie als Invasionsgebiet angenommen, sich jedoch von seinem Stab wieder davon abbringen lassen und glaubte noch am 13. Juni an ein Täuschungsmanöver. Er verbot, Truppen von anderen Küstenabschnitten abzuziehen,Alexander Lüdeke: Der Zweite Weltkrieg. Ursachen, Ausbruch, Verlauf, Folgen. Berlin 2007, S. 199. und vermutete eine Landung am Pas-de-Calais. Die deutschen Truppen in der Normandie wurden an unerwarteter Stelle überrascht. Von Rundstedt, der Oberbefehlshaber West, hatte am frühen Morgen um die Freigabe zweier bei Paris stationierter Panzerdivisionen gebeten. Alfred Jodl lehnte das ab. Erst gegen Mittag stimmte Hitler dem verspäteten Einsatz dieser Reserve gegen den 150 Kilometer entfernten alliierten Brückenkopf zu. Seine Adjutanten hatten bis etwa 10 Uhr gezögert, Hitler zu wecken, da er erst gegen drei Uhr morgens zu Bett gegangen war. „Diese Verzögerung war entscheidend.“Vgl. Ian Kershaw: Hitler. 1936–1945. Stuttgart 2000, S. 844 f. Als alliierte Truppen im August 1944 auf Paris vorrückten, befahl Hitler, die Stadt bis zum letzten Mann zu verteidigen bzw. als zerstörte Stadt zurückzulassen.Art. Choltitz, Dietrich von. In: Goldmann Lexikon, Band 4, S. 1806. Der deutsche Stadtkommandant Dietrich von Choltitz ignorierte Hitlers Befehl zum Widerstand, erklärte Paris zur offenen Stadt und übergab es am 25. August 1944 kampflos und nahezu unversehrt an den französischen Generalmajor Philippe Leclerc de Hauteclocque. Weil Hitler merkte, dass er das Vertrauen der Deutschen verloren hatte und ihnen keine Triumphe mehr verkünden konnte, redete er 1944 nicht mehr öffentlichIan Kershaw: Hitler. 1936–1945. Stuttgart 2000, S. 797. Dieses (Flucht-)Verhalten hatte der Harvard-Psychoanalytiker Walter C. Langer 1943 vorhergesagt. und nur dreimal (am 30. Januar, 21. Juli und 31. Dezember) im Rundfunk.Ian Kershaw: Hitler. 1936–1945. Stuttgart 2000, S. 797. Die Silvesteransprache dokumentiert das Deutsche Historische Museum aus dem Deutschen Rundfunkarchiv: Adolf Hitler: Silvesteransprache 31. Dezember 1944. In: LeMO, abgerufen am 8. August 2012. Sein Gesundheitszustand verschlechterte sich rasch. Wahrscheinlich litt er an der Parkinson-Krankheit, die seine politisch-militärische Entscheidungsfähigkeit wohl kaum beeinflusste.Ellen Gibbels: Hitlers Parkinson-Krankheit: zur Frage eines hirnorganischen Psychosyndroms. Springer, Wiesbaden 1990, ISBN 3-540-52399-5, S. 93. Der „Verfall“ lasse sich gemäß Thamer deutlich an seiner zunehmend unleserlichen Unterschrift ablesen. Seit 1943 benutzte er einen Unterschriftenautomaten. Einzig seine Testamente vom April 1945 (siehe Hauptartikel: Politisches Testament Adolf Hitlers und Private Testamente Adolf Hitlers) unterzeichnete er noch eigenhändig, brachte aber, wie der Historiker Hans-Ulrich Thamer bemerkt, nur „Gekleckse“ zustande.Hans-Ulrich Thamer: Verführung und Gewalt. Deutschland 1933–1945. Siedler, Berlin 1994, S. 766 f. Trotz fortwährender Niederlagen, immenser Opfer, gewaltiger Zerstörungen und des Wissens um die unvermeidbare deutsche Niederlage ließ Hitler den Krieg fortsetzen. Seine Eingriffe in die Kriegführung, etwa das Verbot, gefährdete Truppenteile frühzeitig zurückzuziehen (→ Fester Platz), bewirkten massive Verluste auf Seiten der Wehrmacht. In einer von zahlreichen Illusionen bestimmten Gesamtbeurteilung hatte Hitler schon Mitte August 1944 erwogen, gegen die Westalliierten einen empfindlichen militärischen Schlag zu führen, der den Zusammenbruch der Anti-Hitler-Koalition bewirken sollte. Vier Tage vor Beginn der Ardennenoffensive sagte er zu seinen Kommandeuren, dass der Feind, „ganz gleich, was er auch tut, nie auf eine Kapitulation rechnen kann, niemals, niemals“; dieser werde schließlich „eines Tages einen Zusammenbruch seiner Nervenkräfte erleben“.Ian Kershaw: Das Ende. Kampf bis in den Untergang. NS-Deutschland 1944/45. München 2011, S. 193 f. Die ersten Vorbereitungen für die Offensive liefen, unter größter Geheimhaltung, im Spätsommer 1944 an. Hauptziel der Offensive war die Hafenstadt Antwerpen, für den Nachschub der Alliierten von großer Bedeutung. Sie begann am 16. Dezember 1944 und musste bereits Anfang 1945 abgebrochen werden. Hitler trug dennoch weiter öffentlich höchste Zuversicht zur Schau und feuerte Menschen in seiner Umgebung an. Gegenüber Nicolaus von Below gab er jedoch zu, der Krieg sei verloren. Das führte er wie üblich auf Verrat und Versagen anderer zurück. Er strebte jetzt nur noch seinen Platz in der Geschichte an: „Wir kapitulieren nicht, niemals. Wir können untergehen. Aber wir werden eine Welt mitnehmen.“Nicolaus von Below: Als Hitlers Adjutant 1937–45. Mainz 1980, S. 398; zitiert nach Ian Kershaw: Das Ende. Kampf bis in den Untergang. NS-Deutschland 1944/45. München 2011, S. 242. Dabei machte Hitler vor dem eigenen Volk nicht halt. Der Terror kehrte heim ins Reich:Bormanns Verordnung über die Einrichtung von Standgerichten, 15. Februar 1945, zitiert nach Ian Kershaw: Das Ende. Kampf bis in den Untergang. NS-Deutschland 1944/45. München 2011, S. 299. mini|Graffito im von amerikanischen Alliierten befreiten Konzentrationslager Buchenwald im April 1945: „Hitler muss sterben, damit Deutschland lebt“. Davor befindet sich eine gehängte Hitler-Puppe. Am 7. März erreichten US-Soldaten die unzerstörte Brücke von Remagen südlich des Ruhrgebiets. Hitler ließ ein „Fliegendes Standgericht“ an die Westfront entsenden, das fünf Offiziere der Brückenmannschaft von Remagen am 9. März zum Tode verurteilte.Andreas Kunz: Wehrmacht und Niederlage. Die bewaffnete Macht in der Endphase der nationalsozialistischen Herrschaft 1944–1945. München 2005, ISBN 3-486-57673-9, S. 279. Am 23. März begann die Rheinüberquerung nördlich des Ruhrgebiets bei Wesel durch britische Truppen. Damit war der Krieg im Westen endgültig verloren, aber Hitler weigerte sich, zu kapitulieren. Er sah nur noch in einem „Kampf bis zum Letzten“ Sinn, um so wenigstens von zukünftigen Generationen geachtet zu werden.Ian Kershaw: Adolf Hitler. 1936–1945. Stuttgart 2000, S. 975 f. Seit Anfang seiner politischen Karriere dachte Hitler in extremen Alternativen: Deutschland werde siegen oder untergehen. Je unwahrscheinlicher ein Sieg wurde, desto totaler sollte die deutsche Niederlage sein.Ian Kershaw: Das Ende. Kampf bis in den Untergang. NS-Deutschland 1944/45. München 2011, S. 399. Gegenüber Speer erklärte er am 18. März 1945, es sei nicht notwendig, Rücksicht auf die Grundlagen zu nehmen, die das Volk zu seinem primitivsten Weiterleben brauche. Es sei besser, selbst diese Dinge zu zerstören. Das Volk habe sich als das schwächere erwiesen, und die Zukunft gehöre ausschließlich dem stärkeren „Ostvolk“. Am 19. März befahl Hitler durch Führererlass (später „Nerobefehl“ genannt) die Zerstörung aller Infrastrukturen beim Rückzug des Heeres. Er beauftragte Speer und die Gauleiter, die Zerstörungen durchzuführen, erfuhr aber, dass Speer seinen Befehl sabotiere. Dieser bestritt dies. Goebbels sah darin Hitlers Autorität schwinden.Ian Kershaw: Das Ende. Kampf bis in den Untergang. NS-Deutschland 1944/45. München 2011, S. 404–406. Widerstand gegen Hitler Zwischen 1933 und 1945 leisteten Einzelpersonen, Gruppen und Organisationen aus verschiedenen Gründen Widerstand gegen Hitlers Regime. Nur wenige lehnten von vornherein seine Diktatur ab. Die verfolgten Kommunisten und Sozialdemokraten hatten schon vor 1933 gewarnt: „Hitler bedeutet Krieg!“Gerd R. Ueberschär: Für ein anderes Deutschland. Die Zeit des Nationalsozialismus. Fischer, 2006, ISBN 3-596-13934-1, S. 13–20. Die Exil-SPD Sopade versuchte, die Deutschen vom Ausland aus zu beeinflussen, und rief sie am 30. Januar 1936 mit der Flugschrift „Für Deutschland – gegen Hitler!“ zum Aufstand gegen dessen Regime auf.Ursula Langkau-Alex: Deutsche Volksfront 1932–1939. Zwischen Berlin, Paris, Prag und Moskau, Band 3: Dokumente zur Geschichte des Ausschusses zur Vorbereitung einer deutschen Volksfront, Chronik und Verzeichnisse. Akademie, Berlin 2005, ISBN 3-05-004033-5, S. 83, . mini|Führerhauptquartier „Wolfsschanze“ nach dem Attentat vom 20. Juli 1944. Hier verbrachte Hitler während des Zweiten Weltkriegs mehr Zeit als an jedem anderen Ort. Seit Februar 1933 gab es viele anonyme Attentatsdrohungen gegen Hitler. Einzeltäter waren unter anderen der von der nationalsozialistischen Oppositionsgruppe „Schwarze Front“ beauftragte Helle Hirsch im Dezember 1936, der ehemalige Schweizer Theologiestudent Maurice Bavaud im November 1938 und der Handwerker Georg Elser.Will Berthold: Die 42 Attentate auf Adolf Hitler. Blanvalet, München 1981. Dessen selbstgebastelter Sprengsatz explodierte am 8. November 1939 im Münchner Bürgerbräukeller, nur Minuten nachdem Hitler seine Rede dort beendet hatte. Elser wurde als „Sonderhäftling des Führers“ im KZ Dachau am 9. April 1945 auf Hitlers persönlichen Befehl ermordet.Wolfram Selig: Bürgerbräu-Attentat. In: Wolfgang Benz, Walter H. Pehle (Hrsg.): Lexikon des deutschen Widerstandes. S. Fischer, Frankfurt am Main 1994, ISBN 3-10-005702-3, S. 185–188. Die 1934 gegründete Bekennende Kirche widersprach staatlichen Übergriffen auf die Kirchenorganisation.Günther van Norden: Widersetzlichkeit von Kirchen und Christen. In: Wolfgang Benz, Walter H. Pehle (Hrsg.): Lexikon des deutschen Widerstandes. Frankfurt am Main 1994, S. 68–82. Pastor Dietrich Bonhoeffer kritisierte den Führerkult im Februar 1933 in einem Rundfunkvortrag („Führer und Amt, die sich selbst vergotten, spotten Gottes“) und forderte im April 1933 kirchlichen Widerstand gegen Menschenrechtsverletzungen des Hitlerregimes. Nach den Novemberpogromen 1938 half er im Kreis um Hans Oster aktiv mit, ein Attentat auf Hitler vorzubereiten.Peter Zimmerling: Bonhoeffer als Praktischer Theologe. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2006, ISBN 3-525-55451-6, S. 36, 46, 70, 97 (Zitat ebd.) u. ö. 1938 bildeten sich konservative und innermilitärische Widerstandsgruppen wie der Goerdeler-Kreis und der Kreisauer Kreis.Hans Mommsen: Bürgerlicher (nationalkonservativer) Widerstand. In: Wolfgang Benz, Walter H. Pehle (Hrsg.): Lexikon des deutschen Widerstandes. Frankfurt am Main 1994, S. 55–67; Hermann Graml: Militärischer Widerstand, ebda., S. 83–97. Ihre Umsturzpläne setzten auf Teile der Wehrmacht, hatten daher nur bei einer Tötung Hitlers Erfolgsaussicht und konnten nur von Personen mit Zugang zum engsten Führungskreis um ihn ausgeführt werden. Diese hatten Hitler unbedingte Treue geschworen; schwere Gewissenskonflikte waren also unvermeidbar.Ian Kershaw: Hitler. 1889–1945. 2009, S. 887. In der Septemberverschwörung planten einige hohe Militärs und Beamte im Auswärtigen Amt, dass Hauptmann Friedrich Wilhelm Heinz am 28. September 1938 mit einem Stoßtrupp in die Reichskanzlei eindringen und Hitler in einem Handgemenge erschießen sollte.Joachim Fest: Staatsstreich. Der lange Weg zum 20. Juli. Siedler, Berlin 1994, ISBN 3-88680-539-5, S. 76 f. Als dieser überraschend einem Kompromiss für das Münchner Abkommen zustimmte, erschien es aussichtslos, seinen Sturz mit „militärischem Abenteurertum“ zu rechtfertigen.Ian Kershaw: Hitler. 1936–1945. Stuttgart 2000, S. 181. Daraufhin unterblieb das Attentat, das von Brauchitsch und Halder nur halbherzig unterstützt hatten.Peter Hoffmann: Oberst i. G. Henning von Tresckow und die Staatsstreichspläne im Jahr 1943. In: VfZ 55/2007, Heft 2, S. 332 (doi:10.1524/VfZg.2007.55.2.331). Die an der Verschwörung beteiligten Militärs im OKH und in der Amtsgruppe Ausland/Abwehr des OKW hielten Hitlers Vorhaben, Frankreich schon 1939 anzugreifen, für undurchführbar und wollten diesen Angriff mit einem weiteren Putschversuch verhindern. Nach Elsers Attentat wurden die Vorkehrungen zu Hitlers Schutz jedoch verschärft. Brauchitsch fürchtete nach einem Wutausbruch Hitlers am 5. November 1939, dieser wisse über den bevorstehenden Putschversuch Bescheid. Daraufhin nahm Hans Oster an, dass eine für den 11. November 1939 geplante Sprengstoffübergabe an Erich Kordt zu riskant sei; somit unterblieb dieses geplante Attentat.Karl-Heinz Frieser: Blitzkrieg-Legende. Der Westfeldzug 1940. 3. Auflage, München 2005, S. 66–69; Peter Hoffmann: Widerstand, Staatsstreich, Attentat. Der Kampf der Opposition gegen Hitler. 4. Auflage, München/Zürich 1985, S. 208–214. Die als Weiße Rose bekannt gewordene Münchner Gruppe versuchte bis zur Verhaftung der Geschwister Scholl am 18. Februar 1943, die Deutschen, besonders die Jugend, mit Flugblättern zum Widerstand zu bewegen. Hauptgrund waren NS-Verbrechen wie der Holocaust, von dem die Gruppe über Auslandssender wusste. Die Mitglieder wurden am 22. Februar 1943 hingerichtet. Nach der Niederlage in Stalingrad versuchten einige Offiziere der Heeresgruppe Mitte erneut, Hitler zu töten. Die Bombe, die Henning von Tresckow am 13. März 1943 in Hitlers Flugzeug schmuggelte, zündete nicht.Christian Graf von Krockow: Eine Frage der Ehre. Stauffenberg und das Hitler-Attentat vom 20. Juli 1944. Rowohlt, Reinbek 2004, ISBN 3-499-61494-4, S. 101. Am 21. März 1943 wollte Rudolf-Christoph Freiherr von Gersdorff sich während einer Ausstellung im Berliner Zeughaus zusammen mit Hitler in die Luft sprengen. Dieser verließ die Ausstellung schon nach wenigen Minuten, bevor der Säurezünder wirksam werden konnte. Von Gersdorff konnte den Zünder noch rechtzeitig entschärfen.Ian Kershaw: Hitler. 1936–1945. Stuttgart 2000, S. 871 f. Das Attentat vom 20. Juli 1944 im Führerhauptquartier Wolfsschanze verletzte vier Anwesende tödlich; Hitler blieb fast unverletzt. Er äußerte direkt danach: Die Vorsehung habe ihn gerettet, damit er seinen „Auftrag“ zu Ende führen könne. Claus Schenk Graf von Stauffenberg, der die Bombe abgelegt und einen Staatsstreich zur Beendigung des Krieges vorbereitet hatte, und drei seiner Mitstreiter wurden ohne Prozess und ohne Hitlers Einverständnis am 21. Juli kurz nach Mitternacht im Hof des Bendlerblocks in Berlin von einem Erschießungskommando exekutiert.Hermann Graml: Militärischer Widerstand. In: Wolfgang Benz, Walter H. Pehle (Hrsg.): Lexikon des deutschen Widerstandes. Frankfurt am Main 1994, S. 83–97. Im Rundfunk erklärte Hitler, eine „ganz kleine Clique ehrgeiziger, gewissenloser und zugleich verbrecherischer, dummer Offiziere“ habe geplant, ihn und den Wehrmachtführungsstab „auszurotten“.Zitiert nach Ian Kershaw: Adolf Hitler. 1889–1945. Stuttgart 2000, S. 913. Anders als beim Dolchstoß 1918 würden diesmal die Verbrecher „unbarmherzig ausgerottet werden“. Die Wehrmacht sollte die beteiligten Offiziere zuerst ausschließen, der Volksgerichtshof sollte sie dann als gewöhnliche Kriminelle zum Tod verurteilen und innerhalb von zwei Stunden hängen lassen, damit sie ihre Motive und Ziele nicht erklären konnten. Roland Freisler, der auch in der NSDAP als „Blutrichter“ galt, war sofort bereit, ganz im Sinne Hitlers zu urteilen. Dieser nutzte das gescheiterte Attentat, um Widerstände gegen seine Kriegführung in den Stäben der Wehrmacht endgültig auszuschalten und skeptischen Generälen die Schuld an den verlorenen Schlachten zu geben.Ian Kershaw: Hitler. 1889–1945. 2009, S. 913–916. Eine 400 Mitarbeiter umfassende Ermittlungsgruppe der Gestapo deckte ein weit verzweigtes Verschwörernetz auf und fand am 22. September 1944 in Zossen Akten, die Absprachen für Putschversuche vor 1939 und damit eine dauerhafte militärische Opposition gegen Hitler belegten. Dieser verbot dem Volksgerichtshof, die Dokumente in den laufenden Prozessen zu verwenden: Die Deutschen sollten nicht erfahren, dass der Attentatsversuch Vorläufer hatte und nicht nur von wenigen geplant worden war.Joachim Fest: Staatsstreich. Der lange Weg zum 20. Juli. Berlin 1994, S. 310 f. Ab August 1944 verurteilte der Volksgerichtshof in mehr als 50 Prozessen über 110 Personen des 20. Juli 1944 zum Tod; 89 davon wurden bis zum 30. April 1945 im Gefängnis Berlin-Plötzensee erhängt.Kurt Bauer: Nationalsozialismus. Ursprünge, Anfänge, Aufstieg und Fall. Böhlau, Wien 2008, ISBN 978-3-8252-3076-0, S. 504 f. Insgesamt wurden etwa 200 Personen als Beteiligte hingerichtet.Ian Kershaw: Hitler. 1936–1945. Stuttgart 2000, S. 906. Ende im Bunker Seit dem 16. Januar 1945 lebte Hitler meist in den Räumen des Bunkers im Garten der Alten Reichskanzlei in Berlin. Seine letzte Rundfunkansprache hielt er am 30. Januar 1945. Bei seinem letzten öffentlichen Auftritt am 20. März 1945 zeichnete er 20 Hitlerjungen und 30 SS-Soldaten mit dem Eisernen Kreuz für ihren Fronteinsatz aus.Heike B. Görtemaker: Hitlers Hofstaat. Der innere Kreis im Dritten Reich und danach. Beck, München 2019, S. 33. Als US-Präsident Franklin D. Roosevelt am 12. April 1945 starb, hoffte Hitler kurzzeitig auf einen Zerfall der Anti-Hitler-Koalition und drängte die Soldaten der Wehrmacht mit der Drohung sowjetischer Gräueltaten am 16. April nochmals zum bedingungslosen Weiterkämpfen. Am 20. April 1945 empfing er im Führerbunker letztmals Gäste zu seinem Geburtstag. Am 22. April erlitt er einen Nervenzusammenbruch, als er erfuhr, dass SS-Obergruppenführer Felix Steiner den befohlenen Entsatzangriff seiner Armeegruppe in der Schlacht um Berlin als undurchführbar verweigert habe. Hitler klagte, alles sei verloren, auch die SS habe ihn verraten, und entließ Teile seines Stabes. Er beschloss, in Berlin zu bleiben, und beauftragte seinen Chefadjutanten, SS-Obergruppenführer Julius Schaub, alle Papiere und Dokumente aus seinen Privattresoren in Berlin, München und auf dem Berghof zu verbrennen.Ian Kershaw: Hitler. 1936–1945. Stuttgart 2000, S. 1036. Am 23. April 1945 telegrafierte Göring aus Berchtesgaden an Hitler, er (der Reichsmarschall) betrachte sich für den Fall, dass Hitler weiterhin in Berlin ausharre und bis 22 Uhr keine anderslautende Mitteilung einginge, gemäß der im Juni 1941 per Erlass getroffenen Regelung ab sofort als Nachfolger des Führers mit allen Vollmachten. Hitler interpretierte dies als versuchten Staatsstreich und unterzeichnete einen von Martin Bormann aufgesetzten Funkspruch, wonach der Reichsmarschall seiner Ämter enthoben und sofort wegen Hochverrats zu verhaften sei.Vgl. Joachim C. Fest: Der Untergang. Hitler und das Ende des Dritten Reiches. Rowohlt, Reinbek 2004, hier S. 101–103. Göring wurde daraufhin in seinem Haus im Führersperrgebiet Obersalzberg von der SS verhaftet. Am 25. April meldete der Großdeutsche Rundfunk, Göring sei aufgrund von Herzproblemen von all seinen Ämtern zurückgetreten.Volker Knopf, Stefan Martens: Görings Reich. Selbstinszenierungen in Carinhall. Ch. Links, 2012, ISBN 978-3-86153-392-4, S. 179. Am 25. April hörte Hitler von der Siegesfeier von US-Soldaten mit Rotarmisten in Torgau und von der Einkesselung ganz Berlins durch die Rote Armee. Er ließ sich laufend über deren Vorrücken in das Stadtzentrum unterrichten. mini|Schlagzeile in der US-Army-Zeitung Stars and Stripes nach Hitlers Tod, 2. Mai 1945 Am 27. April soll Hitlers Entschluss zum Suizid festgestanden haben, um Rotarmisten nicht lebend in die Hände zu fallen und einer Strafe für seine Verbrechen zu entgehen. Am 28. April erfuhr er von Himmlers seit Monaten laufenden Geheimverhandlungen mit den Westalliierten über einen Separatfrieden und seinem „Angebot“, dafür den laufenden Holocaust an den ungarischen Juden einzustellen. Die Westalliierten gaben Himmlers Gesprächsangebot an die Presse weiter. Hitler reagierte mit einem Wutanfall. Aus Rache an Himmler ließ er den Verbindungsoffizier der Waffen-SS zum Führerhauptquartier, Hermann Fegelein, festnehmen und erschießen. Gegen Mitternacht heiratete er seine Lebensgefährtin Eva Braun. Danach diktierte er seiner Sekretärin Traudl Junge sein politisches und sein privates Testament, in denen er seinen Suizid ankündigte. In seinem politischen Testament ernannte er Karl Dönitz zu seinem Nachfolger als Reichspräsident und Oberbefehlshaber der Wehrmacht, Goebbels zum neuen Reichskanzler, schloss Göring und Himmler aus der NSDAP aus und rief die Deutschen zur unbedingten Fortsetzung des Krieges auf sowie zur Einhaltung der Nürnberger Gesetze und weiteren Judenvernichtung – umschrieben als „unbarmherzigen Widerstand“. Am Abend des 29. April erfuhr er von Mussolinis Erschießung am Vortag und vielleicht von der Schändung seiner Leiche. Dies bestärkte seinen Entschluss zum Suizid.Thomas Großbölting, Rüdiger Schmidt: Der Tod des Diktators: Ereignis und Erinnerung im 20. Jahrhundert. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2011, S. 88 (); Ian Kershaw: Hitler. 1936–1945. Stuttgart 2000, S. 1061. Einen Suizid hatte der US-Geheimdienst Office of Strategic Services 1943 für das wahrscheinlichste Ende Hitlers erklärt. Am 29. April weigerte sich General Walther Wenck, seine 12. Armee noch wie befohlen nach Norden in den Berliner Endkampf zu führen, und rettete stattdessen die Reste der 9. Armee im Kessel von Halbe. Am 30. April mittags verteilte Hitler Giftampullen an seine Begleiter und erlaubte ihnen private Ausbruchsversuche. Die Wirkung des Giftes ließ er vorher an seiner Schäferhündin erproben, ohne dabei anwesend zu sein. Etwa um 15:30 Uhr schluckte Eva Braun Zyankali; Hitler erschoss sich.Ian Kershaw: Das Ende. Kampf bis in den Untergang. NS-Deutschland 1944/45. München 2011, S. 474. Martin Bormann und andere aus dem Führerbegleitkommando verbrannten wie befohlen ihre Leichen im Garten der Neuen Reichskanzlei und begruben die Überreste mit anderen Leichen in einem Bombenkrater in der Nähe des Bunkerausgangs.Ian Kershaw: Hitler. 1936–1945. DVA, Stuttgart 2000, S. 1069. Das OKW meldete Hitlers Tod erst am Abend des 1. Mai über den noch verbliebenen Reichssender Hamburg und verschwieg dabei seinen Suizid.Ian Kershaw: Hitler. 1936–1945. DVA, Stuttgart 2000, S. 1070. Dönitz ließ gemäß Hitlers letztem Willen zunächst weiterkämpfen, am 8. Mai 1945 erfolgte jedoch die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht. Damit endete der Zweite Weltkrieg in Europa. Weltweit hatten mehr als 66 Millionen Menschen ihr Leben verloren,Rolf-Dieter Müller (Hrsg.): Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg. Band 10: Der Zusammenbruch des Deutschen Reiches 1945. Halbband 2: Die Folgen des Zweiten Weltkrieges. DVA, München 2008. → Die Menschenverluste im Zweiten Weltkrieg (Karte mit Grafik/Tabelle), ohne Seitenangabe, hinteres Vorsatzblatt. Darin sind die deutschen vermissten Soldaten berücksichtigt. weitere Millionen wurden verletzt, zu dauerhaft Kriegsversehrten, obdachlos, vertrieben, deportiert oder inhaftiert. Viele Städte Europas und Ostasiens waren zerstört. Das Deutsche Reich wurde in vier Besatzungszonen aufgeteilt und seine Ostgebiete abgetrennt und teils unter polnische, teils unter sowjetische Verwaltungshoheit gestellt. Knapp zwölf Millionen Deutsche wurden aus den damaligen Ostgebieten vertrieben. Auch die jahrzehntelange Teilung Europas und die Deutschlands waren direkte Folgen der Politik Hitlers. Nachleben und Verschwörungsmythen Nach der Einnahme der Reichskanzlei stellte die Rote Armee die Überreste Adolf Hitlers und Eva Brauns sicher, und das NKWD ermittelte umfassend die genauen Todesumstände. So identifizierte Fritz Echtmann, langjähriger Assistent von Hitlers Zahnarzt Hugo Blaschke, am 10. Mai 1945 im Auftrag des sowjetischen Geheimdienstes Gebissteile und Zahnbrücken der beiden Toten, was durch spätere Untersuchungen bestätigt wurde.Wolfdieter Bihl: Der Tod Adolf Hitlers. Fakten und Überlebenslegenden. Böhlau, Wien 2000, S. 118; Klaus Rötzscher: Forensische Zahnmedizin. Springer, Berlin 2000, S. 140–143. Zur gleichen Zeit machte die Rote Armee den Suizid Hitlers in ihrer Zeitung Krasnaja Swesda publik. Stabsoffiziere der Sowjetarmee wiederholten dies noch am 5. Juni 1945 gegenüber ihren US-amerikanischen Kollegen. Aber schon vier Tage später dementierte der sowjetische Oberbefehlshaber Georgi Schukow auf Befehl Stalins ihre Aussagen. In der Folge startete die Sowjetunion eine regelrechte Desinformationskampagne um Hitlers Tod, die für Jahrzehnte Stoff für Verschwörungstheorien lieferte.Richard J. Evans: Das Dritte Reich und seine Verschwörungstheorien. Wer sie in die Welt gesetzt hat und wem sie nutzen. DVA, München 2021, ISBN 978-3-421-04867-7, S. 238 f. Agenten des NKWD nahmen Echtmann und weitere Personen, die das Ende Hitlers bezeugen konnten, fest und ließen sie für Jahre in der Sowjetunion verschwinden. Die Ergebnisse ihrer Verhöre präsentierte Innenminister Sergei Kruglow im Dezember 1949 Stalin in einem Geheimdossier.Heike B. Görtemaker: Hitlers Hofstaat. Der innere Kreis im Dritten Reich und danach. Beck, München 2019, S. 339 f.; siehe dazu auch: Henrik Eberle, Matthias Uhl (Hrsg.): Das Buch Hitler. Geheimdossier des NKWD für Josef W. Stalin, zusammengestellt aufgrund der Verhörprotokolle des persönlichen Adjutanten Hitlers, Otto Günsche, und des Kammerdieners Heinz Linge, Moskau 1948/49. Lübbe, Bergisch Gladbach 2005, ISBN 978-3-7857-2226-8. Gegenüber den Verbündeten hielt Stalin jedoch an der Behauptung fest, Hitler sei womöglich im letzten Moment aus dem belagerten Berlin entkommen. Den Grund dafür sehen Historiker wie Richard J. Evans darin, dass Stalin ein von Hitler ausgehendes Bedrohungsszenario aufrechterhalten und eine harte Besatzungspolitik rechtfertigen wollte.Evans: Verschwörungstheorien, S. 238. Aufgrund der so erzeugten Verwirrung stellte der britische Geheimdienst MI5 eigene Nachforschungen an und beauftragte Ende 1945 den Historiker Hugh Trevor-Roper mit einer genauen Untersuchung. Dieser fand Indizien wie eine Kopie von Hitlers Testament und sprach mit einer Reihe von Personen, die sich in der Schlussphase des Krieges im Bunker aufgehalten hatten. Sein 1947 veröffentlichtes Werk Hitlers letzte Tage,Hugh Redwald Trevor-Roper: Hitlers letzte Tage. Übersetzt von Joseph Kalmer und Gisela Breiting-Wolfsholz (englisch 1947). Ullstein, Frankfurt am Main 1995, ISBN 3-548-33192-0; referiert bei Marcel Atze: „Unser Hitler“. Der Hitler-Mythos im Spiegel der deutschsprachigen Literatur nach 1945. 2003, S. 102 (). das die Hitler-Tod-Forschung begründete, stellte die heute bekannten Tatsachen bereits weitgehend korrekt dar, beruhte aber zum Teil auf Hörensagen und war unvollständig, da die sowjetischen Behörden wichtige Zeugen weiterhin festhielten.Evans: Verschwörungstheorien, S. 240 f. Erst nach deren Entlassung Mitte der 1950er Jahre wurden weitere Details bekannt. Vor dem Amtsgericht Berchtesgaden schilderten Hitlers Adjutant Otto Günsche und andere Augenzeugen, was sich am 30. April 1945 im Bunker und im Garten der Reichskanzlei zugetragen hatte. Aufgrund dieser Aussagen erklärte das Gericht Hitler am 25. Oktober 1956 offiziell für tot.Wolfdieter Bihl: Der Tod Adolf Hitlers: Fakten und Überlebenslegenden. Böhlau, Wien 2000, S. 18, S. 25 f. Hitlers Nachlass, sein Vermögen und seine Urheberrechte – etwa an seinem Buch Mein Kampf – waren bereits zuvor an den bayerischen Staat gefallen. Am 15. Oktober 1948 hatte die Spruchkammer München I einen Rechtstitel erwirkt, wonach Hitler als Hauptschuldiger im Sinne der Entnazifizierung anzusehen sei, um sein Vermögen als Sühnemaßnahme einziehen zu können.Klaus Wiegrefe: Hitlers Nachlass. Der Spiegel, 21. Dezember 2001. Auf Antrag der Staatsanwaltschaft Wien zog auch die Republik Österreich durch ein Urteil vom 5. September 1952 Hitlers Vermögen ein. Dabei ging es vor allem um Objekte, die zum Bestand des geplanten „Linzer Kunstmuseums“ gehörten.Alexandra Caruso, Anneliese Schallmeiner: Das Bundesdenkmalamt und der Bestand der sogenannten „1960er Jahre Zuweisungen“. In: Olivia Kaiser, Christina Köstner, Markus Stumpf (Hrsg.): Treuhänderische Übernahme und Verwahrung. International und interdisziplinär betrachtet. V & R unipress, Göttingen 2018, S. 107–109. Trotz alledem gab die bewusste Verschleierung der Wahrheit durch die Sowjetunion bis in die 1980er Jahre hinein den unwahrscheinlichsten Verschwörungserzählungen Raum. Insbesondere Boulevardmedien veröffentlichten immer neue Sensationsstorys, nach denen es Hitler und Eva Braun gelungen sein soll, aus dem belagerten Berlin zu entkommen. Einmal sollten sie mit einem U-Boot nach Argentinien, einmal nach Japan gelangt sein. Hitler wurde u. a. in Indonesien, Kolumbien, Spanien, Albanien, Bayern und der Schweiz vermutet.Ulrich Chaussy: Nachbar Hitler. Führerkult und Heimatzerstörung am Obersalzberg. 7. Auflage. Ch. Links Verlag, Berlin 2012, ISBN 978-3-86153-704-5, S. 210–211 (); Evans: Verschwörungstheorien, S. 238 f. Weder Trevor-Ropers Bericht noch die Widerlegung der Mythen um Hitlers angebliches Überleben durch den amerikanischen Historiker Donald M. McKale aus dem Jahr 1981Hitler: The Survival Myth. Stein & Day, New York 1981. machte auf die Anhänger der Verschwörungstheorien Eindruck. Erst das Ende der Sowjetunion und die Öffnung ihrer Archive brachten zu Beginn der 1990er Jahre letzte Gewissheit. Nun wurde bekannt, dass Einheiten der Roten Armee die Überreste Hitlers und Eva Brauns neunmal an verschiedenen Orten in Berlin, Finow, Rathenow, Stendal und Magdeburg begraben hatten, bevor sie 1970 in Schönebeck (Elbe) bis auf wenige Bruchstücke vollständig verbrannt wurden. Die Asche wurde bei Biederitz in die Ehle, einen Nebenfluss der Elbe, gestreut.Harald Sandner: Vom Führerbunker zur Schweinebrücke. Shaker Media, Düren 2023, ISBN 978-3-95631-949-5.Alisa Argunova (Moskau; übersetzt von Wolf Oschlies für Shoa.de, 11. März 2009): . Hitler zugeschriebene Schädelfragmente, die im Staatsarchiv der Russischen Föderation liegen, wurden 2017 erstmals wissenschaftlich untersucht. Demnach stammt das Stück der Schädeldecke von einer erwachsenen Person. Am linken Scheitelbein wurde ein sechs Millimeter großes Austrittsloch eines Projektils festgestellt. Ein Gebiss, das im Archiv des russischen Geheimdienstes FSB aufbewahrt wird, ließ sich Hitler zuordnen. Zyanid-Rückstände daran legen nahe, dass er Suizid verübte, indem er eine Zyanidkapsel zerbiss und sich gleichzeitig in den Kopf schoss.Verschwörungstheorien zu Hitlers Tod widerlegt. In: orf.at. 19. Mai 2018, abgerufen am 7. Mai 2023.Marc Gozlan: Des dents conservées à Moscou sont bien celles d’Adolf Hitler, mort en 1945. In: lemonde.fr. 18. Mai 2018, abgerufen am 7. Mai 2023 (französisch). Privatleben Im persönlichen Gespräch ließ Hitler sich als „Mein Führer“ anreden. Enge Freunde durften seit etwa 1921 seinen Lieblingsspitznamen „Wolf“ verwenden.James H. McRandle: The Track of the Wolf: Essays on National Socialism and its Leader, Adolf Hitler. Northwestern University Press, Evanston 1965, S. 4; Ian Kershaw: Hitler. Band 1, 1998, S. 365. Im Krieg wählte Hitler für einige Führerhauptquartiere Namen, die das Wort Wolf enthielten. mini|Hitler in seinem Landhaus Berghof, 1936 Vom Mai 1913 bis zum Februar 1914 wohnte Hitler in der Schleißheimer Straße 34 in der Maxvorstadt. Vom 1. Mai 1920 bis zum 5. Oktober 1929 wohnte er in München in der Thierschstraße 41 im Stadtteil Lehel. 1929 zog er in eine 9-Zimmer-Wohnung im Stadtteil Bogenhausen, Prinzregentenplatz 16, ein. Ab 1934 nutzte er die Wohnung kaum mehr, obwohl sie seine Meldeadresse blieb. Im Sommer 1933 kaufte er das Haus Wachenfeld auf dem Obersalzberg bei Berchtesgaden und ließ es bis Mitte 1936 zum Berghof umbauen.. Dokumentation Obersalzberg, Ausstellungs-Info. Zwischen 1926 und 1931 korrespondierte er vertraulich mit Maria Reiter, einer Urlaubsbekanntschaft, lehnte aber ihren Ehewunsch ab. 1928 mietete er auf dem Obersalzberg ein Landhaus, in das seine Halbschwester Angela Raubal und deren beide Töchter einzogen. 1929 ließ er seine Halbnichte Geli Raubal in seine Münchner Wohnung einziehen und zwang sie, eine Liebesbeziehung zu seinem Chauffeur Emil Maurice zu beenden. Am 19. September 1931 wurde sie mit seinem Revolver erschossen aufgefunden; ein Suizid wurde angenommen. Hitler nutzte diesen Verlust zur Selbstdarstellung gegenüber Parteifreunden: Er wolle „[…] nur noch uneigennützig seiner politischen Mission zum Wohle des deutschen Volkes […] dienen.“Volker Ullrich: Adolf Hitler. Biographie. Band 1: Die Jahre des Aufstiegs 1889–1939. Frankfurt am Main 2013, S. 318. mini|Eva Braun und Adolf Hitler auf dem Berghof, 14. Juni 1942 Seit Januar 1932 kamen Gerüchte auf, dass Hitler mit Eva Braun, einer Angestellten seines Fotografen Heinrich Hoffmann, ein intimes Verhältnis habe. Nach einem Suizidversuch von ihr ging er ein festeres Verhältnis zu ihr ein, das er jedoch bis zu seinem Tod nicht öffentlich bekannt machte.Heike B. Görtemaker: Eva Braun: Leben mit Hitler. Beck, München 2010, S. 51–63. Eine Ehe mit ihr lehnte er bis kurz vor ihrem gemeinsamen Selbstmord ab. Hitler war seit seiner Jugendzeit Nichtraucher.Ian Kershaw: Hitler. Band 2: 1936–1945. Stuttgart/München 2000, S. 671. Nach seiner Haftentlassung 1924 schränkte er seinen Konsum von Alkohol und Fleisch ein.Volker Ullrich: Adolf Hitler. Biographie. Band 1: Die Jahre des Aufstiegs 1889–1939. Frankfurt am Main 2013, S. 453. Ab 1932 ernährte er sich aus Furcht vor Magenkrebs vegetarisch.Ian Kershaw: Hitler. Band 1: 1889–1936. Stuttgart/München 1998, S. 435 f. Diese Gewohnheit thematisierte er in Monologen vor engsten Anhängern als Mittel für die nationalsozialistische Gesundheitspolitik nach dem Krieg. Seit dem Ersten Weltkrieg mochte und hielt Hitler Hunde.Ian Kershaw: Hitler. 1889–1945. 2009, S. 76 und 164. Oft ließ er sich mit seiner Schäferhündin Blondi vor idyllischen Landschaften abbilden, um so seine private angebliche Tierliebe und Naturverbundenheit vorzuführen, den Deutschen Identifikation zu ermöglichen und eine verbreitete Sehnsucht nach Harmonie zwischen Führer und Geführten zu bedienen.Saul Friedländer: Kitsch und Tod: Der Widerschein des Nazismus. (1986) Fischer, Frankfurt am Main 2007, ISBN 3-596-17968-8, S. 118; Marcel Atze: „Unser Hitler“. Der Hitler-Mythos im Spiegel der deutschsprachigen Literatur nach 1945. Wallstein, Göttingen 2003, S. 138. Hitler lehnte Hochschulen, Professoren („Profaxe“) und etablierte Wissenschaft lebenslang ab und eignete sich Detailwissen autodidaktisch an. Er konnte sich gelesene Informationen dauerhaft merken und flocht sie bei Bedarf ohne Herkunftsangaben in Reden, Gespräche oder Monologe ein, um sie als eigene Ideen auszugeben.Brigitte Hamann: Hitlers Wien. München 1998, S. 333f. Er besaß 16.000 Bücher, von denen noch rund 1.200 erhalten sind und in der Library of Congress in Washington stehen. Rund die Hälfte davon ist militärische Gebrauchsliteratur; mehr als jedes zehnte Buch behandelt rechte Esoterik, Okkultismus, deutschnationale und antisemitische Themen. Nur wenige Werke gehören zur schönen Literatur, etwa einige Dramen William Shakespeares. Zwischen 1919 und 1921 lieh sich Hitler aus der Bibliothek des Starnberger Zahnarztes Friedrich Krohn verschiedene Werke aus, etwa von Leopold von Ranke, zur Russischen Revolution, von Montesquieu, Jean-Baptiste Rousseau, Immanuel Kant, Schopenhauer, Oswald Spengler, aber auch von Antisemiten wie Houston Stewart Chamberlain, Henry Ford, Anton Drexler, Gottfried Feder und Dietrich Eckart. Während seiner Haftzeit in Landsberg soll sich Hitler mit Karl Marx, Friedrich Nietzsche, Heinrich von Treitschke und Otto von Bismarck befasst haben. Anstreichungen und Randnotizen zeigen sein Leseverhalten.Timothy W. Ryback: Hitler’s Private Library. The Books that Shaped his Life. Alfred A. Knopf, New York 2008, ISBN 978-1-4000-4204-3, S. xi–xiii, 50 f., 67 f., 104. Deutsche Übersetzung von Heike Schlatterer: Hitlers Bücher. Seine Bibliothek – sein Denken. Fackelträger, Köln 2010, ISBN 978-3-7716-4437-6. Er beherrschte keine Fremdsprache, nur etwas Französisch seit seiner Realschulzeit.Ian Kershaw: Hitler. 1889–1936. Stuttgart 1998, S. 50. Auslandspresseberichte ließ er sich von seinem Chefdolmetscher Paul-Otto Schmidt übersetzen. Historische Einordnungen Die Hitler-Forschung fragt vor allem, wie Hitler ohne berufliche und charakterliche Qualifikation zum Kanzler und Diktator aufsteigen konnte, welche Ziele er hatte und welche Rolle er im NS-Staat spielte, besonders im Krieg und beim Holocaust.Gerhard Schreiber: Hitler Interpretationen: 1923–1983. Darmstadt 1984, S. 157 f.; Ian Kershaw: Der NS-Staat. Hamburg 1994, S. 112 f. Friedrich Meinecke war 1946 der Ansicht, Hitler sei vom preußischen Militarismus stark gefördert worden, habe die Kanzlerschaft nur zufällig von Hindenburg erhalten. Mit ihm sei ein „satanisches Prinzip“ und „innere Fremdherrschaft“ in die deutsche Geschichte getreten.Zitiert bei Nikolai Wehrs: Von den Schwierigkeiten einer Geschichtsrevision. Friedrich Meineckes Rückblick auf die „deutsche Katastrophe“. In: Martin Sabrow, Jürgen Danyel, Jan-Holger Kirsch (Hrsg.): 50 Klassiker der Zeitgeschichte. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2007, S. 30 (). Diese Sicht diente in der Nachkriegszeit dazu, „alles oder fast alles Hitler und eben nicht ‚den Deutschen‘ zur Last“ zu legen.Wolfgang Wippermann: „Deutsche Katastrophe“. Meinecke, Ritter und der erste Historikerstreit. In: Gisela Bock, Daniel Schönpflug (Hrsg.): Friedrich Meinecke in seiner Zeit. Steiner, Stuttgart 2006, ISBN 3-515-08962-4, S. 180. Schon 1936 hatte Konrad Heiden Hitlers Politik als detaillierten Plan zum Erringen der Weltherrschaft beschrieben. Dagegen erklärte Hermann Rauschning 1939, Hitler sei ein Machtpolitiker ohne klare Ziele und benutze außenpolitische Gelegenheiten nur für Machtgewinn. Dieser Sicht folgte 1952 Alan Bullock, der erste international anerkannte Hitlerbiograf: Hitler sei ein „völlig prinzipienloser Opportunist“ mit nur einer Idee gewesen, nämlich „seine eigene und die Macht der Nation, mit der er sich identifizierte, immer weiter auszudehnen“.Alan Bullock: Hitler. Eine Studie über Tyrannei. Droste, Düsseldorf 1961, S. 804. Laut Alan J. P. Taylor (1961) wollte Hitler wie frühere deutsche Politiker nur Deutschlands kontinentale Großmachtstellung wiederherstellen. Dagegen begründete Hugh Trevor-Roper 1960 mit späteren Aussagen Hitlers seine Ansicht, Hitler habe konsequent sein frühes Lebensraum-Konzept durchgehalten und verwirklicht.Marie-Luise Recker: Die Außenpolitik des Dritten Reiches. Oldenbourg, München 2009, ISBN 3-486-59182-7, S. 51, . Günter Moltmann vertrat 1961 die Ansicht, Hitler habe die Weltherrschaft angestrebt. Andreas Hillgruber führte 1963 aus: Hitler habe zuerst Kontinentaleuropa, dann den Nahen Osten und die britischen Kolonien erobern wollen, um später die USA besiegen und die Welt beherrschen zu können.Andreas Hillgruber: Hitlers Strategie. Politik und Kriegführung 1940–1941 (1962). Bernard & Graefe, 3. Auflage 1993, ISBN 3-7637-5923-9. Klaus Hildebrand, Jost Dülffer, Jochen Thies, Milan Hauner und andere „Globalisten“ stützten Hillgrubers These mit Spezialuntersuchungen. Auch für die „Kontinentalisten“ (Trevor-Roper, Eberhard Jäckel, Axel Kuhn) bestimmte Hitler die NS-Außenpolitik und hielt sein rassistisches Lebensraumprogramm und eine dauerhafte Weltmachtstellung Deutschlands bei allen taktischen Wendungen als Kernziele durch.Ian Kershaw: Der NS-Staat. Hamburg 1994, S. 209–212. Schon 1941 meinte Ernst Fraenkel: Die Konkurrenz zwischen Verwaltungsbehörden und NSDAP habe Hitlers Handlungsspielraum begrenzt.Ernst Fraenkel: Der Doppelstaat (1941). Europäische Verlagsanstalt, Hamburg 2012, ISBN 3-86393-019-3. In den 1970er Jahren stritt die Forschung darüber, ob eher individuelle Absichten oder eher allgemeine Entwicklungen und anonyme Machtstrukturen die NS-Zeit bestimmten und ob Hitler eher ein „starker“, die Geschichte eigenwillig bestimmender oder eher ein „schwacher“, auf Zeitumstände und Sachzwänge reagierender Diktator war.Manfred Funke: Starker oder schwacher Diktator? Hitlers Herrschaft und die Deutschen, ein Essay. Droste, Düsseldorf 1989, ISBN 3-7700-0777-8. Hitlers Rolle beim Holocaust war besonders umstritten. „Intentionalisten“ wie Hillgruber und JäckelEberhard Jäckel: Hitlers Weltanschauung. Entwurf einer Herrschaft. (1969) Deutsche Verlags-Anstalt, 4. Auflage 1991, ISBN 3-421-06083-5; Hitlers Herrschaft. Vollzug einer Weltanschauung. (1986) Deutsche Verlags-Anstalt, 4. Auflage 1999, ISBN 3-421-06254-4. sahen Hitlers „rassenideologisches Programm“ und konsequent verfolgte Vernichtungsabsicht als entscheidenden Faktor, auch wenn er nicht jede einzelne Eskalationsstufe des Holocaust initiiert habe.Andreas Hillgruber: Die Endlösung und das deutsche Ostimperium als Kernstück des rassenideologischen Programms des Nationalsozialismus. In: Wolfgang Wippermann (Hrsg.): Kontroversen um Hitler. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1986, S. 219–247. „Funktionalisten“ wie Hans Mommsen und Martin Broszat dagegen erklärten den Holocaust aus einer kumulierenden Eigendynamik und einem komplexen Bedingungsgeflecht von vorauseilendem Gehorsam, innenpolitischer Funktionalisierung und selbstgeschaffenen Sachzwängen. Hitlers antisemitische Rhetorik habe diesen Prozess nur ausgelöst.Hans Mommsen: Der Wendepunkt zur „Endlösung“. Die Eskalation der nationalsozialistischen Judenverfolgung. In: Jürgen Matthäus, Klaus-Michael Mallmann (Hrsg.): Deutsche, Juden, Völkermord. Der Holocaust als Geschichte und Gegenwart. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2006, S. 57–72. Neuere Spezialuntersuchungen zum „Räderwerk der Vernichtung“ haben diesen Deutungsstreit überholt.Peter Longerich: Politik der Vernichtung. 2., überarbeitete Auflage, Piper, München 2008, S. 13 f. (Einleitung; als Essay: Tendenzen und Perspektiven der Täterforschung). Im Prozess (1995–2000) gegen den Holocaustleugner David Irving belegte Peter Longerich mündliche Befehle Hitlers zur Judenvernichtung und seine treibende Kraft bei deren Durchführung.Peter Longerich: Der ungeschriebene Befehl: Hitler und der Weg zur „Endlösung“. München 2001, passim, zusammenfassend S. 185–192. Auch Raul Hilberg, dessen Monographie Die Vernichtung der europäischen Juden 1961 den Holocaust aus dem Zusammenspiel der verschiedenen Machtgruppen und Behörden im NS-System erklärte, betonte 2002: Dass Hitler seinen Antisemitismus „zum Regierungsprogramm machte, führte zum Mord an den europäischen Juden“. Kershaw fasste 2009 zusammen:Ian Kershaw: Hitler. 1889–1945. 2009, S. 759. 1961 hatte Waldemar Besson eine Biografie, die Hitler als prägenden Repräsentanten der NS-Zeit darstelle, zur wichtigsten Aufgabe der Geschichtsschreibung erklärt.Deutsches Historisches Institut (Hrsg.): Francia. Forschungen zur Westeuropäischen Geschichte, Band 8. Wilhelm Fink, 1981, S. 611. Die NS-Forschung verwarf Hitlerbiografien von Zeitzeugen wie Helmut Heiber (1960), Hans Bernd Gisevius (1963), Ernst Deuerlein (1969)Klaus Hildebrand: Das Dritte Reich. Oldenbourg, München 2009, S. 186 ()., Robert Payne (1973) wie auch Bestseller von Geschichtsrevisionisten wie Erich Kern, David Irving und Werner Maser sowie Werke zur Psychopathographie Adolf Hitlers von Walter Charles Langer, Rudolph Binion und Helm Stierlin als wissenschaftlich wenig ertragreiche „Hitler-Welle“.Matthias N. Lorenz: Hitler-Welle. In: Torben Fischer, Matthias N. Lorenz (Hrsg.): Lexikon der Vergangenheitsbewältigung in Deutschland. Debatten- und Diskursgeschichte des Nationalsozialismus nach 1945. Transcript, 2009, ISBN 3-89942-773-4, S. 220, . Auch die Hitlerbiografie von Joachim Fest (1973) wurde als auf die Einzelperson fixierter „Hitlerismus“ kritisiert, da sie großenteils auf seinen Gesprächen mit Albert Speer beruhe und Hitlers Vernichtungspolitik aus einem selbstzerstörerischen Charakterzug erkläre.Joachim Rohlfes: Der Nationalsozialismus – ein Hitlerismus? In: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 48, 1997, Heft 3, S. 135–150. Broszat lehnte jede Erklärung von Hitlers Politik nach 1933 aus seiner frühen Biografie als unzulässigen Rückschluss von historischen Wirkungen auf persönliche Ursachen ab.Martin Broszat: Zur Einführung. In: Ian Kershaw: Der Hitler-Mythos. Führerkult und Volksmeinung. 2. Auflage, Deutsche Verlags-Anstalt, 1999, ISBN 3-421-05285-9, S. 9, 13 f. Faschismustheorien wiederum sahen Hitler nur als austauschbare Figur und vernachlässigten seine individuellen Absichten und Taten. In der DDR erschien deshalb keine Hitlerbiografie.Pia Nordblum: Alles nur Faschismus-Ideologie? Der Beitrag der DDR-Historiographie zu einer Hitler-Biographie. In: Heiner Timmermann (Hrsg.): Vergangenheitsbewältigung in Europa im 20. Jahrhundert. Band 1. Lit Verlag, Münster 2010, ISBN 3-643-10862-1, S. 43. Gerhard Schreiber stellte 1983 als westlichen Forschungskonsens heraus: Hitler sei für den Nationalsozialismus unersetzlich und die NS-Zeit ohne ihn undenkbar gewesen. Diese Wirkung hätten auf Hitlers „Persönlichkeit“ fokussierte Biografien kaum erklärt. Man müsse auch die historischen Bedingungen für seinen Werdegang darstellen.Gerhard Schreiber: Hitler-Interpretationen 1923–1983. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1984, ISBN 3-534-07081-X, S. 303 f. Diesem Anspruch versuchte Ian Kershaw mit seiner zweiteiligen Hitlerbiografie (1998; 2000) zu genügen. Er erklärt Hitlers Aufstieg mit Max Webers Modell der „charismatischen Herrschaft“: Aufgrund der sozialen Bedingungen nach dem Ersten Weltkrieg habe der „Führermythos“ Hitlers Popularität und seine späteren Anfangserfolge begründet. Seine Macht habe darauf beruht, dass seine Anhänger und große Teile der deutschen Gesellschaft bereit waren und sich verpflichteten, auch ohne direkte Befehle „im Sinne des Führers ihm entgegenzuarbeiten“, wie es der NSDAP-Beamte Werner Willikens 1934 ausdrückte.Ian Kershaw: Hitler. 1889–1936. Stuttgart 1998, S. 663. Ludolf Herbst kritisierte: Kershaw deute Hitlers charismatische Herrschaft als vom Glauben der Beherrschten getragene soziale Beziehung und somit als Produkt gesellschaftlicher Erwartungen. Dabei bleibe unbeachtet, ob und wie dieses Charisma den politischen Alltag bestimmt habe. Ein Glaube der meisten Deutschen an außergewöhnliche Fähigkeiten Hitlers, der die NS-Herrschaft legitimiert habe, sei nicht beweisbar. Die NS-Propaganda habe Hitlers Charisma künstlich geschaffen, um Heilserwartungen der Deutschen auszunutzen.Ludolf Herbst: Hitlers Charisma. Frankfurt am Main 2010, S. 9–15. Brendan Simms äußerte im Jahr 2020 seine Ansicht, dass alle bisherigen Veröffentlichungen über Adolf Hitler dessen Aversion gegen das Vereinigte Königreich und die Vereinigten Staaten im Allgemeinen und gegen den amerikanisch dominierten internationalen Kapitalismus im Besonderen außer Acht ließen und dass diese mit Respekt durchsetzte Ablehnung gegenüber den Briten und Amerikanern, die Hitler im Ersten Weltkrieg entwickelte, wesentlich seine Weltanschauung prägte, von der er sich leiten ließ. Veröffentlichungen Mein Kampf. Band 1: Eine Abrechnung. Franz Eher Verlag, München (Juli) 1925; 2. Auflage ebenda (Dezember) 1925; weitere Auflagen: 1926, 1932 ff. Band 2: Die nationalsozialistische Bewegung. Franz Eher Verlag, München (Dezember) 1926; 2. Auflage ebenda 1927; weitere Auflagen: 1932 ff. Adolf Hitlers Reden. Hrsg. von Ernst Boepple. Boepple, München 1925. Die Südtiroler Frage und das deutsche Bündnisproblem. Eher, München 1926. Die Reden Hitlers am Reichsparteitag 1933. Eher, München 1934. Rede des Reichskanzlers Adolf Hitler vor dem Reichstag am 13. Juli 1934. Müller, Berlin 1934. Die Reden Hitlers am Parteitag der Freiheit 1935. Eher, München 1935. Reden des Führers am Parteitag der Ehre 1936. 6. Auflage. Eher, München 1936. Führerbotschaft an Volk und Welt. Eher, München 1938. Reden des Führers am Parteitag Großdeutschland 1938. 6. Auflage. Eher, München 1939. Reichstagsrede vom 6. Oktober 1939. Eher, München 1939. Der großdeutsche Freiheitskampf. Reden Adolf Hitlers. Hrsg. von Philipp Bouhler. 3 Bände. Eher, München 1940–1943. Quelleneditionen Hitler. Reden, Schriften, Anordnungen. Februar 1925 bis Januar 1933. Hrsg. vom Institut für Zeitgeschichte. De Gruyter Saur, München 1992–2003. Band I: Die Wiedergründung der NSDAP. Februar 1925 – Juni 1926. Herausgegeben und kommentiert von Clemens Vollnhals. München 1992. Band II: Vom Weimarer Parteitag bis zur Reichstagswahl. Juli 1926 – Mai 1928. Herausgegeben und kommentiert von Bärbel Dusik. München 1993. Teil I: Juli 1926 – Juli 1927 Teil II: August 1927 – Mai 1928 Band II/A: Außenpolitische Standortbestimmung nach der Reichstagswahl. Juni–Juli 1928. Eingeleitet von Gerhard L. Weinberg. Herausgegeben und kommentiert von Gerhard L. Weinberg, Christian Hartmann und Klaus A. Lankheit. München 1995. Band III: Zwischen den Reichstagswahlen. Juli 1928 – September 1930. Teil 1: Juli 1928 – Februar 1929. Herausgegeben und kommentiert von Bärbel Dusik und Klaus A. Lankheit unter Mitwirkung von Christian Hartmann. München 1994. Teil 2: März 1929 – Dezember 1929. Herausgegeben und kommentiert von Klaus A. Lankheit. München 1994. Teil 3: Januar 1930 – September 1930. Herausgegeben und kommentiert von Christian Hartmann. München 1995. Band IV: Von der Reichstagswahl bis zur Reichspräsidentenwahl. Oktober 1930 – März 1932. Teil 1: Oktober 1930 – Juni 1931. Herausgegeben und kommentiert von Constantin Goschler. München 1994. Teil 2: Juli 1931 – Dezember 1931. Herausgegeben und kommentiert von Christian Hartmann. München 1995. Teil 3: Januar bis März 1932. Herausgegeben und kommentiert von Christian Hartmann. München 1997. Band V: Von der Reichspräsidentenwahl bis zur Machtergreifung. April 1932 – Januar 1933. Teil 1: April 1932 – September 1932. Herausgegeben und kommentiert von Klaus A. Lankheit. München 1996. Teil 2: Oktober 1932 – Januar 1933. Herausgegeben und kommentiert von Christian Hartmann und Klaus A. Lankheit. München 1998. Band VI: Register, Karten und Nachträge. Herausgegeben und kommentiert von Christian Hartmann Katja Klee und Klaus A. Lankheit. München 2003. Ergänzungsband: Der Hitler-Prozess 1924. Herausgegeben von Lothar Gruchmann und Reinhard Weber unter Mitarbeit von Otto Gritschneder. München 1997–1999. Josef Becker, Ruth Becker (Hrsg.): Hitlers Machtergreifung. Dokumente vom Machtantritt Hitlers 30. Januar 1933 bis zur Besiegelung des Einparteienstaates 14. Juli 1933. Dtv, Neuauflage 1996, ISBN 3-423-02938-2. Robert Eikmeyer (Hrsg.): Adolf Hitler: Reden zur Kunst und Kulturpolitik. 1933–1939. Mit einer Einführung von Boris Groys. Revolver, Frankfurt am Main 2004, ISBN 3-86588-000-2. Christian Hartmann u. a. (Hrsg.): Hitler, Mein Kampf. Eine kritische Edition (2 Bände). Institut für Zeitgeschichte, München/Berlin 2016, ISBN 978-3-9814052-3-1. Institut für Zeitgeschichte (Hrsg.): Hitlers zweites Buch. Ein Dokument aus dem Jahr 1928. Eingeleitet und kommentiert von Gerhard Ludwig Weinberg, mit einem Geleitwort von Hans Rothfels. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1961. Werner Jochmann (Hrsg.): Monologe im Führerhauptquartier 1941–1944. Aufgezeichnet von Heinrich Heim (1980). Sonderauflage, Orbis, München 2000, ISBN 3-572-01156-6. Henry Ashby Turner: Hitlers geheime Broschüre für Industrielle. 1927. In: Ders.: Faschismus und Kapitalismus in Deutschland. Studien zum Verhältnis zwischen Nationalsozialismus und Wirtschaft. 2. Auflage. V&R, Göttingen 1980, S. 33–59. Benennungen 1937 benannte der österreichische Käfersammler Oskar Scheibel eine von ihm neu entdeckte Laufkäferart nach Adolf Hitler Anophthalmus hitleri. Für nach Hitler benannte Straßen und Plätze siehe Adolf Hitler als Namensgeber von Straßen und Plätzen. Literatur Biografien Brendan Simms: Hitler: Eine globale Biographie. Übersetzt von Klaus-Dieter Schmidt. Deutsche Verlags-Anstalt (DVA), München 2020, ISBN 3-421-04664-6. Volker Ullrich: Adolf Hitler. Biographie. S. Fischer, Frankfurt am Main 2013. Band I: Die Jahre des Aufstiegs 1889–1939. 2013, ISBN 3-10-086005-5. Band II: Die Jahre des Untergangs 1939–1945. 2018, ISBN 3-10-397280-6. Peter Longerich: Hitler. Biographie. Siedler, München 2015, ISBN 3-8275-0060-5. Wolfram Pyta: Hitler. Der Künstler als Politiker und Feldherr. Eine Herrschaftsanalyse. Siedler, München 2015, ISBN 3-8275-0058-3. Ian Kershaw: Hitler: 1889–1945. Pantheon, München 2009, ISBN 3-570-55094-X. Ian Kershaw: Hitler. DVA, Stuttgart/München. Band 1: 1889–1936, 1998, ISBN 3-421-05131-3. Band 2: 1936–1945, 2000, ISBN 3-421-05132-1. Registerband: 1889–1945. Bearbeitet von Martin Zwilling, 2001, ISBN 3-421-05563-7. Kurt Pätzold, Manfred Weißbecker: Adolf Hitler. Eine politische Biographie. Militzke, Leipzig 1999, ISBN 3-86189-162-X (digitale Ausgabe, CD-ROM, kleine digitale bibliothek 7, Directmedia Publishing GmbH, Berlin 2007, ISBN 978-3-89853-307-2). Marlis Steinert: Hitler. Beck, München 1994, ISBN 3-406-37640-1. Joachim Fest: Hitler. Eine Biographie. (1973) 4. Auflage. Propyläen, Frankfurt am Main 2002, ISBN 3-549-07172-8. Sybille Steinbacher: Hitler. Geschichte eines Diktators (= Beck’sche Reihe. C. H. Beck Wissen 2959). Beck, München 2025, ISBN 978-3-406-82948-2. Psychohistorische Untersuchungen siehe Psychopathographie Adolf Hitlers#Literatur. Frühzeit Wolfgang Niess: Der Hitlerputsch 1923. Geschichte eines Hochverrats. C.H. Beck, München 2023, ISBN 978-3-406-79917-4. Hannes Leidinger, Christian Rapp: Hitler. Prägende Jahre. Kindheit und Jugend 1889–1914. Residenz, Salzburg/Wien 2020, ISBN 3-7017-3500-X. Othmar Plöckinger: Unter Soldaten und Agitatoren. Hitlers prägende Jahre im deutschen Militär 1918–1920. Ferdinand Schöningh, Paderborn 2013, ISBN 3-506-77570-7. Thomas Weber: Hitlers erster Krieg. Der Gefreite Hitler im Weltkrieg – Mythos und Wahrheit. List, Berlin 2012, ISBN 3-548-61110-9. David Clay Large: Hitlers München. Aufstieg und Fall der Hauptstadt der Bewegung. Beck, München 2006, ISBN 3-406-44195-5. Anton Joachimsthaler: Hitlers Weg begann in München 1913–1923. Herbig, München 2000, ISBN 3-7766-2155-9. Brigitte Hamann: Hitlers Wien: Lehrjahre eines Diktators. 12. Auflage. Piper, München/Zürich 1998, ISBN 3-492-22653-1. Albrecht Tyrell: Vom ‚Trommler‘ zum ‚Führer‘. Der Wandel von Hitlers Selbstverständnis zwischen 1919 und 1924 und die Entwicklung der NSDAP. Wilhelm Fink, München 1975, ISBN 3-7705-1221-9. Weltanschauung Thomas Weber: Wie Adolf Hitler zum Nazi wurde. Vom unpolitischen Soldaten zum Autor von »Mein Kampf«. Übersetzt von Heike Schlatterer und Karl Heinz Silber. Propyläen, Berlin 2016, ISBN 3-549-07432-8. Ralf Georg Reuth: Hitlers Judenhass. Klischee und Wirklichkeit. Piper, München 2009, ISBN 3-492-05177-4. Barbara Zehnpfennig: Hitlers „Mein Kampf“. Eine Interpretation. Wilhelm Fink, München 2000, ISBN 3-7705-3533-2. Zweiter Weltkrieg Robert S. Wistrich: Hitler und der Holocaust. Berliner Taschenbuch-Verlag, Berlin 2003, ISBN 3-8333-0290-9. Peter Longerich: Der ungeschriebene Befehl. Hitler und der Weg zur „Endlösung“. Piper, München/Zürich 2001, ISBN 3-492-04295-3. Massenzustimmung Ian Kershaw: Der Hitler-Mythos: Führerkult und Volksmeinung. DTV, München 2002, ISBN 3-423-30834-6. Robert Gellately: Backing Hitler. Consent and Coercion in Nazi Germany. Oxford University Press, Oxford/New York 2001, ISBN 0-19-820560-0. Christian Graf von Krockow: Hitler und seine Deutschen. List, München 2001, ISBN 3-471-79415-8. Filme Weblinks Einzelnachweise Adolf Kategorie:Reichskanzler (Deutsches Reich, 1933–1945) Kategorie:Staatsoberhaupt (Deutsches Reich) Kategorie:Träger des Goldenen Parteiabzeichens der NSDAP Kategorie:DAP-Mitglied Kategorie:NSDAP-Funktionär Kategorie:Teilnehmer am Hitlerputsch Kategorie:Täter des Holocaust Kategorie:Täter des NS-Völkermords an den Sinti und Roma Kategorie:Person (Aktion T4) Kategorie:Verurteilte Person Kategorie:Reichstagsabgeordneter (Weimarer Republik) Kategorie:Reichstagsabgeordneter (Deutsches Reich, 1933–1945) Kategorie:Regierungsrat Kategorie:Beamter (deutsche Geschichte) Kategorie:Parteivorsitzender (Deutschland) Kategorie:Militärperson im Nationalsozialismus Kategorie:Oberbefehlshaber des Heeres (Heer der Wehrmacht) Kategorie:Autor (Antisemitismus) Kategorie:Opfer eines Attentats Kategorie:Träger des Eisernen Kreuzes I. Klasse Kategorie:Gefangener Kategorie:Person (Braunschweig, Land) Kategorie:Person (österreichische Geschichte) Kategorie:Person (Cisleithanien) Kategorie:Vertreter einer Verschwörungstheorie Kategorie:Österreichischer Emigrant in Deutschland Kategorie:Person (Braunau am Inn) Kategorie:Österreicher Kategorie:Staatenloser Kategorie:Deutscher Kategorie:Geboren 1889 Kategorie:Gestorben 1945 Kategorie:Mann
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Bundesgerichtshof
mini|Ehemaliges Erbgroßherzogliches Palais, heute Hauptgebäude des BGH, Karlsruhe, 2012 Der Bundesgerichtshof (BGH) ist das oberste Gericht der Bundesrepublik Deutschland auf dem Gebiet der ordentlichen Gerichtsbarkeit und damit letzte Instanz in Zivil- und Strafverfahren. Ferner ist er für verwandte Spezialrechtsgebiete zuständig wie etwa das Berufsrecht in der Rechtspflege. Der BGH soll die Rechtseinheit wahren und das Recht fortbilden, vor allem aber die Entscheidungen der ihm untergeordneten Gerichte überprüfen. Er ist neben dem Bundesarbeitsgericht, Bundesfinanzhof, Bundessozialgericht und Bundesverwaltungsgericht einer der fünf obersten Gerichtshöfe des Bundes ( Abs. 1 GG) und neben dem Bundesverfassungsgericht eines von zwei Bundesgerichten mit Sitz in Karlsruhe ( GVG), wobei zwei Senate des BGH in Leipzig angesiedelt sind. Hauptsächlich entscheidet der BGH über Revisionen gegen Urteile der Landgerichte und Oberlandesgerichte sowie über Rechtsbeschwerden gegen die Beschlüsse dieser Gerichte. Wie jedes Revisionsgericht erhebt er dabei – anders als ein Berufungsgericht – im Regelfall keine Beweise, sondern entscheidet lediglich darüber, ob das Urteil des Land- oder Oberlandesgerichts auf Rechtsfehlern beruht. In seiner Eigenschaft als Behörde ist der Bundesgerichtshof – wie der Bundesfinanzhof und das Bundesverwaltungsgericht – dem Bundesministerium der Justiz (BMJ) unterstellt und unterliegt – unter Wahrung der richterlichen Unabhängigkeit – dessen Dienstaufsicht. Gründung und Sitz mini|Villa Sack (5. und 6. Strafsenat), Leipzig Der Bundesgerichtshof wurde am 1. Oktober 1950 gegründet. Dies erfolgte durch die Einführung der Normierung des Neunten Titels des Gerichtsverfassungsgesetzes (GVG) mit den §§ 123–140 GVG durch das „Gesetz zur Wiederherstellung der Rechtseinheit auf dem Gebiete der Gerichtsverfassung, der bürgerlichen Rechtspflege, des Strafverfahrens und des Kostenrechts“ vom 12. September 1950 (BGBl. 1950, 455). Bei der Gründung des Bundesgerichtshofs wurden fünf Zivil- und vier Strafsenate errichtet.Gerda Krüger-Nieland (Hrsg.): 25 Jahre Bundesgerichtshof, München 1975, S. 391 Das Gericht hat seinen Hauptsitz von Beginn an in Karlsruhe. Gerichtsverfassungsgesetz: „Sitz des Bundesgerichtshofes ist Karlsruhe.“ Als Vorgängerinstitution gab es in der Britischen Besatzungszone den Obersten Gerichtshof für die Britische Zone mit Sitz in Köln, der Ende September 1950 aufgelöst wurde. Die personelle Kontinuität am Bundesgerichtshof war im Vergleich zur Zeit vor 1945 wie auch bei vielen anderen Justizbehörden hoch: Nach einer Erhebung von Hubert Rottleuthner waren 73 Prozent der im Jahr 1953 am Bundesgerichtshof beschäftigten Juristen auch schon zur Zeit des Nationalsozialismus im Justizwesen tätig gewesen. Laut dem Historiker Hans-Ulrich Thamer wirkte sich dies auch auf die Rechtssprechung aus. Als Beispiel führt er ein Urteil des BGH aus dem Jahr 1956 an, in dem es um Schadenersatzansprüche für Sinti und Roma ging, die in der Zeit des Nationalsozialismus zwangsumgesiedelt wurden. Der IV. Zivilsenat verneinte in seinem Urteil, dass die Nationalsozialisten Sinti und Roma allein aus rassistischen Gründen verfolgt hätten. Vielmehr seien die vermeintlichen Eigenheiten der Sinti und Roma, darunter ihr angeblicher Hang zur Kriminalität, Hauptgrund für die Verfolgung gewesen. Es sei bei den Zwangsumsiedlungen lediglich darum gegangen, die zu bekämpfen. Schadensersatz wurde der Klägerin daher verweigert. Thamer sieht in Urteilen wie diesen eine Der 5. Strafsenat des BGH war seit seiner Errichtung zum 1. Januar 1952Bundesanzeiger 1951 Nr. 240 S. 1 zur Pflege der „gewachsenen Verbindungen zwischen West-Berlin und der Bundesrepublik“ in Berlin ansässig und zog 1997 auf Anordnung des Bundesministers der Justiz nach Leipzig in die Villa Sack. Ursprünglich sollte nach der Wiedervereinigung Deutschlands der gesamte BGH in das historische Reichsgerichtsgebäude in Leipzig ziehen, doch konnte sich dieser Vorschlag, zumal gegen den Willen der Richter, politisch nicht durchsetzen. Leipzig erhielt daher gemäß der Empfehlung der Föderalismuskommission von 1992,Bundestag Drucksache 12/2583 (neu) (abgerufen am 16. März 2017). welche vom Bundestag per Beschluss „zur Kenntnis genommen“ wurde,Bundestag Plenarprotokoll 12/100 (abgerufen am 16. März 2017). nur den 5. Strafsenat. In das Reichsgerichtsgebäude zog am 22. August 2002 das bis dahin ebenfalls in Berlin ansässig gewesene Bundesverwaltungsgericht ein. Außerdem sieht die Empfehlung der Föderalismuskommission vor, dass für jeden am BGH neu eingerichteten Zivilsenat ein weiterer Strafsenat nach Leipzig ziehen soll, was als „Rutschklausel“ bezeichnet wird.Der Geist der Rutschklausel Süddeutsche Zeitung, 8. November 2018 (abgerufen am 5. Januar 2018). Als es 2003–2004 und 2009–2010 zur vorübergehenden Einrichtung sogenannter „Hilfssenate“ kam (siehe Spruchkörper), wurde die Rutschklausel unter Verweis auf deren provisorischen Charakter nicht angewandt, was der sächsische Justizminister 2017 kritisierte. Aufgrund der zunehmenden Arbeitsbelastung des Gerichts segnete der Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestages im November 2018 die Einrichtung je eines neuen dauerhaften Zivil- und Strafsenats ab,Millionen für den Rechtsstaat, Legal Tribune Online, 9. November 2018 (abgerufen am 9. Januar 2019). welche 2019 bzw. 2020 erfolgte. Die Rutschklausel wurde dabei insoweit berücksichtigt, als der neue XIII. Zivilsenat in Karlsruhe eingerichtet wurde, der neue 6. Strafsenat in Leipzig, wo nun 5. und 6. Strafsenat gemeinsam in der Villa Sack untergebracht sind, trotz anfänglicher räumlicher Bedenken.Neuer Zivilsenat beim BGH eingerichtet, beck-aktuell, 2. September 2019 (abgerufen am 4. Februar 2022). Gerichtsorganisation Der Geschäftsgang des Gerichts wird durch die vom Plenum des Bundesgerichtshofs verabschiedete Geschäftsordnung des Bundesgerichtshofs geregelt [ Gerichtsverfassungsgesetz (GVG)]. Spruchkörper Die Richter des BGH sind in Senate eingeteilt, die je einen Vorsitzenden und sechs bis acht weitere Mitglieder haben. An den einzelnen Entscheidungen der Senate sind nicht alle Mitglieder beteiligt, sondern die Richter arbeiten in sogenannten Sitzgruppen. Diese bestehen gemäß Abs. 1 GVG aus dem Vorsitzenden und vier Beisitzern aus dem Kreis der weiteren Mitglieder, sodass ein Senat als Spruchkörper grundsätzlich in der Besetzung von fünf Mitgliedern entscheidet. Die Zahl der Senate wird gemäß GVG vom Bundesminister der Justiz bestimmt und erhöhte sich seit Gründung des BGH mehrfach. Von 1990 bis 2019 gab es zwölf Zivil- und fünf Strafsenate, seit der Einrichtung je eines weiteren Senats in den Jahren 2019 und 2020 gibt es nunmehr dreizehn Zivilsenate, die mit römischen Zahlen durchnummeriert sind, und sechs Strafsenate, die mit arabischen Zahlen durchnummeriert sind. Zusätzlich bestand von 2003 bis 2004 ein Hilfssenat (IXa-Zivilsenat) zur vorübergehenden Entlastung des IX. Zivilsenats und von 2009 bis 2010 ein weiterer Hilfssenat (Xa-Zivilsenat) zur vorübergehenden Entlastung des X. Zivilsenats. Mit Wirkung vom 1. August 2021 wurde der VIa-Zivilsenat als Hilfssenat für die sogenannten „Diesel-Sachen“ eingerichtet. Zudem gibt es acht Spezialsenate. Sechs davon beschäftigen sich mit dem Berufsrecht in der Rechtspflege, namentlich das Dienstgericht des Bundes (das für dienstrechtliche Verfahren von Richtern und Mitgliedern des Bundesrechnungshofs zuständig ist), der Senat für Notarsachen, der Senat für Anwaltssachen, der Senat für Patentanwaltssachen, der Senat für Wirtschaftsprüfersachen und der Senat für Steuerberater- und Steuerbevollmächtigtensachen. Die beiden weiteren sind der Kartellsenat und der Senat für Landwirtschaftssachen. Den Spezialsenaten gehören die Richter zusätzlich zu ihrer Tätigkeit in einem der Zivil- oder Strafsenate an, da die Spezialsenate nur gelegentlich zusammentreten. Abgesehen vom Kartellsenat, der wie die Zivil- und Strafsenate mit fünf Berufsrichtern besetzt ist, entscheiden die Spezialsenate in der Besetzung mit drei Berufsrichtern und zwei ehrenamtlichen Richtern aus der jeweiligen Berufsgruppe, wobei es sich dabei im Falle des Dienstgerichts des Bundes um zwei (Berufs-)Richter des Gerichts des Betroffenen handeln kann. Für die Entscheidungen über Ermittlungsanträge des Generalbundesanwalts in Strafverfahren (z. B. Hausdurchsuchung, Beschlagnahme, Haftbefehl) sind ebenso wie bei anderen Strafgerichten besondere Ermittlungsrichter bestellt, deren Zahl vom Bundesminister der Justiz bestimmt wird ( GVG). Auch diese Tätigkeit erfolgt zusätzlich zu der in einem der Straf- oder Zivilsenate. Bis 2016 gab es langjährig stets sechs planmäßige Ermittlungsrichter, welche sich diesen Aufgaben nur mit einem relativ kleinen Teil ihres Deputats widmeten.Geschäftsverteilungen des Bundesgerichtshofs (abrufbar ab 2008). 2017 wurde dies dahingehend geändert, dass nun zwei planmäßige Ermittlungsrichter, die sich dieser Aufgabe mit einem größeren Teil ihres Deputats widmen, sowie vier Vertreter bestellt sind.Geschäftsverteilung des Bundesgerichtshofs 2017. Die Entscheidungen der Ermittlungsrichter können in bestimmten Fällen ( Abs. 5 StPO) durch Beschwerde angefochten werden, über welche ein Strafsenat des Bundesgerichtshofs entscheidet (kleiner Devolutiveffekt), der dann gemäß Abs. 2 GVG ausnahmsweise nur mit drei Richtern besetzt ist. Geschäftsverteilung Die Verteilung der einzelnen Verfahren auf die verschiedenen Senate ist im Geschäftsverteilungsplan des Gerichts geregelt. Das Prinzip des gesetzlichen Richters verlangt, dass von vornherein nach abstrakt-generellen Kriterien festgelegt ist, welcher Senat in welcher Besetzung für einen Fall zuständig ist, bevor der Bundesgerichtshof für eine Rechtssache zuständig wird. Auf diese Weise sollen Manipulationen vermieden werden. Nach § 130 GVG werden bei dem Bundesgerichtshof Zivil- und Strafsenate gebildet. Es muss also jeweils ein Zivil- und ein Strafsenat bestehen. Darüber hinaus ordnet § 130 Abs. 1 S. 2 GVG an, dass der Bundesminister der Justiz die Zahl der Senate bestimmt. Neben den Zivil- und Strafsenaten gibt es noch die großen Senate, gesetzlich angeordnete Spezialsenate sowie ebenfalls gesetzlich normierte Senate für Berufs- und Dienstrechtssachen. Der Geschäftsverteilungsplan des Bundesgerichtshofs regelt die Zuständigkeit der Senate dabei in Zivilsachen nach den betroffenen Rechtsmaterien, in Strafsachen in der Regel danach, welches Gericht die angegriffene Entscheidung erlassen hat. Zusätzlich sind insbesondere dem ersten, dritten und vierten Strafsenat Sonderzuständigkeiten zugewiesen. Der vollständige Geschäftsverteilungsplan steht auf der Internetseite des Bundesgerichtshofs zum Download zur Verfügung. Gegenwärtig (Geschäftsverteilung 2019Bundesgerichtshof – Geschäftsverteilung 2019 (abgerufen am 5. Januar 2019; PDF, 361 kB). (abgerufen am 5. Januar 2019).) bestehen im Groben folgende Zuständigkeiten: Strafsenate Strafsenat Zuständigkeiten Erster Strafsenat Bezirke der Oberlandesgerichte München, Stuttgart, Karlsruhe, Militärstrafsachen und Vergehen gegen die Landesverteidigung sowie Steuer- und Zollstrafsachen Zweiter Strafsenat Bezirke der Oberlandesgerichte Frankfurt am Main, Jena und Köln sowie Sonstige Entscheidungen ohne Spezialzuweisung Dritter Strafsenat Bezirke der Oberlandesgerichte Düsseldorf, Oldenburg und Koblenz sowie Staatsschutzsachen Vierter Strafsenat Bezirke der Oberlandesgerichte Hamm und Zweibrücken sowie Verkehrsstrafsachen Fünfter Strafsenat Bezirk des Kammergerichts (Berlin) sowie Bezirke der Oberlandesgerichte Bremen, Dresden, Hamburg, Saarbrücken und Schleswig Sechster Strafsenat Bezirke der Oberlandesgerichte Bamberg, Nürnberg, Rostock, Celle, Naumburg, Brandenburg und Braunschweig Zivilsenate Zivilsenat Zuständigkeiten Erster Zivilsenat Urheberrecht, Markenrecht, Designrecht, Lauterkeitsrecht, Recht der Sortenbezeichnung, Transportrecht, Maklerrecht Zweiter Zivilsenat Gesellschaftsrecht, Vereinsrecht Dritter Zivilsenat Staatshaftungsrecht, Notarhaftung, Stiftungsrecht, Auftragsrecht, Geschäftsführung ohne Auftrag Vierter Zivilsenat Erbrecht, Versicherungsvertragsrecht Fünfter Zivilsenat Immobiliarsachenrecht, Nachbarrecht, Wohnungseigentumsrecht Sechster Zivilsenat Recht der unerlaubten Handlungen Siebter Zivilsenat Werkvertragsrecht, Architektenrecht, Zwangsvollstreckungsrecht Achter Zivilsenat Kaufrecht, Wohnraummietrecht Neunter Zivilsenat Insolvenzrecht, Anwaltshaftung, Steuerberaterhaftung Zehnter Zivilsenat Patentrecht, Sortenschutzrecht (ohne Sortenbezeichnung), Reisevertragsrecht, Schenkungsrecht Elfter Zivilsenat Bankrecht (Darlehen, Sicherungsübereignungen, Bürgschaften), Kapitalmarktrecht Zwölfter Zivilsenat Familienrecht, Betreuungsrecht, gewerbliches Mietrecht Dreizehnter Zivilsenat Vergaberecht, Kaufvertrag, soweit das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) oder das Kraft-Wärme-Kopplungsgesetz betreffend, Freiheitsentziehungssachen Weitere Senate Senat Zuständigkeiten Kartellsenat Revisionen gegen Entscheidungen der Kartellsenate der Oberlandesgerichte und weitere gesetzliche Zuständigkeiten Dienstgericht des Bundes nach dem Deutschen Richtergesetz und dem Bundesrechnungshofgesetz zugewiesene Aufgaben Senat für Notarsachen nach der Bundesnotarordnung zugewiesene Aufgaben Senat für Anwaltssachen nach der Bundesrechtsanwaltsordnung zugewiesene Aufgaben Senat für Patentanwaltssachen nach der Patentanwaltsordnung zugewiesene Aufgaben Senat für Landwirtschaftssachen Landwirtschaftssachen nach dem Gesetz über das gerichtliche Verfahren in Landwirtschaftssachen Senat für Wirtschaftsprüfersachen nach der Wirtschaftsprüferordnung zugewiesene Aufgaben Senat für Steuerberater- und Steuerbevollmächtigtensachen nach dem Steuerberatungsgesetz zugewiesene Aufgaben Geschichte der Geschäftsverteilung Die Zuständigkeitsbereiche der Senate haben sich seit der Errichtung des BGH vielfach geändert, beispielsweise um der zunehmenden Bedeutung bestimmter Rechtsbereiche Rechnung zu tragen und eine ausgeglichene Arbeitsbelastung der Senate zu erreichen. Besonders anschaulich kann dies am Beispiel der regionalen Zuständigkeit der fünf Strafsenate für die Oberlandesgerichtsbezirke für die Zeit ab 1990 gezeigt werden: Bis zur Wiedervereinigung hatte der 5. Strafsenat seinen Sitz in West-Berlin, war jedoch stets auch für andere westdeutsche Oberlandesgerichtsbezirke zuständig. Im Zuge der Wiedervereinigung wurde der Senat nach Leipzig verlegt, behielt jedoch bis heute die Zuständigkeit für das (dann vergrößerte) Land Berlin. In den ersten Jahren nach der Wiedervereinigung bestanden in den neuen Ländern die Bezirksgerichte der DDR fort. Jedem Strafsenat wurde die Zuständigkeit für die Bezirksgerichte in einem der fünf Länder zugewiesen (Mecklenburg-Vorpommern zum 1. Strafsenat, Thüringen zum 2. Strafsenat, Sachsen zum 3. Strafsenat, Sachsen-Anhalt zum 4. Strafsenat und Brandenburg zum 5. Strafsenat). Erst 1993 und 1994 wurden die Oberlandesgerichte Jena, Naumburg, Rostock, Brandenburg und Dresden errichtet. Auch nach der Wiedervereinigung wurden gelegentlich einzelne Oberlandesgerichte der Zuständigkeit eines anderen Strafsenats unterstellt. So wechselte 1991 das OLG Oldenburg vom 5. in den 3. Strafsenat (Bild 2) und 1993 das OLG Rostock mit seiner Errichtung vom 1. in den 4. Strafsenat (Bild 3). 1998 tauschten die OLGs Celle und Dresden die Senate, d. h. ab 1998 war Celle dem 3. Strafsenat und Dresden dem 5. Strafsenat zugewiesen (Bild 4). 2010 wechselte die Zuständigkeit für das OLG Schleswig vom 3. in den 5. Strafsenat (abgerufen am 16. März 2017). (Bild 5) und 2012 die Zuständigkeit für das OLG Rostock vom 4. in den 3. Strafsenat und für das OLG Saarbrücken vom 4. in den 5. Strafsenat (abgerufen am 16. März 2017). (Bild 6). 2014 wurden die südlichen Landgerichte des OLG Karlsruhe dem 4. Strafsenat zugeordnet. Ferner wechselte die Zuständigkeit des OLG Koblenz vom 2. zum 3. Strafsenat (Bild 7). Im Jahr 2015 wurde die Zuständigkeit des OLG Rostock zum dritten Mal geändert: nun zum 2. Strafsenat (Bild 8). Ab September 2019 wurden die südlichen Landgerichtsbezirke des OLG Karlsruhe wieder dem 1. Strafsenat zugeordnet. Mit der Wiedereinrichtung des 6. Strafsenat des Bundesgerichtshofes wurden diesem im Februar 2020 die OLG-Bezirke Bamberg und Nürnberg (vom 1. Strafsenat), Rostock (vom 2. Strafsenat), Celle (vom 3. Strafsenat), Naumburg (vom 4. Strafsenat) und Brandenburg sowie Braunschweig (vom 5. Strafsenat) zugewiesen. Arbeitsweise mini|Beratungszimmer eines Strafsenats Ist durch die Geschäftsverteilung des Gerichts ein Fall dem zuständigen Senat zugeteilt worden, so bestimmt anschließend die von den Richtern des jeweiligen Senats gemäß GVG vor Beginn des Geschäftsjahres zu beschließende senatsinterne Geschäftsverteilung, in welcher personellen Besetzung über die Sache entschieden wird und welcher Richter Berichterstatter ist, also die Akten bearbeitet und den Fall vorbereitet. Der Vorsitzende übt in der Regel keine Berichterstattertätigkeit aus, sondern liest die Akten aller dem Senat zugewiesenen Fälle zusätzlich zum jeweiligen Berichterstatter (Vier-Augen-Prinzip). Der Senat trifft sich in regelmäßigen Abständen zur Beratung, die in Zivilsachen durch „Voten“ (gutachtliche Stellungnahmen und Entscheidungsvorschläge) der jeweiligen Berichterstatter vorbereitet wird. In Strafsachen dagegen werden in der Beratung von jedem Richter die ihm als Berichterstatter zugewiesenen Fälle mündlich zusammengefasst und die rechtlichen Probleme herausgestellt. Anschließend wird gemeinsam über den Fall beraten. Unter bestimmten Voraussetzungen, die im Abschnitt Verfahren beschrieben sind, kann der Senat aufgrund des Beratungsergebnisses durch schriftlichen Beschluss entscheiden, ohne dass eine Verhandlung stattfindet. Anderenfalls wird eine Verhandlung anberaumt, welche grundsätzlich öffentlich ist. Eine Verhandlung in Revisionssachen entspricht einem Gespräch zwischen den Richtern und den Verfahrensbeteiligten über die Frage, ob das angefochtene Urteil auf Rechtsfehlern beruht. In der anschließenden Urteilsberatung wird, sofern keine Einigkeit besteht, eine Entscheidung durch Abstimmung herbeigeführt, wobei jeder der fünf Richter eine Stimme hat. Die Entscheidung wird anschließend als Urteil verkündet. Verfahren Der Bundesgerichtshof wird gemäß §§ 133, 135 Gerichtsverfassungsgesetz (GVG) hauptsächlich als Revisionsgericht tätig. Zudem entscheidet der BGH in Zivilsachen über Sprungrevisionen, Rechtsbeschwerden und Sprungrechtsbeschwerden ( GVG) sowie in Strafsachen über Beschwerden gegen Beschlüsse und Verfügungen der Oberlandesgerichte und Beschwerden gegen Verfügungen der Ermittlungsrichter des BGH ( GVG). Durch Sondervorschriften in anderen Gesetzen sind ihm weitere Verfahren zugewiesen. Im Jahr 2014 hatte der BGH in Zivilsachen 4.158 Revisionen einschließlich Nichtzulassungsbeschwerden, 1.544 Rechtsbeschwerden und ähnliche Verfahren sowie 528 sonstige Rechtssachen zu bearbeiten. In Strafsachen waren es für die Senate 2.976 Revisionen einschließlich Vorlegungssachen und 436 sonstige Rechtssachen, für die Ermittlungsrichter 1.247 Rechtssachen. (abgerufen am 16. März 2017). Revision in Strafsachen Die Revision in Strafsachen zum BGH erfolgt gegen die in erster Instanz ergangenen Urteile der Landgerichte (Große Strafkammern) und der Oberlandesgerichte (in Staatsschutzsachen nach GVG). Sie kann sowohl vom Angeklagten als auch von der Staatsanwaltschaft oder der Nebenklage eingelegt werden. Hält der Senat aufgrund seiner Beratung die Revision für unzulässig ( Abs. 1 Strafprozessordnung) oder den Antrag des Generalbundesanwalts entsprechend einstimmig für offensichtlich unbegründet (§ 349 Abs. 2 StPO) oder hält er eine zugunsten des Angeklagten eingelegte Revision einstimmig für begründet (§ 349 Abs. 4 StPO), so kann er durch Beschluss entscheiden. In den übrigen Fällen (ca. 5 % der Revisionen) wird aufgrund einer Hauptverhandlung durch Urteil entschieden (§ 349 Abs. 5 StPO). In der Hauptverhandlung vor dem Bundesgerichtshof wird die Staatsanwaltschaft durch einen Vertreter des Generalbundesanwalts vertreten, der Angeklagte durch seinen Verteidiger, sofern er einen hat. Der Angeklagte darf zwar, sofern es ihm möglich ist, persönlich an der Verhandlung teilnehmen, hat jedoch keinen Anspruch darauf. Insbesondere hat er keinen Anspruch auf Überführung zur Verhandlung, sofern er sich in Haft befindet ( Abs. 2 StPO). Dies ist dadurch begründet, dass die Verhandlung der Erörterung von Rechtsfragen dient (keine Beweisaufnahme) und somit der Anspruch des Verteidigers auf Anwesenheit zur Wahrung der Interessen des Angeklagten genügt. In der Praxis nimmt der Angeklagte sehr selten an der Verhandlung teil. Gemäß StPO beginnt die Hauptverhandlung mit dem Vortrag des Berichterstatters. Daran schließt sich der Vortrag desjenigen Beteiligten an, der Revision eingelegt hat. Anschließend folgen die Ausführungen der Gegenseite. Sofern der Angeklagte anwesend ist, erhält er das letzte Wort. Hält der BGH eine Revision für begründet, so wird das angefochtene Urteil aufgehoben ( StPO). Der BGH kann anschließend jedoch nur dann selbst in der Sache entscheiden, wenn keine weiteren Tatsachenfeststellungen erforderlich sind und keine neue Strafzumessung vorzunehmen ist. Dies ist gemäß StPO unter anderem der Fall, wenn der Angeklagte nach Ansicht des BGH aus rechtlichen Gründen freizusprechen ist, das Verfahren einzustellen ist oder in Übereinstimmung mit dem Antrag der Staatsanwaltschaft auf die Mindeststrafe erkannt werden kann. Auch Fehler beim Strafausspruch kann der BGH teilweise selbst korrigieren. Liegen die Voraussetzungen für eine eigene Entscheidung des BGH nicht vor, insbesondere wenn weitere Tatsachenfeststellungen erforderlich sind, so verweist er die Sache zur erneuten Verhandlung und Entscheidung an einen anderen Spruchkörper des Gerichtes zurück, dessen Urteil aufgehoben wurde (§ 354 Abs. 2 StPO). Revision und Rechtsbeschwerde in Zivilsachen Die Revision in Zivilsachen zum BGH erfolgt in der Regel gegen in der Berufungsinstanz erlassene Endurteile der Land- und Oberlandesgerichte. Sie ist nur möglich, wenn sie vom Berufungsgericht zugelassen wurde oder der Bundesgerichtshof sie aufgrund einer Nichtzulassungsbeschwerde nachträglich für zulässig erklärt ( Abs. 1 Zivilprozessordnung). Die Revision ist zuzulassen, wenn die Rechtssache grundsätzliche Bedeutung hat oder zur Fortbildung des Rechts oder Sicherung einer einheitlichen Rechtsprechung eine Entscheidung des Bundesgerichtshofs erforderlich ist (§ 543 Abs. 2 ZPO). Hält der Senat eine Revision für unzulässig, verwirft er sie, was durch Beschluss erfolgen kann ( ZPO). Sind nach einstimmiger Ansicht des Senats die Voraussetzungen für die Zulassung der Revision durch das Berufungsgericht nicht gegeben und zudem keine Erfolgschancen ersichtlich, wird die Revision durch Beschluss zurückgewiesen ( ZPO). In der Mehrzahl der Verfahren entscheidet der Senat jedoch aufgrund einer mündlichen Verhandlung ( ZPO) durch Urteil. In Zivilsachen müssen sich die Parteien von einem beim BGH zugelassenen Rechtsanwalt vertreten lassen (siehe Abschnitt Rechtsanwälte). Hat eine Revision Erfolg, so wird das angefochtene Urteil aufgehoben. Ist der Sachverhalt rechtsfehlerfrei festgestellt worden und die Sache danach reif zur Entscheidung, so entscheidet der BGH selbst über sie ( Abs. 3 ZPO). Andernfalls verweist er die Sache zur erneuten Verhandlung und Entscheidung an das Berufungsgericht zurück (§ 563 Abs. 1 ZPO). In Familiensachen wurde zum 1. September 2009 das Rechtsmittel der Revision durch das der Rechtsbeschwerde abgelöst, welche hier grundsätzlich nur bei Zulassung durch die Vorinstanz möglich ist. Eine Rechtsbeschwerde wird ähnlich behandelt wie eine Revision (vgl. ZPO), über sie wird jedoch gemäß § 577 Abs. 6 ZPO durch Beschluss entschieden, welcher nicht begründet werden muss, sofern die Sache keine grundsätzliche Bedeutung hat. Auch in anderen Bereichen als dem Familienrecht erfolgt die Beanstandung bestimmter Arten von Entscheidungen nicht durch Revision, sondern durch Rechtsbeschwerde, beispielsweise die Beanstandung von Nebenentscheidungen und Entscheidungen in Nebenverfahren wie Zwangsvollstreckungs-, Insolvenz- und Kostensachen. Große Senate Beim Bundesgerichtshof sind gemäß Abs. 1 GVG ein Großer Senat für Zivilsachen und ein Großer Senat für Strafsachen eingerichtet, welche zusammen die Vereinigten Großen Senate bilden. Gemäß § 132 Abs. 5 GVG besteht der Große Senat für Zivilsachen aus dem Präsidenten und je einem Mitglied der Zivilsenate, der Große Senat für Strafsachen aus dem Präsidenten und je zwei Mitgliedern der Strafsenate. Die Mitglieder der Großen Senate werden vom Präsidium bestimmt (§ 132 Abs. 6 GVG). Häufig sind die Senatsvorsitzenden auch Vertreter ihres Senats im Großen Senat. Will ein Senat in einer Rechtsfrage von der Entscheidung eines anderen Senats abweichen, an welcher der andere Senat auf Anfrage festhält, so muss die Sache gemäß § 132 Abs. 2 und 3 GVG dem Großen Senat vorgelegt werden, welcher dann verbindlich über die Rechtsfrage entscheidet ( Abs. 1 GVG). Will ein Zivilsenat von einem anderen Zivilsenat abweichen, so ist der Große Senat für Zivilsachen anzurufen, bei Abweichungen zwischen Strafsenaten der Große Senat für Strafsachen. Will hingegen ein Zivilsenat von einem Strafsenat abweichen oder umgekehrt, so entscheiden die Vereinigten Großen Senate. Des Weiteren kann ein Senat eine Frage von grundsätzlicher Bedeutung dem Großen Senat zur Entscheidung vorlegen, wenn das nach seiner Auffassung zur Fortbildung des Rechts oder zur Sicherung einer einheitlichen Rechtsprechung erforderlich ist (§ 132 Abs. 4 GVG). Die Großen Senate entscheiden nur über Rechtsfragen, der vorlegende Senat ist jedoch bei seiner anschließenden Sachentscheidung an die Entscheidung des Großen Senats zur Rechtsfrage gebunden (§ 138 Abs. 1 S. 3 GVG). Da die Großen Senate nur über Rechtsfragen befinden, können sie ohne mündliche Verhandlung entscheiden (§ 138 Abs. 1 S. 2 GVG), wobei in Strafsachen stets der Generalbundesanwalt zu hören ist, was auch in der Beratung geschehen kann (§ 138 Abs. 2 GVG). Entscheidungen werden im Fall der Uneinigkeit durch Abstimmung herbeigeführt, wobei jeder Richter eine Stimme hat; bei Stimmengleichheit gibt die Stimme des Vorsitzenden, also des Präsidenten, den Ausschlag (§ 132 Abs. 6 S. 3 GVG). Verhältnis zu anderen Gerichten Der Bundesgerichtshof steht als oberstes Gericht der ordentlichen Gerichtsbarkeit im Instanzenzug über den Amts-, Land- und Oberlandesgerichten der Länder. Gegen seine Entscheidungen ist somit grundsätzlich kein Rechtsmittel mehr möglich, sie werden mit ihrer Verkündung rechtskräftig. Zwar kann auch gegen Entscheidungen des BGH – wie gegen jeden Akt der deutschen öffentlichen Gewalt – Verfassungsbeschwerde vor dem Bundesverfassungsgericht eingelegt werden, doch stellt diese keine vollständige Überprüfung der Entscheidung des BGH dar, sondern lediglich eine Überprüfung am Maßstab des Verfassungsrechts. Mögliche Verstöße gegen die Europäische Menschenrechtskonvention (EMRK) durch Entscheidungen des BGH – ebenso wie jedes anderen letztinstanzlichen Gerichts – können vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) in Straßburg geltend gemacht werden, in der Regel allerdings erst nach Ausschöpfung der Verfassungsbeschwerde. Bislang nicht abschließend geklärt ist, welche Bindungswirkung die Urteile des EGMR in Deutschland haben. Zu den anderen obersten Gerichtshöfen des Bundes ist der BGH gleichrangig, kann sich also nicht über deren Rechtsauffassungen hinwegsetzen. Für die Entscheidung von Rechtsfragen bei abweichenden Rechtsauffassungen zwischen dem Bundesgerichtshof und einem anderen obersten Gerichtshof des Bundes ist gemäß Abs. 3 GG der Gemeinsame Senat der obersten Gerichtshöfe des Bundes zuständig. Hat der Bundesgerichtshof Recht der Europäischen Union anzuwenden, so ist er gemäß AEUV als letzte innerstaatliche Instanz grundsätzlich dazu verpflichtet, eine noch ungeklärte Rechtsfrage vorab im Rahmen eines Vorabentscheidungsverfahrens dem Gerichtshof der Europäischen Union in Luxemburg vorzulegen, dessen Beantwortung der Rechtsfrage für den BGH bei seiner anschließenden Sachentscheidung bindend ist. Die Rechtsprechung des BGH ist auch für die österreichische Rechtswissenschaft von Bedeutung: Im Bereich des Handelsrechts, das überwiegend durch das in Österreich im Jahr 1938 eingeführte deutsche Handelsgesetzbuch geregelt ist, orientieren sich die Gerichte in Auslegungsfällen bevorzugt an Entscheidungen des BGH. Das österreichische Handelsgesetzbuch wurde zwar zum 1. Januar 2007 im Zuge einer umfassenden Novelle in Unternehmensgesetzbuch umbenannt, stimmt jedoch weiterhin in vielen Teilbereichen mit dem deutschen Handelsgesetzbuch überein. Beschäftigte Der Bundesgerichtshof hat (Stand: 2012) 404,5 Planstellen. Davon sind 129 Richter, 48 wissenschaftliche Mitarbeiter, 106,5 Beamte, 116 tarifliche Arbeitnehmer und 5 Auszubildende.Stellenplan des Bundesgerichtshofs 2012. Da einige Personen in Teilzeit beschäftigt sind, liegt die tatsächliche Zahl der Beschäftigten etwas höher – im Jahr 2012 lag sie bei 406 Personen. Präsident An der Spitze des Gerichts steht der Präsident ( GVG). Er ist Dienstvorgesetzter aller Beschäftigten. Als Präsident eines Obersten Gerichtshofs des Bundes ist er in die Besoldungsgruppe R 10 eingestuft. Er ist gemäß GVG kraft Amtes Vorsitzender des Präsidiums des BGH, welchem des Weiteren zehn gewählte Richter angehören und welches gemäß Abs. 1 GVG für die Besetzung der Senate und die Geschäftsverteilung zuständig ist. Der Präsident gehört in der Regel keinem der Zivil- oder Strafsenate an, häufig jedoch dem Kartellsenat. Er führt zudem kraft Gesetzes ( Abs. 6 S. 3 GVG) den Vorsitz in den Großen Senaten, wo seine Stimme bei Stimmengleichheit den Ausschlag gibt. Ebenfalls kraft Gesetzes ist er Vorsitzender des Senats für Anwaltssachen ( Abs. 2 BRAO). Neunter Präsident des BGH ist seit dem 1. Juli 2014 Bettina Limperg; sie ist die erste Frau in diesem Amt. Im Folgenden eine Liste aller bisherigen Präsidenten des Bundesgerichtshofs: + Präsidenten des BundesgerichtshofsDie Präsidenten des Bundesgerichtshofs www.bundesgerichtshof.de (abgerufen am 21. August 2024). Nr. Name Beginn der Amtszeit Ende der Amtszeit 1 Hermann Weinkauff (1894–1981) 1. Oktober 1950 31. März 1960 2 Bruno Heusinger (1900–1987) 1. April 1960 31. März 1968 3 Robert Fischer (1911–1983) 1. April 1968 30. September 1977 4 Gerd Pfeiffer (1919–2007) 1. Oktober 1977 31. Dezember 1987 5 Walter Odersky (* 1931) 1. Januar 1988 31. Juli 1996 6 Karlmann Geiß (1935–2025) 1. August 1996 31. Mai 2000 7 Günter Hirsch (* 1943) 15. Juli 2000 31. Januar 2008 8 Klaus Tolksdorf (* 1948) 1. Februar 2008 31. Januar 2014 9 Bettina Limperg (* 1960) 1. Juli 2014 Vizepräsident Der Vizepräsident des Bundesgerichtshofs ist der ständige Vertreter des Präsidenten. Er ist zugleich Vorsitzender Richter eines der Senate des BGH und als solcher in die Besoldungsgruppe R 8 eingestuft. Bis 1968 war die Stelle des Vizepräsidenten nicht eigenständig vorgesehen. Ständiger Vertreter des Präsidenten war in dieser Zeit gemäß § 5 der Geschäftsordnung des Bundesgerichtshofs der jeweils dienstälteste Senatsvorsitzende (damals Senatspräsident genannt).Geschäftsordnung des Bundesgerichtshofes vom 3. März 1952, veröffentlicht im Bundesanzeiger 83, 30. April 1953, S. 9–10. Später wurde die Stelle eingerichtet. Vom 1. August 2015 bis 2. Dezember 2016 war die Stelle des Vizepräsidenten vakant. Seitdem ist Jürgen Ellenberger Vizepräsident des Bundesgerichtshofs. Im Folgenden eine Liste aller Vizepräsidenten des Bundesgerichtshofs kraft Ernennung: + Vizepräsidenten des BundesgerichtshofsHandbücher der Justiz seit 1953. Name Beginn der Amtszeit Ende der Amtszeit Roderich Glanzmann (1904–1988) 1968 30. April 1972 Fritz Hauß (1908–2003) 23. Mai 1972 31. Oktober 1976 Gerd Pfeiffer (1919–2007) 3. November 1976 30. September 1977 Walter Stimpel (1917–2008) 1. Oktober 1977 30. November 1985 Ludwig Thumm (1920–2011) 2. Dezember 1985 30. April 1988 Hannskarl Salger (1929–2010) 1. Mai 1988 30. November 1994 Horst Hagen (1934–2019) 1. Dezember 1994 28. Februar 1999 Burkhard Jähnke (* 1937) 1. März 1999 31. Mai 2002 Joachim Wenzel (1940–2009) 1. April 2002 30. Juni 2005 Gerda Müller (* 1944) 1. Juli 2005 30. Juni 2009 Wolfgang Schlick (* 1950) 1. Juli 2009 31. Juli 2015 Jürgen Ellenberger (* 1960) 2. Dezember 2016 Richter und Vorsitzende Richter mini|Richter des ersten Zivilsenats (2018) Die Richter am Bundesgerichtshof tragen durch die ihnen übertragenen Aufgaben eine besondere Verantwortung. Durch die Auswahl der Richter kann die Rechtsprechung in der Bundesrepublik Deutschland erheblich beeinflusst werden. Deshalb wird sie von einem Richterwahlausschuss vorgenommen ( Abs. 1 GVG), welchem die Justizminister der Länder und 16 vom Bundestag gewählte Mitglieder angehören. Kandidaten können gemäß Richterwahlgesetz (RiWG) vom Bundesjustizminister und von den Mitgliedern des Richterwahlausschusses vorgeschlagen werden. Gewählt werden kann nur, wer die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt und das 35. Lebensjahr vollendet hat (§ 125 Abs. 2 GVG). Der Bundesgerichtshof gibt durch seinen Präsidialrat eine Stellungnahme zur persönlichen und fachlichen Eignung der Vorgeschlagenen ab, welche für den Richterwahlausschuss aber nicht bindend ist. Der Richterwahlausschuss entscheidet in geheimer Abstimmung mit der Mehrheit der abgegebenen Stimmen ( RiWG). Nach ihrer Wahl werden die Richter vom Bundespräsidenten ernannt. Die Richter am Bundesgerichtshof sind grundsätzlich hauptamtliche und planmäßige Berufsrichter. Lediglich bei den Entscheidungen der Spezialsenate zum Berufsrecht kommen neben drei Berufsrichtern zwei ehrenamtliche Richter aus dem jeweiligen Berufszweig zum Einsatz. Die Berufsrichter sind als Bundesrichter an einem der Obersten Gerichtshöfe des Bundes grundsätzlich in die Besoldungsgruppe R 6 eingeordnet, Vorsitzende Richter in die Besoldungsgruppe R 8; zusätzlich erhalten alle eine Bundeszulage. Die derzeit 129 Richter und Vorsitzenden Richter üben ihr Amt wie alle Richter unabhängig aus ( Abs. 1 GG) und werden auf Lebenszeit ernannt ( Abs. 2 S. 2 GG), können also vor Erreichen des Renteneintrittsalters nur aufgrund schwerwiegender Verstöße aus dem Amt entfernt werden. Das Dienstgericht des Bundes ist als einer der Spezialsenate beim Bundesgerichtshof selbst eingerichtet, hätte letztlich also gemäß DRiG über Disziplinarmaßnahmen gegen Kollegen bis hin zur Entfernung aus dem Amt zu entscheiden. Der Frauenanteil unter den Richtern am Bundesgerichtshof beträgt derzeit (Stand: 2015) mit 36 von 130 Personen (einschließlich der Präsidentin) 28 Prozent. (abgerufen am 20. Mai 2015) (offline). Er ist damit gegenüber 2012, als es mit 26 von 130 Personen genau 20 Prozent waren, stark gestiegen. Im Vergleich mit den anderen obersten Gerichtshöfen des Bundes hat der BGH einen höheren Frauenanteil als der Bundesfinanzhof (22 % (abgerufen am 20. Juni 2023).) oder das Bundessozialgericht (26 % (abgerufen am 21. Mai 2015; PDF).) und einen ebenso hohen Anteil wie das Bundesverwaltungsgericht (28 %Bundesverwaltungsgericht – Geschäftsverteilung Stand: Mai 2015 (abgerufen am 21. Mai 2015; PDF).); lediglich das Bundesarbeitsgericht hat einen höheren Anteil (40 %Bundesarbeitsgericht – Geschäftsverteilung Oktober 2014 (abgerufen am 21. Mai 2015).). Wissenschaftliche Mitarbeiter Der BGH beschäftigt stets etwa 50 wissenschaftliche Mitarbeiter, offiziell „wissenschaftliche Hilfskräfte“ ( Abs. 1 GVG). Die wissenschaftlichen Mitarbeiter müssen die Befähigung zum Richteramt haben und sind meist Richter am Amts-, Land-, Oberlandes- oder Bundespatentgericht oder Staatsanwälte. Sie werden für drei Jahre an den BGH abgeordnet und einem Senat zugeteilt. Dort sollen sie die Richter durch vorbereitende Arbeiten, insbesondere durch Recherche, Voten und Entscheidungsentwürfe, in ihrer juristischen Arbeit unterstützen. In der Regel erhält jeder Zivilsenat drei und jeder Strafsenat zwei wissenschaftliche Mitarbeiter. Sonstige Beschäftigte Die etwa 240 weiteren Beschäftigten des BGH sind teilweise den einzelnen Senaten zugeordnet, wie etwa die Geschäftsstellen und Schreibkräfte, oder sie nehmen die am Gericht bestehenden allgemeinen Verwaltungsaufgaben wahr, wie etwa Bibliotheksführung, Öffentlichkeitsarbeit, Sicherheit, Poststelle oder technische Dienste. Rechtsanwälte mini|Beim Bundesgerichtshof zugelassener Rechtsanwalt (mit roter Anwaltsrobe und weißem Binder) Vor dem Bundesgerichtshof können in Zivilsachen grundsätzlich (abgesehen von Patent-Nichtigkeitsverfahren) nur besonders zugelassene Rechtsanwälte auftreten. Die Zulassung erfolgt gemäß Bundesrechtsanwaltsordnung (BRAO) durch das Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz. Zugelassen werden kann nur, wer das 35. Lebensjahr vollendet hat, den Rechtsanwaltsberuf mindestens fünf Jahre ohne Unterbrechung ausgeübt hat und durch den Wahlausschuss für Rechtsanwälte bei dem Bundesgerichtshof benannt wird ( BRAO).Legal Tribute Online; "BGH - Anwälte: Wer sind die neuen Gesichter in Karlsruhe?" Der Wahlausschuss besteht aus dem Präsidenten und den Senatsvorsitzenden der Zivilsenate des Bundesgerichtshofes sowie aus den Mitgliedern des Präsidiums der Bundesrechtsanwaltskammer und des Präsidiums der Rechtsanwaltskammer bei dem Bundesgerichtshof ( BRAO). Die beim Bundesgerichtshof zugelassenen Rechtsanwälte sind Pflichtmitglieder der Rechtsanwaltskammer bei dem Bundesgerichtshof und nur dort zugelassen (Singularzulassung). Sie haben ihren Kanzleisitz alle im Stadt- oder Landkreis Karlsruhe. Gegenwärtig (Stand: November 2025) sind 46 Rechtsanwälte beim BGH zugelassen. Darunter sind nur acht Frauen. Die Kriterien für die Auswahl sind „weit überdurchschnittliche Kenntnisse und Fähigkeiten, die forensische Erfahrung und die Befähigung zum praktischwissenschaftlichen Arbeiten“.Bundesverfassungsgericht, Beschluss vom 27. Februar 2008 – 1 BvR 1295/07 Die letzte Wahl fand 2025 statt.Pressemitteilung des BMJV Die Zulassungsbeschränkung wird mit dem Erfordernis erhöhten revisionsrechtlichen Sachverstands begründet. Ob sie mit der Verfassung (insbesondere GG) vereinbar ist, wird seit Jahren immer wieder aufs Neue diskutiert. Der Bundesgerichtshof hat dies zuletzt 2006 bejaht.BGH, Beschluss vom 5. Dezember 2006, Az. AnwZ 2/06, Volltext. Die dagegen eingelegte Verfassungsbeschwerde wurde vom Bundesverfassungsgericht 2008 nicht zur Entscheidung angenommen,BVerfG, Beschluss vom 27. Februar 2008, Az. 1 BvR 1295, Volltext. dabei führte das Gericht aus, dass GG nicht verletzt sei. In Strafsachen kann hingegen jeder Verteidiger vor dem Bundesgerichtshof auftreten. In Verfahren nach dem Bundesrückerstattungsgesetz besteht gar kein Anwaltszwang ( Abs. 3 ZustÜblG), sodass insoweit jede Person vor dem Bundesgerichtshof auftreten kann. Elektronische Eingaben Das Gericht nimmt eine Vorreiterrolle im elektronischen Rechtsverkehr ein. Zusammen mit dem Bundespatentgericht war der BGH an der Entwicklung von XJustiz maßgeblich beteiligt, (abgerufen am 3. Juni 2012). mit dem bundesweit einheitliche Standards für den Austausch elektronischer Informationen geschaffen werden sollen.XJustiz: Elektronischer Rechtsverkehr mit XML (abgerufen am 11. Juni 2012). Bereits seit 2001 besteht für die beim BGH zugelassenen Rechtsanwälte in Zivilsachen die Möglichkeit, Schriftsätze in elektronischer Form einzureichen. In Strafsachen hat der Generalbundesanwalt seit 2006 die Möglichkeit der elektronischen Einreichung von Schriftsätzen in Revisionsverfahren. Seit 2007 ergeben sich die technischen Voraussetzungen und die zulässigen Dokumentenformate für elektronische Eingaben aus der Verordnung über den elektronischen Rechtsverkehr beim Bundesgerichtshof und Bundespatentgericht (BGH/BPatGERVV). Die elektronischen Eingaben erfolgen über ein elektronisches Postfach, wofür der BGH seit 2010 das Elektronische Gerichts- und Verwaltungspostfach verwendet,Elektronischer Rechtsverkehr (abgerufen am 21. August 2021) an welchem sich mittlerweile viele deutsche Gerichte beteiligen. (www.egvp.de, abgerufen am 20. Juni 2023). Baugeschichte und Gebäudenutzung mini|links|Erbgroßherzogliches Palais mit Galatea-Brunnen (2006) mini|Weinbrennergebäude (2012) mini|links|Westgebäude (2012) mini|Nordgebäude (2012) mini|links|Neues Empfangsgebäude mit Eingangsschleuse (2012) mini|Neuer Sitzungssaal im Obergeschoss des Empfangsgebäudes Der Bundesgerichtshof befindet sich seit seiner Gründung auf dem etwa vier Hektar großen Gelände des ehemaligen Erbgroßherzoglichen Palais, das im Südwesten der Karlsruher Innenstadt zwischen der Kriegs-, Herren-, Blumen- und Ritterstraße liegt. Die Gebäude sind rings um eine zentrale Rasenfläche gruppiert, auf der ein Galatea-Brunnen steht. Von der ursprünglichen Bebauung existieren heute noch das Palais selbst an der Südseite des Grundstücks und das ehemalige Gärtnerhaus (heute „Weinbrennergebäude“ genannt) an der Nordwestseite.Der Bundesgerichtshof in Karlsruhe – Das Gericht und seine Gebäude (herausgegeben vom Bundesministerium für Verkehr, Bau- und Wohnungswesen und vom Bundesgerichtshof, Karlsruhe 2005). Das Erbgroßherzogliche Palais beherbergt heute den Präsidenten und die Verwaltung des BGH sowie einige Zivilsenate und deren Sitzungssäle. Bereits in den 1950er Jahren wurden erste Um- und Anbauarbeiten durchgeführt, um dem wachsenden Platzbedarf des Gerichts gerecht zu werden. Von 1958 bis 1960 entstand entlang der Herrenstraße nach den Plänen von Erich Schelling das Westgebäude sowie ein südlich daran angeschlossener abhörsicherer Sitzungssaal für die Strafsenate. Im Westgebäude befinden sich heute die vier in Karlsruhe sitzenden Strafsenate, die Ermittlungsrichter des Bundesgerichtshofes, einige Zivilsenate und das Casino (gehobene Kantine) des Gerichts. Ebenfalls von 1958 bis 1960 wurde ein Nordgebäude errichtet, das unter anderem Platz für die Bundesanwaltschaft bot. Bis 1978 war das Gelände des Bundesgerichtshofs für die Bevölkerung frei zugänglich. Nach dem Mord an Generalbundesanwalt Siegfried Buback und einem missglückten Raketenangriff durch die RAF wurde die gesamte Anlage jedoch von einer videoüberwachten Doppelzaunanlage umzogen. Als Haupteingang wurde ein Kontrollgebäude mit Eingangsschleuse zwischen Westgebäude und Weinbrennergebäude errichtet. Bereits seit den 1970er Jahren waren verschiedene Konzepte für Erweiterungsbauten im Gespräch, da der Platzbedarf des Gerichts mit zunehmendem Arbeitsaufkommen stetig stieg und zwischenzeitlich zusätzliche Gebäude in der Karlsruher Innenstadt angemietet werden mussten. Schließlich entschloss man sich, die Bundesanwaltschaft aus dem Gelände auszulagern. 1998 bezog sie ihren neuen Dienstsitz in der Brauerstraße, sodass der Weg frei war für eine Modernisierung und Erweiterung des Nordgebäudes. Zudem war nach der Wiedervereinigung der zunächst formell nur provisorische Dienstsitz in Karlsruhe endgültig zum Sitz des Bundesgerichtshofes erklärt worden, sodass die dringend nötige Erweiterung nicht mehr mit Verweis auf den provisorischen Zustand verweigert werden konnte. Nach Abriss des alten Nordgebäudes entstand von 2000 bis 2003 auf der Nordhälfte des BGH-Geländes ein zur zentralen Parkanlage offener U-förmiger Bau, in welchem sich heute einige Zivilsenate und deren Sitzungssäle, die Bibliothek des Bundesgerichtshofs sowie das Rechtshistorische Museum Karlsruhe befinden. 2011 wurde das sanierungsbedürftige und als zu abweisend erachtete Kontrollgebäude abgerissen und anschließend durch ein neues Empfangsgebäude ersetzt. In dessen Obergeschoss befindet sich zudem ein neuer großer Sitzungssaal für die Strafsenate, der am 6. März 2012 erstmals durch den 1. Strafsenat genutzt und am 18. April 2012 offiziell eingeweiht wurde.Bundesgerichtshof Karlsruhe – Neubau Empfangsgebäude mit Sitzungssaal (Herausgeber: Staatliches Hochbauamt Baden-Baden Bundesbau für das Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung, 2012). Verhandlungsbesucher müssen nun nicht mehr vom Haupteingang zum alten Sitzungssaal geleitet werden, sondern passieren die Kontrolle im Erdgeschoss des Empfangsgebäudes und gelangen von dort direkt ins Obergeschoss zum neuen Sitzungssaal. Dieser umfasst 120 Zuschauerplätze. Im ersten Stock des Erbgroßherzoglichen Palais wurde 1957 eine marmorne Gedenktafel eingelassen, die an 34 Richter und Anwälte des Leipziger Reichsgerichts und der Reichsanwaltschaft erinnert, die nach Ende der NS-Herrschaft 1945 und 1946 in Deutschland in sowjetischer Gefangenschaft starben. Die Tafel hatte in den ersten zwanzig Jahren einen blumengeschmückten, altarähnlichen Vorbau und ein Kondolenzbuch. Sie wurde 2018 um eine Plakette und 2021 um eine Stelltafel ergänzt, die auf das nationalsozialistische Unrechtssystem hinweist, an dem diese Juristen mitwirkten, von denen 23 Mitglieder der NSDAP waren. Im Erdgeschoss des Palais wurde außerdem eine Stele als Mahnmal für die Opfer der NS-Justiz aufgestellt.Gedenktafel am BGH würdigt stark belastete NS-Juristen, Merkur, 20. Juni 2022. Der Bundesgerichtshof hat während der Errichtung eines neuen Ostgebäudes und der Sanierung des Westgebäudes eine Außenstelle in der Karlsruher Oststadt. Dort befinden sich die ersten 4 Strafsenate und damit auch der zuständige Strafsenat für Staatsschutzangelegenheiten. Bibliothek mini|Außenansicht der Bibliothek (Ostflügel des U-förmigen Nordgebäudes) mini|links|Innenansicht der Bibliothek Die Bibliothek des Bundesgerichtshofs verfügt über einen Bestand von etwa 402.000 Druckwerken sowie etwa 9.000 weiteren Medieneinheiten und ist damit die größte Gerichtsbibliothek Deutschlands.Geschichte und Aufgaben der Bibliothek des Bundesgerichtshofs (abgerufen am 21. August 2024).Die Bibliothek des Bundesgerichtshofs in Zahlen 2023 (abgerufen am 21. August 2024) Nach der Wiedervereinigung wurden ihr die Bestände der Bibliothek des Obersten Gerichts der DDR übertragen, darunter auch sehr viele historisch wertvolle Werke aus der Bibliothek des Reichsgerichts. Die Bibliothek des Bundesgerichtshofs erfasst die relevante juristische Literatur von 1800 bis 1970 fast vollständig und hat seitdem bei der Beschaffung von Medieneinheiten den Schwerpunkt entsprechend der Tätigkeit des Bundesgerichtshofs auf zivil- und strafrechtliche Literatur gelegt. Die jährlichen Ausgaben für Neuanschaffungen belaufen sich auf etwa 2.000.000 Euro. Durch den 2003 erfolgten Umzug in das neu gestaltete Nordgebäude erhielt die Bibliothek erstmals repräsentative Räumlichkeiten mit 21,5 km Buchstellmöglichkeiten und modern ausgestatteten Arbeitsplätzen. Sie wird vorrangig von den Richtern des Bundesgerichtshofs und ihren Wissenschaftlichen Mitarbeitern, den beim BGH zugelassenen Rechtsanwälten und akkreditierten Pressevertretern und den Mitarbeitern der Bundesanwaltschaft genutzt und wird für diese tätig, beispielsweise bei der Beschaffung benötigter Medien. Sie ist während der allgemeinen Dienstzeiten jedoch auch für Fremdbenutzer zugänglich, wovon jährlich knapp 3.000 Personen Gebrauch machen.Hannes Berger: Der Zugang zu Gerichtsbibliotheken: Eine kulturrechtliche Untersuchung am Beispiel der obersten Gerichtshöfe des Bundes. In: Zeitschrift für Landesverfassungsrecht und Landesverwaltungsrecht (ZLVR) 2/2021, S. 34–45 (online). Leiter der Bibliothek waren von 1950 bis 1956 Martin Kreplin, von 1956 bis 1985 Hildebert Kirchner und von 1986 bis 2010 Dietrich Pannier. Im Jahr 2010 übernahm Marcus Obert die Leitung. Veröffentlichung der Entscheidungen mini|Einige Bände der vollständigen Entscheidungssammlung aus dem Bestand der Bibliothek des BGH Der Bundesgerichtshof veröffentlicht seine seit dem 1. Januar 2000 ergangenen Entscheidungen in elektronischer Form auf seiner Internetseite, wo sie kostenlos abgerufen werden können. Persönliche Daten werden vor der Veröffentlichung stets anonymisiert. Seit 2011 bietet der BGH in Zusammenarbeit mit der Universität des Saarlandes zudem für ausgewählte Entscheidungen die Möglichkeit einer Benachrichtigung per E-Mail an, sobald der Volltext der Entscheidung auf der Internetseite des Bundesgerichtshofs abrufbar ist. In gedruckter Form wird die vollständige Entscheidungssammlung des BGH nicht veröffentlicht, sondern lediglich beim BGH archiviert. Vor dem 1. Januar 2000 ergangene Entscheidungen können gegen eine Kopiergebühr beim Entscheidungsversand des Bundesgerichtshofs angefordert werden; auch sie werden vor dem Versenden anonymisiert.Entscheidungen des Bundesgerichtshofs (abgerufen am 16. März 2017) Auch im Jahr 2014 erhielt der Entscheidungsversand noch über 1.400 Anfragen. Zudem beteiligt sich der BGH seit 1980 am elektronischen juristischen Informationssystem „juris“. Hierfür wertet die Dokumentationsstelle des Bundesgerichtshofs die Entscheidungen sämtlicher Instanzen aus dem Bereich der ordentlichen Gerichtsbarkeit sowie etwa 220 Fachzeitschriften aus und stellt jährlich über 50.000 Entscheidungen, Fundstellen und Anmerkungen in die Datenbank ein. Die Entscheidungen des BGH sind dort seit etwa 1984 im Wesentlichen vollständig erfasst, davor lückenhaft. Der Zugriff auf „juris“ ist allerdings kostenpflichtig. Auch in der kostenpflichtigen elektronischen Datenbank des Beckverlages, Beck-Online, finden sich die meisten veröffentlichten Entscheidungen des BGH. Von den Richtern des Bundesgerichtshofs und den Mitgliedern der Bundesanwaltschaft werden die Entscheidungssammlungen BGHZ und BGHSt herausgegeben. Die in gedruckter Form ungefähr halbjährlich respektive jährlich erscheinenden Bände enthalten eine Auswahl der nach Ansicht des BGH wichtigsten aktuell ergangenen Entscheidungen. Sie werden vom Bundesgerichtshof in erster Linie zitiert und finden sich in nahezu jeder deutschen Gerichtsbibliothek, sind aber im strengen Sinn keine amtliche Sammlung. Die früher ebenfalls in gedruckter Form herausgegebene Entscheidungssammlung BGHR, eine nach Paragraphen sortierte Sammlung wichtiger BGH-Entscheidungen, wird hingegen nur noch digital herausgegeben. Lediglich der Veröffentlichung von BGH-Entscheidungen – zum Teil mit Besprechung – ist die vierzehntäglich erscheinende Zeitschrift BGH-Report gewidmet. Daneben veröffentlichen die führenden juristischen Fachzeitschriften regelmäßig Entscheidungen des Bundesgerichtshofs. Die Pressestelle des BGH veröffentlicht häufig Pressemitteilungen zu anstehenden und ergangenen Entscheidungen sowie zu Personalangelegenheiten. Diese Pressemitteilungen können auch kostenlos als Newsletter abonniert werden, wovon derzeit etwa 25.500 Personen Gebrauch machen. Sofern Entscheidungen in mündlicher Verhandlung verkündet werden, ist diese Verkündung in der Regel öffentlich. Bis 2018 betraf dies wie bei jedem deutschen Gericht, abgesehen vom Bundesverfassungsgericht, lediglich die Saalöffentlichkeit; Bild- und Tonaufnahmen zur Veröffentlichung waren seit der 1964 erfolgten ausdrücklichen Regelung in GVG a. F. unzulässig. Mit des Gesetzes über die Erweiterung der Medienöffentlichkeit in Gerichtsverfahren wurde ab April 2018 für alle Gerichte die Möglichkeit geschaffen, Verfahren von zeitgeschichtlicher Bedeutung zum Zwecke der Archivierung audiovisuell aufzuzeichnen ( Abs. 2 GVG n. F.). Zudem wurde dem Bundesgerichtshof (wie auch den anderen obersten Gerichtshöfen des Bundes) die Möglichkeit eingeräumt, bei Entscheidungsverkündungen „in besonderen Fällen“ Ton- und Bildaufnahmen zum Zwecke der Veröffentlichung zuzulassen ( Abs. 3 GVG n. F.). Siehe auch Liste deutscher Gerichte Reichsgericht (Vorläufer des BGH) Oberstes Gericht (oberste Gerichte in anderen Staaten) Literatur Weblinks Website des Bundesgerichtshofs Thomas Fischer: BGH: Die Augen des Revisionsgerichts, Zeit online, 9. Juni 2015 Einzelnachweise Kategorie:Gericht der ordentlichen Gerichtsbarkeit Kategorie:Bundesgericht (Deutschland) Kategorie:Gericht (Karlsruhe) Kategorie:Gerichtsgründung 1950 Deutschland Kategorie:Innenstadt-West (Karlsruhe)
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Byzantinisches Reich
mini|hochkant=1.5|Die Gebietsveränderungen des Byzantinischen Reiches Das Byzantinische Reich (auch Oströmisches Reich oder kurz Byzanz bzw. Ostrom) war die unmittelbare Fortsetzung des Römischen Reiches im östlichen Mittelmeerraum. Das Reich ging aus der Reichsteilung von 395 hervor und existierte bis zur Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen im Jahr 1453, womit es den Untergang Westroms um fast 1000 Jahre überdauerte. Die Bezeichnung (die sich von Byzanz, dem ursprünglichen Namen der Hauptstadt Konstantinopel, herleitet) ist modernen Ursprungs. In der Spätantike und im Mittelalter lautete die Eigenbezeichnung ( „Reich der Römer“). Zur Zeit seiner größten Ausdehnung in der Mitte des sechsten Jahrhunderts schloss das Reich zurückeroberte Provinzen des untergegangenen Westreichs ein und erstreckte sich von Südspanien über Italien, die Balkanhalbinsel, Kleinasien und Syrien bis nach Ägypten und über weitere Teile Nordafrikas. Seit dem siebten Jahrhundert weitgehend auf Kleinasien und Südosteuropa beschränkt, war es während der längsten Zeit seiner Existenz dennoch das mächtigste, reichste und kulturell bedeutendste Staatswesen der Christenheit. Die Geschichte des Reiches war vom Abwehrkampf gegen äußere Feinde geprägt, der seine Kräfte erheblich beanspruchte und seine Ressourcen in der Spätzeit erschöpfte. Zuvor wechselten sich Phasen des Rückzugs, etwa nach den Gebietsverlusten im siebten Jahrhundert, mit solchen der Expansion ab, wie während der Eroberungen im zehnten und elften Jahrhundert. Im Inneren kam es immer wieder zu unterschiedlich stark ausgeprägten theologischen Auseinandersetzungen sowie zu Bürgerkriegen, doch blieb das an römischen Strukturen orientierte staatliche Fundament bis ins frühe 13. Jahrhundert weitgehend intakt. Da die Christianisierung Osteuropas wesentlich von Byzanz ausging, übte es einen starken Einfluss auf Kunst und Kultur der Länder der Orthodoxie aus. Dies betrifft insbesondere Griechenland, Bulgarien und Russland, die sich zeitweilig als Nachfolger Ostroms betrachteten. Aber auch für Westeuropa ist der byzantinische Einfluss von großer Bedeutung. Da das Erbe der Antike in Byzanz stärker bewahrt wurde, nahm das Reich vor und während der Renaissance eine wichtige kulturelle Mittlerrolle ein. Bedeutende Werke der Antike, etwa des Rechts, der Philosophie oder der Literatur, sind dem Westen durch byzantinische Gelehrte überliefert worden. Begriffsbestimmung und Begriffsgeschichte mini|207x207px|Staatswappen des Byzantinischen Reiches unter den Palaiologen: Der Doppeladler symbolisierte den Herrschaftsanspruch des christlich-römischen Kaisers über beide Reichshälften. Der Byzantinist Georg Ostrogorsky charakterisierte das Byzantinische Reich als eine Mischung aus römischem Staatswesen, griechischer Kultur und christlichem Glauben.Georg Ostrogorsky: Geschichte des byzantinischen Staates (= Handbuch der Altertumswissenschaft. Band XII 1.2). 2. Auflage. München 1963, S. 22. In der modernen Forschung wird die Geschichte des Byzantinischen Reiches in drei Phasen unterteilt: die spätantik-frühbyzantinische Zeit (um 300 bis Mitte des 7. Jahrhunderts), in der das Reich als Osthälfte des Imperium Romanum noch antik-römisch geprägt war und als intakte Großmacht den gesamten östlichen Mittelmeerraum kontrollierte; die mittelbyzantinische Zeit (Mitte des 7. Jahrhunderts bis 1204/1261), in der sich das nun vollkommen gräzisierte Reich nach großen Gebietsverlusten wieder konsolidierte und immer noch ein bedeutender Machtfaktor im Mittelmeer war; die spätbyzantinische Zeit (1204/1261 bis 1453), in der das Reich auf einen Stadtstaat zusammenschrumpfte und in der Region politisch keine Rolle mehr spielte. Neben dieser traditionellen Periodisierung existieren auch teils davon abweichende Überlegungen; so setzt sich in der neueren Forschung zunehmend die Tendenz durch, die im engeren Sinne „byzantinische“ Geschichte erst mit dem späten sechsten oder dem siebten Jahrhundert beginnen zu lassen und die Zeit davor der (spät-)römischen Geschichte zuzurechnen.So in jüngster Zeit z. B. Peter Schreiner: Byzanz. 3. Auflage. München 2008. Schreiner schlägt vor, von „byzantinisch“ erst nach dem Tod von Justinian (I.) (565) zu sprechen: frühbyzantinisch vom späten sechsten Jahrhundert bis ins neunten Jahrhundert, mittelbyzantinisch vom neunten Jahrhundert bis 1204 und spätbyzantinisch bis 1453. Die 2008 erschienene Cambridge History of the Byzantine Empire behandelt nur das sechste bis 15. Jahrhundert, und John F. Haldon, ein international führender Experte, sieht den entscheidenden Einschnitt erst im siebten Jahrhundert, mit dem Ende der Spätantike: John Haldon: Byzantium in the Seventh Century. The transformation of a culture. Zweite Auflage. Cambridge 1997. Vgl. zur Diskussion auch Mischa Meier: Ostrom – Byzanz, Spätantike – Mittelalter. Überlegungen zum „Ende“ der Antike im Osten des Römischen Reiches. In: Millennium. 9, 2012, S. 187–254. Zwar ist diese Position nicht unumstritten,Siehe hierzu die beiden Rezensionen der 3. Auflage von Peter Schreiners Handbuch/Einführung von Günter Prinzing, in: Südost-Forschungen 65/66 (2006/2007), S. 602–606, und Ralph-Johannes Lilie, in: Byzantinische Zeitschrift. Band 101, 2009, S. 851–853. doch in der Praxis beschäftigten sich mit der oströmischen Geschichte vor dem frühen 7. Jahrhundert heute in der Tat vor allem Althistoriker, während sich die meisten Byzantinisten inzwischen auf die Folgezeit konzentrieren. Die von der Hauptstadt abgeleiteten Bezeichnungen Byzantiner und Byzantinisches Reich sind modernen Ursprungs. Einige Byzantinisten wie Anthony Kaldellis plädieren daher in jüngerer Zeit dafür, den Terminus Byzanz zugunsten von Ostrom gänzlich aufzugeben, da es keinen relevanten Kontinuitätsbruch zwischen Antike und Mittelalter gegeben habe.Siehe programmatisch Anthony Kaldellis: The case for East Roman Studies. Arc Humanities Press, Leeds 2024. Die Byzantiner – und die Griechen bis ins 19. Jahrhundert hinein – betrachteten und bezeichneten sich selbst als „Römer“ (; vergleiche Rhomäer). Das Wort „Griechen“ () wurde fast nur für die vorchristlichen, paganen griechischen Kulturen und Staaten verwendet. Erst um 1400 bezeichneten sich auch einige gebildete Byzantiner wie Georgios Gemistos Plethon als „Hellenen“. Zeitgenossen sprachen stets von der ( „Reich der Römer“) oder der ( „Römischer Herrschaftsbereich“ bzw. „Römisches Kaiserreich“; dies ist die direkte Übersetzung des lateinischen ins Griechische). Nach ihrem Selbstverständnis waren sie also nicht die Nachfolger des Römischen Reiches – sie waren das Römische Reich. Deutlich wird dies auch dadurch, dass die Bezeichnungen „Oströmisches“ und „Weströmisches Reich“ modernen Ursprungs sind und es nach zeitgenössischer Auffassung nur ein Reich unter zwei Kaisern gab, solange beide Reichsteile existierten. Formal war dieser Anspruch berechtigt, da es im Osten keinen Einschnitt wie im Westen gegeben hatte und Byzanz in einem weitaus nahtloser an die Spätantike anschließenden Zustand fortbestand, der sich erst nach und nach veränderte und zu einer Gräzisierung des Staates unter Herakleios führte. Allerdings war bereits vorher die vorherrschende Identität des Oströmischen Reiches griechisch und Latein nur die Sprache der Herrschaft gewesen, die in der Armee, am Hof und in der Verwaltung benutzt wurde, nicht im Alltag. Altgriechisch und seit der Wende um 600 das Mittelgriechische, lautlich mit dem heutigen Griechisch schon fast identisch, ersetzte nicht nur seit Herakleios Latein als Amtssprache, sondern war auch die Sprache der Kirche, Literatursprache (bzw. Kultursprache) und Handelssprache. Das Oströmische/Byzantinische Reich verlor seinen römisch-spätantiken Charakter erst im Laufe der arabischen Eroberungen im siebten Jahrhundert. Es sah sich zeit seines Bestehens als unmittelbar und einzig legitimes, weiterbestehendes Römisches Kaiserreich und leitete daraus einen Anspruch auf Oberhoheit über alle christlichen Staaten des Mittelalters ab. Dieser Anspruch war zwar spätestens seit dem 7. Jahrhundert nicht mehr durchsetzbar, wurde aber in der Staatstheorie konsequent aufrechterhalten. Politische Geschichte Die Spätantike: Das Oströmische Reich mini|hochkant=0.8|Kopf einer zeitgenössischen Kolossalstatue Konstantins I. (Kapitolinische Museen, Rom) Die Reichsteilungen seit Konstantin dem Großen Die Wurzeln des Byzantinischen Reiches liegen in der römischen Spätantike (284–641). Das Byzantinische Reich stellte keine Neugründung dar, vielmehr handelt es sich um die bis 1453 weiter existierende östliche Hälfte des 395 endgültig geteilten Römerreichs, also um die direkte Fortsetzung des Imperium Romanum. Die damit verbundene Frage, wann die byzantinische Geschichte konkret beginnt, ist allerdings nicht eindeutig zu beantworten, da verschiedene Forschungsansätze möglich sind. Vor allem in der älteren Forschung wurde als Beginn oft die Regierungszeit Kaiser Konstantins des Großen (306 bis 337) angesehen, während in der neueren Forschung die Tendenz vorherrscht, erst die Zeit ab dem 7. Jahrhundert als „byzantinisch“ und die davor liegende Zeit noch als zur römischen Spätantike gehörig zu charakterisieren, wenngleich auch dies nicht unumstritten ist.Vgl. dazu Mischa Meier: Ostrom – Byzanz, Spätantike – Mittelalter. Überlegungen zum „Ende“ der Antike im Osten des Römischen Reiches. In: Millennium 9 (2012), S. 187–254. Konstantin setzte sich in einem von 306 bis 324 dauernden Machtkampf im Imperium als Alleinherrscher durch (im Westen bereits seit 312), reformierte Heer und Verwaltung und festigte das Reich nach außen. Er begünstigte als erster römischer Kaiser aktiv das Christentum (konstantinische Wende), was enorme Auswirkungen hatte; zum anderen schuf er die spätere Hauptstadt des Byzantinischen Reiches. Zwischen 325 und 330 ließ er die alte griechische Polis Byzanz großzügig ausbauen und benannte sie nach sich selbst in Konstantinopel um (allerdings blieb auch Byzantion als alternativer Name der Stadt gebräuchlich). Bereits zuvor hatten sich Kaiser Residenzen gesucht, die näher an den bedrohten Reichsgrenzen lagen und/oder besser zu verteidigen waren als Rom, das spätestens nach der kurzen Herrschaft des Kaisers Maxentius in der Regel nicht mehr Sitz der Kaiser, sondern nur noch ideelle Hauptstadt war. Allerdings erhielt Konstantinopel im Unterschied zu anderen Residenzstädten einen eigenen Senat, der unter Konstantins Sohn Constantius II. dem römischen formal gleichgestellt wurde. Mehr und mehr entwickelte sich die Stadt in der Folgezeit zum verwaltungsmäßigen Schwerpunkt des östlichen Reichsteils, auch wenn ein Kaiser wie Valens (364 bis 378) noch Antiochia am Orontes bevorzugte. Gegen Ende des 4. Jahrhunderts kamen sogar die Bezeichnungen und auf – das „Neue Rom“. Trotz dieses bewussten Gegensatzes zur alten Hauptstadt blieb das alte Rom weiterhin der Bezugspunkt der Reichsideologie. Seit der Zeit des Kaisers Theodosius I. (379 bis 395) war Konstantinopel dann die dauerhafte Residenz der im Osten regierenden römischen Kaiser. mini|hochkant=0.8|Das von Konstantin eingeführte Labarum mit dem Christusmonogramm Nach Konstantins Tod 337 gab es zumeist mehrere Augusti im Imperium, denen die Herrschaft über bestimmte Reichsteile oblag. Dabei wurde allerdings zugleich die Einheit des Imperium Romanum nie in Frage gestellt, vielmehr handelte es sich um ein Mehrkaisertum mit regionaler Aufgabenteilung, wie es seit Diokletian üblich geworden war. Den Osten regierten Constantius II. (337 bis 361), Valens (364 bis 378) und Theodosius I. (379 bis 395). Nach dem Tod des Theodosius, der 394/395 als letzter Kaiser kurzzeitig faktisch über das gesamte Imperium herrschte, wurde das Römische Reich 395 erneut in eine östliche und eine westliche Hälfte unter seinen beiden Söhnen Honorius und Arcadius aufgeteilt. Solche „Reichsteilungen“ hatte es zwar schon oft gegeben, aber diesmal erwies sie sich als endgültig: Arcadius, der in Konstantinopel residierte, gilt daher manchen Forschern als erster Kaiser des Oströmischen beziehungsweise Frühbyzantinischen Reiches. Dennoch galten weiterhin alle Gesetze in beiden Reichshälften (sie wurden meist im Namen beider Kaiser erlassen), und der Konsul des jeweils anderen Teiles wurde anerkannt. Umgekehrt rivalisierten beide Kaiserhöfe während des fünften Jahrhunderts um den Vorrang im Gesamtreich. hochkant=1.6|mini|Die Reichsteilung von 395 Im späten vierten Jahrhundert, zur Zeit der beginnenden sogenannten Völkerwanderung,Zur komplexen Forschungslage der Völkerwanderung (einem problematischen Forschungsbegriff, da in diesem Zusammenhang faktisch nie einheitliche „Völker“ migrierten, sondern zumeist recht heterogene Verbände) und der Auflösung Westroms (stark mitverschuldet durch innerrömische Bürgerkriege) siehe nun vor allem Mischa Meier: Geschichte der Völkerwanderung. Europa, Asien und Afrika vom 3. bis zum 8. Jahrhundert. München 2019. war zunächst die östliche Reichshälfte Ziel germanischer Kriegerverbände wie der West- und der Ostgoten. In der Schlacht von Adrianopel erlitt das oströmische Heer 378 eine schwere Niederlage gegen meuternde (West-)Goten, denen dann 382 Theodosius I. südlich der Donau als formal reichsfremde foederati Land zuwies. Seit Beginn des fünften Jahrhunderts richteten sich die äußeren Angriffe dann aber zunehmend auf das militärisch und finanziell schwächere Westreich, das zugleich in endlosen Bürgerkriegen versank, die zu einem langsamen Zerfall führten. Ob den germanischen Kriegern eine entscheidende Rolle beim Untergang Westroms zukam, ist in der neueren Forschung sehr umstritten.Zu Westrom allgemein siehe Henning Börm: Westrom. Von Honorius bis Justinian. 2. Auflage, Stuttgart 2018. Im Osten konnte hingegen weitgehende innenpolitische Stabilität bewahrt werden. Nur vereinzelt musste sich Ostrom der Angriffe des neupersischen Sassanidenreichs erwehren, des einzigen gleichrangigen Konkurrenten Roms, mit dem aber zwischen 387 und 502 fast durchgängig Frieden herrschte. 410 wurde die Stadt Rom von meuternden westgotischen foederati geplündert, was auch im Osten eine deutliche Schockwirkung auf die Römer hatte, während die östliche Reichshälfte, abgesehen vom Balkanraum, den wiederholt Kriegerverbände durchzogen, weitgehend unbehelligt blieb und vor allem den inneren Frieden (pax Augusta) alles in allem wahren konnte. Ostrom versuchte durchaus, die Westhälfte zu stabilisieren, und intervenierte wiederholt mit Geld und Truppen. So wurde die erfolglose Flottenexpedition gegen die Vandalen 467/468 wesentlich von Ostrom getragen. Doch letztlich war der Osten zu sehr mit der eigenen Konsolidierung beschäftigt, um den Verfall des Westreichs aufhalten zu können. Das Oströmische Reich nach dem Untergang des Westreichs Im späteren fünften Jahrhundert hatte auch das Ostreich mit schweren Problemen zu kämpfen. Einige politisch bedeutsame Positionen wurden von Soldaten, nicht selten Männer „barbarischer“ Herkunft, dominiert (insbesondere in Gestalt des magister militum Aspar), die immer unbeliebter wurden: Es drohte die Gefahr, dass auch in Ostrom, so wie es bereits zuvor im Westen geschehen war, die Kaiser und die zivile Administration dauerhaft unter die Vorherrschaft mächtiger Militärs geraten würden. Unter Kaiser Leo I. (457–474), dem ersten Kaiser der Thrakischen Dynastie versuchte man daher, die vor allem aus foederati bestehende Gefolgschaft Aspars zu neutralisieren, indem man gegen sie insbesondere Isaurier, die Bewohner der Berge Südostkleinasiens waren, also Reichsangehörige, ausspielte. Leo stellte zudem eine neue kaiserliche Leibgarde auf, die excubitores, die dem Herrscher persönlich treu ergeben waren; auch unter ihnen fanden sich viele Isaurier. In Gestalt von Zeno konnte einer von ihnen 474 sogar den Kaiserthron besteigen, nachdem Aspar 471 ermordet worden war. Auf diese Weise gelang es den Kaisern zwischen 470 und 500 schrittweise, das Militär wieder unter Kontrolle zu bringen. Denn unter Kaiser Anastasios I. konnte dann bis 498 auch der gewachsene Einfluss der Isaurier unter großen Kraftanstrengungen wieder zurückgedrängt werden. In der neueren Forschung wird die Ansicht vertreten, dass die Ethnizität der Beteiligten bei diesem Machtkampf in Wahrheit eine untergeordnete Rolle gespielt habe: Es sei nicht etwa um einen Konflikt zwischen „Barbaren“ und „Römern“, sondern vielmehr um ein Ringen zwischen dem kaiserlichen Hof und der Armeeführung gegangen, in dem sich die Kaiser zuletzt durchsetzen konnten.Brian Croke: Dynasty and Ethnicity. Emperor Leo I and the Eclipse of Aspar. In: Chiron 35, 2005, S. 147–203. Das Heer blieb zwar auch weiterhin von auswärtigen, oft germanischen, Söldnern geprägt; der Einfluss der Feldherren auf die Politik war fortan allerdings begrenzt, und die Kaiser gewannen wieder stark an Handlungsfreiheit. Etwa zur gleichen Zeit endete im Westen das Kaisertum, das bereits im späten 4. Jahrhundert gegenüber den hohen Militärs zunehmend an Macht eingebüßt hatte, wodurch die letzten Westkaiser faktisch kaum noch selbstständig herrschten. Hinzu kam im 5. Jahrhundert der sukzessive Verlust der wichtigsten westlichen Provinzen (vor allem der reichen Provinzen Africa und Gallien) an die neuen germanischen Herrscher, was einen nicht mehr kompensierbaren Verlust an Finanzmitteln und damit eine Erosion der weströmischen Staatsgewalt bedeutete. Der machtlose letzte weströmische Kaiser Romulus Augustulus wurde im Jahr 476 von dem Heerführer Odoaker abgesetzt (der letzte von Ostrom anerkannte Kaiser war allerdings Julius Nepos, der 480 in Dalmatien ermordet wurde).Vgl. auch die Beiträge in Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz (Hrsg.): Der Untergang des Römischen Reiches. Darmstadt 2022. Odoaker unterstellte sich dem Ostkaiser. Dieser war fortan de iure wieder alleiniger Herr über das Gesamtreich, wenngleich die Westgebiete faktisch verloren waren. Die meisten Reiche, die sich nun unter Führung von nichtrömischen reges auf den Trümmern des zerfallenen Westreichs bildeten, erkannten den (ost-)römischen Kaiser aber lange Zeit zumindest als ihren nominellen Oberherrn an. Kaiser Anastasios I. stärkte um die Wende zum sechsten Jahrhundert auch die Finanzkraft des Reiches, was der späteren Expansionspolitik Ostroms zugutekam. Das Zeitalter Justinians hochkant=1.5|mini|Mosaikbild aus dem Altarraum von San Vitale in Ravenna, um 545. Die zu einer Gruppe von spätantiken Kaiserbildern gehörende Darstellung zeigt den amtierenden Kaiser Justinian mit seinem Gefolge.Als Vorbild für den Ornat und die wirklichkeitsnahen Porträts dienten wahrscheinlich offizielle Amtsbilder, sog. laurata. Justinian besuchte Ravenna nie. Es handelt sich um fiktive Szenen, die die Stiftung einer Patene durch den Kaiser dokumentieren sollten. Angeblich ließ Maximianus, Bischof von Ravenna (dritter v. r.), in dem bereits fertiggestellten Mosaik das Porträt seines Vorgängers Victor durch sein eigenes ersetzen. Vgl. Benjamin Fourlas in: Byzanz. Pracht und Alltag, S. 332. Im sechsten Jahrhundert eroberten unter Kaiser Justinian (527–565) die beiden oströmischen Feldherren Belisar und Narses große Teile der weströmischen Provinzen – Italien, Nordafrika und Südspanien – zurück und stellten damit das Imperium Romanum für kurze Zeit in verkleinertem Umfang wieder her. Doch die Kriege gegen die Reiche der Vandalen und Goten im Westen und gegen das mächtige Sassanidenreich unter Chosrau I. im Osten, sowie ein Ausbruch der Pest, die ab 541 die ganze Mittelmeerwelt heimsuchte, zehrten erheblich an der Substanz des Reiches.Hartmut Leppin: Justinian. Das christliche Experiment. Stuttgart 2011. Vgl. auch Michael Maas (Hrsg.): The Cambridge Companion to the Age of Justinian. Cambridge 2005, mit hervorragenden Beiträgen zum Thema. Während der Regierungszeit Justinians, der als letzter Augustus Latein zur Muttersprache hatte, wurde auch die Hagia Sophia erbaut, für lange Zeit die größte Kirche der Christenheit und der letzte große Bau des Altertums. Ebenso kam es 534 zur umfassenden und wirkmächtigen Kodifikation des römischen Rechts (das später so genannte Corpus iuris civilis). Auf dem religionspolitischen Sektor konnte der Kaiser trotz großer Anstrengungen keine durchschlagenden Erfolge erzielen. Die andauernden Spannungen zwischen orthodoxen und monophysitischen Christen stellten neben der leeren Staatskasse, die Justinian hinterließ, eine schwere Hypothek für seine Nachfolger dar. Justinians lange Herrschaft markiert eine wichtige Übergangszeit vom spätantiken zum mittelbyzantinischen Staat, auch wenn man Justinian, den „letzten römischen Imperator“ (Georg Ostrogorsky), insgesamt sicherlich noch zur Antike zu zählen hat. Unter seinen Nachfolgern nahm dann auch die Bedeutung und Verbreitung der lateinischen Sprache im Reich immer weiter ab, und Kaiser Maurikios gab mit der Einrichtung der Exarchate in Karthago und Ravenna erstmals den spätantiken Grundsatz der Trennung von zivilen und militärischen Kompetenzen auf, wenngleich er im Kerngebiet des Reiches noch an der herkömmlichen Verwaltungsform festhielt. mini|hochkant=1.6|Das Restaurationswerk Justinians I. (527–565) Ab der zweiten Hälfte des sechsten Jahrhunderts brachten leere Kassen und an allen Fronten auftauchende Feinde das Reich erneut in ernste Schwierigkeiten. In der Regierungszeit von Justinians Nachfolger Justin II., der 572 einen Krieg mit Persien provozierte, infolge seiner Niederlage einen Nervenzusammenbruch erlitt und dem Wahnsinn verfiel, besetzten die Langobarden bereits ab 568 große Teile von Italien. Währenddessen drangen die Slawen seit etwa 580 in den Balkanraum ein und besiedelten ihn bis zum Ende des siebten Jahrhunderts größtenteils. Mit dem gewaltsamen Tod des Kaisers Maurikios im Jahr 602, der 591 einen vorteilhaften Frieden mit den Sassaniden hatte schließen können und energisch gegen die Slawen vorgegangen war, eskalierte die militärische Krise. Die Dynastie des Herakleios und der Übergang zum Byzantinischen Reich Maurikios war der erste oströmische Kaiser, der einem Usurpator erlag, und seinem übel beleumundeten Nachfolger Phokas gelang es nicht, die Stellung des Monarchen wieder zu stabilisieren. Seit 603 erlangten zudem die sassanidischen Perser unter Großkönig Chosrau II. zeitweilig die Herrschaft über die meisten östlichen Provinzen.Vgl. dazu James Howard-Johnston: The Last Great War of Antiquity. Oxford 2021. Bis 619 hatten sie Ägypten und Syrien (die reichsten oströmischen Provinzen) erobert und standen 626 sogar vor Konstantinopel. Ostrom schien am Rande des Untergangs zu stehen, da auf dem Balkan auch die Awaren und ihre slawischen Untertanen auf kaiserliches Gebiet vordrangen. Begünstigt wurden diese Vorgänge noch durch einen Bürgerkrieg zwischen Kaiser Phokas und seinem Rivalen Herakleios. Letzterer konnte sich im Jahr 610 durchsetzen und nach hartem Kampf auch die Wende im Krieg gegen die Perser herbeiführen: In mehreren Feldzügen drang er seit 622 auf persisches Gebiet vor und schlug ein sassanidisches Heer Ende 627 in der Schlacht bei Ninive. Zwar waren die Sassaniden militärisch nicht entscheidend besiegt worden, aber Persien war nun auch an anderen Fronten bedroht und wünschte daher Ruhe im Westen. Der unbeliebte Chosrau II. wurde gestürzt, und sein Nachfolger schloss Frieden mit Ostrom. Persien räumte die eroberten Gebiete und versank aufgrund interner Machtkämpfe bald im Chaos. Nach dieser gewaltigen Anstrengung waren die Kräfte des Oströmischen Reichs jedoch erschöpft. Die Senatsaristokratie, die ein wesentlicher Träger der spätantiken Traditionen gewesen war, war zudem bereits unter Phokas stark geschwächt worden.Allgemein siehe John Haldon: Byzantium in the Seventh Century. Cambridge 1997. Vgl. auch Mark Whittow: The Making of Byzantium, 600–1025. Berkeley 1996; speziell zu Herakleios siehe Walter Kaegi: Heraclius. Cambridge 2003. Die Herrschaft über den größten Teil des Balkans blieb verloren. Herakleios ließ den Sieg über die Perser und die Rettung des Imperiums dennoch aufwändig feiern und übertrieb dabei wohl seinen Erfolg. Doch der oströmische Triumph war von kurzer Dauer. Der militärischen Expansion der durch ihren neuen muslimischen Glauben angetriebenen Araber, die in den 630er Jahren einsetzte, hatte das Reich nach dem langen und kräftezehrenden Krieg gegen Persien nicht mehr viel entgegenzusetzen. Herakleios musste erleben, wie die eben erst von den Sassaniden geräumten Orientprovinzen erneut verloren gingen, dieses Mal für immer. In der entscheidenden Schlacht am Jarmuk am 20. August 636 unterlagen die Oströmer einem Heer des zweiten Kalifen ʿUmar ibn al-Chattāb, und der ganze Südosten des Reichs, einschließlich Syriens, Ägyptens und Palästinas, ging bis 642 vollständig verloren; bis 698 verlor man auch Africa mit Karthago.Vgl. Walter Kaegi: Byzantium and the Early Islamic Conquests. Cambridge 1992; Hugh Kennedy: The Great Arab Conquests. Philadelphia 2007. Vgl. auch das wichtige Werk von James Howard-Johnston: Witnesses to a World Crisis: Historians and Histories of the Middle East in the Seventh Century. Oxford 2010. Howard-Johnston stellt die traditionelle Chronologie der Ereignisse vielfach in Frage. mini|hochkant=1.2|Die Islamische Expansion: mini|hochkant=1.2|Die kleinasiatischen Themen um 750 Nach 636 stand Ostrom am Rand des Abgrunds. Im Gegensatz zu seinem langjährigen Rivalen, dem Sassanidenreich, das trotz heftiger Gegenwehr 642/651 unterging, konnte sich das Oströmische bzw. Byzantinische Reich aber immerhin erfolgreich gegen eine vollständige islamische Eroberung verteidigen. Die kaiserlichen Truppen, die bisher die vorderorientalischen Provinzen verteidigt hatten, mussten sich aber nach Kleinasien zurückziehen, das von arabischen Angriffen heimgesucht wurde (Razzien). Im Verlauf des siebten Jahrhunderts verlor Byzanz infolge der islamischen Expansion zeitweilig sogar die Seeherrschaft im östlichen Mittelmeer (Niederlage bei Phoinix 655) und konnte zudem auch Kleinasien nur mit Mühe halten, während auf dem Balkan Slawen und Bulgaren das Reich bedrängten und die kaiserliche Herrschaft hier auf einige wenige Orte begrenzten. So waren die Oströmer um 700 im Wesentlichen auf einen Rumpfstaat mit Kleinasien, dem Umland der Hauptstadt, einiger Gebiete in Griechenland sowie in Italien reduziert. Der Verlust Ägyptens 642 bedeutete den härtesten Schlag für Byzanz, da die hohe Wirtschaftsleistung (Ägypten war die Provinz mit dem höchsten Steueraufkommen) und das Getreide Ägyptens für Konstantinopel essentiell gewesen waren.Vgl. John F. Haldon: The Empire That Would Not Die. The Paradox of Eastern Roman Survival, 640–740. Cambridge (Massachusetts) 2016, S. 26 ff. Die mittelbyzantinische Epoche Das siebte Jahrhundert: Abwehrkämpfe unter der herakleischen Dynastie gegen den Islam Was das Reich an Gebieten verlor, gewann es indes an innerer Gleichförmigkeit, zumal seit dem späten 6. Jahrhundert ein Bevölkerungsverlust nachweisbar ist. Die antike Zivilisation war seit Jahrhunderten von der Existenz zahlreicher größerer und kleinerer Städte – póleis – geprägt gewesen; diese Zeit endete nun. Die meisten Städte wurden aufgegeben oder schrumpften auf die Größe von befestigten Dörfern, den sogenannten kastra. Auch die alte, städtisch geprägte Oberschicht ging nun unter; unter den Bedingungen der heftigen Kämpfe trat eine neue Militärelite an ihre Stelle, deren Angehörige kein Interesse mehr an der Pflege antiker Bildungsgüter hatten. Auch die landwirtschaftliche Produktion wurde umgestellt; der Anbau von Oliven und Wein, der die antike Ökonomie geprägt hatte, ging stark zurück, dafür wurde fortan verstärkt Viehzucht betrieben. Die verlorenen südlichen und orientalischen Provinzen hatten sich kulturell erheblich vom Norden unterschieden und gehörten seit dem fünften Jahrhundert mehrheitlich den orientalisch-orthodoxen, monophysitischen Kirchen an, die mit der griechisch-orthodoxen Kirche der nördlichen Provinzen seit 451 im Streit gelegen hatten. Dieser Konflikt war vielleicht einer der Gründe für die baldige Akzeptanz der neuen muslimischen Herren in Syrien und Ägypten (was aber in der neueren Forschung wieder stark umstritten ist). Der unter kaiserlicher Kontrolle verbliebene Norden des Reiches gelangte jedenfalls zu größerer Geschlossenheit und höherer Kampfbereitschaft. Der Preis für das Überleben war jedoch der dauerhafte Verlust von zwei Dritteln des Reiches und der meisten Steuereinkünfte. Indem bereits Herakleios Griechisch, das in den verbliebenen Reichsgebieten ohnehin die dominierende Sprache war, zur alleinigen Amtssprache machte, vollzog er einen wichtigen Schritt auf dem Weg zum Byzantinischen Reich des Mittelalters. Viele Forscher sehen daher erst in diesem Kaiser, der den Titel Imperator ablegte und sich fortan offiziell Basileus nannte, zugleich den letzten (ost-)römischen und auch den ersten byzantinischen Kaiser. Einigkeit besteht darin, dass das siebte Jahrhundert insgesamt einen tiefen Einschnitt in der Geschichte des Reiches markiert.Allgemein zur Entwicklung im siebten Jahrhundert vgl. vor allem John Haldon: Byzantium in the Seventh Century. Cambridge 1997. Strittig ist nur, ob man die drei Jahrhunderte davor noch zur römischen oder bereits zur byzantinischen Geschichte zählen soll; indem man diese Zeit heute als Spätantike bezeichnet und als Transformationsepoche versteht, hat die Frage nach dem „Beginn“ von Byzanz aber erheblich an Relevanz eingebüßt. Fest steht, dass sich mit der oströmischen Geschichte bis Herakleios neben Byzantinisten auch viele Althistoriker befassen, nicht aber mit den folgenden Jahrhunderten, die das Arbeitsfeld der Byzantinistik darstellen. Die überkommenen spätantiken Strukturen von Staat und Gesellschaft waren der radikal veränderten Situation vielfach nicht mehr angemessen. Es verwundert ohnehin, dass Byzanz den nachfolgenden, Jahrzehnte andauernden Kampf ums Überleben gegen eine enorme feindliche Übermacht überstand. Ein wichtiger Faktor dafür war – neben wiederholten innerarabischen Streitigkeiten und den geographischen Besonderheiten Kleinasiens – wohl das neue System von Militärprovinzen, der sogenannten Themen.John F. Haldon: Military Service, Military Lands, and the Status of Soldiers. Current Problems and Interpretations. In: Dumbarton Oaks Papers. Band 47, 1993, S. 1–67. Die Themen wurden sehr wahrscheinlich erst nach der Regierungszeit des Herakleios geschaffen (anders noch die ältere Forschung), um den ständigen Angriffen und dem Verfall des städtischen Lebens außerhalb der Hauptstadt zu begegnen. Insgesamt gilt für diese Phase: Tendenzen, die bereits seit langem vorhanden waren, kamen nach 636 in vielen Bereichen von Staat und Gesellschaft voll zum Tragen. Zugleich endeten zahlreiche Traditionsstränge – die spätantike Phase des Oströmischen Imperiums gelangte an ihr Ende, und es entstand das Byzantinische Reich des Mittelalters. Die Zeit von der Mitte des siebten bis ins späte achte Jahrhundert war weitgehend von schweren Abwehrkämpfen geprägt, in denen die Initiative fast ausschließlich bei den Feinden von Byzanz lag.Ralph-Johannes Lilie: Die byzantinische Reaktion auf die Ausbreitung der Araber. Studien zur Strukturwandlung des byzantinischen Staates im 7. und 8. Jahrhundert. München 1976 (online bei Academia.edu). Kaiser Konstans II. verlegte seine Residenz von 661 bis 668 ins sizilianische Syrakus, vielleicht, um von dort aus die Seeherrschaft gegen die Araber zu sichern, doch kehrten seine Nachfolger wieder in den Osten zurück. Im Jahr 681 musste Kaiser Konstantin IV. Pogonatos das neugegründete Bulgarenreich auf dem Balkan anerkennen. Um 678 soll es zu einer ersten Belagerung Konstantinopels durch die Araber gekommen sein, die durch den Einsatz des sogenannten Griechischen Feuers, das sogar auf dem Wasser brannte, zurückgeschlagen werden konnten. In der modernen Forschung werden die erst späteren Quellenberichte jedoch zunehmend angezweifelt; wahrscheinlicher sind wellenartige Angriffe und Seeblockaden, aber keine regelrechte Belagerung der Hauptstadt.Marek Jankowiak: The first Arab siege of Constantinople. In: Travaux et Mémoires du Centre de Recherche d'Histoire et Civilisation de Byzance. Band 17. Paris 2013, S. 237–320. Das Reich blieb in der Folgezeit auf Kleinasien beschränkt, hinzu kamen noch Gebiete auf dem Balkan und in Italien sowie bis 698 in Nordafrika.Für die mittelbyzantinische Epoche siehe neben den betreffenden Kapiteln in den diversen Handbüchern vor allem Leslie Brubaker, John F. Haldon: Byzantium in the Iconoclast Era c. 680–850. A History. Cambridge u. a. 2011, sowie Mark Whittow: The Making of Byzantium, 600–1025. Berkeley 1996. Das achte und neunte Jahrhundert: Abwehrkämpfe und Bilderstreit mini|hochkant=1.8|Das Byzantinische Reich vom 6. bis zum 9. Jahrhundert nach Droysens Historischem Handatlas, 1886 Kaiser Justinian II., in dessen Regierungszeit Byzanz wenigstens teilweise wieder in die Offensive ging, war der letzte Monarch der herakleischen Dynastie. Im Rahmen einer später oft wiederholten Praxis wurden slawische Siedler vom Balkan nach Kleinasien deportiert und dort angesiedelt. Ziel war eine Stärkung der Grenzverteidigung, es kam in der Folgezeit aber auch immer wieder zu Desertionen; ebenso wurden teils Bevölkerungsgruppen von Kleinasien auf den Balkan transferiert. Justinian II. fiel 695 jedoch einer Verschwörung zum Opfer, wurde verstümmelt (ihm wurde die Nase abgeschnitten) und ins Exil geschickt, wo er eine Prinzessin aus dem Volke der turkischen Chasaren heiratete. Er gelangte schließlich mit bulgarischer Unterstützung wieder an die Macht, bevor er 711 umgebracht wurde. mini|Solidus mit dem Bildnis von Leo III. und seinem Sohn Konstantin V. Die bedrohlichste Belagerung Konstantinopels durch die Araber fand 717–718 statt; nur dank der Fähigkeiten Kaiser Leos III., der erfolgreichen Flottenoperationen (wobei die Byzantiner das Griechische Feuer einsetzten) und eines extrem harten Winters, der den Arabern schwer zu schaffen machte, konnte sich die Hauptstadt halten. 740 wurden die Araber bei Akroinon von den Byzantinern entscheidend geschlagen. Wenngleich die Abwehrkämpfe gegen die Araber weitergingen, war die Existenz des byzantinischen Reiches nun nicht mehr ernsthaft von ihnen gefährdet. Auf dem Balkan war Byzanz währenddessen in schwere Kämpfe mit den Slawen verwickelt, die nach dem Zerfall des Awarenreiches in die byzantinischen Gebiete einrückten.Florin Curta: Still waiting for the barbarians? The making of the Slavs in „Dark-Age“ Greece. In: Florin Curta (Hrsg.): Neglected Barbarians. Turnhout 2010, S. 403–478. Weite Teile des Balkans waren dem byzantinischen Zugriff entzogen, doch gelang es in der Folgezeit, in Griechenland nach und nach von den Slawen Gebiete zurückzugewinnen, die seit dem siebten Jahrhundert in die Sklaviniai eingezogen waren. Die Slawen wurden unterworfen und hellenisiert, zudem siedelte man Menschen aus Kleinasien und dem Kaukasusraum nach Griechenland um. Dafür erwuchs dem Reich an der Donau ein neuer Gegner in Gestalt der Bulgaren, die nun erfolgreich eine eigene Staatsbildung anstrebten. Kaiser Leo III. soll 726 den sogenannten Bilderstreit entfacht haben, der über 110 Jahre andauern sollte und mehrmals Bürgerkriege aufflackern ließ.Zum Bilderstreit vgl. unter anderem: Leslie Brubaker: Inventing Byzantine Iconoclasm. London 2012; Leslie Brubaker, John F. Haldon: Byzantium in the Iconoclast Era c. 680–850. A History. Cambridge 2011 (umfassende und nun grundlegende Darstellung); Judith Herrin: The Formation of Christendom. Princeton 1987, S. 307 ff. Allerdings sind die Schriften der bilderfeindlichen Autoren nach dem Sieg der Ikonodulen vernichtet worden, sodass die Quellen für diese Zeit fast ausschließlich aus der Perspektive des Siegers geschrieben wurden und dementsprechend problematisch sind. Ausgelöst durch einen Vulkanausbruch in der Ägäis habe demnach Leo 726 die Christus-Ikone über dem Chalketor am Kaiserpalast entfernt. In der neueren Forschung wird dies bisweilen bezweifelt, denn aufgrund der tendenziösen Quellen sei oft unklar, welche Schritte Leo genau unternommen hat; eventuell seien spätere Handlungen in die Zeit Leos projiziert worden. Insofern kann nicht einmal eindeutig geklärt werden, wie scharf ausgeprägt Leos Bilderfeindschaft tatsächlich gewesen ist.Vgl. Leslie Brubaker: Inventing Byzantine Iconoclasm. London 2012, S. 27–29. Leo und seine direkten Nachfolger sind aber anscheinend keine Anhänger der Ikonenverehrung gewesen. Ihre militärischen Erfolge ermöglichten es diesen Kaisern offenbar, ohne größeren Widerstand Ikonen (die in der Ostkirche allerdings damals noch keine so große Rolle wie heute spielten) durch Kreuzesdarstellungen zu ersetzen, die von allen Byzantinern anerkannt werden konnten. Dass die Abkehr von der Bilderverehrung durch Einflüsse aus dem islamischen Bereich angeregt wurde, wird heute oft sehr skeptisch gesehen. Denn die ikonoklastischen Kaiser waren auch überzeugte Christen, die eben deshalb die Ikonen ablehnten, weil sich ihrer Meinung nach das göttliche Wesen nicht einfangen ließ. Zudem war das Kreuz, das die Ikonen ersetzen sollte, im islamischen Bereich geächtet. Die moderne Forschung geht auch nicht mehr davon aus, dass Leo ein regelrechtes Bilderverbot erließ oder dass es gar zu schweren Unruhen kam, wie die späteren ikonodulen Quellen unterstellen. Offenbar wurde diese erste Phase des Bilderstreits nicht mit der Härte geführt wie die zweite Phase im neunten Jahrhundert.Allgemein siehe auch Dirk Jäckel: Leon III. und die Anfänge des byzantinischen Bilderstreits. In: Mischa Meier (Hrsg.): Sie schufen Europa. München 2007, S. 259 ff. Leo führte im Inneren mehrere Reformen durch und war auch militärisch sehr erfolgreich. So ging er in Kleinasien offensiv gegen die Araber vor, wobei sein Sohn Konstantin sich als fähiger Kommandeur erwies. Als Konstantin seinem Vater schließlich 741 als Konstantin V. auf den Thron nachfolgte, schlug er den Aufstand seines Schwagers Artabasdos nieder. Konstantin war ein Gegner der Bilderverehrung und schrieb zu diesem Zweck sogar mehrere theologische Abhandlungen. Durch das Konzil von Hiereia 754 sollte die Bilderverehrung auch formal abgeschafft werden, doch ergriff Konstantin nur wenige konkrete Maßnahmen und verbot sogar explizit Vandalismus kirchlicher Einrichtungen. Obwohl militärisch sehr erfolgreich (sowohl gegen Araber als auch gegen die Bulgaren), wird Konstantin in den erhaltenen byzantinischen Quellen als grausamer Herrscher beschrieben – zu Unrecht und offenbar aufgrund seiner Einstellung gegen die Ikonen.Vgl. Leslie Brubaker: Inventing Byzantine Iconoclasm. London 2012, S. 32 ff. Denn andere Quellen belegen nicht nur seine relative Beliebtheit in der Bevölkerung, sondern auch sein immenses Ansehen im Heer. Innenpolitisch führte Konstantin mehrere Reformen durch und scheint eine eher gemäßigte bilderfeindliche Politik betrieben zu haben. Mehrere politische Gegner, die der Kaiser bestrafen ließ, wurden wohl erst im Nachhinein zu Märtyrern verklärt, die angeblich wegen ihrer bilderfreundlichen Position getötet wurden. Konstantin war also kein gnadenloser Bilderstürmer, wie in der älteren Forschung mit Bezug auf die ikonodulen Berichte angenommen wurde.Zu Konstantin V. siehe Ilse Rochow: Kaiser Konstantin V. (741–775). Materialien zu seinem Leben und Nachleben. Frankfurt am Main u. a. 1994. Konstantins religionspolitischem Kurs folgte auch sein Sohn Leo IV., doch dieser musste sich mehrerer Umsturzversuche erwehren und starb nach nur fünfjähriger Herrschaft 780. Für seinen minderjährigen Sohn Konstantin VI. übernahm dessen Mutter Irene die Regentschaft; bald allerdings zeigte sich, dass diese nicht beabsichtigte, die Macht abzugeben.Für die Zeit von 780 bis 842 siehe Warren Treadgold: The Byzantine Revival, 780–842. Stanford 1988. Konstantin wurde später geblendet und starb an den Folgen. Irene betrieb wieder eine bilderfreundliche Politik. Unter ihrer Herrschaft erlebte der universale Anspruch des byzantinischen Kaisertums mit der Kaiserkrönung Karls des Großen schweren Schaden. 802 wurde Irene, die politisch eher ungeschickt agiert hatte, gestürzt, womit die durch Leo III. begründete Syrische Dynastie (nach dem Herkunftsland Leos III.) endete. Außenpolitisch war auf dem Balkan gegen die Bulgaren vorerst wenig auszurichten. 811 wurde sogar ein byzantinisches Heer unter Führung Kaiser Nikephoros’ I. durch den Bulgarenkhagan Krum vernichtet, Nikephoros fiel im Kampf. Erst Leo V. konnte sich mit Khan Omurtag vertraglich einigen. Leo V. war es auch, der 815 erneut einen bilderfeindlichen Kurs einschlug und so die zweite Phase des Ikonoklasmus einleitete. Im neunten und vor allem im zehnten Jahrhundert wurden einige bedeutende außenpolitische Erfolge erzielt, auch wenn unter der amorischen Dynastie (ab der Thronbesteigung Michaels II. 820) Byzanz zunächst Gebietsverluste verzeichnete (Kreta und Sizilien fielen an die Araber). Außerdem musste Michael II. einen Aufstand abwehren, den Thomas der Slawe mit Unterstützung durch das Paulikianertum im Osten des Reiches begonnen hatte und 820 bis vor die Mauern Konstantinopels führte. Unter Michaels Sohn und Nachfolger Theophilos kam es schließlich zu einem letzten Aufflackern des Bilderstreits, welcher aber unter Michael III. (842–867), dem letzten Kaiser der Amorischen Dynastie, 843 endgültig überwunden wurde. Unter Michael III. vollzog sich die Annahme des Christentums durch die Bulgaren – und zwar in dessen östlicher Form, womit die byzantinische Kultur, die nun immer mehr aufblühte, auch zur Leitkultur für das Bulgarische Reich wurde. Der Bilderstreit wurde endgültig beendet, während in Kleinasien die Paulikianer vernichtet wurden und mehrere Siege über die Araber gelangen. Flottenexpeditionen nach Kreta und sogar Ägypten wurden unternommen, blieben aber erfolglos. Byzanz hatte die Phase der reinen Abwehrkämpfe damit überwunden. Die makedonische Dynastie mini|hochkant=1.5|Das Reich auf seinem Machtzenit in mittelbyzantinischer Zeit beim Tode des Kaisers Basileios II. im Jahr 1025 (einschließlich der „Protektorate“Die Königreiche Kroatien und Serbien sind nicht gesondert als byzantinische Protektorate eingezeichnet.) Michael III. erhob 866 Basileios zum Mitkaiser, doch ließ Basileios Michael im folgenden Jahr ermorden, bestieg selbst den Thron und begründete damit die Makedonische Dynastie. Michaels Andenken wurde stark verunglimpft – zu Unrecht, wie die neuere Forschung betont. Kulturell erlebte Byzanz jedoch wieder eine neue Blüte (sogenannte Makedonische Renaissance) wie etwa zur Zeit Konstantins VII., der von Romanos I. Lakapenos zunächst von den Regierungsgeschäften ausgeschlossen worden war. Außenpolitisch gewann das Reich zudem nach und nach an Boden: Unter Nikephoros II. Phokas wurde Kreta zurückerobert; die Grenzsicherung im Osten lag nun weitgehend in den Händen der Akriten. Johannes I. Tzimiskes, der wie Nikephoros II. nur als Regent für die Söhne Romanos’ II. regierte, weitete den byzantinischen Einfluss bis nach Syrien und kurzzeitig sogar bis nach Palästina aus, während die Bulgaren niedergehalten wurden. Byzanz schien wieder auf dem Weg zur regionalen Hegemonialmacht zu sein. mini|hochkant=1.5|Themeneinteilung um 1025 Das Reich erreichte unter den makedonischen Kaisern des zehnten und frühen elften Jahrhunderts seinen Machthöhepunkt. Durch die im Jahr 987 vollzogene Heirat der Schwester von Kaiser Basileios II. mit dem Kiewer Großfürsten Wladimir I. breitete sich der orthodoxe Glaube allmählich auf dem Gebiet der heutigen Staaten Ukraine, Belarus und Russland aus. Die russische Kirche unterstand dem Patriarchen von Konstantinopel. Basileos II. eroberte in jahrelangen Kämpfen das Erste Bulgarische Reich, was ihm den Beinamen Bulgaroktónos („Bulgarentöter“) einbrachte. Im Jahr 1018 wurde Bulgarien eine byzantinische Provinz, und auch im Osten wurde Basileios expansiv tätig.Zu Basileios II. und seine Zeit siehe Catherine Holmes: Basil II and the Governance of Empire. Oxford 2005. Trotzdem durchlief das Byzantinische Reich bald darauf eine Schwächeperiode, die in hohem Grade durch das Wachstum des Landadels verursacht wurde, der das Themensystem untergrub. Ein Problem dabei war, dass das stehende Heer durch teils unzuverlässige Söldnerverbände ersetzt werden musste (was sich 1071 in der Schlacht bei Manzikert gegen die türkischen Seldschuken bitter rächen sollte). Bloß mit seinen alten Feinden, wie dem Kalifat der Abbasiden konfrontiert, hätte es sich vielleicht erholen können, aber um die gleiche Zeit erschienen neue Eindringlinge: die Normannen, die Süditalien eroberten (Fall von Bari 1071), und die Seldschuken, die hauptsächlich an Ägypten interessiert waren, aber auch Raubzüge nach Kleinasien, dem wichtigsten Rekrutierungsgebiet für die byzantinische Armee, unternahmen. Nach der Niederlage von Kaiser Romanos IV. bei Manzikert gegen Alp Arslan, den seldschukischen Sultan, ging der Großteil Kleinasiens verloren, unter anderem auch, da innere Kämpfe um den Kaiserthron ausbrachen und keine gemeinsame Abwehr gegen die Seldschuken errichtet wurde. Der Verlust Kleinasiens erfolgte jedoch nicht unmittelbar nach der Niederlage; vielmehr begann der Einfall der Seldschuken erst drei Jahre danach, als der neue Kaiser sich nicht an die Abmachungen hielt, die zwischen Romanos IV. und dem Sultan getroffen worden waren, und die Seldschuken so einen Vorwand zur Invasion hatten. Die Zeit der Komnenenkaiser hochkant|mini|Kaiser Alexios I. Komnenos (Illustration des 12. Jahrhunderts) Das nächste Jahrhundert der byzantinischen Geschichte wurde geprägt durch die Dynastie Alexios I. Komnenos, der 1081 an die Macht gelangte und anfing, die Armee auf Basis eines Feudalsystems wiederherzustellen. Es gelangen ihm bedeutende Fortschritte gegen die Seldschuken und auf dem Balkan gegen die ebenfalls turkvölkischen Petschenegen. Sein Ruf nach westlicher Hilfe brachte ungewollt den Ersten Kreuzzug hervor, denn statt der Söldner, um die der Kaiser gebeten hatte, kamen selbstständige Ritterheere, die unabhängig von seinen Befehlen agierten.Allgemein zum Verhältnis zwischen Byzanz und den Kreuzfahrern: Lilie, Byzanz und die Kreuzzüge. Alexios verlangte zwar, dass jeder der Kreuzfahrerfürsten, der mit seinem Heer durch Byzanz zu ziehen gedachte, ihm den Lehnseid leisten sollte. Doch obwohl diese Unterwerfung von den meisten Kreuzfahrerfürsten akzeptiert und der Lehnseid geleistet wurde, vergaßen sie den Schwur gegenüber Alexios recht bald. Weiterhin gestalteten sich die Beziehungen nach dem Ersten Kreuzzug, in dessen Verlauf es bereits zu jenen Spannungen gekommen war, zunehmend feindselig. Für weiteren Konfliktstoff sorgte der Briefwechsel zwischen dem fatimidischen Herrscher Ägyptens und dem byzantinischen Kaiser Alexios. In einem Brief, den Kreuzfahrer zu lesen bekamen, distanzierte sich Kaiser Alexios ausdrücklich von den lateinischen Eroberern des Heiligen Landes. Angesichts der traditionell guten und strategisch wichtigen Beziehungen zwischen den Fatimiden und Byzanz war dies verständlich, aber auch dadurch begründet, dass den Byzantinern das Konzept eines „Heiligen Krieges“ eher fremd war. Ab dem zwölften Jahrhundert wurde paradoxerweise die Republik Venedig – einst bis etwa ins neunte Jahrhundert selbst ein Vorposten byzantinischer Kultur im Westen – zu einer ernsten Bedrohung für die Integrität des Reiches. Die gegen militärische Unterstützung beim Kampf gegen Normannen und Seldschuken verliehenen Handelsvorrechte versuchte Manuel I. durch Verhaftung aller Venezianer zurückzunehmen. Ein ähnliches Vorgehen erfolgte gegen die übrigen italienischen Händler. 1182 wurden zahlreiche Lateiner in einem pogromartigen Massaker umgebracht. 1185 erhoben sich die Bulgaren nördlich des Balkangebirges unter der Führung der Asseniden und konnten 1186 das Zweite Bulgarische Reich errichten. Dennoch erlebte Byzanz in dieser Zeit auch eine kulturelle Blüte. Unter den Kaisern Johannes II. Komnenos, dem Sohn des Alexios I., und dessen Sohn Manuel I. gelang es, die byzantinische Stellung in Kleinasien und auf dem Balkan zu festigen.Paul Magdalino: The Empire of Manuel I Komnenos. Cambridge 1993. Manuel I. hatte sich nicht nur mit den Angriffen des normannischen Königreiches in Süditalien und dem Zweiten Kreuzzug (1147–1149) auseinanderzusetzen, er betrieb auch eine ehrgeizige Westpolitik, die auf territoriale Gewinne in Italien und Ungarn abzielte; dabei geriet er in Konflikt mit Kaiser Friedrich I. Barbarossa. Im Osten konnte er gegen die Seldschuken Erfolge erzielen. Sein Versuch, ihr Reich völlig zu unterwerfen, endete allerdings in der Niederlage bei Myriokephalon 1176. In der Folge konnten die Seldschuken ihre Macht auf die benachbarten muslimischen Reiche (unter anderem das Reich der ebenfalls türkischen Danischmenden) in Kleinasien und auch gegen Byzanz zur Mittelmeerküste hin ausdehnen. Andronikos I., der letzte Komnenenkaiser, errichtete eine kurze, aber brutale Schreckensherrschaft (1183–1185), in deren Folge das von Alexios I. begründete Regierungssystem, das vor allem auf der Einbindung der Militäraristokratie beruhte, zusammenbrach. Damit verkamen auch die schlagkräftigen und straff organisierten Streitkräfte, mit denen das Reich unter Alexios, Johannes und Manuel ein letztes Mal erfolgreich in die Offensive gegangen war. Das Reich wurde unter den nachfolgenden Kaisern aus dem Hause der Angeloi von schweren inneren Krisen erschüttert, die schließlich dazu führten, dass sich Alexios IV. an die Kreuzfahrer wandte und sie dazu bewog, für ihn und seinen Vater um den Thron zu kämpfen. Als die erhoffte Bezahlung ausblieb, kam es zur Katastrophe: Unter dem Einfluss Venedigs eroberten und plünderten die Ritter des Vierten Kreuzzugs 1204 Konstantinopel und gründeten das kurzlebige Lateinische Kaiserreich. Dies bewirkte eine dauerhafte Schwächung der byzantinischen Macht und sorgte dafür, dass sich die Kluft zwischen den orthodoxen Griechen und den katholischen Lateinern weiter vertiefte. Die spätbyzantinische Zeit Die byzantinischen Reiche im Exil mini|hochkant=0.6|Das Wappen der Palaiologen, Miniatur des 15. Jahrhunderts Nach der Eroberung Konstantinopels durch die Teilnehmer des Vierten Kreuzzugs 1204 entstanden drei byzantinische Nachfolgestaaten: das Kaiserreich Nikaia, wo Kaiser Theodor I. Laskaris im Exil die byzantinische Tradition aufrechterhielt, das Despotat Epirus und das Kaiserreich Trapezunt, das sich unter den Nachkommen der Komnenen bereits vor der Eroberung Konstantinopels abgespalten hatte. Theodoros I. Laskaris und seinem Nachfolger Johannes III. Dukas Batatzes gelang es, in Westkleinasien ein wirtschaftlich blühendes Staatswesen aufzubauen und die Grenze zu den Seldschuken, die sich seit ihrer Niederlage gegen das Mongolische Reich 1243 im Niedergang befanden, zu stabilisieren. Gestützt auf diese Machtbasis konnten die Laskariden erfolgreich auch in Europa expandieren, Thrakien und Makedonien für Byzanz zurückerobern und die Konkurrenten um die Rückgewinnung Konstantinopels (das Reich von Epiros, das nach einer Niederlage gegen die Bulgaren 1230 stark geschwächt war, und das Zweite Bulgarische Reich, das auch durch einen Mongoleneinfall 1241 stark beeinträchtigt wurde) aus dem Feld schlagen. Nach der kurzen Regierung des hochgebildeten Theodoros II. Laskaris übernahm der erfolgreiche Feldherr Michael VIII. Palaiologos die Regentschaft für den minderjährigen Johannes IV. Laskaris, den er schließlich blenden und in ein Kloster schicken ließ, und begründete so die neue Dynastie der Palaiologen, die das Reich bis zu seinem Untergang regieren sollte. hochkant=1.3|mini|Die ungefähre Einflusszone des Byzantinischen Reiches um 1270 (einschließlich der ab 1259 abhängigen Despotate Epirus und Thessalien) stellte die größte territoriale Ausdehnung des Byzantinischen Reiches nach dessen Restauration 1261 unter den Palaiologen dar. Die Zeit der Palaiologenkaiser mini|hochkant=1.3|Beträchtliche sozial-ökonomische Verwerfungen hatte der Ausbruch der „Großen Pestpandemie“ 1346–1353 zur Folge. Michael konnte eine Allianz seiner Gegner (Despotat Epiros, Fürstentum Achaia, Königreich Sizilien, Serbien und Bulgarien) in der Schlacht bei Pelagonia in Makedonien 1259 besiegen und durch einen glücklichen Zufall Konstantinopel 1261 zurückerobern. Das Reich war somit wiederhergestellt, aber große Teile seines ehemaligen Gebietes unterstanden nicht mehr seiner Kontrolle, denn die Herrscher, die sich nach dem Zusammenbruch im Jahr 1204 in diesen Teilgebieten etabliert hatten, waren nicht geneigt, sich Konstantinopel unterzuordnen. Auch Konstantinopel war nicht mehr die glanzvolle Metropole von einst: Die Einwohnerzahl war erheblich geschrumpft, ganze Stadtviertel verfallen, und beim Einzug des Kaisers waren zwar noch reichlich die Spuren der Eroberung von 1204 zu sehen, aber nirgendwo sah man Zeichen des Wiederaufbaus. Byzanz war nicht mehr die potente Großmacht, sondern nur noch ein Staat von höchstens regionaler Bedeutung.Donald M. Nicol: The Last Centuries of Byzantium, 1261–1453. Zweite Auflage. Cambridge 1993. Michaels Hauptsorge galt aber nun der Sicherung des europäischen Besitzstandes und vor allem der Hauptstadt gegen erneute Kreuzzugsversuche aus dem Westen (vor allem durch Karl I. von Anjou, der die Staufer in Unteritalien ablöste); deshalb ging er 1274 auch die innenpolitisch höchst umstrittene Union von Lyon mit der Westkirche ein, um den Papst von der Unterstützung von Kreuzzügen abzuhalten. Als Karl I. von Anjou dennoch einen Angriff vorbereitete, setzte die byzantinische Diplomatie 1282 erfolgreich einen Aufstand in Sizilien in Gang, die Sizilianische Vesper. Daneben aber vernachlässigten die Palaiologen die Grenzverteidigung im Osten, was den verschiedenen türkischen Fürstentümern die Expansion in das byzantinische Kleinasien ermöglichte, das dem Reich in den 1330er Jahren sukzessive verloren ging. Nur die Stadt Philadelphia blieb anschließend in byzantinischer Hand, bevor auch sie 1390 an die Osmanen fiel. mini|hochkant=1.3|Das Byzantinische Reich zwischen dem Serbischen Reich im Westen und dem Osmanischen Reich im Osten. Die Karte der politischen Lage des Balkans um 1355 verdeutlicht den für Byzanz katastrophalen Zusammenbruch seiner territorialen Basis. Während sich in Kleinasien auf dem ehemaligen byzantinischen Reichsgebiet verschiedene souveräne türkische Fürstentümer (Mentesche, Aydin, Germiyan, Saruchan, Karesi, Teke, Candar, Karaman, Hamid, Eretna und die Osmanen in Bithynien) im Zuge der Auflösung des Sultanats der Rum-Seldschuken etablierten, stießen die Palaiologen in einer letzten, kraftvollen Offensive gegen die lateinische Herrschaft in Griechenland und annektierten bis 1336 ganz Thessalien und 1337 das durch die Familie Orsini dominierte Despotat Epirus direkt ins Byzantinische Reich. Unterdessen sah sich Kaiser Johannes V. Palaiologos mit den dramatischen Folgen der Großen Pestpandemie, auch „Schwarzer Tod“ genannt, in den Jahren 1346 bis 1353 konfrontiert, die das Fundament des Staates erschütterten. Darüber hinaus leistete sich Byzanz, obwohl an seinen Reichsgrenzen arg durch fremde Mächte bedrängt, mehrere Bürgerkriege, die längsten (1321–1328) zwischen Andronikos II. Palaiologos und seinem Enkel Andronikos III. Palaiologos. Diesem „Vorbild“ folgend, trugen ebenso Johannes V. Palaiologos und Johannes VI. Kantakuzenos mehrere Machtkämpfe (1341–1347 und 1352–1354) gegeneinander aus; dabei suchten beide Parteien die Hilfe der Nachbarn (Serben, Bulgaren, aber auch Aydın und Osmanen). Dies ermöglichte dem Serbenreich unter Stefan IV. Dušan den Aufstieg zur beherrschenden Macht des Balkans in den Jahren 1331–1355. So gerieten die Bulgaren nach der Schlacht bei Küstendil 1330 in ein Abhängigkeitsverhältnis zu Serbien, außerdem errang Stefan bis 1348 die Hegemonie über weite Teile Makedoniens, Albaniens, Despotat Epirus und Thessaliens, die zuvor unter der Herrschaft des byzantinischen Kaisers gestanden hatten. Mit seiner Krönung zum Zaren der Serben und Selbstherrscher der Rhomäer beanspruchte dieser auch den byzantinischen Kaiserthron und die Herrschaft über Konstantinopel. Es gelang ihm aber nicht einmal, die zweite byzantinische Hauptstadt Thessaloniki zu erobern, und sein Großserbisches Reich zerfiel bereits nach seinem Tod 1355 in ein Konglomerat mehr oder weniger unabhängiger serbischer Fürstentümer (Despotate). Während also die christliche Staatenwelt des Balkans zerstritten war und sich gegenseitig befehdete, setzten sich seit 1354 die Osmanen in Europa fest und expandierten in das byzantinische Thrakien, das sie in den 1360er Jahren großteils eroberten. Ein präventiver Schlag des südserbischen Königs Vukašin Mrnjavčević im Bündnis mit dem bulgarischen Zaren Iwan Schischman von Weliko Tarnowo gegen das Zentrum der osmanischen Herrschaft in Europa, Adrianopel, endete, trotz zahlenmäßiger Überlegenheit, in der Niederlage an der Mariza 1371. Durch den Sieg über die slawischen Regionalmächte ermutigt, überrannten die Truppen des osmanischen Sultans große Teile des südlichen Bulgariens bis kurz vor Sofia und Weliko Tarnowo, die serbischen Despotate in heutigem Makedonien und Thessalien ohne Skopje mit Umland. Schließlich zwang der Sultan 1373 den bulgarischen Herrscher, das Supremat der Osmanen anzuerkennen. Diesem Beispiel folgten das zu einem Kleinstaat gewordene Byzanz (Konstantinopel mit Umland, Thessaloniki mit Umland, einige Ägäisinseln, Despotat Morea) und das Serbische Reich des Fürsten Lazar Hrebeljanović, der ebenfalls die Suzeränität der Osmanen anerkennen musste. Mehrmals ersuchte Byzanz den Westen um Hilfe und bot dafür sogar die Kirchenunion an, so 1439 auf dem Konzil von Ferrara und Florenz, was jedoch am Widerstand der byzantinischen Bevölkerung scheiterte („Lieber den Sultansturban als den Kardinalshut“). Nach der Schlacht auf dem Amselfeld 1389 und der Niederlage der westlichen Kreuzfahrer bei Nikopolis 1396 schien die Lage des Reiches aussichtslos. Erst die vernichtende Niederlage der Osmanen gegen Timur bei Angora 1402, der den Byzantinern wohlgesinnt war (bei dem Versuch Konstantinopel 1402 zu belagern, erschienen Timurs Unterhändler in Sultans Bayezid I. Lager und forderten ihn auf, dem christlichen Kaiser seine Gebiete zurückzugeben, die er ihm „gestohlen“ habe) und das als Resultat der Schlacht entstandene Chaos im Osmanenreich, gewährten den Griechen eine letzte Atempause. Doch die Möglichkeit, den Todesstoß durch die Osmanen abzuwenden, hatte das Reich durch den Entzug der dafür notwendigen territorialen Basis und Ressourcen nicht mehr, so dass einzig der Weg der Diplomatie übrig blieb. Die Gebietsverluste gingen dennoch weiter, da sich die europäischen Mächte auf kein Hilfskonzept für das bedrohte Byzanz einigen konnten. Besonders nach 1402 sahen sie dafür keine Notwendigkeit, befand sich doch das einst potente Türkenreich scheinbar im Zustand der inneren Auflösung – durch diesen fatalen Irrtum wurde die einmalige Chance vergeben, die Gefahr, die von der beträchtlich geschwächten Osman-Dynastie ausging, für alle Zeit auszuschalten. Sultan Murad II., unter dem die Konsolidierungsphase des osmanischen Interregnums ihr Ende fand, nahm die Expansionspolitik seiner Vorfahren erneut auf. Nachdem er 1422 erfolglos Konstantinopel belagert hatte, schickte er einen Plünderungszug gegen das Despotat von Morea, die kaiserliche Sekundogenitur in Südgriechenland. 1430 annektierte er Teile des „fränkisch“ dominierten Epirus durch die Einnahme von Janina, während sich Fürst Carlo II. Tocco, als dessen Lehnsnehmer, in Arta mit dem „Rest“ abzufinden hatte (die Dynastie der Tocco wurde durch die Osmanen bis 1480 ganz aus dem heutigen Griechenland – Epirus, Ionische Inseln – verdrängt, wodurch die Herrschaft der „Franken“ über Zentralgriechenland, die seit 1204 bestanden hatte, bis auf wenige venezianische Festungen, endgültig ein Ende fand). Noch im gleichen Jahr besetzte er das seit 1423 venezianisch dominierte Thessaloníki, welches die Handelsrepublik Venedig von Andronikos Palaiologos, einem Sohn Kaiser Manuels erworben hatte, da jener im Glauben war, die Stadt alleine gegen die Türken nicht behaupten zu können. Alsbald zog er gegen das Königreich Serbien des Fürsten Georg Branković, der formell ein Vasall der Hohen Pforte war, da sich dieser weigerte, seine Tochter Mara dem Sultan zur Frau zu geben. mini|hochkant=1.2|Die Belagerung Konstantinopels durch den türkischen Sultan Mehmed II. im Jahr 1453 nach einer Illustration aus Bertrandon de la Broquières Le Voyage d’Outre-Mer (Lille 1455) Bei einer osmanischen Strafexpedition Richtung Donau wurde 1439 die serbische Festung Smederevo zerstört und 1440 Belgrad erfolglos belagert. Der osmanische Rückschlag bei Belgrad rief seine christlichen Gegner auf den Plan. Unter der Führung Papst Eugens IV., der sich mit der Kirchenunion von Florenz von 1439 am Ziel sah, wurde erneut für einen Kreuzzug gegen die „Ungläubigen“ geplant. Ungarn, Polen, Serbien, Albanien, sogar das türkische Emirat Karaman in Anatolien, gingen eine anti-osmanische Allianz ein, doch durch den Ausgang der Schlacht bei Warna 1444 unter Władysław, König von Polen, Ungarn und Kroatien, und der zweiten Schlacht auf dem Amselfeld 1448 unter dem ungarischen Reichsverweser Johann Hunyadi, zerschlugen sich endgültig alle Hoffnungen der Christen, das Byzantinische Reich vor einer osmanischen Annexion zu bewahren. Der Fall von Byzanz Am 29. Mai 1453, nach knapp zweimonatiger Belagerung, fiel die Reichshauptstadt an Mehmed II. Der letzte byzantinische Kaiser Konstantin XI. starb während der Kämpfe um die Stadt. Der 29. Mai gilt auch heute noch bei den Griechen als Unglückstag, denn es begann die lange türkische Fremdherrschaft, während der nach teilweiser Sprachübernahme nur die Religion als bindende Kraft erhalten blieb. Die Anfangs- und Enddaten der Unabhängigkeit der Hauptstadt, 395 und 1453, galten lange auch als zeitliche Grenzen des Mittelalters. In der Folge wurden auch die verbliebenen Staaten byzantinischen Ursprungs erobert: das Despotat Morea 1460, das Kaiserreich Trapezunt 1461 und das Fürstentum Theodoro 1475. Lediglich Monemvasia unterstellte sich 1464 dem Protektorat von Venedig, das die Stadt bis 1540 gegen die Türken zu halten vermochte. Die Stadt stellte staatsrechtlich das dar, was vom „Römischen Reich“ im Lauf der Jahrhunderte übrig blieb. Der Fall von Byzanz war einer der Wendepunkte von weltgeschichtlicher Bedeutung. Das Byzantinische Reich, das sich als eines der langlebigsten der europäischen Geschichte erwiesen hatte, war damit politisch untergegangen (kulturell wirkt es bis in die heutige Zeit fort); mit ihm ging eine über zweitausendjährige Ära zu Ende. Nach der Eroberung des Byzantinischen Reiches und Blockade des Bosporus sowie des Landwegs nach Asien durch die osmanischen Türken begann allerdings eine neue Ära: das Zeitalter der europäischen Expansion und der Renaissance. Verfassungs-, Wirtschafts- und kulturgeschichtliche Skizzierung hochkant=0.8|mini|40 Nummi und fünf Nummi des Kaisers Anastasios I. Das Byzantinische Reich besaß – im Gegensatz zu anderen Reichen des Mittelalters – auch nach dem Einfall der Araber eine recht straff organisierte und effiziente Bürokratie, deren Zentrum Konstantinopel war. Daher konnte Ostrogorsky von einem Staat im modernen Sinne sprechen. Das Reich verfügte neben einem effizienten Verwaltungsapparat (siehe auch Ämter und Titel im Byzantinischen Reich) auch über ein organisiertes Finanzwesen sowie über eine stehende Armee. Kein Reich westlich des Kaiserreichs China konnte etwa über so große Beträge verfügen wie Byzanz. Zahlreiche Handelsrouten verliefen durch byzantinisches Gebiet und Konstantinopel selbst fungierte als ein wichtiger Warenumschlagsplatz, wovon Byzanz erheblich profitierte, etwa durch den Ein- und Ausfuhrzoll (kommerkion). Die wirtschaftliche Kraft und Ausstrahlung von Byzanz war so groß, dass der goldene Solidus zwischen dem vierten und elften Jahrhundert die Leitwährung im Mittelmeerraum war.Allgemein zur Wirtschaft siehe Angeliki E. Laiou (Hrsg.): The Economic History of Byzantium Drei Bände. Washington/DC 2002 (). Der Kaiser wiederum herrschte de facto fast uneingeschränkt über Reich (das sich immer noch dem Gedanken der Universalmacht verpflichtet fühlte) und Kirche, und dennoch war in keinem anderen Staat eine so große Aufstiegsmöglichkeit in die Aristokratie gegeben wie in Byzanz. mini|Buchillustration aus dem Pariser Psalter, Hauptwerk der Makedonischen Renaissance Nur Byzanz, so die zeitgenössische Vorstellung, war die Wiege des „wahren Glaubens“ und der Zivilisation. In der Tat war das kulturelle Niveau in Byzanz zumindest bis ins Hochmittelalter hinein höher als in allen anderen Reichen des Mittelalters. Dabei spielte auch der Umstand eine Rolle, dass in Byzanz wesentlich mehr vom antiken Erbe bewahrt wurde als in Westeuropa; ebenso war der Bildungsstandard lange Zeit höher als im Westen. In weiten Teilen ist nur wenig über das „Neue Rom“ bekannt. Relativ wenige Aktenstücke sind überliefert, und in Teilen schweigt auch die byzantinische Geschichtsschreibung, die in der Spätantike mit Prokopios von Caesarea einsetzte und im Mittelalter mit Michael Psellos, Johannes Skylitzes, Anna Komnena und Niketas Choniates über einige bedeutende Vertreter verfügte (siehe dazu Quellenüberblick). Wenngleich für einige Zeiträume nur „kirchliche“ Quellen zur Verfügung stehen, darf dies nicht zu der Annahme verleiten, Byzanz sei ein theokratischer Staat gewesen. Die Religion war wohl oft bestimmend, aber die Quellenlage ist in Teilen und besonders für die Periode vom siebten bis neunten Jahrhundert zu dürftig, um ein klares Bild zu erhalten. Umgekehrt hat sich die Forschung auch von der Vorstellung eines byzantinischen Cäsaropapismus, in dem der Kaiser fast absolut über die Kirche geherrscht habe, verabschiedet. Militär Byzanz verfügte während seiner gesamten Geschichte über ein stehendes Heer, ganz im Gegensatz zu den mittelalterlichen Reichen in Europa.Ralph-Johannes Lilie: Einführung in die byzantinische Geschichte. Stuttgart 2007, S. 183 ff. Das römische Heerwesen der Spätantike wurde in der mittelbyzantinischen Zeit vollkommen neu organisiert. In der zweiten Hälfte des siebten Jahrhunderts entstanden feste Militärdistrikte (Themen), die lange Zeit die Eckpfeiler der byzantinischen Verteidigung gegen äußere Feinde darstellten. Heer und Flotte zerfielen in je eine Zentraleinheit in der Hauptstadt und die in den Provinzen stationierten örtlichen Truppen, wobei die vier großen Themenarmeen des siebten und achten Jahrhunderts wohl je ca. 10.000 Mann umfasst haben dürften. Insgesamt erwies sich die byzantinische Armee als eine recht effektive Streitmacht (freilich abhängig von den jeweiligen Befehlshabern und Logistik), deren Gesamtstärke aber nur ungefähr schätzbar ist. Im siebten Jahrhundert dürfte sie bei rund 100.000 Mann gelegen haben, im achten Jahrhundert bei ca. 80.000 Mann und um 1000 bei ca. 250.000 Mann.Warren Treadgold: Byzantium and Its Army, 284-1081. Stanford 1995, S. 43 ff. Allerdings verlor die byzantinische Armee im Laufe der Zeit an Schlagkraft, vor allem ab dem 13. Jahrhundert erwiesen sich die Truppen nicht mehr in der Lage, der äußeren Bedrohung effektiv standzuhalten. Byzanz hatte zu dieser Zeit keine ausreichenden finanziellen Mittel mehr und musste sich zudem stark auf Söldner stützen, was die Lage noch einmal verschlimmerte. Mit dem Verlust zentraler Gebiete (vor allem in Kleinasien an die Türken) schrumpfte auch die byzantinische Armee immer mehr zusammen und wurde zu einer marginalen Größe. Die byzantinische Marine, die in mittelbyzantinischer Zeit noch eine wichtige Rolle gespielt hatte, existierte in spätbyzantinischer Zeit kaum noch. Kulturelles Fortwirken mini|Mosaik aus der Hagia Sophia:Die Muttergottes mit Johannes II. Komnenos und Kaiserin Irene (um 1118) Nach dem Fall Konstantinopels 1453 brachten Flüchtlinge aus Byzanz, darunter zahlreiche Gelehrte, ihr naturwissenschaftlich-technisches Wissen und die alten Schriften der griechischen Denker in die westeuropäischen Städte und trugen dort maßgeblich zur Entfaltung der Renaissance bei. Am längsten bestand die byzantinische Kultur auf dem damals venezianischen Kreta fort, die als sogenannte „Byzantinische Renaissance“ in die Geschichte einging. Diese Reste autonomer hellenistisch-byzantinischer Kultur wurden mit der Eroberung der Insel durch die Osmanen 1669 beendet. Bis heute wirkt die byzantinische Kultur vor allem im Ritus der östlich-orthodoxen Kirchen fort. Durch byzantinische Missionsarbeit verbreitete sich das orthodoxe Christentum bei vielen slawischen Völkern und ist bis in die Gegenwart die vorherrschende Konfession in Osteuropa und Griechenland, in Teilen von Südosteuropa und Kaukasien sowie bei den meisten arabischen Christen. Die byzantinische Kultur und Denkweise hat alle orthodoxen Völker tief geprägt. mini|hochkant|Christus Pantokrator im Deësis-Mosaik der Hagia Sophia (13. Jahrhundert) Die slawischen Reiche auf dem Balkan und am Schwarzen Meer übernahmen neben der orthodoxen Kirche auch profane byzantinische Bräuche. Vor allem Russland, Serbien, die Ukraine und Belarus, aber auch in etwas kleinerem Maße Bulgarien sollten das Erbe des Byzantinischen Reiches fortführen. Schon im neunten Jahrhundert kamen die Rus mit Byzanz in Kontakt, wodurch sich – trotz immer wiederkehrender Versuche von Seiten der Rus, Konstantinopel zu erobern – intensive wirtschaftliche und diplomatische Beziehungen zwischen dem Byzantinischen Reich und dem Reich der Kiewer Rus entwickelten, die 988 zum Übertritt der Rus zum orthodoxen Glauben führten. In den folgenden Jahrhunderten wurden auf ostslawischem Gebiet zahlreiche prachtvolle Kirchen nach byzantinischem Vorbild gebaut. So hat russische Architektur und Kunst neben (meist späteren) skandinavischen und ursprünglich slawischen vor allem byzantinische Wurzeln. Dasselbe betrifft in vollem Maße auch die Architektur und die Kunst der Ukraine und von Belarus. Nach dem Untergang des Byzantinischen Reichs übernahm dann das russische Moskowiterreich in vielen Teilen byzantinisches Zeremoniell. Der Patriarch von Moskau errang bald eine Stellung, deren Bedeutung der des Patriarchen von Konstantinopel ähnelte. Als wirtschaftlich mächtigste orthodoxe Nation betrachtete sich Russland bald als Drittes Rom in der Nachfolge Konstantinopels. Iwan III., Herrscher des Großfürstentums Moskau, heiratete die Nichte von Konstantin XI., Zoe, und übernahm den byzantinischen Doppeladler als Wappentier. Iwan IV., genannt „der Schreckliche“, war der erste moskowitische Herrscher, der sich schließlich offiziell zum Zaren krönen ließ. Aber auch die osmanischen Sultane betrachteten sich als legitime Erben des Byzantinischen Reiches, obwohl die seldschukischen und osmanischen Türken jahrhundertelang Erzfeinde der Rhomäer waren und das Byzantinische Reich letztlich erobert hatten. Schon Sultan Mehmed II. bezeichnete sich als „Kayser-i Rum“ (Kaiser von Rom) – die Sultane stellten sich somit ganz bewusst in die Kontinuität des (Ost-)Römischen Reiches, um sich zu legitimieren. Das Osmanische Reich, das sich in der Auseinandersetzung mit Byzanz entwickelte, hatte mit diesem mehr als nur den geografischen Raum gemeinsam. Der Historiker Arnold J. Toynbee bezeichnete das Osmanische Reich – allerdings sehr umstritten – als Universalstaat des „christlich-orthodoxen Gesellschaftskörpers“. Eine staatsrechtliche Fortsetzung fand das Byzantinische Reich in ihm jedenfalls nicht. Nicht zuletzt lebt das kulturelle und sprachliche Erbe von Byzanz in den heutigen Griechen fort, vor allem im modernen Griechenland und auf Zypern sowie in der griechisch-orthodoxen Kirche (vor allem auch im Patriarchat von Konstantinopel in Istanbul). Bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts deckte sich das griechische Siedlungsgebiet zudem noch in weiten Teilen mit den byzantinischen Kernländern. Besonders die Anhänger der Megali Idea wollten Anfang des 20. Jahrhunderts ein neues Byzantinisches Reich, eine Art hellenisches Großreich mit Konstantinopel als Hauptstadt erschaffen. Demographische Verhältnisse Das Byzantinische Reich war ein polyethnischer Staat, der außer Griechen unter anderem auch Armenier, Illyrer und Slawen, in spätantiker/frühbyzantinischer Zeit zudem Syrer und Ägypter (kleinere Teile zogen nach dem Verlust dieser Provinzen auch ins Kernreich) sowie stets eine jüdische Minderheit einschloss.Vgl. zum Folgenden einführend Dionysios Stathakopoulos: Population, Demography, and Diseas. In: Elizabeth M. Jeffreys, John Haldon, Robin Cormack (Hrsg.): The Oxford Handbook of Byzantine Studies. Oxford 2008, S. 309 ff. Die meisten Gebiete, über die sich das Byzantinische Reich erstreckte, waren seit Jahrhunderten hellenisiert, also dem griechischen Kulturkreis angeschlossen. Hier lagen bedeutende Zentren des Hellenismus wie Konstantinopel, Antiochia, Ephesos, Thessaloniki und Alexandria; hier bildete sich auch die orthodoxe Form des Christentums heraus. Athen blieb in der Spätantike weiterhin wichtiges Kulturzentrum, bis Kaiser Justinian 529 die dortige neuplatonische Schule der Philosophie verbieten ließ. Anschließend verschoben sich die demographischen Verhältnisse, da die neben der Hauptstadt wirtschaftlich und militärisch bedeutsamsten Gebiete die orientalischen Provinzen des Reiches waren. Als diese verloren gingen, spielte Kleinasien eine wichtige Rolle, erst seit dem Frühmittelalter auch wieder der Balkan. Als Kleinasien nach 1071 teilweise und im 14. Jahrhundert endgültig an türkische Invasoren fiel, begann der Niedergang von der Groß- zur Regionalmacht und schließlich zum Kleinstaat. Die Bevölkerung lag in spätantiker Zeit wohl bei ca. 25 Millionen, wenngleich nur Schätzungen möglich sind; Konstantinopel mag in dieser Zeit bis zu 400.000 Einwohner gezählt haben.Dionysios Stathakopoulos: Population, Demography, and Diseas. In: Elizabeth M. Jeffreys, John Haldon, Robin Cormack (Hrsg.): The Oxford Handbook of Byzantine Studies. Oxford 2008, hier S. 310. Die Bevölkerungszahlen gingen bereits Mitte des 6. Jahrhunderts infolge von Seuchen und Kriegen zurück (genaue Zahlen sind nicht zu ermitteln), es folgte auch ein urbaner Niedergangsprozess,Dionysios Stathakopoulos: Population, Demography, and Diseas. In: Elizabeth M. Jeffreys, John Haldon, Robin Cormack (Hrsg.): The Oxford Handbook of Byzantine Studies. Oxford 2008, S. 310 f. wenngleich es ab dem 9. Jahrhundert wieder zu einer demographischen und wirtschaftlichen Neubelebung kam. Zu Beginn des 11. Jahrhunderts wird das Reich wohl rund 18 Millionen Einwohner gezählt haben.Dionysios Stathakopoulos: Population, Demography, and Diseas. In: Elizabeth M. Jeffreys, John Haldon, Robin Cormack (Hrsg.): The Oxford Handbook of Byzantine Studies. Oxford 2008, S. 312. Die folgende Zeit war vor allem ab dem 13. Jahrhundert geprägt von starken Gebietsverlusten, entsprechend nahm die Einwohnerzahl stark ab; diese Tendenz war nicht wieder umzukehren, wobei auch die Hauptstadt immer mehr entvölkert wurde.Dionysios Stathakopoulos: Population, Demography, and Diseas. In: Elizabeth M. Jeffreys, John Haldon, Robin Cormack (Hrsg.): The Oxford Handbook of Byzantine Studies. Oxford 2008, S. 312f. Grundlinien der Rezeption Die ältere, westliche Forschungsmeinung sah in Byzanz oft nur eine dekadente, halborientalische „Despotie“, so etwa Edward Gibbon. Dieses Bild wurde durch John Bagnell Bury, Cyril Mango, Ralph-Johannes Lilie, John F. Haldon und andere längst verworfen. Es wird inzwischen immer darauf hingewiesen, dass Byzanz als Vermittler von kulturellen Werten und dem Wissen der Antike Unschätzbares geleistet hat. Es war zudem der „Schutzschild“ Europas über viele Jahrhunderte hinweg, erst gegenüber den Persern und Steppenvölkern, später gegenüber den muslimischen Kalifaten und Sultanaten. Ironischerweise konnte das Byzantinische Reich diese Funktion erst nach der verheerenden Plünderung Konstantinopels durch die Kreuzfahrer im Jahr 1204 nicht mehr wahrnehmen. Siehe auch Liste der byzantinischen Kaiser Ämter und Titel im Byzantinischen Reich Byzantinische Kunst Byzantinische Architektur Byzantinische Währung Astrologie im Byzantinischen Reich Zirkusparteien Quellenüberblick Die erzählenden Quellen stellen das Grundgerüst der byzantinischen Geschichte dar, zumal nur wenige Aktenstücke den Untergang von Byzanz überdauert haben. Für die spätantike Phase des Reiches sind vor allem Ammianus Marcellinus (der noch Latein schrieb), Olympiodoros von Theben, Priskos, Malchos von Philadelphia, Zosimos sowie Prokopios von Kaisareia zu nennen. An Letzteren schlossen Agathias und Menander Protektor an. Als das letzte Geschichtswerk der Antike können die von Theophylaktos Simokates verfassten Historien angesehen werden. In mittelbyzantinischer Zeit entstanden bis Anfang des neunten Jahrhunderts zwar anscheinend auch Geschichtswerke (Traianos Patrikios), doch sind diese nicht erhalten. Sie wurden aber von den Chronisten Nikephoros und Theophanes benutzt. An Theophanes schloss der sogenannte Theophanes Continuatus an, daneben entstanden im zehnten Jahrhundert die sogenannte Logothetenchronik sowie das Geschichtswerk des Leon Diakonos. Auch regionale Chroniken wie die Chronik von Monemvasia sind zu nennen. Im elften Jahrhundert schrieben Michael Psellos und Johannes Skylitzes. Im zwölften Jahrhundert unter anderem Anna Komnena und Johannes Kinnamos. Für die nachfolgende spätbyzantinische Zeit sind vor allem Niketas Choniates, Nikephoros Gregoras, Georgios Akropolites, Theodoros Skutariotes und Georgios Pachymeres von Bedeutung. Über die letzten Jahre des Reiches berichten schließlich Laonikos Chalkokondyles, Doukas, Georgios Sphrantzes sowie Michael Kritobulos. Quellensammlungen Sviatoslav Dmitriev (Hrsg.): Emperors and Imperial Dynasties of Byzantium. Translated Texts on Byzantine Civilization. Oxford University Press, Oxford 2025. Überblickswerke Leonora Neville: Guide to Byzantine Historical Writing. Cambridge University Press, Cambridge 2018. [ab dem 7. Jahrhundert, mit aktuellen Hinweisen zu Ausgaben und Sekundärliteratur] Warren Treadgold: The Early Byzantine Historians. Palgrave Macmillan, Basingstoke 2007. Warren Treadgold: The Middle Byzantine Historians. Palgrave Macmillan, Basingstoke 2013. Daneben ist eine Vielzahl von hagiographischen Werken zu nennen, ebenso sind die diversen Fachschriften – etwa im medizinischen, geographischen, administrativen (Philotheos) oder militärischen Bereich sowie das wichtige mittelbyzantinische Lexikon Suda –, Briefe, Siegel, Münzen und archäologische Befunde etc. von großer Bedeutung.Knapper, einführender Überblick unter anderem bei Ralph-Johannes Lilie: Einführung in die byzantinische Geschichte. Stuttgart u. a. 2007, S. 239ff. Vgl. auch die diversen Beiträge in Elizabeth M. Jeffreys, John Haldon, Robin Cormack (Hrsg.): The Oxford Handbook of Byzantine Studies. Oxford 2008, hier S. 21 ff. Hilfsmittel: Johannes Karayannopulos, Günter Weiß: Quellenkunde zur Geschichte von Byzanz (324–1453). 2 Bände. Wiesbaden 1982. Literatur Bezüglich aktueller bibliografischer Informationen sei vor allem auf die Byzantinische Zeitschrift hingewiesen. Daneben siehe unter anderem die Hinweise im Jahrbuch der Österreichischen Byzantinistik. Eine der wichtigsten Forschungsinstitutionen der Byzantinistik stellt die Dumbarton Oaks Research Library and CollectionDumbarton Oaks Research Library and Collection dar (siehe auch Dumbarton Oaks Papers). Nachschlagewerke Falko Daim (Hrsg.): Byzanz. Historisch-kulturwissenschaftliches Handbuch. J. B. Metzler, Stuttgart 2016, ISBN 978-3-476-02422-0. Alexander Kazhdan (Hrsg.): Oxford Dictionary of Byzantium. Drei Bände, Oxford University Press, New York 1991, ISBN 0-19-504652-8. (Grundlegendes Lexikon, alternativ: LexMA; zur Spätantike siehe nun auch The Oxford Dictionary of Late Antiquity) Lexikon des Mittelalters (LexMA). Neun Bände. München–Zürich 1980–1998. (Mit starker Berücksichtigung von Byzanz, zahlreiche Artikel stammen auch hier von ausgewiesenen Experten.) Darin der Hauptartikel: Prosopographie der mittelbyzantinischen Zeit. Erste Abteilung (641–867). Herausgegeben von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, nach Vorarbeiten Friedhelm Winkelmanns erstellt von Ralph-Johannes Lilie, Claudia Ludwig, Thomas Pratsch, Ilse Rochow, Beate Zielke u. a., sieben Bände (Prolegomena + Bände 1–6), Berlin–New York 1998–2001; Zweite Abteilung. Prolegomena + acht Bände. Berlin 2009 und 2013.(Wichtiges prosopographisches Nachschlagewerk. Für die Zeit vor 641: The Prosopography of the Later Roman Empire.) Alexis G. C. Savvides, Benjamin Hendrickx (Hrsg.): Encyclopaedic Prosopographical Lexicon of Byzantine History and Civilization (EPLBHC). Band 1 ff. Brepols, Turnhout 2007 ff.(Noch nicht abgeschlossenes prosopographisches Handbuch.) Herbert Hunger, Johannes Koder (Hrsg.): Tabula Imperii Byzantini. Wien 1976 ff.(Grundlegende historisch-geographische Darstellung der Kerngebiete des Byzantinischen Reiches, gegliedert nach einzelnen Regionen. Bislang sind 13 Bände erschienen, fünf weitere werden derzeit bearbeitet.Projektseite auf der Website der Tabula Imperii Byzantini, abgerufen am 7. April 2021.) Überblicksdarstellungen Hans-Georg Beck: Das Byzantinische Jahrtausend. C.H. Beck, München 1994.(Einblick in das „Wesen von Byzanz“ durch die Darstellung verschiedener Aspekte der byzantinischen Gesellschaft.) Averil Cameron: The Byzantines. Blackwell, Oxford 2006. Falko Daim, Jörg Drauschke (Hrsg.): Byzanz – das Römerreich im Mittelalter. Band 1: Welt der Ideen, Welt der Dinge, ISBN 978-3-88467-153-5; Band 2, 1 und 2: Schauplätze, ISBN 978-3-88467-154-2; Band 3: Peripherie und Nachbarschaft, ISBN 978-3-88467-155-9 (Monographien des Römisch Germanischen Zentralmuseums Mainz Band 84, 1–3) Verlag des Römisch Germanischen Zentralmuseums, Mainz 2010 (vierbändiger wissenschaftlicher Begleitband zur Sonderausstellung Byzanz. Pracht und Alltag). Falko Daim, Jörg Drauschke (Hrsg.): Byzanz – Pracht und Alltag. Hirmer Verlag, München 2010, ISBN 978-3-7774-2531-3. Alain Ducellier (Hrsg.): Byzanz. Das Reich und die Stadt. Campus Verlag, Frankfurt am Main / New York 1990.(Gut lesbare Gesamtdarstellung, in der nicht nur die politische Geschichte, sondern auch die Sozial- und Kulturgeschichte berücksichtigt werden. Originaltitel: Byzance et le monde orthodoxe. Paris 1986.) Timothy E. Gregory: A History of Byzantium. Malden/MA und Oxford 2005. (Informatives Überblickswerk; fachwissenschaftliche Besprechung.) Judith Herrin: Byzantium: The Surprising Life of a Medieval Empire. London 2007/Princeton 2008.(Unorthodoxe, thematisch anstatt chronologisch aufgebaute und gut lesbare Einführung.) deutsch: Byzanz. Die erstaunliche Geschichte eines mittelalterlichen Imperiums. Reclam Verlag, Stuttgart 2013, ISBN 978-3-15-010819-2. Liz James (Hrsg.): A Companion to Byzantium. Blackwell, Oxford u. a. 2010. Elizabeth M. Jeffreys, John Haldon, Robin Cormack (Hrsg.): The Oxford Handbook of Byzantine Studies. Oxford 2008.(Fachwissenschaftliche Aufsatzsammlung zu einer Vielzahl verschiedener Aspekte von Byzanz und der damit verbundenen Forschung. Oft eher sehr knapp, aber mit guter Bibliographie.) Anthony Kaldellis: The New Roman Empire. A History of Byzantium. Oxford University Press, Oxford 2024.(Aktuelle und umfassende Gesamtdarstellung, die aber teils von der communis opinio abweicht.) Andreas Külzer: Byzanz (Reihe Theiss Wissen kompakt). Konrad Theiss, Stuttgart 2012, ISBN 978-3-8062-2417-7. Ralph-Johannes Lilie: Byzanz – Das zweite Rom. Berlin 2003, ISBN 3-88680-693-6. (Die wohl umfangreichste wissenschaftliche Darstellung der Geschichte von Byzanz in deutscher Sprache.) Ralph-Johannes Lilie: Einführung in die byzantinische Geschichte. Stuttgart u. a. 2007. (Gute Einführung, die auf die wichtigsten Aspekte der byzantinischen Geschichte – wenn auch knapp – eingeht.) Cyril Mango (Hrsg.): The Oxford History of Byzantium. Oxford 2002, ISBN 0-19-814098-3. (Knappe, aber nützliche und reich illustrierte Einführung.) Georg Ostrogorsky: Geschichte des byzantinischen Staates. (Handbuch der Altertumswissenschaft XII 1.2). 3. Auflage. München 1963, ISBN 3-406-01414-3. (Lange Zeit das gültige Standardwerk, inzwischen jedoch in vielen Fragen veraltet und daher nicht mehr als Leitfaden zu empfehlen; als Sonderausgabe ohne wissenschaftlichen Apparat: Byzantinische Geschichte 324 bis 1453. München 1996, ISBN 3-406-39759-X.) Johannes Preiser-Kapeller: Byzanz. Das Neue Rom und die Welt des Mittelalters. Beck, München 2023.(Aktuelle, relativ knappe Gesamtdarstellung.) Peter Schreiner: Byzanz (Oldenbourg Grundriss der Geschichte, Band 22). 3. überarbeitete Auflage. München 2008, ISBN 978-3-486-57750-1. (Gute und knappe Einführung mit Forschungsteil; die dritte Auflage wurde vollständig überarbeitet und erweitert, ist aber inzwischen nicht mehr ganz aktuell.) Dionysios Stathakopoulos: A Short History of the Byzantine Empire. I. B. Tauris, London 2014. Ludwig Wamser (Hrsg.): Die Welt von Byzanz – Europas östliches Erbe. Glanz, Krisen und Fortleben einer tausendjährigen Kultur (Schriftenreihe der Archäologischen Staatssammlung, Band 4). Begleitbuch zu einer Ausstellung der Archäologischen Staatssammlung – Museum für Vor- und Frühgeschichte München vom 22. Oktober 2004 bis 3. April 2005. Theiss, Stuttgart 2004, ISBN 3-8062-1849-8. The Cambridge History of the Byzantine Empire. Hrsg. von Jonathan Shepard. Cambridge 2008. Warren Treadgold: A History of the Byzantine State and Society. Stanford University Press, Stanford 1997.(Umfassende, aufgrund teils sehr subjektiver Wertungen aber umstrittene und nicht unproblematische Darstellung. Entgegen dem Titel wird hauptsächlich die politische Geschichte geschildert.) Epochenspezifische Darstellungen – Spätrömische/Frühbyzantinische Zeit Alexander Demandt: Die Spätantike (Handbuch der Altertumswissenschaft III.6). 2. Auflage. C. H. Beck, München 2007. John F. Haldon: Byzantium in the Seventh Century. The Transformation of a Culture. 2. Auflage. Cambridge University Press, Cambridge 1997. (Wichtige Untersuchung zur „Transformation“ der spätantiken Kultur im siebten Jahrhundert.) Arnold Hugh Martin Jones: The Later Roman Empire 284–602. A Social, Economic and Administrative Survey. Drei Bände durchgehend paginiert, Oxford 1964 (Nachdruck in zwei Bänden, Baltimore 1986). (Standardwerk) A. D. Lee: From Rome to Byzantium AD 363 to 565. The Transformation of Ancient Rome. Edinburgh 2013. Mischa Meier: Geschichte der Völkerwanderung. Europa, Asien und Afrika vom 3. bis zum 8. Jahrhundert. C. H. Beck, München 2019, ISBN 978-3-406-73959-0.(Die derzeit aktuelle und umfassendste Darstellung zur Völkerwanderungszeit; Besprechung bei Plekos; bei H-Soz-Kult.) Stephen Mitchell, Geoffrey Greatrex: A History of the Later Roman Empire. AD 284–700. 3. Auflage. Wiley-Blackwell, Hoboken (New Jersey) 2023. Epochenspezifische Darstellungen – Mittelbyzantinische Zeit Michael J. Decker: The Byzantine Dark Ages. London/New York 2016. Michael Angold: The Byzantine Empire, 1025–1204. 2. Auflage. London/New York 1997. Leslie Brubaker, John F. Haldon: Byzantium in the Iconoclast era. c. 680–850. A History. Cambridge University Press, Cambridge u. a. 2011, ISBN 978-0-521-43093-7. Jean-Claude Cheynet (Hrsg.): Le Monde Byzantin II. L’Empire byzantin (641–1204). Paris 2006. John F. Haldon: The Empire That Would Not Die. The Paradox of Eastern Roman Survival, 640–740. Harvard University Press, Cambridge (Massachusetts) 2016. Anthony Kaldellis: Streams of gold, rivers of blood. The rise and fall of Byzantium, 955 A.D. to the First Crusade. Oxford University Press, New York, N.Y. 2017, ISBN 978-0-19-025322-6 (). Warren Treadgold: The Byzantine Revival, 780–842. Stanford 1988. Mark Whittow: The Making of Byzantium, 600–1025. Berkeley 1996. Epochenspezifische Darstellungen – Spätbyzantinische Zeit Jonathan Harris: The End of Byzantium. Yale University Press, New Haven 2010, ISBN 978-0-300-11786-8. Donald M. Nicol: The Last Centuries of Byzantium, 1261–1453. 2. Auflage. Cambridge 1993. David Nicolle, John F. Haldon, Stephen R. Turnbull: The Fall of Constantinople. The Ottoman Conquest of Byzantium. Osprey Publishing, Oxford 2007, ISBN 978-1-84603-200-4. Steven Runciman: Die Eroberung von Konstantinopel. München 1966 (und Nachdrucke), ISBN 3-406-02528-5. (Das Standardwerk zum Thema, wenngleich in manchen Details veraltet.) Spezialuntersuchungen Henriette Baron: Auf Gedeih und Verderb. Mensch, Tier und Umwelt im Byzantinischen Reich (Mosaiksteine. Forschungen am RGZM, Band 13). Verlag des RGZM, Mainz 2016, ISBN 978-3-88467-274-7. Hans-Georg Beck: Kirche und theologische Literatur im byzantinischen Reich. München 1959. Leslie Brubaker: Inventing Byzantine Iconoclasm. Bristol Classical Press, London 2012. (Gute Einführung zum byzantinischen Bilderstreit.) Lynda Garland: Byzantine Empresses. Routledge, London–New York 1999. John Haldon: Warfare, State and Society in the Byzantine World. Routledge, London–New York 1999, ISBN 1-85728-495-X. (Umfangreiche und tiefgreifende Studie über das byzantinische Militär.) John Haldon: The Byzantine Wars. 2001, ISBN 0-7524-1795-9. (Überblick über die byzantinischen Kriege.) John Haldon: Byzantium at War. 2002, ISBN 1-84176-360-8. (Populärwissenschaftliche und reich illustrierte Einführung in das byzantinische Militärwesen.) John Haldon (Hrsg.): A Social History of Byzantium. Blackwell, Oxford u. a. 2009.(Von mehreren angesehenen Forschern verfasste explizit sozialgeschichtlich ausgerichtete Darstellung, daher ohne Berücksichtigung der politischen Geschichte.) Hans Wilhelm Haussig: Kulturgeschichte von Byzanz (= Kröners Taschenausgabe. Band 211). 2., überarbeitete Auflage. Kröner, Stuttgart 1966, .(Älter, aber wissenschaftlich solide und sehr gut lesbar.) Herbert Hunger: Die hochsprachliche profane Literatur der Byzantiner. 2 Bde., München 1978. Herbert Hunger: Schreiben und Lesen in Byzanz. Die byzantinische Buchkultur. München 1989 (Einführung zu den materiellen Aspekten der byzantinischen Literatur). Anthony Kaldellis: Hellenism in Byzantium. Cambridge 2007. Johannes Koder: Der Lebensraum der Byzantiner. Historisch-geographischer Abriß ihres mittelalterlichen Staates im östlichen Mittelmeerraum (Byzantinische Geschichtsschreiber, Ergänzungsband 1). Nachdruck mit bibliographischen Nachträgen, Wien 2001 (Einführung in die historische Geographie des Byzantinischen Reiches). Henriette Kroll: Tiere im Byzantinischen Reich. Archäozoologische Forschungen im Überblick (Monographien des RGZM, 87). Verlag des Römisch Germanischen Zentralmuseums, Mainz 2010. (Überblick zu Haustierhaltung, Jagd, Vogel- und Fischfang sowie Molluskennutzung. Mit einer Liste byzantinischer Fundorte, für die archäozoologische Untersuchungen durchgeführt wurden, und einer Liste der vertretenen Haus- und Wildtierarten.) Angeliki E. Laiou, Cécile Morrisson: The Byzantine Economy (Cambridge Medieval Textbooks). Cambridge 2007 (Einführung in die byzantinische Wirtschaftsgeschichte). Angeliki E. Laiou (Hrsg.): The Economic History of Byzantium. Drei Bände, Washington, D.C., 2002 (Standardwerk zur byzantinischen Wirtschaftsgeschichte; (online)). John Lowden: Early Christian and Byzantine Art. London 1997. Jean-Marie Mayeur et al. (Hrsg.): Die Geschichte des Christentums. Religion Politik Kultur. Bände 2–6. Sonderauflage, Verlag Herder, Freiburg im Breisgau 2005 und 2007.(Umfassende Darstellung der Geschichte des Christentums einschließlich der byzantinischen und östlichen Kirchen.) Nicholas de Lange: Byzantium, in: Robert Chazan (Hrsg.): The Cambridge History of Judaism, Bd. 6: The Middle Ages: The Christian World, Cambridge University Press, Cambridge 2018, S. 76–97, 884 f. (academia.edu) Dimitri Obolensky: Byzantium and the Slavs. Crestwood 1994, ISBN 0-88141-008-X. (Studie zum byzantinischen Erbe bei den slawischen Völkern.) Basil Tatakis, Nicholas J. Moutafakis: Byzantine philosophy. Hackett, Indianapolis 2003, ISBN 0-87220-563-0. Weblinks Knapper Quellenüberblick von Prof. Halsall Wissenschaftliches Internetportal zur byzantinischen Geschichte (englisch) Linkliste zum byzantinischen Reich (englisch) Resources for Byzantinists bei Dumbarton Oaks, einer der wichtigsten Einrichtungen zur Erforschung von Byzanz Seite des Instituts für Byzantinistik und Neogräzistik der Universität Wien mit Links zu weiteren Forschungseinrichtungen, Projekten und Informationen über verschiedene Aspekte von Byzanz Seite des Instituts für Byzanzforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften mit weiteren Ressourcen und einem repository mit wissenschaftlichen Beiträgen zu verschiedenen Aspekten der byzantinischen Geschichte A. Vasiliev, A History of the Byzantine Empire (veraltet) Anmerkungen ! Kategorie:Staat (Mittelalter) Kategorie:Historischer Staat in Afrika Kategorie:Historischer Staat (Vorderasien) Kategorie:Historischer Staat in Europa Kategorie:Eurasien Kategorie:Historischer Kulturraum Byzanz Kategorie:Spätantike Kategorie:Staatsgründung in den 390er Jahren Kategorie:Aufgelöst 1453
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Liste von Autoren/Y
__NOTOC__ Y Irvin D. Yalom (* 1931), US Yang Gui-ja (* 1955), ROK Richard Yates (1926–1992), US W. Edgar Yates (1938–2021), GB William Butler Yeats (1865–1939), IRL Frank Yerby (1916–1991), US Yi In-seong (* 1953), ROK Carol Beach York (1928–2013), US Banana Yoshimoto (* 1964), JP Patricia Young (* 1954), CAN Marguerite Yourcenar (1903–1987), BE / FR Yun Dae-nyong (* 1962), ROK Yun Heung-gil (* 1942), ROK Yun Hu-myeong (1946–2025), ROK *Y
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Claude Lelouch
mini|Claude Lelouch (2019) rahmenlos|klasse=notpageimage skin-invert-image|Signatur Claude Barruck Joseph Lelouch (kurz Claude Lelouch []; * 30. Oktober 1937 in Paris)Vgl. lesgensducinema.com ist ein französischer Filmregisseur, Kameramann, Drehbuchautor, Produzent und Schauspieler. Sein Markenzeichen sind betont ästhetische Kameraeinstellungen.Zeitlexikon, Band 8, S. 575, ISBN 3-411-17568-0. Leben Claude Lelouch ist der Sohn eines aus Algerien eingewanderten jüdischen Maßschneiders, der bei Ausbruch des Zweiten Weltkrieges nach Algerien zurückkehrte. Nach Kriegsende besuchte er das Collège Sainte-Barbe, das er ohne Abschluss verließ. Er bezeichnete sich selbst als „Kinojournalist“, als er Mitte der 1950er Jahre erste kurze Dokumentarfilme drehte. Ende der 1950er Jahre bereiste er unter anderem die USA und die UdSSR, schnitt aus dem dort entstandenen Material mehrere Dokumentarfilme und verkaufte sie an das Fernsehen.Hans Michael Bock: Lexikon Regisseure und Kameraleute von A–Z. rororo, Reinbek 1999, S. 283. Im Jahr 1960 gründete er die Produktionsgesellschaft „Les Films 13“, mit der er über 200 Scopitones fertigte – kurze Musikfilme für den Einsatz in Musikboxen. Im selben Jahr drehte er den ersten seiner zahlreichen Spielfilme, in denen er meist Geschichten von Liebe, Abschieden und Enttäuschungen erzählt; von manchen als altmodische Romanzen bezeichnet, sahen andere Kritiker subtextuelle Bedeutungen in seinen meist einfachen, mit Warmherzigkeit inszenierten Geschichten. Sein erster internationaler Erfolg war das Filmdrama Ein Mann und eine Frau (gespielt von Jean-Louis Trintignant und Anouk Aimée), für das er 1966 die Goldene Palme beim Filmfestival von Cannes und 1967 den Oscar für das beste Originaldrehbuch erhielt. Eine zweite Nominierung für den Oscar erhielt er als bester Regisseur. Eine weitere Oscarnominierung in der Kategorie Bestes Originaldrehbuch erhielt er 1976 für den Film Ein Leben lang. Lelouch war dreimal verheiratet, zuletzt mit der italienischen Filmschauspielerin Alessandra Martines, von der er sich 2008 trennte. Er hat sieben Kinder. Aus seiner Ehe mit der Schauspielerin Évelyne Bouix stammt die gemeinsame Tochter Salomé Lelouch (* 1983), die als Schauspielerin ebenfalls beim Film tätig ist.Vgl. lesgensducinema.com Im Jahr 2018 war Lelouch in einer Folge von Call My Agent! als er selbst zu sehen. Am 13. Januar 2018 berichtete die Zeitung Le Parisien vom Diebstahl mehrerer Taschen beim Ausladen aus dem Auto bei seiner Urlaubsrückkehr. Verloren gingen dabei nicht nur während Jahrzehnten in „magischen Koffern“ angesammelte Notizen, sondern auch das einzige Exemplar des Drehbuchs zum geplanten Film Oui et Non. Der Regisseur „wartet auf ein Wunder“ und hoffe auf eine Rückgabe.Einziges Drehbuch zu neuem Lelouch-Film gestohlen auf orf.at, 14. Januar 2018, abgerufen am 14. Januar 2018. Filmografie (Auswahl) mini|Lelouch 2013 am Set von Salaud, on t’aime mit Agnès Soral Als Regisseur 1957: La guerre du silence (Dokumentarkurzfilm) 1961: Le propre de l’homme 1962: Die Fahndung (L’amour avec des si) 1964: Das Mädchen und die Gangster (Une fille et des fusils) 1966: Ein Mann und eine Frau (Un homme et une femme) 1967: Lebe das Leben (Vivre pour vivre) 1967: Fern von Vietnam (Loin du Vietnam, Dokumentarfilm) 1968: Männer, Mädchen und Medaillen (13 jours en France, Dokumentarfilm) 1968: Das Leben, die Liebe, der Tod (La vie, l’amour, la mort) 1968: Um das gelbe Trikot (… pour un maillot jaune, Dokumentarkurzfilm) 1969: Der Mann, der mir gefällt (Un homme qui me plaît) 1970: Voyou – Der Gauner (Le voyou) 1971: Smic, Smac, Smoc – Die Drei vom Trockendock (Smic, smac, smoc) 1972: Die Entführer lassen grüßen (L’aventure, c’est l’aventure) 1973: Ein glückliches Jahr (La bonne année) 1973: München 1972 – 8 berühmte Regisseure sehen die Spiele der XX. Olympiade (Visions of Eight, Dokumentarfilm) 1974: Ein Leben lang (Toute une vie) 1974: Eine Ehe (Mariage) 1975: Eine Katze jagt die Maus (Le chat et la souris) 1976: Der Gute und die Bösen (Le bon et les méchants) 1976: Ein Hauch von Zärtlichkeit (Si c’était à refaire) 1976: C’était un rendez-vous (C’était un rendez-vous, Kurzfilm) 1977: Ein anderer Mann – eine andere Frau (Un autre homme, une autre chance) 1978: Ein Mann sucht eine Frau (Robert et Robert) 1979: Allein zu zweit (À nous deux) 1981: Ein jeglicher wird seinen Lohn empfangen … (Les uns et les autres) 1983: Edith und Marcel (Edith et Marcel) 1984: Viva la vie – Es lebe das Leben (Viva la vie) 1985: Weggehen und wiederkommen (Partir, revenir) 1986: Ein Mann und eine Frau – 20 Jahre später (Un homme et une femme: 20 ans déjà) 1987: Die Zeit des Verbrechens (Attention bandits!) 1988: Der Löwe (Itinéraire d’un enfant gâté) 1990: So sind die Tage und der Mond (Il y a des jours … et des lunes) 1991: Die schönste Geschichte der Welt (La belle histoire) 1993: Alles für die Liebe (Tout ça … pour ça) 1995: Les Misérables (Les misérables du vingtième siècle) 1996: Männer und Frauen – Eine Gebrauchsanweisung (Hommes, femmes, mode d’emploi) 1998: Begegnung in Venedig (Hasards ou coincidences) 1999: Une pour toutes 2002: 11′09″01 – September 11 (Regie der 2. Episode) 2002: And Now … Ladies & Gentlemen (And Now … Ladies and Gentlemen) 2005: Le courage d’aimer 2007: Roman de gare 2010: Ces amours-là 2011: D’un film à l’autre (Dokumentarfilm) 2014: Salaud, on t’aime 2015: Un plus une 2017: Chacun sa vie 2019: Die schönsten Jahre eines Lebens (Les plus belles années d’une vie) 2019: La vertu des impondérables 2024: Finalement Auszeichnungen (Auswahl) mini|Lelouchs Handabdruck am BIFF Square in Busan mini|Lelouch in Cannes 2016 César 1982: Nominierung in der Kategorie Bester Film für Ein jeglicher wird seinen Lohn empfangen … 2003: Nominierung in der Kategorie Bester europäischer Film für 11′09″01 – September 11 Oscar 1967: Bestes Originaldrehbuch (zusammen mit Pierre Uytterhoeven) für Ein Mann und eine Frau 1967: Bester fremdsprachiger Film für Ein Mann und eine Frau 1967: Nominierung in der Kategorie Beste Regie für Ein Mann und eine Frau 1968: Nominierung in der Kategorie Bester fremdsprachiger Film für Lebe das Leben 1976: Nominierung in der Kategorie Bestes Originaldrehbuch für Ein Leben lang Golden Globe 1967: Bester fremdsprachiger Film für Ein Mann und eine Frau 1967: Nominierung in der Kategorie Beste Regie für Ein Mann und eine Frau 1968: Bester fremdsprachiger Film für Lebe das Leben 1996: Bester fremdsprachiger Film für Les Misérables BAFTA Award 1968: Nominierung in der Kategorie Bester Film für Ein Mann und eine Frau 1996: Nominierung in der Kategorie Bester nicht-englischsprachiger Film für Les Misérables Blue Ribbon Award 1967: Bester ausländischer Film für Ein Mann und eine Frau Chicago International Film Festival 1984: Nominierung für den Gold Hugo in der Kategorie Bester Spielfilm für Es lebe das Leben 1985: Nominierung für den Gold Hugo in der Kategorie Bester Spielfilm für Weggehen und wiederkommen 1989: Nominierung für den Gold Hugo in der Kategorie Bester Spielfilm für Der Löwe 1990: Nominierung für den Gold Hugo in der Kategorie Bester Spielfilm für So sind die Tage und der Mond 1995: Publikumspreis für Les Misérables 1996: Nominierung für den Gold Hugo in der Kategorie Bester Spielfilm für Männer und Frauen – Eine Gebrauchsanweisung 2000: Nominierung für den Gold Hugo in der Kategorie Bester Spielfilm für Eine für alle 2011: Ehrenpreis für das Lebenswerk 2014: Publikumspreis für Salaud, on t’aime David di Donatello 1971: Bester ausländischer Regisseur für Voyou – Der Gauner Directors Guild of America Award 1967: Nominierung für Ein Mann und eine Frau Internationale Filmfestspiele Berlin 1964: Nominierung für den Goldenen Bären für Die Fahndung 1968: Nominierung für den Goldenen Bären (zusammen mit François Reichenbach) für Männer, Mädchen und Medaillen Internationale Filmfestspiele von Cannes 1966: Goldene Palme für Ein Mann und eine Frau 1981: Nominierung für die Goldene Palme für Ein jeglicher wird seinen Lohn empfangen … Internationales Filmfestival Moskau 2010: Spezialpreis für herausragende Leistungen für das Weltkino Internationale Filmfestspiele von Venedig 1990: Nominierung für den Goldenen Löwen für So sind die Tage und der Mond 1996: Nominierung für den Goldenen Löwen für Männer und Frauen – Eine Gebrauchsanweisung 2002: UNESCO-Preis für 11′09″01 – September 11 2024: Cartier Glory to the Filmmaker Award Montreal World Film Festival 1993: Beste Regie für Alles für die Liebe 2014: Grand Prix Special des Amériques Nastro d’Argento 1967: Bester nichtitalienischer Film für Ein Mann und eine Frau Weitere 1997: Commandeur de l’Ordre des Arts et des Lettres (Komtur des Ordens der Künste und der Literatur)Vgl. archives-nationales.culture.gouv.fr (PDF-Datei, 744 kB; S. 86). 2008: Chevalier de la Légion d’honneur (Ritterkreuz der Ehrenlegion)Décret du 11 juillet 2008 portant promotion et nomination auf legifrance.gouv.fr 2016: Commandeur de l’Ordre de la Couronne (Komtur des belgischen Kronenordens)Claude Lelouch fait Commandeur de l’Ordre de la Couronne. In: La Libre Belgique, 25. November 2016. 2018: Officier de la Légion d’honneur (Offizierskreuz der Ehrenlegion)Journal officiel de la République française (PDF-Datei, 813 kB; S. 13). Bibliografie (Auswahl) 2000: Claude Lelouch und Jean-Philippe Chatrier: Itinéraire d’un enfant très gâté, Robert Laffont, Coll. «Vécu». 2008: Claude Lelouch, Claude Baignères und Sylvie Perez: Ces années-là, Fayard. Conversations avec Claude Baignères et Sylvie Perez 2005: Yves Alion, Jean Ollé-Laprune: Claude Lelouch: Mode d’emploi, Calmann-Lévy. Weblinks Claude Lelouch auf allocine.fr (französisch) Offizielle Website von Claude Lelouch (französisch) auf telepolis.de Einzelnachweise Kategorie:Autor Kategorie:Drehbuchautor Kategorie:Filmproduzent Kategorie:Filmregisseur Kategorie:Filmschauspieler Kategorie:Oscarpreisträger Kategorie:Mitglied der Ehrenlegion (Offizier) Kategorie:Träger des Ordre des Arts et des Lettres (Komtur) Kategorie:Träger des belgischen Kronenordens (Kommandeur) Kategorie:Literatur (20. Jahrhundert) Kategorie:Literatur (Französisch) Kategorie:Franzose Kategorie:Geboren 1937 Kategorie:Mann
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Brom
Brom [] ( „Gestank“) ist ein chemisches Element mit dem Elementsymbol Br und der Ordnungszahl 35. Im Periodensystem steht es in der 7. Hauptgruppe, bzw. der 17. IUPAC-Gruppe und gehört damit zusammen mit Fluor, Chlor, Iod, Astat und Tenness zu den Halogenen. Elementares Brom liegt unter Normbedingungen (Temperatur = 0 °C und Druck = 1 atm) in Form des zweiatomigen Moleküls Br2 in flüssiger Form vor. Brom und Quecksilber sind die einzigen natürlichen Elemente, die unter Normbedingungen flüssig sind. In der Natur kommt Brom nicht elementar, sondern nur in Verbindungen vor. Die wichtigsten Verbindungen sind die Bromide, in denen Brom in Form des Anions Br− auftritt. Die bekanntesten Bromide sind Natriumbromid und Kaliumbromid. Bromide sind ein Bestandteil des Meerwassers und besitzen einige biologische Funktionen. Geschichte mini|links|Justus von Liebig isolierte als Erster elementares Brom Der Erste, der das spätere Brom entdeckte, war 1825 Justus von Liebig bei der Untersuchung von Solewasser aus Bad Kreuznach. Er erkannte jedoch nicht, dass er ein unbekanntes Element vor sich hatte und hielt es für Iodchlorid.Georg Lockemann: Verpaßte Entdeckungen. In: Sudhoffs Archiv für Geschichte der Medizin und der Naturwissenschaften. Band 37, H. ¾, 1953, S. 295–299 (). Das Element wurde 1826 durch den französischen Chemiker Antoine-Jérôme Balard aus Meeresalgen der Salzwiesen bei Montpellier gewonnen und von diesem als bisher unbekannter Stoff erkannt. Sein erster Namensvorschlag war muride, wurde dann aber entweder von Balard selbst auf Vorschlag seines Lehrers Joseph AngladaM. Balard: Sur une Substance particulière contenue dans l’eau de la mer. In: Annales de chimie et de physique. 1826, 32, S. 337–382 (). oder von einer Kommission der Académie des sciences, bestehend aus Joseph Louis Gay-Lussac, Louis-Nicolas Vauquelin und Louis Jacques Thénard in Brom geändert.Joseph Louis Gay-Lussac: Rapport sur le Mémoire de M. Balard relatif à une nouvelle Substance. In: Annales de chimie et de physique. 1826, 32, S. 382–384 ().Paweł Miśkowiec: Name game: the naming history of the chemical elements: part 2—turbulent nineteenth century. In: Foundations of Chemistry. 2022, Band 25, Nummer 2, S. 215–234, . Dieser leitet sich von „Gestank“ ab, da das Element einen stechenden Geruch besitzt.Brom. In: Duden - Deutsches Universalwörterbuch. 10. Auflage, 2023, ISBN 978-3-411-91437-1, S. 360. Gleichzeitig mit Balard untersuchte auch Carl Löwig Bad Kreuznacher Solewasser und entdeckte darin Brom. Da er seine Ergebnisse erst 1827 nach Balard publizierte, gilt dieser als Entdecker des Broms.Carl Löwig: Ueber Brombereitung und eine auffallende Zersetzung des Aethers durch Chlor. In: Magazin für Pharmacie. Jahrgang 6, Band 21–22, 1827, S. 311-36 (). Eine erste kommerzielle Fabrik zur Herstellung von Brom aus Salzsole wurde 1846 von David Alter in Freeport (Pennsylvania) errichtet. Jack F. Mills, Ron Frim, Shmuel D. Ukeles, David Yoffe: Bromine. In: Ullmann's Encyclopedia of Industrial Chemistry. 2015, S. 1–20, . Es wurde unter anderem für Daguerreotypien verwendet. 1853 zeigte er größere Mengen Brom auf der Exhibition of the Industry of All Nations in New York.Della Means: Dr. David Alter, a Local Scientist. In: Western Pennsylvania Historical Magazine. Band 1, Nummer 4, 1918 (online). Vorkommen mini|links|Gelblichgrauer Bromargyrit auf Akanthit Brom ist auf der Erde ein seltenes Element, dessen größte Menge in Meerwasser enthalten ist. In Gesteinen und Mineralen der Erdkruste wie Amphibol, Biotit oder Serpentin kommt es dagegen nur in Spuren vor. Über die Geochemie des Broms im Erdmantel ist wenig bekannt, wahrscheinlich ist es ein inkompatibles Element, das sich in Lava löst. Brom wird bei Vulkanausbrüchen in größeren Mengen ausgestoßen. Als gut wasserlösliches Element reichert es sich im Porenwasser von Gesteinen an.Hélène Bureau: Bromine. In: William White (Hrsg.): Encyclopedia of Geochemistry. Springer, 2018, ISBN 978-3-319-39311-7, S. 167–170. Bromid zählt neben Chlorid, Sulfat, Hydrogencarbonat und Borat zu den wichtigsten anionischen Nebenbestandteilen im Meerwasser. Der Gehalt von Bromid im Meerwasser der offenen Ozeane beträgt 67 ppm (Chlorid 19.353 ppm) mit einem sehr konstanten Verhältnis der beiden Ionen. Verdunstet Meerwasser in aridem Klima an geeigneten Stellen, bilden sich Evaporite. Diese sind stark bromidhaltig, jedoch bildet Brom bei der Kristallisation keine eigenen Minerale, stattdessen ist das Element in die Strukturen verschiedener Chlorid-Minerale eingebaut. Halit enthält dabei verhältnismäßig wenig Bromid, dagegen ist die Konzentration in den Kalium- und Magnesiumchloriden Sylvin, Carnallit und Kainit erhöht.Martin Okrusch · Hartwig E. Frimmel: Mineralogie. 10. Auflage, Springer, 2022, ISBN 978-3-662-64064-7, S. 530.Hans Eggenkamp: The Geochemistry of Stable Chlorine and Bromine Isotopes. 2. Auflage, Springer, 2025, ISBN 978-3-031-75633-7, S. 23–25. Eine besonders hohe Konzentration an Bromid findet sich im Toten Meer. Dieses enthält Bromidgehalte von 5200 ppm und ein ungewöhnlich niedriges Chlorid-Bromid-Verhältnis von 42 (Meerwasser etwa 300). Auch die Bromidkonzentration des Jordans und des Grundwassers in der Umgebung des Toten Meers sind deutlich erhöht. Verantwortlich hierfür sind wahrscheinlich bromidhaltige Ölschiefervorkommen in Jordanien.E. Salameh, A. Tarawneh, M. Al-Raggad: Origin of high bromide concentration in the water sources in Jordan and in the Dead Sea water. In: Arabian Journal of Geosciences. Band 9, 2016, Artikel 414, . Es kommen nur wenige sehr seltene Bromminerale in der Natur vor. Einzige Ausnahme ist Bromargyrit, AgBr, das häufiger als Sekundärmineral in Silbervorkommen zu finden ist.Bromargyrite. In: John W. Anthony, Richard A. Bideaux, Kenneth W. Bladh, Monte C. Nichols (Hrsg.): Handbook of Mineralogy, Mineralogical Society of America. 2001 (englisch, handbookofmineralogy.org [PDF; 49 kB; abgerufen am 13. Oktober 2025]). Dies liegt daran, dass Silberbromid eines der wenigen schwerlöslichen Bromidsalze ist. Insgesamt sind 10 Bromminerale bekannt.The mineralogy of Bromine. mindat.org, Hudson Institute of Mineralogy, abgerufen am 13. Oktober 2025. In der Atmosphäre sind geringe Mengen Bromverbindungen enthalten, wobei Methylbromid die häufigste ist. Die wichtigste Quelle und Senke für Methylbromid sind die Ozeane.Lei Hu, Shari Yvon-Lewis, Yina Liu, Thomas S. Bianchi: The ocean in near equilibrium with atmospheric methyl bromide. In: Global Biogeochemical Cycles. Band 26, Nr. 3, 2012, GB3016, . Andere Quellen sind die Verbrennung von Biomasse und Biokraftstoffen sowie die Landwirtschaft. Es wurden auch größere Mengen Methylbromid durch die Verbrennung von verbleitem Benzin und die Begasung von Containern zur Schädlingsbekämpfung freigesetzt.X. Hu, X., B. Yao, J. Mühle et al.: Unexplained high and persistent methyl bromide emissions in China. In: Nature Communications. Band 15, 2024, Artikel 8901, .O. N. Singh, P. Fabian: Reactive Bromine Compounds. In: P. Fabian, Onkar N. Singh (Hrsg.): The Handbook of Environmental Chemistry Vol.4 Part E Reactive Halogen Compounds in the Atmosphere. Springer, 1999, ISBN 978-3-540-69690-2, S. 6–13. Auch in den Gasen von Vulkanausbrüchen sind größere Mengen Bromverbindungen wie Bromwasserstoff enthalten.Alexander Nies, Tjarda J. Roberts, Guillaume Dayma, Tobias P. Fischer, Jonas Kuhn: Reactive bromine in volcanic plumes confines the emission temperature and oxidation of magmatic gases at the atmospheric interface. In: Science Advances. Band 11, Nr. 18, 2025, Artikel eadt8607, . Aus den verschiedenen Bromverbindungen entstehen photolytisch Brom-Radikale. Diese sind in der Atmosphärenchemie relevant, da sie katalytisch Ozon abbauen.D. J. Lary: Gas phase atmospheric bromine photochemistry. In: Journal of Geophysical Research: Atmospheres. Band 101, D1, S. 1505–1516, . Dabei wirkt Brom beim Ozonabbau Berechnungen zufolge etwa 45 mal stärker als Chlor.J. S. Daniel, S. Solomon, R. W. Portmann, R. R. Garcia: Stratospheric ozone destruction: The importance of bromine relative to chlorine. In: Journal of Geophysical Research: Atmospheres. Bad 104, D19, S. 23871–23880, . Der Ozonabbau durch Brom findet nicht nur in höheren Luftschichten, sondern auch am Boden statt. Frieren die arktischen und antarktischen Meere schnell zu, bildet sich stark bromhaltiges Meereis und insbesondere Meereisblumen. Sobald im Frühjahr Sonnenlicht auf diese fällt, entstehen große Mengen Bromradikale, die das bodennahe Ozon praktisch vollständig abbauen. Dieses Phänomen wird auch Brom-Explosion genannt.S. Falk, B.-M. Sinnhuber: Polar boundary layer bromine explosion and ozone depletion events in the chemistry–climate model EMAC v2.52: implementation and evaluation of AirSnow algorithm,. In: Geoscientific Model Development. Band 11, 2018, S. 1115–1131, .L. Kaleschke, A. Richter, J. Burrows, O. Afe, G. Heygster, J. Notholt, A. M. Rankin, H. K. Roscoe, J. Hollwedel, T. Wagner, H.-W. Jacobi: Frost flowers on sea ice as a source of sea salt and their influence on tropospheric halogen chemistry. In: Geophysical Research Letters. Band 31, 16, 2004, Artikel L16114, . Gewinnung und Darstellung mini|Zeitliche Entwicklung der weltweiten Bromgewinnung Die industrielle Herstellung elementaren Broms erfolgt durch Oxidation von Bromidlösungen mit Chlor. Durch Oxidation von Kaliumbromid durch Chlor entstehen Brom und Kaliumchlorid Als Bromidquelle nutzt man überwiegend Sole und stark salzhaltiges Wasser aus großer Tiefe sowie Salzseen, vereinzelt auch Meerwasser. Eine Gewinnung aus den Restlaugen der Kaligewinnung ist nicht mehr wirtschaftlich. Seit 1961 hat sich die jährlich gewonnene Menge an Brom von rund 100.000 Tonnen auf über eine halbe Million Tonnen mehr als verfünffacht. Die größten Brom-Produzenten sind die Vereinigten Staaten, China, Israel, sowie Jordanien. Es wird geschätzt, dass alleine das Tote Meer ungefähr 1 Milliarde Tonnen Brom enthält und sämtliche Meere der Erde ungefähr 100 Billionen Tonnen.U.S. Geological Survey, Mineral Commodity Summaries 2022: Bromine. Die globalen Abbaumengen verteilen sich, wie folgt: Land 2006U.S. Geological Survey, Mineral Commodity Summaries 2008: Bromine. 2019U.S. Geological Survey, Mineral Commodity Summaries 2021: Bromine. 2020 Abbau (in Tonnen) 243.000 nicht veröffentlicht nicht veröffentlicht 2.000 43.000 64.000 70.000 2.000 1.500 10.000 3.300 179.000 180.000 170.000 20.000 20.000 20.000 50.000 150.000 84.000 3.000 4.500 4.500 Gesamt (gerundet) 545.000 429.000 352.000 Im Labor kann Brom durch Umsetzung von Natriumbromid mit Schwefelsäure und Braunstein in der Hitze dargestellt werden. Das Brom wird dabei durch Destillation abgetrennt. Aus Natriumbromid, Mangan(IV)-oxid und Schwefelsäure entstehen Brom, Mangan(II)-sulfat, Natriumsulfat und Wasser. Eigenschaften mini|hochkant|Flüssiges Brom mit Dampf in einer Ampulle Physikalische Eigenschaften Die Dichte von Brom beträgt 3,12 g/cm3. Die schwere rotbraune Flüssigkeit bildet chlorähnlich riechende Dämpfe, die giftiger sind als Chlor. Festes Brom ist dunkel, bei weiterer Abkühlung hellt es auf. In Wasser ist es mäßig, in organischen Lösungsmitteln wie Alkoholen, Kohlenstoffdisulfid oder Tetrachlorkohlenstoff sehr gut löslich. In Wasser gelöstes Brom reagiert langsam unter Zwischenbildung von Hypobromiger Säure (HBrO) und Sauerstoffabgabe zu Bromwasserstoff (HBr). mini|Das schwerere Brom (als dunkler Fleck) am Boden, nur z. T. im (roten) Wasser gelöst. Die kinetisch gehemmte Reaktion wird durch (Sonnen-)Licht beschleunigt, Bromwasser wird daher kurzfristig in braunen, wenig lichtdurchlässigen Flaschen aufbewahrt. Es kann aber nur kurzfristig in Flaschen mit Gewinde (auch solchen mit Dichtung) aufbewahrt werden, da es andernfalls (aufgrund des hohen Dampfdrucks des Bromgases) aus diesen verdampft. Eine Tiefkühlung des Broms bei −18 °C ändert an diesem Verhalten nichts. Sein Bestreben, schon unter eigentlicher Siedetemperatur stark zu verdunsten (wie Wasserdampf aus einer Tasse Kaffee), erlaubt nur eine versiegelt-geschlossene Lagerung – etwa in einer Ampulle oder inerten Gaskartusche. Chemische Eigenschaften Brom verhält sich chemisch wie das leichtere Chlor, reagiert aber im gasförmigen Zustand weniger energisch. Feuchtigkeit erhöht die Reaktivität des Broms stark. Mit Wasserstoff reagiert es im Gegensatz zum Chlor erst bei höheren Temperaturen unter Bildung von Bromwasserstoff (farbloses Gas). Mit vielen Metallen (z. B. Aluminium) reagiert es exotherm unter Bildung des jeweiligen Bromids. Feuchtem Brom widerstehen nur Tantal und Platin. Bei der Wechselwirkung mit vielen Metallen bildet Brom im Überschuss Bromide in höheren Oxidationsstufen, zum Beispiel AlBr3, CuBr2, MgBr2 usw. Bei einem Mangel an Brom können sich unter den gleichen Bedingungen Metallbromide in mittleren Oxidationsstufen bilden. zum Beispiel Technetiumbromid(IV) TcBr4 und TcBr3 und sogar Na[Tc6Br12]2Br. Verwendung mini|Brom, Anschauungsprobe für Lehrzwecke, sicher aufbewahrt Chemisches Polieren von Galliumarsenid (als Lösung in Methanol) mehrfach bromierte Biphenyle bzw. Diphenylether als Flammschutzmittel in Verbundwerkstoffen wie FR-4, wie sie bei Leiterplatten eingesetzt werden. Im Jahr 2000 wurden 38 % des Broms für die Herstellung von bromierten Flammschutzmitteln verwendet.Linda S. Birnbaum, Daniele F. Staskal: Brominated Flame Retardants: Cause for Concern? In: Environ Health Perspect. 112, 2004, S. 9–17. doi:10.1289/ehp.6559. Methylbromid als Schädlingsbekämpfungsmittel Desinfektionsmittel (milder als Chlor) in Form von Bromiden, beispielsweise Kaliumbromid, als nebenwirkungsreiches Arzneimittel (Narkose-, Beruhigungs- und Schlafmittel; Behandlung therapieresistenter Epilepsien mit generalisiert tonisch-klonischen Anfällen, früher – etwa auch zur Behandlung der „Hysterie“Ann Dally: Women under the knife. A history of surgery. New York 1991, S. 187. – sehr beliebt; heute obsolet). 1928 wurde eins von fünf Rezepten in den USA für bromhaltige Medikamente ausgestellt.Hans Bangen: Geschichte der medikamentösen Therapie der Schizophrenie. Berlin 1992, ISBN 3-927408-82-4, S. 22. Fotoindustrie (Silberbromid als Bestandteil der lichtempfindlichen Suspension) Alkali-Hypobromite als Bleichmittel im Labor als Indikator (ungesättigte Kohlenstoffverbindungen entfärben Bromwasser, d. h. Addition von Brom) im Chemieunterricht zur experimentellen Veranschaulichung von Additionsreaktionen und Substitutionsreaktionen Bromate als Oxidationsmittel bromhaltiger Kautschuk zur Herstellung „luftdichter“ Reifen Tränengas, z. B. in Form von Monobromaceton in Mitteln zum Schutz gegen das Nervengas Soman bei US-Soldaten im Irak-Krieg Früher in Form von Alkylbromiden als Scavenger zum Entfernen des Bleis aus Zylindern bei der Nutzung von verbleitem Benzin Biologische Bedeutung Brom ist für Tiere in Spuren essenziell. Bromid fungiert als Cofaktor bei einer Stoffwechsel-Reaktion, die notwendig zum Aufbau der Kollagen-IV-Matrix im Bindegewebe ist.A. Scott McCall u. a.: Bromine Is an Essential Trace Element for Assembly of Collagen IV Scaffolds in Tissue Development and Architecture. In: Cell. 157(6), 2014, S. 1380–1392; doi:10.1016/j.cell.2014.05.009. Nachweis Bromidionen können qualitativ mit Hilfe von Chlorwasser und Hexan nachgewiesen werden. Zum nasschemischen Nachweis der Bromidionen kann man sich auch wie bei den anderen Nachweisreaktionen für Halogenide die Schwerlöslichkeit des Silbersalzes von Bromid zu Nutze machen. Das Gleiche gilt für die volumetrische Bestimmung der Halogenide durch Titration. Zur Spurenbestimmung und Speziierung von Bromid und Bromat wird die Ionenchromatografie eingesetzt. In der Polarografie ergibt Bromat eine kathodische Stufe bei −1,78 V (gegen SCE, in 0,1 mol/l KCl), wobei es zum Bromid reduziert wird. Mittels Differenzpulspolarografie können auch Bromatspuren erfasst werden. Sicherheitshinweise Elementares Brom ist sehr giftig und stark ätzend, Hautkontakt führt zu schwer heilenden Verätzungen. Inhalierte Bromdämpfe führen zu Atemnot, Lungenentzündung und Lungenödem. Auch auf Wasserorganismen wirkt Brom giftig. Im Labor wird beim Arbeiten mit Brom meist eine dreiprozentige Natriumthiosulfatlösung bereitgestellt, da sie verschüttetes Brom oder Bromwasserstoff sehr gut binden kann. Hierbei bilden sich Natriumbromid, elementarer Schwefel und Schwefelsäure. Durch die entstehende Säure kann weiteres Thiosulfat zu Schwefel und Schwefeldioxid zerfallen: Die Aufbewahrung von Brom erfolgt in Behältern aus Glas, Blei, Monel, Nickel oder Teflon. Verbindungen mini|Spongiadioxin A, eine natürliche Organobromverbindung → Kategorie: Bromverbindung Brom bildet Verbindungen in verschiedenen Oxidationsstufen von −1 bis +7. Die stabilste und häufigste Oxidationsstufe ist dabei −1, die höheren werden nur in Verbindungen mit den elektronegativeren Elementen Sauerstoff, Fluor und Chlor gebildet. Dabei sind die ungeraden Oxidationsstufen +1, +3, +5 und +7 stabiler als die geraden. Bromwasserstoff und Bromide Anorganische Verbindungen, in denen das Brom in der Oxidationsstufe −1 und damit als Anion vorliegt, werden Bromide genannt. Diese leiten sich von der gasförmigen Wasserstoffverbindung Bromwasserstoff (HBr) ab. Diese ist eine starke Säure und gibt in wässrigen Lösungen leicht das Proton ab. Bromide sind in der Regel gut wasserlöslich, Ausnahmen sind Silberbromid, Quecksilber(I)-bromid und Blei(II)-bromid. Besonders bekannt sind die Bromide der Alkalimetalle, vor allem das Natriumbromid. Auch Kaliumbromid wird in großen Mengen, vor allem als Dünger und zur Gewinnung anderer Kaliumverbindungen, verwendet. Bleibromid wurde früher in großen Mengen bei der Verbrennung von verbleitem Kraftstoff freigesetzt (wenn dem Benzin Dibrom-Ethan zugesetzt war um das Blei flüchtig zu machen, siehe Tetraethylblei#Antiklopfmittel für Motorenbenzin). Bromoxide Es ist eine größere Anzahl Verbindungen von Brom und Sauerstoff bekannt. Diese sind nach den allgemeinen Formeln BrOx (x = 1–4) und Br2Ox (x = 1–7) aufgebaut. Zwei der Bromoxide, Dibromtrioxid (Br2O3) und Dibrompentaoxid (Br2O5) lassen sich als Feststoff isolieren. Bromsauerstoffsäuren Neben den Bromoxiden bilden Brom und Sauerstoff auch mehrere Säuren, bei denen ein Bromatom von einem bis vier Sauerstoffatomen umgeben ist. Dies sind die Hypobromige Säure, die Bromige Säure, die Bromsäure und die Perbromsäure. Sie sind als Reinstoff instabil und nur in wässriger Lösung oder in Form ihrer Salze bekannt. Interhalogenverbindungen Brom bildet vorwiegend mit Fluor, zum Teil auch mit den anderen Halogenen eine Reihe von Interhalogenverbindungen. Bromfluoride wie Bromfluorid und Bromtrifluorid wirken stark oxidierend und fluoriend. Während Brom in den Fluor-Brom- und Chlor-Brom-Verbindungen als elektropositiveres Element in Oxidationsstufen +1 im Bromchlorid bis +5 im Brompentafluorid vorliegt, ist es in Verbindungen mit Iod der elektronegativere Bestandteil. Mit diesem Element sind die Verbindungen Iodbromid und Iodtribromid bekannt. Organische Bromverbindungen Eine Vielzahl von organischen Bromverbindungen (auch Organobromverbindungen) wird synthetisch hergestellt. Wichtig sind die Bromalkane, die Bromalkene sowie die Bromaromaten. Eingesetzt werden sie unter anderem als Lösungsmittel, Kältemittel, Hydrauliköle, Pflanzenschutzmittel, Flammschutzmittel oder Arzneistoffe. Zu den Organobromverbindungen gehören auch die polybromierten Dibenzodioxine und Dibenzofurane. Literatur Weblinks T. Seilnacht, E. Täuscher, D. Weiß: Pro und Contra-Brom an Schulen. Nachrichten aus der Chemie, September 2015 Einzelnachweise
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Aktiva
Unter Aktiva (Singular Aktivum, von ) versteht man die Summe des einem Unternehmen zur Verfügung stehenden Vermögens, das auf der linken Seite einer Bilanz zu finden ist. Sie zeigen, für welche Vermögensgegenstände die Kapitalquellen eines Unternehmens verwendet wurden.Horst-Tilo Beyer: Finanzlexikon. 1971, Seite 18.Kurt Hesse/Ursula Fraling/Wolfgang Fraling: Wie beurteilt man eine Bilanz? 2000, Kapitel 1.1.1. Diese Kapitalquellen sind auf der rechten Seite der Bilanz gelistet und bilden die Passiva. Die Aktivseite der Bilanz zeigt mithin die Verwendung der finanziellen Mittel bzw. den Besitz des Wirtschaftssubjektes, während die rechte Seite der Bilanz (Passivseite) die Mittelherkunft anzeigt.Günter Wöhe / Heinz Kußmaul, Grundzüge der Buchführung und Bilanztechnik. 8. Auflage, München 2012, Seite 5. Von Aktivierung spricht man, wenn ein Bilanzposten auf der Aktivseite verbucht wird. Dabei ist zu unterscheiden, ob die Aktiva einer Aktivierungspflicht, einem Aktivierungswahlrecht oder einem Aktivierungsverbot unterliegen. Die Buchhaltung führt die Endbestände der Aktiv- und Passivkonten zusammen, die Gegenüberstellung der Aktiva mit den Passiva zu einer kontenmäßigen Einheit heißt Bilanz. Hierin sind die Summen der Aktiva und der Passiva (Bilanzsumme) formal identisch, dies ist ein wesentliches Merkmal der Bilanz.Dagobert Soergel/Joachim Fudickar, Zur Gliederung der betriebswirtschaftlichen Bilanz. 1971, S. 23. Der so gefasste Bilanzbegriff unterscheidet sich vom Kontobegriff nur darin, dass man beim Konto von Soll und Haben spricht. Die drei Bilanzprinzipien der Bilanzwahrheit, Bilanzklarheit und Bilanzkontinuität gelten sowohl für Aktiv- als auch Passivseite. Aus Gründen des Vorsichtsprinzips und des damit einhergehenden Gläubigerschutzes können bestimmte Teile der Aktiva (insbesondere Anlagevermögen, Roh-, Hilfs- und Betriebsstoffe und Forderungen) im Rahmen des Niederstwertprinzips unterbewertet werden, Passiva können hingegen überbewertet werden. Unterbewertung bedeutet, dass den Vermögensgegenständen im Rahmen des Niederstwertprinzips und der vernünftigen kaufmännischen Beurteilung ein niedrigerer Bilanzwert beigemessen werden darf als es dem tatsächlichen Zeitwert entspricht. Hiermit soll den Vermögensrisiken angemessen Rechnung getragen werden, die in der Gefahr eines ganzen oder teilweisen Wertverlustes einzelner Vermögensgegenstände bestehen. Unterteilung der Aktiva Der Begriff Aktivseite ist ein bestimmter Rechtsbegriff, der im Gliederungsschema des Abs. 2 HGB erwähnt wird. Danach besteht die Aktivseite auf der ersten Gliederungsebene abschließend aus Anlagevermögen, Umlaufvermögen, aktiven Rechnungsabgrenzungsposten, aktiven latenten Steuern und dem aktiven Unterschiedsbetrag aus der Vermögensverrechnung. Bei den Vermögensgegenständen unterscheidet man zwischen materiellem und immateriellem Anlagevermögen. Die Verbindlichkeit dieser Gliederungspunkte und der festgelegten weiteren Unterteilung letzterer richtet sich gemäß § 266 Abs. 1 und 2, und HGB nach bestimmten Kriterien, wie z. B. der Rechtsform oder der Größenklasse des bilanzierenden Unternehmens.Günter Himmelmann/Roland Heilmann, Grundzüge des Bilanz- und Steuerrechts. 2. Auflage, Berlin 2012, S. 20. Aktivseite (Mittelverwendung) Anlagevermögen Umlaufvermögen Rechnungsabgrenzungsposten Aktive latente Steuern Aktiver Unterschiedsbetrag aus der Vermögensverrechnung Anlagevermögen Im Anlagevermögen sind gemäß Abs. 2 HGB nur die Gegenstände auszuweisen, die bestimmt sind, dauernd dem Geschäftsbetrieb zu dienen. Das Anlagevermögen beinhaltet somit die mittel- und langfristig gebundenen Mittel des Unternehmens.Cord Grefe, Bilanzen. 7. Auflage, Herne 2011, S. 75. Ebenfalls zum Anlagevermögen gerechnet werden Finanzanlagen mit dauerhaftem Charakter, beispielsweise langfristige Anleihen und Beteiligungen, Ausleihungen oder Anteile an anderen Unternehmen.Hartmut Bieg/Heinz Kußmaul/Gerd Waschbusch, Externes Rechnungswesen. 6. Auflage, München 2012, S. 117. Weiterhin umfasst das Anlagevermögen auch immaterielle Vermögensgegenstände. Es handelt sich um solche Vermögensgegenstände, die nicht körperlich fassbar sind.Rainer Buchholz, Grundzüge des Jahresabschlusses nach HGB und IFRS. 8. Auflage, München 2013, S. 46. Hierzu zählen entgeltlich erworbene immaterielle Vermögensgegenstände, wie Lizenzen, gewerbliche Schutzrechte und Konzessionen. So zählt in der Medienindustrie das immaterielle Vermögen zu den wichtigsten Elementen der Bilanz, werden hier doch die zukünftig zu erwartenden Erträge aus Film- oder Musikrechten kapitalisiert und aufgeführt.Martin Gläser, Medienmanagement. 2. Auflage, München 2010, S. 510 ff. Auch immaterielle Vermögensgegenstände, die nicht entgeltlich erworben wurden, sind dem Anlagevermögen zuzuordnen.Rainer Buchholz, Grundzüge des Jahresabschlusses nach HGB und IFRS. 8. Auflage, München 2013, S. 48. Allerdings besteht handelsrechtlich unter den Voraussetzungen des Abs. 2 HGB lediglich ein Aktivierungswahlrecht für solche selbst geschaffenen immateriellen Vermögensgegenstände; steuerlich besteht gemäß Abs. 2 EStG sogar ein Aktivierungsverbot. Umlaufvermögen Das Umlaufvermögen umfasst diejenigen Vermögensgegenstände, die das Unternehmen zur kurzfristigen Verwendung besitzt.Rainer Buchholz, Grundzüge des Jahresabschlusses nach HGB und IFRS. 8. Auflage, München 2013, S. 63. Dazu zählen beispielsweise die Kassenbestände, Bankguthaben sowie kurzfristig verfügbare Finanzanlagen.Cord Grefe: Bilanzen. 7. Auflage, Herne 2011, S. 95. Daneben bilden zum Beispiel auch für die Produktion notwendige Rohstoffe und Vorprodukte sowie kurzfristig verkaufbare Lagerbestände an Fertigprodukten Teile des Umlaufvermögens. Rechnungsabgrenzungsposten Rechnungsabgrenzungsposten dienen dazu, Aufwendungen und Erträge der Periode zuzuordnen, welcher sie wirtschaftlich zugerechnet werden müssen.Rainer Buchholz, Grundzüge des Jahresabschlusses nach HGB und IFRS. 8. Auflage, München 2013, S. 52. Als Rechnungsabgrenzungsposten auf der Aktivseite der Bilanz – auch aktive Rechnungsabgrenzungsposten genannt – sind nach Abs. 1 HGB Ausgaben auszuweisen, die vor dem Bilanzstichtag getätigt wurden, aber erst später einen Aufwand darstellen.Hartmut Bieg, Heinz Kußmaul, Gerd Waschbusch: Externes Rechnungswesen. 6. Auflage, München 2012, S. 85. Hierzu zählen z. B. im Voraus bezahlte Mieten, die im laufenden Geschäftsjahr gezahlt wurden aber erst im nächsten Geschäftsjahr fällig wären und auch erst dann einen Aufwand darstellen. Aktive latente Steuern Differenzen zwischen handelsrechtlichen und steuerrechtlichen Wertansätzen, die zu einer Steuerentlastung führen und sich in späteren Perioden voraussichtlich auflösen, können gemäß Abs. 1 Satz 2 HGB als aktive latente Steuern aktiviert werden.Hartmut Bieg, Heinz Kußmaul, Gerd Waschbusch: Externes Rechnungswesen. 6. Auflage, München 2012, S. 111–112. Aktiver Unterschiedsbetrag aus der Vermögensverrechnung Als aktiver Unterschiedsbetrag aus der Vermögensverrechnung ist der beizulegende Zeitwert von Vermögensgegenständen abzüglich der entsprechenden Schulden anzusetzen, sofern eine Verrechnung von Vermögensgegenständen und Schulden im Sinne des Abs. 2 Satz 2 HGB erfolgt und das Ergebnis hieraus positiv ist.Hartmut Bieg, Heinz Kußmaul, Gerd Waschbusch: Externes Rechnungswesen. 6. Auflage, München 2012, S. 130–131. Weitere Posten Unter bestimmten Umständen kann oder muss die Aktivseite um weitere Posten ergänzt werden. Gemäß Abs. 5 HGB können weitere Posten hinzugefügt werden, wenn deren Inhalt nicht von einem anderen, vorgeschriebenen Posten gedeckt ist.Hartmut Bieg, Heinz Kußmaul, Gerd Waschbusch: Externes Rechnungswesen. 6. Auflage, München 2012, S. 123 f. Die Gliederung und Bezeichnung der Posten müssen nach Abs. 6 HGB geändert werden, wenn dies wegen Besonderheiten des Unternehmens zur Aufstellung eines klaren und übersichtlichen Jahresabschlusses notwendig ist. Des Weiteren besteht die Möglichkeit, Bilanzposten unter den Voraussetzungen des Abs. 7 und 8 HGB zusammenzufassen oder ganz wegzulassen. Aufwendungen für die Ingangsetzung und Erweiterung des Geschäftsbetriebs, können nach § 67 Abs. 5 Satz 1 EGHGB auch nach dem Bilanzrechtsmodernisierungsgesetz (BilMoG) als Bilanzierungshilfe auf der Aktivseite vor dem Anlagevermögen ausgewiesen werden, wenn diese Bilanzierungshilfe für ein Geschäftsjahr, das vor 2010 begonnen hat, gebildet wurde.Hartmut Bieg/Heinz Kußmaul/Karl Petersen/Gerd Waschbusch/Christian Zwirner, Bilanzrechtsmodernisierungsgesetz. München 2009, S. 65. Bilanzanalyse Im Rahmen der Vermögensanalyse interessiert sich die Bilanzanalyse für die Zusammensetzung der Aktiva, deren Verhältnis zu anderen Bilanzpositionen und ermittelt betriebswirtschaftliche Kennzahlen, die sich mit der vertikalen Vermögensstruktur der Aktivseite, dem Verhältnis einzelner Aktivpositionen zu den entsprechenden Passivpositionen sowie dem Verhältnis zu den Erträgen befassen.Adolf G. Coenenberg, Axel Haller, Gerhard Mattner, Wolfgang Schultze: Einführung in das Rechnungswesen. 4. Auflage, Stuttgart 2012, S. 582. Hierzu gehört insbesondere die Anlagenintensität, die Teile des Gesamtvermögens mit dem Gesamtvermögen in Beziehung setzt. Die horizontale Kapitalstruktur befasst sich mit dem Verhältnis von Aktiv- zu Passivseite einer Bilanz im Rahmen der Anlagendeckung. Die Sachanlagen- und Forderungsbindung ermöglicht Aussagen über das Verhältnis der Sachanlagen bzw. des Forderungsbestands zu den Umsatzerlösen. Die Aktiva alleine geben wenig Aufschluss über die Liquidität und Ertragsfähigkeit, da nur der Zusammenhang zwischen Kapitalverwendung und Kapitalaufbringung Rückschlüsse auf die Entwicklungen und Zukunftsaussichten des Unternehmens zulässt.Adolf G. Coenenberg, Axel Haller, Gerhard Mattner, Wolfgang Schultze: Einführung in das Rechnungswesen. 4. Auflage, Stuttgart 2012, S. 572 ff. Insbesondere gilt als goldene Regel zur Beurteilung der Finanzierung des Anlagevermögens, dass langfristige Investitionen nicht mit kurzfristigem Fremdkapital finanziert werden dürfen.Adolf G. Coenenberg, Axel Haller, Gerhard Mattner, Wolfgang Schultze: Einführung in das Rechnungswesen. 4. Auflage, Stuttgart 2012, S. 586. Damit soll vermieden werden, dass die Pflicht zur Rückzahlung des Fremdkapitals bereits vor einer erfolgreichen Nutzung der erworbenen Vermögensgegenstände besteht.Karlheinz Küting/Claus-Peter Weber, Die Bilanzanalyse. 10. Auflage, Stuttgart 2012, S. 149f. Insbesondere die immateriellen Vermögensgegenstände (IV) sollten detailliert betrachtet werden. Der nicht direkt messbare Wert dieses Vermögens lässt sich nur mit eindeutigen Regeln bilanzieren.Hartmut Bieg, Heinz Kußmaul, Gerd Waschbusch: Externes Rechnungswesen. 6. Auflage, München 2012, S. 107. Die Regeln sollen klar formuliert, nachvollziehbar sein sowie die Umsetzung des Niederstwertprinzips im Sinne von Abs. 3 und 4 HGB bezwecken. Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung Die volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen „vermitteln ein umfassendes quantitatives Gesamtbild des wirtschaftlichen Geschehens“.Statistisches Bundesamt – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung. Abgerufen am 26. Oktober 2013. Hierbei werden innerhalb der Vermögensrechnung sogenannte Vermögensbilanzen erstellt, deren Aktivseite aus Sach- und Geldvermögen besteht.Statistisches Bundesamt – Vermögensrechnung. Abgerufen am 26. Oktober 2013.Statistisches Bundesamt – Publikationen. Abgerufen am 26. Oktober 2013. Siehe auch Aktivierungsverbot Aktivierungswahlrecht Handelsaktiva Literatur Adolf G. Coenenberg, Axel Haller, Gerhard Mattner, Wolfgang Schultze: Einführung in das Rechnungswesen: Grundzüge der Buchführung und Bilanzierung. 8. Auflage. Schäffer-Poeschel Verlag, Stuttgart 2010, ISBN 978-3-7910-2808-8 Michael Griga, Raymund Krauleidis: Bilanzen erstellen und lesen für Dummies. 2. Auflage, Wiley-VCH Verlag 2010, ISBN 978-3-527-70598-6 Gerhard Scherrer: Rechnungslegung nach neuem HGB. 3. Auflage, Vahlen 2010, ISBN 978-3-8006-3787-4 Jürgen Weber, Barbara E. Weißenberger: Einführung in das Rechnungswesen: Bilanzierung und Kostenrechnung. 8. Auflage. Schäffer-Poeschel Verlag, Stuttgart 2010, ISBN 978-3-7910-2923-8 Einzelnachweise Kategorie:Rechnungswesen Kategorie:Bilanzrecht Kategorie:Vermögensrechnung (VGR)
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Asta Nielsen
mini|Asta Nielsen 1911 als Stella am Set von Der schwarze Traum mini|Asta Nielsen in ihrer Berliner Wohnung, 1925 mini|Asta Nielsen fotografiert von Alexander Binder, 1920 mini|Kinoplakat für den Stummfilm Hamlet;Franz Peffer, um 1920, Druck von Meissner & Buch, Leipzig; im Besitz des Museum of Modern Art (MomA) mini|Werner Pittschau und Asta Nielsen, Szenenfoto aus „Dirnentragödie“, 1927 mini|Asta Nielsen im Kabarett der Komiker, 1936 Asta Nielsen (* 11. September 1881 in Kopenhagen; † 25. Mai 1972 in Frederiksberg; vollständiger Name Asta Sofie Amalie Nielsen) war eine dänische Schauspielerin. Sie war der erste weibliche Stummfilmstar. Leben und Werk Asta Nielsen wuchs in Schweden und Dänemark auf. Ihr Vater, Jens Christian Nielsen, war ein oft arbeitsloser Schmied, der starb, als sie 14 Jahre alt war, die Mutter, Ida Frederikke Petersen, war Wäscherin. Bereits als Kind kam sie mit dem Theater in Berührung. Im Jahr 1895 lernte sie den dänischen Schauspieler und Autor Peter Jerndorff (1842–1926) kennen, der ihr privat Schauspielunterricht gab. Ihre uneheliche Tochter Jesta wurde 1901 geboren.Renate Seydel (Hrsg.): Asta Nielsen. Ihr Leben in Fotodokumenten, Selbstzeugnissen und zeitgenössischen Betrachtungen. 1981, S. 33. Ab 1902 war sie in Kopenhagen fest angestellt. Ihr erster Film, Afgrunden (1910, dt. Abgründe), brachte ihr und dem Regisseur Urban Gad einen Vertrag zur Produktion von mehreren Filmen in Deutschland, der aufgrund ihres Erfolgs bis 1915 verlängert wurde. Anfangs drehte sie ausschließlich unter der Regie von Urban Gad, den sie 1912 heiratete. 1915 endete die berufliche Zusammenarbeit, 1918 erfolgte die Scheidung. Der außergewöhnliche Erfolg Nielsens beim Publikum ermöglichte es ihren Produzenten, ab 1911 abendfüllende Filmserien für die internationalen Märkte herzustellen und mit exklusiven Aufführungsrechten zu vermarkten. Dies stellte insbesondere in Anbetracht der in den Kinos noch vorherrschenden Kurzfilmprogramme und der dadurch bestimmten Sehgewohnheiten ein Wagnis dar und zielte darauf ab, auch das anspruchsvollere Theaterpublikum ins Kino zu locken.Martin Loiperdinger: Asta Nielsen geht in Serie. Die Etablierung des Filmstars als internationaler Markenartikel zwischen 1911 und 1914. In: Filmblatt Nr. 61/62 (2017), S. 3–23.Martin Loiperdinger, Yvonne Zimmermann: Die Geburt des Stars aus dem Marketing. Asta Nielsen und die Einführung des Starsystems vor dem Ersten Weltkrieg: Für die Filme der dänischen Schauspielerin wurde in bis dahin ungekannter Manier geworden. (...) In: forschung. Das Magazin der Deutschen Forschungsgemeinschaft, Heft 3/2023, S. 4–9 (mit acht Abbildungen), . Nielsen stellte meist konfliktbeladene Frauen dar, deren Verhalten nicht den gesellschaftlichen Konventionen entsprach, so in Der fremde Vogel (1911) und Die arme Jenny (1912). Sie hatte aber auch Talent für komische Rollen und war beim Publikum damit vor allem in Engelein (1914) so erfolgreich, dass eine Fortsetzung gedreht wurde. 1916 ging sie wieder nach Dänemark und kehrte erst nach Ende des Ersten Weltkrieges nach Deutschland zurück, wo sie fortan vorwiegend in Literaturverfilmungen und Dramen auftrat. Zwischen 1920 und 1922 produzierte sie drei Filme selbst. Darunter eine Verfilmung von Shakespeares Hamlet, in der sie den Dänenprinzen spielt. Nach der im Film vertretenen Theorie war Hamlet eine als männlicher Thronfolger erzogene Prinzessin, was seine/ihre abweisende Haltung gegenüber Ophelia erklären soll. Herausragend ist ihre Darstellung von Frauen am untersten Rand der Gesellschaft in Die freudlose Gasse (1925, als Maria Lechner, genannt Mizzi, an der Seite von Greta Garbo als Grete Rumfort) von Georg Wilhelm Pabst und in Dirnentragödie (1927, als Auguste mit Werner Pittschau in der Rolle des Studenten Felix) von Bruno Rahn. Asta Nielsen war der große Star des Stummfilms, im Prinzip sogar der erste weibliche Filmstar überhaupt in der Geschichte des Kinos, in der sie als eines ihrer ersten Sexsymbole gelten kann. Nielsen ließ sich auf kein Rollenfach festlegen: Sie spielte sowohl gebrochene, leidende Frauen als auch Tänzerinnen, einfache Arbeiterinnen und eine reiche Unternehmerin. Ihre Körpersprache war immer dezent, zugleich aber ausdrucksstark. Nahezu alle Frauenrollen, die sie spielte, scherten aus dem üblichen weiblichen Verhaltensmustern ihrer Zeit aus. Ihre Filmkarriere endete mit dem Aufkommen des Tonfilms – sie trat nur in einem einzigen, Unmögliche Liebe, auf. Zwar hatte sie eine angenehme Stimme, doch ging ihr gekonntes Mienenspiel in diesem neuen Medium verloren. Filmangebote lehnte sie von da an ab und widmete sich dem Theater. 1946 veröffentlichte sie ihre Autobiographie, Die schweigende Muse. Der Antiquar Frede Schmidt nahm von 1956 bis 1959 in Kopenhagen heimlich seine fast täglichen Telefonate mit Asta Nielsen auf, die 2016 publik gemacht wurden. 1963 wurde sie mit dem Filmband in Gold für ihr langjähriges und hervorragendes Wirken im deutschen Film ausgezeichnet. 1968 erschien ein von ihr produzierter, autobiografischer Dokumentarfilm. Asta Nielsen starb 1972 und wurde auf dem Vestre Kirkegård (Westfriedhof) in Kopenhagen in einem anonymen Gemeinschaftsgrab beigesetzt.knerger.de: Das Grab von Asta Nielsen(da) Grab von Asta Nielsen Familie Asta Nielsen war mindestens dreimal verheiratet. Alle Ehen blieben kinderlos. Ihre Tochter Jesta (1901–1964), die mit dem dänischen Maler, Graphiker und Sänger Paul Vermehren (1904–1964) verheiratet war, stammte aus einer unehelichen Beziehung. Den Vater hielt die Schauspielerin zeit ihres Lebens geheim. Eine angeblich 1911 geschlossene Ehe mit dem Kaufmann Alfred Schendel von Pelkowski (* 1878) lässt sich nicht verifizieren.Laut deutsche-biographie.de Barbara Beuys erwähnt diese Ehe in ihrer ausführlichen Biographie über Nielsen jedoch nicht. 1912 heiratete sie den dänischen Regisseur Urban Gad (1879–1947). Die Ehe wurde am 16. Dezember 1918 geschieden, nachdem sich das Paar bereits 1915 getrennt hatte.Barbara Beuys: Asta Nielsen - Filmgenie und neue Frau. Seite 178 Ein Jahr später ehelichte sie den schwedischen Produzenten Freddy Wingaardh. 1923 erfolgte die Scheidung.Barbara Beuys: Asta Nielsen - Filmgenie und neue Frau. Seite 228 Über eine angebliche Heirat mit dem Regisseur Sven Gade konnte bislang kein Nachweis erbracht werden.Bei Barbara Beuys findet sich nichts über diese Ehe. Lediglich in der Deutschen Biographie wird sie erwähnt. Mit dem Schauspieler Grigori Chmara war sie von 1921 bis 1933 liiert, ohne ihn zu heiraten. Ihre letzte Ehe, die bis zu ihrem Tod bestand, ging sie am 12. Januar 1970 mit Christian Theede (1899–1988) einBarbara Beuys: Asta Nielsen - Filmgenie und neue Frau. Seite 425, einem Gärtnereibetreiber, Kunsthändler sowie Galeristen auf der Insel Møn. Trivia Beim Versuch, eine Straßenbahn durch die vordere Tür, die nur von aussteigenden Fahrgästen genutzt werden durfte, zu besteigen, kam Nielsen im Februar 1951 in Innsbruck zu Fall, nachdem sie vom Lenker der Straßenbahn gestoßen worden war.The Stars and Stripes, European Edition, 19. Februar 1951, S. 9. Sie kam daraufhin mit leichten Verletzungen ins Krankenhaus. Später gab sie an, den Lenker, der sie auf die Gefahr der sich automatisch schließenden Türen aufmerksam machen wollte, aufgrund einer Schwerhörigkeit nicht gehört zu haben. Im September 2010 wurde sie mit einem Stern auf dem Boulevard der Stars in Berlin geehrt. mini|Asta Nielsens Haus Karusel Asta Nielsen besaß ab 1929 auf der deutschen Ostseeinsel Hiddensee ein Haus, das sie „Karusel“ nannte (dänische Bezeichnung für Karussell). Der Name leitet sich von zwei deutlich abgerundeten Ecken des quadratischen Grundrisses des Gebäudes ab. Sie verbrachte dort mit ihrer Tochter und ihrem Mann oft mehrere Monate im Sommer. Zu den Freunden und Bekannten, die sie dort besuchten, zählten Joachim Ringelnatz, Heinrich George und Gerhart Hauptmann. Nach 1935 oder 1936 nutzte sie das Haus nicht mehr. Das Haus war 1923 von dem Architekten Max Taut erbaut worden und 1975 unter Denkmalschutz gestellt. Nielsens Erben verkauften es 1989 an die Gemeinde. 2015 wurde es als „Asta-Nielsen-Haus“ eröffnet und enthält eine Ausstellung zu Asta Nielsen.Geschichte des Hauses auf www.asta-nielsen-haus.de Filme Stummfilme mini|hochkant|Zeitungsannonce zur Uraufführung des Films S1 in der Schauburg in Essen mini|hochkant|Gedenktafel für Asta Nielsen am Wohnhaus in der Berliner Fasanenstraße mini|hochkant|Stern von Asta Nielsen auf dem Boulevard der Stars in Berlin Tonfilme 1932: Unmögliche Liebe 1968: Asta Nielsen (Dokumentarfilm) – Regie: Asta Nielsen Theater (Auswahl) 1905: Alexander der Große, Christiana 1908: Die schöne Marseillerin, Neues Theater Kopenhagen 1925: Die Kameliendame, Schauspielhaus Leipzig 1926: Rita Cavallini, Friedrichtheater Dessau 1927: Gewitter nach Alexander Ostrowski 1933: Gentlemen, Theater am Kurfürstendamm Berlin 1933: Angst 1934: Mrs. Dot 1934: La Femme X nach Alexandre Bisson 1939: Tony zeichnet ein Pferd, Folketeatret Kopenhagen Kinothek Asta Nielsen 2000 gründete sich in Frankfurt am Main durch eine Initiative von Filmemacherinnen, Kuratorinnen, Kritikerinnen, Studenten, Historikerinnen und Filmliebhaberinnen die Kinothek Asta Nielsen. Die Kinothek ist ein Verein, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Filmarbeit von Frauen zu dokumentieren und wieder in die Kinos zu bringen und schließt mit ihrer Arbeit an die feministische Filmarbeit der 1970er und 1980er Jahre an. Von 2006 bis 2018 war die Filmwissenschaftlerin und -kuratorin Karola Gramann die künstlerische Leitung der Kinothek Asta Nielsen. Ab 2018 leitete sie die Kinothek zusammen mit der Film- und Kulturwissenschaftlerin Gaby Babić. Seit 2020 ist Babić alleinige Geschäftsführerin und künstlerische Leiterin. Die Kinothek widmete ihrer Namensgeberin mehrere Retrospektiven. Bibliografie Die schweigende Muse. (Dän. Orig.: Den tiende muse) Hinstorff Verlag, Rostock 1961. Neuausgaben: Die schweigende Muse – Lebenserinnerungen. Carl Hanser, München 1977. ISBN 3-446-12420-9; Heyne, München 1979. ISBN 978-3-453-01019-2. Ein Tag im Paradies – mit einer vollständigen Filmographie. Hrsg., übers. und Nachw. von Allan O. Hagedorff. Ullstein, Frankfurt a. M u. Berlin 1996. ISBN 978-3-548-30400-7. Im Paradies. Erzählungen. Reihe Illustrierte Lieblingsbücher von Kat Menschik, Band 15, Galiani Berlin, Köln 2023, ISBN 978-3-86971-280-2. Literatur (alphabetisch sortiert) Barbara Beuys: Asta Nielsen : Filmgenie und Neue Frau. Insel Verlag, Berlin 2020, ISBN 978-3-458-17841-5. Karola Gramann und Heide Schlüpmann (Hrsg.): Nachtfalter. Asta Nielsen, ihre Filme. 2. Auflage, Wien 2010. Andreas Hansert: Asta Nielsen und die Filmstadt Babelsberg. Das Engagement Carl Schleussners in der deutschen Filmindustrie. Michael Imhof, Petersberg 2007, ISBN 978-3-86568-232-1. Günter Helmes: „Senkt die Fahnen vor ihr, denn sie ist unvergleichlich und unerreicht.“ Annäherungen an Asta Nielsen, den ersten ‚Star‘ der Filmgeschichte. In: Jahrbuch zur Kultur und Literatur der Weimarer Republik, Bd. 17, 2015/16, S. 47–73. Hans Schifferle: Magie des Körpers. „Totentanz“ mit Asta Nielsen (1912). In: Peter Buchka (Hrsg.): Deutsche Augenblicke. Eine Bilderfolge zu einer Typologie des Films (= „Off“-Texte. Bd. 1). Belleville, München 1996, ISBN 3-923646-49-6, S. 10 f. (zuerst: Süddeutsche Zeitung 1995). Heide Schlüpmann et al. (Hrsg.): Unmögliche Liebe. Asta Nielsen, ihr Kino. 2. Auflage, Wien 2010. Renate Seydel, Allan Hagedorff (Hrsg.): Asta Nielsen. Eine Biographie. Ihr Leben in Fotodokumenten, Selbstzeugnissen und zeitgenössischen Betrachtungen. Gestaltet von Bernd Meier und mit einem Vorwort versehen von Svend Kragh-Jacobsen. 1. Auflage. Henschelverlag Kunst und Gesellschaft, Berlin (DDR) 1981. 263 S., mit s/w Abb. (LSV-Nr. 8414, 625284 4) (2. Auflage. ebenda 1984). Renate Seydel (Hrsg.): Asta Nielsen. 1881–1972. Ein Leben zwischen Kopenhagen – Berlin und Hiddensee. Demmler Verlag, Ribnitz-Damgarten 2011, ISBN 978-3-910150-86-7. Dokumentarfilme Asta und „Charlotte“ – Ein Filmstar im Ruhrgebiet, WDR Köln 1990, Buch und Regie: Paul Hofmann und Heinz Trenczak Asta Nielsen – Europas erste Filmikone, ARTE/NDR 2023, Buch und Regie: Sabine Jainski Weblinks (private Website) auf film-zeit.de „Importing Asta Nielsen“. Datenbank – Sammlung von Artikeln und Werbeanzeigen aus Branchenblättern und Lokalzeitungen weltweit Einzelnachweise Kategorie:Stummfilmschauspieler Kategorie:Filmschauspieler Kategorie:Träger des Deutschen Filmpreises Kategorie:Darstellender Künstler (Deutschland) Kategorie:Autobiografie Kategorie:Däne Kategorie:Geboren 1881 Kategorie:Gestorben 1972 Kategorie:Frau
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LEG – Adler und Pfeil
Der Adler war die erste Lokomotive, die kommerziell erfolgreich im Personenverkehr und später auch im Güterverkehr in Deutschland fuhr. Er und seine Schwestermaschine Pfeil wurden als Dampfwagen geführt. Das Eisenbahnfahrzeug wurde 1835 von der 1823 gegründeten Firma Robert Stephenson and Company im englischen Newcastle konstruiert und gebaut und an die Königlich privilegierte Ludwigs-Eisenbahn-Gesellschaft in Nürnberg (LEG) für den Betrieb auf ihrer Strecke zwischen Nürnberg und Fürth geliefert. Die offizielle Eröffnungsfahrt der Bahn fand, nach mehrmaliger Terminverschiebung (als erster Termin war der Geburtstag Ludwigs I. am 25. August geplant, ein weiterer am 24. November), schließlich am 7. Dezember 1835 statt. Der reguläre Betrieb wurde am 8. Dezember 1835 aufgenommen. Der Adler war eine Dampflokomotive der Bauart Patentee mit der Achsfolge 1A1 (Whyte-Notation: 2-2-2) und mit einem Schlepptender der Bauart 2 T 2 ausgestattet. Geschichte Frühere deutsche Lokomotiven Der Adler gilt häufig als die erste Lokomotive einer Eisenbahn auf deutschem Boden. Allerdings wurde bereits 1816 von der Königlich Preußischen Eisengießerei zu Berlin ein betriebsfähiger Dampfwagen konstruiert. Die sogenannte Krigar-Lokomotive zog bei einer Probefahrt einen mit 8000 Pfund beladenen Wagen. Das Fahrzeug kam jedoch nicht zu einem kommerziellen Einsatz.Bericht über den Berliner Dampfwagen, der in einer Steinkohlenbergbau/Kohlegrube an der Saar eingesetzt werden sollte Der Adler war zweifellos die erste erfolgreiche Lokomotive in Deutschland, die regelmäßig eingesetzt wurde. Entstehung mini|hochkant|links|Rechnung für den Adler, am 27. August 1835 ausgestellt von der Lokomotivfabrik Robert Stephenson and Company Als während der Konstruktion der von Georg Zacharias Platner gegründeten Ludwigsbahn eine geeignete Lokomotive gesucht wurde, ging die erste Anfrage über die Londoner Firma Suse und Libeth an die Lokomotivfabrik von Stephenson und an Braithwaite & Ericsson in England. Die Lokomotive sollte in der Lage sein, ein Gewicht von zehn Tonnen zu ziehen, außerdem die Strecke zwischen Nürnberg und Fürth in acht bis zehn Minuten zurückzulegen und mit Holzkohle beheizbar sein. Stephenson antwortete, dass eine Lokomotive derselben Bauart wie die der Liverpool and Manchester Railway mit vier Rädern und einem Gewicht von 7,5 bis 8 Tonnen geliefert werden könne. Eine leichtere Maschine würde nicht bei jeder Wetterlage die nötige Adhäsionskraft besitzen und wäre teurer als eine schwerere Maschine. Johannes Scharrer bat trotzdem am 16. Juni 1833 um einen Kostenvoranschlag für zwei Lokomotiven mit einem Gewicht von 6,5 Tonnen und nötigem Zubehör. Der Kostenvoranschlag von Stephenson vom 4. Juli 1833 hatte eine Höhe von 1800 Pfund Sterling. Die deutsche Firma Holmes und Rolandson in Unterkochen bei Aalen machte ein Angebot für einen Dampfwagen mit zwei bis sechs PS für 4500 Gulden. Diese Verhandlungen verzögerten sich jedoch und führten zu keinem brauchbaren Ergebnis, worauf sie abgebrochen wurden. Ein weiteres Angebot kam von Josef Reuleaux aus Eschweiler bei Aachen. Ende April hielten sich Platner und Mainberger aus Nürnberg in Neuwied bei Köln auf, um dort den Auftrag für die Schienen an die Firma Remy & Co. in Rasselstein zu erteilen. Remy & Co. war damals das einzige deutsche Werk, das Schienen in der geforderten Güte bezüglich Länge, gerade ausgerichtet, aus gewalztem Stahl und schräg abgeschnitten liefern konnte. Außerdem spielte ein möglicher hoher Einfuhrzoll und die nicht unerheblichen Frachtkosten bei einer eventuellen Bestellung in England mit, hier diesen Schritt zu wagen. Trotzdem wurden schließlich nur 15 Fuß lange und gerade abgeschnittene Schienen geliefert, welche teilweise auch noch gerichtet werden mussten. Dies wurde vom deutschen Konstrukteur Denis massiv kritisiert.fuerthwiki.de Am 28. April reisten sie nach Köln weiter, um sich mit Platners Freund Konsul Bartls zu treffen. Dieser empfahl ihnen die belgische Maschinenbaufabrik Cockerill. Platner und Mainberger reisten dorthin nach Lüttich, mussten aber feststellen, dass Cockerill bis zu diesem Zeitpunkt noch keine einzige Lokomotive gebaut hatte. Sie erfuhren allerdings, dass Stephenson sich in Brüssel aufhalten würde. Sie erreichten Brüssel am 1. Mai und quartierten sich in dem Gasthof von Flandern ein. Dort wohnte auch Stephenson, der zu der Eröffnung der Eisenbahn von Brüssel nach Antwerpen am 5. Mai angereist war, mit mehreren Ingenieuren. Am 3. Mai 1835 kam es zu dem Abschluss eines Vorvertrages mit Stephenson, der eine Lokomotive der Bauart Patentee mit sechs Rädern mit einem Gewicht von sechs Tonnen für 750 bis 800 Pfund Sterling liefern sollte. Am 15. Mai 1835 wurde die neue Lokomotive bei der Lokomotivfabrik von Stephenson in Newcastle zu diesen Bedingungen bestellt. Darüber hinaus wurden ein Schlepptender und je ein Rahmen für einen Personen- und einen Güterwagen bestellt. Später stellte sich jedoch heraus, dass die Lokomotive entgegen den Vereinbarungen in Brüssel 900 Pfund Sterling kosten würde. Stephenson versprach ursprünglich in Brüssel eine Lieferung der Lokomotive bis Ende Juli nach Rotterdam.Markus Hehl: Der „Adler“ – Deutschlands erste Dampflokomotive. Weltbild, Augsburg 2008, S. 32. In Nürnberg und England wurde mit unterschiedlichen Maßeinheiten gearbeitet. Der bayerische Fuß und der englische Fuß waren unterschiedlich. Die Spurweite wurde auf die der Stockton and Darlington Railway festgelegt. Die in Nürnberg bereits verlegten Gleise waren um 5/8 Zoll zu schmal und mussten entsprechend angepasst werden, da Stephenson auf dem Maß von 4 englischen Fuß und 8,5 Zoll (1435 mm) beharrte. Die Lieferung des Fahrzeugs mit allen Zubehörteilen nach Nürnberg zu einem Preis lt. Rechnung von 1140 Pfund Sterling, 19 Schilling und 3 Pence (entspricht Pfund in heutiger Kaufkraft) bestand aus über 100 Einzelteilen in 19 Kisten von 177 Zentnern (ca. acht Tonnen) Gewicht. Die Kisten wurden am 3. September 1835 verspätet auf dem Schiff Zoar von London nach Rotterdam gebracht. Der Frachtlohn von Rotterdam nach Köln betrug 700 Francs, von Köln bis Offenbach 507 Gulden und 9 Kreuzer und von Offenbach bis Nürnberg 653 Gulden und 11 Kreuzer. Das Direktorium der Bayerischen Ludwigsbahn suchte am 23. April 1835 um eine Befreiung vom Einfuhrzoll nach. Die Lokomotive wurde als ein Muster für ein bisher unbekanntes Produkt für die Fabriken möglicher Hersteller im Inland deklariert. Nach verschiedenen Schwierigkeiten genehmigte am 26. September 1835 das Finanzministerium die beantragte zollfreie Einfuhr mit dem Fabrikanten Johann Wilhelm Späth als Empfänger der Lieferung.Wolfgang Mück: Deutschlands erste Eisenbahn mit Dampfkraft. Die kgl. priv. Ludwigseisenbahn zwischen Nürnberg und Fürth. Fürth 1985, S. 115–126. Mit dem Schleppkahn van Hees des Schiffers van Hees, der von dem Dampfboot Hercules stromaufwärts geschleppt wurde, wurden die Transportkisten ab dem 23. September 1835 von Rotterdam auf dem Rhein nach Köln transportiert.Peter Heigl: Adler – Stationen einer Lokomotive im Laufe dreier Jahrhunderte. Buch & Kunstverlag Oberpfalz, Amberg 2009, ISBN 978-3-935719-55-1, S. 37–38 Wegen Niedrigwasser des Rheins musste er sich ab Emmerich für den Weitertransport statt des Dampfbootes des Treidelns mit Zugpferden bedienen. Am 7. Oktober 1835 traf der Schleppzug in Köln ein. Der Rest der Strecke musste ab dem 13. Oktober 1835 mit Pferdefuhrwerken zurückgelegt werden, da der Main wegen Niedrigwasser nicht schiffbar war. Diese Reise an Land wurde durch einen Streik der Fuhrleute in Offenbach unterbrochen, der einen Wechsel des Spediteurs zur Folge hatte. Am 26. Oktober 1835 erreichte der Transport Nürnberg. In den Werkstätten der Maschinenfabrik von Johann Wilhelm Spaeth wurde die Dampflokomotive zusammengesetzt. Der Aufbau erfolgte unter Aufsicht des mitgereisten Ingenieurs und Lokomotivführers William Wilson und des Fachlehrers Bauer mit der Hilfe von örtlichen Zimmerleuten. Am 10. November 1835 äußerte das Direktorium der Bayerischen Ludwigsbahn die Hoffnung auf eine baldige Betriebsfähigkeit der Lokomotive. Die Lokomotive stand als Sinnbild für Kraft, Wagemut und Schnelligkeit.Peter Heigl: Adler – Stationen einer Lokomotive im Laufe dreier Jahrhunderte. Buch & Kunstverlag Oberpfalz, Amberg 2009, ISBN 978-3-935719-55-1, S. 30 mini|Karikatur von 1835 Die beiden von Stephenson gelieferten Wagengestelle stellten sich als zu schwer für die Verhältnisse in Nürnberg heraus. Denis ging dagegen bei seinen Planungen davon aus, dass die Wagen sowohl von Pferden als auch von der Dampflokomotive gezogen würden und hielt aus diesem Grund eine leichtere Bauart für erforderlich. Der Bau der Wagen wurde von mehreren Firmen durchgeführt, die Untergestelle wurden von Späth, Gemeiner und Manhard hergestellt. Die Aufbauten aus Holz lieferte der Wagnermeister Stahl aus Nürnberg. Wegen der starken Auslastung der genannten Firmen mit anderen Aufträgen wurden drei Wagengestelle und 16 Räder bei der Firma Stein in Lohr bei Aschaffenburg hergestellt. Denis drohte den beteiligten Firmen mit einer künftigen Auftragsvergabe nach England, wenn diese die Arbeiten nicht beschleunigten. Ende August 1835 wurde der erste Wagen fertiggestellt. In der zweiten Oktoberhälfte war die Fertigstellung der restlichen Wagen absehbar. Bis zur Eröffnung der Bayerischen Ludwigsbahn wurden neun Wagen hergestellt: zwei Wagen der dritten Wagenklasse, vier der zweiten und drei Wagen der ersten Klasse. Am 21. Oktober 1835 fand der erste öffentliche Fahrversuch mit einem von einem Pferd gezogenen Personenwagen und 23 Personen statt. Der Konstrukteur Denis hatte eine Bremse für die Wagen entwickelt, die bei dieser Gelegenheit getestet wurde. Der Wagen konnte in jeder Situation sicher zum Stehen gebracht werden. Am 16. November 1835 wurde die erste Probefahrt mit der Dampflokomotive von Nürnberg nach Fürth und zurück unter großer Anteilnahme der Bevölkerung durchgeführt. Wegen der herrschenden Kälte wurde mit gemäßigter Geschwindigkeit gefahren. Drei Tage später wurden bei einer weiteren Testfahrt fünf vollbesetzte Wagen in 12 bis 13 Minuten über die Strecke befördert. Auf der Rückfahrt erfolgten Bremsproben, und das Ein- und Aussteigen der Passagiere wurde geprobt. Darauf folgende tägliche Versuche zeigten unter anderem, dass bei der Verwendung von Holz als Heizmaterial durch Funkenflug die Kleider von mehreren Passagieren versengt wurden. Die Teilnahme an einer Probefahrt kostete 36 Kreuzer, der Erlös wurde der Fürsorge für Arme zugeführt. Konstruktion und Aufbau Lokomotive Der Adler war auf einem mit Blech beschlagenen Rahmen aus Holz aufgebaut. Die beiden innenliegenden, mit Nassdampf betriebenen waagerechten Zylinder trieben die in der Mitte liegende Treibachse an. Die Treibräder besaßen keinen Spurkranz, um enge Kurvenradien befahren zu können. Die geschmiedeten Radspeichen waren mit dem Radkranz vernietet. Die ursprünglichen Räder bestanden aus Gusseisen und waren mit einem geschmiedeten Radreifen umgeben. Sie wurden später durch stabilere Räder aus Schmiedeeisen ersetzt. Die hohlen Speichen enthielten einen Kern aus Holz, um Unebenheiten besser abzufedern. Alle Räder der Lokomotive waren ungebremst. Eine Spindelbremse wirkte auf die beiden auf der rechten Seite des Heizers liegenden Räder des Tenders. Die Verbindung zwischen Lokomotive und Tender war starr. Die Puffer waren aus Holz. Der hufeisenförmige Wasserkasten umfasste den Kohlenvorrat des Tenders. Als Brennmaterial wurde zunächst Koks und später Steinkohle benutzt.Peter Heigl: Adler – Stationen einer Lokomotive im Laufe dreier Jahrhunderte. Buch & Kunstverlag Oberpfalz, Amberg 2009, ISBN 978-3-935719-55-1, S. 25–26Georg Rebenstein: Stephenson’s Locomotive auf der Ludwigs-Eisenbahn von Nuernberg nach Fuerth. Nürnberg 1836 Wagen Die Personenwagen hatten beim Kutschenbau verwendete Kutschenkästen, die auf ein Fahrgestell aus Eisen montiert waren. Der zweiachsige Coupé-Wagen mit drei hintereinandergesetzten einzelnen voneinander getrennten Abteilen bildete das Grundprinzip der ersten deutschen Eisenbahnwagen. Spezielle Fahrgestelle für Personenwagen wurden erst 1842 bei der Great Western Railway entwickelt. Sämtliche Wagen waren in der Farbe Gelb der Postkutschen lackiert. Die Wagen der dritten Wagenklasse besaßen ursprünglich kein Dach, drei Abteile mit acht bis zehn Sitzplätzen, die Einstiege hatten keine Türen. Die Wagen der zweiten Wagenklasse waren demgegenüber mit einem Segeltuchdach ausgestattet und hatten Türen, vor den unverglasten Fenstern waren Vorhänge aus Seide, später aus Leder angebracht. Bei gleicher Breite der Wagen war die Anzahl der Sitzplätze bei den teureren Klassen pro Reihe jeweils um einen reduziert. Die Wagen der ersten Wagenklasse waren mit einem kostbaren blauen Tuch ausgeschlagen, mit Fensterscheiben aus Glas versehen, die Türgriffe waren vergoldet und alle Beschläge aus Messing gefertigt. Der heute noch erhaltene Wagen Nr. 8 der 2. Wagenklasse ist im Verkehrsmuseum Nürnberg ausgestellt. Betrieb und Ausmusterung mini|Wagen Nr. 8 der Ludwigseisenbahn-Gesellschaft von 1835, 2. Klasse, im Verkehrsmuseum Nürnberg Am 7. Dezember 1835 fuhr der Adler erstmals offiziell die Strecke von 6,05 KilometernUlrich Scheefold: 150 Jahre Eisenbahnen in Deutschland. München 1985, S. 9. in neun Minuten – mit 200 Ehrengästen sowie dem 26-jährigen Engländer William Wilson auf dem Führerstand. Im Abstand von jeweils zwei Stunden wurden zwei weitere Probefahrten durchgeführt. Die Lokomotive verkehrte mit bis zu neun Wagen mit maximal 192 Fahrgästen. Im normalen Betrieb wurden die Fahrten mit maximal 28 km/h durchgeführt, um die Lok zu schonen. Die normale Fahrzeit betrug etwa 14 Minuten. Demonstrationsfahrten ohne Wagen durften mit bis zu 65 km/h durchgeführt werden. In den meisten Fällen ersetzten allerdings noch Pferde als Zugtiere die Dampfmaschine. Wegen des noch hohen Preises der Kohle wurde der überwiegende Teil der Fahrten auf der Ludwigsbahn mit Pferdebahnen durchgeführt. Gütertransporte wurden zusätzlich zum Personenverkehr erst ab 1839 durchgeführt. Zu den ersten Transportgütern zählten Bierfässer und Vieh. 1845 fand bereits ein reger Güterverkehr statt. Der Adler musste nach elf Betriebsjahren grundlegend überholt und instand gesetzt werden, ebenso wurde der Pfeil saniert. Wie im Bericht des Direktoriums vermerkt, legten diese Maschinen in 11 resp. 10 Jahren 32.168 Fahrten mit mehr als 2½ Millionen Personen zurück, folglich eine Strecke von ca. 103.000 km (64.000 Meilen), ohne einen Nachlass ihrer Kräfte zu zeigen.nuernberginfos.de Der Pfeil wurde 1853 verkauft, der Adler nach 22 Betriebsjahren ausgemustert. Sie waren inzwischen die kleinsten und schwächsten Lokomotiven auf dem europäischen Kontinent und hinsichtlich ihres Kohleverbrauchs nicht mehr zeitgemäß. Der Adler wurde noch eine Zeit lang in Nürnberg als stationäre Dampfmaschine genutzt; 1857 verkaufte die Bahngesellschaft die Lokomotive mit dem Tender, aber ohne Räder und andere Anbauteile, an den Augsburger Ludwig August Riedinger. Die Überreste vom Adler gelten seither als verschollen.Peter Heigl: Adler – Stationen einer Lokomotive im Laufe dreier Jahrhunderte. Buch & Kunstverlag Oberpfalz, Amberg 2009, ISBN 978-3-935719-55-1, S. 54. Der Geschäftsbericht der Ludwigseisenbahn-Gesellschaft (LEG) im Jahr 1857 vermeldet hierzu: Die vermutlich einzige Fotografie, die den Adler im Jahr 1851 oder 1856 zeigt, befindet sich im Besitz des Nürnberger Stadtarchivs. und auf: Nürnberg online. Allerdings ist weder das Alter der Fotografie eindeutig belegt, noch ob das Bild die Original-Lokomotive oder nur ein Modell zeigt. Nachbauten Betriebsfähiger Nachbau von 1935 mini|links|Adler-Nachbau im Bhf. Sprendlingen während der 50-Jahr-Feier der Dreieichbahn, 1955 mini|hochkant|Adler bei der Eisenbahnausstellung in Nürnberg 1935 mini|links|Adler in Nürnberg, 1999 mini|hochkant|Adler am Eisernen Steg auf der Städtischen Verbindungsbahn Frankfurt am Main, 1985 mini|hochkant|links|Nachbau des Adler und ICE-Mock-Up im Verkehrsmuseum Nürnberg, 2011 Im Zusammenhang mit der Errichtung des Verkehrsmuseums Nürnberg wurde 1925 geplant, den Adler zu rekonstruieren. Exakte Pläne existierten jedoch nicht mehr. Lediglich ein Stich aus der Zeit der Original-Lokomotive gab Informationen. 1929 beendete die Weltwirtschaftskrise dieses Vorhaben. Zum 100-Jahr-Jubiläum der Eisenbahn in Deutschland 1935 wurde ab 1933 von der Deutschen Reichsbahn im Ausbesserungswerk Kaiserslautern ein weitgehend originalgetreuer Nachbau erstellt. Die ursprüngliche Überlegung des Generaldirektors der Reichsbahn Dorpmüller und seines Stabs war, den Adler als Propagandainstrument der so genannten neuen Zeit in der Stadt der Reichsparteitage (Nürnberg) zu benutzen. Geplant wurde, den Adler den Lokomotivgiganten wie der Baureihe 05 gegenüberzustellen. Für die Verwirklichung des Nachbaus konnte auf die Planungen von 1925 zurückgegriffen werden. Neben abweichenden technischen Daten unterschied sich der Nachbau vom Original vor allem durch dickere Kesselwände, zusätzliche Querverstrebungen und Speichenräder aus Stahl.Peter Heigl: Adler – Stationen einer Lokomotive im Laufe dreier Jahrhunderte. Buch & Kunstverlag Oberpfalz, Amberg 2009, ISBN 978-3-935719-55-1, S. 57–59. Der Nachbau erreichte bei Probefahrten auf einer 81 Kilometer langen Strecke eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 33,7 km/h. Die Strecke wies Neigungen zwischen 1:110 und 1:140 auf. Vom 14. Juli bis zum 13. Oktober 1935 konnten Besucher mit dem rekonstruierten Adler-Zug auf einer Strecke von zwei Kilometer um das Gelände der Jubiläumsausstellung in Nürnberg fahren. Auf dem Führerstand fuhren unter anderem der Reichsbahn-Generaldirektor Julius Dorpmüller und der Gauleiter Frankens Julius Streicher mit. Der Adler-Nachbau fuhr danach noch 1936 beim Cannstatter Wasen in Stuttgart und bei den Olympischen Spielen in Berlin. Beim 100-Jahr-Jubiläum der ersten preußischen Eisenbahn 1938 verkehrte der Adler-Zug zwischen Berlin und Potsdam. Danach kam er in das Verkehrsmuseum Nürnberg. 1950 wurde der Adler-Zug bei einem Festzug zur 900-Jahr-Feier von Nürnberg auf einem Straßenroller durch die Stadt gefahren.Peter Heigl: Adler – Stationen einer Lokomotive im Laufe dreier Jahrhunderte. Buch & Kunstverlag Oberpfalz, Amberg 2009, ISBN 978-3-935719-55-1, S. 69. Zur 125-Jahr-Feier der Deutschen Eisenbahnen 1960 wurde der Zug auf der Strecke der Straßenbahn Nürnberg zwischen dem Plärrer in Nürnberg und dem Hauptbahnhof Fürth eingesetzt. Die Innenseiten der Räder mussten für die Fahrt auf Straßenbahngleisen abgedreht werden.Peter Heigl: Adler – Stationen einer Lokomotive im Laufe dreier Jahrhunderte. Buch & Kunstverlag Oberpfalz, Amberg 2009, ISBN 978-3-935719-55-1, S. 77 ff. Der Nachbau wurde genau wie das Original als Dampfwagen geführt. Durch diese Einstufung war er nicht vom späteren Dampflokverbot betroffen (er stand zu dieser Zeit allerdings und danach nicht betriebsfähig im Adlersaal im Verkehrsmuseum Nürnberg) und seinem Einsatz zum 150-jährigen Jubiläum 1985 stand somit nichts Bürokratisches im Wege. 1984 wurde er zur Vorbereitung der 150-Jahr-Feier der Deutschen Eisenbahnen von der Deutschen Bundesbahn im Ausbesserungswerk Offenburg instand gesetzt. Dabei mussten unter anderem die 1960 für die Fahrt auf Straßenbahngleisen abgedrehten Radinnenseiten wieder aufgeschweißt werden. Der Dampfkessel wurde nach den aktuellen Sicherheitsbestimmungen überprüft. Am 22. Mai 1984 wurden die ersten Publikumsfahrten zwischen dem Hauptbahnhof Nürnberg und Nürnberg Ost angeboten. Der Adler nahm 1985 an der großen Jubiläumsausstellung in Nürnberg und an zahlreichen Veranstaltungen im damaligen Bundesgebiet wie zum Beispiel in Hamburg, Konstanz und München teil.Peter Heigl: Adler – Stationen einer Lokomotive im Laufe dreier Jahrhunderte. Buch & Kunstverlag Oberpfalz, Amberg 2009, ISBN 978-3-935719-55-1, S. 99–123. Die Lokomotive wurde zwischen Ende 1985 und 1999 nicht betrieben. Für die 1999 geplanten Fahrten waren mehrmonatige Restaurierungsarbeiten erforderlich. Am 16. September 1999 erteilte das Eisenbahn-Bundesamt die Betriebsgenehmigung.Rückkehr des Adler. In: Eisenbahn-Revue International. Heft 11, Jahrgang 1999, , S. 456f. 1999 fuhr zur 100-Jahr-Feier des ehem. Königlich Bayerischen Eisenbahnmuseums und des Verkehrsmuseums Nürnberg als dessen Nachfolger der Adler-Zug an drei Sonntagen im Oktober und nahm an der Großen Fahrzeugparade im Rangierbahnhof Nürnberg teil. In den Folgejahren wurde der Adler-Nachbau bei mehreren Nostalgiefahrten in Deutschland eingesetzt.Peter Heigl: Adler – Stationen einer Lokomotive im Laufe dreier Jahrhunderte. Buch & Kunstverlag Oberpfalz, Amberg 2009, ISBN 978-3-935719-55-1, S. 125 Er stand bis 2005 im Verkehrsmuseum Nürnberg.eisenbahn magazin 1/2008, S. 9 Bei einem Brand im Depot des Verkehrsmuseums (Ringlokschuppen des Bahnbetriebswerks Nürnberg West) am 17. Oktober 2005, in dem sich 24 Lokomotiven befanden, wurde u. a. der – bis zuletzt fahrtüchtige – Nachbau des Adlers schwer beschädigt.Brand im Eisenbahndepot des DB-Museums, 17. Oktober 2005. feuerwehrmuseum-nuernberg.de Der Vorstand der DB beschloss, ihn wieder instand setzen zu lassen. Das Wrack wurde am 7. November in vierstündiger Arbeit von einem Bergungstrupp der Preßnitztalbahn mit einem Autokran aus den Trümmern des Lokschuppens gehoben und anschließend mit einem Spezialtieflader zum Dampflokwerk Meiningen gebracht. Es zeigte sich, dass zumindest der Kessel dank der Befüllung mit Wasser relativ unbeschädigt geblieben war, obwohl seine komplette Holzverkleidung verbrannt und viele Bleche geschmolzen waren. Er konnte daher für den Wiederaufbau von 2007 verwendet werden. Betriebsfähige Rekonstruktion von 2007 mini|Der Adler 2008 bei einer seiner ersten Fahrten nach der Rekonstruktion kurz vor dem Hauptbahnhof Fürth Die Rekonstruktion des 2005 beschädigten Adlers lief Mitte April 2007 an und war im Oktober 2007 abgeschlossen.Zerstörte Lok soll wieder dampfen In: Mainpost. 24. November 2007.Der „Adler“ – Pilotprojekt mit Hindernissen auf br.de Der mit Metall verkleidete Holzrahmen war so stark beschädigt, dass er komplett neu gebaut werden musste. Ein Wagen der dritten Klasse, der an einem anderen Ort ausgestellt war und dadurch den Brand unbeschadet überstand, diente als Vorlage für die neuen kutschenähnlichen Wagen, die von einer Schreinerei in Meiningen gefertigt wurden. Die Kosten beliefen sich auf etwa eine Million Euro, davon konnten 200.000 Euro aus Spenden der Bevölkerung aufgebracht werden. In: Nürnberger Nachrichten. 19. April 2007. Der Direktor des DB-Museums Nürnberg stellte vor Beginn der Rekonstruktion klar, dass die Wiederaufarbeitung mit allen verbrannten Details ausgeführt werden würde, und erklärte, es würden keine Kompromisse gemacht. Es wurde sogar noch präziser nach historischen Zeichnungen gearbeitet, so wurde beispielsweise der ebenfalls beim Brand beschädigte Schornstein nicht in der beim Nachbau von 1935 abweichenden, sondern in der ursprünglichen Form angefertigt. Ein Problem stellte die als Kurbelwelle ausgebildete, einteilige Treibachse der Lok dar, sie konnte nicht im Dampflokwerk Meiningen geschmiedet werden. Mit dieser Arbeit wurden die Sächsischen Schmiedewerke in Gröditz beauftragt, die die Schmiedearbeiten an der Kurbelwelle und den Radreifen durchführen konnten. Das anschließende Abdrehen wurde von der Gröditzer Kurbelwelle Wildau GmbH durchgeführt. Für den Rahmen der Lokomotive wurde acht bis zwölf Jahre abgelagertes Eschen-Holz verwendet, das elastisch genug ist, die Erschütterungen durch die Kraftübertragung während der Fahrt auszuhalten. Der Unterbau des Tenders wurde aus hartem Eichenholz gefertigt.Peter Heigl: Adler – Stationen einer Lokomotive im Laufe dreier Jahrhunderte. Buch & Kunstverlag Oberpfalz, Amberg 2009, ISBN 978-3-935719-55-1, S. 148. Seit dem 23. November 2007 befindet sich der wiederhergestellte „alte“ Adler mit einem alten (1935) und zwei neuen (2007) dazugehörigen Personenwagen der dritten Wagenklasse wieder im DB-Museum in Nürnberg. Im dortigen Stammhaus haben der nur rollfähige Adler von 1950 sowie der originale, 1835 gebaute und 1838 und 1846 umgebaute, Personenwagen der zweiten Wagenklasse Nr. 8 der Ludwigsbahn, der der Konservierung halber nicht mehr auf die Schienen gestellt wird, ihren Platz. Am 26. April 2008 fuhr der Nachbau erstmals wieder zwischen Nürnberg und Fürth. Im Mai folgten Sonderfahrten in Nürnberg, Koblenz und in Halle an der Saale. Im April 2010 wurden im Rahmen des 175-Jahr-Jubiläums der Eisenbahn in Deutschland auf dem Gelände des DB Museums in Koblenz-Lützel Fahrten mit Besuchern durchgeführt. Im Mai und Juni 2010 fanden Fahrten zwischen Nürnberg Hauptbahnhof und Fürth Hauptbahnhof statt. Seit 2013 ist auch der betriebsfähige Adler im Nürnberger DB-Museum zu besichtigen, er steht in der Fahrzeughalle II abgestellt. Der Schlepptender und die drei Personenwagen des Adler-Zuges gehören zu den letzten in Deutschland noch per Handkurbel gebremsten Eisenbahnfahrzeugen. Da der Zug die Bedingungen der Eisenbahn-Bau- und Betriebsordnung nicht vollständig erfüllt, ist der Fahrbetrieb auf dem heutigen deutschen Schienennetz nur aufgrund einer Sondergenehmigung des Bundesverkehrsministeriums möglich. Weil keine Sicherheitsfahrschaltung und Zugbeeinflussung vorhanden sind, muss der Adler mit zwei Triebfahrzeugführern besetzt sein. Im Tender ist ein aus Autobatterien gespeistes GSM-R-Zugfunkgerät eingebaut. Die Beleuchtung besteht aus Petroleum-Laternen. Betrieblich sind Fahrten des Adlers Zugfahrten mit Lademaßüberschreitung Dora, also unter Sperrung der Nachbargleise. Nicht betriebsfähiger Nachbau von 1952 mini|hochkant|Nachbau von 1952 im DB Museum Nürnberg Ein weiteres Exemplar, das im Gegensatz zum Nachbau von 1935 nicht betriebsfähig ist, wurde in den 1950er Jahren im Auftrag des Werbeamts der Deutschen Bundesbahn im Ausbesserungswerk München-Freimann erstellt. Dieser Nachbau diente der Öffentlichkeitsarbeit auf Ausstellungen und Messen. Er steht ebenfalls im DB Museum Nürnberg.Peter Heigl: Adler – Stationen einer Lokomotive im Laufe dreier Jahrhunderte. Buch & Kunstverlag Oberpfalz, Amberg 2009, ISBN 978-3-935719-55-1, S. 73. Sonstige Nachbauten Motorbetriebener Nachbau im Tiergarten Nürnberg mini|Adler-Nachbau im Nürnberger Tiergarten Seit 1964 fährt auf der Tiergartenbahn Nürnberg ein dieselbetriebener Nachbau im Maßstab 1:2. Er wurde 1963/1964 von der Lehrlingswerkstatt der MAN gefertigt. Die Bahn startete in der Nähe des Eingangs und pendelte zum Kinderzoo. Im Zuge des Neubaus der Delfinbecken musste diese Strecke 2008 stillgelegt werden. Zwischenzeitlich wurde eine Erweiterung bzw. Verlegung der Strecke realisiert. Sie führt entlang des Giraffengeheges unterhalb der Delfinlagune vorbei bis hin zum Kinderzoo und hat eine Länge von gut einem Kilometer. Nach einer gut dreijährigen Pause steht die Bahn seit 31. März 2012 wieder der Öffentlichkeit zur Verfügung. Dieselmotorbetriebener Nachbau der Görlitzer Parkeisenbahn Bei der Görlitzer Parkeisenbahn verkehrt ein Nachbau mit einer Spurweite von 600 mm. Bei diesem Nachbau handelt es sich um eine Diesellokomotive. TV-Requisit und Werbeobjekt Für die TV-Miniserie Der eiserne Weg anlässlich der 150-Jahre-Deutsche-Eisenbahnen-Feier im Jahr 1985 entstand für die Dreharbeiten ein fahrbarer Nachbau. Der Dampf wurde dabei chemisch erzeugt, für den Antrieb sorgte der im Tender verkleidete Vorderwagen eines Renault 5. Im Rahmen des Stadtjubiläums 1000 Jahre Fürth wurde ein Omnibus mit dem Adler verziert, er machte Werbung für eine Ausstellung, bei der Spenden für den Wiederaufbau gesammelt wurden. Lokomotive Adler auf deutschen Briefmarken und Münzen In den Briefmarken-Jahrgängen der Reichspost 1935, der Bundespost 1960 und der Deutschen Post 1960 sowie der Bundespost 1985 wurde der Adler zu den Jubiläen „100“, „125“ und „150 Jahre Deutsche Eisenbahn“ gewürdigt. Zum 175. Jahrestag erschien am 11. November 2010 erneut eine Sonderbriefmarke der Deutschen Post AG im Wert von 55 Eurocent mit diesem Motiv und auch eine 10-Euro-Silber-Gedenkmünze der Prägestätte München (D) mit der Randinschrift: Auf Vereinten Gleisen 1835 – 2010. Siehe auch Geschichte der Eisenbahn in Deutschland LDE – Saxonia Arend (Lokomotive) KFNB – Adler und Pfeil Literatur Stephan Deutinger: Bayerns Weg zur Eisenbahn. Joseph von Baader und die Frühzeit der Eisenbahn in Bayern 1800 bis 1835. EOS, St. Ottilien 1997, ISBN 3-88096-885-3 (= Forschungen zur Landes- und Regionalgeschichte. Band 1, zugleich Magisterarbeit an der Universität München 1995). DB Museum Nürnberg, Jürgen Franzke (Hrsg.): Der Adler – Deutschlands berühmteste Lokomotive (Objektgeschichten aus dem DB Museum, Band 2). Tümmel, Nürnberg 2011, ISBN 978-3-940594-23-5. Colin Garratt, Max Wade-Matthews: Dampf. Die große Enzyklopädie der schönsten Dampfeisenbahnen der Welt. Eurobooks Cyprus Limited, Limassol 2000, ISBN 3-89815-076-3. Markus Hehl: Der „Adler“ – Deutschlands erste Dampflokomotive. Weltbild, Augsburg 2008. Peter Heigl: Adler – Stationen einer Lokomotive im Laufe dreier Jahrhunderte. Buch & Kunstverlag Oberpfalz, Amberg 2009, ISBN 978-3-935719-55-1. Peter Herring: Die Geschichte der Eisenbahn. Coventgarden bei Doring Kindersley, München 2001, ISBN 3-8310-9001-7. Brian Hollingsworth, Arthur Cook: Das Handbuch der Lokomotiven. Bechtermünz/Weltbild, Augsburg 1996, ISBN 3-86047-138-4. Wolfgang Mück: Deutschlands erste Eisenbahn mit Dampfkraft. Die kgl. priv. Ludwigseisenbahn zwischen Nürnberg und Fürth. 2. neubearbeitete Auflage, Fürth 1985, S. 115–126. In: Fürther Beiträge zur Geschichts- und Heimatkunde. Heft 3, zugleich Dissertation an der Universität Würzburg 1968. Georg Rebenstein: Stephenson’s Locomotive auf der Ludwigs-Eisenbahn von Nuernberg nach Fuerth. Nürnberg 1836. Eberhard Urban: 175 Jahre Deutsche Eisenbahn. Vom Adler 1835 zum ICE heute. Podszun, Brilon 2010, ISBN 978-3-86133-556-6. Weblinks Die erste Dampfokomotive in Deutschland – der Adler. DB Museum Video „Große Fahrzeugparade Nürnberg Oktober 1999“ auf youtube.com Nürnberg-Fürther Eisenbahn. In: H. Reuße: Die deutschen Eisenbahnen, in Beziehung auf Geschichte, Technik und Betrieb, Cassel 1844; auf digitale-sammlungen.de Zwischen Nürnberg und Fürth 1960: 125 Jahre Deutsche Eisenbahn Fernsehreportage des Bayerischen Rundfunks (BR) von 1960 Einzelnachweise Kategorie:Dampflokomotive Achsfolge 1A1 Kategorie:Triebfahrzeug (Ludwigseisenbahn) Kategorie:Schienenverkehr (Fürth) Kategorie:Schienenverkehr (Nürnberg) Kategorie:Schienenfahrzeug (Robert Stephenson) Kategorie:Einzellokomotive Kategorie:Verkehrsmuseum Nürnberg
de
wikipedia
30,704
3fb2805c-0c24-4f90-af98-ea37838a952b
ISO 4217
ISO 4217 ist die von der Internationalen Organisation für Normung publizierte Norm für Währungs-Kurzzeichen, die im internationalen Zahlungsverkehr zur eindeutigen Identifizierung benutzt werden sollen. Am 1. August 2015 wurde die neue Version ISO 4217:2015 veröffentlicht. Diese 8. Version ersetzt den Vorgänger aus dem Jahr 2008.ISO 4217:2015 auf iso.org, abgerufen am 7. April 2024 (englisch). Systematik Alphabetische Codes Die Abkürzungen umfassen jeweils drei Buchstaben. Die ersten beiden sind üblicherweise die Landeskennung nach ISO 3166-1 ALPHA-2 (beispielsweise AU für Australien), der letzte Buchstabe ist in der Regel der Anfangsbuchstabe des Währungsnamens, so beispielsweise D für Dollar. Gemeinsam ergibt dies AUD als genormte Abkürzung für den Australischen Dollar. Währungen, die nicht von einem Einzelstaat herausgegeben werden, haben als ersten Buchstaben ein X; die beiden folgenden Buchstaben geben den Namen der Währung an. Dies ist sowohl bei den meisten Währungsunionen der Fall (z. B. der Ostkaribische Dollar (XCD)), als auch bei den IWF-Sonderziehungsrechten (XDR). Von diesen Regeln wird in den folgenden Fällen abgewichen: wenn in einem Land (z. B. nach einer Währungsreform) eine neue Währung eingeführt wird, deren erster Buchstabe schon belegt ist. So hat z. B. der „neue“ Bulgarische Lew den Währungscode BGN, um ihn vom alten Lew mit dem Kürzel BGL zu unterscheiden, oder auch der neue Russische Rubel RUB im Unterschied zum alten Rubel RUR. für den Euro wurde abweichend von der Systematik aller zuvor vergebenen Codes EUR verwendet, wodurch die Abkürzung der Europäischen Union, EU, an der Stelle des üblichen ISO-3166-Kürzels steht. Auch für nicht-geldliche Wertaufbewahrungs- und Transaktionsmittel gibt es Kodierungen. So wird eine Feinunze Gold (= 31,1034768 Gramm) beispielsweise mit XAU abgekürzt (zusammengesetzt aus X und dem chemischen Symbol für Gold: Au), Silber entsprechend mit XAG. Transaktionen, in denen keine Währung verwendet wird, werden mit XXX gekennzeichnet. Numerische Codes Neben der Buchstabenkodierung werden auch dreistellige Zifferncodes verwendet. Dabei bedeuten die Zahlenbereiche 002–898 reguläre Währungen von Einzelstaaten; dies ist gleich der Kodierung des herausgebenden Staates nach ISO 3166-1. Ungerade Kodierungen zeigen später gebildete Staaten an. 900–998 Sonderzahlungsmittel sowie nach 1981 eingeführte Währungen von Einzelstaaten, wenn mehrere Zahlungsmittel gleichzeitig gültig sind. Teilweise wird bei Änderung der Währung und des Buchstaben-Codes die bisherige numerische Kodierung beibehalten, insbesondere wenn sich lediglich der Name des Zahlungsmittels geändert hat. Beispiele: Burma-Kyat (BUK) und Myanmar-Kyat (MMK) wechselten den Code 104 nicht. Sowjetischer (SUR) und Russischer (RUR) Rubel hatten beide den Code 810, der Neue Russische Rubel (RUB) dagegen 643. Auch wenn eine direkte Währungsumstellung erfolgt, bleibt meist der numerische Code unverändert. Beispiel: Peruanischer Sol (PES) und Nuevo Sol (PEN) wechselten den Code 604 nicht. Diese Codes sind deshalb ohne Kenntnis des Zeitpunkts nicht immer so eindeutig einer bestimmten Währung des betreffenden Landes zuzuordnen, wie das mit den Buchstaben-Codes möglich ist. Allerdings sind sie für konkrete finanzielle Transaktionen vorgesehen, so dass die Angabe bei mehreren Möglichkeiten nur bedeutet: „In der am Tag der Wertstellung gültigen Landeswährung“. Listen der Währungscodes Der Standard definiert drei Listen, die selbst im Standardtext nicht enthalten sind, sondern auf der ISO-Website in ihrer jeweils aktuellen Fassung zur Verfügung gestellt werden: Codes für Währungen, Fonds und Edelmetalle (Currency, fund and precious metal codes) Codes für speziell registrierte Fonds (Fund codes registered with the Maintenance Agency) Codes für historische Währungen und Fonds (Codes for historic denominations of currencies and funds) Aktuell gültige Währungen ISO-Code Num Währung äquiv. Untereinheit Land gültig seit AED 784 Dirham 100 Fils Vereinigte Arabische Emirate AFN 971 Afghani 100 Puls Afghanistan ALL 008 Lek 100 Qindarkanicht mehr in Verwendung. Albanien AMD 051 Dram 100 Luma Armenien ANG 532 Antillen-Gulden 100 Cents Curaçao, Sint Maarten AOA 973 Kwanza 100 Centimos Angola ARS 032 Peso 100 Centavos Argentinien AUD 036 Dollar 100 Cent Australien, Kiribati, Nauru, Tuvalu AWG 533 Florin 100 Cent Aruba AZN 944 Aserbaidschan-ManatISO 4217 Amendment Number 163 (PDF; 98 kB) SIX Interbank Clearing, 9. Juni 2017, abgerufen am 7. April 2024 (englisch). 100 Qäpik Aserbaidschan BAM 977 Konvertible Mark 100 Fening Bosnien und Herzegowina BBD 052 Dollar 100 Cent Barbados BDT 050 Taka 100 Poisha Bangladesch BGN 975 Lew 100 Stotinki Bulgarien BHD 048 Dinar 1000 Fils Bahrain BIF 108 Franc 100 Centimes Burundi BMD 060 Dollar 100 Cent Bermuda BND 096 Dollar 100 Cent Brunei BOB 068 Boliviano 100 Centavos Bolivien BOV 984 Mvdol Bolivien BRL 986 Real 100 Centavos Brasilien BSD 044 Dollar 100 Cent Bahamas BTN 064 Ngultrum 100 Chetrum Bhutan BWP 072 Pula 100 Thebe Botswana BYN 933 Rubel 100 Kopeken Belarus BZD 084 Dollar 100 Cent Belize CAD 124 Dollar 100 Cent Kanada CDF 976 Franc 100 Centimes Demokratische Republik Kongo CHE 947 WIR Euro (100 Cent) Schweiz CHF 756 Franken 100 Rappen Schweiz, Liechtenstein CHW 948 WIR Franken (100 Rappen) Schweiz CLF 990 Unidad de Fomento Chile CLP 152 Peso Chile CNY 156 Renminbi Yuan 10 Jiao = 100 Fen Volksrepublik China COP 170 Peso 100 Centavos Kolumbien COU 970 Unidad de Valor Real (UVR) (Kaufkraft gekoppelt) Kolumbien CRC 188 Colón 100 Céntimos Costa Rica CUP 192 Peso 100 Centavos Kuba CVE 132 Escudo 100 Centavos Kap Verde CZK 203 Krone 100 Haleru Tschechien DJF 262 Franc 100 Centimes Dschibuti DKK 208 Krone 100 Øre Dänemark (inkl. Färöer und Grönland) DOP 214 Peso 100 Centavos Dominikanische Republik DZD 012 Dinar 100 Centimes Algerien EGP 818 Pfund 100 Piasters Ägypten ERN 232 Nakfa 100 Cent Eritrea ETB 230 Birr 100 Santim Äthiopien EUR 978 Euro 100 Cent Europäische Währungsunion (Belgien, Bulgarien, Deutschland, Estland, Finnland, Frankreich, Griechenland, Irland, Italien, Kroatien, Lettland, Litauen, Luxemburg, Malta, Niederlande, Österreich, Portugal, Slowakei, Slowenien, Spanien, Zypern) sowie Andorra, Kosovo, Monaco, Montenegro, San Marino, Vatikanstadt. Zusätzlich wird der Euro in den Französischen Überseegebieten, Åland, Ceuta und Melilla als offizielles Zahlungsmittel eingesetzt. FJD 242 Dollar 100 Cent Fidschi FKP 238 Pfund 100 Pence Falklandinseln GBP 826 Pfund 100 Pence Vereinigtes Königreich GEL 981 Lari 100 Tetri Georgien GHS 936 Ghana Cedi 100 Pesewas Ghana GIP 292 Pfund 100 Pence Gibraltar GMD 270 Dalasi 100 Bututs Gambia GNF 324 Guineischer Franc 100 Centimes Guinea GTQ 320 Quetzal 100 Centavos Guatemala GYD 328 Dollar 100 Cent Guyana HKD 344 Dollar 100 Cent Hongkong HNL 340 Lempira 100 Centavos Honduras HTG 332 Gourde 100 Centimes Haiti HUF 348 Forint 100 Fillér Ungarn IDR 360 Rupiah 100 Sen Indonesien ILS 376 Schekel 100 Agorot Israel, Staat PalästinaISO 4217 Amendment Number 155 (PDF; 54 kB) SIX Interbank Clearing, 11. April 2013, abgerufen am 7. April 2024 (englisch). INR 356 Rupie 100 Paise Indien IQD 368 Dinar 1000 Fils Irak IRR 364 Rial 100 Dinars Iran ISK 352 Krone 100 Aurar Island JMD 388 Dollar 100 Cent Jamaika JOD 400 Dinar 100 Piaster Jordanien JPY 392 Yen 100 Sen Japan KES 404 Schilling 100 Cent Kenia KGS 417 Som 100 Tyiyn Kirgisistan KHR 116 Riel 10 Karak = 100 Sen Kambodscha KMF 174 Komorischer Franc 100 Centimes Komoren KPW 408 Won 100 Chon Nordkorea KRW 410 Won 100 Chon Südkorea KWD 414 Dinar 1000 Fils Kuwait KYD 136 Dollar 100 Cent Kaimaninseln KZT 398 Tenge 100 Tyin Kasachstan LAK 418 Laotischer Kip 100 At Laos LBP 422 Pfund 100 Piastres Libanon LKR 144 Rupie 100 Cent Sri Lanka LRD 430 Dollar 100 Cent Liberia LSL 426 LotiSingular: Loti, Plural: Maloti. 100 LisenteSingular: Sente, Plural: Lisente. Lesotho LYD 434 Dinar 1000 Dirhams Libyen MAD 504 Dirham 100 Centimes Marokko, Westsahara MDL 498 Leu 100 Bani Moldau MGA 969 Ariary 5 Iraimbilanja Madagaskar MKD 807 Denar 100 Deni Nordmazedonien MMK 104 Kyat 100 Pyas Myanmar MNT 496 Tögrög 100 Möngö Mongolei MOP 446 Pataca 100 Avos Macau MRU 929 Ouguiya 5 Khoums Mauretanien MUR 480 Rupie 100 Cent Mauritius MVR 462 Rufiyaa 100 Laari Malediven MWK 454 Kwacha 100 Tambala Malawi MXN 484 Peso 100 Centavos Mexiko MXV 979 Unidad de Inversión Mexiko MYR 458 Ringgit 100 Sen Malaysia MZN 943 Metical 100 Centavos Mosambik NAD 516 Dollar 100 Cent Namibia NGN 566 Naira 100 Kobo Nigeria NIO 558 Córdoba Oro 100 Centavos Nicaragua NOK 578 Krone 100 Øre Norwegen NPR 524 Rupie 100 Paisa Nepal NZD 554 Dollar 100 Cent Neuseeland, Niue, Pitcairninseln OMR 512 Rial 1000 Baizas Oman PAB 590 Balboa 100 Centesimos Panama PEN 604 Sol 100 Céntimos Peru PGK 598 Kina 100 Toea Papua-Neuguinea PHP 608 Peso 100 Centavos Philippinen PKR 586 Rupie 100 Paisa Pakistan PLN 985 Złoty 100 Groszy Polen PYG 600 Guaraní 100 Centimos Paraguay QAR 634 Riyal 100 Dirhams Katar RON 946 Leu 100 Bani Rumänien RSD 941 Dinar 100 Para Serbien RUB 643 Rubel 100 Kopeken Russland RWF 646 Franc 100 Centimes Ruanda SAR 682 Riyal 20 Qirshes = 100 Hallalas Saudi-Arabien SBD 090 Dollar 100 Cent Salomonen SCR 690 Rupie 100 Cent Seychellen SDG 938 Pfund 100 Piaster Sudan SEK 752 Krone 100 Öre Schweden SGD 702 Dollar 100 Cent Singapur SHP 654 Pfund 100 Pence St. Helena, Ascension und Tristan da Cunha SLL/SLE 694/925 Leone 100 Cent Sierra Leone <br/ >01. 07. 2022 SOS 706 Schilling 100 Centesimi Somalia SRD 968 Dollar 100 Cent Suriname SSP 728 Pfund 100 Piaster Südsudan STN 930 Neuer Dobra 100 Centimes São Tomé und Príncipe SVC 222 Colón 100 Centavos El Salvador SYP 760 Lira 100 Piastres Syrien SZL 748 Lilangeni 100 Cent Eswatini THB 764 Baht 100 Satang Thailand TJS 972 Somoni 100 Diram Tadschikistan TMT 934 Manat 100 Tenge Turkmenistan TND 788 Dinar 1000 Millimes Tunesien TOP 776 Paʻanga 100 Seniti Tonga TRY 949 Lira(2005–2008 „Neue Lira“) 100 Kuruş Türkei, Nordzypern TTD 780 Dollar 100 Cent Trinidad und Tobago TWD 901 Dollar 100 Cent Republik China (Taiwan) TZS 834 Schilling 100 Cent Tansania UAH 980 Hrywnja 100 Kopeken Ukraine UGX 800 Schilling 100 Cent Uganda USD 840 Dollar 10 Dime = 100 Cent Vereinigte Staaten, Ecuador, El Salvador, Föderierte Staaten von Mikronesien, Marshallinseln, Osttimor, Palau sowie die britischen Überseegebiete Britische Jungferninseln und Turks- und Caicosinseln UYI 940 Peso en Unidades Indexadas Uruguay UYU 858 Peso 100 Centesimos Uruguay UYW 927 Unidad Previsional (vier Nachkommastellen) Uruguay UZS 860 Soʻm 100 Tiyin Usbekistan VES 928ISO 4217 Amendment Number 168 (PDF; 86 kB) SIX Interbank Clearing Ltd, 2. August 2018, abgerufen am 7. April 2024 (englisch). Bolívar soberano 100 Céntimos Venezuela VND 704 Đồng 10 Hào = 100 Xu Vietnam VUV 548 Vatu Vanuatu WST 882 Tala 100 Sene Samoa XAF 950 Franc CFA (Teilgebiet) 100 Centimes Zentralafrikanische Wirtschafts- und Währungsunion (Äquatorialguinea, Gabun, Kamerun, Republik Kongo, Tschad, Zentralafrikanische Republik) XCD 951 Dollar 100 Cent Ostkaribische Währungsunion (Antigua und Barbuda, Dominica, Grenada, St. Kitts und Nevis, St. Lucia, St. Vincent und die Grenadinen sowie die britischen Überseegebiete Anguilla und Montserrat) XCG 532 Karibischer Gulden 100 Cent Curaçao, Sint Maarten XOF 952 Franc CFA (Teilgebiet) 100 Centimes Westafrikanische Wirtschafts- und Währungsunion (Benin, Burkina Faso, Elfenbeinküste, Guinea-Bissau, Mali, Niger, Senegal, Togo) XPF 953 Franc CFP - Französisch-Polynesien, Neukaledonien, Wallis und Futuna XSU 994 SUCRE - ALBA-Staaten YER 886 Rial 100 Fils Republik Jemen ZAR 710 Rand 100 Cent Südafrika, Lesotho, Eswatini ZMW 967 Kwacha 100 Ngwee Sambia ZWL 932 Dollar 100 Cent Simbabwe Andere Einheiten ISO-Code Num Einheit Art XAG 961 Feinunze (= 31,1034768 Gramm) Silber (Ag) Wertmetall XAU 959 Feinunze Gold (Au) Wertmetall XBA 955 Bond Markets Units European Composite Unit (EURCO) XBB 956 European Monetary Unit (E.M.U.-6) Rechnungseinheit XBC 957 Europäische Rechnungseinheit 9 (E.U.A.-9) Rechnungseinheit XBD 958 Europäische Rechnungseinheit 17 (E.U.A.-17) Rechnungseinheit XDR 960 Sonderziehungsrecht des IWF XFU UIC-Franc XIR Feinunze Iridium (Ir) Wertmetall XPD 964 Feinunze Palladium (Pd) Wertmetall XPT 962 Feinunze Platin (Pt) Wertmetall XTS 963 für Testzwecke verwendeter Code Test XUA 965 ADB Unit of Account (Afrikanische Entwicklungsbank)ISO 4217 Amendment Number 151 (PDF; 30 kB) SIX Interbank Clearing, 7. April 2011, abgerufen am 7. April 2024 (englisch). XXX 999 Transaktionen, bei denen keine Währung genutzt wird keine Währung Frühere Währungen ISO-Code frühere Währungäquiv. Untereinheit Land gültig von–bis Nach­folge­währung ISO-CODE Nach­folge­währung Tausch­verhältnis alt:neu ADP Andorranische Peseta 100 Centimos Andorra –1999/2002 Euro EUR 166,386:1 AFA Afghani 100 Puls Afghanistan –2002 neuer Afghani AFN ALK Lek 100 Qindarka Albanien –1965 neuer Lek ALL AOK Kwanza 100 Lwei Angola –1990 Neuer Kwanza AON 1:1 AON Neuer Kwanza 100 Lwei Angola –1995 Kwanza Readjustado AOR 1000:1 AOR Kwanza Readjustado 100 Centimos Angola –2000 Kwanza AOA ARA Austral 100 Centavos Argentinien –1991 Peso ARS ARP Peso Argentino 100 Centavos Argentinien –1985 Austral ARA ATS Schilling 100 Groschen Österreich –1999/2002 Euro EUR 13,7603:1 AUP Pfund 20 Shilling240 Pence Australien –1966 Australischer Dollar AUD 0,5:1 AZM Manat 100 Qäpik Aserbaidschan –2006 neuer Manat AZN 5.000:1 BAD Bosnischer Dinar - Bosnien und Herzegowina –1998 Konvertible Mark BAM BEF Belgischer Franc 100 Centimes Belgien –1999/2002 Euro EUR 40,3399:1 BGJ Lew 100 Stotinki Bulgarien –1952 Lew BGK BGK Lew 100 Stotinki Bulgarien –1962 Lew BGL BGL Lew 100 Stotinki Bulgarien –1999 (Neuer) Lew BGN 1.000:1 BOP Peso 100 Centavos Bolivien –1986 Boliviano BOB BRB Cruzeiro 100 Centavos Brasilien –1986 Cruzado BRC 1.000:1 BRC Cruzado 100 Centavos Brasilien –1989 Neuer Cruzado BRN 1.000:1 BRN Neuer Cruzado 100 Centavos Brasilien –1990 Dritter Cruzeiro BRE 1:1 BRE Dritter Cruzeiro 100 Centavos Brasilien –1993 Cruzeiro Real BRR 1.000:1 BRR Cruzeiro Real - Brasilien –1994 Real 2.750:1 BYB Belarussischer Rubel 100 Kopeken Belarus –1999 Neuer Belarussischer Rubel BYR 1.000:1 BYR Rubel 100 Kopeken Belarus –2016 Neuer Belarussischer Rubel BYN 10.000:1 CAP Pfund Kanada –1858 Kanadischer Dollar CAD CNX Dollar China –1998 CSD Montenegro ?–10.2006 RSD CSJ Koruna 100 Haleru Tschechoslowakei –1939 und 1945–1953 Koruna CSK CSK Koruna 100 Haleru Tschechoslowakei –1993 Tschechische Krone, Slowakische Krone CUC Peso Convertible 100 Centavos Kuba -31.12.2020 CYP Pfund 100 Cents Republik Zypern –31.12.2007 Euro EUR 0,585274:1 DDM Mark 100 Pfennig DDR –1990 Deutsche Mark DEM 1:1 bis 3:1 DEM Deutsche Mark 100 Pfennig Deutschland –1999/2002 Euro EUR 1,95583:1 ECS Sucre 100 Centavos Ecuador –2000 US-Dollar USD 25.000:1 ECV Unidad de Valor Constante Ecuador EEK Krone 100 Senti Estland –2010 Euro EUR 15,6466:1 ESA Spanische Peseta 100 Centimos Spanien –1978/81 Peseta ESB 1:1 ESB Spanische Peseta (konvertible Peseta) 100 Centimos Spanien –12.1994 Peseta ESP 1:1 ESP Peseta 100 Centimos Spanien, Andorra –1999/2002 Euro EUR 166,386:1 FIM Markka 100 Penniä Finnland –1999/2002 Euro EUR 5,94573:1 FJP Pfund 20 Shilling240 Pence Fidschi –1969 Fidschi-Dollar FJD 0,5:1 FRF Franc 100 Centimes Frankreich, Andorra, Monaco –1999/2002 Euro EUR 6,55957:1 GHC Cedi 100 Pesewas Ghana –30.06.2007 Ghana Cedi GHS 10.000:1 GHP Cedi 100 Pesewas Ghana –02.1967 Cedi GHC 1,2:1 GHP Pfund 20 Shilling240 Pence Ghana –1965 Cedi GHP 0,5:1 GNE Syli 100 Cauris Guinea –1986 Guinea-Franc GQE Ekwele 100 Céntimos Äquatorialguinea –31.12.1984 CFA-Franc XAF 4:1 GRD Drachme 100 Lepta Griechenland –2001/2002 Euro EUR 340,750:1 GWP Peso 100 Centavos Guinea-Bissau –1996 CFA-Franc XOF HRD Kroatischer Dinar 100 Para Kroatien –1994 Kroatische Kuna HRK 1.000:1 HRK Kuna 100 Lipa Kroatien –2022 Euro EUR 7,53450:1 IEP Pfund 100 Pence Irland –1999/2002 Euro EUR 0,787564:1 ILP Pfund 100 Agorot Israel –1980 Schekel ILR 10:1 ILR Alter Schekel 100 Agorot Israel –1985 Neuer Schekel ILS 1.000:1 ISJ Alte Krone 100 AurarSingular: Eyrir, Plural: Aurar. Island –1981 Neue Krone ISK 100:1 ITL Lira 100 Centesimi Italien, San Marino, Vatikanstadt –1999/2002 Euro EUR 1936,27:1 LAJ Lao Kip Pot Pol Laos LTL Litas 100 Centas Litauen –1941 und 1993–2014 Euro EUR 3,4528:1 LUF Franc 100 Centimes Luxemburg –1999/2002 Euro EUR 40,3399:1 LVL Lats 100 Santims Lettland –1940 und 1993–2013 Euro EUR 0,702804:1 LYP Pfund 1000 Millièmes Libyen –1971 Libyscher Dinar LYD 1:1 MCF Franc 100 Centimes Monaco, Frankreich, Andorra –1999/2002 Euro EUR 6,55957:1 MGF Franc 100 Centimes Madagaskar –2005 Ariary MGA 5:1 MKN Denar Mazedonien –1993 Denar MKD MLF Franc 100 Centimes Mali –30.06.1984 CFA-Franc XOF MRO Ouguiya 5 Khoums Mauretanien ?–2017 Ouguiya MRU 10:1 MTL Lira 100 Cents Malta –31.12.2007 Euro EUR 0,429300:1 MVQ Rupie Malediven –1981 MXP Peso 100 Centavos Mexiko –1992 Neuer Peso MXN 1.000:1 MZM Metical 100 Centavos Mosambik –30.06.2006 New Metical MZN 1.000:1 NIC Córdoba 100 Centavos Nicaragua –1991 Córdoba Oro NIO NLG Gulden 100 Cents Niederlande –1999/2002 Euro EUR 2,20371:1 NGP Pfund 20 Shilling240 Pence Nigeria –1972 Naira NGN NZP Pfund 20 Shilling240 Pence Neuseeland –1967 Neuseeland-Dollar NZD 0,5:1 PEH Sol 0,1 Libra10 Dineros100 Centavos Peru –1984 Inti PEI 1.000:1 PEI Inti 100 Céntimos Peru –1991 Sol PES 1.000.000:1 PES Sol 100 Céntimos Peru –2015 Sol PEN 1:1 PLZ Złoty 100 Groszy Polen –1994 Neuer Złoty PLN 10.000:1 PTE Escudo 100 Centavos Portugal –1999/2002 Euro EUR 200,482:1 ROL Leu 100 Bani Rumänien –2005 Neuer Leu RON 10.000:1 RUR Rubel 100 Kopeken Russland –1998 Neuer Rubel RUB 1.000:1 SDD Dinar - Sudan –30.06.2007 Sudanesisches Pfund SDG 100:1 SDP Pfund 100 Piastres Sudan –1992 Dinar SDD SIT Tolar 100 Stotin Slowenien –2006 Euro EUR 239,640:1 SKK Krone 100 Halierov Slowakei –16.1.2009 Euro EUR 30,1260:1 SML Lira 100 Centesimi San Marino, Italien, Vatikanstadt –1999/2002 Euro EUR 1936,27:1 SRG Gulden 100 Cents Suriname –2003 Dollar SRD 1.000:1 STD Dobra 100 Centimes São Tomé und Príncipe ?–2017 Neuer Dobra STN 1.000:1 SUR Rubel 100 Kopeken Sowjetunion –1992 Russischer Rubel RUR TMM Manat 100 Tenge Turkmenistan –2008 Manat TMT 5.000:1 TP Pfund 20 Shilling240 Pence Tonga –1967 Paʻanga TOP 0,5:1 TPE Escudo 100 Centavos Osttimor –1976 Indonesische Rupiah TRL Lira 100 Kuruş Türkei –2005 Neue Lira TRY 1.000.000:1 UGS/UGW Shilling Uganda –1987 UYP Peso 100 Centesimos Uruguay ?–1973 Neuer Uruguayischer Peso UYN 1.000:1 UYN Peso 100 Centesimos Uruguay –1993 Uruguayischer Peso UYU 1.000:1 VAL Lira 100 Centesimi Vatikanstadt, Italien, San Marino –1999/2002 Euro EUR 1936,27:1 VEB Bolívar 100 Céntimos Venezuela –31.12.2007 Bolívar Fuerte VEF 1.000:1 VEF Bolívar Fuerte 100 Céntimos Venezuela 01.01.2008 – 19.08.2018 Bolívar Soberano VES 100.000:1 VNC Đồng Vietnam –1978 WSP Pfund 20 Shilling240 Pence Samoa –1967 Samoanischer Tālā WST 0,5:1 XEU European Currency Unit (ECU) - EG/EU –1999 Euro EUR 1:1 XFO Goldfranken Internationale Fernmeldeunion und Weltpostverein –2003 YDD Dinar 1000 Fils Südjemen –11.06.1996 Rial YER 1:26 YUD Dinar 100 Para Jugoslawien –1990 Jugoslawischer Konvertibler Dinar YUN 10.000:1 YUF Dinar 100 Para Jugoslawien –1963 Jugoslawischer Dinar YUD 100:1 YUG Alter Dinar 100 Para Jugoslawien 01.01.1994 – 21.07.1994 Neuer Dinar YUM 12.000.000:1 YUM Neuer Dinar 100 Para Jugoslawien –2003 Serbischer Dinar CSD 1:1 YUN Jugoslawischer Konvertibler Dinar 100 Para Jugoslawien –1992 Jugoslawischer Dinar YUR 10:1 YUO Jugoslawischer Oktober-Dinar 100 Para Jugoslawien –1994 Jugoslawischer 1994er Dinar YUG 1.000.000.000:1 YUR (reformierter) Dinar 100 Para Jugoslawien –1993 Jugoslawischer Oktober-Dinar YUO 1.000.000:1 ZAL Financial Rand Südafrika –1983 und 1985–1995 Rand ZAR ZAP Pfund 20 Shilling240 Pence Südafrikanische Union –1961 Rand ZAR 0,5:1 ZMK Sambischer Kwacha 100 Ngwee Sambia –2012 neuer Sambischer Kwacha ZMW 1.000:1 ZRN Neuer Zaïre 100 Makuta Zaire –1997 Franc CDF ZRZ Zaïre 100 Makuta Zaire –1993 Neuer Zaïre ZRN 3.000.000:1 ZWC Dollar Rhodesien –1980 Simbabwe-Dollar ZWD 1:1 ZWD Dollar Simbabwe –07.2006 Dollar ZWN 1.000:1 ZWN Dollar Simbabwe –07.2008 Dollar ZWR 10.000.000.000:1 ZWR Dollar Simbabwe –01.2009 Dollar ZWL 1.000.000.000.000:1 Weblinks Currency Codes der ISO, abgerufen am 7. April 2024 Liste der Codes historischer Währungen (XLS), abgerufen am 7. April 2024 (englisch) Amt für Veröffentlichungen der EU, Währungskürzel, abgerufen am 7. April 2024 Einzelnachweise 4217 !Iso 4217
de
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20,702
b900eadb-6115-4ed3-a0e3-01e556bf6f89
Anaximander
mini|Mutmaßliche Darstellung Anaximanders aus der Schule von Athen des Raffael, 1510/1511, Stanzen des Raffael im Vatikan Anaximander oder Anaximandros (; * um 610 v. Chr. in Milet; † nach 547 v. Chr. ebenda) war ein vorsokratischer griechischer Philosoph. Er gehört neben Thales und Anaximenes zu den wichtigsten Vertretern jenes philosophischen Aufbruchs, der mit Sammelbegriffen wie „ionische Aufklärung“Thomas M. Robinson: Die Ionische Aufklärung. In: Friedo Ricken (Hrsg.): Philosophen der Antike. Band 1. Kohlhammer, Stuttgart u. a. 1996, S. 38 ff. und „ionische Naturphilosophie“Christof Rapp: Die Vorsokratiker. Beck, München 1997, S. 27 ff. bezeichnet wird. Einordnung von Person und Bedeutung Apollodor von Athen zufolge lebte Anaximander um 610–546 v. Chr. in Milet. Es ist wahrscheinlich, dass er Thales von Milet gekannt und mit ihm in enger Gedankengemeinschaft gelebt hat. Jedenfalls gilt er als Nachfolger und Schüler des Thales. Ihn beschäftigte dasselbe Grundproblem wie Thales, nämlich die Frage nach dem Ursprung allen Seins, nach der Arché (). Dafür hielt er jedoch nicht das Wasser, sondern das stofflich unbestimmte Ápeiron (): das hinsichtlich seiner Größe „Unbegrenzte“ bzw. „Unermessliche“.Thomas M. Robinson: Die Ionische Aufklärung. In: Friedo Ricken (Hrsg.): Philosophen der Antike. Band 1, Kohlhammer, Stuttgart u. a. 1996, ISBN 3-17-012719-5, S. 38–51, hier: S. 40 Von Anaximanders Philosophie ist im Original nur ein einziges Fragment überliefert; es stellt überhaupt den ersten erhaltenen griechischen Text in Prosaform dar.Themistios Or. 36, 317 C (DK 12 A 7); dazu Walter Burkert: Weisheit und Wissenschaft, Nürnberg 1962, S. 223: „Mit ihm [dem Prosabuch] tritt etwas Neues auf in der griechischen Geistesgeschichte: das erste Prosabuch schrieb Anaximandros.“ (und ebenda Anm. 6 zur Priorität gegenüber Pherekydes mit Berufung auf von Fritz, RE 19 Sp. 2030f.) Der Großteil der philosophischen Anschauungen Anaximanders ist der zwei Jahrhunderte späteren Überlieferung des Aristoteles zu entnehmen und mit einigen Unsicherheiten behaftet. Als bedeutender Astronom und Astrophysiker entwarf er als erster eine rein physikalische Theorie der Weltentstehung (Kosmogonie). Er gründete seine Überlegungen zur Entstehung des Weltganzen ausschließlich auf Beobachtung und rationales Denken. Auf Anaximander geht der moderne Begriff Kosmos () und die Erfassung der Welt als ein planvoll erfassbares, geordnetes Ganzes zurück. Er zeichnete ebenfalls als erster nicht nur eine geographische Karte mit der damals bekannten Verteilung von Land und Meer, sondern konstruierte auch eine Sphäre, einen Himmelsglobus. Die Karte ist heute verschollen, wurde aber später durch Hekataios von Milet ausgewertet, aus dessen Werk eine halbwegs konkrete Darstellung der damaligen Weltsicht überliefert ist. Nach ihm ist der Mondkrater Anaximander benannt. Ursprung und Ordnungsprinzip des Weltganzen mini|Anaximander mit Sonnenuhr, römisches Mosaik aus dem frühen dritten Jahrhundert nach Christus, Rheinisches Landesmuseum Trier Die Grundsubstanz alles Gewordenen nach Anaximander, das Apeiron (das Grenzenlose), wird unterschiedlich gedeutet: als räumlich und zeitlich unbegrenzter UrstoffChristof Rapp: Die Vorsokratiker. Beck, München 1997, S. 38 ff., als unendlich hinsichtlich Masse oder Teilbarkeit, als unbestimmt oder grenzenlos u. a.m.Christof Rapp: Die Vorsokratiker. Beck, München 1997, S. 40. Der Begriff des Unermesslichen spiegelt die Offenheit der Möglichkeiten, das Apeiron zu deuten, aber auch die Unvorhersehbarkeit dessen, was aus dem Apeiron entsteht oder von ihm erzeugt wird. Nach Aristoteles hat Anaximander das, was der Begriff bezeichnet, als ein den Göttern der Volksreligion vergleichbares unsterbliches und unzerstörbares Wesen betrachtet.Physik III, 203b 14; zitiert nach Thomas M. Robinson: Die Ionische Aufklärung. In: Friedo Ricken (Hrsg.): Philosophen der Antike. Band 1, Kohlhammer, Stuttgart u. a. 1996, ISBN 3-17-012719-5, S. 38–51, hier: S. 41. Mit dem einzigen erhaltenen Anaximander-Fragment liegt der erste schriftlich gefasste und überlieferte Satz der griechischen Philosophie überhaupt vor. Allerdings ist die diesbezügliche Forschung uneins, in welchem Umfang das Überlieferungsgut tatsächlich authentisch auf Anaximander zurückgeht. Die Wiedergabe durch Simplikios von Kilikien im 6. nachchristlichen Jahrhundert beruht ihrerseits auf einem verlorengegangenen Werk des Aristoteles-Schülers Theophrastos von Eresos. Die sich auf das Apeiron beziehende, unter dem Seienden die Vielheit der Dinge und Phänomene verstehende Kernaussage lautet: „(Woraus aber für das Seiende das Entstehen sei, dahinein erfolge auch sein Vergehen) gemäß der Notwendigkeit; denn diese schaffen einander Ausgleich und zahlen Buße für ihre Ungerechtigkeit nach der Ordnung der Zeit.“Zitiert nach Christof Rapp: Die Vorsokratiker. Beck, München 1997, S. 45 – in Parenthese ein in der Forschung strittiger Passus, den Rapp eher Aristoteles zurechnet. Damit hat Anaximander als Erster etwas nicht Wahrnehmbares und Unbestimmtes als existierend festgelegt, um so wahrnehmbare Phänomene zu erklären.Dumont’s Handbuch Philosophie. Mathias Vogt, Dumont monte, Köln 2003 Die gleichsam gesetzmäßige wechselseitige Ablösung gegenstrebiger Wirkkräfte oder Substanzen in einem kontinuierlichen und ausgeglichenen Prozess dürfte für die beständige Ordnung des Kosmos stehen: ein dem Wechsel und der Veränderung ausgesetztes und doch in sich stabiles System. Uneinig ist die Forschung darüber, ob auch das Apeiron an diesem Geschehen beteiligt ist oder ob es sich um einen rein innerweltlichen Ausgleichsprozess handelt, sodass die Wirkung des Apeiron sich allein auf die Phase der Weltentstehung beschränkte. Im ersten Fall wäre von einem rein innenweltlichen Ausgleichsprozess auszugehen. Im zweiten Fall kämen auch Vorstellungen von einer Mehrzahl neben- oder nacheinander existierender Welten in Betracht.Christof Rapp: Die Vorsokratiker. Beck, München 1997, S. 46. Der kanadische Philosophiehistoriker und ausgewiesene Kenner der antiken griechischen Philosophie, Thomas M. Robinson, erwägt, dass Anaximander sich das Universum als einen ewigen Prozess gedacht haben könnte, „in dem eine unendliche Anzahl galaktischer Systeme aus dem Apeiron geboren und wieder in es aufgenommen wird. Damit hätte er auf brillante Weise die Weltsicht der Atomisten Demokrit und Leukipp vorweggenommen, die für gewöhnlich als deren eigene Leistung betrachtet wird.“Thomas M. Robinson: Die Ionische Aufklärung. In: Friedo Ricken (Hrsg.): Philosophen der Antike. Band 1, Kohlhammer, Stuttgart u. a. 1996, ISBN 3-17-012719-5, S. 38–51, hier: S. 43. Kosmos und Erde mini|links|hochkant=1.3|Kosmologie Anaximander meinte, bei der Entstehung des heutigen, geordneten Universums habe sich aus dem Ewigen ein Wärme- und Kältezeugendes abgesondert, und daraus sei eine Feuerkugel um die die Erde umgebende Luft gewachsen, wie um einen Baum die Rinde. Die Gestirne entstehen laut Anaximander durch die geplatzte Feuerkugel, indem das abgespaltene Feuer von Luft eingeschlossen wird. An ihnen befänden sich gewisse röhrenartige Durchgänge als Ausblasestellen; sie seien dort als Gestirne sichtbar. In gleicher Weise entstünden auch die Finsternisse, nämlich durch Verriegelung der Ausblasestellen. Das Meer sei ein Überrest des ursprünglich Feuchten. „Ursprünglich war die ganze Oberfläche der Erde feucht gewesen. Wie sie aber dann von der Sonne ausgetrocknet wurde, verdunstete allmählich der eine Teil. Es entstanden dadurch die Winde und die Wenden von Sonne und Mond, aus dem übrigen Teil hingegen das Meer. Daher würde es durch Austrocknung immer weniger Wasser haben, und schließlich würde es allmählich ganz trocken werden“ (Aristoteles über Anaximander). Aus einem Teil dieses Feuchten, das durch die Sonne verdampfe, entstünden die Winde, indem die feinsten Ausdünstungen der Luft sich ausschieden und, wenn sie sich sammelten, in Bewegung gerieten. Auch die Sonnen- und Mondwenden geschähen, weil diese eben, jener Dämpfe und Ausdünstungen wegen, ihre Wenden vollführten, indem sie sich solchen Orten zuwendeten, wo ihnen die Zufuhr dieser Ausdünstung gewährleistet sei. mini|hochkant=1.3|Anaximanders Weltbild Die Erde sei das, was vom ursprünglich Feuchten an den hohlen Stellen der Erde übrig geblieben sei. Anaximander meinte, die Erde sei schwebend, von nichts überwältigt und in Beharrung ruhend infolge ihres gleichen Abstandes von allen Himmelskreisen. Ihre Gestalt sei rund, gewölbt und ähnele in der Art eines steinernen Säulensegments einem Zylinder. Wir stünden auf der einen ihrer Grundflächen; die andere sei dieser entgegengesetzt. Regengüsse bildeten sich aus der Ausdünstung, welche infolge der Sonnenstrahlung aus der Erde hervorgerufen werde. Blitze entstünden, indem der Wind sich in die Wolken hineinstürze und sie auseinanderschlage. Theorie der Menschwerdung und der Seele Die Entstehung der Menschheit führte Anaximander auf andere Lebewesen zurück. Ihm war aufgefallen, dass der Mensch im Vergleich zu anderen Arten im Frühstadium seiner Entwicklung sehr lange Zeit benötigt, bis er für die Selbstversorgung und das Überleben aus eigenen Kräften sorgen kann. Deshalb nahm er an, dass die ersten Menschen aus Tieren hervorgegangen sind, und zwar aus Fischen oder fischähnlichen Lebewesen. Denn den Ursprung des Lebendigen suchte er im Wasser; das Leben war für ihn eine Spontanentstehung aus dem feuchten Milieu: „Anaximander sagt, die ersten Lebewesen seien im Feuchten entstanden und von stachligen Rinden umgeben gewesen. Im weiteren Verlauf ihrer Lebenszeit seien sie auf das trockene Land gegangen und hätten, nachdem die sie umgebende Rinde aufgeplatzt sei, ihr Leben noch für kurze Zeit auf andere Weise verbracht.“Fragment DK 12 A 30; zitiert nach Christof Rapp: Die Vorsokratiker. Beck, München 1997, S. 51. Die Seele hielt Anaximander für luftartig. Der Vorstellung von der Seele als Aër mag die Verbindung mit dem Leben bzw. dem Ein- und Ausatmen zugrunde gelegen haben. Unklar ist, ob er zwischen der Atemseele des Menschen und der anderer Lebewesen unterschied. Wie sich Anaximanders Auffassung von Apeiron und Kosmos zu seiner Vorstellung von der Seele verhielt, ob es zwischen ihnen überhaupt eine Beziehung gab, ist ungewiss. Da Anaximander die Seele für luftartig hielt, vermuten manche, dass er der Seele Unsterblichkeit zusprach. Ob er an eine Beseelung des Kosmos, ferner an eine Allbeseelung, ähnlich wie sie sich Thales vermutlich vorgestellt hatte, und darüber hinaus an die Unsterblichkeit individueller Seelen dachte, bleibt dahingestellt. Interpretationen Bertrand Russell interpretiert Anaximanders Theorien in der Geschichte der abendländischen Philosophie als Behauptung der Notwendigkeit eines angemessenen Gleichgewichts zwischen Erde, Feuer und Wasser, die alle unabhängig voneinander danach streben können, ihre Anteile im Verhältnis zu den anderen zu vergrößern. Anaximander scheint seine Überzeugung auszudrücken, dass eine natürliche Ordnung das Gleichgewicht zwischen diesen Elementen sicherstellt, dass dort, wo Feuer war, nun Asche (Erde) ist. Friedrich Nietzsche behauptete in Die Philosophie im tragischen Zeitalter der Griechen, Anaximander sei ein Pessimist gewesen, der behauptete, das ursprüngliche Wesen der Welt sei ein Zustand der Unbestimmtheit. Demnach muss alles Bestimmte schließlich wieder in die Unbestimmtheit übergehen. Mit anderen Worten: Anaximander betrachtete „... alles Werden als eine unrechtmäßige Emanzipation vom ewigen Sein, ein Unrecht, für das die Zerstörung die einzige Buße ist“. Die Welt der einzelnen Objekte hat in dieser Denkweise keinen Wert und sollte untergehen. Nietzsche bezeichnet Anaxagoras und die anderen Vorsokratiker als Vorplatoniker. Textausgaben Hermann Diels (Hrsg.): Die Fragmente der Vorsokratiker. Band 1. Herausgegeben von Walther Kranz. 4. Auflage (Abdruck der 3. Auflage mit Nachträgen). Weidmann, Berlin 1922 (griechisch und deutsch) Laura Gemelli Marciano (Hrsg.): Die Vorsokratiker. Band 1, Artemis & Winkler, Düsseldorf 2007, ISBN 978-3-7608-1735-4, S. 32–69 (griechische Quellentexte mit deutscher Übersetzung, Erläuterungen sowie Einführung zu Leben und Werk) Jaap Mansfield (Hrsg.): Die Vorsokratiker. Stuttgart 1987. (Fragmente [griech./dtsch.], Übersetzung und Erläuterungen) Georg Wöhrle: Die Milesier: Anaximander und Anaximenes. Berlin 2012. (Kommentare und griech./dtsch. Fragmente) Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes: Ihr Zusammenhang mit der politischen und der sozialen Entwicklung, Europa Verlag, Zürich 1950, ISBN 3-88059-965-3 Literatur Übersichtsdarstellungen in Handbüchern Thomas Schirren, Georg Rechenauer: Zum Leben der einzelnen Philosophen. 2. Anaximander und Niels Christian Dührsen: Anaximander. In: Hellmut Flashar u. a. (Hrsg.): Frühgriechische Philosophie (= Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike, Band 1), Halbband 1, Schwabe, Basel 2013, ISBN 978-3-7965-2598-8, S. 184–185 (Biographie) und 263–320 (Werk, Lehre, Rezeption) Einführungen und Untersuchungen Walter Burkert: Iranisches bei Anaximandros. In: Rheinisches Museum für Philologie. Neue Folge, Band 106, 1963, S. 97–134. Dirk L. Couprie, Robert Hahn, Gerard Naddaf: Anaximander in Context. New Studies in the Origins of Greek Philosophy. State University of New York Press, Albany (New York) 2003, ISBN 0-7914-5537-8 Maria Marcinkowska-Rosóɫ: Die Prinzipienlehre der Milesier. Berlin/Boston 2014. Thomas M. Robinson: Die Ionische Aufklärung. In: Friedo Ricken (Hrsg.): Philosophen der Antike. Band 1, Kohlhammer, Stuttgart u. a. 1996, ISBN 3-17-012719-5, S. 38–51, hier: S. 45 ff. Christof Rapp: Die Vorsokratiker. Beck, München 1997, ISBN 3-406-38938-4 Wolfgang Schadewaldt: Die Anfänge der Philosophie bei den Griechen. Tübinger Vorlesungen Band I. Frankfurt/M. 1978. Rezeption Carmela Baffioni: Anaximandre dans l'Islam. In: Richard Goulet (Hrsg.): Dictionnaire des philosophes antiques. Band Supplément. CNRS Editions, Paris 2003, ISBN 2-271-06175-X, S. 759–761 Carlo Rovelli: Die Geburt der Wissenschaft: Anaximander und sein Erbe. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2019, ISBN 3-498-05398-1. Weblinks Textausgaben Verschiedene Textauszüge (griech., engl., franz.; PDF-Datei; 136 kB) Fragments and Commentary, engl. Übers. von Arthur Fairbanks, The First Philosophers of Greece, London: K. Paul, Trench, Trubner 1898, 8–16. Literatur Karl Bormann: Anaximander von Milet. In: UTB-Online-Wörterbuch Philosophie Dirk Couprie: Materialien zu Anaximander (englisch) Egon Gottwein: Anaximander Patricia Curd: „Presocratic Philosophy“, in: The Stanford Encyclopedia of Philosophy (Summer 2016 Edition), Edward N. Zalta (ed.). Fußnoten Kategorie:Vorsokratiker Kategorie:Astronom der Antike Kategorie:Kosmologe der Antike Kategorie:Person als Namensgeber für einen Asteroiden Kategorie:Person als Namensgeber für einen Mondkrater Kategorie:Person (Milet) Kategorie:Grieche (Antike) Kategorie:Geboren im 7. Jahrhundert v. Chr. Kategorie:Gestorben im 6. Jahrhundert v. Chr. Kategorie:Mann
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Atharvaveda
Der Atharvaveda (Sanskrit, m., अथर्ववेद, Atharvaveda, alternativ Atharwaweda) ist eine der heiligen Textsammlungen des Hinduismus. Er enthält eine Mischung von magischen Hymnen, Zauberformeln und anderem Material, das offenbar sehr unterschiedlichen Alters ist. Obwohl vieles sprachlich deutlich jünger ist als die anderen drei Veden (zumindest des Rigveda), finden sich in ihm auch sehr alte Passagen. Man schätzt, dass der Atharvaveda in der zweiten Hälfte des letzten vorchristlichen Jahrtausends kanonisiert wurde, und auch dann erst mit den anderen drei Veden auf eine Stufe gestellt wurde. Er liegt in zwei Rezensionen oder Schulen vor, der bekannteren Shaunaka-Version, und der erst in jüngster Zeit besser erforschten Paippalada-Version. Der Atharvaveda umfasst 20 Bücher in 731 Hymnen mit ungefähr 6000 Versen. Ungefähr ein Siebtel des Atharvaveda ist aus dem Rigveda entnommen. Der Atharveda ist entstanden, als die Sesshaftwerdung in der Gangesebene schon abgeschlossen war. Das Wort für Tiger kommt hier vor, im früheren Rigveda hingegen noch nicht. Jeder der vier Veden, das sind Rigveda, Samaveda, Atharvaveda und Yajurveda, umfasst vier Textschichten. Die älteste Schicht sind jeweils die Samhitas (Hymnen), die nächste Schicht sind die Brahmanas (Ritualtexte), dann kommen die Aranyakas (Waldtexte) und zuletzt die Upanishaden (philosophische Lehren). Die anderen drei Veden waren bestimmten Priestern im vedischen Opferritual zugeteilt: der Hotri („Rufer“) musste den Rigveda auswendig können, der Udgatri („Sänger“) musste den Samaveda beherrschen, und der Adhvaryu (Opferpriester) musste die Mantras des Yajurveda kennen. Als der Atharvaveda in den Kanon aufgenommen wurde, wurde er schlichterhand dem Brahman zugeordnet, obwohl dieser Priester eigentlich die drei anderen Veden auswendig können musste, damit er das Ritual aus dem Hintergrund beobachten und bei Fehlern einschreiten konnte. Deswegen wird er auch als „Arzt des Opfers“ bezeichnet. Die Zuordnung des Brahman zum Atharva Veda ist also eher willkürlich. Im Vergleich zu den drei anderen Veden hatte der Atharvaveda immer die Reputation, vor allem mit Magie zu tun zu haben. Atharvan bedeutet ursprünglich Feuerpriester. Eine andere Sorte Priester waren die Angiras. Magische Formeln, die helfen den Kranken zu heilen, waren Sache der Atharvans. Schwarze Magie, um Feinden oder Rivalen zu schaden, war die Sache der Angiras. Die Heiligkeit des Atharvaveda wurde wegen dieser magischen Inhalte immer etwas in Zweifel gezogen. Der Atharvaveda ist von großer Bedeutung hinsichtlich der medizinischen Vorstellungen der damaligen Zeit. Die Lieder und Zauber zum Heilen von Krankheiten gehören zu den magischen Heilriten (bhaishajyani). Exorzismus und „Frauenriten“ (Liebesmagie) werden ebenso beschrieben. Der Atharvaveda öffnet also ein Fenster zu einer völlig anderen Welt als die des Rigveda. Einzelnachweise Kategorie:Exorzismus Kategorie:Literatur (Vedisch)
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B
B bzw. b (gesprochen: []) ist der zweite Buchstabe des klassischen und modernen lateinischen Alphabets. Er repräsentiert im Deutschen einen Konsonanten. Der Buchstabe B hat in deutschen Texten eine durchschnittliche Häufigkeit von 1,89 %. Er ist damit der sechzehnthäufigste Buchstabe in deutschen Texten. mini|hochkant|Buchstabe B im Fingeralphabet Das Fingeralphabet für Gehörlose bzw. Schwerhörige stellt den Buchstaben B in Form einer geöffneten Hand mit eingeklappten Daumen dar. Aussprache im Deutschen mini|Der Buchstabe B in verschiedenen Schriftarten Dem Graphem B/b ist grundsätzlich das Phonem /b/, also der stimmhafte bilabiale Plosiv, zugeordnet wie in Baum, Baby, Liebe, Robbe. Dieser ist im Gegensatz zu seinem Gegenüber /p/ ein stimmhafter und nicht-aspirierter Lenis. B/b gehört damit zu den Obstruenten, die sich im Deutschen jeweils in Stimmhaft-stimmlos- bzw. Lenis-Fortis-Paaren gegenüberstehen: b ≠ p. Am Wort- und Silbenende sowie vor anderen stimmlosen Obstruenten wird B/b allerdings ebenso wie sein eigentlicher Fortis-Gegenüber P/p – also als stimmloser bilabialer Plosiv /p/ – ausgesprochen (lieb, lieblich, liebt, robbt, hübsch). Wenn bei verwandten Wortformen stimmloses /p/ gesprochen wird, nennt man dies Auslautverhärtung: lieb [-p], lieblich [-pl-], liebt [-pt] zu Liebe [-b-], robbt [-pt-] zu robben [-b-]; dagegen ist hübsch [-pʃ] ohne stimmhafte Entsprechung, also keine Auslautverhärtung. Nach einigen stimmlosen Obstruenten fällt die Aussprache des b nur fast mit der von p zusammen: lesbisch. Hier liegt der realisierte Laut zwischen einem b- und p-Laut, ist nicht-aspiriert und mehr oder weniger stimmlos. Phonologisch gesehen findet in den genannten Fällen, in denen die Aussprache von der grundlegenden Aussprache abweicht (z. B. bei der Auslautverhärtung), eine Neutralisation statt, das heißt die Opposition stimmhaft-stimmlos bzw. Lenis-Fortis ist in diesen Positionen aufgehoben und hat hier keine bedeutungsunterscheidende Funktion mehr. In einigen Dialekten wird es im Wortinneren und manchmal auch am Wortanfang als Reibelaut gesprochen, wie der stimmhafte labiodentale Frikativ /v/ oder der stimmhafte bilabiale Frikativ /β/. Herkunft des Buchstabens Die protosinaitische Urform des Buchstabens stellt den Plan eines Hauses mit Ausgang dar. Die Phönizier gaben dem Buchstaben den Namen Bet (Haus), bis zum 9. Jahrhundert v. Chr. hatte sich der Buchstabe stark abstrahiert. Bereits Bet hatte den Lautwert [b]. Je nach Schreibwerkzeug konnte der Buchstabe sehr eckig oder abgerundet geschrieben werden. Die Griechen übernahmen den phönizischen Buchstaben, versahen ihn mit einer zusätzlichen Rundung und nannten ihn Beta. Den Lautwert behielten sie bei. Die Etrusker übernahmen diesen Buchstaben als „B“, ohne ihn zu modifizieren. Da die etruskische Sprache allerdings keine stimmhaften Verschlusslaute wie [b] enthielt, verwarfen sie den Buchstaben nach kurzer Zeit. Die frühgriechische Schrift wurde von rechts nach links geschrieben. Als die Griechen die Schreibrichtung wechselten, spiegelten sie auch das Beta. Als die Römer das lateinische Alphabet schufen, das ebenfalls von links nach rechts geschrieben wird, orientierten sie sich am griechischen Beta und übernahmen es ohne weitere Modifikationen. Siehe auch Β, β (Beta), der zweite Buchstabe des griechischen Alphabets Б, б (Be), der zweite Buchstabe des kyrillischen Alphabets В, в (We), der dritte Buchstabe des kyrillischen Alphabets Ⲃ, ⲃ (bēta), der zweite Buchstabe des koptischen Alphabets ב, der Hebräische Buchstabe Beth ب, der Arabische Buchstabe Bā' verschiedene UNICODE-Zeichen, die vom lateinischen B, b abgeleitet sind: ♭, das Musikzeichen b oder Be ␢, ein Symbol für das Leerzeichen (englisch blank) B … mit Akut: B́ mit Querstrich: Ƀ, ƀ mit Haken: Ɓ, ɓ (Kleinbuchstabe auch IPA-Zeichen) mit oberem Balken: Ƃ, ƃ mit Mitteltilde: ᵬ mit Palatalhaken: ᶀ mit Punkt darüber: Ḃ, ḃ mit Punkt darunter: Ḅ, ḅ mit Strich darunter: Ḇ, ḇ als Kapitälchen: ʙ (auch IPA-Zeichen), daneben auch mit Querstrich: ᴃ hochgestellt: ᴮ, ᵇ in Handschrift: ℬ die L-B-Ligatur: ℔ umkreistes B: Ⓑ, ⓑ geklammertes kleines b: ⒝ Literatur Weblinks Evolution of Alphabets (englisch) Kategorie:Lateinischer Buchstabe
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Ammoniak
Ammoniak (von ; Aussprache: Betonung in den nördlichen Varianten des Standarddeutschen auf der letzten Silbe: []; in den südlichen Varianten hingegen meist auf der ersten: [], in Österreich allerdings auf der zweiten: [], auch [], [] und []) ist eine chemische Verbindung von Stickstoff und Wasserstoff mit der Summenformel NH3. Ammoniak ist ein stechend riechendes, in Wasser gut lösliches, farbloses, giftiges Gas, das zu tränenden Augen führt und beim Einatmen die Atemwege reizt und erstickend wirkt. Ammoniak kann als amphotere Verbindung sowohl als Base wie auch als Säure reagieren: In wässrigen Lösungen reagiert Ammoniak als Base, kann von zugesetzten Säuren Protonen aufnehmen und bildet mit den Anionen der Säuren die kationischen Ammoniumsalze. Diese Ammoniumsalze sind in Wasser löslich. Ammoniak kann aber auch als Gas oder, stark abgekühlt, als Flüssigkeit unter jeweils speziellen Reaktionsbedingungen und in Abwesenheit von Wasser die gebundenen Protonen an zugesetzte Substanzen abgeben und damit – rein formal gesehen – als Säure reagieren. Bei diesen speziellen Reaktionen entstehen die anionischen Amide, Imide oder Nitride, bei denen ein Proton (Amide), zwei Protonen (Imide) oder alle Protonen (Nitride) durch Metallionen ersetzt wurden. Ammoniak ist eine der meistproduzierten Chemikalien und Grundstoff für die Produktion aller weiteren Stickstoffverbindungen. Der größte Teil des Ammoniaks wird zu Düngemitteln, insbesondere Harnstoff und Ammoniumsalzen, weiterverarbeitet. Die Herstellung erfolgt bislang (2022) fast ausschließlich über das Haber-Bosch-Verfahren aus den Elementen Wasserstoff und Stickstoff. Biologisch hat Ammoniak eine wichtige Funktion als Zwischenprodukt beim Auf- und Abbau von Aminosäuren. Aufgrund der Giftigkeit größerer Ammoniakmengen wird es zur Ausscheidung im Körper in den ungiftigen Harnstoff oder, zum Beispiel bei Vögeln, in Harnsäure umgewandelt. Bei Hyperammonämie ist der Gehalt von Ammoniak im Blut stark erhöht, da es nicht mehr im ausreichenden Maß zu Harnstoff verstoffwechselt werden kann. Ursache dafür ist oft ein Enzymdefekt im Harnstoffzyklus oder eine Beeinträchtigung der Leber. Dies kann von vorübergehenden Enzephalopathie-Schüben (kurzzeitiger „Rausch-Zustand“ des Gehirns) bis hin zu bleibenden körperlichen Schäden führen. Ammoniak kann laut Forschung des Fraunhofer-Instituts für Energiewirtschaft und Energiesystemtechnik zukünftig eine Schlüsselrolle als grüner Treibstoff zukommen, da niedrigere Herstellungs- und Transportkosten als bei Flüssig-Wasserstoff, Methanol und anderen Energieträgern erwartet werden. Geschichte mini|links|Fritz Haber Natürlich vorkommende Ammoniumverbindungen sind schon seit langer Zeit bekannt. So wurde Ammoniumchlorid (Salmiak) schon in der Antike in Ägypten durch Erhitzen von Kamelmist gewonnen. Beim Erhitzen bildet sich Ammoniak, das durch Reaktion mit Chlorwasserstoff Ammoniumchlorid als weißen Rauch bildet. Sowohl Salmiak als auch Ammoniak leiten sich vom lateinischen sal ammoniacumVgl. auch Otto Zekert (Hrsg.): Dispensatorium pro pharmacopoeis Viennensibus in Austria 1570. Hrsg. vom österreichischen Apothekerverein und der Gesellschaft für Geschichte der Pharmazie. Deutscher Apotheker-Verlag Hans Hösel, Berlin 1938, S. 154 (Sal ammoniacum: Unreines ägyptisches Natronsalz, Salmiak). ab, das wiederum auf den antiken Namen der Oase Siwa (Oase des Ammon oder Amun) zurückgeht. In der Nähe der Oase befanden sich große Salzvorkommen, allerdings handelte es sich dabei wohl um Natriumchlorid und nicht um natürlich vorkommendes Ammoniumchlorid.Julius Ruska: Sal ammoniacus, nušādir und Salmiak. In: Sitzungsberichte der Heidelberger Akademie der Wissenschaften: philosophisch-historische Klasse. 14, 1923, Nr. 5, S. 3–23. Gasförmiges Ammoniak wurde erstmals 1716 von Johannes Kunckel erwähnt, der Gärvorgänge beobachtete. Isoliert wurde das Gas erstmals 1774 von Joseph Priestley. Weitere Forschungen erfolgten durch Carl Wilhelm Scheele und Claude-Louis Berthollet, die die Zusammensetzung des Ammoniaks aus Stickstoff und Wasserstoff erkannten, sowie William Henry, der das exakte Verhältnis der beiden Elemente von 1:3 und damit die chemische Formel NH3 bestimmte.Leopold Gmelin: Handbuch der theoretischen Chemie. Band 1, Franz Varrentramp, Frankfurt 1827, S. 421 (). Erste, jedoch erfolglose Versuche zur Synthese des Ammoniaks aus den Elementen führte Georg Friedrich Hildebrandt um 1795 durch, indem er Stickstoff und Wasserstoff in verschiedenen Mischungsverhältnissen über Wasser stehen ließ.Alwin Mittasch: Bemerkungen zur Katalyse. In: Berichte der deutschen chemischen Gesellschaft. 59, 1926, S. 13–36, doi:10.1002/cber.19260590103. In größerer Menge wurde Ammoniak ab 1840 benötigt, nachdem Justus von Liebig die Stickstoffdüngung zur Verbesserung der Erträge in der Landwirtschaft entwickelt hatte. Zunächst wurde Ammoniak als Nebenprodukt bei der Destillation von Kohle gewonnen, dies war jedoch nach kurzer Zeit nicht mehr ausreichend, um die Nachfrage nach Düngemittel zu decken. Ein erstes technisches Verfahren, um größere Mengen Ammoniak zu gewinnen, war 1898 das Frank-Caro-Verfahren, bei dem Calciumcarbid und Stickstoff zu Calciumcyanamid und dieses anschließend mit Wasser zu Ammoniak umgesetzt wurden.Max Appl: Ammonia. In: Ullmann’s Encyclopedia of Industrial Chemistry. Wiley-VCH, Weinheim 2006. (). Ab etwa 1900 begannen Fritz Haber und Walther Nernst mit der Erforschung der direkten Reaktion von Stickstoff und Wasserstoff zu Ammoniak. Sie erkannten bald, dass diese Reaktion bei Normalbedingungen nur in sehr geringem Umfang stattfindet und dass für hohe Ausbeuten hohe Temperaturen, ein hoher Druck sowie ein geeigneter Katalysator nötig sind. 1909 gelang es Haber erstmals, mit Hilfe eines Osmiumkatalysators Ammoniak im Labormaßstab durch Direktsynthese herzustellen. Bei BASF wurden damals von Carl Bosch andere mögliche Synthesewege bearbeitet. Die Ergebnisse Habers führten zur Entscheidung, sein Verfahrenskonzept, das spätere Haber-Bosch-Verfahren, für die Produktion im industriellen Maß auszuarbeiten. Dies gelang nach Überwindung der durch das Arbeiten unter hohem Druck verursachten technischen Probleme 1910 im Versuchsbetrieb. 1913 wurde bei BASF in Ludwigshafen die erste kommerzielle Fabrik zur Ammoniaksynthese in Betrieb genommen. Dabei wurde ein inzwischen von Alwin Mittasch entwickelter Eisen-Mischkatalysator anstatt des teuren Osmiums genutzt.Bernhard Timm: 50 Jahre Ammoniak-Synthese. In: Chemie Ingenieur Technik – CIT. Band 35, Nr. 12, 1963, S. 817–880 (doi:10.1002/cite.330351202). Produktionsanlagen nach diesem Verfahren wurden nach kurzer Zeit in großem Maßstab gebaut (Oppau, Leuna). Die Ammoniakproduktion beruht auch heute noch auf den Prinzipien diese Verfahrens. 1918 erhielt Fritz Haber für die Entwicklung der Ammoniaksynthese den Chemie-Nobelpreis, 1931 zusammen mit Friedrich Bergius auch Carl Bosch für die Entwicklung von Hochdruckverfahren in der Chemie. Über die genauen Abläufe der Reaktion am Katalysator war dagegen lange Zeit nichts Genaues bekannt. Da es sich hierbei um Oberflächenreaktionen handelt, konnten sie erst nach der Entwicklung geeigneter Techniken wie dem Ultrahochvakuum oder dem Rastertunnelmikroskop untersucht werden. Die einzelnen Teilreaktionen der Ammoniaksynthese wurden dabei von Gerhard Ertl identifiziert, der hierfür auch den Nobelpreis für Chemie 2007 erhielt.Gerhard Ertl: Reaktionen an Oberflächen: vom Atomaren zum Komplexen (Nobel-Vortrag). In: Angewandte Chemie. Band 120, 2008, S. 3578–3590 (doi:10.1002/ange.200800480). Die Reaktion von Ammoniak zu Salpetersäure wurde erstmals ab 1825 von Frédéric Kuhlmann untersucht.Frédéric Kuhlmann: Abhandlung über die Salpeterbildung. Neue Erzeugung von Salpetersäure u. Ammoniak. In: Annalen der Pharmacie. Band 29, Nr. 3, 1839, S. 272–291 (doi:10.1002/jlac.18390290305). Ein technisch anwendbares Verfahren für die Salpetersäuresynthese aus Ammoniak wurde mit dem heutigen Ostwald-Verfahren Anfang des 20. Jahrhunderts von Wilhelm Ostwald entwickelt. Dieses wurde nach Einführung des Haber-Bosch-Verfahrens technisch wichtig und konnte die Herstellung aus dem natürlich vorkommenden Chilesalpeter (Natriumnitrat) ablösen, was die Versorgung der Rüstungsindustrie Deutschlands im Ersten Weltkrieg sicherstellte.Lothar Dunsch: Das Portrait: Wilhelm Ostwald (1853–1932). In: Chemie in unserer Zeit. Band 16, Nr. 6, 1982, S. 186–196 (doi:10.1002/ciuz.19820160604). Vorkommen Da Ammoniak leicht mit sauren Verbindungen reagiert, kommt freies Ammoniakgas nur in geringen Mengen auf der Erde vor. Es entsteht z. B. bei der Zersetzung von abgestorbenen Pflanzen und tierischen Exkrementen. Bei der sogenannten Humifizierung werden stickstoffhaltige Bestandteile der Biomasse durch Mikroorganismen so abgebaut, dass unter anderem Ammoniak entsteht. Dieses gelangt als Gas in die Luft, reagiert dort jedoch mit Säuren wie Schwefel- oder Salpetersäure und bildet die entsprechenden Salze. Diese können auch über größere Strecken transportiert werden und gelangen leicht in den Boden. Fast die komplette Emission von Ammoniak fällt dabei auf die Nutztierhaltung.: Ammoniak. Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz Baden-Württemberg, Stand April 2008. In geringerem Umfang können auch vulkanische Gase einen Beitrag zur Umweltbelastung leisten, ebenso wie der Straßenverkehr. Ammoniumsalze sind dagegen auf der Erde weit verbreitet. Das häufigste Ammoniumsalz ist Salmiak (Ammoniumchlorid), aber auch Diammoniumhydrogenphosphat (Phosphammit), Ammoniumsulfat (Mascagnin) und eine Anzahl komplizierter aufgebauter Ammoniumsalze mit weiteren Kationen sind aus der Natur bekannt. Diese findet man vor allem in der Umgebung von Vulkanen oder brennenden Kohleflözen, in denen organische Substanzen unter anderem zu Ammoniak zersetzt werden.Frank Wlotzka: Untersuchungen zur Geochemie des Stickstoffs. In: Geochimica et Cosmochimica Acta. Band 24, 1961, S. 106–154 (doi:10.1016/0016-7037(61)90010-2). So wird Salmiak vorwiegend als Sublimationsprodukt um Fumarolen gefunden, wo sich die im heißen Dampf enthaltenen Chlorwasserstoff- und Ammoniak-Gase als Ammoniumchlorid niederschlagen.Salmiak. In: Richard A. Bideaux, Kenneth W. Bladh, Monte C. Nichols, John W. Anthony: Handbook of Mineralogy. Band 1. 1990, S. 101 (PDF) Auch viele Gesteine und Sedimente, vor allem Muskovit, Biotit und Feldspat-Minerale, enthalten Ammonium. Dagegen enthalten Quarzgesteine nur geringe Mengen Ammonium. Für die Verteilung spielt neben dem Ursprung des Ammoniums auch das Entweichen von Ammoniak bei der Metamorphose eine Rolle. Ammoniak kommt auch im Weltall vor. Es war 1968 das erste Molekül, das durch sein Mikrowellenspektrum im interstellaren Raum gefunden wurde.Paul P. T. Ho, Charles H. Townes: Interstellar Ammonia. In: Annual review of astronomy and astrophysics. Band 21, 1983, S. 239–270 (doi:10.1146/annurev.aa.21.090183.001323). Auch auf den Gasplaneten des Sonnensystems kommt Ammoniak vor.Phil Davies, Kirk Munsell: . NASA: abgerufen am 8. August 2009. Globale Produktion Ammoniak ist eine Grundchemikalie und wird in großem Maßstab produziert. Im Jahr 2020 wurden weltweit 147 Millionen Tonnen hergestellt. Die Hauptproduzenten sind die Volksrepublik China, Indien, Russland und die Vereinigten Staaten.Nitrogen (fixed) – Ammonia (PDF; 23 kB). In: United States Geological Survey Mineral Commodity Summaries. 2022 Für die Ammoniakproduktion werden zurzeit noch große Mengen fossiler Energieträger benötigt. Der Anteil der Ammoniakproduktion am weltweiten Verbrauch fossiler Energieträger beträgt etwa 1,4 %. Einen Überblick über die globale Verteilung der Produktionsmengen und die historische Entwicklung der globalen Ammoniakproduktion geben folgende Tabelle und Grafik, basierend auf den Zahlen des US Geological SurveysUSGS.gov, Bureau of Mines Minerals Yearbook (1932–1993): + Produktionsmengen Land Produktionsmenge(in Mio. t Stickstoff) 2019 2020 4,2 4,2 2,2 2,2 1,3 1,6 38 39 2,42 2,33 12,2 12,2 5,0 5,9 3,5 3,6 3,94 3,9 3,15 3,3 2,2 2,1 1,7 1,73 3,1 3,3 2,2 2,26 15,0 16,1 4,0 4,3 4,48 4,17 1,5 2,3 1,1 1,1 13,5 14,0 1,1 1,15 restl. Länder 16,4 15,4 Summe 142 147 Herstellung Haber-Bosch-Verfahren Über 90 % des produzierten Ammoniaks wird in der Direktsynthese über das Haber-Bosch-Verfahren produziert. Bei dieser Reaktion reagieren die Gase Stickstoff und Wasserstoff in einer heterogen katalysierten Redoxreaktion in großen Reaktoren miteinander. Bei der Reaktion wird formal betrachtet Stickstoff zu Ammoniak reduziert mit Wasserstoff als Reduktionsmittel, der dabei oxidiert wird und seine Oxidationszahl erhöht. mini|Der 1921 gebaute Ammoniak-Reaktor der Badischen Anilin- und Sodafabrik befindet sich heute auf dem Gelände des Karlsruher Instituts für Technologie Die Reaktion ist exotherm, hat aber eine hohe Aktivierungsenergie, weshalb man einen Katalysator braucht, um eine nennenswerte Umsetzungsrate zu erreichen."Chemgapedia – heterogene Katalyse" abgerufen am 20. Juni 2020. Vor der eigentlichen Reaktion müssen zunächst die Ausgangsstoffe gewonnen werden. Während Stickstoff als Luftbestandteil in großen Mengen zur Verfügung steht und durch Luftverflüssigung gewonnen wird, muss Wasserstoff zunächst aus geeigneten Quellen hergestellt werden. Das zurzeit noch (2020) wichtigste Verfahren stellt dabei die Dampfreformierung dar, bei dem vor allem Erdgas, aber auch Kohle und Naphtha in zwei Schritten mit Wasser und Sauerstoff zu Wasserstoff und Kohlenstoffdioxid umgesetzt werden. Nach Abtrennung des Kohlenstoffdioxides wird der Wasserstoff im richtigen Verhältnis mit Stickstoff gemischt und je nach Verfahren auf 80–400 bar, typischerweise auf 150–250 bar, verdichtet. In Zukunft ist zu erwarten, dass der Wasserstoff mehr und mehr auf elektrolytischem Weg aus Wasser unter Verwendung von regenerativ erzeugtem Strom erzeugt wird. Das Gasgemisch wird in den Reaktionskreislauf eingespeist. Dort wird es zunächst zur Entfernung von Wasserspuren gekühlt und anschließend an Wärmetauschern auf 400–500 °C erhitzt. Das heiße Gasgemisch kann nun im eigentlichen Reaktor an Eisenkatalysatoren, die mit verschiedenen Promotoren wie Aluminiumoxid oder Calciumoxid vermischt sind, zu Ammoniak reagieren. Aus wirtschaftlichen Gründen werden die Gase im technischen Betrieb nur eine kurze Zeit den Katalysatoren ausgesetzt, so dass sich das Gleichgewicht nicht einstellen kann und die Reaktion nur unvollständig abläuft. Das Gasgemisch, das nun einen Ammoniakgehalt von etwa 16,4 % hat, wird in mehreren Stufen abgekühlt, so dass das Ammoniak flüssig wird und abgetrennt werden kann. Das verbleibende Gemisch aus Stickstoff, Wasserstoff und einem kleinen Restanteil Ammoniak wird zusammen mit frischem Gas wieder in den Kreislauf eingespeist. Eine mögliche Katalysator-Alternative wäre Ruthenium, das eine deutlich höhere Katalysatoraktivität besitzt und damit höhere Ausbeuten bei niedrigen Drücken ermöglicht. Aufgrund des hohen Preises für das seltene Edelmetall Ruthenium findet die industrielle Anwendung eines solchen Katalysators aber bislang nur in geringem Umfang statt. Grünes Ammoniak Mehrere Arbeitsgruppen arbeiten an einer CO2-neutralen Ammoniakproduktion auf der Basis von elektrochemischen Verfahren („elektrochemische Ammoniaksynthese“).Kurt Kugler, Alexander Mitos u. a.: Ammoniaksynthese 2.0 - Elektrochemie versus Haber Bosch. RWTH-Themen Energy, Chemical & Process Engineering, Ausgabe 1/2015, S. 52–55. Der durch Elektrolyse von Wasser erzeugte Wasserstoff soll dabei in Gegenwart von Katalysatoren und Membranen direkt mit Stickstoff zu Ammoniak reagieren. Der Strom soll dabei künftig im Wesentlichen aus regenerativen Quellen stammen.Rong Lan, John T. S. Irvine, Shanwen Tao: Synthesis of ammonia directly from air and water at ambient temperature and pressure. In: Scientific Reports. 3, 2013, doi:10.1038/srep01145. Eines der Verfahren, das keine hohen Drücke und Temperaturen benötigt, nutzt ein heißes Plasma aus einer Wasser-Stickstoff-Atmosphäre. Dabei entsteht eine Wolke aus elektrisch geladenen Ionen, aus der sich Wasserstoff und Stickstoff-Sauerstoff-Verbindungen, mit einem Anteil von 99 Prozent Stickstoffmonoxid, bilden. Das Stickstoffmonoxid reagiert mit dem Wasserstoff zu Ammoniak und Wasser.heise online: Ammoniak bald aus dem Plasma-Reaktor, abgerufen am 3. September 2021. Eigenschaften Physikalische Eigenschaften Ammoniak ist bei Raumtemperatur ein farbloses, diamagnetisches, stechend riechendes Gas. Bei 1,013 bar ist der Siedepunkt −33,3 °C. Flüssiges Ammoniak ist farblos und stark lichtbrechend und hat am Siedepunkt eine Dichte von 0,6819 kg/l. Auch durch Druckerhöhung lässt sich das Gas leicht verflüssigen; bei 20 °C ist schon ein Druck von 900 kPa oder 9 bar ausreichend. Die kritische Temperatur ist 132,4 °C, der kritische Druck beträgt 113 bar, die kritische Dichte ist 0,236 g/cm3. Innerhalb des Bereichs von 15,4 bis 33,6 Vol-% (108–240 g/m3) sind Ammoniak-Luft-Gemische zündfähig. Seine Zündtemperatur liegt bei 630 °C. In der flüssigen Phase bildet Ammoniak Wasserstoffbrückenbindungen aus, was den verhältnismäßig hohen Siedepunkt und eine hohe Verdampfungsenthalpie von 23,35 kJ/mol begründet. Um diese Bindungen beim Verdampfen aufzubrechen, wird viel Energie gebraucht, die aus der Umgebung zugeführt werden muss. Deshalb eignet sich Ammoniak sehr gut als Kältemittel (R717). Vor der Einführung der Fluorchlorkohlenwasserstoffe war Ammoniak ein häufig benutztes Kältemittel in Kühlschränken und wird in großem Maßstab in industriellen Kälteanlagen eingesetzt. Unterhalb von −77,7 °C erstarrt Ammoniak in Form von farblosen Kristallen. Es kristallisiert dabei im kubischen Kristallsystem mit einem Gitterparameter a = 508,4 pm (−196 °C). Bei −102 °C beträgt der Gitterparameter a = 513,8 pm. Die Struktur lässt sich von einem kubisch-flächenzentrierten Gitter ableiten, wobei sechs der zwölf Nachbarmoleküle näher zum Zentralmolekül gelegen sind, als die übrigen sechs. Jedes freie Elektronenpaar ist dabei mit jeweils drei Wasserstoffatomen koordiniert.I. Olovsson, D. H. Templeton: X-ray study of solid ammonia. In: Acta Crystallographica. 12, 1959, S. 832–836 (doi:10.1107/S0365110X59002420). Dichte- und Ausdehnungsanomalie von flüssigem Ammoniak Bei jeder Temperatur hat das Flüssiggas einen anderen Dampfdruck, entsprechend seiner Dampfdruckfunktion. Daher erfolgt hier die temperaturbedingte Ausdehnung oder Kontraktion des Volumens nicht isobar. + flüssiges Ammoniak, siedend (bei eigenem Dampfdruck)W. Fratzscher, H.-P. Picht: Stoffdaten und Kennwerte der Verfahrenstechnik. Verlag für Grundstoffindustrie, Leipzig, DDR 1979/BRD 1993, S. 144–146 thermodynamische Daten von Ammoniak, Dichtewerte aus spezifischen Volumina v` berechnet / (°C) / (g/cm3) (K) mittlereTemperatur (°C) (K−1) −70 / −68 0,72527 / 0,72036 2 −69 +0,003408 −68 / −66 0,72036 / 0,72067 2 −67 -0,000215 −66 / −64 0,72067 / 0,71839 2 −65 +0,001587 −64 / −62 0,71839 / 0,71608 2 −63 +0,001613 −50 / −48 0,70200 / 0,69964 2 −49 +0,001687 −30 / −28 0,67764 / 0,67517 2 −29 +0,001829 −28 / −26 0,67517 / 0,67263 2 −27 +0,001888 −26 / −24 0,67263 / 0,67463 2 −25 -0,001482 −24 / −22 0,67463 / 0,68587 2 −23 -0,008194 −22 / −20 0,68587 / 0,66503 2 −21 +0,015668 −2 / 0 0,64127 / 0,63857 2 −1 +0,002114 −2 / 2 0,64127 / 0,63585 4 0 +0,002131 0 / 2 0,63857 / 0,63585 2 1 0,002139 18 / 20 0,61320 / 0,61028 2 19 +0,002392 18 / 22 0,61320 / 0,60731 4 20 +0,002425 20 / 22 0,61028 / 0,60731 2 21 +0,002445 24 / 26 0,60438 / 0,60132 2 25 +0,002544 48 / 50 0,56628 / 0,56306 2 49 +0,002859 Hinweis: Dichtewerte und Ausdehnungskoeffizienten des flüssigen Ammoniaks weisen im betrachteten Temperaturbereich zwei Dichteanomalien auf. Die mittleren Ausdehnungskoeffizienten wurden aus den Dichtewerten berechnet: Die Dichtequotienten sind den Volumenquotienten oder den Quotienten der spezifischen Volumina (massenspezifisch oder molares Volumen) jeweils indirekt proportional. Molekulare Eigenschaften mini|Molekülgeometrie von Ammoniak Ammoniak besteht aus einem Stickstoff- und drei Wasserstoffatomen. Diese sind dabei nicht in einer Ebene, sondern in Form einer dreiseitigen Pyramide (trigonal-pyramidal) angeordnet. Das Stickstoffatom bildet die Spitze, die Wasserstoffatome die Grundfläche der Pyramide. Für diese Form verantwortlich ist ein freies Elektronenpaar des Stickstoffs. Wird dieses berücksichtigt, entspricht die Struktur der eines verzerrten Tetraeders. Gemäß dem VSEPR-Modell ergibt sich durch das freie Elektronenpaar eine Abweichung vom idealen Tetraederwinkel (109,5°) zu einem Wasserstoff-Stickstoff-Wasserstoff-Winkel von 107,3°. Dieser liegt damit zwischen den Bindungswinkeln im Methan (idealer Tetraederwinkel von 109,5°) und Wasser (größere Verzerrung durch zwei freie Elektronenpaare, Winkel 104,5°). Die Bindungslänge der Stickstoff-Wasserstoff-Bindung im Ammoniak liegt bei 101,4 pm, was wiederum zwischen den Bindungslängen im Methan von 108,7 pm und Wasser (95,7 pm) liegt. Dies lässt sich durch die zunehmende Elektronegativitätsdifferenz von Kohlenstoff über Stickstoff zu Sauerstoff und damit einer stärkeren polaren Bindung erklären. Als Molekülsymmetrie besitzt das Ammoniakmolekül die Punktgruppe C3v. Das Ammoniakmolekül ist nicht starr, die Wasserstoffatome können über einen planaren Übergangszustand auf die andere Seite der Pyramide klappen. Die Energiebarriere für die pyramidale Inversion ist mit 24,2 kJ/molChristoph Kölmel, Christian Oehsenfeld, Reinhart Ahlrichs: An ab initio investigation of structure and inversion barrier of triisopropylamine and related amines and phosphines. In: Theor. Chim. Acta. 82, 1991, S. 271–284 (doi:10.1007/BF01113258). so klein, dass sich bei Raumtemperatur von Ammoniak und davon ableitbaren Aminen NR3 (R: organische Reste) keine Enantiomere isolieren lassen. Ammoniakmoleküle besitzen eine sehr exakte und konstante Schwingungsfrequenz von 23,786 GHz,Paul A Tipler, Ralph A Llewellyn: Moderne Physik. 1. Auflage. Oldenbourg Verlag, 2002, ISBN 3-486-25564-9, S. 328 (). die zur Zeitmessung verwendet werden kann. Unter anderem wurde 1949 die erste Atomuhr mit Hilfe der Ammoniak-Schwingungsfrequenz konstruiert.Michael A. Lombardi, Thomas P. Heavner, Steven R. Jefferts: NIST Primary Frequency Standards and the Realization of the SI Second. In: NCSL International measure. 2, Nr. 4, 2007, S. 74–89 (PDF) Chemische Eigenschaften Flüssiges Ammoniak mini|Wasserfreies Ammoniak in einem 10-Bar-Druckbehälter Flüssiges Ammoniak ist ein polar protisches Lösungsmittel und zeigt ähnliche Eigenschaften wie Wasser. Es löst viele organische Verbindungen, wie Alkohole, Phenole, Aldehyde und EsterHans-Dieter Jakubke, Hans Jeschkeit (Hrsg.): Fachlexikon ABC Chemie. Harri Deutsch, Frankfurt am Main 1987. und viele Salze unter Solvatisierung der sich bildenden Ionen. In Analogie zu Wasser unterliegt flüssiges Ammoniak auch der Autoprotolyse mit dem Ionenprodukt von nur 10−29 mol2/l2 und einem Neutralpunkt von 14,5:James E. Huheey: Anorganische Chemie: Prinzipien von Struktur und Reaktivität. de Gruyter, Berlin 1988, ISBN 3-11-008163-6, S. 309 ff. Flüssiges Ammoniak ist auch ein Lösungsmittel für elementare Alkalimetalle und für die Erdalkalimetalle Calcium, Strontium und Barium. Es bilden sich tiefblaue Lösungen,Hans-Dieter Jakubke, Ruth Karcher (Hrsg.): Lexikon der Chemie. Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg 2001. in denen solvatisierte Metallionen und solvatisierte Elektronen vorliegen. Die Farbe wird durch solvatisierte Elektronen verursacht, die ohne Bindung zu einem bestimmten Atom in der Lösung vorhanden sind und auch eine gute elektrische Leitfähigkeit der Lösungen verursachen. Solche Lösungen werden zur Reduktion von Aromaten verwendet, siehe Birch-Reduktion. Die Lösung ist über längere Zeit stabil; in einer Redoxreaktion bildet sich unter Freisetzung von elementarem Wasserstoff langsam ein Metallamid M'NH2 in Gegenwart eines Katalysators wie Eisen(II)-chlorid rasch: Wässrige Lösungen In Wasser ist Ammoniak sehr gut löslich. Bei 0 °C lösen sich 1176 Liter Ammoniak in einem Liter Wasser. Die Lösungen werden Ammoniumhydroxid, Salmiakgeist oder Ammoniakwasser genannt und reagieren basisch. Als Base mit einer Basenkonstante pKb von 4,76 reagiert Ammoniak mit Wasser unter Bildung von Hydroxidionen (OH−): Das Gleichgewicht der Reaktion liegt jedoch weitgehend auf der Seite von Ammoniak und Wasser. Ammoniak liegt daher weitgehend als molekular gelöste Verbindung vor. In wässrigen Lösungen bilden sich keine Amid-Ionen (NH2−), da diese in Wasser eine sehr starke Base mit pKb = −9 wären und Ammoniak somit hier nicht als Säure (Protonendonator) reagiert. Mit einer starken Säure setzt sich Ammoniak zu Ammoniumionen (NH4+) um: Wird Ammoniak im klassischen Sinne neutralisiert, bildet sich eine Lösung von Ammoniumsalz. Mit Salzsäure bildet sich Ammoniumchlorid: Redoxreaktionen Ammoniak kann mit Sauerstoff reagieren und zu Stickstoff und Wasser verbrennen. An der Luft lässt sich Ammoniak zwar entzünden, die freiwerdende Energie reicht aber nicht für eine kontinuierliche Verbrennung aus; die Flamme erlischt. In reinem Sauerstoff verbrennt Ammoniak dagegen gut, bei höherem Druck kann diese Reaktion auch explosionsartig erfolgen. Eine entsprechende Reaktion erfolgt auch mit starken Oxidationsmitteln wie Halogenen, Wasserstoffperoxid oder Kaliumpermanganat.Arnold Willmes: Taschenbuch Chemische Substanzen. Harri Deutsch, Frankfurt am Main 2007. Ammoniak hat nach DIN 51850 einen Brennwert von 22,5 MJ/kg oder einen Heizwert von 5,2 kWh/kg. In Gegenwart von Platin- oder Rhodium-Katalysatoren reagiert Ammoniak und Sauerstoff nicht zu Stickstoff und Wasser, sondern zu Stickoxiden, wie etwa Stickstoffmonoxid. Diese Reaktion wird bei der Produktion von Salpetersäure im Ostwald-Verfahren genutzt. Mit besonders reaktionsfähigen Metallen wie Alkali- oder Erdalkalimetallen und in Abwesenheit von Wasser bilden sich in einer Redoxreaktion Amide der allgemeinen Form MINH2 (MI: einwertiges Metallatom), wie z. B. Natriumamid. Verbindungen der Form M2NH, bei denen zwei der drei Wasserstoffatome ersetzt sind, heißen Imide und sind keine Wasserstoffatome vorhanden, spricht man von Nitriden. Sie lassen sich durch Erhitzen von Amiden gewinnen. {| |- | Imide: || || z. B. Magnesiumimid |- | Nitride: || || z. B. Magnesiumnitrid |} Die Alkali- und Erdalkalisalze setzen sich mit Wasser zu Metallhydroxiden und Ammoniak um. Amminkomplexe mini|Amminkomplexe von Cu(II)- (links) und Cobalt(III)-ionen Ammoniak neigt zur Komplexbildung mit vielen Übergangsmetallen. Beständige Komplexe sind besonders von Cr3+, Co3+, Pd2+, Pt4+, Ni2+, Cu2+ bekannt. Bei einem reinen Amminkomplex liegt ein Kation vor, das die Ladung des Metalls trägt und die Ammoniakmoleküle als einzähnige Liganden um ein zentrales Metallatom herum gruppiert sind. Der Ligand bindet sich über sein freies Elektronenpaar an das Zentralatom. Die Bildungsreaktionen der Komplexe lassen sich mit dem Lewis-Säure-Base-Konzept beschreiben. Die Amminkomplexe haben die allgemeine Struktur mit Mn+ als Metall-Kation mit n Ladungen und m Liganden. Ein bekannter Amminkomplex ist der Kupfertetramminkomplex [Cu(NH3)4]2+, der eine typische blaue Farbe besitzt und als Nachweis für Kupfer genutzt werden kann. Stabile Komplexe lassen sich in Form von Salzen, z. B. als Sulfate gewinnen und werden Ammin-Salze oder Ammoniakate genannt. Amminkomplexe können neben Ammoniak auch andere Liganden tragen. Neben dem reinen Chromhexamminkomplex sind auch Komplexe mit der allgemeinen Struktur mit n gleich 0 bis 6 und mit dem Ligand L, wie z. B. F−, Cl−, CN− bekannt. Die Komplexe können durch die Ladungskompensation durch die ionischen Liganden daher auch Anionen oder eine molekulare (ungeladene) Struktur aufweisen. Ein Beispiel dafür ist Cisplatin, [Pt(Cl)2(NH3)2], ein quadratisch-planarer Platin(II)-Komplex mit zwei Amminliganden und zwei Chlorid-Ionen, der ein wichtiges Zytostatikum darstellt. An Ammoniak-Chlor-Komplexen des Cobalts wurde 1893 von Alfred Werner erstmals eine Theorie zur Beschreibung von Komplexen aufgestellt. Verwendung mini|Ammoniumhaltiger Dünger (Kalkammonsalpeter – Calciumammoniumnitrat) Herstellung stickstoffhaltiger Verbindungen Für praktisch alle stickstoffhaltigen industriell hergestellten Verbindungen stellt Ammoniak die primäre Stickstoffquelle dar. Die dafür eingesetzten Verfahren verwenden entweder direkt Ammoniak oder ein aus Ammoniak hergestelltes Zwischenprodukt. Mit einem Anteil von 40 % im Jahr 1995 ist Harnstoff die wichtigste aus Ammoniak hergestellte Verbindung, die vorwiegend als Düngemittel und für die Produktion von Harnstoffharzen eingesetzt wird. Eine neu hinzugekommene Verwendung ist der Einsatz als wässrige Lösung zur katalytischen Entstickung von Dieselabgasen (Adblue). Gewonnen wird Harnstoff durch Reaktion von Ammoniak mit Kohlenstoffdioxid. Daneben werden auch weitere Stickstoffdünger aus Ammoniak hergestellt. Zu den wichtigsten zählen die Ammoniumsalze Ammoniumnitrat, -phosphat und -sulfat. In geringerem Umfang wird flüssiges Ammoniak direkt in den Boden vor der Aussaat injiziert, was neben der Düngung auch als Herbizid und Insektizid wirkt. Insgesamt lag der Anteil von Düngemitteln am Gesamtammoniakverbrauch im Jahr 2003 bei 83 %. Ein weiterer wichtiger aus Ammoniak hergestellter Stoff ist die Salpetersäure, die wiederum Ausgangsmaterial für eine Vielzahl weiterer Verbindungen ist. Im Ostwald-Verfahren reagiert Ammoniak an Platinnetzen mit Sauerstoff und bildet so Stickoxide, die mit Wasser und weiterem Sauerstoff zu Salpetersäure reagieren. Zu den aus Salpetersäure hergestellten Verbindungen zählen unter anderem Sprengstoffe wie Nitroglycerin oder TNT. Weitere industriell wichtige Zwischenprodukte sind Blausäure, Hydroxylamin, Hydrazin und Methylamin. Weitere direkt oder indirekt aus Ammoniak synthetisierte Stoffe sind Amine, Amide, Cyanide, Nitrate, Nitrite, Nitride, Isocyanate und Aminosäuren. Rolle in verschiedenen organischen Synthesen Primäre Carbonsäureamide können aus Ammoniak und geeigneten Carbonsäurederivaten wie Carbonsäurechloriden oder -estern gewonnen werden. Die direkte Reaktion von Carbonsäure und Ammoniak zum entsprechenden Amid erfolgt dagegen nur bei erhöhten Temperaturen, wenn sich das zuvor gebildete Ammoniumsalz zersetzt.Reinhard Brückner: Reaktionsmechanismen. 3. Auflage. Spektrum Akademischer Verlag, München 2004, ISBN 3-8274-1579-9, S. 329. Aromatische Amine werden durch Nitrierung (Einführung der Nitrogruppe mit einem Salpetersäure-Schwefelsäure-Gemisch) und anschließende katalytische Reduktion mit Wasserstoff in der Flüssig- oder Gasphase hergestellt. Es ist möglich, Anilin durch die Reaktion von Phenol und Ammoniak an einem Aluminium-Silikat-Katalysator herzustellen. Diese Syntheseroute erfordert jedoch mehr Energie und ergibt eine geringere Ausbeute als die Synthese und Reduktion von Nitrobenzol und wird daher nur in geringem Maß angewendet, wenn Phenol preiswert zur Verfügung steht.Thomas Kahl, Kai-Wilfried Schröder, F. R. Lawrence, W. J. Marshall, Hartmut Höke, Rudolf Jäckh: Aniline. In: Ullmann’s Encyclopedia of Industrial Chemistry. Wiley-VCH, Weinheim 2005 (). Besondere Anwendungen Rauchgasreinigung Die Reaktion von Ammoniak als Base mit Säuren zu Ammoniumsalzen wird in der Rauchgasreinigung ausgenutzt. Dabei reagiert Ammoniak mit Schwefel- und Salpetersäure zu den entsprechenden Ammoniumsalzen und kann deshalb in Anwesenheit von Wasserdampf die eventuell in Rauchgasen enthaltenen unerwünschten und umweltschädlichen Schwefel- und Stickoxide als Ammoniumsalze aus den Rauchgasen entfernen. Weiterhin dient Ammoniak als Reduktionsmittel zur Umsetzung von Stickoxiden zu Stickstoff mit Hilfe von SCR-Katalysatoren (Selective Catalytic Reduction). Kältemittel Aufgrund seiner großen spezifischen Verdampfungsenthalpie von 1368 kJ/kgHeinz Herwig: Wärmeübertragung A–Z: Systematische und ausführliche Erläuterungen wichtiger Größen und Konzepte. Springer, 2000, ISBN 3-540-66852-7, S. 109. wird Ammoniak unter der Bezeichnung R-717 auch als Kältemittel eingesetzt. Vorteile sind eine geringe Entflammbarkeit, der nicht vorhandene Beitrag zum Treibhauseffekt oder zur Zerstörung der Ozonschicht sowie der Verwendungsbereich von −60 bis +100 °C. Der weitaus überwiegende Teil von Großkälteanlagen, z. B. Eishockeystadien oder Kühlhäuser für tiefgekühlte Lebensmittel, wird mit Ammoniak betrieben. Nachteilig ist die potentielle Toxizität von Ammoniak und die damit einhergehenden Sicherheitsanforderungen. Färbungen Ammoniak reagiert mit der in Hölzern vorkommenden Gerbsäure und färbt das Holz je nach Konzentration der Gerbsäure dunkelbraun. So wird beispielsweise Eichenholz mit Ammoniak oder Salmiak zu der dunkelbraun erscheinenden Räuchereiche verwandelt. Auch bei der Herstellung von Lichtpausen (Diazotypien) wird Ammoniak zur Bildung der blauen Färbung verwendet. Ammoniak als Treibstoff Neuere Studien, unter anderem des Fraunhoferinstituts, legen eine Verwendung von Ammoniak als Treibstoff nahe. Er gilt als leichter zu gewinnen sowie sicherer und einfacher zu lagern und transportieren als Wasserstoff. Der Klimawandel macht eine Veränderung globaler Energiespeicherung und Bereitstellung notwendig, folglich suchen wirtschaftliche Akteure nach Alternativen zur klassischen kohlenstoffbasierten Energiewirtschaft. Ammoniak kann in großen Mengen „grün“, also ohne CO2-Ausstoß, erzeugt werden. Treibstoff für Verbrennungsmotoren Bereits 1943 wurden mangels Diesels mehrere belgische Busse mit einem Ammoniak-Stadtgasgemisch in einem Verbrennungsmotor betrieben. In den 1960er Jahren wurde u. a. Ammoniak als Treibstoff für das raketenangetriebene Experimentalflugzeug North American X-15 eingesetzt. Prinzipiell ist die Arbeitsweise und Geometrie von Ammoniak-Motoren herkömmlichen Motoren mit fossilen Kraftstoffen ähnlich. Das derzeitige Problem ist die hohe Menge an unverbranntem Ammoniak („Ammoniakschlupf“) und die Stickoxidemissionen (NOx) aufgrund des im Brennstoff gebundenen Stickstoffs. Darum ist das Implementieren einer katalytischen Vorrichtung erforderlich. Wegen des Platzbedarfs für ein solches Nachbehandlungssystem kann Ammoniak derzeit nur in Anwendungen in der Schifffahrt, der Stromerzeugung und schweren Nutzfahrzeugen als praktikable Lösung angesehen werden. Am weitesten fortgeschritten sind Entwicklungen von ammoniakgetriebenen Motoren für die Seeschifffahrt, hier wiederum solche, die wie Dieselmotoren als Selbstzünder arbeiten. Frühe Versuche, Ammoniak als Mono-Kraftstoff zu verwenden, zeigten, dass eine hohe Kompression (> 35:1) zur Selbstzündung führt und damit hohe Temperaturen erforderlich sind. Um niedrigere Kompressionsraten (< 15:1) zur Zündung zu erreichen, mischte man in einer zweiten Entwicklungsphase (engl. dual-fuel operation) einen weiteren Kraftstoff, meist Diesel, hinzu. Ferner ist der Wirkungsgrad bei Ammoniak niedriger (etwa 40 %) als bei herkömmlichen Schiffsdieselmotoren (55 %), was weitere Optimierung erforderlich machte. Wegen der Korrosivität von Ammoniak müssen gewisse Materialien vermieden werden. Eine chinesische Gruppe hat mit einem Rückführungs-Verfahren (in-cylinder reforming gas recirculation IRGR vergleichbar „Turbolader“) den Wirkungsgrad deutlich steigern können und dabei den Ammoniakausstoß merklich senken können, wobei der Treibstoff 97 % Ammoniak enthält. MAN entwickelt in Dänemark einen Zweitakt-Selbstzünder-Motor zur Verbrennung von Ammoniak, um den CO2-Ausstoß zu reduzieren. Als Everllence verkauft die Firma 2025 mehrere Schiffsmotoren an Höegh Autoliners. Ziel ist es, den beigemischten Diesel auf etwa 5 % zu reduzieren. WinGD ist ebenfalls in diesem Segment tätig und will den ersten Schiffsmotor im Jahr 2025 ausliefern. Damit wären Motoren einsatzbereit, die 95 % weniger CO2 freisetzen als solche, die kohlenstoffhaltige Treibstoffe benötigen. Dazu wird grünes Ammoniak benötigt, das demnächst im großen Stil von der saudischen Neugründung NEOM Green Hydrogen Company produziert werden soll. Die Japan Engine Corporation (J-ENG) hat 2025 einen Dual-Fuel-Motor für den Schiffantrieb gebaut und mehrere Monate getestet, der 2026 in ein Schiff eingebaut werden soll. Das erste mit Ammoniakantrieb betriebene Schiff ist die FFI Green Pioneer.Leigh Collins : ‘Brave, innovative’ | Fortescue ship becomes first in the world to use hydrogen-based ammonia as a maritime fuel. In hydrogeninsight.com, 15. März 2024 (englisch) Elektrische Energie in Brennstoffzellen Seit ein paar Jahren wächst das Interesse an der möglichen Nutzung von Ammoniak als potenziell klimaneutralen Energieträger. Ammoniak kann u. a. in Brennstoffzellen wiederverstromt werden. Diese weisen hierfür unterschiedliche technische Eignungen auf. Beispielsweise darf eine PEM-Brennstoffzelle nur mit einem maximalen Ammoniakgehalt von 0,5 ppm im Brenngas beaufschlagt werden, wohingegen alkalische Brennstoffzellen diesbezüglich toleranter sind. Hierfür ist also ein vorgeschalteter Ammoniak-Cracker, der Ammoniak in ein Wasserstoff-Stickstoff-Gas konvertiert, und ggf. eine Gasreinigung nötig. Solche Brennstoffzellensysteme können Wirkungsgrade von 51,5 bis 57 % erreichen. Außerdem sind Direktammoniakbrennstoffzellen (Ammoniak-Brennstoffzelle) Stand der Entwicklung und Forschung. Weiterhin können modifizierte Verbrennungsmotoren und thermische Kraftwerke Ammoniak wiederverstromen. Ammoniak und Wasserstoff Ammoniak bietet sich als Speichermedium für Wasserstoff an, denn der Massenanteil von Wasserstoff im Ammoniak ist mit 17,8 % so groß, dass Ammoniak als Wasserstoffträger bezeichnet werden kann. Es offeriert in flüssiger Form eine Energiedichte von 3,3 kWh/l (zum Vergleich: Flüssigwasserstoff bei −253 °C: 2,4 kWh/l, Druckwasserstoff bei 1000 bar: 1,7 kWh/l). Die Einbeziehung von Tanksystemen in den Vergleich führt zu einer signifikanten Verringerung der volumen- und auch massebezogenen Energiedichte des Wasserstoffs, während die Energiedichte des Ammoniaks deutlich weniger stark abnimmt. Das liegt an der vorteilhaften und LPG-ähnlichen Dampfdruckkurve des Ammoniaks. Bei 20 °C kann Ammoniak mit einem Druck von 8,58 bar flüssig gespeichert werden. Eine drucklose Speicherung ist bei einer Kühlung auf −33 °C möglich. Diese Eigenschaften ermöglichen es, große Mengen Ammoniak in kälteisolierten Tanks mit geringem Energieaufwand für die Rückverflüssigung zu speichern. Tanks mit 20.000 t Ammoniak sind Stand der Technik. Biologische Bedeutung mini|Cyanobakterien können Ammoniak aus Stickstoff gewinnen Nur wenige Mikroorganismen sind in der Lage, Ammoniak in der sogenannten Stickstofffixierung direkt aus dem Stickstoff der Luft zu gewinnen. Beispiele hierfür sind Cyanobakterien oder Proteobacterien wie Azotobacter. Aus diesem über das Enzym Nitrogenase gewonnenen Ammoniak werden von den Bakterien Aminosäuren synthetisiert, die von allen Lebewesen benötigt werden. Die meisten Hülsenfrüchtler, wie Bohnen, Klee und Lupinen sind für eine bessere Versorgung mit Aminosäuren auch Symbiosen mit bestimmten Bakterienarten eingegangen. Im Stoffwechsel beim Auf- und Abbau von Aminosäuren spielt Ammoniak, das unter biochemischen Bedingungen als Ammoniumion vorliegt, eine wichtige Rolle. Aus Ammoniumionen und α-Ketoglutarat entsteht durch reduktive Aminierung Glutamat, aus dem wiederum durch Transaminierung weitere Aminosäuren synthetisiert werden können. Während Mikroorganismen und Pflanzen auf diese Art alle Aminosäuren synthetisieren, beschränkt sich dies bei Mensch und Tieren auf die nicht-essentiellen Aminosäuren.Aminosäuren. In: Lexikon der Biologie. Wissenschaft-online, Spektrum Verlag; eingesehen am 7. August 2009. Ebenso erfolgt der Abbau von Aminosäuren zunächst über eine Transaminierung zu Glutamat, das durch das Enzym Glutamatdehydrogenase wieder in α-Ketoglutarat und Ammoniak gespalten wird. Da größere Mengen Ammoniak toxisch wirken und auch nicht vollständig für den Aufbau neuer Aminosäuren verwendet werden können, muss es eine Abbaumöglichkeit geben. Der Weg, das überschüssige Ammoniak aus dem Körper zu entfernen, entscheidet sich je nach Tierart und Lebensraum. Wasserbewohnende Lebewesen können Ammonium direkt an das umgebende Wasser abgeben und benötigen keinen ungiftigen Zwischenspeicher. Lebewesen, die auf dem Land leben, müssen das Ammoniak hingegen vor dem Ausscheiden in ungiftige Zwischenprodukte umwandeln. Dabei gibt es im Wesentlichen zwei Stoffe, die genutzt werden. Insekten, Reptilien und Vögel verwenden die wasserunlösliche Harnsäure, die als Feststoff ausgeschieden wird (Uricotelie). Dies ist in wasserarmen Gebieten und bei der Einsparung von Gewicht bei Vögeln vorteilhaft. Säugetiere sind dagegen in der Lage, Ammonium in der Leber über den Harnstoffzyklus in ungiftigen und wasserlöslichen Harnstoff umzuwandeln (Ureotelie). Dieser kann dann über den Urin ausgeschieden werden. Harnstoff kann durch das Enzym Urease, das in manchen Pflanzen wie der Sojabohne oder der Schwertbohne, in bestimmten Bakterien und wirbellosen Tieren vorkommt, in Ammoniak und Kohlenstoffdioxid gespalten werden. Diese Bakterien finden sich unter anderem im Pansen von Wiederkäuern und bewirken, dass auch Jauche und Mist dieser Tiere ammoniakhaltig ist. Wegen der Ausgasung bei der Ausbringung der Exkremente (Gülle) als Dünger stellt dies die größte anthropogene Ammoniak-Quelle in der Umwelt dar. Eine besondere Bedeutung hat Ammoniak in der Ökologie der Gewässer. Abhängig von pH-Wert verschiebt sich hier das Verhältnis der gelösten Ammonium-Ionen und dem ungelösten Ammoniak im Wasser, wobei die Konzentration des Ammoniaks bei zunehmenden pH-Werten zunimmt, während die der Ammonium-Ionen entsprechend abnimmt. Bei Werten bis etwa pH 8 liegen fast ausschließlich Ammonium-Ionen vor, bei einer Überschreitung eines pH-Wertes von 10,5 fast ausschließlich Ammoniak. Eine Steigerung des pH-Werts kann vor allem durch starke Steigerung der Photosyntheseaktivität, etwa bei Algenblüten, in schwach abgepufferten und abwasserbelasteten Gewässern auftreten. Da Ammoniak für die meisten Organismen der Gewässer toxisch ist, kann bei einer Überschreitung des kritischen pH-Wertes plötzliches Fischsterben auftreten.Winfried Lampert, Ulrich Sommer: Limnoökologie. Georg Thieme Verlag, Stuttgart 1993, ISBN 3-13-786401-1, S. 77. Toxikologie mini|Symptome einer Ammoniakvergiftung Durch den unangenehmen Geruch, der schon bei niedrigen Konzentrationen wahrnehmbar ist, existiert eine Warnung, so dass Vergiftungsfälle mit Ammoniak selten sind. Der MAK-Wert beträgt 50 ppm und liegt deutlich über der Geruchsschwelle. Im industriellen Umfeld geht die Gefährdung in erster Linie von Kälteanlagen aus. Gasförmiges Ammoniak wird vor allem über die Lungen aufgenommen. Dabei wirkt es durch Reaktion mit Feuchtigkeit stark ätzend auf die Schleimhäute. Auch die Augen werden durch die Einwirkung von Ammoniak erheblich geschädigt. Beim Einatmen hoher Konzentrationen ab etwa 1700 ppm besteht Lebensgefahr durch Schäden in den Atemwegen (Kehlkopfödem, Stimmritzenkrampf, Lungenödeme, Pneumonitis) und Atemstillstand. Beim Übergang substantieller Ammoniakmengen ins Blut steigt der Blutspiegel von NH4+ über 35 µmol/l, was zentralnervöse Erscheinungen wie Tremor der Hände, Sprach- und Sehstörungen und Verwirrung bis hin zum Koma und Tod verursachen kann. Die pathophysiologischen Mechanismen sind noch nicht eindeutig geklärt, Ammoniak scheint vor allem die Astrozyten im Gehirn zu schädigen. Akute Ammoniakvergiftungen können außer durch Einatmung auch infolge von Leberversagen (→ Hepatische Enzephalopathie) oder bei Enzymdefekten auftreten, da dann im Stoffwechsel anfallende Stickstoff-Verbindungen nicht zu Harnstoff umgebaut und ausgeschieden werden können („endogene Ammoniakvergiftung“).Georg Löffler: Biochemie und Pathobiochemie. 8. Auflage. Springer, 2006, S. 454. Eine mögliche Erklärung für die nerventoxische Wirkung von Ammoniak ist die Ähnlichkeit von Ammonium mit Kalium. Durch den Austausch von Kalium durch Ammonium kommt es zu Störungen der Aktivität des NMDA-Rezeptors und in Folge davon zu einem erhöhten Calcium-Zufluss in die Nervenzellen, was deren Zelltod bewirkt.D. J. Randall, T. K. N. Tsui: Ammonia toxicity in fish. In: Marine Pollution Bulletin. 45, 2002, S. 17–23 (doi:10.1016/S0025-326X(02)00227-8. PMID 12398363). Das ZellgiftG. Halwachs-Baumann: Labormedizin: Klinik - Praxis - Fallbeispiele. Springer, 2006, ISBN 3-211-25291-6, S. 96. Ammoniak wirkt vorwiegend auf Nerven- und Muskelzellen. Nahezu alle biologischen Membranen sind aufgrund der geringen Größe des Moleküls sowie seiner Lipidlöslichkeit für Ammoniak durchlässig.G. F. Fuhrmann: Toxikologie für Naturwissenschaftler: Einführung in die theoretische und spezielle Toxikologie. Vieweg+Teubner Verlag, 2006, ISBN 3-8351-0024-6, S. 53, S. 349. Die Cytotoxizität beruht dabei auch auf der Störung des Citratzyklus, indem der wichtige Metabolit α-Ketoglutarsäure zu Glutaminsäure aminiert wird,Wissenschaft-Online-Lexika: Eintrag zu Ammoniak im Lexikon der Ernährung; abgerufen am 26. August 2009. sowie auf der Störung des pH-Werts der Zellen. Die enzephalotoxische Wirkung wird auch mit einem erhöhten Glutaminspiegel im GehirnJ. Hallbach: Klinische Chemie für den Einstieg. 2. Auflage. Georg Thieme Verlag, 2006, ISBN 3-13-106342-4, S. 207. sowie der Bildung von reaktiven SauerstoffspeziesJ. E. O’Connor, B. F. Kimler, M. Costell, and J. Viña: Ammonia Cytotoxicity Involves Mitochondrial Disfunction, Impairment Of Lipid Metabolism And Oxidative Stress. Dpt. of Biochemistry, University of Valencia, Valencia, Spain; Dpt. of Radiation Biology, Kansas University Medical Center, Kansas City, KS; Instituto de Investigaciones Citológicas, Valencia, Spain. in Verbindung gebracht. mini|Entwicklung der Emissionen von Ammoniak von 1990 bis 2020 Auch chronische Auswirkungen bei längerer Einwirkung von Ammoniak sind vorhanden. Durch Schädigung der Atemwege kann es zu Bronchialasthma, Husten oder Atemnot kommen. Wässrige Ammoniaklösungen können auch über Haut und Magen aufgenommen werden und diese verätzen. Ammoniak kommt durch Düngung und Massentierhaltung in die Atemluft. Dort wandelt es sich in Ammoniumsulfat und -nitrat um, was maßgeblich dazu beiträgt, dass Feinstaubpartikel entstehen.Leibniz-Institut für Troposphärenforschung: Modellierung der regionalen und städtischen Luftqualität, o. J.Österreichische Akademie der Wissenschaften: 24. März 2014. Zudem fördert Ammoniak zusammen mit Stickstoffoxiden die Bildung von gesundheitsschädlichem, bodennahem Ozon.Sachverständigenrat für Umweltfragen: Stickstoff: Lösungsstrategien für ein drängendes Umweltproblem – Kurzfassung. Januar 2015, Langfassung.www.scinexx.de – Das Wissensmagazin: Wie groß ist unser Stickstoff-Fußabdruck? 26. Januar 2016. Es wird geschätzt, dass die Landwirtschaft dadurch im Jahr 2010 die Ursache für etwa 45 % aller Todesfälle durch Luftverschmutzung in Deutschland war.Max-Planck-Gesellschaft: Mehr Tote durch Luftverschmutzung. 16. September 2015. Die Landwirtschaft ist mit einem Anteil von etwa 95 % Hauptemittent des Luftschadstoffs Ammoniak in Deutschland. Dabei stammten im Jahr 2020 über 70 % der gesamten Ammoniakemissionen aus der Tierhaltung. (Anmerkung: der Artikel datiert inzwischen vom 22. Juli 2021; in dieser Version wird kein Autor genannt) Ammoniak ist außerdem der einzige Luftschadstoff, bei dem es seit 1990 bis 2020 nur zu einer Reduktion von ca. 25 % gekommen ist. Mit einer Reduzierung der Ammoniakemissionen um 50 % könnten weltweit etwa 250.000 Todesfälle jährlich durch Luftverschmutzung vermieden werden, bei einer kompletten Abschaffung dieser Emissionen sogar 800.000 Todesfälle. Bei Hausrindern kommen akute Ammoniakvergiftungen vor allem bei Fütterung von Nicht-Protein-Stickstoffverbindungen (NPN) vor. Bei einem Harnstoffanteil von über 1,5 % im Futter treten zentralnervöse Vergiftungserscheinungen auf, da der Harnstoff nicht mehr vollständig von der Pansenflora zur Proteinsynthese verarbeitet werden kann.Gerrit Dirksen u. a.: Innere Medizin und Chirurgie des Rindes. 5. Auflage. Georg Thieme Verlag, 2006, ISBN 3-8304-4169-X, S. 1133–1134. Die chronische Exposition mit Ammoniak in der Stallhaltung bei Nutz- und Labortieren, vor allem bei strohlosen Haltungsformen und höheren Temperaturen bei unzureichender Belüftung, führt zu Schädigungen der Atemwege und damit zu vermehrtem Auftreten von Atemwegsinfektionen, zu verminderter Futteraufnahme und Leistungseinbußen.Wolfgang Methling, Jürgen Unshelm: Umwelt- und tiergerechte Haltung von Nutz-, Heim- und Begleittieren. Georg Thieme Verlag, 2002, ISBN 3-8263-3139-7. Von der Gefahr einer Vergiftung durch Ammoniak sind wegen der guten Wasserlöslichkeit des Ammoniaks insbesondere Fische und andere Wasserlebewesen betroffen. Während viele Fischarten nur geringe Ammoniakkonzentrationen vertragen, haben einige Arten spezielle Strategien entwickelt, auch höhere Konzentrationen zu tolerieren. Dazu zählt die Umwandlung des Ammoniaks in ungiftigere Verbindungen wie Harnstoff, oder sogar Pumpen, um Ammoniak aus dem Körper aktiv zu entfernen, die bei Schlammspringern beobachtet wurden. Ammoniakvergiftungen kommen in der Teichwirtschaft und Aquaristik vor. Ursachen können die Verunreinigung des Wassers mit Gülle oder Düngemitteln sowie der Anstieg des pH-Wertes mit einer Verschiebung des Dissoziationsgleichgewichts in Richtung Ammoniak sein. Betroffene Fische zeigen eine vermehrte Blutfülle (Hyperämie) und Blutungen in den Kiemen und inneren Organen sowie eine vermehrte Schleimproduktion der Haut. Bei höheren Konzentrationen kann es zum Absterben von Flossenteilen, Hautarealen oder Kiemen, zu zentralnervösen Erscheinungen oder zum Tod kommen.Jan Wolter, Frank Mutschmann: Ammoniakvergiftung. In: Karl Gabrisch, Peernel Zwart (Hrsg.): Krankheiten der Heimtiere. 6. Auflage. Schlütersche Verlagsgesellschaft, Hannover 2005, ISBN 3-89993-010-X, S. 917. Geruchsreizstoff Die früher üblichen Riechfläschchen enthielten Ammoniumcarbonat (Hirschhornsalz) oder eine trockene Mischung von Ammoniumchlorid und Kaliumcarbonat (Pottasche). Durch Zutritt von Luftfeuchtigkeit wird Ammoniak freigesetzt, der als Geruchsreiz bei Ohnmacht diente. Analog dazu wird heute Ammoniaklösung in Riechampullen verwendet. Der extreme Geruchsreiz dient als antidissoziative Strategie, etwa im Rahmen einer Dialektisch-Behavioralen Therapie.Frank Schneider: Facharztwissen Psychiatrie und Psychotherapie. Springer DE, 2012, ISBN 978-3-642-17192-5, S. 357. Chemische Nachweise mini|Stickstoffbestimmung nach Kjeldahl: Untersuchung einer Gülleprobe. Es gibt mehrere Möglichkeiten, gasförmiges Ammoniak in der Luft nachzuweisen. Einfache Nachweise, die bei wenig Ammoniak nicht immer eindeutig sind, sind der typische Geruch, die Verfärbung von feuchtem Säure-Base-Indikatorpapier durch das basische Ammoniakgas, oder der typische weiße Rauch von Ammoniumchlorid, der entsteht, wenn gasförmiges Ammoniak auf gasförmigen Chlorwasserstoff trifft, der probeweise aus einer geöffneten Flasche mit konzentrierter Salzsäure entweicht. Charakteristisch ist auch die Bildung stark blau gefärbter Kupfertetramminkomplexe bei der Reaktion von Ammoniaklösungen mit Kupfersalzlösungen. Dabei entstehen dunkelblaue [Cu(NH3)4]2+-Kristalle. Eine genaue – in der Spurenanalytik durch die Störung mit Schwefelwasserstoff jedoch häufig nicht einsetzbare – Reaktion zur Ammoniak-Bestimmung ist die Neßler-Reaktion, bei der Kaliumtetraiodomercurat(II) mit Ammoniak zu einem typischen braunen Niederschlag von (Hg2N)I reagiert. Ein weiterer Nachteil ist auch die Verwendung des giftigen Quecksilbers. Stattdessen wird die Berthelot-Reaktion genutzt, bei der Ammoniak mit Hypochlorit Chloramine bildet. Diese sind in der Lage mit Phenolen zu Indophenolen zu reagieren, die an ihrer tiefblauen Farbe erkannt werden können. Für geringe Mengen kann auch die Kjeldahlsche Stickstoffbestimmung genutzt werden. Mit dieser Methode sind auch quantitative Bestimmungen möglich. Messen von Ammoniak in der Luft Aufgrund seiner physikalischen Eigenschaften ist eine optische Erfassung von Ammoniak in der Luft problematisch. Es werden fast ausschließlich nasschemische Verfahren eingesetzt, um eine gleichzeitige Erfassung von Ammonium in Feinstäuben zu verhindern.Ulrich Dämmgen, Lotti Thöni, Ralf Lumpp, Kerstin Gilke, Eva Seitler, Marion Bullinger: Verfahrenskenngrößen für die Bestimmung von Ammoniakkonzentrationen in der Umgebungsluft – Teil 2: Messungen mit Passivsammlern. In: Gefahrstoffe – Reinhalt. Luft. 70, Nr. 9, 2010, S. 367–372. Belastungen der Außenluft mit Ammoniak können mit beschichteten Diffusionsabscheidern, sogenannten Denudern, quantitativ erfasst werden.Ulrich Dämmgen, Lotti Thöni, Ralf Lumpp, Kerstin Gilke, Eva Seitler, Marion Bullinger: Verfahrenskenngrößen für die Bestimmung von Ammoniakkonzentrationen in der Umgebungsluft – Teil 1: Messungen mit Denudern. In: Gefahrstoffe – Reinhalt. Luft. 70, Nr. 5, 2010, S. 197–201. Als sorbierende Beschichtung dient eine Säure (z. B. Oxalsäure), die nach Abschluss der Probenahme analysiert wird.VDI 3869 Blatt 3:2010-10 Messen von Ammoniak in der Außenluft; Probenahme mit beschichteten Diffusionsabscheidern (Denudern); Fotometrische oder ionenchromatografische Analyse (Measurement of ammonia in ambient air; Sampling with diffusion separators (denuders); Photometric or ion chromatographic analysis). Beuth Verlag, Berlin, S. 17. Alternativ können Passivsammler eingesetzt werden. Im Gegensatz zu den aktiv sammelnden Denudern wird bei diesen Geräten auf eine gezielte Strömungsführung verzichtet. Das zu detektierende Ammoniak gelangt ausschließlich durch Diffusion zum Sorbens.VDI 3869 Blatt 4:2012-03 Messen von Ammoniak in der Außenluft; Probenahme mit Passivsammlern; Fotometrische oder ionenchromatografische Analyse (Measurement of ammonia in ambient air; Sampling with diffusive samplers; Photometric or ion chromatographic analysis). Beuth Verlag, Berlin, S. 9. Weitere Verfahren sind das Indophenol-Verfahren und das Neßler-Verfahren. Beim Indophenol-Verfahren wird die Luft durch eine mit verdünnter Schwefelsäure befüllten Waschflasche geleitet und als Ammoniumsulfat gebunden. Nach Umsetzung zu Indophenol wird dessen Konzentration photometrisch bestimmt.Franz Joseph Dreyhaupt (Hrsg.): VDI-Lexikon Umwelttechnik. VDI-Verlag, Düsseldorf 1994, ISBN 3-18-400891-6, S. 637–638. Beim Nessler-Verfahren wird das gewonnene Ammoniumsulfat mit Neßlers Reagenz umgesetzt und die Färbungsintensität des gewonnenen Kolloids photometrisch bestimmt.VDI 2461 Blatt 2:1976-05 Messung gasförmiger Immissionen; Messen der Ammoniak-Konzentration; NESSLER-Verfahren. VDI-Verlag, Düsseldorf, S. 2. Beiden Verfahren ist gemein, dass sie nicht selektiv gegenüber Ammoniak sind. Literatur Max Appl: Ammonia. In: Ullmann’s Encyclopedia of Industrial Chemistry, Wiley-VCH, Weinheim 2006 (). Robert Schlögl: Katalytische Ammoniaksynthese – eine „unendliche Geschichte“? In: Angewandte Chemie. Band 115, Nr. 18, 2003, S. 2050–2055 doi:10.1002/ange.200301553. Weblinks Einzelnachweise Kategorie:Stickstoffverbindung Kategorie:Wasserstoffverbindung Kategorie:Kältemittel Kategorie:Aromastoff (EU)
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Aszites
mini|Durch Leberzirrhose verursachter Aszites mini|Tumorzellverbände aus Bauchwasser mit blauen Zellkernen und tumorspezifischen Markern in roter und grüner Farbe Der Aszites (auch Ascites, von ) ist die medizinische Benennung für eine übermäßige Ansammlung von freier, meist klarer seröser Flüssigkeit in der Bauchhöhle, genauer im Peritonealraum; andere Ausdrücke für diese Flüssigkeitsansammlung sind Hydraskos, Bauchwassersucht oder Wasserbauch. Bei Gesunden enthält der Peritonealraum nur zirka 50 bis 70 Milliliter Flüssigkeit. Bei manchen Krankheiten, z. B. bei einer Leberzirrhose, nimmt die Menge erheblich zu; deswegen sprach man (nach Hippokrates) früher auch von einer Leberwassersucht.Ludwig August Kraus: Kritisch-etymologisches medicinisches Lexikon. 3. Auflage. Verlag der Deuerlich- und Dieterichschen Buchhandlung, Göttingen 1844, S. 458. Bei einer Mangelernährung mit unzureichender Aufnahme von Proteinen (Kwashiorkor) wird auch vom Hungerbauch gesprochen. Der bereits in der Antike bekannte Zusammenhang des Aszites mit Lebererkrankungen wurde in den frühen hippokratischen Schriften als durch einen Einschmelzungsvorgang der Leber und später (bei Erasistratos) als zirrhotisch bedingt angesehen.Nikolaus Mani: Die historischen Grundlagen der Leberforschung; I: Die Vorstellungen über Anatomie, Physiologie und Pathologie der Leber in der Antike; II: Die Geschichte der Leberforschung von Galen bis Claude Bernard. (= Basler Veröffentlichungen zur Geschichte der Medizin und der Biologie. 9 und 21). Band I, Basel/Stuttgart 1959 und 1967, S. 50 f. und 80.Matthias Kreienkamp: Das St. Georgener Rezeptar. Ein alemannisches Arzneibuch des 14. Jahrhunderts aus dem Karlsruher Kodex St. Georgen 73. Teil II: Kommentar (A) und textkritischer Vergleich. Medizinische Dissertation. Würzburg 1992, S. 66 und 76 f. Symptomatik Kleinere Aszitesmengen sind meist symptomlos. Erst größere Volumina machen sich als Schwellung des Bauches bemerkbar, die meist schmerzlos ist. Ätiologie und Pathophysiologie Allen Ursachen gemeinsam ist der Übertritt von Flüssigkeit in den Peritonealraum. Aszites kann durch Lebererkrankungen, Herzinsuffizienz (kardialer Aszites), peritoneale Erkrankungen, Extravasion von Pankreassekret oder Lymphflüssigkeit, oder Hypoalbuminämie bei Nierenerkrankungen (renaler Aszites) oder schwerer Unterernährung (selten) verursacht werden. Hepatischer Aszites tritt meist bei einer Leberzirrhose auf, aber auch bei akuten Lebererkrankungen wie der alkoholischen Hepatitis; ferner bei Verschluss der Lebervenen, z. B. dem Budd-Chiari-Syndrom, oder Tumoren der Leber. Der Aszites gehört zusammen mit Hepatischer Enzephalopathie und Ösophagusvarizen zu den lebensbedrohlichen Komplikationen der dekompensierten Leberzirrhose. Mit rund 75 % ist die Leberzirrhose auch die häufigste Ursache für Aszites, da sie durch eine Erhöhung des Drucks im Pfortaderkreislauf zu einem Flüssigkeitsaustritt aus den Blutgefäßen führt. Auch eine Rechtsherzinsuffizienz kann zu Pfortaderhochdruck und daher der Bildung Aszites führen – meist eine Diastolische Herzinsuffizienz oder Trikuspidalinsuffizienz, selten eine Pericarditis constrictiva. Die Hauptursachen von peritonealem Aszites sind Peritonealmetastasen und Tuberkulose.A. L. Gerbes, V. Gülberg, T. Sauerbruch, R. Wiest, B. Appenrodt, M. J. Bahr, M. M. Dollinger, M. Rössle, M. Schepke: S3-Leitlinie „Aszites, spontan bakterielle Peritonitis, hepatorenales Syndrom“. In: Z Gastroenterol. Band 49, 2011, S. 749–779. Bei schwerer Unterernährung kommt es durch Albuminmangel oft zu Aszites. Auch beim Meigs-Syndrom findet sich regelmäßig ein Aszites bei gleichzeitigem Auftreten eines Fibroms des Eierstocks (Ovar) und eines Pleuraergusses. Diagnostik mini|Geringe Mengen freier Flüssigkeit (*) zwischen Leber und Niere im Ultraschallbild mini|Große Mengen Aszites um die Leber herum Körperliche Untersuchung Sichtbare Schwellung (ausladende Flanken beim liegenden Patienten, im Gegensatz zum nach oben stehenden Bauch bei Adipositas) Perkussion: Dämpfung, die sich entsprechend der Schwerkraft verlagern lässt Undulationsphänomen: Bei seitlichem Anstoßen des Bauches bildet sich eine Welle, die (ab etwa zwei Litern Aszitesflüssigkeit) auf der anderen Seite ertastet werden kann. Sonografie (Ultraschall): Geringe Mengen von Aszites lassen sich dabei am ehesten am Unterrand der Leber oder knapp oberhalb der Harnblase nachweisen. Der Raum zwischen Leber und Niere (Morison-Grube oder Recessus hepatorenalis) ist im Liegen der tiefste Punkt des Oberbauchs. Computertomografie Aszitespunktion (Parazentese) Der Aszites ist meist eine klare Flüssigkeit. Milchiger Aszites weist auf eine Verletzung oder Störung des Lymphabflusses (chylöser Aszites, zum Beispiel durch ein Trauma) hin, kann aber auch bei anderen Erkrankungen vorkommen. Dunkelbrauner Aszites erhält seine Farbe oft durch einen hohen Anteil an Bilirubin und ist hinweisend für ein Galleleck. Schwarzer Aszites kann auf Nekrosen des Pankreas oder ein metastasiertes Melanom hinweisen.Dan L. Longo, Anthony S. Fauci, Dennis L. Kasper, Stephen M. Hauser, J. Larry Jameson: Harrison's Principles of Internal Medicine. 18. Auflage. Band 1, S. 330–333. Albumin- und Gesamteiweißgehalt des Aszites können auf die Genese schließen lassen. Ist die Differenz Serumalbumin minus Aszitesalbumin (engl. serum-ascites albumin gradient, SAAG) >= 1,1 g/dl, ist der Aszites fast immer durch eine Erkrankung mit Pfortaderhochdruck verursacht, also Leber- oder Herzerkrankung. Ein SAAG < 1,1 g/dl deutet auf eine Erkrankung ohne Pfortaderhochdruck hin, also peritonealen, pankreatischen, chylösen oder renalen Aszites. Ist bei einem SAAG >= 1,1 g/dl die Gesamtproteinkonzentration im Aszites < 2,5 g/dl, deutet dies auf eine Lebererkrankung hin, während eine Gesamptroteinkonzentration >= 2,5 g/dl typisch für kardialen Aszites ist.B. A. Runyon: Cardiac ascites: a characterization. In: J Clin Gastroenterol. Band 10, Nr. 4, August 1988, S. 410-412. doi:10.1097/00004836-198808000-00013. PMID 3418089. Eine bakterielle Peritonitis wird am besten durch Bestimmung von Zellkonzentrationen und bakterielle Kulturen nachgewiesen.Dan L. Longo, Anthony S. Fauci, Dennis L. Kasper, Stephen M. Hauser, J. Larry Jameson: Harrison's Principles of Internal Medicine. 18. Auflage. Band 1, S. 330–333.Bruce A. Runyon, Agnes A. Montano, Evangelos A. Akriviadis et al. The Serum-Ascites Albumin Gradient Is Superior to the Exudate-Transudate Concept in the Differential Diagnosis of Ascites. Ann Intern Med.1992;117:215-220. doi:10.7326/0003-4819-117-3-215 Komplikationen Refluxösophagitis, Atemnot Umbilikalhernie, Inguinalhernie aufgrund erhöhten intraabdominellen Drucks Spontanbakterielle Peritonitis, Sekundäre Peritonitis Abdominelles Kompartmentsyndrom hepatorenales Syndrom bei Leberzirrhose erhöhtes Risiko von Varizenblutungen, hepatischer Enzephalopathie und Hydrothorax Eine gefährliche Komplikation des Aszites ist die spontan bakterielle Peritonitis (SBP): Bei etwa 15 % der Patienten mit portalem Aszites (also Aszites aufgrund einer Druckerhöhung in der Pfortader wie bei Leberzirrhose) kommt es zu einer Auswanderung von Darmbakterien aus dem Darm mit anschließender Peritonitis. Die häufigsten Erreger sind hierbei Escherichia coli (50 %), grampositive Kokken (30 %) und Klebsiellen (10 %). Die Patienten haben meist weder Fieber noch Abdominalschmerzen, diagnostisch hilft die Aszitespunktion, bei der sich über 250 Granulozyten/µl finden. Der Keimnachweis gelingt oft nicht. Dennoch ist die SBP mit einer hohen Letalität von bis zu 50 % verbunden. Therapie: Cephalosporine der dritten Generation, anschließend Rezidivprophylaxe mit oralem Fluorchinolon. Eine neuere mikrobiologische Studie widerlegt allerdings die Vermutung, dass die für SBP verantwortlichen Bakterien ausschließlich Mitglieder der Darmflora sind. Außerdem waren Bakterien bereits vor dem Erscheinen der SBP-Symptome nachweisbar. Die genauen Mechanismen, die zu einer Besiedlung des Peritoneums führen, sind daher weitgehend unklar.Geraint B. Rogers, Christopher J. van der Gast u. a.: Ascitic Microbiota Composition Is Correlated with Clinical Severity in Cirrhosis with Portal Hypertension. In: PLoS ONE. 8, 2013, S. e74884, doi:10.1371/journal.pone.0074884. Therapie Medikamentöse Behandlung Leichte Fälle des Aszites können mit Natriumrestriktion behandelt werden. Etabliert hat sich beim portalen Aszites auch die Gabe von Spironolacton, einem Aldosteronantagonisten. Elektrolyte und Gewicht müssen regelmäßig kontrolliert werden, ebenso sollte man eine Flüssigkeitsbilanz ziehen. Mittelschwere Fälle werden mit der zusätzlichen Gabe eines Schleifendiuretikums, z. B. Furosemid, behandelt. Die Ausschwemmung sollte schonend erfolgen, d. h. nicht mehr als 500 g Gewichtsabnahme pro Tag, um der Entstehung eines hepatorenalen Syndroms vorzubeugen. Mechanische Entlastung mini|Aszitespunktion, in Armamentarium chirurgicum von Johannes Scultetus mini|Abdominelle Parazentese Schwere, therapierefraktäre Verläufe können zusätzlich mit Parazentese, also der Abpunktion der Flüssigkeit, mit gleichzeitiger Albumingabe und anschließender Rezidivprophylaxe mit Diuretika (Medikamente zur Steigerung der Nierenausscheidung) behandelt werden. Bei dieser Methode wird der Erguss durch die Bauchdecke punktiert und abgelassen. Da sich der Aszites meist schnell wieder bildet, muss diese Methode zwangsläufig wiederholt werden. Dies kann vom Arzt zwar ambulant durchgeführt werden, Nachteile sind jedoch dabei, dass bei jeder Wiederholung das Risiko von Blutungen, von bakteriellen Infektionen des Bauchraums und von Verletzungen vorhanden ist. Es hat sich gezeigt, dass Patienten aufgrund der Schmerzen und Unannehmlichkeiten oft die Punktionen hinauszögern, bis die Symptome unerträglich sind. Als Alternative zu den fortlaufenden Punktionen hat das Legen eines dünnen Ablaufschlauchs (PleurX Aszites) in die Bauchhöhle bewährt. Zwei wissenschaftliche Studien aus den Jahren 2011 und 2013 zeigen als Alternative bei malignem und nicht malignem Aszites die Anlage eines im Unterhautfettgewebe getunnelten Katheters.C. R. Tapping, L. Ling, A. Razack: PleurX drain use in the management of malignant ascites: safety, complications, long-term patency and factors predictive of success. In: The British Journal of Radiology. Band 85, 2012, S. 623–628, doi:10.1259/bjr/24538524.Matthew P. Lungren, Charles Y. Kim u. a.: Tunneled Peritoneal Drainage Catheter Placement for Refractory Ascites: Single-center Experience in 188 Patients. In: Journal of Vascular and Interventional Radiology. Band 24, 2013, S. 1303–1308, doi:10.1016/j.jvir.2013.05.042. Der im Bauchraum liegende Teil des Silikonschlauches hat mehrere Löcher, über die der Erguss in den Katheter fließen kann. Außerhalb der Bauchhöhle verläuft der Schlauch im Unterhautfettgewebe, um bakterielle Entzündungen zu verhindern. Am Ende des Schlauchs befindet sich ein Ventil, das Eintreten von Luft und das Auslaufen von Flüssigkeit verhindert, wenn keine aktive Entlastung durch den geschulten Patienten oder durch Pflegepersonal stattfindet. Mit dem Ventil ist eine Vakuumflasche verbunden. Wenn die Klemmen an der Flasche geöffnet werden, wird die Flüssigkeit durch den Sog aus dem Bauchraum abgezogen. Die meisten Patienten oder pflegende Angehörige können dies nach einer Einweisung selbst bewerkstelligen. Der Katheter kann ambulant mit örtlicher Betäubung gelegt werden, das Ablassen des Aszites selbst ist schmerzfrei. Ebenso kann ein TIPS (transjugulärer intrahepatischer portosystemischer (Stent-)Shunt), also eine Verbindung zwischen der Pfortader und der unteren Hohlader, angelegt werden. Hierbei kommt es anschließend allerdings zu einem beinahe ungehinderten Anstrom der normalerweise von der Leber abgebauten Stoffe in den Körperkreislauf. Das bei Leberzirrhose ohnehin in der Entgiftungsfunktion eingeschränkte Organ verliert so die Fähigkeit, Giftstoffe wie Ammoniak zu verstoffwechseln.K. Grüngreiff: Thieme Refresher Innere Medizin 2014. 1, S. R1–R16. Dadurch steigt die Gefahr für das Auftreten weiterer Komplikationen, beispielsweise einer portalen Hypertension oder einer hepatischen Enzephalopathie. Maligner Aszites wird häufig mit wiederholten Parazentesen behandelt. Zudem kommen Shunts und Chemotherapien zum Einsatz, die teilweise direkt in den Peritonealraum (intraperitoneal) verabreicht werden, ebenso wie der speziell für die Therapie des malignen Aszites zugelassene Antikörper Catumaxomab. Eine weitere Option bei Leberzirrhose ist eine Transplantation. Allerdings stehen nicht ausreichend Organe zur Verfügung. So standen in Deutschland Ende des Jahres 2017 rund 2.000 Patienten auf der Warteliste für eine Lebertransplantation – während nur 823 Patienten tatsächlich eine Spenderleber erhielten.Deutsche Stiftung Organtransplantationen: Jahresbericht 2017; März 2018: 82-83. Siehe auch Ödem Einzelnachweise Weblinks R. Wiest, J. Schölmerich: Diagnostik und Therapie des Aszites. In: Deutsches Ärzteblatt. Band 103, Nr. 28-29, 2006, S. A1972–A1981. (aerzteblatt.de, PDF, 220 kB) S3-Leitlinie „Aszites, spontan bakterielle Peritonitis und hepatorenales Syndrom“ der Dt. Ges. f. Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS): AWMF-Register Nr. 021/017, Stand 30. April 2011 Kategorie:Pathologie
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Asen (Mythologie)
mini|Mårten Eskil Winge: Thor, 1872 Die Asen (von altnordisch áss „Ase“, Plural: æsir „Asen“), eine nordische Bezeichnung der germanischen Götter,Friedrich Kluge, Alfred Götze: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 20. Auflage. Hrsg. von Walther Mitzka. De Gruyter, Berlin / New York 1967; Neudruck („21. unveränderte Auflage“) ebenda 1975, ISBN 3-11-005709-3, S. 33 f. sind nach Snorri Sturluson in der Prosa-Edda ein Göttergeschlecht der nordischen Mythologie. Dieses Geschlecht ist nach der Zahl der ihm zugehörigen Gottheiten größer als das ebenfalls nordische Göttergeschlecht der Wanen. Die Asen werden von ihrer Mentalität als kriegerische und herrschende Götter geschildert, wohingegen die Wanen als Fruchtbarkeitsgottheiten stilisiert werden. Bei Snorri findet jedoch eine stringente Trennung der Geschlechter nicht statt. Zudem wird der Begriff „Ase“ in Quellen auch als ein genereller Begriff für (heidnischer) „Gott“ gebraucht (siehe auch: Abschnitt Etymologie im germanischen Sprachraum bei Gott). Etymologie Der Begriff „Ase“ ist inschriftlich zuerst fassbar belegt in einer Runeninschrift aus dem 2. Jahrhundert aus Vimose in Dänemark: asau wija „ich weihe dem Asen/Gott“. Ein weiterer Beleg ist die Form Ansis bei Jordanes (Getica 13,78), hier werden diese als mythische Vorfahren der Goten als semideos, lateinisch für „Halbgötter“, bezeichnet. Vermutet wird, dass die Herkunft des Wortes Asen auf die Pfahlidole oder Pfahlgötter zurückgehen könnte. Die Wurzel der heutigen Worte „Balken“ und „Pfosten“ haben eine nahe Verwandtschaft zu den Bezeichnungen æsir und áss. Der Historiker Friedrich Rühs spekulierte 1812, das Wort sei später entstanden, nachdem sich bei den Mönchen und Gelehrten ein System über die Bevölkerung des Nordens von Asien her gebildet habe; daher erscheine das Wort so isoliert, in einer so bestimmten Bedeutung, in keinem verwandten Dialekt wiederkehrend, und gehe in der lebendigen Sprache endlich völlig unter. Das altisländische, beziehungsweise altnordische áss weist durch den runischen Beleg einen u-Stamm auf, wodurch auf ein germanisches *ansu-z zu schließen ist.Alfred Bammesberger: Gotisch ansis und urgermanisch *ans(u), S. 233.Alexander Sitzmann, Friedrich E. Grünzweig: Die altgermanischen Ethnonyme, S. 34. Durch den Beleg bei Jordanes wird in der Forschung diskutiert, ob durch die Form ansis, neben der altnordischen Form mit dem u-Stamm, berechtigt ein i-Stamm anzunehmen ist und in der Folge auf ein germanisches *ansi-z rückzuführen ist.Alexander Sitzmann, Friedrich E. Grünzweig: Die altgermanischen Ethnonyme, S. 34, 35Vladimir Orel: Handbook of Germanic Etymology, S. 21. Im deutschsprachigen Raum hat sich das Wort Asen (über āss entwickelt aus germanisch ans- „Gott“; vgl. auch anses „Halbgötter“, bei Jordanus um 550) als Bezeichnung der germanischen Götter im 19. Jahrhundert eingebürgert.Friedrich Kluge, Alfred Götze: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 20. Auflage. Hrsg. von Walther Mitzka. De Gruyter, Berlin / New York 1967; Neudruck („21. unveränderte Auflage“) ebenda 1975, ISBN 3-11-005709-3, S. 33. Die Asen der Edda Nach der Jüngeren Edda wohnen die Asen in Asgard (Sitz der Götter). Sie herrschen über die Welt und die Menschen. Ihnen werden Eigenschaften wie Stärke, Macht und Kraft zugeschrieben. Sie sind weitgehend vermenschlicht, haben also einen irdischen Alltag. Wie die Menschen sind sie sterblich. Nur durch die Äpfel der Idun halten sie sich jung, bis fast alle von ihnen zur Ragnarök getötet werden. Stammbaum der nordischen Gottheiten Die folgende Übersicht zeigt die verwandtschaftlichen Beziehungen zwischen den bekanntesten nordischen Gottheiten aus den Geschlechtern der Asen und Wanen: Das goldene Zeitalter Tefldu í túni, teitir váru, var þeim vettergis vant ór gulli, uns þrjár kvámu þursa meyjar ámáttkar mjök ór Jötunheimum. Das goldene Zeitalter wird beschrieben als eine glückliche Zeit, in der die Götter ohne Menschen auf einer grünen Erde wie Kinder lebten. In dieser Zeit legten sie Essensvorräte an, fertigten Zangen, Ambosse und Hämmer. Siehe auch Åsa (Vorname) (weiblicher Vorname) Ásatrú (germanisches Neuheidentum) Germanische Gottheit Nordgermanische Religion Nordische Mythologie Angelsächsische Religion Kontinentalgermanische Mythologie Literatur Alfred Bammesberger: Gotisch ansis und urgermanisch *ans(u)-. In: Beiträge zur Namenforschung. Band 31, 1999, S. 231–240. Vladimir Orel: A Handbook of Germanic Etymology. Brill, Leiden/Boston 2003, ISBN 90-04-12875-1. Rudolf Simek: Lexikon der germanischen Mythologie (= Kröners Taschenausgabe. Band 368). 3., völlig überarbeitete Auflage. Kröner, Stuttgart 2006, ISBN 3-520-36803-X. Alexander Sitzmann, Friedrich E. Grünzweig: Die altgermanischen Ethnonyme. Fassbaender, Wien 2008, ISBN 978-3-902575-07-4. Jan de Vries: Altgermanische Religionsgeschichte. 3., unveränderte Auflage. De Gruyter, Berlin/New York 1970, Reprint 2010, Band 1: ISBN 978-3-11-002678-8, Band: 2 ISBN 978-3-11-002807-2. Einzelnachweise Kategorie:Gruppe von Gottheiten
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Bologna
Bologna [] (lateinisch Bononia) ist eine italienische Universitätsstadt und die Hauptstadt der Metropolitanstadt Bologna sowie der Region Emilia-Romagna. Die Großstadt ist mit Einwohnern (Stand: ) die siebtgrößte italienische Stadt und ein bedeutender nationaler Verkehrsknotenpunkt. Lage und Einwohner Lage 270px|mini Bologna liegt am südlichen Rand der Po-Ebene am Fuße des Apennin, zwischen den Flüssen Reno und Savena in Norditalien. Die Flussläufe und Kanäle in der Stadt wurden im Verlaufe der Stadtentwicklung aus sanitären Gründen fast vollständig überbaut. Die durch Bologna fließenden Gewässer sind der Canale di Reno, der Canale di Savena und der Aposa; sie werden nördlich des Stadtzentrums zum Navile zusammengefasst. Damit wird dem Canale di Savena ein Teil des Wassers entzogen; der nachfolgende Flussarm heißt entsprechend Savena abbandonato („aufgegebener Savena“). In den westlichen Stadtteilen verläuft zudem der Ravone, der sich weiter östlich mit dem Reno vereint. Das Adriatische Meer befindet sich ca. 60 Kilometer östlich der Stadt. Bevölkerungsentwicklung Klima Geschichte Antike Die Geschichte der Stadt beginnt als etruskische Gründung mit dem Namen Felsina vermutlich im 6. Jahrhundert v. Chr., Spuren älterer dörflicher Siedlungen der Villanovakultur in der Gegend reichen bis ins 11./10. Jahrhundert v. Chr. zurück. Die etruskische Stadt wuchs um ein Heiligtum auf einem Hügel und war von einer Nekropole umgeben. In jener Zeit entstanden die allmählich erweiterten Stadtmauern von Bologna, die im 20. Jahrhundert abgerissen wurden. Im 5. Jahrhundert v. Chr. eroberten die keltischen Boier Felsina. 191 v. Chr. wurde die Stadt von den Römern erobert, 189 v. Chr. wurde sie als Bononia römische Colonia. 3000 latinische Familien siedelten sich dort an, wobei den ehemaligen Konsuln Lucius Valerius Flaccus, Marcus Atilius Seranus und Lucius Valerius Tappo die Organisation der Stadt(neu)gründung übertragen wurde.Titus Livius, Ab urbe condita 37,57,5. Der Bau der Via Aemilia 187 v. Chr. machte Bononia zum Verkehrsknotenpunkt: Hier kreuzte sich die Hauptverkehrsstraße der Poebene mit der Via Flaminia minor nach Arretium (Arezzo). 88 v. Chr. erhielt Bononia über die Lex municipalis wie alle Landstädte Italiens volles römisches Bürgerrecht. Nach einem Brand wurde sie im 1. Jahrhundert unter Kaiser Nero wieder aufgebaut. Wie für eine römische Stadt typisch, war Bononia schachbrettartig um die zentrale Kreuzung zweier Hauptstraßen angelegt, des Cardo mit dem Decumanus. Sechs Nord-Süd- und acht Ost-West-Straßen teilten die Stadt in einzelne Quartiere und sind bis heute erhalten. Während der römischen Kaiserzeit hatte Bononia mindestens 12.000, möglicherweise jedoch bis 30.000 Einwohner. Bei Ausgrabungen rund um das Forum der antiken Stadt in den Jahren 1989–1994 wurden zwei Tempel, Verwaltungsgebäude, Markthallen und das Tagungsgebäude des Stadtrates gefunden; im südlichen Teil des ursprünglichen Stadtgebietes ist ein Theater freigelegt worden. Die Stadt scheint jedoch deutlich über ihre ursprüngliche Befestigung hinausgewachsen zu sein, beispielsweise sind außerhalb der Stadtmauer ein Amphitheater, ein Aquädukt und ein Thermenareal entdeckt worden. Der Geograph Pomponius Mela zählte die Stadt im 1. Jahrhundert n. Chr. zu den fünf üppigsten (opulentissimae) Städten Italiens. Mittelalter mini|Künstlerische Impression des mittelalterlichen Bologna mit rund 180 Geschlechtertürmen, Radierung von Toni Pecoraro 2012 mini|Basilika San Petronio und Piazza Maggiore mini|Palazzo del Podestà mini|Kathedrale San Pietro Nach einem langen Niedergang wurde Bologna im 5. Jahrhundert unter dem Bischof Petronius wiedergeboren, der nach dem Vorbild der Jerusalemer Grabeskirche den Kirchenkomplex von Santo Stefano errichtet haben soll. Nach dem Ende des Römischen Reiches war Bologna ein vorgeschobenes Bollwerk des Exarchats von Ravenna, geschützt von mehreren Wallringen, die jedoch den größten Teil der verfallenen römischen Stadt nicht einschlossen. 728 wurde die Stadt von dem Langobardenkönig Liutprand erobert und damit Teil des Langobardenreichs. Die Langobarden schufen in Bologna einen neuen Stadtteil nahe Santo Stefano, bis heute Addizione Longobarda genannt, in dem Karl der Große bei seinem Besuch 786 unterkam. Im 11. Jahrhundert wuchs der Ort als freie Kommune erneut. 1088 wurde der Studio gegründet – heute die älteste Universität Europas –, an der zahlreiche bedeutende Gelehrte des Mittelalters lehrten, unter anderem Irnerius, woraus dann im 12. Jahrhundert die Universität BolognaPaul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff/Diepgen/Goerke: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7., neubearbeitete Auflage. Springer, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1960, S. 19. entstand. Da sich die Stadt weiter ausdehnte, erhielt sie im 12. Jahrhundert einen neuen Wallring, ein weiterer wurde im 14. Jahrhundert fertiggestellt. 1164 trat Bologna in den Lombardenbund gegen Friedrich I. Barbarossa ein, 1256 verkündete die Stadt die Legge del Paradiso (Paradiesgesetz), das Leibeigenschaft und Sklaverei abschaffte und die verbleibenden Sklaven mit öffentlichem Geld freikaufte. 50.000 bis 70.000 Menschen lebten zu dieser Zeit in Bologna und machten die Stadt zur sechst- oder siebtgrößten Europas nach Konstantinopel, Córdoba, Paris, Venedig, Florenz und möglicherweise Mailand. Das Stadtzentrum war ein Wald von Türmen: Schätzungsweise um die 100 Geschlechtertürme der führenden Familien, Kirchtürme und Türme öffentlicher Gebäude bestimmten das Stadtbild. Bologna entschied sich 1248, die Weizenausfuhr zu verbieten, um die Lebensmittelversorgung seiner schnell wachsenden Bevölkerung zu sichern. Das kam einer Enteignung der venezianischen Grundbesitzer, vor allem der Klöster gleich. 1234 ging die Stadt noch einen Schritt weiter und besetzte Cervia, womit es in direkte Konkurrenz zu Venedig trat, das das Salzmonopol in der Adria beanspruchte. 1248 dehnte Bologna seine Herrschaft auf die Grafschaft Imola, 1252–1254 sogar auf Ravenna aus. Dazu kamen 1256 Bagnacavallo, Faenza und Forlì. Doch der schwelende Konflikt zwischen Venedig und Bologna wurde 1240 durch die Besetzung der Stadt durch Kaiser Friedrich II. unterbrochen. Nachdem sich Cervia 1252 jedoch wieder Venedig unterstellt hatte, wurde es von einer gemeinsamen ravennatisch-bolognesischen Armee im Oktober 1254 zurückerobert. Venedig errichtete im Gegenzug 1258 am Po di Primaro eine Sperrfestung. Etsch, Po und der für die Versorgung Bolognas lebenswichtige Reno wurden damit blockiert – wobei letzterer von der See aus wiederum nur über den Po erreichbar war und die Etsch bereits seit langer Zeit durch Cavarzere von Venedig kontrolliert wurde. Mit Hilfe dieser Blockade, vor allem an der Sperrfestung Marcamò – Bologna riegelte Marcamò vergebens durch ein eigenes Kastell ab – zwang Venedig das ausgehungerte Bologna zu einem Abkommen, das die Venezianer diktierten. Das bolognesische Kastell wurde geschleift. Ravenna stand Venedigs Händlern wieder offen, Venedigs Monopol war durchgesetzt. Im Jahre 1272 starb in Bologna nach mehr als 22-jähriger Haft im Palazzo Nuovo (dem heutigen Palazzo di re Enzo) der König Enzio von Sardinien, ein unehelicher Sohn des Staufer-Kaisers Friedrich II. Wie die meisten Kommunen Italiens war Bologna damals zusätzlich zu den äußeren Konflikten von inneren Streitigkeiten zwischen Ghibellinen und Guelfen (Staufer- bzw. Welfen-Partei, Kaiser gegen Papst) zerrissen. So wurde 1274 die einflussreiche ghibellinische Familie Lambertazzi aus der Stadt vertrieben. Als Bologna 1297 verstärkt gegen die Ghibellinen der mittleren Romagna vorging, fürchtete Venedig das erneute Aufkommen einer konkurrierenden Festlandsmacht. Das betraf vor allem Ravenna. Venedig drohte der Stadt wegen Nichteinhaltung seiner Verträge und Bevorzugung Bolognas. Doch der Streit konnte beigelegt werden. Zu einer erneuten Handelssperre seitens Venedigs (wohl wegen der Ernennung Baiamonte Tiepolos zum Capitano von Bologna) kam es Ende 1326. Bologna hatte sich dem Schutz des Papstes unterstellt, nachdem es 1325 von Modena in der Schlacht von Zappolino vernichtend geschlagen worden war. Im Mai 1327 wurden alle Bologneser aufgefordert, Venedig innerhalb eines Monats zu verlassen. 1328–1332 kam es zu Handelssperren und Repressalien. Ravenna blieb dabei der wichtigste Importhafen der Region, den z. B. Bologna für größere Importe aus Apulien weiterhin nutzte. Zwischen 1325 und 1337 kam es zum Eimerkrieg von Bologna. Während der Pest-Epidemie von 1348 starben etwa 30.000 der Einwohner. Nach der Regierungszeit Taddeo Pepolis (1337–1347) fiel Bologna an die Visconti Mailands, kehrte aber 1360 auf Betreiben von Kardinal Gil Álvarez Carillo de Albornoz durch Kauf wieder in den Machtbereich des Papstes zurück. Die folgenden Jahre waren bestimmt von einer Reihe republikanischer Regierungen (so z. B. die von 1377, die die Basilica di San Petronio und die Loggia dei Mercanti errichten ließ), wechselnder Zugehörigkeit zum päpstlichen oder Viscontischen Machtbereich und andauernder, verlustreicher Familienfehden. 1402 fiel die Stadt an Gian Galeazzo Visconti, der zum Signore von Bologna avancierte. Nachdem 1433 Bologna und Imola gefallen waren (bis 1435), verhalf Venedig dem Papst 1440/41 endgültig zur Stadtherrschaft. Bei der Gelegenheit nahm Venedig 1441–1509 Ravenna in Besitz. Um diese Zeit erlangte die Familie der Bentivoglio mit Sante (1445–1462) und Giovanni II. (1462–1506) die Herrschaft in Bologna. Während ihrer Regierungszeit blühte die Stadt auf, angesehene Architekten und Maler gaben Bologna das Gesicht einer klassischen italienischen Renaissance-Stadt, die allerdings ihre Ambitionen auf Eroberung endgültig aufgeben musste. Neuzeit links|mini|Anleihe über 500 Lire der Stadt Bologna vom 27. Juni 1904Alex Witula, Leonardo Paganello: Carte valori d'epoca. Emilia Romagna e San Marino, ISBN 978-88-95848-02-0 / 8895848020. mini|Stadtplan von Bologna um 1907 mini|Ehemaliger Verlauf der Stadtmauer mit den verbliebenen Stadttoren Giovannis Herrschaft endete 1506, als die Truppen Papst Julius' II. Bologna belagerten und die Kunstschätze seines Palastes plünderten. Im Anschluss gehörte Bologna bis zum 18. Jahrhundert zum Kirchenstaat und wurde von einem päpstlichen Legaten und einem Senat regiert, der alle zwei Monate einen gonfaloniere (Richter) wählte, der von acht Konsuln unterstützt wurde. Am 24. Februar 1530 wurde Karl V. von Papst Clemens VII. in Bologna zum Kaiser gekrönt. Es war die letzte vom Papst durchgeführte Kaiserkrönung. Der Wohlstand der Stadt dauerte an, doch eine Seuche am Ende des 16. Jahrhunderts verringerte die Zahl der Einwohner von 72.000 auf 59.000, eine weitere 1630 ließ sie auf 47.000 schrumpfen, bevor sie sich wieder auf 60.000 bis 65.000 einpendelte. 1564 wurden die Piazza del Nettuno, der Palazzo dei Banchi und der Archiginnasio erbaut, der Sitz der Universität. Viele Kirchen und religiöse Einrichtungen wurden während der päpstlichen Herrschaft neu errichtet, ältere renoviert – Bolognas 96 Klöster waren italienischer Rekord. Maler wie Annibale Carracci, Domenichino und Guercino, die in dieser Periode in Bologna tätig waren, formten die Bologneser Schule der Malerei. Die Gesellschaft war so sittenstreng, dass der Abbé Locatelli 1664 zu Besuch in Lyon einen Kulturschock erlitt. Im napoleonischen Europa wurde Bologna 1796 – seit dem Ersten Koalitionskrieg vom Kirchenstaat unabhängig – zunächst Hauptstadt der kurzlebigen Cispadanischen Republik und später die nach Mailand bedeutendste Stadt in der Cisalpinischen Republik und des napoleonischen Königreichs Italien. Am 28. Januar 1814 eroberten die Österreicher die Stadt kurzzeitig zurück, mussten am 2. April 1815 dem Einmarsch französischer Truppen weichen, um am 16. April 1815 Bologna endgültig einzunehmen. Nach dem Fall Napoleons schlug der Wiener Kongress 1815 Bologna wieder dem Kirchenstaat zu, worauf dies am 18. Juli 1816 zur Ausführung kam. Die Bevölkerung rebellierte im Frühjahr 1831 gegen die päpstliche Restauration. Durch eine neuerliche österreichische Besatzung ab dem 21. März 1831 wurde dem ein Ende gemacht. Die Besatzung dauerte mit einer kurzen Unterbrechung (Juli 1831 bis Januar 1832) bis zum 30. November 1838. Die Macht war damit erneut in der Hand des Papstes. Dagegen erhob sich im August 1843 der Aufstand der Moti di Savigno. Erneut kam es 1848/1849 zu Volksaufständen, als es vom 8. August 1848 bis 16. Mai 1849 gelang, die Truppen der österreichischen Garnison zu vertreiben, die danach erneut bis 1860 die Befehlsgewalt über die Stadt innehatten. Nach einem Besuch von Papst Pius IX. 1857 stimmte Bologna am 12. Juni 1859 für seine Annexion durch das Königreich Sardinien, wodurch die Stadt Teil des vereinten Italien wurde. 1874 war Michail Bakunin in Bologna an einem gescheiterten Aufstand beteiligt. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden die Mauern der Stadt bis auf wenige Reste abgerissen, um der schnell wachsenden Bevölkerung Platz zu schaffen. In den Wahlen am 28. Juni 1914 errang der Sozialist Francesco Zanardi zum ersten Mal das Stadtpräsidium (sindaco) für die Linke. Mit der Unterbrechung des Faschismus wird Bologna seitdem überwiegend von linken Stadtregierungen verwaltet. mini|Nuova Manifattura dei Tabacchi 1940 hatte die Stadt 320.000 Einwohner. Im Zweiten Weltkrieg wurde sie in den Kämpfen der untergehenden NS-Diktatur mit amerikanischen, britischen und polnischen Invasionstruppen der Alliierten bombardiert und beschädigt, wobei 2481 Zivilisten starben. Am 21. April 1945 wurde Bologna von Einheiten des II. polnischen Korps befreit. 1946 folgte ein harter Winter, das Thermometer fiel im Januar 1947 auf minus 10 Grad Celsius. Nach dem Krieg erholte sich Bologna schnell. Bald erhielt der Aufschwung die Bezeichnung „Italienisches Wirtschaftswunder“ (Miracolo economico italiano). Am Stadtrand hielt die architektonische Moderne Einzug, etwa mit der Nuova Manifattura dei Tabacchi (1951–1952) des Architekten Pier Luigi Nervi. Bologna ist heute eine der wohlhabendsten und stadtplanerisch gelungensten Städte Italiens. Anschlag von Bologna 1980 Am 2. August 1980 verübte eine Gruppe von Rechtsextremisten einen Bombenanschlag auf den Hauptbahnhof der Stadt. 85 Menschen starben, mindestens 200 wurden verletzt. 1995 wurden für diesen Anschlag zwei Mitglieder der faschistischen Nuclei Armati Rivoluzionari und Mitarbeiter des italienischen Geheimdienstes zu langjährigen Haftstrafen verurteilt.Vor 25 Jahren: Bomben-Anschlag im Bahnhof von Bologna. Sendung des Deutschlandfunkes vom 2. August 2005, abgerufen am 23. Juli 2019. Sehenswürdigkeiten Bauwerke, Plätze und Parks mini|Piazza Nettuno mini|Die unvollendete Fassade der Basilika San Petronio mini|Basilika Santo Stefano mini|hochkant|Typische Arkaden Wahrzeichen der Stadt sind die zwei Türme, der Torre Garisenda und der Torre degli Asinelli. Um 1100 erbaut, war letzterer mit seiner Höhe von 94,5 m damals wohl der höchste Profanbau Europas. Die beiden Türme sind mit einigen anderen die letzten Überbleibsel der „Geschlechtertürme“ des mittelalterlichen Bologna, die im 16. Jahrhundert zum Großteil geschleift wurden. Zu den weiteren Sehenswürdigkeiten gehören die im Artikel genannten Palazzi. Als Zentrum der Stadt gilt die Piazza Maggiore mit dem Neptunbrunnen und der Basilika San Petronio. Die mächtige gotische Kirche ist die fünftgrößte der Welt; das Mittelschiff ist 40 m hoch und 20 m breit. Ursprünglich als größte Kirche der Christenheit geplant, wurde der Bau, begonnen im Jahr 1390, aufgrund finanzieller Probleme bis heute nicht vollendet. Im Innenraum befindet sich die Mittagslinie, 1655 eingerichtet nach Plänen des Astronomen Giovanni Domenico Cassini. In der Capella Bolognini befindet sich eine Darstellung des Weltgerichts von Giovanni da Modena (um 1410). Der Maler des Freskos orientierte sich bei seiner Darstellung an Dantes Göttlicher Komödie und zeigt im Höllenkreis unter anderem den Propheten Mohammed, dem als Glaubensspalter von einem Teufel der Körper aufgeschlitzt wird (DC Inf. XXVIII). Die Kathedrale San Pietro mit der Pietà von Alfonso Lombardi befindet sich an der Via dell’Indipendenza. Die älteste Kirche Bolognas, die Basilica di Santo Stefano, befindet sich in einem heute noch genutzten Klosterkomplex im historischen Zentrum der Stadt. Die Anlage verfügt über einen byzantinischen Rundbau sowie über typische romanische Kreuzgänge. Auf der Piazza Santo Stefano steht die Basilika Santo Stefano, die aufgrund ihrer Gliederung in zahlreiche Kirchen und Kapellen, die durch einen Innenhof und einen Kreuzgang miteinander verbunden sind, auch als „die sieben Kirchen“ bekannt ist. Der ursprüngliche Kern wurde im 8. Jahrhundert auf einem heidnischen, der ägyptischen Göttin Isis geweihten Tempel aus dem 2. Jahrhundert errichtet, von dem ein außen eingemauerter Architrav mit einer Widmung an die Göttin sowie einige afrikanische Granitsäulen erhalten sind. Das architektonische Grundgerüst ist trotz einiger späterer Änderungen deutlich romanisch. Von besonderem Interesse ist die Basilika San Francesco aus dem 13. Jahrhundert (obwohl sie im 19. Jahrhundert und nach dem Zweiten Weltkrieg erhebliche Eingriffe erfuhr), das erste Beispiel der französischen Gotik in ItalienSan Francesco a Bologna auf Medioevo.org. Gleichaltrig ist die Basilika Basilika San Domenico, die den Sarkophag Arca di San Domenico beherbergt, in dem die sterblichen Überreste des Heiligen aufbewahrt werden und die von Nicola Pisano und seiner Werkstatt, Niccolò dell’Arca und Michelangelo geschaffen wurde. Bekannt ist Bologna außerdem für seine Arkaden. Sie erstrecken sich über 38 km und wurden ursprünglich geschaffen, um der wachsenden Bevölkerung der Stadt gerecht zu werden. Der Bau der Arkaden ermöglichte es, die oberen Stockwerke auszubauen und so neuen Wohnraum zu schaffen, ohne den Handel und den Durchgangsbetrieb zu stark zu beeinträchtigen. Die Wallfahrtskirche Santuario della Madonna di San Luca liegt auf dem Guardiahügel oberhalb der Stadt und bietet einen Blick über die Poebene. Zur Kirche hinauf führt der mit rund vier Kilometern längste Arkadengang der Welt. Die Arkadengänge von Bologna sind seit Juli 2021 UNESCO-Welterbe. Der Palazzo dell’Archiginnasio war ursprünglich dafür geplant, alle Fakultäten der Universität unter einem Dach zu vereinen. Er beherbergt einen 1944 im Krieg stark zerstörten, aber vollständig renovierten Anatomielehrsaal. Der Stadtpark Giardini Margherita bei der Piazza di Porta Santo Stefano ist die größte städtische Grünanlage in Zentrumsnähe. Der 1879 eröffnete Park wurde nach Margarethe von Italien, der Ehefrau des italienischen Königs Umberto I., benannt. Die Anlage im englischen Stil hat eine Fläche von rund 26 Hektaren und verfügt über einen künstlichen See mit Wasserspielen. Der Friedhof Cimitero Monumentale della Certosa ist der historische Hauptfriedhof der Stadt. Der Palazzo Malvezzi Campeggi entstand im 18. Jahrhundert, der Palazzo Ronzani 1915, der Palazzo Bonaccorso 2008. Das Haus Via Borgonuovo 4 ist das Geburtshaus des Regisseurs und Dichters Pier Paolo Pasolini. Museen Das Museo internazionale della musica di Bologna im Palazzo Sanguinetti beherbergt eine Sammlung musikhistorischer Exponate. Handschriften und Erstdrucke unter anderem von Padre Martini und Caccini dokumentieren ihren Beitrag zur frühen Entwicklung der Musiktheorie und der Oper in Bologna. Porträts und kurze geschichtliche Abrisse beschreiben das Wirken von Vivaldi, Farinelli, Mozart und Johann Christian Bach in der Stadt. Die Pinacoteca Nazionale di Bologna zeigt vor allem Gemälde der Bologneser Schule, wobei Guido Reni ein eigener Saal gewidmet ist, aber auch Werke von Raffael und anderen sind zu besichtigen. Das Museo Morandi zeigt das Werk des Malers Giorgio Morandi. Der Palazzo Pepoli Vecchio beherbergt das 2012 eröffnete Museo della Storia di Bologna.We are History: Palazzo Pepoli – Museum of the History of Bologna. detail-online.com (englisch), aufgerufen am 17. November 2016. Das Jüdische Museum Bologna erinnert an die lange Geschichte des Judentums in Bologna und in der Region. In der Via Don Giovanni Minzoni befindet sich das MAMbo Museo d'Arte Moderna di Bologna, das Museum für Moderne Kunst. Das Museo San Colombano zeigt in einer ehemaligen Kirche die Sammlung historischer Musikinstrumente, vor allem Tasteninstrumente, von Luigi Ferdinando Tagliavini. Museo Civico Archeologico (Archäologisches Stadtmuseum) Das Sistema Museale di Ateneo (SMA) der universitären Museen in Bologna bietet teilweise freien Eintritt zu seinen Museen, die sich überwiegend im nahen Umkreis des Palazzo Poggi befinden, nur zwei anatomische Sammlungen der Veterinärmedizin sind in Ozzano dell’Emilia angesiedelt:SMA – Sistema Museale di Ateneo. sma.unibo.it (italienisch, englisch), abgerufen am 23. Juli 2019. Museo di Palazzo Poggi (Kunstmuseum) MEUS Museo europeo degli Studenti (Europäisches Studentenmuseum) Museo geologico Giovanni Capellini (Geologiemuseum) Museo delle Cere Anatomiche Luigi Cattaneo (Anatomisches Wachsfigurenmuseum) Museo della Specola (Spiegelmuseum) Museo di Zoologia (Zoologisches Museum) Museo di Mineralogia Luigi Bombicci (Mineralienmuseum) Collezione di Chimica Giacomo Ciamician (Chemikaliensammlung) Collezione di Fisica (Physikalische Slg.) Orto botanico ed Erbario (Botanischer Garten/Herbarium) Museo di Anatomia comparata (Museum für vergleichende Anatomie) Museo di Anatomia patologica e Teratologia veterinaria (Tiermedizinische Anatomiesammlung) Museo di Anatomia degli Animali domestici (Anatomisches Haustiermuseum) Das Anthropologische Museum der Universität Bologna zeichnet die Entwicklungsgeschichte des Menschen in Europa seit der Steinzeit mit besonderem Blick auf das Geschehen in Italien nach. Fotos Politik mini|Palazzo della regione mini|Die heutigen Stadtviertel (quartiere) von Bologna Der Stadtrat (Consiglio comunale) bildet die Legislative in Bologna, er besteht aus 36 Mitgliedern. Stärkste Fraktion ist seit der Kommunalwahl 2021 das Mitte-links-Bündnis um die Sozialdemokraten mit 25 Sitzen. Bürgermeister (Sindaco di Bologna) und damit auch Chef der Stadtverwaltung war von 2011 bis 2021 Virginio Merola (PD).Biografie von Virginio Merola auf der Website der Stadt Bologna (italienisch) Bei der Bürgermeisterwahl 2016 konnte er sich in der Stichwahl mit knapp 55 Prozent der Stimmen gegen die Lega-Nord-Kandidatin Lucia Borgonzoni die Wiederwahl sichern. Im Jahr 2021 trat Merola nicht wieder an. Als Nachfolger wurde Matteo Lepore (PD) im ersten Wahlgang mit knapp 62 Prozent der Stimmen gewählt. Amtsinhaber seit 1999 waren: Giorgio Guazzaloca (parteilos, 1999–2004) Sergio Cofferati (DS, 2004–2009) Flavio Delbono (PD, 2009–2010) Annamaria Cancellieri (parteilos, 2010–2011 kommissarisch) Virginio Merola (PD, 2011–2021) Matteo Lepore (PD, seit 2021) Als Hauptstadt der Region Emilia-Romagna ist Bologna auch Sitz des dortigen, aus 50 Abgeordneten bestehenden Regionalrats sowie der Regionalregierung (Giunta regionale). Beide sind im Palazzo della regione, einem Hochhaus im nordöstlich liegenden Messe- und Geschäftsviertel Fiera di Bologna, untergebracht. Religion Bologna ist seit dem 3. Jahrhundert Sitz einer römisch-katholischen Diözese, die 1582 zum Erzbistum und Metropolitansitz der Kirchenprovinz Bologna erhoben wurde. Laut Annuario Pontificio 2019 leben derzeit rund 940.000 Katholiken im Gebiet des Erzbistums. Kathedrale ist die Ende des 12. Jahrhunderts fertiggestellte Kirche San Pietro. Zudem besitzt die Stadt eine Synagoge und mehrere kleine Moscheen. Seit mehreren Jahren ist (Stand 2018) der Bau einer größeren Moschee in Planung.Moschea a Bologna? Scontro tra Lega, sindaco e islamici, bologna.repubblica.it, abgerufen am 10. November 2019 Regelmäßige Veranstaltungen Die Internationale Ledermesse Lineapelle findet jährlich in Bologna statt Auch die Internationale Automobilmesse Motorshow findet jedes Jahr hier statt Bologna ist der Veranstaltungsort einer der größten jährlich stattfindenden Land- und Forsttechnik-Messen Europas Fiera del Libro per Ragazzi: Bologna beherbergt seit 1963 die jährlich stattfindende Internationale Jugendbuchmesse Il Cinema Ritrovato: weltweit bedeutendstes Festival für Filmrestaurierung Festival Internationale di Cinema Animazione e Nuove Tecnologie, auch Future Film Festival, findet seit 1999 in Bologna statt Cersaie: Leitmesse für Fliesen und Keramik in Europa Messe für moderne und zeitgenössische Kunst ArteFiera Website des Magazins reisen EXCLUSIV, abgerufen am 5. Januar 2015. Kulinarisches mini|Tortellini in brodo Bologna ist die Heimat der Tortellini – mit Hackfleisch gefüllte, kleine ringförmige Teigwaren, die in einer Hühnerbrühe (brodo) oder mit Sahnesoße serviert werden. Einer Legende nach sollen die Tortellini den Nabel der römischen Liebesgöttin Venus nachbilden. Eine weitere klassische Pasta aus Bologna sind Tagliatelle, mit Ei hergestellte Bandnudeln, die traditionell mit Ragù alla bolognese, einer Soße mit Hackfleisch und Tomaten, serviert werden. Von den bolognesischen Tagliatelle al ragù wurden die Spaghetti bolognese inspiriert, die aber nicht zur Küche Bolognas gehören,Italienischer Bürgermeister erklärt Spaghetti Bolognese zur Fake News. In: web.de, 12. März 2019. sondern vermutlich aus Nordamerika stammen. Eine weitere aus Bologna stammende Spezialität ist die Mortadella, eine Aufschnittwurst vom Schwein, die in hauchdünne Scheiben geschnitten verzehrt wird. Bologna ist außerdem für seine grüne Lasagne bekannt. Bildung mini|Palazzo dell’Archiginnasio, Gebäude der Universität Bologna von 1563 bis 1803 Die 1088 gegründete Universität Bologna ist die älteste Institution dieser Art in Europa. Die etwa 80.000 Studenten stellen bei einer Gesamtbevölkerung von um die 400.000 einen bedeutenden Teil der Stadtbevölkerung und prägen die Stadt, vor allem innerhalb der historischen Stadtmauern. Die Stadt ist nicht nur bei Studenten aus allen Teilen Italiens beliebt, sondern auch bei ausländischen Studenten. Neben Erasmus-Studenten sind das vor allem Studenten aus den USA. Außerdem gibt es in der Stadt die Akademie der Bildenden Künste, an der unter anderem Giorgio Morandi lehrte und Enrico Marconi eine Ausbildung absolvierte. Das SAIS Bologna Center ist eine Außenstelle der School of Advanced International Studies (SAIS) der Johns Hopkins University. Bologna war Ort der Bolognaerklärung im Jahr 1999 und Namensgeber des Bologna-Prozesses zur Reformierung und Vereinheitlichung des Europäischen Hochschulraums. Verkehr Kraftverkehr Der Raum Bologna ist ein zentraler Knotenpunkt des italienischen Autobahnsystems am Übergang zwischen der Oberitalienischen Tiefebene und der Apenninhalbinsel. Die die größten italienischen Ballungsräume Mailand und Rom miteinander verbindende A1 erreicht Bologna von Nordwesten und biegt hier südwärts Richtung Toskana in den Apennin ab. Nach Nordosten stellt die A13 eine Verbindung mit Venetien her, die Richtung Südosten führende A14 erschließt die mittelitalienische Adriaküste. Dem innerstädtischen Personennahverkehr dient das Netz des Oberleitungsbus Bologna. Bahnverkehr Das an der Eisenbahnachse Berlin–Palermo gelegene Bologna ist einer der wichtigsten Eisenbahnknoten Italiens, an dem gleich mehrere Hauptstrecken aus verschiedenen Himmelsrichtungen miteinander verknüpft sind. Von Nordwesten kommend erreichen die Bahnstrecke Mailand–Bologna und die parallel dazu geführte Schnellfahrstrecke Mailand–Bologna die Stadt, die hier jeweils an die südwärts führende Bahnstrecke Bologna–Florenz und die Schnellfahrstrecke Bologna–Florenz anschließen. Von Norden mündet die Bahnstrecke Verona–Bologna in den Knotenpunkt, von Nordosten die Bahnstrecke Padua–Bologna, von Südosten die Bahnstrecke Bologna–Ancona. Neben diesen viel befahrenen Hauptbahnen münden im Ballungsraum zudem weitere Strecken von kleinregionaler Bedeutung, nämlich die Bahnstrecke Pistoia–Bologna, die Bahnstrecke Casalecchio–Vignola und die Bahnstrecke Bologna–Portomaggiore. Im Personenverkehr ist der wichtigste Bahnhof der Stadt der Hauptbahnhof Bologna Centrale. Dieser wurde 1864 errichtet und schon zehn Jahre später von Gaetano Ratti neu konstruiert. 1926 wurde er um die westlichen Bahnsteige erweitert, 1934 auch auf der östlichen Seite. 2013 wurde der ergänzende Tiefbahnhof für Hochgeschwindigkeitsverkehr Bologna Centrale AV (AV für Alta Velocità) eröffnet. Der Rangierbahnhof Bologna San Donato an der Umgehungsbahn (Cintura) im Nordosten der Stadt hatte eine für Rangierbahnhöfe sehr seltene kopfförmige Anlage. Er war der größte Rangierbahnhof Italiens. Heute befindet sich dort ein Eisenbahn-VersuchsgeländeInternetseite des Infrastrukturbetreibers RFI. Abgesehen von den Schnellfahrstrecken werden alle oben genannten Strecken auch für das Nahverkehrssystem Servizio ferroviario metropolitano di Bologna genutzt. Ein neues innerstädtisches Netz der Straßenbahn Bologna befindet sich im Aufbau. Flugverkehr mini|Flughafen Bologna Der Flughafen Bologna im Nordwesten der Stadt ist durch verschiedene Fluggesellschaften auch aus dem deutschen Raum national und international gut angebunden. Einige Billigfluggesellschaften frequentieren den zirka 60 km entfernten Flughafen Forlì als Flughafen Bologna-Forlì. Wirtschaft Bologna und Umgebung ist ein Schwerpunkt des Maschinenbaus, unter anderen wurden Maserati und Ferrari in Bologna gegründet. Im Stadtteil Borgo Panigale ist der italienische Motorradhersteller Ducati Motor Holding S.p.A. beheimatet. Die Firma Carrellificio Emiliano S.p.A. (CESAB) – traditioneller Hersteller von Fördertechnik und Gabelstaplern – wurde 1942 gegründet. Sport Bekanntester Fußballverein der Stadt ist der siebenmalige italienische Meister FC Bologna, der vor allem in der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg zu den erfolgreichsten Italiens gehörte. Er trägt seine Heimspiele im Stadio Renato Dall’Ara aus, das bei zwei Fußball-Weltmeisterschaften Spielstätte war, und spielt nach einem Abstieg 2013/14 in die Serie B, seit der Saison 15/16 wieder in der erstklassigen Serie A. Im Basketball ist die Stadt mit Virtus und Fortitudo Heimat zweier Vereine, die auf nationaler wie kontinentaler Ebene Erfolge vorweisen können. Persönlichkeiten Bekannte Persönlichkeiten der Stadt sind in der Liste von Persönlichkeiten der Stadt Bologna aufgeführt. Städtepartnerschaften mini|Via Zamboni , Ukraine, seit 5. August 1966 , Vereinigtes Königreich, seit 21. April 1984 , Argentinien, seit 23. November 1988 , Deutschland, seit 2. März 1962 , Senegal, seit 9. Dezember 1991 , USA, seit 30. Juli 1987 , Nicaragua, seit 21. Mai 1988 , Griechenland, seit 29. Oktober 1981 , Frankreich, seit 23. November 1981 , Bosnien und Herzegowina, seit 21. Juli 1994 , Spanien, seit 27. März 1976 , Kroatien, seit 5. Mai 1963 Trivia Bologna wird auch la grassa („die Fette“) genannt wegen des gehaltvollen Essens, für das die Stadt berühmt ist. Weitere Beinamen sind la rossa („die Rote“) wegen der roten Ziegel der Häuser und der vorherrschenden politischen Richtung, sowie, wegen der berühmten Universität, la dotta („die Gelehrte“). Ferner wird Bologna auch la turrita genannt, nach den vielen Geschlechtertürmen, von denen die meisten erst Ende des 19. Jahrhunderts zerstört wurden. Der Asteroid des äußeren Hauptgürtels (2601) Bologna wurde am 8. April 1982 nach der Stadt benannt. Im Jahr 2000 war Bologna Kulturhauptstadt Europas. Der Feinkostladen Ceccarelli in der Via Pescherie Vecchie ist seit dem Erfolg des Lieds Bologna der Band Wanda, in dem eine „Tante Ceccarelli“ besungen wird, Ziel von Fans der Gruppe.emiliaromagna.at, „Bologna und Wanda“, abgerufen am 7. Mai 2024 Literatur Luca Ciancabilla (a cura di): Bologna in guerra – La città, i monumenti, i rifugi antiaeri. Minerva Edizioni, Argelato 2010, ISBN 978-88-7381-264-7. Tiziano Costa: Le grandi famiglie di Bologna – Palazzi, Personaggi e storie. Collana c’era Bologna, Costa Editore, Bologna 2013, ISBN 978-88-89646-40-3. Davide Daghia: Bologna insolita e segreta. Edizioni Jonglez, Versailles (France) 2018, ISBN 978-2-36195-119-1. Antonio Ferri, Giancarlo Roversi (a cura di): Storia di Bologna. Bologna University Press, Bologna 2005, ISBN 88-7395-084-1. Antonio Ferri, Giancarlo Roversi (a cura di): Bologna 1900–2000 – Cronache di un secolo. Bologna University Press, Bologna 2011, ISBN 978-88-7395-676-1. Marcello Fini: Bologna sacra – Tutte le chiese in due millenni di storia. Edizioni Pendragon, Bologna 2007, ISBN 978-88-8342-512-7. Alessandro Goldoni: Storia di Bologna – Dalle origini ai giorni nostri. Edizioni Biblioteca dell’Immagine, Pordenone 2018, ISBN 978-88-6391-290-6. Max Jäggi, Roger Müller, Sil Schmid: Das rote Bologna – Kommunisten demokratisieren eine Stadt im kapitalistischen Westen. Verlagsgenossenschaft, Zürich 1976. Marco Poli, Carlo Ventura: Bologna – La città delle acque e della seta. Minerva Edizioni, Argelato 2017, ISBN 978-88-3324-008-4. Eugenio Riccòmini: L’Arte a Bologna – Dalle origini ai giorni nostri. Edizioni Pendragon, Bologna 2011, ISBN 978-88-8342-831-9. Valeria Roncuzzi, Mauro Roversi Monaco: Bologna – Parole e immagini attraverso i secoli. Minerva Edizioni, Argelato 2010, ISBN 978-88-7381-345-3. Giuseppe Scandurra: Bologna che cambia – Quattro studi etnografici su una città. Edizioni Junior, Reggio-Emilia 2017, ISBN 978-88-8434-811-1. Anna Laura Trombetti, Laura Pasquini: Bologna delle torri – Uomini, pietre, artisti dal Medioevo a Giorgio Morandi. Edifir-Edizioni, Firenze 2013, ISBN 978-88-7970-616-2. Ulrike Rauh, Spaziergänge in Bologna, Wiesenburg Verlag, 2020, ISBN 978-3-95632-991-3. Weblinks Internetpräsenz der Stadt Bologna (italienisch) Abbildung der Stadt 1582 in Civitates orbis terrarum von Georg Braun (englisch). Einzelnachweise Kategorie:Ort in der Emilia-Romagna Kategorie:Etruskische Stadt Kategorie:Hauptstadt in Italien Kategorie:Träger des Europapreises Kategorie:Provinzhauptstadt in Italien Kategorie:Ehemalige Hauptstadt (Emilia-Romagna) Kategorie:Hochschul- oder Universitätsstadt in Italien Kategorie:Ortsname keltischer Herkunft Kategorie:Weinbauort in Italien Kategorie:Stadt als Namensgeber für einen Asteroiden Kategorie:Träger der Tapferkeitsmedaille in Gold (Italien)
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Algorithmus
mini|Al-Chwarizmi, der aus Choresmien stammende Namensgeber des Algorithmus, auf einer 1983 herausgegebenen sowjetischen Briefmarke anlässlich seines 1200-jährigen Geburtsjubiläums Ein Algorithmus (benannt nach dem Mathematiker und Universalgelehrten al-Chwarizmi, von arabisch: ) ist eine eindeutige Handlungsvorschrift zur Lösung eines Problems oder einer Klasse von Problemen. Algorithmen bestehen aus endlich vielen, wohldefinierten Einzelschritten.Hartley Rogers, Jr.: Theory of Recursive Functions and Effective Computability, S. 2. Damit können sie zur Ausführung in ein Computerprogramm implementiert, aber auch in menschlicher Sprache formuliert werden. Bei der Problemlösung wird eine bestimmte Eingabe in eine bestimmte Ausgabe überführt. Definition Ein Algorithmus ist eine klare, endliche Abfolge von Anweisungen, die ein Problem löst oder eine Aufgabe ausführt. Um dies jedoch mit mathematischer Strenge zu definieren, benötigt man ein mathematisches Modell, welches beschreibt, wie mathematische Funktionen eine Eingabe in eine Ausgabe umwandeln, sogenannte Berechenbarkeitsmodelle. Das Referenz-Modell ist die Turingmaschine. Turingmaschinen und Algorithmusbegriff Der Mangel an mathematischer Genauigkeit des Begriffs Algorithmus störte viele Mathematiker und Logiker des 19. und 20. Jahrhunderts, weswegen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine ganze Reihe von Ansätzen entwickelt wurde, die zu einer genauen Definition führen sollten. Eine zentrale Rolle nimmt hier der Begriff der Turingmaschine von Alan Turing ein. Weitere Formalisierungen des Berechenbarkeitsbegriffs sind die Registermaschinen, der Lambda-Kalkül (Alonzo Church), rekursive Funktionen, Chomsky-Grammatiken (siehe Chomsky-Hierarchie) und Markow-Algorithmen. Es wurde – unter maßgeblicher Beteiligung von Alan Turing selbst – gezeigt, dass all diese Methoden die gleiche Berechnungsstärke besitzen (gleich mächtig sind). Sie können durch eine Turingmaschine emuliert werden, und sie können umgekehrt eine Turingmaschine emulieren. Formale Definition Mit Hilfe des Begriffs der Turingmaschine kann folgende formale Definition des Begriffs formuliert werden: „Eine Berechnungsvorschrift zur Lösung eines Problems heißt genau dann Algorithmus, wenn eine zu dieser Berechnungsvorschrift äquivalente Turingmaschine existiert, die für jede Eingabe, die eine Lösung besitzt, stoppt.“ Eigenschaften des Algorithmus Aus dieser Definition sind folgende Eigenschaften eines Algorithmus ableitbar: Das Verfahren muss in einem endlichen Text eindeutig beschreibbar sein (Finitheit). Jeder Schritt des Verfahrens muss tatsächlich ausführbar sein (Ausführbarkeit). Das Verfahren darf zu jedem Zeitpunkt nur endlich viel Speicherplatz benötigen (Dynamische Finitheit, siehe Platzkomplexität). Das Verfahren darf nur endlich viele Schritte benötigen (Terminierung, siehe auch Zeitkomplexität). Darüber hinaus wird der Begriff Algorithmus in praktischen Bereichen oft auf die folgenden Eigenschaften eingeschränkt: Der Algorithmus muss bei denselben Voraussetzungen das gleiche Ergebnis liefern (Determiniertheit). Die nächste anzuwendende Regel im Verfahren ist zu jedem Zeitpunkt eindeutig definiert (Determinismus). Church-Turing-These Die Church-Turing-These besagt, dass jedes intuitiv berechenbare Problem durch eine Turingmaschine gelöst werden kann. Als formales Kriterium für einen Algorithmus zieht man die Implementierbarkeit in einem beliebigen, zu einer Turingmaschine äquivalenten Formalismus heran, insbesondere die Implementierbarkeit in einer Programmiersprache – die von Church verlangte Terminiertheit ist dadurch allerdings noch nicht gegeben. Der Begriff der Berechenbarkeit ist dadurch dann so definiert, dass ein Problem genau dann berechenbar ist, wenn es einen (terminierenden) Algorithmus zu dem Problem gibt, das heißt, wenn eine entsprechend programmierte Turingmaschine das Problem in endlicher Zeit lösen könnte. Es sei bemerkt, dass die Ambiguität des Begriffs „intuitiv berechenbares Problem“ den mathematischen Beweis dieser These unmöglich macht. Es ist also theoretisch denkbar, dass intuitiv berechenbare Probleme existieren, die nach dieser Definition nicht als „berechenbar“ gelten. Bis heute wurde jedoch noch kein solches Problem gefunden. Abstrakte Automaten Turingmaschinen harmonieren gut mit den ebenfalls abstrakt-mathematischen berechenbaren Funktionen, reale Probleme sind jedoch ungleich komplexer, daher wurden andere Maschinen vorgeschlagen. Diese Maschinen weichen etwa in der Mächtigkeit der Befehle ab; statt der einfachen Operationen der Turingmaschine können sie teilweise mächtige Operationen, wie etwa Fourier-Transformationen, in einem Rechenschritt ausführen. Oder sie beschränken sich nicht auf eine Operation pro Rechenschritt, sondern ermöglichen parallele Operationen, wie etwa die Addition zweier Vektoren in einem Schritt. Ein Modell einer echten Maschine ist die (kurz )Sequential Abstract State Machine (seq. ASM). mit folgenden Eigenschaften: Ein Algorithmus einer seq. ASM soll durch einen endlichen Programmtext spezifiziert werden können schrittweise ausgeführt werden können für bestimmte Zustände terminieren, muss aber nicht immer terminieren (sinnvolle Gegenbeispiele für die Forderung, dass immer terminiert werden muss, wären etwa ein Programm, das fortgesetzt Primzahlen findet, oder ein Betriebssystem) nur begrenzt viele Zustände pro Schritt ändern können (Begrenzung der Parallelität) nur begrenzt viele Zustände pro Schritt inspizieren können (Begrenzung der Exploration). Informatik und Mathematik Algorithmen sind eines der zentralen Themen der Informatik und Mathematik. Sie sind Gegenstand einiger Spezialgebiete der theoretischen Informatik, der Komplexitätstheorie und der Berechenbarkeitstheorie, mitunter ist ihnen ein eigener Fachbereich Algorithmik oder Algorithmentheorie gewidmet. In Form von Computerprogrammen und elektronischen Schaltungen steuern Algorithmen Computer und andere Maschinen. Algorithmus und Programme Für Algorithmen gibt es unterschiedliche formale Repräsentationen. Diese reichen vom Algorithmus als abstraktem Gegenstück zum konkret auf eine Maschine zugeschnittenen Programm (das heißt, die Abstraktion erfolgt hier im Weglassen der Details der realen Maschine, das Programm ist eine konkrete Form des Algorithmus, angepasst an die Notwendigkeiten und Möglichkeiten der realen Maschine) bis zur Ansicht, Algorithmen seien gerade die Maschinenprogramme von Turingmaschinen (wobei hier die Abstraktion in der Verwendung der Turingmaschine an sich erfolgt, das heißt, einer idealen mathematischen Maschine). Ein Algorithmus beschreibt eine Vorgehensweise in ihren Teilschritten, zu deren Erledigung wiederum Algorithmen benötigt werden. Beispielsweise werden für die Lösung Quadratischer Gleichungen die Grundrechenarten verwendet. Entsprechend wird in Programmen auf Operatoren zurückgegriffen, welche in die Programmiersprache integriert sind, oder auf Programmbibliotheken. Guter Programmcode zeichnet sich dadurch aus, dass der Teil mit dem eigentlichen Algorithmus kompakt und nachvollziehbar bleibt, während nebensächliche Details in Unterprogramme ausgliedert sind (Modularisierung). Algorithmen können in Programmablaufplänen nach DIN 66001 oder ISO 5807 grafisch dargestellt werden. Erster Computeralgorithmus Der erste für einen Computer gedachte Algorithmus (zur Berechnung von Bernoullizahlen) wurde 1843 von Ada Lovelace in ihren Notizen zu Charles Babbages Analytical Engine festgehalten. Sie gilt deshalb als die erste Programmiererin. Weil Charles Babbage seine nicht vollenden konnte, wurde Ada Lovelaces Algorithmus nie darauf implementiert. Heutige Situation mini|Prinzipbild des Rete-Algorithmus für Expertensystem; veröffentlicht: 1979 Algorithmen für Computer sind heute so vielfältig wie die Anwendungen, die sie ermöglichen sollen. Vom elektronischen Steuergerät für den Einsatz im Kfz über die Rechtschreib- und Satzbau-Kontrolle in einer Textverarbeitung bis hin zur Analyse von Aktienmärkten finden sich tausende von Algorithmen. Hinsichtlich der Ideen und Grundsätze, die einem Computerprogramm zugrunde liegen, wird einem Algorithmus in der Regel urheberrechtlicher Schutz versagt.Deutschland: Abs. (2) UrhG. Je nach nationaler Ausgestaltung der Immaterialgüterrechte sind Algorithmen der Informatik jedoch dem Patentschutz zugänglich, so dass urheberrechtlich freie individuelle Werke, als Ergebnis eigener geistiger Schöpfung, wirtschaftlich trotzdem nicht immer frei verwertet werden können. Dies betrifft oder betraf z. B. Algorithmen, die auf der Mathematik der Hough-Transformation (Jahrzehnte alt, aber mehrfach aktualisiertes Konzept mit Neu-Anmeldung) aufbauen, Programme, die das Bildformat GIF lesen und schreiben wollten, oder auch Programme im Bereich der Audio- und Video-Verarbeitung, da die zugehörigen Algorithmen, wie sie in den zugehörigen Codecs umgesetzt sind, oftmals nicht frei verfügbar sind. Die entsprechenden Einsparpotentiale für alle Anwender weltweit (für den Rete-Algorithmus wurde einst eine Million USD auf DEC XCON genannt) dürften heute problemlos die Grenze von einer Milliarde USD im Jahr um ein Zigfaches überschreiten. Populärer Gebrauch des Begriffs Der Begriff des Algorithmus hat seit etwa 2015 im Kontext des Online-Marketing Einzug in die Presse- und Alltagssprache gehalten. Algorithmen bestimmen insbesondere bei werbefinanzierten Angeboten, welche Inhalte und welche Werbeanzeigen dem Anwender gezeigt werden. Ziel dieser Algorithmen ist es, den Anwender lange auf der jeweiligen Plattform zu halten und ihm solche Anzeigen einzublenden, bei denen die Wahrscheinlichkeit eines Klicks am höchsten ist. Der Begriff „Algorithmus“ fällt auch allgemein, wenn eine Software nach unbekannten, aber offensichtlich komplexen Regeln entscheidet. Beispielsweise, welche Ergebnisse von einer Suchmaschine angezeigt werden. Dabei schwingt häufig ein gewisses Unbehagen mit, eben weil der Algorithmus nicht transparent ist. In der Diskussion nicht scharf davon abgegrenzt ist der Begriff „Künstliche Intelligenz“. Sie bedient sich ebenfalls Algorithmen zur Lösung vorgegebener Probleme. Von künstlicher Intelligenz wird aber im Allgemeinen nur gesprochen, wenn zusätzlich auf einen Vorrat zuvor erlernten Wissens zugegriffen wird, wobei in der Lernphase charakteristische Muster identifiziert und eingeordnet werden. Mit einer passenden Wissensbasis ist es geeigneten Algorithmen beispielsweise möglich, natürliche geschriebene und gesprochene Sprache zu verarbeiten, Gesichter oder beliebige Objekte zu identifizieren, oder Texte zu formulieren. Abgrenzung zur Heuristik Der Übergang zwischen Algorithmus und Heuristik ist fließend: Eine Heuristik ist eine Methode, aus unvollständigen Eingangsdaten zu möglichst sinnvollen Ergebnissen zu gelangen. Viele heuristische Vorgehensweisen sind selbst exakt definiert und damit Algorithmen. Bei manchen ist jedoch nicht in jedem Schritt genau festgelegt, wie vorzugehen ist – der Anwender muss „günstig raten“. Sie können nicht (vollständig) als Algorithmus formuliert werden. Eigenschaften Determiniertheit Ein Algorithmus ist determiniert, wenn dieser bei jeder Ausführung mit gleichen Startbedingungen und Eingaben gleiche Ergebnisse liefert. Determinismus Ein Algorithmus ist deterministisch, wenn zu jedem Zeitpunkt der Algorithmusausführung der nächste Handlungsschritt eindeutig definiert ist. Wenn an mindestens einer Stelle mehr als eine Möglichkeit besteht (ohne Vorgabe, welche zu wählen ist), dann ist der gesamte Algorithmus nichtdeterministisch. Beispiele für deterministische Algorithmen sind Bubblesort und der euklidische Algorithmus. Dabei gilt, dass jeder deterministische Algorithmus determiniert ist, während aber nicht jeder determinierte Algorithmus deterministisch ist. So ist Quicksort mit zufälliger Wahl des Pivotelements ein Beispiel für einen determinierten, aber nicht deterministischen Algorithmus, da sein Ergebnis bei gleicher Eingabe und eindeutiger Sortierung immer dasselbe ist, der Weg dorthin jedoch zufällig erfolgt. Nichtdeterministische Algorithmen können im Allgemeinen mit keiner realen Maschine (auch nicht mit Quantencomputern) direkt umgesetzt werden. Beispiel für einen nichtdeterministischen Algorithmus wäre ein Kochrezept, das mehrere Varianten beschreibt. Es bleibt dem Koch überlassen, welche er durchführen möchte. Auch das Laufen durch einen Irrgarten lässt an jeder Verzweigung mehrere Möglichkeiten, und neben vielen Sackgassen können mehrere Wege zum Ausgang führen. Finitheit Statische Finitheit Die Beschreibung des Algorithmus besitzt eine endliche Länge, der Quelltext muss also aus einer begrenzten Anzahl von Zeichen bestehen. Dynamische Finitheit Ein Algorithmus darf zu jedem Zeitpunkt seiner Ausführung nur begrenzt viel Speicherplatz benötigen. Terminiertheit Ein Algorithmus ‚terminiert überall‘ oder ‚ist terminierend‘, wenn er nach endlich vielen Schritten anhält (oder kontrolliert abbricht) – für jede mögliche Eingabe. Ein nicht-terminierender Algorithmus (somit zu keinem Ergebnis kommend) gerät (für manche Eingaben) in eine so genannte Endlosschleife. Für manche Abläufe ist ein nicht-terminierendes Verhalten gewünscht, z. B. Steuerungssysteme, Betriebssysteme und Programme, die auf Interaktion mit dem Benutzer aufbauen. Solange der Benutzer keinen Befehl zum Beenden eingibt, laufen diese Programme beabsichtigt endlos weiter. Donald E. Knuth schlägt in diesem Zusammenhang vor, nicht terminierende Algorithmen als rechnergestützte Methoden (Computational Methods) zu bezeichnen. Darüber hinaus ist die Terminierung eines Algorithmus (das Halteproblem) nicht entscheidbar. Das heißt, das Problem, festzustellen, ob ein (beliebiger) Algorithmus mit einer beliebigen Eingabe terminiert, ist nicht durch einen Algorithmus lösbar. Effektivität Der Effekt jeder Anweisung eines Algorithmus muss eindeutig festgelegt sein. Beispiele für (weitere) Eigenschaften von Algorithmen Einfache Grundoperation: „Öffne die Flasche Wein.“ – Hierbei wird das Wissen um das Öffnen vorausgesetzt. Sequentieller Algorithmus: „Bier auf Wein, lass' das sein.“ – Beiden Operationen ist eine Reihenfolge vorgegeben. Nebenläufiger Algorithmus: „Getrunken werden Apfelsaft und Sprudel.“ – Die Reihenfolge ist nicht vorgegeben und kann auch gleichzeitig erfolgen. Parallele Ausführung: „Mit Sekt anstoßen“ – dies kann nur gleichzeitig (parallel) ausgeführt werden und nicht hintereinander (sequentiell). Nichtdeterministischer/nichtdeterminierter Algorithmus: „Füge dem Teig 200 ml Bier oder Wasser hinzu.“ – Das Ergebnis kann sich unterscheiden, je nachdem welche Alternative man wählt. Algorithmenanalyse Die Erforschung und Analyse von Algorithmen ist eine Hauptaufgabe der Informatik und wird meist theoretisch (ohne konkrete Umsetzung in eine Programmiersprache) durchgeführt. Sie ähnelt somit dem Vorgehen in manchen mathematischen Gebieten, in denen die Analyse eher auf die zugrunde liegenden Konzepte als auf konkrete Umsetzungen ausgerichtet ist. Algorithmen werden zur Analyse in eine stark formalisierte Form gebracht und mit den Mitteln der formalen Semantik untersucht. Die Analyse unterteilt sich in verschiedene Teilgebiete: Beispielsweise wird das Verhalten von Algorithmen bezüglich Ressourcenbedarf wie Rechenzeit und Speicherbedarf in der Komplexitätstheorie behandelt; die Ergebnisse werden meist asymptotisch (z. B. als asymptotische Laufzeit) angegeben. Der Ressourcenbedarf wird dabei im Allgemeinen in Abhängigkeit von der Länge der Eingabe ermittelt, das heißt, der Ressourcenbedarf hängt meist davon ab, wie viele Eingabewerte verarbeitet werden müssen, „wie ‚groß‘ die Eingabe(menge) ist“. Das Verhalten bezüglich der Terminierung, ob also der Algorithmus überhaupt jemals erfolgreich beendet werden kann, behandelt die Berechenbarkeitstheorie. Typen und Beispiele mini|Die Lösung für das Spiel Türme von Hanoi mit drei Spielsteinen – ein einfacher Algorithmus Der älteste bekannte nicht-triviale Algorithmus ist der euklidische Algorithmus. Spezielle Algorithmus-Typen sind der randomisierte Algorithmus (mit Zufallskomponente), der Approximationsalgorithmus (als Annäherungsverfahren), die evolutionären Algorithmen (nach biologischem Vorbild) und der Greedy-Algorithmus. Eine weitere Übersicht geben die Liste von Algorithmen und die Kategorie Algorithmus. Wortherkunft mini|Seite aus einer lateinischen Übersetzung (Cambridger Manuskript), beginnend mit „Dixit algorizmi“ Das Wort Algorithmus ist eine Abwandlung oder Verballhornung des Namens des persischen Rechenmeisters und Astronomen Abu Dschaʿfar Muhammad ibn Musa al-Chwārizmī, dessen Namensbestandteil (Nisba) al-Chwarizmi „der Choresmier“ bedeutet und auf die Herkunft des Trägers aus Choresmien verweist. Er baute auf die Arbeit des aus dem 7. Jahrhundert stammenden indischen Mathematikers Brahmagupta. Die ursprüngliche Bedeutung war das Einhalten der arithmetischen Regeln unter Verwendung der indisch-arabischen Ziffern. Die ursprüngliche Definition entwickelte sich mit Übersetzung ins Lateinische weiter. Sein Lehrbuch Über die indischen Ziffern (verfasst um 825 im Haus der Weisheit in Bagdad) wurde im 12. Jahrhundert aus dem Arabischen ins Lateinische übersetzt und hierdurch in der westlichen Welt neben Leonardo Pisanos Liber Abaci zur wichtigsten Quelle für die Kenntnis und Verbreitung des indisch-arabischen Zahlensystems und des schriftlichen Rechnens. Mit der lateinischen Übersetzung al-Chwārizmī wurde auch der Name des Verfassers in Anlehnung an die Anfangsworte der ältesten Fassung dieser Übersetzung (Dixit Algorismi „Algorismi hat gesagt“) latinisiert. Aus al-Chwārizmī wurde mittelhochdeutsch algorismus, alchorismus oder algoarismus – ein Wort, das aus dem Lateinischen nahezu zeitgleich und gleichlautend ins Altfranzösische (algorisme, argorisme) und Mittelenglische (augrim, augrym) übersetzt wurde. Mit Algorismus bezeichnete man bis um 1600 Lehrbücher, die in den Gebrauch der Fingerzahlen, der Rechenbretter, der Null, die indisch-arabischen Zahlen und das schriftliche Rechnen einführen.Kurt Vogel: Der Trienter Algorismus von 1475. In: Nova Acta Leopoldina, Neue Folge, Band 27, 1963, S. 183–200. Das schriftliche Rechnen setzte sich dabei erst allmählich durch. So beschreibt etwa der englische Dichter Geoffrey Chaucer noch Ende des 14. Jahrhunderts in seinen Canterbury Tales einen Astrologen, der Steine zum Rechnen (augrym stones) am Kopfende seines Betts aufbewahrt: This clerk was cleped hende Nicholas. / His augrym stones layen faire apart, / On shelves couched at his beddes heed; In der mittelalterlichen Überlieferung wurde das Wort bald als erklärungsbedürftig empfunden und dann seit dem 13. Jahrhundert zumeist als Zusammensetzung aus einem Personennamen Algus und aus einem aus dem griechischen (Nebenform von ) in der Bedeutung „Zahl“ entlehnten Wortbestandteil -rismus interpretiert. Algus, der vermutete Erfinder dieser Rechenkunst, wurde hierbei von einigen als Araber, von anderen als Grieche oder zumindest griechisch schreibender Autor, gelegentlich auch als „König von Kastilien“ (Johannes von Norfolk) betrachtet. In der volkssprachlichen Tradition erscheint dieser „Meister Algus“ dann zuweilen in einer Reihe mit großen antiken Denkern wie Platon, Aristoteles und Euklid, so im altfranzösischen Roman de la Rose, während das altitalienische Gedicht Il Fiore ihn sogar mit dem Erbauer des Schiffes Argo gleichsetzt, mit dem Jason sich auf die Suche nach dem Goldenen Vlies begab. Auf der para-etymologischen Gräzisierung des zweiten Bestandteils -rismus auf griech. , beruht dann auch die lateinische Wortform algorithmus, die seit der Frühen Neuzeit, anfangs auch mit der Schreibvariante algorythmus, größere Verbreitung erlangte und zuletzt die heute übliche Wortbedeutung als Fachterminus für geregelte Prozeduren zur Lösung definierter Probleme annahm. Geschichte des Algorithmus Geschichtliche Entwicklung Schon mit der Entwicklung der Sprache ersannen die Menschen für ihr Zusammenleben in größeren Gruppen Verhaltensregeln, Gebote, Gesetze – einfachste Algorithmen. Mit der Sprache ist auch eine geeignete Möglichkeit gegeben, Verfahren und Fertigkeiten weiterzugeben – komplexere Algorithmen. Aus der Spezialisierung einzelner Gruppenmitglieder auf bestimmte Fertigkeiten entstanden die ersten Berufe. Der Algorithmusbegriff als abstrakte Sicht auf Aufgabenlösungswege trat zuerst im Rahmen der Mathematik, Logik und Philosophie ins Bewusstsein der Menschen. Ein Beispiel für einen mathematischen Algorithmus aus dem Altertum ist der Euklidische Algorithmus. Antikes Griechenland Obwohl der etymologische Ursprung des Wortes arabisch ist, entstanden die ersten Algorithmen im antiken Griechenland. Zu den wichtigsten Beispielen gehören das Sieb des Eratosthenes zum Auffinden von Primzahlen, welches im Buch Einführung in die Arithmetik von Nikomachos beschrieben wurde,Roger L. Cooke: The History of Mathematics: A Brief Course, Wiley 2005, S. 166. und der euklidische Algorithmus zum Berechnen des größten gemeinsamen Teilers zweier natürlicher Zahlen aus dem Werk „die Elemente“.http://aleph0.clarku.edu/~djoyce/elements/bookVII/propVII2.html Einer der ältesten Algorithmen, die sich mit einer reellen Zahl beschäftigen, ist der Algorithmus des Archimedes zur Approximation von , was zugleich auch eines der ältesten numerischen Verfahren ist. Mathematik im 19. und 20. Jahrhundert Bedeutende Arbeit leisteten die Logiker des 19. Jahrhunderts. George Boole, der in seiner Schrift The Mathematical Analysis of Logic den ersten algebraischen Logikkalkül erschuf, begründete damit die moderne mathematische Logik, die sich von der traditionellen philosophischen Logik durch eine konsequente Formalisierung abhebt.Project Gutenberg's The Mathematical Analysis of Logic, by George Boole. Gottlob Frege entwickelte als erster eine formale Sprache und die daraus resultierenden formalen Beweise.Gottlob Frege – Eine Einführung in sein Werk (PDF) Giuseppe Peano reduzierte die Arithmetik auf eine Sequenz von Symbolen manipuliert von Symbolen. Er beschäftigte sich mit der Axiomatik der natürlichen Zahlen. Dabei entstanden die Peano-Axiome.Peano: Arithmetices principia nova methodo exposita. Turin 1889. Die Arbeit von Frege wurde stark von Alfred North Whitehead und Bertrand Russell in ihrem Werk Principia Mathematica weiter ausgearbeitet und vereinfacht.http://name.umdl.umich.edu/AAT3201.0001.001 Principia Mathematica. 1. Auflage. 1910–1913, in der Onlineversion der University of Michigan. Zuvor wurde von Bertrand Russell die berühmte russellsche Antinomie formuliert, was zum Einsturz der naiven Mengenlehre führte. Das Resultat führte auch zur Arbeit Kurt Gödels. David Hilbert hat um 1928 das Entscheidungsproblem in seinem Forschungsprogramm präzise formuliert.Tapp, Christian: An den Grenzen des Endlichen. Das Hilbertprogramm im Kontext von Formalismus und Finitismus. Springer, Heidelberg 2013, ISBN 978-3-642-29654-3. Alan Turing und Alonzo Church haben für das Problem 1936 festgestellt, dass es unlösbar ist.cf. footnote in Alonzo Church 1936a in Davis 1965:90 and 1936b in Davis 1965:110. Literatur Thomas H. Cormen, Charles E. Leiserson, Ronald L. Rivest, Clifford Stein: Algorithmen. Eine Einführung. 2., korr. Auflage. Oldenbourg, München/Wien 2007, ISBN 3-486-58262-3. (Originaltitel: Introduction to algorithms. Übersetzt von Karen Lippert, Micaela Krieger-Hauwede).Englischsprachige Originalausgabe: Introduction to Algorithms. 2. Auflage. MIT Press, Cambridge (Massachusetts) 2001, ISBN 0-262-03293-7. Christoph Drösser: Total berechenbar? Wenn Algorithmen für uns entscheiden. Hanser-Verlag, 2016, ISBN 978-3-446-44699-1.Dagmar Röhrlich: Die neue Weltmacht. In: Deutschlandfunk.de, Wissenschaft im Brennpunkt, 20. März 2016, abgerufen am 28. März 2016. Donald E. Knuth: The Art of Computer Programming. Band 1–3. Addison-Wesley, Reading (Mass.) 1998, ISBN 0-201-48541-9. Anany Levitin: Introduction to The Design and Analysis of Algorithms. Addison-Wesley, 2007, ISBN 0-321-36413-9. Thomas Ottmann, Peter Widmayer: Algorithmen und Datenstrukturen. 4. Auflage. Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg 2002, ISBN 3-8274-1029-0. Sebastian Stiller: Planet der Algorithmen – Ein Reiseführer. Knaus-Verlag, 2015. ISBN 978-3-641-16793-6. Jochen Ziegenbalg, Oliver Ziegenbalg, Bernd Ziegenbalg: Zum Begriff des Algorithmus. In: Algorithmen von Hammurapi bis Gödel. 3. Auflage. Frankfurt 2010, ISBN 978-3-8171-1864-9, S. 24–31. Jochen Ziegenbalg: Algorithmik. Eine universelle Methode im Überblick. Kultur- und Wissenschaftsgeschichte, Philosophie, aktuelle Entwicklungen. Springer Spektrum, Berlin 2025, ISBN 978-3-662-70803-3. Weblinks Tom Schimmeck: Algorithmen im US-Justizsystem: Schicksalsmaschinen. In: deutschlandfunk.de, 20. Juni 2017, Der Algorithmus der Woche (Algorithmen anschaulich erklärt, herausgegeben vom Fakultätentag Informatik) Dictionary of Algorithms and Data Structures des NIST (englisch) Was ist Algorithmik? – Seite beim Fachbereich Informatik der TU Darmstadt Vorlesungsmitschrift Höhere Algorithmik der FU Berlin (PDF; 1,9 MB) Fußnoten
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Abbildung
Abbildung steht für: Abbild, Beziehung eines Bildes zu dem abgebildeten Gegenstand optische Abbildung, Erzeugung eines Bildpunkts von einem Gegenstandspunkt Funktion (Mathematik), die Abhängigkeit einer Größe von einer anderen Siehe auch: Bild (Begriffsklärung)
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Bonaventura Cavalieri
mini|Bonaventura Cavalieri Bonaventura Francesco Cavalieri (* 1598 wahrscheinlich in Mailand; † 3. Dezember oder 30. November 1647 in Bologna; mit Gelehrtennamen Cavalerius) war ein italienischer Jesuat,Jürgen Elstrodt: Maß- und Integrationstheorie. 4. Auflage, Springer, Berlin 2005, ISBN 3-540-21390-2, S. 167. Mathematiker und Astronom. Leben Bonaventura Cavalieri arbeitete auf dem Gebiet der Geometrie und lehrte an der Universität Bologna. Gleichzeitig war er Prior eines Jesuitenklosters. Die von ihm ausgeführten Berechnungen von Oberflächen und Volumina, die durch Johannes Keplers Fassrechnung angeregt wurden, nahmen Methoden der Infinitesimalrechnung vorweg und waren für ihre Entwicklung bedeutend.Alexander Witting: Integralrechnung, Walter de Gruyter Berlin 1933, S. 53–54. Bekannt wurde Cavalieri hauptsächlich durch das Prinzip der Indivisibilien. Dieses Prinzip war in einer Vorform bereits 1604 und 1615 von Johannes Kepler verwendet worden. In der frühen Version von 1635 wird angenommen, dass eine Linie aus einer unendlichen Zahl von Punkten ohne Größe besteht, eine Oberfläche aus einer unendlichen Zahl von Linien ohne Breite und ein Körper aus einer unendlichen Zahl von Oberflächen ohne Höhe. Als Reaktion auf Einwände formulierte er das Prinzip neu und veröffentlichte es so 1647 mit einer Verteidigung der Theorie. 1653 wurden seine Werke mit späteren Korrekturen neu herausgegeben. Das Cavalierische Prinzip besagt, dass zwei Körper das gleiche Volumen haben, wenn alle ebenen Schnitte den gleichen Flächeninhalt besitzen, die parallel zu einer vorgegebenen Grundebene und in übereinstimmenden Abständen ausgeführt werden. Stefano degli Angeli (1623–1697) war sein Schüler. Er wünschte sich Michelangelo Ricci und Evangelista Torricelli als Herausgeber seiner nachgelassenen Schriften. Torricelli starb aber kurz vor ihm und Ricci fand keine Zeit. Sie wurden erst 1919 veröffentlicht. Werke Lo specchio ustorio, 1632 Geometria indivisibilibus, 1635 Exercitationes Geometricae, 1647 Ehrungen Ihm zu Ehren wurden der Asteroid (18059) Cavalieri und der Mondkrater Cavalerius benannt. Literatur Amir R. Alexander: Der Kampf um das unendlich Kleine. In: Spektrum der Wissenschaft, Heft Oktober 2015 (spektrum.de) Weblinks Geometria Indivisibilibus (die Ausgabe von 1653) Spektrum.de: Vom Krankenpfleger zum Mathematiker 1. Juni 2018 Einzelnachweise Kategorie:Astronom (17. Jahrhundert) Kategorie:Mathematiker (17. Jahrhundert) Kategorie:Hochschullehrer (Universität Bologna) Kategorie:Person als Namensgeber für einen Asteroiden Kategorie:Person als Namensgeber für einen Mondkrater Kategorie:Person (Religion, Mailand) Kategorie:Historische Person (Italien) Kategorie:Geboren 1598 Kategorie:Gestorben 1647 Kategorie:Mann
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US-amerikanischer Film
Die Geschichte des US-amerikanischen Films ist ein Kapitel der Filmgeschichte, das gerade wegen der hervorgehobenen Stellung der Vereinigten Staaten als Filmnation sowohl für die Filmkunst als auch für die Ökonomie des Films relevant ist. Weltruhm erlangte Hollywood, ein Stadtteil von Los Angeles, als Zentrum der US-amerikanischen Filmindustrie, weshalb der Name oft auch als Synonym für die gesamte amerikanische Film-Branche steht. Synonym für Hollywoods Filmindustrie wird wiederum der Begriff Traumfabrik ( Dreamfactory) verwendet.bpb.de Frühgeschichte (vor 1910) Das erste kommerzielle Filmstudio der Welt war „Black Maria“ in West Orange, New Jersey. Es wurde im Jahr 1892 von Filmpionier William K. L. Dickson erbaut und diente von 1893 bis 1901 als Produktionsstätte für die Filme der Edison Manufacturing Company. Die meist unter einer Minute langen Filme wurden zunächst in Kinetoskopen vermarktet, ab 1896 wurden die Filme auch auf Leinwand projiziert. Schnell entwickelte sich die gesamte Gegend westlich des Hudson Rivers zu einem Ort der Filmindustrie. Das Land hier, entlang des Flusses und der Palisades-Klippen, war deutlich billiger als in New York City auf der Ostseite. 1907 begann die Kalem Company, den Ort Fort Lee als Filmlocation zu nutzen; andere Filmemacher folgten. Das erste Studio in Fort Lee wurde 1909 von der Champion Film Company (Mark M. Dintenfass, aufgegangen in Universal) errichtet. Bis etwa 1920 war Fort Lee die „Filmhauptstadt“ der Vereinigten Staaten, rückblickend gesehen das „Hollywood der Ostküste“. Große Filmgesellschaften, die in Fort Lee Studios betrieben, waren u. a. die Goldwyn Picture Corporation, Fox Film Corporation, Pathé Frères, Metro Pictures Corporation, American Méliès (Star Films), World Film (von Lewis J. Selznick), Éclair, The Solax Company (von Alice Guy-Blaché et al.), Independent Moving Pictures, Biograph, Victor Film Company (von Florence Lawrence et al.) und Peerless Studios. In den 1910ern, als Fort Lee Zentrum der Filmproduktion war, wurden die Palisades häufig als Filmkulissen verwendet. Der berühmteste Film, der dort entstanden ist, war The Perils of Pauline, eine Filmserie, durch welche der Begriff „Cliffhanger“ populär wurde. Zwei weitere Regionen entwickelten sich zeitgleich zu amerikanischen Filmzentren. In Jacksonville, Florida, siedelten sich ab 1908 an mehr als 30 Stummfilmunternehmen an, um während den Wintermonaten zu filmen. Die Stadt wurde als „Winter-Filmhauptstadt der Welt“ bekannt. Kalem, Edison und Metro unterhielten auch hier Studios, ebenso Gaumont. Die Lubin Manufacturing Company aus Philadelphia produzierte u. a. in Jacksonville, und ihre Studios in der Stadt wurden 1915 zunächst von Vim Comedy und dann King-Bee Films übernommen. Ebenfalls in Jacksonville gegründet wurden die Norman Studios. Eine Alternative zu Jacksonville war Kalifornien, wo vor allem die Diversität der filmbaren Landschaften beachtlich war. 1912 hatten bereits die meisten großen Filmgesellschaften Produktionsstätten in Südkalifornien eröffnet – vor allem rund um Los Angeles. Andere Teile der USA waren für die Filmproduktion von geringerer Bedeutung, nichtsdestotrotz gingen auch aus diesen relevante Filmgesellschaften hervor, z. B. Essanay und Selig aus Chicago, die beide nach Kalifornien abwanderten. Carl Laemmle startete seine Karriere ebenfalls in Chicago, bevor er nach New York und dann Kalifornien ging. Der Aufbau des Filmmarktes (1910 bis 1918) Internationale Entwicklung Bis 1912 konzentrierten sich die US-amerikanischen Filmunternehmen auf den inneramerikanischen Filmwettbewerb. Erst danach stieg ihr Einfluss auf dem Weltmarkt. Und zwar so rapide, dass sie bereits 1914, zu Beginn des Ersten Weltkriegs, die Hälfte der Welt-Filmproduktion stellten. Der harte Wettkampf zwischen dem Edison Trust und den von Carl Laemmle angeführten „Independents“ hatte wirksame Instrumente geschaffen, die, am nationalen Konkurrenten erprobt und verfeinert, nun mit zunehmender Härte die internationalen Mitbewerber trafen. Dennoch war die Vormachtstellung Hollywoods längst nicht unangreifbar, erst eine politische Entwicklung verschaffte ihr die nötige Ruhe zur Restrukturierung: Der Krieg in Europa. Die französische Filmproduktion, Hauptkonkurrent der US-Amerikaner, kam mit dem Ausbruch des Krieges sofort und vollständig zum Erliegen, denn Pathé wandelte seine Rohfilm-Fabrik in eine Munitionsfabrik um und seine Studios in Kasernen. Ähnlich, und doch weniger extrem, brach die italienische Produktion beim Kriegseintritt des Landes 1916 ein. Nachdem absehbar war, dass der Krieg sehr lange dauern konnte, bemühten sich die Franzosen, wieder ins Geschäft zu kommen. Die Position, die sie vor Ausbruch des Krieges innehatten, erreichten sie nicht mehr. Zudem beschloss das Deutsche Reich 1916 das generelle Filmeinfuhrverbot, was die europäischen Filmnationen ihres wichtigsten Absatzmarktes beraubte. Auch der Export nach Übersee gestaltete sich zunehmend schwierig, denn die Militärs beanspruchten viele Transportkapazitäten für sich. Außerdem führten deutsche U-Boote und kleinere Kreuzer einen Handelskrieg gegen die Entente-Mächte, wobei auch zivile Frachter versenkt wurden, da man die Entente verdächtigte, sie für Waffenlieferungen zu missbrauchen (z. B. die Versenkung der Lusitania). Nationale Entwicklung Die Macht der Motion Picture Patents Company (MPPC) war 1914 bereits weitgehend gebrochen, die später folgenden Gerichtsurteile waren nur noch Formalitäten. Sowohl die nationale als auch die internationale Konkurrenz der Independents waren also ausgeschaltet. Die US-Filmwirtschaft verlor zwar einen Teil des europäischen Absatzmarktes, doch der Bedarf an frischen Filmen innerhalb der Vereinigten Staaten war höher als in ganz Europa zusammen, so gab es beispielsweise 1916 bereits ca. 28.000 Kinos in ganz Amerika. Auch in der übrigen Welt nahmen die Hollywood-Unternehmen eine dominierende Stellung ein, sie stellten zum Beispiel einen Großteil der in Australien und Südamerika gezeigten Filme, die ab ca. 1916 direkt vertrieben wurden (früher war es üblich, an lokale Zwischenhändler zu verkaufen). Oligopolisierung Nach Robert C. Allen und Douglas Gomery basiert der freie Wettbewerb zwischen Unternehmen auf vier Punkten: Der Austauschbarkeit der Produkte Dem geringen Marktanteil der einzelnen Unternehmen Dem Fehlen von Wettbewerbshemmnissen Der Mobilität der Ressourcen Das Oligopol der MPPC Der erste Versuch, den freien Wettbewerb zu zerstören und ein Oligopol zu bilden, wurde mittels der Patente betrieben. MPPC versuchte, den Zugang fremder Unternehmen zu behindern, indem sie diesen durch Lizenzgebühren den Wettbewerb erschwerte. Um das System durchzusetzen, sollte zudem eine hohe Marktdurchdringung erfolgen. Auf ihrem Höhepunkt kontrollierte die MPPC via Lizenz den Großteil der Kinos. Auch der Zugang zu Filmmaterial war nicht ohne Lizenz möglich, da Eastman Kodak einen Exklusivvertrag mit der MPPC geschlossen hatte. Der Edison-Trust attackierte also vor allem die Punkte 2–4. Das System scheiterte endgültig mit der Annullierung der Edison-Patente durch den Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten, sein Niedergang jedoch hatte schon wesentlich früher begonnen. Reaktionen der „Independents“ Den freien Zugang zum Filmmaterial erlangten die Independents durch den Bau eigener Kameras und durch die Aufhebung des Patents auf Rohfilme 1912. Und um mit dem Trust konkurrieren zu können, begannen sie, ihre Filme von denen der MPPC unterscheidbar zu machen. Hierbei entstanden der Feature Film und das „Starsystem“. Die MPPC war zwar nicht blind gegenüber diesen Neuerungen, auch sie drehte Feature Films, durch ihre Struktur und vor allem durch ihre Kundenstruktur, war sie dennoch nicht in der Lage, mit diesen neuen Instrumenten zu experimentieren. Der Trust wollte Massenware verkaufen um eine bestimmte Marge zu erwirtschaften. Teure Stars hätten nur die Kosten hochgetrieben, und Feature Films bargen ein nicht zu unterschätzendes Risiko, für das die Kunden des Trusts nicht aufkommen wollten. So konnten die „Independents“ den ersten Punkt des freien Wettbewerbs unterhöhlen und einzigartige Filmerlebnisse statt austauschbarer Produkte bieten, was dem Publikumsinteresse deutlich entgegenkam und vor allem finanzkräftigere Mittelschichten erschloss. Der Feature Film kommt ca. 1909 auf und wird nur von den Independents ernsthaft weiterentwickelt, beispielsweise von Famous Players, die später nur noch Features produzieren. Famous Players sind auch die erste Gesellschaft, die das Starsystem konsequent nutzt, nach früheren Versuchen, z. B. von I.M.P. Distribution Durch die oben genannten Schritte schaffen es die Independents, sich eine Position im Markt zu sichern und immer weiter auszubauen. Für nationales und internationales Wachstum fehlen ihnen effiziente Strukturen, zum Beispiel in der Distribution. Noch bis in die Mitte der 1910er Jahre hält sich das alte States-Rights-System, in dem der Produzent lokale Franchise-Rechte seines Films an einen Distributor verkauft, der diese dann innerhalb seines festgelegten Gebiets an Kinos weiter verleiht. Diese Situation ändert sich erstmals 1914 mit der Fusion von elf regionalen Distributoren zu Paramount, die als erste landesweite Rechte handelt. Durch ihre schiere Größe kann das Unternehmen wesentlich kosteneffizienter arbeiten als die Mitbewerber, ganz abgesehen davon, dass dieses System auch für die Produktionsgesellschaft erhebliche Vorteile mit sich bringt. Das alte System kommt bis 1918 zum Erliegen. Vertikale Integration Kurz nach ihrer Gründung schließt Paramount Fünfjahresverträge mit Famous Players, Lasky und Bosworth ab, die später auf 25 Jahre verlängert werden. Hier zeichnet sich ein Trend ab, der 1914 zunehmend an Bedeutung gewinnt: Die Verflechtung der bisher getrennten Bereiche Distribution, Produktion und Vorführung, ein Phänomen, das in der Fachliteratur als Vertikale Integration bezeichnet wird. Die Bindung durch die Fünfjahresverträge ist vorteilhaft für alle Beteiligten: Jeder profitiert vom Erfolg des anderen. Wenn das Lasky-Programm sehr gut ist, wird das Paramount-Sortiment von mehr Kinos gekauft, wovon auch Famous Players und Bosworth profitieren, da ihr Programm so auch eine größere Verbreitung findet. Die Kooperation führt dann auch, zwei Jahre später, zur Fusion der genannten und noch einiger weiterer Unternehmen. Doch es lassen sich durchaus auch frühere Beispiele für vertikale Integration finden. So sind 1912 unter dem Namen Universal erstmals alle drei Bereiche des Filmbusiness vereint. Es fehlte allerdings eine große First-Run-Kinokette. Dennoch schien der Branche die Fusion so bedrohlich, dass die Gründung von Mutual eine direkte Gegenmaßnahme darstellen sollte. Auch hier fanden sich viele Unternehmen unter einem Dach zusammen, denen es explizit nur um Distribution und Produktion ging. Auch William Fox besitzt 1913 ein Distributions- und ein Produktionsunternehmen, die allerdings erst später zusammengeführt werden. Von Seiten der Kinokettenbesitzer ist zunächst wenig zu hören, erst 1915 schließen sich drei große Ketten, Rowland, Clarke und Mayer, zur Metro Pictures Corporation zusammen, einer Produktionsgesellschaft. Komplette Vertikale Integration Die wirklich große Reaktion der Kinobesitzer kam erst 1917. Zu diesem Zeitpunkt war die fusionierte Paramount zur dominanten Gesellschaft geworden, die ihre Filme mittels Block-Booking vertrieb. Das hieß, um einen Film mit einem Star vom Kaliber einer Mary Pickford zu bekommen, musste man ein komplettes Paket erwerben, dessen große Mehrheit bestenfalls als durchschnittlich zu bezeichnen war. Andererseits konnte man dem Kauf der Pakete schlecht entgehen, wenn man nicht sein Publikum an ein anderes Kino verlieren wollte, das ebendiesen Mary-Pickford-Film zeigte. Um dieses System zu durchbrechen, schlossen sich 26 der größten nationalen First-Run-Kinokettenbesitzer zum First National Exhibitors Circuit zusammen. Mit ihrer erheblichen Kaufkraft wollten sie gemeinsame Einkäufe tätigen und auch distribuieren. Zuerst war es das Ziel, Stars zu kaufen, ihre Filme zu finanzieren und im Gegenzug das Aufführungsrecht zu erwerben sowie das Recht, die entstandenen Filme regional weiter zu verleihen. Sehr bald kam auch eine eigene Produktion dazu. Zwischen 1917 und 1918 nahm First National Charlie Chaplin und Mary Pickford für jeweils eine Million Dollars unter Vertrag. Beide erhielten vollständige künstlerische Freiheit. First National kontrollierte zu diesem Zeitpunkt bereits ca. 600 Kinos, 200 davon Erstaufführungshäuser. Aus den First-Run-Kinos stammten bis zu 50 Prozent der Einnahmen der Produzenten, außerdem waren Kinos die verlässlichsten Geldverdiener im recht unsteten Filmgeschäft, da das Betreiberrisiko viel geringer war als beispielsweise in der Produktion. Darüber hinaus entschied der Erfolg in den First-Runs über eine lukrative Distribution. Wenn Paramount also seine Abnehmer und sein Publikum nicht verlieren wollte, musste ein Gegenschlag erfolgen. Also stieg die Gesellschaft, mit finanzieller Unterstützung des Bankhauses Kuhn, Loeb & Co., ins Geschäft mit den Kinos ein, anfangs mit einer Summe von 10 Millionen Dollar. Somit wurde Paramount der erste vollintegrierte, oder komplett vertikal integrierte Filmkonzern. Das zweite Oligopol So wurden aus den alten Independents die Inhaber des zweiten Oligopols. Am Ende der 1910er Jahre war der erste Punkt des freien Wettbewerbs durch das Starsystem und Feature-Filme außer Kraft gesetzt, der zweite Punkt durch die schiere Größe der Unternehmen: Weniger als zehn Unternehmen kontrollierten über 50 Prozent des Marktes. Durch die Vereinigung der Distribution und durch den beginnenden Kampf um die Kinos waren auch die letzten beiden Bedingungen für einen funktionierenden Wettbewerb ausgehebelt. Ein neues Unternehmen konnte weder einen genügenden Zugang zu den Kinos noch Zugriff auf die Stars, also auf die essentiellen Ressourcen der Filmproduktion erhalten. Auch waren die Produktionskosten stark gestiegen. Zwischen 50.000 und 100.000 US-Dollar pro Film waren normal, nach oben gab es keine Beschränkungen. Ein Großteil dieses Geldes floss in die Taschen der Stars, der Rest wurde in bessere Ausstattung investiert, eine weitere Hürde für Neueinsteiger. Um dem Trend zu höheren Gagen entgegenzuwirken, und um, wie später in einer Anhörung des Obersten Gerichtshofs bekannt wurde, ein Monopol zu errichten, planten First National und Paramount eine Fusion im Wert von 40 Millionen US-Dollar. Es war geplant, mit jedem bedeutenden Kinobesitzer in den Vereinigten Staaten einen Fünf-Jahres-Vertrag abzuschließen. Die Stars hätten dann keine Grundlage mehr für irgendwelche Forderungen gehabt. United Artists Die Pläne zu diesem Merger wurden von einem Privatdetektiv aufgedeckt, der im Auftrag von Charlie Chaplin, Mary Pickford, Douglas Fairbanks und D. W. Griffith herausfinden sollte, warum weder First National noch Paramount ihre Verträge verlängerte. Natürlich waren sie entsetzt über solche Aussichten und beschlossen, dem entgegenzuwirken, indem sie ihr eigenes Unternehmen gründeten. 1919 entstand United Artists als Gesellschaft für den Filmvertrieb. Finanziert wurde das Unternehmen durch die Morgan-Gruppe sowie durch eine Einlage von 100.000 US-Dollar für Vorzugs-Anteilscheine durch die Eigentümer. Daneben existierten auch normale Anteilscheine, bei deren Weiterverkauf United Artists ein Vorkaufsrecht hatte. Die Gesellschaft hatte keine eigenen Studios, sondern nutzte die Studios seiner Mitglieder. Sie war errichtet worden als reine Dienstleistungsgesellschaft, die nicht auf Rendite arbeiten sollte, sondern den Besitzern größtmögliche Autonomie und Profite aus dem Geschäft mit ihren Filmen einräumte. Es gab kein Block-Booking, jeder Film wurde individuell vertrieben und musste allein durch seine künstlerischen Qualitäten überzeugen. Die Verleihgebühren der United Artists lagen deutlich unter denen von First National und Paramount, stellten also eine erhebliche Bedrohung für die marktbeherrschende Stellung der beiden dar. Der Kampf um die Kinos Die Fusion der beiden Giganten war auch gescheitert, weil ihr wichtigstes Kapital, die Stars, sich auf und davon gemacht hatte. First National war also immer noch Konkurrent Paramounts, und die United Artists mit ihren qualitativ sehr hochwertigen Filmen und ihrer enormen Beliebtheit brachten das Unternehmen weiter in Bedrängnis. Also versuchte Paramount das, was man heute eine feindliche Übernahme nennen würde: Stück für Stück wurden die in der First National zusammengeschlossenen Kinoketten aufgekauft. Auch andere Unternehmen versuchten nun, Kontrolle über die Erstaufführungshäuser zu erlangen, sogar United Artists sah sich später, 1924, mangels Abnehmern gezwungen, eine eigene Kette zu gründen. Wie auch schon in der Vergangenheit, wurden die Kämpfe um die Kinos mit harten Bandagen ausgetragen, vor allem Paramounts „dynamite gang“, auch „wrecking crew“ genannt, wurde ihrem Ruf gerecht.Gertrude Jobes: Motion Picture Empire. 1966, S. 219.Benjamin B. Hampton: History of the American Film Industry, From its Beginnings to 1931. 1970, S. 255. Eine weit verbreitete Methode, Kinos an sich zu binden, war das Blocksystem.1917–1919: Paramount, First National, and United Artists. In: History of the American Cinema. Zwischen Erstem Weltkrieg und dem Ende der Stummfilmzeit (1918 bis etwa 1930) Dominanz des Weltmarktes Seit 1917 begannen US-amerikanische Unternehmen, ihre Gewinne auf der Basis von in- und ausländischen Verkäufen zu schätzen. Aus dieser Gewinnschätzung ergab sich das Budget der Produktion, das dadurch erhöht wurde, was für die ausländische Konkurrenz doppelt schlecht war. Die Produktionskosten eines Filmes wurden in den Vereinigten Staaten amortisiert, und später wurden die Filme billig im Ausland angeboten, wodurch die internationale Konkurrenz nicht mehr mithalten konnte. US-amerikanische Filme galten als qualitativ besser und waren im Erwerb trotzdem günstiger als z. B. deutsche Produktionen. Auch waren die Infrastruktur und die Rationalisierung der Produktionsabläufe nirgends so weit gediehen wie in Hollywood, ein Resultat auch des wachsenden Einflusses der Banken. Als der Erste Weltkrieg vorbei war, und die Menschen in den bislang abgeschnittenen Ländern wie Deutschland oder Österreich erstmals wieder Hollywood-Produktionen zu sehen bekamen, erlebten sie einen wahren Quantensprung in der Qualität. Die führenden europäischen Filmproduktionsländer, deren isolierte Filmindustrien fünf Jahre lang unter dem Ersten Weltkrieg gelitten hatten, und zudem mit viel geringeren Budgets zu kämpfen hatten, konnten der Konkurrenz aus den Vereinigten Staaten nur noch wenig entgegensetzen. Bis 1927 erhöhte sich der Anteil der amerikanischen Filmproduktion an der Weltfilmproduktion auf nahezu 90 %,L’Estrange Fawcett: Die Welt des Films. Amalthea-Verlag, Zürich / Leipzig / Wien 1928, S. 21 (übersetzt von C. Zell, ergänzt von S. Walter Fischer). was zu Beginn der 1920er Jahre die Filmwirtschaft in England, Frankreich, Italien, Deutschland und Österreich schwer in Bedrängnis brachte und die dortige Filmproduktion stark zurückgehen ließ. Zahlreiche europäische Filmproduktionsgesellschaften mussten schließen. 1925 wurden alleine nach Österreich 1200 US-Produktionen exportiert, obwohl der Bedarf der dortigen Kinos auf lediglich rund 350 geschätzt wurde. In vielen Ländern wurden Filmkontingente eingeführt, die die erlaubte Anzahl an Filmimporten aus den Vereinigten Staaten regelten. Da rund 45 % der Gewinne zu dieser Zeit aus Europa kamen, wurden die Restriktionen in Europa von den amerikanischen Filmmagnaten mit Argwohn betrachtet. Zumeist erfolglos wurde gegen Einfuhrbeschränkungen Lobbying betrieben. In Ungarn jedoch wurden die geplanten Einfuhrbeschränkungen nicht eingeführt, nachdem die US-amerikanische Filmindustrie den ungarischen Behörden damit gedroht hatte, keine Filme mehr in Ungarn zu zeigen.Fawcett, S. 44. Filmwirtschaftliche Situation 1927 waren nach Zahlen des US-Handelsdepartements beim amerikanischen Film 350.000 Personen beschäftigt. Zur Filmproduktion wurden rund 500.000 Kilometer Filmband verbraucht, wofür mehr Silber benötigt wurde, als der Umlauf an Silbermünzen in den Vereinigten Staaten ausmachte. Es wurden Filme im Ausmaß von 75.000 Kilometer Filmband und einem damaligen Wert von rund 320 Millionen Mark exportiert. Ende des Jahres 1927 zählten die Vereinigten Staaten 21.642 Kinos, die in jenem Jahr insgesamt 3 Milliarden Mal besucht wurden, was wiederum einen Erlös aus dem Eintrittsgeld von rund 2,5 Milliarden Dollar ergab. Während Amerika den weltweiten Filmmarkt fast ohne nennenswerte Konkurrenz dominierte, hatten ausländische Produktionen am US-Markt kaum eine Chance. Spielten in manchen Ländern jährlich bis zu 1000 oder mehr US-Filmproduktionen in den Kinos, liefen in den gesamten Vereinigten Staaten im Jahr 1927 nur 65 ausländische Filme, davon 38 aus Deutschland, neun aus England, sechs aus Frankreich, vier aus Russland, je zwei aus Österreich und Italien und je einer aus China und Polen. Selbst diese Filme waren zumeist nur wenig verbreitet und liefen fast ausschließlich auf so genannten Filmkunstbühnen.Fawcett, S. 35. Das Studiosystem Frühe Tonfilmära bis Ende des Zweiten Weltkriegs Ab 1933, verstärkt jedoch ab Beginn des Zweiten Weltkriegs und der Ausbreitung des Deutschen Reichs auf immer weitere Teile Europas, setzte eine Emigrationswelle von zumeist jüdischen Filmschaffenden aus Europa ein. Waren deren Auswanderungsziele zu Beginn noch häufig europäische Städte mit Filmindustrie wie Wien, Paris oder London, kristallisierte sich bald die aufstrebende Filmindustrie Hollywoods als begehrtestes und vielversprechendstes Ziel der Emigranten heraus – verstärkt durch gezieltes Anwerben europäischer Filmgrößen durch Hollywood-Studiobosse.Helmut G. Asper: Etwas besseres als den Tod – Filmexil in Hollywood. Schüren Verlag, Marburg 2002, S. 20, 28, 49. Von den etwa 2000 jüdischen Filmschaffenden, die im Deutschen Reich keine Arbeit mehr fanden und auswandern mussten, fanden sich letztendlich rund 800 in Hollywood wieder – darunter fast die gesamte Elite des deutschsprachigen Filmschaffens dieser Zeit. Vielen gelang dort eine ruhmvolle Karriere, viele, vor allem jene, die 1938 und noch später ohne Arbeitsangebot in Hollywood ankamen, konnten nicht mehr an ihre bisherige Karriere anschließen und kamen nur in schlecht bezahlten und unbedeutenden Positionen unter oder mussten nach einer Weile gar das Filmgeschäft aufgeben. Statt der bisher aus Berlin und Wien gewohnten Kaffeehäuser, wo man sich einst regelmäßig traf, wurden nun große Appartements und Villen von in Hollywood erfolgreichen Emigranten neue Treffpunkte. Beliebte Treffpunkte der Film- und Theaterschaffenden waren die Adressen von Henry Koster, Paul Henreid, Ernst Deutsch-Dryden, Paul Kohner und später auch von Sam Spiegel. Die literarische Emigration, inklusive Drehbuchautoren, traf sich häufig bei Salka Viertel und bei Brecht. Im Zuge der Great Depression berief die Academy of Motion Picture Arts and Sciences Anfang März 1933 eine Sitzung im Hollywood Roosevelt Hotel ein, bei der die Studio-Eigentümer bekanntgaben, die Gehälter in der gesamten Branche um 50 Prozent kürzen zu wollen. Einige Beschäftigte erhoben während dieser Sitzung Einwände gegen den Plan und exponierten sich damit persönlich. Die Gewerkschaft der Theaterangestellten, IATSE, stellte sich das Vorhaben, woraufhin geringere Kürzungen in Kraft traten. Die Gehaltskürzungen blieben acht Wochen lang in Kraft. Als Reaktion auf diese Erfahrung formierten sich im April 1933 die Screen Writers Guild, im Juni 1933 die Screen Actors Guild und im Jänner 1936 die Directors Guild of America. Im November 1933 stimmten die Studios im Code of Fair Competition for the Motion Picture Industry zu, dass ihre Arbeiter Gewerkschaften beitreten durften. Nach dem Zweiten Weltkrieg Amerikanische Kinospielfilmproduktion Screen Digest, Juni 2006, S. 205–207; abgerufen am 3. Oktober 2015. Jahr Anzahl 1975 258 1985 356 1995 631 2005 699 Das Ende des Studio-Systems Das sogenannte goldene Zeitalter Hollywoods, in dem die Filmindustrie von acht Studios beherrscht wurde, endete bald nach dem Zweiten Weltkrieg. Ein Grund war das sogenannte Paramount-Urteil des Supreme Court 1948. Es besagte, dass die Studios sich von ihren Kinoketten trennen mussten, was das Ende der vertikalen Integration und der Blockbuchungen bedeutete. Auch die Zweiteilung der Produktion in Prestige- und B-Filme fand damit ein Ende. Die Künstler waren nicht mehr an die Studios gebunden und die Herstellung der Filme wurde nun an unabhängige Produzenten ausgelagert. Dies ermöglichte Regisseuren, die im Studio-System nur wenige Handlungsspielräume besaßen, größeren kreativen Einfluss auf ihr Werk. Einige von ihnen, wie Alfred Hitchcock oder Howard Hawks, wurden von der französischen Filmkritik daher bald als Auteure ihrer Filme bezeichnet. Die Studios erholten sich von diesen Umwälzungen nur schwer und mussten entweder schließen (wie RKO) oder wurden von Magnaten oder Großkonzernen übernommen. Neue Vorführstätten und Vertriebskanäle Nicht nur juristische Entscheidungen führten zu einer Krise der Filmindustrie. Ab den späten 1940er Jahren sanken die Zuschauerzahlen rapide, was unter anderem die Abwanderung der Zielgruppe in die Vorstädte und die Konkurrenz des Fernsehens als Ursache hatte. Ein Versuch, das Publikum weiterhin zu erreichen, war das Verlegen der Kinos aus den Stadtzentren in die Peripherie. In den 1950er Jahren wurden tausende Autokinos errichtet, deren Besucherzahlen 1956 erstmals die von herkömmlichen Kinos überstiegen. In den sich in den 1960er Jahren etablierenden Einkaufszentren wurden außerdem Multiplexe mit fünf oder mehr Leinwänden errichtet. Da diese Maßnahmen die sinkenden Einnahmen im Inland nicht ausreichend ausgleichen konnten, gewann der Vertrieb in ausländischen Märkten zunehmend an Bedeutung. Nachdem die Studios jahrelang das Fernsehen boykottiert und sich geweigert hatten, Filme zur Ausstrahlung freizugeben, verkaufte RKO schließlich 1954 sein gesamtes Filmarchiv ans Fernsehen und erzielte damit Millionengewinne. Die anderen Filmproduktionsgesellschaften zogen bald nach. Ab 1955 begannen sie, auch selbst Fernsehprogramme zu produzieren, sodass Hollywood bald New York als Zentrum der Fernsehproduktion abgelöst hatte. Weiterentwicklungen in der Bild- und Tontechnik Ein weiterer Versuch der Filmindustrie, den Zuschauerschwund zu bekämpfen, war der Einsatz neuer Technologien, um ein spektakuläreres und immersiveres Filmerlebnis zu schaffen, als das Fernsehen es bieten konnte. Nicht zuletzt dank der juristisch beendeten Monopolstellung von Technicolor wurden bereits 1955 mehr als die Hälfte aller Hollywoodfilme in Farbe produziert, seit Anfang der 60er Jahre waren es nahezu alle. Die 3D-Technik war bereits in den 1920er Jahren bekannt und erlebte von Ende 1952 bis Frühjahr 1954 eine kurze Renaissance, konnte sich jedoch wegen der hohen Kosten nicht langfristig durchsetzen. Anders verhielt es sich mit dem Breitbildformat, das in den 1950er Jahren allmählich das nahezu quadratische 35-mm-Academy-Format ablöste. Ein Extrembeispiel ist die im September 1952 veröffentlichte Cinerama-Technologie: Die Filme wurden auf einer gewölbten Leinwand mit 146° horizontalem Blickwinkel gezeigt. Das Format konnte sich wegen der aufwendigen Aufführung mit drei synchronisierten Projektoren jedoch langfristig nicht gegen anamorphotische Breitbildformate wie CinemaScope durchsetzen. Auch auf der Tonebene sollte das Publikum das Gefühl bekommen, sich mitten im Geschehen zu befinden: Mehrkanalton mit dem Magnettonverfahren kam jedoch hauptsächlich in großen Breitbildproduktionen zum Einsatz. Die breite Masse der Kinos war in den 1950er Jahren nicht bereit, in die Umrüstung ihrer Säle auf das neue Tonverfahren zu investieren. Neue inhaltliche und stilistische Freiheiten Die Lockerung der Zensurbestimmungen in der Nachkriegszeit ermöglichten Filmemachern, gewagtere Themen zu behandeln. Wie Alfred Hitchcock Sex und Gewalt in Psycho nutzte, um das Publikum zu fesseln, war 1960 noch skandalös, wurde im Laufe des Jahrzehnts jedoch immer mehr zum Mainstream. Während sich Hollywood thematisch öffnete, blieb der Erzählstil jedoch zunächst unverändert. Erst der Einfluss des europäischen Kunstfilms führte zu Werken, die die althergebrachten Erzähltechniken durch nur locker verknüpften Erzählstränge und vielschichtige Protagonisten unterliefen. Ein Spiel mit und eine Neuformulierung von Genrekonventionen kennzeichnet diese Zeit, zum Beispiel in den Western von Sam Peckinpah. New Hollywood und der moderne Blockbuster Eine neue Generation von Filmemachern, die größtenteils von den Filmhochschulen kamen und deren Werke später als New Hollywood bezeichnet wurden, machte Ende der 1960er Jahre mit Werken wie Bonnie and Clyde, The Graduate, The Wild Bunch und Easy Rider auf sich aufmerksam, in denen sie neue Erzähl- und Darstellungsformen erprobten. Die sogenannten movie brats (etwa: Film-Bälger) zu denen unter anderem Steven Spielberg, George Lucas und Francis Ford Coppola gehörten, begannen ihre Karriere beim Fernsehen oder mit Exploitation-Filmen. Erst als sie Anfang und Mitte der 1970er Jahre mit Der Pate, American Graffiti und Der weiße Hai große Erfolge feierten, konnten sie sich endgültig gegen die Konventionen der althergebrachten Filmindustrie durchsetzen. Diese erkannte nun, wie sie eine Zuschauer-Generation, die mit den billigen Genre-Filmen Roger Cormans in den Auto- und Programmkinos aufgewachsen war, wieder in die großen Kinos locken konnte: Die Kassenschlager der folgenden Jahre und Jahrzehnte waren Exploitation-Filme mit Multi-Millionen-Dollar-Budgets, ohne die technischen Unzulänglichkeiten ihrer Vorbilder, aber auch ohne deren Ecken und Kanten. Siehe auch Liste erfolgreicher Filme in den Vereinigten Staaten Experimentalfilm Filmgeschichte Filmstudio Kriegsfilm US-amerikanische Filmproduktionsgesellschaften Undergroundfilm Literatur Deutsch Kenneth Anger: Hollywood Babylon, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt-Taschenbuch-Verlag, 1999 Helmut G. Asper: ‘Etwas Besseres als den Tod …’. Filmexil in Hollywood: Porträts, Filme, Dokumente. Schüren 2002, ISBN 3-89472-362-9. Elisabeth Bronfen, Norbert Grob (Hrsg.): Classical Hollywood. Philipp Reclam jun., Stuttgart 2013, ISBN 978-3-15-019015-9. (Filme von 1929 bis 1960) Peter Bürger: Kino der Angst. Terror, Krieg und Staatskunst aus Hollywood. Schmetterling Verlag; Auflage: 2., durchges. u. erw. Aufl. 2006, ISBN 3-89657-472-8. Hollywood hybrid. Genre und Gender im zeitgenössischen Mainstream-Film, hg. von Claudia Liebrand, Schüren Presseverlag 2003 Neal Gabler: Ein eigenes Reich. Wie jüdische Emigranten Hollywood erfanden. Berlin Verlag 2004, ISBN 3-8270-0353-9. Ronald Haver: David O. Selznick’s Hollywood. München 1982. Michaela Krützen: Dramaturgie des Films. Wie Hollywood erzählt. Frankfurt am Main, Fischer TB, 2004, ISBN 3-596-16021-9. Paul Werner, Uta van Steen: Rebellin in Hollywood – 13 Porträts des Eigensinns. Münster 1987 Slavoj Žižek: Lacan in Hollywood. Turia & Kant 2000, ISBN 3-85132-276-2. Englisch Hollywood Christopher Ames: Movies about the movies: Hollywood reflected. 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Arbeitsspeicher
Der Arbeitsspeicher oder Hauptspeicher () eines Computers ist die Bezeichnung für den Speicher, der die gerade auszuführenden Programme oder Programmteile und die dabei benötigten Daten enthält. Der Hauptspeicher ist eine Komponente der Zentraleinheit. Da der Prozessor unmittelbar auf den Hauptspeicher zugreift, beeinflussen dessen Leistungsfähigkeit und Größe in wesentlichem Maße die Leistungsfähigkeit der gesamten Rechenanlage.Duden Informatik, ein Sachlexikon für Studium und Praxis, 1993, ISBN 3-411-05232-5, S. 296 mini|DDR4-SDRAM-Modul mit Heatspreader, für gewöhnlich in Gaming- oder Desktop-PCs verbaut Arbeitsspeicher wird charakterisiert durch die Zugriffszeit bzw. Zugriffsgeschwindigkeit und (damit verbunden) die Datenübertragungsrate sowie die Speicherkapazität. Die Zugriffsgeschwindigkeit beschreibt die Dauer, bis angefragte Daten gelesen werden können. Die Datenübertragungsrate gibt an, welche Datenmenge pro Zeit gelesen werden kann. Es können getrennte Angaben für Schreib- und Lesevorgang existieren. Zur Benennung der Arbeitsspeichergröße existieren zwei unterschiedliche Notationsformen, die sich aus der verwendeten Zahlenbasis ergeben. Entweder wird die Größe zur Basis 10 angegeben (als Dezimalpräfix; 1 kByte oder kB = 103 Bytes = 1000 Bytes, SI-Notation) oder zur Basis 2 (als Binärpräfix; 1 KiB = 210 Bytes = 1024 Bytes, IEC-Notation). Aufgrund der binärbasierten Struktur und Adressierung von Arbeitsspeichern (Byte-adressiert bei 8-Bit-Aufteilung, wortadressiert bei 16-Bit-Aufteilung, doppelwortadressiert bei 32-Bit-Aufteilung usw.) ist letztere Variante die üblichere Form, die zudem ohne Brüche auskommt. Soweit Arbeitsspeicher über den Adressbus des Prozessors angesprochen wird oder direkt im Prozessor integriert ist, spricht man von physischem Speicher. Modernere Prozessoren und Betriebssysteme können durch virtuelle Speicherverwaltung mehr Arbeitsspeicher bereitstellen, als physischer Speicher vorhanden ist, indem sie Teile des Adressraums mit anderen Speichermedien hinterlegen (etwa mit einer Auslagerungsdatei, pagefile oder swap u. a.). Dieser zusätzliche Speicher wird virtueller Speicher genannt. Zur Beschleunigung des Speicherzugriffs – physisch oder virtuell – kommen heute zusätzliche Pufferspeicher zum Einsatz. Grundlagen mini|Verschiedene Arten von Arbeitsspeicher (v. l. n. r.) SIMM 1992, SDRAM 1997, DDR-SDRAM 2001, DDR2-SDRAM 2008 Der Arbeitsspeicher des Computers ist ein durch Adressen (in Tabellenform) strukturierter Bereich, der Binärwörter fester Größe aufnehmen kann. Durch die binäre Adressierung bedingt hat Arbeitsspeicher praktisch immer eine 'binäre' (auf Potenzen von 2 basierende) Größe, da andernfalls Bereiche ungenutzt blieben. Der Arbeitsspeicher moderner Computer ist flüchtig, d. h., dass alle Daten nach dem Abschalten der Energieversorgung verloren gehen – der Hauptgrund dafür liegt in der Technologie der DRAMs. Verfügbare Alternativen wie etwa MRAM sind allerdings für die Verwendung als Arbeitsspeicher noch zu langsam. Deshalb enthalten Computer auch Festspeicher in Form von Festplatten oder SSDs, auf dem das Betriebssystem und die Anwendungsprogramme und Dateien beim Abschalten erhalten bleiben. Die häufigste Bauform für den Einsatz in Computern ist das Speichermodul. Es ist zwischen verschiedenen RAM-Typen zu unterscheiden. Waren in den 1980ern noch übliche Bauweisen Speicher in Form von ZIP-, SIPP- oder DIP-Modulen, so wurden in den 1990ern vorwiegend SIMMs mit FPM- oder EDO-RAM genutzt. Heute kommen in Computern in erster Linie DIMMs mit z. B. SD-, DDR-SD-, DDR2-SD-, DDR3-SD oder DDR4-SDRAMs zum Einsatz. Geschichte mini|Magnetkernspeicherelement, um 1971, Kapazität 16 Kibibyte Die ersten Computer hatten keinen Arbeitsspeicher, nur einige Register, die mit der gleichen Technik wie das Rechenwerk aufgebaut waren, also Röhren oder Relais. Programme waren fest verdrahtet („gesteckt“) oder auf anderen Medien, wie zum Beispiel Lochstreifen oder Lochkarten gespeichert und wurden nach dem Lesen direkt ausgeführt. „In Rechenanlagen der 2. Generation dienten Trommelspeicher als Hauptspeicher“ (Dworatschek).Sebastian Dworatschek: Grundlagen der Datenverarbeitung. S. 263 Zusätzlich wurde in der Anfangszeit auch mit eher exotischen Ansätzen experimentiert, beispielsweise mit Laufzeitspeichern in Quecksilberbädern oder in Glasstabspiralen (mit Ultraschallwellen beschickt). Später wurden Magnetkernspeicher eingeführt, die die Information in kleinen Ferritkernen speicherten. Diese waren in einer kreuzförmigen Matrix aufgefädelt, wobei sich je eine Adressleitung und eine Wortleitung in der Mitte eines Ferritkerns kreuzten. Der Speicher war nicht flüchtig, die Information ging jedoch beim Lesen verloren und wurde anschließend von der Ansteuerungslogik sofort wieder zurückgeschrieben. Solange der Speicher nicht beschrieben oder gelesen wurden, floss kein Strom. Er ist um einige Größenordnungen voluminöser und teurer herzustellen als moderne Halbleiterspeicher. Typische Großrechner waren Mitte der 1960er Jahre mit 32 bis 64 Kibibyte großen Hauptspeichern ausgestattet (zum Beispiel IBM 360-20 oder 360-30), Ende der 1970er Jahre (zum Beispiel die Telefunken TR 440) mit 192.000 Worten à 52 Bit (netto 48 Bit), also mit über 1 Megabyte. Der Kernspeicher als Ganzes bot ausreichend Platz, neben dem Betriebssystem, das aktuell auszuführende Programm zunächst von einem externen Medium in den Arbeitsspeicher zu laden und alle Daten zu halten. Programme und Daten liegen in diesem Modell aus Sicht des Prozessors im gleichen Speicher, die heute am weitesten verbreitete Von-Neumann-Architektur wurde eingeführt. mini|Arbeitsspeicher in Form eines ICs auf einem SDRAM-Modul Mit Einführung der Mikroelektronik wurde der Arbeitsspeicher zunehmend durch integrierte Schaltungen (Chips) ersetzt. Jedes Bit wurde in einem bistabilen Schalter (Flipflop) gespeichert, das mindestens zwei, mit Ansteuerlogik aber bis zu sechs Transistoren benötigt und relativ viel Chipfläche verbraucht. Solche Speicher verbrauchen immer Strom. Typische Größen waren integrierte Schaltungen (ICs) mit 1 KiBit, wobei jeweils acht ICs gemeinsam adressiert wurden. Die Zugriffszeiten lagen bei einigen 100 Nanosekunden und waren schneller als die Prozessoren, die um ein Megahertz getaktet waren. Das ermöglichte zum einen die Einführung von Prozessoren mit sehr wenigen Registern wie dem MOS Technology 6502 oder dem TMS9900 von Texas Instruments, die ihre Berechnungen größtenteils im Arbeitsspeicher durchführten. Zum anderen ermöglichte es den Bau von Heimcomputern, deren Videologik einen Teil des Arbeitsspeichers als Bildschirmspeicher verwendete und parallel zum Prozessor darauf zugreifen konnte. Ende der 1970er Jahre wurden dynamische Arbeitsspeicher entwickelt, die die Information in einem Kondensator speichern und nur noch einen zusätzlichen Feldeffekttransistor pro Speicherbit benötigen. Sie können sehr klein aufgebaut werden und benötigen sehr wenig Leistung. Der Kondensator verliert die Information allerdings langsam, die Information muss daher in Abständen von einigen Millisekunden immer wieder neu geschrieben werden. Das geschieht durch eine externe Logik, die den Speicher periodisch ausliest und neu zurückschreibt (Refresh). Durch die höhere Integration in den 1980er Jahren konnte diese Refreshlogik preiswert aufgebaut und in den Prozessor integriert werden. Typische Größen Mitte der 1980er waren 64 KBit pro IC, wobei jeweils acht Chips gemeinsam adressiert wurden. Die Zugriffszeiten der dynamischen RAMs lagen bei preiswertem Aufbau ebenfalls bei einigen 100 Nanosekunden und haben sich seitdem nur wenig verändert, die Größen sind jedoch auf einige GBit pro Chip gewachsen. Die Prozessoren werden heute nicht mehr im Megahertz-, sondern im Gigahertz-Bereich getaktet. Daher werden, um die durchschnittliche Zugriffszeit zu reduzieren, Caches verwendet und sowohl die Taktrate als auch die Breite der Anbindung des Arbeitsspeichers an den Prozessor erhöht (siehe Front Side Bus). Im Juni 2012 wurde bekannt gegeben, dass mit dem sogenannten Speicherwürfel (englisch und kurz genannt) eine neue kleinere und leistungsstärkere Bauform für Arbeitsspeicher entwickelt werden soll, bei der ein Stapel aus mehreren Dies genutzt werden soll. Eigens dafür wurde das Hybrid Memory Cube Konsortium gegründet, dem unter anderem ARM, Hewlett-Packard und Hynix beigetreten sind. Physischer und virtueller Arbeitsspeicher Um den physischen Arbeitsspeicher zu erweitern, können moderne Betriebssysteme zusätzlichen virtuellen Arbeitsspeicher auf Massenspeichern allozieren (platzieren, zuteilen). Diesen Speicher nennt man auch Swapspeicher. Um diese Erweiterung transparent zu realisieren, bedient sich das Betriebssystem eines virtuellen Speicherraumes, in dem sowohl der physische als auch der virtuelle Speicher vorhanden sind. Teile dieses virtuellen Speicherraumes – eine oder mehrere Speicherseiten – werden dabei entweder in das physisch vorhandene RAM oder in den Auslagerungsspeicher (Swapspace) abgebildet. Die Nutzungsrate der einzelnen Seiten bestimmt, welche Speicherseiten ausgelagert und nur auf Massenspeichern und welche im schnellen RAM existieren. Diese Funktionen werden von heutigen CPUs unterstützt, wobei die Menge des unterstützten Gesamtspeichers im Laufe der Entwicklung deutlich gestiegen ist. mini|Arbeitsspeicher für Notebooks (SO-DIMM). Oben SD-RAM und unten DDR-RAM Der Auslagerungsspeicher stellt eine sehr preiswerte, aber mit extrem schlechter Leistung verbundene Erweiterung zum physischen Arbeitsspeicher dar. Ein Missverhältnis zwischen beiden Speicherarten ist an häufigem „Swappen“, also dem Verschieben von Daten zwischen Massen- und physischem Arbeitsspeicher, zu erkennen. Verglichen mit dem Arbeitsspeicher benötigt die Festplatte mit mehreren Millisekunden sehr lange, um die Daten bereitzustellen. Die Zugriffszeit auf den Arbeitsspeicher beträgt nur wenige Nanosekunden, was einem Millionstel der Festplatte entspricht. Cache Zugriffe auf den Arbeitsspeicher durch den Hauptprozessor werden zumeist über ein oder mehrere Pufferspeicher oder (kurz „Cache“) optimiert. Im Cache hält und benutzt der Rechner die am häufigsten angesprochenen Speicherbereiche, stellvertretend für die originären Hauptspeicherbereiche. Der Cache ist im Verhältnis zu anderen Speichern sehr schnell, da er möglichst direkt am Prozessor angebunden ist (bzw. sich in modernen Prozessoren direkt auf dem Die befindet). Allerdings ist er in der Regel nur wenige Megabyte groß. Bei geringem Speicherbedarf können Programme oder Teile davon fast ausschließlich im Cache laufen, ohne dass der Hauptspeicher angesprochen werden muss. Der Cache ist als Assoziativspeicher ausgeführt, kann also entscheiden, ob die Daten einer Adresse schon im Cache gespeichert sind oder noch vom Arbeitsspeicher geholt werden müssen. Dann wird ein anderer Teil des Caches aufgegeben. Der Cache wird dabei stets mit mehreren aufeinander folgenden Worten gefüllt, beispielsweise stets mit mindestens 256 Bit (sogenannter Burst-Modus), da es sehr wahrscheinlich ist, dass in Kürze auch Daten vor oder hinter den gerade benötigten gelesen werden sollen. Leistung von Speichermodulen Die Leistung von Speichermodulen (Takt und Schaltzeitverhalten, englisch ) misst sich vor allem in der absoluten Latenz. Die theoretische Bandbreite ist ausschließlich beim Burst-Transfer relevant. Ein weit verbreiteter Irrtum ist, dass höhere numerische Timings eine schlechtere Leistung zur Folge hätten. Das gilt jedoch nur bei gleichem Takt, da sich die absolute Latenz aus den Faktoren (effektiver) Takt und Schaltzeitverhalten (Timing) ergibt. + Beispiele BezeichnungCAStRCDtRPtRAS DDR400 CL2-2-2-5 10 ns 10 ns 10 ns 25 ns DDR500 CL3-3-2-8 12 ns 12 ns 8 ns 32 ns DDR2-667 CL5-5-5-15 15 ns 15 ns 15 ns 45 ns DDR2-800 CL4-4-4-12 10 ns 10 ns 10 ns 30 ns DDR2-800 CL5-5-5-15 12,5 ns 12,5 ns 12,5 ns 37,5 ns DDR2-1066 CL4-4-4-12 7,5 ns 7,5 ns 7,5 ns 22,5 ns DDR2-1066 CL5-5-5-15 9,38 ns 9,38 ns 9,38 ns 28,13 ns DDR3-1333 CL7-7-7-24 10,5 ns 10,5 ns 10,5 ns 36 ns DDR3-1333 CL8-8-8 12 ns 12 ns 12 ns DDR3-1600 CL7-7-7 8,75 ns 8,75 ns 8,75 ns DDR3-1600 CL9-9-9 11,25 ns 11,25 ns 11,25 ns Berechnung Formel: Beispiel: DDR3-1333 CL8-8-8 Daraus ergibt sich die Konsequenz, dass DDR2/3/4-SDRAM, obwohl sie höhere (numerische) Schaltzeiten (Timings) als DDR-SDRAM aufweisen, schneller sein können und eine höhere Bandbreite zur Verfügung stellen. Einige Speicherhersteller halten die offiziellen Spezifikationen der JEDEC nicht ein und bieten Module mit höheren Taktraten oder besserem Schaltzeitverhalten (Timings) an. Während DDR3-1600 CL9-9-9 einer offiziellen Spezifikation unterliegt, handelt es sich bei DDR2-1066 CL4-4-4-12 um nicht standardkonforme Speichermodule. Diese schnelleren Speicher werden oft als Speichermodule für Übertakter bezeichnet. CAS (column access strobe) – latency (CL) Gibt an, wie viele Taktzyklen der Speicher benötigt, um Daten bereitzustellen. Niedrigere Werte bedeuten höhere Speicherleistung. RAS to CAS Delay (tRCD) Dabei wird über die Abtastsignale „Spalten“ und „Zeilen“ eine bestimmte Speicherzelle lokalisiert, ihr Inhalt kann dann bearbeitet werden (Auslesen/Beschreiben). Zwischen der Abfrage „Zeile“ und der Abfrage „Spalte“ befindet sich eine festgelegte Verzögerung ⇒ Delay. Niedrigere Werte bedeuten höhere Speicherleistung. RAS (row access strobe) – precharge delay (tRP) Bezeichnet die Zeit, die der Speicher benötigt, um den geforderten Spannungszustand zu liefern. Erst nach Erreichen des gewünschten Ladezustandes kann das RAS-Signal gesendet werden. Niedrigere Werte bedeuten höhere Speicherleistung. Row-Active-Time (tRAS) Erlaubte Neuzugriffe nach festgelegter Anzahl von Taktzyklen, setzt sich rein rechnerisch aus CAS + tRP + Sicherheit zusammen. Command Rate (zu Deutsch Befehlsrate) Ist die Latenzzeit, welche bei der Auswahl der einzelnen Speicherchips benötigt wird, genauer gesagt, die Adress- und Command Decode Latency. Die Latenzzeit gibt an, wie lange ein Speicherbank-Adressierungssignal anliegt, bevor die Ansteuerung der Zeilen und Spalten der Speichermatrix geschieht. Typische Werte für DDR- und DDR2-Speichertypen sind 1–2T, meistens wird 2T genutzt. Praxis In der Praxis konnten FSB1333-Prozessoren von Intel mit ihrem Front Side Bus maximal 10 GiB/s an Daten empfangen. Das wird im üblichen Dual-Channel-Betrieb mit zwei Speicher-Riegeln bereits von DDR2-667 (10,6 GiB/s) ausgereizt. Aktuelle Prozessoren unterliegen dieser Beschränkung nicht mehr, da hier der Speichercontroller nicht mehr in der Northbridge, wie beim Sockel 775 und Vorgängern, sondern direkt auf der CPU verbaut ist. Neben Dual Channel spielt es auch eine Rolle, ob der Speicher Dual-Rank unterstützt. Dual-Rank steht für die beidseitige Bestückung der Speicherriegel mit doppelt so vielen, aber nur halb so großen Speicherchips. Insbesondere CPUs mit interner GPU, wie die AMD-Kaveri-Architektur, können von dieser Form der Speicherverschränkung profitieren. Anbindung des Arbeitsspeichers Die klassische Anbindung von physischem Speicher erfolgt über einen (bei Von-Neumann-Architektur) oder mehrere (bei der heute im PC-Bereich nicht mehr verwendeten Harvard-Architektur bzw. Super-Harvard-Architektur) Speicherbusse. Speicherbusse übertragen Steuerinformationen, Adressinformationen und die eigentlichen Nutzdaten. Eine von vielen Möglichkeiten ist es, für diese unterschiedlichen Informationen getrennte Leitungen zu nutzen und den Datenbus sowohl zum Lesen wie zum Schreiben von Nutzdaten zu verwenden. Der Datenbus übernimmt dann den eigentlichen Datentransfer. Aktuelle PC-Prozessoren benutzen zwischen zwei und vier 64-Bit-Speicherbusse, die aber seit etwa dem Jahr 2000 keine generischen Speicherbusse mehr sind, sondern direkt die Protokolle der verwendeten Speicherchips sprechen. Der Adressbus dient zur Auswahl der angeforderten Speicherzellen; von seiner Busbreite (in Bit) ist die maximal ansprechbare Anzahl von Speicherworten abhängig. An jeder Adresse sind bei heute üblichen Systemen meist 64 Bit abgelegt (siehe 64-Bit-Architektur), früher wurden auch 32 Bit (Intel 80386), 16 Bit (Intel 8086) und 8 Bit (Intel 8080) verwendet. Viele, aber nicht alle Prozessoren unterstützen feiner granulare Zugriffe, meist auf Byteebene, durch ihre Art der Interpretation von Adressen (Endianness, „Bitabstand“ von Adressen, misalignte-Zugriffe) auf Software-Ebene wie auch durch das Hardware-Interface (Byte-Enable-Signale, Nummer der niederwertigsten Adressleitung). Beispiel: Intel 80486 Adressbus: A31 bis A2 Datenbus: D31 bis D0 Byte-Enable: BE3 bis BE0 Endianness: Little Endian Unterstützung von misalignten Zugriffen: ja ansprechbarer Speicher: 4 Gi × 8 Bit als 1 Gi × 32 Bit Einer der wesentlichen Unterschiede der beiden bei PCs aktuellen Prozessorgenerationen „32-Bit“ und „64-Bit“ ist also der bereits angesprochene maximal ansteuerbare Arbeitsspeicher, der jedoch zum Teil mit Hilfe von Physical-Address Extension noch etwas über das übliche Maß hinaus erweitert werden kann. Allerdings ist mit der Anzahl der Bits einer Prozessorgeneration im Allgemeinen die Breite des Datenbusses gemeint, die nicht notwendigerweise mit der Breite des Adressbusses übereinstimmt. Allein die Breite des Adressbusses bestimmt jedoch die Größe des Adressraums. Aus diesem Grund konnte beispielsweise der „16-Bit“-Prozessor 8086 nicht nur 64 KiB (theoretischer 16-Bit-Adressbus), sondern 1 MiB (tatsächlicher 20-Bit-Adressbus) adressieren. Der Bus moderner Computer vom Cache zum Arbeitsspeicher wird schnell ausgeführt, also mit hoher Taktrate und Datenübertragung bei steigender und fallender Taktflanke (DDR: Double Data Rate). Er ist synchron und mit großer Wortbreite, zum Beispiel 64 Bit pro Adresse. Werden mehrere Speichersteckplätze auf der Hauptplatine eines PCs eingesetzt, so werden aufeinander folgende Adressen in verschiedenen Steckplätzen gespeichert. Das ermöglicht überlappenden Zugriff (Interleaved) bei Burst-Zugriffen. Innerhalb der Speicherchips werden ganze Adresszeilen in Schieberegistern gespeichert. Ein 1-MiBit-Chip kann zum Beispiel 1024 Zeilen mit 1024 Bit haben. Beim ersten Zugriff wird ein schnelles, internes 1024-Bit-Register mit den Daten einer Zeile gefüllt. Bei Burst-Zugriffen sind die Daten der folgenden Adressen dann bereits im Schieberegister und können mit sehr geringer Zugriffszeit von diesem gelesen werden. Sinnvollerweise überträgt man daher nicht nur das angeforderte Bit zum Prozessor, sondern gleich eine sogenannte „Cache-Line“, die heute 512 Bit beträgt (vgl. Prozessor-Cache). Hersteller Die größten Speicherchiphersteller sind: Nanya Technology SK Hynix Micron Technology Promos Samsung Toshiba Winbond Etron Fujitsu Siemens Computers Diese Hersteller teilen sich 97 Prozent Marktanteil. Anbieter von Speichermodulen, wie Corsair, Kingston Technology, MDT, OCZ, A-Data usw. (sogenannte Third-Party-Hersteller) kaufen Chips bei den genannten Herstellern und löten diese auf ihre Platinen, wofür sie ein eigenes Layout entwerfen. Außerdem programmieren sie die SPD-Timings gemäß ihren eigenen Spezifikationen, die durchaus schärfer eingestellt sein können als die der Originalhersteller. mini|DDR2-Speicher mit identischer Spezifikation und Verkaufsbezeichnung, jedoch unterschiedlicher Bestückung Für Dual-Channel- oder Triple-Channel-Betrieb sollten nach Möglichkeit annähernd baugleiche Module verwendet werden, damit die Firmware (bei PCs das BIOS oder UEFI) den Parallel-Betrieb nicht aufgrund von unvorhersehbaren Inkompatibilitäten verweigert oder das System dadurch instabil läuft. Es ist gängige Praxis, dass ein Hersteller beim selben Produkt im Laufe der Produktion andere Chips auf seine Module lötet bzw. umgekehrt unterschiedliche Hersteller die gleichen Chips verwenden. Da diese Informationen jedoch in so gut wie allen Fällen nicht zugänglich sind, ist man beim Kauf von Speicher-Kits auf der sicheren Seite – obwohl der Dual-/Triple-Channel-Modus normalerweise auch mit unterschiedlichen Modulen funktioniert. Als Mittler zwischen den großen Speicherchip- und Modulherstellern einerseits und dem Handel und den Verbrauchern andererseits haben sich in Deutschland Anbieter wie z. B. CompuStocx, CompuRAM, MemoryXXL und Kingston etabliert, die für die gängigsten Systeme spezifizierte Speichermodule anbieten. Das ist deshalb notwendig, weil einige Systeme durch künstliche Beschränkungen durch den Hersteller nur mit Speicher arbeiten, der proprietäre Spezifikationen erfüllt. Siehe auch Halbleiterspeicher Speicherausrichtung Bereitschaftsbetrieb, Ruhezustand für energiesparende Techniken, um mit dem Arbeitsspeicher umzugehen Speicherschutz, Speichermedium, Speichern Weblinks Einzelnachweise Kategorie:Rechnerarchitektur hu:Memóriaegység
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Cadmium
Cadmium (auch Kadmium; von , und „Galmei“) ist ein chemisches Element mit dem Elementsymbol Cd und der Ordnungszahl 48. Es wird meist zu den Übergangsmetallen gezählt, obwohl es eine abgeschlossene d-Schale besitzt und damit eher den Hauptgruppenelementen, vor allem den Erdalkalimetallen ähnelt. Im Periodensystem steht es in der 5. Periode sowie der 2. Nebengruppe (Gruppe 12) oder Zinkgruppe. Cadmium ist ein silbergraues, weiches, duktiles und sehr giftiges Metall, welches als eher selten auf der Erde gilt, besonders in reiner Form. Es kommt meistens in Mineralien vor, darunter Monteponit, Greenockit oder aber auch Cadmoselit. Cadmium wird hauptsächlich in China abgebaut. Es findet Verwendung in Lampen, Lasern, Batterien sowie als Pigment. Aufgrund seiner enormen Toxizität wird es allerdings in bestimmten Anwendungen von weniger giftigen Alternativen verdrängt, für einige Applikationen wurde es sogar in bestimmten Ländern verboten. Geschichte mini|links|Friedrich Stromeyer 1817 entdeckte Friedrich Stromeyer in Apotheken im Fürstentum Hildesheim Zinkcarbonat einer Fabrik aus Salzgitter, das sich ungewöhnlich verhielt. Dieses verfärbte sich beim Glühen zum Zinkoxid gelblich anstatt wie reines Zinkoxid weiß zu bleiben. Eine Verunreinigung mit Eisen oder Blei konnte ausgeschlossen werden. Bei Untersuchungen entdeckte Stromeyer, dass die Farbe von einem bislang unbekannten Element stammen musste.Friedrich Stromeyer: Ein neu entdecktes Metall und Analyse eines neuen Minerals. In: Journal für Chemie und Physik. Band 21, 1817, S. 297–306 (online). Gleichzeitig fand der Medizinalrat Johann Christoff Heinrich Roloff verunreinigtes Zinkoxid in verschiedenen Apotheken im Umland von Magdeburg. Dieses stammten aus der von Carl Samuel Hermann gegründeten chemischen Fabrik in Schönebeck, das Ursprungsmaterial aus schlesischen Vorkommen. Roloff vermutete zunächst eine Arsen-Verunreinigung, erkannte aber bald seinen Irrtum und ging nun von einem bislang unbekannten Element aus.Johann Christoff Heinrich Roloff: Zur Geschichte des Kadmium. In: Annalen der Physik. 1819, Band 61, Nummer 2, S. 205–210, . Neben Stromeyer untersuchten auch HermannCarl Samuel Hermann: Entdeckung zweier neuen Metalle in Deutschland. In: Annalen der Physik. 1818, Band 59, Nummer 5, S. 95–108, . und weitere Chemiker das Zinkoxid und versuchten, das unbekannte Element zu isolieren. Stromeyer löste die Ausgangssubstanz zunächst in Schwefelsäure und leitete Schwefelwasserstoff durch die Lösung. Das entstandene Cadmiumsulfid wurde in Salzsäure gelöst und mit Ammoniumcarbonat wurde Cadmiumcarbonat ausgefällt. Dieses wurde mit zum Cadmiumoxid geglüht und schließlich mit Holzkohle zum Metall reduziert. Für dieses konnte Stromeyer einige Eigenschaften bestimmen, etwa ein spezifisches Gewicht von 8,6944.Friedrich Stromeyer: Ueber das Kadmium. In: Annalen der Physik. 1818, Band 60, Nummer 10, S. 193–210, . Er wählte den Namen Kadmium für das neue Element, da er es in Zinkoxid gefunden hatte. Weitere vorgeschlagene Namen waren Klaprothium (nach Martin Heinrich Klaproth), Melinum (nach lateinisch melinus für Quitten auf Grund der Farbe) und Junionium (nach Juno). Zwischen Stromeyer, Hermann und Roloff entwickelte sich eine Diskussion, wer von ihnen als Entdecker des Cadmiums gelten kann, jedoch blieb der von Stromeyer vergebene Name für das Element.Marco Fontani, Mariagrazia Costa, Mary Virginia Orna: The Lost Elements. Oxford University Press, 2015, ISBN 978-0-19-938334-4, S. 59–61.R. J. Meyer: Cadmium. In: Gmelins Handbuch der anorganischen Chemie. Springer, 1974, ISBN 978-3-662-11295-3, S. 32. Der Name Cadmium oder Kadmium leitet sich vom lateinischen bzw. griechischen Namen cadmia bzw. kadmeia des Zinkerzes Galmei ab. Dieses ist schon seit der Antike bekannt und wird unter anderem von Plinius dem Älteren in der Naturalis historia und Pedanios Dioskurides erwähnt. Woher die Bezeichnung ursprünglich stammt, ist unklar. Eine Möglichkeit ist, dass sie ursprünglich auf den mythologischen Kadmos zurückgeht, der angeblich als erster Zinkerze in Griechenland verhüttet hat. Georgius Agricola schrieb, dass der Name von der Pflanzenart Kalmus (lateinisch calamus) stamme, da Galmei im Brennofen ähnlich aussehende dünne Stalaktiten bildet.F. M. Endlich: On Some Interesting Derivations of Mineral Names. In: The American Naturalist. Band 22, Nr. 253, 1888, S. 21–32 ().Helen L. Creech, C.O. Lee: The history of calamine. In: The Journal of the American Pharmaceutical Association. 1939, Band 28, Nummer 2, S. 116–118, . Cadmium wurde ab etwa 1829 in Oberschlesien produziert und für Legierungen mit niedrigem Schmelzpunkt, Letternmetall und die blaue Flammenfarbe von Feuerwerk genutzt. Schon Stromeyer schlug die Verwendung von Cadmiumsulfid als gelbes Pigment in der Malerei vor. 1829 führte Melandri Cadmiumgelb in die Ölmalerei ein, aber erst ab den 1840er Jahren standen größere Mengen Cadmiumverbindungen zur Verfügung und es wurde von verschiedenen Malern wie Claude Monet verwendet.Inge Fiedler, Michael A. Bayard: Cadmium Yellows, Oranges and Reds. In: Robert L. Feller (Hrsg.): Artists´ Pigments. A Handbook of Their History and Characteristics. Archetype Publications London, 1986, ISBN 978-1-904982-74-6, S. 65–69. Die Giftigkeit von Cadmiumverbindungen wurde erstmals 1858 beobachtet.Gunnar F. Nordberg: Historical perspectives on cadmium toxicology. In: Toxicology and Applied Pharmacology. 2009, Band 238, Nummer 3, S. 192–200, . Trotzdem wurden im 19. Jahrhundert Cadmiumiodid und Cadmiumsulfat gelegentlich medizinisch verwendet. Letzteres wurde als Brechmittel eingesetzt.John Uri Lloyd: The Chemistry of Medicines, Practical. 2. Auflage, Robert Clarke Cincinnati, 1881, S. 237–238 (). 1907 definierte die Internationale Astronomische Union ein Ångström über eine Wellenlänge des Cadmiums. Eine rote Cadmium-Spektrallinie wurde auf Anregung von Albert Michelson auf 6438,4696 Å festgelegt. Diese Definition galt bis 1960, als das Ångström zusammen mit dem Meter nach einer bestimmten Wellenlänge des Kryptons definiert wurde.Nadezda V. Tarakina, Bart Verberck: A portrait of cadmium. In: Nature Chemistry. 2016, Band 9, Nummer 1, S. 96, . Vorkommen mini|links|Greenockit Cadmium ist mit einem Gehalt von 0,15 ppm in der kontinentalen Erdkruste ein seltenes Element. Auch wenn man die gesamte Erde betrachtet, ist der Cadmiumgehalt mit 0,18 ppm vergleichbar. Dabei ist der Anteil im Erdkern mit 0,32 ppm relativ hoch, während im Erdmantel nur geringe Mengen des Elements vorhanden sind.Rebecca A. Fischer, William F. McDonough: Earth's core composition and core formation. In: Ariel Anbar, Dominique Weis (Hrsg.): Treatise on Geochemistry. 3. Auflage, Elsevier, 2025, ISBN 978-0-323-99763-8. Dies liegt darin, dass Cadmium ein moderat volatiles Element ist und unter den Bedingungen der Erdentstehung sowohl siderophile (eisenliebende) als auch chalkophile (schwefelliebende) Eigenschaften aufweist.Gabriel Devos, Frédéric Moynier, John Creech, Deze Liu, Igor S. Puchtel, Martin Bizzarro: Cadmium isotope composition of the Earth’s mantle inferred from analysis of oceanic basalts and komatiites. In: Chemical Geology. Band 650, 2024, Artikel 121996, . Dadurch sind bei der Entstehung der Erde große Mengen Cadmium in den Kern abgesunken, es wird geschätzt, dass über 80 % des auf der Erde vorhandenen Cadmium sich im Kern befindet. Die meisten Gesteine, insbesondere magmatische Gesteine, aber auch Karbonatgestein enthalten nur geringe Mengen Cadmium. In manchen Sedimentgesteinen wie Schwarzschiefer und Phosphorit kann das Element angereichért sein. Dies kann durch biologische Vorgänge oder die Ausfällung von Cadmiumsulfid unter anoxischen Bedingungen am Ozeanboden geschehen.Yizhang Liu, Tangfu Xiao, Robert B. Perkins, Jianming Zhu, Zhengjie Zhu, Yan Xiong, Zengping Ning: Geogenic cadmium pollution and potential health risks, with emphasis on black shale. In: Journal of Geochemical Exploration. Band 176, 2017, S. 42–49, . Auf Grund der ähnlichen Ionenradien ist Cadmium stets mit Zink vergesellschaftet. Insbesondere die Zinkminerale, Sphalerit, Wurtzit und Smithsonit können bis zu 5 % Cadmium enthalten. Wichtigstes cadmiumreiches Mineral ist dabei Sphalerit. Wie hoch der Cadmiumgehalt eines Sphalerits ist, hängt dabei von verschiedenen Faktoren bei der Entstehung ab. Neben dem Zink-Cadmium-Verhältnis der hydrothermalen Ausgangslösung spielen auch Faktoren wie die Temperatur, der pH-Wert oder die Konzentration an reduzierenden Schwefelverbindungen wie Schwefelwasserstoff eine Rolle. Cadmiumminerale wie Greenockit (CdS) bilden sich nicht hydrothermal, da hierfür das Verhältnis zum Zink in der Ausganglösung zu gering ist. Greenockit bildet sich erst als Sekundärmineral unter Einfluss von Wasser.Michael O. Schwartz: Cadmium in Zinc Deposits: Economic Geology of a Polluting Element. In: International Geology Review. Band 42, Nr. 5, 2000, S. 445–469, . mini|links|Otavit Neben dem relativ häufigen Greenockit gibt es noch eine Reihe seltener Cadmiumminerale. Dazu gehören etwa Hawleyit CdS, Otavit CdCO3, Niedermayrit CdCu4(SO4)2(OH)6 · 4 H2O, Cadmoselit CdSe und Monteponit CdO. Auch gediegen wurde Cadmium in der Natur gefunden. Insgesamt sind 2025 33 verschiedene Cadmiumminerale anerkannt. Zu den wichtigsten Fundorten zählen Lavreotiki in Griechenland, die Tsumeb Mine in Namibia und Broken Hill in Australien.The mineralogy of Cadmium. mindat.org, Hudson Institute of Mineralogy, abgerufen am 16. November 2025. Cadmium ist ein mobiles Element und kann aus solches aus Gesteinen gelöst werden und in Böden und Grundwasser gelangen. Der Gehalt an Cadmium ist dabei stark vom umgebenden Gestein abhängig und beträgt normalerweise bis zu 5 μg/l in Bodenwasser und 1 μg/l in Grundwasser. In besonders belastetem Grundwasser in Pakistan wurden Konzentrationen von 10 μg/l gemessen. In nicht kontaminierten Böden beträgt der weltweite durchschnittliche Gehalt an Cadmium 0,36 mg/kg. Ist der Cadmiumgehalt eines Bodens über 3 mg/kg, ist dieser entweder durch einen speziellen geologischen Hintergrund oder menschlichen Einfluss kontaminiert. Auch in die Atmosphäre kann Cadmium gelangen, wichtige natürliche Quellen sind cadmiumhaltige Stäube, etwa aus Wüsten, Waldbrände, Meerwasser-Gischt und Vulkanausbrüche.Andreas Kubier, Richard T. Wilkin, Thomas Pichler: Cadmium in soils and groundwater: A review. In: Applied Geochemistry. Band 108, 2019, Artikel 104388, . Aus kontaminierten Böden können Pflanzen Cadmium aufnehmen. Diese werden davon negativ beeinflusst, es werden etwa das Wachstum und die Keimung unterdrückt, die Nährstoffaufnahme und Photosynthese gestört.Fasih Ullah Haider, Cai Liqun, Jeffrey A. Coulter, Sardar Alam Cheema, Jun Wu, Renzhi Zhang, Ma Wenjun, Muhammad Farooq: Cadmium toxicity in plants: Impacts and remediation strategies. In: Ecotoxicology and Environmental Safety. Band 211, 2021, Artikel 111887, . Es sind aber auch einige Pflanzen wie Arabis gemmifera, Chromolaena odorata oder Nitella opaca bekannt, die höhere Dosen Cadmium tolerieren und das Metall akkumulieren.Marwa A. Ismael, Ali Mohamed Elyamine, Mohamed G. Moussa, Miaomiao Cai, Xiaohu Zhaoab, Chengxiao Hu: Cadmium in plants: uptake, toxicity, and its interactions with selenium fertilizers. In: Metallomics. Band 11, 2019, S. 255–277, . Besonders problematisch ist, wenn Nutzpflanzen Cadmium aufnehmen und das Schwermetall so in die Nahrungskette gelangt und auch die menschliche Gesundheit schädigen kann. Dies betrifft besonders Reis, der eine der Feldfrüchte mit der höchsten Cadmiumanreicherung ist.Jing Wang, Bian Wu, Lei Zhou, Kai Liu, Aiqing You, Wenjun Zha: Cadmium Contamination in Asian Rice (Oryza sativa L.): Mechanistic Insights from Soil Sources to Grain Accumulation and Mitigation Strategies. In: Plants. Band 14, Nr. 18, 2025, Artikel 2844, . Durch menschliches Handeln gelangen größere Mengen Cadmium in die Umwelt. Zu den wichtigsten anthropogenen Quellen von Cadmium gehören Bergwerke, die Metallindustrie, Abfälle in Mülldeponien oder Klärschlamm, die Landwirtschaft sowie die Herstellung von Pigmenten und Beschichtungen. In der Landwirtschaft kommt Cadmium vor allem über die Herstellung und Verwendung von Phosphatdünger in Böden, da diese häufig mit Cadmium verunreinigt sind. Wichtigster Abfallstoff, über den das Element in die Umwelt gelangt, sind weggeworfene Nickel-Cadmium-Batterien. Cadmium als Mineral Entdeckung und Mineralanerkennung mini|Gediegen Cadmium (grau, gelb: Sphalerit) Natürlich vorkommendes Cadmium in seiner elementaren Form wurde erstmals 1979 durch B. W. Oleinikow, A. W. Okrugin, N. W. Leskowa () beschrieben und von der International Mineralogical Association (IMA) als eigenständige Mineralart anerkannt (Interne Eingangsnummer der IMA: 1980-086a). Die seit 2021 ebenfalls von der IMA/CNMNC anerkannte Kurzbezeichnung (auch Mineral-Symbol) von Cadmium entspricht mit „Cd“ dem Elementsymbol. Als Typlokalität (erster Fundort) für gediegen Cadmium gilt der Fluss Khann'ya (Ust'-Khann'ya Intrusion) im Wiljui-Becken in der Republik Sacha des Russischen Föderationsgebiet Ferner Osten.Typlokalität Unterer Khann'ya (Ust'-Khann'ya) beim Mineralienatlas (deutsch) und bei Mindat (englisch), abgerufen am 19. Oktober 2024. Typmaterial des Minerals ist allerdings nicht definiert beziehungsweise dessen Aufbewahrungsort nicht dokumentiert. Elementares Cadmium kommt äußerst selten vor. Außer von seiner Typlokalität am Unteren Khann'ya kennt man gediegen Cadmium bisher (Stand 2024) nur noch vom Jana-Flussbecken nahe Werchojansk und der Billeekh Intrusion (ebenfalls Republik Sacha) sowie aus dem Burabaiskii-Massiv im Gebiet Aqmola in Kasachstan und den Goldstrike-Gruben bei Lynn im Eureka County des US-Bundesstaates Nevada.Fundortliste für gediegen Cadmium beim Mineralienatlas (deutsch) und bei Mindat (englisch), abgerufen am 19. Oktober 2024. Klassifikation Da gediegen Cadmium erst 1980 als eigenständiges Mineral anerkannt wurde, ist er in der zuletzt 1977 überarbeiteten 8. Auflage der Mineralsystematik nach Strunz noch nicht verzeichnet. In der zuletzt 2018 überarbeiteten Lapis-Systematik nach Stefan Weiß, die formal auf der alten Systematik von Karl Hugo Strunz in der 8. Auflage basiert, erhielt das Mineral die System- und Mineralnummer I/A.04-040. Dies entspricht der Klasse der „Elemente“ und dort der Abteilung „Metalle und intermetallische Verbindungen“, wo Cadmium zusammen mit Danbait, Messing, Tongxinit, Zhanghengit und Zink eine unbenannte Gruppe mit der Systemnummer I/A.04 bildet. Die von der International Mineralogical Association (IMA) zuletzt 2009 aktualisierte 9. Auflage der Strunz’schen Mineralsystematik ordnet den Cadmium ebenfalls in die Abteilung der „Metalle und intermetallische Verbindungen“ ein. Diese ist weiter unterteilt nach den in der Verbindung vorherrschenden Metallen, die entsprechend ihrer verwandten Eigenschaften in Metallfamilien eingeteilt wurden. Cadmium ist hier entsprechend seiner Zusammensetzung in der Unterabteilung „Zink-Messing-Familie“ zu finden, wo es zusammen mit Hexamolybdän, Titan, Zink die „Zink-Gruppe“ mit der Systemnummer 1.AB.05 bildet. In der vorwiegend im englischen Sprachraum gebräuchlichen Systematik der Minerale nach Dana hat Cadmium die System- und Mineralnummer 01.01.05.02. Dies entspricht der Klasse und gleichnamigen Abteilung „Elemente“, wo das Mineral zusammen mit Zink in einer unbenannte Gruppe mit der Systemnummer 01.01.05 innerhalb der Unterabteilung „Elemente: Metallische Elemente außer der Platingruppe“ zu finden ist. Gewinnung und Darstellung mini|links|Zeitliche Entwicklung der Cadmiumförderung Cadmium wird ausschließlich als Nebenprodukt bei der Zinkverhüttung, in kleinem Umfang auch bei der Blei- und Kupferverhüttung gewonnen. Kleinere Mengen fallen auch beim Recycling von Eisen und Stahl an. Die Gewinnung von Cadmium hängt vom Verfahren ab, wie das Zink gewonnen wird. Bei der trockenen Zinkgewinnung wird zunächst das Cadmium mit dem Zink reduziert. Da Cadmium einen niedrigeren Siedepunkt als Zink besitzt, verdampft es leichter. Dadurch verdampft ein Cadmium-Zink-Gemisch aus dem Reduktionsgefäß und reagiert an anderer Stelle mit Sauerstoff zu Cadmium- und Zinkoxid. Anschließend wird dieses Gemisch in einem Destillationsgefäß mit Koks vermischt und das Cadmium vom Zink abdestilliert. Durch fraktionierende Destillation lassen sich höhere Reinheiten an Cadmium erreichen. Bei der nassen Zinkgewinnung werden die gelösten Cadmiumionen mit Zinkstaub reduziert und ausgefällt. Das dabei entstehende Cadmium wird mit Sauerstoff zu Cadmiumoxid oxidiert und in Schwefelsäure gelöst. Aus der so entstandenen Cadmiumsulfat-Lösung wird durch Elektrolyse mit Aluminiumanoden und Bleikathoden besonders reines Elektrolyt-Cadmium gewonnen. Die weltweite Gewinnung von Cadmium betrug im Jahr 2020 ca. 24.000 Tonnen. Der größte Produzent ist China, gefolgt von Südkorea. Eine zunehmende Rolle bei der Cadmiumgewinnung spielt auch das Recycling von NiCd BatterienU.S. Geological Survey, Mineral Commodity Summaries 2022: Cadmium. Land 2006U.S. Geological Survey, Mineral Commodity Summaries 2008: Cadmium. 2019U.S. Geological Survey, Mineral Commodity Summaries 2021: Cadmium. 2020 Raffinerieerzeugung (in Tonnen) 700 nicht veröffentlicht nicht veröffentlicht 400 348 1.710 1.803 1.800 3.000 8.200 10.000 640 450 450 2.290 2.000 1.880 2.000 1.500 1.500 3.250 4.400 3.000 1.400 1.395 978 570 1.100 880 400 420 772 700 1.100 900 1.000 400 Andere Länder 1.370 2.320 520 Gesamt (gerundet) 19.300 24.400 24.000 Eigenschaften mini|Ein Barren mit kristallinem Cadmium mini|Spektrum einer Cadmium-Gasentladung Physikalische Eigenschaften Cadmium ist ein silbrig glänzendes Metall mit einer Dichte von 8,65 g/cm³. Es ist weich (Mohshärte 2), plastisch verformbar und lässt sich ebenso mit dem Messer anschneiden wie zu Drähten ziehen und zu Blättchen aushämmern. Cadmium erstarrt ausschließlich im hexagonalen Kristallsystem in der in einer hexagonal dichtesten Kugelpackung (hcp, Magnesium-Typ). Die Gitterparameter von reinem Cadmium betragen a = 0,2979 nm (entspricht 2,98 Å) und c = 0,5617 nm (entspricht 5,62 Å) bei 2 Formeleinheiten pro Elementarzelle. Ähnlich wie bei Zinn treten beim Verbiegen von Cadmium mittlerer Reinheit typische Geräusche auf (bei Zinn Zinngeschrei genannt). Poliertes Cadmium verliert an Luft nach einigen Tagen seinen Glanz, auch wenn es korrosionsbeständiger ist als Zink. In kohlensäurehaltiger Luft bildet es einen grauweißen, kohlendioxidhaltigen Überzug. Stark erhitzt verbrennt es mit rötlicher bis gelber Flamme zu bräunlich dampfendem Cadmiumoxid CdO. CdO wurde wegen seiner hohen Toxizität im Zweiten Weltkrieg von den USA auf seine Verwendbarkeit als chemischer Kampfstoff untersucht. Chemische Eigenschaften In chemischen Verbindungen liegt es meist zweiwertig vor. Chemisch gleicht es dem Zink, es neigt aber eher zur Bildung von Komplex-Verbindungen mit der Koordinationszahl 4. An der Luft bildet Cadmium durch die Oxidation eine Verdunklung der Oberfläche. In alkalischem Milieu ist die Oberfläche unlöslich, in Schwefelsäure und Salzsäure schwer und in Salpetersäure gut löslich. Verwendung Wegen der hohen Toxizität von Cadmium nimmt dessen Bedeutung ab. Seit Dezember 2011 ist es in Schmuck, Legierungen zum Löten und in PVC in der Europäischen Union verboten. hinsichtlich Anhang XVII (Cadmium) Cadmium wird bzw. wurde eingesetzt: als Korrosionsschutz für Eisenwerkstoffe (Kadmierung und massive Verlustanoden im Schiffbau) als Oberflächenüberzug für Aluminiumwerkstoffe in der Wehrtechnik (z. B. bei Raketenwerfern)Georg Holtfester: Cadmierte Bauteile in Waffensystemen der Bundeswehr. In: Gefahrstoffe – Reinhalt. Luft. 77, Nr. 10, 2017, S. 429–432. für Nickel-Cadmium-Akkumulatoren für gelbe bis tiefrote Farbpigmente aus Cadmiumsulfid und Cadmiumselenid für Lacke und Kunststoffe (mittlerweile geringe Praxisbedeutung wegen möglicher Gesundheitsgefährdung, vor allem bei der Verbrennung entsprechender Artikel) als Legierungsmetall in niedrigschmelzenden Legierungen, zum Beispiel Lagerwerkstoffe oder Woodsches Metall Cadmium-Kupfer-Legierungen (um 1 % Cd) mit guter Festigkeit bei noch guter Leitfähigkeit; Einsatzgebiete u. a. in Freileitungen, Oberleitungen und Schweißelektroden früher als Schmiermittel in Scheibenbremsen als Bestandteil von Lötwerkstoffen (Lötzinn), auch für Hartlote zur Herstellung von Halbleitern Cadmiumoxid als Leuchtstoff in Schwarz-Weiß-Fernsehröhren sowie Zusatz in Blau- und Grünphosphor von Farbröhren Cadmiumoxid als Beimischung zu Silber in Schaltkontakten als Abschirmmaterial gegen thermische Neutronen und für Regelstäbe in der Nukleartechnik aufgrund des besonders hohen Wirkungsquerschnitts des Isotops 113 für den Neutroneneinfang. Dies wurde 1942 von Enrico Fermi genutzt, der Cadmiumbleche im weltweit ersten Kernreaktor einsetzte. als Quelle von energiereicher Gammastrahlung (rund 7 MeV) aus thermischen Neutronen zur späteren Erzeugung von Positronen durch Paarerzeugung Cadmiumsulfid in Belichtungsmessern, deren spektrale Empfindlichkeit der des menschlichen Auges gleicht Cadmiumtellurid als infrarotempfindlicher Sensor für Kameras (focal plane arrays) in Dünnschicht-Solarzellen als Cadmiumtellurid oder Cadmiumsulfid zur StromerzeugungFallstudie: Die Zukunft der Solarenergie mit Cadmiumtellurid. Abrufzeit: 24. April 2025 Cd-Stearat als Stabilisator in Kunststoffen beispielsweise in PVC (unempfindlich gegen Licht, allerdings mittlerweile von geringer Praxisbedeutung wegen möglicher Gesundheitsgefährdungen) früher in den Weston-Normalelementen zur Festlegung der Maßeinheit der elektrischen Spannung, 1 Volt Cadmium-Bismut-Legierungen für Schmelzsicherungen Silber-Cadmium-Legierungen als Desoxidationsmittel in der Herstellung von Sterling-Silber bei Schmuckwaren: goldgrüne Gold-Cadmium-Legierungen Cadmium-Lampe Helium-Cadmium-Laser Cadmium-Ionen zur Blockade spannungsaktivierter Calciumkanäle in der Elektrophysiologie zum Färben von Glas in Gelb, Orange und Rot durch Zusatz von Cadmiumsulfid, -selenid und -tellurid oder Mischungen davon. Keramikglasuren Die Cadmium-Chalkogenide Cadmiumsulfid (gelb), Cadmiumselenid (rot) und Cadmiumtellurid (schwarz) sind wichtige II-VI-Halbleiter. Sie werden beispielsweise nanopartikulär als Quantenpunkte (engl. ) hergestellt und u. a. in der Biochemie in-vitro eingesetzt. Nachweis Als Vorprobe für Cadmium kann die sogenannte Glühröhrchenprobe dienen.Eberhard Gerdes: Qualitative Anorganische Analyse. 2. Auflage. Springer, Berlin / Heidelberg 2001, S. 64–65. Hierzu wird etwas Ursubstanz in einem hochschmelzenden Glühröhrchen erhitzt und das entstehende Sulfid-Oxid-Gemisch mit Natriumoxalat zu den Metallen reduziert. Als leichtflüchtiger Bestandteil verdampft Cadmium und scheidet sich als Metallspiegel am oberen Teil des Röhrchens ab. Durch anschließende Zugabe von Schwefel und erneutem Glühen bildet sich aus dem Metallspiegel und Schwefeldampf Cadmiumsulfid, welches in der Hitze rot und bei Raumtemperatur gelb ist. Dieser Farbwechsel lässt sich einige Male wiederholen. Als Nachweisreaktion für Cadmium-Kationen gilt die Ausfällung mit Sulfid-Lösung oder Schwefelwasserstoff-Wasser als gelbes Cadmiumsulfid. Andere Schwermetallionen stören diesen Nachweis, so dass zuvor ein Kationentrenngang durchzuführen ist. Zur quantitativen Bestimmung von Cadmiumspuren bietet sich die Polarographie an. Cadmium(II)-Ionen geben in 1 M KCl eine Stufe bei −0,64 V (gegen SCE).J. Heyrovský, P. Zuman: Einführung in die praktische Polarographie. VEB Verlag Technik, Berlin 1959, S. 179. Im Ultraspurenbereich kann die Inversvoltammetrie an Quecksilberelektroden eingesetzt werden.R. Neeb: Inverse Polarographie und Voltammetrie. Akademie-Verlag, Berlin 1969, S. 192. Sehr empfindlich ist auch die Graphitrohr-AAS von Cadmium. Hierbei können noch 0,003 µg/l nachgewiesen werden.G. Schwedt: Analytische Chemie. Thieme Verlag, Stuttgart 1995, S. 197. Das relativ leicht flüchtige Element verträgt dabei keine hohe Pyrolysetemperatur. Ein Matrixmodifizierer wie Palladium-Magnesiumnitrat kann Abhilfe schaffen. Sicherheitshinweise Cadmium ist als sehr giftig und seine Verbindungen von gesundheitsschädlich (wie Cadmiumtellurid) über giftig (z. B. Cadmiumsulfid) bis sehr giftig (so bei Cadmiumoxid) eingestuft; außerdem besteht begründeter Verdacht auf krebsauslösende Wirkung beim Menschen. Eingeatmeter cadmiumhaltiger Staub führt zu Schäden an Lunge, Leber und Niere. In Arbeitsbereichen, in denen mit erhitzten Cadmiumverbindungen gearbeitet wird (Lötplätze und Cadmierbäder), ist für eine gute Durchlüftung oder Absaugung zu sorgen. In der Europäischen Union gilt seit 10. Dezember 2011 für Cadmium ein Verbot der Verwendung und des Inverkehrbringens in vielen Kunststoffen, Farben, Stabilisierungsmitteln, Loten sowie bestimmten Metallerzeugnissen, insbesondere Bedarfsgegenständen wie etwa SchmuckArtikel 67 der REACH-Verordnung, Anhang XVII, Eintrag 23. In Deutschland ist ein Verstoß eine Straftat nach § 3 Abs. 1 Chemikalien-Verbotsverordnung und § 27 ChemikaliengesetzEuropäische Rechtsänderungen. In: Umwelt Magazin. Heft 7/8 2011, S. 52. Vorher war in Silberhartlot typischerweise 10 % bis 25 %, in Schmuck für Kinder bis zu 30 %, in PVC 0,2 % Cadmium enthalten.European Commission: (PDF; 2,7 MB), April 2010. Oft wird für das Inverkehrbringen ein Grenzwert von 0,01 Gewichtsprozent (100 mg/kg) gesetzt, da man davon ausgeht, dass es sich bei einem Gehalt darunter um eine unbeabsichtigte, also unvermeidbare Verunreinigung handelt.so Erwägung Nr. 5 zur Mit der Verordnung (EU) 2016/217 vom 16. Februar 2016 wurde das Verbot auf das Inverkehrbringen von Cadmium in bestimmten Anstrichfarben und Lacken – auch mit höherem Zinkgehalt – und in mit solchen Mitteln gestrichenen Erzeugnissen erweitert. Es gibt noch Ausnahmen etwa für bestimmte Baustoffe wie Zäune aus hartem PVC-Recyclat, sofern der Cadmiumgehalt im Kunststoff 0,1 Masseprozent nicht übersteigt und das Erzeugnis als Recycling-PVC gekennzeichnet ist, für besondere Anwendungen wie Luftfahrt oder Militär oder wegen der hohen Leistungsdichte für NiCd-Akkus in Schnurloselektrogeräten. Cadmium ist als „prioritärer gefährlicher Stoff“ in Anhang X der europäischen Richtlinie 2000/60/EG (Wasserrahmenrichtlinie) aufgeführt.. Anhang X. Lebensmittelrechtliche Regelungen In der EU werden die Höchstmengen an Cadmium in Lebensmitteln durch die Verordnung (EU) Nr. 2023/915 geregelt. Die jeweiligen Höchstgrenzen hängen dabei vom Erzeugnis ab und orientieren sich auch daran, was durch gute Herstellungspraxis oder gute landwirtschaftliche Praxis erreichbar ist. Der niedrigste Wert wird für flüssige Säuglingsnahrung, die aus Kuhmilchproteinen oder aus Kuhmilchproteinhydrolysaten hergestellt ist, mit 0,005 mg/kg vorgeschrieben. 0,050 mg/kg ist der Grenzwert etwa für Fleisch, tropische Wurzeln und Knollen, Knoblauch, Roggen, Gerste und verschiedene Früchte und Kulturpilze. Für Krebstiere gilt ein Grenzwert von 0,50 mg/kg, für Muscheln ein Grenzwert von 1,0 mg/kg. In Mohnsamen sind maximal 1,2 mg/kg und in Nahrungsergänzungsmitteln sogar bis zu 3,0 mg/kg erlaubt. Die Höchstmenge an Cadmium im Trinkwasser in der EU wird durch die Richtlinie (EU) 2020/2184 auf 5 μg/l festgelegt. Toxikologie Cadmium ist in der chemischen Industrie ein unvermeidbares Nebenprodukt der Zink-, Blei- und Kupfergewinnung. Auch in Düngern und Pestiziden ist Cadmium zu finden. Aufnahme und Gefahren Die Weltgesundheitsorganisation hat ihre Aussage zur tolerierbaren Aufnahmemenge für Cadmium in den letzten Jahren mehrfach nach unten angepasst, zuletzt 2013 auf eine tolerierbare monatliche Aufnahmemenge (TMI) von 25 µg je Kilogramm Körpergewicht. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit hat 2009 einen wiederum deutlich niedrigeren Wert von 2,5 µg je Kilogramm Körpergewicht tolerierbare wöchentlich Aufnahmemenge (TWI) ausgegeben. Cadmium wird vom Menschen hauptsächlich durch die Nahrung aufgenommen. Zu den cadmiumreichen Nahrungsmitteln zählen: Leber, Kakao, (getrockneter) Seetang, Muscheln und andere Schalentiere, Sellerie, Blattgemüse wie Spinat und Mangold sowie Salat, Waldpilze (Zuchtchampignons enthalten wesentlich weniger), Ölsaaten wie Sonnenblumenkerne und Leinsamen. Es wird empfohlen, täglich nicht mehr als 20 g Leinsamen zu sich zu nehmen. Zudem kommt es seit der Einführung von Kunstdüngern zu einer Anreicherung von Cadmium auf landwirtschaftlichen Flächen und somit in nahezu allen Lebensmitteln. Die Ressourcen von Phosphaten sind begrenzt, und die meisten Vorkommen sind belastet mit Cadmium oder radioaktiven Schwermetallen. Der Cadmiumgehalt der Phosphatlagerstätten ist sehr unterschiedlich. Viele Industrieländer haben bereits einen Grenzwert für Cadmium in Düngemitteln eingeführt. So gilt für das Inverkehrbringen von Düngemittel in Deutschland ein Grenzwert von 1,5 mg/kg und bei Düngemittel mit mehr als 5 % Phosphat bei 50 mg/kg,Anlage 2 Ziff. 1.4.3 zur Düngemittelverordnung. Für Düngemittel zur Verwendung auf Böden, die nicht der Lebensmittelerzeugung dienen, gilt ein Grenzwert von 2,5 mg/kg TM während diese Grenzwerte in Österreich bei 3 mg/kg und 75 mg/kg P2O5 liegen.Düngemittelverordnung 2004; Anlage 2 zu § 2, Ziff. II.1; für Kultursubstrat gilt ein Grenzwert von 1 mg/kg. In der Schweiz werden die Grenzwerte seit Jahren regelmäßig überschritten. Auch Tabakrauch transportiert relativ große Cadmiummengen in die Lungen, von wo aus es sich mit dem Blut im Körper verteilt. Besonders Personen, die in Fabriken mit hohem Cadmiumausstoß arbeiten, sind erhöhten Gefahren ausgesetzt. Auch von wilden Müllplätzen, Metallwerken oder Bränden gehen Gefahren aus. Das Einatmen von Cadmium kann die Lungen ernsthaft schädigen und sogar zum Tod führen. Dokumentierte Folgen nach Unfällen in der Industrie – wie in der chinesischen Provinz GuangdongDer Spiegel: Erneut chinesischer Fluss verseucht, 8. Januar 2006.RP Online: Behörden finden mit Cadmium verseuchten Reis, 21. Mai 2013. – oder nach jahrzehntelanger Emissionen – wie im Falle der Itai-Itai-Krankheit (bei Menschen) und der Gressenicher Krankheit (bei Weidevieh) – machen die realen Gefahren deutlich. Schädigungen im Menschen Cadmium kann sich industrie- oder umweltbedingt allmählich im Körper anreichern und eine schwer erkennbare chronische Vergiftung hervorrufen. Cadmium wird aus der Nahrung zu ungefähr 5 % im Darm resorbiert. Bei Eisen- und Calciummangel steigt die Resorptionsrate, was annehmen lässt, dass alle drei Metalle denselben Transportweg nutzen. Cadmium stimuliert zunächst in der Leber die Synthese von Metallothioneinen, mit denen es einen Komplex bildet und über den Blutkreislauf zu den Nierenglomeruli transportiert, dort filtriert und aus den Nierentubuli wieder aufgenommen wird. In den Tubuluszellen wird der Metallothionein-Cadmium-Komplex metabolisiert und Cd freigesetzt. Cd aktiviert hier wiederum eine vermehrte Metallothioneinsynthese, wodurch noch mehr Cadmium gebunden wird. Durch die Akkumulation in den Nieren kommt es zu Schädigungen dieses Organs mit der Folge einer Proteinurie. Durch diese Proteinbindung wird Cadmium nur extrem langsam ausgeschieden, die Halbwertszeit für den Verbleib im Körper beträgt bis zu 30 Jahren. Daher steigt der Cadmiumgehalt von Geburt an und fällt erst wieder bei einem Alter von 50–60 Jahren.G. Eisenbrand, M. Metzler: Toxikologie für Chemiker. Georg Thieme Verlag, Stuttgart 1994, ISBN 3-13-127001-2, S. 66. Cadmium schädigt auch die Knochen, da es letztendlich zur Mobilisierung des Calciums führt. Cd konkurriert im Darm mit dem Calcium um die Bindungsstellen am Ca-bindenden Protein in der Darmmukosa. Zusätzlich blockiert Cd die Neusynthese des 1,25-Dihydroxycholecalciferol (Calcitriol) in den Nierentubuluszellen. 1,25-Dihydroxycholecalciferol ist notwendig, um die Synthese des Calciumbindenden Proteins in der Darmmukosazelle zu aktivieren. In summa bewirkt Cadmium eine verminderte Rückresorption des Calciums in Darm und Niere sowie die erhöhte Ausscheidung mit dem Harn mit der Folge einer Calciumfreisetzung aus den Knochen und damit dem Abbau derselbigen. Bei einer akuten Cadmiumvergiftung kann die biliäre Ausscheidung durch Gabe von Penicillamin oder Dimercaprol unterstützt werden. Eine effektive, darüber hinausgehende Therapie einer akuten Cadmiumvergiftung ist nicht bekannt.Hans Konrad Biesalski u. a.: Ernährungsmedizin. 4. Auflage. Thieme Verlag, 2010, ISBN 978-3-13-100294-5, S. 203. Symptome Durchfall, Magenschmerzen und heftiges Erbrechen Nierenschädigung Knochenbrüche Schäden am Zentralnervensystem Schäden am Immunsystem Störungen in der Fortpflanzung und eventuell sogar Unfruchtbarkeit Psychische Störungen Mögliche DNA-Schäden und Krebsentstehung Verlust des Geruchssinns Verbindungen → :Kategorie:Cadmiumverbindung Oxide und Hydroxide Cadmiumoxid CdO Cadmiumhydroxid Cd(OH)2 Halogenide Cadmiumfluorid CdF2 Cadmiumchlorid CdCl2 Cadmiumbromid CdBr2 Cadmiumiodid CdI2 Chalkogenide Cadmiumsulfid CdS Cadmiumselenid CdSe Cadmiumtellurid CdTe Sonstige Verbindungen Cadmiumsulfat CdSO4 Cadmiumnitrat Cd(NO3)2 Cadmiumcyanid Cd(CN)2 Cadmiumstearat Cd(C17H35COO)2 Literatur Hans Breuer: dtv-Atlas Chemie 1. Allgemeine und anorganische Chemie. 10. Auflage. Dtv, München 2006, ISBN 3-423-03217-0. Weblinks Reinstcadmium 99,999 % als Bild in der Sammlung von Heinrich Pniok Cadmium in Lebensmitteln Bundesinstitut für Risikobewertung, 2009 Einzelnachweise Kategorie:Coenzym Kategorie:Anerkanntes Mineral Kategorie:Hexagonales Kristallsystem Kategorie:Elemente (Mineralklasse) Kategorie:Elektrotechnischer Werkstoff Kategorie:Beschränkter Stoff nach REACH-Anhang XVII, Eintrag 28 Kategorie:Beschränkter Stoff nach REACH-Anhang XVII, Eintrag 23 Kategorie:Beschränkter Stoff nach REACH-Anhang XVII, Eintrag 72
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Billy Wilder
mini|hochkant|Billy Wilder 1989 in Berlin Billy Wilder (* 22. Juni 1906 als Samuel Wilder in Sucha, Galizien, Österreich-Ungarn; † 27. März 2002 in Los Angeles, Kalifornien) war ein österreichischer Drehbuchautor, Filmregisseur und Filmproduzent, der nach seiner Emigration die US-amerikanische Staatsbürgerschaft annahm. Wilder wirkte stilbildend für das Genre Filmkomödie und schuf als Regisseur und Drehbuchautor von Komödien wie Sabrina (1954), Manche mögen’s heiß (1959), Eins, Zwei, Drei (1961) und Das Mädchen Irma la Douce (1963), aber auch von dramatischen Filmen wie Frau ohne Gewissen (1944), Das verlorene Wochenende (1945), Boulevard der Dämmerung (1950) oder Zeugin der Anklage (1957) Filme von zeitloser Relevanz. Sein Werk umfasst mehr als 60 Filme, die in einem Zeitraum von über 50 Jahren entstanden sind. Er wurde als Autor, Produzent und Regisseur 21-mal für einen Oscar nominiert und sechsmal ausgezeichnet. Allein bei der Oscarverleihung 1961 wurde er als Produzent, Drehbuchautor und Regisseur für den Film Das Appartement dreifach ausgezeichnet, was bis heute nur insgesamt 11 Regisseuren gelungen ist.die anderen sind Leo McCarey, Francis Ford Coppola, James L. Brooks, Peter Jackson, die Brüder Joel und Ethan Coen, Alejandro González Iñárritu, Bong Joon-ho, das Duo Daniel Kwan und Daniel Scheinert sowie Sean Baker. Leben und Werk Herkunft mini|Hier wohnte Wilder als Jugendlicher (Fleischmarkt 7, 1010 Wien) Samuel Wilder war der Sohn jüdischer Eltern. Sein Vater Max Wilder betrieb in Krakau das Hotel „City“ sowie mehrere Bahnhofsrestaurants in der Umgebung. Die Mutter Eugenia rief den Sohn von jeher „Billie“. Samuel nannte sich daher „Billie Wilder“ (deutsch ausgesprochen); in den USA änderte er die Schreibweise dann in „Billy“. Mitten im Ersten Weltkrieg zog die Familie aus Angst vor der herannahenden russischen Armee 1916 nach Wien. In seiner Jugend war er dort eng mit dem späteren Hollywood-Regisseur Fred Zinnemann befreundet, mit dem er zeitweise in dieselbe Klasse ging (Privatgymnasium Juranek im 8. Gemeindebezirk) und zu dem er sein Leben lang Kontakt hielt. Nach seiner Matura arbeitete er als Reporter für die Wiener Boulevardzeitung Die Stunde. Als er 1926 den Jazzmusiker Paul Whiteman interviewte, war dieser von ihm so begeistert, dass er ihn einlud, nach Berlin mitzukommen, um ihm die Stadt zu zeigen. Eine Woche später stellte sich heraus, dass Die Stunde Wiener Geschäftsleute und Prominente zu jener Zeit mit der Drohung erpresste, unvorteilhafte Artikel über sie zu veröffentlichen. Die Angelegenheit wurde zum größten Medienskandal der Ersten Republik in Österreich, und Wilder beschloss, in Berlin zu bleiben und für eine andere Zeitung zu arbeiten. In Berlin mini|Gedenktafel am Haus Nr. 11 am Viktoria-Luise-Platz, Wilders erstem Wohnort in Berlin Wilder wohnte 1927 in Berlin-Schöneberg (Viktoria-Luise-Platz 11) zur Untermiete: „Eineinhalb Jahre. Ein winziges Zimmer mit düsterer Tapete. Wand an Wand mit einer ständig rauschenden Toilette.“Hellmuth Karasek: Billy Wilder. Eine Nahaufnahme. Aktualisierte und erweiterte Neuausgabe. Hoffmann und Campe, Hamburg 2006, ISBN 3-455-09553-4, S. 17. Hier begann auch seine Filmkarriere, als der Direktor einer Filmgesellschaft, Maxim Galitzenstein, in Unterhosen aus dem Schlafzimmer der Nachbarin in Wilders Zimmer auftauchte und schließlich dessen erstes Drehbuch kaufte.Hellmuth Karasek: Billy Wilder. Eine Nahaufnahme. S. 68. In Berlin wurde Billy Wilder Stammgast des Romanischen Cafés, wo er sich mit seinem Idol, dem rasenden Reporter Egon Erwin Kisch, anfreundete.Christian Buckard: Egon Erwin Kisch. Die Weltgeschichte des rasenden Reporters. Berlin Verlag, Berlin 2023, ISBN 978-3-8270-14498, S. 156f. Als Ghostwriter für bekannte Drehbuchautoren wie Robert Liebmann und Franz Schulz konnte Wilder sich neben seiner Tätigkeit als Reporter eine zusätzliche Einkommensquelle erschließen. So trug er zu dem Filmklassiker Menschen am Sonntag bei (unter anderem mit Curt Siodmak, Robert Siodmak, Fred Zinnemann und Edgar G. Ulmer). Gemeinsam mit Erich Kästner schrieb er 1931 das Drehbuch für Emil und die Detektive, die Erstverfilmung von Kästners Roman – damals noch als „Billie Wilder“. Emigration und Arbeit in den USA Unmittelbar nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten übersiedelte Wilder 1933 nach Paris, wo er sich als Ghostwriter für französische Drehbuchautoren seinen Lebensunterhalt verdiente. Hier inszenierte er auch seinen ersten Film, Mauvaise graine, mit Danielle Darrieux. 1934 konnte er, von Joe May mit einem Besuchervisum ausgestattet, in die Vereinigten Staaten einreisen. Er nannte sich nun „Billy“, wurde 1936 von Paramount Pictures unter Vertrag genommen und schrieb die Drehbücher zu Komödien wie Ninotschka, bei dem sein Vorbild Ernst Lubitsch Regie führte, und Enthüllung um Mitternacht, die beide 1939 veröffentlicht wurden. 1942 führte Wilder in der Komödie Der Major und das Mädchen mit Ginger Rogers erstmals in Hollywood Regie, da er mit den ständigen Änderungen an seinen Drehbüchern unzufrieden war und selbst das Heft in die Hand nehmen wollte. Sein zweiter Film Fünf Gräber bis Kairo mit Franchot Tone diente 1943 im Zweiten Weltkrieg als Propagandafilm gegen das NS-Regime. Im folgenden Jahr inszenierte er mit Frau ohne Gewissen einen bedeutenden Klassiker des Film noir, der Barbara Stanwyck als Femme fatale zeigt. Der Film erhielt sieben Oscar-Nominierungen, unter anderem für Wilder in den Kategorien Beste Regie und Bestes adaptiertes Drehbuch. 1945 erhielt Wilder vom U.S. Army Signal Corps den Auftrag, das umfangreich vorhandene Material des amerikanischen und britischen Militärs u. a. über die Befreiung des KZ Bergen-Belsen zu einem Kurzfilm zu verdichten. Es wurde der einzige Dokumentarfilm unter seiner Aufsicht, Die Todesmühlen.Death Mills (Todesmuehlen) (1945). Film. In: Internet Archive. Abgerufen am 29. Januar 2015. Trotz aller persönlichen Betroffenheit – seine nächsten Verwandten waren im Holocaust ermordet worden – wollte er keinen „Gräuelfilm“, da er sofort erkannte: „Objektiv gesehen: So unsympathisch die Deutschen sein mögen, sie sind – und jetzt zitiere ich Wort für Wort den guten Onkel in Washington – unsere logischen Verbündeten von morgen.“Im Original: “Viewed objectively, as unsympathetic as these Germans may be, they are nevertheless — and now I quote word for word the good uncle in Washington — our logical allies of tomorrow.” In: David Bathrick: Billy Wilder’s Cold War Berlin (PDF; 922 kB). In: New German Critique. Bd. 110, 2010, S. 31–47, hier S. 34. Nach seinen Nominierungen für Frau ohne Gewissen erhielt er 1946 als Regisseur und als Drehbuchautor je einen Oscar für den Film Das verlorene Wochenende. Das Drama um einen erfolglosen Schriftsteller (Ray Milland) setzte sich ungewöhnlich realistisch mit den Problemen eines Alkoholikers auseinander. Kurz danach kam Wilder im Auftrag der amerikanischen Regierung im Rang eines Colonels nach Deutschland und inszenierte im kriegszerstörten Berlin 1947/48 den Film Eine auswärtige Affäre mit Jean Arthur und Marlene Dietrich in den Hauptrollen, der sich kritisch mit der NS-Vergangenheit im besetzten Deutschland auseinandersetzte.Siehe dazu: Billy Wilder: Propaganda durch Unterhaltung. 16. April 1945. In: Brewster S. Chamberlin: Kultur auf Trümmern. Berliner Berichte der amerikanischen Information Control Section, Juli–Dezember 1945. Stuttgart 1979, S. 99 ff. Wilder formulierte darin seine Auffassung von der Notwendigkeit der Unterhaltsamkeit der Propaganda und leitete die Idee zu „Eine auswärtige Affäre“ aus Alltagsbeobachtungen ab. Im selben Jahr führte er zudem Regie beim Filmmusical Ich küsse Ihre Hand, Madame mit Bing Crosby. Nach 1950 war Wilder meist als Produzent an seinen Filmen beteiligt. Er schuf Klassiker wie Boulevard der Dämmerung (1950), mit Gloria Swanson als verblendeter Ex-Diva, Das verflixte 7. Jahr (1955) und Manche mögen’s heiß (1959), beide mit Marilyn Monroe, Zeugin der Anklage (1958), erneut mit Marlene Dietrich, sowie Das Appartement (1960) und Das Mädchen Irma la Douce (1963), beide mit Shirley MacLaine, und die Komödie Eins, Zwei, Drei (1961) mit James Cagney, Liselotte Pulver und Horst Buchholz in den Hauptrollen. Ein 1960 geplantes Filmprojekt mit den Marx Brothers, die Antikriegssatire A Day At The United Nations, kam wegen des schlechten Gesundheitszustands von Chico Marx letztlich nicht zustande. Billy Wilders Alter Ego auf der Leinwand verkörperten Jack Lemmon und William Holden. Während Holden vor allem in dramatischen Werken wie Boulevard der Dämmerung, Stalag 17 oder Fedora wirkte, war Lemmon in Komödien wie Manche mögen’s heiß, Das Mädchen Irma la Douce, Der Glückspilz und Extrablatt zu sehen. Wilders spätere Werke konnten an die Erfolge seiner Glanzzeit nicht mehr anknüpfen. Ab Mitte der 1980er Jahre beschränkte er sich auf Beratertätigkeiten für United Artists. Wilder, dessen Familie im Holocaust umkam (siehe auch Privatleben), war ursprünglich als Regisseur für Schindlers Liste im Gespräch. Aufgrund seines hohen Alters übernahm dann jedoch Steven Spielberg selbst die Regie. Wilder war von Spielbergs Werk tief berührt und ließ ihn das in einem Brief wissen, was Spielberg in seinem Antwortbrief als große Ehrerbietung durch den Altmeister bezeichnete.Cameron Crowe: Hat es Spaß gemacht, Mr. Wilder? Diana, 2000, ISBN 3-8284-5031-8. 1999 übernahm Billy Wilder die Schirmherrschaft über das Bonner „Billy-Wilder-Institute of Film and Television Studies oHG“, das 2002 kurz vor seinem Tod geschlossen werden musste. Billy Wilder starb am 27. März 2002 in Los Angeles im Alter von 95 Jahren an den Folgen einer Lungenentzündung. Er hatte schon länger mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen gehabt, aber immer noch Interviews gegeben. Sein Grab befindet sich im Westwood Village Memorial Park Cemetery. Privatleben mini|Billy Wilders Grabstein Wilder war von 1936 bis 1947 mit Judith Coppicus-Iribe verheiratet. Sie hatten eine gemeinsame Tochter, Victoria (* 1939). 1949 heiratete Wilder die Schauspielerin und Sängerin Audrey Young (1922–2012). 1989 ließ Wilder, der insbesondere Werke Picassos und europäischer Impressionisten gesammelt hatte, seine umfangreiche Gemäldesammlung versteigern. Der Erlös betrug 32,6 Millionen US-Dollar. Seine Mutter Eugenia, die sich später Gitla nannte, starb 1943 im KZ Plaszow, sein Stiefvater Bernhard (Berl) Siedlisker wurde im Vernichtungslager Belzec ermordet.Andreas Hutter, Heinz Peters: Gitla stand nicht auf Schindlers Liste. In: Neue Zürcher Zeitung, 6. Oktober 2011. Namensaussprache Billy Wilder ist als Weilder geläufig. Wolfgang Glück berichtete jedoch, Wilder habe sich ihm 1987 als Wilder bekanntgemacht und seinen Namen immer in dieser Form ausgesprochen.Michael Omasta, Michael Pekler: „Halt Heimatfilme und Pornokrimis“, Interview mit Wolfgang Glück in der Wochenzeitung Falter, Wien, Nr. 9, 26. Februar 2014, S. 30 f. Regiestil Der Drehbuchautor als Regisseur Als er bereits zahlreiche Drehbücher geschrieben und sich oft über die Umsetzung geärgert hatte, entschied sich Wilder, bei der Realisierung seiner Drehbücher selbst die Regie zu übernehmen. Die Idee sei ihm gekommen, als sich Charles Boyer bei den Dreharbeiten zu Das goldene Tor weigerte, ein Zwiegespräch mit einer Kakerlake zu führen, wie Wilder es im Drehbuch vorgesehen hatte, und Regisseur Mitchell Leisen danach Wilders Proteste zurückwies. Die Szene war ihm besonders wichtig, weil er Erinnerungen an seine eigene Situation verarbeitet hatte, als er 1934 in Mexicali an der amerikanisch-mexikanischen Grenze darauf warten musste, wieder in die USA einreisen zu dürfen, um endgültig die amerikanische Staatsbürgerschaft zu erlangen. In einem seiner späteren Filme griff Wilder das Motiv in abgewandelter Form auf, als er mit James Stewart in Lindbergh – Mein Flug über den Ozean (1957) den berühmten Piloten bei seinem Flug über den Atlantik zu einer zufällig im Cockpit mitreisenden Fliege sprechen ließ. Zuvor war es Preston Sturges als erstem Drehbuchautor gelungen, ins Regiefach zu wechseln und das strenge „Kastendenken“ des alten Hollywood zu durchbrechen. Preston Sturges verkaufte sein Drehbuch für Der große McGinty für zehn Dollar an Paramount Pictures unter der Bedingung, es selbst verfilmen zu dürfen. Der Film wurde ein Kassenschlager. Wilders Regiestil ist von seiner Herkunft aus dem schreibenden Fach geprägt; er glaubte wie kaum ein anderer an Macht und Bedeutung des Drehbuchs. Wie Alfred Hitchcock ließ er bei den Dreharbeiten kaum Änderungen zu. Er lehnte allzu extravagante Kameraeinstellungen ab, weil sie das Publikum von der Handlung ablenken könnten. Nur wenn das Publikum sich nicht mehr bewusst sei, dass ein Kamerateam anwesend ist, entstehe der Zauber eines guten Films. Dennoch war ihm die Bildgestaltung sehr wichtig. In Das Appartement nutzte er das Cinemascope-Breitwandformat geschickt aus, um etwa die Einsamkeit seines Protagonisten filmisch darzustellen.Glenn Hopp: Billy Wilder. Sämtliche Filme. Taschen, Köln 2003, ISBN 3-8228-1685-X. Er liebte den Schwarzweißfilm und nutzte diesen noch, als der Farbfilm längst Standard war. Seine erfolgreichsten Filme hat er in Schwarzweiß gedreht. Wilder setzte gern die sogenannte „Narration“ ein, also die Stimme eines der Filmhelden, die aus dem Off die Handlung kommentiert, zumeist um in die Handlung eines Filmes einzuführen bzw. sie voranzutreiben – so in Frau ohne Gewissen, Boulevard der Dämmerung, Stalag 17, Das Appartement, Das Privatleben des Sherlock Holmes oder in Fedora. Dabei ist es laut Wilder wichtig, dass die Stimme nicht etwas erzählt, was der Zuschauer ohnehin schon sieht, sondern dem Zuschauer zusätzliche Informationen vermittelt. Grundsätze In Volker Schlöndorffs TV-Dokumentation Billy Wilder, wie haben Sie’s gemacht?DVD Volker Schlöndorff: Billy Wilder speaks. Kino International, 7-38329-04972-0. erläuterte Wilder einige seiner Grundsätze, die beim Filmemachen zu beachten seien; so beispielsweise, wann Nahaufnahmen (close-ups) nicht gemacht werden dürften. Ein Darsteller, der versuche, eine plötzliche Erkenntnis, eine Eingebung darzustellen, sehe immer dumm aus (“looks stupid”). Auch die Nahaufnahme des Gesichts eines Menschen, der gerade eine Todesnachricht erhält, sei unpassend. Es gebe zwei wichtige Elemente eines guten Drehbuchs, die Konstruktion einer Geschichte und die Dialoge. Agatha Christie sei eine ausgezeichnete Konstrukteurin von Geschichten, aber eher schwach in ihren Dialogen gewesen. Raymond Chandler dagegen habe sehr gute Dialoge verfassen können, jedoch von der Konstruktion einer Geschichte keine Ahnung gehabt. Als sein Vorbild betrachtete Wilder Ernst Lubitsch, für den er einige Drehbücher (Ninotchka) verfasst hat. In seinem Büro hing ein Schild mit der Aufschrift: „How would Lubitsch have done it?“ (Wie hätte Lubitsch es gemacht?) Wilder selbst hat in Gesprächen mit dem Regisseur Cameron Crowe zehn Regeln postuliert (1999 veröffentlicht):Erschienen in Cameron Crowe: Conversations with Wilder, dt. Hat es Spass gemacht, Mr. Wilder? : Gespräche mit Billy Wilder, Kampa Verlag, Zürich 2019, ISBN 978-3-311-14008-5. Merkmale In der Struktur bevorzugte Billy Wilder den Aufbau der Handlung in drei Akten aus klassischen Theaterstücken. Wilder legte seine Dreiakter so an, dass die Hauptakteure am Ende des dritten Aktes eine moralische Entscheidung treffen mussten. Wilders Filme zeichnen sich durch eine straffe Handlung und spritzige, griffige Dialoge aus. In den Handlungen gelang es ihm oft, die Grenzen des Unterhaltungsfilmes zu durchstoßen und schlüpfrige Details oder als anstößig geltende Themen in seinen Filmen zu realisieren, um der bigotten Gesellschaft den moralischen Spiegel vor die Nase zu halten. Dabei bediente er sich einer ausgefeilten Symbolsprache und vermeintlich harmloser Formulierungen, um das Hays Office, die Zensurstelle der amerikanischen Filmindustrie, hinters Licht zu führen. Er thematisierte gleich in seiner ersten Regiearbeit ein Liebesverhältnis eines Erwachsenen mit einer (vermeintlich) Minderjährigen, was besonders im Wortspiel des Originaltitels The Major and the Minor (Der Major und das Mädchen) deutlich wurde. Er ließ Männer in Frauenkleidern spielen (Manche mögen’s heiß) und schuf so die Grundlage, um eine Fülle anzüglicher und hintergründiger Anspielungen unterzubringen. Ehebruch kommt in seinen Filmen in zahlreichen Variationen vor, ebenso Prostitution und Homosexualität. Seine Protagonisten sind keine strahlenden moralischen Helden, sondern oft eher Durchschnittsmenschen mit Fehlern und Schwächen, die aber aufgrund besonderer Herausforderungen in bestimmten Situationen über sich hinauswachsen. Selbstzitate Bestimmte Versatzstücke aus seinen Filmen hat Wilder mehrfach verwendet, zum Beispiel: Filmografie (Auswahl) Nur Drehbuchautor Autor und Regisseur Auszeichnungen mini|Wilders Stern auf dem Boulevard der Stars in Berlin mini|Billy-Wilder-Plakette auf dem Marktplatz in Sucha Beskidzka, angefertigt vom Bildhauer Wiesław Kwak, Polen + Filme in den Top 200auf TSPDT Platz Film 28 Manche mögen’s heiß 33 Boulevard der Dämmerung 59 Das Appartement 155 Frau ohne Gewissen + Filme in den Top 250bei der IMDbDie Top 250 der IMDb (Stand: 24. Januar 2018) Platz Film 54 Boulevard der Dämmerung 66 Zeugin der Anklage 86 Frau ohne Gewissen 107 Das Appartement 118 Manche mögen’s heiß + Filme in den Top 250von Letterboxd. In: Letterboxd, Stand: 19. Mai 2021. Platz Film 33 Boulevard der Dämmerung 65 Das Appartement 199 Zeugin der Anklage 202 Frau ohne Gewissen 220 Reporter des Satans 245 Manche mögen’s heiß Academy Awards 1946: Oscar für die beste Regie für Das verlorene Wochenende (1945) 1946: Oscar das beste Drehbuch für Das verlorene Wochenende (1945) (mit Charles Brackett) 1951: Oscar für das beste Originaldrehbuch für Boulevard der Dämmerung (1950), gemeinsam mit Charles Brackett und D. M. Marshman jr. 1961: Oscar für die beste Regie für Das Appartement (1960) 1961: Oscar für den besten Film für Das Appartement (1960) 1961: Oscar für das beste Originaldrehbuch für Das Appartement (1960) (mit I. A. L. Diamond) 1987: Irving G. Thalberg Memorial Award Golden Globes 1946: Golden Globe für die beste Regie in Das verlorene Wochenende (1945) 1951: Golden Globe für die beste Regie in Boulevard der Dämmerung (1950) 1955: Golden Globe für das beste Filmdrehbuch für Sabrina (1954), mit Ernest Lehman und Samuel A. Taylor Writers Guild of America, auf awards.wga.org 1951: WGA Award (Screen) für das am besten geschriebene amerikanische Drama Boulevard der Dämmerung (1950), gemeinsam mit Charles Brackett und D.M. Marshman Jr. 1955: WGA Award (Screen) für die am besten geschriebene amerikanische Komödie Sabrina (1955), gemeinsam mit Samuel A. Taylor und Ernest Lehman 1958: WGA Award (Screen) für die am besten geschriebene amerikanische Komödie Ariane – Liebe am Nachmittag (1957), gemeinsam mit I.A.L. Diamond 1960: WGA Award (Screen) für die am besten geschriebene amerikanische Komödie Manche mögen’s heiß (1959), gemeinsam mit I. A. L. Diamond 1961: WGA Award (Screen) für die am besten geschriebene amerikanische Komödie Das Appartement (1960), gemeinsam mit I. A. L. Diamond Directors Guild of America 1961: DGA Award für hervorragende Regiearbeit in Das Appartement (1960), gemeinsam mit Hal W. Polaire (Regie-Assistenz) Cannes Film-Festival 1946 1946: Grand Prix des Festivals für Das verlorene Wochenende (1945) Laurel Awards 1963: Golden Laurel für den Spitzen-Produzenten/Regisseur PGA Golden Laurel Awards 2000: PGA Hall of Fame – Filme für Manche mögen’s heiß (1959) British Academy Film Award 1961: Bester Film für Das Appartement (1960) 1995: Ehrenpreis der British Academy of Film and Television Arts (BAFTA) Blue Ribbon Award 1951: Blue Ribbon Award für den besten (ausländischen) Film Boulevard der Dämmerung (1950) Bodil 1951: Bodil für den besten (amerikanischen) Film Boulevard der Dämmerung (1950) Boulevard der Stars 2010: Stern auf dem Boulevard der Stars in Berlin David di Donatello 1975: David di Donatello für die beste Regie in Extrablatt (1974) Deutscher Filmpreis 1973: Filmband in Gold für langjähriges und hervorragendes Wirken im deutschen Film 1997: Ehrenpreis an eine ausländische Persönlichkeit für herausragende Leistungen im Bereich des Films (Gesamtwerk) Europäischer Filmpreis 1992: Felix für das Lebenswerk Internationale Filmfestspiele Berlin 1993: Goldener Ehrenbär für das Gesamtwerk Fotogramas de Plata 1982: Fotogramas de Plata für den besten (ausländischen) Film Fedora (1982), gemeinsam mit Atlantic City (1980) Sindacato Nazionale Giornalisti Cinematografici Italiani 1951: Nastro d’Argento für den besten Regisseur (ausländischer Film) in Boulevard der Dämmerung (1950) Los Angeles Film Critics Association Award 1994: Career Achievement Award Venedig Film Festival 1951: International Award für Reporter des Satans (1951) 1972: Goldener Löwe – Ehrenpreis American Film Institute 1986: AFI Life Achievement Award Walk of Fame (Jahr unbek.) Stern auf dem Walk of Fame, 1751 Vine Street Weitere Auszeichnungen und Ehrungen 1983: Großer Österreichischer Staatspreis für Filmkunst 1984: Ehrenmitglied der American Academy of Arts and Letters 1990: Kennedy-Preis des John F. Kennedy Center for the Performing Arts 1994: Goethe-Medaille des Goethe-Instituts 1997: Ehrenmedaille der Bundeshauptstadt Wien 1999: Berliner Bär (B.Z.-Kulturpreis) 2000: Ehrenbürger von Wien 2000: Ehrenmedaille der Universität für Musik und darstellende Kunst WienderStandard.at vom 29. März 2002: Regisseur Billy Wilder 95-jährig gestorben (abgerufen am 26. Juli 2017) 2000: BundesverdienstkreuzVerleihung des Bundesverdienstkreuzes: Billy Wilder fand's nicht lustig Spiegel online vom 11. März 2000 (abgerufen am 26. Juli 2017) Würdigung Zur 60-Jahr-Feier der Filmakademie Wien stiftete Rudolf John den „Billy Wilder Award“, der von der Filmakademie vergeben wird. (PDF; 589 kB). In: filmbiz 10/2011. Im Jahr 2003 legte die österreichische Post eine Sonderbriefmarke zu seinen Ehren auf. abgerufen am 16. Februar 2013. Von 2000 bis 2016 gab es direkt neben der Deutschen Kinemathek im Berliner Sony Center eine Bar namens „Billy Wilder’s“. Im 3. Wiener Bezirk wurde im Jahr 2008 die Billy-Wilder-Straße nach ihm benannt und in Berlin-Lichterfelde 2007 eine neu angelegte Straße, die Billy-Wilder-Promenade auf dem Gelände der ehemaligen McNair Barracks. Die Billy-Wilder-Straße in Wien wurde 2021 auf Grund einer Umwidmung zu Bauland wieder aufgelassen. Schriften und Gespräche Helmut Sorge: Gesellschaft: Es war wie in New York. Interview. In: Spiegel Special, Nr. 6, 1. Juni 1997. Cameron Crowe: Hat es Spaß gemacht, Mr. Wilder? (Originaltitel: Conversations with Wilder. Übersetzung von Rolf Thissen) Diana, München 2000, ISBN 3-8284-5031-8. Robert Horton: Billy Wilder. Interviews. University Press of Mississippi, Jackson (MS) 2001, ISBN 1-57806-444-9. Rolf Aurich, Andreas Hutter, Wolfgang Jacobsen, Günter Krenn (Hrsg.): „Billie“. B. W.s Wiener journalistische Arbeiten. Filmarchiv Austria, Wien 2006, ISBN 978-3-901932-90-8. Literatur (Auswahl) Sachbücher Charlotte Chandler: Nobody’s Perfect. Billy Wilder. A Personal Biography. Pocket Books, London u. a. 2003, ISBN 0-7434-6098-7. Cameron Crowe: Hat es Spass gemacht, Mr. Wilder? Gespräche mit Billy Wilder, Kampa Verlag, Zürich, 2019, ISBN 978-3-311-14008-5. Gerd Gemünden: Filmemacher mit Akzent. Billy Wilder in Hollywood. Synema, Wien 2006, ISBN 3-901644-20-2. Michael Hanisch: Billy Wilder (1906–2002). Von Galizien nach Beverly Hills (= Jüdische Miniaturen. Band 18). Stiftung Neue Synagoge Berlin, Centrum Judaicum. Hentrich und Hentrich, Teetz 2004, ISBN 3-933471-72-9. Glenn Hopp: Billy Wilder. Filme mit Esprit 1906–2002. Taschen, Köln 2003, ISBN 3-8228-1685-X. Andreas Hutter, Klaus Kamolz: Billie Wilder. Eine europäische Karriere. Böhlau, Wien u. a. 1998, ISBN 3-205-98868-X. Hellmuth Karasek: Billy Wilder. Eine Nahaufnahme. Aktualisierte und erweiterte Neuausgabe. Hoffmann und Campe, Hamburg 2006, ISBN 978-3-455-09553-1. Michaela Naumann: Billy Wilder – hinter der Maske der Komödie. Der kritische Umgang mit dem kulturellen Selbstverständnis amerikanischer Identität (= Marburger Schriften zur Medienforschung. Band 22). Schüren, Marburg 2010, ISBN 978-3-89472-724-6 (Dissertation, Universität Marburg, 2011). Claudius Seidl: Billy Wilder. Seine Filme, sein Leben. Heyne, München 1988, ISBN 3-453-00657-7. Ed Sikov: On Sunset Boulevard. The Life and Times of Billy Wilder. University Press of Mississippi, Jackson 2017, ISBN 978-1-4968-1268-1. Neil Sinyard, Adrian Turner: Billy Wilders Filme. Spiess, Berlin 1980, ISBN 3-89166-327-7. Kay Weniger: Das große Personenlexikon des Films. Die Schauspieler, Regisseure, Kameraleute, Produzenten, Komponisten, Drehbuchautoren, Filmarchitekten, Ausstatter, Kostümbildner, Cutter, Tontechniker, Maskenbildner und Special Effects Designer des 20. Jahrhunderts. Band 8: T – Z. David Tomlinson – Theo Zwierski. Schwarzkopf & Schwarzkopf, Berlin 2001, ISBN 3-89602-340-3, S. 385 ff. Kay Weniger: ‘Es wird im Leben dir mehr genommen als gegeben …‘. Lexikon der aus Deutschland und Österreich emigrierten Filmschaffenden 1933 bis 1945. Eine Gesamtübersicht. S. 537 ff., ACABUS-Verlag, Hamburg 2011, ISBN 978-3-86282-049-8 Maurice Zolotow: Billy Wilder in Hollywood. W. H. Allen, London 1977. Belletristik Jonathan Coe: Mr. Wilder & ich. Roman („Mr Wilder & Me“; Originalausgabe: Viking, 2020). Aus dem Englischen von Cathrine Hornung. Folio, Wien/Bozen 2021, ISBN 978-3-85256-833-1. Filmdokumentationen Billy Wilder, wie haben Sie’s gemacht? Deutsche TV-Dokumentationsreihe (1988) von Volker Schlöndorff. Billy Wilder – Eine Menschliche Komödie (Originaltitel: AFI's 100 Years... 100 Movies: The Wilder Shores of Love). Amerikanische TV-Dokumentation (1998) von Robert Mundi (Buch) und Mel Stuart (Regie). „Du sollst nicht langweilen“: Billy Wilder. Französische TV-Dokumentation (2016) von André Schäfer und Jascha Hannover, 95 Minuten. Billy Wilder - Eine Hollywood-Legende. Französische TV-Dokumentation von Julia Kuperberg und Clara Kuperberg, ARTE F, 55 Minuten, 2016. Weblinks , Internationales Biographisches Archiv 20/2012 vom 15. Mai 2012 Michael Wenk: Ein Besuch beim alten Meister vom Hollywood-Boulevard. Zum 100. Geburtstag des unvergleichlichen Drehbuchautors und Filmregisseurs Billy Wilder. In: Neue Zürcher Zeitung, 17. Juni 2006 Andreas Hutter: «Billy wer …?». Ein Lokalaugenschein in Sucha, seinem Geburtsort in Polen. In: Neue Zürcher Zeitung, 17. Juni 2006 Marilyn Monroe war ein endloses Rätsel ohne jede Lösung - Billy Wilder im Gespräch mit Cameron Crow, 2019 Billy Wilder im Archiv der Österreichischen Mediathek Einzelnachweise Kategorie:Autor Kategorie:Person (Stummfilm) Kategorie:Drehbuchautor Kategorie:Filmregisseur Kategorie:Literatur (20. Jahrhundert) Kategorie:Literatur (Deutsch) Kategorie:Literatur (Englisch) Kategorie:Freimaurer (20. Jahrhundert) Kategorie:Freimaurer (21. Jahrhundert) Kategorie:Freimaurer (Österreich) Kategorie:Träger des Deutschen Filmpreises Kategorie:Träger des Europäischen Filmpreises Kategorie:Träger des Großen Bundesverdienstkreuzes mit Stern Kategorie:Träger des Großen Goldenen Ehrenzeichens für Verdienste um die Republik Österreich Kategorie:Träger der Ehrenmedaille der Bundeshauptstadt Wien in Gold Kategorie:Träger des Großen Österreichischen Staatspreises Kategorie:Mitglied der American Academy of Arts and Letters Kategorie:Österreichischer Emigrant zur Zeit des Nationalsozialismus Kategorie:Oscarpreisträger Kategorie:Golden-Globe-Preisträger Kategorie:Ehrenbürger von Wien Kategorie:Kunstsammler Kategorie:Österreichischer Emigrant in den Vereinigten Staaten Kategorie:Person (Cisleithanien) Kategorie:Person um Marilyn Monroe Kategorie:Österreicher Kategorie:US-Amerikaner Kategorie:Geboren 1906 Kategorie:Gestorben 2002 Kategorie:Mann
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Amarant (Begriffsklärung)
Amarant steht für: Amarant (auch Amaranth), Pflanzengattung innerhalb der Familie der Fuchsschwanzgewächse Amarant (Farbe), rote Farbe Amarant, Vertreter der Amaranten, Vogelgattung innerhalb der Familie der Prachtfinken Amarant (Film), deutscher Stummfilm von Martin Haras (1916) Siehe auch: Amarante (Begriffsklärung) Amaranten-Orden, schwedischer Ritterorden Amaranth (Begriffsklärung) Amaranthe
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Arzt
mini|hochkant=1.1|Ärztin beim Abhorchen eines Patienten (2011) mini|hochkant=0.5|Äskulapstab: Symbol des ärzt­lichen und pharma­zeutischen Standes mini|De zieke vrouw (Jan Steen, um 1666) Ein Arzt (Mehrzahl: Ärzte; weiblich: Ärztin, Ärztinnen) ist ein medizinisch ausgebildeter und zur Ausübung der Heilkunde zugelassener Heilkundiger. Der Arztberuf ist eine auf Vorbeugung (Prävention), Erkennung (Diagnose), Behandlung (Therapie) und Nachsorge von Krankheiten, Leiden oder gesundheitlichen Beeinträchtigungen gerichtete Beschäftigung und umfasst auch ausbildende Tätigkeiten. Ärzte stellen sich in den Dienst der Gesundheit und sind bei ihrem Handeln moralischen und ethischen Grundsätzen verpflichtet (siehe etwa die Genfer Deklaration des Weltärztebundes). Die Vielfalt an Krankheiten und Behandlungsmöglichkeiten hat in der Humanmedizin und der Tiermedizin zu einer großen Anzahl von Fachgebieten und weiteren Differenzierungen geführt (siehe die Liste medizinischer Fachgebiete). Bezeichnungen Die Bezeichnung Arzt (, ; verwandt mit „Arznei“) zog während des Mittelalters aus der lateinischen Gelehrtensprache ins Deutsche ein, und zwar über die latinisierte Variante (spätlateinisch auch ) des griechischen , klassische Aussprache [], ‚Oberarzt‘, ‚Leibarzt‘ (seit dem 2. Jahrhundert die Amtsbezeichnung von Leibärzten bei Hofe, genannt archiatri palatini und von öffentlich bestallten, archiatri populares genannten GemeindeärztenVgl. auch Paul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7., neubearbeitete Auflage. Springer, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1960, S. 10 und 13.),Bernhard Dietrich Haage: Medizinische Literatur des Deutschen Ordens im Mittelalter. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen, Band 9, 1991, S. 217–231, hier: S. 222. einer Zusammensetzung aus , ‚Kommando‘ und . Mit dem davon abgeleiteten griechischen Wort ἰατρῖναι (iatrinai; entsprechend lateinisch feminae medicae, „Ärztinnen“Paul Diepgen: Geschichte der Medizin. Die historische Entwicklung der Heilkunde und des ärztlichen Lebens. I. Band: Von den Anfängen der Medizin bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts. Walter de Gruyter, Berlin 1949, S. 152.) wurden in der griechisch-römischen Medizin gelegentlich angesehene Hebammen bezeichnet.Paul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7., neubearbeitete Auflage. Springer, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1960, S. 13. In vielen fachsprachlichen Komposita tritt das ursprüngliche griechische Wort bzw. die latinisierte Form als Wortbestandteil auf: iatrogen „durch ärztliches Handeln verursacht“; Psychiater „Seelenarzt“; Pädiater „Kinderarzt“ usw. Über mittelhochdeutsche Vermittlung gelangte das Wort in andere Sprachen, so , . Die germanische Bezeichnung für den Heilberuf () ist beispielsweise im dänischen , im schwedischen , im englischen (vgl. Bald’s Leechbook), oder im deutschen Familiennamen Lachmann erhalten und hat sich in andere Sprachen verbreitet, z. B. , . Im polnischen und tschechischen ist die germanische Wurzel mit einem slawischen Suffix (-arz, -ař) verbunden. Die lateinische Bezeichnung (ursprünglich als allgemeine, vom Ausbildungsstand unabhängige, Berufsbezeichnung; seit dem 10. Jahrhundert dann vom bzw. , dem Wundarzt, unterschieden), oder eine davon abgeleitete Form findet sich vor allem in den romanischen Sprachen, etwa , , , , , aber unter romanischem Einfluss auch in anderen Sprachen: , . Bereits in der Antike gab es sowohl männlich als auch weibliche Ärzte. Im Kodex des Justinian, der Gesetze des 2.–6. Jahrhunderts zusammenfasst, werden männliche und weibliche Sklavenärzte (lateinisch [servi] medici utriusque sexus „[Sklaven-]Ärzte beiderlei Geschlechts“) genannt.Paul Diepgen: Frau und Frauenheilkunde in der Kultur des Mittelalters. Stuttgart 1963, S. 16–17.Vgl. auch Paul Diepgen: Geschichte der Medizin. Die historische Entwicklung der Heilkunde und des ärztlichen Lebens. I. Band: Von den Anfängen der Medizin bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts. Walter de Gruyter, Berlin 1949, S. 172–173. Die medica (weibliche Form von medicus) war bis ins MittelalterVgl. Bernhard Dietrich Haage: Die heilkundige Frau in Dichtung und Realität des deutschen Mittelalters. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. Band 11, 1993, S. 107–132. eine heilkundige Frau, womit sowohl eine Ärztin, als auch eine Laienärztin oder eine Hebamme gemeint sein konnte.Paul Diepgen: Frau und Frauenheilkunde in der Kultur des Mittelalters. Stuttgart 1963, S. 218–227. Im islamischen Kulturraum des Mittelalters wurden heilkundige Frauen bzw. Ärztinnen als Tabibe bezeichnet.Vgl. etwa www.researchgate.net. Und dazu Mehmet Turgut: Al-Zahrawi: On the Surgical Treatment of Neurological Disorders by the Father of Operative Surgery. In: World Neurosurgery. Bands 184, 2024, S. 236–240. Zur Unterscheidung vom (im 18. Jahrhundert noch nicht „vollpromovierten“) chirurgicus wurde auch der Begriff medicus purus („reiner Arzt“) gebraucht (Bestrebungen, die Chirurgie mit der „Medizin“ zu vereinen, setzten etwa in der Mitte des 18. Jahrhunderts ein).Fritz Linder: 150 Jahre Heidelberger Chirurgie. In: H. Schipperges (Hrsg.): Heidelberger Jahrbücher. Band 12, Springer, Berlin / Heidelberg 1968, ISBN 3-540-04172-9, S. 1–15 (Zusammenfassung).Ferdinand Sauerbruch: Vortrag „Schilderung der Geschichte der Chirurgie, ihrer Stellung in der Gegenwart und der Bedeutung dieses Zweiges der Medizin“, gehalten in der Preußischen Akademie der Wissenschaften. In: Hans Rudolf Berndorff: Ein Leben für die Chirurgie. Nachruf auf Ferdinand Sauerbruch. In: Ferdinand Sauerbruch: Das war mein Leben. Kindler & Schiermeyer, Bad Wörishofen 1951; benutzt: Lizenzausgabe für Bertelsmann Lesering, Gütersloh 1956, S. 456–478, hier: S. 460–478, S. 463–468 (unter anderem zum Chirurgen als „Schnittarzt“ und zum Medicus purus als „Maularzt“). Die Bezeichnung Heinrich Schipperges: Zur Unterscheidung des „physicus“ vom „medicus“ bei Petrus Hispanus. In: III° Congresso Nacional de Historia de la Medicina (Valencia 1969). III (1972), S. 321–327. meinte meist einen akademisch ausgebildeten Arzt (vgl. englisch physician). In vielen Sprachen wird der Arzt umgangssprachlich nach seinem zumeist geführten akademischen Grad Doktor genannt. Gelegentlich ebenfalls als Arzt wurden vor allem ab dem 13. JahrhundertTheodor Kirchhoff: Ueberblicke über die Geschichte der deutschen Irrenpflege im Mittelalter. In: Allgemeine Zeitschrift für Psychiatrie und psychiatrisch-gerichtliche Medizin. Band 87, 1887, Heft 1, S. 61–103, hier: S. 102. volksmedizinisch arbeitende, weder ärztlich noch wundärztlich ausgebildete LaienärzteThomas Gleinser: Anton Trutmanns „Arzneibuch“. Medizin-und sozialgeschichtlicher Kommentar. Philosophische Dissertation, Universität Würzburg, 1996, S. 249–280 (Physicus – Wundarzt – Laienarzt). (praktizierende medizinische Laien) bezeichnet. Vor dem Jahr 1500 sind Laien als Verfasser bzw. Kompilatoren (etwa im Speyrer ArzneibuchDigitalisat. von 1321) medizinischer Texte selten bezeugt. Im Spätmittelalter und in der Frühneuzeit kamen Laienärzte bzw. Laienmedizinerinnen (beispielsweise Philippine Welser, Eleonore von Württemberg und die Herzogin Eleonora Maria Rosalia sowie die Martin Luther behandelndePeter Assion: Die Gräfin von Mansfeld als ärztliche Ratgeberin Luthers. In: Medizinhistorisches Journal. Band 6, 1971, S. 160–174. Gräfin Dorothea von Mansfeld, geborene von Solms) oft aus dem Bereich der Hausmütter und Hausväter.Gundolf Keil: Der Hausvater als Arzt. In: Trude Ehlert (Hrsg.): Haushalt und Familie in Mittelalter und früher Neuzeit (Vorträge eines interdisziplinären Symposions vom 6.–9. Juni 1990 an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn). Mit einem Register von Ralf Nelles, Jan Thorbecke, Sigmaringen 1991, ISBN 3-7995-4156-X, S. 219–243, insbesondere S. 219–224 und 230–241. Auch in modernen medizinischen Subkulturen bestehen laienmedizinische Systeme.Christoph König: Die Entmythologisierung der Stellung des Arztes. Eine medizinsoziologische Studie (= Neue Würzburger Studien zur Soziologie. Band 9). Würzburg 1987, S. 21, 25 und 75–78. Zum Berufsbild Geschichte Die Funktion des Arztes ist eine der ältesten der Menschheit.Johann Hermann Baas: Die geschichtliche Entwicklung des ärztlichen Standes und der medicinischen Wissenschaften. Berlin 1896. Medizingeschichtlich gesehen entstand der Arztberuf (veraltet auch das ArzttumDuden: Arzttum, Arztsein.) aus dem Stand der Heilkundigen, In: servana.de die schon unter den Priestern des Altertums zu finden waren. Erste schriftliche Belege des Arztberufs stammen aus Mesopotamien und wurden im 3. Jahrtausend v. Chr. verfasst. Die Ausbildung von Ärzten der Antike fand in sogenannten Ärzteschulen (z. B. Schule von Kos, Schule von Knidos, Alexandrinische Schule) statt, die sich hinsichtlich ihrer Wissensvermittlung an unterschiedlichen ärztlichen Theorien (z. B. Methodiker, Pneumatiker, Hippokratiker) und philosophischen Strömungen (z. B. Epikureer, Stoiker) ausrichteten.Bernhard D. Haage, Wolfgang Wegner: Medizin in der griechischen und römischen Antike. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin / New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 915–920; hier: S. 918. Über den Arzt schreibt Hippokrates bzw. der Verfasser des wohl im 3. Jahrhundert v. Chr. entstandenen Textes Der ArztCMG I 1, S. 20,4–21,18. ausführlich: „Er soll von gesundem Aussehen und im Verhältnis zu der ihm eigenen Konstitution wohlgenährt sein […]. Ferner soll sein Äußeres sauber sein, was in einer angemessenen Kleidung und in wohlriechenden Salben zum Ausdruck kommt, deren Geruch unverdächtig ist […]. Was die seelischen Eigenschaften betrifft, so sei er besonnen, was sich nicht nur darin äußert, daß er schweigen kann […]. Man soll saubere und weiche Läppchen benutzten, für die Augen Scharpie, für die Wunden Schwämme. […].“Jutta Kollesch, Diethard Nickel: Antike Heilkunst. Ausgewählte Texte aus dem medizinischen Schrifttum der Griechen und Römer. Philipp Reclam jun., Leipzig 1979 (= Reclams Universal-Bibliothek. Band 771); 6. Auflage ebenda 1989, ISBN 3-379-00411-1, S. 43–45 (Hippokrates, Der Arzt, Kap. 1. 2) und 176 f. Auch Heilkundige des Mittelalters wirkten und galten, auch ohne universitäre Ausbildung, als Ärzte (bzw. ÄrztinnenHermann Fischer: Die Heilige Hildegard von Bingen. Die erste deutsche Naturforscherin und Ärztin. Ihr Leben und Werk (= Münchener Beiträge zur Geschichte und Literatur der Naturwissenschaften und Medizin. Band 7/8). München 1927.Gundolf Keil: Die Frau als Ärztin und Patientin in der medizinischen Fachprosa des deutschen Mittelalters. In: Harry Kühnel, Franz Hundsnurscher (Hrsg.): Frau und spätmittelalterlicher Alltag. Internationaler Kongreß Krems an der Donau 2.–5. Oktober 1984 (= Sitzungsberichte der philologisch-historischen Klasse der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Band 47). Wien 1986 (= Veröffentlichungen des Instituts für mittelalterliche Realienkunde Österreichs. Band 9), S. 157–211.Dorothée Leidig: Frauenheilkunde in volkssprachigen Arznei- und Kräuterbüchern des 12. bis 15. Jahrhunderts. Eine empirische Untersuchung. Philosophische Dissertation, Würzburg 2004, passim.). Im Mittelalter unterschied man gelehrte Ärzte (akademisch gebildete, von den Komplexionen der Humoralpathologie Kenntnis habende, Ärzte im Gegensatz zu den mehr handwerklich tätigen Wundärzten).Gundolf Keil Die „Cirurgia“ Peters von Ulm. Untersuchungen zu einem Denkmal altdeutscher Fachprosa mit kritischer Ausgabe des Textes (= Forschungen zur Geschichte der Stadt Ulm. Band 2). Stadtarchiv, Ulm 1961 (zugleich Philosophische Dissertation Heidelberg 1960: Peter von Ulm. Untersuchungen zu einem Denkmal altdeutscher Fachprosa mit kritischer Ausgabe des Textes), S. 355 (Artzt). Die moderne Ausbildung von Ärzten begann im 18. Jahrhundert mit der Erweiterung des naturwissenschaftlichen Wissens und der Einführung von systematischem praktischem Unterricht am Krankenbett.Giovanni Maio: Ausbildung, ärztliche (Neuzeit). In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin / New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 122–123, hier: S. 122. Die Revolutionszeit in der Mitte des 19. Jahrhunderts brachte in vielen Länder Europas auch eine ärztliche Reformbewegung. Diese erstrebte unter anderem Einheitlichkeit und Niederlassungsfreiheit sowie freie Arztwahl und Selbstverwaltung. Im Jahr 1869 wurde der ärztliche Beruf in Deutschland zum freien Gewerbe erklärt. Es wurde die Kurierfreiheit beschlossen, das Staatsexamen an die Universitäten gebunden, die Approbation erlangte Gültigkeit für alle deutschen Bundesstaaten und der Doktortitel wurde unabhängig von den Prüfungen für die Approbation.Paul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff/Diepgen/Goerke: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7., neubearbeitete Auflage. Springer, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1960, S. 40 und 45. Eine einheitliche Prüfungsordnung (siehe auch Approbationsordnung) für Ärzte gab es in Deutschland erstmals 1883.Ralf Bröer: Medizinalgesetzgebung/Medizinrecht. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. Walter de Gruyter, Berlin / New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 942–950, hier: S. 943. Im Jahr 1901 wurde eine neue Prüfungsordnung und das Medizinalpraktikantenjahr vor der ärztlichen Approbation eingeführt. In den Bremer Leitlinien legte der Deutsche Ärztetag 1924 die Grundzüge einer einheitlichen Facharztordnung fest. Eine deutsche ärztliche Berufsordnung mit Facharztordnung wurde 1937 erlassen.Paul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff/Diepgen/Goerke: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7., neubearbeitete Auflage. Springer, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1960, S. 61 und 68. Weibliche Ärzte kamen bereits im MittelalterVgl. Gundolf Keil: Die Frau als Ärztin und Patientin in der medizinischen Fachprosa des deutschen Mittelalters. In: Harry Kühnel, Franz Hundsnurscher (Hrsg.): Frau und spätmittelalterlicher Alltag. Internationaler Kongreß Krems an der Donau 2.–5. Oktober 1984 (= Sitzungsberichte der philologisch-historischen Klasse der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Band 47). Wien 1986 (= Veröffentlichungen des Instituts für mittelalterliche Realienkunde Österreichs. Band 9), S. 157–211. auf, zum Teil vorbereitet auch durch die Tätigkeit der Hebammen.Paul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff/Diepgen/Goerke: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7., neubearbeitete Auflage. Springer, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1960, S. 20. Die erste privilegierte Medizinerin Schlesiens war im 17. Jahrhundert Anna Würster.Norbert Conrads: Anna Würster, die erste privilegierte Medizinerin Schlesiens (1657). In: Konrad Goehl, Johannes Gottfried Mayer (Hrsg.): Editionen und Studien zur lateinischen und deutschen Fachprosa des Mittelalters. Festgabe für Gundolf Keil zum 65. Geburtstag. Königshausen & Neumann, Würzburg 2000 (= Texte und Wissen. Band 3), ISBN 3-8260-1851-6, S. 1–15. Die erste medizinische Promotion einer Frau in einem modernen Staat erfolgte 1869 in Zürich. 1899 wurden in Deutschland durch Beschluss des Bundesrates Frauen zu ärztlichen, zahnärztlichen und pharmazeutischen Prüfungen zugelassen.Paul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff/Diepgen/Goerke: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7., neubearbeitete Auflage. Springer, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1960, S. 45 und 53. 2014 war der Anteil der Ärztinnen an der Gesamtzahl der berufstätigen Ärzte bereits auf 45,5 Prozent gestiegen, wenngleich der Anteil der Frauen 2015 zu Beginn des Studiums bei fast zwei Dritteln lag.Frau Doktor löst den Herrn Doktor ab. In: welt.de, 27. Februar 2016. Bis ins 21. Jahrhundert galt für Ärzte Salus aegroti suprema lex („Das Wohl des Kranken sei oberstes Gebot“). Hinzugekommen ist in der Rechtsprechung das Selbstbestimmungsrecht des Patienten.Ernst Kern: Sehen – Denken – Handeln eines Chirurgen im 20. Jahrhundert. ecomed, Landsberg am Lech 2000, ISBN 3-609-20149-5, S. 199 f. Gesundheit und Krankheitsverhalten Während die körperliche Gesundheit von männlichen Ärzten mit derjenigen der allgemeinen männlichen Bevölkerung vergleichbar zu sein scheint, scheint die körperliche Gesundheit von Ärztinnen besser zu sein als die der allgemeinen weiblichen Bevölkerung.R. Tyssen: Health problems and the use of health services among physicians: a review article with particular emphasis on Norwegian studies. In: Ind Health. Band 45, Nr. 5, Oktober 2007, S. 599–610. PMID 18057803. Hinsichtlich der psychischen Gesundheit fällt auf, dass Depressionen und Suchterkrankungen bei Ärzten häufiger vorkommen als in der restlichen Bevölkerung. Ein weiteres bei Medizinern häufig auftretendes Krankheitsbild ist das Burnout-Syndrom, das bereits bei Medizinstudenten in erhöhtem Maß nachgewiesen werden kann.Jürgen von Troschke: Arztrolle. In: Bernhard Strauß, Uwe Berger, Jürgen von Troschke, Elmar Brähler: Lehrbuch Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie. Hogrefe Verlag, Göttingen 2004, ISBN 3-8017-1032-7, S. 332.T. L. Schwenk, L. Davis, L. A. Wimsatt: Depression, stigma, and suicidal ideation in medical students. In: JAMA. Band 304, Nummer 11, September 2010, S. 1181–1190, . doi:10.1001/jama.2010.1300. PMID 20841531. Mehrere Studien zeigten eine gegenüber der allgemeinen Bevölkerung erhöhte Suizidrate unter Ärzten. Das gegenüber der Normalbevölkerung erhöhte relative Risiko, einen Suizid zu begehen, lag für männliche Ärzte bei 1,1–3,4 und für Ärztinnen bei 2,5–3,7. Da in den Studien meist nur eine kleine Zahl von Suiziden untersucht wurde, waren die Vertrauensbereiche des wahren Wertes der Risikoerhöhung weit. Es wird vermutet, dass eine beträchtliche Anzahl von Selbstmorden nicht erfasst wird, da diese fälschlicherweise als Vergiftungen oder Unfälle deklariert werden. Von den verschiedenen beruflichen Spezialisierungen sind insbesondere Psychiater, Anästhesisten und Allgemeinmediziner von einer erhöhten Suizidrate betroffen. Als Ursachen des erhöhten Suizidrisikos werden verschiedene Faktoren diskutiert. Ein Persönlichkeitsprofil mit zwanghaften Zügen kann infolge der beruflichen Anforderungen zu einer depressiven Störung führen. Die Schwierigkeiten, Familie und Karrierewunsch zu vereinbaren, können insbesondere bei Ärztinnen zu Erschöpfung und Depression führen. Suchterkrankungen (wie beispielsweise Alkohol-, Drogen- und Medikamentenabhängigkeit), die bei Ärzten häufiger auftreten, gehen ihrerseits meistens mit Depressionen und einer erhöhten Suizidrate einher. Dieses für Ärzte jeden Geschlechts festgestellte Risikoprofil ist berufsunabhängig und trifft für die meisten Suizidenten zu.Thomas Bronisch: Suizidalität der Psychotherapeuten. In: Otto F. Kernberg, Birger Dulz, Jochen Eckert: WIR: Psychotherapeuten. Schattauer, Stuttgart 2006, ISBN 3-7945-2466-7, S. 116–117.E. Schernhammer: Taking their own lives – the high rate of physician suicide. In: The New England Journal of Medicine. Band 352, Nummer 24, Juni 2005, S. 2473–2476, . doi:10.1056/NEJMp058014. PMID 15958803.K. Püschel, S. Schalinski: Zu wenig Hilfe für sich selbst – Ärzte in Suizidgefahr. In: Archiv für Kriminologie. Band 218, Nummer 3–4, September–Oktober 2006, S. 89–99, . PMID 17067089.C. Reimer, S. Trinkaus, H. B. Jurkat: Suizidalität bei Ärztinnen und Ärzten. In: Psychiatrische Praxis. Band 32, Nummer 8, November 2005, S. 381–385, . doi:10.1055/s-2005-866903. PMID 16308801. Psychische Probleme korrelieren häufig mit Zeitdruck und mangelnder Autonomie am Arbeitsplatz sowie belastenden Patient-Arzt-Beziehungen. Ärzte werden seltener krankgeschrieben und zeigen eine mangelhafte Inanspruchnahme medizinischer Versorgungsleistungen. Häufig behandeln sich Ärzte selbst. Die eigenständige Behandlung eigener psychischer Störungen ist jedoch häufig ineffektiv.M. Wolfersdorf: Suicide and suicide prevention for female and male physicians. In: MMW Fortschr Med. 149(27–28), 28. Jun 2007, S. 34–36. PMID 17715662. Schutzpatron Die heiligen Zwillingsbrüder Cosmas und Damian gelten wegen ihres Arztberufs unter anderem auch als Schutzpatrone der Ärzte.Friedbert Ficker: Schutzpatrone der Ärzte und Apotheker. In: Bayerische Staatszeitung. Band 20, Nr. 9, Heimatbeilage Unser Bayern. 1971. Ein weiterer Schutzpatron ist der heilige Pantaleon, einer der vierzehn Nothelfer. Nationales Deutschland Rechtliche Einordnung des Berufes Der Arzt gehört zu den Freien Berufen und ist (seit 1887)Ralf Bröer: Medizinalgesetzgebung/Medizinrecht. S. 943. ein klassischer Kammerberuf. Ärzte unterliegen einer staatlichen Überwachung der Zulassung (Approbation in Deutschland, s. u. in anderen EU-Ländern) und unter anderem dem Arztwerberecht, welches weitgehende Einschränkungen in der Publikation und Veröffentlichungen bedeutet. Ärzte haften ihren Patienten zwar in der Regel nicht auf Erfolg ihres Handelns, können ihnen aber unter dem Gesichtspunkt der Arzthaftung zum Schadenersatz verpflichtet sein. Die freie Ausübung der Heilkunde ist in Deutschland nur approbierten Ärzten erlaubt. Mit festgelegten Einschränkungen dürfen auch Heilpraktiker Kranke behandeln, wobei die klar festgelegten Grenzen einzuhalten sind. Ausnahmsweise werden spezielle Bereiche der Diagnostik und Therapie auch (meist auf Veranlassung von Ärzten) von Angehörigen der Gesundheitsfachberufe durchgeführt. Ab dem Zeitpunkt der ärztlichen Approbation darf der Arzt die gesetzlich geschützte Bezeichnung „Arzt“ führen und erhält mit ihr die staatliche Erlaubnis zur eigenverantwortlichen und selbstständigen ärztlichen Tätigkeit. Die bundesweit einheitliche Approbationsordnung regelt das zuvor erfolgreich abzuleistende mindestens sechsjährige Medizinstudium bezüglich der Dauer und der Inhalte der Ausbildung in den einzelnen Fächern sowie der Prüfungen. Das Studium der Medizin umfasst u. a. drei Examina, sowie ein Jahr praktische Tätigkeit (sogenanntes „Praktisches Jahr“). Von Oktober 1988 bis Oktober 2004 war zur Erlangung der Vollapprobation zusätzlich eine 18-monatige, gering bezahlte Tätigkeit als Arzt im Praktikum unter Aufsicht eines approbierten Arztes gesetzlich vorgeschrieben. Meist arbeitet ein approbierter Arzt für mehrere Jahre als Assistenzarzt an von der Landesärztekammer anerkannten Weiterbildungsstätten (wie 1956 Krankenhäuser, 35,6 % waren 2015 in privater Trägerschaft; seltener einzelne Großpraxen), um sich auf einem oder mehreren Spezialgebieten der Medizin anrechenbar weiterzubilden und eventuell nach zusätzlich mindestens vierjähriger Weiterbildungszeit eine Facharztprüfung abzulegen. Die Anforderungen dazu sind in den Weiterbildungsordnungen der Landesärztekammern geregelt. In: bundesaerztekammer.de, 23. Oktober 2015, abgerufen am 9. November 2017. Niedergelassene Ärzte arbeiten in freier Praxis, gegebenenfalls auch mit mehreren Ärzten in einer Berufsausübungsgemeinschaft (früher: Gemeinschaftspraxis) oder Praxisgemeinschaft (s. a. Vertragsarztrechtsänderungsgesetz). Honorarärzte arbeiten auf Honorarbasis für verschiedene Kliniken oder niedergelassene Ärzte. Jeder Arzt ist meldepflichtiges Pflichtmitglied der Ärztekammer (des Bundeslandes), in deren Gebiet er wohnt bzw. seine ärztliche Tätigkeit ausübt. Im Jahr 2020 waren in Deutschland bei den Landesärztekammern 536.940 Ärzte gemeldet, von denen 127.819 zu diesem Zeitpunkt im Ruhestand oder ohne ärztliche Tätigkeit waren. Zur Behandlung von Versicherten der gesetzlichen Krankenversicherungen benötigt der Arzt eine Zulassung (Facharzt in eigener Praxis) oder Ermächtigung (als Arzt in einem Krankenhaus oder ähnlicher Institution) und ist dann auch Pflichtmitglied der Kassenärztlichen Vereinigung seines Niederlassungsbezirks. Die kassenärztliche Zulassung besitzen 135.388 Ärzte (Ende 2008): selbstständige 58.095 Hausärzte und 77.293 Fachärzte. In: bundesaerztekammer.de, abgerufen am 9. November 2017. In den Kliniken sind 146.300 Ärzte angestellt. Ende 2013 arbeiteten 35.893 ausländische Ärzte in Deutschland, In: bundesaerztekammer.de, 31. Dezember 2013. Abgerufen am 9. November 2017. öfter im Osten. 2013 betrug die Zahl der berufstätigen Ärzte in Deutschland 357.252.Zahl der Woche. In: F.A.S. 20. April 2014, S. C1. Strafrechtlich sind ärztliche Eingriffe der Körperverletzung gleichgesetzt. Diese ist nicht strafbar, wenn die Einwilligung der behandelten Person nach einer Aufklärung vorliegt und die Handlung auf dem Stand des aktuellen medizinischen Wissens vorgenommen wird (§§ 223 ff. StGB). Ausnahmen bestehen, wenn der Patient aufgrund seines Zustandes (z. B. Bewusstlosigkeit) nicht in der Lage ist, seine Entscheidung mitzuteilen, und durch die Unterlassung des Eingriffs die Gefahr von negativen gesundheitlichen Folgen oder sogar dem Tod des Patienten besteht. Zudem können eingeschränkt- oder nichteinwilligungsfähige Personen, wie z. B. Kinder oder in bestimmten Fällen seelisch Erkrankte, auch gegen ihren Willen behandelt werden. Hierfür existieren strenge rechtliche Regelungen und Verfahrenswege, bei welchen neben dem Arzt auch andere Institutionen, z. B. Amtsgericht oder gesetzlicher Betreuer, an der Entscheidung mitwirken. Vor Inkrafttreten des Gesetzes zur Bekämpfung von Korruption im Gesundheitswesen haben niedergelassene, für die vertragsärztliche Versorgung zugelassene Ärzte die Tatbestandsmerkmale des StGB nicht erfüllt, da diese laut Beschluss des Bundesgerichtshofs (BGH) vom 29. März 2012 weder als Amtsträger i. S. d. § 11 I Nr. 2c StGB noch als Beauftragte der gesetzlichen Krankenkassen i. S. d. § 299 StGB handelten.BGH (Großer Senat für Strafsachen), Beschluss vom 29. März 2012 – GSSt 2/11 –, BeckRS 2012, 13162 = NJW 2012, 2530. Die Gesetzeslücke wurde ab 4. Juni 2016 geschlossen, indem StGB (Bestechlichkeit im Gesundheitswesen) und StGB (Bestechung im Gesundheitswesen) hinzugefügt, sowie § 300 und § 302 StGB geändert wurden. Die Erteilung der Approbation hängt seit dem 1. April 2012 nicht mehr von der Staatsangehörigkeit ab (Änderung des §3 BAÖÄnderung § 3 Bundesärzteordnung vom 1. April 2012, buzer.de durch § 29 des Gesetzes zur Verbesserung der Feststellung und Anerkennung im Ausland erworbener Berufsqualifikationen). Kompetenzen und Pflichten Die Verordnung von rezeptpflichtigen Arzneimitteln und die meisten invasiven Maßnahmen sind in Deutschland ausnahmslos dem approbierten Arzt vorbehalten. Hierbei ist er persönlich zur Einhaltung des anerkannten wissenschaftlichen Standes und medizinethischer Vorgaben verpflichtet. Die Genfer Deklaration orientierte sich 1948 am Eid des Hippokrates. Weiter unterliegen Ärzte speziellen Regelungen, wie dem Berufs- und Standesrecht, welches auch an die Genfer Konvention anknüpft. Insbesondere ist auch im Strafrecht die Einhaltung der ärztlichen Schweigepflicht nach § 203 StGB festgehalten. Akademische Grade In Deutschland gibt es aus historischen Gründen unterschiedliche medizinische akademische Grade. Diese weisen im Gegensatz zum Facharzttitel nicht auf eine besondere Fachkompetenz hin, sondern dienen als Beleg einer wissenschaftlichen Leistung in einem medizinischen Bereich: Dr. med. – Hier wurde im Anschluss an das Staatsexamen oder das medizinische Diplom (DDR) eine medizinische Promotion durchgeführt. Im Gegensatz zu anderen Studienfächern ist es in der Medizin üblich, während des Studiums die Dissertation zu beginnen. Die Promotion erfolgt erst nach dem Studienabschluss. Einzelheiten dazu regeln die Promotionsordnungen der Universitäten. Dr. med. dent. – doctor medicinae dentariae (Doktor der Zahnmedizin) Dr. rer. medic. / Dr. rer. med. – „Doktor der theoretischen Medizin“, „Doktor der medizinischen Wissenschaften“, „Doktor der Medizinwissenschaften“ oder einer vergleichbaren Bezeichnung. Dipl.-Med. – Der Grad Diplom-Mediziner aus DDR-Zeiten (erworben 1971 bis 1990) ist noch häufig in den neuen Bundesländern anzutreffen. Nach Ansichten verschiedener Experten ist dieser Grad vom Arbeitsaufwand des Erwerbs her mit dem Dr. med. der Bundesrepublik in jener Zeit zu vergleichen. Dr. med. habil. – Zur Habilitation in der Medizin sind ärztliche Tätigkeit und eigenständige Forschungsarbeit sowie das Durchlaufen des Habilitationsverfahrens notwendig. Anschließend werden die akademischen Bezeichnungen Privatdozent und, gegebenenfalls nach mehreren Jahren, außerplanmäßiger Professor verliehen, sofern regelmäßig Lehrveranstaltungen an einer Universität angeboten werden. Für entsprechende Leistungen nicht einer Hochschule angehörender Graduierter kann die Bestellung als Honorarprofessor erfolgen. Dr. sc. med. – Dieser der Habilitation ebenbürtige Grad – in der DDR von 1971 bis 1990 verliehen – wurde im Zuge der sogenannten Promotion B erworben. Behandlungszeit Laut einer Studie des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen haben deutsche Ärzte trotz längerer persönlicher Arbeitszeit die kürzeste Sprechzeit je Patient in Europa. Sie liegt 30 % niedriger als der europäische Durchschnitt.Pressemitteilung: Das deutsche Gesundheitssystem im internationalen Vergleich. In: iqwig.de Klinikärzte verbringen rund 44 % ihrer Zeit für Schreibtätigkeiten und Protokolle (Stand: 2014/2015). Laut einem Projektbericht des Statistischen Bundesamts vom August 2015 wenden Arzt-, Psychotherapeuten- und Zahnarztpraxen jährlich durchschnittlich 96 Tage Zeit für die Erfüllung von Informationspflichten auf, wobei dieser Wert den gesamten Zeitaufwand aller Praxismitarbeiter darstellt und sämtliche Informationspflichten, auch die der gemeinsamen Selbstverwaltung, umfasst. Teil I, Kapitel „1 Zusammenfassung“, S. 20. Laut der deutschlandweiten Online-Befragung des Marburger Bunds „MB-Monitor“ von 2017 sind 66 % der Krankenhausärzte der Auffassung, dass ihnen nicht ausreichend Zeit für die Behandlung ihrer Patienten zur Verfügung steht. Einkommen Die Einkommen von Ärzten in Deutschland variieren, da das Spektrum medizinischer Tätigkeiten breit gefächert ist. Auch finden sich Unterschiede zwischen klinisch tätigen (beispielsweise 24-Stunden-Schichten sowie eine hohe Anzahl an Überstunden) und niedergelassenen (hoher Anteil „nicht-medizinischer“-Tätigkeit aufgrund der Selbständigkeit). Niedergelassene Ärzte Man unterscheidet zwischen Vertragsärzten („Kassenärzten“), die einen Vertrag mit Versicherern der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) haben, also eine Kassenzulassung besitzen und Privatärzten, unabhängig von den Vorgaben des Sozialgesetzbuchs ihren Beruf in einer Privatpraxis ausüben. Wirtschaftliche Situation Nach dem Zi-Praxis-Panel des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung in Deutschland (Jahresbericht 2019) über die wirtschaftliche Situation und die Rahmenbedingungen in der vertragsärztlichen Versorgung der Jahre 2016 bis 2019, lag der Mittelwert des Jahresüberschusses je Praxisinhaber im Jahr 2019 bei circa 174.000 Euro.Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung der Bundesrepublik Deutschland (Zi): Zi-Praxis-Panel, Jahresbericht 2020: Wirtschaftliche Situation und Rahmenbedingungen in der vertragsärztlichen Versorgung der Jahre 2016 bis 2019. 11. Jahrgang. Berlin November 2021, S. 12, Tabelle 1: Einnahmen, Aufwendungen und Jahresüberschuss in Tausend Euro je Inhaber in den Jahren 2016 bis 2019 zi-pp.de (PDF; 3,0 MB) abgerufen am 7. Februar 2022 + Mittelwerte der Jahresüberschüsse je Praxisinhaber in Deutschland (2019)Jahresüberschuss je Inhaber nach Fachgebiet im Jahr 2019. (PDF; 3,0 MB) zi-pp.de; abgerufen am 7. Februar 2022 Fachgebiet Überschuss (auf Tsd. € gerundet) Allgemeinmedizin und Innere Medizin (hausärztlich) 192.000 € Anästhesiologie 202.000 € Augenheilkunde 318.000 € Chirurgie 198.000 € Dermatologie 219.000 € Gynäkologie 170.000 € Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde 197.000 € Innere Medizin – Gastroenterologie 226.000 € Innere Medizin – Kardiologie 282.000 € Innere Medizin – Pneumologie 278.000 € Innere Medizin – ohne bzw. mit mehreren Schwerpunkten 263.000 € Innere Medizin – sonstige Fachgebiete 280.000 € Kinder- und Jugendmedizin 205.000 € Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie 183.000 € Nervenheilkunde, Neurologie und Psychiatrie 196.000 € Neurologie 184.000 € Orthopädie 197.000 € Physikalische und rehabilitative Medizin 137.000 € Psychiatrie 146.000 € Psychosomatische Medizin und Psychotherapie 91.000 € Psychotherapie 84.000 € Radiologie 381.000 € Urologie 221.000 € Um einem Mangel an Landärzten entgegenzuwirken, wollte die Bundesregierung 2011 in einem neuen „Versorgungsgesetz“ das Einkommen von Landärzten erhöhen.Landärzte sollen mehr verdienen. In: Rheinische Post. 9. Mai 2011. Unter einer Vielzahl von Gesetzen war das GKV-Versorgungsstrukturgesetz 2012 und Juni 2015 das Gesetz zur Stärkung der Versorgung in der gesetzlichen Krankenversicherung. Eine Auswertung der wirtschaftlichen Situation der Privatärzte existiert nicht, allerdings ist der Anteil der Einnahmen aus Kassenabrechnung der Arztpraxen in Deutschland im Jahr 2023 auf 67,0 % gesunken, während die Einnahmen aus Privatabrechnung anteilig stiegen. Sie machten im Jahr 2023 anteilig 28,0 % aus (2022: 24,3 %). Daraus lässt sich aber nicht ableiten, dass Privatärzte mehr verdienen, denn die Zahl der reinen Privatpraxen in Deutschland ist gestiegen. Im Übrigen „variierten generell die Einnahmeanteile je nach Fachgebiet stark, wie die Daten zeigen“. Klinisch tätige Ärzte Die durchschnittlichen Gehälter klinisch tätiger Ärzte unterscheiden sich stark nach den jeweiligen Positionen:Gehälter in Kliniken nach Positionen. praktischarzt.de + Durchschnittliches Jahresgehalt (2019) Position Jahresgehalt (auf Tsd. € gerundet) Chefarzt 300.000 € Oberarzt 136.000 € Facharzt 96.000 € Assistenzarzt 79.000 € Außendarstellung und Werbung Neben den strengen rechtlichen Vorgaben zur Ausübung seines Berufs ist der Arzt auch bei der Außendarstellung bzw. Werbung zu seinen Leistungen und seiner Praxis umfangreichen Verordnungen und Gesetzen unterworfen. Im Unterschied zu anderen Branchen ist Ärzten anpreisende oder vergleichende Werbung absolut verboten. Seit dem 105. Deutschen Ärztetag 2002 sind sachliche, berufsbezogene Informationen über ihre Tätigkeit gestattet. Hauptkriterium ist dabei das schützenswerte Interesse des mündigen Patienten. Umstritten war ab 1998 die Individuelle Gesundheitsleistung eingeführt worden. Statistiken Im Jahr 2011 wurden in Deutschland rund 342.100 berufstätige Ärzte und rund 107.300 Ärzte ohne ärztliche Tätigkeit gezählt. Auf durchschnittlich 239 Einwohner kam ein berufstätiger Arzt. In: arzt-und-apotheke.net, abgerufen am 22. Februar 2013. In Deutschland gab es 2023 insgesamt rund 502.000 Ärzte der Human- und Zahnmedizin, rund 23 Prozent mehr als zehn Jahre zuvor. Zum 31. Dezember 2021 waren in Deutschland laut Bundesärztekammer 416.420 Ärzte berufstätig. Davon kamen 57.164 (rund 14 Prozent) aus dem Ausland. mini|hochkant=1.2|Struktur der Ärzteschaft, D 2006 Die chronologische Entwicklung kann aus der folgenden Tabelle und der Abbildung abgelesen werden. mini|hochkant=1.2|Entwicklung der Ärzteschaft, D 1996–2006 Zum 31. Dez. des Jahres Ärzte gemeldet berufstätig stationär ambulant 1996 343.600 279.400 135.300 112.700 2000 369.300 294.700 139.500 128.500 2001 375.200 297.900 142.300 130.000 2005 400.600 307.600 146.500 134.800 2020 536.940 409.121 211.904 161.400 In der Gesamtzahl approbierter Ärzte sind auch die nicht (mehr) berufstätigen und die nicht ärztlich tätigen Ärzte enthalten. Die Bundesärztekammer und die Kassenärztliche Bundesvereinigung haben für Deutschland 385.149 Ärztinnen und Ärzte gezählt, die 2017 ärztlich tätig waren, und damit 6.542 Ärzte mehr als im Vorjahr. Der Anteil von Frauen stieg weiter an und erreichte 2017 46,8 %, nach 46,5 % im Vorjahr. Auch der Anteil älterer Ärzte stieg weiterhin an. 2017 waren 18,4 % der Ärzte 60 Jahre oder älter (2016: 17,9 %). Insgesamt waren 2017 172.647 Ärztinnen und Ärzte in der vertragsärztlichen Versorgung, also als Niedergelassene tätig, selbständig oder bei einem Vertragsarzt angestellt.may, EB: Ärztestatistik – Mehr Ärzte, Trend zur Anstellung. In: Deutsches Ärzteblatt. Jahrgang 115, Heft 14, 6. April 2018, S. A621. Arztbesuche: Deutsche Erwachsene (zwischen 18 und 79 Jahren) gingen Mitte der 2000er Jahre im Durchschnitt 9,2-mal pro Jahr zum Arzt.N. Weber: Ist die Hälfte aller Arztbesuche überflüssig? In: Spiegel Online. 14. September 2016. Ärztinnen und Ärzte: Die Medizin ist nicht männlich Vergleich der VerteilungenSpringer Medizin: Ärztinnen und Ärzte in Deutschland Jahr 2000 Jahr 2020 Früher gab es deutlich mehr männliche als weibliche Ärzte. Je höher die Hierarchieebene, desto geringer ist der Anteil der Ärztinnen. Der Springer Medizin Verlag hat 2022 alle auf männlichen Berufsbezeichnungen basierenden Titel von Fachzeitschriften umbenannt, beispielsweise von Der Chirurg auf den das Fachgebiet betreffenden Titel Die Chirurgie. Österreich In Österreich ist man mit der Sponsion zunächst Doktor der gesamten Heilkunde (Doctor medicinae universae/Dr. med. univ.). Mittlerweile handelt es sich entgegen der Bezeichnung nicht um einen Doktorgrad, sondern um einen Diplomgrad ähnlich dem Magister oder dem Diplomingenieur. Vor dem Wintersemester 2002/03 war das Medizinstudium in Österreich ein Doktoratsstudium, welches auch Übergangsregelungen kannte. Der eigentliche Doktorgrad der Medizin (Doctor scientae medicinae bzw. Dr. scient. med.) kann seitdem im Anschluss an das Diplomstudium in einem dreijährigen Doktoratsstudium erworben werden. Selbständig als Arzt tätig werden darf man nur, wenn für drei Jahre im Rahmen des „Turnus“ verschiedene (definierte) Disziplinen durchlaufen wurden und die Arbeit vom jeweiligen Abteilungsvorstand positiv bewertet wurde. Danach ist eine weiter abschließende Prüfung abzulegen. Damit hat man das „jus practicandi“ erworben, also die Berechtigung zur selbständigen Berufsausübung als Arzt für Allgemeinmedizin. Alternativ kann sofort nach der Sponsion die (meist sechsjährige) Ausbildung zu einem Facharzt erfolgen, nach der wiederum eine Prüfung abzulegen ist. Viele Fachärzte absolvieren den Turnus vor Beginn der Ausbildung ganz oder teilweise. Es hat sich in Österreich eingebürgert, die Ausbildung zum Allgemeinmediziner zuvor abzuleisten. Viele Krankenhäuser nehmen nur Assistenzärzte mit abgeschlossener Turnusausbildung in Dienst, da diese einen Nacht- oder Wochenenddienst alleine ableisten dürfen. Ärzte aus anderen EU-Staaten können um Anerkennung als approbierte Ärzte ansuchen. Am 14. Dezember 2010 hat die EU-Kommission in ihrem Amtsblatt C377/10 eine Änderungsmitteilung für die , Anhang 5.1.1. veröffentlicht, wonach ab diesem Zeitpunkt sämtliche Absolventen des österreichischen Medizinstudiums bereits mit der Promotion ihr Grunddiplom abgeschlossen haben und somit innerhalb des gesamten EU- und EWR-Raumes sowie der Schweiz und Liechtenstein eine selbständige Tätigkeit bzw. Ausbildung zum Facharzt unter denselben Voraussetzungen wie einheimische Mediziner aufnehmen dürfen. Bis dahin hatten Mediziner aus Österreich erst mit dem Abschließen der Ausbildung zum Allgemeinmediziner bzw. Facharzt ein Anrecht auf automatische Anrechnung ihres Diploms in den übrigen Mitgliedsstaaten.. In: Amtsblatt der Europäischen Union. 14. Dezember 2010. Die (niedergelassenen) Ärzte gehören in Österreich zu den Freien Berufen (Berufe von öffentlicher Bedeutung) und sind entweder Vertragsärzte („Kassenärzte“) oder sog. Wahlärzte, ohne Vertrag mit den gesetzlichen Krankenkassen. Da sich ihre Patienten aber einen Teil der Honorare von den Krankenkassen zurückerstatten lassen können, stellen sie neben den Privatärzten und den Vertragsärzten als dritte und größte Berufsgruppe eine österreichische Besonderheit dar. + Ärzte in Österreich: Berufsprofil (2012)Österreichische Ärztekammer: Wahrnehmungsbericht 2011 und 2012 – Gesundheitswesen unter der Lupe. Wien Februar 2013, Abschnitt Anzahl der in Österreich tätigen Ärztinnen und Ärzte (Strukturanalyse Dezember 2012). S. 17 ( In: lbg.at). in % je 100.000 EW / EW je ArztÄrzte insgesamt 41.183 / zur selbsttätigen Berufsausübung berechtigte Ä. 34.363 % / Ärzte mit Dienstgeber (DG, mit TA: Klinikpersonal) 28.650 % / Ärzte mit Ordination (ORD: niedergelassene Ä.) 16.673 % / Wohnsitzärzte 1.822 % Turnusärzte (TA: in Ausbildung) 6.820 % ( % v.DG) ausschließlich angestellte Ä. 15.886 % ( % v.DG) Ärzte mit ORD und DG 5.962 % ( % v.ORD / % v.DG) ausschließlich niedergelassene Ä. 10.711 % ( % v.ORD) Kassenärzte (KA, ORD mit KK-Vertrag) 8.406 % ( % v.ORD) / Kassenärzte mit GKK-Vertrag (große Arbeitnehmerkassen) 7.028 % ( % v.ORD / % v.KA) Ärzte ohne Kassenvertrag (Wahlärzte, Privatärzte) 8.267 % ( % v.ORD) / Die Quote von knapp 5 Ärzten je 1000 Einwohner ist mit die höchste Ärztedichte Europas und eine der höchsten weltweit.2009 hatte in Europa nur Griechenland eine höhere Ärztedichte als Österreich; OECD 2011, Angabe nach Ärztinnen und Ärzte: Bedarf und Ausbildungsstellen 2010 bis 2030. Papier zu einer Studie der Gesundheit Österreich GmbH im Auftrag des Gesundheitsministeriums und Wissenschafts- und Forschungsministeriums in Kooperation mit der Österreichischen Ärztekammer, Pressekonferenz, 20. Juli 2012, Pressezentrum Sozialministerium, Abschnitt Bestandsanalyse. S. 4 ( bmg.gv.at). Einwohnerquote Kassenärzte: Da in Österreich eine Pflichtversicherung herrscht, sind 99 % der Bevölkerung Krankenkassenzahler. Die Quote ist also repräsentativ. + Ärztliche BehandlungStatistik Austria: Jahrbuch der Gesundheitsstatistik 2011.2011Veränderung zu 2010Fälle vertragsärztlicher Hilfe je Versichertem 6,85 −1,7 %Kosten je vertragsärztlicher Hilfe 50,56 € 0,7 % Weiterbildung Ärzte müssen in Österreich pro Jahr 50 Stunden Weiterbildung absolvieren, was alle 5 Jahre von der Ärztekammer kontrolliert wird.Ärzte nicht zu Reanimationsschulung verpflichtet orf.at, 12. Mai 2018, abgerufen am 12. Mai 2018. Schweiz 2017 arbeiteten in der Schweiz rund 36.700 (36.900, je nach Quelle) Ärzte, davon rund 15.200 (42 %) Frauen und 21.400 (58 %) Männer, 51 % im ambulanten und 47 % im stationären Sektor, rund 12.600 (34 %) waren Ausländer (d. h. ohne Schweizer Bürgerrecht).FMH-Ärztestatistik. Web der Verbindung der Schweizer Ärztinnen und Ärzte (FMH), fmh.ch Web des Bundesamtes für Gesundheit, (BAG), bag.admin.ch Qualifikation, Fortbildung In der Schweiz ist man nach dem mit dem Staatsexamen abgeschlossenen sechsjährigen Studium zunächst eidgenössisch diplomierter Arzt und als solcher zur Arbeit als Assistenzarzt in Spitälern (Krankenhäusern) und Arztpraxen befugt. Die Weiterbildung zum zur selbständigen Berufsausübung befugten Facharzt (Spezialarzt) dauert je nach Fach zwischen 3 („praktischer Arzt“) und 8 Jahren nach dem Studienabschluss. Für einen Facharzttitel muss zudem eine Facharztprüfung abgelegt werden. Danach darf sich der Arzt „Facharzt für ⟨Fachgebiet⟩ FMH“ nennen. Die jeweilige Fachgesellschaft prüft, ob jeder Facharzt seiner Fortbildungspflicht (je nach Fachgebiet 60–100 Stunden pro Jahr) nachkommt.[ref. ergänzen] Zulassung, Arztpraxen Die Zulassung zur Berufsausübung zulasten der Krankenkassen wird vom Krankenkassenzentralverband Santésuisse erteilt, ist aber bei entsprechender Qualifikation nur eine Formalität. Die Erlaubnis zur Praxiseröffnung ist kantonal geregelt. Aktuell besteht aber ein Praxiseröffnungs-Stopp,[ref. ergänzen] welcher die Berufsausübung zulasten der Krankenkassen einschränkt. Lediglich bei Bedarfsnachweis, z. B. bei einer Praxisübernahme, ist eine Zulassung möglich.[ref. ergänzen] Arbeitszeitgesetz für Assistenz- und Oberärzte Seit dem 1. Januar 2005 gilt, nach längeren Kämpfen, für die Assistenzärzte und Oberärzte an Schweizer Spitälern das landesweit gültige Arbeitszeitgesetz und damit die darin festgelegte maximale Wochenarbeitszeit von 50 Stunden (Art. 9 ArG, Wöchentliche Höchstarbeitszeit).Art. 9, Wöchentliche Höchstarbeitszeit in: SR 822.11 Bundesgesetz über die Arbeit in Industrie, Gewerbe und Handel (Arbeitsgesetz, ArG) in Systematischer Sammlung des Bundesrechts (SR), auf admin.ch (Assistenz- und Oberärzte), auf Web des VSAO, Verband Schweizerischer Assistenz- und Oberärztinnen und -ärzte, vsao.ch Sie ist zwar bedeutend höher als die allgemein übliche Arbeitszeit in der Schweiz (38,5–42,5 Stunden),Arbeitszeit in der Schweiz, auf Web des Grenzgänger-Arbeitnehmer-Arbeitgeber-Verbands (GAAV), gaav.de (gaav.ch) doch ein gewisser Fortschritt – bis dahin waren Arbeitsverträge mit der Formulierung «Die Arbeitszeit richtet sich nach den Bedürfnissen des Spitals.» üblich, wodurch Arbeitszeiten von oft über 60 oder 70 Stunden pro Woche ohne finanziellen Ausgleich zu leisten waren. Die Entgelte der Assistenzärzte lagen deswegen auf dem Niveau der Pflegenden im oberen Kader (Pflegedienstleistungen). Hierarchie der Spitäler, Berufskammern Die Leitenden Ärzte und Chefärzte sind diesem Arbeitszeitgesetz nicht unterstellt. Auch sind sie finanziell in der Gesamtvergütung deutlich höher gestellt. Diese, vor allem auch historisch bedingte, hierarchische Trennung zeigen auch die getrennten Berufskammern der Spitalärzte VLSS und VSAO. Hingegen ist die ältere Ärztekammer FMH allen qualifizierten Ärzten offen, wie auch die fachlichen Ärzteverbände. Die Mitgliedschaft ist freiwillig, im Gegensatz zu anderen Ländern, wie Deutschland oder Österreich. Löhne, Einkommen Referenzen: FMHEinkommensverhältnisse – Transparenz schaffen. Web FMH, fmh.ch; Ärzteeinkommen: Transparenz braucht Fakten. (PDF; 178 kB) Editorial, Schweizerische Ärztezeitung. Nr. 10, 2018, auf Web FMH, fmh.ch; (PDF) Editorial, Schweizerische Ärztezeitung. Nr. 31–32, 2013, auf Web FMH, fmh.ch / NZZSimon Hehli, Jan Hudec: Löhne der Schweizer Ärzte klaffen auseinander. In: NZZ, 31. Oktober 2017. / VSAO VSAO, Verband Schweizerischer Assistenz- und Oberärztinnen und -ärzte, vsao.ch; VSAO Zürich, vsao-zh.ch Zwar herrscht in der Schweiz (immer noch, 2017/18) kaum Transparenz bezüglich der Einkommensverhältnisse – im Allgemeinen und auch im ärztlichen Bereich. Wobei gilt – je höher gestellt, desto weniger Transparenz. Jedoch „sickern“ zuverlässige Angaben durch. So bemühen sich die Spitalleitungen neuerdings um mehr Transparenz. Wie das Zürcher Universitätsspital, welches zurzeit «prüft», ob und in welcher Form es die Ärztelöhne künftig offenlegen soll. Die Hälfte der Ärzte in der Schweiz arbeiten in den Spitälern. Besonders gut bezahlt sind dort Radiologen, Kardiologen, Gastroenterologen, Intensivmediziner und Urologen. Am unteren Ende der Lohnskala stehen Psychiater, Kinderärzte und Ärzte aus dem Bereich Physikalische Medizin und Rehabilitation. Die Normallöhne betragen (p. a.): Oberarzt – zwischen 120.000 und 360.000 CHF leitender Arzt – zwischen 200.000 und 600.000 CHF Chefarzt – zwischen 250.000 und 750.000 CHF. Diese Angaben eines Beratungsunternehmens decken sich mit denjenigen des Vereins der Leitenden Spitalärzte der Schweiz (VLSS) – in einer seiner Umfragen deklarierten die Kaderärzte folgende durchschnittlichen Löhne: Chefärzte – rund 370.000 CHF leitende Ärzte – rund 290.000 CHF. Zu den Grundlöhnen und Boni kommen, besonders bei Kaderärzten, Zusatzhonorare aus Behandlungen von zusatzversicherten Patienten im stationären Bereich sowie bei Grund- und Zusatzversicherten im spitalambulanten Bereich. Die können bei Chefärzten bis zum 9-fachen des Grundlohns betragen. «Einzelne Chefärzte kommen so auf Jahreslöhne von 2 Millionen Franken oder mehr», sagt ein Berater, der auch bemängelt, dass die Chefärzte oft selbst darüber bestimmen können, wie die Honorare verteilt werden. Ärzte in der Literatur Ärzte sind ein häufiges Thema in der Weltliteratur. Allein Henrik Ibsen hat drei Dramen geschrieben, in denen Ärzte in wichtigen Rollen erscheinen (Ein Volksfeind, 1882; Die Wildente, 1884; Die Frau vom Meer, 1888). Ein älteres Beispiel ist Georg Büchners 1836–1837 geschriebenes Dramenfragment Woyzeck. Noch häufiger als im Schauspiel kommen Ärzte in Romanen vor (siehe Arztroman). Siehe auch Amtsarzt Ärztevereinigung Betriebsarzt Kreisarzt Leibarzt Notarzt Sanitätsoffizier Schiffsarzt Tierarzt Vertragsarzt (Kassenarzt) Zahnarzt Literatur Gerhard Baader: Gesellschaft, Wirtschaft und ärztlicher Stand im frühen und hohen Mittelalter. In: Medizinhistorisches Journal. Band 14, 1979, S. 176–185. Erich Ebstein: Ärzte-Memoiren aus vier Jahrhunderten. Springer, Berlin 1923. Wolfgang U. Eckart: Geschichte der Medizin. 5. Auflage. Springer, Berlin u. a. 2005, ISBN 3-540-21287-6. (Relativ knappe und gut lesbare wissensch. Darstellung des Gesamtthemas) Albrecht Wernich, August Hirsch, Ernst Julius Gurlt: Biographisches Lexikon der hervorragenden Ärzte aller Zeiten und Völker. Urban & Schwarzenberg, Wien 1884–1888. Wilhelm Haberling, Franz Hübotter, Hermann Vierordt (Bearb.): Biographisches Lexikon der hervorragenden Ärzte aller Zeiten und Völker. 2. Auflage. Urban & Schwarzenberg, Berlin / Wien 1929–1935. Markus Vieten: Via medici-Buchreihe: Berufsplaner Arzt oder was man mit einem Medizinstudium alles anfangen kann. Thieme Verlag, Stuttgart 2003, ISBN 3-13-116105-1. Vittoria Bucknall, Suendoss Burwaiss, Deborah MacDonald, Kathy Charles, Rhys Clement: Mirror mirror on the ward, who’s the most narcissistic of them all? Pathologic personality traits in health care. In: Canadian Medical Association Journal. 187, 2015, S. 1359–1363. Ralf Bröer: Medizinalgesetzgebung/Medizinrecht. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. Walter de Gruyter, Berlin / New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 942–950. Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin / New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, insbesondere S. 105–108 (Stichworte Arzt […]) und S. 121–123 (Ausbildung, ärztliche.) Fridolf Kudlien: Der Arzt des Körpers und der Arzt der Seele. In: Clio Medica. Band 3, 1968, S. 1–19. Giovanni Maio: Arztbild. In: Werner E. Gerabek u. a. (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. 2005, S. 106–108. Annette Niederhellmann: Arzt und Heilkunde in den frühmittelalterlichen Leges. Philosophische Dissertation Münster 1982. Berlin / New York 1983 (= Arbeiten zur Frühmittelalterforschung. Band 12). Hermann Peters: Der Arzt und die Heilkunst in alten Zeiten. 1900; unveränderter Neudruck: Düsseldorf/Köln 1969. Reinhard Platzek: Verpflichtet zu heilen. Zur Zielrichtung ärztlichen Handelns. In: Dominik Groß, Monika Reininger: Medizin in Geschichte, Philologie und Ethnologie: Festschrift für Gundolf Keil. Königshausen & Neumann, 2003, ISBN 3-8260-2176-2, S. 199–202. Heinz-Peter Schmiedebach: Ärztliche Standeslehre und Standesethik 1919–1945. In: Gerhard Baader, Ulrich Schultz: Medizin und Nationalsozialismus. Tabuisierte Vergangenheit, ungebrochene Tradition? Berlin-West 1980, S. 64–74. Wolfgang Wegner: Arzt. In: Werner E. Gerabek u. a. (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. 2005, S. 105 f. Weblinks Nationales: Hendrik Schneider, Thorsten Ebermann: Zangenangriff auf den Honorar-Wahlarzt. hrr-strafrecht.de Einzelnachweise Kategorie:Freier Beruf (Deutschland) Kategorie:Heilberuf Kategorie:Hochschulberuf
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Ariel Scharon
mini|Ariel Scharon (2001) (; geboren am 26. Februar 1928 als Ariel Scheinermann in Kfar Malal, Britisch-Palästina; gestorben am 11. Januar 2014 in Ramat Gan, Israel) war ein israelischer Politiker und General. Bis zum Jom-Kippur-Krieg 1973 war er als aktiver Offizier, vielfach in entscheidenden Positionen, an allen militärischen Konflikten Israels beteiligt. Damals und in der darauf folgenden Zeit, als er mehrfach Ministerämter bekleidete, galt er als Hardliner und Protagonist der Siedlerbewegung. Als Ministerpräsident von 2001 bis 2006 setzte er jedoch den Abzug des israelischen Militärs aus dem Gazastreifen durch. Familie Ariel Scharon wurde am 26. Februar 1928 als Ariel Scheinerman im britischen Mandatsgebiet Palästina geboren. Seine Eltern waren Samuel und Vera Scheinerman. Ariel hatte eine ältere Schwester namens Ditia. Samuels Vater Mordechai Scheinerman war der Führer einer Zionistischen Partei in Brest-Litowsk und arbeitete als Hebräischlehrer. 1897 besuchte er den ersten Zionistischen Weltkongress in Basel. Schließlich siedelte er mit seiner Familie 1910 nach Palästina über, ließ sich in Rehovot nieder und nahm eine Stelle als Lehrer an. Allerdings musste die Familie nach zwei Jahren das Land wegen eines Malariaausbruchs verlassen und nach Brest-Litowsk zurückkehren. Trotzdem wollte die Familie an dem Aufbau eines jüdischen Staates weiterarbeiten, wenn sie wieder zurückkehrten. Durch eine Erkrankung Mordechais starb die Hoffnung auf die Rückkehr. Nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs ließ sich die Familie in Tiflis nieder. Samuel übernahm den Zionismus seines Vaters und nahm sich vor wieder nach Palästina zurückzukehren. Um sich als Bauer in einem Jischuw etwas aufzubauen, schrieb er sich im Studiengang Agrarwissenschaften ein, welches er auch abschloss. Während seiner Studienzeit lernte er die Medizinstudentin Vera Schneirow kennen. Sie war die Tochter eines erfolgreichen jüdischen Holzhändlers, die in einem kleinen Dorf in Weißrussland lebte. Als die Rote Armee 1921 auf Georgien vorstieß, planten beide die Flucht. Samuel hatte Angst verhaftet zu werden, da er Aktivist einer zionistischen Studentenverbindung war, die Juden half nach Palästina auszuwandern. Vor der Flucht heirateten sie und kamen 1922 in Palästina an. Dort begann die Familie Scheinerman sich in der Landwirtschaft einzubringen. Vera hoffte das Medizinstudium irgendwann abzuschließen, was ihr allerdings nie gelang. Dieser Umstand verbitterte sie ihr Leben lang.Gadi Blum, Nir Hefez: Ariel Scharon. Die Biografie. Verlag Hoffmann & Campe, Hamburg 2006, ISBN 3-455-50002-1. S. 32–36 Die Familie zog in den Moschaw Kfar Malal, wo die Entscheidungen zwar kollektiv getroffen wurden, aber jeder sein eigenes Land besaß. Sein wenig kompromissbereiter Vater setzte sich als einziger studierter Landwirt wiederholt über die Entscheidungen der Gemeinschaft hinweg, wodurch er die Familie manchmal isolierte. Frühe Jahre Dienst in der Hagana mini|Scharon als 14-Jähriger (2. v. r.) Bereits mit 13 Jahren beteiligte sich Scharon am Wachdienst des Moschaws und trat im Jahr darauf der Untergrundorganisation Hagana bei, dem Vorläufer der israelischen Armee. Seit 1941 besuchte er das Gymnasium in Tel Aviv. Dort legte er, der nie ein herausragender Schüler war, mit 17 Jahren das Abitur ab. Da sein Vater die Aktionen des Palmach gegen national-konservative Gruppen (wie Lechi und Etzel) ablehnte, die gegen die Briten kämpften, trat Scharon nicht dieser Eliteeinheit, sondern der Jewish Settlement Police bei. Schon seit dem 21. Dezember 1947 war die Hagana dauerhaft mobilisiert, und Scharon nahm an mehreren ihrer Aktionen teil. Palästinakrieg Zu Beginn des Palästinakriegs von 1948 war Scharon Zugführer in einer Infanteriekompanie, die zur Alexandroni-Brigade gehörte. Er kämpfte unter anderem am 26. Mai 1948 in der ersten Schlacht um Latrun, in der er schwer verwundet und sein Zug fast vollkommen ausgelöscht wurde. Später wurde er zum Aufklärungsoffizier im Bataillon ernannt, das zuerst im Norden gegen die irakischen und später, kurz vor Kriegsende, im Süden gegen die ägyptischen Truppen kämpfte. Nach dem Krieg wurde die Alexandroni-Brigade in den Reservestatus versetzt. Scharon wurde Offizier der Aufklärung in der Golani-Brigade, in der er bald zum Hauptmann (Seren) befördert wurde und einen Bataillonskommandeurskurs besuchte. Im Jahr 1950 wurde er zum Aufklärungsoffizier für das gesamte Zentralkommando ernannt. Parallel zum Militärdienst studierte er Geschichte und Kultur des Nahen Ostens an der Hebräischen Universität Jerusalem.Britannica Wegen der Folgen einer Malaria nahm Scharon 1951 eine mehrmonatige Auszeit und bereiste zum ersten Mal Europa und Nordamerika. Im November 1952 war Scharon unter der Führung von Mosche Dajan erstmals an Kommandoaktionen hinter den feindlichen Linien beteiligt. Am Ende des Jahres entschloss er sich jedoch zum Rückzug aus dem aktiven Dienst. mini|Lily und Ariel Scharon (1984) Am 29. März 1953 heiratete er seine erste Frau Margalit (kurz Gali), eine rumänische Jüdin, die er 1947 kennengelernt hatte. Margalit starb im Jahr 1962 bei einem Autounfall. Durch einen Unfall mit einem Gewehr der Familie starb auch ihr gemeinsamer Sohn Gur 1967 früh. Scharon heiratete später Margalits jüngere Schwester Lily (1937–2000), mit der er die Söhne Omri und Gilad hatte.Gadi Blum, Nir Hefez: Ariel Scharon. Die Biografie. Verlag Hoffmann & Campe, Hamburg 2006, S. 10. Militärische Karriere Die Einheit 101 Im Jahr 1951 kam es zu 137, 1952 zu 162 und 1953 zu 160 Angriffen von Palästinensern auf den jungen Staat Israel. Da dessen Grenzen nur schwer zu überwachen waren, gelang es einigen Angreifern sogar, bis in die Vororte Tel Avivs vorzudringen. Dabei waren zahlreiche – meist zivile – Opfer zu beklagen. Das israelische Militär versuchte bei mehreren Gegenschlägen, die Zentren der paramilitärischen und terroristischen Angreifer zu treffen. Diese waren jedoch wenig effektiv, da die eingesetzten Truppen nicht speziell ausgebildet waren und oft schwere Verluste erlitten. Auch Scharon führte einen dieser misslungenen Gegenschläge aus. Seine militärische Analyse der Aktion bewog David Ben-Gurion dazu, Mordechai Maklef mit der Gründung einer Spezialeinheit zu beauftragen, der Einheit 101. Ende Juli 1953 wurde Scharon mit deren Führung betraut. Daher musste er sein Studium zurückstellen. Scharon wählte die 45 Mitglieder der Einheit sorgfältig aus. Seit Oktober 1953 wurden sie im Camp Sataf einem harten Training unterworfen. Die Einheit begann mit Militäraktionen im Feindesland, die sie als „Abschreckungsoperationen“ bezeichnete. Bei einem gemeinsam mit einer Kompanie Fallschirmjäger unternommenen Angriff auf das jordanische Dorf Qibya wurden 69 Menschen getötet. Die meisten Opfer waren Zivilisten, die sich trotz Räumungsbefehls in ihren Häusern versteckt hielten, die von den Israelis gesprengt wurden. In seiner Autobiografie schreibt Ariel Scharon: Die Fallschirmjäger mini|hochkant|Scharon (links) mit Fallschirmjägern, 1955 Nachdem Mosche Dajan Ende 1953 zum israelischen Generalstabschef ernannt worden war, wurde die Einheit 101 in die Fallschirmjägertruppe integriert. Scharon wurde der Kommandeur des Bataillons, das nach Einschätzung der israelischen Führung erfolgreich arbeitete. Nach der Qibya-Aktion wurden jedoch nur noch rein militärische Ziele angegriffen. Neben der herausgehobenen Position der Fallschirmjäger führte die Tatsache, dass Scharon seine persönlichen Kontakte zu Ben Gurion und Dajan zu scharfer Kritik an den Methoden der Armee und für seine persönlichen Ambitionen nutzte, zu Problemen Scharons mit seinen Vorgesetzten in der Armee. Zu Konflikten kam es auch mit dem neuen Verteidigungsminister Pinchas Lawon, der, besorgt um die außenpolitischen Auswirkungen der Aktionen, Scharon vergeblich zu zügeln versuchte. In diese Zeit fällt auch der großangelegte Angriff der Einheit auf das ägyptische Hauptquartier in Gaza am 28. Februar 1955, der einer der Gründe für die verstärkte Inanspruchnahme sowjetischer Militärhilfe durch Gamal Abdel Nasser war. Eine weitere bedeutende Aktion war der Angriff auf das jordanische Militärhauptquartier in Kalkilia im Oktober 1956. Die Sueskrise In der Sueskrise spielte Scharons 202. Fallschirmjäger-Brigade eine entscheidende Rolle. Das 890. Fallschirmjäger-Bataillon sicherte nach einer Luftlandung den Ostausgang des strategisch wichtigen Mitla-Passes. Der Rest der Brigade unter Scharon kämpfte sich in zwei Tagen auf dem Landweg die 200 km durch feindliches Gebiet zum Pass vor. Scharon bat mehrmals erfolglos darum, den Pass angreifen zu dürfen, erhielt aber nur Erlaubnis, ihn aufzuklären, um ihn, falls er unbesetzt sein sollte, später einzunehmen. In großzügiger Auslegung seiner Anweisungen schickte Scharon einen für reine Aufklärungszwecke sehr starken Spähtrupp, der in der Passmitte durch schweres Feuer gebunden wurde. Scharon schickte daraufhin auch den Rest seiner Brigade zur Unterstützung. In dem sich nun entwickelnden Gefecht konnten die Israelis den Pass erobern, wobei 38 israelische Soldaten fielen. Mehrere Jahre später gingen einige Teilnehmer der Schlacht an die Presse und warfen Scharon vor, er habe seine Aufklärer leichtfertig in Gefahr gebracht, um die Ägypter zu provozieren. Andere Veteranen der Aktion nahmen Scharon hingegen in Schutz. Zwischenkriegszeit Der Mitla-Zwischenfall fand das Missfallen von Scharons Vorgesetzten und brachte seine militärische Karriere auf Jahre hinaus beinahe zum Stillstand. Er blieb Kommandeur der Fallschirmjäger, bis er im Herbst 1957 von Dajan für ein Jahr nach Großbritannien auf das Staff College Camberley geschickt wurde. Dort schrieb er eine analytische Arbeit mit dem Titel: Command Interference in Tactical Battlefield Decisions: British and German Approaches. Nach seiner Rückkehr wurde er Oberst und Kommandeur der Infanterie-Schule, eine Aufgabe, die ihm wegen ihrer Theorielastigkeit nicht zusagte. Später kam das Kommando einer Reserve-Infanteriebrigade hinzu. Scharon begann auch einen Panzer-Lehrgang und besuchte einen Abendkurs für Jura bei der Tel Aviver Abteilung der Hebräischen Universität (den Abschluss machte er schließlich 1966). Auf Druck von Ben Gurion ernannte ihn Tzur schließlich zum Kommandeur einer Reserve-Panzerbrigade, abermals eine inaktive Rolle, die ihm aber wegen seines Interesses für die strategische Bedeutung von Panzern eher zusagte. Erst als Ende 1963 Jitzchak Rabin zum Generalstabschef ernannt wurde, wurde Scharon wieder einbezogen und zum Kommandeur des Nordkommandos unter Avraham Joffe ernannt. 1966 wurde er schließlich von Rabin in den Rang eines Generalmajors (Aluf) befördert, zum Direktor des militärischen Trainings ernannt und Kommandeur einer Reserve-Division. Der Sechstagekrieg Vor dem Sechstagekrieg machte sich Scharon zusammen mit Joffe und Matti Peled dafür stark, die ursprüngliche Taktik eines Stufenplans, der das schrittweise Meistern verschiedener Fronten und Konfliktherde vorsah, durch einen größer angelegten Präventivschlag an mehreren Fronten zu ersetzen.Ami Gluska: Israel's decision to go to war, June 2, 1967. In: MERIA – Middle East Review of International Affairs. Volume 11, Nr. 2, June 2007. Scharon plante einen Angriff, der sowohl gleichzeitig und von Beginn an alle verfügbaren Kräfte ins Kampfgeschehen einbinden als auch die gesamte Sinaifront umfassen sollte. Nach der Ernennung Dajans zum Verteidigungsminister konnte sich diese Vorstellung durchsetzen. Im Krieg kommandierte Scharon die mächtigste Panzerdivision an der Sinaifront (die beiden anderen Divisionen waren die von Tal und Joffe), der der Durchbruch im Gebiet von Kusseima und Abu-Ageila gelang. Es war schließlich auch Scharon, der die 6. ägyptische Division vernichtend schlug. Rabin ernannte Scharon daraufhin zum Kommandeur des Sinai, wodurch er auch für die Versorgung der in der Wüste verstreuten ägyptischen Soldaten zuständig war. Als Chef der militärischen Ausbildung begann er sofort nach dem Krieg, verschiedene Ausbildungszentren in das Westjordanland zu verlegen, um die Gebiete zu sichern. Am Ende hatte er beinahe alle ehemaligen jordanischen Militärlager und Kasernen besetzt, die an den wichtigen strategischen Punkten lagen. Er versuchte auch Dajan davon zu überzeugen, die Familien der Soldaten in der Nähe dieser Kasernen anzusiedeln, war jedoch zunächst nicht erfolgreich. Im Jahr 1969 wurde er Chef des Südkommandos der israelischen Streitkräfte. Im Januar 1972 soll er Angaben des Scharon-Biographen David Landau zufolge die Vertreibung von 3.000 Beduinen in der Wüste des Sinais angeordnet haben, weil er auf dem Land der Beduinen eine Militärübung durchführen wollte. Die Menschen sollen ohne Vorbereitungszeit bei eisigen Temperaturen in drei Nächten zum Verlassen ihres Landes gezwungen worden sein. Während der Vertreibung kamen rund 40 Personen, vor allem Kinder, Babys und Alte, ums Leben. David Elazar ordnete nach der erfolgreichen Durchführung der Übung an, die Rückkehr der Beduinen auf ihr Land zu ermöglichen. Zwischen Ariel Sharon und dem Milliardär Meshulam Riklis bestand eine lebenslange Freundschaft. Meshulam Riklis half Ariel Sharon 1972 finanziell beim Kauf der Kadima Ranch (auch bekannt als Havat Shikmim), als Sharon Kommandeur des Südkommandos war. Später unterstützte Riklis Sharon auch in seinem Verleumdungsprozess gegen das amerikanische Magazin Time im Jahr 1983. Der Jom-Kippur-Krieg Nach dem überraschenden Angriff Ägyptens und Syriens auf Israel zum Auftakt des Jom-Kippur-Krieges 1973 wurde Scharon zusammen mit anderen erfahrenen Offizieren aus dem militärischen Ruhestand zurückgerufen und mit der Führung der 143. Panzerdivision betraut. Wegen seines eigenmächtigen Führungsstils stand er jedoch im ständigen Konflikt zu seinen Vorgesetzten Generalmajor Shmuel Gonen und Generalleutnant Chaim Bar-Lev, sowohl während eines misslungenen Gegenangriffs am 8. Oktober als auch während der Operation Gazelle, also dem Übergang auf das Westufer des Suezkanals. Scharon gelang es zwar unter großen Verlusten, einen Brückenkopf zu errichten, den entscheidenden Durchbruch und die anschließende Einschließung der 3. Ägyptischen Armee erzwang jedoch die 162. Panzerdivision unter Generalmajor Avraham Adan, unterstützt durch eine weitere Panzerdivision.Abraham (Bren) Adan: On the Banks of the Suez ISBN 0-89141-043-0. Während dieser Operation hatte Scharon den Befehl erhalten, mit seiner Division vorrangig die Übergangsstelle zu sichern, ein Auftrag, dem er aber erst nachkam, als ihm Bar-Lev ein Verfahren wegen Befehlsverweigerung angedroht hatte. Scharons Angriffe auf Ismailia und auf die Missouri-Stellung am Ostufer des Kanals zur Absicherung des Korridors blieben erfolglos. Dass Scharon dennoch als Lichtgestalt und angeblicher Sieger aus dem Jom-Kippur-Krieg hervorging, verdankte er dem zunehmend erstarkenden Likudblock, der ihm als politischen Hoffnungsträger half, eine Legende aufzubauen, die ihn als strahlenden Helden aus dem Jom-Kippur-Krieg hervorgehen ließ. Während viele andere Politiker und Militärs nach dem Krieg im Kreuzfeuer der Kritik standen oder gar von der Agranat-Kommission gemaßregelt wurden, blieb Scharon trotz seiner taktischen Fehler hiervon verschont.Abraham Rabinovich, The Yom Kippur War. ISBN 0-8052-4176-0. Politischer Werdegang Minister Vor den Knesset-Wahlen 1973 wurde unter maßgeblicher Beteiligung des gerade aus der Armee ausgeschiedenen Scharon aus dem Zusammenschluss des rechten Parteienbündnisses Gachal mit kleineren Rechtsparteien der Likud gebildet, um ein bürgerliches Gegengewicht zu dem von der Avoda angeführten Maarach-Block zu etablieren. Zuvor war Scharon der Liberalen Partei beigetreten, nachdem er als General nominelles Mitglied der Mapai bzw. der Awoda gewesen war.Gadi Blum, Nir Hefez: Ariel Scharon. Die Biografie. Verlag Hoffmann & Campe, Hamburg 2006, ISBN 3-455-50002-1, S. 148 und S. 169. Von 1973 bis 1974 und von 1977 bis 2006 war Scharon Abgeordneter der Knesset. In der Likud-Regierung von Menachem Begin amtierte Scharon zunächst als Landwirtschaftsminister (1977–1981), dann als Verteidigungsminister (1981–1983). Als Landwirtschaftsminister wurde er ab 1977 einer der wichtigsten Fürsprecher der Siedlerbewegung. mini|US-Verteidigungsminister Caspar Weinberger (links) trifft Verteidigungsminister Scharon in Israel, Mai 1982 Während einer israelischen Militärintervention im Süd-Libanon verübten im libanesischen Bürgerkrieg die mit Israel lose verbündeten libanesisch-christlichen Falange-Milizen 1982 in den palästinensischen Flüchtlingslagern Sabra und Schatila ein Massaker an Kämpfern und Zivilisten. Ein israelischer Untersuchungsausschuss, die Kahan-Kommission, gab 460 Opfer als gesichert an und ging aufgrund von Geheimdienstinformationen von 700 bis 800 zivilen und militärischen Opfern aus, während der Palästinensische Rote Halbmond von 2000 bis 3000 Opfern sprach. An Israels indirekter Beteiligung als militärische Besatzungsmacht, die nicht einschritt, entzündete sich nationale und vor allem internationale Empörung.Zehed Schiff und Ehud Ya'ari: Israel’s Lebanon War. New York 1984. Die Kommission warf Scharon, der durch den Journalisten Ron Ben-Yishai über das Massaker informiert gewesen war, zwar nicht Komplizenschaft, aber doch fahrlässige Unterlassung vor und befand ihn 1983 als politisch indirekt mitschuldig, was ihn als Verteidigungsminister zum Rücktritt zwang. Scharon klagte gerichtlich gegen das Time Magazine, das ihn als hauptverantwortlich bezeichnet hatte. In den folgenden Kabinetten blieb Scharon zunächst Minister ohne Geschäftsbereich (1983–1984), von 1984 bis 1990 Minister für Handel und Industrie und Bauminister (1990–1992). In dieser Zeit entwickelte er weitreichende israelische Siedlungspläne im palästinensischen Westjordanland mit dem umstrittenen Siedlungsring um Ostjerusalem, zu dem auch Ma'ale Adumim gehört. Während der Ersten Intifada (1987–1993) kritisierte er die Generäle Dan Schomron und Amram Mitzna wegen ihrer seiner Meinung nach mangelnden Härte gegenüber den Palästinensern. Nach dem Regierungswechsel 1992, bei dem die Arbeitspartei unter Jitzchak Rabin den Likud ablöste, war Scharon Mitglied der Knesset. Dort gehörte er der außenpolitischen und der Verteidigungskommission an. Als schärfster innenpolitischer Gegner Rabins kritisierte Scharon Rabin wegen des Oslo-Friedensprozesses als Verräter. 1996, im Jahr nach der Ermordung Rabins, errang der Likud unter Benjamin Netanjahu einen neuen Wahlsieg; Scharon wurde Minister für die nationale Infrastruktur und förderte in dieser Funktion massiv den Ausbau der israelischen Siedlungen in den besetzten Palästinensergebieten. 1998 ernannte Netanjahu Scharon zum Außenminister. In diesem Amt fordert Scharon seine Landsleute auf, sich in den besetzten Gebieten „so viele Berggipfel wie möglich zu nehmen“. 1999 besiegte die Arbeitspartei unter Ehud Barak den Likud, dessen Vorsitzender Netanjahu in den Strudel einer Finanzaffäre geraten war. Netanjahu trat als Parteichef zurück und Scharon wurde am 27. Mai 1999 zunächst übergangsweise, am 2. September 1999 mit 53 % der abgegebenen Stimmen dann endgültig sein Nachfolger.Gadi Blum, Nir Hefez: Ariel Scharon. Die Biografie. Verlag Hoffmann & Campe, Hamburg 2006. Am 28. September 2000 besuchte Scharon in Begleitung von rund 1000 Journalisten, Polizisten, Militärs und Politikern, den sowohl von Muslimen als auch von Juden und Christen als heilig deklarierten Tempelberg in Jerusalem, um zu verdeutlichen, dass der Tempelberg auch den Juden gehört. Er wollte damit auch deutlich machen, dass Israel die Kontrolle über ein vereinigtes Jerusalem an jedem Ort behalten müsse. Bei seinem Besuch, begleitet von zahlreichen bewaffneten Sicherheitskräften, sagte Scharon, er sei mit einer Friedensbotschaft gekommen: „Ich bin überzeugt, dass wir mit den Palästinensern zusammenleben können.“ Obwohl der Besuch mit der muslimischen Verwaltung des Tempelbergs abgestimmt war, kam es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen; bei Demonstrationen im Anschluss wurde auch mit scharfer Munition auf Demonstranten geschossen und etliche wurden verletzt und getötet. Der Tempelbergbesuch Scharons fällt zeitlich mit dem Beginn der Zweiten Intifada zusammen, welche nach arabischer Lesart durch diesen ausgelöst wurde, sich aber in jedem Fall schon seit längerer Zeit angekündigt hatte. Die Palästinenser bezeichnen die zweite Intifada auch als Al-Aqsa-Intifada, benannt nach der gleichnamigen Moschee auf dem Tempelberg. Es gab auch schon unmittelbar davor Anschläge und Pläne der bewaffneten Palästinenser-Gruppen für den bewaffneten Aufstand. Premierminister mini|hochkant|Ariel Scharon (2004) Scharon gewann am 6. Februar 2001 die Wahl um das Ministerpräsidentenamt und wurde daraufhin am 7. März 2001 Israels Premierminister. Besonders populär war bei den Wählern sein Versprechen, dem Sicherheitsbedürfnis der israelischen Bevölkerung höchste Priorität einzuräumen und den Terror zu beenden. Dieses Versprechen konnte er allerdings während seiner Amtszeit nicht erfüllen. Scharon lehnte Jassir Arafat als Gesprächspartner auf palästinensischer Seite ab, warf ihm Urheberschaft am Terror vor, isolierte Arafat international und stellte ihn in der weitestgehend zerstörten Muqataa unter Hausarrest. Bei der Wahl 2003 erreichte Scharon mit seiner Likud-Partei einen großen Wahlerfolg. In der zweiten Amtszeit von Scharons Regierung wurde mit der Errichtung einer 720 km langen Sperranlage teilweise inmitten der Palästinensergebiete begonnen, die über eine Distanz von 20 km mit Beton verstärkt und deren internationaler rechtlicher Status äußerst umstritten ist. Am 23. März 2004 kündigte die Terrororganisation Hamas zum wiederholten Male und als Reaktion auf die gezielte Tötung ihres Führers Ahmad Yasins an, Scharon ermorden zu wollen. Nur wenige Tage nach der Tötung Yasins geriet Scharon erneut unter Druck. Abgeordnete der Schinui-Partei, die an der Regierung beteiligt waren, forderten Scharons Rücktritt. Am 28. März hatte die Generalstaatsanwältin Edna Arbel bekanntgegeben, dass sie gegen Scharon und seine Söhne Anklage wegen Korruption erheben wollte. Mitte Juni 2004 entschied der israelische Generalstaatsanwalt Menachem Masus nach monatelangen Ermittlungen, Regierungschef Scharon nicht anzuklagen. Da der Verdacht nicht zu erhärten war und somit eine Verurteilung unwahrscheinlich erschien, wurde das Verfahren eingestellt. Scharon hatte gleichzeitig mit Masus auch einen anderen Konflikt: Dieser hatte Scharon öffentlich getadelt, da Scharon in Bezug auf das Westjordanland und den Gazastreifen von den „besetzten Gebieten“ sprach – abweichend vom offiziellen israelischen Sprachgebrauch, der „umstrittene Gebiete“ verwendet. Scharon legte trotz des schwebenden Ermittlungsverfahrens keinen gesteigerten Wert auf ein entspanntes Verhältnis zum Chefankläger und bestand weiterhin auf seiner Wortwahl. Im Dezember 2003 legte Scharon den als „Scharon-Plan“ bekannten einseitigen Abzugsplan aus dem Gazastreifen und Teilen des Westjordanlandes vor, wonach alle Siedlungen im Gazastreifen und vier im Westjordanland aufgelöst werden sollten. Trotz internationaler Kritik an der fehlenden Abstimmung mit den Palästinensern sahen viele diesen Plan als Schritt in die richtige Richtung und Abkehr von der bisherigen Siedlungspolitik Israels. Andere sahen darin nur die Einsicht, dass der militärische Aufwand, die Siedlungen in Gaza zu halten, auf Dauer nicht tragbar war. Der Plan kostete Scharon Sympathien bei der Siedlungsbewegung und der politischen Rechten Israels, brachte ihm aber Zustimmung im gemäßigten und linken Spektrum sowie bei internationalen Bündnispartnern. Um den Plan, der seiner früheren Politik widersprach, durchzusetzen, beendete er die Koalition mit Schinui und Schas und ging eine Große Koalition mit der Arbeitspartei ein. Innerparteilich hatte er einen Machtkampf mit den Gegnern des Plans unter Finanzminister Benjamin Netanjahu zu bestehen, der im August 2005 kurz vor Vollzug des Gaza-Abzugs von seinem Amt zurücktrat. Am 21. November 2005 kündigte Scharon seinen Rücktritt als Premierminister und den Austritt aus dem Likud an. Nachdem der Widerstand im Likud gegen den Abzug gewachsen war, hatte er im selben Monat eine neue Partei mit dem Namen Kadima („Vorwärts“) gegründet, die bei den folgenden Neuwahlen ihre gute Chance nutzte. Erkrankung, Koma und Tod Am 18. Dezember 2005 erlitt Scharon einen leichten Schlaganfall. Danach wurde ein offenbar angeborener Herzfehler entdeckt, der am 5. Januar 2006 operiert werden sollte. Am Vorabend der Operation wurden starke Hirnblutungen festgestellt, Scharon musste sich in den nächsten Tagen mehreren neurochirurgischen Operationen unterziehen. Die Regierungsgeschäfte wurden an den stellvertretenden Ministerpräsidenten Ehud Olmert übertragen. Bei Tests am 14. Januar wurden zwar Gehirnaktivitäten in beiden Hirnhälften gemessen, es gab jedoch keine Anzeichen für ein Erwachen aus dem Koma.Sharon 'showing brain activity'. BBC-Meldung zur Erkrankung, 15. Januar 2006. Es galt als sicher, dass Scharon sein Amt nicht mehr würde ausüben können. Dies brachte eine schwierige Situation für die israelische Politik mit sich, da insbesondere die in den letzten Jahren verfolgte Politik gegenüber den Palästinensern und die neue Partei Kadima eng mit der Person Scharons verbunden waren. In der israelischen Öffentlichkeit wurde Kritik an der medizinischen Versorgung Scharons laut; man hätte ihm demnach nicht gestatten sollen, ohne ärztliche Begleitung auf seine abgelegene Farm zurückzukehren. Ein Journalist der Zeitung Haaretz formulierte: „Israel hat nun zwei Ministerpräsidenten verloren, weil sie nicht ausreichend geschützt wurden: Rabin durch Gewalt und Scharon durch Krankheit.“ Am 11. Februar 2006 entschieden sich die Ärzte zu einer weiteren Notoperation, nachdem Untersuchungen Schäden am Verdauungstrakt des Politikers und Probleme bei der Blutversorgung der inneren Organe gezeigt hatten. Erklärungen der behandelnden Ärzte zufolge sei Scharons Zustand nach der Operation „kritisch, aber stabil“. Anfang April 2006 erfolgte ein weiterer chirurgischer Eingriff zur Schließung der Schädelöffnungen, die durch die vorherigen Operationen verursacht worden waren. Am 11. April 2006 beschloss das israelische Kabinett, Scharon für dauerhaft amtsunfähig zu erklären. Sein Nachfolger im Ministerpräsidentenamt wurde sein Stellvertreter Ehud Olmert. Ariel Scharon wurde als Wachkoma-Patient auf die Rehabilitationsstation des Chaim Sheba Medical Center verlegt, einem Krankenhaus in Tel Hashomer, einem Stadtteil von Ramat Gan nahe Tel Aviv. Sein langjähriger Berater Dov Weisglass sagte am 21. April 2008 der Jerusalem Post, Scharons Zustand habe sich wenig verändert. Scharon atme ohne die Hilfe medizinischer Geräte und könne nach dem Urteil der Ärzte wahrscheinlich noch lange in diesem Zustand bleiben. Im November 2010 wurde Scharon versuchsweise für einige Tage auf seine Farm im Süden Israels verlegt.Sebastian Engelbrecht: Koma-Patient Scharon darf testweise nach Hause. tagesschau.de-Archiv, 12. November 2010 Im Oktober 2010 wurde Scharons Zustand durch eine Installation des israelischen Künstlers Noam Braslavsky in der Kishon-Galerie in Tel-Aviv, die eine lebensechte Wachsfigur Scharons in einem Krankenbett zeigt, erneut in die Öffentlichkeit gerückt.Michael Borgstede: Fünf Jahre Koma – das neue Bild des Ariel Scharon. welt.de, 4. Januar 2011. Da die Installation an ein Beatmungsgerät angeschlossen ist, hebt und senkt sich der Brustkorb, wodurch die Szene noch realitätsgetreuer wirkt. mini|US-Vizepräsident Joe Biden beim Staatsbegräbnis für Ariel Scharon am 13. Januar 2014 Im Januar 2011 sagte sein persönlicher Arzt, Scharon reagiere auf Kneifen und öffne die Augen, wenn man ihn anspreche.Nach fünf Jahren im Koma. Ariel Scharon zeigt körperliche Reaktionen. rp-online.de, 9. Januar 2011. Am 2. Januar 2014 wurde bekannt, dass mehrere innere Organe versagt hätten und Scharon in Lebensgefahr schwebe., tagesschau.de, 2. Januar 2014. Ariel Scharon verstarb schließlich im Alter von 85 Jahren am 11. Januar 2014 an multiplem Organversagen in jenem Krankenhaus bei Ramat Gan, in dem er seit 2006 behandelt wurde. Scharon wurde in einem Staatsbegräbnis im Beisein von hochrangigen ausländischen Politikern wie US-Vizepräsident Joe Biden, dem ehemaligen britischen Premier Tony Blair, dem Ex-Ministerpräsidenten der Niederlande Wim Kok, dem russischen Außenminister Sergei Lawrow, Tschechiens Ministerpräsident Jiří Rusnok und Deutschlands Außenminister Frank-Walter Steinmeier beigesetzt.Ariel Sharon dies at 85: Joe Biden attends memorial ceremony to honor former Israeli prime minister Er wurde am 13. Januar 2014 neben seiner zweiten Frau Lily auf der Familienfarm Havat Shikmim begraben, die im Norden der Wüste Negev nahe Sderot liegt.Ariel Sharon laid to rest at family ranch in Negev desert after state funeralknerger.de: Das Grab von Ariel und Lily Scharon mini|Die Gräber von Ariel und Lily Scharon Politische Bedeutung Scharon war Parteivorsitzender des Likud und Gründer von dessen Abspaltung Kadima. Vor seiner Zeit als Regierungschef hatte er verschiedene Ministerposten inne. So war Scharon Landwirtschaftsminister, zweimal Verteidigungsminister sowie Außenminister. Nach seinem Schlaganfall Ende 2005 musste er im April 2006 als Ministerpräsident für amtsunfähig erklärt werden. Der ehemalige General wirkte aufgrund seiner Biografie und seiner Politik stark polarisierend. Viele Israelis betrachten ihn als Helden, der ihr Land seit dem Unabhängigkeitskrieg stets in bedeutenden Positionen mitgeprägt hat. Weite Teile der arabischen und der internationalen Öffentlichkeit sehen in ihm jedoch vor allem den Mitverantwortlichen für das Massaker von Sabra und Schatila und den militärischen Hardliner. Andererseits setzte er 2005 die Aufgabe der israelischen Siedlungen im Gazastreifen durch. Viele Anhänger der israelischen Rechten, speziell der Siedlerbewegung, die lange Zeit ihren Vorkämpfer in ihm sahen, wurden infolge dieser Politik zu seinen Gegnern. Aus ihrer Sicht hat er sich als Ministerpräsident gegenüber den Palästinensern als zu kompromissbereit gezeigt. Anlässlich seines Todes im Januar 2014 würdigten viele hochrangige Politiker Scharons Verdienste. US-Präsident Barack Obama bezeichnete ihn als jemanden, der dem Staat Israel sein Leben gewidmet habe. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel würdigte ihn als Patrioten mit großen Verdiensten um sein Land.NOZ.de:Israels Ex-Regierungschef gestorben Werke Ariel Scharon, David Chanoff: Warrior. An Autobiography. Simon & Schuster, New York 2001, ISBN 0-7432-2566-X. Ariel Sharon, Uri Dan: Entretiens intimes avec Uri Dan. Lafon, Neuilly-sur-Seine 2006, ISBN 2-7499-0459-5. Literatur David Landau: Arik: The Life of Ariel Sharon. Vintage, New York 2014, ISBN 978-1-4000-7698-7. Rezensionen: Washington Post und New York Times Gadi Blum, Nir Hefez: Ariel Scharon. Die Biografie. Verlag Hoffmann & Campe, Hamburg 2006, ISBN 3-455-50002-1. Gesammelte Rezensionen im Perlentaucher Norman H. Finkelstein: Ariel Sharon. Lerner Pub Group 2005, ISBN 0-8225-9523-0 (Biographie). Baruch Kimmerling: Politicide: Ariel Sharon’s War Against The Palestinians. Verso 2003, ISBN 1-84467-532-7 (dt. Politizid. Ariel Sharons Krieg gegen das palästinensische Volk. Hugendubel, Kreuzlingen und München 2003, ISBN 3-7205-2375-6). Film Ariel Scharons letzter Kampf. Dokumentarfilm, Frankreich, 2007, 93 Min., Regie: Michaël Prazan, Produktion: Arte, Erstausstrahlung: 21. Mai 2008 (Inhaltsangabe von arte). Weblinks Ariel Scharon auf der Webseite der Knesset (englisch) Einzelnachweise Kategorie:Premierminister (Israel) Kategorie:Außenminister (Israel) Kategorie:Einwandererminister (Israel) Kategorie:Gesundheitsminister (Israel) Kategorie:Innenminister (Israel) Kategorie:Kommunikationsminister (Israel) Kategorie:Landwirtschaftsminister (Israel) Kategorie:Religionsminister (Israel) Kategorie:Verkehrsminister (Israel) Kategorie:Verteidigungsminister (Israel) Kategorie:Wohlfahrtsminister (Israel) Kategorie:Wohnungsbauminister (Israel) Kategorie:Parteivorsitzender (Israel) Kategorie:Knesset-Abgeordneter Kategorie:Kadima-Mitglied Kategorie:Likud-Mitglied Kategorie:Generalmajor (Israel) Kategorie:Fallschirmjäger (Israel) Kategorie:Person (Hagana) Kategorie:Person im Nahostkonflikt Kategorie:Person im Palästinakrieg Kategorie:Person im Sechstagekrieg Kategorie:Person im Jom-Kippur-Krieg Kategorie:Ehrendoktor der Bar-Ilan-Universität, Ramat Gan Kategorie:Absolvent der Universität Tel Aviv Kategorie:Person (Palästina) Kategorie:Israeli Kategorie:Geboren 1928 Kategorie:Gestorben 2014 Kategorie:Mann
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Liste von Autoren/N
__NOTOC__ Na Magdalen Nabb (1947–2007) Vladimir Nabokov (1899–1977) Maurice Nadeau (1911–2013) Melinda Nadj Abonji (* 1968) Karl Gottfried Nadler (1809–1849) Isabella Nadolny (1917–2004) Sten Nadolny (* 1942) Kiran Nagarkar (1942–2019) Ivan Nagel (1931–2012) Mirosław Nahacz (1984–2007) V. S. Naipaul (1932–2018) Salah Naoura (* 1964) Donna Jo Napoli (* 1948) Ann Napolitano (* 1971) R. K. Narayan (1906–2001) Wolf-Dieter Narr (1937–2019) Armin Nassehi (* 1960) Peter Nathschläger (* 1965) Hans Joachim Nauschütz (1940–2003) Michael Nava (* 1954) Mende Nazer (* ≈1980) Aquiles Nazoa (1920–1976) Nd Marie NDiaye (* 1967) Ne Otto Nebel (1892–1973) Ernst Nebhut (1898–1974) Rosemary Neering (* 1945) Antonio Negri (1933–2023) Oskar Negt (1934–2024), D Rüdiger Nehberg (1935–2020), D Günter Nehm (1926–2009) Chloe Neill (* 1975) Oswald von Nell-Breuning (1890–1991), D René Nelli (1906–1982), FR Howard Nemerov (1920–1991) Ingo Nentwig (1960–2016), D Pablo Neruda (1904–1973) Edith Nesbit (1858–1924), GB Aziz Nesin (1915–1995) Patrick Ness (* 1971) Håkan Nesser (* 1950) Joan Nestle (* 1940) Ralf Nestmeyer (* 1964) Johann Nestroy (1801–1862) Uwe Nettelbeck (1940–2007) Horst Neubert (1932–2015) Werner Neubert (* 1929) Kurt Neuburger (1902–1996) Rupert Neudeck (1939–2016) Christian Neuhuber (* 1970), AT Peter Horst Neumann (1936–2009) Robert Neumann (1897–1975) Ronnith Neumann (1948–2024) Wilhelm Neumann (1781–1834) Wolfgang Neuss (1923–1989) Erik Neutsch (1931–2013) Angelika Neuwirth (* 1943) Walter Netzsch (* 1926) Annalee Newitz (* 1969) Lesléa Newman (* 1955) Ni Gerhard Nickel (1928–2015) Hans Nicklisch (1911–2001) Friedrich Nicolai (1733–1811) Nuala Ní Dhomhnaill (* 1952) Wolf von Niebelschütz (1913–1960) Ernst Elias Niebergall (1815–1843) William G. Niederland (1904–1993) Stephan Niederwieser (* 1962) Werner Niegisch (* 1931) Karena Niehoff (1920–1992) Norbert Niemann (* 1961) Hans-Jürgen Nierentz (1909–1995) Doris Niespor (* 1969) Friedrich Wilhelm Nietzsche (1844–1900) Anaïs Nin (1903–1977) Nithard (~790–844) Bernd Nitzschke (* 1944) Larry Niven (* 1938) Hamza Niyoziy (1889–1929) Paul Nizan (1905–1940) No Christopher Nolan (1965–2009) Ingrid Noll (* 1935) Ernst Nolte (1923–2016) Thubten Jigme Norbu (1922–2008) Dieter Nörr (1931–2017) Harold Norse (1916–2009) Rictor Norton (* 1945) Hans Erich Nossack (1901–1977) Regina Nössler (* 1964) Christine Nöstlinger (1936–2018) Ernst Erich Noth (1909–1983) Monika Nothing (* 1942) Helga M. Novak (1935–2013) Novalis (1772–1801) Joachim Nowotny (1933–2014) Nu Malla Nunn (* 19**) Branislav Nušić (1864–1938) Ny Harri Nykänen (1953–2023) Eric Nylund (* 1964) *N
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Liste von Autoren/M
__NOTOC__ Ma Amin Maalouf (* 1949) Michael Maar (* 1960) Paul Maar (* 1937) Rozena Maart (* 1962) Walter Maas (1900–1981) Joachim Maass (1901–1972) Donagh MacDonagh (1912–1968) George MacDonald (1824–1905) Marianne MacDonald (1934–2019) Ross Macdonald (1915–1983) Niccolò Machiavelli (1469–1527) John Henry Mackay (1864–1933) Compton Mackenzie (1883–1972) Bernard MacLaverty (* 1942) Archibald MacLeish (1892–1982) Charlotte MacLeod (1922–2005) Ian R. MacLeod (* 1956) Ken MacLeod (* 1954) Louis MacNeice (1907–1963) Terence MacSwiney (1879–1920) Deirdre Madden (* 1960) Richard Robert Madden (1798–1886) Haki R. Madhubuti (* 1942) Madonna (* 1958) Hubert Maessen (1947–2015) Maurice Maeterlinck (1862–1949) Perihan Mağden (* 1960) Maurizio Maggiani (* 1951) Magor (Pseudonym; 1944–2011) Claudio Magris (* 1939) Nagib Mahfuz (1911–2006) Albert Mähl (1893–1970) Regina Mahlmann (* 1959) Josef Mahlmeister (* 1959) Derek Mahon (1941–2020) Margaret Mahy (1936–2012) Andreas Maier (* 1967) Franz Georg Maier (1926–2014) Norman Mailer (1923–2007) Ella Maillart (1903–1997) Peter Maiwald (1946–2008) Geert Mak (* 1946) Mahmut Makal (1930–2018) Bernard Malamud (1914–1986) Curzio Malaparte (1898–1957) Janet Malcolm (1934–2021) Henri Maldiney (1912–2013) Luigi Malerba (1927–2008) Helmut Maletzke (1920–2017) Léo Malet (1909–1996) Judith Malina (1926–2015) Rainer Malkowski (1939–2003) Lore Mallachow (1894–1973) Stéphane Mallarmé (1842–1898) Bernhard Elis Malmström (1816–1865) André Malraux (1901–1976) Heinrich von Maltzan (1826–1874) Jean-Patrick Manchette (1942–1995) Giorgio Manganelli (1922–1990) Andrew Mango (1926–2014) Cyril Mango (1928–2021) Henning Mankell (1948–2015) Erika Mann (1905–1969) Frido Mann (* 1940) Golo Mann (1909–1994) Heinrich Mann (1871–1950) Klaus Mann (1906–1949) Michael Mann (1919–1977) Thomas Mann (1875–1955) Olivia Manning (1911–1980) Jaime Manrique (* 1949) Barbara Mansion (1961–2022) Ahmad Mansour (* 1976) Hilary Mantel (1952–2022) Jürgen Manthey (1932–2018) Manning Marable (1950–2011) Sándor Márai (1900–1989) Dacia Maraini (* 1936) Félicien Marceau (1913–2012) Philip Marchand (* 1946) Marie Marcks (1922–2014) Eric Marcus (* 1958) Hugo Marcus (1880–1966) Sharon Marcus (* 1966) Herbert Marcuse (1898–1979) Ludwig Marcuse (1894–1971) Peter Marginter (1934–2008) Alfred Margul-Sperber (1898–1967) Giwi Margwelaschwili (1927–2020) Javier Marías (1951–2022) Alexandra Marinina (* 1957) Bernard Maris (1946–2015) Petros Markaris (* 1937) Hubert Markl (1938–2015) Laurie J. Marks (* 1957) Daphne Marlatt (* 1942) Christopher Marlowe (1564–1593) Monika Maron (* 1941) John Phillips Marquand (1893–1960) Odo Marquard (1928–2015) Ngaio Marsh (1895–1982) Bruce Marshall (1899–1987) Yann Martel (* 1963) Harald Martenstein (* 1953) Kurt Marti (1921–2017) Del Martin (1921–2008) Emer Martin (* 1968) Michael Martin (1932–2015) Paul C. Martin (1939–2020) Ralf-Peter Märtin (1951–2016) Carlo Maria Martini (1927–2012) Anke Martiny (1939–2016) Siegfried Maruhn (1923–2011) Arthur Marx (1921–2011) Karl Marx (1818–1883) Dionys Mascolo (1916–1997) John Masefield (1878–1967) Dorota Masłowska (* 1983) François Maspero (1932–2015), FR Hans-Jürgen Massaquoi (1926–2013) Jeffrey Masson (* 1941) Richard Matheson (1926–2013), US Sulejman Mato (* 1941) Hisako Matsubara (* 1935) Peter von Matt (1937–2025) Philip Mattar (* 1944) Gert Mattenklott (1942–2009) Gundel Mattenklott (1945–2024) Bernd Matthies (* 1953) Peter Matthiessen (1927–2014), US Siegfried Mattl (1954–2015), AT Charles Robert Maturin (1782–1824) Ana María Matute (1925–2014), ES Volker Mauersberger (1939–2021), D/ES William Somerset Maugham (1874–1965), GB Robin Maugham (1916–1981), GB Guy de Maupassant (1850–1893) Armistead Maupin (* 1944) Paolo Maurensig (1943–2021) André Maurois (1885–1967) William Maxwell (1908–2000), US Doro May (* 1953) Karl May (1842–1912) Ruth von Mayenburg (1907–1993) Frederick Mayer (1921–2006) Hans Mayer (1907–2001) Friederike Mayröcker (1924–2021), AT Mb Achille Mbembe (* 1957) Mc Scott McBain (* 1960) Patrick McCabe (* 1955) Colum McCann (* 1965) John McCann (1905–1980) Cormac McCarthy (1933–2023) James G. McCarthy (* 1952) Mary McCarthy (1912–1989) Frank McCourt (1930–2009) Malachy McCourt (1931–2024) Barry McCrea (* 1974) Carson McCullers (1917–1967) Colleen McCullough (1937–2015) Val McDermid (* 1955) Martin McDonagh (* 1970) Nick McDonell (* 1984) Ian McEwan (* 1948) John McGahern (1934–2006) Jon McGregor (* 1976) Frank McGuinness (* 1953) Maureen F. McHugh (* 1959) William McIlvanney (1936–2015) Mary Susan McIntosh (1936–2013) David McKee (1935–2022) Suzy McKee Charnas (1939–2023) Barry McKinnon (1944–2023) Lois McMaster Bujold (* 1949) Terrence McNally (1938–2020) Anna McPartlin (* 1972) Conor McPherson (* 1971) George McWhirter (* 1939) Md Zakes Mda (* 1948), ZA Me Marijane Meaker (1927–2022) Angelika Mechtel (1943–2000) Mechthild von Magdeburg (≈1207–1282) Christoph Meckel (1935–2020) Abdelwahab Meddeb (1946–2014) Charles L. Mee (* 1938) Klaus Meffert Max Meffert Walter Mehring (1896–1981) Gerhard Meier (1917–2008) Jörg Otto Meier (* 1950) Mischa Meier (* 1971) Pedro Meier (* 1941) Thomas Meinecke (* 1955) Tobias O. Meissner (* 1967) Ernst Meister (1911–1979) Kurt Meister (1901–1961) Philipp Melanchthon (1497–1560) Digne Meller Marcovicz (1934–2014) Herman Melville (1819–1891) Andreas Melzer (* 1960), D Albert Memmi (1920–2020) Robert Menasse (* 1954) Daniel Mendelsohn (* 1960) Moses Mendelssohn (1729–1786) José Mendiluce Pereiro (1951–2015) Eduardo Mendoza (* 1943) Luigi Meneghello (1922–2007) Otto Mensing (1868–1939) Stavros Mentzos (1930–2015) Pascal Mercier (1944–2023) Sophie Mereau (1770–1806) George Meredith (1828–1909) William Meredith (1919–2007) Nezihe Meriç (1925–2009) İbrahim Abdülkadir Meriçboyu (1917–1985) James Merrill (1926–1995) Judith Merkle Riley (1942–2010) Robert Merle (1908–2004) Mark Merlis (1950–2017) Fatima Mernissi (1940–2015) Michael Merschmeier (* 1953) Peter Merseburger (1928–2022) Klaus Mertes (* 1954) Samuel Merwin (1874–1936) Gerhard Merz (* 1945) Konrad Merz (1908–1999) Meshullam ben Menahem da Volterra (15. Jahrhundert) Charlotte Mew (1869–1928) Joanne Meyerowitz (* 1954) Benno Meyer-Wehlack (1928–2014) Clemens Meyer (* 1977) Conrad Ferdinand Meyer (1825–1898) Detlev Meyer (1950–1999) Kai Meyer (* 1969) Gustav Meyrink (1868–1932) Mi Léonora Miano (* 1973) Rolf Michaelis (1933–2013) Anne Michaels (* 1958) Nikolai von Michalewsky (1931–2000) Sergei Michalkow (1913–2009) Henri Michaux (1899–1984) Oscar Micheaux (1884–1951) Karl Markus Michel (1929–2000) Michelangelo (1475–1564) Tilde Michels (1920–2012) Ivo Michiels (1923–2012) Karl Mickel (1935–2000) Adam Mickiewicz (1798–1855) Wolfgang Mieder (* 1944) Max Miedinger (1910–1980) Ulf Miehe (1940–1989) Thomas R. P. Mielke (1940–2020) Fritz Mierau (1934–2018) Manfred Miethe (* 1950) Kálmán Mikszáth (1847–1910) Margaret Millar (1915–1994) Edna St. Vincent Millay (1892–1950) Alice Miller (1923–2010) Arthur Miller (1915–2005) Grazyna Miller (1957–2009) Henry Miller (1891–1980) Neil Miller (* 1945) Susanne Miller (1915–2008) Kate Millett (1934–2017), US Lucy Millowitsch (1905–1990) Peter Millowitsch (* 1949) Magnus Mills (* 1954) Alan Alexander Milne (1882–1956) John Milton (1608–1674) Anthony Minghella (1954–2008) Nils Minkmar (* 1966) André Miquel (1929–2022), FR Yukio Mishima (1925–1970) Pankaj Mishra (* 1969) Robert Misik (* 1966) Frédéric Mistral (1830–1914) Gabriela Mistral (1889–1957) Adrian Mitchell (1932–2008) David Mitchell (* 1969) Margaret Mitchell (1900–1949) Silas Weir Mitchell (1829–1914) Anna Mitgutsch (* 1948) Alexander Mitscherlich (1908–1982) Margarete Mitscherlich (1917–2012) Melitta Mitscherlich (1906–1992) Thomas Mitscherlich (1942–1998) Werner Mittenzwei (1927–2014) Henri Mitterand (1928–2021) Frédéric Mitterrand (1947–2024) Mo Mo Yan (* 1955) Patrick Modiano (* 1945) Klaus Modick (* 1951) Walter Moers (* 1957) Bärbel Mohr (1964–2010) Lutz Mohr (* 1944) Eva Moldenhauer (1934–2019) Molière (1622–1673) Virginia Ramey Mollenkott (1932–2020) Balduin Möllhausen (1825–1905) Ferenc Molnár (1878–1952) Michael Molsner (* 1939) Jürgen Moltmann (1926–2024) Elisabeth Moltmann-Wendel (1926–2016) Navarre Scott Momaday (1934–2024) Hans Mommsen (1930–2015) Margareta Mommsen (* 1938) Theodor Mommsen (1817–1903) Wilhelm Mommsen (1892–1966) Wolfgang J. Mommsen (1930–2004) Paul Monette (1945–1995) Libuše Moníková (1945–1998) Horst Mönnich (1918–2014) Carlos Monsiváis (1938–2010) Michel de Montaigne (1533–1592) Eugenio Montale (1896–1981) Eugenio Montejo (1938–2008) Charles de Seconsat Montesquieu (1689–1755) James Montgomery (1771–1854) Henry de Montherlant (1895–1972) Jeanne Montoupet William Vaughn Moody (1869–1910) Moon Chung-hee (* 1947) Brian Moore (1921–1999) Edward Moore (1712–1757) Henry Moore (1745–1833) Marianne Moore (1887–1972) Michael Moore (* 1954) Patrick Moore (1923–2012) Susanna Moore (* 1946) Thomas Moore (1779–1852) Johanna Moosdorf (1911–2000) Terézia Mora (* 1971) Dom Moraes (1938–2004) Elsa Morante (1912–1985) Alberto Moravia (1907–1990) Charles Langbridge Morgan (1894–1958) Edmund S. Morgan (1916–2013) Elaine Morgan (1920–2013) Marlo Morgan (* 1937) Christian Morgenstern (1871–1914) Danny Morgenstern (* 1979) Fritz Morgenthaler (1919–1984) Irmtraud Morgner (1933–1990) Mori Sumio (1919–2010) Eduard Mörike (1804–1875) Edgar Morin (* 1921) Karl Philipp Moritz (1756–1793) Rainer Moritz (* 1958) David Morrell (* 1943) Jan Morris (1926–2020) William Morris (1834–1896) Danny Morrison (* 1953) Toni Morrison (1931–2019) Guido Morselli (1912–1973) Bodo Morshäuser (* 1953) John Mortimer (1923–2009) Thomas Morus (1478–1535) Fanny Morweiser (1940–2014) Peter Morwood (1956–2025) Johann Michael Moscherosch (1601–1669) Serge Moscovici (1925–2014) Martin Mosebach (* 1951) Justus Möser (1720–1794) Tilmann Moser (1938–2024) Howard Moss (1922–1987) George L. Mosse (1918–1999) Walter Mossmann (1941–2015) Andrew Motion (* 1952) Evangelos A. Moutsopoulos (1930–2021) Mr Sławomir Mrożek (1930–2013) Mu Werner Muensterberger (1913–2011) Caroline Muhr (1925–1978) Erich Mühsam (1878–1934) Christa Mulack (1943–2021) Wolfheinrich von der Mülbe (1879–1965) Paul Muldoon (* 1951) Harry Mulisch (1927–2010) André Müller (1946–2011) Artur Müller (1909–1987) Charles Muller (1909–2015) Corinna Müller (* 1966) Heiner Müller (1929–1995) Herta Müller (* 1953) Wilhelm Müller (1794–1827) Mirjam Müntefering (* 1969) Erich Mulzer (1929–2005) Uğur Mumcu (1942–1993) Lewis Mumford (1895–1990) Amélie Mummendey (1944–2018) Börries Freiherr von Münchhausen (1874–1945) Murathan Mungan (* 1955) Jens Emil Mungard (1885–1940) Alice Munro (1931–2024) Hector Hugh Munro (d. i. Saki; 1870–1916) Axel Munthe (1857–1949) Haruki Murakami (* 1949) Luís Murat (1861–1929), BR Iris Murdoch (1919–1999) Douglas Murray (* 1979) Karl August Musäus (1735–1787) Adolf Muschg (* 1934) Walter Muschg (1898–1965) Robert Musil (1880–1942) Franz Mußner (1916–2016) Florentine Mütherich (1915–2015) Álvaro Mutis (1923–2013) Adolf Mützelburg (1831–1882) My Eileen Myles (* 1949) Hubertus Mynarek (1929–2024) Jan Myrdal (1927–2020) *M
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Biologie
Biologie (von „Leben“ und hier: „Lehre“, siehe auch -logie) oder historisch auch LebenskundeErich Meyer, Karl Zimmerman: Lebenskunde. Lehrbuch der Biologie für Höhere Schulen. Erfurt 1939 ff. ist die Wissenschaft von der belebten Materie, den Lebewesen. Sie ist ein Teilgebiet der Naturwissenschaften und befasst sich sowohl mit den allgemeinen Gesetzmäßigkeiten des Lebendigen als auch mit den Besonderheiten der einzelnen Lebewesen: zum Beispiel mit ihrer Entwicklung, ihrem Bauplan und den physikalischen und biochemischen Vorgängen in ihrem Inneren. Im Fach Biologie wird in zahlreichen Teilgebieten geforscht. Zu den ganz allgemein auf das Verständnis des Lebendigen ausgerichteten Teilgebieten gehören insbesondere Biophysik, Genetik, Molekularbiologie, Ökologie, Physiologie, Theoretische Biologie und Zellbiologie. Mit großen Gruppen der Lebewesen befassen sich die Botanik (Pflanzen), die Zoologie (Tiere) und die Mikrobiologie (Kleinstlebewesen und Viren). Die Betrachtungsobjekte der Biologie umfassen u. a. Moleküle, Organellen, Zellen und Zellverbände, Gewebe und Organe, aber auch das Verhalten einzelner Organismen sowie deren Zusammenspiel mit anderen Organismen in ihrer Umwelt. Diese Vielfalt an Betrachtungsobjekten hat zur Folge, dass im Fach Biologie eine Vielfalt an Methoden, Theorien und Modellen angewandt und gelehrt wird. Die Ausbildung von Biologen erfolgt an Universitäten im Rahmen eines Biologiestudiums, von Biologie-Lehramtsstudierenden zumindest zeitweise auch im Rahmen der Biologiedidaktik. In neuerer Zeit haben sich infolge der fließenden Übergänge in andere Wissenschaftsbereiche (z. B. Medizin, Psychologie und Ernährungswissenschaften) sowie wegen des interdisziplinären Charakters der Forschung neben der Bezeichnung Biologie weitere Bezeichnungen für die biologischen Forschungsrichtungen und Ausbildungsgänge etabliert wie zum Beispiel Biowissenschaften, Life Sciences und Lebenswissenschaften. Geschichte Allgemeines Überlegungen zum Leben gab es bereits um 600 v. Chr. bei dem griechischen Naturphilosophen Thales von Milet, der das Wasser als den Anfang – den Urgrund – aller Dinge bezeichnet haben soll. Von der Antike bis ins Mittelalter beruhte die Biologie allerdings hauptsächlich auf der Beobachtung der Natur, also nicht auf Experimenten. In die Interpretation der Beobachtungen flossen zudem häufig Theorien wie die Vier-Elemente-Lehre oder verschiedene spirituelle Haltungen ein, so auch der Schöpfungsmythos der biblischen Genesis, demzufolge „Gott der HERR den Menschen aus Staub von der Erde“ formte (Adam) und ihm „den Odem des Lebens in seine Nase“ blies – „und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen.“1.Mose/Genesis/Bereschit 2, Vers 7. mini|hochkant|Charles Darwin Erst mit Beginn der wissenschaftlichen Revolution in der frühen Neuzeit begannen Naturforscher, sich vom Übernatürlichen zu lösen. Im 16. und 17. Jahrhundert erweiterte sich zum Beispiel das Wissen über die Anatomie durch die Wiederaufnahme von Sektionen und Erfindungen wie das Mikroskop ermöglichten ganz neue Einblicke in eine bis dahin nahezu unsichtbare Welt. Der Brüsseler Arzt und Philosoph Johan Baptista van Helmont gelangte, Gedanken von Paracelsus weiterentwickelnd, im 17. Jahrhundert zu einer biologischen Lebens- und Krankheitsauffassung.Paul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff/Diepgen/Goerke: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7., neubearbeitete Auflage. Springer, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1960, S. 25. Die Entwicklung der Chemie brachte auch in der Biologie Fortschritte. Experimente, die zur Entdeckung von molekularen Lebensvorgängen wie der Fermentation und der Fotosynthese führten, wurden möglich. Im 19. Jahrhundert wurden die Grundsteine für zwei große neue Wissenschaftszweige der Naturforschung gelegt: Gregor Mendels Arbeiten an Pflanzenkreuzungen begründeten die Vererbungslehre und die spätere Genetik und Werke von Jean-Baptiste de Lamarck, Charles Darwin und Alfred Russel Wallace begründeten die Evolutionstheorien. Die Bezeichnung Biologie, im modernen Sinne verwendet, scheint mehrfach unabhängig voneinander eingeführt worden zu sein. Gottfried Reinhold Treviranus (Biologie oder Philosophie der lebenden Natur, 1802) und Jean-Baptiste Lamarck (Hydrogéologie, 1802) verwendeten und definierten ihn erstmals. Das Wort selbst wurde schon 1797 von Theodor Gustav August Roose (1771–1803) im Vorwort seiner Schrift Grundzüge der Lehre von der Lebenskraft verwendet und taucht im Titel des dritten Bands von Michael Christoph Hanows Philosophiae naturalis sive physicae dogmaticae: Geologia, biologia, phytologia generalis et dendrologia von 1766 auf. Zu den Ersten, die „Biologie“ in einem umfassenden Sinn prägten, gehörte der deutsche Anatom und Physiologe Karl Friedrich Burdach. Mit der Weiterentwicklung der Untersuchungsmethoden drang die Biologie in immer kleinere Dimensionen vor. Im 19. Jahrhundert erhielt die Medizin mit der von Theodor Schwann begründeten tierischen Zellenlehre eine neue biologische Grundlage. Weitere Errungenschaften des Jahrhunderts waren die Anwendung der Deszendenztheorie, der vergleichenden Morphologie und Entwicklungsgeschichte auf die Anatomie sowie wegbereitende Erkenntnisse biochemischer und biophysikalischer Lebensvorgänge.Paul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff/Diepgen/Goerke: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7., neubearbeitete Auflage. Springer, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1960, S. 35 und 41. Im 20. Jahrhundert kamen die Teilgebiete Physiologie und Molekularbiologie zur Entfaltung. Grundlegende Strukturen wie die DNA, Enzyme, Membransysteme und die gesamte Maschinerie der Zelle können seitdem auf atomarer Ebene sichtbar gemacht und in ihrer Funktion genauer untersucht werden. Zugleich gewann die Bewertung von Datenerhebungen mit Hilfe statistischer Methoden immer größere Bedeutung und verdrängte die zunehmend als bloß anekdotisch empfundene Beschreibung von Einzelphänomenen. Als Zweig der Theoretischen Biologie begann sich seit den 1920er Jahren zudem, eine mathematische Biologie zu etablieren. Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts befassten sich Biologen neben Themen der Vererbung, Entwicklung und Beeinflussung des Menschen durch die Umwelt auch mit Fragen nach dem Wesen und Sinn des Lebens. So breitete sich der von Hans Driesch vertretene Neovitalismus aus. Jakob Johann von Uexküll stellte 1909 seine Umwelttheorie auf, Hans Spemann und seine Schüler lieferten ab 1921 bahnbrechende Untersuchungen zum Organisatoreffekt, es erfolgten experimentelle Studien zu den biologischen Trägern der Erbmasse in der Zelle und 1927 wurden Mutationen als Folge von Röntgenbestrahlung von Hermann Joseph Muller nachgewiesen.Paul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff/Diepgen/Goerke: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7., neubearbeitete Auflage. Springer, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1960, S. 35 und 63. Seit dem Ende des 20. Jahrhunderts entwickeln sich aus der Biologie neue angewandte Disziplinen: Beispielsweise ergänzt die Gentechnik unter anderem die klassischen Methoden der Tier- und Pflanzenzucht und eröffnet zusätzliche Möglichkeiten, die Umwelt den menschlichen Bedürfnissen anzupassen. Die praktische Biologie und Medizin gehörten zu den Disziplinen, in denen im Deutschen Reich noch Ende des 19. Jahrhunderts im Vergleich mit anderen Disziplinen am vehementesten Gegenwehr gegen die Zulassung von Frauen geübt wurde. So versuchten unter anderem E. Huschke, C. Vogt, P. J. Möbius und T. a.L. a.W. von Bischoff die geistige Inferiorität von Frauen nachzuweisen, um deren Zulassung zum Studium zu verhindern.Londa Schiebinger: Schöne Geister. Frauen in den Anfängen der modernen Wissenschaft. Klett-Cotta, Stuttgart 1993, ISBN 3-608-91259-2.Katrin Schmersahl: Medizin und Geschlecht. Zur Konstruktion der Kategorie Geschlecht im medizinischen Diskurs des 19. Jahrhunderts. Leske und Budrich, Opladen 1998, ISBN 3-8100-2009-5 (Sozialwissenschaftliche Studien. Heft 36). Hingegen waren die beschreibenden biologischen Naturwissenschaften (aber auch andere beschreibende Naturwissenschaften wie Physik und Mathematik) weiter. Hier zeigten sich die noch ausschließlich männlichen Lehrenden in einer Studie A. Kirchhoffs (1897) zumeist offen für die Zulassung von Frauen zum Studium.Arthur Kirchhoff: Die Akademische Frau. Gutachten hervorragender Universitätsprofessoren, Frauenlehrer und Schriftsteller über die Befähigung der Frau zum wissenschaftlichen Studium und Berufe. Steinitz, Berlin 1897.Heinz-Jürgen Voß: Feministische Wissenschaftskritik. Am Beispiel der Naturwissenschaft Biologie. In: Ulrike Freikamp u. a. (Hrsg.): Kritik mit Methode? Forschungsmethoden und Gesellschaftskritik. (PDF; 1,2 MB) Dietz, Berlin 2008, ISBN 978-3-320-02136-8 (Texte. 42), S. 233–252. Besondere Fortschritte (Auswahl) mini|hochkant|Titelblatt von Robert Hookes 1665 erschienenem Hauptwerk Micrographia, das zahlreiche mit Hilfe eines Mikroskops angefertigte Zeichnungen enthält. 600 v. Chr. Thales von Milet stellt die erste Theorie zur Entstehung des Lebens auf. 350 v. Chr. Aristoteles – diverse Schriften zur Zoologie 1. Jahrhundert n. Chr. Plinius der Ältere veröffentlicht die 37-bändige Naturalis historia zur Botanik und Zoologie. 1665 Robert Hooke beschreibt Zellen in Korkgewebe. 1683 Antoni van Leeuwenhoek entdeckt Bakterien, Einzeller, Blutzellen und Spermien durch Mikroskopie. 1758 Carl von Linné begründet in seinem Werk Systema Naturæ die bis heute gültige Taxonomie im Tier- und Pflanzenreich um 1800 Entstehung der Auffassung von Lebewesen als Organismen (Georges Cuvier, Immanuel Kant), die konstitutiv für die (moderne) Biologie istFoucault, Michel 1974: Die Ordnung der Dinge: Eine Archäologie der Humanwissenschaften. Suhrkamp, Frankfurt/M.; Cheung, Tobias: Die Organisation des Lebendigen. Die Entstehung des biologischen Organismusbegriffs bei Cuvier, Leibniz und Kant. Campus, Frankfurt/M. 2000. 1802 Jean-Baptiste de Lamarck (Begründer der ersten Evolutionstheorie) und Gottfried Reinhold Treviranus definieren als Erste den Begriff „Biologie“. 1839 Theodor Schwann und Matthias Jacob Schleiden – Begründer der Zelltheorie 1858 Charles Darwin (1842, unveröffentlicht) und Alfred Russel Wallace begründen unabhängig voneinander die Evolutionstheorie. 1866 Gregor Mendels erste Veröffentlichung über Versuche mit Pflanzenhybriden begründet die Genetik. 1879 Gesamtdarstellung der indirekten Kernteilung durch Walther Flemming 1881 Coelomtheorie von Oskar Hertwig und Richard HertwigPaul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff/Diepgen/Goerke: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7., neubearbeitete Auflage. Springer, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1960, S. 46. 1888 Einführung der Bezeichnung „Chromosomen“ durch Wilhelm Waldeyer 1894 Entdeckung des Pithecanthropus auf Java durch Eugène Dubois 1925 mit der Aufstellung der Lotka-Volterra-Gleichungen (Gleichungen zur Beschreibung von Räuber-Beute-Beziehung) beginnt das Zeitalter der mathematischen Biologie 1935 erster eindeutiger Nachweis eines Virus durch Wendell Meredith StanleyDie Entdeckung der Viren 1938 Einführung der Übermikroskopie in Medizin und Biologie durch Helmut RuskaPaul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff/Diepgen/Goerke: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7., neubearbeitete Auflage. Springer, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1960, S. 63. 1944 Oswald Avery zeigt, dass die DNA, und nicht wie zuvor vermutet Proteine, der Träger der Erbinformationen ist 1950 Barbara McClintock veröffentlicht ihre (lange Zeit nicht anerkannte) Entdeckung von beweglichen Elementen in der Erbmasse (Transposons). Heute bildet ihre Entdeckung die Grundlage gentechnologischer Verfahren 1952 Alan Lloyd Hodgkin und Andrew Fielding Huxley stellen die Grundgleichungen der Elektrophysiologie auf 1953 James D. Watson und Francis Crick veröffentlichen die Doppelhelixstruktur der DNA (wichtigen Anteil an der Strukturaufklärung hatten dabei auch Rosalind Franklin und Maurice Wilkins)Brenda Maddox: Rosalind Franklin. Die Entdeckung der DNA oder der Kampf einer Frau um wissenschaftliche Anerkennung. Campus, Frankfurt am Main 2003, ISBN 3-593-37192-8. 1973 John Maynard Smith und George R. Price führen das Konzept der Evolutionär Stabilen Strategie ein.John Maynard Smith, George R. Price: The Logic of Animal Conflict. In: Nature. 246, 1973, S. 15–18, . 1982 Hypothese über Prionen (infektiöses Agens ohne Erbgut) von Stanley Prusiner. Anfang der 1990er Jahre wurden Prionen durch den sogenannten Rinderwahnsinn allgemein bekannt. 1983 Kary Mullis erfindet die Polymerase-Kettenreaktion (PCR). DNA-Moleküle können fortan im Labor millionenfach vervielfältigt werden 1990–2003 Sequenzierung des menschlichen Erbguts durch das Humangenomprojekt Einteilung der Fachgebiete mini|rechts|Fachsystematik der Biologie Die Biologie als Wissenschaft lässt sich durch die Vielzahl von Lebewesen, Untersuchungstechniken und Fragestellungen nach verschiedenen Kriterien in Teilbereiche untergliedern: Zum einen kann die Fachrichtung nach den jeweils betrachteten Organismengruppen (Pflanzen in der Botanik, Bakterien in der Mikrobiologie) eingeteilt werden. Andererseits kann sie auch anhand der bearbeiteten mikro- und makroskopischen Hierarchie-Ebenen (Molekülstrukturen in der Molekularbiologie, Zellen in der Zellbiologie) geordnet werden. Die verschiedenen Systeme überschneiden sich jedoch, da beispielsweise die Genetik viele Organismengruppen betrachtet und in der Zoologie sowohl die molekulare Ebene der Tiere als auch ihr Verhalten untereinander erforscht wird. Die Abbildung zeigt in kompakter Form eine Ordnung, die beide Systeme miteinander verbindet. Im Folgenden wird ein Überblick über die verschiedenen Hierarchie-Ebenen und die zugehörigen Gegenstände der Biologie gegeben. In seiner Einteilung orientiert er sich an der Abbildung. Beispielhaft sind Fachgebiete aufgeführt, die vornehmlich die jeweilige Ebene betrachten. Mikrobiologie Sie ist die Wissenschaft und Lehre von den Mikroorganismen, also von den Lebewesen, die als Individuen nicht mit bloßem Auge erkannt werden können: Bakterien und andere Einzeller, bestimmte Pilze, ein- und wenigzellige Algen (Mikroalgen) und Viren. Botanik / Pflanzenwissenschaft Die Botanik (auch Pflanzenwissenschaft) ging aus der Heilpflanzenkunde hervor und beschäftigt sich vor allem mit dem Bau, der Stammesgeschichte, der Verbreitung und dem Stoffwechsel der Pflanzen. Zoologie / Tierbiologie Die Zoologie (auch Tierbiologie) beschäftigt sich vor allem mit dem Bau, der Stammesgeschichte, der Verbreitung und den Lebensäußerungen der Tiere. Humanbiologie Die Humanbiologie ist eine Disziplin, die sich im engeren Sinn mit der Biologie des Menschen sowie den biologischen Grundlagen der Humanmedizin und im weiteren Sinn mit den für den Menschen relevanten Teilbereichen der Biologie befasst. Die Humanbiologie entstand als eigenständige Wissenschaftsdisziplin erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Ihr verwandt ist die biologische Anthropologie, welche jedoch zur Anthropologie gezählt wird. Ziel der biologischen Anthropologie mit ihren Teilgebieten Primatologie, Evolutionstheorie, Sportanthropologie, Paläoanthropologie, Bevölkerungsbiologie, Industrieanthropologie, Genetik, Wachstum (Auxologie), Konstitution und Forensik ist die Beschreibung, Ursachenanalyse und evolutionsbiologische Interpretation der Verschiedenheit biologischer Merkmale der Hominiden. Ihre Methoden sind sowohl beschreibend als auch analytisch. Molekularbiologie mini|Molekülstruktur einer DNA-Doppelhelix Die grundlegende Stufe der Hierarchie bildet die Molekularbiologie. Sie ist jene biologische Teildisziplin, die sich mit Molekülen in lebenden Systemen beschäftigt. Zu den biologisch wichtigen Molekülklassen gehören Nukleinsäuren, Proteine, Kohlenhydrate und Lipide. Die Nukleinsäuren DNA und RNA sind als Speicher der Erbinformation ein wichtiges Objekt der Forschung. Es werden die verschiedenen Gene und ihre Regulation entschlüsselt sowie die darin codierten Proteine untersucht. Eine weitere große Bedeutung kommt den Proteinen zu. Sie sind zum Beispiel in Form von Enzymen als biologische Katalysatoren für beinahe alle stoffumsetzenden Reaktionen in Lebewesen verantwortlich. Neben den aufgeführten Gruppen gibt es noch viele weitere, wie Alkaloide, Terpene und Steroide. Allen gemeinsam ist ein Grundgerüst aus Kohlenstoff, Wasserstoff und oft auch Sauerstoff, Stickstoff und Schwefel. Auch Metalle spielen in sehr geringen Mengen in manchen Biomolekülen (z. B. Chlorophyll oder Hämoglobin) eine Rolle. Biologische Disziplinen, die sich auf dieser Ebene beschäftigen, sind: Biochemie, Genetik und Epigenetik (DNA-unabhängige Vererbung von Merkmalen), Molekularbiologie, Pharmazeutische Biologie und Toxikologie. Zellbiologie Zellen sind grundlegende strukturelle und funktionelle Einheiten von Lebewesen. Man unterscheidet zwischen prokaryotischen Zellen, die keinen Zellkern besitzen und wenig untergliedert sind, und eukaryotischen Zellen, deren Erbinformation sich in einem Zellkern befindet und die verschiedene Zellorganellen enthalten. Zellorganellen sind durch einfache oder doppelte Membranen abgegrenzte Reaktionsräume innerhalb einer Zelle. Sie ermöglichen den gleichzeitigen Ablauf verschiedener, auch entgegengesetzter chemischer Reaktionen. Einen großen Teil der belebten Welt stellen Organismen, die nur aus einer Zelle bestehen, die Einzeller. Sie können dabei aus einer prokaryotischen Zelle bestehen (die Bakterien), oder aus einer eukaryotischen (wie manche Pilze). In mehrzelligen Organismen schließen sich viele Zellen gleicher Bauart und mit gleicher Funktion zu Geweben zusammen. Mehrere Gewebe mit Funktionen, die ineinandergreifen, bilden ein Organ. Biologische Disziplinen, vornehmlich auf dieser Ebene (Beispiele): Histologie, Anatomie Immunologie, Infektionsbiologie, Neurobiologie Mykologie, Mikrobiologie, Protozoologie, Phykologie Zellbiologie, Zellphysiologie Entwicklungsbiologie Jedes Lebewesen ist Resultat einer Entwicklung. Nach Ernst Haeckel lässt sich diese Entwicklung auf zwei zeitlich unterschiedlichen Ebenen betrachten: Durch die Evolution kann sich die Form von Organismen im Laufe der Generationen weiterentwickeln (Phylogenese). Die Ontogenese ist die Individualentwicklung eines einzelnen Organismus von seiner Zeugung über seine verschiedenen Lebensstadien bis hin zum Tod. Die Entwicklungsbiologie untersucht diesen Verlauf. Physiologie Die Physiologie befasst sich mit den physikalischen, biochemischen und informationsverarbeitenden Funktionen der Lebewesen. Physiologisch geforscht und ausgebildet wird sowohl in den akademischen Fachrichtungen Biologie und Medizin als auch in der Psychologie. Genetik Als Begründer der Genetik gilt Gregor Mendel. So entdeckte er die später nach ihm benannten Mendelschen Regeln, die in der Wissenschaft allerdings erst im Jahr 1900 rezipiert und bestätigt wurden. Der heute weitaus wichtigste Teilbereich der Genetik ist die Molekulargenetik, die in den 1940er Jahren begründet wurde. Verhaltensbiologie Die Verhaltensbiologie erforscht das Verhalten der Tiere und des Menschen. Sie beschreibt das Verhalten, stellt Vergleiche zwischen Individuen und Arten an und versucht, das Entstehen bestimmter Verhaltensweisen im Verlauf der Stammesgeschichte zu erklären, also den „Nutzen“ für das Individuum. Ökologie / Umweltbiologie Das Fachgebiet Ökologie (auch Umweltbiologie) setzt sich mit den Wechselwirkungen zwischen den Organismen und den abiotischen und biotischen Faktoren ihres Lebensraumes auf verschiedenen Organisationsebenen auseinander. Individuen: Die Autökologie betrachtet vor allem Auswirkungen der abiotischen Faktoren wie Licht, Temperatur, Wasserversorgung oder jahreszeitlichen Wandel auf das Individuum. Biologische Disziplinen, die diese Ebene ebenfalls betrachten, sind beispielsweise die Anthropologie, Zoologie, Botanik und Verhaltensbiologie. Populationen (Demökologie): mini|Bienen auf ihrer Wabe Eine Population ist eine Fortpflanzungsgemeinschaft innerhalb einer Art in einem zeitlich und räumlich begrenzten Gebiet. Die Populationsökologie betrachtet vor allem die Dynamik der Populationen eines Lebensraumes auf Grund der Veränderungen der Geburten- und Sterberate, durch Veränderungen im Nahrungsangebot oder abiotischer Umweltfaktoren. Diese Ebene wird auch von der Verhaltensbiologie und der Soziobiologie untersucht. Im Zusammenhang mit der Beschreibung und Untersuchung sozialer Verbände wie Herden oder Rudel können auch die auf den Menschen angewandten Gesellschaftswissenschaften gesehen werden. Biozönosen (Synökologie): Sie stellen Gemeinschaften von Organismen dar. Pflanzen, Tiere, Pilze, Einzeller und Bakterien sind in einem Ökosystem meist voneinander abhängig und beeinflussen sich gegenseitig. Sie sind Teil von Stoffkreisläufen in ihrem Lebensraum bis hin zu den globalen Stoffkreisläufen wie dem Kohlenstoffzyklus. Die Lebewesen können sich positiv (z. B. Symbiose), negativ (z. B. Fressfeinde, Parasitismus) oder einfach gar nicht beeinflussen. Lebensgemeinschaft (Biozönose) und Lebensraum (Biotop) bilden zusammen ein Ökosystem. Die Landschaftsökologie ist auf die räumliche Ausprägung ökologischer Zusammenhänge und Regelkreise gerichtet. Sie erforscht das Zusammenwirken von Biodiversität und Geodiversität auf der Ebene der daraus resultierenden Landschaftsdiversität. In der Humanökologie werden im Besonderen die wechselseitigen Beziehungen zwischen Mensch und Umwelt in den Mittelpunkt gerückt. Biologische Disziplinen, die sich mit Ökosystemen beschäftigen (Beispiele): Biogeografie, Biozönologie Ökologie, Chorologie, Geobotanik, Pflanzensoziologie Da die Evolution der Organismen zu einer Anpassung an eine bestimmte Umwelt führen kann, besteht ein intensiver Austausch zwischen beiden Fachdisziplinen, was insbesondere in der Disziplin der Evolutionsökologie zum Ausdruck kommt. Evolutionsbiologie und Systematik Die Phylogenese beschreibt die Entwicklung einer Art im Verlauf von Generationen. Hier betrachtet die Evolutionsbiologie die langfristige Anpassung an Umweltbedingungen und die Aufspaltung in neue Arten. Auf der Grundlage der phylogenetischen Entwicklung ordnet die biologische Taxonomie alle Lebewesen in ein Schema ein. Die Gesamtheit aller Organismen wird in drei Gruppen, die Domänen, unterteilt, welche wiederum weiter untergliedert werden: mini|hochkant=1.2|Phylogenetischer Baum, der die Einteilung der Lebewesen in die drei Domänen zeigt Archaeen (Archaea) Bakterien (Bacteria) Eukaryoten (Eukaryota) Mit der Klassifizierung der Tiere in diesem System beschäftigt sich die Spezielle Zoologie, mit der Einteilung der Pflanzen die Spezielle Botanik, mit der Einteilung der Archaeen, Bakterien und Pilze die Mikrobiologie. Als häufige Darstellung wird ein phylogenetischer Baum gezeichnet. Die Verbindungslinien zwischen den einzelnen Gruppen stellen dabei die evolutionäre Verwandtschaft dar. Je kürzer der Weg zwischen zwei Arten in einem solchen Baum, desto enger sind sie miteinander verwandt. Als Maß für die Verwandtschaft wird häufig die Sequenz eines weitverbreiteten Gens herangezogen. Als in gewissem Sinne eine Synthese von Ökologie, Evolutionsbiologie und Systematik hat sich seit Ende der 1980er Jahre die Biodiversitäts­forschung etabliert, die auch den Brückenschlag zu Schutzbestrebungen für die biologische Vielfalt und zu politischen Abkommen über Schutz und Nachhaltigkeit bildet. Synthetische Biologie In diesem Fachgebiet versuchen Bio-Ingenieure, künstliche lebensfähige Systeme herzustellen, die wie naturgegebene Organismen von einem Genom gesteuert werden. Theoretische Biologie Die Theoretische Biologie (auch Systemische Biologie) befasst sich mit mathematisch formulierbaren Grundprinzipien biologischer Systeme auf allen Organisationsstufen. Systembiologie Die Systembiologie versucht, Organismen in ihrer funktionellen Gesamtheit zu verstehen. Sie folgt der Systemtheorie und nutzt neben mathematischen Modellen auch Computersimulationen. Sie überschneidet sich mit der Theoretischen Biologie. Arbeitsmethoden der Biologie Die Biologie nutzt viele allgemein gebräuchliche wissenschaftliche Methoden, wie strukturiertes Beobachten, Dokumentation (Notizen, Fotos, Filme), Hypothesen­bildung, mathematische Modellierung, Abstraktion und Experimente. Bei der Formulierung von allgemeinen Prinzipien in der Biologie und der Knüpfung von Zusammenhängen stützt man sich sowohl auf empirische Daten als auch auf mathematische Sätze. Je mehr Versuche mit verschiedenen Ansatzpunkten auf das gleiche Ergebnis hinweisen, desto eher wird es als gültig anerkannt. Diese pragmatische Sicht ist allerdings umstritten; insbesondere Karl Popper hat sich gegen sie gestellt. Aus seiner Sicht können Theorien durch Experimente oder Beobachtungen und selbst durch erfolglose Versuche, eine Theorie zu widerlegen, nicht untermauert, sondern nur untergraben werden (siehe Unterdeterminierung von Theorien durch Evidenz). Einsichten in die wichtigsten Strukturen und Funktionen der Lebewesen sind mit Hilfe von Nachbarwissenschaften möglich. Die Physik beispielsweise liefert eine Vielzahl von Untersuchungsmethoden. Einfache optische Geräte wie das Lichtmikroskop ermöglichen das Beobachten von kleineren Strukturen wie Zellen und Zellorganellen. Das brachte neues Verständnis über den Aufbau von Organismen und mit der Zellbiologie eröffnete sich ein neues Forschungsfeld. Mittlerweile gehört eine Palette hochauflösender bildgebender Verfahren, wie Fluoreszenzmikroskopie oder Elektronenmikroskopie, zum Standard. Als eigenständiges Fach zwischen den Wissenschaften Biologie und Chemie hat sich die Biochemie herausgebildet. Sie verbindet das Wissen um die chemischen und physikalischen Eigenschaften von den Bausteinen des Lebens mit der Wirkung auf das biologische Gesamtgefüge. Mit chemischen Methoden ist es möglich bei biologischer Versuchsführung zum Beispiel Biomoleküle mit einem Farbstoff oder einem radioaktiven Isotop zu versehen. Das ermöglicht ihre Verfolgung durch verschiedene Zellorganellen, den Organismus oder durch eine ganze Nahrungskette. Die Bioinformatik ist eine sehr junge Disziplin zwischen der Biologie und der Informatik. Die Bioinformatik versucht mit Methoden der Informatik biologische Fragestellungen zu lösen. Im Gegensatz zur theoretischen Biologie, welche häufig nicht mit empirischen Daten arbeitet, um konkrete Fragen zu lösen, benutzt die Bioinformatik biologische Daten. So war eines der Großforschungsprojekte der Biologie, die Genomsequenzierung, nur mit Hilfe der Bioinformatik möglich. Die Bioinformatik wird aber auch in der Strukturbiologie eingesetzt, hier existieren enge Wechselwirkungen mit der Biophysik und Biochemie. Eine der fundamentalen Fragestellungen der Biologie, die Frage nach dem Ursprung der Lebewesen (auch als phylogenetischer Baum des Lebens bezeichnet, siehe Abbildung oben), wird heute mit bioinformatischen Methoden bearbeitet. Die Mathematik dient als Hauptinstrument der theoretischen Biologie der Beschreibung und Analyse allgemeinerer Zusammenhänge der Biologie. Beispielsweise erweist sich die Modellierung durch Systeme gewöhnlicher Differenzialgleichungen in vielen Bereichen der Biologie (etwa der Evolutionstheorie, Ökologie, Neurobiologie und Entwicklungsbiologie) als grundlegend. Fragen der Phylogenetik werden mit Methoden der diskreten Mathematik und algebraischen Geometrie bearbeitet. Zu Zwecken der Versuchsplanung und Analyse finden Methoden der Statistik Anwendung. Die unterschiedlichen biologischen Teildisziplinen nutzen verschiedene systematische Ansätze: Mathematische Biologie: Aufstellen und Beweisen allgemeiner Sätze der Biologie. Biologische Systematik: Lebewesen charakterisieren und anhand ihrer Eigenschaften und Merkmale in ein System einordnen Physiologie: Zerlegung und Beschreibung von Organismen und ihren Bestandteilen mit anschließendem Vergleich mit anderen Organismen, mit dem Ziel einer Funktionserklärung Genetik: Katalogisieren und analysieren des Erbgutes und der Vererbung Verhaltensbiologie, Soziobiologie: Das Verhalten von Individuen, von artgleichen Tieren in der Gruppe und zu anderen Tierarten beobachten und erklären Ökologie: Beobachten einer oder mehrerer Arten in ihrem Lebensraum, ihrer Wechselbeziehung und den Auswirkungen biotischer und abiotischer Faktoren auf ihre Lebensweise Nutzansatz: die Zucht und Haltung von Nutzpflanzen, Nutztiere und Nutzmikroorganismen untersuchen und durch Variation der Haltungsbedingungen optimieren Anwendungsbereiche der Biologie Die Biologie ist eine naturwissenschaftliche Disziplin, die sehr viele Anwendungsbereiche hat. Durch biologische Forschung werden Erkenntnisse über den Aufbau des Körpers und die funktionellen Zusammenhänge gewonnen. Sie bilden eine zentrale Grundlage, auf der die Medizin und Veterinärmedizin Ursachen und Auswirkungen von Krankheiten bei Mensch und Tier untersucht. Auf dem Gebiet der Pharmazie werden Medikamente, wie beispielsweise Insulin oder zahlreiche Antibiotika, aus genetisch veränderten Mikroorganismen statt aus ihrer natürlichen biologischen Quelle gewonnen, weil diese Verfahren preisgünstiger und um ein Vielfaches produktiver sind. Für die Landwirtschaft werden Nutzpflanzen mittels Molekulargenetik mit Resistenzen gegen Schädlinge versehen und unempfindlicher gegen Trockenheit und Nährstoffmangel gemacht. In der Genussmittel- und Nahrungsmittelindustrie sorgt die Biologie für eine breite Palette länger haltbarer und biologisch hochwertigerer Nahrungsmittel. Einzelne Lebensmittelbestandteile stammen auch hier von genetisch veränderten Mikroorganismen. So wird das Lab zur Herstellung von Käse heute nicht mehr aus Kälbermagen extrahiert, sondern mikrobiell erzeugt. Weitere angrenzende Fachgebiete, die ihre eigenen Anwendungsfelder haben, sind Ethnobiologie, Bionik, Bioökonomie, Bioinformatik und Biotechnologie. „Galerie des Lebens“ (Vertreter verschiedener Organismengruppen) Siehe auch Philosophie der Biologie Liste von Biologen Literatur Ernst Almquist: Große Biologen. J.F. Lehmann Verlag, München 1931. Isaac Asimov: Geschichte der Biologie. Fischer, Frankfurt am Main 1968. Änne Bäumer: Geschichte der Biologie. Band 1: Biologie von der Antike bis zur Renaissance. Lang, Frankfurt am Main [u. a.] 1991, ISBN 3-631-43312-3. Band 2: Zoologie der Renaissance, Renaissance der Zoologie. Lang, Frankfurt am Main [u. a.] 1991, ISBN 3-631-43313-1. Band 3: 17. und 18. Jahrhundert. Lang, Frankfurt am Main [u. a.] 1996, ISBN 3-631-30317-3. Änne Bäumer: Bibliography of the history of biology / Bibliographie zur Geschichte der Biologie. Peter Lang, Frankfurt am Main u. a. 1997, ISBN 3-631-32261-5. Neil A. Campbell, Jane B. Reece: Biologie. 6. Auflage. Pearson Studium, München 2006, ISBN 3-8273-7180-5. Christian Göldenboog: Das Loch im Walfisch. Die Philosophie der Biologie. Klett-Cotta, Stuttgart 2003. 270 S. ISBN 3-608-91991-0. Brigitte Hoppe: Biologie, Wissenschaft von der belebten Materie von der Antike zur Neuzeit. Biologische Methodologie und Lehren von der stofflichen Zusammensetzung der Organismen (= Sudhoffs Archiv. Beiheft 17). Franz Steiner, Wiesbaden 1976, ISBN 3-515-02163-9. (Zugleich Habilitationsschrift). Ilse Jahn (Hrsg.): Geschichte der Biologie. Theorien, Methoden, Institutionen, Kurzbiographien. 3. Auflage. Spektrum, Heidelberg 2002 (und Kassel 2004), ISBN 3-8274-1023-1. Dieter Klämbt, Horst Kreiskott, Bruno Streit: Angewandte Biologie. VCH, Weinheim 1991, ISBN 3-527-28170-3. Ernst Mayr: Das ist Biologie. Die Wissenschaft des Lebens. Spektrum, Heidelberg 2000, ISBN 3-8274-1015-0. Ernst Mayr: Die Entwicklung der biologischen Gedankenwelt. Vielfalt, Evolution und Vererbung. Springer, Berlin 2002 (Nachdruck der Ausgabe 1984). Heinz Penzlin: Die theoretischen Konzepte der Biologie in ihrer geschichtlichen Entwicklung. In: Naturwissenschaftliche Rundschau. Band 62, Nr. 5, 2009, , S. 233–243. William K. Purves u. a.: Biologie. 10. Auflage. Springer Spektrum, Berlin 2019, ISBN 978-3-662-58171-1. Gertrud Scherf: Wörterbuch Biologie. Directmedia Publishing, CD-ROM, Berlin 2006, ISBN 978-3-89853-840-4. Georg Toepfer: Historisches Wörterbuch der Biologie. Geschichte und Theorie der biologischen Grundbegriffe. 3 Bände. Metzler, Stuttgart 2011, ISBN 978-3-476-02316-2. Weblinks Virtuelle Fachbibliothek Biologie (vifabio) www.BioLib.de – alte Bücher aus der Biologie mit vielen Originalabbildungen „Die Autonomie der Biologie“ – umfangreicher Artikel von Ernst Mayr Verband Biologie, Biowissenschaften und Biomedizin in Deutschland ABA – Austrian Biologist Association Verein österreichischer Biologinnen und Biologen Einzelnachweise Kategorie:Wissenschaftliches Fachgebiet
de
wikipedia
32,817
1bc6e676-6321-43db-9363-17b183e5b7b4
Anglizismus
Als Anglizismus bezeichnet man einen sprachlichen Ausdruck, der durch Kopie aus dem Englischen in eine andere Sprache eingeflossen ist. Dies kann in allen Bereichen eines Sprachsystems vorkommen, von der Lautung über die Formenlehre, Syntax, Semantik bis zum Wortschatz sowie in den Bereichen Sprachgebrauch und Sprachebene (Fachsprache, Alltagssprache, Slang und anderes). Wird er durch regelmäßigen Gebrauch fester Bestandteil der entlehnenden Sprache bzw. als neue Bedeutung eines Wortes oder als neue Satzkonstruktion üblich, bezeichnet man den Ausdruck als Fremdwort, Lehnwort oder Lehnprägung. Im Laufe des Generationenwechsels kann sich der Gebrauch von Anglizismen verändern. Insbesondere die Jugendsprache zeigt eine schnelle Fluktuation ihrer Ausdrücke, da sie davon lebt, eine Sprechweise zu pflegen, die als frisch und der Jugend vorbehalten empfunden wird. Der Begriff Anglizismus umfasst alle englischen Sprachvarietäten; Einflüsse speziell aus dem britischen Englisch werden auch Britizismen und solche aus dem amerikanischen Englisch Amerikanismen genannt. Da im Entlehnungsvorgang bisweilen kein volles Verständnis über den Gebrauch des entlehnten Wortes oder Redewendung im Englischen vorliegt, kommt es mitunter zu Scheinanglizismen, deren Bedeutung nicht direkt mit der der Ursprungssprache in Deckung zu bringen ist. Deutsche Anglizismen sind somit keine englischen Wörter im Deutschen, sondern führen nach dem Kopiervorgang in die Zielsprache ein neues Eigenleben als deutsche Wörter englischer Herkunft. Anglizismen in der deutschen Sprache Erscheinungsformen Im Deutschen treten Anglizismen am häufigsten auf der lexikalischen Ebene in Erscheinung. Man kann folgende Phänomene unterscheiden: Wortentlehnungen: Übernahme englischer Lexeme, die unterschiedlich stark an das Laut-, Schrift- und Grammatiksystem der aufnehmenden Sprache angepasst werden. So gilt etwa die Mehrzahl „die Killer“ und der Genitiv „des Internets“ als an das deutsche Flexionssystem angepasst. Auch weitergehende Veränderungen wie Kürzungen kommen vor, etwa bei fesch aus englisch fashionable.Wolfgang Pfeifer et al.: Etymologisches Wörterbuch des Deutschen, 4. Auflage. Berlin 1993, S. 337. Lehnübersetzungen: Eins-zu-eins-Übersetzungen der Bestandteile des fremden Wortes, wie zum Beispiel brainwashing → „Gehirnwäsche“. Lehnübertragungen: Übersetzung der Idee hinter der Bildung des fremden Wortes, zum Beispiel skyscraper → „Wolkenkratzer“ (nicht „Himmelskratzer“, wie es bei einer Lehnübersetzung zu erwarten wäre). Lehnbedeutungen: Übernahme des Bedeutungsspektrums des fremden Wortes, von dem Teilbedeutungen bereits bei einem deutschen Wort zu finden sind, zum Beispiel deutsch „Held“ im Sinne des „Theaterhelden“, die Übernahme aus dem Bedeutungsspektrum von hero. Scheinanglizismen: Wortschöpfungen innerhalb einer anderen als englischen Sprachgemeinschaft mit englischen Sprachelementen, darunter im Deutschen Handy, Basecap oder Service Point.Dieter Herberg, Michael Kinne, Doris Steffens: Neuer Wortschatz: Neologismen der 90er Jahre im Deutschen, Berlin / New York 2004. Oft existieren solche Wörter oder Wortgruppen auch im Englischen, jedoch mit einer anderen Bedeutung (falscher Freund). Das Wort Oldtimer etwa benennt im Deutschen als Scheinanglizismus ein altes Auto (engl.: vintage car, veteran car oder classic car), während es im Englischen generell einen alten Menschen (vergleichbar mit dem im Deutschen scherzhaft verwendeten „Oldie“) bezeichnet.Broder Carstensen, Ulrich Busse: Anglizismen-Wörterbuch: der Einfluss des Englischen auf den deutschen Wortschatz nach 1945, Band 1 (A–E), Berlin / New York 2001, S. 61*. Weitere Übernahmeerscheinungen sind auf anderen Sprachebenen zu verzeichnen: Lehnsyntax: Verwendung von englischer Syntax, die im Deutschen nicht üblich ist. Formenbildung: Ebenfalls eine Form des Anglizismus ist die Übernahme englischer Konjugationsformen bei Verwendung ursprünglich englischer Verben in deutschen Sätzen. Das Partizip Perfekt von Verben wird manchmal mit der Endung -ed gebildet: geprinted. Dieselbe Endung dringt dann – wohl wegen der Ähnlichkeit zur deutschen Endung -et – vereinzelt auch in die Präsensbildung ein: er printed.Stephanie Bohmann: Englische Elemente im Gegenwartsdeutsch der Werbebranche. Tectum Verlag, 1996, ISBN 978-3-89608-964-9.Frank Puscher: Oberflächliche Fehler. In: c’t. 14/2009, S. 74, zweiter Absatz: „Sie wollen nicht gewertet, sondern gevoted werden. Sie möchten, dass man sie diggt, ihnen followed.“ Orthografie und Interpunktion: Benutzung der englischen statt der deutschen Schreibung; zum Beispiel: Verwendung der englischen Transkription aus nichtlateinischen Schriften (wie der kyrillischen oder der arabischen), Schreibung mit c in Lehnwörtern aus dem Griechischen statt der Verwendung des Kappa aus dem Ursprungswort, so Holocaust statt Holokaust. Die Verwendung der englischen Kommasetzung zu den Anglizismen. So gibt es im Englischen beispielsweise keine Kommata vor that-(dass-) und anderen Nebensätzen, wohl aber innerhalb von Hauptsätzen z. B. am Satzanfang nach Adverbialen. Die eindeutige Klassifizierung als Anglizismus ist dabei schwierig. Leerzeichen in Komposita (Industrie Museum), vielleicht auch wieder zunehmende Verwendung von Bindestrichen (Industrie-Museum). Aussprache nicht-englischer Wörter oder Namen auf Englisch (durch Deutsche), zum Beispiel der französischen Wörter Pointe, Relais und Revirement, der ersten Silbe der Wörter Journalist und Journalismus (mit d vorweg, wegen Häufigkeit vom Duden anerkannt) oder des flämischen Ortsnamens Waterloo. Hierher gehört auch die englische Aussprache der Abkürzung IT für Informationstechnik, sogar im deutschen Hörfunk und Fernsehen. Missverstehen eines gesprochenen französischen Wortes als eines englischen: „Sie hat ein Fabel [statt Faible] für die Nation.“Britta Baas und Bettina Röder in Publik-Forum 15/2015, Seite 27. Ebenso: „Ein Fabel für Regenwürmer soll Charles Darwin gehabt haben.“Annett Stein im General-Anzeiger (Bonn) vom 19. Dezember 2015, Journal, Seite 6. Unidiomatische Formulierungen wie: „Ich denke“ statt „Ich meine/glaube/nehme an“; „Das ist richtig“ statt „Das stimmt / trifft zu“; „Hab eine gute Zeit!“ statt „Viel Spaß!“; „in 2020“ statt „2020 / im Jahr(e) 2020“. Anzahl und Häufigkeit Sprachwissenschaftliche Untersuchungen der Universität Bamberg stellen anhand von Material aus der Zeitung Die Welt eine Zunahme von Anglizismen in der deutschen Sprache fest.Svetlana Burmasova: Empirische Untersuchung der Anglizismen im Deutschen (PDF; 4,8 MB), in: Beiträge zur Linguistik, Band 2, University of Bamberg Press, Bamberg 2010, a) S. 222ff., b) S. 223, c) S. 225. So hat sich von 1994 bis 2004 die Verwendung von Anglizismen bei Substantiven verdoppelt, die Anzahl der Verben ebenfalls zugenommen, auch Adjektive sind häufiger geworden, sterben jedoch auch schnell wieder aus. Entgegen der allgemeinen Annahme, dass es beim Sprachkontakt vorwiegend zur Übernahme von Substantiven komme, wurden im untersuchten Zeitraum insgesamt etwa gleich viele Wörter aus jeder dieser drei Wortarten vom Englischen ins Deutsche entlehnt, allerdings bleiben die Substantive durchschnittlich länger im Gebrauch erhalten. Die Anzahl der Anglizismen hat zugenommen; ebenso die Häufigkeit, mit der diese verwendet werden. Klassifiziert man die Anglizismen nach Bereichen, lässt sich feststellen, dass der Bereich „Wirtschaft“ am stärksten gewachsen ist, vor allem im Marketing und Vertrieb (siehe Geml/Lauer, 2008). Einzige Ausnahme bildet der Bereich „Wissenschaft und Technik“, in welchem eine Abnahme um den Faktor 1,6 zu verzeichnen ist. Insgesamt lässt sich festhalten, dass der Gebrauch von Anglizismen in zehn Jahren um den Faktor 1,7 zugenommen hat. Hingegen hat die Entlehnungshäufigkeit im Vergleich zum Zeitraum 1954–1964 abgenommen. Das heißt, es werden mehr Anglizismen verwendet, die Geschwindigkeit der Übernahme hat aber abgenommen. Der Grund hierfür könnte ein Sättigungsprozess sein. In einer weiteren Untersuchung wurde ein großes Textkorpus der Gegenwart (1995–2004) mit insgesamt 381191 Lemmata ausgewertet; darunter wurden 13301 = 3,5 % Anglizismen festgestellt. Das Textkorpus hat einen Umfang von rund 10,3 Millionen Token (= einzelne Wortformen), darunter 52647 = 0,5 % Anglizismen.Peter Eisenberg: Anglizismen im Deutschen. In: Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung, Union der deutschen Akademien der Wissenschaften (Hrsg.): Reichtum und Armut der deutschen Sprache. Erster Bericht zur Lage der deutschen Sprache. De Gruyter, Berlin/Boston 2013, Seiten 57–119, Bezug: Seite 77, ISBN 978-3-11-033462-3. Von den 13301 Anglizismen sind 12726 (95,68 %) (48190 Token = 91,53 %) Substantive, 307 (2,30 %) (1654 Token = 3,14 %) Adjektive, 255 (1,92 %) (2371 Token = 4,50 %) Verben und 13 (0,10 %) (432 Token = 0,82 %) Adverbien.Peter Eisenberg: Anglizismen im Deutschen. In: Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung, Union der deutschen Akademien der Wissenschaften (Hrsg.): Reichtum und Armut der deutschen Sprache. Erster Bericht zur Lage der deutschen Sprache. De Gruyter, Berlin/Boston 2013, Seiten 57–119, Bezug: Seite 93, ISBN 978-3-11-033462-3. Entwicklung der Anglizismen im Deutschen Angaben dazu, wann welcher Anglizismus ins Deutsche gelangt ist, kann man vor allem aus Herkunftswörterbüchern (= etymologischen Wörterbüchern) gewinnen. Sie haben den Nachteil, dass sie nur einen Kernbestand des Wortschatzes enthalten, und zwar vor allem den Teil, der etymologisch besonders interessant ist. Es stellt sich also die Frage, ob der Trend der Entlehnungen, der in einem solchen Wörterbuch nachweisbar ist, auch für die Gesamtsprache repräsentativ ist. Dies muss man sich bewusst machen; mangels anderer Möglichkeiten bleibt aber nichts anderes übrig, wenn man sich eine Vorstellung von dem Verlauf der Entlehnungen machen will. Eine solche Untersuchung hat Körner am Beispiel von Duden. Das Herkunftswörterbuch 2001Duden. Das Herkunftswörterbuch. Bibliographisches Institut, Mannheim/Leipzig/Wien/Zürich 2001, ISBN 3-411-04073-4. durchgeführt, indem sie alle Entlehnungen erfasste, für die nach Auskunft dieses Wörterbuchs festgestellt werden kann, in welchem Jahrhundert sie aus welcher Sprache ins Deutsche gelangt sind. Speziell für die aus dem Englischen stammenden Entlehnungen kam Körner zu folgendem Ergebnis: Jahrhundert Zahl der beobachteten Entlehnungen Entlehnungen aufsummiert11. 1 112. 0 113. 0 114. 0 115. 0 116. 2 317. 10 1318. 60 7319. 143 21620. 303 519 Das Wörterbuch enthält 16781 datierbare Stichwörter, darunter 5244 Entlehnungen (Lehnwörter und Fremdwörter). Unter den Entlehnungen sind 519 datierbare Anglizismen. Man sieht, dass diese Entlehnungen aus dem Englischen erst recht spät einsetzen und dann aber eine erhebliche Dynamik entwickeln. Im 20. Jahrhundert erreichen die Anglizismen 3,1 % des gesamten erhobenen Wortschatzes beziehungsweise 9,9 % der Entlehnungen.Helle Körner: Zur Entwicklung des deutschen (Lehn-)Wortschatzes. In: Glottometrics 7, 2004, Seite 25–49 (PDF Volltext). Tabelle für die Anglizismen Seite 36; weitere Angaben 29f. Der Prozess verläuft wie bei den Entlehnungen aus anderen Sprachen auch gesetzmäßig nach den Piotrowski-Gesetz. Körners Beitrag enthält ähnliche Tabellen zur Entwicklung des Gesamtwortschatzes und der Entlehnungen aus dem Lateinischen, Französischen, Niederdeutschen, Italienischen, Griechischen, Niederländischen, Slawischen, Spanischen und Rotwelschen. Weitere Auswertungen ganzer etymologischer Wörterbücher: Karl-Heinz Best, Gabriel Altmann: Untersuchungen zur Gesetzmäßigkeit von Entlehnungsprozessen im Deutschen. In: Folia Linguistica Historica 7, 1986, Seite 31–41, zu Duden. Etymologie 1963 und Katharina Ternes: Entwicklungen im deutschen Wortschatz. In: Glottometrics 21, 2011, Seite 25–53 (PDF Volltext), zu Kluge. Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 24. Auflage 2002. Statt die Übernahme von Anglizismen im Deutschen generell zu untersuchen, kann man sich auch auf ihre Ausbreitung in speziellen Bereichen, etwa in bestimmten Presseorganen, konzentrieren. So hat Müller-Hasemann die Zunahme der Anglizismen in der Zeitschrift Der Spiegel für die Zeit 1947–1979 und in den Quelle-Katalogen vom Sommer 1966 – Winter 1980/1981 erhoben.Wolfgang Müller-Hasemann: Das Eindringen englischer Wörter ins Deutsche ab 1945, in: Karl-Heinz Best, Jörg Kohlhase (Herausgeber): Exakte Sprachwandelforschung. Theoretische Beiträge, statistische Analysen und Arbeitsberichte. edition herodot, Göttingen 1983, ISBN 3-88694-024-1, Seite 143–160. Eine ähnliche Untersuchung hat Gnatchuk am Beispiel der österreichischen KLEINE ZEITUNG durchgeführt und konnte wie schon Müller-Hasemann zeigen, dass auch in diesem Fall der Übernahmeprozess dem Piotrowski-Gesetz entspricht.Hanna Gnatchuk: Anglicisms in the Austrian Newspaper KLEINE ZEITUNG, in: Glottometrics 31, 2015, S. 38–49; zum Piotrowski-Gesetz: Tabelle 3, S. 42–43 (PDF Volltext). Anpassung an deutsche Sprachgewohnheiten Besonders schon vor längerer Zeit entlehnte Wörter haben eine Anpassung der Schreibweise erfahren, etwa Keks gegenüber älterem Cakes. Bei vor allem über den schriftlichen Verkehr übernommenen Anglizismen kann sich die Aussprache bei gleichbleibendem Schriftbild nach deutschen Aussprachegewohnheiten richten; so wird Jute heute im Deutschen gewöhnlich [] ausgesprochen, während ältere Wörterbücher noch die Aussprache [] verzeichnen. Kritik und Kontroversen Werden die englischen Einflüsse nicht allgemein akzeptiert, etwa weil sie auf einen Jargon oder die Jugendsprache beschränkt sind, spricht man von Neudeutsch oder abwertend von Denglisch. Eine repräsentative Umfrage über die Verständlichkeit von zwölf gebräuchlichen englischen Werbeslogans für deutsche Kunden ergab im Jahr 2003, dass einige der Slogans von weniger als 10 % der Befragten verstanden wurden. Acht der zwölf untersuchten Unternehmen hätten ihre Werbeslogans seitdem geändert. 2008 störten sich in einer Umfrage der Gesellschaft für deutsche Sprache 39 % der Befragten an Lehnwörtern aus dem Englischen. Die Ablehnung war in den Bevölkerungsgruppen am größten, die Englisch weder sprechen noch verstehen konnten (58 % Ablehnung bei der Gruppe der über 59-Jährigen, 46 % Ablehnung bei ostdeutschen Umfrageteilnehmern).Studie der Gesellschaft für deutsche Sprache, Mitunter wird auch eine unzureichende Kenntnis der englischen Sprache für die Vermischung und den Ersatz bestehender Worte durch Scheinanglizismen verantwortlich gemacht. So sprechen einer Studie der GfK zufolge nur 2,1 Prozent der deutschen Arbeitnehmer verhandlungssicher Englisch. In der Gruppe der unter 30-Jährigen bewerten jedoch über 54 Prozent ihre Englischkenntnisse als gut bis exzellent.Deutsche sprechen schlecht Englisch: Studie der GfK, Die Zeit, 18. Juni 2013 Für bessere Sprachkenntnisse könne demzufolge effizienterer Englischunterricht beitragen und statt der Ton-Synchronisation von Filmen und Serien solle eine Untertitelung der englischsprachigen Originale mit deutschem Text erfolgen. Dies würde zugleich zu einer besseren Abgrenzung zwischen den Sprachen und einer Wahrung deutscher Sprachqualität beitragen.Sprachen lernen: Fernsehen auf Englisch, Die Zeit, 9. April 2014 Im Dezember 2014 forderte der Europapolitiker Alexander Graf Lambsdorff, neben Deutsch die englische Sprache als Verwaltungs- und später als Amtssprache in Deutschland zuzulassen, um die Bedingungen für qualifizierte Zuwanderer zu verbessern, den Fachkräftemangel abzuwenden und InvestitionenBerliner Behörden machen es internationalen Start-ups nicht leicht, Tagesspiegel, 2. April 2014 zu erleichtern.Englisch muss unsere Verwaltungssprache werden, Die Welt, Kommentar von Alexander Graf Lambsdorff, 15. Dezember 2014. Einer repräsentativen YouGov-Umfrage zufolge würden es 59 Prozent der Deutschen begrüßen, wenn die englische Sprache in der gesamten Europäischen Union den Status einer Amtssprache erlangen würde.Umfrage: Mehrheit der Deutschen für Englisch als zweite Amtssprache, YouGov Meinungsforschungsinstitut, 9. August 2013. Ähnliche Kritik wie gegenüber den Anglizismen traf bereits ab Ende des 19. Jahrhunderts die aus dem Französischen, Lateinischen oder Griechischen stammenden Begriffe. Vereine wie der Allgemeine Deutsche Sprachverein versuchten im Rahmen des deutschen Sprachpurismus, diese Begriffe durch deutsche zu ersetzen. So sind französische, lateinische oder griechische Fremdwörter durch deutsche Wortschöpfungen ersetzt worden, z. B. Fahrkarte für Billet, Abteil für Coupé und Bahnsteig für Perron. Im Postwesen wurden auf Geheiß Bismarcks vom Generalpostmeister Heinrich von Stephan über 700 französischsprachige Begriffe durch deutsche Neuschöpfungen ersetzt. Zwar war die damalige Öffentlichkeit empört und man verhöhnte ihn als »Generalsprachmeister«Ludwig Reiners: Stilkunst. Ein Lehrbuch deutscher Prosa, 2. Auflage. C.H.Beck, München 2004, S. 391, ISBN 3-406-34985-4., trotzdem sind Begriffe wie eingeschrieben, postlagernd und Empfangsschein heute in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen und ersetzen die Fremdwörter rekommandiert, poste restante und Rezepisse. Viele Unternehmen setzen Anglizismen in Stellenangeboten bzw. -beschreibungen ein. Kritiker vermuten, dass weniger attraktive Stellen dadurch aufgewertet werden sollen. Häufig verwendete Begriffe sind Area-Manager (weniger als der klassische Abteilungsleiter), Facility-Manager (Hausmeister), Key Account Manager (Betreuer wichtiger Kunden) oder Case Manager (ein Fallbearbeiter, siehe Fallmanagement). Um diese Entwicklung zu karikieren, wird gelegentlich der Euphemismus WC-Manager (Klomann/-frau) genannt. In Frankreich stoßen Lehnwörter und Anglizismen noch stärker auf Kritik und sollen auch durch gesetzgeberische Maßnahmen wie die Loi Toubon eingedämmt werden. Eine aktive Sprachpolitik, wie sie unter anderem in Frankreich und Island betrieben wird, um eine Anreicherung der Sprache mit Anglizismen zu unterbinden, findet in Deutschland seit Mitte des 20. Jahrhunderts nicht mehr statt. Der Sprachwissenschaftler Rudolf Hoberg sah 2013 keine Bedrohung durch Anglizismen. Die deutsche Sprache habe schon immer englische Ausdrücke aufgenommen: „Nach der letzten Duden-Ausgabe haben wir etwa 3,5 Prozent Anglizismen, aber 20 Prozent andere Fremdwörter, über die sich die Leute meistens gar nicht aufregen.“ Ebenso lehnt er gesetzliche Regelungen wie Sprachquoten in Frankreich oder Verfassungsänderungen wie in Österreich ab, die keine Erfolge zeigten.„Deutsche Sprache ist nicht von Anglizismen bedroht.“ RP online vom 5. Oktober 2013 Der Germanist Karl-Heinz Göttert nannte die Aufregung über Anglizismen „komisch“: „Sie machen weniger als zwei Prozent des deutschen Wörterschatzes aus. Da gab und gibt es ganz andere Fremdwortschwemmen. Das Englische selbst hat im Mittelalter ein Drittel aus dem Französischen entlehnt. Und die japanische Sprache hat aus dem Chinesischen 50 Prozent übernommen.“ Sie seien „ein Beweis dafür, dass Nehmersprachen kreativ und nicht knechtisch mit dem Einfluss der Gebersprachen umgehen“. Er wandte sich gegen eine „Leitkultur“ und kritisierte den Sprachpurismus mit den Worten: „Schon Jakob Grimm hat sich deshalb gegen den ärgerlichen Purismus gewendet. Es wäre besser, der Verein Deutsche Sprache würde sich auf die Grimm'sche Tradition besinnen, statt einen Grimm-Preis für Verdienste beim Anglizismen-Kampf zu vergeben.“Sprachforscher Göttert: „Das Wort Blockbuster finde ich geschmacklos.“ Spiegel Online vom 21. November 2013 Auch rechtsextreme Organisationen wie die NPD stören sich oft an Anglizismen und versuchen beispielsweise das nicht allgemein anerkannte Wort „Weltnetz“ statt „Internet“ zu etablieren., NPD-Blog, 7. März 2007Den Extremisten auf der Spur. Die Welt, 23. August 2000 Anglizismen in anderen Sprachen Auch ins Russische wurden viele Anglizismen übernommen, wie man der Untersuchung von StuhlpfarrerMichael Stuhlpfarrer: Anglizismen im Russischen. In: Glottotheory 3/1, 2010, 97–109, Tabelle 102–103. entnehmen kann, in der er die Daten, die aus zwei Wörterbüchern für die Zeit von 1980 bis 2004 gewonnen wurden, präsentiert: Jahr Zahl der beobachteten Entlehnungen Entlehnungen aufsummiert1980 10 101981 4 141982 5 191983 8 271984 9 361985 7 431986 11 541987 20 741988 7 811989 8 891990 13 1021991 17 1191992 13 1321993 19 1511994 21 1721995 23 1951996 65 2601997 89 3491998 25 3741999 31 4052000 28 4332001 30 4632002 35 4982003 34 5322004 17 549. Es wurden also für die Jahre 1980–2004 insgesamt 549 datierbare Übernahmen von Anglizismen ins Russische (Erstvorkommen) beobachtet. Wie schon im Falle der Entlehnungen ins Deutsche folgt auch dieser Prozess dem Piotrowski-Gesetz (Stuhlpfarrer, 104.). Kulturpolitische Diskussion Die Entwicklung des Englischen zur lingua franca im 20. Jahrhundert beeinflusst die meisten Sprachen der Welt. Mitunter werden einzelne Wörter ersetzt oder bei Neuerscheinungen ohne eigene Übersetzung übernommen. Diese Entwicklung wird vor allem dann skeptisch betrachtet, wenn es genügend Synonyme in der Landessprache gibt. Kritiker merken auch an, es handle sich häufig (beispielsweise bei Handy im Deutschen) um Scheinanglizismen. In Frankreich gab es eine kulturpolitische Diskussion, die 1994 in ein „Gesetz betreffend den Gebrauch der französischen Sprache“ (Loi Toubon) führte. Siehe auch Internationalismus (Sprache) Gallizismus Germanismus Literatur Broder Carstensen, Ulrich Busse: Anglizismen-Wörterbuch: der Einfluss des Englischen auf den deutschen Wortschatz nach 1945. De Gruyter, Berlin / New York, NY 2001, ISBN 3-11-012854-3. Peter Eisenberg: Anglizismen im Deutschen. In: Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung, Union der deutschen Akademien der Wissenschaften (Hrsg.): Reichtum und Armut der deutschen Sprache. Erster Bericht zur Lage der deutschen Sprache. De Gruyter, Berlin / Boston, MA 2013, Seiten 57–119, ISBN 978-3-11-033462-3. Sabine Fiedler: „Gläserne Decke“ und „Elefant im Raum“ – Phraseologische Anglizismen im Deutschen. Logos, Berlin 2014. Sabine Fiedler: „Phraseological borrowing from English into German: Cultural and pragmatic implications“, in: Journal of Pragmatics 113 (2017), S. 89–102. Cristiano Furiassi und Henrik Gottlieb (Hrsg.): Pseudo-English – Studies on False Anglicisms in Europe. 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History and Typology of Language Systems, Universitätsverlag, Heidelberg 2011, S. 377-385, ISBN 978-3-8253-5879-2. Rudolf Muhr: Anglizismus. In: Gert Ueding (Hrsg.): Historisches Wörterbuch der Rhetorik. WBG, Darmstadt 1992ff, Band 10 (2011), Sp. 37–45. Nicole Plümer: Anglizismus – Purismus – Sprachliche Identität. Eine Untersuchung zu den Anglizismen in der deutschen und französischen Mediensprache. Peter Lang, Frankfurt am Main 2000, ISBN 3-631-36075-4 (Dissertation Uni Münster (Westfalen), philosophische Fakultät, 1999). Peter Schlobinski: Anglizismen im Internet. in: Networx, Nr. 14, 2000, Online (PDF; kostenlos, 28 Seiten, 983 kB). Jan Georg Schneider: Von free-floatendem Kapital, Hardlinern und Instructions. Linguistische Anmerkungen zur populären Anglizismenkritik. In: Verein Lingua et opinio e. V. (LeO) (Hrsg.): Studentische Zeitschrift für Sprache und Kommunikation. 19. Dezember 2006 online. Wolfgang Schweickard: Glanz und Elend der Sprachpflege: der Umgang mit Anglizismen in Frankreich, Italien und Deutschland, in: Wolfgang Dahmen u. a. (Hrsg.): Englisch und Romanisch. Romanistisches Kolloquium XVIII, (= Tübinger Beiträge zur Linguistik, Band 486), Narr, Tübingen 2005, S. 177–191, ISBN 978-3-8233-6133-6. Jürgen Spitzmüller: Metasprachdiskurse: Einstellungen zu Anglizismen und ihre wissenschaftliche Rezeption. De Gruyter, Berlin/New York 2005, ISBN 978-3-11-018458-7. Stefan Zenklusen: Leitsprache Anglotumbdeutsch. In: (ders.): Im Archipel Coolag. wvb, Berlin 2006, ISBN 3-86573-164-3; gekürzt in: Zeitschrift für kritische Theorie, Nr. 26/27, Jahrgang 2008, S. 191f, ISBN 978-3-86674-034-1 / . Weblinks Fehlende Sprachloyalität? Tatsachen und Anmerkungen zur jüngsten Entwicklung des öffentlichen Sprachbewusstseins in Deutschland Linguistische Anmerkungen zu einer populären Anglizismen-Kritik (PDF; 190 kB), Thomas Niehr, Heinrich-Heine-Universität, Düsseldorf 2002. Anglizismen sind das neue Imponier-Deutsch (zeit.de 2011) Infoportal zu Gebrauch, Einfluss und Kritik (private Seite) Einzelnachweise Kategorie:Quantitative Linguistik Kategorie:Sprachkritik Kategorie:Englische Sprache Kategorie:Lehnwort
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wikipedia
25,514
9dbaefe6-fb8f-41b6-9010-2ab2294d7917
Afroasiatische Sprachen
mini|350px|Das Gebiet der afroasiatischen Sprachen ist auf der Karte in Gelb eingefärbt Die afroasiatischen Sprachen (traditionell als semito-hamitisch oder hamito-semitisch bezeichnet) bilden eine Sprachfamilie, die in Nord- und Ostafrika sowie in Vorderasien verbreitet ist. Das Afroasiatische besteht aus sechs Zweigen: dem Ägyptischen, Berberischen, Semitischen, Kuschitischen, Omotischen und dem Tschadischen. Sie umfassen insgesamt etwa 350 Sprachen mit etwa 350 Millionen Sprechern. Etwa 40 der ursprünglich bekannten Sprachen sind heute ausgestorben. Das Afroasiatische ist auch eine der vier großen Familien (Phyla) afrikanischer Sprachen, deren Identifizierung Joseph Greenberg in seinen Arbeiten von 1949 bis 1963 etabliert hat und die heute die Basis aller linguistischen Klassifikationen in Afrika bildet. Das Gebiet der (rezenten) Sprachfamilie der afroasiatischen Sprachen grenzt im Süden an die Sprachfamilien der Niger-Kongo- und nilosaharanischen Sprachen und im Nordosten an den Sprachraum der indoeuropäischen Sprachen und der Turksprachen. Bezeichnung Joseph Greenberg führte die Bezeichnung „Afroasiatisch“ (auch „Afro-Asiatisch“) für die Sprachfamilie ein. Sie hat die ältere Benennung „Hamito-Semitisch“ vielfach abgelöst. Diese scheint insofern irreführend, als sie eine Zweiteilung in „semitische“ und „hamitische“ Sprachen suggeriert und im Zusammenhang mit der Hamitentheorie als rassistisch konnotiert empfunden werden kann. Als weitere Benennungen wurden Afrasisch (Igor M. Diakonoff), Lisramisch (Carleton T. Hodge) und Erythräisch (Leo Reinisch) vorgeschlagen; diese Termini haben jedoch, mit Ausnahme von Afrasisch, kaum Anhänger gefunden (Erythräisch ist in diesem Zusammenhang nicht mit der Bezeichnung einer von Christopher Ehret vorgeschlagenen hypothetischen Untergruppe des Afroasiatischen zu verwechseln). Die ältere, früher weit verbreitete Bezeichnung als hamito-semitisch geht auf die Völkertafel der Bibel zurück, die die Söhne Hams und Sems im hier gemeinten Sprachgebiet verortet. Die Begriffe sind nicht ethnisch gemeint und gruppieren die Sprachen in zwei differierende Zonen: Tatsächlich sind einerseits Koptisch und Berberisch in Nordafrika einander ähnlicher als beispielsweise Koptisch und die semitischen Sprachen Hebräisch, Arabisch, Aramäisch; andererseits weisen die semitischen Sprachen untereinander ein engeres Verwandtschaftsverhältnis auf, das sie von den nordafrikanischen Sprachen abhebt. Auch wenn Hamitisch als Bezeichnung für die offenbar auf afrikanischem Boden entstandenen „afroasiatischen“ Sprachen heute außer Gebrauch kommt, bleibt die Bezeichnung Semitisch weiterhin üblich. Primärzweige, Gliederung und geografische Ausbreitung mini|hochkant=1.3|Karte der afroasiatischen Sprachen Man unterscheidet heute in der Regel folgende fünf oder sechs Primärzweige des Afroasiatischen, wobei besonders die Zugehörigkeit des Omotischen umstritten ist:Sprecherzahlen gemäß Ernst Kausen: Die Klassifikation der afroasiatischen Sprachen. Afroasiatisch > ungefähr 354 Sprachen, davon 43 ausgestorben, 347 Mio. Sprecher: Nordafrika, Vorderasien Ägyptisch-Koptisch † > 1 Sprache, ausgestorben: Ägypten Berberisch > ungefähr 24 Sprachen, davon 5 ausgestorben, 40 Mio. Sprecher: Nordwestafrika Semitisch > ungefähr 62 Sprachen, davon 28 ausgestorben, 261 Mio. Sprecher: Nordafrika, Vorderasien, Malta, Äthiopien Kuschitisch > ungefähr 47 Sprachen, davon 2 ausgestorben, 38 Mio. Sprecher: Nordostafrika Tschadisch > ungefähr 193 Sprachen, davon 7 ausgestorben, 31 Mio. Sprecher: Südwest-Tschad, Süd-Niger, Nord-Nigeria Omotisch > ungefähr 27 Sprachen, 4 Mio. Sprecher: Äthiopien, Sudan Die genaue Zahl der Sprachen ist kaum abschließend zu bestimmen, weil oft unklar ist, was Dialekt einer bestimmten Sprache ist und was eigenständige Sprache. Die folgenden Beispiele illustrieren die Beziehungen der afroasiatischen Sprachen untereinander sowohl im lexikalischen wie im morphologischen Bereich, wobei besonders bestimmte Verbflexionen („Präformativkonjugation“) einander sehr ähnlich sind (siehe hier die letzten drei Beispiele unten), so sehr, dass es kaum eine andere Erklärung für die Übereinstimmungen zwischen dem Semitischen, Berberischen und Kuschitischen gibt als eine gemeinsame Ursprache. Die Verwandtschaft dieser drei mit dem Ägyptischen und dem Tschadischen ist weniger offensichtlich und wurde auch schon angezweifelt, eine Verwandtschaft mit dem Omotischen ist stark umstritten. (Grund-)BedeutungBerberischSemitischÄgyptischKuschitischTschadischOmotisch„Zunge“ Kabylisch iləs Arabisch lisān () *lés   Bole lisìm Dime lits'- („lecken“)„Wasser“ Kabylisch aman Arabisch māʾ () *máw Dahalo maʔa Bole àmma Mocha amiyo („regnen“)„er“ Kabylisch -s Akkadisch -šu sw Somali isa- Hausa shi Dizi iz-n„zwei“ Kabylisch sin Arabisch ʾiṯn-āni () *sinéwwVj      „du (m.) stirbst“ Tuareg tə-mmut Arabisch ta-mūtu ()   Rendille ta-mut Hausa ka mutù*  „er stirbt“ Tuareg yə-mmut Arabisch ya-mūtu ()   Rendille ya-mut Hausa ya mutù*  „wir sterben“ Tuareg nə-mmut Arabisch na-mūtu ()   Rendille na-mut    * vorangestellt: rekonstruiert, nachgestellt: Vergangenheitsform Die in Äthiopien gesprochene Sprache Ongota (Birale) gehört möglicherweise auch zur afroasiatischen Familie und etabliert nach H. Fleming einen unabhängigen weiteren Zweig.Harold C. Fleming: Ongota: A Decisive Language in African Prehistory. Harrassowitz, Wiesbaden 2006, ISBN 3-447-05124-8. Einige Wissenschaftler halten das Kuschitische nicht für eine genetische Einheit, sondern nehmen an, dass es aus zwei oder mehr direkt dem Afroasiatischen untergeordneten Primärzweigen besteht. Die früher vorgenommene Teilung in semitische und hamitische Sprachen wird heute nicht mehr vertreten (dazu siehe den Artikel afrikanische Sprachen). Es existieren mehrere Vorstellungen darüber, in welcher Reihenfolge und wann sich die einzelnen Primärzweige vom Proto-Afroasiatischen abspalteten. Ein linguistisch begründetes Szenario liefert Ehret 1995. Danach hat sich zuerst – vor mindestens 10.000 Jahren – der omotische Zweig vom Kern getrennt (dies wird heute nahezu von allen Forschern so gesehen, während die weiteren Stufen durchaus umstritten sind). Als nächste Zweige spalteten sich das Kuschitische und Tschadische ab, die Trennung des Restes (von Ehret Boreafrasisch genannt) in Ägyptisch, Berberisch und Semitisch erfolgte zuletzt. Es ist nach heutigem Kenntnisstand nicht möglich, eine auch nur annähernde absolute Chronologie dieser Abspaltungen anzugeben. Nach dem Modell von Ehret ergibt sich folgender „dynamischer“ Stammbaum des Afroasiatischen: Stammbaum und interne Gliederung des Afroasiatischen (nach Ehret 1995) Afroasiatisch Omotisch Erythräisch Kuschitisch Nord-Erythräisch Tschadisch Boreafrasisch Ägyptisch Berberisch Semitisch Der von Ehret hier eingeführte Name Erythräisch (für Afroasiatisch ohne Omotisch) wurde von anderen Forschern für die gesamte afroasiatische Sprachfamilie verwendet, er konnte sich aber nicht gegen Afroasiatisch durchsetzen. Ägyptisch Das Ägyptische stellt eine Ausnahme unter den afroasiatischen Primärzweigen dar, da es aus nur einer einzigen Sprache besteht, die eine lückenlose Überlieferung über fast fünf Jahrtausende aufweist. Seine letzte Stufe, das Koptische, starb in der frühen Neuzeit als Alltagssprache aus, wobei es aus religiösen Anlässen der christlichen Kopten noch heute als Liturgiesprache verwendet wird. Das Ausbreitungsgebiet des Ägyptischen umfasste in historischer Zeit kaum mehr als das nördliche Drittel des Niltales, im 3. Jahrtausend v. Chr. wurde jedoch möglicherweise auch in der ägyptischen Westwüste ein dem Ägyptischen nahe verwandtes Idiom gesprochen, von dem sich einzelne Personennamen in ägyptischer Überlieferung finden.Gerhard Fecht: Die Ḥ3.tjw-ˁ von Ṯḥnw, eine ägyptische Völkerschaft in der Westwüste. In: Zeitschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft. Band 106, Heft 1 1956 (= Neue Folge. Band 31). Steiner, Wiesbaden 1956, S. 37–60. Bestritten von: Durch seine lange Überlieferungsdauer ist das Ägyptische von besonderem sprachwissenschaftlichem Interesse, jedoch fehlen ihm trotz der frühen Überlieferung einige grundlegende morphologische und möglicherweise auch phonologische Eigenschaften des Afroasiatischen. Berberisch mini|Stopp-Zeichen in arabischer Schrift qif (oben) und Berberschrift bedd (unten) in Marokko Die Berbersprachen wurden vor der Expansion des Islam und der damit verbundenen Ausbreitung des Arabischen beinahe in der gesamten Sahara gesprochen. Das heutige Hauptverbreitungsgebiet liegt in den Staaten Niger, Mali, Algerien, Marokko, Tunesien und im westlichen Libyen; kleine Sprachinseln haben sich auch im Nordosten der Sahara in Oasen wie Augila (Libyen) und Siwa (Ägypten) sowie im westlichen Mauretanien gehalten. Im Gegensatz zu den anderen Zweigen des Afroasiatischen (außer dem Ägyptischen) sind die Berbersprachen untereinander nahe verwandt und gehören fast vollständig zu zwei Dialektkontinua. Die bekanntesten Berbersprachen sind Kabylisch, Zentralatlas-Tamazight, Taschelhit, Tarifit sowie das Tuareg. Meistens wird auch die kaum bekannte libysche Sprache in aus den letzten vorchristlichen Jahrhunderten stammenden Inschriften in Algerien, Tunesien und Marokko zum Berberischen gerechnet. Ebenso dürfte auch das bis ins 17. Jahrhundert auf den kanarischen Inseln gesprochene Guanche eine Berbersprache gewesen sein. Semitisch Das Semitische ist heute mit etwa 260 Millionen Sprechern die sprecherreichste afroasiatische Sprachfamilie und wird in Vorderasien, am Horn von Afrika und weiten Teilen Nordafrikas sowie auf Malta gesprochen, wobei der größte Anteil der Sprecher auf das Arabische entfällt. Einer Überlegung nach wird angenommen, dass die Urheimat der semitischen Sprachen auf der Arabischen Halbinsel lag und sich die Sprachfamilie erst durch die südarabischen Expansionen nach Äthiopien und später durch die arabischen Expansionen über Ägypten und Nordafrika und zeitweise bis nach Spanien ausbreitete. Andere verorten die Urheimat für die semitische Protosprache im nordöstlichen Afrika.Edward Lipiński: Semitic Languages: Outline of a Comparative Grammar. 2. Auflage. Leuven 2001. Das Semitische wird allgemein in zwei Zweige aufgeteilt, wobei einen das ausgestorbene Akkadische bildet, das für die Rekonstruktion des Proto-Semitischen und damit auch der afroasiatischen Protosprache von besonderem Interesse ist. Auf den anderen, westlichen, Zweig entfallen die zentralsemitischen Sprachen wie Aramäisch, Hebräisch, Arabisch und Altsüdarabisch, die äthiosemitischen Sprachen wie Altäthiopisch und die neusüdarabischen Sprachen. Kuschitisch Die kuschitischen Sprachen werden in Ostafrika in den heutigen Staaten Sudan, Eritrea, Äthiopien, Somalia, Kenia, Uganda und dem nördlichen Tansania gesprochen. Die Einheit der kuschitischen Sprachen ist nicht unumstritten, da die einzelnen Zweige sich wesentlich unterscheiden; insbesondere die Zugehörigkeit des Bedscha wird diskutiert. Im Allgemeinen werden die folgenden Zweige unterschieden: Nordkuschitisch: umfasst nur das Bedscha (ca. 1,2 Millionen) Zentralkuschitisch/Agaw: Bilen, Quara u. a. (zusammen ca. 585.000) Ostkuschitisch (ca. 35,4 Millionen) Hochlandostkuschitisch: Sidama, Kambaata u. a. (zusammen ca. 4,5 Millionen) Tieflandostkuschitisch Saho-Afar (ca. 1,8 Millionen) Oromoid: Oromo, Konso (zusammen ca. 35 Millionen) Omo-Tana: Rendille, Somali, Arbore u. a. (zusammen ca. 11,2 Millionen) Dullay (zusammen ca. 52.000) Südkuschitisch: Iraqw, Dahalo u. a. (zusammen ca. 483.000) Omotisch Die omotischen Sprachen werden von etwa 4 Millionen Sprechern nordöstlich des Turkanasees im südlichen Äthiopien gesprochen. Sie wurden zunächst für einen Zweig des Kuschitischen gehalten, inzwischen ist die von Harold Fleming begründete Abgliederung weitestgehend anerkannt. Die omotischen Sprachen sind schlechter erforscht als die Vertreter der anderen Zweige, dennoch kann bereits jetzt gesagt werden, dass sie in ihrer Struktur stark von den anderen afroasiatischen Primärzweigen abweichen. Die folgende Gliederung ist, von Einzelheiten abgesehen, allgemein anerkannt: Südomotisch: Dime, Aari u. a. (zusammen ca. 212.000) Nordomotisch (ca. 3,7 Millionen) Dizoid: Dizi u. a. (zusammen ca. 53.000) Gonga-Gimojan/Ta-Ne Gonga: Kaffa, Mocha u. a. (zusammen ca. 85.000) Gimojan Yem (ca. 80.000) Gimira: Bench u. a. (zusammen ca. 185.000) Chara (ca. 7.000) Ometo: Wolaytta u. a. (ca. 2,7 Millionen) Mao (ca. 11.000) Tschadisch Die tschadischen Sprachen werden rund um den namensgebenden Tschadsee, hauptsächlich im Tschad, Niger und in Nigeria, gesprochen. Die bei weitem bekannteste und bedeutendste tschadische Sprache ist das Hausa, das in einem großen Gebiet um den Tschadsee als Lingua franca dient. Das Tschadische wird in vier Zweige aufgeteilt: Westtschadisch: Hausa, Bole, Bade u. a. (zusammen ca. 27 Millionen) Biu-Mandara: Kamwe, Buduma u. a. (zusammen ca. 2,9 Millionen) Osttschadisch: Kera, Nancere u. a. (zusammen ca. 500.000) Masa: Masana, Musey u. a. (zusammen ca. 650.000) Forschungs- und Klassifikationsgeschichte Die Verwandtschaft der semitischen Sprachen untereinander war Juden und Muslimen im Orient und Spanien schon lange bekannt, im christlichen Europa erkannte dies erstmals Guillaume Postel im Jahre 1538. Durch die wissenschaftliche Erforschung afrikanischer Sprachen in Europa, die in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts einsetzte, wurde bald die Verwandtschaft weiterer Sprachen mit dem Semitischen erkannt. So rechnete Hiob Ludolf 1700 die äthiopischen Sprachen Altäthiopisch und Amharisch erstmals zum Semitischen, bald darauf fielen auch Ähnlichkeiten mit dem Koptischen und – nach der Entzifferung der Hieroglyphen – dem antiken Ägyptisch auf. 1781 führte August Ludwig von Schlözer den Begriff semitische Sprachen ein, in Anlehnung daran prägte Johann Ludwig Krapf 1850 die Bezeichnung hamitische Sprachen zunächst für die nicht-semitischen schwarzafrikanischen Sprachen. 1877 fügte Friedrich Müller dieser Gruppe die afroasiatischen Berber- und Kuschitensprachen zu, während das ebenfalls afroasiatische Tschadisch unberücksichtigt blieb. Gleichzeitig fasste er bestimmte hamitische Sprachen und die semitischen Sprachen zum Hamito-Semitischen zusammen. Eine Neudefinition erfuhr der Begriff der hamitischen Sprachen durch Karl Richard Lepsius, der nun die flektierenden Sprachen Afrikas mit Genussystem unter dieser Bezeichnung zusammenfasste. Damit hatte Lepsius schon die wesentliche Masse der nichtsemitischen afroasiatischen Sprachen erfasst, jedoch erweiterte er diese Gruppe 1888 um einige nichtafroasiatische Sprachen, ebenso benutzte auch Carl Meinhof in seinem 1912 erschienenen Werk Die Sprachen der Hamiten hamitisch in einem sehr weiten Rahmen. In der Folgezeit wurde der hamito-semitische Sprachstamm um einige Sprachen reduziert und entsprach in den Grundzügen der heutigen Klassifikation. Strittig blieb jedoch die Zugehörigkeit der tschadischen Sprachen, die erst in den 1950er Jahren von Joseph Greenberg endgültig etabliert wurde. Gleichzeitig prägte er den Begriff afroasiatisch als Ersatz für den eine ungerechtfertigte Aufteilung in hamitische und semitische Sprachen implizierenden Begriff hamito-semitisch, welcher auf die Hamitentheorie Bezug nahm. Die heutige Form erhielt die Klassifikation des Afroasiatischen 1969 durch Harold Flemings Ausgliederung einiger äthiopischer Sprachen aus der kuschitischen Familie, die von da an als Omotisch einen eigenen Primärzweig des Afroasiatischen bildeten. Protosprache und Urheimat Die Rekonstruktion der afroasiatischen Protosprache gestaltet sich aufgrund der kurzen Überlieferungsgeschichte der meisten Zweige und der teilweise gravierenden Unterschiede zwischen den einzelnen Hauptzweigen sowohl im Bereich der Grammatik als auch im lexikalischen Bereich wesentlich schwieriger als z. B. die Rekonstruktion des Proto-Indogermanischen. Diese gravierenden Unterschiede lassen sich auf die verhältnismäßig große Zeittiefe des Proto-Afroasiatischen zurückführen, nach glottochronologischen Untersuchungen soll das Proto-Afroasiatische um 10.000–9.000 v. Chr. gesprochen worden sein.Orel-Stolbova 1995, S. 9; A. Militarev: Sovremennoe sravnitel'no-istoricheskoe afrazijskoe jazykoznanie: chto ono mozhet dat' istoricheskoj nauke? In: Lingvisticheskaja rekonstrukcija i drevnejshaja istorija Vostoka. Teil 3, Moskau 1984, S. 3–26, 44–50. Die Lage der Urheimat ist umstritten, da jedoch die Mehrzahl der afroasiatischen Sprachen in Nordafrika beheimatet ist, liegt eine Herkunft aus Nordafrika nahe. Besonders die nordöstliche Sahara oder das heutige nördliche Libyen werden favorisiert.J. Zarins: Early Pastoral Nomadism and the Settlement of Lower Mesopotamia. In: Bulletin of the American Schools of Oriental Research. 1990. Aufgrund lexikalischer Übereinstimmungen des Afroasiatischen mit dem Indogermanischen, den kaukasischen Sprachen und dem Sumerischen sowie der kulturellen Stellung des rekonstruierten proto-afroasiatischen Vokabulars vertreten einige Wissenschaftler wie z. B. Alexander Militarev dagegen eine Urheimat in der Levante. Verschriftlichung und früheste Belege Die früheste durch Schriftquellen belegte afroasiatische Sprache ist das Alt- bzw. – genauer – Frühägyptische, dessen älteste Zeugnisse bis zum Ende des vierten vorchristlichen Jahrtausends zurückreichen. Einige Jahrhunderte später setzt die Überlieferung des Semitischen, zunächst des Akkadischen und im zweiten Jahrtausend v. Chr. westsemitischer Idiome ein. Die aus den Jahrhunderten vor Christi Geburt stammenden libyschen Inschriften aus Nordafrika werden zwar allgemein zum Berberischen gerechnet, sind aber bislang unverständlich; die frühesten Belege für das Kuschitische, Tschadische und Omotische finden sich sogar erst im Mittelalter bzw. der Neuzeit. Nur ein kleiner Teil der zahllosen tschadischen, kuschitischen und omotischen Sprachen ist heute zu Schriftsprachen geworden, unter diesen befinden sich Sprachen wie das Somali, das Hausa und das Oromo. Die Transkription von Worten aus afroasiatischen Sprachen folgt in diesem Artikel im Wesentlichen den in der entsprechenden Fachliteratur üblichen Konventionen. Aufgrund der Unterschiede zwischen Konventionen in Semitistik, Ägyptologie und Afrikanistik ist die Umschrift daher nicht für alle Sprachen einheitlich. Phonologie Konsonanten Das Konsonantensystem des Proto-Afroasiatischen wird übereinstimmend mit etwa 33/34 PhonemenInsbesondere: Ehret 1995 und Orel, Stolbova 1995. und teilweise auch velarisierten, palatalisierten und sonstigen Varianten rekonstruiert. Die Lautkorrespondenzen der Hauptzweige untereinander sind jedoch in zahlreichen Fällen unsicher, besonders gravierend sind die Meinungsverschiedenheiten hinsichtlich des Ägyptischen, die sich stark auf die innerägyptologische Diskussion auswirken. Beispielsweise ist umstritten, ob das Ägyptische emphatische Konsonanten aufwies und ob das ägyptische Phonem ʿ, das spätestens seit dem 2. Jahrtausend v. Chr. den Lautwert besaß, auf proto-afroasiatisches ʕ oder eine Reihe stimmhafter Plosive und Frikative zurückgeht. Dennoch sind einige allgemeine Aussagen möglich. Die meisten bzw. alle afroasiatischen Hauptzweige haben neben stimmhaften und stimmlosen konsonantischen Phonemen auch eine dritte Reihe, deren Mitglieder in Abhängigkeit von der Sprache glottalisiert, pharyngalisiert, ejektiv, velarisiert oder implosiv realisiert werden und traditionell als emphatisch bezeichnet werden. Oft bilden stimmhafte, stimmlose und emphatische Konsonanten triadische Gruppen. In mehreren Hauptzweigen sind pharyngale Frikative (, ) vorhanden. Als klassisches Beispiel für ein typisch afroasiatisches Konsonantensystem kann dasjenige des Altsüdarabischen gelten. Es weist das konservativste System innerhalb des Semitischen auf und kommt darüber hinaus den für das Proto-Afroasiatische rekonstruierten Inventaren nahe:Rekonstruktion nach: N. Nebes, P. Stein: Ancient South Arabian. In: Roger D. Woodard (Hrsg.): The Cambridge encyclopedia of the World's ancient languages. Cambridge University Press, Cambridge 2004, ISBN 0-521-56256-2, S. 454–487. Bilabial Dental Alveolar Postalveolar Palatal Velar Uvular Pharyngal Glottal nicht emph. emphatisch nicht emph. emphatisch Plosive stl. sth. Frikative stl. / sth. Nasale Laterale Vibranten Approximanten laterale Frikative stl. Im Semitischen, Berberischen und Ägyptischen ist das Vorkommen von Konsonanten in Wurzeln beschränkt. Insbesondere dürfen meist unterschiedliche Konsonanten mit dem gleichen Artikulationsort nicht in einer Wurzel vorkommen., Vokale Protosemitisch, Altägyptisch und möglicherweise das Protoberberische wiesen die drei Vokalphoneme a, i und u auf, die Beziehungen dieser Vokale zu denen anderer Sprachen, die durchgehend mehr Vokale aufweisen, sind kaum gesichert. Nach Ehret 1995 besaß die Protosprache die Vokale a, e, i, o, u, die lang und kurz auftreten konnten; die Rekonstruktion von Orel und Stolbova 1995 weicht ab. Zwar sind einige afroasiatische Sprachen Tonsprachen, doch ist unklar, ob das Proto-Afroasiatische deshalb ebenfalls eine Tonsprache war, wie Ehret 1995 annimmt. Morphologie Für das Semitische, Berberische und Ägyptische ist eine extensive Nutzung einer Wurzelmorphologie typisch, in der die lexikalische Information fast ausschließlich durch eine rein konsonantische Wurzel übermittelt wird, der die grammatische Information vor allem in Form von Vokalen beigefügt wird. Im Tschadischen und Kuschitischen findet sich nur ein begrenzt eingesetzter Ablaut; die Morphologie des Omotischen basiert dagegen fast ausschließlich auf Suffigierung und ist teilweise agglutinierend. In der wissenschaftlichen Diskussion geht man davon aus, dass das Proto-Afroasiatische zwar, beispielsweise zur Pluralbildung und zur Bildung von Aspektstämmen (siehe unten), ablautende Formen besaß, es lassen sich aber nur sehr wenige der vielen in den Sprachen vorhandenen Vokalisierungsmuster für das Proto-Afroasiatische rekonstruieren. Nominalmorphologie Für das Proto-Afroasiatische lässt sich ein zweiteiliges Genussystem mit den Genera Maskulinum und Femininum rekonstruieren, die sich nicht vollständig mit dem natürlichen Geschlecht (Sexus) decken. Zu den sichersten Gemeinsamkeiten in der Nominal- und auch Pronominalmorphologie gehört ein feminines Bildungselement t, das in vielen Sprachen an feminine Substantive suffigiert wird: Ägyptisch: Mittelägyptisch *sā́n.˘t „Schwester“ Berberisch: Kabylisch t-aqšiš-t „Mädchen“ Kuschitisch: Bedscha hamíʃ-t „Kuh“ Semitisch: akkadisch šarr-at-um „Königin“ Tschadisch: Miya tá-ká „jene“Russel Schuh: Gender and Number in Miya. In: Zygmunt Frajzyngier (Hrsg.): Cuurent Progress in Chadic Linguistics. John Benjamins, Amsterdam/Philadelphia 1989, S. 171–181. Während das Maskulinum in der Nominalmorphologie des Berberischen, Ägyptischen und Semitischen unmarkiert ist, wenden viele Sprachen in anderen Primärzweigen hierzu analog zum Femininum Morpheme wie k und n an. Kuschitisch, Berberisch und Semitisch haben außerdem ein Kasussystem gemeinsam, von dem sich mögliche Spuren auch im Ägyptischen und Omotischen finden, wobei die Interpretation oder überhaupt Existenz des ägyptischen Befundes umstritten ist.Übersicht: Hayward 2000, Funktion Suffix Einzelsprachliche Reflexe Semitisch KuschitischVergleiche: Hans-Jürgen Sasse: Case in Cushitic, Semitic and Berber. In. James Bynon (Hrsg.): Current Progess in Afro-Asiatic Linguistics. John Benjamins, Amsterdam/Philadelphia 1984, ISBN 90-272-3520-1, S. 111–126. BerberischRekonstruktion nach: Karl-G. Prasse: Manuel de grammaire touarègue (tăhăggart). 3 Bände. Kopenhagen 1972–1974, ISBN 87-500-1489-7, ISBN 87-500-1310-6, ISBN 87-505-0205-0. Ägyptisch (?) OmotischHayward 2000. (?)Absolutiv*-a*-a(Akkusativ)*-a*ā-*-a Nominativ*-u*-u*-i / *-u*wā- -w*-uGenitiv*-i*-i*-i *-i*-i Die Reflexe des rekonstruierten Absolutivs fungieren in allen Sprachen als Objekt transitiver Verben und im Berberischen und Kuschitischen auch als Zitierform und extrahiertes Topik; von letzterem Gebrauch gibt es auch mögliche Reste im Semitischen. Das Subjekt wird mit Reflexen des Nominativsuffixes markiert; die Protosprache wird daher meist als Akkusativsprache angesehen. Da der Absolutiv der unmarkierte Kasus gewesen sein soll, vermuten einige Wissenschaftler, dass das Proto-Afroasiatische in einer früheren Stufe eine Ergativsprache gewesen sein könnte, in welcher das Nominativsaffix -u auf die Subjekte transitiver Verben begrenzt gewesen sein soll.Diakonoff 1988. Weitere Literatur bei: Alle Zweige des Afroasiatischen kennen die Numeri Singular und Plural, im Semitischen und Ägyptischen kommt ein Dual hinzu, für den sich ein Suffix *-y rekonstruieren lässt. Die Pluralbildung erfolgt allgemein, mit Ausnahme des Ägyptischen, in dem sich ein Suffix -w durchgesetzt hatte, auf vielfältige Art und Weise. Aufgrund ihrer großen Verbreitung können die Pluralsuffixe -n, -w und die Pluralbildung durch Veränderung der Vokalstruktur (besonders nach dem Muster CVCaC u. ä.), Gemination und Reduplikationen als proto-afroasiatische Merkmale angesehen werden: Mit -w: Ägyptisch nbw.w „Herren“ zu nbw „Herr“ Berberisch: Tuareg măss-aw „Herren“ zu məssi „Herr“, măssawăte „Herrinnen“ zu măssa „Herrin“ Kuschitisch: Afar lubak-wa „Löwen“ zu lubak „Löwe“ Semitisch: akkadisch šarrū (< *šarruw)Für diese Ableitung: In der Semitistik wird diese Pluralbildung oft als Dehnung der Kasusendung gedeutet, vergleiche: Robert R. Ratcliffe: The „Broken“ Plural Problem in Arabic and Comparative Semitic: Allomorphy and Analogy in Non-Concatenative Morphology. John Benjamins, Amsterdam/Philadelphia 1998, ISBN 1-55619-884-1. „Könige“ zu šarru- „König“ Tschadisch: Hausa itaat-uuwà „Bäume“ zu itààc-èè „Baum“nach Newman aber nicht auf das Proto-Tschadische zurückführbar. Paul Newman: Nominal and verbal plurality in Chadic. Foris, Dordrecht 1990, ISBN 90-6765-499-X, S. 36. Mit -a-: Berberisch: ijḍaḍ „Vögel“ zu ajiḍiḍ „Vogel“ Kuschitisch: Beja bak „Ziegen“ zu book „Ziege“ Semitisch: Arabisch kilāb „Hunde“ zu kalb „Hund“ Tschadisch: Ngizim gàmsàk „Männer“ zu gə̀msə̀k „Mann“ Über die ganze Sprachfamilie verbreitet sind außerdem einige Präfixe zur denominalen und deverbalen Nominalbildung, beispielsweise *m-, das zur Bildung deverbaler Substantive dient: Lokal: Ägyptisch *mĕ́sḏ˘r „Ohr“ zu sḏr „schlafen“. Berberisch: Tuareg emăsăww „Quelle“ zu əsəw „trinken“ Semitisch: Äthiopisch makwannān „Gerichtshalle“ zu kwannana „herrschen, richten“ Tschadisch: Bade màkfān „Eingang“ zu ə̀kfu „hereingehen“ Instrumental: Ägyptisch *mắ3q.t „Leiter“ zu j3q „hinaufsteigen“. Semitisch: Akkadisch našpartum „Brief“ zu šapāru „senden“ Tschadisch: Bade marbə̀cən „Schlüssel“ zu ə̀rbə̀cu „öffnen“ Agensnominalisierung: Ägyptisch mḏ3jw „Widersacher“ zu ḏ3j „kreuzen, sich widersetzen“ Berberisch: Tuareg amidi „Freund“ zu idaw „begleiten“ Semitisch: Äthiopisch makwannən „Herrscher, Richter“ zu kwannana „herrschen, richten“ Tschadisch: Bade màsūyān „Fischer“ zu sūy „fischen“ Ein Suffix *-y zur Bildung von denominalen Adjektiven, das oft mit der Genitivendung *-i in Verbindung gebracht wird, ist im Ägyptischen und Semitischen vorhanden: Ägyptisch jmn.t.j „westlich“ zu jmn.t „Westen“ Semitisch: Arabisch taʔrīḫ-iyy-un „historisch“ zu taʔrīḫ-un „Geschichte“ Ähnliche Suffixe zur Bildung von Adjektiven finden sich auch im kuschitischen Bedscha.E. Roper: Tu Beḍawiɛ. An Elementary Handbook for the Use of Sudan Government Officials. Stephen Austin, Hertford 1928, S. 20. Pronomina Die Morphologie der Personalpronomina ist innerhalb des Afroasiatischen relativ konsistent. Den Kern bildete die folgende, in allen Zweigen erhaltene Reihe (Tabelle im Wesentlichen nach Hayward 2000; die angegebenen Pronomina sind oft in mehreren einzelsprachlichen Reihen verteilt. Die Dualformen im Ägyptischen und Semitischen bleiben hier unberücksichtigt.): Person Proto-Afroasiatisch Ägyptisch Proto-Semitisch Berberisch: TuaregKarl-G. Prasse: Manuel de grammaire touarègue (tăhăggart). Band 1, Kopenhagen 1972, ISBN 87-500-1489-7, S. 164 ff. Proto-Kuschitisch Tschadisch: Hausa Omotisch: DiziSingular 1. *i, *yi -j, wj *-ī, *-yaʾ (Genitiv), *-nī (Akkusativ) -i *yV ni, wa yin2. m. *ku, *ka -k *-ka -k *ku ka 2. f. *ki *-k > -ṯ, *km > ṯm > ṯn *-ki -m *ki ki, kin 3. m.*si, *isi -sw *-šu -s *-su / *-sa shi iz-n3. f. -s(j) *-ši -s *-sii ta iž-nPlural1. *(ʔ)ǎnn-/(ʔ)ǐnn- -n *-nV -năɣ *nV mu, mun in2. m.*kuuna*-kn > -ṯn *-kumu -wăn*kun(V) / *kin(V)ku, kun 2. f. *-kina -kmăt 3. m.*su, *usu-sn *-šumu -săn*ʔisun(V) / *ʔisin(V)su, suníš-n3. f. *-šina -snăt In allen Primärzweigen außer dem Omotischen treten diese Pronomina als klitische Objekts- und Possessivpronomina auf: Objektspronomina Ägyptisch h3b=f wj „er schickte mich“ Berberisch: Tuareg i-nn asnăt „er sagte ihnen“ Kuschitisch: Bedscha irhán-hokna „ich sah euch“ Semitisch: Arabisch taraa-hu „du siehst ihn“ Tschadisch: Bole íshí ɗòppée-nò „dass er mir folge“ Possessivpronomina Ägyptisch pr=f' „sein Haus“ Berberisch: Kabylisch aḫḫam-is „sein Haus“ Kuschitisch: Bedscha tóː-kʷaː-tóː-k „deine Schwester“ Semitisch: Arabisch baytu-kunna „euer (feminin) Haus“ Tschadisch: Bole mòrɗó-kò „deine (m.) Hirse“ Einzelsprachlich haben formal verwandte Pronomina auch eine Reihe anderer Funktionen, so haben viele Sprachen formal ähnliche Subjektspronomina. Auch die Intransitive Copy Pronouns einiger tschadischer Sprachen sind formal ähnlich. Daneben lässt sich wohl eine zweite Reihe rekonstruieren, deren Mitglieder frei stehen konnten und die oft aus einem Element ʔan- und einem auch für die Verbalkonjugation benutzten Suffix zusammengesetzt sind. Ehret 1995 rekonstruiert nur Formen für den Singular; in vielen Sprachen gibt es auch analog gebildete Pluralformen. Person Proto-AfroasiatischEhret 1995. Ägyptisch Proto-Semitisch Berberisch: Tuareg Proto-Kuschitisch Proto-Tschadisch OmotischSingular 1. *(ʔ)ân-/(ʔ)în- jnk *ʔn năkk *ʔâni *nV *in (Maji)2. *(ʔ)ânt/(ʔ)înt- *ʔnt *ʔânt- *int- Ägyptisch und Semitisch haben weitere freie Pronomina, die aus den gebundenen Pronomina und -t zusammengesetzt sind, wie ägyptisch kwt > ṯwt „du (mask.)“, akkadisch kâti „dich (mask.)“. Die Demonstrativpronomina werden in vielen afroasiatischen Sprachen aus kleinen Elementen zusammengesetzt, besonders genusanzeigenden Elementen *n-, *k- (Maskulinum), *t- (Femininum), die mit weiteren kleinen Elementen kombiniert werden:Insbesondere zu pronominalen Bildungen mit n: Stephen J. Lieberman: The Afro-Asiatic Background of the Semitic N-Stem: Towards the Origins of the Stem-Afformatives of the Semitic and Afro-Asiatic Verb. In: Bibliotheca Orientalis. Nederlands Instituut voor het nabje Oosten te Leiden, Leiden 43.1986, S. 577–628. Somali (Kuschitisch) kan (m.), tan (f.), kuwan (pl.) „dieser, -e, -e“. Altägyptisch pn (m.), tn (f.), jpn (pl. m.), jptn (pl. f.), nn (neutrisch) „dieser, -e, -e“. Miya (Westtschadisch) náka (m.), táka (f.), níyka (pl.) „jener, -e, -e“. Verbalmorphologie Konjugation In der Verbalmorphologie zeigen sich zwischen den Primärzweigen ähnliche Unterschiede wie sie schon bei der Substantivdeklination erkennbar wurden: Semitisch, Kuschitisch und Berberisch besitzen die Präfixkonjugation, die durch Ablaut mehrere Aspektstämme unterscheidet (siehe unten) und Kongruenz mit dem Subjekt über Prä- und Suffixe markiert. Die folgende Tabelle illustriert das System der Personalaffixe der Präfixkonjugation:   Semitisch: Akkadisch Kuschitisch: Bedscha Berberisch: Tamazight 1. P. Sg. a-prus ʔa-dbíl dawa-ɣ 2. P. Sg. m. ta-prus ti-dbil-àt-dawa-d2. P. Sg. f. ta-prus-ī ti-dbil-ì 3. P. Sg. m. i-prus ʔi-dbíl i-dawa 3. P. Sg. f. ta-prus ti-dbíl t-dawa 1. P. Pl. ni-prus ni-dbíl n-dawa 2. P. Pl. m. ta-prus-āti-dbil-nà t-dawa-m 2. P. Pl. f. t-dawa-nt 3. P.Pl. m. i-prus-ūʔi-dbil-nà dawa-n 3. P.Pl. f. i-prus-ā dawa-nt Im Ägyptischen haben sich keine Spuren der Präfixkonjugation erhalten, stattdessen findet sich hier schon seit den frühesten Texten die (ägyptische) Suffixkonjugation, die keine Personalkonjugation kannte, aber das pronominale Subjekt durch suffigierte Personalpronomina ausdrückte: sḏm=f „er hört“, sḏm.n nṯr „der Gott hörte“. Die Evolution dieser Art der Konjugation ist umstritten, in Frage kommen hauptsächlich Verbalnomina und Partizipien. Das Tschadische besitzt zwar eine Konjugation durch meist präverbale Morpheme, doch ist diese genetisch mit der Präfixkonjugation nicht verwandt, vielmehr stellen die Personapräfixe des Tschadischen modifizierte Formen der Personalpronomina dar. Beispiel: Hausa kaa tàfi „du gingst“. Im Omotischen erfolgt die Konjugation auf verschiedene Weise durch pronominale Elemente; das Verbalsystem des Proto-Omotischen ist höchstens in Ansätzen rekonstruierbar. Neben der Präfixkonjugation besaß das Proto-Afroasiatische noch eine zweite Konjugationsmethode, in der die Kongruenz mit dem Subjekt ausschließlich durch Suffixe hergestellt wurde. Diese Art der Konjugation hat sich im Semitischen, Ägyptischen und Berberischen erhalten, sie verlieh dem Verb – im Akkadischen auch Substantiven und Adjektiven – offenbar eine stativische Bedeutung.Einige Wissenschaftler haben sich in jüngerer Zeit auch für die getrennte Existenz eines dynamischen und eines statischen Konjugationsmusters ausgesprochen, vergleiche: Wolfgang Schenkel: śč̣m.t-Perfekt und śč̣m.ti-Perfekt. Die beiden Pseudopartizipien des Ägyptischen. In: Heike Behlmer (Hrsg.): Quaerentes scientiam. Festgabe für Wolfhart Westendorf zu seinem 70. Geburtstag. Seminar für Ägyptologie und Koptologie, Göttingen 1994, S. 157–182 (online); Rainer Voigt: Die beiden Suffixkonjugationen des Semitischen (und Ägyptischen). In: Zeitschrift für Althebraistik. Kohlhammer, Stuttgart 15/16.2002/2003, S. 138–165. Nach der Meinung einiger Wissenschaftler ist auch die Suffixkonjugation des Kuschitischen genetisch verwandt, bei ihr kann es sich aber auch, wie heute mehrheitlich angenommen wird, um eine sekundäre Bildung aus Verbalstamm plus präfixkonjugiertem Hilfsverb handeln. (Die altägyptischen und akkadischen Dualformen bleiben hier unberücksichtigt. Paradigmawörter: ägyptisch nfr „gut“, kabylisch məqqər- „groß sein“, akkadisch zikarum „Mann“):   Altägyptisch Semitisch: Akkadisch Berberisch: Kabylisch 1. P. Sg.nfr.kwzikar-ākuməqqr-əɣ 2. P. Sg. m.nfr.tjzikar-ātaməqqr-əḍ 2. P. Sg. f.zikar-āti 3. P. Sg. m.nfr.jzikarməqqər 3. P. Sg. f.nfr.tjzikar-atməqqr-ət 1. P. Pl.nfr.wjnzikar-ānuməqqr-it 2. P. Pl. m.nfr.twnjzikar-ātunu 2. P. Pl. f.zikar-ātina 3. P. Pl. m. nfr.wjzikar-ū3. P. Pl. f.nfr.tjzikar-ā Aspektstämme Aspektstämme werden in vielen afroasiatischen Sprachen, vor allem solchen mit Reflexen der Präfixkonjugation, durch Ablaut gebildet. Meist wird davon ausgegangen, dass die Protosprache bereits mindestens zwei Aspektstämme gekannt hat: ein imperfektiver und ein perfektiver Stamm. Während der Vokal des perfektiven Stamms wohl lexikalisch festgelegt war, werden dem imperfektiven Stamm Ablaut nach a und/oder Gemination des vorletzten Stammkonsonantes als typische Bildungsmerkmale zugeordnet. Belege für diese Bildungsweisen finden sich in allen Hauptzweigen außer dem Ägyptischen und Omotischen, wenngleich deren Deutung als Reste eines ursprachlichen Imperfektstammes im Tschadischen angezweifelt wird:; ; Berberisch: Tuareg: -ə̀knəs- (Aorist) – -kánnæs- (Intensiv)Jeffrey Heath: Grammar of Tamashek (Tuareg of Mali). (Mouton Grammar Library. 35). Mouton de Gruyter, Den Haag 2005, ISBN 3-11-018484-2, S. 331. Kuschitisch: Afar: -erd- (Perfekt) – -ard- (Imperfekt) Semitisch: Akkadisch -kbit- (Perfekt) – -kabbit- (Imperfekt) Tschadisch: Ron: mot – mwáat (Habitativ). Einige Wissenschaftler halten auch einen intransitiven oder stativen Stamm mit -a-, dessen Reflexe sich im Berberischen, Semitischen und Kuschitischen finden sollen, für rekonstruierbar. Das Bedscha (Nordkuschitisch) und die Berbersprachen besitzen in der Präfixkonjugation auch negative Verbalstämme, deren Bezug zum protosprachlichen System aber kaum erforscht ist. Der Verbalstamm, der in der Suffixkonjugation angewendet wird, hat im Semitischen und Ägyptischen bei dreikonsonantigen primären Verben die Form CaCVC-, im (Proto-)Berberischen dagegen meist *Cv̆Cv̄C.Rekonstruktion nach: Karl-G. Prasse: Manuel de grammaire touarègue (tăhăggart). 3 Bände. Kopenhagen 1972–1974, ISBN 87-500-1489-7, ISBN 87-500-1310-6, ISBN 87-505-0205-0. Über die Protosprache lassen sich daher keine näheren Aussagen machen. Je nach der Verteilung und Quantität der Vokale in der Präfixkonjugation lassen sich die Verben in verschiedene Klassen einteilen, die sich in ähnlicher Form auch im Ägyptischen finden und die teilweise auf die Protosprache zurückgehen können. In fast allen afroasiatischen Sprachen werden auch Affixe und Infixe zur Bildung von Verbalstämmen angewendet, die aspektuelle, temporale und modale Unterscheidungen und in einigen tschadischen und omotischen Sprachen auch Fragesätze markieren. Bislang konnten allerdings keine derartigen Affixe für das Proto-Afroasiatische rekonstruiert werden. Verbalbildung Allen Hauptzweigen des Afroasiatischen ist ein hauptsächlich aus Affixen bestehendes System zur deverbalen Verbalbildung gemeinsam. Sehr weit verbreitet ist ein Affix *-s-, das zur Bildung kausativer, faktitiver und transitiver Verben dient: Ägyptisch s-mn „festsetzen“ zu mn „bleiben“ Berberisch: Kabylisch ss-irəd „waschen“ zu irid „gewaschen werden“ Kuschitisch: Oromo dammaq-s „aufwecken“ zu dammaq „aufwachen“ Omotisch: Aari: lanq-s- „müde machen“ zu lanq- „müde sein“. Semitisch: Ugaritisch šlḥm „füttern“ zu lḥm „essen“ Tschadisch: Hausa karànta-s / karànta-r „lehren“ zu karàntaa „lernen“ Weitere weit verbreitete Affixe sind *-t- und *-m-, die Reflexivität, Reziprozität, Passivität, Intransitivität und das Medium ausdrücken: Berberisch: Kabylisch m-ẓər „sich (gegenseitig) sehen“ zu ẓər „sehen“ Kuschitisch: Afar -m-ḥukum- „gerichtet werden“ zu -ḥkum „richten“ Omotisch: Gamo bakˀ-ett-ees „geschlagen werden“ zu bakˀkˀ-ees „schlagen“ Semitisch: Akkadisch mitḫurum „einander gegenüberstehen“ zu maḫarum „gegenüberstehen“ Tschadisch: Bade jədù „nehmen“ zu ju „gehen“ Reduplikation dient in vielen Sprachen zum Ausdruck verbaler Intensität oder Pluralität: Ägyptisch: wnwn „umhergehen“ zu wnj „eilen“ Kuschitisch: Oromo duddubbaddh „wieder und wieder sprechen“ zu dubbaddh „sprechen“. Omotisch: Aari míksmiks-da „er bettelt“ zu miks- „betteln“ Tschadisch: Hausa sàssayàà „wieder und wieder kaufen“ zu sàyaa „kaufen“ Syntax Einige Merkmale der Syntax sind innerhalb des Afroasiatischen besonders weit verbreitet. Ob es sich hierbei auch um Merkmale der Protosprache handeln könnte, wurde bisher nicht umfassend untersucht. In den meisten Sprachen folgen Objekte dem Verb, pronominale Objekte stehen dabei oft vor nominalen Objekten. Sind beide Objekte pronominal, folgt das direkte dem Indirekten; indirekte nominale Objekte folgen jedoch direkten. Diese drei Regeln sind im älteren Ägyptisch, vielen semitischen Sprachen, dem Tschadischen und Berberischen nahezu universell gültig: + Akkadisch(Semitisch)aṭrudakkušuich schicktedirihn„Ich schickte ihn dir.“ + Altägyptischrḏj.n=jn=kjr.t Ḥr.whiermit gebe ichdirHorusauge„Hiermit gebe ich dir das Horusauge.“ + Bole(Tschadisch)Bamoikàppūmòrɗoḿbō-nìgàjàɗàBamoipflanzteHirsefürVater – seinmitHacke „Bamoi pflanzte für seinen Vater Hirse mit einer Hacke.“ Wortschatz Der für die Protosprache rekonstruierbare Wortschatz dürfte mehrere hundert Lexeme groß sein, seine Rekonstruktionen (Diakonoff u. a. 1993-7, Ehret 1995, Orel-Stolbova 1995) weichen jedoch, nicht zuletzt aufgrund der Unsicherheiten hinsichtlich der Rekonstruktion der Lautkorrespondenzen, stark voneinander ab. Nur für wenige Lexeme gibt es Belege in allen sechs Primärzweigen. Beispiele für mögliche Wortgleichungen gibt die folgende Tabelle. Die Rekonstruktionen proto-afroasiatischer Wurzeln wurden Ehret 1995 entnommen (dort: ă=tiefer Ton; â=hoher Ton). Die einzelsprachlichen Reflexe sind verschiedenen Veröffentlichungen entnommen. Einzelne Reflexe erfordern gegensätzliche Lautentsprechungen, so fordert die Gleichung jdmj „roter Leinenstoff“ < Proto-Afroasiatisch *dîm-/*dâm- „Blut“ die Beziehung ägyptisch d < proto-afroasiatisch *d, während ägyptisch ˁ3j „groß sein“ als Reflex von *dăr- „größer werden/-machen“ die Beziehung ägyptisch ˁ < proto-afroasiatisch *d voraussetzt. Folglich kann nur eine dieser beiden Gleichungen richtig sein (sofern man keine komplexeren Regeln für *d rekonstruiert), in der Forschung werden beide Lautbeziehungen vertreten. Wo die Bedeutung des einzelsprachlichen Reflexes mit der rekonstruierten Wurzelbedeutung übereinstimmt, wurde diese nicht wiederholt. Proto-AfroasiatischSemitischÄgyptischDie vokalisierten Rekonstruktionen folgen dem Regelwerk von Jürgen Osing: Die Nominalbildung des Ägyptischen. Zabern, Mainz 1976, ISBN 3-8053-0031-X.TschadischOmotischBerberischKuschitischArabischAkkadischHausaNgizimBoleDimeBenchMochaTamazightKabylischOromoSomali*k'os- „Knochen“*qĕsƙàshiiḳusixṣṣīɣəs*sŭm-, sĭm- „Name“ismšumusmj „berichten“suunaasunsumisəm*-pîr- „fliegen“farra „fliehen“naparruru „auseinanderlaufen“p3 „auffliegen“, prj „hinausgehen“fìrá „in die Luft schwirren“ (vom Vogel)farfaranafrufərfər „flattern“; fel „weggehen, überschreiten“bararafuul- „aufsteigen“*dîm-, *dâm- „Blut“damdâmujdmj „(roter?) Leinenstoff“jiniidədəmdòm'damoidamnidamən*-dăr- „größer werden/-machen“darr „im Überfluss vorhanden sein“ˁ3j „groß sein“dorg „fett, stark“dheeraa „groß, hoch“*-gâd-, *-gûd- „groß sein“ǧadd „bedeutend“ḏd3 „fett“gòdoŋ „viel“gääd „groß“guddaa „viel, groß“*nim-, nam- „Person“nummā „irgendjemand“nə̀n „jemand“naamo „Sohn“namanin*-maaw- „sterben“mātamâtumwtmutùmə̀tumotummutəmmət*-ʔâr „wissen“raʔā „sehen, erkennen“*jī́r-Vt „Auge“, jr „sieh!“ (?)er „wissen“arihä „wissen“il „Auge“*-lis'- „lecken“lisān „Zunge“lišānu „Zunge“*lĕs „Zunge“harshèè „Zunge“lisìm „Zunge“lits'-iləs „Zunge“*ma, mi „was?“māmannum „wer?“m „wer?, was?“mèè*-m- „nass sein“māʾ „Wasser“mû „Wasser“*măw „Wasser“ (Plural)âm „Wasser“àmma „Wasser“màss- „waschen“mask „waschen“'amiyo „regnen“aman „Wasser“ Literatur Überblick Igor M. Diakonoff: Afrasian languages. Nauka, Moskau 1988. Richard Hayward: Afroasiatic. In: Bernd Heine, Derek Nurse (Hrsg.): African Languages. Cambridge University Press, Cambridge 2000, ISBN 0-521-66629-5. Joseph Greenberg: The Languages of Africa. 3. Auflage. Mouton, The Hague and Indiana University Center, Bloomington 1963, ISBN 0-87750-115-7. Ernst Kausen: Die Sprachfamilien der Welt. Teil 2: Afrika – Indopazifik – Australien – Amerika (Kapitel 2). Buske, Hamburg 2014, ISBN 978-3-87548-656-8. Hans-Jürgen Sasse: Afroasiatisch. In: Bernd Heine, Thilo C. Schadeberg, Ekkehard Wolff (Hrsg.): Die Sprachen Afrikas. Buske, Hamburg 1981, ISBN 3-87118-496-9, S. 129–148. Lexikon und Phonologie Igor M. Diakonoff u. a.: Historical-Comparative Vocabulary of Afrasian. In: St. Petersburg Journal of African Studies. Band 2–6. St. Petersburg 1993–1997. Christopher Ehret: Reconstructing Proto-Afroasiatic (Proto-Afrasian), Vowels, Tone, Consonants, and Vocabulary. (= University of California Publications in Linguistics. Band 126). University of California Press, Berkeley 1995, ISBN 0-520-09799-8. Vladimir E. Orel, Olga V. Stolbova: Hamito-Semitic Etymological Dictionary. Materials for a Reconstruction. (= Handbuch der Orientalistik. Abteilung I. Band 18). Brill, Leiden 1995, ISBN 90-04-10051-2 (aufgrund methodischer Unzulänglichkeiten stark in der Kritik). Marcel Cohen: Essai comparatif sur la vocabulaire et la phonétique du chamito-sémitique. Champion, Paris 1947 (von historischem Interesse). Weblinks die afroasiatischen Sprachen im World Atlas of Language Structures Online (englisch) die afroasiatischen Sprachen im Ethnologue (englisch) Einzelnachweise und Anmerkungen Kategorie:Sprachfamilie
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Coulomb
Das Coulomb [] (Einheitenzeichen: C, früher Cb) ist die SI-Einheit der elektrischen Ladung (Formelzeichen Q oder q). Es ist nach dem französischen Physiker Charles Augustin de Coulomb benannt. 1 Coulomb ist die elektrische Ladung, die innerhalb einer Sekunde durch den Querschnitt eines Leiters transportiert wird, in dem ein elektrischer Strom der Stärke von einem Ampere fließt: Das Coulomb wird daher auch als Amperesekunde (As) bezeichnet. Die zur Kennzeichnung der Batteriekapazität übliche Amperestunde (Ah) beträgt entsprechend 3600 As = 3600 C. Definition Das Coulomb ist dadurch definiert, dass der Elementarladung e der Wert zugewiesen wurde. Dementsprechend sind näherungsweise Elementarladungen ein Coulomb. Diese Definition wurde im Rahmen der Revision des SI am 16. November 2018 auf der 26. Generalkonferenz für Maß und Gewicht beschlossen und trat zum 20. Mai 2019 in Kraft. Zuvor war das Coulomb über die Maßeinheiten Ampere und Sekunde definiert gewesen, und das Ampere wiederum über die Lorentzkraft des elektrischen Stroms. Namensgebung Die beiden englischen Elektro-Ingenieure Josiah Latimer Clark und Charles Tilston Bright schlugen 1861 das Farad zur Ehre des englischen Physikers Michael Faraday als Einheit für die elektrische Ladung vor. 1881 legte der Internationale Elektrizitätskongress jedoch das Coulomb als Einheit für die elektrische Ladung und das Farad als Einheit für die elektrische Kapazität fest. Weblinks Quellen Das Internationale Einheitensystem (SI), Deutsche Übersetzung der SI-Broschüre des BIPM, 9. Auflage, PTB-Mitteilungen 135. Jahrgang, Heft 2, Mai 2025. doi:10.7795/310.20250299. Originalausgabe (französisch, englisch): doi:10.59161/AUEZ1291 Einzelnachweise Tagungsbericht des 1. Congrès international des électriciens, Paris, 1881 (französisch), Zugriff 6. März 2023. Beschluss vom 21. Sept. 1881: Definition der Einheiten Ohm, Volt, Ampere, Coulomb und Farad; Realisierung des Ohm über ein Quecksilbernormal (Seite 246 und 249). Kategorie:Elektromagnetische Einheit
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Astrophysik
Die Astrophysik befasst sich mit den physikalischen Grundlagen der Erforschung von Himmelserscheinungen und ist ein Teilgebiet der Astronomie. Als Erweiterung der klassischen Astronomie (vor allem aus Astrometrie und Himmelsmechanik bestehend) macht sie heute große Bereiche der astronomischen Forschung aus. Geschichte Ursprung Viele Historiker datieren den Beginn der Verschmelzung von Astronomie und Physik auf den Anfang des 17. Jahrhunderts, genauer auf die Entdeckung der Keplerschen Gesetze. Einer der Ersten, der offensichtlich der Überzeugung war, dass Johannes Kepler der erste Astrophysiker gewesen sei, war sein langjähriger Lehrmeister und Freund Michael Mästlin. In einem Brief an Kepler schrieb er: „Ich denke man sollte physikalische Ursachen ausser Betracht lassen, und sollte versuchen astronomische Fragen nur nach dem astronomischen Verfahren mit Hilfe von astronomischen, nicht physikalischen, Ursachen und Hypothesen zu erklären. Das heißt, die Berechnungen verlangen eine astronomische Basis im Bereich der Geometrie und Arithmetik.“ Sowohl Kepler als auch Galileo Galilei haben sich intensiv mit den Arbeiten von William Gilbert, einem Arzt und Physiker im England des 17. Jahrhunderts befasst. Gilbert unterschied als Erster eindeutig zwischen Magnetismus und statischer Elektrizität, er untersuchte die elektrische Aufladung an vielen Substanzen und war überzeugt, dass die Erde insgesamt als ein einziger Magnet mit zwei Polen angesehen werden muss. Nach seiner Vorstellung war der Magnetismus die „Seele“ der Erde – woraus er eine ganze „magnetische Philosophie“ entwickelte. Von vielen Wissenschaftlern der damaligen Zeit wurden die Entdeckungen von Kepler, Galileo und Gilbert allerdings nicht ernst genommen. Dies führte zu einer Vernachlässigung ihrer Arbeiten und letztlich dazu, dass noch zwei weitere Jahrhunderte vergehen sollten, bis die alchemistischen Ansichten verlassen wurden. Die tatsächliche Geburtsstunde der Astrophysik wird heute von vielen Naturwissenschaftlern mit der Bestätigung des kopernikanischen Weltbilds durch Friedrich Wilhelm Bessel und Thomas James Henderson sowie Friedrich Georg Wilhelm Struve im Jahr 1838 mittels der ersten Messungen zu trigonometrischen Sternparallaxen angegeben. Die Sternphotometrie, also die Messung der scheinbaren Helligkeit der Sterne, und die beinahe parallel dazu entwickelte Spektrumanalyse durch Joseph von Fraunhofer, Gustav Robert Kirchhoff und Robert Wilhelm Bunsen bildeten ebenfalls einen Teil der Basis jener Wissenschaft, die heute als Astrophysik bekannt ist. Bereits 1814 entdeckte Fraunhofer dunkle Linien im Spektrum der Sonne, die Fraunhoferlinien, ohne allerdings ihren Ursprung erklären zu können. Weitere Entwicklung Die Feststellungen von Kirchhoff und Bunsen führten schließlich zu einer sofortigen Anwendung der neu gewonnenen Technologien durch Astronomen in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Bereits 1863 wurden durch Angelo Secchi Studien basierend auf den Erkenntnissen von Kirchhoff und Bunsen veröffentlicht. Auch zwei heute sehr bekannte Astronomen nahmen sich deren Studien an und veröffentlichten in diesem Zeitraum bahnbrechende Arbeiten zur Thematik der Astrophysik: Lewis Morris Rutherfurd aus New York und William Huggins aus London. Bei einer Sonnenfinsternis in Indien am 18. August 1868 entdeckte Pierre Janssen in der Korona der Sonne mit Hilfe der chemischen Beobachtung durch Spektralanalyse ein (damals) noch nicht bekanntes Element: Helium. Viele bekannte Wissenschaftler setzten sich im Laufe der nächsten Jahre mit wesentlicher physikalischer Grundlagenforschung auseinander und leisteten somit interdisziplinäre Grundlagenforschung für die heute existierende Astrophysik. In seinem Buch Über die Erhaltung der Kraft (1847) formulierte Hermann von Helmholtz den Energieerhaltungssatz detaillierter als Julius Robert von Mayer es 1842 getan hatte und trug so wesentlich zur Anerkennung dieses zunächst sehr umstrittenen Prinzips bei. Damit erbrachte Helmholtz die Grundsätze für die Gravitationsenergie. Antoine Henri Becquerel, der Entdecker der Radioaktivität, legte 1896 den Grundstein für die Messung des Zerfalls von Isotopen. George Howard Darwin, Sohn von Charles Darwin, untersuchte ab 1882 den Effekt der Gezeiten auf das Sonnensystem mit mathematischen Methoden und wurde zu einem anerkannten Experten auf diesem Gebiet. John Joly schlug 1899 eine Methode vor, das Alter der Erde aus dem Natriumgehalt der Ozeane zu bestimmen, aus der Idee heraus, dass dessen Konzentration durch Erosion an Land stetig zunehmen würde.An estimate of the geological age of the earth, Scientific Transactions Royal Dublin Society Er schätzte das Alter der Erde danach auf 80 bis 100 Millionen Jahre. Im Jahre 1903 schlug er eine bessere Methode vor, die Abschätzung des Erdzeitalters aus dem radioaktiven Zerfall von Radium (in einem Nature-Artikel). Im Jahre 1907 maß Bertram Boltwood das Alter von Gesteinen durch den radioaktiven Zerfall von Uran zu Blei (Uran-Blei-Datierung). Klassische Teilgebiete Physikalische Kosmologie (Kosmogonie, Entstehungsgeschichte des Universums) Entstehung und Evolution von Sternen Sonnenphysik Astroteilchenphysik Kosmochemie (chemische Evolution der Elemente) und Nukleosynthese Gravitationsdynamik (Entstehung und Entwicklung von Galaxien) Schwarze Löcher Neutronensterne Entstehung und Evolution von Planetensystemen (Exoplaneten, Planemos, Braune Zwerge) Theoretische Astrophysik Die Theoretische Astrophysik versucht, anhand von Modellen Himmelserscheinungen vorauszusagen oder nachzubilden. Viele astrophysikalische Prozesse lassen sich durch partielle Differentialgleichungen beschreiben, für die nur in Ausnahmesituationen eine exakte analytische Lösung gefunden werden kann. Eine weit verbreitete Methode in der Astrophysik sind daher numerische Berechnungen (Numerik) und Simulationen, die mit einem üblichen PC (2008) Tage bis Wochen dauern würden. In der Praxis wird daher oft auf Supercomputer oder Cluster zurückgegriffen. Die so gewonnenen Resultate vergleicht man mit Beobachtungen und überprüft, ob sie übereinstimmen. Die Theoretische Astrophysik beschäftigt sich unter anderem mit der Allgemeinen Relativitätstheorie, dem Sternaufbau, dem Strahlungstransport, und der Formation von Sternen und Magnetohydrodynamik. Beobachtende Astrophysik mini|hochkant|M 57, planetarischer Nebel Die wichtigste Methode ist dabei die Spektralanalyse der elektromagnetischen Strahlung, wobei sich der Beobachtungsbereich von langwelligen Radiowellen (Radioastronomie) bis zu kurzwelligen und damit hochenergetischen Gammastrahlen über etwa 20 Zehnerpotenzen erstreckt. Von der Erde aus können außer sichtbarem Licht die Frequenzbereiche von Radiowellen und einige Teile des Infrarotbereichs beobachtet werden. Der größte Teil des infraroten Lichts, ultraviolettes Licht, sowie Röntgenstrahlung und Gammastrahlung können nur von Satelliten aus beobachtet werden, da die Erdatmosphäre als Filter wirkt. Klassifiziert man Sterne nach Spektralklassen und Leuchtkraftklassen, können sie in ein Hertzsprung-Russell-Diagramm (HRD) eingetragen werden. Die Lage im HRD legt fast alle physikalischen Eigenschaften des Sterns fest. Zur Entfernungsbestimmung kann man das Farben-Helligkeits-Diagramm (FHD) benutzen. Neben einzelnen Sternen werden vor allem Galaxien und Galaxienhaufen beobachtet. Hierfür werden erdgebundene Teleskope – oft auch zu Clustern zusammengeschaltet – wie z. B. HEGRA, sowie Weltraumteleskope wie etwa das Hubble-Weltraumteleskop benutzt. Häufig werden auch Satelliten mit Detektoren und Teleskopen gestartet. Daneben interessieren sich Astrophysiker auch für den kosmischen Strahlungshintergrund. Laborastrophysik Lange Zeit kannte die Astrophysik so gut wie keine Laborexperimente. Die Entwicklung neuer, leistungsfähiger Teleskope ab der Jahrtausendwende führte aber letztlich zum Entstehen des Teilgebiets der Laborastrophysik. Diese erzeugt und untersucht bislang unbekannte Moleküle. Auf Grundlage der im Labor gewonnenen Spektrogramme und mithilfe großer Radioteleskope lassen sich diese Moleküle dann in interstellaren Gaswolken nachweisen. Dadurch wiederum lässt sich auf chemische Prozesse rückschließen, die dort etwa bei Sternengeburten stattfinden. Laborastrophysikalische Forschergruppen gibt es weltweit nur rund 20, in Deutschland an der Universität Kassel, der Friedrich-Schiller-Universität Jena und der Universität zu Köln. Des Weiteren gibt es Labore, die sich mit der Entstehung von Planeten befassen, wie die Universität Braunschweig und die Universität Duisburg-Essen. Neben Simulationen an Computern zur Kollision und Wachstum von Staubpartikeln werden hier auch einige Laborexperimente durchgeführt, die unter anderem dann auch in Schwerelosigkeit fortgeführt werden. Verhältnis zu anderen Teilgebieten der Physik Die Astrophysik ist prinzipiell auf Beobachtungen und Messungen angewiesen, denn konstruierte Experimente sind wegen der Größe der Forschungsobjekte und der Nichtreproduzierbarkeit einmaliger kosmologischer Ereignisse (Urknall) ausgeschlossen. Viele dieser Messungen haben aufgrund ihrer Kleinheit (z. B. Objektgrößen oder Winkelabstände) einen großen relativen Fehler. Daraus indirekt bestimmte Größen (z. B. Sternmassen, -alter oder -entfernungen) sind dementsprechend mit hohen Ungenauigkeiten verbunden. Bei anderen Messungen, wie z. B. Spektroskopie der Sternatmosphären oder Radar-Messungen zum Mond oder im Vorbeiflug an Objekten, oder durch statistische Methoden (viele unabhängige Messungen) lassen sich jedoch auch hohe Genauigkeiten erreichen. Trotz dieser grundsätzlichen Verschiedenheit zu allen anderen physikalischen Teildisziplinen nutzen Astrophysiker Methoden und Gesetzmäßigkeiten aus anderen Gebieten der Physik, insbesondere aus der Kern- und Teilchenphysik (etwa Detektoren zur Messung bestimmter Teilchen bei bestimmten Energien) oder beginnen, die Nukleare Astrophysik zu entwickeln. In der Theoretischen Astrophysik hingegen ist die Anlehnung an die Plasmaphysik besonders eng, da sich viele astronomische Erscheinungen wie etwa Sternenatmosphären oder Materiewolken in guter Näherung als Plasmen beschreiben lassen. Die Astrophysik, insbesondere die Theoretische Astrophysik, greift auch oft auf Methoden der Statistischen Mechanik beziehungsweise der Thermodynamik zurück. Auch spielt die Quantenmechanik eine wichtige Rolle. Siehe auch Geschichte der Astronomie Geschichte der Astronomie und Astrophysik in der Antarktis Astrochemie Literatur Arnold Hanslmeier: Einführung in Astronomie und Astrophysik. Spektrum, Akad. Verlag, Berlin 2007, ISBN 978-3-8274-1846-3. Albrecht Unsöld, Bodo Baschek: Der neue Kosmos - Einführung in die Astronomie und Astrophysik. Springer, Berlin 2005, ISBN 3-540-42177-7. Karl-Heinz Spatschek: Astrophysik - eine Einführung in Theorie und Grundlagen. Teubner, Stuttgart 2003, ISBN 3-519-00452-6. Bradley W. Carroll, Dale A. Ostlie: An introduction to modern astrophysics. Pearson Addison-Wesley, San Francisco 2007, ISBN 978-0-8053-0402-2. Hale Bradt: Astrophysics processes - the physics of astronomical processes. Cambridge Univ. Press, Cambridge 2008, ISBN 978-0-521-84656-1. Donald H. Perkins: Particle astrophysics. Oxford Univ. Press, Oxford 2008, ISBN 978-0-19-954545-2. Mario Livio: Astrophysics of life. Cambridge Univ. Press, Cambridge 2005, ISBN 0-521-82490-7. Christiaan Sterken, John B. Hearnshaw: 100 years of observational astronomy and astrophysics - a collection of papers on the history of observational astrophysics. Univ. of Brussel, Brussel 1999, ISBN 90-805538-3-2. Weblinks Lexikon der Astrophysik von Andreas Müller Das Weltall auf „Welt der Physik“ Einzelnachweise Kategorie:Physikalisches Fachgebiet Kategorie:Astronomisches Fachgebiet
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Autismus
Autismus (von „selbst“) ist eine angeborene neuronale Entwicklungsstörung. Erste Symptome zeigen sich bereits in frühester Kindheit, insbesondere in folgenden Bereichen: Schwierigkeiten bei der sozialen Interaktion (z. B. Verständnis und Aufbau von Beziehungen); Auffälligkeiten bei der sprachlichen und nonverbalen Kommunikation (z. B. Blickkontakt und Körpersprache); eingeschränkte Interessen mit sich wiederholenden, stereotypen Verhaltensweisen; Über- oder Unterempfindlichkeit auf äußere und innere Sinnesreize. Betroffene werden als Autisten, autistisch oder vom/im/auf dem (Autismus-)Spektrum bezeichnet. Die Gegenbegriffe für nicht-autistische Menschen sind neurotypisch oder allistisch. Die Bezeichnung von Nicht-Autisten als normal gilt jedoch mittlerweile als diskriminierend gegenüber Autisten, da die Pathologisierung von Autismus als Krankheit oder psychische Störung infolge der Neurodiversitätsbewegung zunehmend abgelehnt wird. Stattdessen wird die Einordnung als Normvariante befürwortet. Dennoch stellt Autismus in der Regel eine Behinderung dar. Die Ausprägung der Symptomatik ist bei jedem Autisten individuell verschieden und wandelt sich mit dem Alter. Autismus kann mit Störungen der Sprachentwicklung und/oder einer geistigen Behinderung einhergehen, muss es aber nicht. Je nach Erscheinungsbild des Autismus und möglicher Begleiterkrankungen können manche Autisten ein weitgehend selbstständiges Leben führen, während andere lebenslang auf Hilfe und Unterstützung angewiesen sind. Autismus ist zum größten Teil genetisch bedingt, eine allgemein anerkannte Erklärung der spezifischen Ursachen gibt es bislang jedoch nicht. Im deutschsprachigen Raum werden nach dem derzeit noch gültigen Klassifikationssystem ICD-10-GM drei Formen von Autismus unter dem Oberbegriff der tiefgreifenden Entwicklungsstörungen unterschieden: frühkindlicher und atypischer Autismus sowie das Asperger-Syndrom. Aus wissenschaftlicher Sicht gilt diese Unterteilung jedoch als überholt. Im 2013 veröffentlichten DSM-5 und der seit 2022 international gültigen ICD-11 werden die bisherigen Subtypen stattdessen als Autismus-Spektrum-Störung (ASS) zusammengefasst. Grund hierfür ist die Erkenntnis, dass eine klare Abgrenzung der drei Formen selten möglich und stattdessen von einem fließenden Übergang mit individuell verschiedenen Symptomausprägungen auszugehen ist, also einem Spektrum.F. R. Volkmar, J. C. McPartland: From Kanner to DSM-5: autism as an evolving diagnostic concept. In: Annual review of clinical psychology. Band 10, 2014, S. 193–212, doi:10.1146/annurev-clinpsy-032813-153710, PMID 24329180. Der Übergang von der ICD-10 zur ICD-11 soll ab 2022 mindestens fünf Jahre in Anspruch nehmen. Symptomatik Die Kernsymptome von Autismus sind anhaltende Schwierigkeiten bei der sozialen Interaktion und Kommunikation sowie beschränkte, repetitive Verhaltensweisen, Interessen und Aktivitäten, die für Außenstehende dem Alter unangemessen oder generell ungewöhnlich erscheinen. Diese Symptomatik besteht seit frühester Kindheit und fällt typischerweise im Kleinkindalter auf, in vielen Fällen jedoch auch erst im weiteren Lebensverlauf, wenn sie zu Schwierigkeiten oder Beeinträchtigungen führt. Autismus kann mit einem völligen Fehlen von Lautsprache, einer verzögerten Sprachentwicklung, Schwierigkeiten beim Sprachverständnis oder einer auffälligen Sprechweise und Verwendung von Sprache einhergehen. Da Spracherwerb eng mit sozialer Interaktion verknüpft ist, verläuft er bei autistischen Kindern häufig von Beginn an auffällig. Über zwei Drittel von ihnen entwickeln im Laufe des Lebens zumindest eine grundlegende Lautsprache. Autismus tritt oft zusammen mit einer Störung der Intelligenzentwicklung auf. Bei einem großen Teil autistischer Menschen liegt die Intelligenz jedoch im Normalbereich und kann bis hin zur Hochbegabung reichen. Typisch für Autismus ist – unabhängig vom Intelligenzniveau – ein unausgeglichenes Intelligenzprofil. Charakteristisch sind zudem eine Über- oder Unterempfindlichkeit gegenüber bestimmten Sinnesreizen. Zudem kann Autismus mit einer Reihe weiterer Auffälligkeiten einhergehen, z. B. Störungen der Exekutivfunktionen oder muskulärer Hypotonie. Autismus tritt in vielfältigen, individuellen Ausprägungen auf. Nicht jedes mögliche Symptom tritt bei jedem autistischen Menschen in gleicher Ausprägung oder überhaupt auf. Das Erscheinungsbild ist nicht als lineares Kontinuum von schwachen bis starken Ausprägungen zu begreifen. So können Autisten in einigen Bereichen erhebliche Unterstützung benötigen, auch bei Aufgaben, die als einfach gelten, während sie in anderen Bereichen überdurchschnittliche Stärken zeigen. Abhängig beispielsweise von Sprachfähigkeit und Intelligenz können Defizite verdeckt oder ausgeglichen werden. Das Störungsbild bleibt ein Leben lang bestehen, jedoch variieren Ausprägung und Erscheinungsbild individuell mit Alter und Entwicklungsstand. Erste, noch unspezifische Anzeichen für Autismus lassen sich oft bereits im Säuglingsalter feststellen, z. B. eine übermäßig starke Empfindlichkeit gegenüber bestimmten Reizen oder ungewöhnliche Bewegungsmuster. Deutlichere Auffälligkeiten zeigen sich in der Regel im Kleinkindalter. Ein Teil autistischer Kinder verliert im zweiten Lebensjahr zuvor erworbene sprachliche, soziale oder andere Fähigkeiten. Insbesondere bei autistischen Kindern ohne umfassende Entwicklungsverzögerungen fallen Symptome erst auf, wenn sie zu Schwierigkeiten im alltäglichen Leben führen, z. B. mit Eintritt in den Kindergarten oder die Grundschule. Teilweise fällt Autismus auch erst in der Pubertät oder im Erwachsenenalter auf. Es werden Unterschiede in der Symptomatik in Bezug auf das Geschlecht vermutet. Im Vergleich zu männlichen Altersgenossen kann weiblichen autistischen Kindern – trotz ähnlicher Schwierigkeiten – wechselseitiger Austausch, die Verbindung von verbaler und nonverbaler Kommunikation sowie Verhaltensanpassung an soziale Situationen besser gelingen. Soziale Kommunikation und Interaktion Die Fähigkeit, mit anderen Personen in Interaktion zu treten oder Gedanken und Gefühle mitzuteilen, ist bei Autismus beeinträchtigt. Bei kleinen Kindern zeigt sich dies beispielsweise häufig dadurch, dass sie keine oder kaum soziale Interaktion initiieren und auch das Verhalten anderer Personen selten imitieren. Vorhandene Lautsprache wird oft einseitig eingesetzt und nicht zum gegenseitigen Austausch. Im Bereich der nonverbalen Kommunikation fallen autistische Kinder oft schon früh dadurch auf, dass sie nicht auf Gegenstände zeigen oder diese anderen Personen bringen, um ihr Interesse an ihnen zu signalisieren und zu teilen. Umgekehrt kann auffällig sein, dass autistische Kleinkinder Zeigegesten oder Blicken anderer Personen nicht folgen. Allgemein sind fehlender oder ungewöhnlicher Einsatz von Blickkontakt, Gesten, Mimik, Körpersprache oder Intonation typisch für Autismus. Auch wenn beispielsweise einige Gesten erlernt wurden, bleibt das Repertoire hinter einem alterstypischen Umfang zurück und sie werden nicht spontan zur Kommunikation eingesetzt. Bei voll ausgebildeter Lautsprache ist oft eine fehlende Koordination zwischen verbalen und nonverbalen Elementen zu beobachten. So kann beispielsweise die Körpersprache auf andere Personen hölzern oder übertrieben wirken. Im Bereich der sozialen Interaktion kann fehlendes, reduziertes oder ungewöhnliches Interesse an sozialen Kontakten bestehen. Dies kann etwa durch Ablehnung anderer, passives Verhalten in sozialen Situationen oder durch unangemessene, aggressiv oder unhöflich wirkende Kontaktaufnahme sichtbar werden. Diese Schwierigkeiten sind besonders bei autistischen Kindern auffällig, welche häufig kein alterstypisches Interesse an gemeinsamen Spielen oder Fantasie- und Rollenspielen zeigen oder auf Spielen nach strikten Regeln bestehen. Ältere Kinder, Jugendliche und Erwachsene können Schwierigkeiten haben, das für eine soziale Situation kulturell angemessene Verhalten zu identifizieren oder zwischen unterschiedlicher Verwendung von Sprache zu unterscheiden, also etwa Ironie oder soziale Lügen zu erkennen. Eine Präferenz für alleine verfolgte Beschäftigungen oder die Interaktion mit deutlich jüngeren oder älteren Personen ist typisch. Häufig besteht ein Interesse an Freundschaften, ohne genau zu verstehen, was eine solche beinhaltet, also beispielsweise nicht allein auf einem geteilten Spezialinteresse aufbauen kann. Ältere autistische Kinder und Erwachsene ohne kognitive Einschränkungen und verzögerte Sprachentwicklung haben oft Schwierigkeiten, sich in komplexen Situationen sozial angemessen zu verhalten oder auf nonverbale Kommunikation zu reagieren. Sie entwickeln häufig Kompensationsstrategien, so dass diese Schwierigkeiten vor allem in ungewohnten Situationen auffallen. Von dieser Gruppe wird soziale Interaktion oft als sehr anstrengend empfunden, da sie im Gegensatz zu nicht-autistischen Menschen, denen dies intuitiv gelingt, das Verhalten anderer aktiv beobachten und die eigene Reaktion bewusst steuern müssen. Mädchen und Frauen gelingt dieses sogenannte Camouflaging bzw. Masking häufig besser. Verhaltensweisen, Interessen und Aktivitäten Typisch für Autismus sind repetitive Bewegungen wie Schaukeln mit dem Oberkörper, Flattern mit den Händen oder Fingerschnipsen, die fachsprachlich als Stereotypien bezeichnet werden. Auch die auf Wiederholung ausgerichtete Verwendung von Gegenständen, bei Kindern etwa das Aufreihen von Spielzeug oder die Beschäftigung mit kreiselnden Münzen, sind häufig zu beobachten. Im Bereich der Sprache sind Echolalie (das Wiederholen von Worten und Lauten) oder stereotype Verwendung von Worten, Phrasen und Prosodie typisch. Bei autistischen Kleinkindern lässt sich häufig eine ungewöhnlich intensive, wiederholte Beschäftigung mit einzelnen Gegenständen beobachten. Viele autistische Menschen ohne kognitive oder sprachliche Einschränkungen lernen, dieses übergreifend als Stimming bezeichnete Verhalten in der Öffentlichkeit zu unterdrücken (Masking). Stimming wird von dieser Gruppe als angenehm und beruhigend beschrieben und kann zur Emotionsregulation und dem Abbau von Ängsten dienen. Repetitive Verhaltensweisen können mit einer erhöhten oder reduzierten Empfindlichkeit für Reize in Verbindung stehen. Dies kann sich beispielsweise in Form von außergewöhnlich starken Reaktionen auf bestimmte Geräusche oder Texturen, dem Riechen und Berühren von Gegenständen oder einer Faszination für Lichter oder rotierende Objekte äußern. Auch eine Unempfindlichkeit für Schmerz, Hitze oder Kälte wird manchmal beobachtet. Typisch sind starke Reaktionen auf den Geschmack, Geruch, Textur oder Erscheinung von Essen oder ritualisiertes Verhalten in Bezug auf diese Reize. Eine stark begrenzte Diät ist ebenfalls häufig anzutreffen, bis hin zu einer vermeidend-restriktiven Ernährungsstörung. Weiterhin typisch für Autismus ist ein starkes Festhalten an Routinen, das sich durch Bestehen auf strikte Befolgung von Regeln, starr wirkendes Denken oder Stress auch bei kleinen Abweichungen (wie einem veränderten Weg zur Schule oder Arbeit) äußern kann. Dieses Verhalten wird oft als „Widerstand gegen Veränderungen“ oder „Beharren auf Gleichartigkeit“ beschrieben. Viele autistische Kinder, Jugendliche und Erwachsene widmen sich mit großer Intensität Spezialinteressen, die von Außenstehenden häufig als ungewöhnlich oder nicht altersgemäß wahrgenommen werden. Die Beschäftigung mit diesen Interessen ist in der Regel mit Freude verbunden. Ihr Verfolgen bietet Möglichkeiten, Fähigkeiten zu entwickeln, und sie können schulische und berufliche Möglichkeiten eröffnen. Besonders bei Mädchen und Frauen können diese Interessen in ihrer Art auch als alterstypisch wahrgenommen werden (etwa Beschäftigung mit einer prominenten Person oder einer bestimmten Tierart), werden jedoch außergewöhnlich intensiv verfolgt. Überlastungsreaktionen bei Autismus mini|473x473px|Schematische Darstellung der reduzierten Stresstoleranz bei Autismus Unter Überlastungsreaktionen bei Autismus werden Phänomene verstanden, die als Reaktion auf sensorische, kognitive oder soziale Überforderung auftreten und nicht zu den diagnostischen Kernkriterien zählen. Diese Überlastungsreaktionen werden oft mit den Begriffen Overload, Shutdown und Meltdown bezeichnet. In der Forschung sind klare Definitionen noch in Entwicklung, doch Erfahrungsberichte und qualitative Studien liefern Einblicke in deren Charakteristik und Dynamik.--> Typischerweise geht ein Overload (Überreizung) einem Shutdown oder Meltdown voraus, wenn keine ausreichenden Gegenmaßnahmen getroffen werden. Die Person zeigt vorher oft Anzeichen von Verzweiflung, wie z. B. hin- und hergehen, sich wiederholende Fragen stellen, zittern oder schwitzen. Das Verlassen der stressigen Situation, langsames Atmen und das Vermeiden von Fragen oder Druck seitens anderer Personen können die Überlastung abmildern. Overload Overload bezeichnet Zustände ausgeprägter sensorischer oder kognitiver Überforderung, in denen eingehende Reize die Verarbeitungs- und Regulationskapazitäten übersteigen (z. B. Lärm, grelles Licht, dichte soziale Interaktion). In qualitativen Arbeiten wird Überforderung als Auslöserkaskade beschrieben, aus der, wenn sie nicht ausreichend reguliert wird, Shutdowns oder Meltdowns hervorgehen können. Shutdown Shutdowns sind akute, meist nach außen stille Überlastungsreaktionen mit stark reduzierter sprachlicher, emotionaler oder motorischer Ausdrucksfähigkeit (z. B. Rückzug, Mutismus, Erstarren). Eine jüngere qualitative Studie analysiert Beschreibungen autistischer Erwachsener zu Shutdowns (z. B. „eingefroren“, „Computerabsturz“, „nach innen gehen“) und charakterisiert sie als unwillentliche Schutzreaktionen bei Überforderung.--> Meltdown Meltdowns sind deutlich sichtbare Dysregulationsereignisse als Reaktion auf überwältigende sensorische, informationelle, soziale oder emotionale Belastung. Sie können verbal (z. B. Schreien oder Weinen) oder körperlich ausgedrückt werden. In einer qualitativen Studie mit autistischen Erwachsenen beschreiben die meisten Betroffenen Meltdowns als Zustände der Überwältigung mit starken Emotionen und temporären Einbußen in Denken und Erinnern. Im Gegensatz zu Wutanfällen verfolgen sie kein unmittelbares Ziel. Die autistische Person kann sich nicht auf andere Weise ausdrücken. Autistischer Burnout Langfristige chronische Überlastung kann in einen autistischen Burnout münden (nicht identisch mit Meltdown oder Shutdown), charakterisiert durch anhaltende Erschöpfung, Funktionsverlust und verringerte Reiztoleranz. Dies wird von Autisten als Folge einer Anhäufung von Stressoren und mangelnder Entlastung beschrieben. Inertia Einige autistische Menschen haben Schwierigkeiten, von einer Aktivität oder einem Zustand in einen anderen überzugehen („autistic inertia“), sowohl bei der Einleitung als auch bei der Beendigung einer Aufgabe oder Handlung. Die Betroffenen beschreiben oft das Gefühl, festzustecken, selbst wenn sie eine Handlung beginnen oder beenden wollen. Sie wird daher von Faulheit oder mangelnder Motivation unterschieden. Autismus und Intelligenz Die Intelligenz liegt bei Autismus häufig im Normalbereich, jedoch sind geistige Behinderungen keine Seltenheit und auch Hochbegabungen kommen vor. Autismus geht oft mit einer geistigen Behinderung einher. Wissenschaftliche Untersuchungen zur Häufigkeit (Prävalenz) kommen zu sehr uneinheitlichen Ergebnissen. Im Median liegt bei etwa einem Drittel der autistischen Menschen eine geistige Behinderung vor (in der Regel ein Intelligenzquotient unter 70). Es ist bekannt, dass bestimmte IQ-Tests bei autistischen Menschen weniger zuverlässig sind, wodurch die Intelligenz unterschätzt oder nicht zutreffend erfasst werden kann. Als problematisch gelten Wechsler-IQ-Tests, die vor allem Intelligenz aus erlernten Informationen und Fähigkeiten (kristalline Intelligenz) erfassen. Im Vergleich zu Ravens Matrizentest, der die fluide Intelligenz misst, erzielen autistische Probanden in einem Wechsler-IQ-Test deutlich niedrigere Ergebnisse. Als Savant-Syndrom wird eine besonders außergewöhnliche Begabung in einem speziellen, eng umgrenzten Bereich bezeichnet, die überwiegend bei geistig behinderten Personen auftritt und weit aus deren sonstigem Fähigkeitsprofil heraussticht. Solche Inselbegabungen gelten als extrem selten und treten gehäuft bei Autismus auf. Etwa die Hälfte aller bekannten Savants sind Autisten, allerdings sind nur die wenigsten Autisten Savants. Subtypen Im deutschsprachigen Raum werden nach dem gültigen Klassifikationssystem ICD-10-GM drei Subtypen von Autismus unterschieden: Frühkindlicher Autismus: deutliche Verhaltensauffälligkeiten von frühester Kindheit an; deutlich verzögerte Sprachentwicklung; teilweise mit geistiger Behinderung. Atypischer Autismus: nicht alle Diagnosekriterien für frühkindlichen Autismus sind erfüllt oder die Symptomatik wird erst nach dem dritten Lebensjahr offensichtlich; wird oft bei Kindern mit schwerster geistiger Behinderung diagnostiziert. Asperger-Syndrom: subtilere Verhaltensauffälligkeiten; keine verzögerte, teils deutlich verfrühte Sprachentwicklung; keine geistige Behinderung; häufig ausgeprägte motorische Schwierigkeiten (Dyspraxie). In der seit Januar 2022 international gültigen ICD-11 sind die bisherigen Subtypen von Autismus zu einer einzelnen Diagnose Autismus-Spektrum-Störung (ASS; englisch autism spectrum disorder, kurz ASD) zusammengefasst. Damit folgt die ICD dem 2013 veröffentlichten DSM-5, dem Klassifikationssystem der American Psychiatric Association, das auch international und in der Forschung Verwendung findet. Grund für diesen Schritt war die zunehmende Erkenntnis der Wissenschaft, dass eine ausreichend klare Abgrenzung der Subtypen in der Realität oft nicht möglich ist. Da die ICD-11 im deutschsprachigen Raum noch nicht offiziell eingeführt ist, kann hier auch die Diagnose ASS noch nicht offiziell vergeben werden. Stattdessen werden weiterhin die bisherigen Subtypen diagnostiziert. In der Praxis setzt sich jedoch zunehmend die Bezeichnung Autismus-Spektrum-Störung durch. Frühkindlicher Autismus Der frühkindliche Autismus (auch als autistische Störung, Kanner-Autismus, Kanner-Syndrom, oder infantiler Autismus bezeichnet) wurde zuerst 1943 von Leo Kanner beschrieben. Er gilt als prototypische Form des Autismus und wird in der Literatur auch als klassischer Autismus bezeichnet. Er zeichnet sich durch charakteristische Auffälligkeiten in den Bereichen der sozialen Interaktion, der Sprache und Kommunikation sowie durch eingeschränkte, repetitive Verhaltensmuster aus. Häufig, jedoch nicht immer, geht er mit einer geistigen Behinderung einher. Typischerweise entwickeln sich die autistischen Kinder von Beginn an auffällig. In einigen Fällen erscheint die frühkindliche Entwicklung anfangs normal und Auffälligkeiten werden erst im zweiten oder dritten Lebensjahr deutlich sichtbar. Es werden auch Fälle berichtet, in denen Kinder im zweiten und dritten Lebensjahr ihre zuvor gezeigten Sprachfähigkeiten verlieren und sich zunehmend sozial zurückziehen. Kinder mit frühkindlichem Autismus entwickeln entweder nie eine Lautsprache, die Sprachentwicklung verläuft verzögert und anders als bei nicht-autistischen Kindern oder bereits erlernte Sprache bildet sich zurück. Dabei kann es zu einer Reihe von Auffälligkeiten kommen, die bei einer gewöhnlichen Sprachentwicklung nicht beobachtet werden, beispielsweise das als Echolalie bezeichnete Wiederholen von Worten und Sätzen eines Gesprächspartners, die ständige Wiederholung gleichartiger Geräusche oder ein eigenwilliger, nur für Vertraute verständlicher Sprachgebrauch. Hierin unterscheidet sich der frühkindliche Autismus von einer bloßen Verzögerung der Sprachentwicklung. Bei frühkindlichem Autismus sind sogenannte Stereotypien oft vergleichsweise deutlich ausgeprägt. Zudem kommt selbstverletzendes Verhalten beispielsweise in Form von Kopfschlagen oder Beißen in Finger, Hände oder Handgelenke vor. Solche selbstverletzende Verhaltensweisen sind jedoch nicht zu verwechseln mit dem bewusst selbstverletzenden Verhalten, das typischerweise zum Spannungsabbau eingesetzt wird (etwa durch Verbrennungen oder Ritzen am Unterarm) oder – seltener – aus suizidalen Tendenzen heraus entsteht und dann ein anderes (suizidales) Verletzungsmuster aufweist. Bei vielen Kindern, aber auch Jugendlichen und Erwachsenen, wird eine besonders leichte Reizbarkeit beobachtet, die sowohl für die Autisten als auch ihr Umfeld einen Stressfaktor darstellt. Diese Reizbarkeit kann unmittelbar mit für den frühkindlichen Autismus typischer Symptomatik in Verbindung stehen. So können beispielsweise Frustration über Nichtgelingen effektiver Kommunikation, Unterbrechungen bei der intensiven Beschäftigung mit Interessen oder eine Überforderung durch Reize zu Stress und Gefühlsausbrüchen führen. Diese sind für die Autisten oft nicht zu kontrollieren und werden auch als Meltdowns bezeichnet. Aggressives Verhalten, etwa gegenüber Altersgenossen oder Betreuungspersonen ist häufig. Physische Aggressionen sind oft impulsiv und können zu Verletzungen und Schäden führen, sind jedoch in der Regel – im Unterschied zu Störungen des Sozialverhaltens – nicht mit feindseligen Absichten verbunden. Ein Zusammenhang zwischen aggressivem Verhalten und dem Grad der kognitiven Einschränkungen besteht nicht. Hochfunktionaler Autismus Hochfunktionaler Autismus (engl. High-functioning autism, HFA) ist keine eigenständige diagnostische Kategorie und besitzt auch keine allseits anerkannte Definition. In aller Regel bezeichnet der Begriff frühkindliche Autisten ohne geistige Behinderung und mit gut entwickelter Sprachfähigkeit. Als Unterscheidungskriterium zum Asperger-Syndrom wird meist die verzögerte Sprachentwicklung genannt. Insbesondere für erwachsene Autisten werden aber auch beide Begriffe synonym verwendet, da sich die Symptomatik von HFA und Asperger-Syndrom im Erwachsenenalter kaum noch unterscheiden lässt. Als Gegenstück zu „hochfunktional“ fungiert der seltener verwendete Ausdruck „niedrigfunktionaler Autismus“ (engl. Low-functioning autism, LFA), bei dem eine geistige Behinderung und schwere Sprachstörung vorliegen. Auch dieser Begriff ist jedoch nicht allgemeingültig definiert. Teilweise wird frühkindlicher Autismus synonym zu LFA verwendet. Die Bezeichnung „hochfunktional“ ist stark umstritten und wird von Autisten überwiegend abgelehnt. Ein zentraler Kritikpunkt ist dabei, dass die gemessene Intelligenz kein geeigneter Indikator für das tatsächliche Funktionsniveau einer Person ist. So liegen die Lebenskompetenzen vieler Autisten deutlich hinter ihren kognitiven Fähigkeiten zurück (z. B. aufgrund gestörter Exekutivfunktionen), weshalb selbst hochintelligente Autisten auf soziale Unterstützung angewiesen sein können. „Hochfunktional“ suggeriere jedoch das Gegenteil, was zu Missverständnissen gegenüber Nicht-Autisten und einem falschen Erwartungsdruck führen könne, wodurch diesen Autisten möglicherweise notwendige Unterstützung vorenthalten werde. Zudem stelle die binäre Einteilung in „hochfunktional“ und „niedrigfunktional“ eine qualitative Wertung dar, die oft als ableistisch und diskriminierend gesehen wird. Atypischer Autismus Der atypische Autismus unterscheidet sich vom frühkindlichen dadurch, dass die Symptomatik erst im oder nach dem 3. Lebensjahr auffällt und/oder nicht alle für den frühkindlichen Autismus charakteristischen Symptome bestehen. Die Diagnose wird nur dann vergeben, wenn die Kriterien des frühkindlichen Autismus nicht vollständig erfüllt sind, sich die Symptomatik aber durch keine andere Diagnose erklären lässt. Die Ungenauigkeit der Definition führt dazu, dass die Diagnose atypischer Autismus sehr uneinheitlich angewendet wird, wodurch wiederum Schwierigkeiten bei der Interpretation und Vergleichbarkeit von Forschungsergebnissen entstehen. Selbiges galt für die analoge Diagnose PDD-NOS (Pervasive developmental disorder not otherwise specified, dt. Tiefgreifende Entwicklungsstörung, nicht näher bezeichnet) nach DSM-4, die 2013 abgeschafft wurde. Die Diagnose Atypischer Autismus wird häufig bei Autisten mit schwerer Intelligenzminderung und/oder schwerer rezeptiver Sprachstörung vergeben. Grundsätzlich kann sie jedoch auf jede Ausprägung von Autismus angewendet werden, die nicht exakt den Kriterien der frühkindlichen Form oder des Asperger-Syndroms entspricht. Darunter fallen häufig auch Kinder, die spezifische Verhaltensprofile wie etwa Pathological Demand Avoidance zeigen. Asperger-Syndrom Das Asperger-Syndrom (auch Asperger-Autismus oder Asperger-Störung) wurde zuerst 1943 von dem österreichischen Kinderarzt Hans Asperger als „autistische Psychopathie“ beschrieben. Schon zuvor hatte ab 1925 die russische Kinderpsychiaterin Grunja Sucharewa über vergleichbare Fälle einer „schizoiden Persönlichkeitsstörung“ bzw. „schizoiden Psychopathie“ publiziert. Das Asperger-Syndrom ist gekennzeichnet durch Auffälligkeiten in der wechselseitigen sozialen Interaktion sowie repetitive und ritualisierte Verhaltensmuster. Sprache, Intelligenz und Anpassungsfähigkeit entwickeln sich ohne auffällige Verzögerung. Im Bereich der Sprache sind jedoch Auffälligkeiten wie eine ungewöhnliche Intonation oder eine als pedantisch oder formell wahrgenommene Ausdrucksweise typisch. Weiterhin lässt sich oft eine motorische Ungeschicklichkeit beobachten. Es gibt zahlreiche Berichte über das gleichzeitige Auftreten von überdurchschnittlicher Intelligenz.L. Mottron, L. Bouvet, A. Bonnel, F. Samson, J. A. Burack, M. Dawson, P. Heaton: Veridical mapping in the development of exceptional autistic abilities. In: Neuroscience and biobehavioral reviews. Band 37, Nummer 2, Februar 2013, S. 209–228, doi:10.1016/j.neubiorev.2012.11.016, PMID 23219745 (freier Volltext) (Review). Als besonders problematisch erweist sich die soziale Interaktion, da Menschen mit Asperger-Syndrom nach außen hin keine offensichtlichen Anzeichen einer Behinderung haben. So kann es geschehen, dass die Schwierigkeiten von Menschen mit Asperger-Syndrom als bewusste Provokation empfunden werden, obwohl dies nicht der Fall ist. Wenn etwa eine autistische Person auf eine an sie gerichtete Frage nur mit Schweigen reagiert, wird dies fälschlicherweise oft als Sturheit und Unhöflichkeit gedeutet.Helmut Remschmidt: Das Asperger-Syndrom. Eine zu wenig bekannte Störung? (PDF; 91 kB) In: Deutsches Ärzteblatt. 97, Heft 19, 12. Mai 2000. Viele Menschen mit Asperger-Syndrom können durch Schauspielkunst und Kompensationsstrategien – das sogenannte Masking oder Camouflaging – nach außen hin eine Fassade aufrechterhalten, sodass ihre Probleme auf den ersten Blick nicht gleich sichtbar sind, jedoch bei persönlichem Kontakt durchscheinen, etwa in einem Vorstellungsgespräch. Menschen mit Asperger-Syndrom gelten nach außen hin oft als extrem schüchtern, jedoch ist das nicht das eigentliche Problem. Schüchterne Menschen verstehen die sozialen Regeln, trauen sich aber nicht, sie anzuwenden. Menschen mit Asperger-Syndrom verstehen sie hingegen nicht und haben deshalb Probleme, damit umzugehen. Die Fähigkeit zur kognitiven Empathie (Einfühlungsvermögen) ist manchmal nur schwach ausgeprägt. Bezüglich der affektiven Empathie ergab eine Übersichtsarbeit von 2013 uneinheitliche Ergebnisse: Weniger als die Hälfte der Studien zeigten eine Einschränkung der emotionalen Wahrnehmung.D. Bons, E. van den Broek, F. Scheepers, P. Herpers, N. Rommelse, J. K. Buitelaar: Motor, emotional, and cognitive empathy in children and adolescents with autism spectrum disorder and conduct disorder. In: Journal of abnormal child psychology. Band 41, Nummer 3, April 2013, S. 425–443, doi:10.1007/s10802-012-9689-5, PMID 23096764 (Review), PDF. Diagnostik Autismus wird zumeist in der Kindheit diagnostiziert. Die Diagnose erfolgt im Durchschnitt umso früher, je stärker die Verzögerung bei der Sprachentwicklung und je auffälliger das Verhalten sind. Bei unauffälliger Sprach- und Intelligenzentwicklung wird Autismus häufig erst im Grundschulalter festgestellt, wobei die Diagnose bei Mädchen tendenziell später gestellt wird. Bei Autisten ohne Intelligenzminderung und mit hohem psychosozialen Funktionsniveau erfolgt die Diagnose teils auch erst im Jugend- oder Erwachsenenalter. Auch bei dieser Gruppe bestehen die charakteristischen Symptome bereits seit frühester Kindheit, wurden jedoch vom Umfeld nicht erkannt, nicht als Autismus-Symptom interpretiert oder verursachten keine so gravierenden Beeinträchtigungen, dass sie Anlass für weitere Untersuchungen gegeben hätten. Die Diagnose von Autismus erfolgt anhand der beobachteten Symptomatik. Zur Diagnostik geeignete Biomarker, etwa neurobiologische Befunde, sind nicht bekannt. Bei der Diagnostik ist wichtig, zu beachten, dass nicht einzelne Symptome autismusspezifisch sind, da ähnliche Merkmale auch bei anderen Störungen oder in der Allgemeinbevölkerung auftreten. Spezifisch für Autismus ist vielmehr die Kombination von mehreren dieser Symptome, d. h. der Symptomkonstellation, die zudem bereits seit der Kindheit vorliegen muss. Dieses sogenannte klinische Bild wird durch Einsatz verschiedener diagnostischer Verfahren gewonnen. Zum Einsatz kommen können Interviews mit Patienten und/oder ihren Bezugspersonen, standardisierte und validierte Fragebögen sowie Verhaltensbeobachtungen und eine körperliche Untersuchung. Standardverfahren sind der Autism Diagnostic Observation Schedule-2 (ADOS-2, Verhaltensbeobachtung) sowie das Autism Diagnostic Interview-Revised (ADI-R, Eltern-Interview), die auch in deutscher Sprache verfügbar sind. Die auf diese Weise erhobenen Informationen werden verglichen und gewichtet. Beispielsweise muss berücksichtigt werden, dass besonders bei Erwachsenen die Eigenwahrnehmung oder die Einschätzung einer Person durch die Eltern stark von der Wahrnehmung der sonstigen Umwelt abweichen kann. Weiterhin können sich Eltern oder andere Angehörige Erwachsener oft nicht mehr ausreichend präzise an Verhalten und Entwicklung in der Kindheit erinnern. Erschwert wird die Diagnostik bei älteren Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen oft dadurch, dass diese im Laufe ihres Lebens gelernt haben, auffällige Symptome wie repetitive Verhaltensweisen (Stimming) zu unterdrücken oder Schwierigkeiten bei sozialer Interaktion und Kommunikation zu kompensieren. Diese als Masking oder Camouflaging bezeichneten Strategien und Verhaltensweisen können zu einem unauffälligen ersten Eindruck führen, aber beispielsweise durch Beobachtung der Person in ungewohntem Umfeld oder Erfragen des kognitiven Aufwands erkannt werden. Die Diagnose autistischer Mädchen und Frauen kann dadurch erschwert werden, dass ihnen – im Vergleich zu einer männlichen Vergleichsgruppe – das Masking häufig besser gelingt und ihre Spezialinteressen häufig unauffälliger sind oder eher als alterstypisch wahrgenommen werden. Jedoch ist auch bei ihnen zum Beispiel soziale Interaktion mit großen Anstrengungen verbunden und sie gehen ihren Interessen mit höherer Intensität und Qualität nach als nicht-autistische Gleichaltrige. Vor allem bei Erwachsenen wird oft beklagt, dass zu viel Zeit vom ersten Verdacht bis zur Diagnose vergehe. Bei einer Untersuchung in Bayern aus dem Jahr 2019 blieb dieser Zeitraum bei 34 % der Studienteilnehmer unter einem Jahr, bei 33 % vergingen ein bis drei Jahre bis zur Diagnose, bei 10 % drei bis fünf Jahre und bei 18 % mehr als fünf Jahre; 5 % machten keine Angabe. Bei Kindern und Jugendlichen lag die durchschnittliche Zeitspanne zwischen dem ersten Verdacht der Eltern und der Diagnose in Deutschland ebenfalls im Jahr 2019 bei 4,6 Jahren. Nach ICD-10 Autismus wird im fünften Kapitel der ICD-10 (1994) als tiefgreifende Entwicklungsstörung (Schlüssel F84) aufgeführt. Es wird unterschieden zwischen: F84.0: Frühkindlicher Autismus, siehe Frühkindlicher Autismus#Nach ICD F84.1: atypischer Autismus, siehe Atypischer Autismus F84.5: Asperger-Syndrom, siehe Asperger-Syndrom#Nach ICD Sind sowohl die Kriterien für frühkindlichen Autismus als auch das Asperger-Syndrom erfüllt, wird die Diagnose frühkindlicher Autismus gestellt. Nach DSM-5 Das Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (das Klassifikationssystem der American Psychiatric Association, das auch international und in der Forschung Verwendung findet) fasst in seiner 5. Auflage (DSM-5, seit 2013, revidiert 2022) alle Formen des Autismus in der Diagnose Autismus-Spektrum-Störung (ASS, englisch Autism Spectrum Disorder, ASD) zusammen. Die Diagnosekriterien lauten: A) Anhaltende Defizite in der sozialen Kommunikation und sozialen Interaktion über verschiedene Kontexte hinweg. Diese manifestieren sich in allen der folgenden aktuell oder in der Vergangenheit erfüllten Merkmalen: Defizite der sozial-emotionalen Gegenseitigkeit (z. B. ungewöhnliche soziale Annäherung; fehlende normale wechselseitige Konversation, verminderter Austausch von Interessen, Gefühlen und Affekten) Defizite im nonverbalen Kommunikationsverhalten, das in sozialen Interaktionen eingesetzt wird (z. B. weniger oder kein Blickkontakt bzw. Körpersprache; Defizite im Verständnis und Gebrauch von Gestik bis hin zu vollständigem Fehlen von Mimik und nonverbaler Kommunikation) Defizite in der Aufnahme, Aufrechterhaltung und dem Verständnis von Beziehungen (z. B. Schwierigkeiten, eigenes Verhalten an verschiedene soziale Kontexte anzupassen, sich in Rollenspielen auszutauschen oder Freundschaften zu schließen) B) Eingeschränkte, repetitive Verhaltensmuster, Interessen oder Aktivitäten, die sich in mindestens zwei der folgenden aktuell oder in der Vergangenheit erfüllten Merkmalen manifestieren: Stereotype oder repetitive motorische Bewegungsabläufe; stereotyper oder repetitiver Gebrauch von Objekten oder Sprache (z. B. einfache motorische Stereotypien, Echolalie, Aufreihen von Spielzeug, Hin- und Herbewegen von Objekten, idiosynkratischer Sprachgebrauch) Festhalten an Gleichbleibendem, unflexibles Festhalten an Routinen oder an ritualisierten Mustern (z. B. extremes Unbehagen bei kleinen Veränderungen, Schwierigkeiten bei Übergängen, rigide Denkmuster oder Begrüßungsrituale, Bedürfnis, täglich den gleichen Weg zu gehen) Hochgradig begrenzte, fixierte Interessen, die in ihrer Intensität oder ihrem Inhalt abnorm sind (z. B. starke Bindung an oder Beschäftigen mit ungewöhnlichen Objekten, extrem umschriebene oder perseverierende Interessen) Hyper- oder Hyporeaktivität auf sensorische Reize oder ungewöhnliches Interesse an Umweltreizen (z. B. scheinbare Gleichgültigkeit gegenüber Schmerz oder Temperatur, ablehnende Reaktion auf spezifische Geräusche oder Oberflächen, exzessives Beriechen oder Berühren von Objekten) C) Die Symptome müssen bereits in früher Kindheit vorliegen, können sich aber erst dann voll manifestieren, wenn die sozialen Anforderungen die begrenzten Möglichkeiten überschreiten. (In späteren Lebensphasen können sie auch durch erlernte Strategien überdeckt werden.) D) Die Symptome müssen klinisch bedeutsames Leiden oder Beeinträchtigungen in sozialen, beruflichen oder anderen wichtigen Funktionsbereichen verursachen. E) Die Symptome können nicht besser durch eine Störung der Intelligenzentwicklung (geistige Behinderung) oder eine allgemeine Entwicklungsverzögerung erklärt werden. Intellektuelle Beeinträchtigungen und Autismus-Spektrum-Störungen treten häufig zusammen auf. Um die Diagnosen „Autismus-Spektrum-Störung“ und „Intellektuelle Entwicklungsstörung“ gemeinsam stellen zu können, sollte die soziale Kommunikationsfähigkeit unter dem aufgrund der allgemeinen Entwicklung erwarteten Niveau liegen. Für die Beeinträchtigungen der sozialen Kommunikation (A) und eingeschränkten, repetitiven Verhaltensmustern (B) soll jeweils ein Schweregrad angegeben werden, der die aktuell benötigte Unterstützung beschreibt: +Soziale KommunikationRestriktive, repetitive VerhaltensweisenSchweregrad 1 „Unterstützung erforderlich“Ohne Unterstützung führen die Defizite in der sozialen Kommunikation zu erkennbaren Beeinträchtigungen. Die Person hat große Mühe, soziale Interaktionen zu initiieren, und reagiert mitunter ungewöhnlich oder unangemessen auf Kontaktversuche anderer. Es kann wirken, als bestünde nur ein geringes Interesse an zwischenmenschlichen Kontakten. Beispielsweise kann die Person zwar in ganzen Sätzen sprechen und sich ausdrücken, doch gelingen ihr wechselseitige Gespräche nicht; ihre Bemühungen, Freundschaften zu knüpfen, erscheinen befremdlich und bleiben meist erfolglos.Mangelnde Flexibilität im Verhalten führt zu Einschränkungen in einzelnen Lebensbereichen. Der Wechsel zwischen unterschiedlichen Tätigkeiten kann schwerfallen. Planungs- und Organisationsprobleme schränken die Selbstständigkeit ein.Schweregrad 2 „Umfangreiche Unterstützung erforderlich“Verbale und nonverbale Kommunikationsfähigkeit ist deutlich beeinträchtigt. Soziale Defizite auch mit Unterstützung offensichtlich. Die Person initiiert nur selten von sich aus soziale Kontakte und reagiert ungewöhnlich auf Kontaktangebote anderer. Zwar kann sie in einfachen Sätzen sprechen, doch ihr nonverbales Ausdrucksverhalten wirkt befremdlich, die Interaktion beschränkt sich zumeist auf spezifische Spezialinteressen.Mangelnde Flexibilität im Verhalten, Probleme mit Veränderungen sowie restriktives und repetitives Verhalten sind selbst für Laien offensichtlich. Deutliche Einschränkungen in zahlreichen Lebensbereichen. Die Person zeigt Unbehagen und/oder hat Schwierigkeiten beim Wechsel zwischen verschiedenen Tätigkeiten.Schweregrad 3 „Sehr umfangreiche Unterstützung erforderlich“Schwerwiegende Beeinträchtigungen durch ausgeprägte Defizite in der verbalen und nonverbalen Kommunikation, kaum soziale Kontaktversuche aus eigenem Antrieb und kaum Reaktion auf Kontaktversuche anderer. Spricht nur einzelne Wörter verständlich und wenn, dann nur zur Mitteilung eigener Bedürfnisse. Reagiert nur auf sehr direkte Ansprache.Kaum Flexibilität im Verhalten, Veränderungen bereiten extreme Probleme. Stark ausgeprägte restriktive und repetitive Verhaltensweisen verursachen deutliche Beeinträchtigungen in allen Lebensbereichen. Die Person zeigt enormes Unbehagen und/oder hat starke Schwierigkeiten, die Tätigkeit zu verändern oder zu wechseln. Liegt ein bekannter medizinischer oder genetischer Krankheitsfaktor oder Umweltfaktor vor, soll dieser zusätzlich spezifiziert werden (z. B. „Autismus-Spektrum-Störung mit einhergehendem Rett-Syndrom“). Das Vorliegen einer intellektuellen oder sprachlichen Beeinträchtigung kann durch einen entsprechenden Zusatz gekennzeichnet werden (z. B. „Autismus-Spektrum-Störung mit begleitender Sprachlicher Beeinträchtigung – keine verständliche Sprache“). Weiterhin kann spezifiziert werden, dass die ASS mit einer Katatonie einhergeht. Das DSM-5 weist ausdrücklich darauf hin, dass Personen mit einer gesicherten DSM-IV-Diagnose einer autistischen Störung, Asperger-Störung oder nicht näher bezeichneten tiefgreifenden Entwicklungsstörung eine ASS-Diagnose nach DSM-5 erhalten sollen. Für Personen mit deutlichen sozialen Kommunikationdefiziten, die ansonsten nicht die Kriterien der Autismus-Spektrum-Störung erfüllen, solle die Diagnose einer sozialen Kommunikationsstörung erwogen werden. Nach ICD-11 Alle Ausprägungen des Autismus werden in der international seit Januar 2022 gültigen 11. Revision der Internationalen Klassifikation der Krankheiten der Weltgesundheitsorganisation (ICD-11) in der Diagnose Autismus-Spektrum-Störung (Schlüssel 6A02, kurz ASS, englisch Autism Spectrum Disorder, ASD) zusammengefasst. Die Diagnosekriterien lauten: Anhaltende Defizite beim Initiieren und Aufrechterhalten sozialer Kommunikation und wechselseitiger sozialer Interaktion, die außerhalb der typischen Bandbreite dessen liegen, was angesichts des Alters und intellektuellen Entwicklungsstandes zu erwarten wäre. Die spezifische Ausprägung dieser Defizite variiert mit dem Alter, lautsprachlichen und intellektuellen Fähigkeiten und der Schwere der Störung. Ausprägungen können Beeinträchtigungen in folgenden Bereichen beinhalten: Verständnis von, Interesse an, oder unangemessene Reaktion auf verbale oder nonverbale Kommunikation anderer Integration von Lautsprache mit typischer komplementärer nonverbaler Kommunikation, wie etwa Blickkontakt, Gestik, Mimik und Körpersprache. Dieses nonverbale Verhalten kann auch in Bezug auf Frequenz und Intensität reduziert sein. Verständnis und Verwendung von Sprache in sozialen Zusammenhängen und Fähigkeit, wechselseitige soziale Gespräche zu initiieren und aufrechtzuerhalten. Soziales Bewusstsein, was zu im sozialen Kontext unangemessenem Verhalten führt. Fähigkeit, sich Gefühle, emotionale Verfassung und Standpunkte anderer vorzustellen und auf diese zu reagieren. Gegenseitiges Teilen von Interessen. Fähigkeit, typische Beziehungen mit Gleichaltrigen einzugehen und aufrechtzuerhalten. Anhaltende beschränkte, repetitive und unflexible Verhaltensmuster, Interessen oder Aktivitäten, die klar atypisch oder exzessiv für das Alter und den sozio-kulturellen Kontext sind. Dies kann beinhalten: Fehlende Anpassung an neue Erfahrungen und Umstände verbunden mit Stress, der durch triviale Veränderungen einer gewohnten Umgebung oder in Reaktion auf unerwartete Ereignisse ausgelöst wird. Unflexibles Befolgen bestimmter Routinen. Diese können beispielsweise geographischer Natur sein, wie etwa immer die gewohnte Route nehmen zu müssen, oder präzise zeitliche Terminierung z. B. von Mahlzeiten erfordern. Exzessives Befolgen von Regeln (z. B. bei Spielen). Exzessive und anhaltende ritualisierte Verhaltensmuster (z. B. vertiefte Beschäftigung mit dem Aufreihen oder Sortieren von Gegenständen in bestimmter Weise), die keinen erkennbaren externen Zweck erfüllen. Repetitive und stereotype motorische Bewegungen, wie etwa Bewegungen des ganzen Körpers (z. B. Schaukeln), untypischer Gang (z. B. Laufen auf Zehenspitzen), ungewöhnliche Hand- oder Fingerbewegungen und Haltung. Dieses Verhalten ist besonders in der frühen Kindheit häufig. Anhaltende vertiefte Beschäftigung mit einem oder mehreren Spezialinteressen, Teilen von Objekten oder spezifischen Formen von Reizen (inklusive Medien) oder eine ungewöhnlich starke Bindung an bestimmte Gegenstände (ausgenommen typische Tröster). Lebenslange exzessive und anhaltende Hypersensitivität oder Hyposensitivität für Sinnesreize oder ein ungewöhnliches Interesse an einem Sinnesreiz. Dies kann tatsächliche oder erwartete Geräusche, Licht, Texturen (besonders von Kleidung und Essen), Gerüche und Geschmack, Wärme, Kälte oder Schmerzen beinhalten. Der Beginn der Störung liegt in der Entwicklungsphase, typischerweise in der frühen Kindheit, aber charakteristische Symptome können sich auch erst später voll manifestieren, wenn soziale Anforderungen die beschränkten Kapazitäten übersteigen. Die Symptome führen zu einer signifikanten Beeinträchtigung im persönlichen, familiären, sozialen, schulischen, beruflichen oder einem anderen wichtigen Bereich. Manchen autistischen Personen gelingt es, durch außergewöhnliche Anstrengungen in vielen Bereichen adäquat funktional zu agieren, so dass ihre Defizite anderen nicht auffallen. Die Diagnose einer Autismus-Spektrum-Störung ist auch hier angemessen. Analog zum DSM-5 werden dabei die Störung der Intelligenzentwicklung und Beeinträchtigung der funktionellen Sprache (Laut- oder Gebärdensprache) spezifiziert, wobei die möglichen Kombinationen in der ICD-11 eigene Diagnoseschlüssel erhalten: +Autismus-Spektrum-Störung…… ohne Störung der Intelligenzentwicklung… mit Störung der Intelligenzentwicklung… mit leichtgradiger oder keiner Beeinträchtigung der funktionellen Sprache6A02.06A02.1… mit Beeinträchtigung der funktionellen Sprache6A02.26A02.3… mit vollständigem oder nahezu vollständigem Fehlen der funktionellen Sprache―6A02.5 Zusätzlich soll die entsprechende Diagnose einer Störung der Intelligenzentwicklung vergeben werden. Durch eine nach der ersten Ziffer 0 bis 3 bzw. 5 nachgestellte Ziffer 0 oder 1 kann kodiert werden, ob es zu einem Verlust bereits erworbener Fähigkeiten (typischerweise im Laufe des zweiten Lebensjahrs und im Bereich der Sprachentwicklung oder sozialer Reaktivität) kam: 6A02.x 0: ohne Verlust bereits erworbener Fähigkeiten 6A02.x 1: mit Verlust bereits erworbener Fähigkeiten Differentialdiagnostik Autistische Verhaltensweisen können auch bei folgenden Syndromen und psychischen Erkrankungen auftreten. Von diesen muss Autismus daher abgegrenzt werden: ADHS Die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung ist von Autismus oft schwer zu unterscheiden, denn auch bei Autismus können stark fokussierte Aufmerksamkeit, leichte Ablenkbarkeit sowie Hyperaktivität auftreten. Umgekehrt können durch die für ADHS typische Impulsivität und Hyperaktivität Auffälligkeiten in der sozialen Kommunikation entstehen, wie etwa das Unterbrechen anderer Personen, eine unangepasste Lautstärke beim Sprechen und das Missachten des persönlichen Bereichs. Eine Unterscheidung ist möglich anhand des Entwicklungsverlaufs sowie dem Fehlen von beschränkten, repetitiven Verhaltensweisen und ungewöhnlichen Interessen, die bei ADHS nicht auftreten. Die Differentialdiagnose zwischen ADHS und Autismus ist überdies auch deshalb schwierig, da ADHS häufig mit Autismus gemeinsam vorkommt (Komorbidität). Bindungsstörung Autismus und Bindungsstörungen können ähnliche soziale Auffälligkeiten zeigen, unterscheiden sich jedoch in Ätiologie und typischem Verlauf. Bindungsstörungen entstehen meist infolge früher Vernachlässigung oder instabiler Beziehungserfahrungen, während Autismus als neurobiologisch bedingte Entwicklungsvariante gilt, deren Merkmale unabhängig von Beziehungserfahrungen auftreten. Beide können mit Beziehungs- und Interaktionsschwierigkeiten einhergehen, diese beruhen jedoch auf unterschiedlichen Mechanismen. HörbehinderungEine Hörbehinderung (Schwerhörigkeit oder Gehörlosigkeit) kann bei Kindern auf den ersten Blick mit Autismus verwechselt werden, weil das Kind auf laute Geräusche oder Ansprache nicht reagiert und weil sich die Sprachentwicklung verzögert. Ein Hörtest oder Hörscreening (bei Kindern regelmäßig im Rahmen von Kindervorsorgeuntersuchungen und vor der Einschulung durchgeführt) kann eine Hörbehinderung ermitteln. Allerdings lassen aktuelle Forschungsergebnisse vermuten, dass das Hörtest-Verfahren Hirnstammaudiometrie (engl. auditory brainstem response, ABR) auch bei autistischen Neugeborenen Auffälligkeiten zeigt, da bei ihnen das Gehirn langsamer auf Geräusche reagiert. Autismusähnliches Verhalten Von autismusähnlichem Verhalten bei psychischem Hospitalismus, Kindesmisshandlung und Verwahrlosung unterscheidet sich Autismus dadurch, dass er primär, also von Geburt an, auftritt. Die typischen Verhaltensweisen werden bei Autisten nicht durch falsche Erziehung, mangelnde Liebe, Misshandlung oder Verwahrlosung ausgelöst. In jenen Fällen verschwindet das autismusähnliche Verhalten bei Besserung der äußeren Umstände wieder, wohingegen Autismus nicht veränderbar ist. Magersucht Bei Magersucht (Anorexia nervosa) können Essgewohnheiten auftreten (z. B. rigides und selektives Essverhalten, Rumination), die auch bei autistischen Menschen häufig zu beobachten sind. Diese haben zudem im Kindes- und Jugendalter ein erhöhtes Risiko für Untergewicht. Wesentliches Unterscheidungsmerkmal ist, dass bei Magersucht die Regulation des eigenen Gewichts und das Körperbild im Vordergrund stehen, während bei Autismus die Ursache für das abweichende Essverhalten in sensorischen Sensitivitäten, der Neigung zu repetitivem Verhalten oder Schwierigkeiten, Hunger zu erkennen, liegen kann (Alexithymie). Jedoch können auch autistische Personen das Motiv haben, Gewicht zu verlieren, um soziale Anerkennung zu erlangen. Zu beachten ist, dass Magersucht auch gemeinsam mit einer Autismus-Spektrum-Störung auftreten kann. Eine 2015 publizierte Auswertung von Daten des dänischen Gesundheitssystems ergab, dass Menschen mit einer Autismus-Diagnose eine fünfmal so große Wahrscheinlichkeit hatten, später von Magersucht betroffen zu sein als eine Kontrollgruppe ohne Autismus-Diagnose. Autismus-Spektrum-Störungen sind bei Patienten mit Anorexia nervosa im Vergleich zur Gesamtbevölkerung überrepräsentiert.E. Saure, M. Laasonen, A. Raevuori: Anorexia nervosa and comorbid autism spectrum disorders. In: Current opinion in psychiatry. Band 34, Nummer 6, November 2021, S. 569–575, doi:10.1097/YCO.0000000000000742, PMID 34419968 (Review), PDF. Mutismus Mutismus hängt im Gegensatz zu Autismus eher mit sozialer Angst zusammen und äußert sich ausschließlich als Kommunikationsstörung, geht aber typischerweise nicht mit einer Entwicklungsverzögerung einher, wie es bei Autismus der Fall ist. Es wird zwischen totalem Mutismus (die Person spricht trotz funktionell vorhandener Sprechfähigkeit überhaupt nicht) und selektivem bzw. elektivem Mutismus (Spracheinsatz von Personen und Situationen abhängig) unterschieden. Im Gegensatz zu Autismus ist bei selektivem Mutismus auch in Situationen, in denen eine Person nicht spricht, die soziale Reziprozität nicht eingeschränkt und es treten keine repetitiven oder beschränkten Verhaltensweisen auf. Persönlichkeitsstörungen Persönlichkeitsstörungen gehen oft mit Schwierigkeiten in der sozialen Interaktion einher, die Ähnlichkeiten mit Autismus aufweisen und Autisten erfüllen oft auch formal die Kriterien für eine Persönlichkeitsstörung. Dies gilt insbesondere für die zwanghafte, ängstlich-vermeidende, schizoide und schizotype Persönlichkeitsstörung. Wesentliches Unterscheidungsmerkmal in der Diagnostik sind die beschränkten, repetitiven Verhaltensweisen und Interessen, welche bei Autismus ab der frühen Kindheit auftreten, jedoch nicht bei Persönlichkeitsstörungen. Manche Autoren sehen vor allem bei Frauen Parallelen zur Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS), bei der ebenfalls die Empathiefähigkeit beeinträchtigt sei und nonverbale Signale schwerer erkannt würden. Borderline sei jedoch von starken Stimmungsschwankungen geprägt und gehe selten mit Spezialinteressen oder ausgeprägt rationalem Denken einher. BPS und Autismus können auch gemeinsam auftreten. Ebenso ist die dissoziale Persönlichkeitsstörung differentialdiagnostisch abzugrenzen, da sowohl bei Autismus als auch bei dissozialer Persönlichkeitsstörung auffällige soziale Schwierigkeiten und mangelnde Anpassung auftreten können, wenngleich die inneren Mechanismen verschieden sind. Bei Autismus dominieren typischerweise Defizite der kognitiven Empathie, also Schwierigkeiten, die Perspektive und Gedanken anderer zu erfassen (z. B. vermindertes Perspektivübernahmevermögen). Bei der dissozialen Persönlichkeitsstörung hingegen steht ein emotionales Empathiedefizit im Vordergrund, also eine verminderte Fähigkeit, Gefühle anderer emotional nachzuempfinden, was sich häufig in rücksichtslosen oder manipulativ wirkenden Verhaltensweisen äußert. Schizophrenie Schizophrenie ist typischerweise gekennzeichnet durch positive Symptome – also zusätzlich auftretende psychische Phänomene – wie Halluzinationen, Wahnvorstellungen, desorganisiertes Denken oder Sprechen sowie Ich-Störungen (z. B. Gedankeneingabe oder -entzug), die bei Autismus nicht als Kernmerkmale gelten. Zudem beginnt Autismus in der Regel bereits in der frühen Kindheit, während sich Schizophrenie meist erst im Jugend- oder jungen Erwachsenenalter manifestiert. Beide Störungsbilder können sich jedoch in Bereichen der sozialen Kognition und sogenannter Negativsymptome – also dem Fehlen oder Verlust bestimmter Fähigkeiten – wie etwa sozialer Rückzug oder verarmter Affekt überschneiden; zudem weisen aktuelle genetische Befunde auf partielle Überschneidungen in seltenen Varianten (CNVs, de-novo-Mutationen) hin, was die klinische Abgrenzung im Einzelfall erschweren kann. Stummheit, Aphasie Stummheit, Aphasie oder eine sonstige Form von Sprachentwicklungsverzögerung kann bei Kindern auf den ersten Blick autistisches Verhalten vortäuschen, weil die sprachlichen Äußerungen fehlen. Das normale Sozialverhalten unterscheidet die Stummheit allerdings vom Autismus bzw. vom Asperger-Syndrom. Zwangserkrankungen Bei Menschen, die an Zwangshandlungen leiden, sind die Fähigkeiten zu sozialem Umgang und Kommunikation in der Regel nicht beeinträchtigt. Im Gegensatz zu an einer Zwangsstörung Erkrankten erleben Autisten ihre Routinen nicht als gegen ihren Willen aufgedrängt, sondern sie schaffen ihnen Sicherheit und sie fühlen sich mit ihnen wohl (ich-synton). Einige Menschen mit Asperger-Syndrom erfüllen aber zusätzlich die Kriterien der zwanghaften Persönlichkeitsstörung; eine Differentialdiagnose ist normalerweise aber auch hier möglich.Günter Esser (Hrsg.): Lehrbuch der klinischen Psychologie und Psychotherapie bei Kindern und Jugendlichen. 3. Auflage. Georg Thieme Verlag, 2008, ISBN 978-3-13-126083-3, S. 194. Komorbiditäten und Folgeerkrankungen Autismus-Spektrum-Störungen oder autistische Symptome sind mit einer Reihe von Syndromen vergesellschaftet, treten bei diesen also häufig auf oder gehören zur charakteristischen Symptomatik. Viele der Syndrome haben eine bekannte, oft monogenetische Ursache. Hierzu zählen beispielsweise: Angelman-Syndrom Das Angelman-Syndrom entsteht durch eine Veränderung auf dem 15. Chromosom und lässt sich genetisch nachweisen. Fragiles-X-Syndrom Das Fragiles-X-Syndrom wird durch einen genetischen Defekt ausgelöst, der mit entsprechenden Analysemethoden eindeutig nachgewiesen werden kann. Rett-Syndrom Das Rett-Syndrom zählt wie die oben angeführten Autismus-Varianten in der ICD-10 und dem DSM-IV zu den tiefgreifenden Entwicklungsstörungen. Es kommt fast ausschließlich bei Frauen vor; typische Symptome sind autismusähnliches Verhalten und Störungen der Bewegungskoordination (Ataxie). Während im DSM-5 eine Diagnose „Autismus-Spektrum-Störung mit einhergehendem Rett-Syndrom“ möglich ist, ist in der ICD-11 das Rett-Syndrom Ausschlussdiagnose für eine ASS. Zusammen mit Autismus können zudem verschiedene begleitende (komorbide) körperliche und psychische Erkrankungen auftreten: Die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) muss nicht nur von Autismus abgegrenzt werden, sondern kann auch zusätzlich auftreten. Autisten haben ein deutlich erhöhtes Risiko, zusätzliche psychische Belastungen wie Depressionen, Angst- oder Zwangssymptome zu entwickeln. Studien zeigen, dass bei bis zu 70 % der Personen im Autismus-Spektrum im Verlauf des Lebens mindestens eine komorbide psychische Erkrankung auftritt, bei rund 40 % sogar mehrere. Besonders dann, wenn die autistischen Merkmale über Jahre hinweg unerkannt bleiben und die Umwelt nicht auf die spezifischen sensorischen und sozialen Bedürfnisse eingeht, steigt das Risiko sekundärer psychischer Erkrankungen. Überforderung, Masking und wiederholte Erfahrungen des Nicht-Verstandenwerdens gelten als zentrale Belastungsfaktoren. Eine frühzeitige Diagnose kann helfen, passende Unterstützungsformen und Umweltanpassungen zu schaffen, die Stress reduzieren und das Risiko zusätzlicher psychischer Erkrankungen verringern. Traumafolgestörungen: Autistische Menschen haben ein erhöhtes Risiko für traumatische Erfahrungen, insbesondere für soziale Viktimisierung, und weisen zudem eine erhöhte Vulnerabilität dafür auf, Ereignisse als traumatisierend zu erleben. Zu beachten ist, dass es Überschneidungen der Symptomatik von PTBS und ASS gibt. Schlafstörungen sind bei autistischen Menschen besonders häufig, rund 80 Prozent der Kinder und 50 Prozent der Erwachsenen sind betroffen. Verbreitet sind vor allem Ein- und Durchschlafprobleme, Parasomnien und nächtliche epileptische Anfälle. Prosopagnosie (Gesichtsblindheit): Schwierigkeiten, Gesichter zu erkennen. Manche Autisten nehmen Menschen und Gesichter wie Gegenstände wahr. In Studien wurde festgestellt, dass manche Autisten die visuellen Informationen beim Betrachten von Personen und Gesichtern in einem Teil des Gehirns verarbeiten, der bei den meisten Menschen die Wahrnehmung von Objekten verarbeitet. Ihnen fehlt dann die intuitive Fähigkeit, Gesichter im Bruchteil einer Sekunde zu erkennen und Ereignissen zuzuordnen. Das Tourette-Syndrom ist eine neuro-psychiatrische Erkrankung, die durch das Auftreten von Tics charakterisiert ist. Das Down-Syndrom (Trisomie 21), eine Chromosomenanomalie, bei der das Chromosom 21 oder Teile davon dreifach statt doppelt vorhanden sind. Tuberöse Sklerose ist eine genetische Erkrankung, die mit Fehlbildungen und Tumoren des Gehirns, Hautveränderungen und meist gutartigen Tumoren in anderen Organsystemen einhergeht. Klinisch ist sie häufig durch epileptische Anfälle und kognitive Behinderungen gekennzeichnet. Geschlechtsinkongruenz sowie nicht-geschlechtskonformes Verhalten treten bei autistischen Menschen gehäuft auf. Zudem werden unter Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit Geschlechtsdysphorie autistische Züge und Autismus-Spektrum-Störungen überhäufig beobachtet. Häufigkeit mini|642x642px Basierend auf Prävalenzstudien zur Zahl diagnostizierter Autisten, wird die Häufigkeit des Störungsbildes meist mit 1 bis 2 % der Bevölkerung angegeben. Zugleich gilt Autismus jedoch als stark unterdiagnostiziert, das heißt, es ist von einer hohen Dunkelziffer auszugehen. Eine britische Kohortenstudie kam 2023 auf Basis von mehr als sechs Millionen Gesundheitsdatensätzen zu dem Ergebnis, dass in England bis 2018 etwa die Hälfte bis zu drei Vierteln autistischer Erwachsener zwischen 20 und 49 Jahren nicht diagnostiziert waren. Bei Autisten über 50 Jahren sollen bis zu 96 % nicht diagnostiziert gewesen sein. Die höchsten Diagnoseraten waren mit bis zu 4,4 % bei männlichen Kindern und Jugendlichen zu verzeichnen, ab dem Alter von 30 brachen die Raten regelrecht ein. Da Autismus zum größten Teil erblich bedingt ist und dementsprechend fast alle diagnostizierten Autisten weitere Betroffene in ihrer direkten Verwandtschaft haben müssen, lassen sich aus der ungleichen Altersverteilung bei den Diagnosen die Dunkelziffern abschätzen. Eine andere Studie kam für die Diagnoseraten 2012 in Deutschland zu ähnlichen Ergebnissen bei der Altersverteilung. Der prozentuale Anteil lag hier jedoch selbst bei Kindern und Jugendlichen bei unter 1 %. was auf im Vergleich noch deutlich höhere Dunkelziffern in Deutschland hinweist. Als Ursachen für die hohen Dunkelziffern gelten insbesondere unzureichendes und veraltetes Wissen über Autismus beim medizinischen und psychiatrischen Personal sowie der Mangel an spezialisierten Anlaufstellen, was zu langen Wartezeiten führt und die Wahrscheinlichkeit einer korrekten Diagnose reduziert. Auch die je nach Gesundheitssystem teils hohen Kosten einer Diagnostik, können ein Hindernis darstellen. Da diese Probleme in den meisten Industrieländern in ähnlicher Weise bestehen, sind entsprechend hohe Dunkelziffern fast überall anzunehmen. Für Entwicklungsländer liegen keine umfassenden Erhebungen vor. Es ist insgesamt davon auszugehen, dass der tatsächliche Anteil autistischer Menschen an der Gesamtbevölkerung deutlich höher liegt als die bislang angenommenen 1 bis 2 %. mini|400x400px Die Zahl von Autismus-Diagnosen steigt insbesondere seit den 1990ern weltweit stark an. In diesem Zusammenhang ist teils von einer Autismus-Epidemie die Rede. Ob es sich tatsächlich um einen Anstieg der Inzidenz handelt, ist aufgrund der hohen Dunkelziffern bei Erwachsenen nicht sicher abschätzbar, gilt aber als unwahrscheinlich. So konnten bislang trotz intensiver Forschung keine Umweltfaktoren (z. B. Pestizide oder andere Chemikalien) ausfindig gemacht werden, die für sich allein den Anstieg der Diagnoseraten erklären könnten. Vielmehr sind das bessere wissenschaftliche Verständnis und die breitere Definition von Autismus sowie verbesserte Diagnoseverfahren und die zunehmende gesellschaftliche Wahrnehmung als Ursachen des Anstiegs zu sehen. mini|400x400px Dies lässt sich aus verschiedenen Beobachtungen ableiten. So fällt der Beginn des starken Anstiegs an Autismus-Diagnosen ungefähr mit der Einführung des Asperger-Syndroms zum Jahr 1994 (in Deutschland zum Jahr 2000) zusammen, das erstmals die systematische Diagnostizierung von Autisten ohne geistige Behinderung und ohne Sprachstörung ermöglichte. Die bis dahin etablierte Diagnose Frühkindlicher Autismus hatte überwiegend besonders schwere Ausprägungen erfasst, in der Regel mit schweren Sprachstörungen, Lernbehinderungen und oftmals mit geistigen Behinderungen. Sie konnte zudem nur an Kinder vergeben werden. Autisten ohne entsprechend schwere Behinderungen konnten zuvor also überhaupt nicht „offiziell“ diagnostiziert werden. Auch Verlaufsstudien zeigen, dass der Anstieg an Diagnosen zum größten Teil auf Autisten ohne Intelligenzminderung entfällt. mini|400x400px Die Geschlechterverteilung bei Autismusdiagnosen wird heute mit etwa 3:1 zugunsten männlicher Betroffener angegeben, das heißt, sie werden etwa dreimal so oft mit Autismus diagnostiziert wie weibliche. In der Vergangenheit wurde ein deutlich größeres Verhältnis von 4:1 oder sogar 8:1 angenommen, was mittlerweile jedoch als überholt gilt. Die Gründe für diese ungleiche Geschlechterverteilung sind umstritten. Wurden früher vor allem biologische Schutzmechanismen vermutet, die Frauen besser vor Autismus schützten, gibt es heute zunehmend Hinweise darauf, dass Frauen schlichtweg unterdiagnostiziert sind. Dafür spricht u. a., dass das Geschlechterverhältnis diagnostizierter Erwachsener deutlich kleiner ist als bei Kindern und, dass Frauen im Schnitt mehrere Jahre später diagnostiziert werden. Eine australische Studie kam 2022 zu dem Ergebnis, dass rund 80 % der weiblichen Autisten bis zum 18. Lebensjahr nicht korrekt diagnostiziert sind. Dies ist u. a. darauf zurückzuführen, dass sich die autistische Symptomatik bei Mädchen und Frauen anders äußert als bei Jungen und Männern. Da Autismus jedoch jahrzehntelang fast ausschließlich an männlichen Betroffenen erforscht wurde, basieren die Diagnosekriterien und -verfahren überwiegend auf der männlichen Präsentation des Störungsbildes und erfassen den weiblichen Phänotyp nur unzureichend. Hinzu kommt, dass insbesondere höher intelligente Autistinnen meist lernen, ihre autismustypischen Verhaltensweisen zu verbergen bzw. zu unterdrücken („Masking“), was die Diagnose zusätzlich erschwert. So liegen auch die geschlechtsbezogenen Diagnoseraten bei weniger intelligenten oder geistig behinderten Autisten deutlich näher beieinander als bei jenen mit überdurchschnittlicher Intelligenz, was auf eine besonders hohe Dunkelziffer bei autistischen Frauen hinweist. Folgen und Prognose Autismus kann die Entwicklung der Persönlichkeit, die Berufschancen und die Sozialkontakte erheblich beeinträchtigen. Der Langzeitverlauf von Autismus hängt von der individuellen Ausprägung beim Einzelnen ab. Die Ursache des Autismus kann nicht behandelt werden, da sie nicht bekannt ist. Möglich ist lediglich eine unterstützende Behandlung in einzelnen Symptombereichen. Andererseits sind viele Schwierigkeiten, über die autistische Menschen berichten, durch Anpassungen ihrer Umwelt vermeidbar oder verminderbar. Beispielsweise berichten manche von einem Schmerzempfinden für bestimmte Tonfrequenzen. Solchen Menschen geht es in einem reizarmen Umfeld deutlich besser. Eine autismusgerechte Umwelt zu finden bzw. herzustellen ist deshalb ein wesentliches Ziel. Dies gilt auch im Falle von Schlafstörungen, welche sich durch verhaltenstherapeutische Maßnahmen, Maßnahmen der Schlafhygiene sowie eine medikamentöse Therapie (Melatonin) behandeln lassen. Auch eine Zunahme autistischer Symptome bei Schlafmangel ist beschrieben, etwa verstärkte stereotype Verhaltensweisen oder Hyperaktivität. Kommunikationstraining für Autisten sowie für deren Freunde und Angehörige kann für alle Beteiligten hilfreich sein und wird beispielsweise in Großbritannien von der National Autistic Society angeboten und wissenschaftlich weiterentwickelt. Eine zunehmende Zahl von Schulen, Colleges und Arbeitgebern speziell für autistische Menschen demonstriert den Erfolg, Autisten in autismusgerechten Umfeldern leben zu lassen. Die autistischen Syndrome gehören nach dem (deutschen) Schwerbehindertenrecht zur Gruppe der psychischen Behinderungen. Nach den Grundsätzen der Versorgungsmedizin-Verordnung beträgt der Grad der Behinderung je nach Ausmaß der sozialen Anpassungsschwierigkeiten 10 bis 100. Beim frühkindlichen und atypischen Autismus bleibt eine Besserung des Symptombilds meist in engen Grenzen. Etwa 10–15 % der Menschen mit frühkindlichem Autismus erreichen im Erwachsenenalter eine eigenständige Lebensführung. Der Rest benötigt in der Regel eine intensive, lebenslange Betreuung und eine geschützte Unterbringung. Über den Langzeitverlauf beim Asperger-Syndrom gibt es bisher keine Studien. Hans Asperger nahm einen positiven Langzeitverlauf an. In der Regel lernen Menschen mit Asperger-Syndrom im Laufe ihrer Entwicklung, ihre Probleme – abhängig vom Grad ihrer intellektuellen Fähigkeiten – mehr oder weniger gut zu kompensieren. Der britische Autismusexperte Tony Attwood vergleicht den Entwicklungsprozess von Menschen mit Asperger-Syndrom mit der Erstellung eines Puzzles: Mit der Zeit bekommen sie die einzelnen Teile des Puzzles zusammen und erkennen das ganze Bild. So können sie das Puzzle (oder Rätsel) des Sozialverhaltens lösen. Es existiert eine Reihe von Büchern über autistische Menschen. Der Neurologe Oliver Sacks und Psychologe Torey L. Hayden haben Bücher über ihre autistischen Patienten und deren Lebenswege veröffentlicht. An Büchern, die von Autisten selbst geschrieben wurden, sind insbesondere die Werke der US-amerikanischen Tierwissenschaftlerin Temple Grandin, der australischen Schriftstellerin und Künstlerin Donna Williams, der US-amerikanischen Erziehungswissenschaftlerin Liane Holliday Willey und des deutschen Schriftstellers und Filmemachers Axel Brauns bekannt. Autismus und Trauma Dem Zusammenhang zwischen Autismus und Trauma kommt in Forschung und Praxis besondere Bedeutung zu. Studien weisen darauf hin, dass Autisten eine erhöhte Vulnerabilität für traumatische Erfahrungen aufweisen. Negative Ereignisse, die bei neurotypischen Personen lediglich als belastend oder unangenehm empfunden werden, können bei Autisten bereits traumatisch erlebt werden. Faktoren wie sensorische Empfindlichkeiten, Schwierigkeiten in der Emotionsregulation und ein eingeschränkter Zugang zur eigenen Gefühlswahrnehmung (Alexithymie) können dazu beitragen, dass belastende Ereignisse häufiger in dissoziative oder posttraumatische Symptomatik münden. Hinzu kommt, dass Menschen mit Autismus ein erhöhtes Risiko tragen, Opfer von Gewalthandlungen oder Ausbeutung zu werden, weil soziale Naivität, eingeschränkte Fähigkeit zur Einschätzung sozialer Absichten und oft mangelnde Selbstverteidigung sie verwundbarer machen. Studien berichten, dass autistische Erwachsene häufiger körperliche, emotionale und sexuelle Gewalt erleben, mehrfach viktimisiert werden und dass Kinder mit Autismus häufiger von Misshandlung und Mobbing betroffen sind als nicht-autistische Kinder. Schule, Ausbildung, Beruf mini|Informationsvideo der walisischen Regierung zum Thema Autismus (mit deutschen Untertiteln) Welche Schule für autistische Menschen geeignet ist, hängt von Intelligenz, Sprachentwicklung und Ausprägung des Autismus beim Einzelnen ab. Sind Intelligenz und Sprachentwicklung normal ausgeprägt, können autistische Kinder eine Regelschule besuchen, und es kann ein reguläres Studium oder eine reguläre Berufsausbildung absolviert werden. Andernfalls kann der Besuch einer Förderschule in Betracht gezogen werden.Ulrike Sünkel: Autismus-Spektrum-Störungen und die Arbeitswelt in: Ludger Tebartz van Elst (Hrsg.): Das Asperger-Syndrom im Erwachsenenalter und andere hochfunktionale Autismus-Spektrum-Störungen. Berlin 2013, S. 337. Etwa zwei Drittel der autistischen Kinder besuchen Regelschulen. Die Inklusive Pädagogik bietet alternative Lösungen an, die auch für autistische Kinder relevant sein können. Einerseits kann der Einstieg ins reguläre Berufsleben problematisch werden, da viele Autisten die hohen sozialen Anforderungen der heutigen Arbeitswelt nicht erfüllen können. So sind laut einer von Rehadat veröffentlichten Studie von 2004 nur ungefähr zehn Prozent der autistischen jungen Menschen den Anforderungen einer Berufsausbildung gewachsen, da „neben dem erreichten kognitiven Leistungsniveau die psychopathologischen Auffälligkeiten entscheidend für die Ausbildungsfähigkeit sind“, was Geduld und möglicherweise eine längere Phase der Berufsvorbereitung erfordert, damit eine Ablehnung prinzipiell ausbildungsfähiger Jugendlicher vermieden wird.Matthias Martin: Autismus, www.rehadat-statistik.de, 2004. Verständnisvolle Vorgesetzte und Kollegen sind für autistische Menschen unerlässlich. Wichtig sind außerdem geregelte Arbeitsabläufe, klare Aufgaben, überschaubare Sozialkontakte, eine eindeutige Kommunikation und die Vermeidung von Höflichkeitsfloskeln, welche zu Missverständnissen führen können.Sally Maria Ollech: „Autistische Menschen können überall arbeiten“, Interview: Ruth Eisenreich, Zeit.de, 20. November 2019. Zudem kann etwa eine Tätigkeit in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung (kurz WfbM) infrage kommen. Auf der anderen Seite sind Autisten mit ihren unter Umständen vorhandenen Teilleistungsstärken teilweise gerade besonders gut für bestimmte Berufe bzw. Tätigkeiten geeignet. Viele Autisten erfüllen durch ihre kognitive Leistungsfähigkeit auch die Voraussetzungen für ein Studium, welches sich jedoch aufgrund der nicht fest vorgeschriebenen Struktur in die Länge ziehen kann. Ein wichtiges Ziel für autistische Erwachsene ist es, eine zum eigenen Stärke-Schwäche-Profil passende Nische zu finden, in der sie gut zurechtkommen. Der richtige Arbeitsplatz, der besondere Eigenarten der jeweiligen Person berücksichtigt, kann schwierig zu finden, aber oft auch sehr erfüllend sein. Verschiedene Unternehmen suchen gezielt nach Autisten oder haben sich auf ihre Vermittlung spezialisiert. Der britische Psychologe Attwood schreibt über die Diagnose von „leicht autistischen“ Erwachsenen, dass diese teilweise gut zurechtkommen, wenn sie etwa einen passenden Arbeitsplatz gefunden haben, aber im Fall von Krisen – etwa durch Erwerbslosigkeit – von ihrem Wissen über das Asperger-Syndrom zur Bewältigung von Krisen profitieren können.Dinah Murray u. a.: Coming Out Asperger. Diagnosis, Disclosure and Self-Confidence. Jessica Kingsley Publishers, London/Philadelphia 2006, ISBN 1-84310-240-4, S. 32–52. Behandlungsleitlinien und unterstützende Maßnahmen Die Behandlung von Autismus zielt nicht auf eine „Heilung“ der zugrunde liegenden neurobiologischen Besonderheiten, sondern auf die Förderung von Kommunikation, Selbstständigkeit, sozialer Teilhabe und Lebensqualität. Therapieansätze orientieren sich heute an einem individuellen, ressourcenorientierten und lebensweltbezogenen Konzept, das sowohl medizinische, psychologische als auch sozialpädagogische Maßnahmen umfasst. Dabei ist auch zu beachten, dass seit dem Inkrafttreten des Übereinkommens über die Rechte von Menschen mit Behinderungen (UN-Behindertenrechtskonvention) zumindest in Deutschland zunehmend Wert darauf gelegt wird, für Kinder im Autismus-Spektrum eine passende Umgebung zu gestalten. Defizite in der Entwicklung können bei einem förderlichen Umgang mit den Kindern sowie durch eine Umgebung, die Vertrautheit, Ruhe, Überschaubarkeit und Vorhersagbarkeit bietet, teilweise ausgeglichen werden. Die aktuelle S3-Leitlinie betont, dass therapeutische Interventionen stets koordiniert, vernetzt und aufeinander abgestimmt erfolgen sollen – Einzelmaßnahmen ohne Bezug zueinander gelten als wenig wirksam. Zudem müssen Komorbiditäten wie ADHS, Angststörungen oder Epilepsie bei der Planung der Behandlung berücksichtigt werden. Ausgehend von der individuellen Entwicklung wird bei autistischen Kindern ein Plan aufgestellt, in dem die Art der Behandlung einzelner Symptome festgelegt und aufeinander abgestimmt wird. Dem Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen (UN-Behindertenrechtskonvention) entsprechend sollte eine passende Umgebung geschaffen werden, in der alle Beteiligten lernen, wie sie die „Eigenarten“ des Kindes am besten berücksichtigen können. Bei Kindern wird das gesamte Umfeld (Eltern, Familien, Kindergarten, Schule) in den Behandlungsplan einbezogen. Angebote für Erwachsene sind vielerorts erst im Aufbau begriffen. Einen Überblick über Anwendungen, Therapien und Interventionen hat die englische National Autistic Society veröffentlicht. Eine Auswahl von Behandlungsmethoden soll im Folgenden kurz vorgestellt werden.Einen Überblick bietet: Fritz Poustka (2004): Ratgeber autistische Störungen. Informationen für Betroffene, Eltern, Lehrer und Erzieher. Hogrefe, ISBN 3-8017-1633-3, S. 52–61. Zitate zu Verfahren ohne Wirksamkeitsnachweis (S. 59), zu Impfschäden (S. 60).Weiterführende Informationen enthält: Michaela Weiß (2002). Autismus. Therapien im Vergleich. Ein Handbuch für Therapeuten und Eltern. Edition Marhold, 2002, ISBN 3-89166-997-6. Therapie Verhaltenstherapeutische Verfahren spielen in der Behandlung von Menschen im Autismus-Spektrum eine zentrale Rolle. Sie zielen darauf ab, adaptive Fähigkeiten zu fördern, problematische Verhaltensmuster zu reduzieren und Kommunikations- sowie Interaktionskompetenzen zu stärken. Dabei kommen sowohl klassische verhaltenstherapeutische Ansätze (z. B. Applied Behavior Analysis, ABA) als auch neuere integrative Formen zum Einsatz, die kognitive, emotionale und soziale Lernprozesse einbeziehen. Kognitiv-behaviorale Interventionen (CBT) werden insbesondere bei Begleitstörungen wie Angst, Zwang oder Depression eingesetzt und zeigen bei entsprechender Anpassung an die Bedürfnisse autistischer Menschen – etwa durch visuelle Strukturierung, klare Sprache und eltern- oder gruppenbasiertes Training – gute Wirksamkeit. Als Mittel der Wahl gilt Verhaltenstherapie insbesondere dann, wenn konkrete Lernziele formuliert, Verhaltensmuster systematisch geübt und Umgebungsbedingungen an individuelle Bedürfnisse angepasst werden. Sie kann in Einzel- oder Gruppensettings erfolgen und wird häufig mit anderen Fördermaßnahmen kombiniert. Die AWMF-S3-Leitlinie benennt eine Reihe spezifischer Verfahren mit nachgewiesener Wirksamkeit, darunter: TEACCH (Treatment and Education of Autistic and related Communication Handicapped Children) – strukturierte Förderung und Visualisierungshilfen im Alltag, insbesondere für Kinder und Jugendliche; ESDM (Early Start Denver Model) – frühkindliche, spielbasierte und entwicklungsorientierte Förderung; PECS (Picture Exchange Communication System) – Bildaustauschsystem zur nonverbalen Kommunikation; PRT (Pivotal Response Treatment) – motivationsorientierte Verhaltenstherapie mit Fokus auf Schlüsselbereiche sozialer Kommunikation; EIBI (Early Intensive Behavioral Intervention) – intensiv verhaltenstherapeutisches Frühförderprogramm; CBT (Cognitive Behavioral Therapy) – kognitive Verhaltenstherapie, insbesondere bei Begleiterkrankungen; Das Freiburger Aspergerspezifische Therapieprogramm für Erwachsene (FASTER) wurde von der Arbeitsgruppe um den Psychiater und Neurowissenschaftler Ludger Tebartz van Elst an der Universitätsklinik Freiburg entwickelt. Es handelt sich um ein manualisiertes, gruppenbasiertes Therapieprogramm für Erwachsene mit hochfunktionalem Autismus oder Asperger-Syndrom. Ziel ist die Verbesserung von Selbstwahrnehmung, Stress- und Emotionsregulation sowie sozialer Kommunikation, etwa durch Video-Feedback, Psychoedukation und Training nonverbaler Interaktion. Erste Studien weisen auf gute Akzeptanz und Wirksamkeit des Ansatzes hin. Elterntraining Eine Reduzierung des Stresses der Eltern zeigt deutliche Besserungen im Verhalten ihrer autistischen Kinder. Es gibt starke Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen der Stressbelastung der Eltern und den Verhaltensproblemen ihrer Kinder, unabhängig davon, wie stark die Merkmale des Autismus ausgeprägt sind. Verhaltensprobleme der Kinder zeigen sich nicht vor, sondern auch während erhöhter Stressbelastung der Eltern.Phil Reed: (MS PowerPoint; 2,2 MB) Die National Autistic Society hat das EarlyBird-Programm entwickelt, ein dreimonatiges Trainingsprogramm für Eltern, um sie auf das Thema Autismus effektiv vorzubereiten.NAS EarlyBird. Nebst dem Stressmanagement kann Elterntraining auch auf eine Verbesserung von Begleitsymptomen wie Angst- und Schlafstörungen abzielen, bei Letzterem z. B. durch die Erstellung und Umsetzung eines Schlafplans und die Einführung bestimmter Rituale vor dem Zubettgehen. Medikamentöse Behandlung Die medikamentöse Behandlung von Begleitsymptomen wie etwa Angst, Depressionen, Aggressivität oder Zwängen mit Antidepressiva (etwa SSRI), atypischen Neuroleptika oder Benzodiazepinen kann eine Komponente im Gesamtbehandlungsplan sein.D. A. Baribeau, E. Anagnostou: An update on medication management of behavioral disorders in autism. In: Current psychiatry reports. Band 16, Nummer 3, März 2014, S. 437, doi:10.1007/s11920-014-0437-0, PMID 24488702 (Review). Für Kinder mit Schlafstörungen kann die Gabe von Melatonin helfen, wenn verhaltenstherapeutische Maßnahmen und Maßnahmen der Schlafhygiene allein nicht zum gewünschten Erfolg führen. Schlafstörungen sind bei autistischen Menschen multifaktoriell bedingt – für Kinder konnte zum Teil eine verringerte Produktion und Freisetzung von körpereigenem Melatonin gezeigt werden. In Studien mit retardiertem Melatonin zeigten autistische Kinder und Jugendliche wiederum eine verkürzte Einschlafzeit und eine erhöhte Gesamtschlafdauer. Mit besonderer Vorsicht ist bei der Gabe von Stimulanzien, wie sie bei Hyperaktivität (ADHS) verschrieben werden, vorzugehen, da sie bei Autismus und der hier häufig vorkommenden Überempfindlichkeit auf Reize der Sinnesorgane letztere noch verstärken können. Die Wirksamkeit von Methylphenidat ist bei Autisten reduziert (ca. 50 statt 75 Prozent der Patienten), 10-mal häufiger seien unerwünschte Nebenwirkungen wie z. B. Reizbarkeit oder Schlafstörungen.Luise Poustka: . (PDF; 1,2 MB) Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie am Zentralinstitut für seelische Gesundheit Mannheim. Ulm 2012. Sozialpädagogische und alltagsbezogene Hilfen Neben therapeutischen Angeboten spielen (sozial-)pädagogische Unterstützungsformen eine zentrale Rolle. Bei Kindern kann dies eine Schulbegleitung oder Integrationsassistenz sein, um die Teilhabe am Unterricht zu ermöglichen. Erwachsene mit stärker ausgeprägten Beeinträchtigungen erhalten im Rahmen der Eingliederungshilfe nach SGB IX Leistungen wie Ambulant Betreutes Wohnen (ABW), Arbeitsassistenz oder tagesstrukturierende Maßnahmen, um ein selbstbestimmtes Leben und soziale Integration zu fördern. Ergänzende Maßnahmen Mögliche ergänzende Maßnahmen sind etwa Musik-, Kunst-, Massagetherapie oder der Einsatz von Therapierobotern (Keepon) oder Echolokationslauten (Dolphin Space). Sie können die Lebensqualität steigern, indem sie positiv auf Stimmung, Ausgeglichenheit und Kontaktfähigkeit einwirken. Therapeutisches Reiten und der Einsatz von Hunden sowohl zur Unterstützung von Therapien als auch zur Begleitung im Alltag gelten als besonders geeignet. Verfahren ohne Wirksamkeitsnachweis Weitere bekannte Maßnahmen sind Festhaltetherapie, Gestützte Kommunikation und Daily-Life-Therapie. Diese Maßnahmen „sind im Kontext der Behandlung des Autismus entweder äußerst umstritten und unglaubwürdig oder deren Annahmen und Versprechungen wurden durch wissenschaftliche Untersuchungen im Wesentlichen widerlegt“. Die Festhaltetherapie wurde 1984 von der US-amerikanischen Kinderpsychologin Martha Welch entwickelt und von Jirina Prekop im deutschen Sprachraum verbreitet. Ansatzpunkt bei dieser Therapie ist die nicht dem aktuellen Stand der Autismusforschung entsprechende Annahme, dass der Autismus eine emotionale Störung sei, die durch negative Einflüsse in der frühesten Kindheit hervorgerufen werde. Das autistische Kind habe kein Urvertrauen aufbauen können. Bei der überaus umstrittenen Festhaltetherapie soll durch Festhalten des Kindes der Widerstand gegen Nähe und Körperkontakt gebrochen und so das Urvertrauen nachträglich entwickelt werden. Bedenklich bei der Festhaltetherapie „ist nicht nur die manchmal äußerst dramatisch und gewalttätig anmutende Vorgehensweise, sondern auch die dem Konzept mehr oder weniger zugrundeliegende These, dass das frühe Urvertrauen vom Kind nicht erworben werden konnte. Dies wird häufig von Eltern im Sinne einer persönlichen Schuld am Sosein ihres autistischen Kindes interpretiert“.Helmut Remschmidt: Autismus: Erscheinungsformen, Ursachen, Hilfen. 2., aktualisierte Auflage. München, Beck 2002, ISBN 3-406-44747-3, S. 80. Kritiker und Kinderschutz-Fachstellen beschreiben für die Festhaltetherapie erhebliche Risiken bis hin zu kumulativer Traumatisierung, Angst- und Ohnmachtserleben, Bindungs- und Vertrauensschäden sowie Eskalationen bis zur Misshandlung; sie sprechen von therapeutisch verbrämter Gewalt und fordern eine klare Abgrenzung bzw. ein Unterbinden solcher Praktiken. In der internationalen Fachliteratur wird das Verfahren als schädliche Intervention diskutiert, die mit adversen Ereignissen assoziiert ist und für Minderjährige besondere Gefahren birgt. Auch die überregionale Presse dokumentiert seit Jahren Warnungen aus der Wissenschaft gegenüber Verfahren, bei denen Kinder stundenlang fixiert werden; dabei werden gesundheitliche und psychische Schäden sowie die Grenzverletzung kindlicher Rechte problematisiert. Heute gilt die sogenannte Festhaltetherapie als nicht evidenzbasiertes und ethisch inakzeptables Verfahren, das in Fachkreisen klar abgelehnt wird. Sie wird weder von psychotherapeutischen Berufsverbänden noch von wissenschaftlichen Fachgesellschaften anerkannt. Bei der Methode Gestützte Kommunikation benutzt die autistische Person (gestützte Person) mit körperlicher Hilfestellung durch eine assistierende Person (Stützer) eine Kommunikationshilfe (Buchstabentafel, Kommunikationstafel, Computertastatur u. ä.). Durch diese gemeinsame Bedienung entsteht ein Text, dessen Autorenschaft der gestützten Person zugeschrieben wird. Die Stützer werden in Seminaren in die Gestützte Kommunikation eingeführt. Kritik an der Methode entzündet sich u. a. daran, dass in Blindversuchen nachgewiesen werden konnte, dass der Stützer den Schreiber unbewusst und unbeabsichtigt beeinflusste, sodass der Stützer und nicht die gestützte Person Urheber des Textes ist. Des Weiteren gibt es verschiedene „biologisch begründete“ Therapiemethoden – etwa die Behandlung mit dem Darmhormon Sekretin  –, unter Verwendung hoher Dosen von Vitaminen und Mineralien oder mit besonderen Diäten. Auch hier fehlen bisher Wirksamkeitsnachweise, sodass von diesen Maßnahmen abgeraten wird. Auties und Aspies Die Ausprägungen von Autismus umfassen ein breites Spektrum. Viele autistische Menschen wünschen sich keine „Heilung“, da sie Autismus nicht als Krankheit, sondern als normalen Teil ihres Selbst betrachten. Viele Erwachsene mit „leichterem“ Autismus haben gelernt, mit ihrer Umwelt zurechtzukommen. Sie wünschen sich statt Pathologisierung oft nur die Toleranz durch ihre Mitmenschen. Auch sehen sie Autismus nicht als etwas von ihnen Getrenntes, sondern als integralen Bestandteil ihrer Persönlichkeit. Die australische Künstlerin und Kanner-Autistin Donna Williams hat in diesem Zusammenhang den Ausdruck Auties vorgeschlagen, der sich entweder speziell auf Menschen mit Kanner-Autismus bezieht oder allgemein auf alle Menschen im Autismus-Spektrum. Williams gründete 1992 zusammen mit Kathy Lissner Grant und Jim Sinclair das Autism Network International (ANI) und gilt als Mitinitiatorin der Neurodiversitätsbewegung. Von der US-amerikanischen Erziehungswissenschaftlerin und Asperger-Autistin Liane Holliday Willey stammt der Ausdruck Aspies für Menschen mit Asperger-Syndrom. Die Psychologen Tony Attwood und Carol Gray richten in ihrem Essay Die Entdeckung von „Aspie“Carol Gray und Tony Attwood: Die Entdeckung von „Aspie“, 1999. (PDF; 29 kB) den Blick auf positive Eigenschaften von Menschen mit Asperger-Syndrom. Die Ausdrücke Auties und Aspies wurden von vielen Selbsthilfeorganisationen von Menschen im Autismus-Spektrum übernommen. Um dem Wunsch vieler Autisten nach Toleranz durch ihre Mitmenschen Ausdruck zu verleihen, feiern einige seit 2005 jährlich am 18. Juni den Autistic Pride Day. Das Schlagwort der Autismusrechtsbewegung – „Neurodiversität“ (neurodiversity) – bringt die Idee zum Ausdruck, dass eine untypische neurologische Entwicklung einem normalen menschlichen Unterschied entspreche, der ebenso Toleranz verdiene wie jede andere (physiologische oder sonstige) menschliche Variante. Ursachen und Risikofaktoren Autismus zählt zu den am stärksten erblich bedingten Störungsbildern überhaupt.A. Thapar, M. Rutter: Genetic Advances in Autism. In: Journal of autism and developmental disorders. Band 51, Nummer 12, Dezember 2021, S. 4321–4332, doi:10.1007/s10803-020-04685-z, PMID 32940822, (Review)H. Hodges, C. Fealko, N. Soares: Autism spectrum disorder: definition, epidemiology, causes, and clinical evaluation. In: Translational pediatrics. Band 9, Suppl 1 Februar 2020, S. S55–S65, doi:10.21037/tp.2019.09.09, PMID 32206584, (Review). Nach heutigem Stand der Wissenschaft ist Autismus angeboren und kann nicht nachträglich erworben werden. Das heißt, die zugrundeliegenden neurobiologischen und strukturellen Unterschiede im Gehirn autistischer Menschen werden bereits vor der Geburt („pränatal“) angelegt. Die Annahme, Autismus könne z. B. durch psychische, soziale, medizinische oder traumatische Einflüsse nach der Geburt („postnatal“) erworben werden, ist wissenschaftlich nicht haltbar. Als ursächlich für Autismus gilt ein hochkomplexes Zusammenspiel genetischer Faktoren mit bestimmten Umwelteinflüssen, die insbesondere in den kritischen Phasen der Schwangerschaft wirken. Eine genetische Grundlage gilt heute als notwendige Bedingung für die Entstehung von Autismus. Genetische Faktoren Die genetischen Ursachen von Autismus sind äußerst vielfältig und hochkomplex. Dabei ist wichtig zu verstehen, dass „genetisch bedingt“ nicht bedeutet, dass Autismus zwingend vererbt ist. Auch spontan während der pränatalen Entwicklung entstehende genetische Veränderungen („De-novo-Mutationen“), können Autismus verursachen. Nur bei einem kleinen Teil der Fälle lassen sich monogene Ursachen identifizieren, also seltene Mutationen einzelner Gene, die eine ausreichend große Wirkung besitzen, um für sich allein das Störungsbild zu verursachen. Solche finden sich hauptsächlich bei syndromalem Autismus, bei dem der Autismus als Teil eines bestimmten genetischen Syndroms auftritt, z. B. dem Rett-Syndrom, Trisomie Xq28, dem Fragile-X-Syndrom, dem Cowden-Syndrom oder Tuberöser Sklerose. Der überwiegende Teil der Fälle ist jedoch durch polygene Ursachen bedingt, bei denen unzählige genetische Varianten, die für sich genommen nur einen kleinen Effekt haben, kumulativ zusammenwirken. Bislang konnten mehr als tausend Gene mit Autismus in Verbindung gebracht werden, wobei jedoch kein einzelnes Gen für mehr als 1 % der Fälle verantwortlich ist. Diese große Zahl potentiell beteiligter Gene erklärt die enorme Heterogenität des Störungsbildes. Eine Studie von 2025 konnte zudem zeigen, dass sich schwere, entsprechend früh diagnostizierte Ausprägungen von Autismus genetisch klar von leichteren, meist spät diagnostizierten Formen unterscheiden, die dafür eine stärkere genetische Überschneidung mit ADHS aufweisen. Dies deutet darauf hin, dass die Unterschiede in Symptomatik und Entwicklungsprofil primär genetisch bedingt sind. Kopienzahlvariationen und De-novo-Mutationen mini|Deletion (1), Duplikation (2) und Inversion (3) von bestimmten Abschnitten eines Chromosoms Seit etwa 2010 hat sich zunehmend herausgestellt, dass neben den länger bekannten erblichen Veränderungen gerade bei Autismus submikroskopische Veränderungen in Chromosomen eine Schlüsselrolle spielen, nämlich die Kopienzahlvariationen.G. Ramaswami, D. H. Geschwind: Genetics of autism spectrum disorder. In: Handbook of clinical neurology. Band 147, 2018, S. 321–329, doi:10.1016/B978-0-444-63233-3.00021-X, PMID 29325621 (Review), PDF.M. Woodbury-Smith, S. W. Scherer: Progress in the genetics of autism spectrum disorder. In: Developmental medicine and child neurology. Band 60, Nummer 5, 05 2018, S. 445–451, doi:10.1111/dmcn.13717, PMID 29574884 (Review) (freier Volltext).R. Acuna-Hidalgo, J. A. Veltman, A. Hoischen: New insights into the generation and role of de novo mutations in health and disease. In: Genome biology. Band 17, Nummer 1, 11 2016, S. 241, doi:10.1186/s13059-016-1110-1, PMID 27894357, (Review). In erster Linie handelt es sich dabei um Genduplikation oder Gendeletion. Sie entstehen bei der Bildung von Eizellen der Mutter oder von Samenzellen des Vaters (Meiose). Das heißt, sie entstehen neu (de novo). Wenn ein Kind eine solche Abweichung von einem Elternteil erhält, kann es sie jedoch weiter vererben, und zwar mit einer Wahrscheinlichkeit von 50 Prozent. Dadurch ist es möglich, dass eine Abweichung, die zu Autismus beiträgt, nur einmalig bei einem Kind auftritt und nicht weiter vererbt wird oder aber auch mehrere Familienmitglieder in verschiedenen Generationen betrifft. In letzterem Fall kann zudem die Durchschlagskraft (Penetranz und Expressivität) einer solchen genetischen Abweichung von Person zu Person höchst unterschiedlich sein (0–100 %). Moderne Analysemethoden (DNA-Chip-Technologie) erlauben die Feststellung genetischer Abweichungen (Analyse des Karyotyps), die zur Ausprägung der Spektrum-Störung führen,A. Thapar, M. Rutter: Genetic Advances in Autism. In: Journal of autism and developmental disorders. Band 51, Nummer 12, Dezember 2021, S. 4321–4332, doi:10.1007/s10803-020-04685-z, PMID 32940822, (Review) wobei die Einbeziehung von Familienmitgliedern oft hilfreich oder sogar notwendig ist. Erblichkeit Die Schätzungen zur Erblichkeit („Heritabilität“) von Autismus schwanken je nach Studie zwischen 37 % und über 90 %. In einer großangelegten internationalen Kohortenstudie von 2019 wurde eine Erblichkeit von durchschnittlich etwa 80 % ermittelt. Die Variabilität der Schätzungen ergibt sich vor allem aus unterschiedlichen Cut-offs für die Diagnose einer Autismus-Spektrum-Störung, da diese allein anhand der Symptomatik gestellt wird und dadurch einen gewissen Ermessenspielraum zulässt. Die Prozentzahlen geben an, wie viel der Wahrscheinlichkeit, mit Autismus geboren zu werden, durch Vererbung bedingt ist, lassen jedoch keinen Rückschluss auf individuelle Ursachen zu. Die hohe Erblichkeit von Autismus lässt sich insbesondere anhand von Familien- und Zwillingsstudien belegen. Eine Metaanalyse von 2016 ermittelte für eineiige Zwillinge eine Wahrscheinlichkeit von rund 98 %, dass beide autistisch sind, für zweieiige Zwillinge hingegen nur von 53 bis 67 %, je nach Cut-off. Auch die Wahrscheinlichkeit, dass ein Geschwisterkind eines Autisten ebenfalls Autismus entwickelt, ist im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung deutlich erhöht. Umweltfaktoren Pränatale Risikofaktoren Zahlreiche während der Schwangerschaft auf das ungeborene Kind wirkende Einflüsse konnten in der Forschung als Risikofaktoren für Autismus identifiziert werden. Die meisten führen jedoch nur zu einer gering bis moderat erhöhten Wahrscheinlichkeit bei bestehender genetischer Prädisposition. Ein unmittelbar ursächlicher Zusammenhang konnte für noch keinen Umweltfaktor nachgewiesen werden. Allgemeine Schwangerschaftskomplikationen Große epidemiologische Studien zeigen, dass bestimmte Schwangerschaftskomplikationen mit einer erhöhten Wahrscheinlichkeit für Autismus beim Kind assoziiert sind. Ein besonders häufig beschriebener Risikofaktor ist Frühgeburtlichkeit, wobei die Wahrscheinlichkeit steigt, je kürzer die Schwangerschaft dauert. Auch ein Zusammenhang mit niedrigem Geburtsgewicht sowie einer Geburt „Small for Gestational Age“ sind in der Forschung dokumentiert. Darüber hinaus wurden Schwangerschaftsdiabetes und Präeklampsie wiederholt mit einer erhöhten Wahrscheinlichkeit für Autismus beim Kind in Verbindung gebracht, ebenso wie Probleme mit der Plazenta. Da alle diese Faktoren jedoch mit Störungen des intrauterinen Wachstums zusammenhängen und verschiedene davon häufig gemeinsam auftreten, ist der tatsächliche Einfluss einzelner Faktoren nur schwer feststellbar. Infektionserkrankungen Infektionserkrankungen der Mutter während der Schwangerschaft gehören zu den am intensivsten untersuchten pränatalen Umweltfaktoren im Zusammenhang mit Autismus. Das wissenschaftliche Interesse daran reicht zurück bis in die 1960er-Jahre, als nach einer Röteln-Epidemie in den USA vermehrt Kinder mit Autismus diagnostiziert wurden, deren Mütter während der Schwangerschaft an Röteln erkrankt waren. Eine Röteln-Infektion während der Schwangerschaft wird in der letztgültigen S3-Leitlinie als Risikofaktor für Autismus benannt. Mehrere systematische Reviews und Metaanalysen berichten, dass mütterliche Infektionserkrankungen während der Schwangerschaft insgesamt mit einer höheren Wahrscheinlichkeit für Autismus verbunden sind, wobei die ermittelten Effektstärken unterschiedlich ausfallen. Die neuere Forschung zeigt jedoch auch, dass nicht jede Infektion gleichermaßen relevant ist, sondern tendenziell Schweregrad, Zeitpunkt und Begleitsymptome ausschlaggebend zu sein scheinen. So sind Infektionen, die mit Fieber einhergehen oder im Krankenhaus behandelt werden mussten, mit einem höheren Risiko verbunden als mild verlaufende, ambulant behandelte Infektionen. In einer großen US-amerikanischen Studie zeigte sich beispielsweise kein genereller Zusammenhang zwischen Infektionen während der Schwangerschaft und Autismus, wohl aber eine zweifach erhöhte Wahrscheinlichkeit, wenn eine Infektion im zweiten Trimester von Fieber begleitet war. Derlei Erkenntnisse haben dazu geführt, dass sich der Fokus der Forschung mittlerweile stärker auf die mütterliche Immunaktivierung richtet als auf spezifische Krankheitserreger. Aktuelle Studien legen nahe, dass nicht der die Infektion auslösende Erreger selbst, sondern die dadurch bedingte entzündliche Reaktion bei der Mutter die zentrale Rolle spielen könnte, insbesondere die Ausschüttung von Zytokinen. Unter anderem fanden sich im Blut von Müttern, deren Kinder Autismus entwickelten, in kritischen Schwangerschaftsphasen erhöhte Konzentrationen dieser und anderer entzündlicher Botenstoffe. Autoimmun- und Stoffwechselerkrankungen Vor dem Hintergrund dieser Befunde zu Infektionserkrankungen richtet sich das Forschungsinteresse auch zunehmend auf chronische Erkrankungen der Mutter, die mit einer anhaltenden Immunaktivierung oder metabolischen Veränderungen einhergehen. Zahlreiche Studien zeigen, dass bestimmte Autoimmun- und Stoffwechselerkrankungen der Mutter während der Schwangerschaft mit einer leicht bis moderat erhöhten Wahrscheinlichkeit für Autismus beim Kind assoziiert sind. Für mütterliche Autoimmunerkrankungen ergibt sich dabei ein differenziertes Bild. Studien berichten eine erhöhte Wahrscheinlichkeit für Autismus nur bei bestimmten Erkrankungen, darunter rheumatoider Arthritis, Typ-1-Diabetes, dem Sjögren-Syndrom und Hypothyreose. Die beobachteten Effektstärken sind jedoch insgesamt moderat, das heißt, die überwiegende Mehrheit von Kindern betroffener Mütter entwickelt keinen Autismus. Auch mütterliche Adipositas vor oder während der Schwangerschaft wird in verschiedenen Studien mit einer erhöhten Wahrscheinlichkeit für Autismus beim Kind in Verbindung gebracht. Der Zusammenhang zeigt sich insbesondere bei starkem Übergewicht und bleibt in vielen Analysen auch nach Kontrolle für relevante Störfaktoren bestehen. Besondere Aufmerksamkeit gilt auch dem polyzystischen Ovarialsyndrom (PCOS), da Frauen mit dieser Erkrankung deutlich häufiger autistische Kinder bekommen. Umgekehrt leiden Frauen mit Autismus aber auch überdurchschnittlich häufig an PCOS. Infolgedessen ist bislang nicht geklärt, ob diese Verbindung genetischer Natur oder durch die veränderten Hormonspiegel während der Schwangerschaft bedingt ist. Nährstoffversorgung Die mütterliche Nährstoffversorgung während der Schwangerschaft ist für die gesunde Entwicklung des kindlichen Gehirns von zentraler Bedeutung. Im Hinblick auf Autismus ist die Rolle von Folsäure (Vitamin B9) am besten untersucht. Eine ausreichende Zufuhr ist mit einer deutlich niedrigeren Wahrscheinlichkeit für Autismus beim Kind verbunden. Da ein Folsäuremangel in der Schwangerschaft jedoch auch diverse andere Fehlbildungen verursachen kann (z. B. Anenzephalie oder Spina bifida) und die meisten betroffenen Mütter keine autistischen Kinder bekommen, handelt es sich auch hierbei nicht um eine eigenständige Ursache von Autismus. Selbiges gilt auch für andere Nährstoffmängel, die sich negativ auf die fetale Entwicklung auswirken können, wie z. B. Vitamin D, Omega-3-Fettsäuren und Eisenmangelanämie. Medikamente Die Einnahme bestimmter Medikamente während der Schwangerschaft kann die Entwicklung des ungeborenen Kindes beeinträchtigen („Teratogene“). Die Forschung zeigt jedoch, dass beobachtete statistische Zusammenhänge bei Autismus in den meisten Fällen durch anderweitige Einflussfaktoren zu erklären sind. Nur einzelne Medikamente sind in Bezug auf die Wahrscheinlichkeit für Autismus beim Kind klar als risikobehaftet zu bewerten. Die einzige Substanz, bei der ein ursächlicher Zusammenhang mit Autismus beim Kind als gesichert gilt, wenn sie während der Schwangerschaft eingenommen wird, ist Valproinsäure. Die Wahrscheinlichkeit steigt dabei mit der Dosis. Bei anderen Antiepileptika, wie Topiramat, Carbamazepin und Oxcarbazepin, ist die Datenlage widersprüchlich. Lamotrigin wird in der Regel als sicher beschrieben. Ob Antibiotika während der Schwangerschaft die Wahrscheinlichkeit für Autismus erhöhen, wird in der Forschung unterschiedlich beurteilt und ist nicht abschließend geklärt. Die Einschätzung wird insbesondere dadurch erschwert, dass auch unbehandelte Infektionserkrankungen während der Schwangerschaft mit Autismus assoziiert sind (siehe oben). Keine statistisch signifikant erhöhte Wahrscheinlichkeit wurde für Benzodiazepine und Z-Substanzen, Antipsychotika, Antidepressiva und Paracetamol beschrieben. Die in einigen Studien beobachteten Zusammenhänge verschwinden, sobald Störfaktoren miteinberechnet werden, z. B. die Grunderkrankung der Mutter, für die das jeweilige Medikament verschrieben wurde, oder genetische Faktoren. Schadstoffe und Umwelttoxine Mögliche gesundheitliche Risiken einer pränatalen Exposition mit bestimmten Schadstoffen werden seit Jahrzehnten intensiv erforscht. In Bezug auf Autismus liegt der Fokus insbesondere auf endokrinen Disruptoren, dabei speziell auch auf Pestiziden, Luftschadstoffen und Schwermetallen. Die bisherigen Forschungsergebnisse sind hier jedoch äußerst heterogen. Endokrine Disruptoren sind chemische Substanzen, die im Körper hormonähnliche Wirkungen entfalten und bereits in kleinsten Mengen gesundheitsschädlich sein können. Zu finden sind sie in zahlreichen Alltagsprodukten, wie Kunststoffen, Verpackungsmaterialien, Kosmetika, Anti-Haft-Beschichtungen und Pestiziden. Zur Gruppe der endokrinen Disruptoren zählen unter anderem Bisphenol A, bestimmte Phthalate und PFAS sowie polychlorierte Biphenyle (PCB). Eine Reihe von Studien fand statistische Zusammenhänge zwischen einer pränatalen Belastung mit bestimmten endokrinen Disruptoren und einer erhöhten Wahrscheinlichkeit für Autismus beim Kind, insbesondere für PCB und Phthalate. Andere Studien konnten dies hingegen nicht belegen. Unterschiede beim Studiendesign, den Messmethoden und untersuchten Substanzen erschweren die Bewertung dieser uneinheitlichen Ergebnisse. Dennoch werden endokrine Disruptoren in Übersichtsarbeiten als potentielle Risikofaktoren für Autismus eingestuft, wobei ihre tatsächliche Bedeutung auch aufgrund ihrer Vielzahl noch nicht abschließend geklärt ist. Luftverschmutzung Die Luftverschmutzung durch Feinstaub, Stickstoffdioxid, Ozon und verkehrsbedingte Luftschadstoffe wird mit einer erhöhten Wahrscheinlichkeit für Autismus in Verbindung gebracht. Die Exposition wird meist anhand von Wohnortdaten der Mutter und regionalen Luftmessstationen oder Modellrechnungen abgeschätzt. So konnten zahlreiche Kohorten- und Fall-Kontroll-Studien zeigen, dass eine höhere Belastung durch Luftverschmutzung in der Schwangerschaft mit einer erhöhten Wahrscheinlichkeit für Autismus beim Kind assoziiert ist. In systematischen Übersichtsarbeiten zeigt sich insbesondere die Evidenz für einen Zusammenhang zwischen PM2,5 und Autismus als sehr konsistent, für Ozon, PM10, Stickstoffdioxid und andere Stoffe sind die Ergebnisse jedoch uneinheitlich. Pestizide Pestizide sind Schädlingsbekämpfungsmittel, die vor allem in der Landwirtschaft zum Einsatz kommen und gehören zu den am intensivsten auf mögliche Gesundheitsgefahren untersuchten Substanzen. In Bezug auf Autismus stehen dabei insbesondere Organophosphate, Pyrethroide, Organochloride sowie bestimmte Herbizide im Fokus. Mehrere großangelegte epidemiologische Studien berichten, dass Kinder, deren Mütter während der Schwangerschaft in der Nähe intensiv bewirtschafteter Agrarflächen mit hoher Pestizidanwendung lebten oder arbeiteten, signifikant häufiger mit Autismus diagnostiziert werden. Systematische Übersichtsarbeiten zeigen, dass die Evidenz für einen Zusammenhang zwischen pränataler Pestizidexposition und Autismus im Vergleich zu anderen Umweltfaktoren relativ stark und konsistent ist. Schwermetalle Schwermetalle wie Quecksilber, Blei, Cadmium und Arsen sind seit langem als neurotoxische Substanzen bekannt. Die Evidenz für einen Zusammenhang zwischen pränataler Schwermetallexposition und Autismus ist jedoch stark heterogen. Einige Studien fanden erhöhte Konzentrationen bestimmter Schwermetalle im mütterlichen Blut oder in Nabelschnurproben von Kindern, die später mit Autismus diagnostiziert wurden, andere berichten über keine signifikanten Unterschiede. Insgesamt gibt es für einige Schwermetalle zwar Hinweise auf einen Zusammenhang mit Autismus, die Evidenz dafür ist bislang jedoch eher schwach und uneinheitlich. Besondere Aufmerksamkeit erhielt in der Öffentlichkeit die als Konservierungsstoff in manchen Impfstoffen enthaltene Quecksilberverbindung Thiomersal, bei der ein ursächlicher Zusammenhang mit Autismus befürchtet wurde. Diese Hypothese wurde in zahlreichen großangelegten epidemiologischen Studien untersucht und vollumfänglich widerlegt. Ein Zusammenhang zwischen Impfungen – egal ob mit oder ohne Thiomersal – konnte mittlerweile vollständig ausgeschlossen werden (siehe unten). Perinatale Risikofaktoren Welche Rolle Komplikationen während oder unmittelbar nach der Geburt für die Entstehung von Autismus spielen, ist nicht abschließend geklärt. Bisherige Forschungsergebnisse sind hier überaus heterogen. Dokumentiert sind schwache Zusammenhänge mit Sauerstoffmangel während der Geburt, einem niedrigen Apgar-Score, Mekoniumaspiration und anderen Geburtstraumata. Häufig verschwinden diese Zusammenhänge jedoch, wenn Störfaktoren miteinberechnet werden. Kinder, die per Kaiserschnitt, insbesondere Notkaiserschnitt, zur Welt kamen, werden statistisch häufiger mit Autismus diagnostiziert. Auch gibt es Hinweise darauf, dass schwerere Komplikationen häufiger mit schweren Ausprägungen von Autismus in Verbindung stehen. Insgesamt sind die bekannten Assoziationen jedoch zu schwach, um daraus einen ursächlichen Zusammenhang abzuleiten. Die meisten von Geburtskomplikationen betroffenen Kinder entwickeln keinen Autismus. Postnatale Risikofaktoren Nach heutigem Stand der Wissenschaft gibt es keine stichhaltigen Belege dafür, dass Autismus allein durch Einflüsse bzw. Ereignisse nach der Geburt verursacht werden kann. Zwar konnten einzelne Faktoren in frühester Kindheit mit einem häufigeren Auftreten von Autismus in Verbindung gebracht werden, insbesondere Neugeborenensepsis, schwere Infektionen, Antibiotikagabe, sowie Belastungen durch bestimmte Schadstoffe; jedoch sind die beschriebenen Zusammenhänge meist nur schwach ausgeprägt und häufig durch genetische Veranlagungen und andere Störfaktoren zu erklären. So ist auch fraglich, ob diese Faktoren tatsächlich einen Einfluss auf die Entstehung von Autismus haben oder ob autistische Säuglinge und Kleinkinder schlichtweg anfälliger für bestimmte Erkrankungen und Belastungen sind. Da die überwiegende Mehrheit der Kinder, die im Säuglings- und Kleinkindalter schwer erkrankt oder Schadstoffen ausgesetzt war, keinen Autismus entwickelt, werden postnatale Einflüsse nicht als alleinige Ursachen von Autismus gewertet. Widerlegte und wissenschaftlich nicht haltbare Erklärungsansätze Impfungen Die Behauptung, Impfungen, vor allem MMR-Impfstoffe, könnten Autismus verursachen, entbehrt jeglicher wissenschaftlichen Grundlage und ist eine der am umfassendsten widerlegten Theorien der Autismus-Forschung. Sie geht zurück auf eine 1998 veröffentlichte Studie, die später als finanziell motivierte Fälschung enttarnt wurde. Ihr Hauptautor Andrew Wakefield erhielt dafür lebenslanges Berufsverbot. Allerdings hatte Wakefield Impfungen niemals grundsätzlich infrage gestellt, sondern sich ausschließlich auf Kombinationspräparate bezogen. Die Angst vor Impfstoffen aller Art entstand erst durch vereinfachte Schlagzeilen in den Medien und wurde vor allem von Impfgegnern und Verschwörungstheoretikern verbreitet. Für einen ursächlichen Zusammenhang zwischen Impfungen und Autismus gab es also überhaupt nie glaubhafte Belege. Etliche großangelegte Kohortenstudien, Metaanalysen und Reviews aus aller Welt konnten seither jeden behaupteten Zusammenhang zwischen Impfungen und Autismus vollumfänglich widerlegen. Impfungen können also definitiv keinen Autismus verursachen. Die Theorie hält sich vor allem aufgrund einer Scheinkausalität, da die Symptomatik von Autismus im Kindesalter oft erstmals im zeitlichen Umfeld frühkindlicher Impfungen klar erkennbar wird. Das Missverständnis über diese bloße Korrelation führt jedoch teils zu einer niedrigeren Impfrate bei autistischen Kindern, was diese der Gefahr vermeidbarer Erkrankungen aussetzt. Insofern Autismus jedoch mit Infektionserkrankungen während der Schwangerschaft in Verbindung steht (siehe oben), kann eine fehlende Impfung aufseiten der Mutter durchaus einen Risikofaktor für Autismus darstellen. „Kühlschrankmutter“ und Erziehungsstil Mitte des 20. Jahrhunderts verbreitete sich die Annahme, Autismus sei auf emotionale Kälte und Distanziertheit der Mutter gegenüber dem betroffenen Kind zurückzuführen. Diese sogenannte „Kühlschrankmutter“-Theorie geht zurück auf den Psychoanalytiker Bruno Bettelheim und war schon damals umstritten. So waren bereits Leo Kanner und Hans Asperger, die damals als Erstbeschreiber von Autismus galten,Erstbeschreiberin von Autismus ist eigentlich Grunja Sucharewa, die in der Forschung jedoch weitgehend unbekannt ist. von einem angeborenen, rein biologisch bedingten Störungsbild ausgegangen. Bettelheims Theorie konnte nie empirisch untermauert werden und gilt heute als vollständig widerlegt. Zwar können Vernachlässigung und Misshandlung im Kindesalter psychische Störungen hervorrufen, die symptomatische Ähnlichkeiten mit Autismus aufweisen (z. B. Hospitalismus); „echter“ Autismus ist jedoch eine angeborene Störung der Gehirnentwicklung und hat keine psychogene Komponente. Dennoch wird auch heute noch immer wieder behauptet, der Erziehungsstil der Eltern sei Ursache des Autismus beim Kind, etwa in Form von zu wenig Konsequenz, zu viel oder zu wenig Förderung oder mangelnder emotionaler Zuwendung. Diese Annahmen sind wissenschaftlich nicht haltbar. Die Erziehung kann zwar beeinflussen, wie sich ein autistisches Kind entwickelt, den Autismus jedoch weder verursachen noch verhindern. Die Unterstellung wird von vielen betroffenen Familien als belastend und stigmatisierend wahrgenommen. Ernährung Für die Vorstellung, bestimmte Lebensmittelbestandteile wie Zucker, Gluten oder künstliche Zusatzstoffe könnten Autismus verursachen, gibt es keinerlei wissenschaftliche Belege. Zwar können die bei Autismus verbreiteten Ernährungsweisen und Essstörungen (z. B. ARFID) potentiell das Wohlbefinden und damit auch die Symptomatik beeinflussen, jedoch keinen Autismus verursachen. Medienkonsum Übermäßiger Konsum digitaler Medien im frühen Kindesalter kann autismusähnliche Entwicklungs- und Verhaltensstörungen verursachen. Dieser sogenannte „virtuelle Autismus“ kann jedoch bei rechtzeitigem Eingreifen wieder behoben werden, sodass betroffene Kinder einen normalen Entwicklungsstand erreichen. „Echter“ Autismus entsteht jedoch nicht durch Medienkonsum und ist auch nicht heilbar. Allerdings kann ausgeprägter Medienkonsum bei autistischen Kindern die Symptomatik verstärken. Neurobiologische Hintergründe Atypische Konnektivität mini|Die Diffusions-Tensor-Bildgebung (DT-MRI) ermöglicht eine Rekonstruktion von Nervenbahnen im Gehirn (Traktografie) 2004 entdeckte eine Forschergruppe um Marcel Just und Nancy Minshew an der Carnegie Mellon University in Pittsburgh (USA) die Erscheinung der veränderten Konnektivität (großräumiger Informationsfluss, engl. connectivity) im Gehirn bei den Gruppendaten von 17 Probanden aus dem Asperger-Bereich des Autismus-Spektrums. Funktionelle Gehirnscans (fMRI) zeigten im Vergleich zur Kontrollgruppe sowohl Bereiche erhöhter als auch Bereiche verminderter Aktivität sowie eine verminderte Synchronisation der Aktivitätsmuster verschiedener Gehirnbereiche. Auf der Grundlage dieser Ergebnisse entwickelten die Autoren erstmals die Theorie der Unterkonnektivität (underconnectivity) für die Erklärung des Autismus-Spektrums.M. A. Just, V. L. Cherkassky, T. A. Keller, N. J. Minshew: Cortical activation and synchronization during sentence comprehension in high-functioning autism: evidence of underconnectivity. In: Brain : a journal of neurology. Band 127, Nummer 8, August 2004, S. 1811–1821, doi:10.1093/brain/awh199, PMID 15215213 (freier Volltext). Die Ergebnisse wurden relativ schnell in weiteren Studien bestätigt, ausgebaut und präzisiert, und das Konzept der Unterkonnektivität wurde entsprechend fortentwickelt.H. Koshino, Patricia A. Carpenter, N. J. Minshew, V. L. Cherkassky, T. A. Keller, Marcel A. Just: Functional connectivity in an fMRI working memory task in high-functioning autism. In: NeuroImage. Band 24, Nummer 3, Februar 2005, S. 810–821, doi:10.1016/j.neuroimage.2004.09.028, PMID 15652316.M. A. Just, V. L. Cherkassky, T. A. Keller, R. K. Kana, N. J. Minshew: Functional and anatomical cortical underconnectivity in autism: evidence from an FMRI study of an executive function task and corpus callosum morphometry. In: Cerebral cortex (New York, N.Y.: 1991). Band 17, Nummer 4, April 2007, S. 951–961, doi:10.1093/cercor/bhl006, PMID 16772313, . Bezüglich anderer Theorien wurde es nicht als Gegenmodell, sondern als übergreifendes Generalmodell präsentiert. In den folgenden Jahren nahm die Anzahl der Studien zur Konnektivität beim Autismus-Spektrum explosionsartig zu. Dabei wurde neben eher globaler Unterkonnektivität häufig auch eher lokale Überkonnektivität gefunden. Letztere wird allerdings – gestützt auf Kenntnisse der frühkindlichen Gehirnentwicklung bei Autismus – eher als Überspezialisierung und nicht als Steigerung der Effektivität verstanden. Um beide Erscheinungen zu berücksichtigen, wird das Konzept nun atypische Konnektivität genannt. Es zeichnet sich ab (Stand: Juli 2015), dass es sich als Konsensmodell in der Forschung etabliert.R. A. Müller, P. Shih, B. Keehn, J. R. Deyoe, K. M. Leyden, D. K. Shukla: Underconnected, but how? A survey of functional connectivity MRI studies in autism spectrum disorders. In: Cerebral cortex (New York, N.Y. : 1991). Band 21, Nummer 10, Oktober 2011, S. 2233–2243, doi:10.1093/cercor/bhq296, PMID 21378114, (Review).J. O. Maximo, E. J. Cadena, R. K. Kana: The implications of brain connectivity in the neuropsychology of autism. In: Neuropsychology review. Band 24, Nummer 1, März 2014, S. 16–31, doi:10.1007/s11065-014-9250-0, PMID 24496901, (Review). Dies gilt auch, wenn der Asperger-Bereich des Autismus-Spektrums für sich betrachtet wird.D. E. Welchew, C. Ashwin, K. Berkouk, R. Salvador, J. Suckling, S. Baron-Cohen, E. Bullmore: Functional disconnectivity of the medial temporal lobe in Asperger’s syndrome. In: Biological psychiatry. Band 57, Nummer 9, Mai 2005, S. 991–998, doi:10.1016/j.biopsych.2005.01.028, PMID 15860339. Die beim Autismus-Spektrum vorliegende atypische Konnektivität wird verstanden als Ursache des hier beobachteten besonderen Verhaltens, wie etwa bei der Erfassung von Zusammenhängen zwischen Dingen, Personen, Gefühlen und Situationen. Autismus und Behinderung Barrierefreiheit Eine UN-Studie erkennt die kulturelle Eigenart von Autisten, barrierefrei online Gemeinschaften zu bilden, als im Rahmen der Menschenrechte gleichwertig an: ohchr.org Autisten haben in Deutschland das Recht auf barrierefreie fernschriftliche Kommunikation. Das kann beispielsweise einer Entscheidung des Bundessozialgerichts vom 14. November 2013 entnommen werden, die von der Enthinderungsselbsthilfe von Autisten für Autisten erstritten wurde. Grad der Behinderung Grad der Behinderung: Hilflosigkeit: Die vorgenannten Regelungen gelten seit dem 23. Dezember 2010Buzer.de: („Autistische Syndrome“ stehen in den Artikeln 1.a) sowie 2.a) ), abgerufen am 23. September 2017 (Volltext). bzw. 5. November 2011.Juris: Versorgungsmedizin-Verordnung (VersMedV) inkl. GdS-Tabelle („Autistische Syndrome“ stehen in der Anlage zu § 2, sowohl im Teil A, Nr. 5.d)bb) als auch im Teil B, Nr. 3.5 und Nr. 3.5.1), abgerufen am 23. September 2017 (Volltext).Buzer.de: Gegenüberstellung der vor dem 10.03.2010 geltenden Fassung mit der aktuellen Fassung („Autistische Syndrome“ stehen sowohl im Teil A, Nr. 5.d)bb) als auch im Teil B, Nr. 3.5 und Nr. 3.5.1), abgerufen am 23. September 2017 (Volltext).Buzer.de: („Autistische Syndrome“ stehen in Artikel 1., a) bis d) ), abgerufen am 23. September 2017 (Volltext). Autisten galten in Deutschland vor 2010/2011 nach den früheren Anhaltspunkten für die ärztliche Gutachtertätigkeit (AHG) im sozialen Entschädigungsrecht und nach dem Schwerbehindertenrecht Teil 2 SGB IX automatisch als Schwerbehinderte mit einem Grad der Behinderung (GdB) zwischen 50 und 100. Außerdem wurde bei autistischen Kindern mindestens bis zum 16. Lebensjahr Hilflosigkeit angenommen.BMAS: Frühere Anhaltspunkte für die ärztliche Gutachtertätigkeit im sozialen Entschädigungsrecht und nach dem Schwerbehindertenrecht (Teil 2 SGB IX), abgerufen am 23. September 2017, PDF, 5 MB. Forschungsgeschichte Zum Begriff Der Schweizer Psychiater Eugen Bleuler prägte den Begriff Autismus um 1911 im Rahmen seiner Forschungen zur Schizophrenie. Er bezog ihn ursprünglich zunächst nur auf diese Erkrankung und wollte damit eines ihrer Grundsymptome beschreiben: die Zurückgezogenheit in eine innere Gedankenwelt. Bleuler verstand unter Autismus „die Loslösung von der Wirklichkeit zusammen mit dem relativen oder absoluten Überwiegen des Binnenlebens“.Uwe Henrik Peters (2007): Wörterbuch der Psychiatrie und medizinischen Psychologie. 6. Neuauflage. Fischer bei Elsevier, ISBN 978-3-437-15061-6. Siehe Autismus (Seite 58). Sigmund Freud übernahm die Begriffe „Autismus“ und „autistisch“ von Bleuler und setzte sie annähernd mit „Narzissmus“ bzw. „narzisstisch“ gleich,Sigmund Freud: Massenpsychologie und Ich-Analyse. In: GW. XIII, S. 73 f. als Gegensatz zu „sozial“. Die Begriffsbedeutung wandelte sich mit der Zeit von „das Leben in einer eigenen Gedanken- und Vorstellungswelt“ hin zu „Selbstbezogenheit“ in einem allgemeinen Sinn. Diagnose-Entstehung Erstmals beschrieben wurde das heute als Autismus bezeichnete Störungsbild 1925 von der sowjetischen Psychiaterin Grunja Sucharewa. Sie bezeichnete es zunächst als „Schizoide Psychopathie des Kindesalters“, später dann als „Autistische (pathologisch vermeidende) Psychopathie“. Im Gegensatz zur Forschung des späteren 20. Jahrhunderts, die Autismus als ein überwiegend bei Jungen auftretendes Störungsbild betrachtete, beschrieb Sucharewa bereits explizit die Geschlechtsunterschiede in der Symptomatik. Diese wurden danach erst wieder im 21. Jahrhundert verbreitet aufgegriffen. Zudem erfasste sie auch bereits die für Autismus charakteristische Überempfindlichkeit gegenüber Sinnesreizen, die erst 2013 mit Einführung des DSM-5 als diagnostisch relevant anerkannt wurde. Sucharewa als Erstbeschreiberin von Autismus ist in der Literatur weitgehend vergessen, stattdessen werden meist Hans Asperger und Leo Kanner genannt. Ob und inwieweit sie mit Sucharewas Arbeit vertraut waren, ist umstritten. Asperger und Kanner nahmen den Autismus-Begriff unabhängig voneinander auf und versuchten es als eigenständiges Syndrom zu etabliereren. Sie unterschieden dabei Menschen mit Schizophrenie, die sich aktiv in ihr Inneres zurückziehen, von jenen, die von Geburt an in einem Zustand der inneren Zurückgezogenheit leben. Letzteres definierte nunmehr den „Autismus“. Kanner prägte den Begriff des „frühkindlichen Autismus“ (early infantile autism), der daher auch als Kanner-Syndrom bezeichnet wird. Seine Sichtweise erreichte internationale Anerkennung und wurde zur Grundlage der weiteren Forschung und der Anerkennung von Autismus als eigenständiges Störungsbild. Die Veröffentlichungen Aspergers zur „Autistischen Psychopathie“ hingegen wurden zunächst international kaum wahrgenommen. Dies lag zum einen an der zeitlichen Überlagerung mit dem Zweiten Weltkrieg und zum anderen daran, dass Asperger auf Deutsch publizierte und seine Texte lange nicht ins Englische übersetzt wurden. Die englische Psychiaterin Lorna Wing (siehe historische Literatur) führte seine Arbeit in den 1980er-Jahren fort und verwendete erstmals die Bezeichnung Asperger-Syndrom. Im Jahr 1991 übersetzte Uta Frith Aspergers Dissertation erstmals ins Englische. Im darauffolgenden Jahr wurde das Asperger-Syndrom als selbstständige Diagnose in die ICD-10 aufgenommen. Seit dem DSM-5 (2013) wurden alle autistischen Ausprägungen unter dem Oberbegriff Autismus-Spektrum-Störung (englisch: Autism Spectrum Disorder) zusammengefasst. Grund hierfür war, dass die Unterschiede, insbesondere zwischen dem Asperger-Syndrom und der Autistischen Störung ohne Intelligenzminderung, zu gering erschienen, um sie voneinander zu unterscheiden. Diese Zusammenfassung wurde 2022 in die ICD übernommen. Bekannte autistische Persönlichkeiten (Auswahl) NameLebensdatenbekannt alsAnthony Hopkins*1937Schauspieler, Oscar-PreisträgerBill Gates*1955Unternehmer, Mitgründer von MicrosoftCraig Nicholls*1977Sänger, Frontman von The VinesDamian Milton*1973Autismusforscher, Urheber des Doppelten-Empathie-ProblemsDaniel Tammet*1979Rechenkünstler, SavantDonald Triplett1933–2023erster diagnostizierter AutistDonna Williams1963–2017Schriftstellerin, KünstlerinElon Musk*1971Unternehmer, MultimilliardärGreta Thunberg*2003KlimaaktivistinGrimes*1988MusikerinIan Murdock1973–2015Informatiker, Gründer von DebianJ. Michael StraczynskiStraczynski, J. Michael [@straczynski] (27. Dezember 2016). “One of the reasons I'm a decent writer is that to cope with Aspergers I grew up modeling the behavior and speech of others” (Tweet).*1954Autor, FilmproduzentPaddy Considine*1973SchauspielerStephen Wiltshire*1974Künstler, SavantSusan Boyle*1961SängerinTemple Grandin*1947Erfinderin, EthologinTim Burton*1958Autor, Produzent, FilmregisseurTim Page*1954Schriftsteller, Musikkritiker, Pulitzer-PreisträgerMax Park*2001Weltrekordler im SpeedcubingDaryl Hannah*1960SchauspielerinDan Akroyd*1952SchauspielerLucy Bronze*1991FußballerinCourtney Love*1964Musikerin, SchauspielerinBella Ramsey*2003Schauspieler/inKim Peek1951–2009Savant, Vorbild für Rain ManWentworth Miller*1972SchauspielerVernon Smith*1927Ökonom, WirtschaftsnobelpreisträgerTony DeBlois*1974Pianist, SavantEric Garcia*1972SchriftstellerSia*1975SängerinSatoshi Tajiri*1965Erfinder von Pokémon Posthume Zuschreibungen (Auswahl) Zahlreichen historischen Persönlichkeiten wird im öffentlichen und wissenschaftlichen Diskurs nachgesagt, autistisch gewesen zu sein. Eine posthume Diagnose ist bei Autismus jedoch niemals möglich, weshalb solche Zuschreibungen immer spekulativ bleiben. Personen, deren Leben und Wirken aus heutiger Sicht immer wieder Anlass für entsprechende Vermutungen gibt, sind unter anderem: NameLebensdatenbekannt alsAlbert Einstein1879–1955Physiker, NobelpreisträgerBarbara McClintock1902–1992Genetikerin, NobelpreisträgerinCarl Sagan1934–1996Naturwissenschaftler, FernsehmoderatorFranz Kafka1883–1924SchriftstellerCharles Darwin1809–1882Naturforscher, Begründer der EvolutionstheorieHenry Cavendish1731–1810NaturwissenwissenschaftlerIsaac Newton1643–1727Naturforscher, UniversalgelehrterJames Joyce1882–1941SchriftstellerBéla Bártok1881–1945Komponist, PianistMichelangelo1475–1564Bildhauer, Maler, BaumeisterNikola Tesla1856–1943ErfinderGlenn Gould1932–1982Pianist, KomponistAndy Warhol1928–1987KünstlerPaul Dirac1902–1984PhysikerThomas Jefferson1743–1826dritter Präsident der USAVirginia Woolf1882–1941SchriftstellerinImmanuel Kant1724–1804PhilosophEmily Dickinson1830–1886DichterinLewis Carroll1832–1998Schriftsteller, Mathematiker, PhilosophAlan Turing1912–1954Logiker, Mathematiker, KryptoanalytikerStanley Kubrick1928–1999Regisseur, Produzent, DrehbuchautorSteve Jobs1955–2011Unternehmer, Mitbegründer von Apple Autismus in den Medien Nachfolgend sind wichtige Beispiele aufgeführt für die Thematisierung von Autismus in Dokumentar- und Spielfilmen bzw. Serien. Weitere Einträge finden sich u. a. in der :Kategorie:Autismus im Film. Journalismus Ines Schipperges: Autismus-Serie: Alle acht Folgen. In: SZ-Magazin, 28. März 2018. Ausgezeichnet mit dem DGPPN-Medienpreis für Wissenschaftsjournalismus in der Kategorie Gesellschaft. In Zeit Online erschienen seit 2023 in loser Folge mehrere Beiträge zum Thema „Autismus“, alle wurden hinter Bezahlschranke publiziert. Dokumentarfilme Antje Behr: Ich, autistisch/Moi : autiste. In der Reihe: Psycho. Deutschland/Frankreich 2022, rbb/Arte (27 Minuten). Autismus – Das rätselhafte Spektrum. TV-Dokumentation von Nadine Niemann (Drehbuch / Regie), D 2025 für Radio Bremen / arte (permanent abrufbar auf youtube.com). Spielfilme Im Folgenden eine Liste von Filmen, die Autismus als zentrales Thema behandeln: 1988: Rain Man, Regie: Barry Levinson, mit Dustin Hoffman, Tom Cruise 2019: Alles außer gewöhnlich (Hors normes), Regie: Éric Toledano und Olivier Nakache, mit Vincent Cassel, Reda Kateb 2019: Verliebt in Valerie, Regie: Claudia Garde, mit Sebastian Zimmler, Mina Tander 2019: Vincents Welt (Tutto il mio folle amore), mit Valeria Golino, Giulio Pranno 2021: Zwischen uns, Regie: Max Fey, mit Liv Lisa Fries, Jona Eisenblätter 2023: Die Flut – Tod am Deich, Regie: Andreas Prochaska, mit Philine Schmölzer, Anton Spieker 2023: Wochenendrebellen, Regie: Marc Rothemund, mit Florian David Fitz, Aylin Tezel Fernsehserien The Big Bang Theory (Vereinigte Staaten, 2007–2019), mit Jim Parsons als Sheldon Lee Cooper The Good Doctor (Vereinigte Staaten, 2017–2024), mit Freddie Highmore als Chirurg Shaun Murphy Der Alte (Deutschland, 2017–2021 in der Figur des Lenny Wandmann, gespielt von Thimo Meitner) Atypical (Vereinigte Staaten, 2017), mit Keir Gilchrist als Schüler Sam Gardner Pablo (Großbritannien, 2017–2020), Zeichentrickserie Das Quartett (Deutschland, 2019–2024), in der Figur des Kriminaltechnikers Linus Roth, gespielt von Anton Spieker Extraordinary Attorney Woo (Südkorea, 2022), mit Park Eun-bin als Anwältin Woo Young-woo Lost in Fuseta (Deutschland, seit 2022), mit Jan Krauter als Kommissar Leander Lost Addie und wie sie die Welt fühlt (Kanada/Großbritannien, 2023), mit Lola Blue als Addie Literatur Fachliteratur Leitlinien Joaquin Fuentes, Amaia Hervás, Patricia Howlin: ESCAP practice guidance for autism: a summary of evidence-based recommendations for diagnosis and treatment. In: European child & adolescent psychiatry. Band 30, Nummer 6, Juni 2021, S. 961–984, doi:10.1007/s00787-020-01587-4, PMID 32666205, . American Psychiatric Association: Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders. DSM-5-TR 2022, ISBN 978-0-89042-576-3. Historisch Hans Asperger: Das psychisch abnorme Kind. In: Wiener Klinische Wochenzeitschrift. Jg. 51, 1938, , S. 1314–1317. Hans Asperger: Die „Autistischen Psychopathen“ im Kindesalter. In: Archiv für Psychiatrie und Nervenkrankheiten. Band 117, 1944, S. 73–136. doi:10.1007/bf01837709 Susan Folstein und Michael Rutter: Infantile Autism: a Genetic Study of 21 Twin Pairs. In: The Journal of Child Psychology and Psychiatry. Band 18, Nr. 4, 1977, S. 297–321, doi:10.1111/j.1469-7610.1977.tb00443.x Lorna Wing: Asperger’s syndrome. A clinical account. In: Psychological medicine. Band 11, H. 1, Februar 1981, , S. 115–129, PMID 7208735 (wissenschaftliche Veröffentlichung, die maßgeblich dazu beitrug, die Bezeichnung Asperger-Syndrom international zu etablieren). Lorna Wing: The History of Ideas on Autism. In: Autism. 1997, Band 1, Nummer 1, S. 13–23, doi:10.1177/1362361397011004. Genetik Anita Thapar und Michael Rutter: Genetic Advances in Autism. In: Journal of autism and developmental disorders. Band 51, Nummer 12, Dezember 2021, S. 4321–4332, doi:10.1007/s10803-020-04685-z, PMID 32940822, (Review). Weblinks Autismus bei gesundheitsinformation.de des IQWIG Autismus im Portal gesund.bund.de des Bundesgesundheitsministeriums Autismus-Spektrum-Störungen/Asperger-Syndrom beim Deutschen Bildungsserver Einzelnachweise Kategorie:Krankheitsbild in Phoniatrie und Pädaudiologie Kategorie:Psychische Störung Kategorie:Kinder- und Jugendpsychiatrie Kategorie:Behinderungsart Kategorie:Wikipedia:Artikel mit Video
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Bliss (Familienname)
Bliss ist ein englischer Familienname. Namensträger Aaron T. Bliss (1837–1906), US-amerikanischer Politiker Albert A. Bliss (1812–1893), US-amerikanischer Jurist, Zeitungsherausgeber und Politiker Alexa Bliss (* 1991), US-amerikanische Wrestlerin Amos Atkinson Bliss, politische Persönlichkeit in New Brunswick, Kanada Archibald Meserole Bliss (1838–1923), US-amerikanischer Politiker Arthur Bliss (1891–1975), englischer Komponist Boti Bliss (* 1975), US-amerikanische Schauspielerin Brian Bliss (* 1965), US-amerikanischer Fußballspieler Calvin C. Bliss (1823–1891), US-amerikanischer Politiker Caroline Bliss (* 1961), britische Schauspielerin Charles K. Bliss (1897–1985), ukrainisch-australischer Entwickler der Bliss-Symbole Cornelius Newton Bliss (1833–1911), US-amerikanischer Politiker Edwin Munsell Bliss (1848–1919), US-amerikanischer Missionar Edith Bliss (1959–2012), australische Sängerin und Moderatorin Eleanor Albert Bliss (1899–1987), US-amerikanische Bakteriologin und Hochschullehrerin Evelyn Bliss (* 2005), US-amerikanische Speerwerferin Frank Bliss (* 1956), deutscher Ethnologe und Islamwissenschaftler Frederick J. Bliss (1859–1937), US-amerikanischer Archäologe George Bliss (1813–1868), US-amerikanischer Politiker Gilbert Ames Bliss (1876–1951), US-amerikanischer Mathematiker Henry Bliss (1830–1899), erstes Opfer eines Autounfalls in den Vereinigten Staaten John Bliss (1930–2008), US-amerikanischer Schauspieler Karen Bliss (* 1963), US-amerikanische Radrennfahrerin Lela Bliss (1896–1980), US-amerikanische Schauspielerin Lillie P. Bliss (1864–1931), US-amerikanische Kunstsammlerin und Mitbegründerin des Museum of Modern Art Lucille Bliss (1916–2012), US-amerikanische Schauspielerin und Synchronsprecherin Marilyn Bliss (* 1954), US-amerikanische Komponistin Melvin Bliss (1945–2010), US-amerikanischer Sänger Michael Bliss (1941–2017), kanadischer Historiker Mildred Barnes Bliss (1879–1969), US-amerikanische Kunstsammlerin und Stifterin Nathaniel Bliss (1700–1764), englischer Astronom Panti Bliss (* 1968), irische Dragqueen und LGBT-Aktivistin Philemon Bliss (1813–1889), US-amerikanischer Jurist und Politiker Pierre Sanoussi-Bliss (* 1962), deutscher Schauspieler, Regisseur und Drehbuchautor Raymond W. Bliss (1888–1965), US-amerikanischer Offizier, Surgeon General of the Army Robert Woods Bliss (1875–1962), US-amerikanischer Diplomat, Kunstsammler und Stifter Tasker H. Bliss (1853–1930), Generalstabschef der Armee der Vereinigten Staaten Till Kaposty-Bliss (* 1970), deutscher Grafiker und Verleger Trinity Bliss (* 2009), US-amerikanischen Kinderdarstellerin und Sängerin Zenas Work Bliss (1867–1957), US-amerikanischer Politiker Weblinks Bliss bei forebears.io Kategorie:Familienname Kategorie:Englischer Personenname
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Liste von Autoren/Q
__NOTOC__ Qa Nizar Qabbani (1923–1998), SYR Qi Qiu Xiaolong (* 1953), CHN / USA Qu Helmut Qualtinger (1928–1986), AT David Quammen (* 1948), US Pier Antonio Quarantotti Gambini (1910–1965), IT Salvatore Quasimodo (1901–1968), IT Carol Queen (* 1957), USA Ellery Queen (Sammelpseudonym; 1905–1971 und 1905–1982), US Jorge H. Queirolo (* 1963), ECU Raymond Queneau (1903–1976), FR Quichotte (* 1983), D William Quindt (1898–1969), D Daniel Quinn (1935–2018), US Lawrence J. Quirk (1923–2014), US Hermann Quistorf (1884–1969), D Sabrina Qunaj (* 1986), AT *Q
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Antoni van Leeuwenhoek
mini|Antoni van Leeuwenhoek im Alter von etwa 54 Jahren, Gemälde von Jan Verkolje. Antoni van Leeuwenhoek [] () (* 24. Oktober 1632 in Delft, Republik der Sieben Vereinigten Provinzen; † 26. August 1723 ebenda) war ein niederländischer Naturforscher und der bedeutendste Mikroskopiker des 17. und beginnenden 18. Jahrhunderts. Er entdeckte die Mikroorganismen, darunter Bakterien, Protozoen und andere Einzeller, und wird deshalb als „Vater der Protozoologie und Bakteriologie“ bezeichnet.Dobell, Antony van Leeuwenhoek and his „little animals“, Nachdruck von 1960, S. 362. Er beschrieb die Entdeckung der Spermatozoen und untersuchte sie bei zahlreichen Tierarten. Seine Beobachtungen machten ihn zum Gegner der Spontanzeugung. Parallel zu anderen Forschern seiner Zeit entdeckte er rote Blutkörperchen und die Kapillaren als Verbindung zwischen Arterien und Venen im Blutkreislauf. Seine Forschungsgebiete erstreckten sich auf einen weiten Bereich von der Medizin bis zur Botanik. Leeuwenhoek war gelernter Tuchhändler und ab einem Alter von 27 Jahren städtischer Beamter in seiner Heimatstadt Delft. Er hatte keine wissenschaftliche oder technische Ausbildung und brachte sich das Herstellen und Benutzen von Mikroskopen selbst bei. Die Beobachtungen, die er mit seinen Mikroskopen machte, teilte er in über 300 Briefen der Royal Society in London sowie zahlreichen anderen europäischen Persönlichkeiten mit. Schreibvarianten des Namens mini|Aussprache des Namens Leeuwenhoek bedeutet Löwenecke. Der Name rührt vermutlich von einer Straßenecke in der Nähe des Leeuwenpoort, des Löwentors im Osten von Delft, her. Bis 1683 unterschrieb Leeuwenhoek mit „Antoni Leeuwenhoeck“. Danach ließ er das c im Nachnamen weg, um ab 1685 bis zum Lebensende mit „Antoni van Leeuwenhoek“ zu zeichnen. In den englischen Übersetzungen seiner Briefe, die in den Philosophical Transactions of the Royal Society veröffentlicht wurden, ist der Nachname in 19 verschiedenen Varianten buchstabiert worden. Die meisten davon müssen wohl als schlichte Falschschreibungen angesehen werden. Der letzte Buchstabe des Vornamens ist ein langes i, das in seinen auf Niederländisch veröffentlichten Briefen meist als i, manchmal als y wiedergegeben wurde.Dobell, Antony van Leeuwenhoek and his „little animals“, Nachdruck von 1960, S. 301–303. Auf seinem Gedenkstein an der alten Kirche in Delft und auf den meisten seiner auf Lateinisch veröffentlichten Briefe wurde die latinisierte Form „Antonius a Leeuwenhoek“ verwendet. Auf seinem Grabstein findet sich außerdem im niederländischen Text die Variante „Anthony van Leewenhoek“, also ohne u im Nachnamen und zusätzlichem h und y im Vornamen, eine Schreibweise, die von ihm selbst nicht überliefert ist. Weitere Schreibvarianten wurden von deutschen (Anton von Leuwenhoek), französischen (Antoine Leuwenhoek) und italienischen Autoren verwendet (Lewenoeckio, Lauenoch), häufiger in abweichenden Schreibweisen im gleichen Text. In modernen Texten wird als Name meist „Leeuwenhoek“ verwendet,Dobell, Antony van Leeuwenhoek and his „little animals“, Nachdruck von 1960.Snyder, Eye of the Beholder (2015). selten „van Leeuwenhoek“. Leben Kindheit und Jugend Antoni van Leeuwenhoek wurde am 24. Oktober 1632 geboren, während des Goldenen Zeitalters der Niederlande. Seine Heimatstadt Delft hatte zu dieser Zeit etwa 21000 Einwohner.Snyder, Eye of the Beholder (2015), S. 18. Er kam aus einer wohlhabenden Familie des Mittelstands. Die Familie, besonders auf seiner mütterlichen Seite, war in Delft gut vernetzt, viele hatten Aufgaben im öffentlichen Leben übernommen. Seine Eltern waren Philips van Leeuwenhoek, ein Korbmacher wie dessen eigener Vater, und Margaretha, geborene Bel van den Berch, Tochter des Delfter Braumeisters Jacob Bel van den Berch. Sie heirateten 1622. Antoni wurde zehn Jahre später als fünftes Kind nach vier Schwestern geboren. Er wurde am 4. November 1632 in der Nieuwe Kerk getauft. Der Name auf dem Taufeintrag lautet auf „Thonis“, Nachnamen werden nicht erwähnt. Der Vater wird als „Phillips thonis zn“ angegeben, also Phillip, Thonis Sohn. In der väterlichen Linie haben sich die Vornamen Thonis (also Antoni) und Phillips über mehrere Generationen abgewechselt. Leeuwenhoeks Vater starb fünf Jahre nach der Geburt, Anfang Januar 1638. Die Mutter heiratete im Dezember 1640 erneut, ihr zweiter Mann Jacob Jansz. Molin, ein Maler, starb 1648. 1664 starb auch die Mutter, sie wurde am 3. September beerdigt.Dobell, Antony van Leeuwenhoek and his „little animals“, Nachdruck von 1960, S. 19–24. Etwa zur Zeit ihrer zweiten Heirat schickte die Mutter ihren Sohn im Alter von 8 Jahren auf eine Schule in Warmond, nördlich von Leiden. Anschließend, vermutlich ab 1646, lebte er bei seinem Onkel Cornelis Jacobsz van den Berch in Benthuizen, knapp 20 Kilometer nordöstlich von Delft. Dieser Onkel war Anwalt und Gemeindebeamter. Es wird spekuliert, dass er hier einige Grundlagen der Mathematik und Physik erlernte, es gibt aber keine Quellen zu seiner Bildung. Eigenen späteren Aussagen zufolge hat er keine Fremdsprache erlernt und sprach ausschließlich den holländischen Dialekt seiner Zeit und Gegend.Dobell, Antony van Leeuwenhoek and his „little animals“, Nachdruck von 1960, S. 19–24 und 305–307.Snyder, Eye of the Beholder (2015), S. 49–50. 1648, im Jahr als sein Stiefvater starb, wurde er mit 16 Jahren von seiner Mutter nach Amsterdam geschickt. Einige ihrer Verwandten waren erfolgreiche Händler, so auch ihr Schwager Pieter Mauritz Douchy, ein einflussreicher Wollhändler in Amsterdam. Dieser nahm Leeuwenhoek bei sich auf und suchte ihm eine Anstellung. Leeuwenhoek wurde beim Tuchhändler William Davidson, einem 1616 geborenen Schotten, ausgebildet, der sich 1640 in Amsterdam niedergelassen hatte. Er bewährte sich und wurde schließlich für mehrere Jahre als Buchhalter und Kassierer eingesetzt. Wie lange er in diesem Geschäft arbeitete und welche sonstigen Tätigkeiten er verfolgte, ist nicht bekannt. Es wird spekuliert, dass er zu dieser Zeit Jan Swammerdam kennenlernte. Rückkehr nach Delft und gesellschaftliche Etablierung 1654 kehrte er nach Delft zurück, wo er den Rest seines Lebens wohnte. Am 29. Juli des Jahres heiratete er mit 21 Jahren die drei Jahre ältere Barbara de May (* 20. Dezember 1629). Zwischen 1655 und 1664 hatte das Paar fünf Kinder, von denen nur die zweitgeborene Tochter Maria (* 22. September 1656; † 25. April 1745) die frühe Kindheit überlebte. Maria blieb unverheiratet und blieb bei ihrem Vater bis an sein Lebensende. Wohl ebenfalls 1654 kaufte Leeuwenhoek ein Haus und Geschäft in der Straße Hippolytusbuurt, in dem er einen Tuchhandel eröffnete. Zwei überlieferte Rechnungen von 1658 und 1660 zeigen, dass er tatsächlich als Tuch- und Kurzwarenhändler tätig war.Dobell, Antony van Leeuwenhoek and his „little animals“, Nachdruck von 1960, S. 27–37. 1660, mit nur 27 Jahren, wurde Leeuwenhoek zum Kammerherrn der Schepenen der Stadt Delft ernannt („Camerbewaarder der Camer van Heeren Schepenen van Delft“) und damit zu einem der besser bezahlten städtischen Bediensteten. Ein Schepen war ein städtischer Würdenträger mit Aufgaben eines Ratsherrn, aber auch eines Schöffen. Diese Funktion erfüllte Leeuwenhoek 39 Jahre lang. Auch danach bezog er noch bis zu seinem Tod das entsprechende Gehalt. Zu den Aufgaben gehörte es, die Räumlichkeiten instand zu halten, zu beheizen, zu reinigen, für Versammlungen zu öffnen, Aufgaben für die Versammelten zu übernehmen und Stillschweigen über alle dort beredeten Angelegenheiten zu bewahren. Sein jährliches Gehalt mit Aufwandsentschädigung lag zunächst bei 314 Gulden pro Jahr und 1699 bei 400, um schließlich auf 450 Gulden zu steigen: 1711 erhielt er ein zusätzliches Gehalt von 50 Gulden als „generaal-wijkmeester“ (in etwa: General-Bezirksmeister). Ein gut bezahlter Glasarbeiter verdiente 270 Gulden im Jahr, Leeuwenhoek bekam also ein recht stattliches Gehalt. Es wurde vermutet, dass Leeuwenhoek beide Ämter ehrenhalber verliehen wurden und die tatsächlichen Aufgaben durch Stellvertreter ausgeführt wurden. Neuere Forschungen sprechen jedoch gegen diese Annahme. Ebenfalls um 1660 hat er vermutlich aufgehört, als Tuchhändler zu arbeiten.Snyder, Eye of the Beholder (2015), S. 112–113. Nach zwölf Jahren Ehe starb 1666 Leeuwenhoeks Frau Barbara. 1671 heiratete er ein zweites Mal, Cornelia Swalmius. Diese starb 1694. 1669 wurde Leeuwenhoek nach entsprechender Prüfung als Landvermesser staatlich zugelassen. 1676 wurde er zum Nachlassverwalter für den Maler Jan Vermeer bestimmt. Ebenfalls 1632 geboren, verstarb dieser mit nur 43 Jahren und hinterließ seiner Witwe und acht minderjährigen Kindern einen insolventen Nachlass sowie zahlreiche seiner wertvollen Bilder. Nachdem die Witwe den Bankrott hatte erklären müssen, wurde Leeuwenhoek eingesetzt. Möglicherweise war er ein Freund der Familie Vermeer. Sehr wahrscheinlich haben sich Leeuwenhoek und Vermeer gekannt. Sie wohnten beide in der Nähe des Delfter Marktplatzes und hatten gemeinsame Bekannte, etwa Constantijn Huygens. Es gibt aber keinen historischen Beleg für eine Bekanntschaft.Snyder, Eye of the Beholder (2015), S. 11–12 und S. 268–271. Jedenfalls wird die Übertragung der Abwicklung des Besitzes eines zu Lebzeiten in der Stadt angesehenen Malers als Beleg für ein hohes Ansehen Leeuwenhoeks gewertet. Ein weiteres Amt übernahm Leeuwenhoek 1679, als er zum wijnroeijer (Weinmesser) gewählt wurde. Als solcher musste er alle Weine und Spirituosen, die in die Stadt gebracht wurden, prüfen und die verwendeten Gefäße eichen. Dieses Amt hatte er wohl bis zum Lebensende inne, wobei er sich teils vertreten ließ. Korrespondenz mit der Royal Society 1660 wurde in London die Royal Society gegründet. Sie wollte mit allen in Kontakt treten, die das Wissen über die Natur förderten, unabhängig von deren Nationalität oder gesellschaftlicher Stellung. Ihr erster Sekretär, Henry Oldenburg, pflegte zahlreiche Briefwechsel, so auch mit dem 1673 schon berühmten, in Delft praktizierenden Arzt Reinier de Graaf. In den Jahren zuvor hatte sich Leeuwenhoek offensichtlich erfolgreich mit der Anfertigung von Mikroskopen befasst und erste Beobachtungen mit deren Hilfe angestellt. De Graaf war über diese Arbeiten im Bilde und hatte mehrfach selbst verschiedene Objekte durch diese Mikroskope betrachten können. In der Zeitschrift der Royal Society, den Philosophical Transactions, erschien 1668 eine mikroskopische Arbeit des Italieners Eustachio Divini. Er hatte ein kleineres Tier als alle bisher gesehenen finden können. Wohl in Antwort auf diesen Bericht schrieb de Graaf an Oldenburg, dass Leeuwenhoek Mikroskope entwickelt habe, die besser seien als alle bisher bekannten. Der Brief wurde beim Treffen der Royal Society am 7. Mai 1673 (Julianischer Kalender) verlesen. Ein Brief von Leeuwenhoek selbst, in dem er verschiedene Beobachtungen mitteilte, war Graafs Schreiben beigefügt. Eine englische Übersetzung wurde in den Philosophical Transactions veröffentlicht.Dobell, Antony van Leeuwenhoek and his „little animals“, Nachdruck von 1960, S. 37–44. Bemerkenswert ist, dass diese Kontaktaufnahme mitten im Englisch-Niederländischen Krieg von 1672–1674 stattfand, der Teil des Holländischen Kriegs von 1672 bis 1678 war. Zwar wurde Delft nicht von feindlichen Armeen erreicht, es gab im Rampjaar (Katastrophenjahr) 1672 jedoch Aufstände gegen die Regenten. Erst ein gutes halbes Jahr zuvor, am 10. September 1672, war die Hälfte der Stadtregierung, der Vroedschap, herausgeworfen worden.Snyder, Eye of the Beholder (2015), S. 209–210. Die Mitglieder der Royal Society trugen Oldenburg auf, direkt mit Leeuwenhoek in Kontakt zu treten und um Abbildungen der beobachteten Objekte zu bitten. Leeuwenhoek fand sich des Zeichnens nicht mächtig, er ließ daher zeichnen und sandte das Ergebnis nach London. Parallel zu diesem Brief schickte Constantijn Huygens einen Leeuwenhoek lobenden Brief an Robert Hooke, Mikroskopiker und Mitglied der Royal Society. Ab dieser Zeit sandte Leeuwenhoek bis an sein Lebensende zahlreiche Briefe an die Royal Society, von denen viele, oft gekürzt, in englischer Übersetzung in den Transactions abgedruckt wurden. In späteren Jahren wurden viele der Briefe in niederländischer oder lateinischer Fassung auch als eigenständige Veröffentlichungen gedruckt. Am 23. Januar 1680 schrieb Hooke an Leeuwenhoek anscheinend, er sei erstaunt, dass dieser noch kein Mitglied der Royal Society sei, und er bot an, ihn zur Wahl vorzuschlagen. Die Antwort von Leuwenhoek vom 13. Februar ist erhalten: Er habe niemals mit einer solchen Ehre gerechnet und er würde die Wahl als größte Ehre der Welt ansehen. Tatsächlich wurde Leeuwenhoek bereits am 19. Januar (Julianischer Kalender) auf Vorschlag von William Croone einstimmig als ordentliches Mitglied gewählt. Der Sekretär der Gesellschaft wurde beauftragt, ein Diplom anzufertigen und Leeuwenhoek zu schicken.Dobell, Antony van Leeuwenhoek and his „little animals“, Nachdruck von 1960, S. 47–50. Die Bedeutung, die die Aufnahme in die Royal Society für Leeuwenhoek hatte, wird aus seiner Antwort an Hooke deutlich, aber auch daraus, dass das Diplom im einzigen von ihm angefertigten Ölgemälde-Porträt prominent platziert war. Am 13. August des Jahres schrieb Constantijn Huygens Junior an seinen Bruder Christiaan Huygens: „Noch immer eilen alle hier um Leeuwenhoek zu sehen, als den großen Mann des Jahrhunderts. Vor einigen Monaten hat ihn die Royal Society in London aufgenommen, was ihm einigen Stolz gegeben hat. Er hat sogar ernsthaft Herrn Vater [gemeint ist Constantijn Huygens] gefragt, ob er mit dieser Ehre bekleidet in Zukunft verpflichtet sei, hinter einem Doktor der Medizin zurück zu stehen.“ Gegen Ende des 17. Jahrhunderts war Leeuwenhoek der einzige ernsthafte Mikroskopiker weltweit. Er hatte weder Rivalen noch Nachahmer. Mikroskope wurden sonst nur zum Zeitvertreib eingesetzt.Dobell, Antony van Leeuwenhoek and his „little animals“, Nachdruck von 1960, S. 52. Besucher und Briefpartner Nachdem Leeuwenhoek durch seine Entdeckungen berühmt geworden war, wollten ihn zahlreiche Menschen besuchen und durch seine Mikroskope schauen, darunter Berühmtheiten und Staatsoberhäupter. Zar Peter der Große kam 1697 und ließ sich den Blutkreislauf im Schwanz eines Aals zeigen.https://lensonleeuwenhoek.net/content/visited-by-tsar-peter-russia Die Königin von England Maria II. suchte ihn ebenfalls in Delft auf,Dobell, Antony van Leeuwenhoek and his „little animals“, Nachdruck von 1960, S. 317. wie schon 1679 James Duke of York, der spätere König Jakob II. von EnglandSnyder, Eye of the Beholder (2015), S. 291. und 1678 John Locke.Snyder, Eye of the Beholder (2015), S. 317. Leeuwenhoek fühlte sich dadurch geschmeichelt und es festigte seinen Ruf in der Stadt. Er fühlte sich aber auch gestört und wollte am liebsten allein gelassen werden.Dobell, Antony van Leeuwenhoek and his „little animals“, Nachdruck von 1960, S. 54–60. Thomas Molyneux (1661–1733), irischer Arzt und Zoologe, wurde 1686 Mitglied der Royal Society. Er besuchte Leeuwenhoek in deren Auftrag 1685 und hinterließ einen schriftlichen Bericht. In diesem beschreibt er den Aufbau der Mikroskope, die Leeuwenhoek seinen Besuchern zeigte, aber auch, dass Leeuwenhoek von weiteren Mikroskopen sprach, die dieser nur selbst je gesehen hätte und die noch weit besser als die gezeigten wären. Jene, die er ausprobieren konnte, vergrößerten ähnlich stark wie einige, die er zuvor in England und Irland verwendete, sie hatten aber ein deutlich klareres Bild. Thomas Molyneux wurde vermutlich von seinem Bruder William Molyneux begleitet, denn dieser schrieb in einem Buch über Optik von seinem Besuch bei Leuwenhoek mit einer ähnlichen Einschätzung der Mikroskope. Am 4. März 1699 wurde Leeuwenhoek von einem Mitglied der Académie des sciences in Paris, dem Physiker Burlet, als Briefpartner („correspondant“) benannt. Ob Leeuwenhoek darüber informiert war, ist nicht bekannt.Dobell, Antony van Leeuwenhoek and his „little animals“, Nachdruck von 1960, S. 53–54. Leeuwenhoek führte Korrespondenzen mit vielen Gelehrten und Persönlichkeiten seiner Zeit, neben verschiedenen Mitgliedern der Royal Society unter anderem mit seinen Landsleuten Constantijn Huygens, Anthonie Heinsius, Pieter Rabus, sowie Gottfried Wilhelm Leibniz, Antonio Magliabechi, Kurfürst Johann Wilhelm von der Pfalz, Landgraf Karl von Hessen-Kassel und Melchisédech Thévenot. Ein weiterer Besucher, der einen ausführlichen Bericht überlieferte, war Zacharias Konrad von Uffenbach, der 1710 kam. Gegen Ende seines Berichts schreibt er: Alter und Tod mini|Grabplatte van Leeuwenhoeks und seiner Tochter Maria in der Oude Kerk in Delft. Leeuwenhoek war im Alter finanziell gut abgesichert. Er versah seine städtischen Aufgaben bis etwa zum Alter von 70, bezog danach aber weiter das entsprechende Gehalt. Sein Vermögen lag bei fast 60.000 Gulden, in seinem Nachlass befanden sich neben zahlreichen Mikroskopen aus Silber auch drei aus Gold. Leeuwenhoek starb, am 26. August 1723, fast genau zwei Monate vor seinem 91. Geburtstag in Delft, wo er in der Oude Kerk beigesetzt wurde. Die Inschrift auf seinem Grabmal lautet: Porträts von Leeuwenhoek Trotz seiner Bekanntheit schon zu Lebzeiten gibt es nur wenige Abbildungen, von denen sicher ist, dass sie Leeuwenhoek zeigen. Das bekannteste ist ein Werk von Johannes Verkolje, das in zwei Versionen existiert. Ein Ölgemälde fertigte der Maler 1686 an, in etwa in Leeuwenhoeks 54. Lebensjahr. In diesem schaut Leeuwenhoek nach links. Er trägt eine Perücke, in seiner rechten Hand hält er einen Zirkel. Auf dem Tisch liegt neben anderen Dingen das gesiegelte Diplom der Royal Society. Das Gemälde gehört heute dem Rijksmuseum Amsterdam. Die andere Variante ist ein Mezzotinto-Druck. Dieser unterscheidet sich vom Gemälde durch die Ausrichtung, er ist spiegelverkehrt. Verkolje hat hier wohl auf der Druckplatte aus Kupfer das Ölgemälde richtig herum abgezeichnet, wodurch der Abdruck schließlich seitenverkehrt war. Der Künstler hat aber auch Veränderungen vorgenommen: In der Hand hält Leeuwenhoek jetzt eines seiner Mikroskope und auf dem Tisch liegen statt des Diploms einige Eichenblätter mit Gallen, ein Objekt, von dem Leeuwenhoek im gleichen Jahr mikroskopische Beobachtungen veröffentlicht hat. Von dieser Variante sind mehrere Abdrucke erhalten.Dobell, Antony van Leeuwenhoek and his „little animals“, Nachdruck von 1960, S. 346–347. Ein weiterer Druck wurde auf den gravierten Titelseiten der letzten, 1718 veröffentlichten Briefe von Leeuwenhoek dargestellt. Der Graveur, Jan Goeree (1670–1731), fertigte dieses Bild 1707 an, als Leeuwenhoek 75 Jahre alt war.Dobell, Antony van Leeuwenhoek and his „little animals“, Nachdruck von 1960, S. 354–355. Die Zunft der Delfter Chirurgen gab 1681 ein Ölgemälde bei Cornelis de Man in Auftrag, das viele ihrer Mitglieder zeigt. Im Mittelpunkt steht der offizielle Stadt-Anatom Cornelis 's Gravesande, der etwas an einem eröffneten Leichnam demonstriert. Rechts hinter ihm, also hinter seiner linken Schulter, steht Leeuwenhoek. Er war kein Mitglied der Gilde; es ist überliefert, dass der Maler dem Bild mit Leeuwenhoeks Anwesenheit mehr Glanz habe verleihen wollen.Snyder, Eye of the Beholder (2015), S. 160. Jan Vermeer und Leeuwenhoek lebten zur gleichen Zeit in Delft, waren gleich alt, beide berühmt und Leeuwenhoek hat Vermeers Nachlass abgewickelt. Die Vermutung liegt nahe, dass sie sich auch zu Lebzeiten kannten. Es gibt aber keine Belege darüber, dass sie bekannt waren oder dass Vermeer Leeuwenhoek auch gemalt hätte. Es wurde spekuliert, dass Leeuwenhoek für einige Bilder mit Wissenschaftlern (etwa „Der Geograph“ und „Der Astronom“) Modell gestanden habe. Dem wird jedoch auch widersprochen, mit dem Argument, dass es zwischen der Person auf dem Bild von Verkolje und den Wissenschaftlern Vermeers keine Ähnlichkeit gebe. Der 1669 entstandene „Geograph“ könnte jedoch von Leeuwenhoek inspiriert sein, denn dieser wurde im gleichen Jahr als Landvermesser zugelassen. Möglicherweise handelt es sich um eine idealisierte Version von LeeuwenhoekDobell, Antony van Leeuwenhoek and his „little animals“, Nachdruck von 1960, S. 353–354. Leeuwenhoeks Mikroskope Einfache und zusammengesetzte Mikroskope Alle von Leeuwenhoek bekannten Mikroskope sind sogenannte „einfache Mikroskope“. Im Prinzip funktionieren sie wie eine sehr starke Lupe. Da für stärkere Vergrößerungen stärkere Krümmungen der einzigen Linse erforderlich sind, sind die Linsen solcher einfachen Mikroskope sehr klein. „Einfach“ bezieht sich dabei nicht etwa auf eine einfache Herstellung, sondern auf den Gegensatz zu „zusammengesetzten Mikroskopen“, die mit Objektiv und Okular eine Vergrößerung in zwei Schritten bewirken (siehe auch Lichtmikroskop). Heutige Mikroskope sind bis auf Ausnahmen (siehe etwa Foldscope) zusammengesetzte Mikroskope. Zusammengesetzte Mikroskope wurden einige Jahrzehnte vor Leeuwenhoeks Geburt entwickelt. Das Problem der chromatischen Aberration wurde erst im 19. Jahrhundert gelöst. Zu Leeuwenhoeks Zeiten multiplizierte sich bei zusammengesetzten Mikroskopen das Problem durch die Verwendung zweier Linsen. Sie produzierten daher vor allem im höheren Auflösungsbereich schlechte Ergebnisse. So schrieb Robert Hooke: Erst ab etwa 1830 wurden zusammengesetzte Mikroskope leistungsfähiger als einfache. Bauformen von Leeuwenhoeks Mikroskopen Einfache Mikroskopbauformen und Präparate-Erstellung mini|Zur Benutzung wurde Leeuwenhoeks Mikroskop nach oben gegen den Himmel gehalten. Darstellung von der Titelseite seiner gesammelten Werke. Die Grundkonstruktion von Leeuwenhoeks Mikroskopen (siehe Abbildungen unten) war simpel: Eine kleine bikonvexe Linse wurde zwischen zwei Metallplatten gefasst. Auf der einen Seite wurde das Objekt vor die Linse platziert, von der anderen Seite wurde mit dem dicht davor liegenden Auge durch die Linse das vergrößerte Objekt betrachtet. Je nach Vergrößerung der Linse lag der Abstand zum Auge bei etwa einem Zentimeter. Um das Objekt an die richtige Position bringen zu können, wurde es auf einer Nadelspitze befestigt, die durch eine Vorrichtung mit Schrauben bewegt werden konnte. Eine solche Vorrichtung zum Bewegen des Präparats war ein Alleinstellungsmerkmal bei Mikroskopen seiner Zeit. Die meisten seiner Mikroskope hatten Metallplatten aus Messing oder Silber. Die Platten sind etwa 4–5 cm hoch und halb so breit. Anscheinend zog es Leeuwenhoek vor, ein gutes Präparat mit dem Präparatehalter fest zu verkleben und dann ein neues Mikroskop zu bauen. Im Gegensatz zur hohen Qualität der Linsen war die Qualität der Metallarbeiten nicht allzu gut.Dobell, Antony van Leeuwenhoek and his „little animals“, Nachdruck von 1960, S. 328–329. Eine Abweichung vom Grundaufbau bestand darin, zwei oder drei Linsen nebeneinander zu montieren, so dass mittels zweier Haltevorrichtungen mehrere Präparate im raschen Wechsel miteinander verglichen werden konnten. Auch könnten unterschiedlich stark vergrößernde Linsen verwendet worden sein. Heute noch vorhandene Mikroskope Leeuwenhoeks haben alle eine einzelne Linse. Andere Mikroskope zu Leeuwenhoeks Zeit wurden mit Auflicht verwendet, das Licht fiel also von der Seite des Objektivs auf das Präparat. Leeuwenhoek jedoch verwendete Durchlicht, also Licht, das durch das Präparat hindurch fiel. Durchlicht-Beleuchtung ist für biologische Präparate oft besonders geeignet. Wie genau er verschiedene Präparate beleuchtete, ob mit Kerzen oder generell mit Tageslicht, ist nicht bekannt. In einem Brief empfiehlt er für die Betrachtung von Schnitten, das Mikroskop gegen den offenen Himmel zu halten. Objekte in Flüssigkeiten wurden in kleine Glasröhrchen gefüllt und darin betrachtet. Diese hat er mit zwei Silber- oder Kupferfedern so befestigt, dass er das Röhrchen wie gewünscht vor der Linse bewegen konnte.Dobell, Antony van Leeuwenhoek and his „little animals“, Nachdruck von 1960, S. 169. Zitiert aus Brief 19 vom 23. März 1677. Leeuwenhoek beschrieb seinem Besucher Uffenbach, dass er die jungen Austern, die der Besucher betrachten konnte, aus der Mutter heraus genommen, mit einem Tropfen Weingeist versetzt und das Glasröhrchen an das entstandene Gemisch gehalten hatte. Dieses zog darauf von selbst aufgrund des Kapillareffekts in die Röhrchen. Weingeist verwendete er, damit das Gemisch „nicht so leicht stinkend“ würde wie bei der Verwendung von Wasser. In späteren Versuchen hat Leeuwenhoek Flüssigkeitstropfen wohl auch zwischen zwei Glasplättchen verteilt. Eine Goldlösung ließ Leeuwenhoek auf ein Stück Glas präzipitieren und befestigte dieses am Mikroskop. DobellDobell, Antony van Leeuwenhoek and his „little animals“, Nachdruck von 1960, S. 333. nahm an, dass Leeuwenhoek der erste war, der von undurchsichtigen Objekten Schnitte anfertigte, um diese im Durchlicht zu betrachten. Tatsächlich wurden Schnitte jedoch schon zuvor von Robert Hooke, Nehemiah Grew und Malpighi angefertigt. Untersuchungen im 20. Jahrhundert an Originalschnitten von Leeuwenhoek zeigten, dass ein Kork-Schnitt teils nur wenige Mikrometer dick war. Er fertigte die Schnitte wohl mit seinem Rasiermesser an, auf einem Holundermark-Schnitt konnten rote Blutkörperchen gefunden werden. Aalkijker Eine weitere Variante war der „Aalkijker“ (Aalgucker). Aalkijker sind in drei Bauformen bekannt. 1689 beschrieb Leeuwenhoek zum ersten Mal, dass er sein Mikroskop angepasst habe, um das strömende Blut im Schwanz junger Aale, Kaulquappen und kleiner Fische zu beobachten (siehe Abbildung). mini|hochkant=3|links|Zeichnungen des ersten Aalkijkers, 1689. Ein Metallrahmen (in der Abbildung fig. 9) hielt eine Glasröhre mit dem Tier (fig. 13). Der Rahmen wurde entweder mit einem seiner normalen Mikroskope (aber ohne Schrauben für die Präparate; fig. 8) oder mit kleineren Linsenhaltern (fig. 11 und 12) versehen, die für schwächere Vergrößerungen womöglich angenehmer waren. Der zusammengebaute Zustand ist in fig. 10 (rechts der Mitte) gezeigt. Im oberen Bereich zwischen den Buchstaben D und E befindet sich die zwischen Metallplatten eingespannte Linse. Hinter den Platten ist das Glasrohr, welches darüber und im unteren Bereich zu sehen ist. Die Abbildung gehört zu einem Brief vom 12. Jan. 1689, in dem Leeuwenhoek anhand der Zeichnungen beschreibt wie er das Gerät gebaut hat. Links oben und rechts Zeichnungen von Blutgefäßen, die er bei verschiedenen Fischarten beobachtet hat. 1708 schrieb Leeuwenhoek, dass er den Aalkijker umgestaltet habe, um die Beobachtung zu vereinfachen, ohne aber eine Zeichnung beizufügen. Sein Besucher Uffenbach fertigte eine Zeichnung an, die er seiner Reiseerzählung beigab, die vermutlich diese Bauform zeigt (siehe Abbildung). Eine weitere Abbildung findet sich auf der Titelseite der Auktion, bei der nach seinem Tod viele der Geräte versteigert wurden. Uffenbach schrieb über das Gerät: mini|hochkant=3|links|Die zweite Bauform des Aalkijkers, Zeichnung as dem Reisebericht von Uffenbach (1754) Eine weitere Bauform, die Leeuwenhoek zugeschrieben wird, ist im Museum Boerhaave in Leiden ausgestellt. Im Vergleich zur ersten Bauform ist der Rohrhalter hier kürzer und ein Linsenhalter ist dauerhaft mit ihm verbunden. Mehrere Linsen sind zwischen kleine Platten gefasst und können ausgewechselt werden. Linsen Das Besondere an Leeuwenhoeks Mikroskopen war die ansonsten in seiner Zeit unerreichte Qualität der Linsen. Für Tuchhändler dieser Zeit waren Lupen ein wichtiges Hilfsmittel, um die Anzahl der Fäden in einem Stoff und damit dessen Qualität zu bestimmen. Vermutlich hat Leeuwenhoek in seiner Amsterdamer Zeit daher zum ersten Mal mit Glaslinsen gearbeitet.Snyder, Eye of the Beholder (2015), S. 55. Sogenannte Flohgläser, also einfache Vergrößerungsgläser zum Betrachten von Insekten, waren eine Modeerscheinung der Zeit und das Schleifen von Linsen aus Glasblöcken ein in weiten Kreisen verbreiteter Zeitvertreib. In den 1650er Jahren war Delft für die Qualität seiner Glaslinsen bekannt, nicht zuletzt wegen der hohen Güte des Glases aus lokaler Produktion.Snyder, Eye of the Beholder (2015), S. 103. Wie und warum Leeuwenhoek sich für die Mikroskopie begeisterte, ist nicht überliefert. Es gibt jedoch Hinweise darauf, dass er von Robert Hookes Micrographia inspiriert wurde. Er hielt sich ungefähr 1668 in England auf und 1667 kam die zweite Auflage der Micrographia auf den Markt. Darin sind auch mikroskopische Abbildungen von Stoffen zu sehen, an denen Leeuwenhoek vermutlich berufliches Interesse hatte, genauso wie mögliche Berufskollegen, die er vielleicht in England besuchte. Im Vorwort beschrieb Hooke die Methoden, um Linsen herzustellen, und dass einfache Mikroskope bessere Bilder liefern, aber schwieriger zu benutzen sind. Der wohl stärkste Hinweis ist, dass Leeuwenhoek in seinem ersten Brief an die Royal Society zahlreiche Objekte behandelte, die auch in der Micrographia beschrieben wurden: Stachel und Mundwerkzeuge der Biene, eine Laus und Fruchtkörper von Schimmel, und im unmittelbaren Zusammenhang in beiden Werken Holz, Holundermark, Kork und ein Federkiel. Leeuwenhoek hat seine genauen Arbeitsweisen geheim gehalten. Das betrifft nicht nur die Verwendung seiner besten Mikroskope, sondern auch die Herstellungsweise seiner Linsen. Es gibt prinzipiell drei Möglichkeiten, kleine, starke Linsen herzustellen. Ein Youtube-Video, das die drei Methoden zur Glaslinsenerstellung vorführt. Sie können aus einem Glasstück geschliffen und anschließend poliert werden. Ein dünner Glasfaden kann in eine Flamme gehalten werden, so dass sich am Ende ein Kügelchen bildet. Oder ein dünnes Glasröhrchen wird am Ende zugeschmolzen und zum Glühen gebracht. Durch Blasen in das Röhrchen von der anderen Seite entsteht eine Glaskugel, die eine Warze hat. Diese Warzen sind linsenförmig. Leeuwenhoek hat wohl mindestens zwei dieser Verfahren verwendet, denn von den neun heute noch bekannten Exemplaren von Leeuwenhoeks Mikroskopen haben alle bis auf eines geschliffene Linsen, wie Untersuchungen im 20. Jahrhundert ergeben haben. Nur das am stärksten vergrößernde, das sogenannte Utrechter Mikroskop, hat eine erschmolzene Linse in der Form einer leicht gedrückten Kugel. Ob sie geblasen oder am Ende eines Glasfadens erzeugt wurde, ist umstritten. Auch sein Besucher Uffenbach berichtete über Leeuwenhoeks Geheimhaltung. Er konnte ihm jedoch entlocken, dass dieser zum Schleifen von Linsen zwar nur einen Schalentyp verwende, dass es aber einen Unterschied mache, ob er frische oder schon häufig benutzte Schalen verwende, da sich die Schalen durch Gebrauch weiten würden und die Gläser dadurch größer würden, ein Vorgang, den Uffenbach als allgemein bekannt ansah. Die Frage, ob Leeuwenhoek auch einige Linsen blasen würde, verneinte Leeuwenhoek entschieden und „bezeigte eine große Verachtung gegen die geblasenen Gläser. […] alle seine Gläser wären auf beyden Seiten convex geschliffen“. Uffenbach schreibt aber auch: Uffenbachs mitreisender Bruder wollte nicht glauben, dass es möglich sei, etwas anderes zu blasen als eine Kugel. Arbeiten aus dem 20. Jahrhundert zeigen dies jedoch. Uffenbach beschreibt ferner, dass einige Mikroskope doppelte Linsen hatten, also zwei Linsen direkt hintereinander, die zusammen nicht viel dicker seien als die einfachen Linsen. Die doppelten Linsen seien zwar mühsamer zu machen als die einfachen, sie würden aber auch laut Leeuwenhoeks Aussage nur wenig mehr vergrößern als diese. Die Linse des Utrechter Mikroskops ist etwa 1,1 mm dick. Von den beiden Messingplatten, zwischen denen die Linse montiert ist, hat die auf der Präparat-Seite eine Öffnung mit 0,5 mm Durchmesser, die dem Auge zugewandte einen Durchmesser von 0,5 mm. Die numerische Apertur wurde mit 0,4 bestimmt. Zitiert nach Meyer, 1999, Mikrokosmos 88:43 Alle untersuchten Linsen, einschließlich derer der Mikroskope, die Leeuwenhoek der Royal Society vermachte, waren bikonvex, nicht etwa kugelförmig. Möglicherweise war er deshalb erfolgreicher als andere Mikroskopiker, die mit einfachen Mikroskopen und mit kugelförmigen Linsen arbeiteten. Anzahl und Verbleib der Mikroskope mini|Abbildung auf der Titelseite des Versteigerungskatalogs von 1747. Die ursprüngliche Bauform des Aalkiekers steht auf dem Pult nach links angelehnt, eine weitere liegt unten am rechten Bildrand. Die neuere von Uffendorf beschriebene liegt am unteren Bildrand rechts der Mitte. Die vorne sitzende Putte hält ein Mikroskop mit drei Linsen. Davor vermutlich Tabletts mit einzelnen Linsen. Bis zu seinem Tod fertigte Leeuwenhoek mehr als 500 einfache Varianten seiner Mikroskope, Aalkijker und einzelne Linsen an. Zu seinen Lebzeiten gab er soweit bekannt nur zwei davon ab, und zwar als Geschenk an Königin Maria II. von England, als diese ihn in Delft besuchte. Ansonsten verweigerte er jedes Ansinnen auf Verkauf oder Abgabe seiner Instrumente. Zu Lebzeiten stellte er ein Schränkchen mit 26 Mikroskopen aus Silber zusammen, die ursprünglich jeweils ein Präparat montiert hatten. Dieses Schränkchen vermachte er der Royal Society. Seine Tochter verschickte es nach seinem Tod nach London. Diese Sammlung wurde 1722 und 1739 eingehend beschrieben. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ging sie jedoch verloren. Leeuwenhoeks Tochter Maria starb 1745. Zwei Jahre später und damit 24 Jahre nach Leeuwenhoeks Tod wurden die verbliebenen Mikroskope in der Lukasgilde in Delft versteigert, der Gilde der Maler, Glasmacher und Porzellanhersteller.Snyder, Eye of the Beholder (2015), S. 165. Zwei Exemplare des Versteigerungskatalogs sind überliefert, einer der beiden enthält auch die Namen der Käufer und den Preis. Die Sammlung wurde auf 196 Einzelposten aufgeteilt, viele bestanden aus einer Box mit zwei Mikroskopen, so wie Leeuwenhoek sie hinterlassen hatte. Einige Posten bestanden aus Linsen. Von den 322 Mikroskopen waren die meisten aus Messing, 131 aus Silber, vier hatten beide Metalle und drei Exemplare waren aus Gold. Fast alle zugehörigen Linsen waren aus Glas, aber vier der Silbermikroskope hatten eine Linse aus Quarz und zwei weitere aus Sand. Außerdem kamen 23 Aalkijker der verschiedenen Bauarten zum Verkauf. Die meisten Käufer waren Delfter Bürger, darunter einige Notare. Bis zu 20 Einzelposten gingen an eine Person. Ende des 20. Jahrhunderts waren noch neun seiner Mikroskope bekannt. Bis Ende 2015 hat sich die Zahl der Leeuwenhoek zugeschriebenen Mikroskope auf zwölf erhöht. Ein Besucher einer Ausstellung erkannte, dass er eines zu Hause hatte. Eines wurde bei silbernem Puppenhaus-Zubehör gefunden, ein weiteres fand sich im Schlamm eines Delfter Kanals. Hinzu kommen ein Aalkijker und sechs einzelne Linsen. Eines dieser Mikroskope, ein silbernes, wurde 2009 bei Christie’s für 350.000 Euro versteigert. Vier befinden sich im Museum Boerhaave in Leiden, zwei im Deutschen Museum in München, eines im Universitätsmuseum Utrecht, eines im Naturkundemuseum Antwerpen und neben dem versteigerten ein weiteres in einer privaten Sammlung. Das Museum Boerhaave besitzt außerdem fünf einzelne, gefasste Linsen. Leistungsfähigkeit der Mikroskope Die Sammlung der 26 Mikroskope der Royal Society wurde 1739 eingehend untersucht. Umgerechnet auf den Abstand eines Gegenstands zum Auge von 250 mm ergaben sich dabei Vergrößerungen von 50-fach (entsprechend einer Brennweite von f=5,08 mm) bis 200-fach (f=1,27 mm). Am häufigsten war eine Vergrößerung von etwa hundertfach (f=2,54 mm), die bei acht Mikroskopen vorkam. Bei den zehn Anfang 2015 noch bekannten Mikroskopen traten Vergrößerungen von 68-fach(f=3,66 mm) bis 266-fach (f=0,94 mm) auf. Beim letzteren, dem sogenannten Utrechter Mikroskop, konnte bei Untersuchungen im 20. Jahrhundert mit Fotos von Diatomeen, einem bei Mikroskopikern beliebten Testobjekt, eine Auflösung von 1,35 µm erreicht werden. Damit übertraf es noch die Auflösung eines achromatischen zusammengesetzten Mikroskops von 1837 von Charles Chevalier, einem führenden Mikroskopbauer seiner Zeit. Die fünf einzelnen gefassten Linsen des Museums Boerhaave haben meist niedrigere Vergrößerungen, von 32-fach bis 65-fach, nur eine erreicht 150-fach. Sie werden als Zubehör zum Aalkijker gedeutet. Zusammengesetzte Mikroskope erreichten zu Leeuwenhoeks Zeiten nur eine Vergrößerung von etwa 100-fach. Sein Beitrag für die Anwendung der Mikroskopie als wissenschaftliche Technik war außerordentlich. Niemand hat zu seiner Zeit vergleichbare Beobachtungen machen können, auf Grund der hohen Leistungsfähigkeit seiner Geräte, aber auch auf Grund der Geheimhaltung, mit der er seine leistungsfähigeren Verfahren umgab. Geheime Methoden Leeuwenhoek hielt seine Arbeitsmethoden zum großen Teil geheim. Er erwähnte explizit, dass er seine besten Mikroskope für sich selbst behalte und seinen Besuchern nicht zeigte. Émile Blanchard vermutete 1868 gar, Leeuwenhoek habe im hohen Alter seine besten Instrumente verschwinden lassen, um seine Methode geheim zu halten. Auch seine spezielle Beobachtungsmethode für sehr kleine Kreaturen hielt er geheim. Daher kann nur spekuliert werden, wie er diese Beobachtungen genau durchführte.Dobell, Antony van Leeuwenhoek and his „little animals“, Nachdruck von 1960, S. 313 und S. 331. Dobell war überzeugt, dass Leeuwenhoek Dunkelfeldmikroskopie betrieb.Dobell, Antony van Leeuwenhoek and his „little animals“, Nachdruck von 1960, S. 331. Barnett Cohen demonstrierte 1937 zwei Verfahren, mit denen Leeuwenhoek eine zusätzliche Vergrößerung erzielt haben könnte: Durch Einbringen der Flüssigkeit in das kugelförmig aufgeblasene Ende einer Glaskapillare konnte er bei einem Kugeldurchmesser von etwa 1 mm eine um Faktor 1,5-fach erhöhte Vergrößerung feststellen. Durch Einbringen einer kleinen Luftblase in die Kugel konnte er ferner eine um Faktor 2 erhöhte Vergrößerung bei Objekten vor der Blase beobachten. Mit seitlicher Dunkelfeldbeleuchtung konnte er rote Blutkörperchen so sehr deutlich sehen. Klaus Meyer, der Leeuwenhoeks Briefe ins Deutsche übersetzte und 1998 herausgab, vertrat dagegen die Ansicht, dass Leeuwenhoek sein normales Mikroskop mit einem Tubusrohr und einer schwach vergrößernden Okularlinse versah und es so zu einem zusammengesetzten Mikroskop erweiterte. Laura J. Snyder vermutet, dass er neben der Anwendung von Dunkelfeldmikroskopie auch ein Sonnenmikroskop verwendete, mit dem er mikroskopische Bilder an eine Wand warf.Snyder, Eye of the Beholder (2015), S. 295–296. Aufgrund der Geheimhaltung hatten Leeuwenhoeks Instrumente keinen Einfluss auf die weitere Entwicklung von Mikroskopen. Leeuwenhoeks Briefe, seine Beobachtungen und Entdeckungen Übersicht mini|hochkant=3|Zeitstrahl einiger Entdeckungen von Leeuwenhoek (oben), wichtiger Besuche (Molyneux, Peter der Große, Uffenbach) und anderer Ereignisse in seinem Leben (unten). Leeuwenhoek teilte alle seine Beobachtungen in über 300 Briefen mit. Den ersten von 215 an die Royal Society in London schickte er 1673. Von diesen wurden 119 mindestens auszugsweise in den Philosophical Transactions veröffentlicht. Das macht ihn bis heute (Stand 2014) mit großem Abstand zum Autor mit den meisten Veröffentlichung in dieser Zeitschrift seit deren Gründung 1665 und damit in über 350 Jahren. Er korrespondierte auch mit vielen anderen Gelehrten. Dass Leeuwenhoek keine Ausbildung als Wissenschaftler hatte, ist seinen Briefen anzumerken. In ihnen beschreibt er seine Beobachtungen, ohne diese zu ordnen, durchmischt mit persönlichen Details, um plötzlich auf ein völlig anderes Thema zu kommen. Jedoch hat er immer deutlich auseinandergehalten, was er tatsächlich beobachtet hatte und wie er seine Beobachtungen deutete, ein Merkmal auch moderner Wissenschaft. Diese Klarheit ist in wissenschaftlicher Literatur seiner Zeit selten. Leeuwenhoek beschrieb über 200 Arten, jedoch hat er sie häufig nicht genau genug beschrieben, um sie heute sicher identifizieren zu können. Als seine wichtigsten Entdeckungen werden je nach Autor die Spermatozoen, Rote Blutkörperchen oder Mikroorganismen genannt. Mikroorganismen beschrieb er erstmals 1674 und genauer in einem langen Brief vom 9. Oktober 1676. Er fand Glockentierchen, Rädertierchen, Süßwasserpolypen, frei bewegliche Protozoen und Bakterien. 1688 beschrieb er den Blutkreislauf in der Schwanzflosse eines jungen Aals und er klärte den Lebenszyklus etlicher Tiere auf. Daneben beobachtete er viele weitere Objekte der belebten und unbelebten Natur wie die Struktur von Holz, die Form von Kristallen oder gestreifte Muskulatur, zu deren Untersuchung er Färbungen mit Safran durchführte. Mikroorganismen: Die Diertgens oder Animalcules Erste Beobachtungen mini|Spirogyra mini|Dolichospermum Die ersten Mikroorganismen sah Leeuwenhoek vermutlich 1674. Er beschrieb sie in einer kurzen Passage in einem Brief an Henry Oldenburg, Sekretär der Royal Society, vom 7. September des Jahres. Im Wasser eines Süßwassersees nahe Delft, das er am Tag nach der Entnahme untersuchte, fand er Erdpartikel und spiralförmige ‚Ranken‘. Clifford Dobell identifizierte diese in seinem Buch über Leeuwenhoek 1932 als die Alge Spirogyra. Eine Arbeit von 2016 widersprach dieser Ansicht jedoch und vermutete, dass es sich um die Cyanobakterie Dolichospermum handelte. Auch weitere grüne Partikel waren in Leeuwenhoeks Wasserprobe vorhanden, und ziemlich sicher auch Protozoen, denn er schreibt:Dobell, Antony van Leeuwenhoek and his „little animals“, Nachdruck von 1960, S. 109–112. Der Größenvergleich bezog sich wie damals üblich auf das Volumen. Tausendfach kleineres Volumen entspricht einer zehnfach kürzeren Länge. Die Tiere, auf die sich Leeuwenhoek im Größenvergleich bezieht, sind Milben. Die Käsemilbe ist etwa einen halben Millimeter (= 500 Mikrometer) lang, die Mehlmilbe Acarus siro etwas kleiner. Tatsächlich hat Euglena viridis eine Länge von 40 – 65 Mikrometer. Leeuwenhoek schrieb von „dierkens“,Dobell, Antony van Leeuwenhoek and his „little animals“, Nachdruck von 1960, Tafel XXV bei S. 240, S. 251. „diertgens“,Dobell, Antony van Leeuwenhoek and his „little animals“, Nachdruck von 1960, S. 129. „kleyne dierkens“Dobell, Antony van Leeuwenhoek and his „little animals“, Nachdruck von 1960, Tafel XXIX, bei S. 285. oder „diertjes“Dobell, Antony van Leeuwenhoek and his „little animals“, Nachdruck von 1960, S. 263., also von Tierchen. In den veröffentlichten englischen Übersetzungen wurden sie auf Lateinisch als „animalcules“ oder, da Englisch kein Diminutiv kennt, als „little animals“ (kleine Tiere) bezeichnet. Ein weiterer Bericht folgt ein gutes Jahr später in einem Brief vom 20. Dezember 1675, der aber nicht veröffentlicht wurde. Leeuwenhoek schrieb, dass er im vergangenen Sommer in fast allen Gewässerproben Animalcules gefunden habe. Von diesen seien einige unglaublich klein gewesen, kleiner gar als jene, die von anderen entdeckt wurden und Wasserflöhe oder Wasserläuse genannt wurden. Hier bezog sich Leeuwenhoek wohl auf eine Veröffentlichung von Jan Swammerdam von 1669. In einem ebenso unveröffentlichtem Brief einen Monat später schrieb Leeuwenhoek, dass er auch in aufgefangenem Regenwasser, Quellwasser und im Wasser der Kanäle von Delft fündig wurde. Außerdem kündigte er einen genaueren Bericht an. Der Brief über die Protozoen mini|Stylonychia mytilus, das Waffen- oder Muscheltierchen in einer Zeichnung aus dem 19. Jahrhundert. Leeuwenhoek schrieb: „Ich sah […] ein Tierchen, das hatte etwa die Form einer Miesmuschel-Schale, die mit der leeren Seite nach unten liegt.“ Dieser Bericht erfolgte in einem Brief vom 9. Oktober 1676, der als „Brief über die Protozoen“ bekannt wurde. Das Original-Manuskript hat 17½ eng beschriebene Folio-Seiten. Knapp die Hälfte des Briefes wurde in englischer zusammenfassender Übersetzung im März 1677 in den Philosophical Transactions der Royal Society mit dem Titel „[…] by Mr. Antony van Leewenhoeck […]: Concerning little Animals by him observed in Rain- Well- Sea- and Snow-water; as also in water wherin Pepper had lain infused“. veröffentlichtPhil. Trans. (1677) Band XII, Nr. 133, S. 821–831. Angabe nach Dobel, S. 113.. (Deutsch: Bezüglich kleiner Tiere, die er in Regen- Brunnen- Meeres- und Schneewasser beobachtete; und auch in Wasser worin er Pfeffer eingelegt hatte.) Der restliche Teil blieb unbekannt bis zu den Untersuchungen von Dobell (1932), der in den Archiven der Royal Society das Originalmanuskript fand und neu übersetzte.Dobell, Antony van Leeuwenhoek and his „little animals“, Nachdruck von 1960, S. 112–130. Der Brief beginnt mit mehreren, teils sehr ausführlichen Beobachtungen des Auftauchens verschiedener Arten von Mikroorganismen in frischem Regenwasser, das einige Tage steht. Es folgen kurze Beschreibungen der Funde in Fluss- und Brunnenwasser und eine ausführlichere über Meerwasser. Der zweite Teil des Briefes beschäftigt sich mit Aufgüssen mehrerer Gewürze mit Regenwasser. Fünf Ansätze mit Pfeffer werden beschrieben, und je einer mit Ingwer, Gewürznelken und Muskat. Dazwischen ist eine Beobachtung an Essig eingestreut. Bis auf einige Beobachtungen an Pfefferwasser fiel der zweite Teil jedoch den Kürzungen zum Opfer und wurde erstmals 1932 veröffentlicht.Dobell, Antony van Leeuwenhoek and his „little animals“, Nachdruck von 1960, S. 131–144. Mit den Aufgüssen verwendete er ein ähnliches Verfahren, wie viele spätere Mikroskopiker, die einen Heuaufguss ansetzten um Mikroorganismen zu beobachten, besonders die danach benannten Infusorien. In diesem Brief beschreibt Leeuwenhoek viele Organismen, davon einige Arten so genau, dass sein Biograf Clifford Dobell, selbst Protozoologe, diese 1932 eindeutig zuordnen konnte. Bei Vorticella, einem Glockentierchen, beschreibt er das charakteristische Zusammenziehen und Strecken, bei Wimpertierchen die „dünnen, kleinen Füße oder Beine“ oder „kleine Pfoten“, also die Cilien. Auch das Waffentierchen Stylonychia mytilus lässt sich zuordnen. In frisch aufgefangenem Regenwasser entdeckte er die ersten Organismen nach zwei bis vier Tagen, sie erreichten dann eine Dichte von etwa 1000 bis über 2000 „pro Tropfen“. Seine Größenangaben waren so nachvollziehbar, dass sie sich auf heutige Maße umrechnen lassen, für einige der Organismen auf 6–8 Mikrometer. Zur Veranschaulichung gab er an, dass eines der Diertgen bezogen auf eine Milbe so groß sei wie eine Biene zu einem Pferd. Bei einigen konnte er auf Grund ihrer geringen Größe keine Form beschreiben. In Flusswasser fand er weniger als 25 Tierchen pro Tropfen, in Brunnenwasser im Winter keine und im Sommer über 500 „in einem Korn Wasser“. In sommerlichem Meerwasser dagegen nur 1–4 pro Tropfen. Pfefferwasser untersuchte Leeuwenhoek eigentlich, um nach der Ursache für die Schärfe des Pfeffers zu suchen. Cartesianer hatten spekuliert, dass scharfer, saurer Geschmack durch die Form von Partikeln der jeweiligen Stoffe hervorgerufen wird.Snyder, Eye of the Beholder (2015), S. 237. Leeuwenhoek fand im Wasser einige Tage nach dem Einlegen des Pfeffers neben Protozoen auch Organismen, die sich nach seiner Beschreibung sicher als Bakterien identifizieren lassen. An einer Stelle beschreibt er, wie ein ovaler Animalcules von über hundert der allerkleinsten Animalcules umgeben war, von denen einige fortgetrieben wurden. Mit heutigem Wissen lässt sich diese Szene als ein Wimperntierchen deuten, das von Bakterien umgeben ist, von denen einige durch den Schlag der Cilien abgetrieben werden. Von den Wimperntierchen beschrieb er bis zu über 8000 in einem Tropfen, die Zahl der Bakterien aber als „weitaus größer“. Auch beobachtete er, dass das oberflächennahe Wasser weitaus dichter besiedelt war, als der Wasserkörper. Eine beschriebene Bakterienform identifizierte Dobell als „vermutlich Bacilli“, eine weitere als die Fadenbakterie Pseudospira. Eine ausführlich beschriebene Form sind Spirillen, „sehr kleine Aale“. Pseudospira und Spirillen kommen allerdings erst im ursprünglich gekürzten Teil des Briefes vor. Leeuwenhoek schätzte die Zahl der Spirillen auf über hunderttausend in einem kleinen Tropfen Oberflächenwasser ein. Im nicht veröffentlichten Teil des Briefes findet sich auch eine interessante Beobachtung über Essigälchen: Bei manchen der großen Exemplare, die er auseinanderbrach, konnte er beobachten, dass lebende kleine Älchen hervorkamen. Tatsächlich sind Essigälchen lebendgebärend und diese Beobachtungen somit die ersten zur Fortpflanzung dieser Tierart.Dobell, Antony van Leeuwenhoek and his „little animals“, Nachdruck von 1960, S. 152. Bestätigung der Entdeckung Die Royal Society war an Leeuwenhoeks Schilderungen sehr interessiert, aber auch skeptisch. Nehemiah Grew, Sekretär der Gesellschaft und ebenfalls Mikroskopiker, wurde beauftragt, Leeuwenhoeks Versuche zu wiederholen. Es ist nicht überliefert, ob es tatsächlich dazu kam. Zusammen mit weiteren Beobachtungen sandte Leeuwenhoek am 5. Oktober 1677 Stellungnahmen von acht angesehenen Personen, denen er die Mikroorganismen gezeigt hatte, nach London. Darunter war der Pastor der englischen Gemeinde in Delft, zwei lutheranische Pastoren aus Delft und Den Haag sowie ein Notar.Dobell, Antony van Leeuwenhoek and his „little animals“, Nachdruck von 1960, S. 172–176. Robert Hooke, selbst berühmter Mikroskopiker und Mitglied der Royal Society, hatte auf Grund nachlassender Sehstärke schon länger nicht mehr mikroskopiert. Nun aber fertigte er einen Aufguss mit Pfefferkörnern durch und beobachtete. Nach etwa einer Woche fand er zahlreiche Mikroorganismen und konnte Leeuwenhoeks Berichte somit bestätigen. Bei Sitzungen der Royal Society am 1., 8. und 15. November 1677 führte Hooke Demonstrationen durch. Während die ersten beiden wohl, auch auf Grund technischer Einschränkungen der verwendeten Mikroskope, nicht alle Teilnehmer überzeugten, war das Ergebnis des Pfefferaufgusses, das bei der dritten Demonstration vorgeführt wurde, anscheinend eindeutig. Die „kleinen Tiere“ bewegten sich auf unterschiedlichste Art, so dass es Tiere sein mussten, Irrtum ausgeschlossen. Leeuwenhoeks Entdeckung wurde nicht mehr angezweifelt. Die Neuigkeit der Entdeckung verbreitete sich schnell. Wie Hooke in einem Brief an Leeuwenhoek vom 18. April 1678 berichtete, ließ sich selbst König Charles II. von England die Entdeckung vorführen und war über die Beobachtung „sehr erfreut“.Dobell, Antony van Leeuwenhoek and his „little animals“, Nachdruck von 1960, S. 183–186. Bakterien im Zahnbelag mini|Bakterien aus dem Zahnbelag. A, Bacillus. B,C,D, Selenomonas sputigena mit Bewegungsspur. E, Micrococci. F, Leptothrix buccalis (auch: Leptotrichia buccalis). G, ein Spirochaet, vermutlich Spirochaeta buccalis. Zuordnung der Arten nach Dobell, 1932.Dobell, Antony van Leeuwenhoek and his „little animals“, Nachdruck von 1960, Tafel XXIV bei S. 239 und S. 245–246. Am 12. September 1683 verfasste Leeuwenhoek einen Brief, in dem er Bakterien aus dem Zahnbelag beschreibt. Dieser wurde 1695 auch in seiner Briefsammlung „Arcana naturae detecta“ veröffentlicht. Dazu gehört die gezeigte Abbildung mit den fig. A bis fig. G, die zeigt, dass es tatsächlich um Bakterien geht. Diese fand er, wenn er Zahnbelag entweder mit Regenwasser oder mit Speichel vermischte, nicht aber in reinem Speichel. In diesem Brief schreibt er weiterhin:Dobell, Antony van Leeuwenhoek and his „little animals“, Nachdruck von 1960, S. 242. Leeuwenhoek beobachtete hier als Erster die schützende Wirkung eines Biofilms für die darin lebenden Mikroorganismen. In einem späteren Brief beschrieb er 1692 ebenfalls Bakterien aus dem Zahnbelag und bestimmte auch deren Größe.Dobell, Antony van Leeuwenhoek and his „little animals“, Nachdruck von 1960, S. 247 ff. Weitere Beobachtungen von Mikroorganismen In einem Brief vom 7. März 1692 an die Royal Society berichtet Leeuwenhoek über Tierchen, die „kopulierten“. Sehr wahrscheinlich sah er die Konjugation und Teilung von Ciliaten.Dobell, Antony van Leeuwenhoek and his „little animals“, Nachdruck von 1960, S. 205–206. In einem Brief an den Kurfürsten von der Pfalz vom 9. November 1695 beschreibt er das Aufeinandertreffen zweier Tierchen, die sich offenbar zur Konjugation verbinden. Im gleichen Brief spekuliert er auch, dass kleinere Tierchen (also Bakterien) den größeren (etwa Ciliaten) als Nahrung dienen könnten.Dobell, Antony van Leeuwenhoek and his „little animals“, Nachdruck von 1960, S. 212–213. Und er beschrieb, dass das Fleisch toter junger Teichmuscheln verschwand, während sich die Zahl der Mikroorganismen stark vermehrte. Er schloss daraus, dass diese sich von den Teichmuscheln ernährten.Dobell, Antony van Leeuwenhoek and his „little animals“, Nachdruck von 1960, S. 207–210. Neben freilebenden Mikroorganismen fand Leeuwenhoek auch solche, die im Körper von Tier und Mensch lebten. In einem Brief von 1674, der erst im 20. Jahrhundert erstmals veröffentlicht wurde, beschrieb er eiförmige Teilchen in der Galle eines alten Kaninchens, sehr wahrscheinlich Oocysten von Eimeria stiediae, dem Erreger der Kokzidiose der Kaninchen, ohne dass er jedoch die Funktion der Oocyste erkannte.Dobell, Antony van Leeuwenhoek and his „little animals“, Nachdruck von 1960, S. 217–220. 1680 (veröffentlicht 1695) entdeckte er Mikroorganismen im Darm einer Pferdebremse, vermutlich Flagellaten.Dobell, Antony van Leeuwenhoek and his „little animals“, Nachdruck von 1960, S. 221. In einem Brief vom 4. November 1681 schrieb er an Robert Hooke, dass er Durchfall gehabt habe, und seine Ausscheidungen untersucht habe. Darin fand er Mikroorganismen, aus deren Beschreibung hervorgeht, dass es sich um Giardia intestinalis handelte, den Erreger der Giardiasis, einer mit Durchfall verbundenen Erkrankung. Einige Organismen erwähnt der Brief ohne genauere Beschreibung, aus einer weiteren lässt sich jedoch auf Spirochäten schließen, meist harmlose Darmbewohner. Leeuwenhoek untersuchte auch seine normalen Exkremente, also wenn er nicht krank war. Dann konnte er keine Mikroorganismen finden, sondern nur wenn die Exkremente „lockerer“ waren als normal. Er stellt jedoch weder hier noch sonst in seinen Schriften eine Ursache-Wirkungs-Beziehung zwischen Mikroorganismen und Krankheit her.Dobell, Antony van Leeuwenhoek and his „little animals“, Nachdruck von 1960, S. 222–226 und S. 230. 1683 beschrieb er mehrere Experimente an Fröschen, die ihm zeigten, dass verschiedene Mikroorganismen zahlreich in deren Darminhalt leben, nicht aber im Blut. Von zweien fertigte er Zeichnungen an (siehe Abbildung), auf denen sich Opalina dimidiata (siehe Opalinea) und das Wimperntierchen Nyctotherus cordiformis identifizieren lassen.Dobell, Antony van Leeuwenhoek and his „little animals“, Nachdruck von 1960, S. 230–233. mini|hochkant=1.5|1, Wasserlinse von oben. 2, seitlich, darüber (7) einzelnes Blatt. 3, Abschnitt einer Wurzel mit: KL, Diatomeen und Monaden. IST, Carchesium polypinum. NVW, solitäre Glockentierchen. RXY, XZY röhrenbildende Rädertierchen, vermutlich Limnias ceratophylli. Pdef, ogh röhrenbildende Ciliaten. Fig. 4, Hydra. Entgegen den Angaben von Leeuwenhoek hat der Zeichner 9 statt 8 Tentakel eingezeichnet. BH, Tochterpolyp. GI, Knospe. 5, Tentackel-Abschnitt. 6, ausgestreckter Tentakel. Artzuordnung nach DobellDobell, Antony van Leeuwenhoek and his „little animals“, Nachdruck von 1960, S. 277–283. In einem Brief vom 2. Januar 1700 gab Leeuwenhoek die älteste Beschreibung der Grünalge Volvox an. Auf der beigefügten Zeichnung (siehe Abbildung) ist Volvox ohne Zweifel identifizierbar. Er beschrieb die Fortbewegung und auch die Reproduktion durch Tochterkugeln, die in der „Mutterkugel“ heranwachsen. Über mehrere Tage hinweg beobachtete er einzelne Mutterkolonien, in denen die Tochterkolonien wuchsen, bis die Mutterkugel schließlich platzte. In den Tochterkolonien beobachtete er wiederum Tochterkolonien. Er betonte, dass die Töchter seiner Beobachtung nach also nicht durch Spontanzeugung entstehen, sondern gebildet werden wie alle Pflanzen und Samen. Das Beispiel Volvox wurde von Anhängern der Präformationslehre herangezogen, um ihre Ansichten zu bestärken. Leeuwenhoek schrieb zwar, dass viele Leute die Kugeln auf Grund der Fortbewegung als Tierchen bezeichnen würden, bezeichnet sie selber aber als „deeltjens“, also als Teilchen. In einer Probe mit Volvox und vielen kleinen Tieren wie Mückenlarven und Krebschen beobachtete er, dass Volvox nach einigen Tagen verschwand. Daher spekulierte er, das Volvox den Tieren als Nahrung diene.Dobell, Antony van Leeuwenhoek and his „little animals“, Nachdruck von 1960, S. 256–263. Im gleichen Brief ist auch ein Bild einer Foraminiferen-Schale, die er in einem Krabbenmagen gefunden hatte. Eine frühere Beschreibung einer Foraminiferen-Schale wurde von Robert Hooke 1665 angefertigt. Am 9. Februar 1702 beschrieb er Mikroorganismen aus einer Wasserrinne, die sich anhand seiner Angaben als Haematococcus pluvialis, Chlamydomonas und Coleps identifizieren lassen. Im gleichen Brief beschrieb er Rädertierchen, dass diese Haematococcus fressen, und dass sie ausgetrocknet und danach wieder ins Leben zurückkehren können. Wenn er getrocknete Ablagerungen aus der Wasserrinne fünf Monate trocken lagerte und dann mit Wasser versetzte, konnte er nach einigen Stunden lebende Mikroorganismen entdecken. Aus solchen Beobachtungen schloss er, dass Mikroorganismen durch den Wind in neue Lebensräume verbreitet werden können. Auch dies sah er als Argument gegen Spontanzeugung.Dobell, Antony van Leeuwenhoek and his „little animals“, Nachdruck von 1960, S. 263–270. Am 25. Dezember 1702 schrieb Leeuwenhoek einen Brief an die Royal Society, in dem er Untersuchungen an Wasserlinsen beschrieb, oder genauer die „Tierchen“, die er auf den Wurzeln der Wasserlinsen fand. Durch seine Beschreibung und eine beigefügte Abbildung (hier gezeigt) lassen sich wieder mehrere Organismen identifizieren. Dazu gehörten Glockentierchen der Gattung Vorticella sowie Carchesium polypinum, Diatomeen, Rädertierchen (vermutlich Limnias ceratophyli) und ein röhrenbauender Ciliat, vermutlich Cothurnia cristallina. Schließlich erfolgt die erste Beschreibung des Süßwasserpolypen Hydra. Leeuwenhoek beobachtete über zwei Tage hinweg die Sprossung junger Polypen aus einem älteren und damit die erste solche asexuelle Reproduktion bei Tieren überhaupt. Auch Polypenläuse der Gattungen Trichodina und Kerona konnte er beobachten.Dobell, Antony van Leeuwenhoek and his „little animals“, Nachdruck von 1960, S. 275–282. Gut zwei Monate später schrieb Leeuwenhoek erneut an die Royal Societey, diesmal über den koloniebildenden Flagellaten Anthopysa vegetans, eine Goldalge, die sich von Bakterien ernährt und baumartige Strukturen bildet. Auch diese Beschreibung wurde von einer Abbildung begleitet.Dobell, Antony van Leeuwenhoek and his „little animals“, Nachdruck von 1960, S. 285. Blut und Blutkreislauf mini|Rote Blutkörperchen vom Lachs, mit „Lumen“ (Zellkernen) mini|Mikrozirkulation in einer Flosse eines Glasaals, 1698. A, C, E: „Venen“. B, D, F: „Arterien“. Man sieht laut Leeuwenhoek, dass diese „ein und dieselben Gefäße“ (also durchgehend) sind. Nach heutiger Terminologie ist zu beobachten, dass das Blut kontinuierlich von den Arteriolen durch die Kapillaren in die Venolen strömt. Vorgeschichte William Harvey veröffentlichte 1628 sein berühmtes Buch „de Motu Cordis“, in dem er darlegte, dass das Blut im Körper in einem Kreislauf floss, entgegen Jahrhunderte alten früheren Vorstellungen. Er konnte jedoch die Kapillaren, die Verbindung zwischen Arterien und Venen, nicht finden, da er nicht mikroskopisch arbeitete. Dies gelang Marcello Malpighi 1661 in der Lunge und später auch in der Niere. Auch rote Blutkörperchen beobachtete er, die er 1666 als merkwürdige kleine Fettkugeln beschrieb und die er für die rote Farbe des Blutes verantwortlich machte, und unterschied sie vom Blutserum. Jan Swammerdam sah die roten Blutkörperchen bereits 1658 im Froschblut. Im Brief von de Graaf, in dem er Leeuwenhoek der Royal Society 1673 vorstellte, schlug er vor, diese möge Leeuwenhoek einige schwierige Aufgaben stellen. Einige von Leeuwenhoeks Entdeckungen gingen denn auch auf Vorschläge zurück, die ihm Mitglieder der Gesellschaft machten. Der Sekretär der Gesellschaft Oldenburg schlug Leeuwenhoek in seiner Einladung, mehr Berichte nach London zu schicken, vor, Blut und andere Körperflüssigkeiten zu untersuchen. Im zweiten Brief, den dieser an die Gesellschaft schickte, beschrieb er Beobachtungen an einer Laus, die aus seiner Hand Blut gesaugt hatte.Snyder, Eye of the Beholder (2015), S. 246. Rote Blutkörperchen (Erythrocyten) 1674 schrieb Leeuwenhoek einen Brief an Constantin Huygens, in dem auch er rote Blutkörperchen beschrieb, die er in Blut aus seinem Daumen entdeckte. Die folgenden Jahre beschäftigte er sich mehrfach mit dem Thema, untersuchte auch das Blut von Hasen. Er bestimmte 1678 die Größe der roten Blutkörperchen mit ‚weniger als einem Dreitausendstel eines Zolls‘, umgerechnet ‚weniger als 8,5 Mikrometer‘, und lag damit ziemlich genau an der heutigen Erkenntnis einer durchschnittlichen Größe von menschlichen Erythrocyten von etwa 7,5 Mikrometern. Alle frühen Beobachter beschrieben menschliche Erythrocyten als kugelig. Neben den Beobachtern der Royal Society und Leeuwenhoek unterlief dieser Fehler auch Swammerdam und den niederländischen Mikrosokop-Herstellern Musschenbroek.Snyder, Eye of the Beholder (2015), S. 249–250 und 317. Erst im 19. Jahrhundert setzte sich die Erkenntnis durch, dass Erythrocyten der Säugetiere im Gegensatz zu denen der anderen Wirbeltiere keinen Zellkern und eine bikonkave Form haben. Ebenfalls 1674 zeigte Leeuwenhoek, dass rote Blutkörperchen schwerer sind als Plasma. 1684 beschrieb er den Unterschied der roten Blutkörperchen in Säugetieren einerseits und Fischen, Fröschen und Vögeln andererseits: Während er die der Säugetiere als rund wahrnahm, beschrieb er die anderen als oval und flach. Auf Grund des fehlenden Zellkerns unterscheidet sich die Form der roten Blutkörperchen der Säugetiere deutlich von der Form bei anderen Wirbeltieren. Kreislauf Besuchern zeigte Leeuwenhoek gerne, was er für das aufregendste Schauspiel seiner Arbeit hielt, den Blutfluss in den Kapillaren im Schwanz einer Kaulquappe oder eines jungen Aals. Er beobachtete, dass diese Blutgefäße so eng sind, dass immer nur ein Blutkörperchen hindurch fließt. Er stellte fest, dass diese Durchblutung mit dem Herzschlag synchronisiert ist, und verstand dadurch, dass es sich bei den Kapillaren um das fehlende Glied zwischen Arterien und Venen handelte.Snyder, Eye of the Beholder (2015), S. 292–293. In einem Brief vom 12. November 1680 schrieb Leeuwenhoek noch, dass Kapillaren so eng seien, dass die roten Blutkörperchen nicht hindurch passen würden. Zu dieser Zeit zweifelte er noch, ob es ein von Arterien zu Venen durchgehendes, geschlossenes Kreislaufsystem geben würde. Dieses beschrieb er zum ersten Mal in Kaulquappen und kleinen Fischen in einem Brief vom 7. September 1688 und wieder am 12. Januar 1689. Zu diesem Brief gehört auch die Abbildung des Aalkiekers, die weiter oben in diesem Artikel gezeigt wird. Auch spätere Briefe beschäftigen sich mit dem Blutkreislauf.Fußnote 2 auf Seite 241 in: In einem Brief an die Royal Society von 1699 beschrieb er, dass sich Kaulquappen für Demonstrationen besser eignen, da sie sich weniger bewegen und weiter, dass die „roten Kügelchen“ in den kleinsten Gefäßen weiter auseinander sind, sich also beim Durchfließen vereinzeln, während in einer größeren Arterie 20 nebeneinander fließen konnten. 1683 benutzte er zum ersten Mal den Begriff Kapillare für kleine Blutgefäße. Ferner beschrieb er, dass das Blut in den kleineren Gefäßen zwar kontinuierlich fließt (im Gegensatz zur Aorta), aber in Synchronisation zum Herzen mal schneller, mal langsamer. Spermatozoen, Präformationslehre und Fortpflanzung Lebendgeburt beim Essigälchen 1676 untersuchte Leeuwenhoek das Essigälchen Anguillula aceti. Der etwa zwei Millimeter lange Nematode war bekannt, er ist mit bloßem Auge sichtbar. Als er einige der größeren auseinanderriss, stellte er fest, dass dadurch kleine Älchen freigesetzt wurden. Dies scheint die erste Beobachtung der Lebendgeburt bei Anguillula zu sein, und Leeuwenhoeks erste Beobachtung zum Thema Fortpflanzung.Snyder, Eye of the Beholder (2015), S. 258–259. Die Entdeckung der Spermatozoen mini|Spermatozoen von Kaninchen (Fig. 1–4) und Hund (Fig. 5–6), Zeichnung von 1677. Im November 1677 schickte Leeuwenhoek einen Brief an Lord William Brouncker, den Präsidenten der Royal Society, in dem er die Entdeckung von Tierchen in der Samenflüssigkeit bekannt gab, heute Spermatozoen oder Spermien genannt.Snyder, Eye of the Beholder (2015), S. 277–281. Er berichtete, dass ihm der Leidener Medizinstudent Johan Ham ein Glasröhrchen mit dem Harnröhrenausfluss eines Gonorrhoe-Kranken gebracht habe. Ham hatte darin ‚lebende Tierchen‘ gesehen, von denen er dachte, dass sie durch die Fäulnis der Samenflüssigkeit auf Grund der Krankheit entstanden waren. Leeuwenhoek berichtete weiter, dass er schon vor einigen Jahren auf Vorschlag von Oldenburg Samenflüssigkeit untersucht habe und darin Kügelchen gesehen habe. Er habe die Untersuchung aber damals eingestellt, weil er sie unziemlich fand. Nach Hams Besuch habe er seine Untersuchung aber wieder aufgenommen, um die Samenflüssigkeit auch eines gesunden Mannes zu beobachten. Gedanken um Anstand oder um seinen Ruf beschäftigten Leeuwenhoek ganz offensichtlich: Im Gegensatz zu anderen Briefen ließ er diesen auf Latein übersetzen, bevor er ihn verschickte. Auch bat er Brouncker, den Brief nicht zu veröffentlichen, falls die Mitglieder der Royal Society die Ergebnisse für anstößig halten sollten. Ferner versicherte er, dass die Samenflüssigkeit des Gesunden von ihm selbst stamme, als Überrest eines ehelichen Beischlafs, und ohne etwa sich selbst sündig zu schänden. Im Gegensatz zu Ham begriff Leeuwenhoek, dass die Spermatozoen nicht etwa durch krankheitsbedingten Verfall der Samenflüssigkeit entstanden, sondern ein normaler Bestandteil waren. Er beobachtete, dass sie sich durch Bewegung ihres Schwanzes vorwärts bewegten, wie eine Schlange oder ein Aal schwimmend. Um zu verstehen, wo die Spermatozoen herkamen, untersuchte er in den nächsten Jahren Samenflüssigkeit und männliche Sexualorgane zahlreicher Tiere, darunter Hasen, Ratten, Hunde, Kabeljau, Hechte, Brassen, Miesmuscheln, Austern, Hähne, Frösche, Maikäfer, Schaben, Kleinlibellen, Grashüpfer, Flöhe, Milben und Mücken. Von den 280 zu Lebzeiten Leeuwenhoeks publizierten Briefen wurden Spermatozoen in 57 erwähnt. Bei Säugern fand er Spermatozoen immer im Samenleiter und in den Hoden. Er schloss richtigerweise, dass Hoden die Aufgabe der Spermatozoenbildung haben. Leeuwenhoeks Befund von Spermatozoen in zahlreichen Insekten waren ein gewichtiges Argument gegen die Annahme der Spontanzeugung, wo doch selbst niederste Insekten sich ähnlich fortpflanzten wie höhere Tiere. Er war überzeugt, dass so wie es für ein steiniges Gebirge unmöglich sei ein Pferd zu erzeugen, es genauso unmöglich für eine Fliege oder irgendein anderes sich bewegendes Tier sei, aus zerfallenden Stoffen erzeugt zu werden. Präformationslehre: Animalkulismus Die Entdeckung der Spermatozoen krempelte auch die Ansichten über die biologische Entwicklung von Lebewesen um. Bisher waren bei Mensch und Tier nur die Eier bekannt gewesen. Viele Forscher glaubten an Präformation, damals auch Präexistenz oder Evolution genannt. „Evolution“ hatte also eine ganz andere Bedeutung als heute, nämlich eine rein entwicklungsbiologische. Die Evolutionisten nahmen an, dass das neue Individuum bereits vor der Befruchtung im elterlichen Organismus vorhanden ist und nur noch zu wachsen braucht. Die meisten glaubten wie Harvey, de Graaf, Swammerdam oder Malpighi, dass Eier die Quelle des Embryos seien, dessen Entwicklung durch Samen angestoßen würde (Ovismus). Nun wurde gesehen, dass sich Spermatozoen im Gegensatz zu den Eiern bewegten und sich verhielten wie lebende Tiere. Daher wurde ihnen von manchen Forschern die wesentliche Rolle zugesprochen. In seinem zweiten Brief über Spermatozoen-Beobachtungen an die Royal Society schrieb Leeuwenhoek im März 1678: „Es ist ausschließlich der männliche Samen, der den Fetus formt und alles was die Frau beitragen mag dient nur dazu den Samen zu empfangen und zu füttern.“ Später schrieb er: „Der Mensch kommt nicht vom Ei, sondern von einem Tierchen, das sich im männlichen Samen findet.“ Diese Ausprägung der Präformationslehre wird als Animalkulismus bezeichnet, ihre Anhänger auch als Spermatisten. Leeuwenhoek nahm an, dass der ganze Mensch auf eine Weise schon im Spermatozoon vorhanden sei, und er verbrachte Tage mit dem Versuch, die Umrisse des ‚kleinen Menschen‘ oder ‚Homunculus‘ mikroskopisch zu entdecken. Als jedoch 1699 eine französische Zeitschrift einen Artikel unter dem Pseudonym Dalenpatius veröffentlichte, in dem behauptet wurde, in Spermatozoen sei ein kompletter kleiner Mensch zu sehen, und sogar angebliche mikroskopische Zeichnungen beigefügt wurden, schrieb Leeuwenhoek einen langen Brief an die Royal Society, in dem er solche angeblichen Beobachtungen als „reine Einbildung und nicht die Wahrheit“ verspottete. Trotz seiner zahlreichen Beobachtungen habe er so etwas nie gesehen. Auch wenn er sich manchmal vorstelle, hier sei der Kopf, da die Schultern, dort die Hüften, seien seine Beobachtungen hierzu doch so unsicher, dass er dies nicht bestätigen könne. Nicolas Hartsoeker war weniger zurückhaltend und veröffentlichte 1694 das berühmt gewordene Bild eines Homunculus im Spermatozoon. Vererbung und Hybride 1683 beschrieb Leeuwenhoek als erster einen dominanten Erbgang, eine Fellfarbe bei Kaninchen. Da der Elternteil mit dem dominanten Erbteil das Männchen war, nahm er dies als Bestätigung für den Animalkulismus. Zwei Jahre später wurde ihm bewusst, dass seine bisherigen Überlegungen das Auftauchen von mütterlichen Merkmalen bei Hybriden wie Maultier und Maulesel nicht erklären können. Er versuchte dies von falscher Ernährung im Mutterleib abzuleiten. Parthenogenese bei Blattläusen 1695 suchte Leeuwenhoek die Eier in Blattläusen (vermutlich Myzus ribes), konnte jedoch keine finden. Stattdessen fand er bei der Dissektion der Tiere im Inneren zahlreiche kleine Blattläuse, die genauso aufgebaut waren wie die Erwachsenen. Bis zu 70 Embryonen unterschiedlicher Größe konnte er entdecken. Die Blattläuse mussten also lebendgebärend sein. Er konnte ein Muttertier beobachten, das innerhalb von 24 Stunden neun Kinder zur Welt brachte. Im Brief mit diesen Beobachtungen äußerte er sich sehr verwundert darüber, dass er nur weibliche Blattläuse entdeckte. In diesem Brief leitete er aber noch nicht ab, dass es sich um Parthenogenese handelte, denn womöglich waren die Männchen noch nicht gefunden. Zu diesem Schluss kam er erst fünf Jahre später. Hierdurch entstand jedoch ein schwerwiegendes logisches Problem: Als überzeugter Verfechter des Animalkulismus ging Leeuwenhoek davon aus, dass der Embryo vollständig im Spermatozoon enthalten ist. Wie konnte es dann zu Embryonen ohne Männchen und also ohne Spermatozoen kommen? Er löste diesen Widerspruch, indem er die parthenogenetischen Blattläuse mit Spermatozoen gleich setzte, Tiere also ohne weibliches Element. Er setzte die parthenogenetische Bildung der jungen Blattläuse analog der Bildung der Spermatozoen im Hoden. Lebenszyklen gegen Spontanzeugung mini|Die Entwicklung des Flohs vom Ei zum ausgewachsenen Tier, 1695 Leeuwenhoek war ein entschiedener Gegner der Spontanzeugung, mit der er sich von 1676 bis 1717 immer wieder auseinandersetzte. Um diese zu widerlegen, war es erforderlich, bei fraglichen Organismen den kompletten Lebenszyklus zu beschreiben. Dies gelang ihm bei 26 Tierarten, darunter Ameisen, Blattläuse und Muscheln, und 1687 auch beim Kornkäfer. Dieser schlüpft aus Weizenkörnern, die zuvor äußerlich völlig unversehrt aussehen, so dass Leeuwenhoeks Zeitgenossen dies als Beleg für eine Spontanzeugung ansahen. Leeuwenhoek untersuchte die Kornkäfer mehrere Monate lang, untersuchte die Rüssel und wie diese ein Loch in ein Korn bohren könnten. Er unterschied die Geschlechter, beobachtete die Paarung, fand die Spermatozoen sowie Ei, Larve und Puppe. Die Eiablage selbst konnte er nicht beobachten, konnte aber überzeugend argumentieren, dass das Ei durch ein Loch in der Kornhülle abgelegt werden musste, das der Rüssel bohren konnte, und folgerte daraus, dass es auch in diesem Fall keine Spontanzeugung gäbe und sich die Tiere mit den bekannten Sexualprozessen fortpflanzten. 1693 beschrieb er die Entwicklung des Flohs mit Abbildungen und argumentierte wiederum gegen Spontanzeugung. Weitere zoologische Beobachtungen In einem Übersichtsartikel von 1937 wurde gezählt, dass Leeuwenhoek in den zu seinen Lebzeiten veröffentlichten Briefen etwa 214 „Tierarten“ untersucht hatte, darunter 35 Protozoen (die heute nicht mehr zu den Tieren gezählt werden), 3 Hohltiere, 11 Weichtiere, 10 Krebstiere, 11 Spinnentiere, 67 Insekten, 22 Fische, 3 Amphibien, 11 Vögel und 21 Säugetiere. Neben den an anderer Stelle näher erläuterten Themen beschäftigte er sich mit der Bewegung von Cilien, der Histologie von Schwämmen, der Struktur des Säugetierhaars, Verdauungstrakt, Harnblase, Knochen, Gehirn und Rückenmark, Zwerchfell, Fettgewebe, Milz, Sehnen, Zunge und Gaumen mit Drüsen. Augen und Sehnerv mini|Facettenauge eines Käfers (figs 1-4). 1: Cornea. 2-4:Ommatiden. In Fig. 5 außerdem die Tracheen im Gehirn einer Mücke. Zeichnung von 1698. 1674 beschrieb Leeuwenhoek seine Untersuchungen am Auge und Sehnerv von Kühen. Sein Nachbar, der Arzt 's Gravesande, hatte ihn über eine alte Streitfrage informiert, wonach der Sehnerv angeblich hohl sein sollte, damit die Lebensgeister hindurchfließen könnten. Schon Galenus beschrieb eine tubuläre Struktur des Sehnervs. Tatsächlich verläuft in der Mitte die Arteria centralis retinae, die Leeuwenhoek jedoch nicht finden konnte. Er beschrieb einen Aufbau aus filamentösen Teilen aus einer sehr weichen Substanz. Leeuwenhoek versuchte das Sehen mit einer Weiterleitung von Schwingungen von Auge zu Hirn zu erklären. Einem Brief an die Royal Society legte er Schnittpräparate von 200 Mikrometern Dicke bei, die er aus getrocknetem Gewebe mit einem Rasiermesser angefertigt hatte. Diese werden noch immer von der Royal Society aufbewahrt.Snyder, Eye of the Beholder (2015), S. 250–251. In 10 Briefen allein bis 1700 an die Royal Society behandelt er (unter anderem) den Sehnerv. Er untersuchte ihn bei Pferden, Kabeljau, Fliegen, Krabben, Schafen, Schweinen, Hunden, Katzen, Hasen, Kaninchen und Vögeln.Snyder, Eye of the Beholder (2015), S. 309. Noch 1713, im Alter von 81 Jahren, überredete Leeuwenhoek den Kapitän eines Walfängerschiffes, ihm ein Walauge mitzubringen. Den Penis eines Wales erhielt er ebenfalls. Er fertigte Schnitte der Hornhaut des Auges an, um die Anzahl der Schichten zu bestimmen, und entdeckte dabei die Sklera, die Lederhaut. 1715 beschrieb er die auf seinen Zeitgenossen Descartes zurückgehende Lehrmeinung, dass Nervenfasern hohl seien und eine Flüssigkeit oder Dampf weiterleiten würden, eine Ansicht, die sich bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts hielt. Leeuwenhoek konnte mikroskopisch keine Hohlräume finden, glaubte jedoch auch, dass die Fäden des Nervengewebes hohl sein müssten. Auch mit dem Facettenauge von Insekten und Krebstieren beschäftigte er sich intensiv. Unter anderem stellte er fest, dass jedes sechseckige Segment der Cornea einer Libelle ein eigenes Bild einer Kerzenflamme erstellen kann. Histologie der quergestreiften Muskulatur Vermutlich entdeckte er die Querstreifung der Muskelfasern bereits 1674, sicher aber ist dies für 1682. Zum Präparieren setzte er scharfe Nadeln ein, um vereinzelte Fasern zu erhalten. Er war überzeugt, dass die Streifung nur im kontrahierten, nicht aber im entspannten Zustand zu sehen ist, womöglich eine Übertragung aus seinen Beobachtungen am Stängel des Glockentierchens (Vorticella). Zunächst nahm er an, dass die Streifung ringförmig wäre, um später zu der Ansicht zu kommen, dass sie spiralförmig sei. Er kam zu der Überzeugung, dass die Zahl der Fasern beim Wachstum eines Tieres gleich bleibt, dass diese aber größer werden. Nachdem er Muskeln in sehr verschiedenen Tierarten untersucht hatte, schrieb er 1712, dass die Muskelfasern eines Wales nicht größer seien als die einer Mücke, dass die Größe der Faser zwischen Tierarten sich wenig unterscheidet, die Anzahl aber unterschiedlich sein müsse. Später revidierte er diese Aussage und gab an, dass ein Wal sechsmal dickere Muskelfasern habe als ein Ochse oder eine Maus. Er sah auch, dass eine Faser aus mehreren Muskelfibrillen aufgebaut und vom Sarkolemm umgeben ist. Zur besseren Darstellung der gestreiften Muskulatur bei Kühen setzte er 1714 eine Farblösung von kräftig gelbem Safran in Branntwein ein und führte damit die erste bekannte histologische Färbung durch. Diese Methode fand jedoch keine Nachahmer.Snyder, Eye of the Beholder (2015), S. 299. Bei Untersuchungen 1694 an Herzmuskeln von Schaf, Ochse, Ente, Huhn und Kabeljau merkte er, dass die Herzmuskeln der Vertebraten keine so parallelen Fasern haben, wie die Skelettmuskulatur, sondern verzweigter sind. Hier bemerkte er die Streifung nicht. Haut Bei Untersuchungen der Haut stellte Leeuwenhoek 1678 fest, dass die Epidermis aus der basalen Schicht heraus wächst. 1683 beschrieb er menschliche Haut genauer, und wie sich die obersten Schichten abnutzen und von unten ersetzt werden. Die Hautschuppen betrachtete er als sehr kleine Entsprechung der Schuppen bei Fischen. Ebenfalls 1683 untersuchte er das Plattenepithel der Lippen und in der Mundhöhle. 1685 erwähnt er die Oberflächenmuster der Epidermis wie Fingerabdrücke. Zunächst glaubte er nicht an die Existenz von Schweißporen, änderte seine Meinung aber 1717, als er sich intensiv mit Schnitten der Haut befasste. Die Entdeckung des Zellkerns 1686 entdeckte er den Zellkern als einen „hellen Punkt“ in den Plattenepithelzellen in der Mundhöhle und in Hautschuppen, ohne jedoch dessen Bedeutung zu erkennen. Weitere Beschreibungen folgten 1688 in den kernhaltigen Dotterzellen des sich entwickelnden Froscheis, 1695 im Ei von Süßwasser-Muscheln der Gattung Sphaerium und beim Makronukleus der Wimperntierchen. 1700 fand er in Eiern von Garnelen einen „kleinen runden hellen Punkt“; im gleichen Jahr beschreibt er die kernhaltigen roten Blutkörperchen von Flunder und Lachs. Mikrodissektion von Insekten und anderen Kleintieren Leeuwenhoek wurde als Pionier der Mikrodissektion bezeichnet. In den 1680er und 1690er Jahren führte er zahlreiche Mikrodissektionen von Insekten durch und studierte Mund und Stachel der Bienen. Zu seinen ersten Versuchstieren gehörten 1680 Flöhe und die Mehlmilbe Acarus (auch: Aleurobius). 1683 und 1693 gelang es ihm unter anderem, die Tracheen des Flohs zu präparieren. 1687 präparierte er Magen und Gedärme von Larven der Waldameisen. Außerdem hat er Seidenspinner, Kornkäfer, den Stechapparat von Mücken (Culex), Kornmotten (Tinea granella), Läuse (Pediculus), Käsemilben, Blattläuse und verschiedene Krebstiere untersucht.Snyder, Eye of the Beholder (2015), S. 313. In Bienen untersuchte er die Anatomie des Stachels und stellte fest, dass normale Bienen keine Eier tragen. Er schloss daraus, dass es im Bienenstock nur ein Weibchen gäbe. Tatsächlich fand er in der Königin eine große Anzahl von Eiern. 1701 beschrieb er in der Gartenkreuzspinne 400 Spinndrüsen und die Eier. Einer der wenigen ernsthaften Fehler, die Leeuwenhoek unterliefen, war die Verwechslung von Moostierchen (Membranipora), die auf Miesmuscheln (Mytilus) wachsen, mit dem Laich der Muscheln und der anschließende Versuch, die Organe der Membranipora als Teile der jungen Muschel zu verstehen. Parasitische Insekten Ab 1686 untersuchte er Pflanzengallen an Eichen, Disteln und Weiden und die parasitären Insekten, die sie verursachen. Er schlussfolgerte, dass die Insektenlarven die Pflanze verletzen und den Gallwuchs auslösen. Er verfolgte die Entwicklung von Larve und Puppe (aber nicht den ganzen Lebenszyklus) und nahm an, dass die fertigen „Fliegen“ sich nach draußen bohren und ihre Eier auf die Pflanze legen. Dies stand im Gegensatz zur damaligen allgemeinen Meinung, dass innere Parasiten wie Gallwespen durch Spontanzeugung entstehen. In den Folgejahren untersuchte er Parasiten der Blattläuse (Aphis). In aufgeschwollenen Blattläusen fand er eine „Made“ und sonst nichts. Er nahm zunächst an, dass eine Ameise ihr Ei in den Körper der Blattlaus gelegt habe, konnte später aber beobachten, dass aus den parasitierten Blattläusen kleine schwarze „Fliegen“ schlüpften. An diesen konnte er einen Legestachel sehen. Zwar konnte er es nicht beobachten, er war nun aber überzeugt, dass dieser Parasit seine Eier zum Überleben in einem geeigneten Wirt ablegen muss. Auf Grund früherer Beobachtungen schloss er, dass in Raupen mehrere Eier von Parasiten abgelegt werden können. 1696 bestätigte er seine Beobachtungen an Linden-Blattläusen (Therioaphis). 1700 schließlich konnte er an Blattläusen von Johannisbeerbüschen beobachten, dass aus den Läusen geschlüpfte Parasiten (Aphidius auf der dem Brief beigelegten Zeichnung erkennbar) ihre Eier mit Hilfe des Legestachels wieder in Blattläusen ablegen, und zwar ohne dass sie sich zuvor gepaart hätten. Im folgenden Jahr beobachtete er Hyperparasitismus, nämlich Parasiten an den Gallwespenlarven Nematus gallicola in Weidengallen. Botanik mini|Schnitt durch einjähriges Eschenholz. Leeuwenhoek betrieb vielfältige botanische Forschung, von der bisher nur ein kleiner Teil in zusammenfassenden Veröffentlichungen besprochen wurde. Beispielsweise untersuchte er Hölzer, Fruchtsamen und Kokosnüsse. Bereits 1676 hatte er eine Sammlung mit 50 Holzarten. Er lieferte genaue Beobachtungen des Aufbaus verschiedener Weichhölzer und Tropenhölzer wie dem Muskatnussbaum. Dabei bemerkte er unter anderem, dass die Wurzel die gleiche Struktur hat wie der Stamm. Die Borke von Birke, Kirschbaum, Limette und Zimt beschrieb er 1705. Bei der Streitfrage, ob das Holz von der Borke oder die Borke vom Holz gebildet würde, vertrat er die zweite Möglichkeit. Entschieden wurde diese Frage erst im 19. Jahrhundert durch die Entdeckung des Kambiums. Leeuwenhoeks Beobachtungen der Mikrostruktur der Borke waren vorzüglich, seine funktionellen Interpretationen jedoch häufig falsch. Leeuwenhoek gilt neben Hooke, Malpighi und Grew als Mitbegründer der Pflanzenanatomie. Die Qualität der Zeichnungen zu seinen Arbeiten wurde jedoch als höher eingeschätzt als die der anderen. Pestizide Bei der Muskatnuss beobachtete er pestizide Eigenschaften. Zunächst war er überrascht, zwischen Muskatnüssen keine Milben zu finden. In Experimenten stellte er fest, dass diese von Muskatnuss-Stücken davonlaufen. Gab er Milben mit Muskat in ein Glasröhrchen starben sie nach kurzer Zeit, in einem größeren Glasrohr vermieden sie den Kontakt, so dass er schloss, dass die Milben wohl vor freigesetzten Dämpfen flüchteten – oder an ihnen zu Grunde gingen. Er stellte ferner fest, dass Kornmotten in einem Glasgefäß mit etwas Schwefeldioxid abgetötet werden. Als er das Experiment wiederholen wollte, und frischen Schwefel verbrennen wollte, bemerkte er, dass auch Schwefel selbst durch seine Dämpfe abtötende Wirkung hat. Er berechnete, dass ein halbes Pfund Schwefel ausreichen würde um einen Getreidespeicher der Größe 24 × 16 × 8 Fuß (ca. 7,5 × 5 × 2,5 Meter) auszuschwefeln. Zwei Tage nach einem Experiment bemerkte er im Kornspeicher noch einige fliegende Motten und schloss, dass die Puppen der Motte wohl unempfindlich gegen das Gift waren, und daher eine zweite Behandlung nötig sei, wenn die Puppen geschlüpft waren. Er konnte hinreichend zeigen, dass der Mottenbefall durch erwachsene Motten verursacht wurde, und nicht etwa durch Spontanzeugung. Beobachtungen zu weiteren Themenbereichen Auch für verschiedene Kristalle wie Salz interessierte er sich. Zu seinen materialwissenschaftlichen Forschungen existieren jedoch keine Übersichtsarbeiten. 1684 entdeckte er die nadelförmigen Harnstoff-Kristalle, die sich im Gewebe von Gicht-Patienten bilden, und nahm richtig an, dass es diese Nadelform sei, die den Patienten die Schmerzen verursachen. Rezeption Zu Lebzeiten Leeuwenhoek stellte in seinen Schriften nirgendwo eine Verbindung von Mikroorganismen und Krankheit her. Diese zogen aber sehr bald andere. Schon 1683 schrieb Frederick Slare (1648?–1727), Arzt und Mitglied der Royal Society, über den Ausbruch einer tödlichen Rinderkrankheit in der Schweiz: „Ich wünschte Herr Leeuwenhoek wäre bei der Obduktion dieser infizierten Tiere dabei gewesen. Ich bin überzeugt, er hätte das ein oder andere merkwürdige Insekt gefunden.“ Als Insekten wurden im damaligen Englisch alle kleinen Tiere bezeichnet.Dobell, Antony van Leeuwenhoek and his „little animals“, Nachdruck von 1960, S. 230. Die Vorstellung von Mikroorganismen als Krankheitserreger konnte sich in der Medizin jedoch lange nicht durchsetzen, diese ging weiter von Miasmen als Krankheitsursachen aus. Schon zu Lebzeiten wurde Leeuwenhoek als wichtigster Mikroskopiker seiner Zeit angesehen. Robert Hooke schrieb, dass das Mikroskop fast außer Anwendung gekommen sei und dass Leeuwenhoek die wesentliche Person sei, die es noch nutze. Das läge nicht am Mangel an Dingen, die zu entdecken seien, sondern am Mangel an wissbegierigem Geist. Andere wichtige zeitgenössische Mikroskopiker waren lediglich Leeuwenhoeks Landsleute Jan Swammerdam und Nicolas Hartsoeker, der Italiener Marcello Malpighi sowie die Engländer Nehemiah Grew und Robert Hooke selbst. 19. Jahrhundert Brian J. Ford hat sich Ende des 20. Jahrhunderts intensiv mit Leeuwenhoeks Werk auseinandergesetzt. Unter anderem hat er im Archiv der Royal Society gut erhaltene Originalpräparate von Leeuwenhoek gefunden. Er schrieb, dass Leeuwenhoek bis zum Ende des 19. Jahrhunderts weitgehend vergessen war. Diese Bemerkung machte er in Zusammenhang mit einem ersten internationalen Treffen zu Leeuwenhoeks Gedenken, welches von Christian Gottfried Ehrenberg 1875 anlässlich des 200. Jahrestags der „Entdeckung der mikroskopischen Thiere“ in Delft organisiert wurde.Deutscher Reichsanzeiger Nr. 84 vom 10. April 1875 Ehrenberg hatte Leeuwenhoek bereits früher immer wieder in Vorträgen vor der Königlichen Akademie der Wissenschaften in Berlin gewürdigt.Allgemeine Preußische Zeitung Nr. 31 vom 31. Januar 1844, Nr. 187 vom 8. Juli 1845 und Nr. 23 vom 1. Februar 1848 In Delft war zu diesem Zeitpunkt das Wohnhaus von Leeuwenhoek nicht mehr bekannt. Wie sich später herausstellte, wurde damals ein falsches Haus angenommen und mit einer Gedenktafel versehen. Die Royal Society, die zu dem Treffen eingeladen wurde, bestätigte nicht einmal den Eingang der Einladung. Der Annahme, dass Leeuwenhoek in dieser Zeit weitgehend vergessen war, steht jedoch nicht nur das internationale Treffen selbst entgegen, sondern auch einige Erwähnungen in der zeitgenössischen Literatur. In Artikeln der kurz zuvor gegründeten wissenschaftlichen Zeitschrift Nature heißt es 1870: Und 1873: Auch in den Folgejahren finden sich in dieser Zeitschrift etliche Erwähnungen von Leeuwenhoek. In der „Geschichte der Zoologie bis auf Johannes Müller und Charles Darwin“ von 1872 von Julius Victor Carus wurde Leeuwenhoek ausführlich erwähnt. Carus schrieb „Von einer Bedeutung, welche die aller Vorgänger weit hinter sich ließ, sind vorzüglich zwei Männer, von denen man allerdings sagen kann, daß sie das Mikroskop erst den Naturwissenschaften gegeben haben, Malpighi und Leeuwenhoek“ und beschrieb ihn und seine Entdeckungen anschließend auf zwei Buchseiten. Ebenfalls 1875 erschien die erste Leeuwenhoek-Biografie von P. J. Haaxmann: „Antony van Leeuwenhoek, de Ontdekker der Infusorien“. 20. und 21. Jahrhundert mini|Leeuwenhoek in der Vorstellung des Malers Ernest Board um 1912. Das Interesse an Leeuwenhoek wurde durch ein 1927 erschienenes populärwissenschaftliches Buch von Paul de Kruif zusätzlich geweckt. Das erste Kapitel von „Microbe Hunters“, das als „Mikrobenjäger“ auch auf Deutsch erschien, war Leeuwenhoek gewidmet. Eine maßgebliche Biografie erschien fünf Jahre später: Clifford Dobell veröffentlichte Antony van Leeuwenhoek and his „little animals“ (Antony van Leeuwenhoek und seine Tierchen), das sich eingehend mit Leeuwenhoeks Leben, seinen Mikroskopen und vielen anderen Aspekten beschäftigt. Bezüglich Leeuwenhoeks wissenschaftlichen Beobachtungen beschränkt es sich jedoch ausschließlich auf die Mikroorganismen. Eine solch umfassende Übersicht, die auch bisher unveröffentlichte Briefe einschließt, liegt über Leeuwenhoeks andere Arbeitsgebieten nicht vor. Lediglich für die zoologischen Arbeiten wurde 1937 zumindest über die zu Leeuwenhoeks Zeiten veröffentlichten Briefe ein Übersichtsartikel veröffentlicht. 1950 und 1951 erschien ein zweibändiges biografisches Werk von A. Schierbeck auf Niederländisch, das 1959 in ein englischsprachiges Buch vom gleichen Autor mündete. Eine weitere populärwissenschaftliche Biografie erschien 1966 in den USA und 1970 in Großbritannien unter dem Titel „Discoverer of the unseen world“ beziehungsweise „The cleere observer“. Drei später erschienene Bücher widmen sich neben anderen Themen etwa zur Hälfte Leeuwenhoek.Snyder, Eye of the Beholder (2015). In Büchern über die Geschichte der Mikroskopie wird Leeuwenhoek ausführlich erwähnt, auch allgemeine Lehrbücher über Lichtmikroskopie, die ein Kapitel über die Geschichte enthalten, erwähnen Leeuwenhoek und seine einlinsigen Mikroskope. In modernen Zeiten wurde er als berühmtester Anwender des einfachen Mikroskops bezeichnet, ferner als Vater oder Gründer der Protozoologie und Bakteriologie.Dobell, Antony van Leeuwenhoek and his „little animals“, Nachdruck von 1960, S. 362. Bei einer Abstimmung 2004 des niederländischen Fernsehens „De Grootste Nederlander“ (der größte Niederländer) kam Leeuwenhoek auf Platz 4. Ehrungen 1680 wurde Leeuwenhoek in die Royal Society aufgenommen. 1716 wurde ihm im Alter von 84 Jahren von der Universität Löwen in den Österreichischen Niederlanden in Anerkennung seiner Arbeiten eine Silbermedaille verliehen. Dies kann in etwa mit der Verleihung eines akademischen Grades in neueren Zeiten verglichen werden.Dobell, Antony van Leeuwenhoek and his „little animals“, Nachdruck von 1960, S. 79–80. Die Leeuwenhoek-Medaille wurde 1877 durch die Königlich Niederländische Akademie der Wissenschaften gestiftet. Seit 1934 existiert eine mikrobiologische Fachzeitschrift mit dem Titel „Antonie van Leeuwenhoek“. 1950 schaffte die Royal Society einen wiederkehrenden Preis mit dem Titel „The Leeuwenhoek Medal and Lecture“ (Die Leeuwenhoek-Medaille und Vorlesung). Der Preis wird vergeben zur Anerkennung von Exzellenz in Mikrobiologie, Bakteriologie, Virologie, Mykologie, Parasitologie und Mikroskopie. Der 1982 entdeckte Asteroid (2766) Leeuwenhoek trägt seinen Namen, ebenso ein Mondkrater. Die Pflanzengattung Levenhookia aus der Familie der Stylidiaceae wurde nach ihm benannt,Lotte Burkhardt: Verzeichnis eponymischer Pflanzennamen. Erweiterte Edition. Botanic Garden and Botanical Museum Berlin, Freie Universität Berlin, Berlin 2018 (bgbm.org). ebenso wie die Milbengattung Leeuwenhoekia . „Antoni van Leeuwenhoek“ heißt ein Krankenhaus in Amsterdam, das auf Krebspatienten spezialisiert ist. Zahlreiche Straßen in den Niederlanden sind nach Leeuwenhoek benannt. Leeuwenhoek bzw. eine an ihn angelehnte Figur tritt in E. T. A. Hoffmanns Erzählung Meister Floh auf. Werke Bücher Alle Bücher sind Sammlungen von Briefen. Von den über 300 Briefen, die Leeuwenhoek an die Royal Society und andere Gelehrte schrieb, wählte er 38 aus, um sie in Buchform zu veröffentlichen. Die Arcana naturae detecta (enthüllte Geheimnisse der Natur) erschien 1695, als Leeuwenhoek 63 Jahre alt war. (online verfügbar) Eine Fortsetzung erschien 1722 als Continuatio Arcanorum Naturae Detectorum. Schon vorher, 1718, erschien Send-Brieven zoo aan de hoog edele Heeren van de Koninkylyke Societeit te London, als aan andere aansienelyke en geleerde Lieden, over verscheyde Verborgentheden der Natuure…. Zwischen 1719 und 1730 erschienen Leeuwenhoeks gesammelte Werke in Leyden unter dem Titel „Antoni van Leeuwenhoek Opera Omni seu Arcana Naturae ope exactissimorum Microscopiorum detecta, experimentis variis comprobata, Epistolis as varios ilustres viros ut et Ad integram, quae Londini floret, sapientem Societatem, cujus Membrum est, datis. Comprehensa, & Quatuor Tomis distincta“ (Gesammelte Werke oder Geheimnisse der Natur, entdeckt mit den genauesten Mikroskopen, durch verschiedene Experimente bewiesen, mit den Briefen an verschiedene hervorragende Männer, sowie an die unbescholtene, weise Gesellschaft, die in London blüht, deren Mitglied er ist, zusammengefasst und auf vier Bände verteilt.)(online verfügbar) 1931 ernannte die Königlich Niederländische Akademie der Wissenschaften eine Kommission, die alle auffindbaren Briefe Leeuwenhoeks veröffentlichen sollte, auch jene ohne wissenschaftlichen Inhalt. Der Band mit den ersten 21 Briefen erschien 1939. Der neueste Band 17 (Stand 2020) erschien 2018 mit 33 Briefen, vier an, der Rest von Leeuwenhoek, darunter drei bis dahin unveröffentlichte, aus dem Zeitraum November 1712 bis Mai 1716, also etwa sieben Jahre vor seinem Tod. Die Bände dieser Serie „Alle de Brieven van Antoni Van Leeuwenhoek – The Collected Letters of Antoni Van Leeuwenhoek“ enthalten jeweils die niederländische Originalversion, eine moderne englische Übersetzung, Wiedergaben der zugehörigen Abbildungen sowie zahlreiche Anmerkungen der Herausgeber zu den Texten. (Bände 1–15 (Briefe bis 1707) online verfügbar) Auswahl einiger Briefe M. Leewenhoeck, Regnerus de Graaf: A Specimen of Some Observations Made by a Microscope, Contrived by M. Leewenhoeck in Holland, Lately Communicated by Dr. Regnerus de Graaf. In: Phil. Trans. Band 8, 1673, S. 6037–6038; doi:10.1098/rstl.1673.0017 (Volltext) Antony van Leewenhoeck: Observations, Communicated to the Publisher by Mr. Antony van Leewenhoeck, in a Dutch Letter of the 9th of Octob. 1676. Here English’d: concerning Little Animals by Him Observed in Rain-Well-Sea. and Snow Water; as Also in Water Wherein Pepper Had Lain Infused. In: Phil. Trans. Band 12, 1677, S. 821–831; doi:10.1098/rstl.1677.0003 (Volltext) Mr. Leewenhoeck: Mr. Leewenhoecks Letter Written to the Publisher from Delff the 14th of May 1677, Concerning the Observations by him Made of the Carneous Fibres of a Muscle, and the Cortical and Medullar Part of the Brain; as Also of Moxa and Cotton. In: Phil. Trans. Band 12, 1677, S. 899–895; doi:10.1098/rstl.1677.0027 (Volltext) Doctor Anthonius Lewenhoeck: Observationes D. Anthonii Lewenhoeck, De Natis E Semine Genitali Animalculis. In: Phil. Trans. Band 12, 1677, S. 1040–1046; doi:10.1098/rstl.1677.0068 (Volltext) Literatur Robert D. Huerta: Giants of Delft: Johannes Vermeer and the natural philosophers; the parallel search for knowledge during the age of discovery. Bucknell University Press, Lewisburg, Pa., U.S.A. 2003, ISBN 0-8387-5538-0. Klaus Meyer: Geheimnisse des Antoni van Leeuwenhoek. Pabst Science Publishers, Lengerich 1998, ISBN 3-931660-89-3. Weblinks Lens on Leeuwenhoek (englisch) Antony van Leeuwenhoek, Film von J.C. Mol von 1924 auf Youtube. Einzelnachweise Snyder, Eye of the Beholder (2015), S. 293. Kategorie:Optiker Kategorie:Physiker (17. Jahrhundert) Kategorie:Physiker (18. Jahrhundert) Kategorie:Biophysiker Kategorie:Person als Namensgeber für einen Mondkrater Kategorie:Persönlichkeit der Lichtmikroskopie Kategorie:Mitglied der Royal Society Kategorie:Korrespondierendes Mitglied der Académie des sciences Kategorie:Person als Namensgeber für einen Asteroiden Kategorie:Schöffe (historisch) Kategorie:Niederländer Kategorie:Geboren 1632 Kategorie:Gestorben 1723 Kategorie:Mann
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wikipedia
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Binär
binär (von lateinisch bina „doppelt, paarweise“) steht für: Mathematik: Codierungseigenschaft, siehe Binärcode Zahlensystemeigenschaft, siehe Dualsystem Eigenschaft von Beziehungen, siehe Relation (Mathematik) Eigenschaft von Verknüpfungen, siehe Zweistellige Verknüpfung Naturwissenschaft: Mischungseigenschaft, siehe Phasendiagramm#Binäre Gemische Verbindungseigenschaft, siehe Chemische Verbindung#Binäre, ternäre und quaternäre Verbindungen Kampfstoffeigenschaft, siehe binärer Kampfstoff Sprengstoffeigenschaft, siehe binäre Sprengstoffe Weiteres: Eigenschaft von Namen, siehe Binomen Binäre Geschlechterordnung Eigenschaft von Geschlechtsidentitäten, siehe Geschlechtsidentität #Binäre Geschlechtsidentität Siehe auch: Binar (Begriffsklärung)
de
wikipedia
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Bootloader
Ein Bootloader (englische Aussprache [], von der verkürzten Form des ursprünglichen Wortes bootstrap loader), auch StartprogrammDebian Gnu/Linux: Grundlagen, Seite 466 – Suchergebnisseite bei Google-Bücher; Stand: 25. April 2011. genannt, ist eine spezielle Software, die gewöhnlich durch die System-Firmware (z. B. das BIOS, Open Firmware oder UEFI) eines Rechners von einem startfähigen Medium geladen und anschließend ausgeführt wird. Der Bootloader lädt dann weitere Teile des Betriebssystems, gewöhnlich einen Kernel. Daher ist auch oft vom Bootcode die Rede, dem ersten Programm (Maschinencode), das nach der unveränderlichen Firmware von einem wechselbaren veränderlichen Datenspeicher geladen wird. Der Vorgang selbst heißt Booten (auf Deutsch auch Starten) eines Rechners. Grundlagen Der englische Begriff „“ bezieht sich ursprünglich auf die Schlaufe, die sich an der Hinterseite eines Stiefels befindet, um das Anziehen des Stiefels zu erleichtern. Der Prozess des Bootens (ein Programm auf einem Rechner laufen zu lassen, auf dem noch kein Betriebssystem läuft) erinnert teilweise an das Bemühen, sich an der eigenen Stiefelschlaufe aus dem Morast zu ziehen. Ein erster „“ befindet sich in der Hardware selbst. Meist handelt es sich um einen Boot-ROM, der die für das Starten grundlegende Hardwarekomponenten initialisiert, ein Startprogramm sucht und, wenn eines gefunden wird, ausführt. Wo sich der Bootloader auf dem veränderlichen Datenspeicher zu befinden hat und wie er geladen wird, ist je nach Rechnerarchitektur und Plattform unterschiedlich. Auf moderneren Architekturen liegt er meist als Datei auf einem von der Firmware unterstützten Dateisystem auf einem unterstützten bootfähigen Medium, etwa einer bestimmten Partition auf der Festplatte, und wird davon direkt geladen und ausgeführt. Das ist beispielsweise bei Open Firmware und bei UEFI der Fall, wobei die verwendeten Partitionstabellen und Dateisysteme unterschiedlich sein können. Auch der Bootloader selbst muss in einem bestimmten ausführbaren Dateiformat vorliegen. Das kann einerseits der Prozessorarchitektur und im Besonderen deren Befehlssatz geschuldet sein, wie z. B. PE/COFF bei UEFI, oder die Firmware implementiert ein architekturübergreifendes Zwischencode-Format wie z. B. Open Firmware mit Forth FCODE. Einige ältere Architekturen laden den Bootloader aus einem vordefinierten Block des startfähigen Mediums, der daher auch als Bootblock oder, gängiger, Bootsektor bezeichnet wird. Bei IBM-PC-kompatiblen Computern mit BIOS befindet sich dieser immer im ersten Block, Block 0, der auf partitionierten Datenträgern wie Festplatten gängigerweise einen Master Boot Record (MBR) sowohl als Startprogramm als auch als Partitionstabelle enthält. Auf Disketten wird in gleicher Weise Block 0 geladen und ausgeführt, allerdings findet sich dort im Normalfall keine Partitionstabelle, sondern ein Volume Boot Record (VBR). Auch im Bereich der eingebetteten Systeme spricht man von Bootloadern. Dort kann der Bootloader oft nicht nachgeladen werden, sondern befindet sich im nichtflüchtigen Speicher des Steuergeräts. Er beinhaltet Grundroutinen der Initialisierung und oft Kommunikationsprotokolle, um den Austausch der Anwendungsprogramme zu ermöglichen. Beim Raspberry Pi ist aus Kostengründen nur ein minimales Boot-ROM direkt im SoC untergebracht. Diese erste Firmware-Stufe kann nichts anderes als auf die SD-Karte zuzugreifen und dort von einer FAT-Partition die Datei bootcode.bin zu laden und auszuführen. Im Fall eines Linux-Systems initialisiert diese zweite Firmware-Stufe die restliche Hardware und führt im Anschluss eine dritte Stufe aus der Datei loader.bin aus. Dieser wiederum lädt nun die Firmware für CPU und GPU in den RAM. Erst danach ist der Einplatinencomputer bereit, den Linux-Kernel zu laden, wobei die Firmware-Konfiguration aus Datei config.txt und die Kernel-Parameter aus Datei cmdline.txt angewendet werden. Als Bootmanager wird ein auf einem Betriebssystem installierbares Dienstprogramm bezeichnet, das einen eigenen Bootloader enthält und erweiterte Konfigurationsmöglichkeiten bietet. Mehrstufige Bootloader Ist ein Bootloader in mehrere auf einander aufbauende Stufen unterteilt, so wird er als mehrstufiger Bootloader () bezeichnet. Diese Unterteilung in Stufen wird z. B. dann gemacht, wenn der Programmcode des Bootloaders nicht im Bootsektor Platz findet; an dieser Stelle wird daher nur die erste Stufe geladen und ausgeführt, die dann die zweite Stufe, von der die erste Stufe nur die Länge, die Block-Nummer und die Nummer des Mediums kennt, geladen und ausgeführt wird. Die zweite Stufe kann nun mit dem konkreten Dateisystem des Mediums umgehen und lädt anhand eines Dateinamens die dritte Stufe. Die dritte Stufe ist nun der eigentliche Bootloader und lädt eine Konfigurationsdatei, die z. B. ein Auswahlmenü enthält. Ein Menüpunkt könnte die Anweisung beinhalten, einen Bootloader einer anderen Partition zu laden. Dieser mehrstufige Aufbau hat mehrere Vorteile: So kann im oben beschriebenen Fall die Datei des eigentlichen Bootloaders (Stufe 3) beliebig verändert oder auch physisch verschoben werden, da die zweite Stufe mit dem Dateisystem umgehen kann und die dritte Stufe anhand des Dateinamens finden kann. Außerdem unterliegt ein solcher Bootloader nicht den Beschränkungen der Länge eines Bootblocks. Chain-Loader Es ist auch möglich, dass mehrere Bootloader sich – wie in einer [Befehls-]Kette (englisch ) – nacheinander aufrufen. Solche Aufrufe – meist über mehrere Partitionen hinweg – wird auch Chain-Loading oder Chainloading (englisch ) genannt. Hierbei kann zuerst ein Bootloader geladen werden, der z. B. ein Bootmenü zur Betriebssystem-Auswahl darstellt, und anschließend je nach Auswahl in diesem Menü der entsprechende (betriebssystemspezifische) Bootloader. So lassen sich auch mehrere, unterschiedliche Betriebssysteme in einem sogenannten Multi-Boot-System auf einem Rechner nebeneinander betreiben. Bootloader mit Zusatzfunktion Manche Bootloader sind gar keine Bootloader mit dem alleinigen Zweck, ein Betriebssystem zu starten. Beispiele: Bootloader, die lediglich anzeigen sollen, dass ein eingelegtes Medium nicht startfähig ist, z. B. bei Disketten die Textausgabe „“ (MS-DOS 5.0, FAT12/16) Bootloader, die auf erkannten Datenspeichern weitere Bootloader erkennen und diese starten. Zu Zeiten von MS-DOS waren einige Formatierungsprogramme für Disketten verbreitet, die eine Auswahl eines zu startenden anderen per BIOS ansprechbaren Geräts erlauben. So kann man z. B. mit FDFORMAT oder VGA-COPY/386 einen Bootsektor auf Disketten schreiben, der wahlweise oder automatisch von der Festplatte starten konnte. Auch ist dies z. B. bei Windows-Installations-CDs der Fall: Wenn auf einer erkannten Festplatte (oder SSD) ein bereits installiertes Betriebssystem erkannt wird, booten diese nur dann von CD, wenn eine beliebige Taste gedrückt wird, ansonsten wird von der lokalen Festplatte gebootet. So kann das Installationsprogramm nach erfolgreicher Installation den Rechner sofort neustarten. Das Booten erfolgt zwar wieder von CD, aber nachdem nun keine Taste gedrückt wird, ruft sich das Installationsprogramm nicht erneut selbst auf, sondern übergibt die Kontrolle an die neue Installation. Bootloader, die gleich ein Anwendungsprogramm starten. Einige Programme, beispielsweise Memtest86, können direkt und ohne Dateisystem von einer Diskette gestartet werden. In den 1980er Jahren gab es bei IBM-kompatiblen PCs sogenannte , meist Computerspiele, die direkt und ohne Betriebssystem von der Diskette starteten. Bootloader, die fehlende oder falsche Funktionen des BIOS bei PC-kompatiblen Rechnern in Software (statt in Firmware) abändern. Das wurde beispielsweise genutzt, um BIOS-Funktionen zu erweitern, damit der Speicher von Festplatten mit mehr als 512 MiB, 8 GiB, 32 GiB oder 128 GiB vollständig erreichbar ist, wie z. B. EZ-Drive oder der OnTrack Disk Manager. Auch Bootviren sind Bootloader, und in dieser speziellen Form Computerviren, die schon beim Rechner-Start aktiviert werden. Bootmanager sind Bootloader, die z. B. auf einem bestimmten Betriebssystem als Dienstprogramm installiert werden können. Sie bieten meist gegenüber dem vom Betriebssystem bereitgestellten Bootloader erweiterte Konfigurationsmöglichkeiten, etwa ein Bootmenü für Multi-Boot-Konfigurationen. Beispiele: GRUB auf IBM-kompatiblen PCs mit BIOS oder UEFI (GRUB2 auch auf weiteren Architekturen und Plattformen, etwa Open Firmware auf PowerPC), rEFIt und rEFInd auf x86-UEFI-PCs. Bootloader, die eine andere Firmware laden. So kann beispielsweise Tianocore EDK2 (UEFI) von einem, auch wechselbaren, Datenspeicher auf einem PC mit BIOS gestartet werden, welches anschließend ein modernes Betriebssystem, das UEFI voraussetzt, starten kann. Ebenso kann z. B. Open Firmware oder Coreboot per Bootloader gestartet werden. Liste von Bootloadern Bootloader Beschreibung ADAM2 Bootloader von Texas Instruments AR7 AiRBoot benötigt keine primäre Partition, kann von verschiedenen Betriebssystemen aus installiert werdenAiRBoot (englisch) – offizielle Entwickler-Webseite.AiRBoot (englisch) – Download bei Sourceforge. Arcboot Advanced Risc Console (Bootloader früherer DEC-Alpha-Systeme) Akernelloader x86 bootloader Amiboot Von AmigaOS aus ausführbarer Linux-Loader auf Amiga-Computern; wird von AmigaOS aus konfiguriert bareboxWebsite des Barebox-Projekts. Modularer, universeller Bootloader für Eingebettete Systeme (ehemals u-boot-v2) BootEasy FreeBSD-Bootmanager bootman Bootloader, verwendet unter BeOS, ZETA und Haiku Bootmgr Bootloader aller Windows-Systeme ab Windows Vista BootStar Universeller Bootmanager Boot-US Universeller Bootmanager BootX Bootloader für Mac OS X auf der PowerPC-Plattform mit Open Firmware; /System/Library/CoreServices/BootXNach dem Schwenk von PowerPC zu IA-32 (32-Bit-x86) und x64 (64-Bit-x86) 2006 wurde auf sog. „Intel-Macs“ ein Apple-spezifisches EFI verwendet und BootX wurde durch einen EFI-Bootloader (/System/Library/CoreServices/boot.efi) ersetzt. BootX Von klassischem Mac OS ab Mac OS 8 aus fungierender Linux-Bootloader auf Macintosh-Computern mit „Old World“-PowerPC-Architektur, der eine Startauswahl zwischen Mac OS und Linux bietet. Im technischen Sinn nur für Linux ein Bootloader, da BootX auf Mac OS als Programm läuft – vergleichbar mit Loadlin unter PC-kompatiblem DOS und Windows 9x. burg Basiert auf Grub. (vergleichbar mit grub24dos) Cloverhttps://sourceforge.net/projects/cloverefiboot/ Der „Clover EFI bootloader“, manchmal auch CloverEFI, ist ein Bootloader mit Fokus auf Multi-Boot-Systeme und macOS mit zahlreichen Möglichkeiten zur Konfiguration. Auf BIOS-Systemen kann Clover ein auf TianoCore basiertes UEFI laden, damit Betriebssysteme, die ein EFI voraussetzen, gestartet werden können. Auf (U)EFI-Systemen nutzt Clover das native EFI und kann per CSM, wenn vorhanden, auch BIOS-basierte Betriebssysteme starten. Der Bootloader unterstützt die Betriebssysteme Linux, macOS (ursprünglich Mac OS X) und Windows NT direkt, kann aber grundsätzlich jedes PC-Betriebssystem starten (z. B. PC-BSD-Unix). Colilo Ein LILO-Derivat für die Coldfire-Prozessorfamilie von Motorola EasyBCD Wird zum Konfigurieren und Anpassen des von Microsoft entwickelten Bootloaders Bootmgr verwendet. elilo Bootloader für Linux auf der Itanium-Architektur (IA-64), EFI-basiert. EMILE (Early Macintosh Image LoadEr) Bootloader für Linux auf einem m68k-Macintosh eXtended FDisk DOS-Dienstprogramm zur Bootmanager-Einrichtung und Festplatten-Partitionierung, als Ersatz für fdisk entwickelt, belegt selbst keine Partition und unterstützt versteckte Partitionen, GPL EXTlinux Im Softwarepaket von SYSLINUX mit enthalten FILO GAG (Gestor de Arranque Grafico) Dateisystem-agnostischer Bootloader. Freie Software (GPL), mehrsprachig (unter anderem deutsch)GAG, the Graphical Boot Manager (englisch) – offizielle Entwickler-Webseite. GRUB (Grand Unified Bootloader) Freie Software (GPL), der Bootloader des GNU Projekts (englisch) – offizielle Entwickler-Webseite Grand Unified Bootloader for DOS (GRUB4DOS) Freie Software (GPL), basiert auf Grub., aktuelle Entwicklung als grub4dos-chenall (chinesisch, englisch). Siehe auch: . Grub24Dos Grub2-Derivat vergleichbar mit burg Gummiboot Linux-Bootloader für UEFI-basierte Hardware, der von den Red-Hat-Entwicklern Kay Sievers und Harald Hoyer als Alternative zu GRUB geschaffen wurde. (Gummiboot benötigt mindestens Linux-Kernel 3.3.0 und läuft nicht auf IBM-PC-kompatiblen Systemen mit „Legacy-BIOS“.) 2015 wurde Gummiboot in systemd integriert. iBoot Bootloader der iOS-basierten iDevices von Apple (z. B. iPad, iPhone, iPod) ISOlinux Im Softwarepaket von SYSLINUX mit enthalten Linux Loader (LILO) Dateisystem-agnostischer Bootloader für Linux und andere Systeme, benötigt Initialisierungsaufruf nach Kerneländerung, BSD-Lizenz Loadlin Von Windows 3.x/9x oder PC-kompatiblem DOS aus ausführbarer Bootloader für Linux, der auch von Windows aus konfiguriert werden kann. NeoGRUB Eingebunden in die Bootwerkzeug-Software EasyBCD NT-Loader (NTLDR) Bootloader aller Windows-NT-Systeme von NT 3.1 bis XP/2003 OpenBIOS freie Implementierung des Open-Firmware-Standards PALO Bootloader für die PA-RISC-Architektur-Prozessorhardware von Hewlett Packard Penguin Von System 6, System 7 und Mac OS 8 aus ausführbarer Linux-Loader auf m68k-Macintoshs (klassisches Mac OS, Versionen 6.0–8.1); wird von Mac OS aus konfiguriert PLoP Ein Bootloader, der auch mit älteren PCs ohne BIOS-Unterstützung von CDROM bzw. USB booten kann. Download und Dokumentation: deutsch und englisch. PXElinux Im Softwarepaket von SYSLINUX mit enthalten Redboot Bootloader für Embedded Systeme wie auf Atheros basierende WLAN-Router Quik Bootloader für Linux auf einem Old-World-PowerPC-Macintosh mit Open Firmware rEFInd Erbe von rEFIt. Ursprünglich für Macs mit EFI im Fokus funktioniert rEFInd auch auf anderen UEFI-Systemen. rEFIt Inoffizieller Bootloader für Macs, der ein Auswahlmenü für die einfachere Multi-Boot-Konfiguration für Windows, welches einen Hybrid-MBR nutzt, erleichtert. Funktioniert auch mit anderen Betriebssystem wie u. a. Linux, BSD, Solaris. Entwicklung eingestellt. ROM-Monitor Die Firmware für Ciscos NetzwerkgeräteCisco; ROM-Monitor. Sparc Improved Loader (SILO) Smart BootManager BootloaderSmart BootManager (englisch) – offizielle Entwickler-Webseite.Smart BootManager (englisch) – Download bei Sourceforge. von SPBLinux SmartFirmware Bootloader des Pegasos SyMon Bootmanager Universeller Bootmanager SYSLINUX Ein Paket mit einem ganzen Bündel von Bootloadern: EXTlinux für das Booten vom ext2-, vom ext3-, vom ext4- sowie vom btrfs-Dateisystem aus, etwa auf Linux, des Weiteren ISOlinux für das Booten vom iso-Dateisystem aus, meist residierend auf optischen Disks wie CDs bzw. DVDs, sowie PXElinux für nahezu netzwerksynchronisiertes Booten in Netzwerken, die aus mehreren Rechnern bestehen. Des Weiteren gestattet SYSlinux das Booten von fat- bzw. vfat-Dateisystemen aus, wodurch dieser Bootloader ungefähr ab der Version 6 auch auf UEFI-Rechnern eingesetzt werden kann. (auch: ) In systemd integrierter einfacher UEFI-Bootmanager und Weiterentwicklung von Gummiboot. Das U-Boot (ehemals PPCBootWebsite des PPCBoot-Projekts: Letztes Release, Fortführung als U-Boot (englisch), ehemals 8xxROMWebsite des PPCBoot-Projekts: Umbenennung von 8xxROM in PPCBoot (englisch)) Universeller Bootloader, vor allem für Eingebettete Systeme VAMOS Kommerzieller Bootloader, läuft auf MS-DOS-Systemen, Entwicklung eingestellt. Yaboot Bootloader für Linux auf einem New-World-PowerPC-Macintosh und anderen PowerPC-Systemen XOSL Universalbootloader mit grafischer Oberfläche, GPL ZBOOT Einzelnachweise
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__NOTOC__ Ca Cab–Cap Fernán Caballero (1796–1877), ES George Washington Cable (1844–1925), US Guillermo Cabrera Infante (1929–2005), CU Pino Cacucci (* 1955), IT Caedmon (7. Jh.), GB James M. 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Agatha Christie
mini|Tafel mit Foto zu Ehren Agatha Christies an der Außenwand von Torre Abbey in ihrer Geburtsstadt Torquay rechts|rahmenlos|Agatha Christies Unterschrift Dame Agatha Mary Clarissa Christie, Lady Mallowan, DBE [] (* 15. September 1890 in Torquay, Grafschaft Devon; † 12. Januar 1976 in Wallingford, gebürtig Agatha Mary Clarissa Miller) war eine britische Schriftstellerin. Die verkaufte Weltauflage ihrer Bücher soll über zwei Milliarden betragen, womit sie zu den erfolgreichsten Autoren der Literaturgeschichte zählt. Bekannt wurde sie vor allem durch eine große Anzahl von Kriminalromanen und Kurzgeschichten, die auch mehrfach mit großem Erfolg für Kino und Fernsehen verfilmt sowie für die Bühne adaptiert wurden. Ihre berühmtesten Schöpfungen sind der belgische Detektiv Hercule Poirot mit seinem Freund Arthur Hastings sowie die altjüngferliche Miss Marple. Daneben gibt es andere wiederkehrende Figuren wie das Ehepaar Tommy und Tuppence Beresford oder Inspektor Battle, Sir Henry Clithering oder die Krimi-Autorin Mrs. Ariadne Oliver. Neben ihrer schriftstellerischen Tätigkeit unterstützte Christie ihren zweiten Ehemann, den Archäologen Max Mallowan, bei seinen Ausgrabungen im Nordirak und in Syrien, insbesondere bei der Restaurierung prähistorischer Keramiken und der Fotodokumentation der Funde. Sie trug maßgeblich zur Finanzierung dieser Expeditionen bei. Leben Kindheit und Jugend Agatha Mary Clarissa Miller kam als jüngstes Kind des Amerikaners Frederick Alvah Miller und seiner englischen Ehefrau Clarissa Boehmer zur Welt und wuchs in der viktorianischen Villa Ashfield in Torquay auf. Sie hatte zwei Geschwister, Margaret Watts und Louis Montant Miller. Agatha wurde bis zu ihrem 16. Lebensjahr nicht in einer Schule, sondern von ihrer Mutter unterrichtet, die früh ihr schriftstellerisches Talent erkannte. Mit elf Jahren veröffentlichte sie ein erstes Gedicht in einem Lokalblatt. hochkant|mini|Agatha Christie als Mädchen Ihr Vater erzielte sein Einkommen aus Geschäften in Übersee, über die nichts Näheres bekannt ist, die der Familie aber ein Leben in Wohlstand ermöglichten. Agatha Christie selbst erwähnt in ihrer Autobiografie andeutungsweise Immobilien in New York und in Trusts angelegtes Vermögen, aus dessen Zinseinkünften die Familie Miller lebte. Dabei kam es jedoch zu Veruntreuungen durch die amerikanischen Vermögensverwalter, wodurch die Familie Miller in finanzielle Schieflage geriet. Wie damals allgemein üblich, wurde das eigene Haus für den Sommer an Gäste vermietet, während die Familie Miller die Zeit in Pau und Cauterets bzw. auf den Kanalinseln verbrachte. Frederick Alvah Miller starb 1901, Agatha war damals elf Jahre alt. Clarissa Margaret Miller zog ihre Kinder nun allein groß und bemühte sich, sie die durch den Tod des Vaters noch weiter verschärfte finanzielle Situation so wenig wie möglich spüren zu lassen.Agatha Christie: An Autobiography. HarperCollins Publishers, 2011, ISBN 978-0-00-731466-9. Ihr zunächst begonnenes Musikstudium in Paris gab Agatha Miller mit Beginn des Ersten Weltkriegs auf und arbeitete als Krankenschwester (Voluntary Aid Detachment) beim Britischen Roten Kreuz im örtlichen Krankenhaus, später in einer Apotheke. In dieser Zeit sammelte sie viele Erfahrungen über giftige Mittel und Stoffe, die später in ihren Werken eine Rolle spielten. 1914 heiratete sie Oberst Archibald Christie, einen Flieger der königlichen Luftwaffe. Mit ihm hatte sie eine Tochter, Rosalind Margaret Clarissa Christie, die am 5. August 1919 geboren wurde. 1920er Jahre 1920 erschien ihr erster Kriminalroman: Das fehlende Glied in der Kette () mit dem belgischen Detektiv Hercule Poirot zunächst in den USA, dann in England. Schlagartig berühmt wurde Christie mit dem 1926 veröffentlichten Werk Alibi (englisch The Murder of Roger Ackroyd). Privat verliefen die 1920er Jahre eher unglücklich: Ihr Mann ließ sie berufsbedingt häufig allein, 1926 starb ihre Mutter – ein Ereignis, das sie stark mitnahm; außerdem musste Ashfield geräumt werden. Christie erschöpfte diese Situation. Im August 1926 gestand ihr Mann ihr die Affäre mit seiner Golfpartnerin Nancy Neele. Trotz mehrerer Versöhnungsversuche entzweite sich das Ehepaar danach immer mehr. Nach einem heftigen Streit am 3. Dezember 1926 verließ Agatha Christie das Haus. Ihr Auto wurde wenige Tage später verlassen an einem See gefunden. Die Suchmeldung der Polizei von Berkshire vom 9. Dezember 1926 zeigte ein Foto der Vermissten und lautete (aus dem Englischen übersetzt): Nach einer spektakulären Suchaktion, über die auch die New York Times berichtete und an der sich auch Arthur Conan Doyle beteiligte, fand man die Schriftstellerin zehn Tage nach ihrem Verschwinden in einem Hotel in Harrogate, wo sie unter dem Namen der Geliebten ihres Mannes als Mrs. Neele abgestiegen war. In der Folge beschäftigte die Frage der Kosten der Suchaktion auch das britische Parlament. Ihre Familie verbreitete die Darstellung, dass sie einen fast vollständigen Gedächtnisverlust für diese Tage erlitten habe. Agatha Christie selbst äußerte sich nie über ihre Beweggründe, auch nicht in ihren Memoiren. Bis heute ist ungeklärt, was genau in diesen Tagen geschah.Katharina Roos, Ihr einziger ungelöster Fall, in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 24. Dezember 2023 1928 wurde ihre Ehe mit Archibald Christie geschieden. Die Geschichte um das Verschwinden von Agatha Christie wurde 1979 von Regisseur Michael Apted filmisch umgesetzt in Das Geheimnis der Agatha Christie (englisch Agatha), mit Vanessa Redgrave in der Hauptrolle. Ein weiterer Film, der das Verschwinden fiktiv darstellt, ist Agatha und die Wahrheit des Verbrechens (2018). 2020 erschien in New York und 2022 in deutscher Übersetzung der Roman The Mystery of Mrs. Christie: A Novel (Mrs Agatha Christie. Roman) von Marie Benedict, in dem die Tage der Suche nach, und in Rückblenden die Entwicklung der Ehe von Agatha Christie wie ein Krimi nacherzählt werden. Im Jahr 2023 erschien das Musical Vermisst! Was geschah mit Agatha Christie?, das im Kleinen Theater Berlin uraufgeführt wurde. Das Krimi-Musical stammt von Paul Graham Brown (Songtexte, Musik) und von James Edward Lyons (Buch). 1930er Jahre Um sich von den Strapazen der vergangenen Jahre zu erholen, entschied sie sich relativ spontan im Herbst des Jahres 1928 zu einer ausgedehnten Reise in den Nahen Osten und reiste mit dem Orient-Express nach Bagdad. Diese Spontanentscheidung (eigentlich hatte sie an die Karibik als Reiseziel gedacht) sollte das Leben Agatha Christies maßgeblich verändern und großen Einfluss auf ihr schriftstellerisches Werk ausüben. Es war nicht ihre erste Begegnung mit dem Nahen Osten, denn bereits als junge Frau war sie mit ihrer Mutter in Kairo gewesen. Von Bagdad aus reiste sie weiter nach Ur, wo der Archäologe Leonard Woolley mit Ausgrabungen beschäftigt war, die seinerzeit in England starkes Aufsehen erregten. Er und seine Frau Katharine Woolley empfingen die Berühmtheit Agatha Christie hocherfreut; sie blieb längere Zeit beim Grabungsteam und freundete sich mit den Woolleys an. Später widmete sie ihnen die Kurzgeschichtensammlung Der Dienstagabend-Klub. Das Ehepaar Woolley stand auch Modell für die Hauptfiguren des Romans Mord in Mesopotamien, wobei Agatha Christie den Woolleys einige sehr unsympathische Charakterzüge hinzufügte. Als sie nach London zurückkehrte, tat sie dies mit einer Einladung von Katharine Woolley im Gepäck, im Frühjahr 1930 nach Mesopotamien zurückzukehren. Während dieses zweiten Aufenthalts in Ur lernte sie auch den 14 Jahre jüngeren Archäologen Max Mallowan kennen, der als Grabungsassistent bei Woolley arbeitete und bei ihrem ersten Besuch wegen einer Blinddarmentzündung abwesend gewesen war. Mallowan wurde nunmehr von den Woolleys „abkommandiert“, Christie die Ausgrabungen und die Gegend zu zeigen. Bei dieser Gelegenheit verliebten sich die beiden. Agatha Christie musste sehr bald (noch im Frühjahr 1930) wegen einer Erkrankung ihrer Tochter nach England zurückkehren, Max Mallowan begleitete sie auf dieser Rückfahrt bereits. Zögerlich nahm Agatha schließlich den Heiratsantrag des 14 Jahre jüngeren Mallowan an, und sie heirateten am 11. September 1930 in Edinburgh. 1930 hatte im Roman Mord im Pfarrhaus (englisch The Murder at the Vicarage) eine neue Detektivin ihren ersten Auftritt: die altjüngferliche Miss Marple, die noch in zwölf weiteren Kriminalromanen und einigen Kurzgeschichten Christies die Hauptrolle übernehmen sollte. Viele der zahlreichen Romane, die in den Jahren bis 1958 entstanden, schrieb Christie während der archäologischen Expeditionen mit ihrem Mann im Nordirak und in Nordsyrien. Ihre Erlebnisse auf einer der Expeditionen schildert sie in Erinnerung an glückliche Tage (englisch Come, tell me how you live). Späte Karriere Von den existenzbedrohenden Ereignissen nach der Trennung von ihrem ersten Mann geprägt, schrieb Christie in den 1940er-Jahren zwei Kriminalromane, die sie für die spätere Veröffentlichung zurückhielt. Vorhang, Hercule Poirots letzten Fall, bereitete sie zur Veröffentlichung vor, als sich abzeichnete, dass sie keinen weiteren Roman mehr würde schreiben können. Er erschien kurz vor ihrem Tod, und es ist in der Tat Poirots letzter Fall, da er am Ende der Ermittlungen stirbt. Poirot war aber Agatha Christies Haupteinnahmequelle, und so war es nötig, dass er bis zum Erscheinen von Vorhang noch einige andere Fälle löste. Ruhe unsanft (englisch Sleeping murder), mit Miss Marple als Detektivin, war der zweite von Christie zurückgehaltene Roman und erschien erst nach ihrem Tod. Im März 1949 wurde ihr Kriminalroman Das krumme Haus veröffentlicht. 1970 erschien zu ihrem 80. Geburtstag der für Christie atypische Roman Passagier nach Frankfurt, in dem es um eine Weltverschwörung von Neonazis geht. Das umstrittene Buch wurde erst 2008 ins Deutsche übersetzt. 1971 wurde Agatha Christie von Königin Elisabeth II. als Dame Commander in den Orden des Britischen Empire aufgenommen und dadurch in den persönlichen Adelsstand erhoben. Ihren letzten Roman Alter schützt vor Scharfsinn nicht schrieb sie zwischen 1973 und 1974. Am 12. Januar 1976 starb Agatha Christie im Alter von 85 Jahren in Winterbrook House im Ort Wallingford, Grafschaft Oxfordshire, an einem Schlaganfall. Ihr Grab befindet sich auf dem nahegelegenen Friedhof St Mary’s in Cholsey. 1977 erschien postum Christies Autobiografie Meine gute alte Zeit (englisch An Autobiography), die größtenteils in den Jahren 1950 bis 1965 entstanden war, eine Erinnerung an Dinge, die Agatha Christie wichtig gewesen sind, mit Schwerpunkt auf ihrer Kindheit. Ergänzend zu ihrer Autobiografie kann die Biografie von Janet Morgan herangezogen werden. Agatha Christies Tochter Rosalind Hicks bat Morgan, eine autorisierte Biografie ihrer Mutter zu verfassen. Durch umfangreiches Quellenstudium und Befragung von Christies Freunden entstand eine detaillierte Schilderung ihres Lebens. Werk Karriere als Schriftstellerin Insgesamt schrieb Agatha Christie 66 Kriminalromane, aber auch Kurzgeschichten und Bühnenwerke. Gängige Schätzungen, nach Angaben der Erben und der Verlage, gehen von einer verkauften Gesamtauflage von über zwei Milliarden Büchern weltweit aus. Dem Index Translationum der UNESCO zufolge belegt sie mit großem Abstand Platz 1 auf der Liste der meistübersetzten Autoren. Sie gilt als die erfolgreichste Kriminalschriftstellerin der Welt. Wegen dieses Erfolges nennt man sie auch die Queen of Crime (dt. Königin des Verbrechens). auf: arte.tv Ihre berühmtesten Schöpfungen sind der belgische Detektiv Hercule Poirot und die altjüngferliche Hobbydetektivin Miss Marple. Weniger bekannt ist das Ermittlerduo Tommy und Tuppence Beresford, denen sie vier Romane und eine Kurzgeschichtensammlung widmete. Unter dem Pseudonym Mary Westmacott schrieb sie außerdem sechs romantische Erzählungen. Agatha Christie machte auch im Theater Karriere, denn aufgrund schlechter Erfahrungen beschloss sie, ihre Stücke nur noch selbst für die Bühne zu bearbeiten, und war mit Begeisterung bei der Produktion dabei. Eines ihrer Bühnenstücke ist Die Mausefalle, das am längsten ununterbrochen aufgeführte Theaterstück weltweit. Handlungsorte Agatha Christie ließ zahlreiche Geschichten an realen Schauplätzen stattfinden. Am berühmtesten innerhalb dieser Gruppe ist ihr Roman Mord im Orient-Express. Auch der Roman Der blaue Express spielt in einem historischen Zug. Tod in den Wolken spielt im ersten Teil, in dem der Mord geschieht, in einem Passagierflugzeug auf einem Flug von Paris nach London. Zwei der Romane Christies spielen in wesentlichen Passagen auf einem Passagierschiff: Der Mann im braunen Anzug auf einem Passagierdampfer von Southampton nach Südafrika, Der Tod auf dem Nil auf einem Nil-Dampfschiff für Touristen. Für gleich drei Romane diente Agatha Christies eigener Landsitz Greenway als Kulisse: Sowohl Kurz vor Mitternacht als auch Das unvollendete Bildnis und Wiedersehen mit Mrs. Oliver machen sich die besondere Geografie von Greenway mit Bootsanleger, Gewächshaus, Tennisplatz, ehemaligem Geschützstand, Nähe zum Ufer des Dart zu eigen.John Curran: Agatha Christie's Secret Notebooks – 50 Years of Mysteries in the Making. HarperCollins Publishers, 2010, ISBN 978-0-00-731057-9. Für ihren Roman Alter schützt vor Scharfsinn nicht war Agatha Christies Elternhaus Ashfield die Vorlage für den Schauplatz, wobei sie auch auf Besonderheiten aus ihrer eigenen Kindheit zurückgriff, u. a. der „KK“ (gesprochen: „Kai-Kai“) genannte Geräteschuppen, die Spielzeugpferde Truelove und Mathilde sowie eine Chilenische Araukarie. mini|hochkant|Agatha Christie erfüllte sich 1958 einen lebenslangen Traum und besuchte Griechenland Einige der Romane wie Dreizehn bei Tisch und Bertrams Hotel spielen in London. Auch die Figur Hercule Poirot lebt in London. Die Romane Und dann gabs keines mehr und Das Böse unter der Sonne spielen auf einer kleinen Insel in Devon: Burgh Island. Dagegen lebt die Amateur-Detektivin Miss Marple in dem fiktiven typisch englischen Dorf St. Mary Mead. Auch weitere zahlreiche Christie-Krimis spielen in englischen Dörfern oder Kleinstädten, zum Beispiel Der ballspielende Hund oder Das Sterben in Wychwood. Als einziger Roman in Devon, ihrer Heimat, spielt Das Geheimnis von Sittaford; die unheimliche Landschaft des Dartmoor spielt hier eine besondere Rolle, auch die Stadt Exeter. Ein Schritt ins Leere spielt teilweise in Wales und in Hampshire, Das Haus an der Düne an der Küste von Cornwall. Einige der Romane spielen im Nahen Osten, wo sich Christie häufig aufhielt, zum Beispiel Sie kamen nach Bagdad oder Mord in Mesopotamien. Der Tod wartet spielt in Jerusalem und Transjordanien. Ägypten ist in drei Geschichten Schauplatz der Ereignisse: In Der Tod auf dem Nil, der Kurzgeschichte Das Abenteuer des ägyptischen Grabes und dem Roman Rächende Geister. Letzterer nimmt eine Sonderstellung ein, da er im Alten Ägypten zur Zeit der Pharaonen spielt und nicht, wie ihre anderen Werke, zu Lebzeiten Agatha Christies. Der Roman Karibische Affäre ist auf der fiktiven Insel St. Honoré in der Karibik angesiedelt, wofür jedoch die Insel Barbados als Vorlage diente. Mord auf dem Golfplatz ist Christies einziger Roman, der komplett in Frankreich, und zwar an der französischen Kanalküste und in Paris, spielt. In anderen Romanen wird der Schauplatz teilweise für Reisen der Ermittler nach Frankreich verlegt, so in Die Memoiren des Grafen, der in einigen Kapiteln in Paris und Dinard spielt. Große Teile des Romans Der blaue Express spielen ebenfalls in Frankreich, vor allem an der Côte d’Azur. Arbeitsweise Mit Verweis auf John Currans Herausgabe der Notizbücher Agatha ChristiesJohn Curran: Agatha Christie’s Secret Notebooks. Fifty Years of Mysteries in the Making. HarperCollins, London 2009, ISBN 978-0-06-198836-3. beschreibt Zoë Beck Agatha Christie als eine Schriftstellerin, die rund um die Uhr schrieb und durch viele alltägliche Dinge zu ihren Figuren oder ganzen Handlungsabläufen inspiriert wurde. Ab dem Moment der Ideenfindung bewies sie Qualitäten als unermüdliche Arbeiterin. Ständig machte sie sich Notizen und arbeitete an und mit diesen. Sie schrieb nicht nur Ideen auf, sondern machte Listen für Figuren, Motive, Mordarten oder Schauplätze. Oft wertete sie alte Notizhefte nochmals aus und schöpfte aus ihrem reichhaltigen Fundus. Dabei versuchte sie sich nicht zu wiederholen und bewies Variationstalent, obwohl ihre Werke, was zu kritisieren ist, auf ein Schema zurückgehen. Die unterschiedliche Perspektive der Romane in der auktorialen, personalen oder Ich-Erzählsituation zeigen Experimentierfreude. Beck interpretiert dies als Verspieltheit sowie den Versuch, trotz hoher Produktivität keine Langeweile aufkommen zu lassen. Christies Romantitel waren oft Gedichten oder Kinderreimen entliehen. Einige Biografen und Interpreten erkennen darin literarische und psychologische Tiefe. Besonders bedeutsam ist der hohe Wiedererkennungswert der Werke, der sich für das Publikum schon mit einfachen, typischen Requisiten bewerkstelligen lässt. Mit ihrem Stil konnte Christie nachfolgenden Krimiautoren- und Publikumsgenerationen ihren Stempel aufdrücken und löste einen regelrechten Christie-Mythos aus. Dabei richtete Christie ihr Werk laut Beck auch kommerziell aus und zeigte neben hoher handwerklicher Qualität auch eine starke Disziplin bei ihrer Arbeit. Als sie etwa nach einer besonders intensiven Schaffensphase der Romanfigur Poirot müde geworden war, ließ sie ihn pausieren, um Abstand zu gewinnen. Sie brachte ihn aber nicht um, wie es Arthur Conan Doyle mit Sherlock Holmes betrieb, nur um ihn danach wieder auferstehen zu lassen. Sie hielt an ihrer Figur fest, weil ihre Leserschaft sie mochte und nachfragte. Interpretationen ihres Werkes In einem 1992 versteigerten Brief erklärte Christie, ihre Detektivgeschichten seien ein . Sie reagierte damit auf die Frage eines Anhängers, der befürchtet hatte, ihre Romane könnten Verbrechen begünstigen. In ihren vielen erschienenen Werken blieb Christie, deren Erzählungen zu Recht als modellhaft für die sogenannte Klassische Kriminalliteratur gelten, diesem moralischen Anspruch durchaus treu. Ihre Romane sind in der Grundstruktur eng an die Kurzgeschichten von Arthur Conan Doyle angelehnt, schreibt der deutsche Literaturwissenschaftler und -didaktiker Sascha Feuchert. „Einem scheinbar perfekten Mord (oder — in wenigen Ausnahmen — einem anderen Verbrechen), dessen entscheidende Begleitumstände (Täter, Tatmodus, Motiv) unbekannt sind, folgt ein Ermittlungsteil, in dem alle wesentlichen Elemente der Lösung bereits erscheinen, jedoch durch zahlreiche weitere Rätsel und falsche Kontextualisierung dem Leser in ihrer Bedeutung verborgen bleiben. Im Lösungsteil werden alle im Zuge der Ermittlung aufgetretenen Teilrätsel und die Hauptfrage nach dem Täter gelöst.“ (Sascha Feuchert)Sascha Feuchert: Agatha Christie. In: Eberhard Kreutzer, Ansgar Nünning: Metzler Lexikon englischsprachiger Autorinnen und Autoren. Springer-Verlag, 2006. Ihre Werke macht außergewöhnlich, dass die Autorin wie kaum eine andere „das Enträtselungsspiel mit ungeheurer Geschäftigkeit auf allen drei Ebenen betreibt, als Täterrätsel, Hergangsrätsel und Enthüllungsspiel.“ (Ulrich Suerbaum). Gleich in ihrem ersten Kriminalroman, The Mysterious Affair at Styles (Das geheimnisvolle Verbrechen in Styles, 1920, späterer Titel Das fehlende Glied in der Kette) stellt sie mit Hercule Poirot einen bisher nicht dagewesenen Ermittlertypus dar. Dieser pensionierte hohe belgische Polizeibeamte war in Aussehen und Verhalten sehr unenglisch und führte seine Untersuchungen in der Regel in der britischen Oberschicht durch. Dies war ein bewusster Kunstgriff von ihr, da eine der grundsätzlichen Problemstellungen im Kriminalroman des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts die soziale Schichtzugehörigkeit des Ermittelnden darstellte. Polizeiangestellte entstammten in der Regel den unteren sozialen Schichten, weshalb es in Großbritannien, wo bis nach Ende des Zweiten Weltkrieges noch Klassenschranken vorzufinden waren, nicht vorstellbar gewesen wäre, dass ein Angehöriger „unterer“ Schichten ohne Weiteres in „oberen“ ermitteln würde oder könnte. Zugleich trafen speziell Kriminalromane mit einem Handlungsort im Milieu der „oberen“ Schichten auf starke Nachfrage. Die US-amerikanische Schriftstellerin von viktorianischen Kriminalromanen Anna Katharine Rohlfs fand in ihrem Kriminalroman That Affair Next Door (ab 1897) eine Problemumgehung, indem dort dem ermittelnden Polizisten ein Amateurdetektiv zur Seite gestellt wurde, der der „oberen“ Schicht angehörte. Mit dem Protagonisten Poirot hat Christie eine weitere, elegante und auch originelle Problemumgehung ersonnen – wie die Autorin Martha Halley Dubose herausstellt. Denn dieser ist aufgrund seiner Herkunft ein Außenseiter, für den die hohen britischen Klassenschranken keine Geltung besaßen.Martha Hailey Dubose: Women of Mystery – The Lives and Works of Notable Women Crime Novelists, Thomas Dunne Books, New York 2011, S. 9. Die einprägsame Detektivfigur erscheint geradezu wie geschaffen dafür, dem Leser zwar Hinweise zur Täterermittlung in den Romanen zu liefern, sie aber zugleich auf eine falsche Fährte zu locken. So ausgefeilter aber Christies Techniken im Laufe ihrer Zeit als Krimiautorin wurden, umso geringer wurde Poirots Beitrag am Verwirrspiel. Als Kunstgriff erscheint von vornherein, dass Christie ihren Rätselspaß in den meisten ihrer Erzählungen in den gesellschaftlichen Kreisen der gentry ansiedelt. Der Hintergrund dafür ist weniger die Darstellung einer „heilen Welt“, wie es von vielen frühen Kritikern ihrer Kriminalliteratur angenommen wurde. Die Gesellschaftsschicht der nicht genau abgegrenzten Schicht des gehobenen Bürgertums und niederen Adels liefert dem deutschen Anglisten Ulrich Suerbaum zufolge in erster Linie einen nutzbaren Hintergrund für Christies Ausweitung und Komplizierung der Rätselstruktur. Praktischerweise sind die sozialen Kontakte zwischen den Angehörigen dieser Schicht in der Regel aufs Formelle und Oberflächliche beschränkt. Da sie sozusagen ihr wahres Gesicht oftmals hinter einer Maske verbergen, bleibt die Plausibilität der Erzählungen in diesem Milieu, bei allem Verschleierungsspiel Christies, für die Leserschaft erhalten.Sven Strasen, Peter Wenzel: Die Detektivgeschichte im 19. und im frühen 20. Jahrhundert., in: Arno Löffler, Eberhard Späth (Hrsg.): Geschichte der englischen Kurzgeschichte. Francke Verlag, Tübingen und Basel 2005, ab S. 99. / Nicholas Birns und Margaret Boe Birns: „Agatha Christie: Modern and Modernist“. In: Ronald G. Walker, June M. Frazer (Hrsg.): The Cunning Craft: Original Essays on Detective Fiction and Contemporary Literary Theory. Western Illinois University Press, Macomb 1990, ab S. 122. Als Schriftstellerin bewies sie allgemein sensibles soziologisches Gespür für Klassenunterschiede und erzählt zum Beispiel in Tod auf dem Nil von Welten im Begriff des Zusammenstoßens, von Kolonialismus in Afrika, von der selbstbewussten amerikanischen Kultur im Konflikt mit der durch den Ersten Weltkrieg erschütterten europäischen und oft von ganz unterschiedlichen Frauenbildern. An Bord des Nildampfers Karnak prallt eine selbstbewusst agierende halbamerikanische Erbin auf eine in den Konventionen der Klassengesellschaft gefangene Mitreisende. Auch der politische Horizont der Zeit wird erwähnt, wenn etwa ein glühender Marxist am Ort der Handlung in Diskussionen gerät. Im Jahre 1930 erfand sie in The Murder at the Vicarage (Mord im Pfarrhaus, deutscher Titel seit 1952) mit der 74-jährigen Miss Jane Marple genau betrachtet eine, kriminaltechnisch gesehen, ganz und gar untechnische Hauptermittlerin in ihren Romanen, deren Hauptwaffe zur Verbrechensaufklärung der scheinbar unbedeutende Small Talk darstellte. Wie Poirot ist sie ein gewachsener Charakter, sie funktioniert aufgrund ihrer liebevollen Schrullen, er aber aus ganz anderen Gründen, und beide, weil sie gerade nicht stereotypen Ermittlern entsprachen. Ihre Mördercharaktere sind meist verzweifelte, gebrochene Gestalten, die sie aber mit Sympathie zeichnete. Dies hat sie in Mord im Orientexpress auf die Spitze getrieben und stellt einen essentiellen Kontrast dar. Anders als oft behauptet, brach Christie in ihren Kriminalromanen nicht mit allen bekannten Konventionen in der Geschichte der Kriminalliteratur, sondern hauptsächlich mit einigen der sogenannten Limitierungsregeln.Sascha Feuchert: Agatha Christie. In: Eberhard Kreutzer, Ansgar Nünning: Metzler Lexikon englischsprachiger Autorinnen und Autoren. Springer-Verlag, 2006. Christie variierte die gesellschaftliche Position des Täters, aber durchbrach dabei zuweilen den aus der Gattungskenntnis resultierenden Erwartungsrahmen der Leserschaft, um diese zu überraschen. In Hercule Poirots Weihnachten ist der Täter ein vermeintlich unverdächtiger Polizeisuperintendent. Er stammt aus dem Kreis der Ermittler, die nach den Limitierungsregeln vom Verdacht ausgenommen sein sollten. Christie machte sich die Durchbrechung der Limitierung in mehreren Bereichen zur Gewohnheit und erzielte damit eine Verunsicherung der Leserschaft, welche zuvor Gattungskonventionen vertraut hatte.Ulrich Suerbaum: Krimi. Eine Analyse der Gattung. Reclam-Verlag, Stuttgart 1984, ab S. 22. Besonders The Murder of Roger Ackroyd aus dem Jahr 1926 gilt als ein äußerst gelungenes Werk, das aber sogar bei Fans Christies eine umfangreiche Kontroverse auslöste. Denn am Romanende entpuppt sich – entgegen der bisherigen Konvention – ausgerechnet der Ich-Erzähler des Romans als Mörder, welcher zuvor und auch zunächst in diesem Roman so etwas wie einen Vertrauensbonus bei der Leserschaft besaß.Sascha Feuchert: Agatha Christie. In: Eberhard Kreutzer, Ansgar Nünning: Metzler Lexikon englischsprachiger Autorinnen und Autoren. Springer-Verlag, 2006. Die besonders im Bereich der Kriminalliteratur tätige Schriftstellerin Zoë Beck schreibt zu den „viel gepriesenen Regelverletzungen“ Christies und auch zur Funktionalisierung des Erzählers, im Plot eines ihrer Romane, als Mörder: „[…] nette Varianten, aber keine Erweiterung des Genres“. Veronika Schuchter vom Institut für Germanistik an der Universität Innsbruck schreibt: „Niemand hat das Genre stärker geprägt […]. Das klaustrophobische Kammerspiel als Abbild menschlicher Abgründe hat sie perfektioniert. Exotische Schauplätze dienten dabei nur als Kulisse. Nichts ist erschreckender als der geschlossene Raum. Es sind kleine Verbrechen, die aus privaten Tragödien erwachsen, das Gewöhnliche macht den Mörder, nicht das Außergewöhnliche, das die heute im Krimi grassierenden Serienmörder antreibt.“ Rezeption Kritiker werfen Christie häufig Antisemitismus vor.Jane Arnold: Detecting Social History: Jews in the Works of Agatha Christie. In: Jewish Studies, Jg. 49 (1987), Heft 3/4, S. 275–282. Vor allem in ihrem Frühwerk ließen sich solche Tendenzen ausmachen. So galt der Schriftstellerin und Literaturwissenschaftlerin Gillian Gill das Porträt des jüdischen Finanzmanns Hermann Isaacstein in Die Memoiren des Grafen als unverzeihlich, eine „Ansammlung törichter englischer antisemitischer Vorurteile“. Dennoch sieht Gill bei Christie insgesamt eher einen gedankenlosen, reflexartigen Gebrauch von antisemitischen Stereotypen als einen bewussten und bösartigen Antisemitismus. Insbesondere in ihren Krimis der 1930er und 1940er Jahre seien jüdische Charaktere trotz ihrer stereotypen Zeichnung meist Sympathieträger; sie dienten eher dazu, den Leser auf eine falsche Spur zu lenken (Red Herring). So stelle sich in Nikotin der zunächst verdächtige Jude Oliver Manders als unschuldig heraus und im Happy End werde die Perspektive eröffnet, dass er die englisch-adlige Amateurdetektivin heiraten werde.Gillian Gill: Agatha Christie: The Woman and Her Mysteries. Free Press, New York 1990, S. 89–91. Auch wird die Verwendung von Stereotypen wie vollbärtige, dunkle und böse Ausländer oder „Zigeuner“ kritisiert. Zwar stellten diese sich im Verlauf der Geschichten meist nicht als Täter heraus, aber schon ihre bloße Existenz sollte sie verdächtig machen und auf eine falsche Fährte locken.mini|Denkmal für Agatha Christie im Londoner Westend Allgemein spiegelt sich in Christies Werk auch die antisemitisch und rassistisch geprägte Zeit wider. Ihr Roman Und dann gabs keines mehr erschien 1939 in Großbritannien unter dem Titel Ten Little Niggers, der einem bekannten Kinderlied entlehnt war. In den USA wurde der Kriminalroman etwa gleichzeitig mit Rücksicht auf den amerikanischen Markt unter dem seit 1985 auch in Großbritannien und international verwendeten Titel And Then There Were None veröffentlicht.An American Tribute to Agatha Christie. Auf http://home.insightbb.com, abgerufen am 31. Dezember 2020. Die deutschsprachige, 1944 in der Schweiz veröffentlichte Übersetzung trug den Titel Letztes Weekend. Ab 1973 wurde der Titel Zehn kleine Negerlein benutzt, seit 2003 wählte man für eine Neuübersetzung durch Sabine Deitmer den Titel Und dann gabs keines mehr.Und dann gabs keines mehr (2003), . Auszeichnungen für das literarische Lebenswerk 1955 Grand Master Award der Mystery Writers of America 1972 Grand Master der Schwedischen Krimiakademie (Svenska Deckarakademin) 2000 „Beste Kriminalautorin des Jahrhunderts“ (verliehen auf der Anthony Boucher Memorial World Mystery Convention) 2005 Archie Goodwin Award der amerikanischen Nero Wolfe Society Werke und deren Adaptionen Agatha Christie schrieb 66 Romane, zahlreiche Kurzgeschichten, zwei Autobiografien, mehrere Lyriksammlungen und 23 Bühnenstücke. Diese wurden in fünf Hörspielen, 22 Kinofilmen, 76 Fernsehfilmen, 19 Zeichentrickfilmen sowie in einigen Computerspielen adaptiert. Vier Dokumentationen wurden über sie gedreht. Sonstiges mini|Christies Grab, St. Mary’s Church, Cholsey, Oxfordshire Nach Agatha Christie wurde eine Rose benannt (Ramira Kormeita Agatha Christie Kordes (D) 1988). Gezüchtet wurde die lachsfarbene Kletterrose von den bekannten deutschen Rosenzüchtern W. Kordes’ Söhne. 2000 erhielt Agatha Christie posthum im Rahmen der Millenniumsfeierlichkeiten den US-amerikanischen Anthony Award als beste Kriminal- und Mysteryautorin des Jahrhunderts und setzte sich gegen die nominierten Raymond Chandler, Dashiell Hammett, Dorothy L. Sayers und Rex Stout durch. Als beste Serie triumphierte Christies Hercule-Poirot-Reihe vor den nominierten Ed McBain (87. Polizeirevier), Marcia Muller (Sharon-McCone-Serie), Dorothy L. Sayers (Lord-Peter-Wimsey-Reihe) und Rex Stout (Nero-Wolfe-Serie). Der meistverkaufte Kriminalroman der Welt ist Und dann gabs keines mehr. Im März 2011 kaufte das British Museum für einen Millionenbetrag eine Sammlung kunsthandwerklicher Arbeiten aus Elfenbein, die Christies Ehemann während einer archäologischen Grabung im antiken Nimrud im heutigen Irak geborgen hatte. Christie hatte die Exponate eigenhändig mit Hilfe ihrer Gesichtscreme gereinigt und so nach Meinung von Experten maßgeblich zu deren Rettung beigetragen. Der Ankauf gilt als der teuerste in der Geschichte des Museums, die Sammlung ist seit März 2011 dauerhaft der Öffentlichkeit zugänglich. Die Episode Das Einhorn und die Wespe (engl. The Unicorn and the Wasp) (Staffel 4, Episode 7 der neuen Folgen) der britischen Sci-Fi-Serie Doctor Who handelt von Agatha Christie und behandelt unter anderem ihr Verschwinden und ihren Gedächtnisverlust. Dargestellt wurde sie von Fenella Woolgar. In der Episode Schüsse auf Javier (Staffel 2, Folge 9) der Serie Grand Hotel tritt Agatha Christie unter ihrem Geburtsnamen als Gast auf und bekommt im Beisein eines Gesprächs über den verstorbenen Hotelbesitzer erste Ideen für eine Geschichte. Literatur Gerd Egloff: Detektivroman und englisches Bürgertum: Konstruktionsschema und Gesellschaftsbild bei Agatha Christie (= Literatur in der Gesellschaft, Band 23). Bertelsmann Universitätsverlag, Düsseldorf 1974, ISBN 3-571-05045-2. Janet Morgan: Agatha Christie. Das Leben einer Schriftstellerin – spannend wie einer ihrer Romane. (engl. Agatha Christie. A Biography). Heyne, München 1990, ISBN 3-453-02619-5. Anne Hart: Agatha Christie’s Hercule Poirot. Sein Leben und seine Abenteuer. Scherz, Bern 1991. Anne Hart: Agatha Christie’s Miss Marple. Ihr Leben und ihre Abenteuer. Scherz, Bern 1991. Monika Gripenberg: Agatha Christie. Rowohlt, Reinbek 1994, ISBN 3-499-50493-6. I. I. Revzin: Zur semiotischen Analyse des Detektivromans am Beispiel der Romane Agatha Christies. In: Jochen Vogt (Hrsg.): Der Kriminalroman. Poetik – Theorie – Geschichte. (UTB 8147). Fink, München 1998, ISBN 3-8252-8147-7. Charlotte Trümpler (Hrsg.): Agatha Christie und der Orient – Kriminalistik und Archäologie. Ausstellungskatalog Ruhrlandmuseum Essen. Scherz, Bern 1999, ISBN 3-502-15750-2. Andrew Norman: Agatha Christie: the finished portrait. Tempus, Stroud 2006, ISBN 0-7524-3990-1. Dawn B. Sova: Das große Agatha Christie-Buch. Ihr Leben und ihre Romane von A bis Z. Scherz, Bern 2006, ISBN 3-502-15051-6. Elke Schmitter: Agatha Christie: Mord und Gemütlichkeit. In: Leidenschaften. 99 Autorinnen der Weltliteratur. München 2009, ISBN 978-3-570-01048-8, S. 114–120. Laura Thompson: Agatha Christie: Das faszinierende Leben der großen Kriminalschriftstellerin. Scherz, Bern 2010, ISBN 978-3-502-15156-2. Judith Kretzschmar, Sebastian Stoppe, Susanne Vollberg (Hrsg.): Hercule Poirot trifft Miss Marple. Agatha Christie intermedial. Büchner, Darmstadt 2016, ISBN 978-3-941310-48-3. Barbara Sichtermann: Agatha Christie. Biografie. Osburg Verlag, Hamburg 2020, ISBN 978-3-95510-215-9. Lucy Worsley: Agatha Christie: An Elusive Woman. Pegasus, 2022, ISBN 978-1-63936-252-3. Gill Plain: Agatha Christie: a very short introduction. Oxford/New York: Oxford University Press, 2025, ISBN 978-0-19-189609-5. Dokumentarfilme André Schäfer, Anna Steuber: Agatha Christie – The Queen of Crime, arte.tv, 2017, 52 min. Sean Davison: Agatha Christie - Ein Jahrhundert Gänsehaut, arte.tv, 2020, 67 min. Sabine Scharnagl: Agatha Christie und der Orient, Bayerischer Rundfunk, 2021, 90 min. Weblinks Spielfilm über das geheimnisvolle Verschwinden von Agatha Christie Podcast Hoaxilla: Folge 191 Mysteriöse Agatha Christie Christiane Kopka: 15.09.1890 - Geburtstag von Agatha Christie WDR ZeitZeichen (Podcast; Audio mittlerweile entfernt). Sophie Hannah über Christies Westmacott-Romane The Guardian (engl.) Steffi Tenhaven: 15.09.1890: Geburtstag der britischen Schriftstellerin Agatha Christie. In: WDR 5, ZeitZeichen, 15. September 2025, (Podcast, 14:45 Min., verfügbar bis 16. September 2099.) Einzelnachweise Kategorie:Autor Kategorie:Literatur (20. Jahrhundert) Kategorie:Literatur (Englisch) Kategorie:Literatur (Vereinigtes Königreich) Kategorie:Kriminalliteratur Kategorie:Roman, Epik Kategorie:Erzählung Kategorie:Drama Kategorie:Autobiografie Kategorie:Dame Commander des Order of the British Empire Kategorie:Person als Namensgeber für einen Venuskrater Kategorie:Engländer Kategorie:Brite Kategorie:Geboren 1890 Kategorie:Gestorben 1976 Kategorie:Frau
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Antimon
Antimon [] (von lateinisch Antimonium, vermutlich von arabisch „al-ithmîd(un)“ (, Antimonsulfid bzw. Stibnit)) ist ein chemisches Element mit dem Elementsymbol Sb (von ‚(Grau-)Spießglanz‘) und der Ordnungszahl 51. Im Periodensystem steht es in der 5. Periode und der 5. Hauptgruppe, bzw. 15. IUPAC-Gruppe oder Stickstoffgruppe. Es ist ein silbergraues, sprödes, seltenes Halbmetall, welches dem Arsen ähnelt. Die beiden stabilen Isotope Antimon-121 und Antimon-123 sind die einzigen natürlich vorkommenden. Antimon kommt in der Natur in vielen Mineralen vor, die Produktion erfolgt hauptsächlich aus Stibnit. Der größte Produzent von Antimon ist mit Abstand die Volksrepublik China, die auch die größten Reserven des Halbmetalls besitzt. Verwendung findet Antimon in Legierungen, überwiegend mit Blei und Zinn. Auch in der Halbleitertechnik findet es Applikationen. Historische Bedeutung hat die medizinische Verwendung des Elements. Antimon ist giftig, es besteht ein Verdacht auf eine krebserregende Wirkung. Geschichte Antimon ist schon seit langer Zeit bekannt. Es sind Objekte, meist Körner oder Verzierungen aus Antimon und antimonreichen Kupferlegierungen bekannt, die im Chalkolithikum ab 4500 v. Chr. und in der Bronzezeit hergestellt wurden. Schwerpunkte dieser Funde liegen im südlichen Kaukasus, der Toskana (Italien) und in der südlichen Levante.S. Dillis, P. Degryse: The dawn and rise of antimony use in the southern Caucasus. In: Science China Earth Sciences. Band 65, Nr. 11, 2022, S. 2037–2056, .Sarah Dillis, Alicia Van Ham-Meert, Peter Leeming, Andrew Shortland, Gela Gobejishvili, Mikheil Abramishvili & Patrick Degryse: Antimony as a raw material in ancient metal and glass making: provenancing Georgian LBA metallic Sb by isotope analysis. In: STAR: Science & Technology of Archaeological Research. Band 5, Nr. 2, 2019, S. 98–112, . Ein bekanntes Objekt aus Antimon wurde 1877 von Ernest de Sarzec in Girsu ausgegraben und von Marcelin Berthelot beschrieben. Es soll sich um ein Fragment einer Vase aus der Zeit des Beginns der sumerischen Zivilisation handeln, das aus sehr reinem Antimonmetall besteht. Möglicherweise handelt es sich um natürlich vorkommendes Antimon.Jean-Dominique Bourzat: Histoire de la chimie: La saga de l’antimoine. In: L’Actualité Chimique. Band 293, 2006, S. 40–46 (online).Marcelin Berthelot: Métaux et minéraux provenant de l'antique Chaldée. Sur les origines de l'etain dans le monde ancien. In: Comptes Rendus. Band 104, 1887, S. 265–272 ().Hans Joachim Breunig, Peter Geist: Triumph-Wagen – Eine kleine Geschichte des Antimons. Cuvillier Verlag, Göttingen 2018, ISBN 978-3736-9-8843-9. Seit Mitte des 2. Jahrtausends vor Christus, wahrscheinlich seit der Regierungszeit des Pharaos Thutmosis III., wurde im Alten Ägypten Antimon in der Glasherstellung eingesetzt. Dabei dienten Calcium- und Bleiantimonat als Trübungsmittel, um opake, farbige Gläser herzustellen. Calciumantimonat ergab farblose Gläser, Bleiantimonat gelbe. Zusätzlich konnten noch Kupfer oder Cobalt hinzugegeben werden, um grüne oder blaue Gläser herzustellen.A. J. Shortland: The use and origin of antimonate colorants in early Egyptian glass. In: Archaeometry. Band 44, Nr. 4, 2002, S. 517–530, . Seit dem 4. Jahrhundert vor Christus in GriechenlandDespina Ignatiadou: Colorless glass in late classical and early hellenistic macedonia. In: Journal of Glass Studies. Band 44, 2002, S. 11–24 (). und später vor allem im Römischen Reich wurde Antimon zur Herstellung von durchsichtigem, farblosen Glas verwendet. Dabei bewirkt die Beimischung von Antimon bei der Glasherstellung eine Oxidation von Eisen und dadurch eine Entfärbung des Glases. Zudem entfernt Antimon auch gelöste Gase aus der Glasschmelze. Wahrscheinlich durch schwindende Mengen an Antimon endet die Herstellung von farblosen Glas mit Hilfe von Antimon im 4. Jahrhundert nach Christus.P. Degryse, S. N. Gonzalez, F. Vanhaecke, S. Dillis, A. Van Ham-Meert: The rise and fall of antimony: Sourcing the “colourless” in Roman glass. In: Journal of Archaeological Science: Reports. Band 53, 2024, Artikel 104344, .Anne-Isabelle Bidegaray, Karin Nys, Alberta Silvestri, Peter Cosyns, Wendy Meulebroeck, Herman Terryn, Stéphane Godet, Andrea Ceglia: 50 shades of colour: how thickness, iron redox and manganese/antimony contents influence perceived and intrinsic colour in Roman glass. In: Archaeological and Anthropological Sciences. Band 12, 2020, Artikel 109, . Antimon(III)-sulfid (Stibnit) wird traditionell mit schwarzem Schminkpuder in Verbindung gebracht, das rund um die Augen aufgebracht wird und heute als Kajal bekannt ist. Diese Tradition findet sich schon im Alten Ägypten, wird im alten Testament erwähnt und wird über das Römische Reich später vor allem in Arabien weitergeführt, wo es Kohl oder Ithmid genannt wird. Auch der islamische Prophet Mohammed soll den Gebrauch von Ithmid empfohlen haben. Das altägyptische Wort msdmt bzw. die ältere Form sdm für schwarzes Schminkmittel ist der Ursprung der lateinischen Bezeichnung stibium und des griechischen στίμμι, stimmi.Karl Lokotsch: Etymologisches Wörterbuch der europäischen (germanischen, romanischen und slavischen) Wörter orientalischen Ursprungs (= Indogermanische Bibliothek. Band 2). Carl Winter, Heidelberg 1927, S. 73, Nr. 918 (zu iṯmid).J. R. Harris: Lexicographical Studies in Ancient Egyptian Minerals. De Gruyter, 1961, ISBN 978-3-1127-0704-3, S. 174–176. Hieraus wurde etwa der Mineralname Stibnit oder das Atomsymbol Sb abgeleitet. Allerdings wurde nicht immer Antimonsulfid als Schminkpulver genutzt, so wurde in Proben, die in Ägypten ausgegraben wurden, kein Antimon, sondern vor allem verschiedene Bleiminerale wie Galenit oder Cerussit nachgewiesen.Marabel Riesmeier, Jennifer Keute, Margaret‑Ashley Veall, Daniel Borschneck, Alice Stevenson, Anna Garnett, Alice Williams, Maria Ragan, Thibaut Devièse: Recipes of Ancient Egyptian kohls more diverse than previously thought. In: Scientific Reports. Band 12, 2022, Artikel 5932, . Als Heilmittel ist Antimonsulfid seit der Antike bekannt. So beschreibt Aristoteles es als Mittel gegen Augenkrankheiten und zur Verbesserung der Sehkraft und weitere Autoren wie Aulus Cornelius Celsus, Plinius der Ältere, Pedanios Dioskurides oder Galenos nennen medizinische Anwendungen verschiedener Antimonverbindungen, etwa in der Behandlung von Wunden oder Geschwüren. Plinius beschreibt auch das Vorkommen von stibium in Silberbergwerken und unterscheidet zwischen einer männlichen, härteren und einer weiblichen, weicheren Form. Die männliche Form ist wahrscheinlich eine quarzreiche, weniger reine Form, während die weibliche reineres, glänzendes Erz ist. Die Überlieferung von Antimonverbindungen als Heilmittel wird anschließend in der arabischen und persischen Medizin von Ärzten wie Abu Mansur Muwaffaq, Rhazes oder Avicenna weitergetragen.Edmund Oskar von Lippmann: Entstehung und Ausbreitung der Alchemie. Mit einem Anhange: Zur älteren Geschichte der Metalle; ein Beitrag zur Kulturgeschichte. 3 Bände. Verlag Julius Springer, Berlin 1919 (online auf Commons). In der mittelalterlichen europäischen Literatur wird Antimon erstmals von Constantinus Africanus in der Übersetzung des Liber graduum des Ibn al-Dschazzar erwähnt. Er verwendet auch erstmals die mittellateinische Bezeichnung antimonium.Karl Lokotsch: Etymologisches Wörterbuch der europäischen (germanischen, romanischen und slavischen) Wörter orientalischen Ursprungs. 1927, S. 73, Nr. 918. Durch die Wiederentdeckung antiker Autoren und die Übersetzung arabischer Schriften verbreiteten sich Kenntnisse über die Chemie und Wirkung des Antimons in Europa und es wurde von verschiedenen Ärzten und Alchemisten untersucht und eingesetzt. Insbesondere Paracelsus führte verschiedene antimonhaltige Arzneimittel in die Therapie ein. Da gleichzeitig die Giftwirkung des Antimons bekannter wurde, entstand ein heftiger Streit zwischen Befürwortern und Gegnern der Lehren von Paracelsus („Antimonstreit“). Dieser ursprünglich nur wissenschaftlich an der Sorbonne geführte Streit weitete sich so aus, dass 1615 das Parlement de Paris zeitweise die Verwendung von antimonhaltigen Arzneimitteln verbot.Gottfried Roth: Der «Antimonstreit» und die Wiener medizinische Fakultät. In: Gesnerus. Band 20, Nr. 3–4, S. 165–169, .D. Schwarzmann-Schafhauser: Antimonstreit. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin und New York 2005, ISBN 978-3-1109-7694-6, S. 72. Ein Beispiel für eine von Paracelsus eingeführte und noch lange verwendete antimonhaltige Arznei ist der stark brechreizerregende Brechweinstein.Friedrich Dobler: Die chemische Fundierung der Heilkunde durch Theophrastus Paracelsus: Experimentelle Überprüfung seiner Antimonpräparate. In: Veröffentlichungen der Internationalen Gesellschaft für Geschichte der Pharmazie. Neue Folge, 10, 1957, S. 76–86, hier: S. 84. Im 16. und 17. Jahrhundert erweiterten sich auch die chemischen und metallurgischen Kenntnisse über Antimon. Es wurde nun genauer zwischen Antimonsulfid (in der Alchemie auch Kohl genanntAllison Coudert: Der Stein der Weisen. Die geheime Kunst der Alchemisten. (Originalausgabe: Alchemy: the Philosopher’s Stone. 1980) Lizenzausgabe. Pawlak, Herrsching 1992, ISBN 3-88199-911-6, S. 82.), metallischem Antimon, Blei, Bismut und Zinn unterschieden. Zudem konnte metallisches Antimon jetzt durch Reaktion von Antimonsulfid mit Eisen hergestellt werden. Besondere Bedeutung für die Entwicklung der Antimonchemie hatte die alchemistische Schrift „Cursus triumphalis Antimonii“ (lat. „Triumphwagen des Antimons“) des Basilius Valentinus, eine Art Monographie des Elementes, in der das Metall und verschiedene Verbindungen detailliert beschrieben werden. Valentinus gilt mitunter auch als erster, der regulus antimonii, also metallisches Antimon dargestellt hat. Woher der Name Antimon ursprünglich stammt, ist unklar und es wurden verschiedene Theorien aufgestellt. Eine ist, dass das Wort vom arabischen al-ithmid abstammt, das ins lateinische übersetzt und dabei in antimonium umgewandelt wurde. Weitere Möglichkeiten sind, dass das griechische ἄνθεμον (anthemon) für Blüte, da Stibnit häufiger in Form strahlenförmiger Kristalle vorkommt, die an Blüten erinnern, oder die Worte anti monos, gegen das Alleinsein, da das Element vorwiegend in Verbindungen und Legierungen vorkommt, der Ursprung ist. Eine eher zweifelhafte, aber populär gewordene Erklärung ist, dass Antimon vom französischen anti moines („gegen die Mönche“) abstammt. Zur Erklärung hierfür wird auf die Verwendung von Antimon als Arzneimittel oder in der Schweinemast in Klöstern verwiesen, mit dem sich die Mönche selbst vergiftet haben; und der legendäre Mönche und Alchemist Basilius Valentinus soll gar das anti-moine an seinen Klosterbrüder ausprobiert haben.Allison Coudert: Der Stein der Weisen. Die geheime Kunst der Alchemisten. (Originalausgabe: Alchemy: the Philosopher’s Stone. 1980) Lizenzausgabe. Pawlak, Herrsching 1992, ISBN 3-88199-911-6, S. 25–26. Vorkommen mini|links|Gediegenes Antimon mit gut entwickelten, glänzenden Kristallflächen und Spaltrissen Antimon ist ein selten vorkommendes Element. Da es in der Natur auch gediegen (das heißt in elementarer Form) gefunden werden kann, wird es von der International Mineralogical Association (IMA) unter der System-Nr. 1.CA.05 als Mineral anerkannt. Weltweit konnte gediegenes Antimon bisher (Stand: 2011) an rund 300 Fundorten nachgewiesen werden, so unter anderem in mehreren Regionen von Australien; in den bolivianischen Departements La Paz und Potosí; Minas Gerais in Brasilien; Schwarzwald, Fichtelgebirge, Oberpfälzer Wald, Odenwald und im Harz in Deutschland; Seinäjoki in Finnland; mehreren Regionen von Frankreich; Lombardei, Piemont, Sardinien und Trentino-Südtirol in Italien; einigen Regionen von Kanada; einigen Regionen von Österreich; Ost- und Westsibirien und Ural in Russland; neben Västmanland noch Dalarna, Gästrikland, Närke, Södermanland, Värmland und Västerbotten in Schweden; in einigen Regionen der Slowakei; Böhmen und Mähren in Tschechien sowie in vielen Regionen der USA. Eine der weltweit bedeutendsten Lagerstätten für gediegenes Antimon und Antimonerze ist der Murchison greenstone belt in der Murchison Range von Südafrika. Als Typlokalität für gediegenes Antimon gilt die Silbergrube in der schwedischen Gemeinde Sala im Västmanland. Bisher sind 264 Antimon-Minerale bekannt (Stand: 2010). Industriell genutzt wird überwiegend das Sulfid-Mineral Stibnit Sb2S3 (Grauspießglanz) mit einem Gehalt von maximal 71,7 % Sb. Das Mineral mit dem höchsten Sb-Gehalt in einer chemischen Verbindung ist die natürliche Antimon-Arsen-Legierung Paradocrasit (max. 92 %). Allerdings kommt sie mit nur drei Fundorten, im Gegensatz zum Stibnit (rund 2500 Fundorte), sehr viel seltener vor. Weitere Quellen für Antimon sind die Minerale Valentinit Sb2O3 (Weißspießglanz), Breithauptit NiSb (Antimonnickel, Nickelantimonid), Kermesit Sb2S2O (Rotspießglanz) und Sb2S5 (Goldschwefel). Förderung weltweit Im Jahr 2020 betrug die Antimonförderung weltweit 78.400 Tonnen. Der mit Abstand größte Produzent für Antimon ist China. So wurden 2020 55 % des auf der Welt geförderten Antimons dort gewonnen. Die Staaten mit der größten Förderung von Antimon sind: Land 2019 2020 Reserven (in Tonnen) 2.030 3.900 100.000 3.000 2.600 310.000 89.000 61.000 480.000 25 80 n.bek. 1 2 78.000 500 400 n.bek. 300 100 n.bek. 260.000 140 n.bek. 300 700 18.000 17 26.000 30.000 25.000 350.000 28.000 13.000 50.000 2.400 1.330 100.000 60.000 310 390 n.bek. Gesamt 162.000 111.000 >2.000.000 Gewinnung und Darstellung mini|links|Zeitliche Entwicklung der weltweiten Antimonförderung Technisch wird Antimon aus dem Antimonglanz gewonnen. Ein Verfahren beruht auf dem Abrösten und der Reduktion mit Kohlenstoff (Röstreduktionsverfahren): Eine andere Möglichkeit besteht darin, die Reduktion mit Eisen durchzuführen (Niederschlagsverfahren): Weltweit wurden zu Beginn des 21. Jahrhunderts zwischen 110.000 und 160.000 Tonnen pro Jahr an Antimon gefördert. Seit 1900 hat sich damit die Fördermenge mehr als verzehnfacht. 87 % der Antimonproduktion findet in China statt (Stand: 2015). Eigenschaften Kristallographische Daten 100px|Idealisierte Kristallform eines ditrigonalen Skalenoeders Idealisierte Kristallform eines ditrigonalen Skalenoeders. Kristallsystem trigonal – ditrigonal-skalenoedrisch Raumgruppe Gitterparameter(Elementarzelle) a = 431 pm; c = 1127 pm Zahl (Z) der Formeleinheiten Z = 6 Modifikationen Antimon kann in drei verschiedenen Modifikationen auftreten, wobei metallisches bzw. graues Antimon die beständigste Modifikation ist. Unter Normalbedingungen kristallisiert Antimon trigonal in rhomboedrischer Aufstellung in der nach der Hermann-Mauguin-Symbolik beschriebenen Raumgruppe  mit den Gitterparametern a = 431 pm und c = 1127 pm sowie sechs Formeleinheiten pro Elementarzelle. Durch Abschrecken von Antimondampf an kalten Flächen entsteht amorphes, schwarzes und sehr reaktives Antimon, welches sich durch Erhitzen wieder in metallisches Antimon umwandelt. Durch elektrolytische Herstellung entsteht explosives Antimon, das beim Ritzen explosionsartig aufglühend und funkensprühend in metallisches Antimon übergeht. Diese Form enthält jedoch immer etwas Chlor und kann nicht als Modifikation betrachtet werden. Gelbes Antimon ist ebenfalls keine eigenständige Modifikation, sondern eine hochpolymere chemische Verbindung mit Wasserstoff.Lautenschläger u. a.: Taschenbuch der Chemie. Verlag Harri Deutsch, Frankfurt am Main 2001. Physikalische Eigenschaften Metallisches Antimon ist silberweiß, stark glänzend, blättrig-grobkristallin. Es lässt sich aufgrund seiner Sprödigkeit leicht zerkleinern. Elektrische und thermische Leitfähigkeit sind gering. Chemische Eigenschaften Mit naszierendem Wasserstoff reagiert Antimon zum instabilen Antimonhydrid SbH3. Von Luft und Wasser wird Antimon bei Raumtemperatur nicht angegriffen. Oberhalb des Schmelzpunkts verbrennt es in Luft mit bläulich-weißer Flamme zu Antimon(III)-oxid. In heißen konzentrierten Mineralsäuren löst es sich auf. Mit den Halogenen reagiert es schon bei Raumtemperatur heftig zu den entsprechenden Halogeniden. In Verbindungen liegt Antimon überwiegend in den Oxidationsstufen +3 und +5 vor. In Metallantimoniden wie Kaliumantimonid K3Sb bildet es Sb3−-Ionen. Isotope Es existieren zwei stabile Antimon-Isotope: 121Sb und 123Sb. Verwendung Legierungen Der überwiegende Teil des hergestellten Antimons wird zu Legierungen verarbeitet und zeigt dabei folgende Eigenschaften: Es dient zur Härtung von Blei- und Zinnlegierungen. Im Gegensatz zu den meisten anderen Metallen dehnt es sich beim Abkühlen der Schmelze aus (infolge Umwandlung in eine andere Modifikation): Der Antimongehalt kann so eingestellt werden, dass solche Legierungen beim Abkühlen nicht schrumpfen oder sich sogar etwas ausdehnen; beim Guss presst sich das Metall dadurch beim Erstarren in alle Ecken und Winkel, so dass auch komplizierte Formen und stark gemusterte Oberflächen lunkerfrei hergestellt werden können. Wichtige Legierungen: Blei-Antimon-Legierungen: Hartblei, Letternmetall, Lagermetall, Akkumulatoren-Blei, Bleimantel für Erdkabel Zinn-Antimon-Legierungen: Britanniametall, Lagermetall Herstellung von Halbleitern, z. B. durch Dotierung von Silicium, zur Herstellung von III-V-Verbindungshalbleitern Zinn-Antimon-Kupferlegierungen (Babbitt-Metall) als Lagermetalle Zinn-Antimon-Kupfer-Bleilegierungen für Zinngeschirr und andere Gebrauchsartikel aus Zinn so genanntes Lötzinn oder Weichlot Aluminium-Antimon, Gallium-Antimon, Indium-Antimon für Infrarot- und Hall-Effekt-Geräte Schrumpffreie Antimon-Legierungen für Präzisionsguss Medizin „Antimon“ (bzw. ein aus Antimonerz gewonnenes Präparat) war bereits im Alten Ägypten (im Papyrus Ebers gegen Augengeschwüre und Augenpusteln), im Alten Rom (zum selben Zweck bei Celsus) und in Rezeptsammlungen des 15. Jahrhunderts (als Bestandteil von Heilpflastern und Salben) bekannt. Es wurde auch von Paracelsus als Bestandteil dermatologischer Präparate abgehandelt, so in de antimonio, dem ersten Traktat seines erstmals 1569 in Straßburg gedruckten Buches liber praeparationum, worin „Antimon“, etwa in Form des Mineralkermes, als wirksam gegen lepra bzw. scabies squamosa, elephantia bzw. inflatio cruris et pedum, alopetia, morphea, vulnera und ulcera beschrieben wird. Im 16. und 17. Jahrhundert wurde es zu einem (iatrochemischen) „Leitarzneimittel“, war aber – wie auch andere paracelsische Medikamente – umstritten und in Frankreich, wo sich ein hundertjährigerBouissiou: Une guerre de cent ans, la querelle de l'antimoine. In: Médecine de France. Nr. 24, 1951. „Antimonstreit“Friedrich Dobler: Die chemische Fundierung der Heilkunde durch Theophrastus Paracelsus: Experimentelle Überprüfung seiner Antimonpräparate. In: Veröffentlichungen der Internationalen Gesellschaft für Geschichte der Pharmazie, Neue Folge, 10, 1957, S. 76–86. zwischen Befürwortern und Gegnern der medizinischen Verwendung von Antimon und verschiedenen seiner Verbindungen entwickelt hat, zwischen 1615 und 1688 auch verboten.Wolf-Dieter Müller-Jahncke, Christoph Friedrich: Geschichte der Arzneimitteltherapie. Deutscher Apothekerverlag, Stuttgart 1996, ISBN 3-7692-2038-2, S. 65–66.Doris Schwarzmann-Schafhauser: Antimonstreit. In: Werner E. Gerabek u. a. (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin / New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 72. Das von Paracelsus stets mit Antimon bezeichnete Mineral war der natürlich vorkommende Grauspießglanz (Sb2S2), welcher Blei, Kupfer und Arsen enthalten kann. Das heutige metallische Antimon nannte Paracelsus hingegen „Spießglanzkönig, regulus antimonii“.Friedrich Dobler: Die chemische Fundierung der Heilkunde durch Theophrastus Paracelsus: Experimentelle Überprüfung seiner Antimonpräparate. 1957, S. 80 (Antimonium optime tritum). In der Form von Antimonpillen als Abführmittel. Im Triumphwagen Antimonii von Basilius Valentinus, hrsg. von Johann Thölde und Joachim Tancke, erstmals im Druck erschienen 1604, steht: „Nimb das Glaß, so auß der minera oder auß dem Ertz des Antimonii gemacht worden, gantz klein zerrieben, und extrahiers mit dem Essig, so da distillirt worden, und hernachmals, wenn der Essig wiederumb davon abgezogen und abgesueßt mit einem reinem Spiritu vini zum andern mahl außgezogen worden worden, so sol man dieselbe Extraction wol verschlossen pelicaniren und circuliren einen gantzen Monat, darnach mit einem sondern Handgriff ueber distilliren per se ohne einigen Zusatz, so wirst du eine lieblich suesse, wunderbare Artzeney, in der Form eines schoenen rothen Oels, ueberkommen, auß welchem weiter der Stein Ignis gemacht wird“.Udo Benzenhöfer: Johannes’ de Rupescissa „Liber de consideratione quintae essentiae omnium rerum“ deutsch. Studien zur Alchemia medica des 15. bis 17. Jahrhunderts mit kritischer Edition des Textes (= Heidelberger Studien zur Naturkunde der frühen Neuzeit. Band 1). Steiner, Wiesbaden/Stuttgart 1989, ISBN 3-515-05388-3 (Zugleich Philosophische Dissertation, Universität Heidelberg, 1988), S. 80. Brechweinstein wurde lange als brechreizerregendes Mittel verwendet (Antimonpille), heute wird es noch manchmal verwendet, um den Mageninhalt von Vögeln zu untersuchen. Sowohl Schistosomiasis als auch Trypanosomen wurden beginnend Anfang des 19. Jahrhunderts mit Brechweinstein (Kaliumantimonyltartrat) bekämpft. Brechweinstein wurde hergestellt, indem man für einen Tag Wein in einem Antimonbecher lagerte, und diesen dann austrank. Inzwischen kommen effektivere und verträglichere Medikamente zur Anwendung. Antimonpräparate (dazu gehören die schon länger bekannten Chemotherapeutika wie Fuadin, Neostibosan und SolustibosanFriedrich Dobler: Die chemische Fundierung der Heilkunde durch Theophrastus Paracelsus: Experimentelle Überprüfung seiner Antimonpräparate. 1957, S. 79.) werden meist als weniger toxische pentavalente Formen zur medikamentösen Therapie der Leishmaniose und Schistosomiasis eingesetzt, allerdings in entwickelten Ländern nicht mehr als Mittel der ersten Wahl. Hierbei hemmt Antimon das Enzym Phosphofructokinase, das den geschwindigkeitsbestimmenden Schritt der Glykolyse darstellt. Weiteres mini|Entflammendes Streichholz Bestandteil von Sprengstoffzündern und bleihaltiger Munition Antimontrisulfid in Bremsbelägen von Fahrzeugen war ca. 1826 im Zündkopf des ersten echten Streichholzes von John Walker enthalten. Seit der Erfindung der Sicherheitsstreichhölzer hat es an Bedeutung verloren und wird heute nur noch selten in Reibflächen verwendet.Alexander P. Hardt: Pyrotechnics, Pyrotechnica Publications, Post Falls Idaho USA 2001, ISBN 0-929388-06-2, S. 74 ff. Antimon(V)-sulfid: zur Herstellung (Vulkanisieren) von rotem Kautschuk (Beispiel: Labor-Gummischläuche) früher als Augenschminken und in der Augenheilkunde („Augenerweiterer“) Antimonoxide: Katalysator zur Herstellung von Polyester und PET (Antimon(III)-oxid) als Weißpigment zur Färbung von Polystyrol, Polyethylen und Polypropylen Herstellung weißer Glasuren und Fritten Läuterung von Bleiglas mit Zinn dotiert als transparent-leitfähige Beschichtung („ATO“ Antimon-Tin-Oxide), beispielsweise auf Gläsern, zur Herstellung von Displays oder in elektrisch leitfähigen Pigmenten („Minatec“), für Fußbodenbeläge zur Ableitung elektrostatischer Aufladungen. in Pigmenten („Lazerflair“) für die Laserbeschriftung von Kunststoffteilen, wegen der starken Absorption von Infrarot-Strahlung üblicher Markierungslaser (Nd:YAG). in Tarnanstrichen wegen der starken Infrarot-Absorption. als Flammschutzmittel und als Bestandteil von flammfesten und flammhemmenden Farben, Kunststoffen und Textilien für Kabelumhüllungen, Autositzbezüge, Vorhangstoffe, Kinderbekleidung u. Ä. Antimonsalze als Bestandteil von Pestiziden, Beizen und Feuerwerksartikeln Scheidemittel für Gold: Zur Ausfällung von Silber aus Goldschmelze Toxizität Antimon kann bereits bei Ingestion von 200 bis 1200 mg tödlich sein. In der Toxikologie sind drei Antimon-Formen bekannt, von denen das gasförmige Antimonhydrid (Stiban, SbH3) die gefährlichste Form ist, die eine massive Hämolyse, welche ein Nierenversagen bewirken kann, induziert. Nach der Toxizität folgt Brechweinstein mit dreiwertigem („trivalentem“) Antimon, während fünfwertiges Antimon am wenigsten toxisch ist. Das trivalente Antimon wird innerhalb der ersten zwei Stunden nach der Einnahme zu 95 % in rote Blutkörperchen aufgenommen und damit vorwiegend in stark durchbluteten Organen angereichert. Die Exkretion erfolgt vorwiegend durch Bindung an Glutathion über die Galle mit entsprechend hohem enterohepatischen Kreislauf, und nur ein geringer Teil wird über die Nieren ausgeschieden. Kaliumantimonyltartrat wird zu 90 % innerhalb des ersten Tages nach Aufnahme ausgeschieden, die übrigen 10 % aufgrund einer langsameren Eliminationskinetik über 16 Tage. Es wird vermutet, dass Antimon ähnlich wie Arsen die Funktion des Pyruvatdehydrogenase-Komplexes hemmt und somit zu einem Mangel des intrazellulären Energieträgers Adenosintriphosphat (ATP) führt. Dabei kommt es zur Bildung von Chelatkomplexen zwischen dem Antimon und Thiol-Gruppen der entsprechenden Enzyme. Im Körper wirkt es in zahlreichen Organen toxisch, so im Verdauungstrakt, in der Leber, in den Nieren, im Herz und im Zentralnervensystem. Die höchste Konzentration erreicht Antimon in der Leber, wo es zu einer Hepatitis bis hin zum Leberversagen kommen kann. Am Herzen kommt es zu EKG-Veränderungen mit Inversion und Verminderung der T-Welle und verlängertem QT-Intervall. Therapeutisch erfolgt bei einer Antimon-Vergiftung neben unterstützenden Maßnahmen wie Infusionstherapie (sowohl zum Ausgleich des Flüssigkeitsverlustes durch das Erbrechen als auch zum Schutz der Nieren), und engmaschiger Überwachung der Vitalfunktionen und des EKGs die Gabe von Aktivkohle, N-Acetylcystein als Vorläufer des Glutathions zur vermehrten Sekretion und eines Chelatbildners, z. B. Dimercaprol.Wendy Macías Konstantopoulos, Michele Burns Ewald, Daniel S. Pratt: Case 22-2012: A 34-Year-Old Man with Intractable Vomiting after Ingestion of an Unknown Substance. In: New England Journal of Medicine. Band 367, 2012, S. 259–268. Ergebnisse aus Untersuchungen deuten darauf hin, dass Antimonverbindungen Haut und Schleimhäute reizen. Diese Verbindungen lösen sich vermutlich aus Kunststoff und Textilien. Sicherheitshinweise und Grenzwerte Von den Antimonverbindungen sind seitens der EU Antimonfluorid als giftig (T) und die Chloride als ätzend (C) eingestuft, außerdem als umweltgefährlich (N); alle anderen Antimonverbindungen als gesundheitsschädlich (Xn) und umweltgefährlich (N). Antimon selbst ist dort nicht aufgeführt, laut Sicherheitsdatenblatt ist es als reizend gekennzeichnet. Die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC) stuft Antimon(III)-oxid als möglicherweise krebserzeugende Substanz ein. In der EU gilt für Trinkwasser ein Grenzwert von 5 µg/l. Untersuchungen von in PET-Flaschen abgefüllten Fruchtsäften (für die keine Richtlinien existieren) ergaben Antimonkonzentrationen bis zu 44,7 µg/l in unverdünnten Saftkonzentraten. Antimon wurde 2016 von der EU gemäß der Verordnung (EG) Nr. 1907/2006 (REACH) im Rahmen der Stoffbewertung in den fortlaufenden Aktionsplan der Gemeinschaft (CoRAP) aufgenommen. Hierbei werden die Auswirkungen des Stoffs auf die menschliche Gesundheit bzw. die Umwelt neu bewertet und ggf. Folgemaßnahmen eingeleitet. Ursächlich für die Aufnahme von Antimon waren die Besorgnisse bezüglich Exposition von Arbeitnehmern, hoher (aggregierter) Tonnage, hohes Risikoverhältnis (Risk Characterisation Ratio, RCR) und weit verbreiteter Verwendung sowie der möglichen Gefahr durch krebsauslösende Eigenschaften. Die Neubewertung läuft seit 2018 und wird von Deutschland durchgeführt. Nachweis mini|hochkant=0.5|Flammen­färbung von Antimon Vorproben: Flammenfärbung: Flamme fahlblau, wenig charakteristische Phosphorsalzperle: Farblos (gestört durch alle Elemente, die eine farbige Perle erzeugen) Nachweisreaktion: Reduktion durch unedle Metalle, zum Beispiel Eisen, Zink oder Zinn. In nicht zu sauren Lösungen reduzieren unedle Metalle Antimon-Kationen Sb(III), Sb(V) und Sb(III)/(V) zu metallischem Antimon: 2 Sb^3+ + 3 Fe -> 2 Sb +3 Fe^2+ Die auf Antimon zu prüfende Substanz wird in salzsaure Lösung gegeben und mit Eisenpulver versetzt. Es entsteht ein schwarzer, flockiger Niederschlag aus metallischem Antimon in der Lösung oder direkt am Eisen. Auch der Nachweis an einem Eisennagel ist möglich. Dabei ist eine schwarze Ablagerung am Nagel ein Nachweis für Antimon, welches sich hier elementar niedergeschlagen hat. Die Marshsche Probe gestattet einen eindeutigen Nachweis von Antimon. Wenn die pyrolytisch abgeschiedene Substanz (dunkel glänzender Spiegel) sich nicht in ammoniakalischem Wasserstoffperoxid löst, sind Arsen und Germanium als mögliche Alternativen ausgeschlossen. Die hochempfindliche Bestimmung winziger Antimonspuren erfolgt durch die Hydridtechnik der Atomspektrometrie. Hierbei wird im Prinzip die Marshsche Probe mit der Atomabsorptionsspektrometrie gekoppelt. Die Matrixeffekte der Probelösung lassen sich dadurch sehr wirksam unterdrücken. Eine weitere Methode besteht darin, eine wässrige Lösung, in der Antimonionen enthalten sind, mit Rhodamin-B-Lösung zu versetzen. Es bildet sich ein farbiger Komplex, der mit Isopropylether extrahierbar ist. Dieser Nachweis ist allerdings recht unspezifisch, da auch Gold-, Cadmium-, Gallium, Thallium-, Uran- und Wolfram-ionen farbige Komplexe bilden. Verbindungen Antimonwasserstoff, auch Monostiban SbH3 genannt.Giftiges Gas, das sich aus Antimon und einwirkenden Säuren bildet. Distiban (Sb2H4) Halogenverbindungen Antimon(V)-fluorid (SbF5) bildet (nach VSEPR) eine quadratische Pyramide aus und hybridisiert dabei zu sp3d Antimon(V)-chlorid (SbCl5) Antimon(III)-fluorid (SbF3) Antimon(III)-chlorid (SbCl3) Antimon(III)-bromid (SbBr3) Antimon(III)-iodid (SbI3) Sauerstoffverbindungen Antimon(III)-oxid (Antimontrioxid, Sb2O3), das in der Natur vorkommt und das beim Verbrennen von Antimon an der Luft entsteht Antimon(III,V)-oxid (Antimontetroxid, Sb2O4), wird ebenfalls in der Natur aufgefunden und entsteht beim Erhitzen von Sb2O3 Antimon(V)-oxid (Antimonpentaoxid, Sb2O5) Es existieren Salze, die sich von der hypothetischen wasserreichen Form der antimonigen Säure HSb(OH)4 ableiten. Die antimonige Säure selbst, das Antimontrihydroxid (H3SbO3/Sb(OH)3), ist nicht isolierbar. Es wirkt aufgrund der Reaktion Sb(OH)3 + H2O -> Sb(OH)4- + H+ als schwache Säure (pKS = 11). Es ist amphoter und kann auch als sehr schwache Base wirken (Sb(OH)3 -> SbO+ + OH- + H2O ) Antimonsäure (HSb(OH)6) Schwefelverbindungen Antimontrisulfid, auch Antimonglanz genannt (Sb2S3)Grauschwarze, metallisch glänzende Stängel. Ausgangsstoff zur Herstellung metallischen Antimons. Löslich in starken Säuren. Verwendung für Streichhölzer, Rubingläser und Tarnanstriche (Reflexion von IR-Licht). Antimonpentasulfid, früher als Goldschwefel bezeichnet (Sb2S5) Sonstige Verbindungen Antimon(V)-chloridfluorid (SbCl4F) (Katalysator für die Herstellung von Polytetrafluorethylen [„Teflon“]) Aluminiumantimonid (AlSb) Galliumantimonid (GaSb) Indiumantimonid (InSb) Kaliumdihydrogenpyroantimonat (K2H2Sb2O7) Literatur Willem Frans Daems: Stimmi – Stibium – Antimon. Eine substanzhistorische Betrachtung. (= Weleda-Schriftenreihe. 9). Arlesheim/Schwäbisch Gmünd 1976. Ulrich Trense: Das Antimon und seine Verbindungen, ihre medizinische Bedeutung im 16. und 17. Jahrhundert (= Arbeiten der Forschungsstelle des Instituts für Geschichte der Medizin der Universität zu Köln. Band 34). Medizinische Dissertation Köln 1985. Weblinks Mineralienatlas:Antimon (Wiki) Chemie im Alltag: Mozart – Opfer einer Antimonvergiftung? Einzelnachweise Kategorie:Grandfathered Mineral Kategorie:Trigonales Kristallsystem Kategorie:Elemente (Mineralklasse) Kategorie:Beschränkter Stoff nach REACH-Anhang XVII, Eintrag 75
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Binding (1867–1938), D Ida Bindschedler (1854–1919), CH Jon Bing (1944–2014), NO Horst Bingel (1933–2008), D Ludwig Binswanger (1881–1966), CH Ilse Bintig (1924–2014), D Adolfo Bioy Casares (1914–1999), ARG Thomas Birch (1705–1766), GB Charlotte Birch-Pfeiffer (1800–1868), D Sigmund von Birken (1626–1681), D Norman Birnbaum (1926–2019), US Rita Bischof (* 1948), D Eugen Biser (1918–2014), D Anne Bishop (* 1950), US Elizabeth Bishop (1911–1979), US Urs Bitterli (1935–2021), CH Roswitha Bitterlich (1920–2015), AT Wolfgang Bittner (* 1941), D Bj Bjørnstjerne Bjørnson (1832–1910), NO Ketil Bjørnstad (* 1952), NO Bl William Black (1841–1898), GB Marie-Claire Blais (1939–2021), CA Michael Blake (1945–2015), US William Blake (1757–1827), GB Günter Blamberger (* 1951), D Maurice Blanchot (1907–2003), FR Richard Blank (1939–2022), D Philippe Blasband (* 1964), IR (Iraner) Ernst Blass (1890–1939), D Lena Blaudez (* 1958), D James Blaylock (* 1950), US Manfred Blechschmidt (1923–2015), D Lucy Jane Bledsoe (* 1957); US Karl Bleibtreu (1859–1928), D Detlef Bernd Blettenberg (* 1949), D Hans Peter Bleuel (1936–2023), D Nico Bleutge (* 1972), D Tania Blixen (1885–1962), DK Detlef Blöcher (1953), D Alexander Blok (1880–1921), RU Anton Blok (1935–2024), NL Jan Blokker (1927–2010), NL Philipp Blom (* 1970), D Harold Bloom (1930–2019), US Hans Blüher (1888–1955), D Peter Blum (1925–1990), GB Ruth Blum (1913–1975), D Hans Friedrich Blunck (1888–1961), D Edmund Blunden (1896–1974), GB Giles Blunt (* 1952), CAN Wilfrid Scawen Blunt (1840–1922), GB Robert Bly (1926–2021), US Enid Blyton (1900–1968), GB Bo Boa–Bon Bo Yang (1920–2008), TW Augusto Boal (1931–2009), BR Norberto Bobbio (1909–2004), IT Robert Bober (* 1931), FR Johannes Bobrowski (1917–1965), D Giovanni Boccaccio (1313–1375), IT Manfred Böckl (* 1948), D Walter Bockmayer (1948–2014), D Jean Bodel (1165 [?]–1209 [?]), FR Manfred Boden (* 1938), D Friedrich von Bodenstedt (1819–1892), D Johann Jakob Bodmer (1698–1683), D Henning Boëtius (1939–2022), D Dirk Bogarde (1921–1999), GB Helene Böhlau (1859–1940), D Gerhard Bohlmann (1878–1944), D Gernot Böhme (1937–2022), D Herbert Böhme (1907–1971), D Jacob Böhme (1575–1624), D Martin Böhme (1557–1622), D Karl Heinz Bohrer (1932–2021), D August Bohse (1661–1742), D Matteo Maria Boiardo (1441–1494), IT Heinrich Christian Boie (1744–1806), D Nicolas Boileau (1636–1711), FR Roberto Bolaño (1953–2003), RCH (Chilene) Klaus Böldl (* 1964), D Dermot Bolger (* 1959), IRL Annemarie Böll (1910–2004), D Heinrich Böll (1917–1985), D René Böll (* 1948), D Jean Bollack (1923–2012), FR Klaus Bölling (1928–2014), D Barbara Bollwahn (1964–2018), D Wilhelm Bölsche (1861–1939), D Sharon Bolton (* 1960), GB Ludwig Boltzmann (1844–1906), AT Norbert Bolz (* 1953), D Horatius Bonar (1808–1889), GB Bonaventura von Bagnoregio (1221–1274), IT Giuseppe Bonaviri (1924–2009), IT Nelson Slade Bond (1908–2006), US François Bondy (1915–2003), CH Achille Bonito Oliva (* 1939), IT Abel Bonnard (1883–1968), FR Marie-Jo Bonnet (* 1949), FR Rolf Bönnen (* 1954), D Waldemar Bonsels (1881–1952), D Bop–Boz Rudolf Borchardt (1877–1945), D Elisabeth Borchers (1926–2013), D Wolfgang Borchert (1921–1947), D Jorge Luis Borges (1899–1986), RA (Argentinier) Barrie Jean Borich (* 1959), USA Nicolas Born (1937–1979), D Ludwig Börne (1768–1837), D Ernst Bornemann (1915–1995), D Simon Borowiak (* 1964 als Simone Borowiak), D Tadeusz Borowski (1922–1951), PL Kay Borowsky (* 1943), D Gerd Bosbach (* 1953), D Juan Bosch (1909–2001), DOM Harry Böseke (1950–2015), D Alfredo Bosi (1936–2021), BR Hermann Bossdorf (1877–1921), D Jakob Bosshart (1862–1924), CH Rolf Bossi (1923–2015), D Nora Bossong (* 1982), D Shmuley Boteach (* 1966), US Pierre Bottero (1964–2009), FR António Botto (1897–1959), PT Alain de Botton (* 1969), CH / GB Michel Marc Bouchard (* 1958), CAN Pierre Boulle (1912–1994), FR Anthony Bourdain (1956–2018), US Pierre Bourdieu (1930–2002), FR Madeleine Bourdouxhe (1906–1996), BE Emmanuel Bove (1898–1945), FR Silvia Bovenschen (1946–2017), D Margret Boveri (1900–1975), D Elizabeth Bowen (1899–1973), IRL/GB Marjorie Bowen (1885–1952), GB Patrick Gillman Bowen (1882–1940), IRL Elisabeth Bowers (* 1949), CA Richard Bowes (1944–2023), US Jane Bowles (1917–1973), US Paul Bowles (1910–1999), US Malcolm Boyd (1923–2015), US Karin Boye (1900–1941), SE Kay Boyle (1902–1992), US T. C. Boyle (* 1948), US John Boyne (* 1971), IRL Johannes Wilhelm Boysen (1834–1870), D Br Bra Hans-Peter Brachmanski (* 1957), D Leigh Brackett (1915–1978), US Ray Bradbury (1920–2012), US Scott Bradfield (* 1955), US Barbara Taylor Bradford (1933–2024), GB Marion Zimmer Bradley (1930–1999), US Gillian Bradshaw (* 1956), US John Bradshaw (1933–2016), US Kazys Bradūnas (1917–2009), LT Harald Braem (* 1944), D John Braine (1922–1986), GB Valentino Braitenberg (1926–2011), IT Ulrich Bräker (1735–1798), CH Christopher Bram (* 1952), US Ariane Braml (1969–2021), CH Dana Brandt (* 1976), D Kurt Brand (1914–1991), D Lars Brandt (* 1951), D Peter Brandt (* 1948), D Rut Brandt (1920–2006), NO/D Willy Brandt (1913–1992), D Fred Branfman (1942–2014), US Gerhard Branstner (1927–2008), D Beth Brant (1941–2015), CAN Sebastian Brant (1457–1521), D Thomas Brasch (1945–2001), D Anneke Brassinga (* 1948), NL Felix Braun (1885–1973), AT Joachim Braun (* 1960), D Lily Braun (1865–1916), D Michael Braun (1958–2022), D Peter Braun (1960–2016), D Volker Braun (* 1939), D Herbert Bräutigam (1927–2020), D Richard Brautigan (1935–1984), US Leo Brawand (1924–2009), D Alan Bray (1948–2001), GB Bre Beat Brechbühl (* 1939), CH Bertolt Brecht (1898–1956), D Stefan Brecht (1924–2009), US Magnus Brechtken (* 1964), D Friedrich Breckling (1629–1711), D Ilse von Bredow (1922–2014), D Alfred Brehm (1829–1884), D Bruno Brehm (1892–1974), AT Christian Brehme (1613–1667), D Olaf Breidbach (1957–2014), D Joseph Breitbach (1903–1980), D / FR Irmela Brender (1935–2017), D Christopher Brennan (1870–1932), AU Herbie Brennan (1940–2024), IRL Maeve Brennan (1917–1993), IRL / US Robert Brennan (1881–1964), IRL Heinz Brenner (1900–1981), D Helmut Brennicke (1918–2005), D Madeleine Brent (= Peter O’Donnell, 1920–2010), GB Bernard von Brentano (1901–1964), D Clemens Brentano (1778–1842), D Friedrich Christian Bressand (1670–1699), D André Breton (1896–1966), FR Brian Brett (1950–2024), CAN Lily Brett (* 1946), AU / US Dieter Breuers (1935–2015), D Breyten Breytenbach (1939–2024), ZA / FR Bri–Bry Patricia Briggs (* 1965), US Jean Anthelme Brillat-Savarin (1755–1826), FR John Brinckman (1814–1870), D André Brink (1935–2015), ZA Rolf Dieter Brinkmann (1940–1975), D Gwen Bristow (1903–1980), US Kristen Britain, US Georg Britting (1891–1964), D Andrew Britton (1981–2008), US Hermann Broch (1886–1951), AT Barthold Heinrich Brockes (1680–1747), D Stefan Brockhoff (Sammelpseudonym), D Max Brod (1884–1968), CZ Roland Brodbeck (* 1966), CH Harold Brodkey (1930–1996), US Joseph Brodsky (1940–1996), RU / US Karl Bröger (1886–1944), D Louis Bromfield (1896–1956), US E. M. Broner (1927–2011), US Urie Bronfenbrenner (1917–2005), US Władysław Broniewski (1897–1962), PL Arnolt Bronnen (1895–1959), AT Anne Brontë (1820–1849), GB Branwell Brontë (1817–1848) GB Charlotte Brontë (1816–1855), GB Emily Brontë (1818–1848), GB Rupert Brooke (1887–1915), GB Anita Brookner (1928–2016), GB Gwendolyn Brooks (1917–2000), US Jeroen Brouwers (1940–2022), NL Dan Brown (* 1964), US Fredric Brown (1906–1972), US George Mackay Brown (1921–1996), GB Jericho Brown (* 1976), US Rita Mae Brown (* 1944), US Sandra Brown (* 1948), US Sharon Brown (* 1946), CAN John Ross Browne (1817–1875), US Moses Browne (1704–1787) GB Elizabeth Barrett Browning (1806–1861), GB Robert Browning (1812–1889), GB Sylvia Brownrigg (* 1964), US Christine Brückner (1921–1996), D Ferdinand Bruckner (1891–1958), AT / D Pascal Bruckner (* 1948), FR Peter Brückner (1922–1982), D Ken Bruen (1951–2025), IRL Caspar Brülow (1585–1627), D Micha Brumlik (1947–2025), CH / D Herbert Bruna (1926–2013), D Jerome Bruner (1915–2016), US Marcus Brühl (1975–2015), D Elfriede Brüning (1910–2014), D Marianne Bruns (1897–1994), D Günter de Bruyn (1926–2020), D William C. Bryant (1794–1878), US Bryher alias Annie Winifred Ellermann (1894–1983), GB Ernest Bryll (1935–2024), PL Bill Bryson (* 1951), US Bu Dionis Bubani (1926–2006), AL Martin Buber (1878–1965), IL Jorge Bucay (* 1949), AR Hans Christoph Buch (* 1944), D Angus Buchanan (1886–1954), GB August Buchner (1591–1661), D Georg Büchner (1813–1837), D Andreas Heinrich Bucholtz (1607–1671), D Pearl S. Buck (1892–1973), US Theo Buck (1930–2019), D Algis Budrys (1931–2008), US Hans-Christian Bues (* 1948), D Gesualdo Bufalino (1920–1996), IT Jakob Bührer (1882–1975), AT Charles Bukowski (1920–1994), US Michail Bulgakow (1891–1940), RUS Vern Leroy Bullough (1928–2006), US Kenneth Bulmer (1921–2005), GB Iwan Bunin (1870–1953), RUS Hans Bunje (1923–2008), D Karl Bunje (1897–1985), D Ruth Bunkenburg (1922–2015), D Joseph Hans Bunzel (1907–1975), A/USA Avraham Burg (* 1955), IL Gottfried August Bürger (1747–1794), D Hermann Burger (1942–1989), CH Anthony Burgess (1917–1993), GB Michael Burk (* 1924), D Erika Burkart (1922–2010), CH Kemal Burkay (* 1937), TR Jan Burke (* 1953), US Walter Burkert (1931–2015), D Florian Burkhardt (* 1974), CH Werner Burkhardt (1928–2008), D Robert Bürkner (1887–1962), D Michael Burleigh (* 1955), GB James MacGregor Burns (1918–2014), US John Horne Burns (1916–1953), US Robert Burns (1759–1796), GB Stanley Burnshaw (1906–2005), US John Burnside (1955–2024), GB Andreas Buro (1928–2016), D William S. 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Cadrage (Film)
Cadrage (von französisch le cadre, der Rahmen), im Deutschen auch Kadrage, im Englischen framing, ist ein filmwissenschaftlicher Begriff, der die Auswahl des Bildausschnitts beschreibt. Das Bildfeld, das vom Bildformat eingeschlossen ist, heißt Kader, der Rahmen des Bildausschnitts Kadrierung. Die Begriffe werden häufig synonym verwendet. Vom Begriff Cadrage ist der Begriff Einstellungsgröße zu unterscheiden. Die Cadrage bestimmt in der Planung einer Einstellung die Platzierung und Bewegung von Gegenständen und Personen innerhalb des vom Filmformat festgelegten Rahmens sowie die bildkompositorische Umsetzung der unbeweglichen dreidimensionalen Umgebung für das zweidimensionale Bild. Mittels eines dem Filmformat entsprechenden optischen Suchers (engl.: Viewfinder) planen viele Regisseure den später im Film sichtbaren Bildbereich vor. Die Cadrage setzt die optischen Bildschwerpunkte und entspricht nicht zwangsläufig dem natürlichen Blick: Durch Raumnutzung, Lichtsetzung, Objektivwahl und andere Einflussnahmen können verzerrte Größenverhältnisse oder optische Detailbetonungen erzielt werden. Eine unausgesprochene Vereinbarung zwischen Filmemacher und Filmrezipient ist, dass der filmisch gezeigte Raum außerhalb des sichtbaren Bereichs „weitergeht“. Im Normalfall geht der Zuschauer davon aus, dass er alle wichtigen Informationen im Bildausschnitt gezeigt bekommt. Das Geschehen außerhalb dieses Ausschnitts, also Off camera, ist von ihm nicht kontrollierbar und damit verunsichernd. Diese Wirkung visuell vorenthaltener Informationen machen sich manche Regisseure als Stilmittel zu Nutze, etwa Alfred Hitchcock in vielen seiner Filme. Ziel des klassischen Hollywood-Kinos war es, nicht nur den Schnitt „unsichtbar“ zu machen, sondern auch die Begrenzung des Bildraums möglichst unauffällig und selbstverständlich zu gestalten. Daher fand Aktion häufig im Bildzentrum statt; die Randbereiche blieben oft rein dekorativ. Nach dem Ende der klassischen Hollywood-Ära wurde die Raumpräsentation für den Zuschauer komplexer: Die Einheitlichkeit der im Kopf des Zusehers entstehenden Gesamtsituation wurde als Illusionskonstrukt durch unterschiedlichste Filmtechniken befördert, etwa durch Schauspielerblicke ins Off, Reihung von Einzelperspektiven im Schnitt, subjektive Einstellungen mit sich bewegender Kamera, Raumillusion im Ton und vieles mehr. Siehe auch Mise en Cadre Cropping – das Beschneiden der Bildränder Literatur Jürgen Kühnel: Einführung in die Filmanalyse. Teil 1: Die Zeichen des Films. Reihe Medienwissenschaften, Band 4. Universi, Siegen, 3. Auflage 2008. ISBN 978-3-936-53313-2 (Cadrage: S. 87–155) Knut Hickethier: Film- und Fernsehanalyse. Metzler, Stuttgart, 4., aktualis. u. erw. Auflage 2007. ISBN 978-3-476-02186-1 Kategorie:Filmtechnik Kategorie:Videotechnik Kategorie:Filmwissenschaft
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Kanton Basel-Landschaft
mini|Logo des Kantons Basel-Landschaft Basel-Landschaft (Kürzel BL; inoffiziell meist Baselland oder das Baselbiet genannt, , , ) ist ein Kanton der Schweiz. Er zählt zum Wirtschaftsraum Nordwestschweiz und zur Metropolregion Basel. Der Hauptort ist Liestal, der einwohnerstärkste Ort hingegen Allschwil an der Kantonsgrenze zu Basel. Das Kantonsgebiet reicht von Vorstadtgemeinden um die Stadt Basel im Norden über kleinstädtische Strukturen rund um den Kantonshauptort Liestal bis zu grossen Wald- und Gebirgsflächen in den Juratälern im Süden. Der Kanton grenzt im Westen an Frankreich, im Norden an den Kanton Basel-Stadt und an Deutschland, im Osten an den Kanton Aargau und im Süden an den Kanton Solothurn. Im Südwesten folgt die Kantonsgrenze zum Kanton Jura zudem grösstenteils der französisch-deutschen Sprachgrenze der Schweiz. Geographie Höchste Erhebung: Hinteri Egg ()Karte Swisstopo Tiefster Punkt: Mündung der Birs in den Rhein () Der Kanton befindet sich im Nordwesten der Schweiz. Mit Ausnahme weniger Ortschaften umfasst er sämtliche Gemeinden des Laufentals entlang der Birs, das Birseck und das untere Leimental (Unterbaselbiet) sowie die Gemeinden entlang der Ergolz und ihrer Zuflüsse (Oberbaselbiet). Die geographische Form des Kantons ist besonders wegen der Lage des benachbarten solothurnischen Schwarzbubenlands «unregelmässig», die Kantonsgrenze durchquert auch mehrere städtische Agglomerationen einer Stadt, die nicht selbst im Kanton liegt, und berührt zwei andere Staaten. Flächenmässig gehört er zu den kleineren Kantonen der Schweiz (Platz 18 von 26). Aufgrund seiner dichten Besiedlung liegt er jedoch im Einwohnerrang auf Platz 10. Die Trennung des Standes Basel in die zwei «Halbkantone» Basel-Stadt und Basel-Landschaft erfolgte im Jahr 1833 (siehe unten Geschichte). Der Kanton Basel-Landschaft grenzt im Osten und Nordosten an den Kanton Aargau sowie an den Rhein, der die Landesgrenze zu Deutschland bildet. Des Weiteren grenzt im Norden der Kanton Basel-Stadt an. Im weiteren Verlauf folgt dann im Nordwesten die Landesgrenze zu Frankreich. Im Süden grenzt er an das Mutterland des Kantons Solothurn, von dem einige Exklaven westlich an den Kanton Basel-Landschaft grenzen. Im äussersten Südwesten verläuft die Grenze zum Kanton Jura. Die Ausdehnung des Kantons wird in seiner inoffiziellen Hymne, dem Baselbieterlied, thematisiert. Wappen Das Wappen des Kantons zeigt einen roten Hirtenstab (Baselstab). Auf der Biegung des Stabs befinden sich sieben Ausstülpungen, welche in Versionen vor dem 10. März 1948 als sieben Kugeln den Stab noch nicht berührten. Eine heraldische Besonderheit ist die Linkswendung des Stabes, also von der Fahnenstange weg. Diese Abwendung von der Fahnenstange symbolisiert die Abwendung vom Kanton Basel-Stadt und hebt die Unabhängigkeit hervor. Das Wappen entstammt dem Stadtwappen von Liestal. Um die beiden Wappen besser unterscheiden zu können, wurde die rote Umrandung entfernt. Bevölkerung Per 30. September 2023 überschritt die Einwohnerzahl des Kantons Basel-Landschaft erstmals die Marke von 300'000 und stieg bis 30. September 2024 auf 302'984.https://statistik.bl.ch/web_portal/1 Wohnbevölkerung stand 30. September 2024. Die Bevölkerungsdichte liegt mit 585 Einwohnern pro Quadratkilometer annähernd bei dem Dreifachen des Schweizer Durchschnitts ( Einwohner pro Quadratkilometer). Der Ausländeranteil (gemeldete Einwohner ohne Schweizer Bürgerrecht) bezifferte sich am 30. September 2024 auf 25,9 Prozent, während landesweit  Prozent Ausländer registriert waren.https://statistik.bl.ch/web_portal/1 Ausländeranteil im Kanton Basel-Land per 30. Juni 2023. Per betrug die Arbeitslosenquote  Prozent gegenüber  Prozent auf eidgenössischer Ebene. Sprache Amtssprache des Kantons und seiner Gemeinden ist Deutsch. Alle Kantons- und Gemeindebehörden sind jedoch verpflichtet, Eingaben auch in einer anderen Amtssprache des Bundes entgegenzunehmen. Verkehrssprache ist Schweizerdeutsch in zwei Ausprägungen: In Stadtnähe entspricht das Idiom weitgehend dem niederalemannischen Baseldeutsch der Stadt Basel, während im Oberbaselbiet und im Laufental hochalemannische Dialekte gesprochen werden. Alle im Kanton gesprochenen Varianten gehören jedoch dem Nordwestschweizerdeutschen an, das sich durch eine konsequente Dehnung der kurzen mittelhochdeutschen Vokale in offener Silbe (etwa mhd. baden [] > bl. baade [] ‹baden›, mhd. siben [] > bl. sììbe [] ‹sieben›, mhd. stuben [] > bl. Stùùbe [] ‹Stube›) sowie durch die sogenannte Extremverdumpfung von mittelhochdeutschem langem /a:/ (etwa mhd. strâʒʒe [] > bl. Strooss [] ‹Strasse›) auszeichnet.Für Einzelheiten siehe den Sprachatlas der deutschen Schweiz sowie Hans Peter Muster, Beatrice Bürkli Flaig: Baselbieter Wörterbuch, Christoph Merian Verlag, Basel 2001 (Grammatiken und Wörterbücher des Schweizerdeutschen XIV) [Letzteres mit einer leicht verständlichen Charakterisierung der beiden Baselbieter Mundarttypen]. Im äussersten Westen fällt die Kantonsgrenze teilweise mit der traditionellen französisch-deutschen Sprachgrenze zusammen. Sprachgrenzgemeinden sind Roggenburg und Liesberg. Im Nordwesten grenzt der Kanton an die historisch deutschsprachige respektive elsässischsprachige Region Elsass, in dem jedoch Französisch ebenfalls Amts- und Verkehrssprache ist und somit neben der angrenzenden Westschweiz auch einen weiteren Bezugspunkt zur französischen Sprache und Kultur darstellt. mini|hochkant|Der Arlesheimer Dom (1681) in der Formensprache des Barocks, ehemaliger Sitz des Domkapitels des Bistums Basel Religionen – Konfessionen Von der gesamten Wohnbevölkerung des Kantons Basel-Landschaft waren per 31. Dezember 2024 24,1 % (72'946 Einwohner) Mitglied der Evangelisch-reformierten Kirche des Kantons Basel-Landschaft, 20,1 % (60'823 Einwohner) gehörten der römisch-katholischen Kirche an und 55,9 % (169'516) waren Konfessionslose oder gehörten andere Glaubensgemeinschaften an (100 %: 303'285 Einwohner). Seit der Volkszählung 2000 liegen (abgesehen von den drei Landeskirchen) für die Gesamtbevölkerung des Kantons Basel-Landschaft keine genauen Mitgliederzahlen zu den verschiedenen Religionsgemeinschaften mehr vor. Das Bundesamt für Statistik führt jedoch Stichprobenerhebungen durchSeit 2010 basieren die Daten des Bundesamts für Statistik zu den Religionsgemeinschaften im Kanton Basel-Landschaft auf einer Stichprobenerhebung, für welche Personen ab dem Alter von 15 Jahren befragt werden. Es gilt zu beachten, dass die Resultate der Erhebungen ein Vertrauensintervall aufweisen. (Siehe auch Volkszählung in der Schweiz#Strukturerhebung.) Seit der letzten Volkszählung im Jahr 2000 liegen keine Zahlen zur Religionszugehörigkeit der Gesamtbevölkerung (jeden Alters) des Kantons Basel-Landschaft mehr vor. Eine Ausnahme bilden die römisch-katholische, die evangelisch-reformierte Kirche und die christkatholischen Kirche (Landeskirchen), deren Mitglieder aufgrund der Kirchensteuer amtlich registriert werden., bei welchen auch andere Religionsgemeinschaften im Kanton erfasst werden. Bei der Stichprobenerhebung von 2017 gaben 30,2 % der Befragten ab 15 Jahren im Kanton Basel-Landschaft an, keiner Kirche oder Religionsgemeinschaft anzugehören. Zudem zeigte die Befragung, dass von den Schweizerbürgern im Kanton Basel-Landschaft ab 15 Jahren eine Mehrheit von 66,5 % einer christlichen Kirche angehört. Bei der Kantonsbevölkerung ab 15 Jahren mit ausländischem Pass stellt keine einzelne Religionsgemeinschaft die Mehrheit: 41,6 % sind Mitglied einer christlichen Kirche, und eine grössere Minderheit von 17,9 % gehört der islamischen Gemeinschaft an. + Bevölkerung ab 15 Jahren im Kanton Basel-Landschaft nach Religion und Staatsangehörigkeit/Herkunft, 2017 (Angaben in Prozent) Religion TotalderBefragten Schweizer Staats-angehörigkeit Schweizer ohne Migrations-hintergrund Schweizer mit Migrations-hintergrund Ausländische Staats-angehörigkeit Christentum 61,1 66,5 70,5 48,9 41,6 – Evangelisch-reformierte Kirche des Kantons Basel-Landschaft 30,0 36,6 41,5 14,2 6,1 – römisch-katholische Kirche 25,6 25,0 24,8 26,5 27,9 – andere christliche Kirchen 5,5 4,9 4,2 8,2 7,6 andere Religionen 7,5 3,5 0,5 16,4 21,6 – Islam 5,6 2,2 0,2 11,3 17,9 – Judentum 0,2 0,2 <0,1 0,5 <0,1 – übrige Religionen 1,7 1,1 0,3 4,6 3,7 konfessionslos* 30,2 29,0 27,9 33,6 34,7 unbekannt/keine Angabe 1,1 1,0 1,0 1,1 2,0*Atheisten, Agnostiker oder Gläubige ohne Zugehörigkeit zu einer Kirche/Religionsgemeinschaft. Traditionelle Konfession in den vor 1798 zur Stadt Basel gehörenden Teilen des Baselbiets – die heutigen Bezirke Liestal, Sissach und Waldenburg sowie einzelne Gemeinden im heutigen Bezirk Arlesheim – ist die reformierte; traditionelle Konfession des Laufentals, des hinteren Leimentals und des Birsecks, die bis 1798 zum Fürstbistum Basel gehörten, ist die katholische. Verfassung und Politik Die gegenwärtige Verfassung des Kantons Basel-Landschaft datiert vom 17. Mai 1984 (mit seitherigen Änderungen). Legislative Im Parlament des Kantons Basel-Landschaft, dem Landrat, haben 90 Volksvertreter (Landräte) Einsitz. Wahlen zum Landrat finden alle vier Jahre gemäss Verhältniswahlrecht (Proporz) statt. Er kann nicht vorzeitig aufgelöst werden. Das unten stehende Diagramm zeigt die momentane Sitzverteilung des Landrates (Stand 12. Februar 2023). Partei Prozent Sitze Sitzverteilung Wähleranteil in Prozent Schweizerische Volkspartei (SVP) 22,9 21 Sozialdemokratische Partei der Schweiz (SP) 22,0 20 FDP.Die Liberalen (FDP) 18,0 17 Grüne Partei der Schweiz (GPS) 12,5 12 Die Mitte 10,9 10 Grünliberale Partei (GLP) 8,4 6 Evangelische Volkspartei (EVP) 5,2 4 Politisch gesehen ist das Oberbaselbiet konservativer als der untere Kantonsteil. Das Volk ist nicht nur über seine Abgeordneten, sondern auch direkt an der Gesetzgebung beteiligt: Verfassungsänderungen sowie Gesetzeserlasse, die der Landrat mit weniger als vier Fünfteln der anwesenden Mitglieder erlässt, unterstehen zwingend der Volksabstimmung (obligatorisches Referendum). Deutlicher angenommene Erlasse sowie Beschlüsse über neue einmalige Ausgaben von mehr als 500'000 Franken oder über neue jährlich wiederkehrende Ausgaben von mehr als 50'000 Franken unterstehen dann der Volksabstimmung, wenn es von 1500 Wahlberechtigten verlangt wird (fakultatives Referendum). 1500 Stimmberechtigte können überdies innert zweier Jahre den Erlass, die Änderung oder die Aufhebung eines Gesetzes oder der Verfassung beantragen, worauf es zu einer Volksabstimmung kommt (Volksinitiative) – es sei denn, eine Gesetzesinitiative werde zugunsten eines im Landrat breit abgestützten Alternativvorschlags zurückgezogen. Exekutive Die Regierung des Kantons, der Regierungsrat, umfasst fünf Mitglieder (Regierungsräte), die gemäss Mehrheitswahlrecht (Majorz) direkt vom Volk fest auf vier Jahre gewählt werden. Den Vorsitz führt der Regierungspräsident, der alljährlich vom Landrat aus den Mitgliedern des Regierungsrates gewählt wird. +Mitglieder des Regierungsrates (seit 2023) Regierungsrat Partei Direktion Anton LauberDie Mitte Finanz- und Kirchendirektion Thomi Jourdan EVP Volkswirtschafts- und Gesundheitsdirektion Isaac Reber GPS Bau- und Umweltschutzdirektion Monica GschwindFDP Bildungs-, Kultur- und SportdirektionKathrin SchweizerSP Sicherheitsdirektion Bei den Wahlen vom 27. März 2011 verdrängte Isaac Reber den bisherigen SVP-Vertreter Jörg Krähenbühl aus der Regierung. Es handelte sich dabei um die erste Nichtwiederwahl eines Bisherigen seit 1950. Reber hatte sein Amt am 1. Juli 2011 angetreten. Am 13. Dezember 2012 kündigte Adrian Ballmer seinen Rücktritt auf Mitte 2013 an. Bei der Wahl um seinen Nachfolger konnte sich schliesslich am 21. April 2013 im zweiten Wahlgang Thomas Weber (SVP) durchsetzen, nachdem beim ersten Wahlgang am 3. März 2013 noch Eric Nussbaumer (SP) in Führung lag, jedoch das erforderliche absolute Stimmenmehr verfehlte. Der Tod von Peter Zwick am 23. Februar 2013 erforderte eine zweite Regierungsratsnachwahl. Diese wurde auf den 9. Juni 2013 angesetzt. Hier konnte sich Anton Lauber (damals CVP, jetzt Die Mitte) im ersten Wahlgang klar gegen Thomi Jourdan (EVP) durchsetzen. Bei den Wahlen vom 12. Februar 2023 trat Thomas Weber (SVP) nicht mehr an. An seine Stelle wurde mit Thomi Jourdan erstmals ein Politiker der Evangelischen Volkspartei (EVP) in eine Kantonsregierung gewählt. Sandra Sollberger (SVP) schaffte es hingegen nicht, den Sitz der SVP zu verteidigen. Anlässlich der Landratssitzung vom 12. Juni 2025 gab Monica Gschwind (FDP) ihren Rücktritt per 31. Dezember 2025 bekannt. Die FDP hat Markus Eigenmann, langjähriger Präsident der Gemeinde Arlesheim, für die Ersatzwahl vom 26. Oktober 2025 (erster Wahlgang) nominiert. Auch Caroline Mall (SVP) und Sabine Bucher (GLP) nehmen an der Ersatzwahl teil. Der zweite Wahlgang findet am 30. November 2025 statt. Judikative Höchstes kantonales Gericht ist das Kantonsgericht, das 2001 aus dem bisherigen Obergericht, Verfassungsgericht, Verwaltungsgericht und Versicherungsgericht gebildet wurde. Erstinstanzliche Gerichte sind für zivile Prozesse die beiden Zivilkreisgerichte und für Strafprozesse das Strafgericht und das Jugendgericht. Auf kommunaler Ebene wirken als schlichtende Vorinstanz die Friedensrichter. Gemeinden und Bezirke Der Kanton Basel-Landschaft beabsichtigte, einen ausgeglichenen Staatshaushalt bis 2016 sowie eine hundertprozentige Selbstfinanzierung bis 2018 zu erreichen. Aufgrund dessen sollten unter anderem alle Gemeinden gestärkt und die fünf Bezirke in sechs sogenannte Regionalkonferenzen umgewandelt werden. Der Kanton Basel-Landschaft ist in fünf Bezirke aufgeteilt: mini|Bezirke des Kantons Basel-Landschaft Bezirk Einwohner() Flächein km² Hauptort AnzahlGemeinden Arlesheim Arlesheim 15 Laufen Laufen 13 Liestal Liestal 14 Sissach Sissach 29 Waldenburg Waldenburg 15 Total (5) Liestal 86 Vor dem Wechsel des Laufentals zum Kanton Basel-Landschaft am 1. Januar 1994 gehörte der Bezirk Laufen zum Kanton Bern. Die Aufteilung des Bezirks Arlesheim in einen Bezirk Birstal und einen Bezirk Birsigtal stand in den 1990er-Jahren zur Diskussion; er ist mit Abstand der bevölkerungsreichste Bezirk. Um aber dem unteren Kantonsteil kein höheres Gewicht zu verleihen, wurde die Angelegenheit nicht mehr weiter verfolgt. Vertretung auf Bundesebene Der Kanton Basel-Landschaft entsendet als historischer Halbkanton einen Vertreter in den Ständerat und sieben Abgeordnete in den Nationalrat, die beiden Parlamentskammern auf Bundesebene. Wirtschaft Bekannte Unternehmen aus dem Baselbiet sind Endress+Hauser, Ronda, Novartis, Ricola, Weleda, Bombardier, Laufen, Renata, Clariant und die Georg Fischer JRG AG. 2022 betrug das Bruttoinlandsprodukt (BIP) 22,8 Milliarden Franken (Platz 11 unter den 26 Kantonen). Mit einem BIP pro Kopf von 77'693 Franken (2022) belegte der Kanton Platz 13. Die Arbeitslosenquote im Kanton liegt knapp unter dem Schweizer Durchschnitt. Per betrug die «Arbeitslosenquote»  Prozent gegenüber  Prozent auf eidgenössischer Ebene. mini|Die römische Koloniestadt Augusta Raurica, Amphitheater mini|Die Burg Reichenstein bei Arlesheim|234x234px Im Jahr 2020 wurden 18,8 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche des Kantons durch 161 Betriebe biologisch bewirtschaftet. Tourismus Das Baselbiet ist für seine malerische Jura-Landschaft im Oberbaselbiet bekannt, ein häufiges Postkartensujet sind hierbei die blühenden Kirschbäume im Frühling. Zahlreiche Wanderwege verbinden Berg und Tal. Besonders beliebt ist die Region Wasserfallen auf über , auf die von Reigoldswil aus die Wasserfallenbahn führt (die einzige Gondelbahn der Region). Im Sommer beliebt ist die solarbetriebene Rodelbahn bei Langenbruck in der Wanne, einem Talkessel östlich des Beretenchopfs (). Im Winter sind gleichenorts bei genügend Schnee zwei Skilifte in Betrieb; die Untere Wanne befindet sich auf Baselbieter Boden, die Obere Wanne hingegen bereits auf dem Gemeindegebiet von Holderbank (Kanton Solothurn). Weitere Skilifte für Wintersportler werden in Zeglingen (Staffelalp) und Oltingen (Schafmatt) betrieben. Skilanglauf ist in Bärenwil (Loipenlänge 6 Kilometer) und Reigoldswil (Loipenlänge 3 Kilometer) möglich. Von 1911 bis 2010 waren östlich von Langenbruck mit den Sprungschanzen Freichelen drei Skisprungschanzen in Betrieb. Weitere touristische Attraktionen: mini|Das Schloss Wildenstein in Bubendorf, Lustgarten Schloss Angenstein, Duggingen Arlesheimer Dom, Arlesheim Dichter- und Stadtmuseum Liestal, Liestal Römerstadt Augusta Raurica, u. a. mit Amphitheater, Augst Schloss Binningen, Binningen Schloss Bottmingen, Bottmingen Burg Reichenstein, Arlesheim Brüglinger Ebene und Villa Merian, Münchenstein/Basel Schloss Ebenrain, Sissach Englischer Landschaftsgarten zur Ermitage, Arlesheim Freidorf, Muttenz Kantonsmuseum Baselland, Liestal Schaulager, Münchenstein Schleifenbergturm, Liestal Schloss Wildenstein, Bubendorf Bildung mini|Die Villa Ehinger des Gymnasiums Münchenstein Der Kanton, welcher gemeinsam mit dem Kanton Basel-Stadt Träger der Universität Basel sowie Teil der Fachhochschule Nordwestschweiz ist, fungiert sowohl als Universitäts- als auch Fachhochschulstandort. Des Weiteren zählt der Kanton über sein gesamtes Gebiet hinweg insgesamt fünf Maturitätsschulen. Universität und Hochschulen Hochschule für Gestaltung und Kunst Basel in Münchenstein Hauptcampus der Fachhochschule Nordwestschweiz in Muttenz Departement für Sport, Bewegung und Gesundheit der Universität Basel in Münchenstein Schweizerisches Tropen- und Public-Health-Institut in Allschwil Gymnasien Regionales Gymnasium Laufental-Thierstein in Laufen Gymnasium Liestal Gymnasium Muttenz Gymnasium Münchenstein Gymnasium Oberwil Verkehr Das Baselbiet liegt an zwei Hauptverkehrsachsen. Das Unterbaselbiet liegt an der Eisenbahnstrecke Basel–Laufen BL–Delsberg–Biel/Bienne bzw. Pruntrut–Belfort (Frankreich). Das Oberbaselbiet liegt an der Haupt-Nord-Süd-Verkehrsachse Deutschland/Benelux–Gotthard/Lötschberg–Simplon–Italien. Die Autobahn A2 sowie die Transit-Bahnlinie führen durch das Baselbiet. Vom Kantonshauptort Liestal aus führen Intercity- und Interregio-Eisenbahnverbindungen in die ganze Schweiz. Im Jahr 2024 lag der Motorisierungsgrad (Personenkraftwagen pro 1'000 Einwohner) bei 515. Neben Tempo-30-Zonen auf Gemeindestrassen wird Tempo 30 seit dem Jahr 2022 vermehrt auch auf Kantonsstrassen eingeführt. Jedoch konnte Andreas Dürr von der FDP und Präsident der ACS-Sektion beider Basel 2023 im Landrat erwirken, dass die Gemeinderäte nicht mehr beim Kanton Gesuche für Temporeduktionen stellen können, bevor sie nicht zuerst den jeweiligen Einwohnerrat oder die jeweilige Gemeindeversammlung dazu befragt haben. Der Verein Touring Club Schweiz (TCS) reichte im April 2023 die Initiative «Tempo 30 – nur mit Zustimmung des Volkes» bei der Baselbieter Landeskanzlei ein. Künftig soll die Koordination von Unfallräumungen und des Abschleppwesens von der Medicall AG, einer Tochtergesellschaft der Helvetia-Gruppe, übernommen werden. Geschichte mini|Karte zur Basler Kantonstrennung in den Jahren 1832/33 Auf dem Gebiet des heutigen Kantons Basel-Landschaft lagen vor den napoleonischen Umwälzungen Teile des Fürstbistums Basel sowie des Untertanengebiets der Stadt Basel, die 1501 der Schweizerischen Eidgenossenschaft beigetreten war. Erst 1815 gelangten durch Verfügung des Wiener Kongresses neun Gemeinden des aufgelösten Fürstbistums Basel an die Stadt Basel, während das übrige Fürstbistum dem Kanton Bern zugeschlagen wurde. Im Jahr 1832 wehrten sich die Landgemeinden gegen die Dominanz der noch patrizisch regierten Stadt Basel. Die linksrheinischen Gemeinden konstituierten sich als selbständiger «Halbkanton» Basel-Landschaft und gaben sich eine liberale, repräsentative Verfassung. Der neue Kanton wurde 1833 von der Tagsatzung der Eidgenossenschaft anerkannt (siehe: Basler Kantonstrennung). Die letzte Hinrichtung im Kanton wurde am 15. Oktober 1851 an dem wegen Raubmords verurteilten Hyazinth Bayer vollzogen. Infolge innerer Spannungen gab sich der Kanton im 19. Jahrhundert mehrfach neue Verfassungen: Beschränkung von Kompetenzstreitigkeiten 1838 und 1850, Durchbruch der Demokratischen Bewegung 1863, Ausbau der Demokratie, Grundlage für Förderung der Wohlfahrt und für Erhebung der Staatssteuer 1892. Die heutige, sechste Verfassung von 1984 brachte eine erneute Erweiterung der Volksrechte (u. a. erster Ombudsmann der Schweiz) und stellt im Übrigen eine formale Neufassung der im Laufe von fast hundert Jahren über zwei Dutzend Mal geänderten Verfassung von 1892 dar. Im Jahr 1994 schloss sich infolge einer Volksabstimmung das bisher bernische Laufental dem Kanton Basel-Landschaft an (siehe Kantonswechsel des Laufentals). Versuche einer Wiedervereinigung mit Basel-Stadt wurden 1936, 1969 und 2014 unternommen, scheiterten aber jedes Mal. Ende September 2014 wurde in den Kantonen Basel-Stadt und Basel-Landschaft über eine Fusionsinitiative abgestimmt, welche die Einrichtung eines gemeinsamen Verfassungsrates zum Ziel hatte. Sie wurde im Stadtkanton mit 55 Prozent angenommen, im Landkanton aber mit über 68 Prozent abgelehnt und wird darum nicht weiterverfolgt. In Basel-Landschaft besteht seit 1988 ein Verfassungsgebot zur staatlichen Eigenständigkeit, die Verfassung von Basel-Stadt enthielt hingegen bis zur Totalrevision 2006 ein Wiedervereinigungsgebot. Verwaltungsgliederung Politische Gemeinden mini|Städte und Orte des Kantons Basel-Landschaft Nachfolgend aufgelistet sind die politischen Gemeinden mit mehr als 10'000 Einwohnern per : Politische Gemeinde Einwohner Allschwil Reinach Muttenz Pratteln Liestal, Hauptort Binningen Münchenstein Oberwil Aesch Birsfelden Bemerkenswert hierbei ist, dass es sich bei den einwohnerstärksten Gemeinden des Kantons mit Ausnahme Liestals um Gemeinden im Agglomerationsgürtel der Stadt Basel handelt. Bezirke mini|Bezirke des Kantons Basel-Landschaft Aus den ursprünglich vier wurden mit der Aufnahme des ehemals bernischen Laufentals fünf Bezirke (Einwohnerzahlen per ): Bezirk Einwohnerim Bezirk Hauptort Einwohnerim Hauptort Arlesheim Arlesheim Laufen Laufen Liestal Liestal Sissach Sissach Waldenburg Waldenburg Siehe auch Staatsarchiv Basel-Landschaft Liste Basler Persönlichkeiten Literatur Eduard Schweizer: Die staatsrechtliche Konstituierung des Kanton Basel-Landschaft. In: Basler Zeitschrift für Geschichte und Altertumskunde, Bd. 45, 1946, S. 88–210. (e-periodica.ch) Eduard Schweizer: Der Kanton Basellandschaft von Januar bis Mai 1833. In: Basler Zeitschrift für Geschichte und Altertumskunde, Bd. 46, 1947, S. 8–171. (e-periodica.ch) Bd. 2, S. 1–17. Bd. 2, S. 18–29. Anna Bálint: Clariant clareant. Die Anfänge eines Spezialitätenchemiekonzerns. Campus Verlag, Frankfurt am Main / New York 2011, ISBN 978-3-593-39375-9. Personenlexikon des Kantons Basel-Landschaft. Bearbeitet von Kaspar Birkhäuser. Verl. des Kantons Basel-Landschaft, Liestal 1997, ISBN 3-85673-251-9. Roger Blum: Die politische Beteiligung des Volkes im jungen Kanton Baselland 1832–1875 (= Quellen und Forschungen zur Geschichte und Landeskunde des Kantons Baselland. Band 16). Kantonale Drucksachen- und Materialienzentrale Liestal, Liestal 1977, (Dissertation, Universität Basel, 1976). Weblinks Website des Kantons Basel-Landschaft Website zur Geschichte des Kantons Basel-Landschaft Offizielle Statistik des Bundesamts für Statistik über den Kanton Basel-Landschaft (admin.ch) Mitglieder des Nationalrates: Kanton Basel-Landschaft Baselland-Tourismus Einzelnachweise und Anmerkungen Basellandschaft BaselLandschaft
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__NOTOC__ Aa Bertus Aafjes (1914–1993), NL Jeppe Aakjær (1866–1930), DK Johannes Aal (um 1500–1551), CH Hans Aanrud (1863–1953), NO Emil Aarestrup (1800–1856), DK Soazig Aaron (* 1949), FR Ivar Aasen (1813–1896), NO Ab Petrus Abaelardus (1079–1142), FR Sait Faik Abasıyanık (1906–1954), TR Lynn Abbey (* 1948), US Jacob Abbott (1803–1879), US John Stevens Cabot Abbott (1805–1877), US Abdullah bin Abdul Kadir (1795–1852), MAL Abe Kōbō (1924–1993), JP Rebecca Abe (* 1967), D Hans Karl Abel (1876–1951), D Curt Abel-Musgrave (1860–1938), D, GB, USA Matthias Abele von und zu Lilienberg (1616/1618–1677), AT Joe Abercrombie (* 1974), GB Walter Abish (1931–2022), US Hermann Able (1930–2013), D Dan Abnett (* 1965), GB Abraham a Sancta Clara (1644–1709), D Peter Abraham (1936–2015), D Peter Abrahams (1919–2017), ZA M. H. Abrams (1912–2015), US Hans Aßmann Freiherr von Abschatz (1646–1699), D Dannie Abse (1923–2014), GB Leo Abse (1917–2008), GB Alexander Abusch (1902–1982), D Ac Chinua Achebe (1930–2013), NG Anna Maria Achenrainer (1909–1972), AT Franz Heinrich Achermann (1881–1946), CH Arthur Achleitner (1858–1927), D Friedrich Achleitner (1930–2019), AT Bella Achmadulina (1937–2010), RUS Anna Achmatowa (1889–1961), RUS Willi Achten (* 1958), D Herbert Achternbusch (1938–2022), D Thomas Achtzehner (* 1964), D André Aciman (* 1951), US Joan Acker (1924–2016), US Kathy Acker (1947–1997), US J. R. Ackerley (1896–1967), US Forrest J. Ackerman (1916–2008), US Peter Ackroyd (* 1949), GB Isabell Hohmann (geb. Ackermann) (* 1979), D Walter Ackermann (1903–1939), D Jürg Acklin (* 1945), CH Mercedes de Acosta (1893–1968), US Harold Acton (1904–1994), GB Ad Gilbert Adair (1944–2011), GB Barry Adam (* 1952), CAN Engelbert Adam (1850–1919), D Max Adam (* 1952), D Friedrich Wilhelm Adami (1816–1893), D Louis Adamic (1899–1951), US Arthur Adamov (1908–1970), FR Don Adams (* 1926), US Douglas Adams (1952–2001), GB Henry Adams (1838–1918), US Léonie Adams (1899–1988), US Nene Adams (1966–2015), US Richard Adams (1920–2016), GB Fleur Adcock (1934–2024), NZ/GB Joseph Addison (1672–1719), GB Uri Adelman (1958–2004), IL Jacques d’Adelswärd-Fersen (1880–1923), FR Leonhard Adelt (1881–1945), D Amal Aden (* 1983), NORW/SOMALIA Aravind Adiga (* 1974), IN Halide Edip Adıvar (1884–1964), TR Alfred Adler (1870–1937), AT Detlev P. Adler (* 1956), D Hans Adler (1880–1957), AT Hans Günther Adler (1910–1988), CZ Katharina Adler (Autorin) (* 1980), D Katharina Adler (Publizistin) (1919–2010), D Paul Adler (1878–1946), CZ / D Jussi Adler-Olsen (* 1950), DK Eufemia von Adlersfeld-Ballestrem (1854–1941), D Roland Adloff (* 1956), D Karl Adolph (1869–1931), AT Rudolf Adolph (1900–1984), D Jorge Enrique Adoum (1926–2009), EC Endre Ady (1877–1919), HU Ae Eva Björg Ægisdóttir (* 1988), IS Alphons Aeby (1885–1941), CH Uli Aechtner (* 1952), D Hermann Aellen (1887–1939), CH Æmilie Juliane von Barby-Mühlingen (1637–1706), D Aeschylus (525–456 v. 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F. 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Rosa Anemon (* 1952) Maya Angelou (1928–2014), US Angelus Silesius (1624–1677), D Arnold Angenendt (1934–2021), D August Angenetter (1876–1944), AT Marie-Luise Angerer (1958–2024), AT Fred Antoine Angermayer (1889–1951), AT Gustl Angstmann (1947–1998), D Friedrich Ani (* 1959), D Mathilde Franziska Anneke (1817–1884), D / US Hedwig Anneler (1888–1969), CH Gabriele D’Annunzio (1863–1938), IT Jean Anouilh (1910–1987), FR Albert Otto Anschütz (1890–1945), AT Elizabeth Anscombe (1919–2001), GB Salomon An-ski (1863–1920), RUS Otto Anthes (1754–≈1806), D Mark Anthony (* 1966), US Piers Anthony (* 1934), GB Antiphanes (* 408/404 v. 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C. Artmann (1921–2000), AT Newton Arvin (1900–1963), USA Dan Ar Wern (* 1952), FR Cäsar von Arx (1895–1949), CH Thomas Arzt (* 1983) As Catherine Asaro (* 1955), US Wilhelm Ernst Asbeck (1881–1947), D Schalom Asch (1880–1957), PL / US Udo Aschenbeck (1939–1995), D Hans Aschenborn (1888–1931), D Eva Aschenbrenner (1924–2013), D Robert Ascher (1883–1933), A Saul Ascher (1767–1822), D Charles Robert Ashbee (1863–1942), GB John Ashbery (1927–2017), US Isaac Asimov (1920–1992), US Janet Asimov (1926–2019), US Katrin Askan (* 1966), D Alexander Askoldow (1932–2018), RUS Herbert Asmodi (1923–2007), D Georg Asmussen (1856–1933), D Ruth Aspöck (* 1947), A Robert Lynn Asprin (1946–2008), US Nikolaj Assejew (1889–1963), RUS David Assing (1787–1842), D Ludmilla Assing (1821–1880), D Rosa Maria Assing (1782–1840), D Ottilie Assing (1821–1884), D Joaquim Maria Machado de Assis (1839–1908), BR Hans Assmann Freiherr von Abschatz (1645–1699), D David Jakob Assur (1810–1869), D Wiktor Petrowitsch Astafjew (1924–2001), RUS Arnfrid Astel (1933–2018), D Sean Astin (* 1971), US Thea Astley (1925–2004), AUS Louise Aston (1814–1871), D John Jacob Astor IV (1864–1912), US Miguel Ángel Asturias (1899–1974), GCA (Guatemalteke) Ala al-Aswani (* 1957), EGY At Oğuz Atay (1934–1977), TR Gertrude Atherton (1857–1948), US Kate Atkinson (* 1951), GB Yağmur Atsız (1939–2023), TR Fariduddin Attar (1136 [?]–1221 [?]), IR Per Atterbom (1790–1855), SE Margaret Atwood (* 1939), CND Au Annemarie in der Au (1924–1998), D Max Aub (1903–1972), E Brigitte Aubert (* 1956), F Théodore Agrippa d’Aubigné (1552–1630), F Victor Auburtin (1870–1928), D Wystan Hugh Auden (1907–1973), GB Jacques Audiberti (18991965), F Jakob Audorf (1835–1898), D Hartmann von Aue (1170–1220), D Jean M. Auel (* 1936), US Ludwig Auer (1839–1914), D Margit Auer (* 1967), D Martin Auer (* 1951), A Richard Auer (* 1965), D Alfred Auerbach (1873–1954), D Berthold Auerbach (1812–1882), D Ludwig Auerbach (1840–1882), D Raoul Auernheimer (1876–1948), A Joseph von Auffenberg (1798–1857), D August Augspurger (1620–1675), D August der Jüngere (Braunschweig–Wolfenbüttel) (1579–1666), D Ernst Augustin (1927–2019), D Ferdinand von Augustin (1807–1861), A Waldemar Augustiny (1897–1979), D Anton Aulke (1887–1974), D Reinhold Aumaier (* 1953), A Ludwig Aurbacher (1784–1847), D Rose Ausländer (1901–1988), D Ausonius (310 [?]–393 [?]) Jane Austen (1775–1817), GB Paul Auster (1947–2024), US Rose Austerlitz (1876–1939), D / A Av Ava von Göttweig (≈1060–1127), A Nicolaus von Avancini (1611–1686), IT Friedrich Christian Benedikt Avé-Lallemant (1809–1892), D Ferdinand Avenarius (1856–1923), D Elise Averdieck (1808–1907), D Ellis Avery (1972–2019), USA Uri Avnery (1923–2018), IL Aw Kofi Awoonor (1935–2013), GH Ax David Axmann (1947–2015), AT Elisabeth Axmann (1926–2015), RO Ay Francisco Ayala (1906–2009), ES May Ayim (1960–1996), D Marcel Aymé (1902–1967), FR Cornelius Hermann von Ayrenhoff (1733–1819), AT Jakob Ayrer (1544–1605), D Thomas Ays (* 1977), D A *A
de
wikipedia
16,650
cc212ced-5134-47d4-9015-ca2fdf5dae76
Analog-Digital-Umsetzer
mini|AD570 Analog-Digital-Umsetzer, für 8-Bit-Datenbus mini|AD570/AD571 mini|INTERSIL ICL7107 Analog-Digital-Umsetzer, für dreieinhalb­stellige Dezimal-Anzeige mini|ICL7107 mini|4-Kanal-Multiplex-Stereo-Analog-Digital-Umsetzer, eingesetzt auf einer Soundkarte für einen PC Ein Analog-Digital-UmsetzerVon den gebräuchlichen Begriffen wird hier derjenige verwendet, der für die Ingenieurwissenschaften durch Normung in DIN 1319-2 festgelegt worden ist. ist ein elektronisches Gerät, Bauelement oder Teil eines Bauelements zur Umsetzung analoger Eingangssignale in einen digitalen Datenstrom, der dann weiterverarbeitet oder gespeichert werden kann. Weitere Namen und Abkürzungen sind ADU, Analog-Digital-Wandler oder A/D-Wandler, (analog-to-digital converter) oder kurz A/D. Eine Vielzahl von Umsetz-Verfahren ist in Gebrauch. Das Gegenstück ist der Digital-Analog-Umsetzer (DAU). Analog-Digital-Umsetzer sind elementare Bestandteile fast aller Geräte der modernen Kommunikations- und Unterhaltungselektronik wie z. B. Mobiltelefonen, Digitalkameras, oder Camcordern. Zudem werden sie zur Messwerterfassung in Forschungs- und industriellen Produktionsanlagen, in Maschinen und technischen Alltagsgegenständen wie Kraftfahrzeugen oder Haushaltsgeräten eingesetzt. Arbeitsweise Ein ADU setzt ein zeit- und wert-kontinuierliches Eingangssignal (Analogsignal) in eine zeitdiskrete und wertdiskrete Folge von digital repräsentierten Werten um. Aufgrund einer endlichen Anzahl von möglichen Ausgangswerten erfolgt dabei immer eine Quantisierung. Das Ergebnis einer AD-Umsetzung kann man sich in einem Signal-Zeit-Diagramm in einer Punktfolge mit gestuften horizontalen und vertikalen Abständen vorstellen. Die Hauptparameter eines ADUs sind seine Bittiefe und seine maximale Abtastrate. Die Umsetzzeit ist meist wesentlich kleiner als das Reziproke der Abtastrate. Schon die Bittiefe eines AD-Umsetzers begrenzt die maximal mögliche Genauigkeit, mit der das Eingangssignal umgesetzt werden kann. Die nutzbare Genauigkeit ist durch weitere Fehlerquellen des ADUs geringer. Neben möglichst schnellen Verfahren gibt es auch langsame (integrierende) Verfahren zur Unterdrückung von Störeinkopplungen. Zeit-Diskretisierung (Abtastung) mini|Abtastung eines analogen Signals durch Sample-and-Hold-Schaltung mini|hochkant=1.7|Spektrum eines auf bandbegrenzten Signals (blau) und dessen durch Abtastung mit der Frequenz entstehende Spiegelfrequenzen (grün) – ohne Überlappung, also bei korrekter Abtastung Die minimal notwendige Abtastfrequenz für eine verlustfreie Diskretisierung ergibt sich aus der Bandbreite des Eingangssignals. Um das Signal später vollständig rekonstruieren zu können, muss die Abtastfrequenz größer als das Doppelte der maximal möglichen Frequenz im Eingangssignal sein (siehe Nyquist-Frequenz). Anderenfalls kommt es zu einer Unterabtastung und führt im rekonstruierten Signal zu im Eingangssignal nicht vorhandenen Frequenzen. Daher muss das Eingangssignal bandbegrenzt sein. Entweder ist es dies von sich aus oder es wird durch Tiefpassfilterung zu solch einem Signal gemacht. Manchmal ist das abzutastende Signal allerdings so hochfrequent, dass man diese Bedingung technisch nicht realisieren kann. Wenn das Eingangssignal jedoch periodisch ist, kann man durch Mehrfachabtastung mit zeitlichem Versatz dennoch eine Rekonstruktion ermöglichen, ohne dabei das Abtasttheorem zu verletzen, da bei mehrfachem Durchlauf des Signals Zwischenpunkte ermittelt werden und so eine größere Zahl von Stützstellen entsteht, was im Endeffekt einer Erhöhung der Abtastrate entspricht. Während der Signalumsetzung darf sich bei vielen Umsetzverfahren das Eingangssignal nicht ändern. Dann schaltet man dem eigentlichen AD-Umsetzer eine Abtast-Halte-Schaltung (Sample-and-Hold-Schaltung) vor, die den Signalwert () analog so zwischenspeichert, dass er während der Quantisierung konstant bleibt. Dies trifft besonders auf die stufen- und bitweisen Umsetzer zu, die längere Umsetzzeiten benötigen. Wenn ein Umsetzer diese Abtast-Halte-Schaltung erfordert, so ist sie bei Realisierung als integrierter Schaltkreis heute meist enthalten. In vielen Anwendungen soll das Eingangssignal in immer exakt gleichen Zeitabständen abgetastet werden. Durch zufällige Variationen der Abstände tritt jedoch ein Effekt auf, den man als Jitter bezeichnet. Er verfälscht das ursprüngliche Signal bei der späteren Rekonstruktion, da diese wieder äquidistant – also mit gleichen Zeitabständen – erfolgt. Nicht verwechselt werden darf die Umsetzdauer mit der Latenzzeit eines Umsetzers, d. h. die Zeit, die nach der Erfassung vergeht, bis ein AD-Umsetzer das Datum weitergegeben hat. Diese Zeit kann weitaus größer als die Umsetzdauer sein, was insbesondere in der Regelungstechnik störend sein kann. Sie wird verursacht durch Pipelining des Umsetzers, Nachbearbeitung der Daten und die serielle Datenübertragung. Quantisierung mini|Digitalsignal (rote Punkte) nach Abtastung und Quantisierung eines analogen Signals (graue Linie) Die Quantisierung des vorher zeitdiskretisierten Signals stellt den eigentlichen Übergang von einem analogen Signal zu einem digitalen Signal dar. Auf Grund der endlichen Bittiefe des Umsetzers gibt es nur eine gewisse Anzahl an Codeworten und deren dazugehörige Eingangsspannung. Das Signal wird quantisiert. Die Abweichung zwischen der wahren Eingangsspannung und der quantisierten Eingangsspannung nennt man Quantisierungsabweichung. Je mehr Bits bzw. Codeworte zur Verfügung stehen, umso kleiner ist diese unvermeidbare Abweichung. Bei einem idealen AD-Umsetzer verringert jedes zusätzliche Bit dieses Rauschen um 6,02 dB. Bei realen AD-Umsetzern kann man über die Effektive Anzahl von Bits (ENOB) abschätzen, was ein weiteres Bit bei dem betrachteten Umsetzer bringen würde (so würde ein weiteres Bit bei einem 12-bit-Umsetzer mit einem ENOB von 11 bit ca. 0,15 bit bzw. 0,9 dB bringen). Das Verhältnis aus maximal möglicher unverzerrter Eingangsspannung und dem Rauschen bei signallosem Eingang nennt man Dynamikumfang. Umsetzer, die bei fehlendem Eingangssignal ein konstantes Codewort liefern, haben einen unendlich hohen Dynamikumfang. Sinnvoller ist die Angabe des Signal-Rausch-Verhältnisses (bzw. des SINAD, signal to noise and distortion ratio, Verhältnis des Signals zur Summe aus Rauschen und Verzerrungen). Bezugswert Da das dem ADU zugeführte Analogsignal in einen größenlosen Digitalwert umgesetzt wird, muss es mit einem vorgegebenen Wert oder Signal bewertet werden (Eingangssignalbereich bzw. Messbereich). Im Allgemeinen wird ein feststehender Bezugswert (z. B. eine intern erzeugte Referenzspannung) verwendet. Das analoge Eingangssignal wird digital abgebildet, die Referenz legt den zulässigen Scheitelwert des Eingangssignals fest. Quantisierungskennlinie Bei Analog-Digital-Umsetzern besteht zwischen Eingangs- und Ausgangsgröße immer ein nichtlinearer Zusammenhang. Ändert sich allerdings bei steigender Eingangsspannung der Digitalwert in konstanten Abständen oder nähert sich bei extrem feiner Stufung die Kennlinie einer Geraden, spricht man dennoch von einem linearen Analog-Digital-Umsetzer. Es gibt unipolare Ausführungen, beispielsweise im Dualsystem000…000 für   0100…000 für /2    111…111 für – 1 LSBbipolare Ausführungen, beispielsweise im Dualsystem mit Offset000…000 für /2     100…000 für   0 111…111 für /2 – 1 LSB wobei daneben auch andere Kodierungen, beispielsweise Zweierkomplement, BCD-Code verwendbar sind. Interfaces Neben der schon erwähnten Abtast-Halte-Schaltung werden weitere Schaltungen für das Interface in die analoge Welt benötigt, so dass diese vielfach zusammen mit dem eigentlichen Umsetzer auf einem Chip integriert sind. Dies können beispielsweise Puffer- bzw. Verstärkerschaltungen, ggf. mit umschaltbarer Verstärkung (Programmable Gain Amplifier (PGA)) sowie Eingänge für differenzielle Signalübertragung sein. Es gibt auch Varianten ohne echten Subtrahierverstärker am Eingang; stattdessen werden die beiden Leitungen des differentiellen Signals hintereinander verarbeitet und erst anschließend die Differenz gebildet (sog. pseudodifferentielle Eingänge). Am Ausgang werden digitale Daten zur Verfügung gestellt. Klassischerweise erscheint jedes Bit der Ausgangsgröße an einem eigenen Anschlusspin; die Größe wird also parallel ausgegeben – nicht zu verwechseln mit der Parallelumsetzung. Falls die Größe auf einer Anzeige angezeigt werden soll, kommen auch integrierte Siebensegment-Codierer zum Einsatz, oder die Größe wird als BCD-Code im Multiplexverfahren ausgegeben. Nachteilig an der parallelen Ausgabe, insbesondere bei der Weiterverarbeitung durch Mikroprozessoren oder -controllern, ist hierbei die große Anzahl an benötigten Anschlusspins. Daher werden vielfach serielle Verbindungen implementiert, beispielsweise mit den Protokollen I²C, SPI oder I²S. Bei entsprechenden Datenraten wird beispielsweise LVDS- oder JESD204B-Technik eingesetzt. Abweichungen Zusätzlich zu dem unvermeidbaren Quantisierungsfehler haben reale AD-Umsetzer folgende Fehler: Nullpunktfehler, Verstärkungsfehler und Nichtlinearitätsfehler mini|hochkant=1.7|Abweichungen vom proportionalen Zusammenhanga) additiv, b) multiplikativ, c) nicht linear Als Abweichungen der Kennlinien zwischen realem und idealem Umsetzer sind folgende Fehler definiert (siehe Bild): Nullpunktfehler (Offset) Verstärkungsfehler () Nichtlinearitätsfehler Der Verstärkungsfehler wird oft als Bruchteil des aktuellen Wertes angegeben, der Nullpunktfehler zusammen mit dem Quantisierungsfehler und der Nichtlinearitätsfehler als Bruchteile des Endwertes oder als Vielfache eines LSB. Fehler in der Stufung mini|hochkant=1.2|Abweichungen in der Stufung a) bei ungleicher Breite einer Stufe, b) bei fehlerhafter Breite einer höherwertigen Stufe Einzelne Stufen können unterschiedlich breit ausfallen. Bei kontinuierlich steigender Eingangsgröße kann es je nach Realisierungsverfahren vorkommen, dass ein Wert der Ausgangsgröße übersprungen wird, insbesondere dann, wenn es einen Übertrag über mehrere Binärstellen gibt, beispielsweise von 0111 1111 nach 1000 0000. Man spricht hierzu von „missing codes“. Zeitliche und Apertur-Fehler Bei Wandlung jedes nichtkonstanten Eingangssignals entsteht durch zeitliche Schwankungen des Umsetzer-Taktes Δt (clock jitter) ein der zeitlichen Änderung des Eingangssignals proportionaler Fehler. Bei einem Sinussignal der Frequenz f und der Amplitude A beträgt es . Jeglicher Jitter erzeugt weiteres Rauschen – es gibt keinen Schwellwert, unterhalb dem es zu keiner Verschlechterung des Signal-Rausch-Verhältnisses kommt. Viele aktuelle Wandler (insbesondere Delta-Sigma-Umsetzer) haben eine interne Taktaufbereitung. Der Hintergrund ist der, dass viele Wandler einen höheren internen Takt benötigen bzw. bei Delta-Sigma-Umsetzern, dass dort Jitter direkt (d. h. auch bei konstantem Eingangssignal) Wandlungsfehler verursacht. Realisierungsverfahren Es gibt eine große Anzahl von Verfahren, die zur Umsetzung von analogen in digitale Signale benutzt werden können. Im Folgenden sind die wichtigsten Prinzipien aufgeführt. Als Eingangsgröße wird in allen Beispielen die elektrische Spannung zugrunde gelegt. Den inneren Ablauf einer Umsetzung steuern die Bausteine selbst. Für die Zusammenarbeit mit einem Rechner kann ein ADU mit einem Start-Eingang versehen sein für die Anforderung zu einer neuen Umsetzung, mit einem „busy“-Ausgang für die Meldung der noch andauernden Umsetzung und mit bus-kompatiblen Datenausgängen für das Auslesen des entstandenen Digitalwertes. Integrierender Umsetzer (Zählverfahren) Bei diesen Verfahren finden zwei Vorgänge statt: ein analoger durch die Messgröße beeinflusster Prozess, bei dem ein Kondensator stetig geladen wird und im Wechsel wieder entladen, ein digitaler Prozess, der vom Ladevorgang abhängige Zeiten oder Impulsdichten misst, wozu gezählt wird. Beim Nachlauf-Umsetzer wird ebenfalls gezählt. Dieser wird ohne Kondensator als rückgekoppelter Umsetzer betrieben und weiter unten erklärt. Single-Slope-Umsetzer (Sägezahn-/Einrampenverfahren) mini|hochkant=1.4|Funktionsprinzip eines ADUs nach dem Sägezahnverfahren Beim Sägezahnverfahren wird die Ausgangsspannung eines Sägezahngenerators über zwei Komparatoren K1 und K2 mit dem Massepotenzial (0 V) und mit der ADU-Eingangsspannung verglichen. Während des Zeitraums, in dem die Sägezahnspannung den Bereich zwischen 0 V und der Spannung durchläuft, werden die Impulse eines Quarzoszillators gezählt. Aufgrund der konstanten Steigung der Sägezahnspannung ist die verstrichene Zeit und somit der Zählerstand bei Erreichen von proportional zur Höhe der ADU-Eingangsspannung. Zum Ende des Zählvorgangs wird das Zählergebnis in ein Register übertragen und steht als digitales Signal zur Verfügung. Anschließend wird der Zähler zurückgesetzt, und ein neuer Umsetzungsvorgang beginnt. Die Umsetzungszeit bei diesem ADU ist abhängig von der Eingangsspannung. Schnell veränderliche Signale können mit diesem Umsetzertyp nicht erfasst werden. Umsetzer nach dem Sägezahnverfahren sind ungenau, da der Sägezahngenerator mit Hilfe eines temperatur- und alterungsabhängigen Integrationskondensators arbeitet. Sie werden wegen ihres relativ geringen Schaltungsaufwands für einfache Aufgaben eingesetzt, beispielsweise in Spielkonsolen, um die Stellung eines Potentiometers, das durch einen Joystick oder ein Lenkrad bewegt wird, zu digitalisieren. Dual- und Quadslope-Umsetzer (Mehrrampenverfahren) Dual- und Quadslope-Umsetzer bestehen im Wesentlichen aus einem Integrator und mehreren Zählern und elektronischen Schaltern. Der Integrator arbeitet mit einem externen, hochwertigen Kondensator, der in zwei oder mehr Zyklen geladen und entladen wird. Beim Zweirampenverfahren (Dual-Slope) wird zunächst der Integratoreingang mit der unbekannten ADU-Eingangsspannung verbunden, und es erfolgt die Ladung über ein fest vorgegebenes Zeitintervall. Für die anschließende Entladung wird der Integrator mit einer bekannten Referenzspannung entgegengesetzter Polarität verbunden. Einzelheiten werden unter digitale Messtechnik erläutert. Die benötigte Entladezeit bis zum Erreichen der Spannung null am Integratorausgang wird durch einen Zähler ermittelt; der Zählerstand steht bei geeigneter Dimensionierung unmittelbar für die Eingangsspannung. Die Größe der Kapazität kürzt sich bei diesem Verfahren aus dem Ergebnis heraus. Zur Korrektur des Nullpunktfehlers des ADU wird beim Vierrampenverfahren noch ein weiterer Lade-/Entladezyklus bei kurzgeschlossenem Integratoreingang durchgeführt. Die Referenzspannung ist die bestimmende Größe für die Genauigkeit; das heißt beispielsweise, dass thermisch bedingte Schwankungen vermieden werden müssen. Derartige Umsetzer nach dem Mehrrampenverfahren sind langsam, benötigen keine Abtast-Halte-Schaltung und bieten eine hohe Auflösung sowie gute differentielle Linearität und gute Unterdrückung von Störsignalen wie Rauschen oder Netzeinkopplung. Das typische Einsatzgebiet sind anzeigende Messgeräte (Digitalmultimeter), die kaum eine Umsetzzeit unter 500 ms benötigen und bei geeigneter Integrationsdauer überlagerte 50-Hz-Störungen der Netzfrequenz eliminieren können. Ladungsbilanz-Umsetzer Beim Ladungsbilanzverfahren (Charge-Balancing-Verfahren) wird der Kondensator eines Integrators durch einen zur Eingangsgröße proportionalen elektrischen Strom geladen und durch kurze Stromstöße in entgegengesetzter Richtung entladen, so dass sich im Mittel keine Ladung aufbaut. Je größer der Ladestrom ist, desto häufiger wird entladen. Die Häufigkeit ist proportional zur Eingangsgröße; die Anzahl der Entladungen in einer festen Zeit wird gezählt und liefert den Digitalwert. In seinem Verhalten ist das Verfahren dem Dual-Slope-Verfahren ähnlich. Auch andere analoge Eingangsstufen, die einen Spannungs-Frequenz-Umformer mit genügend hochwertiger Genauigkeit enthalten, führen über eine Frequenzzählung auf einen Digitalwert. Rückgekoppelter Umsetzer (Serielles Verfahren) mini|Analog-Digital-Umsetzung mittels DAU-Einstellung Diese arbeiten mit einem DAU, der einen Vergleichswert liefert. Dieser wird nach einer geeigneten Strategie an das analoge Eingangssignal angenähert. Der zum Schluss am DAU eingestellte Digitalwert ist das Ergebnis des ADU. Da das Verfahren eine Zeitspanne benötigt, in der sich das Eingangssignal nicht ändern darf, wird davon mittels Sample-and-Hold-Schaltung (S/H) eine „Probe“ genommen und während der Umsetzung festgehalten. Nachlauf-Umsetzer Hier wird ein Zähler als Datenspeicher eingesetzt. Je nach Vorzeichen von wird um einen Schritt aufwärts oder abwärts gezählt und neu verglichen – gezählt und neu verglichen, bis die Differenz kleiner ist als der kleinste einstellbare Schritt. Diese Umsetzer „fahren“ dem Signal einfach nach, wobei die Umsetzungszeit vom Abstand des aktuellen Eingangssignals zum Signal bei der letzten Umsetzung abhängt. Sukzessive Approximation Diese arbeiten mit einem DAU, der einen Vergleichswert jedes Mal neu aufbaut. Das Eingangssignal wird mittels Intervallschachtelung eingegrenzt. Einfache sukzessive Approximation setzt dabei pro Schritt ein Bit um. Ein um Größenordnungen genaueres und schnelleres Umsetzen kann dadurch erreicht werden, dass die Umsetzung redundant erfolgt, indem mit kleinerer Schrittweite umgesetzt wird, als einem Bit entspricht. Wägeverfahren mini|Zeitlicher Verlauf beim Wäge­verfah­ren mit vier Bits bei = 6,5 V und einem klein­sten einstell­baren Spannungs­schritt = 1 V. Ergebnis = 0110B⋅ = 6 V. Ein mögliches Approximationsverfahren ist das Wägeverfahren. Dabei werden in einem Datenspeicher (successive approximation register, SAR) zunächst alle Bits auf null gesetzt. Beginnend beim höchstwertigen Bit (Most Significant Bit, MSB) werden abwärts bis zum niederwertigsten Bit (Least Significant Bit, LSB) nacheinander alle Bits des Digitalwerts ermittelt. Vom Steuerwerk wird jeweils das in Arbeit befindliche Bit probeweise auf eins gesetzt; der Digital-Analog-Umsetzer erzeugt die dem aktuellen Digitalwert entsprechende Vergleichsspannung. Der Komparator vergleicht diese mit der Eingangsspannung und veranlasst das Steuerwerk, das in Arbeit befindliche Bit wieder auf null zurückzusetzen, wenn die Vergleichsspannung höher ist als die Eingangsspannung. Sonst ist das Bit mindestens notwendig und bleibt gesetzt. Nach der Einstellung des niederwertigsten Bits ist kleiner als der kleinste einstellbare Schritt. Während der Umsetzung darf sich das Eingangssignal nicht ändern, da sonst die niederwertigen Bits auf Grundlage der festgestellten, aber nicht mehr gültigen höherwertigen Bits gewonnen würden. Deshalb ist dem Eingang eine Abtast-Halte-Schaltung (S/H) vorgeschaltet. Für jedes Bit an Genauigkeit benötigt der ADU jeweils einen Taktzyklus Umsetzungszeit. Derartige Umsetzer erreichen Auflösungen von 16 Bit bei einer Umsetzungsrate von 1 MHz. Redundante Umsetzer Dem Wägeverfahren ähnliche redundante Analog-Digital-Umsetzer gehen davon aus, dass keine exakte Halbierung des noch offenen Intervalls um den Zielwert herum erfolgt, sondern dieses Intervall nur um einen Anteil davon eingeschränkt wird. Dazu haben sie einen Digital-Analog-Umsetzer, dessen Elemente nicht nach dem Dualsystem gestaffelt sind, also immer um den Faktor 2, sondern um einen kleineren Faktor. Sie nehmen damit einerseits in Kauf, dass mehr Elemente benötigt werden, um den gleichen Wertebereich abzudecken, ermöglichen aber andererseits, dass der Umsetzer um eine Größenordnung schneller arbeiten und eine um mehrere Größenordnungen höhere Genauigkeit erzielen kann: Die schnellere Funktion kommt dadurch, dass der Komparator in jedem Schritt nicht abwarten muss, bis sich seine Verstärker bis zu einem Mehrfachen der Zielgenauigkeit eingeschwungen haben (immer etwas größenordnungsmäßig so viele Einschwing-Zeitkonstanten, wie der Umsetzer Bits umsetzen soll), sondern eine Entscheidung schon nach der kurzen 50-Prozent-Einschwingzeit abgeben kann, die dann in einem recht großen Bereich innerhalb des Restintervalls fehlerhaft ist. Das wird allerdings mehr als abgefangen durch die redundant ausgelegten Umsetzerelemente. Die Gesamtumsetzdauer eines solchen Umsetzers liegt größenordnungsmäßig eine Zehnerpotenz unter der seines einfachen Vorbilds. Durch den redundanten Umsetzungsprozess hat ein solcher Umsetzer ein viel geringeres Eigenrauschen als sein rein dualer Gegenpart. Zusätzlich kann sich ein solcher ADU selbst einmessen, und zwar bis zu einer Genauigkeit, die nur durch das Rauschen begrenzt ist. Indem man das Selbsteinmessen wesentlich langsamer ablaufen lässt als die Umsetzung in der Nutzanwendung, kann der Rauscheinfluss in diesem Prozess um eine Größenordnung gedrückt werden. Die resultierende Kennlinie eines solchen Umsetzers ist bis auf eine rauschartige Abweichung um wenige Vielfache des kleinsten beim Selbsteinmessen verwendeten Elements absolut linear. Indem zwei derartige Umsetzer nebeneinander auf denselben Chip platziert werden und einer immer im Einmess-Modus ist, können solche Umsetzer nahezu resistent gegen Herstellungstoleranzen, Temperatur- und Betriebsspannungsänderungen gemacht werden. Die erreichbare Auflösung ist ausschließlich rauschbegrenzt. Delta-Sigma-Verfahren mini|Werte in verschiedenen Stufen des Delta-Sigma-Umsetzers Das Delta-Sigma-Verfahren, auch als 1-Bit-Umsetzer bezeichnet, basiert auf der Delta-Sigma-Modulation. In der einfachsten Form (Modulator erster Ordnung) kommt das Eingangssignal über einen analogen Subtrahierer zum Integrator und verursacht an dessen Ausgang ein Signal, das von einem Komparator mit eins oder null bewertet wird. Ein Flipflop erzeugt daraus ein zeitdiskretes binäres Signal, mit dem ein 1-Bit-Digital-Analog-Umsetzer in eine positive oder negative elektrische Spannung liefert, die über den Subtrahierer den Integrator wieder auf null zurückzieht (Regelkreis). Ein nachgeschalteter Digitalfilter setzt den seriellen und hochfrequenten Bit-Strom in Daten niedriger Erneuerungsrate, aber großer Bitbreite (16 oder 24 Bit) und hohem Signal-Rausch-Verhältnis (94 bis 115 dB) um. In der Praxis werden Delta-Sigma-Umsetzer als Systeme dritter oder vierter Ordnung aufgebaut, das heißt durch mehrere seriell angeordnete Differenz- und Integratorstufen. Dies erlaubt eine bessere Rauschformung und damit einen höheren Gewinn an Auflösung bei gleicher Überabtastung. Ein Vorteil des Delta-Sigma-Umsetzers ist, dass die Dynamik in gewissen Grenzen durch die Bandbreite wechselseitig ausgetauscht werden kann. Durch die kontinuierliche Abtastung am Eingang wird auch keine Halteschaltung (engl. sample and hold) benötigt. Außerdem werden geringe Anforderungen an das analoge Anti-Aliasing-Filter gestellt. Die Vorteile werden durch den Nachteil der vergleichsweise hohen Latenzzeit erkauft, welche vor allem durch die digitalen Filterstufen bedingt ist. Delta-Sigma-Umsetzer werden daher dort eingesetzt, wo kontinuierliche Signalverläufe und nur moderate Bandbreiten benötigt werden, wie beispielsweise im Audiobereich. Praktisch alle Audiogeräte im Bereich der Unterhaltungselektronik wie zum Beispiel DAT-Rekorder setzen diese Umsetzer ein. Auch bei Datenumsetzern in der Kommunikationstechnik und der Messtechnik wird es aufgrund der fallenden Preise zunehmend eingesetzt. Durch die dabei notwendige hohe Überabtastung sind dem Verfahren bei höheren Frequenzen allerdings Grenzen gesetzt. Parallel-Umsetzer mini|Zwei-Bit-Parallel­umsetzer mit Code­umsetzung; ein Kompa­rator detektiert Überlauf, drei Kompa­ratoren erzeugen den Summen­code, die Und-Gatter setzen ihn in einen 1-aus-n-Code um, woraus die Oder-Gatter den gewünschten Binärcode erzeugen Einstufige Parallelumsetzer (Flash-Umsetzer) Während die sukzessive Approximation mehrere Vergleiche mit nur einem Komparator ausführt, kommt die direkte Methode oder auch Flash-Umsetzung mit nur einem Vergleich aus. Dazu ist bei Flash-Umsetzern aber für jeden möglichen Ausgangswert (bis auf den größten) ein separat implementierter Komparator erforderlich. Beispielsweise ein 8-Bit-Flash-Umsetzer benötigt somit 28−1 = 255 Komparatoren. Das analoge Eingangssignal wird im Flash-Umsetzer gleichzeitig von allen Komparatoren mit den (über einen linearen Spannungsteiler erzeugten) Vergleichsgrößen verglichen. Anschließend erfolgt durch eine Kodeumsetzung der 2n−1 Komparatorsignale in einen n bit breiten Binärkode (mit n: Auflösung in Bit). Das Resultat steht damit nach den Durchlaufverzögerungen (Schaltzeit der Komparatoren sowie Verzögerung in der Dekodierlogik) sofort zur Verfügung. Im Ergebnis sind die Flash-Umsetzer also sehr schnell, bringen aber im Allgemeinen auch hohe Verlustleistungen und Anschaffungskosten mit sich (insbesondere bei den hohen Auflösungen). mini|Kennlinie eines Zwei-Bit-Parallelumsetzers.H steht für HIGH = positiv übersteuert, L für LOW = negativ übersteuert. Die Codeumsetzung erfordert unabhängig von der Auflösung nur eine Spalte mit Und-Gattern und eine Spalte mit Oder-Gattern (siehe Bild). Sie rechnet das Ergebnis der Komparatoren um in eine Binärzahl. Sie arbeitet mit einer sehr kurzen und für alle Binärziffern gleich langen Durchlaufverzögerung. Für die vier möglichen Werte eines Zwei-Bit-Umsetzers sind drei Komparatoren erforderlich. Der vierte hat nur die Funktion, eine Messbereichsüberschreitung zu signalisieren und die Codeumsetzung zu unterstützen. Mehrstufige Parallelumsetzer (Pipeline-Umsetzer) mini|hochkant=1.7|AD-Umsetzung in mehreren Stufen Pipeline-Umsetzer sind mehrstufige Analog-Digital-Umsetzer mit mehreren selbständigen Stufen, die in Pipeline-Architektur aufgebaut sind. Ihre Stufen bestehen in der Regel aus Flash-Umsetzern über wenige Bits. In jeder Pipelinestufe wird eine grobe Quantisierung vorgenommen, dieser Wert wieder mit einem DAU in ein analoges Signal umgesetzt und vom zwischengespeicherten Eingangssignal abgezogen. Der Restwert wird verstärkt der nächsten Stufe zugeführt. Der Vorteil liegt in der stark verminderten Anzahl an Komparatoren, z. B. 30 für einen zweistufigen Acht-Bit-Umsetzer. Ferner kann eine höhere Auflösung erreicht werden. Die Mehrstufigkeit erhöht die Latenzzeit, aber vermindert die Abtastrate nicht wesentlich. Die Pipeline-Umsetzer haben die echten Parallelumsetzer außer bei extrem zeitkritischen Anwendungen ersetzt. Diese mehrstufigen Umsetzer erreichen Datenraten von 250 MSPS (Mega-Samples Per Second) bei einer Auflösung von 12 Bit (MAX1215, AD9480) oder eine Auflösung von 16 Bit bei 200 MSPS (ADS5485). Die Werte der Quantisierungsstufen werden unter Berücksichtigung ihrer Gewichtung addiert. Meistens enthält ein Korrektur-ROM noch Kalibrierungsdaten, die dazu dienen, Fehler zu korrigieren, die in den einzelnen Digitalisierungsstufen entstehen. Bei manchen Ausführungen werden diese Korrekturdaten auch auf ein externes Signal hin generiert und in einem RAM abgelegt. Pipeline-Umsetzer kommen normalerweise in allen Digitaloszilloskopen und bei der Digitalisierung von Videosignalen zur Anwendung. Als Beispiel ermöglicht der MAX109 bei einer Auflösung von 8 bit eine Abtastrate von 2,2 GHz.Datenblatt des Flash-Umsetzers MAX109 (PDF; 452 KiB). Mittlerweile gibt es aber noch schnellere (4 GSPS) und genauere Umsetzer (16 bit @1 GSPS). Bei heutigen Digitaloszilloskopen mit möglichen Abtastraten von 240 GSPS werden zusätzlich noch Demultiplexer vorgeschaltet. Hybrid-Umsetzer Ein Hybrid-Umsetzer ist kein eigenständiger Umsetzer, sondern er kombiniert zwei oder mehr Umsetzungsverfahren, zum Beispiel auf Basis einer SAR-Struktur, wobei der ursprüngliche Komparator durch einen Flash-Umsetzer ersetzt wird. Dadurch können in jedem Approximationsschritt mehrere Bits gleichzeitig ermittelt werden. Marktsituation Am Markt kommen im Wesentlichen vier Verfahren vor: Für hohe Abtastraten kommen Pipeline-Umsetzer zum Einsatz. Geschwindigkeiten 40 MSPS bis 5 GSPS. Übliche Dynamik 8 Bit, 12 Bit (bis 4 GSPS) oder 16 Bit (bis 1 GSPS). Kommt es auf hohe Genauigkeit bei gemäßigter Abtastraten an und spielt Latenz keine Rolle, kommen Delta-Sigma-Umsetzer zum Einsatz. Geschwindigkeiten wenige SPS bis 2,5 MSPS. Bittiefen 16 Bit bis 24 Bit. Ist die Latenz wesentlich oder stört das vergleichsweise steile Tiefpassverhalten, kommen sukzessiv approximierende Umsetzer zum Einsatz. Geschwindigkeiten 0,1 MSPS bis 10 MSPS. In einfachen anzeigenden Messgeräten wie Multimeter kommen langsame Störungen dämpfende Zählverfahren wie Dualslope-Umsetzer zum Einsatz. Mit diesen Verfahren kann man fast alle praktischen Anforderungen abdecken und bei gemäßigten Anforderungen (z. B. 12 bit, 125 KSPS, 4 Kanäle) sind diese Wandler kostengünstig (ca. 1 €) zu bekommen. Wichtige Kenngrößen Abtastrate (Sample Rate) – Angabe zur Häufigkeit der Umsetzung. Auflösung (Resolution) – Breite der Stufen (auch Anzahl der Stufen oder Anzahl der Stellen), die zur Darstellung des Ausgangssignals verwendet werden. Nullpunktsfehler – Die Umsetzerkennlinie (ohne Berücksichtigung der Stufung) ist verschoben. Der digitale Wert unterscheidet sich vom richtigen Wert um einen konstanten Betrag. Empfindlichkeitsfehler, Verstärkungsfehler – Die Umsetzerkennlinie (ohne Berücksichtigung der Stufung) ist verdreht (Steigungsfehler). Der digitale Wert unterscheidet sich vom richtigen Wert um einen konstanten Prozentsatz der Eingangsgröße. Integrale Nichtlinearität – Der Fehler dadurch, dass eine als linear zugrunde gelegte Umsetzerkennlinie (ohne Berücksichtigung der Stufung) nicht geradlinig ist. Differenzielle Nichtlinearität – Abweichung der Breite der Umsetzungsstufen untereinander Quantisierungskennlinie – Grafische Darstellung des Zusammenhangs zwischen den digitalen Ausgangswerten und den analogen Eingangswerten, z. B. einem linearen oder logarithmischen Verlauf folgend. Quantisierungsfehler – Durch die begrenzte Auflösung bedingte Abweichung des Ausgangssignals vom funktionalen (stetigen) Verlauf. Informationslücke (Missing Code) – Wenn eine kontinuierliche Vergrößerung des Eingangssignals keine fortlaufend durchnummerierten Werte des Ausgangscodes zur Folge hat, sondern ein Wert übersprungen wird; möglich bei einer differenziellen Nichtlinearität von mehr als 1 LSB. Latenzzeit – Laufzeitverzögerung von der Erfassung des Eingangssignals bis zur Bereitstellung des zugehörigen Ausgangssignals. Signal-Rausch-Verhältnis in dB Dynamikumfang in dB Dynamische Parameter Intermodulationsstörungen in dB Betriebsstrom – je schneller die Umsetz-Elektronik arbeiten muss, desto höherer wird ihr Versorgungsstrom (Eigenerwärmung). Siehe auch Antialiasing (Signalverarbeitung) Dithering (Audiotechnik) Digitale Messtechnik Vielkanalanalysator Liste von Audio-Fachbegriffen Literatur Weblinks Eine Einführung in Delta-Sigma-Wandler AD-Umsetzer in „Angewandte Mikroelektronik“ – Grundlagen Pipelined Subranging ADCs (PDF; 1 MB) Einzelnachweise Kategorie:Elektronische Schaltung Kategorie:Messdatenerfassung Kategorie:Digitale Signalverarbeitung
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Brennnesseln
Die Brennnesseln (Urtica) bilden eine Pflanzengattung in der Familie der Brennnesselgewächse (Urticaceae). Die 30 bis 70 Arten kommen fast weltweit vor. In Deutschland nahezu überall anzutreffen sind die Große Brennnessel und die Kleine Brennnessel sowie seltener die Röhricht-Brennnessel und die Pillen-Brennnessel. Beschreibung mini|links|Illustration der Großen Brennnessel in Otto Wilhelm Thomé: Flora von Deutschland, Österreich und der Schweiz, 1885 in Gera. Vegetative Merkmale Brennnessel-Arten wachsen als einjährige oder ausdauernde krautige Pflanzen, selten als Halbsträucher. Die in Mitteleuropa vertretenen Arten erreichen je nach Art, Standort und Nährstoffsituation Wuchshöhen von 10 bis 300 Zentimetern. Die ausdauernden Arten bilden Rhizome als Ausbreitungs- und Überdauerungsorgane. Die grünen Pflanzenteile sind mit Brenn- sowie Borstenhaaren besetzt. Ihre oft vierkantigen Stängel sind verzweigt oder unverzweigt, aufrecht, aufsteigend oder ausgebreitet. Die meist kreuz-gegenständig an der Sprossachse angeordneten Laubblätter sind in Blattstiel und Blattspreite gegliedert. Die einfachen Blattspreiten sind elliptisch, lanzettlich, eiförmig oder kreisförmig und besitzen meist drei bis fünf (bis sieben) Blattadern. Der Blattrand ist meist gezähnt bis mehr oder weniger grob gezähnt. Die oft haltbaren Nebenblätter sind frei oder untereinander verwachsen. Die Zystolithen sind gerundet bis mehr oder weniger verlängert. Brennhaare mini|Brennhaare am Blattstiel einer Brennnessel, die Köpfchen sind zu erahnen mini|Brennhaare (groß) und normale Haare (klein) auf einem Blatt mini|Quaddeln nach Hautkontakt mit Brennnesseln Bekannt und unbeliebt sind die Brennnesseln wegen der schmerzhaften Quaddeln (Schwellungen), die auf der Haut nach Berührung der Brennhaare entstehen. Je nach Art sind die Folgen unterschiedlich schwer, so ist beispielsweise die Brennflüssigkeit der Kleinen Brennnessel (Urtica urens) wesentlich schmerzhafter als die der Großen Brennnessel (Urtica dioica). Diese Brennhaare wirken als Schutzmechanismus gegen Fressfeinde und sind überwiegend auf der Blattoberseite vorhanden. Es sind lange, einzellige Röhren, deren Wände im oberen Teil durch eingelagerte Kieselsäure hart und spröde wie Glas sind. Das untere, flexiblere Ende ist stark angeschwollen, mit Brennflüssigkeit gefüllt und in einen Zellbecher eingesenkt, die Spitze besteht aus einem seitwärts gerichteten Köpfchen, unter dem durch die hier sehr dünne Wand eine Art Sollbruchstelle vorhanden ist. Das Köpfchen kann schon bei einer leichten Berührung abbrechen und hinterlässt eine schräge, scharfe Bruchstelle, ähnlich der einer medizinischen Spritzenkanüle. Bei Kontakt sticht das Härchen in die Haut des Opfers, sein ameisensäurehaltiger Inhalt spritzt mit Druck in die Wunde und verursacht sofort einen kurzen, brennenden Schmerz und dann die erwähnten, mit Brennen oder Juckreiz verbundenen Quaddeln. Weitere Wirkstoffe der Brennflüssigkeit sind Serotonin, Histamin, Acetylcholin und Natriumformiat. Bereits 100 Nanogramm dieser Brennflüssigkeit reichen aus, um die bekannte Wirkung zu erzielen. Histamin erweitert die Blutkapillaren und kann Reaktionen hervorrufen, die allergischen Reaktionen ähneln (diese werden unter anderem durch Freisetzung körpereigenen Histamins verursacht). Acetylcholin ist auch die Überträgersubstanz vieler Nervenendungen und für den brennenden Schmerz verantwortlich. Da fast alle Brennhaare nach oben gerichtet sind, lassen sich Brennnesseln mithilfe einer Überstreichung von unten nach oben relativ gefahrlos anfassen. Auch ohne Eindringen der Brennhaare kann allein der Hautkontakt zur Brennflüssigkeit Folgen haben: Frischer Brennnessel-Schnitt verursacht bei Hautkontakt (z. B. beim Rasenmähen) zuerst keine Schmerzen, weil gebrochene Brennhaare nicht in die Haut stechen können und nur noch wenig Gift enthalten. Die spröden Brennhaare brechen bereits bei Mähmesser-Rotation und die Brennflüssigkeit fließt frei aus. Bei Benetzung empfindlicher Hautschichten mit Brennflüssigkeit (Knöchel- und Spannbereich) erfolgt eine späte Schmerzreaktion, da die Brennflüssigkeit nach Kontakt auf nervenloser Oberhaut (Epidermis) durch Poren in die darunterliegende Lederhaut (Dermis) eindringt. Dort erreicht sie erst nach Stunden freie Nervenendigungen (Nozizeptoren). Dagegen schmerzen Hauteinstiche spröder, ungebrochener Brennhaare schon in Sekundenbruchteilen. Die relativ lange Gift-Kontaktzeit ist zur späteren Verätzungsintensität direkt proportional. Nur langsam unter stechenden Schmerzen mit Schwellungen wird das in die Lederhaut eingedrungene Gift abgebaut und die großflächig verätzte Oberhaut durch eine neue ersetzt. Die Brennnessel hat damit einer Reaktion der Haut ihren Namen gegeben, der Nesselsucht oder Urtikaria. Genau wie bei einer Reizung durch Brennnesseln verursacht sie juckende Quaddeln und es wird Histamin aus Mastzellen der Haut freigesetzt. Die Ursachen können jedoch sehr unterschiedlich sein. mini|Männlicher Blütenstand einer Großen Brennnessel kurz vor dem Aufblühen mini|links|hochkant|Blütendiagramme von Urtica: A männliche, B weibliche Blüte mini|hochkant|links|Ausschnitt eines Teilblütenstandes: Nahaufnahme einer männlichen Blüte, bei der Blüte in der Bildmitte sind die Blütenhüllblätter bereits geöffnet, die Staubblätter aber noch gespannt Generative Merkmale Brennnesseln sind je nach Art einhäusig (monözisch) oder zweihäusig (diözisch) getrenntgeschlechtig. In den Blattachseln stehen in verzweigten, rispigen, ährigen, traubigen oder kopfigen Gesamtblütenständen viele zymöse Teilblütenstände mit jeweils vielen Blüten zusammen. Die relativ kleinen, unauffälligen, immer eingeschlechtigen Blüten sind zwei- bis sechs-, meist jedoch vier- bis fünfzählig. Die eingeschlechtigen Blüten sind etwas reduziert. Es sind (zwei bis) vier (bis fünf) Blütenhüllblätter vorhanden. Die männlichen Blüten enthalten meist (zwei bis) vier (bis fünf) Staubblätter. Die weiblichen Blüten enthalten einen Fruchtknoten, der zentral in der Blüte liegt und aus nur einem Fruchtblatt gebildet wird. Die sitzenden, in den haltbaren inneren Blütenhüllblättern locker eingehüllten Nüsschen sind gerade, seitlich abgeflacht, eiförmig oder deltoid. Die aufrechten Samen enthalten wenig Endosperm und zwei fleischige, fast kreisförmige Keimblätter (Kotyledonen). Die Chromosomengrundzahl beträgt x = 12 oder 13. Einige morphologisch ähnliche Arten Die Arten der mit den Brennnesseln nicht verwandten Gattung der Taubnesseln (Lamium) sehen den Brennnesseln in Wuchs und Blattform sehr ähnlich, besitzen aber keine Brennhaare und sehr viel größere und auffälligere Blüten. Die ebenfalls ähnlichen Blätter der Nesselblättrigen Glockenblume (Campanula trachelium) sind dagegen wechselständig. Ökologie Ausbreitung Brennnessel-Arten sind windbestäubt. Wenn sich bei den männlichen Blüten die Blütenhüllblätter öffnen, schnellen ihre Staubblätter hervor; dabei wird explosionsartig eine Wolke von Pollen in die Luft geschleudert. Der Wind überträgt anschließend den Pollen auf die weiblichen Blüten. Die Ausbreitung der Diasporen erfolgt durch Wind und Tiere. Lebensraum für Schmetterlinge mini|Raupe des Kleinen Fuchses auf Brennnessel Für die Raupen von rund 50 Schmetterlingsarten sind bestimmte Brennnessel-Arten eine Futterpflanze. Die Schmetterlingsarten Admiral, Tagpfauenauge, Kleiner Fuchs (auch als Nesselfalter bekannt), Silbergraue Nessel-Höckereule, Dunkelgraue Nessel-Höckereule, Brennnessel-Zünslereule (Hypena obesalis) und das Landkärtchen sind dafür sogar auf die Brennnessel angewiesen, andere Pflanzenarten kommen für diese Arten nicht in Betracht (Monophagie). Trotzdem scheinen sich diese Schmetterlingsarten kaum gegenseitig Konkurrenz zu machen, da sie entweder jeweils eine andere Wuchssorte der Brennnesseln bevorzugen oder relativ selten sind. Die Raupen des Kleinen Fuchses sind an trockenen und sonnigen Stellen zu finden. Das Tagpfauenauge mag es zwar gleichfalls sonnig, aber dennoch luftfeucht und bevorzugt daher Plätze an Gewässern. Beide Arten benötigen überdies größere Brennnesselbestände. Der Admiral dagegen gibt sich schon mit Ansammlungen einiger weniger Pflanzen zufrieden und bevorzugt eher kümmerliche Brennnesseln. Das Landkärtchen sucht sich die schattigsten Wuchsorte der Brennnessel aus, die oft großen und dichten Bestände in den fluss- und bachbegleitenden Auwäldern. Auf fast jeder Brennnessel sind Fraßspuren einzelner Insekten zu finden. Dabei müssen diese eine Strategie entwickelt haben, mit der sie die Brennhaare umgehen. Sie fressen sich um die Haare herum und bevorzugen dabei die Wege entlang der Blattadern und der Blattränder, da sich dort keine Brennhaare befinden. Vorteilhaft für die Insekten: Das Gift dringt nicht aus der Spitze, wenn das Haar unten an der Wurzel angefressen wird. Vorkommen Die Gattung Urtica ist fast weltweit verbreitet, lediglich in der Antarktis kommen keine Arten vor. Von den 30 bis 70 Urtica-Arten kommen 14 in China vor. Hauptsächlich gedeihen Urtica-Arten in den gemäßigten Gebieten der Nord- und der Südhalbkugel. Es gibt aber auch Arten in den Gebirgen der Tropen. Im deutschsprachigen Raum kommen vier Brennnessel-Arten vor: Die bekanntesten sind die zweihäusige Große Brennnessel (Urtica dioica) und die einhäusige Kleine Brennnessel (Urtica urens); außerdem existieren hier noch die Röhricht-Brennnessel (Urtica kioviensis) und die aus dem Mittelmeerraum eingeschleppte Pillen-Brennnessel (Urtica pilulifera), deren gelegentliche mitteleuropäische Vorkommen auf die Kulturflucht aus Kräutergärten zurückzuführen ist, in denen sie wegen ihrer schleimigen Samen kultiviert wurde. Einige Arten sind sehr anspruchslos und besiedeln deshalb ein breites Spektrum an Habitaten. Zeigerfunktion Ein starker Brennnesselwuchs gilt allgemein als Zeiger für einen stickstoffreichen Boden und bildet sich oft als Ruderalpflanze auf früher besiedelten Stellen aus. Eine große Anzahl Brennnesseln in einem Gebiet erlaubt es somit, auch ohne chemische Untersuchungen Rückschlüsse auf die Bodenbeschaffenheit zu ziehen. Systematik Die Gattung Urtica wurde 1753 durch Carl von Linné in Species Plantarum aufgestellt. Zum Protolog gehört auch die Diagnose in Genera Plantarum. Der Gattungsname Urtica leitet sich vom lateinischen Wort urere für „brennen“ ab. Synonyme für Urtica sind: Selepsion , Vrtica mini|Blühende Urtica atrovirens mini|Sibirische Hanfnessel (Urtica cannabina), blühend mini|Ongaonga (Urtica ferox) mini|Geschwänzte Brennnessel (Urtica membranacea), blühend mini|Pillen-Brennnessel (Urtica pilulifera) mini|Urtica stachyoides mini|Stängel, gegenständige, gestielte Laubblätter und Nebenblätter von Urtica thunbergiana Die Gattung der Brennnesseln (Urtica) enthält je nach Autor 30 bis 70 Arten: Urtica ardens (Syn.: Urtica parviflora , Urtica virulenta ): Sie kommt im Himalaja vom nördlichen Indien über Bhutan, Sikkim sowie Nepal bis zum südöstlichen Tibet und den chinesischen Provinzen westlichen Guangxi, zentralen bis südlichen Yunnan vor. Urtica aspera : Sie kommt nur auf der neuseeländischen Südinsel vor. Urtica atrichocaulis () : Sie gedeiht in Tälern, entlang von Fließgewässern und an Straßenrändern in Höhenlagen von 300 bis 2600 Metern in den chinesischen Provinzen südwestliches Guizhou, Sichuan sowie Yunnan. Urtica atrovirens ex (Syn.: Urtica grandidentata ): Sie kommt nur auf Korsika, Sardinien und dem italienischen Toskanischen Archipel vor. Urtica australis (Syn.: Urtica aucklandica ): Sie kommt nur auf kleinen Inseln um Neuseeland vor. Urtica ballotifolia (Syn.: Urtica ballotifolia var. macrostachya , Urtica longispica ): Sie kommt im westlichen Südamerika von Kolumbien über Ecuador bis Peru und bis zum nordwestlichen Venezuela vor. Urtica berteroana (Syn.: Urtica echinata var. berteroana ): Sie kommt im westlichen Bolivien und im zentralen Chile vor. Mallorca-Brennnessel (Urtica bianorii () ): Sie ist auf Mallorca endemisch. Sibirische Hanfnessel (Urtica cannabina ): Sie ist in Zentralasien von Sibirien und China weitverbreitet. Es gibt Fundortangaben für Kasachstan, Kirgisistan, China, Chita, die Innere Mongolei, die Mongolei, Altai, Burjatien, Irkutsk, Krasnoyarsk sowie Jakutien. Sie ist in vielen Gebieten Eurasiens ein Neophyt. Urtica chamaedryoides : Es gibt zwei Unterarten: Urtica chamaedryoides subsp. chamaedryoides (Syn.: Urtica alba , Urtica aureliana , Urtica berlandiera , Urtica bovista , Urtica chamaedryoides var. angustifolia , Urtica chamaedryoides var. latifolia , Urtica chamaedryoides var. orizabae , Urtica chamaedryoides var. parvifolia , Urtica chamaedryoides var. runyonii , Urtica gracilescens , Urtica gracilis non , Urtica orizabae , Urtica propinqua , Urtica purpurascens , Urtica stachydifolia , Urtica verna ): Sie kommt von den zentralen und südöstlichen Vereinigten Staaten bis Guatemala vor. Urtica chamaedryoides subsp. microsperma : Sie kommt von Bolivien bis ins nordöstliche und nördliche-zentrale Argentinien vor. Urtica chengkouensis : Sie wurde 2017 aus Sichuan erstbeschrieben. Urtica circularis (Syn.: Urtica chamaedryoides var. circularis , Urtica spatulata var. circularis ): Sie kommt vom südlichen Bolivien über Paraguay sowie Uruguay bis zum südlichen Brasilien und nördlichen Argentinien vor. Große Brennnessel (Urtica dioica ): Sie ist in Eurasien, Nordafrika und Nordamerika weitverbreitet und ist in Polynesien sowie Südamerika ein Neophyt. Urtica echinata : Sie kommt vom westlichen Südamerika bis zum nordwestlichen Argentinien vor. Urtica ferox : Sie kommt auf der Nord- und Südinsel Neuseelands vor. Die Berührung mit den Blättern dieser Art kann schwere Vergiftungen hervorrufen. Urtica fissa : Sie kommt in Vietnam und in China vor. Urtica flabellata : Sie kommt von westlichen Südamerika bis Argentinien vor. Urtica glomeruliflora : Dieser Endemit kommt auf den Juan-Fernández-Inseln vor. Urtica gracilis : Es gibt etwa fünf Unterarten: Urtica gracilis subsp. aquatica (Syn.: Urtica aquatica , Urtica mexicana , Urtica serra ): Sie kommt von Mexiko bis Guatemala vor. Urtica gracilis subsp. gracilis (Syn.: Urtica californica , Urtica cardiophylla , Urtica dioica var. californica , Urtica dioica subsp. gracilis , Urtica dioica var. gracilis , Urtica dioica var. lyallii , Urtica dioica var. procera , Urtica gracilis var. latifolia , Urtica lyallii , Urtica lyallii var. californica , Urtica procera , Urtica strigosissima , Urtica viridis ): Sie ist in Nordamerika von Alaska über die USA bis Mexiko weitverbreitet. Urtica gracilis subsp. holosericea (Syn.: Urtica breweri , Urtica dioica subsp. holosericea , Urtica dioica var. holosericea , Urtica dioica var. occidentalis , Urtica gracilis var. densa , Urtica gracilis var. greenei , Urtica gracilis var. holosericea , Urtica holosericea , Urtica trachycarpa ): Sie kommt von den westlichen bis westlichen-zentralen USA bis zum mexikanischen Bundesstaat Baja California Norte vor. Urtica gracilis subsp. incaica : Sie kommt in Peru vor. Urtica gracilis subsp. mollis (Syn.: Urtica buchtienii ): Sie kommt in Chile und in Argentinien vor. Urtica hyperborea ex : Sie kommt in China und in Sikkim vor. Urtica incisa : Sie kommt in Australien, Tasmanien und auf Neuseeland vor. Röhricht-Brennnessel (Urtica kioviensis ): Sie kommt in Mittel- und Osteuropa vor. Urtica laetevirens : Sie kommt in zwei Unterarten in China, Japan, Korea und im fernöstlichen Russland vor. Urtica leptophylla : Sie kommt von Mittelamerika bis Bolivien und dem nordwestlichen Venezuela vor. Urtica lilloi () : Sie kommt im nordwestlichen Argentinien vor. Urtica linearifolia () : Sie kommt in Neuseeland vor. Urtica macbridei : Sie kommt in Ecuador und in Peru vor. Urtica magellanica ex : Sie kommt von Ecuador bis ins südliche Südamerika vor. Urtica mairei : Sie kommt vom südöstlichen Tibet bis China und dem nordöstlichen Vietnam und in Taiwan vor. Urtica masafuerae : Dieser Endemit kommt nur auf den Juan-Fernández-Inseln vor. Geschwänzte Brennnessel (Urtica membranacea ex ): Sie kommt in Europa im Mittelmeerraum, in Westeuropa und auf den Azoren vor. Urtica mexicana : Sie kommt von Mexiko bis Guatemala vor. Urtica mollis : Sie wird auch als Unterart Urtica gracilis subsp. mollis angesehen. Sie kommt in Chile und Argentinien vor. Maulbeerblättrige Brennnessel (Urtica morifolia ), kommt auf Madeira, den Kanaren und eingebürgert auf den Azoren vor. Urtica orizabae : Sie wird als Synonym von Urtica chamaedryoides angesehen. Urtica parviflora : Sie kommt im nördlichen Indien, in Kaschmir, Nepal, Sikkim, Bhutan und in China vor. Pillen-Brennnessel (Urtica pilulifera ): Sie ist in Eurasien und Nordafrika weitverbreitet. Urtica pubescens : Sie kommt in Russland vor. Urtica platyphylla : Sie kommt in Japan, auf den Kurilen, in Sachalin, Kamtschatka und in Russlands fernem Osten vor. Urtica praetermissa : Sie kommt im zentralen und südwestlichen Mexiko vor. Urtica rupestris : Dieser Endemit kommt nur auf Sizilien vor. Urtica sondenii () ex : Sie kommt in Nord- und Osteuropa vor. Urtica spirealis : Sie kommt von Mexiko bis Guatemala vor. Urtica stachyoides & : Sie kommt nur auf den Kanaren vor. Urtica taiwaniana : Sie kommt in Taiwan in Höhenlagen zwischen 3400 und 3600 Metern vor. Urtica thunbergiana & : Sie kommt im westlichen Yunnan, in Taiwan und im südlichen Japan vor. Urtica triangularis : Sie kommt in drei Unterarten in China in Höhenlagen zwischen 2500 und 4100 Metern vor. Urtica trichantha () & : Sie kommt von Peru bis ins nördliche Chile vor. Kleine Brennnessel (Urtica urens ): Sie ist in Eurasien, Nordafrika, Nordamerika und Grönland weitverbreitet. Nicht mehr zur Gattung Urtica gehören: Urtica angustifolia ex : Sie kommt in Asien, besonders in China, vor. → Boehmeria virgata subsp. macrophylla Urtica heterophylla → Girardinia diversifolia Inhaltsstoffe Es konnten verschiedene phenolische Säuren, Lignane sowie Flavonoide wie Rutin und Isoquercitrin identifiziert werden.M. Francišković, R. Gonzalez-Pérez, D. Orčić, F. Sánchez de Medina, O. Martínez-Augustin, E. Svirčev, N. Simin, N. Mimica-Dukić: Chemical Composition and Immuno-Modulatory Effects of Urtica dioica L. (Stinging Nettle) Extracts. In: Phytother Res. Band 31, Nr. 8, Aug 2017, S. 1183–1191. PMID 28544187. Verwendung Die meisten der folgenden Aspekte beziehen sich auf die Große Brennnessel (Urtica dioica), die unter anderem als Heil- und Nutzpflanze dient.Pflanzenporträt: Anwendung und Inhaltsstoffe Große Brennessel Lebensmittel mini|Brennnesselspinat mit Salzkartoffeln und Ei Von einigen Arten werden die grünen Pflanzenteile, die unterirdischen Pflanzenteile und die Samen verwendet. Als Frühjahrsgemüse werden die jungen Brennnesseltriebe wegen ihres hohen Gehalts an Flavonoiden, Mineralstoffen wie Magnesium, Kalzium und Silizium, Vitamin A und CJ. Wolska, M. Czop, K. Jakubczyk, K. Janda: Influence of temperature and brewing time of nettle (Urtica dioica L.) infusions on vitamin C content. In: Rocz Panstw Zakl Hig. Band 67, Nr. 4, 2016, S. 367–371. PMID 27925706. (etwa doppelt so viel Vitamin C wie Orangen), Eisen, aber auch wegen ihres hohen Eiweißgehalts geschätzt. Die Brennnessel enthält in der Trockenmasse etwa 30 Prozent Eiweißanteil. Der Geschmack wird als „dem Spinat ähnlich, aber aromatischer“ und als feinsäuerlich beschrieben. Die Nutzung von wild gesammelten Brennnesseln als Nahrungsmittel (Wildkraut), vor allem von frischen Trieben im Frühjahr, ist seit der Antike aus Nord- und Westeuropa sowie der indigenen Bevölkerung Kanadas bezeugt.Colin Randall: Historical and modern uses of Urtica. Chapter 2 In: Gulsel M. Kavalali (Hrsg.): Urtica. Therapeutic and nutritional aspects of stinging nettles. Taylor & Francis, London/New York 2003, ISBN 0-415-30833-X. (Reihe Medicinal and aromatic plants–industrial profiles Band 37). Die Nutzung erfolgte als Wildgemüse (in Schottland kailEat up Your Nettles M. Harrison, 2010. Wild Food School, abgerufen am 2. Juli 2019.), Suppe oder Tee. Besondere Verwendungen waren etwa die Zugabe beim Kochen, um zartes Fleisch zu erhalten, oder als Ersatz für Lab zur Käsebereitung. Die Samen der Brennnessel eignen sich geröstet zum Verzehr oder lassen sich zu Brennnesselsamenöl weiterverarbeiten. Der unangenehmen Wirkung der Nesselhaare kann man bei der rohen Verwendung für beispielsweise Salate entgegenwirken, indem man die jungen oberirdischen Pflanzenteile in ein Tuch wickelt und stark wringt, sie beispielsweise mit einem Wiegemesser sehr fein schneidet, mit einem Nudelholz gut durchwalkt oder ihnen eine kräftige Dusche verabreicht. Kochen sowie kurzes Blanchieren für Brennnesselspinat sowie -suppe macht die Nesselhaare ebenfalls unschädlich. Auch durch das Trocknen der oberirdischen Pflanzenteile für die Teezubereitung verlieren sie ihre reizende Wirkung. Fasergewinnung Textilien aus Brennnesseln wurden bereits im Altertum hergestellt. Dieser Art der Verwendung war nicht auf einzelne Regionen beschränkt.Carl David Bouché Bouché, Hermann Grothe: Geschichte der technischen Benutzung der Nesselfasern. Kapitel 7 In: Carl David Bouché, Hermann Grothe: Ramie, Rheea, Chinagras und Nesselfaser. Ihre Erzeugung und Bearbeitung als Material für die Textilindustrie. Springer Verlag, Berlin/Heidelberg 1884. Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts lebte das Interesse an der heimischen Faserpflanze aufgrund einer Baumwollknappheit wieder auf. Um 1900 galt Nessel als das „Leinen der armen Leute“. Im Zweiten Weltkrieg wurde Nesseltuch verstärkt in Deutschland für Armee-Bekleidung verwendet. Der Fasergehalt der Zellulosefasern in wilden Brennnesseln erreicht im Durchschnitt etwa fünf Prozent und konnte in zur Fasergewinnung optimierten Zuchtlinien bis auf 22 Prozent gesteigert werden. Der Rohfaserertrag lag bei Anbauversuchen um 2003 bei maximal etwa einer Tonne pro Hektar Anbaufläche. Die Fasern können durch mikrobiologische Prozesse freigelegt werden. Färberpflanze Lange Zeit gehörte die Brennnessel zu den Färberpflanzen. Wolle kann man mit ihrer Wurzel, nach Vorbeizen mit Alaun, wachsgelb färben. Mit einer Zinnvorbeize, Kupfernachbeize und einem Ammoniak-Entwicklungsbad erzielen die oberirdischen Teile ein kräftiges Graugrün. Man benötigt etwa 600 Gramm Brennnessel pro 100 Gramm Wolle; besonders bei der Brennnessel kann der Farbton vom Zeitpunkt des Pflückens und Färbens abhängen, deshalb ist die Technik bei Massenproduktion von Kollektionen in Vergessenheit geraten. Gärtnerische Verwendung Die Brennnesseln finden insbesondere im biologischen Gartenbau vielfältige Verwendung. Ein scharfer, nur 24 Stunden angesetzter Kaltwasserauszug („brennende Brennnesseljauche“) als Pflanzenstärkungsmittel soll sowohl die Widerstandskraft behandelter Pflanzen gegenüber Schädlingen erhöhen als auch düngend wirken. Brennnesseljauche wird, im Verhältnis 1:10 bis 1:20, bei verschiedenen Gemüsepflanzen, insbesondere bei Gurken, Kohl, Porree, Tomaten und Zucchini, eingesetzt.H. Drangmeister: Pflanzenschutz im Öko-Landbau – Grundlagen und Prinzipien. D1 Allgemeiner Pflanzenbau. Informationsmaterialien über den ökologischen Landbau (Landwirtschaft einschließlich Wein-, Obst- und Gemüsebau) für den Unterricht an landwirtschaftlichen Berufs- und Fachschulen. herausgegeben vom Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, 2011. Im Garten angebaute oder wildwachsend gesammelte Brennnesseln können zudem als TeeBarbara Schön: Teepflanzen. Anbau im Kräutergarten, Ernte und Zubereitung. Broschüre, herausgegeben vom Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie, Freistaat Sachsen. 2. Auflage, 2011. oder Gemüse (Wildkraut)Barbara Schön: Gartensalate. Anbau im Haus- und Kleingarten. Broschüre, herausgegeben vom Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie, Freistaat Sachsen. 2. Auflage, 2011. verwendet werden. Anbau Als Kulturpflanze angebaut wird ausschließlich die Große Brennnessel (Urtica dioica), meist als Faserpflanze. Es handelt sich um eine ausdauernde Pflanze, die mehrere Jahre hintereinander auf derselben Fläche geerntet wird, der Anbau gilt als vorteilhaft aufgrund des geringen Aufwands, die Pflanze benötigt aber nährstoffreiche Böden und hat einen hohen Wasserbedarf. Die Art kann aus Samen vermehrt werden, im großflächigen Anbau ist aber vegetative Vermehrung Standard, um einheitliche Erträge zu gewährleisten. Angebaut werden ausgewählte Kulturlinien (meist Klone), deren genaue botanische Zuordnung nicht immer eindeutig ist; diese erreichen Wuchshöhen bis über zwei Meter. Die erste Ernte erfolgt im zweiten Wuchsjahr. Es können Erträge von 3 bis 12 Tonnen pro Hektar Trockenmasse erzielt werden, höhere Erträge aber meist nur bei intensiver Stickstoff-Düngung. Während für Faserproduktion im Herbst geerntet wird, erfolgt die Ernte bereits im Frühjahr (April), wenn vorwiegend Blätter gewonnen werden sollen, etwa für pharmazeutische Produkte.Nicola Di Virgilio, Eleni Papazoglou, Zofija Jankauskiene, Sara Di Lonardo, Marcin Praczyk, Kataryna Wielgusz: The potential of stinging nettle (Urtica dioica L.) as a crop with multiple uses. In: Industrial Crops and Products. Volume 68, 2015, S. 42–49, doi:10.1016/j.indcrop.2014.08.012. Angebaute Pflanzen können möglicherweise 10 bis 15 Jahre beerntet werden, gute Erträge werden aber, nach den alten Anbauversuchen von Bredemann (1959) vor allem bis zum vierten Jahr berichtet.Ilze Baltina, Lilita Lapsa, Elvyra Gruzdeviene: Nettle Fibers as a Potential Natural Raw Material for Textile in Latvia. In: Materials Science. Textile and Clothing Technology. Volume 7, Nr. 1, 2012, S. 23–27. Für den Anbau zur Blättergewinnung wird auch die einjährige Kleine Brennnessel (Urtica urens) eingesetzt. abgerufen am 2. Juli 2019. Der Anbau der Brennnessel wurde in Deutschland und Österreich vor allem in den Kriegsjahren, als Substitut für ausbleibende Baumwollimporte, betrieben. Damals wurden etwa 500 Hektar Nesseln angebaut. Er geriet nachher bald in Vergessenheit. Klone aus den alten Anbauversuchen durch Gustav Bredemann sind aber in einigen Universitätssammlungen erhalten geblieben. Seit den 1990er Jahren gibt es neue Anbauversuche als nachwachsender Rohstoff, die aber derzeit noch überwiegend experimenteller Natur sind. Ein Anbau, als Nischenprodukt, erfolgt etwa in Ungarn.Story of Nettle, Die Geschichte der Fasernessel Marlene. Mattes & Ammann GmbH & CO. KG, Meßstetten-Tieringen Nach der Ernte werden die Pflanzen eine Zeit lang auf dem Acker liegen gelassen, um durch mikrobiellen Abbau die Isolierung der Fasern zu erleichtern (analog dem Rösten beim Flachs). Die Fasern werden anschließend, entweder traditionell enzymatisch durch mikrobiellen Abbau oder alternativ durch chemische Verfahren, isoliert. Mechanische Isolierung ist ebenfalls möglich, liefert aber ein geringwertiges Produkt, das nicht für Textilien verwendbar ist. Kulturelle Bedeutung Die lange Geschichte der Brennnessel, insbesondere der lateinisch und in der Pharmazie früher einfach als Urtica bezeichneten Arten Große Brennnessel und Kleine Brennnessel, als Heilpflanze und NahrungsmittelJerzy Lutomski, Henryk Speichert: Die Brennessel in Heilkunde und Ernährung. In: Pharmazie in unserer Zeit. Band 12, Nr. 6, 1983, S. 181–186. führt dazu, dass es eine Vielzahl ethnobotanischer Traditionen und Ansichten über diese Pflanzenarten gibt, die teils dem Bereich der Mythen und des Aber- und Wunderglaubens entstammen. Einige der Bräuche: Am Gründonnerstag Brennnesselgemüse zu essen, was für das folgende Jahr vor Geldnot schützen soll. Fünf Nesselblätter in der Hand zu halten, um frei von Furcht und bei kühlem Verstand zu bleiben. Am Johannistag Brennnesselpfannkuchen zu essen, um gegen Nixen- und Elfenzauber gefeit zu sein. Am 1. Januar Brennnesselkuchen zu essen, um sich ein gutes Jahr zu sichern. Quellen Literatur Chen Jiarui (陈家瑞), Ib Friis, C. Melanie Wilmot-Dear: Urtica. In: (Abschnitte Beschreibung und Verbreitung). David E. Boufford: Urtica. In: (Abschnitte Beschreibung und Systematik). P. W. Ball, D. V. Geltman: Urtica. In: Eva Hanke, Ernst Wegner: Die Heilkraft der Brennessel. Droemer Knaur, München 2000, ISBN 3-426-87041-X. Heidelore Kluge: Brennessel: Heilpflanze und mehr. Haug, Heidelberg 1999, ISBN 3-7760-1751-1. Renate Spannagel: Heilkraut Brennnessel: Gesundheitspflege, Teezubereitung, kosmetische Anwendung. Weltbild, Augsburg 1998, ISBN 3-89604-731-0. Wolf-Dieter Storl: Heilkräuter und Zauberpflanzen zwischen Haustür und Gartentor. AT Verlag, Aarau/Baden 2000, ISBN 3-85502-693-9. Einzelnachweise Hans Ernst Hess, Elias Landolt, Rosemarie Hirzel: Bestimmungsschlüssel zur Flora der Schweiz. 3. Auflage. Birkhäuser, Basel 1991, ISBN 3-7643-2606-9. Heinrich Marzell: Die Brennessel im Volksglauben. Ein Beitrag zur Volkskunde. In: Naturwissenschaftliche Wochenschrift. Band 26, 1911, S. 401–406. , . Pertti Uotila: Urticaceae. Datenblatt Urtica. In: Euro+Med Plantbase - the information resource for Euro-Mediterranean plant diversity. Berlin 2011. H. H. Allan: Flora of New Zealand. Volume I: Indigenous Tracheophyta – Psilopsida, Lycopsida, Filicopsida, Gymnospermae, Dicotyledons. 1961, Nachdruck 1982, ISBN 0-477-01056-3. (online) Meret Bissegger: Meine wilde Pflanzenküche. Bestimmen, Sammeln und Kochen von Wildpflanzen. AT Verlag, Aarau/München 2011, ISBN 978-3-03800-552-0, S. 47. Carl von Linné: Species Plantarum. Band 2, Lars Salvius, Stockholm 1753, S. 983, . Carl von Linné: Genera Plantarum. 5. Auflage. Lars Salvius, Stockholm 1754, S. 423, . Chen Jiarui, Ib Friis, C. Melanie Wilmot-Dear: Urtica. In: Datenblatt Urtica bei POWO = Plants of the World Online von Board of Trustees of the Royal Botanic Gardens, Kew: Kew Science. Walter Erhardt, Erich Götz, Nils Bödeker, Siegmund Seybold: Der große Zander. Enzyklopädie der Pflanzennamen. Band 2: Arten und Sorten. Eugen Ulmer, Stuttgart 2008, ISBN 978-3-8001-5406-7. C. R. Vogl, A. Hartl: Production and processing of organically grown fiber nettle (Urtica dioica L.) and its potential use in the natural textile industry: A review. In: American Journal of Alternative Agriculture. Volume 18, Nr. 3, 2003, S. 119–128. Weblinks National Geographic: Wissenswert: Warum brennen Brennnesseln? Brennnessel als Heilpflanze. Große Brennnessel im GIFTPFLANZEN.COMpendium. Pillen-Brennnessel im GIFTPFLANZEN.COMpendium. Kategorie:Brennnesselgewächse
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Ampere
Das Ampere [] mit Einheitenzeichen A, benannt nach dem französischen Mathematiker und Physiker André-Marie Ampère, ist die SI-Einheit der elektrischen Stromstärke und der magnetischen Durchflutung. Obwohl man den Nachnamen des Namensgebers Ampère mit Gravis schreibt, wird die SI-Einheit im deutschen und englischen Sprachraum ohne Akzent geschrieben, also „Ampere“. Definition mini|Die blauen Kreise stellen Elektronen dar, die durch die Querschnitts­fläche des Leiters fließen. Ein Ampere ent­spricht einem Coulomb, das in einer Sekunde durch den Leiter­querschnitt fließt. Ein Ampere entspricht einem Strom von 1 Coulomb (C) pro Sekunde durch den Leiterquerschnitt: Das Coulomb ist im Internationalen Einheitensystem über die Elementarladung definiert. Ein Ampere entspricht daher genau einem Strom von Elementarladungen pro Sekunde, bei einem Fluss von Elektronen sind dies ca. 6,2 · 1018 (6,2 Trillionen) Elektronen pro Sekunde. Ein Fluss von 1 A über eine Spannung von 1 Volt (V) bedeutet eine Leistung von 1 Watt (W). Historisches Definition 1881 Auf dem ersten internationalen Elektrizitätskongress 1881 wurde die Definition von „praktischen“ Einheiten beschlossen: Ohm für den elektrischen Widerstand, Volt für die elektrische Spannung und Ampere für den elektrischen Strom. Das Ampere wurde als 0,1 elektromagnetische CGS-Einheiten festgelegt. Zuvor hatte es eine Reihe von unterschiedlichen Einheiten und Definitionen gegeben. In Deutschland und einigen anderen Ländern war die „Webersche Einheit“ der Stromstärke in Gebrauch, die 0,1 Ampere entsprach. In Großbritannien schlug man zunächst vor, die Einheit der Stromstärke mit „Galvat“, nach dem italienischen Biophysiker Luigi Galvani, zu benennen, die in etwa dem heutigen Ampere entsprochen hätte.J. G. Crowther: British Scientists of the Nineteenth Century, Routledge & Kegan Paul, London, 2009, S. 246. Später wurde ebenfalls eine „Weber-Einheit“ für die Stromstärke eingeführt, die aber einen zehnmal so hohen Wert hatte wie die in Deutschland gebräuchliche (also dem heutigen Ampere entsprach). Noch verwickelter wurde es dadurch, dass der Name Weber auch für die Einheit der elektrischen Ladung benutzt wurde, so dass dann die Stromstärke gleich „Weber-Einheit/Sekunde“ war. Zeitweise gab man der Weber-Einheit auch den Namen „Farad“, womit später die Einheit der elektrischen Kapazität benannt wurde. Für die Realisierung von Ohm, Volt und Ampere wurden in der Folge unterschiedliche Normale entwickelt. Definition 1898 1898 wurde 1 Ampere im „Gesetz, betreffend die elektrischen Maßeinheiten“Gesetz auf WikiSource. des Deutschen Kaiserreichs als die Stärke desjenigen Stromes definiert, der aus einer wässrigen Silbernitrat-Lösung mittels Elektrolyse in einer Sekunde 1,118 mg Silber abscheidet. Das so definierte Ampere – das auch in den meisten anderen Industriestaaten galt – ist später als internationales Ampere bezeichnet worden; das mit den restlichen Basiseinheiten kompatible (Definition von 1881) dagegen als absolutes Ampere. Definition 1948 mini|Veranschaulichung der Ampere-Definition von 1948. Die blau ein­ge­zeich­ne­ten Kräfte haben jeweils den Betrag pro Meter Leiterlänge. 1933 beschloss die 8. Generalkonferenz für Maß und Gewicht (CGPM), dass langfristig nur die „absoluten“ elektromagnetischen Einheiten verwendet werden sollten. Die folgenden Jahre sollten dazu genutzt werden, die Umrechnung von „internationalen“ und „absoluten“ Einheiten möglichst genau zu ermitteln. Die endgültige Abkehr von den „internationalen“ Einheiten und alleinige Akzeptanz der „absoluten“ Einheiten erfolgte, kriegsbedingt verzögert, 1948 durch die 9. CGPM. Damit war das Ampere eindeutig wie folgt über die Lorentzkraft zweier Leiter aufeinander definiert: 1 A ist die Stärke des zeitlich konstanten elektrischen Stromes, der im Vakuum zwischen zwei parallelen, unendlich langen, geraden Leitern mit vernachlässigbar kleinem, kreisförmigem Querschnitt und dem Abstand von 1 m zwischen diesen Leitern eine Kraft von 2 · 10−7 Newton pro Meter Leiterlänge hervorrufen würde. Mit dieser Definition wurde zugleich der Wert der magnetischen Feldkonstante μ0 festgelegt. Stromstärke als vierte Basiseinheit Im 19. Jahrhundert waren die elektromagnetischen Größen in einem System mit drei Basisgrößen „Länge“, „Masse“ und „Zeit“ definiert worden. In solch einem System treten aber zwangsläufig Dimensionen mit halbzahligen Exponenten auf, wie es etwa in den verschiedenen Varianten des CGS-Einheitensystems geschieht. Dies lässt sich durch Hinzunahme einer vierten Basisgröße und damit einer vierten Basiseinheit vermeiden. 1956 wurde beschlossen, dass dies die Einheit der Stromstärke sein sollte (MKSA-System). Definition seit 2019 Die 26. Generalkonferenz für Maß und Gewicht beschloss mit Wirkung zum 20. Mai 2019 eine Revision des Internationalen Einheitensystems. Seitdem basiert das Ampere auf der Elementarladung, der ein fester Zahlenwert zugewiesen wurde, und hängt zusätzlich von der Definition der Sekunde ab, nicht mehr jedoch vom Meter und vom Kilogramm. Die Neudefinition wurde vorgenommen, weil sie leichter und präziser zu realisieren ist. Die magnetische Feldkonstante μ0 ist seitdem eine mit einer Messunsicherheit behaftete Messgröße, die experimentell bestimmt werden muss. Gebräuchliche dezimale Vielfache Die Einheit Ampere ist mit verschiedenen Vorsätzen für Maßeinheiten (SI-Präfixe) in Verwendung, beispielsweise: Präfix-Schreibweise Dezimal 1 μA (Mikroampere) 0,000 001 Ampere 1 mA (Milliampere) 0,001 Ampere 1 A (Ampere) 1 Ampere 1 kA (Kiloampere) 1 000 Ampere Weblinks Einzelnachweise (engl.), (frz.) doi:10.59161/CGPM1933RES10F (frz.) Protokoll der 9. Generalkonferenz für Maß und Gewicht, 1948, Seite 49, abgerufen am 15. Januar 2022 (französisch) doi:10.59161/CGPM2018RES1E (engl.), doi:10.59161/CGPM2018RES1F (frz.) Tagungsbericht des 1. Congrès international des électriciens, Paris, 1881, Seite 246: Beschluss vom 21. Sept. 1881: Definition der Einheiten Ohm, Volt, Ampere, Coulomb und Farad (französisch), Zugriff 6. März 2023. Tagungsbericht des 1. Congrès international des électriciens, Paris, 1881 Seite 44 (französisch), Zugriff 29. Dezember 2024. Wilhelm Jaeger: Die Entstehung der internationalen Maße der Elektrotechnik, Julius Springer Verlag, Berlin 1932, S. 8–9. Kategorie:Elektromagnetische Einheit Kategorie:André-Marie Ampère
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Arthur Schopenhauer
mini|Arthur Schopenhauer. Fotografie von Johann Schäfer (1855) rahmenlos|klasse=skin-invert-image Arthur Schopenhauer (* 22. Februar 1788 in Danzig; † 21. September 1860 in Frankfurt am Main) war ein deutscher Philosoph. Schopenhauer entwarf eine Lehre, die gleichermaßen Erkenntnistheorie, Metaphysik, Ästhetik und Ethik umfasst. Er sah sich selbst als Schüler und Vollender Immanuel Kants, dessen Philosophie er als Vorbereitung seiner eigenen Lehre auffasste. Weitere Anregungen bezog er aus der Ideenlehre Platons und aus Vorstellungen indischer Philosophien. Innerhalb der Philosophie des 19. Jahrhunderts entwickelte er eine eigene Position des subjektiven Idealismus und vertrat als einer der ersten Philosophen im deutschsprachigen Raum die Überzeugung, dass der Welt ein irrationales Prinzip zugrunde liegt. mini|hochkant|Arthur Schopenhauers Geburtshaus in Danzig, damals Heiliggeistgasse, heute ul. Św. Ducha mini|hochkant|Johanna Schopenhauer, um 1800 Leben und Werk Herkunft und frühe Jahre Die Vorfahren Arthur Schopenhauers stammten meist aus dem Danziger Werder zwischen Elbing und Danzig.Walther Rauschenberger: Schopenhauers Ahnen und Seitenverwandte. In: Jahrbuch der Schopenhauer-Gesellschaft. 1940, S. 115–137, siehe auch Schopenhauers Vorfahren Schoppenhauer Chronik Der Großvater Andreas Schopenhauer (1720–1793) war ein sehr vermögender Kaufmann in Danzig, dessen Frau Anna Renata Soermans (1726–1804) Tochter des niederländischen Kaufmanns Hendrik Soermans (1700–1775). Der Großvater mütterlicherseits Christian Heinrich Trosiener (1730–1797) war ebenfalls Kaufmann in Danzig und Ratsherr aus dem mittleren Stand. Die Großmutter Elisabeth Lehmann (1745–1818) war die Tochter des Apothekers Georg Lehmann (gestorben 1762).Daniel Schubbe, Matthias Koßler (Hrsg.): Schopenhauer-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. 2. Auflage. J.B. Metzler, Stuttgart 2018, ISBN 978-3-476-04558-4, S. 2 f. (books.google.de mit kurzer Darstellung der Familie). Der Vater Heinrich Floris Schopenhauer (1747–1805) übernahm das Unternehmen und einen Teil der Güter des Großvaters. 1785 heiratete er die 18-jährige Johanna Trosiener (1766–1838). Diese Ehe war zwar standesmäßig eine gute Wahl für sie, dennoch verlief sie nicht besonders glücklich für beide. Am 22. Februar 1788 wurde Arthur in Danzig in der Heilige-Geist-Gasse 114 geboren. Seine Kindheit verbrachte er auch auf einem Hof der Familie in Oliva.Hans Georg Siegler: Der heimatlose Arthur Schopenhauer. Jugendjahre zwischen Danzig, Hamburg, Weimar. Droste, Düsseldorf 1994 Auszüge, über frühe Jahre und Familie 1793 zog der Vater mit der Familie nach Hamburg, als preußische Truppen infolge der zweiten polnischen Teilung die Übergabe der Stadt Danzig erzwangen. Er verließ damit seine Güter in der Stadt, denn sein republikanischer Freiheitssinn lehnte die preußische Herrschaft in der Freien Hansestadt Danzig ab. Die Familie ließ sich zunächst am Neuen Weg 76 in der Hamburger Altstadt nieder und zog 1797 in ein größeres Haus im Neuen Wandrahm 92, wo sich dann auch der Geschäftsbereich befand.Die Welt ist mein Wille von Thomas Andre, Hamburger Abendblatt vom 21. September 2010. Dort wurde 1797 Schopenhauers Schwester Adele Schopenhauer geboren. Ausbildung zum Kaufmann Heinrich Schopenhauer hatte für seinen Sohn Arthur den in der Familie traditionellen Kaufmannsberuf vorgesehen und ihn deshalb in die dafür vorbereitende Hamburger Erziehungsanstalt unter der Leitung von Johann Heinrich Christian Runge geschickt. Seine damaligen Schulfreunde waren der spätere Ministerresident Carl Godeffroy und der spätere Weinhändler und Senator Georg Christian Lorenz Meyer. Arthur absolvierte schnell das in der Handelsschule Erlernbare und bat den Vater eindringlich, ein Gymnasium besuchen zu dürfen. Der Vater hielt dies jedoch für überflüssig und bot ihm stattdessen eine gemeinsame, längere Bildungsreise durch Europa an. Arthur willigte ein und bereiste, nachdem er mehrere Wochen zum Erlernen der englischen Sprache in Wimbledon verbracht hatte, von 1803 bis 1804 Holland, England, Frankreich, die Schweiz, Österreich, Schlesien und Preußen. mini|hochkant|Schopenhauers Hamburger Wohnung 1805–1807: Kohlhöfen Von September bis Dezember 1804 begann Schopenhauer auf Wunsch des Vaters eine Kaufmannslehre im Danziger Handelshaus von Jacob Kabrun, mit dem der Vater befreundet war. Dorthin begleitete ihn seine Mutter.Rüdiger Safranski: Schopenhauer and the Wild Years of Philosophy. Harvard University Press, Massachusetts 1991, ISBN 0-674-79276-9, S. 52–53. 1805 kehrten sie nach Hamburg zurück und er setzte seine Kaufmannslehre im Unternehmen Jenisch fort. Am 20. April des Jahres wurde der Vater tot im Fleet hinter seinem Haus gefunden. Er litt unter Depressionen und war wahrscheinlich vom Dachspeicher gestürzt, vermutet wurde ein Suizid. Nach Auflösung des väterlichen Geschäfts und dem Verkauf des Wandrahms 92 wohnte die Familie vorübergehend von 1805 bis 1806 in einer Wohnung in den Kohlhöfen 29 nahe dem Großneumarkt. 1806 zog seine Mutter mit seiner jüngeren Schwester nach Weimar, während Arthur Schopenhauer in Hamburg blieb. Hinwendung zur Philosophie mini|hochkant|Arthur Schopenhauer als jun­ger Mann, porträtiert 1815 von Ludwig Sigismund Ruhl Schopenhauer brach seine Lehre ab und wurde im Juni 1807 auf Ratschlag Carl Ludwig Fernows Schüler des Gymnasialdirektors Doering am Gymnasium Illustre in Gotha. Noch im selben Jahr übersiedelte er, wie zuvor seine Mutter und seine Schwester, nach Weimar, wo sein wichtigster Lehrer Franz Passow wurde. Der junge Schopenhauer pflegte Umgang mit dem Schriftsteller Johannes Daniel Falk und dem Dichter und Priester Zacharias Werner. Ein Jugendfreund war der spätere klassische Philologe Friedrich Gotthilf Osann (1794–1858). Im Jahre 1809 verliebte Schopenhauer sich unglücklich in die elf Jahre ältere 32-jährige Schauspielerin und Opernsängerin Karoline Jagemann, seinerzeit die Geliebte des Herzogs Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach. Für sie schrieb er sein einziges überliefertes Liebesgedicht. Volljährig geworden bekam Schopenhauer seinen Anteil am väterlichen Erbe ausgezahlt. Durch diesen erheblichen Geldbetrag wurde er vermögend und frei von finanziellen Sorgen. 1809 begann er an der Universität Göttingen ein Studium der Medizin, das er jedoch bald zugunsten der Philosophie aufgab. Den Doktortitel der Philosophie an der Universität Jena erhielt Schopenhauer am 2. Oktober 1813 (magna cum laude) für seine Schrift Ueber die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde, welche er während seines Aufenthaltes im Gasthof „Zum Ritter“ in der Residenzstadt Rudolstadt im Sommer desselben Jahres vollendet hatte. Dem Prüfungsgremium saß der Dekan Heinrich Karl Eichstädt vor. Zu den ersten Lesern seines Werks gehörte der Dichter und Naturforscher Johann Wolfgang von Goethe. Goethe war bereits vorher über seinen Kontakt zur Mutter Schopenhauers, die in Weimar einen literarischen Salon unterhielt, auf ihn aufmerksam geworden. Häufigere Begegnungen mit Goethe folgten, der in dieser Zeit seine Farbenlehre ausformulierte. Diese, der newtonschen Lehre widersprechende Theorie fand in Schopenhauer einen ihrer wenigen Unterstützer. Als Schopenhauer begann, mit größerem Selbstbewusstsein eigene, abweichende Thesen zu vertreten, löste sich das enge Verhältnis allmählich. Gleichwohl hatte Schopenhauer zeitlebens große Bewunderung für Goethe. Durch Friedrich Majer wurde Schopenhauer mit der altindischen Philosophie des Brahmanismus bekannt gemacht.Siehe die Studien von Urs App über orientalische Einflüsse auf die Genese von Schopenhauers Philosophie, vor allem Schopenhauers Kompass. Die Geburt einer Philosophie. UniversityMedia, Rorschach/Kyoto 2011, ISBN 978-3-906000-02-2. 1814 überwarf er sich mit seiner Mutter und ging nach Dresden, wo er in Literatenkreisen verkehrte und Studien in den reichen Sammlungen und Bibliotheken der Stadt trieb. 1815 veröffentlichte Schopenhauer eine eigene Farbenlehre mit dem Titel Ueber das Sehn und die Farben. Diese entstand in Korrespondenz mit Goethe und erschien 1816 im Druck. Auseinandersetzung mit dem Verleger Anschließend entwarf Schopenhauer sein Hauptwerk Die Welt als Wille und Vorstellung, das Anfang 1819 bei F. A. Brockhaus erschien und später noch erheblich erweitert werden sollte. Der Philosoph war schon zu diesem Zeitpunkt von der geistesgeschichtlichen Bedeutung seiner Arbeit überzeugt, obwohl sie zunächst rein wirtschaftlich kein Erfolg wurde. Die erste Auflage war erst nach dreißig Jahren vergriffen. Der Briefwechsel zwischen Schopenhauer und seinem Verleger ist ein aufschlussreiches Zeitdokument. Modern war an Schopenhauer seine Auffassung von der Philosophie als einer speziellen Art von Schriftstellerei. Mit großer Genauigkeit untersuchte er in einem Anhang zu seinem Hauptwerk, in welchem er die Kant’sche Philosophie kritisierte, alle Auflagen der Kant’schen Werke nach begrifflichen Abweichungen. Dies geschah vor dem Hintergrund, dass nach seiner Auffassung die erste Auflage, nicht aber die späteren, mit seiner eigenen Philosophie verträglich sei. Schopenhauer verstand sich als Bewahrer der deutschen Sprache und verbot nicht nur zur Bewahrung der Schärfe philosophischer Formulierungen, sondern auch aus sprachlichen Gründen, sämtliche Änderungen seines Manuskripts, vor allem Anpassungen an den zeitgenössischen Sprachgebrauch. Dadurch verzögerte sich die Herausgabe, so dass es nicht pünktlich zur Leipziger Buchmesse im September 1818 erscheinen konnte. War er anfangs noch ganz geschmeidig und höflich („… Euer Wohlgeboren …“) mit Friedrich Arnold Brockhaus umgegangen, änderte sich dies schnell, nachdem der Kontrakt unterzeichnet war und erste Abweichungen auftauchten. Er sah sich als herausragenden, aber schlecht bezahlten Autor und beklagte sich: In einem anderen Brief an Brockhaus schreibt Schopenhauer: Brief vom 31. August 1818. Brockhaus’ Erwiderung fiel scharf aus. Er sprach Schopenhauer ab, ein Ehrenmann zu sein, und weigerte sich, „etwaige Briefe“ seines Autors anzunehmen, Brief vom 24. September 1818. Am gleichen Tag schrieb Brockhaus: Reisen und Berliner Jahre Im September 1818 trat der Privatgelehrte eine Reise nach Italien an, die ihn über Venedig, Rom, Neapel und Paestum nach Mailand führte. Dort erreichte ihn im Juni 1819 die Nachricht vom Zusammenbruch des Danziger Handelshauses A. L. Muhl & Co., bei dem er einen Teil seines Vermögens deponiert hatte. Er brach die Reise ab, um die Angelegenheit an Ort und Stelle zu regeln, wobei es erneut zu Spannungen zwischen ihm und seiner Mutter kam. Seine finanziell prekäre Situation veranlasste ihn, sich um eine Dozentur an der Universität Berlin zu bewerben. 1820 begann Schopenhauer die Lehrtätigkeit an der noch jungen Berliner Universität. Dabei kam es zu dem berühmten Streit mit Hegel. Schopenhauer setzte seine Vorlesungen zeitgleich mit denen Hegels an, hatte aber nur wenige Zuhörer, da die Studenten Hegels Vorlesung bevorzugten. Bald begann er, die Universitätsphilosophie zu verachten. Als das Handelshaus Muhl 1821 seine Forderungen beglich, verließ er die Universität und setzte seine Italienreise fort. Ab 1821 unterhielt er mehrere Jahre lang ein Verhältnis mit der damals 19-jährigen Opernsängerin Caroline Medon. Er misstraute jedoch ihrem Gesundheitszustand und ihren möglichen Absichten, so dass es nie zu einer Heirat kam. In dieser Zeit kam es auch zur Marqet-Affäre.siehe Kammergericht (Instruktionssenat) – Schadensersatzprozess gegen Schopenhauer; Rezension: Sachbuch : Der brutale Philosoph. Arthur Schopenhauers Tätlichkeiten gegen seine Nachbarin., abgerufen am 8. Dezember 2023. Siehe auch Karlheinz Muscheler, Die Schopenhauer-Marquet-Prozesse und das preußische Recht, J. C. B. Mohr (Paul Siebeck) Tübingen 1996. Caroline Louise Marqet, eine 47-jährige Näherin, hatte Schopenhauer durch ihr lautes Gespräch mit zwei anderen Frauen im Vorzimmer seiner Wohnung derartig in Rage gebracht, dass er sie schließlich handgreiflich hinauswarf, wobei sie stürzte. Die derart Behandelte klagte daraufhin gegen Schopenhauer, weil sie von seiner rohen Behandlung ein andauerndes Zittern des Armes zurückbehalten habe. Sie bekam nach einem fünfjährigen Prozess durch alle Instanzen schließlich vor dem Kammergericht RechtUrteil des Instruktionssenats vom 4. Oktober 1824, bestätigt durch die Purifikationsresolution vom 2. März 1826 und ihr wurde eine Vierteljahresrente von 15 Talern zugesprochen, bis das Zittern wieder verschwunden sei. Zum Urteilsspruch bemerkte Schopenhauer sarkastisch, dass „sie wohl so klug sein wird, das Zittern des Arms nicht einzustellen“. Er musste die Rente bis zu Marquets Tod 20 Jahre später zahlen, den er mit dem Satz kommentierte: „Obit anus, abit onus“ (Die Alte stirbt, die Last vergeht).Das Motto hatte Schopenhauer möglicherweise Johann Georg Sulzers Theorie der Schönen Künste entnommen, vgl. Karlheinz Muscheler: Die Schopenhauer-Marquet-Prozesse und das preussische Recht. J. C. B. Mohr (Paul Siebeck), Tübingen 1996, ISBN 3-16-146546-6, S. 103. Nach längeren, zum Teil krankheitsbedingten Aufenthalten in München, Bad Gastein und Dresden kehrte er erst im April 1825 nach Berlin zurück und unternahm einen erneuten Versuch, eine universitäre Laufbahn einzuschlagen. Außer einer ambivalenten Besprechung der Welt als Wille und Vorstellung durch Jean PaulKleine Bücherschau : gesammelte Vorreden und Rezensionen, nebst einer kleinen Nachschule zur ästhetischen Vorschule / von Jean Paul. 2. Bändchen (1825). S. 203f; zur Einordnung: Selbstdemütigung. Logen-Blog 394: Ein Lob mit beschränkter Haftung; „Fohismus“ ist wohl bei Jean Paul chinesischer Buddhismus, siehe David E. Cartwright: Schopenhauer: A Biography. Cambridge University Press, 2010, S. 393, abgerufen am 8. Dezember 2023. fanden seine Ideen noch keine Resonanz. Während seiner Aufenthalte in Berlin von 1820 bis 1831 wohnte Schopenhauer nacheinander in der heutigen Dorotheenstraße 83 (damals Nr. 34), in der Kronenstraße 55, Niederlagstraße 4, in der Leipziger Straße 78, in der Dorotheenstraße 90 (damals Nr. 30)Berliner Adressbuch 1829. und zuletzt in der Behrenstraße 70 und 17 in Berlin-Mitte.Karl Voß: Berlin, Reiseführer für Literaturfreunde, vom Alex bis zum Kudamm. Berlin 1986, ISBN 3-548-04069-1, S. 56, 64, 65, 80, 85, 108, 119. Bei Ausbruch einer Choleraepidemie in Berlin floh Schopenhauer 1831 – anders als Hegel, der ihr vermutlich zum Opfer fielEine gegenläufige Meinung vertritt jedoch zum Beispiel Holger Althaus: Hegel und die heroischen Jahre der Philosophie. Carl Hanser Verlag, München, ISBN 3-446-16556-8, S. 579–581. Demzufolge starb Hegel an einem akuten Ausbruch einer chronischen Magenerkrankung.  – nach Frankfurt am Main, wo er den Winter verbrachte. Die immer noch mit ihm liierte Medon ging nicht mit ihm aus Berlin fort, da er verlangte, dass sie ihren außerehelichen, damals im neunten Lebensjahr stehenden Sohn Carl Ludwig Gustav Medon (1823–1905)Robert Gruber: Schopenhauers Geliebte in Berlin. Wien 1934, S. 32. zurücklassen solle; dies führte zum Bruch. Im Alter von 43 Jahren interessierte er sich nochmals für ein junges Mädchen, nämlich die 17-jährige Flora Weiss, die den wesentlich älteren Verehrer jedoch abwies. Nach einem Aufenthalt in Mannheim vom Juli 1832 bis Juni 1833 ließ er sich am 6. Juli 1833 endgültig in Frankfurt nieder. Frankfurter Jahre mini|Schopenhauer auf einer Daguerreotypie aus dem Jahr 1852 Nach langem Schweigen meldete sich Schopenhauer 1836 mit seinem Werk Ueber den Willen in der Natur wieder zu Wort. 1837 griff er in die Gestaltung der Gesamtausgabe der Schriften Immanuel Kants ein, indem er erfolgreich für die Aufnahme der ersten Fassung der Kritik der reinen Vernunft anstatt der zweiten Fassung plädierte. 1838 starb Schopenhauers Mutter. Im folgenden Jahr krönte die Königlich Norwegische Societät der Wissenschaften seine Preisschrift Ueber die Freiheit des menschlichen Willens. 1841 erschien sie zusammen mit einer anderen, nicht gekrönten Preisschrift, Ueber das Fundament der Moral, unter dem zusammenfassenden Titel Die beiden Grundprobleme der Ethik. Als bedeutendster einer Reihe von „Aposteln und Evangelisten“ Schopenhauers war 1840 Julius Frauenstädt aufgetreten, weshalb Schopenhauer ihn „Erzevangelist“ nannte. Zuvor hatte schon Friedrich Dorguth (von Schopenhauer daher „Urevangelist“ genannt) auf Schopenhauer aufmerksam gemacht. 1843 nannte er in seiner Schrift Die falsche Wurzel des Idealrealismus den immer noch wenig bekannten Schopenhauer einen Denker von weltgeschichtlicher Bedeutung. Mit 55 Jahren bezog der Philosoph, der bis dahin meist zur Untermiete gewohnt hatte, am Mainufer, an der Schönen Aussicht 17, eine eigene Wohnung, die er 16 Jahre lang behielt. Als das Schopenhauerhaus aber ist die Nachbaradresse in die Geschichte eingegangen, das riesige Palais Schöne Aussicht 16, sein Sterbehaus. mini|Eine der frühesten fotografischen Detailaufnahmen des Schopenhauerhauses, 1861(Fotografie von Carl Friedrich Mylius) 1843 hatte Schopenhauer den zweiten Band seines Hauptwerkes vollendet und wandte sich erneut an den Verlag, der inzwischen von Heinrich Brockhaus geleitet wurde, mit der Bitte um Veröffentlichung. Nach einem Briefwechsel, der von gegenseitigem Respekt zeugt, erschien 1844 die ergänzte und überarbeitete 2. Auflage von Die Welt als Wille und Vorstellung. mini|Arthur Schopenhauer, (1855) von Jules Lunteschütz. 1851 kamen die Parerga und Paralipomena (2 Bände) mit den Aphorismen zur Lebensweisheit heraus. Richard Wagner ließ dem von ihm verehrten Schopenhauer seine Dichtung Der Ring des Nibelungen überreichen. Julius Frauenstädts Brief über die Schopenhauer’sche Philosophie erschien. Eine Serie von Schopenhauer-Porträts von Jules Lunteschütz, Julius Hamel und anderen Künstlern entstand. Im Mai 1857 besuchte Friedrich Hebbel Schopenhauer. Die ihm erst spät angetragene Mitgliedschaft in der Königlichen Akademie der Wissenschaften in Berlin lehnte Schopenhauer ab. Im Sommer des Jahres 1859 rettete der häufig als Misanthrop bezeichnete Schopenhauer – er nannte seinen Hund immer dann „Mensch“, wenn er sich über ihn ärgerte – den neunjährigen Julius Frank vor dem Ertrinken. Am 9. September 1860 erkrankte er an einer Lungenentzündung. Nach bereits monatelangen „Atmungsbeschwerden mit starkem Herzklopfen im Gehen“ starb Schopenhauer daran schließlich am 21. September 1860 im Alter von 72 Jahren in der Schönen Aussicht 16 in Frankfurt am Main. Am 26. September wurde er, nachdem er testamentarisch verfügt hatte, dass sein Leichnam nach der Todesfeststellung sechs Tage ruhig und unangetastet im Bett belassen werden sollte,Tankred Koch: Lebendig begraben. Geschichte und Geschichten vom Scheintod. Edition Leipzig, 1990, ISBN 3-361-00299-0; Neudruck (Lizenzausgabe mit dem Titel Scheintod. Lebendig begraben) Tosa Verlag, Wien 2002, S. 114. auf dem Frankfurter Hauptfriedhof beigesetzt. Erst nach seinem Tod wurde 1864 seine Schrift Eristische Dialektik (Technik des Diskutierens) veröffentlicht. Schopenhauer formuliert darin 38 rhetorische Kunstgriffe, die es ermöglichen sollen, aus Streitgesprächen als Sieger hervorzugehen, sogar wenn Tatsachen gegen die eingenommene Position sprächen. Die polemisch gegen den Diskussionsstil seiner Zeitgenossen gerichteten Kunstgriffe liefern Beispiele für rabulistische Argumentation und bieten Hinweise auf die durch sie verursachten Fehlschlüsse. Philosophie Unter dem Einfluss Platons und Kants vertrat Schopenhauer in seiner Erkenntnistheorie die Position des Idealismus, beschritt jedoch innerhalb dieser Grundauffassung einen eigenen, subjektivistischen Weg („subjektiver Idealismus“). Was Schopenhauer von den Solipsisten trennt, ist sein Beharren auf einem alles verbindenden und bedingenden Etwas. Dieses ist für Schopenhauer der blinde, zum Dasein drängende Wille, Sanskrit: Tat twam asi („Das bist du“ / „Dieses Lebende bist du“). Schopenhauer lehnte die Philosophie Georg Wilhelm Friedrich Hegels ab, die er selbst abwertend als „Hegelei“ und als „Scharlatanerei“In Welt als Wille und Vorstellung S. 26, nach Anthony Kenny: Geschichte der abendländischen Philosophie. Band IV. Moderne. 2. Auflage. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2014, ISBN 978-3-534-73858-8, S. 28. bezeichnete. Er verfasste drastische Polemiken gegen Hegel, Friedrich Wilhelm Joseph Schelling, Johann Gottlieb Fichte und den zunächst verehrten Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher. Welt als Vorstellung Ähnlich wie George Berkeley vertritt Schopenhauer die Auffassung, dass sich die Frage nach einer von ihrer Wahrnehmung unabhängig gegebenen Außenwelt nicht stelle. Er argumentiert bezüglich der Existenz einer Außenwelt sowohl gegen den Dogmatismus, der seiner Darstellung nach in Realismus und Idealismus zerfalle, als auch gegen skeptizistische Argumente, da sich die Welt dem Subjekt gegenüber ohnehin nur als Vorstellung zeige – die jedoch nicht als Imagination zu verstehen sei – und die Wahrnehmung unseren einzigen Zugang zur objektiven Welt darstelle. Gegen den philosophischen Skeptizismus bringt er vor, jener bedürfe eher einer „Therapie“ oder „Kur“ als einer ernsthaften Diskussion. Nach Schopenhauers Konzeption ist uns als Subjekt die objektive Welt immer nur im Modus der Vorstellung gegeben, d. h., dass Objekte nur als eine Seite der vorstellenden Relation von Subjekt und Objekt ihre Existenz besitzen. Trotzdem kommt bei Schopenhauer der Welt eine Wirklichkeit zu, die über die reiner, imaginativer Vorstellung hinausgeht. Demnach wäre es falsch, die Welt lediglich als Imagination des menschlichen Bewusstseins zu verstehen. Wesentlich in der Terminologie Schopenhauers ist vielmehr die Unterscheidung zwischen der in Subjekt und Objekt zerfallenden Vorstellung einerseits und bloßer Imagination oder Fantasie, die damit nicht in Verbindung stehen, andererseits. Schopenhauer widersprach der Überzeugung Kants, dass das Ding an sich jenseits aller Erfahrung liege und deshalb nicht erkannt werden könne. Kants Ding an sich war für ihn zwar auch unerkennbar (wir sehen immer nur das, was wir mit unseren Sinnen wahrnehmen), jedoch nicht unerfahrbar. Durch eine Selbstbeobachtung unserer Person können wir uns dessen gewiss werden, was wir letzten Endes sind: Wir erfahren in uns den Willen. Er ist das Ding an sich und damit nicht nur die Triebfeder allen Handelns von Mensch und Tier, sondern auch die metaphysische Erklärung der Naturgesetze. Die Welt ist letztlich blinder, vernunftloser Wille (vgl. Triebtheorie). Schopenhauer ist somit der klassische Philosoph und Hauptvertreter des metaphysischen Voluntarismus. Doch die Welt ist nicht nur Wille, sondern erscheint auch als Vorstellung. Sie ist die durch Raum und Zeit sowie Kausalität, die den a priori gegebenen Erkenntnismodus von uns Verstandeswesen bilden, individuierte und verknüpfte Erscheinung des einen Willens. „Die Welt ist meine Vorstellung“ ist der erste Hauptsatz seiner Philosophie. Was uns als Welt erscheint, ist nur für uns, nicht an sich. Es gibt für Schopenhauer nichts Beobachtetes ohne Beobachter, kein Objekt ohne ein Subjekt. Die Welt, als Vorstellung betrachtet, zerfällt in Subjekte und Objekte, die sowohl untrennbar als auch radikal voneinander verschieden, jedoch letzten Endes beide nur Erscheinungen des Willens sind. Dieser ist nach Schopenhauer das Wesen der Welt, das sich, in Subjekt und Objekt erscheinend, gleichsam selbst betrachtet. Welt als Wille Der Vorstellungswelt liegt der Wille zugrunde, den Schopenhauer als grundlosen Drang versteht. Er stuft den Willen nach den Gegebenheiten seines Wirkens ab, spricht von Ursachen, wenn die Wirkung ihnen gemäß ist, wie beim elastischen Stoß, von Reizen, wenn die Wirkung ein Energiepotential entlädt, und von Motiven, wenn die Wirkung als Umsetzung bestimmter Absichten berechnet wurde. In diesen Formen also bestimmt der Wille alle Vorgänge der organischen und anorganischen Natur. Er objektiviert sich in der Erscheinungswelt als Wille zum Leben und zur Fortpflanzung. Diese Lehre vom „Primat des Willens“ bildet die zentrale Idee der Schopenhauerschen Philosophie, sie hatte weitreichenden Einfluss und begründet die Aktualität von Schopenhauers Werk. Willensfreiheit kennt Schopenhauer, der sich wiederholt, mit unterschiedlichem Resultat, mit Augustinus von Hippo auseinandersetzte, nur gemäß seiner berühmt gewordenen These: „Der Mensch kann zwar tun, was er will, aber er kann nicht wollen, was er will.“ Jeglichem Handeln liegt immer und stets der Wille, das heißt das Wollen zu Grunde. In der streng kausal geordneten empirischen Welt, der Welt der Vorstellung, ist kein Platz für einen, ohne rein-empirische Ursache handelnden Menschen und zwar nicht nur in dem Sinne, dass dies unserer Denkweise widerspräche, sondern in dem tieferen Sinne, dass der Wille sich in allen seinen Teilen gemäß dem Gesetz der Kausalität manifestiert. Im Gegensatz zu Berkeley sieht Schopenhauer in der Kausalität kein bloßes gedankliches Konzept, sondern den Willen selbst, welchen zu deuten das Werk des Verstandes sei. Frei ist der Wille nur insofern, als ihm nichts vorschreibt zu sein, was er ist (d. h., dass die Naturgesetze zwar alles bestimmen, was passiert, selbst aber durch kein Gesetz so sind, wie sie sind). Diese Freiheit hat der so verstandene Wille demnach nur vor seiner Manifestation, welche selbst nichts weiter als sein wirksam gewordener Ausdruck ist. Im Falle des Menschen ist dessen wirkendes Wollen durch seinen „Charakter“ – als angeboren und unveränderlich gedacht – bestimmt, welcher willkürlich ist, also aus keinem tieferen Grund existiert. Nur diesem Charakter gemäß kann man wollen. Dennoch spricht Schopenhauer von einer intelligiblen Willensfreiheit: wenn das Subjekt den zugrunde liegenden Willen erkennt, kann es ihn in bestimmten Momenten der Kontemplation, beispielsweise durch Kunstgenuss, verneinen. Diese, beispielsweise im Zustand der ästhetischen Kontemplation erreichte Ansicht der Dinge ist nach Schopenhauers Lehre eine Ansicht der Dinge jenseits der vierfachen Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde (Sein, Raum, Kausalität, Zeit)Vgl. die Dissertationsschrift Über die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde (1813). und somit frei von den mit diesen einhergehenden Kausalbeziehungen. Verstand und Vernunft Schopenhauer unterscheidet zwei intellektuelle Vermögen, den Verstand und die Vernunft. Der Verstand äußert sich in unmittelbaren Urteilen über das Angeschaute, beispielsweise zu erkennen, wie stark oder schnell jemand ist, welche Ursache ein Geräusch hat oder in welchem Winkel und mit welcher Kraft ein Speer geworfen werden muss, um sein Ziel zu treffen. Die Vernunft hingegen ist die Fähigkeit, begrifflich zu denken, also Anschauungen unter Begriffe zusammenzufassen, sich Begriffe vorzustellen, den Inhalt von Begriffen miteinander zu vergleichen usw. Diese Lehre vom Denken (Dianoiologie) unterscheidet Schopenhauer von der Lehre vom Sein (Ontologie). Während der Verstand allen Tieren gemein ist, ist die Vernunft das herausragende Merkmal des Menschen. Das menschliche Vernunftvermögen beschrieb Schopenhauer allerdings deutlich skeptischer als etwa Kant oder die reinen Idealisten. Pessimismus und Erlösung mini|Grabanlage von Arthur Schopenhauer auf dem Frankfurter Hauptfriedhof im Gewann A 24 mini|Arthur Schopenhauers Grabstein Schopenhauer begründete ein System des empirischen und metaphysischen Pessimismus. Der blinde, vernunftlose Weltwille ist für ihn die absolute Urkraft und somit das Wesen der Welt. Die Vernunft ist nur Dienerin dieses irrationalen Weltwillens. Die Welt – als Erzeugnis dieses grundlosen Willens – ist durch und durch schlecht, etwas, das nicht sein sollte, eine Schuld.Arthur Schopenhauer: Die Welt als Wille und Vorstellung. Erster Band, § 56. Eine schlechtere Welt kann es überhaupt nicht geben. Die Welt ist ein „Jammertal“, voller Leiden. Alles Glück ist Illusion, alle Lust nur negativ definiert als Fehlen von Leid. Der rastlos strebende Wille wird durch nichts endgültig befriedigt.Arthur Schopenhauer: Die Welt als Wille und Vorstellung. Erster Band, § 59. Die Basis allen Wollens ist Bedürftigkeit, Mangel, also Schmerz.Arthur Schopenhauer: Die Welt als Wille und Vorstellung. Erster Band, § 57. Das Leben „schwingt also, gleich einem Pendel, hin und her zwischen dem Schmerz und der Langeweile“.Arthur Schopenhauer: Die Welt als Wille und Vorstellung. Erster Band, § 56. Schon seiner Anlage nach ist das Menschenleben keiner wahren Glückseligkeit fähig. Jede Lebensgeschichte ist eine Leidensgeschichte, eine fortgesetzte Reihe großer und kleiner Unfälle.Arthur Schopenhauer: Die Welt als Wille und Vorstellung. Erster Band, § 59. Mächtigster Ausdruck des Willens ist der nicht dauerhaft zu befriedigende Geschlechtstrieb. Im „Jammertal“ des Diesseits hält Schopenhauer den Tod für besser als das Leben. Es ist jedoch ein weit verbreiteter Irrtum, daraus eine Aufforderung zur Selbsttötung abzuleiten. Der Suizid stellt keine Lösung dar, weil der metaphysische Wille umgehend eine neue Form findet und so das Lebensrad aufs Neue in Gang bringt. Der Mensch ist jedoch als höchstes irdisches Wesen in der Lage, den Willen für sich zu negieren. Auch die Kunst (als die Produktion von Kunst oder die Perzeption von Kunst) und die Moral tragen dazu bei, das leidvolle Dasein zu überwinden und den (vom Willen befreiten) Zustand des Nirwanas zu erreichen – durch die Kunst punktuell, durch die Einstellung als Verneinung des Willens und Askese dauerhaft. Ästhetik Die Kunst wirkt als zeitweiliges „Quietiv des Willens“. Diese Ästhetik erreicht in der Weltverneinung ihren Höhepunkt. Dem Menschen – als höchster Form des sich in der Erscheinungswelt objektivierenden Willens – ist die Möglichkeit gegeben, den Willen und das Leiden aufzuheben und so in einen Zustand des „Nichtseins“ (eine Art Nirwana) zu gelangen. Das „wahre Kunstwerk“ hilft ihm dabei, indem es das „innere Wesen“ einer Sache, seine Idee, bewusst macht und dem Betrachter auf diese Weise zu einer objektiven Sichtweise verhilft, die ihn aus seiner Subjektivität, seinem „Wollen“, emporhebt. Unter der Gewahrung einer Idee versteht Schopenhauer dabei die Antizipation eines Anschaulichen, seine Ahnung, welche durch das Kunstwerk gereizt wird. Die Musik nimmt eine besondere Stellung ein, da sie nach Schopenhauer ein objektives Abbild allen Wollens dieser Welt zu geben vermag, wobei der Tonlage die Schlüsselrolle für die Unterscheidung der unterschiedlichen Willensformen zukommt – je tiefer, desto näher an den Gesetzen der Materie, je höher, desto näher an den Beweggründen des Menschen: Ethik Moralphilosophisch formuliert Schopenhauer im Unterschied zu Kant eine Mitleidsethik. Der einzige Grund, uneigennützig zu handeln, ist die Erkenntnis des Eigenen im Anderen – das ist Mitleid (wobei der Begriff anders als der heutige Sprachgebrauch ein Mitempfinden bedeutet). Schopenhauer verhandelt die Mitleidsethik im vierten Buch von Die Welt als Wille und Vorstellung und vor allem – konkretisierend – in der Preisschrift Ueber die Grundlage der Moral (oder auch Ueber das Fundament der Moral). Im ersten geht es ihm vor allem um die metaphysische Begründung, im letzten um empirische Nachweise des Mitleids (als Gegenprogramm zu Kant). Dort zitierte er ausführlich Jean-Jacques Rousseaus Ausführungen über das Mitleid, an die er anknüpfte. Jeder Mensch gilt bei Schopenhauer als Objektivation des Willens. Der einzelne Mensch ist als Subjekt eine Individuation des Willens. Da der Wille bei Schopenhauer als allmächtig gilt, aus ihm alles hervorgeht, hält nun jedes Individuum sich als Individuation des Willens für den Angelpunkt nicht seiner, sondern der Welt überhaupt. Diese Sichtweise resultiert aus der falschen Identifikation der Vorstellungen als Tatsachen, wobei der Nicht-Künstler dabei nicht das „Ding an sich“ (den Willen) hinter den Vorstellungen erkennt und deshalb seine individuellen Vorstellungen als „Dinge an sich“ identifiziert. Im Gegenüber, im anderen Menschen, erkennt nun der Mensch (der individuierte Willen) denselben Willen. Der durch den Willen zur absoluten Bejahung des individuierten Willens strebende Mensch (Egoismus) erkennt nun in seinem Gegenüber, dass nur die absolute Verneinung des Willens des Gegenübers einer absoluten Bejahung des eigenen Willens entspricht. So bemerkt der vom blinden Willen getriebene Mensch, dass in allen anderen Lebewesen derselbe blinde Wille haust und sie ebenso leiden lässt wie ihn. Durch das Mitleid wird der Egoismus überwunden, der Mensch identifiziert sich mit dem Anderen durch die Einsicht in das Leiden der Welt. Nur dadurch kann der Wille, die treibende Kraft nach Schopenhauer, sich selbst am Leben erhalten. Hieraus folgt ein im Vergleich zu Kant radikal anderer „Imperativ“: Schopenhauer gilt als Begründer der Tierethik. Seine Ethik schließt den Schutz der Tiere ein: Da er die Welt als Manifestation eines metaphysischen Willens betrachtet, der Mensch und Tier verbinde, wisse er kein schöneres Gebet als das: „Mögen alle lebenden Wesen von Schmerzen frei bleiben.“ Dementsprechend mahnt er Respekt vor der Einzigartigkeit des Lebens an. Politische Ansichten Im Zusammenhang mit der Deutschen Revolution 1848 äußerte sich Schopenhauer zur Rolle des Staates: In der Natur herrsche Gewalt, auch zwischen den Menschen, was die „Masse“ in Vorteil bringe; aber da das Volk ein „ewig unmündiger Souverain“ sei, „unwissend, dumm und unrechtlich“, so müsse dessen „physische Gewalt der Intelligenz, der geistigen Überlegenheit“ unterworfen werden. Zweck des Staates sei es, dass „möglichst wenig Unrecht im Gemeinwesen“ herrsche, zugunsten des Gemeinwohls dürfe der Staat auch Unrechtes tun. Schopenhauer bevorzugte einen aufgeklärten monarchischen Absolutismus, weil sich nur so die Menschen zügeln und regieren ließen. Er sprach von einem „monarchischen Instinkt im Menschen“. Republiken hingegen seien Schopenhauers Persönlichkeit mini|Arthur Schopenhauer, gesehen von Wilhelm Busch Arthur Schopenhauer war ein Einzelgänger. In Frankfurt war der Gelehrte nach Einschätzung von Chronisten ein „verkannter Niemand“. Er hielt sich zeitlebens einen Pudel, den er häufig mit „Atman“ ansprach, dem Sanskrit-Wort für Lebenshauch, Atem, in der Tradition der Upanishaden die Essenz des Selbst bzw. die Einzelseele als Teil des Brahman, der „Weltseele“. Wenn ein Hund starb, was etwa alle zehn Jahre vorkam, erwarb er jeweils einen ähnlich aussehenden Pudel. Schopenhauer war der philosophischen Auffassung, dass jeder Hund gleichzeitig jeden anderen Hund enthalte. „Des Pudels Kern“ (Goethe) ging also nie verloren. Für Menschen galt ihm sinngemäß das Gleiche. Wie er gestikulierend im Selbstgespräch mit seinem Pudel am Mainufer spazierte, hat unter anderem der Lokaldichter Friedrich Stoltze bespöttelt. Schopenhauers Tagesablauf war strukturiert: morgens die Arbeit am Schreibtisch, Flötespielen regelmäßig vor dem Mittagessen. Die Mahlzeiten soll Schopenhauer nach der Überlieferung seiner Biographen stets in Gasthäusern eingenommen haben, bevor er einen zweistündigen Spaziergang mit seinem Pudel machte.Aus dem „Englischen Hof“ am Roßmarkt hält sich bis heute die Anekdote, sein außerordentlicher Appetit habe manches Mal Aufmerksamkeit erregt. „Herr Doktor, Sie essen ja wirklich für zehn“, soll ein Tischnachbar zu ihm gesagt haben. „Ja freilich“, habe er entgegnet, „aber ich denke auch für zehn!“ Über „die Frauen“ äußerte Schopenhauer sich häufig negativ: Schopenhauer zufolge äußert sich in dem über eine sexuelle Leidenschaft hinausgehenden Gefühl von Liebe zwischen Mann und Frau lediglich der innere und damit tatsächliche Wille des Lebens im Individuum:Interpretation nach Rüdiger Safranski: Schopenhauer und die wilden Jahre der Philosophie. Siehe Sekundärliteratur. Das Heiraten verwarf er stets – wohl auch gegründet in verunsichernden Erfahrungen in seinem Elternhaus: Über den jüdischen Glauben äußerte sich Schopenhauer eher abschätzig, zum Beispiel bezeichnete er ihn (in Die Welt als Wille und Vorstellung und Parerga und Paralipomena) als „roh“ und „barbarisch“. Er hielt ihn angesichts seiner eigenen pessimistischen Weltsicht für zu optimistisch und machte ihm eine angebliche Unempfindsamkeit gegenüber Tieren zum Vorwurf. Unabhängig davon hatte er im Alltag Kontakte zu einigen Juden.Wolfgang Benz (Hrsg.): Handbuch des Antisemitismus. Judenfeindschaft in Geschichte und Gegenwart. Band 2: Personen, Teil 2: L-Z, de Gruyter, Berlin 2009, ISBN 978-3-598-24072-0, S. 745 ff. Generell unterstellt Schopenhauer den Gelehrten in der Zeit zwischen der Blüte des Hellenismus und dem Beginn seines eigenen Philosophierens, sich bei der Suche nach der Wahrheit auf Irrwege begeben zu haben und das so genannte „Ding an sich“ an einem falschen Ort – zum Beispiel im Transzendentalen – gesucht zu haben, und er selbst als Philosoph müsse nun gegen die seinerzeit hoch geachteten, aber im Lichte des Systems von Wille und Vorstellung als falsch entlarvten „Wahrheiten“ ankämpfen. Etabliert wurden diese „Fehlschlüsse“ zu einem erheblichen Teil von jüdischen Gelehrten der nach-hellenistischen Zeit. Da nach Rüdiger Safranski der Mensch Schopenhauer sehr wohl darunter litt, dass seine Wirkung sowohl im Berufs- wie im Privatleben ins Leere stieß, habe er seine fast lebenslange Außenseiterrolle durch Aspekte und gelegentliche Erweiterung seiner Philosophie zu belegen gewusst. Sein Ziel war es, in sich aufkommende gesellschaftsbezogene Wünsche mit Recht verneinen zu können. Andersdenkende Menschen habe er nicht zuletzt aus dem Wunsch nach Selbstschutz abgewertet und vor den Kopf gestoßen. mini|hochkant|Bronzebüste nach einem Entwurf von Friedrich Schierholz in den Frankfurter Wallanlagen Wirkung und Rezeption Kaum ein deutscher Philosoph der Neuzeit hat sowohl breite Leserschichten als auch zahlreiche Berühmtheiten aus Kunst und Wissenschaft so unmittelbar erreicht wie Schopenhauer. Zu den Verehrern des Literaten und Philosophen Schopenhauer zählten Richard Wagner, Wilhelm Raabe, Wilhelm Busch, Thomas Hardy, Theodor Fontane, Friedrich Nietzsche, Henri Bergson, Max Klinger, Thomas Mann, Bruno Frank, Hermann Hesse, Albert Einstein, Kurt Tucholsky, Samuel Beckett, Hans Pfitzner, Thomas Bernhard, Stanisław Lem, Arno Schmidt, Giacomo Leopardi,Vgl. die Darstellung von Hartmut Reinhardt in Die Rezeption Schopenhauers im Theater des 19. und 20. Jahrhunderts. Hebbel – Dürrenmatt – Bernhard im Band Schopenhauer und die Künste, hrsg. von Günther Baum und Dieter Birnbacher, Göttingen 2005, S. 220–248, hier S. 220–221, und zur Schopenhauerrezeption in der bildenden Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts die Beiträge Imagination, Ich und Wille. Zur Rezeption Schopenhauers in der bildenden Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts von Günther Baum und Die Rezeption Schopenhauers in der bildenden Kunst des 20. Jahrhunderts von Otto Pöggeler, bei Max Klinger den Beitrag Der Zeichner als verneinender Künstler. Max Klinger und Arthur Schopenhauer von Thomas Röske und Max Klinger und Arthur Schopenhauer. Der philosophierende Künstler und der kunstvolle Philosoph von Waltraud von Pippich, München 2007, bei Max Beckmann den Beitrag Zeitfahrt, Leidensfahrt, Erlösungsfahrt. Max Beckmanns „Abfahrt“ als metaphysische Meditation im Geiste Schopenhauers von Robert Zimmer, bei Bruce Nauman den Text Die irdische Hölle. Über Bruce Nauman und Arthur Schopenhauer von Hans Zitko, in der Literatur des 20. Jahrhunderts die Beiträge Zur Nachwirkung Schopenhauers im Werk Thomas Manns von Ruprecht Wimmer und „Ein bedeutsames Schauspiel“ – zur Rezeption Schopenhauers in der Literatur des 20. Jahrhunderts von Bernhard Sorg und zur Schopenhauerrezeption Richard Wagners und Hans Pfitzners schließlich den Beitrag Tönende Metaphysik. Die Nachwirkung von Schopenhauers Philosophie im Musiktheater des 19. und 20. Jahrhunderts von Ulrike Kienzle, Beiträge in: Schopenhauer und die Künste, hrsg. von Baum/Birnbacher, Göttingen 2005. Theodor Lipps, Johannes Volkelt, August Macke, der späte Friedrich Theodor Vischer, der frühe Wölfflin, Ludwig Wittgenstein, der späte Horkheimer, Jorge Luis Borges und Michel Houellebecq.Michel Houellebecq: En présence de Schopenhauer. Éditions L’Herne, Paris 2017, ISBN 978-2-85197-832-5; dt. In Schopenhauers Gegenwart. DuMont, Köln 2017, ISBN 978-3-8321-9882-4. Leo Tolstoi brachte Ende August 1869 einen regelrechten Schopenhauer-Panegyrikus zu Papier: Schopenhauers Einfluss auf die moderne deutschsprachige Literatur ist kaum zu überschätzen. Das erweist sich nicht nur an den zahlreichen Anhängern unter den Literaten,Vgl. die Darstellungen in Schopenhauer und die Künste, hg. von Günther Baum und Dieter Birnbacher, Göttingen 2005, von Hartmut Reinhardt, Die Rezeption Schopenhauers im Theater des 19. und 20. Jahrhunderts In: ebd., S. 220–248, Bernhard Sorg, „Ein bedeutsames Schauspiel“ – zur Rezeption Schopenhauers in der Literatur des 20. Jahrhunderts In: ebd., S. 249–262, Ruprecht Wimmer, Zur Nachwirkung Schopenhauers im Werk Thomas Manns In: ebd., S. 263–281. sondern auch an seinem Beitrag zur Genieästhetik, besonders zur Kategorie des Dämonischen als Movens der Kunst, der Musikphilosophie mit einer Neubewertung der Musik im System der Künste sowie seiner Bestimmung der Ironie. Im Gegensatz zu Nietzsche beeinflusste seine Prosa kaum nachfolgende Dichter in ihrem Stil, obgleich er neben ihm zu den größten Stilisten deutscher Gelehrtenprosa zählen kann. Insbesondere wegen seiner besonderen Beziehung zur Ästhetik und Kunsttheorie beriefen sich viele Künstler und Schriftsteller auf die Lehre Schopenhauers. Philosophie, Religion und Kunst Der Philosoph Eduard von Hartmann kritisierte Schopenhauers Lehre schon sehr früh in seiner Philosophie des Unbewussten (1869) und sah die darin geforderte „Verneinung der Welt“ als „feige persönliche Entsagung“.Eduard von Hartmann: Philosophie des Unbewussten. Versuch einer Weltanschauung. C. Duncker, Berlin 1869. Vgl. die Rezension in: Literarisches Centralblatt für Deutschland. Nr. 16, 10. April 1869, Sp. 441–444 (Digitalisat) Friedrich Nietzsche stellte seine dritte Unzeitgemäße Betrachtung (1874) unter den Titel Schopenhauer als Erzieher: Später freilich verwarf Nietzsche Schopenhauers Philosophie und setzte dessen Pessimismus einen radikal-optimistischen Vitalismus entgegen. Dabei bleibt Schopenhauer offensichtlich eine Referenz. Goethe schrieb 1814 in Schopenhauers Stammbuch: „Willst du dich des Lebens freuen, so mußt der Welt du Wert verleihen.“Lexikon der Goethe-Zitate DTV, 1995, S. 507. Ferdinand Tönnies’ Willenstheorie als Axiomatik der Soziologie in Gemeinschaft und Gesellschaft (1887) weist starke Einflüsse Schopenhauers auf. Max Scheler bezeichnete Schopenhauer im Jahr 1906 als Auslöser der Lebensphilosophie: „[Er ist] Vorgänger des Pragmatismus – nicht als Philosophie, sondern als Methodologie der Wissenschaft. […] insofern er den Intellekt als eine bloße Waffe des blinden Lebenswillens im Kampf ums Dasein ansieht […], ist er der Vorgänger Bergsons.“Max Scheler: Die Wissensformen und die Gesellschaft. Francke, Bern 1960, S. 223 (Erstausgabe Bouvier, Bonn 1906). Hermann Graf Keyserling spottete über das Artistentum Schopenhauers, dem es innerlich wie äußerlich stets um bloße Darstellung gegangen sei.Hermann Keyserling: Schopenhauer als Verbilder. Leipzig 1910. Der Theosoph Johannes Maria Verweyen lehnte wiederum die negative Grundhaltung Schopenhauers ab: „[…] eine Vorherrschaft der Unlust und des Lebensschmerzes, denen gegenüber dann Lust und Glücksgefühl nicht so richtig aufzukommen vermögen“.Johannes M. Verweyen: Meisterung des Lebens. Dresden 1926, S. 306. Der Historiker Jacob Burckhardt begann seine Weltgeschichtliche Betrachtungen genannten Vorlesungen seit 1868 ganz im Sinne Schopenhauers mit einer Polemik gegen Hegels Lehre vom vernünftigen Weltgeist.Wilhelm E. Mühlmann: Geschichte der Anthropologie. Wiesbaden 1986, S. 143. Ludwig Wittgenstein weist einen deutlichen Einfluss Schopenhauers auf, da . Und: Modesto Gómez-Alonso: Wittgenstein on the Will and Voluntary Action. In: Jesús Padilla Gálvez (Hrsg.): Action, Decision-Making and Forms of Life. Berlin und Boston 2016, S. 77–108. (Digitalisat). Originalzitate: (S. 77); (S. 107). Max Horkheimers spätes Denken war stark von Schopenhauers Pessimismus beeinflusst: „Daß alles Leben der Macht gehorcht und aus dem Zauberkreis des Egoismus gerade noch die Hingabe an die Sache, die Identifikation mit dem, was nicht ich bin, herauszuführen und ins Nichts hineinzuführen scheint – und das ist ein Mythos –, hat Schopenhauer gesehen und war der Welt böse dafür.“Max Horkheimer: Notizen 1950 bis 1969 und Dämmerung. Notizen in Deutschland. Hrsg. von Werner Brede, Frankfurt 1974, S. 63. Arnold Gehlen ordnete Schopenhauers Mitleidsethik als „Teilwahrheit“ in den Rahmen seiner Konzeption einer „pluralistischen Ethik“ ein und wies in diesem Zusammenhang kritisch auf die isolierte Lebenssituation des Philosophen hin: Das Mitleidsmotiv sei „verständlich als Stimme eines Mannes, der familienlos, staatenlos und berufslos, als zugereister Frankfurter und Rentier Mühe gehabt hätte, andere Antriebe zu Verpflichtungen in sich zu finden“.Arnold Gehlen: Moral und Hypermoral. Eine pluralistische Ethik. 6. Auflage. Klostermann Verlag, Frankfurt am Main 2004, ISBN 3-465-03303-5, S. 53 f. Bertrand Russell bezeichnete Schopenhauers Philosophie als „von beträchtlicher Bedeutung“ dafür, dem Willen mehr Wert zu bemessen als der Erkenntnis. Die Lehre vom Primat des Willens sei „die größte Wandlung, die der Charakter der Philosophie in unserer Zeit durchgemacht hat. Sie wurde von Rosseau und Kant vorbereitet, mit aller Deutlichkeit aber zuerst von Schopenhauer verkündet.“ Karl Hillebrand bewunderte insbesondere Schopenhauers Sprache: „Die Proprietät der Ausdrücke, die Fülle der schönen Gleichnisse, die durchsichtige An- und Unterordnung der Gedanken, die Leichtigkeit und Korrektheit des Satzbaus, die Farbe und das Leben dieses Stils sind beinahe einzig in unserer Literatur.“zit. a. Franz Mehring: Zurück auf Schopenhauer! In: Neue Zeit. (Zs.), XXVII. Jahrgang 1908/09, 2. Band, S. 625 (). Arthur Schopenhauer beeinflusste mit seiner Ästhetischen Theorie maßgeblich die Künste von der Mitte des 19. bis zu Beginn des 21. Jahrhunderts, allen voran mit dem Einfluss auf Richard Wagner und dessen Komposition von Tristan und Isolde, über die Künstler der Romantik und des Symbolismus bis hin zu Filmen wie beispielsweise von Lars von Trier, dessen Werke wie Melancholia in erheblichem Masse auf Schopenhauers Auffassungen von Kunst und Metaphysik basieren. Die Rezeption und Verbreitung des Buddhismus in Deutschland lässt sich auch auf Schopenhauers Wirken zurückführen. Der Philosoph sah in dieser Religion einen Gegenentwurf zur abendländischen Metaphysik und deutete deren Erkenntnisstreben als Mittel, die geistige Isolierung des Individuums zu durchbrechen. Schopenhauer fand zahlreiche Verbindungen zwischen seiner eigenen Philosophie und der buddhistischen Lehre, etwa den Atheismus. Die Indien-Begeisterung vieler damaliger Intellektueller wie auch die ersten deutschen Übersetzungen asiatischer Texte wurden durch seine Schriften angeregt. Psychologie Die Psychoanalyse (bzw. MetapsychologieMargret Kaiser-El-Safti: Der Nachdenker. Die Entstehung der Metapsychologie Freuds in Abhängigkeit von Schopenhauer und Nietzsche. Bonn 1987.) Sigmund Freuds setzt unmittelbar bei Schopenhauers Lehre vom Willen und seiner Negierung an, indem sie die Schäden untersucht, die durch (willentliche oder unfreiwillige) Triebunterdrückung entstehen. Freuds Ansatz kann als Versuch der Re-Rationalisierung des menschlichen Lebens eingeordnet werden, da er eine Methode zur Analyse des Schopenhauerschen Begriffs des Willens erarbeitet, mit dem Ziel, diesen kontrollierbar zu machen. mini|hochkant|Gedenkmarke der Deutschen Bundespost zum 200. Geburtstag von Schopenhauer 1988 Daneben knüpfte Carl Gustav Jung, ein Hauptvertreter der Analytischen Psychologie, mit seinem Konzept des kollektiven Unbewussten an Schopenhauer an. Der Begründer der Individualpsychologie Alfred Adler deutete Schopenhauers Ansatz der Leidensüberwindung als fundamental positiven Aspekt in der menschlichen Entwicklung auf dem Weg von seiner Unmündigkeit bei der Geburt zur individuellen Vollkommenheit. Der bei Schopenhauer auf einen Weltwillen zielende Entwurf wird als schöpferisches Element in jedem Lebewesen interpretiert.Alfred Adler: Der Sinn des Lebens. Frankfurt am Main 1933. Adler sah Schopenhauers Ansatz zur Verneinung des Lebens vorbereitet in einer feindlichen Beziehung zur Mutter.Alfred Adler: Über den nervösen Charakter. Frankfurt am Main 1928. Anderes 1911 gründete Paul Deussen die Schopenhauer-Gesellschaft, wurde ihr erster Präsident und begann mit der Herausgabe einer (unvollendet gebliebenen) kritischen Schopenhauer-Ausgabe in 14 Bänden. Zum 150. Todestag am 21. September 2010 erschienen neben Monographien, ZitatsammlungenArthur Schopenhauer: Ich bin ein Mann, der Spaß versteht. Einsichten eines glücklichen Pessimisten. Hrsg. von Ludger Lütkehaus. dtv, München 2010.Ernst Ziegler (Hrsg.): Arthur Schopenhauer. Gedanken über den Tod. C. H. Beck, München 2010. auch zahlreiche Würdigungen in der Presse.Beispielsweise Ludger Lütkehaus: Das Sein ist nicht das Gute. Ein Porträt des Philosophen Arthur Schopenhauer. In: Die Zeit. 26. August 2010. Konstantin Sakkas: Sieg der Entsagung. Leben und Sterben mit Schopenhauer. In: Deutschlandfunk. 19. September 2010. Edo Reents: Das Sein ist das Nichts. Zum 150. Todestags Schopenhauers. Unter: faz.net, 21. September 2010. In dem letzten Wohnort in Frankfurt am Main an der Schönen Aussicht steht heute das „Schopenhauer-Hotel“. Ausstellungen In Frankfurt am Main zeigte die Stadt- und Universitätsbibliothek ab 22. Oktober 2019 zu Schopenhauers Leben und Wirken die Ausstellung „Die Welt als Wille und Vorstellung“. Ebenfalls in Frankfurt am Main war ab 30. Oktober 2019 bis 10. Oktober 2021 im Historischen Museum die Ausstellung „Schopenhauers Frankfurt“ zu sehen. Werke Maßgebliche Editionen wurden herausgegeben von Arthur Hübscher, Ludger Lütkehaus oder Wolfgang Freiherr von Löhneysen und die zehnbändige Zürcher Ausgabe von Angelika Hübscher.Arthur Schopenhauer – Werk u. Studienausgabe. Auf: kritisches-netzwerk.de, mit Hinweisen zu den besonderen Eigenschaften der verschiedenen Gesamtausgaben, zuletzt abgerufen am 5. Oktober 2022. Ueber die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde. 1813 (Dissertation). Zweite, sehr verbesserte und beträchtlich vermehrte Auflage. 1847 (Google Books, Commons). Dritte, verbesserte und vermehrte Auflage 1864 (Google Books). Ueber das Sehn und die Farben. 1816 (Google Books). Zweite, verbesserte und vermehrte Auflage. 1854 (Commons). Die Welt als Wille und Vorstellung. Erster Band, 1819 (Volltext) (Zweiter Band s. u. 1844). Zweite, vermehrte Auflage 1844 (BSB München). Dritte, verbesserte und beträchtlich vermehrte Auflage 1859 (Google Books). Theoria colorum. 1830. (Lateinische Fassung der überarbeiteten Farbenlehre.) Ueber den Willen in der Natur. 1836. Zweite, verbesserte und vermehrte Auflage 1854. (Digitalisat) Die beiden Grundprobleme der Ethik: Ueber die Freiheit des menschlichen Willens, Ueber das Fundament der Moral. 1841. Zweite, verbesserte und vermehrte Auflage 1860 (Google Books, (pdf)). Die Welt als Wille und Vorstellung. Zweiter Band, 1844 (Digitalisat, BSB München), dritte vermehrte Auflage 1859. (Digitalisat) mini|Parerga und Paralipomena, Erstausgabe Parerga und Paralipomena, 1851. Zwei Bände, enthalten die Aphorismen zur Lebensweisheit, Über die Universitäts-Philosophie, Über Schriftstellerei und Stil u. a. (Zweiter Band Google Books) Versuch ueber das Geistersehn und was damit zusammenhängt. 1851 (PDF-Fassung). Darüber hinaus wurde Schopenhauers handschriftlicher Nachlass herausgegeben von Arthur Hübscher und Volker Spierling: Arthur Hübscher (Hrsg.): Der handschriftliche Nachlaß in fünf Bänden. Vollständige Ausgabe in sechs Teilbänden. DTV, München 1985; unveränderter Nachdruck der historisch-kritischen Edition, Frankfurt am Main.: Waldemar Kramer 1966–1975. [Im Einzelnen: Frühe Manuskripte 1804–1811, Kritische Auseinandersetzungen 1809–1818, Berliner Manuskripte 1818–1830 (enthält die Eristische Dialektik), Die Manuskriptbücher der Jahre 1830–1852, Letzte Manuskripte/Gracians Handorakel (inkl. Über die, seit einigen Jahren, methodisch betriebene Verhunzung der deutschen Sprache), Randschriften zu Büchern]. Volker Spierling (Hrsg. und Einleitung): Philosophische Vorlesungen. 4 Bände. Aus dem handschriftlichen Nachlaß. Piper, München 1987–1990. [Im Einzelnen: Theorie des gesammten Vorstellens, Denkens und Erkennens, Metaphysik der Natur, Metaphysik des Schönen, Metaphysik der Sitten.] Ludger Lütkehaus (Hrsg.): Das Buch als Wille und Vorstellung. Arthur Schopenhauers Briefwechsel mit Friedrich Arnold Brockhaus. C. H. Beck, München 1996, ISBN 3-406-40956-3. Ludger Lütkehaus (Hrsg. und Nachwort): Ich bin ein Mann, der Spaß versteht – Einsichten eines glücklichen Pessimisten. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2010, ISBN 978-3-423-13910-6. Franco Volpi, Ernst Ziegler (Hrsg.): Senilia – Gedanken im Alter. C. H. Beck Verlag, München 2010, ISBN 978-3-406-59645-2. Ernst Ziegler (Hrsg. und Vorwort): Über den Tod – Gedanken und Einsichten über letzte Dinge. C. H. Beck Verlag, München, 2010, ISBN 978-3-406-60567-3. Ernst Ziegler (Hrsg.): Pandectae. Philosophische Notizen aus dem Nachlass. Beck, München 2016, ISBN 978-3-406-68369-5. Ernst Ziegler (Hrsg.): Spicilegia. Philosophische Notizen aus dem Nachlass. Beck, München 2015, ISBN 978-3-406-67114-2. Seit 2017 wird die Berliner Vorlesung über Die gesamte Philosophie oder die Lehre vom Wesen der Welt und dem menschlichen Geiste von 1820/21 als Studienausgabe neu herausgegeben von Daniel Schubbe unter Mitarbeit von Judith Werntgen-Schmidt und Daniel Elon: Teil 1: Theorie des Vorstellens, Denkens und Erkennens. Meiner, Hamburg 2022 (= PhB. 701). ISBN 978-3-7873-3176-5. Teil 2: Metaphysik der Natur. Meiner, Hamburg 2019 (= PhB. 702). ISBN 978-3-7873-3177-2. Teil 3: Metaphysik des Schönen. Meiner, Hamburg 2018 (= PhB. 703). ISBN 978-3-7873-3178-9. Teil 4: Metaphysik der Sitten. Meiner, Hamburg 2017 (= PhB. 704). ISBN 978-3-7873-3179-6. Sekundärliteratur Walter Abendroth: Arthur Schopenhauer in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg 1967, ISBN 3-499-50133-3. Urs App: Schopenhauers Kompass. Die Geburt einer Philosophie. UniversityMedia, Rorschach/Kyoto 2011, ISBN 978-3-906000-02-2. Sabine Appel: Arthur Schopenhauer, Leben und Philosophie. Artemis & Winkler, Düsseldorf 2007, ISBN 978-3-538-07241-1. Dieter Birnbacher: Schopenhauer. Reclam, Grundwissen Philosophie, Stuttgart 2010, ISBN 978-3-15-020327-9. Otto A. Böhmer: Schopenhauer oder die Erfindung der Altersweisheit. Beck, München 2010, ISBN 978-3-406-60095-1. Alfred Estermann: Schopenhauers Kampf um sein Werk. Der Philosoph und seine Verleger. Insel, Frankfurt am Main 2005, ISBN 3-458-17252-1. Margot Fleischer: Schopenhauer. Herder, Freiburg im Breisgau 2001, ISBN 3-451-04931-7. Margot Fleischer: Schopenhauer als Kritiker der Kantischen Ethik. Königshausen & Neumann, Würzburg 2003, ISBN 3-8260-2470-2. Adrian Gmelch: Die politische Philosophie Arthur Schopenhauers. Diplomica Verlag, Hamburg 2016, ISBN 978-3-95934-910-9. Wilhelm Gwinner: Arthur Schopenhauer aus persönlichem Umgang dargestellt. 1. Auflage Brockhaus 1862, 2. Auflage. Verlag Waldemar Kramer, Frankfurt am Main 1987, ISBN 3-7829-0349-8 (Diese Biographie wurde kurz nach Schopenhauers Tod verfasst). Rudolf Haym: Arthur Schopenhauer. Biographie. 1864 Arthur Hübscher: Schopenhauer. Biographie eines Weltbildes. (= Reclams Universal-Bibliothek. 7716/17). Reclam, Stuttgart 1952, . Arthur Hübscher: Denker gegen den Strom. Schopenhauer: Gestern – heute – morgen. Bouvier, Bonn 1973, ISBN 3-416-00950-9. Arthur Hübscher: Arthur Schopenhauer, ein Lebensbild. 3. Auflage. Brockhaus, Mannheim 1988, ISBN 3-7653-0418-2. Raphael von Koeber: Schopenhauers Erlösungslehre. Duncker, Berlin 1882. Matthias Koßler: Arthur Schopenhauer. In: Gerald Hartung (Hrsg.): Deutschsprachiger Raum 1800–1830 (= Grundriss der Geschichte der Philosophie: Die Philosophie des 19. Jahrhunderts. Band 1/1). Schwabe, Basel 2020, ISBN 978-3-7965-4090-5, S. 437–458. Ferdinand Laban: Die Schopenhauer-Literatur. Versuch einer chronologischen Übersicht derselben. Reprint der Ausgabe von 1880. Franklin, New York 1970. Ludger Lütkehaus (Hrsg.): Das Buch als Wille und Vorstellung. Arthur Schopenhauers Briefwechsel mit Friedrich Arnold Brockhaus. Beck, München 1996, ISBN 3-406-40956-3. Ludger Lütkehaus: Nichts – Abschied vom Sein, Ende der Angst. Haffmans Verlag, Zürich 2003, ISBN 3-86150-544-4. Barbara Neymeyr: Ästhetische Autonomie als Abnormität. Kritische Analysen zu Schopenhauers Ästhetik im Horizont seiner Willensmetaphysik. (=Quellen und Studien zur Philosophie. Bd. 42) Walter de Gruyter, Berlin/New York 1996, ISBN 3-11-015229-0. Bryan Magee: The Philosophy of Schopenhauer. Oxford University Press, Oxford 1997, ISBN 0-19-823722-7. 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Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 2001, ISBN 3-10-046317-X (Kapitel: Schopenhauer: Trost bei gebrochenem Herzen) Christian Kortmann: Happy Hour Schopenhauer. Roman einer Bibliotherapie. Turia + Kant, Wien/Berlin 2022, ISBN 978-3-9851403-0-5 (in diesem Roman lebt Schopenhauer im 21. Jahrhundert und kommentiert in Originalzitaten das Zeitgeschehen). Weblinks Arthur Schopenhauer im Internet Archive Schopenhauer-Archiv der Universitätsbibliothek Frankfurt am Main Schopenhauer in Dresden Schopenhauer-Gesellschaft e. V. Arthur Schopenhauer – Studienkreis, seine Philosophie und die Weisheit der Upanishaden Englisch: Anmerkungen und Einzelnachweise Kategorie:Philosoph (19. Jahrhundert) Kategorie:Moralphilosoph Kategorie:Kantianer Kategorie:Autor Kategorie:Hochschullehrer (Humboldt-Universität zu Berlin) Kategorie:Schriftsteller (Frankfurt am Main) Kategorie:Vertreter des Atheismus Kategorie:Aphoristiker Kategorie:Literatur (Neulatein) Kategorie:Person (Königlich-Preußen) Kategorie:Person (Danzig) Kategorie:Deutscher Kategorie:Geboren 1788 Kategorie:Gestorben 1860 Kategorie:Mann
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Barockmusik
mini|Giovanni Paolo Pannini: Musikfest, gegeben vom Kardinal de La Rochefoucauld im Teatro Argentina in Rom am 15. Juli 1747 anlässlich der Vermählung des französischen Dauphins Louis XV (1747), Musée du Louvre, Paris. In den Wolken vor dem Bühnenaufbau ist ein Orchester zu erkennen.Peter Hersche: Exkurs: Das Publikum. In: Peter Hersche, Siegbert Rampe (Hrsg.): Sozialgeschichte der Musik des Barock. Laaber-Verlag, Laaber 2018 (= Handbuch der Musik des Barock, Band 6), ISBN 978-3-89007-875-5, S. 159–171, hier 163. Die Barockmusik bildet eine Epoche in der Geschichte der abendländischen Kunstmusik, die an die Renaissance anschließt und sich vom Beginn des 17. bis etwa zur Mitte des 18. Jahrhunderts erstreckt. Typische Merkmale dieser langen und uneinheitlichen Musikepoche sind Affektdarstellung (Zuordnung von musikalischen Darstellungstypen zu bestimmten Gemütsverfassungen), stile concertato (das Miteinander heterogener Klanggruppen) und Generalbass (den Melodiestimmen steht eine Bassstimme gegenüber, die mit Ziffern notiert wird, um die zu greifenden Akkorde anzugeben). Daher wurde auch die Bezeichnung „Generalbasszeitalter“ vorgeschlagen. Die Instrumentalmusik emanzipiert sich im Barock von der Vokalmusik, und hierbei entsteht auch das Orchester im heutigen Sinn. Den Beginn des Barock in der Musik markiert um 1600 die Erfindung der Monodie (Sologesang oder Solo-Instrumentalstimme mit Begleitung) und die neu entstandene Gattung Oper in Italien mit dem Hauptvertreter Claudio Monteverdi. Der dramatische, affektgeladene Stil wurde von Girolamo Frescobaldi auf die Instrumentalmusik übertragen und in Deutschland von Heinrich Schütz an die Gegebenheiten der deutschen Sprache angepasst. Nach dieser Frühphase beginnt um etwa 1640 das Hochbarock mit eher lyrischem Charakter und mehr formaler Glätte in Italien mit Francesco Cavalli als Komponist von Opern, Giacomo Carissimi von Oratorien und dann Arcangelo Corelli mit Musik für Streicher. In Frankreich wird nun ein eigenständiger Barockstil mit größerer Bedeutung des Tanzes von Jean-Baptiste Lully etabliert, in dessen Opern im Gegensatz zum italienischen Stil der Ausdrucksgehalt des Gesanges in gezügelten Bahnen verbleibt. In England verbindet Henry Purcell Einflüsse Italiens und Frankreichs mit der lokalen Tradition und den Besonderheiten der Aussprache des Englischen. In Deutschland findet die norddeutsche Orgelschule, die auch für geistliche Vokalmusik wichtig war, mit Dietrich Buxtehude einen herausragenden Vertreter. Im Spätbarock spielt ab etwa 1690 die Verbindung der im Hochbarock entwickelten Nationalstile eine wesentliche Rolle, in Frankreich bei François Couperin, in Deutschland bei Georg Philipp Telemann und in England bei Georg Friedrich Händel. Das Spannungsverhältnis tonaler Beziehungen wird nun zur Entwicklung von Großformen eingesetzt, etwa in der Ritornellform (mit einem wiederkehrenden Teil, der Ritornell genannt wird) bei Antonio Vivaldi. Ein Stilwandel mit kleingliedriger Melodik und Rücknahme der Polyphonie (Mehrstimmigkeit selbstständiger Stimmen) setzt in den 1720er Jahren zunächst in der italienischen Oper ein, etwa bei Leonardo Vinci und Giovanni Battista Pergolesi. Jean-Philippe Rameau legte die erste Harmonielehre (Lehre über die Aufeinanderfolge von Zusammenklängen mehrerer Töne) vor. Auch der in Spanien wirkende Komponist von Cembalosonaten Domenico Scarlatti wird durch Aufbrechen der barocken Kontinuität zum Vorläufer der Klassik, während gleichzeitig als Gegenpol Johann Sebastian Bachs strukturelle Dichte steht, die ebenfalls für die Komponisten der Klassik vorbildlich wirkte. Bachs Todesjahr 1750 wird gerne als Endpunkt der Epoche herangezogen. Barockmusik diente in erster Linie der Repräsentation des Adels und der Kirche. Die Musiker waren zunftähnlich organisiert oder arbeiteten in festen Anstellungsverhältnissen. Der Typ des musikalischen Unternehmers wird erst in der Mitte des 18. Jahrhunderts bemerkbar in einem Musikbetrieb, an dem in zunehmendem Maße das Bürgertum beteiligt ist. Begriffsgeschichte mini|Peter Paul Rubens: Kindermord in Bethlehem (um 1637), Alte Pinakothek, München. Bewegtheit und freie Malweise sind Kennzeichen des Spätwerks von Rubens. Bereits ab 1734 bezeichnete man mit dem Adjektiv barock (aus dem Spanischen oder Portugiesischen für Warze oder nicht ebenmäßige Perle abgeleitet) abwertend den Gegensatz zum Schlichten und Melodiösen. Besonders Jean-Jacques Rousseaus Deutung im Sinne des „Verworrenen“ war einflussreich.. Im 19. Jahrhundert erhielt der Begriff eine neutralere Bedeutungszuschreibung als Epochenbezeichnung und steht nach Hans Heinrich Eggebrecht (1991) für „extravagant, erregt, rhetorisch“. Nach Etablierung der Musikwissenschaft als eigenständige akademische Disziplin im 19. Jahrhundert nahmen Hugo Riemann und Guido Adler zunächst eine rein stilgeschichtliche Typisierung vor.Zur Verwendung des Begriffs Barock bei Adler: Im von Adler herausgegebenen Handbuch der Musikgeschichte wird der Beginn des Barock in der Architektur mit der zeitgleichen neuen Richtung in der Musik in Zusammenhang gebracht (Guido Adler: Periodisierung der abendländischen Musik. In: Ders. (Hrsg.): Handbuch der Musikgeschichte. 2. Auflage, Max Hesse, Berlin 1930, S. 68–71, hier 70), es ist die Rede vom „Barock Sebastian Bachs“ (Arnold Schering: Die evangelische Kirchenmusik. In: Guido Adler (Hrsg.): Handbuch der Musikgeschichte. 2. Auflage, Max Hesse, Berlin 1930, S. 446–833, hier 479), der den „Barockstil“ vollendete, aber auch von neu aufkommenden neapolitanischen Tendenzen um 1720 beeinflusst wurde (Wilhelm Fischer: Instrumentalmusik von 1750–1828. In: Guido Adler (Hrsg.): Handbuch der Musikgeschichte. 2. Auflage, Max Hesse, Berlin 1930, S. 795–833, hier 801). So sprach Riemann 1912 vom GeneralbasszeitalterHugo Riemann: Das Generalbaßzeitalter. Die Monodie des 17. Jahrhunderts und die Weltherrschaft der Italiener. Breitkopf & Härtel, Leipzig 1912 (= Handbuch der Musikgeschichte, Band II/2). und vom Zeitalter des konzertierenden Stils. Zehn Jahre nach Egon Wellesz, einem Schüler Guido Adlers, der die Bezeichnung Barock in seinem 1909 veröffentlichten Artikel Renaissance und BarockEgon Wellesz: Renaissance und Barock: Ein kulturgeschichtlicher Beitrag zur Frage der Stilperioden. In: Zeitschrift der internationalen Musikgesellschaft 11 (1909/10), S. 37–45; Online; abgerufen am 3. Mai 2025. erstmals im Kontext der Musikwissenschaft erörtert hatte,Meike Wilfing-Albrecht: “Baroque” in Early Musicology and Art History: Egon Wellesz's Concept of an Austrian Tradition. In: Musicologica Austriaca: Journal for Austrian Music Studies, Artikel vom 15. Februar 2024; Online (PDF); abgerufen am 3. Mai 2025 (englisch). versuchte Curt Sachs die von Heinrich Wölfflin 1915 für die bildende Kunst des Barock herausgearbeiteten Prinzipien auf die Musik zu übertragen, indem er etwa die Überwucherung der Melodie durch Ornamente als Pendant zum Malerischen auffasste, das an Stelle des Zeichnerischen tritt.Curt Sachs: Barockmusik. In: Jahrbuch der Musikbibliothek Peters. Band 26, 1919, S. 7–15, hier 7 ff. Die erste umfassende Darstellung der Epoche schrieb Robert Haas 1928 unter dem Titel Die Musik des Barocks. Manfred Bukofzer und Suzanne Clercx leiteten unabhängig voneinander in den späten 1940er-Jahren die Parallelität der künstlerischen Entwicklungen aus dem „Geist der Zeit“ bzw. ihrer Ästhetik ab.Suzanne Clercx: Le baroque et la musique: essai d’ésthétique musicale. Librairie Encyclopédie, Brüssel 1948. Der „Zeitgeist“, der sich aus Strömungen in Gesellschaft, Politik und Kultur rekonstruieren ließe, wurde 2020 in Gernot Grubers Kulturgeschichte der europäischen Musik im Kapitel zum Frühbarock wieder explizit angesprochen. Im Neuen Handbuch der Musikwissenschaft, herausgegeben von Carl Dahlhaus in den 1980er-Jahren, weichen die gängigen Epochenbegriffe einer Einteilung in Jahrhunderte. In Musik in Geschichte und Gegenwart beklagt 1994 Silke Leopold, die eher außermusikalische Eigenschaften als Zusammenhang stiftenden Aspekt der Barockmusik sieht (etwa die Fokussierung auf Menschendarstellung), dass der Barock-Begriff auch nach dem „Nachweis der Unbrauchbarkeit“ weiterverwendet werden wird. Und dies, obwohl die musikalischen Erscheinungsformen so disparat und die Veränderungen der Musik so umfangreich waren, dass die „Epoche“ mit denselben Argumenten – gegen die Artifizialität des Kontrapunkts – ein- und ausgeläutet wurde. Dass der Terminus Barockmusik weiterbesteht, belegen Titel wie Barockmusikführer. Instrumentalmusik 1550–1770, herausgegeben von Ingeborg Allihn 2001, und die auf acht Bände ausgelegte Reihe Handbuch der Musik des Barock des Laaber-Verlages, erschienen ab 2017. Merkmale Theatralisierung, Affekte und Rhetorik, Symbolik mini|Giovanni Lorenzo Bernini: Verzückung der Heiligen Theresa (1645–52), Santa Maria della Vittoria, Rom. Ein typisches Beispiel für theatralische Inszenierung in der barocken Kunst. Zugehörig zur Kultur des höfischen Fests zeigt die Epoche in der zu glanzvoller Repräsentation neigenden Oper „vielleicht am deutlichsten ihr wahres Gesicht: theatralische Selbstdarstellung“. Dramatisierung findet auch in anderen Gattungen statt. Barocke Kunst trachtet zu überwältigen. Wesentliches Merkmal barocker Kunst ist die Affektdarstellung mit dem Ziel, auch beim Betrachter oder Hörer Affekte hervorzurufen. Komponisten verfügten dafür über ein emotionales Vokabular, ein musikalisches „Lexikon“ von Motiven und Figuren, es bildete sich eine Art von Standardisierung heraus, wobei jedoch eine Vielfalt der Darstellungen desselben Affekts erhalten blieb. Mit der Affektdarstellung einher ging ein rhetorischer Zug; bildhafte Darstellung und affektiver Ausdruck verbinden sich bei den beiden führenden Vertretern des musikalischen Frühbarock, Monteverdi und Schütz, zu einer unlösbaren Einheit. Affekte und Rhetorik sind Thema der barocken Theorie. Werner Braun meinte jedoch im Neuen Handbuch der Musikwissenschaft, dass es problematisch sei, den Musikbegriff des Barock, der in Wort-Texten vorliegt, mit einer musikalischen Stilgeschichte zu verbinden, auch wenn „die Versuchung groß“ sei, dies zu tun. Die Musikwissenschaft im 21. Jahrhundert bemüht sich, die Beziehungen zwischen barocker Theorie und Praxis nicht mehr überzubewerten. Die bildhafte Musiksprache kann den Text unmittelbar hörend erfahrbar illustrieren oder der Augenmusik angehören. Im „Generalbasszeitalter“ mit seinem Fokus auf die akkordische Struktur wurde in theoretischen Schriften der Dreiklang mit der Dreieinigkeit Gottes assoziiert. Bei Monteverdi wird die Dreieinigkeit auskomponiert, indem bei „et hi tres unum sunt“ (lateinisch für „und diese drei sind eines“) auf „tres“ („drei“) ein Dreiklang steht, auf „unum“ („eines“) ein Einklang. Auch das Notenbild spielt eine Rolle: Treten zum Beispiel in einer Passage, welche die Kreuzigung zum Thema hat, plötzlich zahlreiche Versetzungszeichen in Kreuzform () auf, wird eine symbolische Absicht des Komponisten angenommen. Stil- und Gattungsvielfalt, Individualisierung Im Barock existiert im Gegensatz zu früheren Epochen ein Nebeneinander von einem alten Stil der regelhaften Polyphonie (prima pratica) und einem neuen Stil, in dem musikalische Textausdeutung die Regeln außer Kraft setzt (seconda pratica). Stil wird für den Komponisten zum Problem, es entsteht ein Stilbewusstsein. Folge der stilistischen Aufsplitterung ist eine Zunahme der Zahl verwendeter Gattungen, so werden im Jahr 1739 von Mattheson 38 verschiedene benannt. Die Namen der Gattungen ändern sich im Laufe der Zeit; zum Teil sind Grenzen kaum erkennbar (etwa zwischen Canzona und Sonata oder zwischen Canzona und Ricercare, Capriccio und Fantasia im Frühbarock).John Caldwell: Canzona (It.: ‘song’). In: Grove Music Online. Oxford Music Online. Oxford University Press, Version: 20. Januar 2001. http://www.oxfordmusiconline.com. Zum Teil bezeichnet derselbe Begriff unterschiedliche Gattungen wie bei der Kantate, die zuerst für weltliche italienische Kompositionen stand und dann unabhängig davon für die evangelische Kirchenkantate.Colin Timms, Nigel Fortune, Malcolm Boyd, Friedhelm Krummacher, David Tunley, James R. Goodall, Juan José Carreras: Cantata (It.; Fr. cantate; Ger. Kantate). In: Grove Music Online. Oxford Music Online. Oxford University Press, Version: 26. Juni 2023. http://www.oxfordmusiconline.com. Die Epoche des Barock wird „auch musikgeschichtlich als eine Zeit der grandiosen geistigen Entwürfe“ gesehen: Es entstehen ausgreifende musiktheoretische Traktate etwa von Athanasius Kircher und Marin Mersenne sowie die großen Gattungen Oper und Oratorium, und die Komponisten beginnen, ihre Werke mit einer Opus-Zählung zu versehen, somit ihre individuellen Œuvres kenntlich zu machen. Mit besonderer Konsequenz kultivierte Arcangelo Corelli sein Werk als Einheit. Dem wachsenden Sinn für individuelle Identität stand allerdings die Tendenz zur Befolgung eines etablierten Kanons von Modellen musikalischer Texturen entgegen. Melodik, Monodie, Belcanto mini|hochkant|Pier Leone Ghezzi: Karikatur des Kastraten Carlo Broschi (Farinelli) als Berenice in Leonardo Vincis Farnace, Rom 1724 Als Merkmal barocker Musik wurde die „Korrespondenzmelodik“ benannt als Wiederkehr gleicher oder ähnlicher kleinster Teile im Gegensatz zur Prosamelodik. Das griechische Wort monodía bedeutete in der Antike den Gesang einer einzelnen Stimme, häufig als Klagegesang. Zum Ausdruck der Affekte sind neben der Chromatik, die absteigend die Klage darstellte, ein Reichtum an Dissonanzen und Sprüngen, Wechsel langer und kurzer Notenwerte und sequenzierende Wortwiederholungen Kennzeichen des monodischen Sprechgesangs, also des ausdrucksvollen akkordgestützten Sologesanges, der zu Beginn der Operngeschichte als Wiederbelebung des griechischen Tragödiengesangs entwickelt wurde. Der Theoretiker Giovanni Battista Doni unterschied vom stile rappresentativo für die dramatische Aktion zwei weitere Arten der Monodie, den stile recitativo für jede Art von Einzelgesang mit Instrumentalbegleitung, bei dem der Text verständlich bleibt, und den stile espressivo vollkommener, leidenschaftlicher Musik mit Textverständlichkeit. In der Oper wird auf Realismus und dramatische Wahrheit verzichtet, staunende Verwunderung wird durch den „Hedonismus“ des süßen, pathetischen Vokalklanges, Virtuosität, Sinnbildlichkeit und Verzierungsreichtum, Improvisation, eine abstrakte Beziehung zwischen Geschlecht und Rolle mit Travestie und Kastraten sowie die Bevorzugung ungewöhnlicher Timbres erzielt, es entwickelt sich dergestalt der Belcanto. Die Kastration bewirkte, dass die Stimmbänder klein blieben, die Kastraten ohne Wachstumsschub der Pubertät dafür aber lebenslang weiterwuchsen und mit ihrer Lungenkraft trompetenähnliche Stimmcharakteristik entwickeln konnten. Instrumentalmusik und konzertierendes Prinzip Zu Beginn des Barock entsteht als neues stilistisches Element die Idiomatisierung („idiomatic writing“) der Musik; die jeweiligen individuellen Möglichkeiten der Vokalstimmen oder Instrumente fließen immer mehr in die Gestaltung der Komposition ein. Besetzungen werden somit ab 1600 immer weniger variabel. Waren im 16. Jahrhundert die Stimmen der Kompositionen oft wahlweise vokal oder instrumental (oder vokal und instrumental) realisierbar, emanzipiert sich nun die Instrumentalmusik von der Vokalmusik. Dennoch kann die Wechselbeziehung zwischen vokaler und instrumentaler Musik als Unterschied der Barock-Epoche gegenüber der vokal dominierten Renaissance-Musik einerseits und der instrumental dominierten Klassik andererseits angesehen werden. Daraus sich ergebende Möglichkeiten der Kontrastwirkung spielen nun generell eine wichtige Rolle. Besonders im Frühbarock wird die venezianische Mehrchörigkeit weitergeführt, in der mehrere Chöre an unterschiedlichen Stellen eines großen Raumes gemeinsam singen. Dialogisierende cori spezzati tragen – wie die Monodie – zur Dramatisierung der Musik bei. Im „konzertierenden Prinzip“ geht es um das italienische , das Miteinander heterogener Klanggruppen, oder den Wettstreit nach dem lateinischen .Arnold Werner-Jensen, Franz Josef Ratte, Manfred Ernst: Das Buch der Musik. 4., aktualisierte und erweiterte Auflage, Reclam, Stuttgart 2017, S. 91. Im späten 17. Jahrhundert entsteht das Concerto grosso, eine konzertierende Sologruppe (Concertino) und ein Orchester (Tutti, Ripieno) wechseln sich ab. Anstelle der Solistengruppe tritt im Solokonzert ein einzelner Solist auf.Michael Talbot: Concerto (Fr. concert; Ger. Konzert). 2. The instrumental concerto: origins to 1750. In: Grove Music Online. Oxford Music Online. Oxford University Press, Version: 26. Oktober 2011. http://www.oxfordmusiconline.com. Form und Rhythmus Im Barock besteht ein „gesteigertes Interesse“ an zyklischen oder repetierenden Formen wie der Da-capo-Arie, Ritornellformen und dem Ostinato, was als Gegensatz zu linearen Formen der Renaissance und entwickelnden Formen der Klassik aufgefasst werden kann. Der Rhythmus tendiert dazu, entweder sehr frei zu sein oder sehr gleichmäßig, einen „Einheitsablauf“ ausbildend im Gegensatz zur des Niederländischen Zeitalters insbesondere im 15. Jahrhundert. Im Spätbarock bleiben kontrastierende Rhythmen gesondert, auch wenn sie überlagert sind. Nicht nur die Tanzmusik wird nun charakterisiert durch den „Akzentstufentakt“ mit unterschiedlich gewichteten Positionen im Ablauf eines musikalischen Taktes. Irreguläre, flexible Rhythmen finden dagegen im Rezitativ und in improvisatorisch gestalteten Soloinstrumentalwerken wie der Toccata Verwendung. Generalbass und Polyphonie mini|Johannes Voorhout: Musizierende Gesellschaft (1674), Museum für Hamburgische Geschichte. Auf diesem Gemälde sind drei für die Ausführung des Generalbasses wichtige Instrumente vereint: Das Cembalo, gespielt von Johann Adam Reincken, die Gambe und die Laute, gespielt von der allegorischen Musica. Von den neben Reincken sitzenden Männern kommen beide als Buxtehude in Betracht. In der Zeit von 1600 bis 1750 ist durchgehend eine oft mit Ziffern ergänzte Bassstimme üblich, wodurch die Harmonien angegeben sind, die durch die Gruppe der Continuo-Instrumente realisiert werden, meist durch ein Akkordinstrument wie Cembalo, Orgel oder Theorbe in Verbindung mit einem Bassinstrument wie Gambe, Violoncello oder Fagott. Dieser basso continuo – entstanden aus dem basso seguente, der in der späten Renaissance, ohne notiert zu werden, die unterste Vokalstimme instrumental verstärken konnte – wertet die Bassstimme gegenüber den Mittelstimmen auf. An die Stelle älterer Texturen einer Melodie mit begleitenden Stimmen treten Oberstimme und Bass als zwei wesentliche Linien. Die nur durch Ziffern bestimmten Harmonien bieten Gelegenheit zu improvisatorischer Realisation. Andererseits dienten Lehrwerke zur Generalbasspraxis auch dem Erlernen des Komponistenhandwerks. Die bereits in der Musik des Mittelalters entstandene und in der Renaissance zur Vollendung geführte Polyphonie, also das Zusammenklingen selbstständig geführter Melodielinien, wird vom Generalbass nicht vollständig ersetzt. Allerdings mussten die kontrapunktisch geführten Stimmen nun der harmonischen Organisation der Continuo-Stimme folgen, waren dem harmonischen Ablauf untergeordnet. Dissonanz, Chromatik, Tongeschlechter mini|hochkant|Rameaus Traité de l’harmonie réduite à ses principes naturels, Paris 1722 Dissonanzen wurden zunehmend nicht mehr als Intervall zwischen zwei Stimmen, sondern als unpassender Ton im Akkord wahrgenommen und dienten dann der Definition der Richtung einer harmonischen Entwicklung. Ebenso wird die Chromatik, zunächst experimentelles Ausdrucksmittel, im Lauf des Barock der harmonischen Kontrolle untergeordnet. Die früher gebräuchlichen Kirchentonarten werden in Kompositionspraxis und Musiktheorie auf die beiden Tongeschlechter Dur und Moll reduziert. Tonika, Dominante und Subdominante mit beigeordneten Akkorden organisieren die Harmonik, vorübergehende Modulationen stellen die vorherrschende Tonart nicht in Frage. Die moderne Analysemethode, ausgehend von Akkorden mit Grundtönen und Umkehrungen, war im 17. Jahrhundert nicht geläufig, noch der spätbarocke Komponist Francesco Gasparini ging zur Beschreibung von Kadenzen wie in der modalen Musik der Renaissance von einem zweistimmigen Rahmen aus. Das Repertoire an Akkordfortschreitungen war groß, gemeinsame harmonische Muster können kaum aufgefunden werden. Die erste Harmonielehre ist Jean-Philippe Rameaus Traité de l’Harmonie von 1722. Rameau beschrieb den basse fondamentale, also die Grundlinie für die Stammakkorde, die nicht im Bass stehen muss, und die Akkordumkehrung. Für Rameau ist die Dissonanz der „Motor, der die Musik in Gang hält“, das „Band, das die Akkorde zusammenhält“. Stimmungen Im Mittelalter wurde Wert darauf gelegt, dass die beiden Intervalle mit den einfachsten Schwingungsverhältnissen, die Oktave (eins zu zwei) und die Quinte (zwei zu drei), rein gestimmt waren. Zwei Töne, deren Abstand eine Oktave ist, werden als gleich identifiziert und tragen denselben Namen (c, d, e und so weiter). In der tonalen Musik stehen in jeder Tonart die wesentlichen Akkorde Tonika (erste Stufe) und Dominante (fünfte Stufe) im Abstand einer Quinte, ebenso Subdominante (vierte Stufe) und Tonika. Schichtet man zwölf reine Quinten übereinander, erhält man beinahe den um einige Oktaven versetzten Ausgangston, die Differenz nennt man das pythagoräische Komma. Zudem weichen bei den sich so ergebenden zwölf Tönen die großen Terzen (Schwingungsverhältnis vier zu fünf), die seit der Renaissance neben Oktave und Quinte auch als konsonant, also wohl- oder zusammenklingend gelten, von ihrer reinen Version stark ab. Stimmungssysteme versuchen daher, die Töne so anzuordnen, dass oft verwendete Zusammenklänge möglichst nahe an der reinen Repräsentation der Intervalle liegen, und nehmen dafür andernorts verstimmte Intervalle wie die „Wolfsquinte“ in Kauf, weshalb manche Tonarten gemieden werden müssen.Mark Lindley: Pythagorean intonation. In: Grove Music Online. Oxford Music Online. Oxford University Press, Version: 20. Januar 2001. http://www.oxfordmusiconline.com. Mark Lindley: Temperaments. In: Grove Music Online. Oxford Music Online. Oxford University Press, Version: 15. Mai 2009. http://www.oxfordmusiconline.com. Die in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts etablierte mitteltönige Stimmung, die eine Gruppe von Tonarten durch reine Großterzen auszeichnet, blieb das ganze Barockzeitalter über Standard. Um eine größere Zahl an Tonarten erreichbar zu machen, wurde die Stimmung dahingehend modifiziert, das pythagoräische Komma auf mehr Quinten aufzuteilen. Wohltemperierte Stimmungen, die ab 1681 von Andreas Werckmeister und ab 1706 von Johann Georg Neidhardt vorgestellt wurden und das Spiel in allen Tonarten ermöglichen, konnten sich ebenso wenig durchsetzen wie die gleichstufige Temperatur, die sich erst ab 1750 in der Praxis nachweisen lässt. Instrumente mini|hochkant|Nachbau einer Barockvioline mini|hochkant|Gerard van Honthorst: Singender Zinkspieler (1623), Staatliches Museum Schwerin mini|hochkant|Nicolas Tournier: Lautenspieler, Eremitage, Sankt Petersburg Viele der noch heute gebräuchlichen Instrumente wurden in der Barockzeit entwickelt. Die barocken Versionen dieser Instrumente unterscheiden sich im Klang von ihren Nachfahren, beispielsweise weil Streichinstrumente mit Darmsaiten bespannt waren. Die Violine, die gegenüber der in der Renaissance dominierenden Gambe tragfähiger und lauter war, wurde im 19. Jahrhundert in der Bauweise modifiziert, sodass Barockinstrumente verglichen mit modernen wiederum weicher, leiser und weniger strahlend wirken.David D. Boyden, Peter Walls, Peter Holman, Karel Moens, Robin Stowell, Anthony Barnett, Matt Glaser, Alyn Shipton, Peter Cooke, Alastair Dick and Chris Goertzen: Violin (Fr. violon; Ger. Violine, Geige; It. violino; Sp. violín). In: Grove Music Online. Oxford Music Online. Oxford University Press, Version: 20. Januar 2001. http://www.oxfordmusiconline.com. Das Instrumentarium war im Barock farbenreich und regional sehr unterschiedlich. Ab 1680 begann eine Standardisierung der Holzblasinstrumente nach französischem Vorbild und der Streichinstrumente nach italienischem, ohne noch die Einheitlichkeit des 19. Jahrhunderts zu erreichen. Um 1700 bildete sich die Orchesterbesetzung heraus, die noch in der Wiener Klassik üblich war: Streicher mit basso continuo und je nach Bedarf hinzutretenden Holz- und Blechblasinstrumenten. Streichinstrumente Entsprechend der Ablösung von fließender Polyphonie durch prominente Solisten wurde die Violine mit der kraftvolleren Bogenführung und dem spezifischen Timbre gegenüber der vokaler klingenden Gambe attraktiver, verdrängte diese insbesondere in Italien. Während Rebec und lira da braccio verschwanden, spielte die Gambe besonders in kontrapunktischen Gattungen weiter eine große Rolle.David D. Boyden, Boris Schwarz: Violin. In: Stanley Sadie (Hrsg.): The New Grove Dictionary of Music and Musicians. Reprint in paperback ed., Macmillan Publishers Ltd., London 1995, ISBN 1-56159-174-2, B. 19, S. 819–55, hier 828. Im Orchester konnte der delikate Ton der Gambe neben der Violine jedoch nicht bestehen.Ian Woodfield, Lucy Robinson: Viol. In: Stanley Sadie (Hrsg.): The New Grove Dictionary of Music and Musicians. Reprint in paperback ed., Macmillan Publishers Ltd., London 1995, ISBN 1-56159-174-2, B. 19, S. 791–808, hier 806. Neben der Violine waren Bratsche und Violoncello in Gebrauch. Berühmte Geigenbauer der Barockzeit waren in Cremona Nicola Amati, Andrea Guarneri und Antonio Stradivari. Blasinstrumente Als Obligatinstrument gleichberechtigt neben der Violine stand im 17. Jahrhundert der Zink, oftmals ohne explizit gefordert zu sein. Die Blockflöte wurde bis zum beginnenden 18. Jahrhundert in begrenztem Tonumfang eingesetzt; nach einer folgenden Blütezeit, in der der gesamte Tonumfang erschlossen wurde, nahm ab 1730 die Popularität zugunsten der Traversflöte stark ab. Die Doppelrohrblattinstrumente Oboe und Fagott sowie das Chalumeau, mit einfachem Rohrblatt der Vorläufer der Klarinette, sind ab dem letzten Drittel des 17. Jahrhunderts nachweisbar.Siegbert Rampe (Hrsg.): Instrumente und Aufführungspraxis der Barockmusik. Laaber-Verlag, Laaber 2018 (= Handbuch der Musik des Barock, Band 5), ISBN 978-3-89007-876-2. – Darin: Frithjof Smith: Zink, S. 43–47, hier 45; Guido Klemisch: Blockflöte, S. 48–54, hier 53; Alfredo Bernardini: Oboen, S. 63–70, hier 63; Christian Ahrens: Chalumeaux und Klarinetten, S. 71–74, hier 71; Sebastian Werr: Fagott. S. 75–79, hier 76. Letztere verdrängten die noch im Frühbarock gängigen Instrumente Schalmei, Pommer, Kortholt, Krummhorn und Rackett. Die Klarinette erscheint noch im späten Barock beispielsweise in der Musik von Rameau (in der Oper Zoroastre, 1749). Neben den Trompeten, die zusammen mit den Pauken weiterhin als Herrschaftssymbol dienten,Christian Ahrens: Trompeten. In: Siegbert Rampe (Hrsg.): Instrumente und Aufführungspraxis der Barockmusik. Laaber-Verlag, Laaber 2018 (= Handbuch der Musik des Barock, Band 5), ISBN 978-3-89007-876-2, S. 25–29, hier 25. waren als Blechblasinstrumente Hörner und Posaunen in Verwendung. Zupfinstrumente Als Variante der Laute, die vorwiegend in aristokratischen Kreisen beheimatet war, wurde mit Beginn der Monodie die klangstärkere Theorbe entwickelt.Stefan Hackl: Lauten. In: Siegbert Rampe (Hrsg.): Instrumente und Aufführungspraxis der Barockmusik. Laaber-Verlag, Laaber 2018 (= Handbuch der Musik des Barock, Band 5), ISBN 978-3-89007-876-2, S. 125–133, hier S. 125 sowie 131. Die Harfe wurde zu Anfang des Barockzeitalters zur Form der Tripelharfe weiterentwickelt.Cheryl Ann Fulton: Harp (Fr. harpe; Ger. Harfe; It., Sp. arpa). 5. Multi-rank harps in Europe outside Spain. In: Grove Music Online. Oxford Music Online. Oxford University Press, Version: 20. Januar 2001. http://www.oxfordmusiconline.com. Ferner sind als Zupfinstrumente Mandoline und Gitarre zu nennen. Die Barockgitarre diente überwiegend als Begleitinstrument, meist nicht als Soloinstrument.James Tyler: Guitar (Fr. guitare; Ger. Gitarre; It. chitarra; Sp. guitarra; Port. viola; Brazilian Port. violão). 4. The five-course guitar. In: Grove Music Online. Oxford Music Online. Oxford University Press, Version: 20. Januar 2001. http://www.oxfordmusiconline.com. Tasteninstrumente Kielclaviere wie Cembali wurden neben dem Vortrag von Kompositionen für Improvisation und Generalbasspraxis genutzt; dabei wurden die Möglichkeiten, die zweimanualige Cembali bieten, nur selten verlangt.Siegbert Rampe: Kielclaviere. In: Ders. (Hrsg.): Instrumente und Aufführungspraxis der Barockmusik. Laaber-Verlag, Laaber 2018 (= Handbuch der Musik des Barock, Band 5), ISBN 978-3-89007-876-2, S. 149–167, hier 165. Im Gegensatz zu Cembalo und Spinett, bei denen die Dynamik des Tons nicht beeinflusst werden kann, weil ein von der Mechanik bewegtes Plektrum die Saite zupft, bot das Clavichord eine gewisse Dynamik, allerdings im Rahmen einer sehr begrenzten Lautstärke. Im weltlichen Ambiente wurden daneben kleinere Orgelinstrumente wie Portative, Positive und Regale verwendet, in den Kirchen die großen Orgeln erweitert, mit dem Ziel, Instrumentalensembles zu imitieren. Die entsprechenden Register wurden nach Blas- oder Streichinstrumenten benannt.Siegbert Rampe: Orgeln. In: Ders. (Hrsg.): Instrumente und Aufführungspraxis der Barockmusik. Laaber-Verlag, Laaber 2018 (= Handbuch der Musik des Barock, Band 5), ISBN 978-3-89007-876-2, S. 178–195, hier 178. Aufführungspraxis Kompositionen der Barockzeit sind überliefert als Notenmaterial in Autographen, Abschriften und in Drucken. Für Informationen über die damalige Aufführungspraxis sind besonders Erst- und Frühdrucke interessant, da dort wie auch in den handschriftlich überlieferten Quellen Angaben zum Vortrag enthalten sein können. Hinzu kommen Lehrwerke und Traktate, Musikerbriefe und -zeugnisse, Aufführungsberichte und -dokumente, bildliche Darstellungen und überlieferte historische Instrumente.Siegbert Rampe: Vom Umgang mit Quellen Historischer Aufführungspraxis. In: Ders. (Hrsg.): Instrumente und Aufführungspraxis der Barockmusik. Laaber-Verlag, Laaber 2018 (= Handbuch der Musik des Barock, Band 5), ISBN 978-3-89007-876-2, S. 212–215, hier 212. Viele Werke sind verlorengegangen. Zudem kannte das Barock nicht die Vorstellung vom Komponisten als Originalgenie, dessen Werke unantastbar seien. Betrachtet man die einfache und die ausgezierte Version, die Monteverdi für Orfeos Arie Possente spirto notiert, zeigt sich, dass der Komponist eine „Vorlage bietet, die sich vorsätzlich öffnet für die individuelle Interpretation.“Michael Heinemann: Claudio Monteverdi. Die Entdeckung der Leidenschaft. Schott, Mainz 2017, S. 24. Die Version mit ausnotierten Verzierungen kann auch als Aufzeichnung von Stil und Praxis des Sängers gedeutet werden. Kompositionen wurden dem Funktionsbereich und Aufführungsort entsprechend besetzt, Teile fortgelassen oder ausgewechselt, Opernsänger brachten ihre „Kofferarien“ mit. Tempo Die Tempobestimmung für Musik des Barock folgt einem proportionalen System: Sämtliche Taktarten und Notenwerte folgen einem Grundschlag (battuta), der durch ein Abwärtsschlagen zu Taktbeginn angezeigt wird, was Unter- und Obergrenzen für mögliche Tempi bedingt. Affektbezeichnungen wie Adagio, Grave, Allegro und Presto wurden im Laufe des 17. Jahrhunderts zu Tempoangaben. Absolute Tempi sind nur für Einzelfälle etwa durch Spieldauern überliefert. Rhythmus Auch im Barock wurde Musik nicht den Notenwerten folgend in starrer Gleichmäßigkeit ausgeführt. Bei der französischen Inégalité wurden Paare gleich lang notierter Töne so gespielt, dass der erste bis fast doppelt so lang wie der zweite werden konnte, je nach Ausdrucksziel differenzierbar. Tempo rubato als Verzögerung war nur solistisch an wenigen Stellen möglich, da die Begleitung rhythmisch gleichmäßig bleiben musste. Artikulation Im Barock gab es nur zwei Bezeichnungen dafür, wie lange ein Ton ausgehalten wurde: Der Bindebogen zeigte an, dass er bis zum Beginn des nächsten Tons andauerte, der Punkt, dass eine Unterbrechung stattfand. Fehlen diese Bezeichnungen, so ist von einer nicht-gebundenen Grundartikulation auszugehen.Siegbert Rampe: Artikulation. In: Ders. (Hrsg.): Instrumente und Aufführungspraxis der Barockmusik. Laaber-Verlag, Laaber 2018 (= Handbuch der Musik des Barock, Band 5), ISBN 978-3-89007-876-2, S. 243–252, hier S. 244 sowie 246. Dynamik Im 17. Jahrhundert gab es nur zwei Lautstärkenbezeichnungen, im frühen 18. Jahrhundert bereits acht. Nicht ausnotierte dynamische Gestaltung folgte der Beschaffenheit der Komposition und nahm Rücksicht auf Dissonanzen, Synkopen oder Überbindungen. Vibrato und Tremolo Den Begriff Vibrato für Tonhöhen- und Intensitätsschwankungen gab es im Barock noch nicht, diese Techniken wurden allerdings in Lehrwerken beschrieben. Man geht davon aus, dass sie nur als Ornamente eingesetzt wurden.Greta Haenen: Vibrato und Tremolo. In: Siegbert Rampe (Hrsg.): Instrumente und Aufführungspraxis der Barockmusik. Laaber-Verlag, Laaber 2018 (= Handbuch der Musik des Barock, Band 5), ISBN 978-3-89007-876-2, S. 293–302, hier 293. Als Imitation des Orgeltremulanten gab es bei Streichern das Bogenvibrato und bei Bläsern dasjenige des Atems; im Gegensatz zum anderen Vibrato wurde dieses Tremolo in der Regel notiert.Greta Haenen: Vibrato und Tremolo. In: Siegbert Rampe (Hrsg.): Instrumente und Aufführungspraxis der Barockmusik. Laaber-Verlag, Laaber 2018 (= Handbuch der Musik des Barock, Band 5), ISBN 978-3-89007-876-2, S. 293–302, hier 293. Ornamentik Ornamente waren zum Teil durch Symbole oder einzelne Verzierungsnoten fixiert, einen wesentlichen Anteil hatten aber die ausübenden Musiker, die „für das hinreichende Vorhandensein von Ornamenten […] verantwortlich“ waren.Siegbert Rampe: Ornamentik. In: Ders. (Hrsg.): Instrumente und Aufführungspraxis der Barockmusik. Laaber-Verlag, Laaber 2018 (= Handbuch der Musik des Barock, Band 5), ISBN 978-3-89007-876-2, S. 263–292, hier 263. Während François Couperin in seiner Orgelmusik nur die zu verwendenden Register vorschrieb und Tempo, Phrasierung und Ornamentik dem Ausführenden überließ, wünschte er, dass in seiner Cembalomusik seinen Angaben genau gefolgt werde, Verzierungen sollten weder fortgelassen noch hinzugefügt werden. Notiert wurden Triller, Mordent, Vorschlag, Nachschlag, Zwischenschlag, Schleifer, Doppelschlag, Acciaccatura, Anschlag und Arpeggio. Italienische und französische Varianten der Ornamente unterscheiden sich. Der auf dem Gebiet der historischen Aufführungspraxis einflussreiche Dirigent Nikolaus Harnoncourt ging von einem großen Gegensatz zwischen italienischem und französischem Stil aus: freie Improvisation in Italien, ein „Verzierungscodex“ in Frankreich, der „peinlich genau“ befolgt werden müsse, weshalb moderne Interpreten für lebendige Aufführungen „musikalisch Partei nehmen“ sollten.Nikolaus Harnoncourt: Musik als Klangrede. Wege zu einem neuen Musikverständnis. Essays und Vorträge. Residenz Verlag, Salzburg/Wien 1982, S. 219ff. In aktuelleren Veröffentlichungen wurde jedoch auch das „improvisierte Anbringen zahlreicher Verzierungen“ als „typisch französisch“ beschrieben. Die italienische Ornamentik war wohl ebenso reglementiert oder durch Konventionen bestimmt wie die französische, bei der zum Teil von der Vokalmusik abgeleiteten italienischen Verzierungspraxis wurden aber auch Intervalle oder ganze Phrasen ornamentiert. Musikleben Im Barock war das Komponieren kein Hauptberuf, sondern üblicherweise bezahlte Nebentätigkeit des Kapellmeisters oder Konzertmeisters am Hof oder des Kirchenkonzertmeisters, Kantors oder Organisten, daneben gab es komponierende Cellisten oder Bläser, die sich in der Regel auch kompositorisch auf ihr Instrument beschränkten.Siegbert Rampe: Der Komponist. In: Peter Hersche, Siegbert Rampe (Hrsg.): Sozialgeschichte der Musik des Barock. Laaber-Verlag, Laaber 2018 (= Handbuch der Musik des Barock, Band 6), ISBN 978-3-89007-875-5, S. 236–244, hier 236. Auch die meisten Sänger waren fest an einer Kirche oder einem Hof angestellt, während Berufssänger, die auf verschiedenen Bühnen auftraten, eine Minderheit darstellten. Höfischer Kontext mini|François Puget: Versammlung von Musikern (1688), Musée du Louvre, Paris. Dargestellt sind französische Hofmusiker. Die Musik im Zeitalter des Barock wurde vor allem durch die Höfe bestimmt, Aufführungsorte waren neben der „Kammer“, womit das Gemach oder der Speisesaal gemeint war, die Kirche und das Theater mit jeweils darauf zugeschnittener Musikproduktion. So unterschied Arcangelo Corelli zwischen Sonata da camera und Sonata da chiesa. Der Absolutismus am französischen Hof von Ludwig XIV. wurde im musikalischen Bereich durch Jean-Baptiste Lully personifiziert, als „Surintendant“ an der Spitze einer hierarchischen Struktur auch des Musikbetriebes. Leitende Funktion hatten der Kapellmeister und der Konzertmeister inne, letzterer in der Regel auf Instrumentalmusik spezialisiert. Kapellmeister hatten die Hofmusik zu organisieren, was Personalangelegenheiten, Repertoirebeschaffung, Proben und Aufführungen, im Falle der Existenz einer Hofoper auch Regie und Inszenierung inkludierte. In der Regel blieb das Gehalt der Kapellmeister unter dem der Sänger, eine Ausnahme stellte der heute als Opernkomponist berühmte Johann Adolph Hasse dar, der ebenso viel bekam wie seine Frau, die Primadonna Faustina Bordoni. Die höfischen Netzwerke eröffneten Sängern neben ihrer Gesangskarriere auch weitere Beschäftigungsfelder, so arbeitete Margherita Costa auch als Literatin. Zu großem Reichtum gelangten jedoch nur wenige Sänger, wie der Kastrat Farinelli. Einen niedrigeren Rang hatten Hofmusiker insbesondere in Hofhaltungen unterhalb des Fürstenrangs, dort mussten sie auch außermusikalische Dienste wie Perücken pudern und Schuhe putzen versehen. Urbaner Kontext mini|Collegium musicum in Jena etwa 1750 In den Städten waren die zunftähnlich organisierten Stadt- und Ratsmusiker für drei Aufgabenbereiche vorgesehen: Repräsentation des Gemeinwesens, Mitwirkung bei der Kirchenmusik und bei privaten Festen. Als konkretes Beispiel kann die Gestaltung von Turmmusik genannt werden. Es entstanden geschlossene Musikgesellschaften wie das Collegium musicum, das Matthias Weckmann 1660 in Hamburg gründete. In Italien wurden von den Städten mit privater Unterstützung Musikkonservatorien unterhalten, Francesco Durante, Giovanni Battista Pergolesi und Niccolò Piccinni gingen aus solchen neapolitanischen Musikschulen für Knaben hervor.Siegbert Rampe: Musik in der Stadt und im Dorf. In: Peter Hersche, Siegbert Rampe (Hrsg.): Sozialgeschichte der Musik des Barock. Laaber-Verlag, Laaber 2018 (= Handbuch der Musik des Barock, Band 6), ISBN 978-3-89007-875-5, S. 145–149, hier 148. In den Venezianischen Ospedali waren vorwiegend weibliche Waisen untergebracht, die es in den zugehörigen Kapellen im 18. Jahrhundert zu instrumentaler Virtuosität brachten.Eleanor Selfridge-Field: Venice (It. Venezia). 2. 1600–1750. In: Grove Music Online. Oxford Music Online. Oxford University Press, Version: 20. Januar 2001. http://www.oxfordmusiconline.com. Kirchlicher Kontext Für die Kirchenmusik waren Kantoren, die zudem die Ausbildung und Musikorganisation zu leisten hatten, und Organisten zuständig. Ihrerseits mit weniger Aufgaben belastet, konnten sie mit konzertierenden Einlagen im Gottesdienst und Präsentation auch weltlicher Musik in der Kirche einen Säkularisierungsprozess anstoßen. Ländlicher Kontext Eine musikalische Volkskunst wurde vertreten von Hackbrettspielern, Sackpfeifern und Dorffiedlern. Ihre typischen Instrumente waren in der Mitte des 17. Jahrhunderts Drehleiern, Sackpfeifen, Citharen, Kastagnetten, kleine Schnabelflöten, Triangel, Schalmeien, Hackbretter, Xylophone, Krummhörner, Maultrommeln, Octavgeigen und Schellen. Als allgegenwärtig auf dem Land sind musizierende Fahrende anzunehmen: abgedankte, auch invalide Soldaten, gescheiterte Existenzen, ethnisch-religiöse Randgruppen („Zigeuner“, Juden). Die Grenzen zwischen dieser Gruppe und den musizierenden Bettlern und Bettelmusikanten waren fließend. Musik und Frauen mini|hochkant|Bernardo Strozzi: Gambenspielerin (1630er Jahre), Gemäldegalerie Alte Meister, Staatliche Kunstsammlungen Dresden. Das Gemälde wird für ein Porträt der Komponistin Barbara Strozzi gehalten. Als weibliche Rollen in Bezug auf Barockmusik können genannt werden: Komponistinnen, Musikerinnen, Sängerinnen, Hörerinnen, Frauen, die musikalische Bildung weitergaben, Mäzeninnen, Sammlerinnen, Instrumentenbauerinnen und Orgelzieherinnen, Tänzerinnen und Druckerinnen.Susanne Rode-Breymann: Das 17. Jahrhundert. In: Annette Kreutziger-Herr, Melanie Unseld (Hrsg.): Lexikon Musik und Gender. Bärenreiter/Metzler, Stuttgart/Kassel 2010, ISBN 978-3-476-02325-4, S. 67–76, hier 68. Die Anstellungsverhältnisse, in denen Komponisten des Barock standen, waren für Frauen in der Regel nicht erreichbar, sodass vor allem komponierende Frauen aus höheren Rängen der kirchlichen Hierarchie oder aus dem Adel bekannt sind. Sängerinnen komponierten zwar Teile ihres Repertoires selbst, konnten ihre Kompositionen aber nicht veröffentlichen. Die schon zu Lebzeiten berühmten Italienerinnen Francesca Caccini und Barbara Strozzi, die von ihren in musikalischen Kreisen einflussreichen (Adoptiv-)Vätern profitierten und die Ordensfrau Isabella Leonarda, die von dem „hohen kulturelle[n] Niveau“ des Ursulinums von Novara getragen war, konnten schon zu Lebzeiten zahlreiche Werke veröffentlichen.Elisabeth Schedensack: Leonarda, Isabella in MGG 2, Personenteil Bd. 10, 2003. Im Gegensatz zur in Europa üblichen Beschränkung weiblichen Musizierens auf Kloster, Badehaus und Bordell wurde in Norditalien eine Oper ausdrücklich bei Francesca Caccini in Auftrag gegeben, es entstand als erste Oper einer Frau La liberazione di Ruggiero dall’isola d’Alcina (1625) als „Frauenoper“, die auf der Bühne eine „verkehrte Welt“ präsentiert. Opernsängerinnen waren zwar als Künstlerinnen akzeptiert, galten aber als außerhalb der Gesellschaft stehend. Francesca Caccini, die „1618 mit Il primo libro delle musiche ihre erste, mit 99 Seiten für diese Zeit außergewöhnlich umfangreiche Sammlung an Vokalkompositionen im Druck“ vorlegte,Kordula Knaus: Musikgeschichte „Barock“. Bärenreiter, Kassel et al. 2023, S. 55. komponierte nach Aufstieg in den Adelsstand nur noch anonym und gestattete ihrer Tochter das Singen in Theateraufführungen nicht. Aufgrund satirischer Kommentare über ihre Moral, unehelicher Kinder und eines Gemäldes mit entblößter Brust wird angenommen, dass Barbara Strozzi auch Kurtisane war.Angela Romagnoli: Strozzi, Barbara (Valle). In: Annette Kreutziger-Herr, Melanie Unseld (Hrsg.): Lexikon Gender und Musik. Bärenreiter/Metzler, Stuttgart/Kassel 2010, ISBN 978-3-476-02325-4, S. 485f, hier 486. Bereits im Alter von fünf Jahren spielte Élisabeth Jacquet de La Guerre das Cembalo und sang am Hof von Ludwig XIV. Sie heiratete einen Organisten und konnte Cembalowerke veröffentlichen und Opern zur Aufführung bringen,Catherine Cessac: Jacquet de La Guerre, Elisabeth. In: Grove Music Online. Oxford Music Online. Oxford University Press, Version: 20. Januar 2001. https://www.oxfordmusiconline.com. wobei ihre Oper Céphale et Procris, eine Tragédie lyrique, bei Ballard gedruckt wurde.https://imslp.org/wiki/Céphale_et_Procris_(Jacquet_de_La_Guerre,_Elisabeth) Frauen dürften die Mehrheit der Amateurmusiker gestellt haben. Abgesehen von Nonnen in Klöstern war für Frauen das Instrumentarium eingeschränkt, da etwa die Spreizung der Beine beim Spielen des Violoncellos oder der Kraftaufwand für das Blasen von Blechblasinstrumenten, Zink, Oboe oder Fagott als unschicklich galt.Siegbert Rampe: Epilog: Musiker aus Liebe und Leidenschaft – Amateure. In: Peter Hersche, Siegbert Rampe (Hrsg.): Sozialgeschichte der Musik des Barock. Laaber-Verlag, Laaber 2018 (= Handbuch der Musik des Barock, Band 6), ISBN 978-3-89007-875-5, S. 358–373, hier 359f. Als prominente Lautenistin ist Wilhelmine von Preußen, Schülerin von Silvius Leopold Weiss zu nennen.Christoph Riedo: Streich- und Zupfinstrumente. In: Peter Hersche, Siegbert Rampe (Hrsg.): Sozialgeschichte der Musik des Barock. Laaber-Verlag, Laaber 2018 (= Handbuch der Musik des Barock, Band 6), ISBN 978-3-89007-875-5, S. 189–203, hier 201. Von der Kirchenmusik waren Frauen in der Regel ausgeschlossen, Ausnahmen waren Frauenklöster und die Vespergottesdienste mit Teilnahme der Mädchen der Venezianischen Ospedali, die jedoch durch die Positionierung hinter Gittern weitgehend unsichtbar gemacht wurden. Funktionsbereiche, Räume und Gattungen Eine Einteilung der Musik nach gesellschaftlichen und funktionalen Aspekten gab es bereits vor dem Barock, dieses demonstriert seinen Zeitgeist aber in definitorischer Abgrenzung mit den Termini musica ecclesiastica (Kirchenmusik), musica theatralis (Musik für das Theater) und musica cubicularis (Musik für die Kammer). Der Komponist und Theoretiker Christoph Bernhard ordnete den Funktionsbereichen Stile zu: stylus gravis für die Kirche, stylus luxurians communis für die Kammer und stylus luxurians teatralis für das Theater, wobei die Bedeutung der Musik gegenüber der Sprache in dieser Reihenfolge als abnehmend angenommen wurde. Die Bereiche waren allerdings durchlässig, nicht nur konnten manche Werke der Instrumentalmusik im weltlichen wie geistlichen Raum erklingen, auch konnten geistliche Konzerte als Tafelmusik dienen. Kirche mini|hochkant|Melchior Küsel: 1100-Jahrfeier im Salzburger Dom (1682/83), Salzburg Museum, Salzburg. Wahrscheinlich zur Aufführung der Missa salisburgensis positionierte Musiker auf den Vierungsemporen und im Chorraum. In Nachfolge von frühen Beispielen in Renaissance-Schlosskapellen wurden nun in protestantische Kirchen Emporen mit zusätzlichen Bänken für die Gemeinde eingebaut, die somit zusammenrückte und aus verschiedenen Ebenen den Raum mit ihrem Gesang erfüllte. Auch katholische Kirchenräume fassten nun ohne Lettner Priester und Laien „in einem kohärenten Kirchenraum als Gemeinschaft der Gläubigen“ zusammen, besonders in den tonnengewölbten Saalräumen mit Seitenkapellen, die durch gegenreformatorische Orden Verbreitung fanden. Chöre und Instrumentalisten wurden zu besonderen Anlässen an unterschiedlichen Orten positioniert, um besondere Effekte zu erzielen. Die Orgel fand obligatorisch auf der Westempore über dem Hauptportal Platz, zunehmend durch Architektur und Dekor integriert in die räumlichen Strukturen. Gemeindegesang Angestrebt wurde im Barock eine Wirkung der Musik, welche die innere Überzeugung der Beteiligten fördern sollte.Benedikt Kranemann: Gottesdienstliche Formen von 1600 bis 1750. In: Wolfgang Hochstein (Hrsg.): Geistliche Vokalmusik des Barock. Teilband 1. Laaber-Verlag, Laaber 2019 (= Handbuch der Musik des Barock, Band 2/1), ISBN 978-3-89007-872-4, S. 28–49, hier 46. Zur vokalen Kirchenmusik gehörte der liturgische Gesang am Altar und das Singen der Gemeinde.Christoph Krummacher: Liturgischer Gesang und Kirchenlied. In: Wolfgang Hochstein (Hrsg.): Geistliche Vokalmusik des Barock. Teilband 1. Laaber-Verlag, Laaber 2019 (= Handbuch der Musik des Barock, Band 2/1), ISBN 978-3-89007-872-4, 87–108, hier 87. Im evangelischen Gottesdienst war auch mehrstimmiger Gemeindegesang im Kantionalsatz üblich.Reinhard Bahr: Der Kantionalsatz. In: Wolfgang Hochstein (Hrsg.): Geistliche Vokalmusik des Barock. Teilband 1. Laaber-Verlag, Laaber 2019 (= Handbuch der Musik des Barock, Band 2/1), ISBN 978-3-89007-872-4, S. 109–132, hier 109ff. Instrumentalmusik Die Gemeinde wurde mitunter von der Orgel unterstützt, die zudem Verwendung fand für Vor-, Zwischen- und Nachspiele zu gottesdienstlichen Handlungen und im Alternatimspiel zu liturgischem Gesang. Cantus-firmus-gebundene Gattungen waren Choralvariation, Choralpartita, Choralfantasie und Choralvorspiel, freie Kompositionen in kontrapunktisch-imitatorischer Art wurden Ricercar, Canzona, Fantasia und Capriccio genannt, improvisatorischen Charakter hatte die Toccata. Die Fiori musicali (1635) von Girolamo Frescobaldi geben einen Eindruck, wie Organisten aus dem Stegreif den Gottesdienst begleitet haben könnten: Eine Toccata fungierte zu Beginn als intonazione, legte die Tonhöhe für die Sänger fest. Es folgte eine cantus-firmus-gebundene Kyrie-Version, dann eine lebendige Canzone nach der Epistel, ein streng imitatives Ricercar leitete das Offertorium ein, eine chromatische Toccata folgte für die Transsubstantiation und eine weitere Canzone für die Kommunion. Bei Frescobaldis Werken für Tasteninstrumente ist die Besetzung und die Funktion der Werke allerdings in der Regel unbestimmt, so kommt neben der Orgel auch das Cembalo in Frage. Im späten 17. Jahrhundert wird in Deutschland die Kombination Präludium und Fuge üblich, wobei die Fuge die Nachfolgerin der imitatorischen Gattungen wie Ricercar darstellt. Da sowohl Präludium als auch Fuge die Funktion eines Vorspiels hatten, kann die Kombination als Variante der Toccata angesehen werden, zumal auch Fugen improvisiert wurden. Bachs wohltemperiertes Klavier als bekanntestes Beispiel dieser Paarung gehört wohl eher in die Kammer als die Kirche. Weitere Instrumentalmusik wie die Sonata da chiesa oder das Concerto grosso konnten ebenfalls an verschiedenen Stellen des Gottesdienstes eingesetzt werden, etwa als Ersatz für das Graduale oder das Offertorium oder zur Kommunion. Messe und Requiem Der christliche Hauptgottesdienst, die Messe, zerfällt in die Gruppe der gleichbleibenden Teile, das Ordinarium Missae mit Kyrie, Gloria, Credo, Sanctus mit Benedictus und Agnus Dei, und das Proprium Missae je nach Zeit im Kirchenjahr oder Tagesfest. Gegenüber der Renaissance nahm die Bedeutung von Ordinariumszyklen ab, die dennoch einen Schwerpunkt des Repertoires bildeten. Es entstanden im Barock sehr unterschiedliche Vertonungen des Ordinariums: in Frankreich auch noch in der Art gregorianischer Einstimmigkeit und als Alternatim-Orgelmesse, bei der neu komponierte Orgel-Versetten mit vorhandenen gregorianischen Gesängen abwechseln. Werke im polyphonen Stile antico stehen neben solchen im neuen Stil, wobei in Wien am Habsburgerhof die Verwendung dieser Stile streng reglementiert und in den „stillen“ Zeiten des Kirchenjahres der alte Stil verpflichtend war. Die Schreibweisen konnten auch vermischt auftreten, wie es insbesondere in Bologna typisch war. Das zum Proprium Missae gehörige Offertorium bot aufgrund der längeren zeitlichen Erstreckung der liturgischen Handlung mit der Darbietung der Gaben Gelegenheit zu besonderer Prachtentfaltung.Wolfgang Hochstein: Das Proprium Missae. In: Ders. (Hrsg.): Geistliche Vokalmusik des Barock. Teilband 1. Laaber-Verlag, Laaber 2019 (= Handbuch der Musik des Barock, Band 2/1), ISBN 978-3-89007-872-4, S. 202–216, hier 210f. Die Totenmesse, das Requiem, ist eine katholische Form der Messfeier ohne das hymnische Gloria und das Credo, das an Wochentagen ohnehin entfällt, dafür wurden bei der Vertonung auch die Proprium-Texte berücksichtigt, sodass von einer Plenarmesse gesprochen werden kann. In den Reformationskirchen war stattdessen die Integration von Motetten oder Kantaten üblich, es gab aber auch extra für Trauerfeiern komponierte Werke wie die Musikalischen Exequien von Schütz. Motette Die Gattung der einchörigen Renaissance-Motette wurde im Barock fortgeführt, ihren Platz hatte sie als Musik zum Proprium, in Gottesdiensten des Stundengebets und bei besonderen Andachtsformen. Als Motette bezeichnete man in Deutschland sakrale Kompositionen für Chor a cappella oder mit wenig Instrumentalbeteiligung. Die Bezeichnungen variierten aber, Motette und Concerto waren austauschbare Termini, die im Spätbarock auch für die Gattung verwendet wurden, die heute mit Kantate angesprochen wird. Besonders verbreitet waren die leicht aufführbaren Chormotetten von Andreas Hammerschmidt. Im Laufe des 17. Jahrhunderts wurde die deutsche Chormotette vom geistlichen Konzert und der Kantate verdrängt. In den romanischen Ländern wurde der Begriff der Motette weiter gefasst, so gab es auch Solomotetten, die in der Messe oder Vesper Graduale, Offertorium oder ein Antiphon ersetzen konnten. In Frankreich diente der klein besetzte Petit motet dem individuellen Frömmigkeitsausdruck, der mehrchörige Grand motet ausschließlich der Gestaltung der Messe des Königs. Im Text wurde die Bezeichnung „Deus“ durch „Seigneur“ ersetzt, das auch als Anrede des Regenten üblich war, sodass der Lobgesang ihm ebenso wie Gott gelten konnte. Jeden Tag um zehn Uhr wurden für Ludwig XIV. drei Motetten aufgeführt: Mit einer großen Motette wurde er auf seinem Platz empfangen, eine solistisch besetzte erklang zur Wandlung und ein chorisches Gebet während seines Auszuges. Geistliches Konzert und Kantate Im 17. Jahrhundert etablierte sich in Deutschland die Bezeichnung Kleines Geistliches Konzert für klein besetzte geistliche Werke, die das aus Italien stammende konzertierende Prinzip aufgreifen. Heute versteht man darunter auch die damals als Motette oder Psalm bezeichneten groß besetzten konzertierenden Werke geistlicher Musik in Deutschland, sodass in der Gesamtheit das Geistliche Konzert nun als vorherrschende Gattung der protestantischen Kirchenmusik der ersten beiden Drittel des 17. Jahrhunderts gelten kann. Während zunächst groß besetzte Werke dominierten, verursachte der Dreißigjährige Krieg eine Reduktion der Mittel. Im letzten Drittel des 17. Jahrhunderts wurden die Gattungselemente Concerto, Choral und Aria verschiedenartig kombiniert, sodass in den modernen Gattungsbegriffen Concerto-Aria-Kantate und Concerto-Choral-Kantate der Übergang zu einer neuen Gattung, der evangelischen Kirchenkantate, dargestellt ist. Die Unterscheidung dieser Gattung von ihrem Vorgänger wird an der Mehrsätzigkeit festgemacht, was insofern eine problematische Definition ist, als der Unterschied zwischen abhängigen Abschnitten und unabhängigen Sätzen in einem Werk mit einheitlichem Text Auslegungssache ist. Zudem ist die Gattungsbezeichnung insofern irreführend, als noch im frühen 18. Jahrhundert auch von deutschen Autoren unter Kantate die ältere italienische weltliche Gattung gemeint gewesen sein dürfte. Der Pastor Erdmann Neumeister veröffentlichte 1702 freie „madrigalische“ Dichtungen als Geistliche Cantaten, womit er womöglich die italienische Gattung bestehend aus Rezitativen und Arien auf die lutheranische Musik übertragen wollte. Als Friedrich Wilhelm Zachow den Übergang zum Kantatentyp mit zusätzlichen Rezitativen als Komponist umsetzte, übernahm er den Gattungsbegriff nicht. Dass die damals Kirchenstück, Kirchenmusik, Concerto, Motette oder Dialog genannten Werke nun als Kantaten bezeichnet werden, liegt an der Prominenz der frühen Bach-Forschung ab Philipp Spitta im späten 19. Jahrhundert. Jeden Sonntag wurden neue evangelische Kirchenkantaten für den Gottesdienst geschrieben, sodass Komponisten mit mehr als 1000 Kirchenkantaten in ihren Œuvres „keine Seltenheit“ gewesen sein dürften.Peter Wollny: Das geistliche Kantatenschaffen von Bachs Zeitgenossen. In: Christoph Wolff (Hrsg.): Die Welt der Bach-Kantaten, Band 3. Metzler, Stuttgart 1996, S. 37–49, hier 38. Über Aufführungsverzeichnisse sind etwa 2500 Kantaten von Johann Philipp Krieger belegt. Im Vergleich zu den großen Verlusten bei anderen Komponisten sind von Christoph Graupner ungewöhnlich viele Kantaten erhalten geblieben.Homepage der Christoph Graupner Gesellschaft https://christoph-graupner-gesellschaft.de, abgerufen am 8. September 2023. Verse Anthem Im England des späten 16. Jahrhunderts fand die Tradition der consort songs mit instrumental begleiteter Solostimme Eingang in die Kirchenmusik, womit die Gattung des Verse Anthems mit dem ersten Hauptvertreter Orlando Gibbons ihren Anfang nahm. Unter der Herrschaft der Puritaner von ca. 1644 bis 1660 wurde Musik aus dem anglikanischen Gottesdienst verbannt. Englische Komponisten konnten in dieser Zeit geistliche Musik nur für katholischen Gebrauch schreiben. Bedeutende Werke des geistlichen Madrigals von Thomas Weelkes und Thomas Tomkins entstanden nach englischem und italienischem Vorbild. Nach Wiederherstellung der Monarchie wurde die Gattung Verse Anthem revitalisiert, nun mit einem mehr deklamatorischen Stil, oft mit einem Streicherensemble, das zu Solisten, Chor und basso continuo hinzutritt. Vesper, Litanei, Te Deum, Lamentation Unter den Stundengebeten war die abendliche Vesper an Sonn- und Feiertagen als öffentliche Veranstaltung von besonderer Bedeutung. In die zahlreichen Psalm- und Magnifikat-Vertonungen hielt der neue konzertierende Stil Einzug, gregorianische Intonationen, Cantus firmus und Falsobordone (Parallelführung der Stimmen) blieben jedoch erhalten. Litaneien legten als Anrufungen Gottes eine Ausführung durch zwei Gruppen nahe. Das Te Deum als Mittel der Danksagung wurde zur prunkvoll-repräsentativen Festmusik, es wurden sogar Glockengeläut und Böllerschüsse in Aufführungen integriert. In der Passionszeit erklangen Lamentationen und Passionen. Passion und Historia Als Historia bezeichnete man Vertonungen des Neuen Testaments für den evangelischen Gottesdienst. Dabei blieb der Bibeltext ohne Zusätze abgesehen von Einleitung und Beschluss. Themen waren Geburt, Kreuzigung (Passion) und Auferstehung. Passionen wurden auch für den katholischen Gebrauch geschaffen, andere Evangelienberichte nicht, da nur der Priester oder Diakon das Evangelium vortragen durfte. Meist handelte es sich im katholischen Bereich um wenig anspruchsvolle Gebrauchswerke, herausragend ist Francesco Feos Passio secundum Joannem (1744). Werden die Texte aller vier Evangelien kompiliert, so spricht man von einer Passionsharmonie. Als Vertonungstypen stehen einander die responsoriale und die durchkomponierte oder motettische Passion gegenüber. Die responsoriale Passion oder Choralpassion präsentiert die Turbae mehrstimmig, die übrigen Personen singen auf dem Passionston mit eigenen Rezitationsebenen für Jesus (auf f), Evangelisten (auf c’’), Jünger und Soliloquenten (f’’). Diese Praxis wurde zuerst improvisiert, dann etwa bei Schütz ausnotiert. Ab Mitte des 17. Jahrhunderts tritt die Generalbasspassion und die konzertierende Passion mit Instrumenten auf. In der oratorischen Passion wurden Choräle und kontemplative Texte eingefügt. Georg Philipp Telemann komponierte am meisten Passionen dieses Typs. Das Passionsoratorium mit neu gedichtetem Text gehört einer anderen Gattung an, dem Oratorium. Dieses verdrängte gegen Ende des Barock die oratorische Passion. Oratorium mini|hochkant|Francesco Borromini: Südfassade des Oratoriums des hl. Philipp Neri Das Konzil von Trient (zwischen 1545 und 1563) hatte zum Ziel, Gottesdienste und ihre Musik „von unerwünschten Auswüchsen zu reinigen“, was zum Aufblühen „paraliturgischer“ Andachtsformen in den Betsälen von Kirchen und Klöstern, genannt Oratorium oder Oratorio, führte. Aufgrund des mangelnden Platzes kam es zu Neubauten, etwa des Oratorio dei Filippini mit der großen Sala Borromini (1640 Einweihung). So brachte die Gegenreformation mit den Frömmigkeitsübungen italienischer Bruderschaften, der Generalbass und die Monodie die neue Gattung des Oratoriums hervor, die Beschränkung der Gattung auf den katholischen Bereich blieb über das ganze 17. Jahrhundert erhalten. Ziel des Oratoriums war, das Publikum „moralisch zu stärken“. Im Gegensatz zur oratorischen Passion hat das Oratorium einen neu gedichteten Text, die Stoffe entstammen der Bibel, Heiligenviten oder der Kirchengeschichte. Neben dem neuen Text sind die außerliturgische Funktion, die nichtszenische Beschaffenheit und die Besetzung für mehrere Personen gattungskonstitutiv. Zur Trennung von ähnlichen Dialogkompositionen gilt das Rezitativ als wichtiges Kriterium. Die Grenze zwischen Oratorium und Oper waren aber fließend. Das Oratorium war italienisch (oratorio volgare) oder lateinisch (oratorio latino) und bestand aus zwei Teilen, zwischen denen eine Predigt stattfand. Die Aufführungen fielen in die opernlose Zeit des Kirchenjahres, fanden außerdem statt zu Heiligen- und Patronatsfesten und generell „ohne kommerzielle Absichten“. So diente das Oratorium als Ersatz für aus theologischen oder wirtschaftlichen Gründen ausfallende Opernproduktion. Zeitgenössische Bezeichnungen waren componimento sacro, cantata per oratorio, azione sacra und dramma sacro, in Frankreich bei Marc-Antoine Charpentier Dialogus, Canticum und Historia. Theater Zum Betrachter, aber auch Ausführenden einer Art von Schauspiel wurde der Besucher des Schloss Versailles schon durch seine Annäherung an das Hauptgebäude, da der Weg durch eine Folge von Platz- und Hofräumen eine Inszenierung der Unterwerfung darstellte, wobei eine charakteristische Klanglandschaft unter anderem mit Hofmusik angenommen werden muss.Matthias Müller: Unfassbare Komplexität und überwältigtes Staunen: Die theaterhafte Inszenierung höfischer Räume im Dienst der königlichen Evidenz. In: Margret Scharrer, Heiko Laß, Matthias Müller (Hrsg.): Musiktheater im höfischen Raum des frühneuzeitlichen Europa. University Publishing, Heidelberg 2020 (= Höfische Kultur interdisziplinär. Schriften und Materialien des Rudolstädter Arbeitskreises zur Residenzkultur, Band 1), S. 41–66, hier 44f. Beim Grand divertissement 1674 im Ehrenhof und im Garten des Schlosses wurden Libretto, Kulissenarchitektur, Choreografie und Musik aufeinander abgestimmt.Simon Paulus: L’Architectur dansante – Tanz, Geometrie und Raum in der höfischen Festkultur um 1700. In: Margret Scharrer/Heiko Laß, Matthias Müller (Hrsg.): Musiktheater im höfischen Raum des frühneuzeitlichen Europa. University Publishing, Heidelberg 2020 (= Höfische Kultur interdisziplinär. Schriften und Materialien des Rudolstädter Arbeitskreises zur Residenzkultur, Band 1), S. 565–585, hier 579. Bei Festen im Freien hatte der Monarch seinen Platz auf einem eigenen palco (italienisch für Podium) gegenüber der ebenfalls erhöhten Szene, sodass der Herrscher, der nicht unbedingt still verharrte, auf seiner eigenen Bühne agierte.Hans Lange: Pathos der Distanz – die Etablierung der zentralen Hofloge im Theaterbau (1600–1750) zwischen Distinktion und Entrückung. In: Margret Scharrer, Heiko Laß, Matthias Müller (Hrsg.): Musiktheater im höfischen Raum des frühneuzeitlichen Europa. University Publishing, Heidelberg 2020 (= Höfische Kultur interdisziplinär. Schriften und Materialien des Rudolstädter Arbeitskreises zur Residenzkultur, Band 1), S. 117–159, hier 117. Im Theaterbau entspricht dieser Konstellation die zentrale Hofloge, der weitere Logen und Ränge beigeordnet wurden, ein Raumtyp, der bis ins 20. Jahrhundert auch bei dann so genannten Opernhäusern üblich blieb. Der fließende Übergang von perspektivischem Bühnenbild und Architektur des Zuschauerraums lässt sich als Aufhebung der Grenze zwischen Theater und Leben auffassen.Hans-Joachim Scholderer: Opernhäuser – architektonische Anlage und Ausstattung. In: Bernhard Jahn (Hrsg.): Die Musik in der Kultur des Barock. Laaber-Verlag, Laaber 2019 (= Handbuch der Musik des Barock, Band 7), ISBN 978-3-89007-877-9, S. 287–300, hier 298. Oper Die Schwierigkeiten, Gattungen abzugrenzen, die aufgrund ihrer „Kontext-Funktion“ ohnehin nicht isoliert werden dürfen, sind bei der Oper, die gleichermaßen Gattung wie „musikalisch-sozialgeschichtlicher Bereich“ ist, abgemildert, zudem repräsentiert sie in besonderem Maße mit ihrer Entwicklung die Epoche. Als Vorläufer im Italien des 16. Jahrhunderts sind Mascherate mit maskierten Sängern und Trionfi, Triumphzüge mit allegorischem oder mythologischem Inhalt, zu nennen. Schon in Fabula di Orfeo (1480) des Dichters Angelo Poliziano war die Musik von einer dekorativen Nebensächlichkeit zu einem wesentlichen Bestandteil der Konzeption aufgerückt. Das Pastoraldrama, in dem Hirten in der freien Natur Arkadiens agieren, eignete sich, die durch die Hierarchie der Akteure und die Regeln der Zuordnung hochgestellter Personen zum Tragischen und Niedriggeborener zum Komischen gegebenen Grenzen der Gestaltungsmöglichkeiten zu durchbrechen. Antike Dramenformen mit Einheit von Ort, Zeit und Handlung wurden seit Ende des 15. Jahrhunderts wiederbelebt, was zur Folge hatte, dass Abwechslung bringende Intermedien (Zwischenspiele) mit Musik so populär wurden, dass sie in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts zur Hauptsache werden konnten. Zwischen den fünf Akten konnten die vier Elemente, Temperamente, Jahreszeiten, Tageszeiten oder Lebensalter dargestellt werden oder Szenen aus antiker Mythologie als vorbildlich für den gastgebenden Fürsten inszeniert werden. Weitere Gattungen, die im Umkreis der Oper anzusiedeln sind, waren die nicht-szenische Madrigalkomödie, die aus der volkstümlichen dreistimmigen Villanella und dem kunstvollen fünfstimmigen Madrigal zusammengesetzt war, die Stegreifkomödie Commedia dell’arte und das szenisch aufgeführte geistliche Spiel Rappresentatione sacra, das heute eher der Oper als dem Oratorium zugerechnet wird. Was die Oper vom Schauspiel mit Musik früherer Zeiten unterscheidet, ist der komponierte Dialog, die Darstellung von Gefühlen und Menschen durch Musik, die Gegensätze zwischen offenen und geschlossenen Formen und zwischen Instrumenten und Singstimme. Sie entstand in Italien um 1600 im Kontext einer neuen Hofkultur, die Legitimation und Propaganda durch Förderung der Wissenschaft und Kunst anstrebte. Während Pastoraldramen für Hochzeiten geeignet waren, traten für die Ehrung des Herrschers römische Kaiser und mythische Heroen auf. Der unternehmerisch geführte venezianische Opernbetrieb des ausgehenden 17. Jahrhunderts präsentierte Werke heroischen und patriotischen Charakters. Um ein breiteres Publikum zu erreichen, gab es zwischen den Akten Darbietungen von Possenreißern, Jongleuren, Tierbändigern und Pantomimen, eine Opernaufführung in Venedig war ein „multimediales Spektakel“. Dennoch war die venezianische Oper kein populäres Genre, ihre Existenz wurde alleine durch höhere Gesellschaftsschichten gewährleistet. Komplizierte Libretti, die in geradezu postmoderner Manier verschiedene Mythen verknüpften, waren auf die klassische Bildung des Publikums berechnet. Nachdem im späten 17. Jahrhundert verworrene Opernhandlungen eine Vielzahl von Charakteren und Handlungssträngen kombinierten, standen im 18. Jahrhundert nach einem Reformprozess die ernste Opera seria und die komische Opera buffa einander gegenüber. Die hierarchisch organisierte Opera seria, in der Platzierung und Anzahl der Arien dem Rang der Sänger entsprachen, wurde zu einem äußerst erfolgreichen italienischen Exportprodukt. Der Konflikt, in den die Figuren aus mythischem, göttlichem oder aristokratischem Milieu geraten, wendet sich hier am Ende zum Guten. Im 18. Jahrhundert wurde die Gattung dramma per musica genannt. mini|hochkant|Ludwig XIV. tanzend im Apollo-Kostüm. Während in Italien die Pastorale mit ihrem idealisierten Handlungsort die Akzeptanz für ein gesungenes Drama erleichterte, kam die neue Kunstform in Frankreich, England und Spanien mit mehreren Jahrzehnten Verspätung an. In Frankreich waren Bühnendarbietungen mit Musik vor allem Ballette. Beim Ballet de la nuit (1653) tanzte der 14-jährige König Ludwig in verschiedenen Rollen mit – auf diesen Auftritt geht sein Beiname „Sonnenkönig“ zurück. Nach dem Ballet de cour zeigen Gattungsbezeichnungen wie Comédie-ballet und Opéra-ballet die bleibende Wichtigkeit des Tanzes auch nach Etablierung einer französischen Oper an. Sogar in der ernsten fünfaktigen Tragédie lyrique, die vor dem 19. Jahrhundert Tragédie en musique hieß, traten neben dem Prolog noch Ballett-Einlagen zu dem an der klassischen Dichtung orientierten gesungenen Drama hinzu. Im Gegensatz zur Tragédie lyrique hatte das Opéra-ballet keine durchgehende Handlung, sondern bestand als Nachfolger des Ballet à entrées aus thematisch lose verbundenen Aufzügen. Die nicht nur in Frankreich wichtige Rolle der Bühnenmaschinerie für besondere Effekte fand wiederum in der Gattungsbezeichnung Tragédie à machines Ausdruck. In England blieb neben dem gesungenen Dialog noch länger der gesprochene erhalten, so in der Masque und Antimasque sowie der Semi-Opera, ebenso wurden in Spanien in der leichteren pastoralen Gattung Zarzuela gesprochene und gesungene Texte kombiniert, wobei ausgestaltete Gesangspartien den weitgehend von Frauen verkörperten Göttern vorbehalten waren.Louise K. Stein: Spain (Sp. Reino de España). 3. Late 16th century to mid-18th. In: Grove Music Online. Oxford Music Online. Oxford University Press, Version: 20. Januar 2001. http://www.oxfordmusiconline.com. Auch in Deutschland hat die Gattung den Übersetzungsprozess nicht unbeschadet überstanden: Opern in deutscher Sprache wurden mit italienischen Arien ausgestattet. Kammer Hauptsäle in Schlössern waren für Festmähler oder Hofbälle mit Musikeremporen ausgestattet. Die Abfolge der erklingenden Musikstücke war auf Abwechslung bedacht; im privaten Kreis der fürstlichen Kammer ist von einem freieren Ablauf der musikalischen Darbietungen auszugehen. Als „Hör-Musik“ bedurfte die Musik für die Kammer verglichen zu Kirche und Theater nach Mattheson einer besonders sorgfältigen und kunstvollen Ausarbeitung. Kammerduett und andere konzertante Gattungen mini|Abraham Bosse: Die fünf Sinne: Das Gehör, Radierung (1638). Die fünfstimmige Besetzung ist typisch für das italienische Madrigal. Das fünfstimmige Madrigal der Spätrenaissance wurde im Laufe des 17. Jahrhunderts durch neue Typen verdrängt: Konzertante Madrigale verbanden den Ensemblecharakter des Madrigals mit dem konzertanten Prinzip, indem die mindestens vier Stimmen nur vorübergehend in kleineren Gruppen allein musizierten. Das aus zwei Oberstimmen und Generalbass mit eventuell unisono geführter dritter Singstimme bestehende Kammerduett bildete eine kontrapunktische Monodie aus. Liedhafter waren Konzertante Kanzonetten für zwei Singstimmen, zwei Violinen und Generalbass mit strophischem Text, mit Variationen über Bassmodellen oder Wiederholungen und mit Ritornellen. Eine letzte konzertante Gattung bildeten mehrstimmige Konzertante Lieder, eventuell mit obligaten Instrumenten neben dem Generalbass. Kammerkantate, Serenata und andere dramatische Gattungen In der Madrigalischen Monodie trat an die Stelle satztechnischer Kunst die „solistisch deklamatorische Intensität“. Auch die Strophenmonodie war durchkomponiert, wobei ein wiederkehrendes Bassmodell wie Romanesca oder Ruggiero oder ein kürzeres Ostinato möglich war. Als Kammerszenen kamen einerseits pantomimisch dargebotene Texte mit Berichterstatter wie etwa in Monteverdis Il combattimento di Tancredi e Clorinda und andererseits Dialoge ohne szenische Realisierung in Betracht. Die Kantate trat als Solo-Kantate, Dialog-Kantate und Ensemble-Kantate in Erscheinung mit kontrastierenden Teilen, je nach Anlass kann zwischen Kammerkantate und Festkantate unterschieden werden. Zwischen Oper und Kantate ist die Serenata angesiedelt, noch mehr als die Oper mit huldigendem Zweck anlassbezogen produziert, „meist allegorischen oder mythologischen Inhalts mit bescheidener dramatischer Handlung und der Möglichkeit zu szenischer Darstellung“. Barocklied Im Gegensatz zu Motetten und Madrigalen trug im Barocklied eine deutlich abgehobene Begleitung die prägnante Melodie der Oberstimme, die Einheitlichkeit und Getragenheit mit sich brachte. Im Frühbarock war neben der Generalbassbegleitung auch die ausnotierte Lautenbegleitung üblich und es gab Verwandtschaften zu mehrstimmigen Vokalstücken. Häufig war das Tanzlied anzutreffen. Tänze, Variationen und Charakterstücke Im 17. Jahrhundert wurde der Tanz durch Stilisierung und die Beschäftigung von Tanzkomponisten als Hofkapellmeister nobilitiert. Der Tanz galt in Frankreich auch als Mittel zur Schulung des Höflings zur Galanterie, Schicklichkeit und Mäßigung. Die Zusammenfassung in Suiten, besonders oft in der Folge Allemande – Courante – Sarabande – Gigue, diente der Übersichtlichkeit, wohingegen die „Lust an der Buntheit“ durch die Vielfalt an Charakteren und Herkünften der sich über Europa ausbreitenden Tänze befriedigt wurde: Die Allemande ist als deutsch bezeichnet, die Courante stammt vermutlich vom englischen Branle ab, die Sarabande ist eine verlangsamte Variante eines spanischen oder mexikanischen Tanzes, die Pavane weist mit dem Namen wohl auf Padua hin. Tänze wurden für Instrumentalensemble oder Soloinstrumente komponiert, auch kombiniert mit einem Double oder als Variationsfolgen. Auf dem Cembalo variiert wurde in England eine Diskantmelodie, in Italien ein „fundamentales“ Tonschema im Bass wie „Ruggiero“ oder Ciacona; Samuel Scheidt benannte jede der Variationen nach einer bestimmten kontrapunktischen Aufgabe. Am bekanntesten sind heute Bachs Goldberg-Variationen. Lautmalerische Effekte, prominent im Pariser Chanson des 16. Jahrhunderts, finden sich nun in Stücken der Instrumentalmusik: Neben den Tänzen stehen Charakterstücke wie das Schlachtengemälde Battaglia, das häufig mit einer Nachahmung von Glockengeläut zur Siegesfeier endete, das verselbstständigt als Glockenstück Carillon entweder das „naturklangliche“ oder das „uhrwerksartige Bewegungsmoment“ schildern konnte. Das Trauerstück Tombeau konnte persönliche Schmerz ausdrücken und im 18. Jahrhundert wurden reale Personen oder Charakterzüge Gegenstand von Musikstücken. Canzone, Sonata, Sinfonia, Concerto Die Abgrenzung zwischen den Ensemble-Gattungen Canzone, Sonata, Sinfonia und Concerto ist im 17. Jahrhundert schwer vorzunehmen. Im 16. Jahrhundert wurden neben provenzalischen Strophenliedern auch instrumentale Bearbeitungen französischer Chansons Canzone genannt. Nach 1600 wurden die Begriffe Sonata und Canzone weitgehend austauschbar. Michael Praetorius charakterisierte 1619 die Sonata als „gravitetisch und prächtig vff Motetten Art“, die Canzona als „frisch/ frölich vnnd geschwinde“.In moderner Schreibweise: „gravitätisch und prächtig auf Motetten-Art“ bzw. „frisch, fröhlich und geschwind“. Michael Praetorius: Syntagma musicum. Band 3, Elias Holwein, Wolffenbüttel 1619, S. 24. Gegen Ende des Jahrhunderts waren Sinfonia und Concerto weitgehend synonym. Bis 1740 war solistische Besetzung die europäische Norm, große Besetzungen gab es ab der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts bei großen höfischen oder kirchlichen Festlichkeiten in Zentren wie Paris, Rom oder Bologna. Werke mit der Gattungsbezeichnung Concerto etablieren nicht immer den Kontrast zwischen Solist(en) und Ensemble. Entscheidend ist jedoch im Vergleich zur Sonata, Canzona oder Sinfonia eine Textur der Homophonie mit einer hervortretenden Melodielinie. Zeitliche Einteilung und regionale Stile Die Frage der Periodeneinteilung Verschiedene Faktoren legen es nahe, innerhalb der Epoche Barockmusik eine Unterteilung in einzelne Perioden zu treffen. Es gibt aber verschiedene Ansichten darüber, wie eine solche Unterteilung genau aussehen sollte, ebenso wie über die Ausdehnung der barocken Epoche als ganzer. Bei Robert Haas gab es 1928 zwar ein Hochbarock als „kontrapunktische[n] Prunkstil“ aber kein Spätbarock. Der Prunkstil, „in den das musikalische Barock allenthalben auslief“, habe etwa 1660 bei Lully begonnen. Bukofzer schlug als Binnengrenzen der Epoche vor: 1580–1630 Frühbarock, 1630–1680 Mittelbarock, 1680–1730 Spätbarock, Clercx lässt die Epoche in der Mitte des 16. Jahrhunderts beginnen als primitives Barock, das volle Barock erstreckt sich dann über das ganze 17. Jahrhundert und ein baroque tardif geht dann bis 1740 oder 1765. Claude V. Palisca argumentiert in The New Grove, dass als „Wasserscheide“ zwischen Renaissance und einer beginnenden barocken Epoche die Wahl der Affektdarstellung als primäres Ziel ab 1540 bei Adriaen Willaert und seinen Schülern zu benennen sei. Auch Gernot Gruber lässt 2020 das Frühbarock vor 1600 beginnen und setzt dann die zeitliche Ausdehnung des Hochbarock mit der Regentschaft Ludwig des XIV. gleich (1643–1715). Günter Haußwald gliederte 1973 in Die Musik des Generalbass-Zeitalters deutlich abweichend mit dem Frühbarock im 17. Jahrhundert, dem Hochbarock in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts und dem Spätbarock von 1750 bis 1800 und merkt an, dass noch Anton Bruckner 1848/49 in seinem Requiem den bezifferten Bass verwendete. Dass von einem hochbarocken Stil in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts oft gesprochen wird, stellte Taruskin noch 2005 fest. Mozart im Kontext des Spätbarock zu behandeln, da der Generalbass noch in Verwendung war und mit dem improvisatorischen Element der barocken Spielpraxis gerechnet wurde, ist aber ebenso unüblich, wie Bach unter Berücksichtigung der neuen Tendenzen ab etwa 1730 in der Epoche der Klassik unterzubringen, wie von Werner Keil in Musikgeschichte im Überblick (3. Auflage 2018) praktiziert. Meistens steht nach wie vor Bachs Sterbejahr 1750 für das Epochenende. In den Jahren um 1750 „verdichtet“ sich nach Gruber der Wandel in Ästhetik, Geschmack, Stil, Gattungen und sozialen Wirkungschancen. Diese sind nun charakterisiert durch rege „aristokratische und bürgerliche Teilhabe“ ohne Notwendigkeit des Geldverdienens durch Musik. Allerdings zeigen diese erweiterten Einordnungsversuche, dass die Epochengliederung nicht messerscharf gelingt, sondern dass die Entwicklungen auf dem Weg hin zur Klassik im Fluss sind. Im Neuen Handbuch der Musikwissenschaft, gegliedert in Jahrhunderte, werden die Grenzen der behandelten Zeiträume stilistischen Umbrüchen entsprechend korrigiert, die Musik des 17. Jahrhunderts reicht dementsprechend etwa bis 1720, als die ersten Vorboten des klassischen Stils auftraten. Der Epochenbegriff selbst wird dabei von Werner Braun, dem Autor dieses Bandes, für kürzere Zeiträume verwendet: der erste ab 1590, der zweite ab 1620, der dritte ab 1650 und der vierte von 1680 bis 1720. Das Harvard dictionary of music gliedert in Frühbarock (etwa 1590 bis 1640) mit einer Vorherrschaft der Monodie insbesondere in der Oper, das Mittelbarock (etwa 1640 bis 1690), charakterisiert durch das Lyrische in regulären Formen und das Spätbarock (etwa 1690 bis 1750), in dem die Tonalität Großformen generiert.Don Michael Randel (Hrsg.): The Harvard dictionary of music. 4. Auflage, The Belknap Press of Harvard University Press, Cambridge (MA) 2003, ISBN 0-674-01163-5, S. 86 f. Dieser Einteilung folgt die weitere Darstellung im vorliegenden Artikel. Perioden, Regionen und Komponisten im Überblick Frühbarock (ca. 1590–1640) Hochbarock (ca. 1640–1690) Spätbarock (ca. 1690–1750)ItalienG. Gabrieli, G. Caccini, Fr. Caccini, Peri, Monteverdi, FrescobaldiCavalli, Carissimi, Cesti, Legrenzi, Stradella, CorelliA. Scarlatti, Torelli, Albinoni, Vivaldi, TartiniFrankreichBouzignac, MouliniéD. Gaultier, Chambonnières, L. Couperin, Lully, Charpentier, MaraisF. Couperin, RameauMitteleuropa (D, A, NL)Sweelinck, Praetorius, Schütz, Schein, ScheidtFroberger, Rosenmüller, Buxtehude, Pachelbel, BiberCaldara, Keiser, Weiss, Telemann, J.S. BachGroßbritannienGibbons, W. LawesLocke, Blow, H. PurcellHändelSpanienCorrea de ArauxoCabanillesD. Scarlatti Frühbarock Italien mini|hochkant|Bernardo Buontalenti: Entwurf zum Kostüm des Arion (fünftes Intermedio von 1589), Biblioteca Nazionale Centrale, Florenz. In diesem Kostüm trat Jacopo Peri auf. mini|hochkant|Bernardo Strozzi: Claudio Monteverdi (um 1630), Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum, Innsbruck Die Wurzeln der Barockmusik reichen wie in der bildenden Kunst weit ins 16. Jahrhundert zurück, wo die Wahl der Affektdarstellung ab 1540 bei Willaert und seinen Schülern zum primären Ziel wurde. In diese Zeit fiel auch die Etablierung der venezianischen Mehrchörigkeit und Orlando di Lasso eröffnete mit seinen Prophetiae sibyllarum einen Trend zu intensiver Nutzung der Chromatik. Ein einziger Versuch, eine Tragödie nach den Regeln des antiken Theaters aufzuführen, fand 1585 statt: ein Stück nach dem König Oedipus von Sophokles mit Musik von Andrea Gabrieli, in der Sänger in abwechselnden Gruppen und viel Chromatik eingesetzt wurden. Zu Beginn des Barocks steht um 1600 die Florentiner Camerata mit dem Musiker und Theoretiker Vincenzo Galilei, den Komponisten Giulio Caccini und Jacopo Peri und dem Philologen Girolamo Mei mit ihrem Versuch, das antike Drama als musikalische Kunst wiederzubeleben, wobei sie die Monodie mit generalbassbegleitetem ausdrucksstarkem Gesang entwickelte. Während Caccini vor allem durch seine Liedersammlung Le nuove Musiche einflussreich war, trieb Peri in der Oper L’Euridice (Uraufführung 1600 in Florenz) die Ausdruckskraft durch Regelverstöße auf die Spitze. Emilio de’ Cavalieri begründete in Rappresentatione di Anima, et di Corpo (Uraufführung 1600 in Rom) die Tendenz, durch abwechslungsreiche Verwendung von Rezitativen, Liedformen und Chören die Großform zu gestalten. Im Gegensatz zur Pastoraloper Peris ohne Konflikt und Cavalieris allegorischem Spiel vereint Claudio Monteverdis L’Orfeo (Uraufführung 1607 in Mantua) Handlung und Konflikt und kann daher als erste „eigentliche“ Oper angesehen werden. Sie hat im Gegensatz zu ihren Vorgängern auch ein als Toccata bezeichnetes instrumentales Vorspiel. Monteverdi arbeitete musikdramatische Einheiten heraus, Akte und Szenen haben je einen eigenen „Ton“, andererseits sorgen Wiederaufnahmen von musikalischen Einheiten für „Integration“. Im Dienste der adäquaten musikalischen Darstellung dramatischer Situationen steht auch die „semantische Verwendung instrumentaler Klangfarben“: Violinen, Flöten, Cembalo und Chitarrone für das Pastorale, Posaunen und Regal für die Unterwelt. Monteverdi wurde durch „behutsames Zurückführen der Florentiner Pioniertaten auf den Boden der Musik und ihrer Eigengesetzlichkeiten“ zur überragenden Figur, die so bewundert und einflussreich war, dass auch von einer „Epoche Monteverdi“ gesprochen werden kann.Herfrid Kier: Raphael Georg Kiesewetter (1773–1850) Wegbereiter des musikalischen Historismus. Bosse, Regensburg 1968 (= Studien zur Musikgeschichte des 19. Jahrhunderts, Band 13), S. 117. Die Regelverstöße insbesondere auf dem Gebiet der Dissonanzbehandlung, die zu einer in Schriften ausgetragenen Auseinandersetzung mit dem Theoretiker Giovanni Maria Artusi führte, rechtfertigte er durch adäquate Textausdeutung. Der Beginn der Operngeschichte ist durch die große Rolle des Textes und des Dramas charakterisiert, Rezitativ und Arie sind noch kaum unterschieden, die meist arkadische Handlung konzentriert sich auf einen kohärenten Strang, wobei der Orpheus-Mythos auf Grund des musikbezogenen Sujets besonders beliebt war. Neben den bereits genannten Komponisten ist insbesondere Marco da Gagliano mit La Dafne (Uraufführung 1608 in Mantua) zu nennen, der besonderen Wert auf die Vereinigung der beteiligten Künste in der Oper legte: Handlung, Poesie, Komposition, Gesangskunst, Kombination der Stimmen und Instrumente, Tänze, Gestik, Kostüme und Bühnenbild,Edmond Strainchamps: Gagliano, Marco da. In: Stanley Sadie (Hrsg.): The New Grove Dictionary of Music and Musicians. Reprint in paperback ed., Macmillan Publishers Ltd., London 1995, ISBN 1-56159-174-2, B. 7, S. 81–87, hier 82. im Sinne eines Gesamtkunstwerks. mini|Sinfonia aus dem Prolog von Monteverdis Poppea Um 1620 begann in der Oper eine Entwicklung, die durch Abwechslung, Opulenz und Vorherrschaft der Musik gegenüber dem Drama gekennzeichnet ist. Zahlreiche Nebenhandlungen mit komischen Figuren konkurrierten mit dem Hauptinhalt der Oper, eine Tendenz, die im Werk Stefano Landis ihren Ausgang nahm (La morte d’Orfeo, Uraufführung 1619 in Padua, Il Sant’Alessio, Uraufführung 1632 in Rom). Filippo Vitali führte in L’Aretusa (Uraufführung 1620 in Rom) die Durchnummerierung der Szenen ein. In seinem einzigen Gattungsbeitrag, La catena d’Adone (Uraufführung 1626 in Rom) vergrößerte Domenico Mazzocchi gegenüber den Vorgängern die Anzahl der ariosen Stücke und der Arien, da er das aus Florenz stammende Rezitativ als langweilig empfand. Marco Marazzoli schuf im Intermedio La fiera di Farfa (Uraufführung 1639 in Rom) eine realistische Marktszene mit Rufen, Volksliedern und Tänzen.Wolfgang Witzenmann: Marazzoli, Marco [Marco dell'Arpa]. In: Grove Music Online. Oxford Music Online. Oxford University Press, Version: 20. Januar 2001. http://www.oxfordmusiconline.com. Orientierung am Publikumsgeschmack spielte in der Folge eine große Rolle in Venedig, wo ab 1637 kommerziell betriebene Opernhäuser eröffnet wurden und die Oper nun nicht mehr eine höfische oder privat organisierte Veranstaltung war wie in Florenz, Mantua und Rom. Opern wurden nun wiederholt aufgeführt und dabei abgeändert, so erhielt Benedetto Ferraris Oper Il pastor regio (Uraufführung 1640 in Venedig, die Musik ist verloren) für eine Aufführung in Bologna ein zusätzliches Duett als Finale, dessen Text (eventuell auch die Musik) wenige Jahre später zum Finale von Monteverdis letzter Oper L’incoronazione di Poppea wurde.John Whenham: Ferrari, Benedetto. In: Stanley Sadie (Hrsg.): The New Grove Dictionary of Music and Musicians. Reprint in paperback ed., Macmillan Publishers Ltd., London 1995, ISBN 1-56159-174-2, B. 6, S. 490–492, hier 491. Die weltliche Vokalmusik erhielt von Claudio Monteverdi wichtige Impulse: In der Reihe seiner Madrigalbücher wird die Gattung etwa durch konzertierende Satzweise und Verwendung instrumentaler Praktiken mit ihrer Motorik auch in der Gesangsmelodie aufgebrochen. Der Stile concitato in Il combattimento di Tancredi e Clorinda (Uraufführung 1624 in Venedig) mit schnellen Tonwiederholungen und Dreiklangsbrechungen wurde vorbildlich für unzählige Battaglien und das Lamento d’Arianna (Uraufführung L’Arianna 1608 in Mantua) für Klagegesänge. Alle Ausprägungen der frühen Monodie finden sich im Werk von Sigismondo d’India: strophische Arien, strophische Variationen über Bassmodelle wie der Romanesca, Madrigale, Lamentos, lettere amorose, Vertonungen von Ottavas und Sonetten, wobei die Madrigale am ausdrucksvollsten und originellsten sind.John Joyce, Glenn Watkins: D’India, Sigismondo. In: Grove Music Online. Oxford Music Online. Oxford University Press, Version: 20. Januar 2001. http://www.oxfordmusiconline.com. Francesca Caccini verwendete in ihren monodischen Werken die modernen Stilmittel der unvorbereiteten Dissonanzen, Chromatik oder schwierige Melodiesprünge selten, sticht dagegen aber durch subtile Phrasierung und Ornamentation und behutsame tonale Planung hervor.Suzanne G. Cusick: Caccini, Francesca [Francesca Signorini; Francesca Signorini-Malaspina; Francesca Raffaelli; ‘La Cecchina’]. In: Grove Music Online. Oxford Music Online. Oxford University Press, Version: 20. Januar 2001. http://www.oxfordmusiconline.com. Es etablierte sich als neuer Gattungsbegriff für mehrgliedrige weltliche Vokalmusik mit Wechsel arioser und rezitativischer Abschnitte, oft in variierter Strophenform die Bezeichnung Kantate mit den ersten Hauptvertretern Luigi Rossi und Giacomo Carissimi. In der geistlichen Musik blieb die traditionelle Vokalpolyphonie als Prima pratica neben der mehr der Textausdeutung als Satzregeln folgenden Seconda pratica der Monodie gleichberechtigt erhalten, Monteverdi benannte und pflegte beide Praktiken, nach der bedeutenden Publikation der Marienvesper (1610) insbesondere in Venedig. Wichtige Nachfolger waren Alessandro Grandi und Giovanni Rovetta. In die geistliche Vokalmusik fällt auch das erste Auftreten eines so bezeichneten Basso continuo, nämlich in den Concerti ecclesiastici (veröffentlicht 1602 in Venedig) von Lodovico Viadana. Die Fortschrittlichkeit dieser Werke wurde lange Zeit überschätzt, handelt es sich doch eher um eine Reduktion eines kontrapunktischen Satzes, bei dem die Orgel die fortgelassenen Stimmen übernimmt. Auch das berühmte Miserere, von Gregorio Allegri 1637 im alten Stil komponiert, wird heute eher als rezeptionsgeschichtliches Phänomen eingeordnet, das weniger aufgrund kompositorischer MeisterschaftJerome Roche/Noel O’Regan: Allegri, Gregorio. In: Grove Music Online. Oxford Music Online. Oxford University Press, Version: 20. Januar 2001. http://www.oxfordmusiconline.com. als wegen der Virtuosität der Sänger der päpstlichen Kapelle, die die geheimgehaltene Partitur nur am Karfreitag im Petersdom aufführen durften, außerordentliche Bekanntheit erlangte. Salomone Rossi schuf hebräische Gesänge ohne Verwendung traditioneller Synagogenmelodien mit Elementen des alten wie des neuen Stils.Martha Stellmacher: Musik im jüdischen Gottesdienst. In: Wolfgang Hochstein (Hrsg.): Geistliche Vokalmusik des Barock. Teilband 2. Laaber-Verlag, Laaber 2019 (= Handbuch der Musik des Barock, Band 2/2), ISBN 978-3-89007-872-4, S. 258–77, hier 272. Von großem Einfluss auf die Instrumentalmusik war durch Einführung einer instrumentenspezifischen Schreibweise und von Besetzungsvorschriften der Venezianer Giovanni Gabrieli, der zudem in der Sonata pian’ e forte (1597) eines der frühesten Beispiele für dynamische Vortragsbezeichnungen schuf. Die frühen Sonaten und Kanzonen sind durch eine lose Abfolge von Abschnitten mit einander imitierenden Stimmen charakterisiert. Wichtig war die Übertragung dieser Form auf die im Folgenden sehr bedeutsamen Gattungen Solosonate (Soloinstrument und Basso continuo) und Triosonate (zwei Soloinstrumente und Basso continuo). Zwischen den Abschnitten wechseln nun neben Tempo und Taktarten auch die Faktur: Die Oberstimmen dialogisieren (vgl. den Titel Sonata in dialogo im terzo libro de varie sonate von Salomone Rossi), es gibt Imitation mit oder ohne Beteiligung der Bassstimme und Scheinpolyphonie durch Selbstimitation, Soli im rezitativischen Stil und Tänze. Hauptvertreter sind ab etwa 1620 Biagio Marini, Giovanni Battista Fontana und Dario Castello. Der Einfluss von Carlo Farinas vierstimmigem Capriccio stravagante, publiziert 1627 in Dresden, in dem der Klang von Tierstimmen, Militärtrommeln, Gitarren und anderem von der Violine imitiert wird, reicht in Deutschland und Österreich bis ins späte 17. Jahrhundert.Nona Pyron, Aurelio Bianco: Farina, Carlo. In: Grove Music Online. Oxford Music Online. Oxford University Press, Version: 20. Januar 2001. http://www.oxfordmusiconline.com. mini|hochkant|Claude Mellan: Girolamo Frescobaldi (1619) Einer der ersten großen Komponisten, deren Hauptaugenmerk der Instrumentalmusik galt, war Girolamo Frescobaldi mit Musik für Tasteninstrumente. Während im Barock vor allem seine Beiträge zu Gattungen mit strenger kontrapunktischer Gestaltung wie Fantasie und Ricercar gerühmt wurden, gelten rückblickend seine Toccaten als typisch barocke Kunst: Heterogenes Material versammelt sich zu einem abwechslungsreichen Ganzen mit dramatischem Wechsel zwischen imitatorischen Abschnitten und solchen, die an die Ausdruckskunst der Monodie erinnern.Frederick Hammond, Alexander Silbiger: Frescobaldi, Girolamo [Gerolamo, Girolimo] Alessandro [Geronimo Alissandro]. In: Grove Music Online. Oxford Music Online. Oxford University Press, Version: 1. Juli 2014. http://www.oxfordmusiconline.com. Bemerkenswert sind insbesondere seine Studien zu Dissonanzen und Chromatik, die im Titel bereits auf ihre Härten („Durezze“) verweisen. Davon beeinflusst sind die Toccaten von Michelangelo Rossi, deren extreme Chromatik zudem aus den eigenen Madrigalen und denen von Carlo Gesualdo und Sigismondo d’India abgeleitet werden kann.Catherine Moore: Rossi, Michelangelo [Michel Angelo del Violino]. In: Grove Music Online. Oxford Music Online. Oxford University Press, Version: 20. Januar 2001. http://www.oxfordmusiconline.com. Frankreich Die Übernahme neuer Entwicklungen aus Italien fand in Frankreich zunächst nur punktuell statt, in der Regel wurde die lokale Tradition fortgesetzt. Als einer der ersten führte Pierre Guédron den basso continuo als Alternative zur Lautentabulatur in seinen airs und récits ein. Aus der Arien-Produktion des frühen 17. Jahrhunderts mit den einfachen, strophischen und im Wesentlichen syllabischen airs de cour ragt Quoy faut-il donc vous dire adieu von Étienne Moulinié durch die Entwicklung der Musik aus einer Anfangs-Phrase heraus.John H. Baron: Moulinié, Etienne. In: Stanley Sadie (Hrsg.): The New Grove Dictionary of Music and Musicians. Reprint in paperback ed., Macmillan Publishers Ltd., London 1995, ISBN 1-56159-174-2, B. 12, S. 652. In den Motetten von Guillaume Bouzignac dialogisiert in der Nachfolge der italienischen Historiae sacrae ein Solist mit dem Chor unter Verwendung musikrhetorischer Mittel. Deutschland und Niederlande mini|hochkant|Christoph Spätner: Heinrich Schütz (um 1660), Museum für Musikinstrumente der Universität Leipzig Heinrich Schütz (1585–1672) nahm sich den neuen italienischen Stil zum Vorbild und übertrug ihn auf die deutsche Sprache unter Berücksichtigung des abweichenden Betonungssystems, was ihm als erstem deutschen Komponisten europäischen Ruf einbrachte. Im heterogenen O quam tu pulchra es fungiert der Refrain sowohl strukturell als auch durch seinen Ausdrucksgehalt als vereinigendes Element, so wie es in späteren Epochen beim musikalischen Thema der Fall sein wird. Bedingt durch die Nöte des Dreißigjährigen Krieges entstanden nach üppig besetzten Werken wie den Psalmen Davids, die den Einfluss seines Lehrers Gabrieli zeigen, in den 1630er Jahren Kleine geistliche Konzerte für ein bis fünf solistische Stimmen und basso continuo, die fast immer auf weitere begleitende Instrumente verzichten. Ergreifender musikalischer Ausdruck des Textes verbindet sich hier mit Askese. Diesem modernen Zug gegenüber stehen die späten Passionen in responsorialer Anlage, in denen Soli ohne Generalbassbegleitung in der Art des rezitierenden Passionstons gregorianische Traditionen fortleben lassen. Verschiedene Möglichkeiten, ein geistliches Konzert aufzuführen, werden von Michael Praetorius für Christ lag in Todesbanden präsentiert: Unterschiedliche Besetzungen sind möglich; werden nur zwei solistische Stimmen ohne konzertierende Konkurrenz gewählt, gibt es eine ausnotierte diminuierte Version. Johann Hermann Schein wird mit der geistlichen Motettensammlung Israelis Brünnlein in eher madrigalischem Stil mit intensiver Textausdeutung zu den Hauptvertretern des deutschen Frühbarock gezählt. In seinen Suiten verbindet Schein die einzelnen Tanzsätze durch gleichen Modus und ähnliche Melodiebildung zu einer Einheit. Zu den führenden deutschen Komponisten von Motetten und Instrumentalmusik zählen neben Schein Melchior Franck und Johann Staden, die beide jedoch deutlich konservativer blieben. mini|hochkant|Samuel Scheidt, Kupferstich (1624) Wie Frescobaldi ging der Niederländer Jan Pieterszoon Sweelinck in seinen Orgelwerken von den Gattungen des 16. Jahrhunderts aus, nun in größeren Dimensionen über ein einheitliches Thema. Wie Schütz übte er großen Einfluss aus, insbesondere auf die norddeutsche Orgelschule, deren erste große Vertreter Samuel Scheidt und Heinrich Scheidemann waren. Eine generelle Tendenz der Instrumentalmusik dieser Zeit ist es, als Ersatz für das Gerüst eines Textes oder einer Choralmelodie die Übersichtlichkeit durch parataktische Reihungen wie Wiederholungen, Reprisen, Sequenzen oder Variationsfolgen zu erreichen. Variationssätze von Scheidt sind durch den ausgiebigen Gebrauch typischer Spielfiguren charakterisiert. Scheidemanns Verfahren, in Choralbearbeitungen nicht nur ein Gerank von imitatorischen Begleitstimmen zu flechten, sondern auch den Choral zu diminuieren, verankert seine Orgelmusik im Gegensatz zu derjenigen Sweelincks bereits eindeutig im Barock. England Der Wechsel von Polyphonie und homophonen oder toccatenartigen Abschnitten in unterschiedlichem Takt oder Tempo lässt auch die Fantasien für Gambenconsort von Orlando Gibbons trotz ihres stetig fließenden Charakters, der noch der Renaissance entstammt, neue Wege beschreiten.Astrid Kretschmar: Orlando Gibbons. In: Ingeborg Allihn (Hrsg.): Barockmusikführer. Instrumentalmusik 1550–1770. Metzler, Stuttgart 2001, S. 179–183, hier 180. Bei William Lawes werden dann Melodien fragmentiert oder Rhythmen werden auf einer oder zwei Tonhöhen verarbeitet.Sven Hansell: William Lawes. In: Ingeborg Allihn (Hrsg.): Barockmusikführer. Instrumentalmusik 1550–1770. Metzler, Stuttgart 2001, S. 256–259, hier 256. Spanien In Spanien führte Francisco Correa de Arauxo mit einer Sammlung von Orgelwerken, vor allem Tientos das Barock ein mit einer von ihm als „punto intenso contra remisso“ bezeichneten neuen Dissonanzart, bei der ein Ton mit seiner chromatischen Alteration zusammenklingt, und mit affektgeladenen melodischen Fortschreitungen.Barton Hudson: Correa de Arauxo [Correa de Araujo, Correa de Azavedo], Francisco. In: Stanley Sadie (Hrsg.): The New Grove Dictionary of Music and Musicians. Reprint in paperback ed., Macmillan Publishers Ltd., London 1995, ISBN 1-56159-174-2, B. 4, S. 799–800. Hochbarock Um 1650 beginnt eine Phase mit „reich und ebenmäßig klingender Musik“, die „zeremoniellen Gestus, größeres Klangvolumen, formale Glätte“ zeigt, im Zentrum stehen Gattungen wie Oratorium und Kammerkantate, französische Oper und virtuose Instrumentalmusik. Eine wichtige Tendenz der Zeit ist das Bemühen, einen eigenständigen barocken französischen Stil neben dem italienischen zu etablieren. Italien mini|hochkant|Francesco Cavalli (angeblich) Die Arie etablierte sich nun in der Oper als abgesonderter Formteil insbesondere bei Francesco Cavalli, bei dem die mannigfaltig gestalteten Arien nicht nur dem Ausdruck der Emotionen dienten, sondern auch Sozialstatus der Personen, Schauplätze und den „Gegensatz zwischen Wahn und Wirklichkeit“ deutlich machten. Wichtige Opernkomponisten der zweiten Jahrhunderthälfte waren Antonio Cesti und Antonio Sartorio, der durch eine größere Fülle kürzerer Arien mehr Arien pro Person in einer Oper unterbringen konnte. Die einleitende Sinfonia der Oper erfuhr durch Alessandro Scarlatti eine Typisierung: Auf einen konzertanten schnellen Satz folgten ein langsamer und ein tanzartiger aus zwei zu wiederholenden Teilen. Das Oratorium der Jahrhundertmitte ähnelte der Oper, hatte aber einen lateinischen Text und einen Erzähler sowie durch die vermehrte Verwendung von Chören und Ensembles einen volleren Klang. Hauptvertreter war Carissimi mit ausdrucksvollen Chören. Auch Carissimis Musik diente neben der Darstellung des Gefühlsausdrucks der Suggestion des Schauplatzes. Später differenzierte Alessandro Stradella die Klanggruppen und legte damit die Grundlage der Concertostruktur.Hanns-Bertold Dietz: Musikalische Struktur und Architektur im Werk Alessandro Stradellas. In: Studien zur italienisch-deutschen Musikgeschichte. Band 7, 1970, S. 78–93, hier 81. Für die Kirchenmusik wurde Venedig von Bologna als bedeutendes Zentrum abgelöst mit Messen von Maurizio Cazzati, Giovanni Paolo Colonna und Giacomo Antonio Perti, in denen der neue und der alte Stil einander durchdringen. Als Hauptvertreter des „römischen Kolossalbarock“ gilt Orazio Benevoli mit Messen im alten Stil, deren Mehrchörigkeit sich von der venezianischen dahingehend unterscheidet, dass die Klanggruppen in ihrer Besetzung nicht kontrastieren. In den nun bevorzugt für eine einzelne Gesangsstimme komponierten Motetten wurden Rezitative und Arien ab der Jahrhundertmitte klar abgegrenzt, wobei aus der Produktion der Zeit mit mehr als 90 veröffentlichten Solomotetten das Schaffen der Ordensfrau Isabella Leonarda herausragt. Die italienische Kantate ab Rossi und Carissimi ist durch einen Belcanto-Stil mit Bevorzugung von Schönheit gegenüber expressiver Textdarstellung auch im Rezitativ gekennzeichnet. Ariose Kantabilität dominiert als wiegendes Auf und Ab im Dreiertakt. Die Werke der Sängerin Barbara Strozzi sind für den lyrische Sopran sehr dankbar und verzichten auf exzessive Virtuosität und fordernde Tonlagen.Ellen Rosand, Beth L. Glixon: Strozzi, Barbara [Valle, Barbara]. In: Grove Music Online. Oxford Music Online. Oxford University Press, Version: 28. August 2002. https://www.oxfordmusiconline.com. Im Kammerduett erreichte Agostino Steffani ein „Ebenmaß des kontrapunktischen Belcanto“. mini|hochkant|Hugh Howard: Arcangelo Corelli (1697), Smith Art Gallery & Museum, Stirling Die italienische Sonate kombinierte nun eine Rückbesinnung auf konsequentere Imitation mit der Entwicklung von Form aus dem Spannungsverhältnis tonaler Beziehungen und unter Verwendung von mehrgliedrigen Themen, deren Imitationen den Bewegungsimpuls über ganze Abschnitte aufrechterhalten konnten. Neben dem Hauptmeister Giovanni Legrenzi sind Maurizio Cazzati und Marco Uccellini zu nennen, letzterer übte mit Sequenzierung durch den Quintenzirkel Einfluss auf die kommenden Generationen aus. Arcangelo Corelli ist Hauptvertreter der folgenden klassizistischen Phase. Die Sonaten werden nun in einzelne Sätze zergliedert, die formal durch sorgfältige Tonartendisposition gegliedert sind, alles ist perfekt ausbalanciert. Typische Techniken sind melodische Sequenzen oder Vorhalte über einer bewegten Bassstimme, die den Quintenzirkel durchschreitet. Während die Sonata da camera aus Tänzen besteht, ist die Sonata da chiesa vom Wechsel schneller und langsamer Sätze bestimmt. Typischerweise ist der festlich getragene erste Satz geradtaktig und homophon mit punktiertem Rhythmus, der zweite rasch und fugiert, der dritte ungeradtaktig und der langsamen Sarabande ähnlich und der schnelle Schlusssatz im Dreiertakt, fugiert aber tänzerisch. Bernardo Pasquini übertrug die gruppierten Tänze der italienischen Streichermusik auf das Cembalo.John Harper/Lowell Lindgren: Pasquini, Bernardo. In: Grove Music Online. Oxford Music Online. Oxford University Press, Version: 20. Januar 2001. http://www.oxfordmusiconline.com. Große Klangfülle erzielte Corelli im Concerto grosso. Giovanni Battista Vitali erreichte Vielfalt in der stilistischen Einheit einer Sonatenkomposition durch gemeinsames kontrapunktisches Fundament oder gemeinsames Variationsprinzip der Sätze.John G. Suess: Vitali family. In: Grove Music Online. Oxford Music Online. Oxford University Press, Version: 20. Januar 2001. http://www.oxfordmusiconline.com. Frankreich mini|hochkant|Gaspard Collignon: Büste von Jean-Baptiste Lully (1687) In Frankreich wurde der generalbassbegleitete barocke Stil erst vergleichsweise spät heimisch. Henri Dumont etablierte ihn mit seinen Motetten in der geistlichen Musik, gefolgt von Marc-Antoine Charpentier und Jean-Baptiste Lully. Im Gegensatz zu italienischen Totenmessen sind die französischen von einer reichen und klanglich differenziert eingesetzten Instrumentalbegleitung gekennzeichnet. Das Requiem von Jean Gilles mit einem trauermarschähnlichen Introitus wurde noch im späten 18. Jahrhundert verwendet. Auch in der klanglichen Gestaltung der Orgelmusik war Frankreich durch Angabe der zu verwendenden Register etwa bei Louis Couperin Vorreiter. Lully prägte das französische Musikleben des späten 17. Jahrhunderts am Hofe Ludwigs des XIV. maßgeblich mit Opern, die im récitatif simple mit basso continuo und im récitatif obligé mit Orchesterbegleitung der Deklamation im klassischen französischen Drama sorgsam folgten. Dementsprechend war das Repertoire von Ornamenten, die von den Sängern hinzugefügt wurden, zurückhaltender als in der italienischen Oper. Auch die aus der Tradition der airs de cour erwachsenen Arien zeigen trotz italienischem Einfluss einen gezügelteren Gefühlsausdruck. Typisch für die französische Oper ist die Integration von Balletten. Mit Tanz-Suiten, denen oftmals eine französische Ouvertüre vorangestellt wurde, übte Lully über die Landesgrenzen hinaus großen Einfluss aus. Der gebürtige Italiener Lully galt dabei als wichtigster Vertreter des französischen Stils: Die Ouvertüre, ein „Code“ für Pomp, ist zweiteilig mit getragenem homophonem Anfangsabschnitt in punktiertem Rhythmus und imitatorisch gestaltetem rascherem Schlussabschnitt, ein Modell, das vor Lully allerdings bereits Louis de Mollier entwickelte.Jérôme de La Gorce: Lully, Jean-Baptiste [Lulli, Giovanni Battista]. In: Grove Music Online. Oxford Music Online. Oxford University Press, Version: 20. Januar 2001. http://www.oxfordmusiconline.com. Das Orchester bestand aus einem fünfstimmigen Streicherapparat, für den Lully einheitliche Bogenführung forderte (was um 1660 aber wahrscheinlich nicht neu war), und Bläsern, die oftmals die Streicherstimmen verdoppelten. Mitunter notierte Lully nur die Außenstimmen selbst und überließ die Notierung der Füllstimmen seinem Sekretär Pascal Collasse, im Sinne des Aussetzens des basso continuo. Nach Lullys Tod führten Collasse und andere Komponisten wie Marin Marais, André Campra, André Cardinal Destouches, Henry Desmarest und Charpentier die Gattungsgeschichte der tragédie lyrique in Lullys Art mit eigenen Beiträgen fort. seite=57|280x280px|mini|D’Anglebert: Gaillarde in g aus Pièces de clavecin, 1689 Vor Lully hat vor allem die französische Musik für Laute und Cembalo große Wirkung gezeigt, typisch sind Tanzsätze, oft zu Suiten zusammengefasst. Als französischer Hauptvertreter des Style brisé auf der Laute stellte Denis Gaultier Affekte in sich öffnenden Strukturen dar, mehrere musikalische Schichten überlagern sich spielerisch.Dagmar Schnell: Denis Gaultier. In: Ingeborg Allihn (Hrsg.): Barockmusikführer. Instrumentalmusik 1550–1770. Metzler, Stuttgart 2001, S. 172–174, hier 173. Im Prélude-non-mésuré sind die Töne ohne Takteinteilung und Notenwerte notiert. Ennemond und Denis Gaultier beeinflussten nicht nur spätere Generationen von Lautenisten, sondern auch die Cembalomusik, insbesondere in Deutschland Johann Jakob Froberger.Monique Rollin: Gaultier, Denis. In: Stanley Sadie (Hrsg.): The New Grove Dictionary of Music and Musicians. Reprint in paperback ed., Macmillan Publishers Ltd., London 1995, ISBN 1-56159-174-2, B. 7, S. 189. Der erste große Komponist von Cembalomusik in Frankreich war Jacques Champion de Chambonnières, dessen Tanzsätze weitgespannte Melodiebögen mit kontrapunktisch bewegten Mittel- und Unterstimmen kombinieren. Louis Couperin fällt mit gewagter Dissonanzbehandlung auf, Jean-Henri d’Anglebert mit Überkrustung durch präzis ausnotierte Verzierungen. Neben den kürzeren Tanzsätzen sind das subjektive Tombeau und die mit Rondeau-Elementen versetzte Chaconne typisch. Das elegant zurückhaltende höfische Benehmen des „galant homme“ spiegelte sich in der Clavecinmusik mit improvisatorisch wirkender Spielweise, „abgezirkelter Artifizialität“ der Verzierungspraktik, nicht schematisierter Tanzfolge der Suite und der Vorliebe für bildhaft charakterisierende Titel. Die angedeutete Mehrstimmigkeit auf der Laute hat in der Gambensolomusik eine Parallele vor allem in den Suiten und Charakterstücken für Bassgambe von Marin Marais.Clyde H. Thompson: Marais, Marin. In: Stanley Sadie (Hrsg.): The New Grove Dictionary of Music and Musicians. Reprint in paperback ed., Macmillan Publishers Ltd., London 1995, ISBN 1-56159-174-2, B. 11, S. 640f, hier 640. Deutschland und Österreich mini|hochkant|Paul Seel: Heinrich Ignaz Franz Biber (1681) In Deutschland war weiterhin die norddeutsche Orgelschule von großer Bedeutung, mit Dietrich Buxtehude als repräsentativstem Vertreter. In der Theorie der Zeit bezeichnete man den Stil von formal freien Stücken als Stylus phantasticus. Buxtehudes Lösungen sind dabei unkonventionell, der Gegensatz zwischen freien und fugierten Abschnitten wird in unvorhersehbarer Weise eingesetzt. Er verknüpfte zudem in manchen Werken, die noch Johannes Brahms bewunderte, das „fantasieartige Schweifen des Beginns“ auf motivischer Ebene mit der folgenden Chaconne.Thomas Seedorf: Buxtehude, Diet(e)rich. In: Horst Weber (Hrsg.): Metzler Komponistenlexikon. Metzler, Stuttgart/Weimar 1992, S. 114ff, hier 114. Gegenüber der „stärker kontrapunktisch ausgerichteten“ norddeutschen evangelischen Linie steht der Frescobaldi-Schüler Froberger im katholischen Süddeutschland, wobei die konfessionellen Unterschiede nicht als Ursache für die stilistischen Unterschiede gelten können. Aus dem geistlichen Konzert entstand im Norden die mehrsätzige lutherische Kirchen-Kantate, eine Entwicklung, die vor Buxtehude von Franz Tunder initiiert wurde.Georg Karstädt: Tunder, Franz. In: Stanley Sadie (Hrsg.): The New Grove Dictionary of Music and Musicians. Reprint in paperback ed., Macmillan Publishers Ltd., London 1995, ISBN 1-56159-174-2, B. 19, S. 253f., hier 253. An die Stelle der freien Textdeklamation des älteren geistlichen Konzerts tritt metrische Ordnung, dazu kommen Melodiebezogenheit und beginnende Herausbildung harmonischer Funktionalität. Die Integration von Arien ist auf italienischen Einfluss vor allem Carissimis zurückzuführen. Der Concerto-Aria-Kantate ähnliche Lösungen, allerdings in lateinischer Sprache, brachten die Italiener Vincenzo Albrici und Marco Giuseppe Peranda nach Dresden. In Süddeutschland schrieb der bereits 1655 gestorbene Johann Erasmus Kindermann Werke, in denen ein solistischer Satz von zwei Chorsätzen umrahmt wird und lebendige Streicherfigurationen den konzertanten Charakter unterstreichen. Konzertanter Stil kennzeichnet auch fast alle der 18 überlieferten Messen von Johann Caspar Kerll, von denen mehrere durch große Materialökonomie gekennzeichnet sind.C. David Harris, Albert C. Giebler: Kerll [Kerl, Gherl], Johann Caspar [Kaspar] [Cherll, Giovanni Gasparo; Kerle, Gaspard]. In: Grove Music Online. Oxford Music Online. Oxford University Press, Version: 20. Januar 2001. http://www.oxfordmusiconline.com. Komponisten der konzertierenden Passion waren Thomas Selle, Johann Sebastiani und Johann Theile. Das strophische deutsche Barocklied mit Instrumentalritornellen wird durch Adam Krieger vertreten, der italienische Ausdruckskraft und eine motivisch beweglichere Basslinie in die zuvor von französischen und holländischen Modellen geprägte Gattung integrierte.John H. Baron: Krieger, Adam. In: Grove Music Online. Oxford Music Online. Oxford University Press, Version: 20. Januar 2001. http://www.oxfordmusiconline.com. In Deutschland und später Italien schuf Johann Rosenmüller aus italienischer Kantabilität und deutscher polyphoner Setzweise eine wegweisende Stilmischung.Peter Wollny: Johann Rosenmüller. In: Ingeborg Allihn (Hrsg.): Barockmusikführer. Instrumentalmusik 1550–1770. Metzler, Stuttgart 2001, S. 380–384, hier 381. Johann Heinrich Schmelzer ließ Anregungen durch die österreichische Volksmusik in die melodische Gestaltung seiner Suiten einfließen.Adolf Layer: Schmelzer, Johann Heinrich. In: Stanley Sadie (Hrsg.): The New Grove Dictionary of Music and Musicians. Reprint in paperback ed., Macmillan Publishers Ltd., London 1995, ISBN 1-56159-174-2, B. 16, S. 665ff, hier 666. Heinrich Ignaz Franz Biber verband in seinen Rosenkranz-Sonaten Virtuosität unter Nutzung der Skordatur mit mystischer Aussage. Der Canon von Johann Pachelbel erreicht wiederum kontrapunktische Meisterschaft mit mäßigem technischem Anspruch und bewahrt bis heute „Wunschkonzertpopularität“.Thomas Seedorf: Pachelbel, Johann. In: Horst Weber (Hrsg.): Metzler Komponistenlexikon. Metzler, Stuttgart/Weimar 1992, S. 561f, hier 561. Georg Muffat, der in Frankreich und Italien genaue Kenntnisse der Stile von Lully und Corelli gewonnen hatte, veröffentlichte 1682 die Konzertsammlung Armonico tributo, in der sich die Verbindung französischer und italienischer Stilelemente etwa in der großen abschließenden Passacaglia durch Überlagerung verschiedener Rhythmen manifestiert, ein vor dem 20. Jahrhundert höchst selten anzutreffender Effekt.Bernhard Moosbauer: Georg Muffat. In: Ingeborg Allihn (Hrsg.): Barockmusikführer. Instrumentalmusik 1550–1770. Metzler, Stuttgart 2001, S. 314–318, hier 318. In Deutschland und Österreich spielte der Import venezianischer Vokalmusik eine große Rolle: Die aufwendigste Opernproduktion des Hochbarock war Il pomo d’oro mit Musik von Cesti 1668 im Theater auf der Cortina in Wien, wo Antonio Draghi den venezianischen Stil mit der außergewöhnlich hohen Zahl von 41 geistlichen dramatischen Werken vertrat.Rudolf Schnitzler, Herbert Seifert: Draghi, Antonio. In: Grove Music Online. Oxford Music Online. Oxford University Press, Version: 20. Januar 2001. http://www.oxfordmusiconline.com. Von 1640 bis 1705 wurde von der Wiener Hofkapelle das sogenannte Sepolcro gepflegt, eine musikdramatische Gattung vor dem Heiligen Grab am Karfreitag oder Gründonnerstag ohne wirkliche Handlung, aber mit sparsamsten szenischen Anweisungen wie Niederknien und Aufstehen.Herbert Seifert: Texte zur Musikdramatik im 17. und 18. Jahrhundert. Aufsätze und Vorträge, Hrsg. von Matthias J. Pernerstorfer. Hollitzer Wissenschaftsverlag, Wien 2014 (= Summa Summarum, 2), S. 783ff. Britische Inseln Als in England mit der Krönung Karl II. das Commonwealth sein Ende fand, wurde die Gattung des Verse Anthem wiederbelebt, nun mit Instrumenten der Geigenfamilie, da der König in Frankreich die „Vingt-quatre Violons du Roy“ zu schätzen gelernt hatte. mini|hochkant|Henry Purcell, nach einer Zeichnung, die John Closterman zugeschrieben wird Die Oper blieb das ganze 17. Jahrhundert über im Zeitausmaß beschränkt und als Masque dem repräsentativen Hoftanz verpflichtet oder dem Sprechschauspiel untergeordnet. Im Gegensatz zu Werken wie Matthew Lockes The Empress of Marocco (1670) ist John Blows Venus and Adonis (1684/85) durchkomponiert. Es finden sich disparate Elemente wie eine komische Unterrichtsszene, in der Amoretten „das Alphabet der potentiellen Opfer ebenso eintönig nachbeten wie Cupido es ihnen beibringt“, aber auch emotional eindringliche Dialoge und ein Trauerchor, wobei die Dramaturgie der Abfolge musikalischer Spannungsbögen und Kontraste von Blow „meisterhaft kalkuliert“ ist. Wenige Jahre darauf ließ Henry Purcell in Dido and Aeneas (1688/89) das Lamento der Dido aus ihrem Rezitativ mit Vorhaltsdissonanzen, konstant nach unten gerichteter Bewegung und stockendem Deklamationsfluss hervorgehen. Der Ostinato-Bass des Lamentos ist gegenüber dem üblichen viertaktigen Modell durch eine zusätzliche Kadenz um einen Takt verlängert, wogegen die Gesangslinie mit dem Refrain „Remember me!“ asymmetrisch gesetzt ist, was der dissonanzreichen Musiksprache zusätzliche Ausdruckskraft verleiht. Purcells Vokalpartien folgen bei syllabischen Passagen dem Rhythmus der englischen Sprache genau. Wenn auch Rhythmen wie die „Scotch snap“ genannte Folge kurz-lang als typisch englisch gelten, so ist Dido and Aeneas vor allem als Synthese italienischer und französischer Stilelemente aufzufassen. Auf diese kurze Oper ließ Purcell die großen Bühnenwerke King Arthur (1691) und The Fairy-Queen (1692) folgen. Turlough O’Carolan, der bedeutendste irische Komponist, verband in seinen Werken für Harfe Einflüsse der höfischen Barockmusik mit der irischen Musiktradition. Spanien Juan Cabanilles führte die spanische kontrapunktische Orgelmusik zu einem Höhepunkt. Juan Hidalgo schrieb Opern und Zarzuelas, deren Musik in der Tradition iberischer Lieder steht.Louise K. Stein: Hidalgo, Juan(i). In: Grove Music Online. Oxford Music Online. Oxford University Press, Version: 20. Januar 2001. http://www.oxfordmusiconline.com. Spätbarock Die Tendenz, das Spannungsverhältnis tonaler Beziehungen formbildend einzusetzen, erfuhr im Spätbarock eine Fortsetzung in der Entwicklung von Großformen. Ebenfalls etwa 1690 begannen französische Komponisten, entgegen der zeittypischen Abgrenzungsbestrebungen den französischen mit dem italienischen Stil zu vermischen. Es entstand ein Trend zu deskriptiven Kompositionen, zu dessen bekanntesten Beispielen die Musikalische Vorstellung einiger Biblischer Historien (veröffentlicht 1700 in Leipzig) von Johann Kuhnau, Die vier Jahreszeiten op. 8 (veröffentlicht 1725 in Amsterdam) des Venezianers Antonio Vivaldi sowie Le Parnasse ou L’apothéose de Corelli (veröffentlicht 1724 in Paris) und L’Apothéose de Lully (1725) von François Couperin gehören. Der Eröffnungssatz zum Ballett Les Éléments (1738) von Jean-Féry Rebel mit der Darstellung des Chaos ermöglichte durch sein Thema eine besonders kühne Harmonik und originelle Konzeption.Catherine Cessac: Rebel, Jean-Féry [le père]. In: Grove Music Online. Oxford Music Online. Oxford University Press, Version: 20. Januar 2001. http://www.oxfordmusiconline.com. Johann Sebastian Bachs Todesjahr 1750 wird gerne als Epochengrenze verwendet, die Vorboten der Klassik wirkten aber gleichzeitig mit dem großen Kontrapunktiker. Zusammen mit Bach wird auch Händel häufig als Vollender des musikalischen Barock betrachtet.Als zeitlich weit auseinanderliegende Quellen seien beispielsweise genannt: Franz Brendel: Geschichte der Musik in Italien, Deutschland und Frankreich. Heinrich Matthes, Leipzig 1855, S. 245. – Andreas Liess: Die Musik des Abendlandes im geistigen Gefälle der Epochen. Jugend u. Volk, Wien 1970, S. 107. Ab den 1720er bis 1730er Jahren setzte ein Stilwandel in der italienischen Oper und Instrumentalmusik ein, der gemeinsam mit dem galanten und dem empfindsamen Stil eine Ablösung des Spätbarock in die Wege leitete. Um die irreführende Vorstellung einer teleologischen Abfolge „Spätbarock – Vorklassik – Klassik“ zu vermeiden, wird von einer „Auffächerung des Spektrums“ während des 18. Jahrhunderts gesprochen. Italien mini|hochkant|François Morellon la Cave: Antonio Vivaldi, Kupferstich (1725) Für das Instrumentalkonzert wurde die Ritornellform typisch. Indem Giuseppe Torelli Tuttiritornelle und Soloepisoden motivisch trennte und dem Solo zur Eigenständigkeit verhalf, wurde er zum Begründer des Violinkonzerts (12 Concerti op. 6, veröffentlicht 1698).Andreas Waczkat: Giuseppe Torelli. In: Ingeborg Allihn (Hrsg.): Barockmusikführer. Instrumentalmusik 1550–1770. Metzler, Stuttgart 2001, S. 454–458, hier 455. In der Folge etablierte Tomaso Albinoni die Satzfolge schnell – langsam – schnell und integrierte Elemente des Opernstils (Sinfonie e concerti a cinque op. 2, veröffentlicht 1700).Michael Talbot: Tomaso Giovanni (Zuane) Albinoni. In: Ingeborg Allihn (Hrsg.): Barockmusikführer. Instrumentalmusik 1550–1770. Metzler, Stuttgart 2001, S. 7–13, hier 8. Ab 1710 galten dann die Konzerte von Antonio Vivaldi als Inbegriff italienischer Konzertkunst und wurden außerordentlich einflussreich. Vivaldis Musik ist charakterisiert durch „impetuose Verve, sinnliche Leuchtkraft, eine oft bestechende Klangphantasie, […] Leichtigkeit und Eingängigkeit“, Virtuosität sowie „die Neigung zum Überraschend-Irregulären und Bizarren.“ Vivaldis Sinn für Klangfarben drückt sich auch in ungewöhnlichen Besetzungen aus, wie im Concerto per molti strumenti in C-Dur (RV 558) für je zwei Violinen, Blockflöten, Mandolinen, Chalumeaux und Theorben, ein Violoncello und Orchester. Etwa gleichaltrige italienische Komponisten des Konzerts waren Alessandro Marcello, Francesco Antonio Bonporti und Evaristo Felice Dall’Abaco. Aus der folgenden Generation war Pietro Locatelli mit „reichen thematischen Entwicklungen und planvollen Modulationen“ in den vergleichsweise längeren Eingangsritornellen zukunftsweisend.Michael Märker: Pietro Antonio Locatelli. In: Ingeborg Allihn (Hrsg.): Barockmusikführer. Instrumentalmusik 1550–1770. Metzler, Stuttgart 2001, S. 266–270, hier 267. Giuseppe Tartini, dessen Teufelstriller-Sonate sprichwörtlich für die virtuose barocke Violinmusik Italiens steht, machte im Laufe seines Schaffens eine Entwicklung durch, die zur Dominanz der Oberstimme mit Elementen des empfindsamen Stils und zur Etablierung der klassischen Sonatenform hinführte.Reinmar Emans: Tartini, Giuseppe. In: Horst Weber (Hrsg.): Metzler Komponistenlexikon. Metzler, Stuttgart/Weimar 1992, S. 796f, hier 796. Diese Entwicklung ist aber keine generelle Tendenz in der italienischen Instrumentalmusik der 1730er und 1740er Jahre: Francesco Veracini lehnte den homophonen Stil zunehmend ab,John Walter Hill: Veracini, Francesco Maria. In: Grove Music Online. Oxford Music Online. Oxford University Press, Version: 20. Januar 2001. http://www.oxfordmusiconline.com. Francesco Durante experimentierte mit Kontrasten des Tempos und fließendem Wechsel von Solo und Tutti.Hanns-Bertold Dietz: Durante, Francesco. In: Grove Music Online. Oxford Music Online. Oxford University Press, Version: 20. Januar 2001. http://www.oxfordmusiconline.com. Durantes Hauptaugenmerk galt der geistlichen Musik, die auch durch Vivaldi bereichert wurde. Antonio Lotti passte seinen aus dem späten 17. Jahrhundert stammenden Stil kontrapunktischer Meisterschaft an den Geschmack des 18. Jahrhunderts durch klarere Harmoniefolgen und lichtere Texturen an.Sven Hansell, Olga Termini, Ben Byram-Wigfield: Lotti, Antonio (Pasqualin). In: Grove Music Online. Oxford Music Online. Oxford University Press, Version: 20. Dezember 2021. http://www.oxfordmusiconline.com. mini|hochkant|Alessandro Scarlatti Die Arie als Mittel, einen lyrischen Moment aufrechtzuerhalten, hatte nun in der Regel Da-capo-Form, nahm also nach einem Mittelteil den Abschnitt vom Beginn wieder auf, wobei Ritornelle eine weitere Gliederung bilden konnten. Wichtigster Vertreter dieses Typs im spätbarocken Opernzentrum Neapel war Alessandro Scarlatti. Die Da-capo-Arie verdrängte um 1700 nicht nur andere Arienformen aus der Oper, sondern auch die verschiedenen nationalen Ausprägungen des zumeist strophischen Liedes. In der Oper etablierte sich eine recht stereotype Abfolge von abwechselnden Rezitativen und Arien, die italienische Kantate des frühen 18. Jahrhunderts, als deren wichtigster und fruchtbarster Komponist Alessandro Scarlatti gilt, bestand üblicherweise aus der Folge Rezitativ – Arie – Rezitativ – Arie. Dabei ist die zweite Arie etwa bei Nicola Porpora oftmals rascher als die erste, wodurch die Intensivierung der Gefühle, wie sie im Text vorgegeben ist, nachgezeichnet wird.Colin Timms, Nigel Fortune, Malcolm Boyd: Italian Cantata to 1800. In: Grove Music Online. Oxford Music Online. Oxford University Press, Version: 20. Januar 2001. http://www.oxfordmusiconline.com. Typisch für die Produktion der Zeit sind die Kantaten von Giovanni Bononcini mit ihren gefälligen Melodien, außergewöhnlich die dramatischeren Gattungsbeiträge von Benedetto Marcello. Die Überwucherung der Handlung unter anderem durch komische Elemente in der italienischen Oper des späten 17. Jahrhunderts motivierte Reformbestrebungen, als deren wichtigste Librettisten Apostolo Zeno und dann Pietro Metastasio gelten. Metastasios Texte wurden im 18. Jahrhundert immer wieder vertont, besonders typisch ist die strenge Trennung in Rezitative als Handlungsträger und Arien zur Affektdarstellung, in denen zudem die Sänger ihre Kunst zur Schau stellen konnten. Ein arkadischer Klassizismus im „galanten Stil“ beginnt ab etwa 1720 in den Opern von Leonardo Vinci, Giovanni Battista Pergolesi und Johann Adolph Hasse.Daniel Heartz: Pre-Classical. In: Stanley Sadie (Hrsg.): The New Grove Dictionary of Music and Musicians. Reprint in paperback ed., Macmillan Publishers Ltd., London 1995, ISBN 1-56159-174-2, B. 15, S. 206f, hier 206. Ein Stilbruch zwischen 1720 und 1730 ist durch die Merkmale homophoner Satz, kleingliedrige Melodik, rhythmische Quadratur und langsamer harmonischer Rhythmus gekennzeichnet.Carl Dahlhaus: Einleitung. In: Ders. (Hrsg.): Die Musik des 18. Jahrhunderts. Athenaion, Wiesbaden 1985 (= Neues Handbuch der Musikwissenschaft, Band 5), ISBN 3-89007-035-3, S. 1–68, hier 2. So sind beispielsweise Vincis Melodien meist kantig und heiter, dabei anmutig, und bestehen aus einer Anhäufung relativ unabhängiger Fragmente.Robert B. Meikle: Vinci, Leonardo. In: Stanley Sadie (Hrsg.): The New Grove Dictionary of Music and Musicians. Reprint in paperback ed., Macmillan Publishers Ltd., London 1995, ISBN 1-56159-174-2, B. 19, S. 785–787, hier 786. Von hier nimmt die Entwicklung der „Klassik“ genannten Epoche ihren Ausgang. Frankreich Die seit der Spätrenaissance währende Vorherrschaft der italienischen Musik hatte bereits um 1640 Bestrebungen der Abgrenzung in Frankreich befördert, entgegen dem „Übermaß“ beschwor man „Anmut“ und „Natur“ statt „Kunst“, also Leichtigkeit und Regelmäßigkeit – statt kompositorischer Arbeit, Originalität und Schwierigkeit. Die „Einfachheit“ verbindet sich dabei mit stilisiertem Pathos. Dem konservativen Grundzug entsprach, dass man Lullys „Vermächtnis bis auf Gluck, also 100 Jahre lang, geradezu ängstlich und andächtig“ hütete. mini|hochkant|Jean Jacques Flipart: François Couperin, Kupferstich (1735), nach André Bouys Es gab jedoch eine Gegenströmung zu dieser Einzementierung französischen Musikgeschmacks, während in den letzten Herrschaftsjahren Ludwigs des XIV. das kosmopolitischere Paris gegenüber Versailles an Bedeutung gewann: Als französische Flötisten kurz nach 1700 die ersten Sammlungen von Stücken für Traversflöte veröffentlichten, zeigten sich bei Jacques-Martin Hotteterre Einflüsse des damals in Paris hochgeschätzten Corelli.Joachim Fontaine: Jacques Martin Hotteterre „Le Romain“. In: Ingeborg Allihn (Hrsg.): Barockmusikführer. Instrumentalmusik 1550–1770. Metzler, Stuttgart 2001, S. 232–236, hier 234. Nach dem Beispiel der italienischen Kammerkantate entstand nun die französische mit der ersten Veröffentlichung 1706 von Jean-Baptiste Morin, gefolgt unter anderem von Campra, Michel Pignolet de Montéclair und Louis-Nicolas Clérambault, dessen spektakulärer und in Besetzung und Ausdehnung umfangreicher Orphée einen Höhepunkt darstellt.David Tunley: French Cantata to 1800. In: Grove Music Online. Oxford Music Online. Oxford University Press, Version: 20. Januar 2001. http://www.oxfordmusiconline.com. Das Konzert wurde nur schwer in Frankreich heimisch, bedeutendster Vertreter war Jean-Marie Leclair. François Couperin, der später angab, bereits 1692 Sonaten im italienischen Stil komponiert zu haben,Joachim Fontaine: Jean-Marie Leclair l’aîné. In: Ingeborg Allihn (Hrsg.): Barockmusikführer. Instrumentalmusik 1550–1770. Metzler, Stuttgart 2001, S. 259–264, hier 261. proklamierte die „Vereinigung der Geschmäcker“ durch die Publikation einer Sammlung mit dem Titel Les Goûts-réünis 1724 in Paris. In den Instrumentalwerken Le Parnasse ou L’apothéose de Corelli und L’Apothéose de Lully wird die Aufnahme Corellis in den Parnass gefeiert, nach Sätzen im italienischen und französischen Stil wird durch Apollo die Vereinigung der italienischen und französischen Geschmacksrichtungen vorgenommen, Corelli und Lully werden ausgesöhnt. Couperin verschmilzt italienische und französische Stilmerkmale, etwa indem er bei französischen Tänzen mit subtiler Melodik einen Triosatz mit zwei gleichberechtigten Oberstimmen verwendet oder Sonaten auf französische Art ornamentiert.Joachim Steinheuer: François Couperin. In: Ingeborg Allihn (Hrsg.): Barockmusikführer. Instrumentalmusik 1550–1770. Metzler, Stuttgart 2001, S. 130–135, hier 133. In Couperins Cembalostücken tritt an die Stelle der belehrenden Darstellung von Mythologie eine realistische Psychologie, wobei in den Titeln Namen von Zeitgenossen genannt werden. Die Nuancierung des musikalischen Ausdrucks führt zu einer Zunahme und Differenzierung von Vortragsbezeichnungen wie „amoureusement“, „grotesquement“, „naïvement“ und vielen anderen. mini|hochkant|Camelot Aved: Jean-Philippe Rameau Jean-Philippe Rameau wandte sich in seinen Cembalowerken vom Stil seiner Vorgänger ab, was besonders in seinem berühmtesten Stück La Poule, das eine Henne beschreibt, deutlich wird: Während Couperin Tonrepetitionen auf dem Cembalo ablehnte, benutzte Rameau sie hier exzessiv. Fortschrittlich ist das vergleichsweise umfangreiche Stück auch in seinen harmonischen Kühnheiten und der entwickelnden Anlage.Elisabeth Schmierer: Rameau, Jean-Philippe. In: Horst Weber (Hrsg.): Metzler Komponistenlexikon. Metzler, Stuttgart/Weimar 1992, S. 613–616, hier 614. Das im italienischen Opernbetrieb verlorengegangene Ideal des Zusammenwirkens von „Spiel, Symbol und Fest“ blieb in der Tragédie en musique auch bei Rameau erhalten, der als größter spätbarocker Opernkomponist Frankreichs gilt und der mit größerer Kantabilität und harmonischem Reichtum sowie umfassenderem Orchesteranteil zur Vorherrschaft der Musik über die Dichtung fand. In Rameaus Opern wurde Lullys Stil nicht in Frage gestellt, sondern erweitert durch reichere Harmonien, opulentere Klanglichkeit, dichtere Texturen und einen heroischeren Charakter in Rhythmus und Rhetorik. Im Spätbarock erfuhr die französische Motette eine Entwicklung zum Dramatischen, noch im 17. Jahrhundert in den Werken von Michel-Richard Delalande, im fortgeschrittenen 18. Jahrhundert dann bei Jean-Joseph Cassanéa de Mondonville, wodurch sie zunehmend den „Wunsch nach weltlicher Unterhaltung“ erfüllte. Deutschland und Österreich Johann Joseph Fux, Antonio Caldara und Francesco Conti schufen für Kirchenfeste die „verbindliche musikalische Gestalt“ des spätbarocken Wiener „Imperialstils“, wobei die Prachtentfaltung durch Caldara in einer großen Bandbreite an Formen realisiert wurde: Kanonsätze ohne Instrumente, chorische Doppelfugen und virtuose Soloarien mit konzertierenden Instrumenten.Susanne Oschmann: Caldara, Antonio. In: Horst Weber (Hrsg.): Metzler Komponistenlexikon. Metzler, Stuttgart/Weimar 1992, S. 134f, hier 135. Das führende Orchester des deutschen Spätbarock unterhielt August der Starke in Dresden mit den größten Virtuosen der Zeit, etwa den auch als Komponisten hervorgetretenen Veracini und Johann Georg Pisendel als Violinisten sowie Silvius Leopold Weiss als Lautenisten. Johann David Heinichen nutzte in seinen Konzerten die vorhandenen Möglichkeiten, typisch ist die ausgiebige Verwendung der Bläser.Susanne Herzog: Johann David Heinichen. In: Ingeborg Allihn (Hrsg.): Barockmusikführer. Instrumentalmusik 1550–1770. Metzler, Stuttgart 2001, S. 221–224, hier 222. Jan Dismas Zelenka konnte seinen individuellen Stil mit „eigenwilliger Melodik“, „intrikaten, teilweise bizarren Rhythmen, unerwarteten harmonischen Abfolgen und einer manchmal unkonventionellen Formgestaltung“ vor allem in geistlichen Werken, aber auch seinen Triosonaten und Orchesterwerken umsetzen. Die norddeutsche Orgelschule im Spätbarock zeigt sich von Buxtehude abhängig, jedoch mit zeittypischen Eigenschaften. Vincent Lübeck bringt in seinem Praeludium g-Moll drei thematisch aufeinander bezogene fugierte Abschnitte, einen pathetischen, der die Klangmöglichkeiten der Hamburger Nikolai-Orgel nutzt, einen „kanzonenhaft-diskursive[n]“ und einen tänzerisch-bewegten, der Einflüsse des französischen Charakterstücks zeigt. Nikolaus Bruhns scheint in seinem großen Praeludium e-moll Buxtehude mit einer manieristischen Fülle an kontrastierenden Form- und Satzstrukturen herauszufordern: Intonation, Orgelpunkt, Arioso, Pastorale, Siciliano, Rezitativ, Sinfonie, Ciacona, pathetische Fuge und anderes versammelt sich auf engem Raum. Im Gegensatz dazu steht die Tendenz zur Reduktion bei Georg Böhm. Es tritt nun auch das Paar Praeludium und Fuge auf, wobei Johann Caspar Ferdinand Fischer in Ariadne Musica (1715) mit einer Anordnung in 19 Dur- und Molltonarten gemäß dem Quintenzirkel als Vorläufer von Bachs wohltemperiertem Klavier gilt. mini|hochkant|Elias Gottlob Haußmann: Johann Sebastian Bach (1746) mini|hochkant|Valentin Daniel Preisler: Georg Philipp Telemann, koloriertes Aquatintablatt nach Ludwig Michael Schneider (1750) Johann Sebastian Bachs Schaffen spiegelt die Bedeutung verschiedener Anstellungsverhältnisse für den barocken Komponisten wider: 1708–1717 als Hoforganist und Konzertmeister in Weimar schrieb er vor allem Orgelwerke und Kantaten, 1717–1723 als Kapellmeister beim musikalischen Fürsten Leopold von Anhalt-Köthen unter anderem dreißig Inventionen und Sinfonien, Das Wohltemperierte Klavier und sechs Französische Suiten für Cembalo, sechs Sonaten und Partiten für Violine solo sowie die Brandenburgischen Konzerte, dann 1723–1750 als Thomaskantor in Leipzig große Werke geistlicher Musik wie Magnificat, Johannespassion, Matthäuspassion, Weihnachtsoratorium und die h-Moll-Messe. Bachs Werke unterscheiden sich von denen seiner Zeitgenossen in erster Linie durch die kompositorischen Strukturen. Im Choralsatz entsteht ein Fluss der Bewegung durch selbständige Führung aller Stimmen, in den polyphonen Partien der Chorsätze bilden die Instrumente keine Füllstimmen, sondern werden obligat geführt. Im Gegensatz zur Ökonomie der Mittel etwa bei Johann Friedrich Fasch oder Gottfried Heinrich Stölzel entwickelt Bachs „Kombination konträrer Strukturebenen für die Zeit ein Übermaß an Artifizialität“. Neben der kompositorischen Dichte machen aber auch Originalität, geistiger Anspruch und tiefgehende theologische Deutung die beiden erhaltenen Passionen Bachs zum „Gipfelpunkt der Gattungsgeschichte“. Besonders in Werken wie der Kunst der Fuge (1750 unvollendet hinterlassen) werden melodische, rhythmische und klangliche Entwicklungen zu einer intensiven Verarbeitung geführt, was Zeitgenossen ratlos zurückließ – gerade die Kombination von Verdichtung und Expressivität machte Bachs Werk aber zum Muster für die thematische Arbeit der Wiener Klassik und die poetische Charakterkunst der Romantik.Friedhelm Krummacher: Bach in Leipzig. In: Carl Dahlhaus (Hrsg.): Die Musik des 18. Jahrhunderts. Athenaion, Wiesbaden 1985 (= Neues Handbuch der Musikwissenschaft, Band 5), ISBN 3-89007-035-3, S. 122–135, hier 135. Zu Bachs Lebzeiten galt in Deutschland Telemann als der führende Komponist, unter anderem wegen der außergewöhnlich großen Anzahl veröffentlichter Werke.Martin Ruhnke: Telemann, Georg Philipp. In: Stanley Sadie (Hrsg.): The New Grove Dictionary of Music and Musicians. Reprint in paperback ed., Macmillan Publishers Ltd., London 1995, ISBN 1-56159-174-2, B. 18, S. 647–659, hier 651. Telemann verband nicht nur italienischen und französischen Geschmack, sondern auch galanten Stil mit Gelehrsamkeit: in einem Satz beispielsweise „einen zeitgemäß-modernen Stil mit Fugentechnik und Ritornellform nach italienischem Vorbild“, dazu „Kontrastmotivik, ‚tändelnde‘ Figuren kurzer, gereihter Motive, Signalassoziationen und gemäßigt virtuose Spielfiguren“. Telemanns Werk ist durch Vielfalt gekennzeichnet. In den 1730er und 1740er Jahren gelang es ihm durch Veröffentlichung von Liedersammlungen auf Texte führender Dichter wie Barthold Heinrich Brockes und Friedrich von Hagedorn, das Interesse an dieser Gattung wieder zu beleben.Steven Zohn: Telemann, Georg Philipp. In: Grove Music Online. Oxford Music Online. Oxford University Press, Version: 20. Januar 2001. http://www.oxfordmusiconline.com. Auch Deutschland hatte seit 1678 mit der Gänsemarktoper sein erstes Opernhaus in Hamburg. Der erste Opernkomponist, von dem mehrere Partituren erhalten sind, ist Reinhard Keiser. England mini|hochkant|Thomas Hudson: Georg Friedrich Händel (1741) In England war vor allem der im Gegensatz zu Bach nicht fest angestellte „Unternehmer“ Georg Friedrich Händel in diesem Bereich produktiv. Händels Instrumentalmusik etablierte im spätbarocken Stil regelmäßiger Muster ein Spiel von Vorwegnahmen und Bestätigungen oder Enttäuschungen von Erwartungen als Herausforderung seines Publikums. Eine „völlig eigenständige künstlerische Leistung“ sind Händels englische Oratorien ab 1732, in denen er Einflüsse der italienischen Opera seria und des Oratorio volgare (in italienischer Sprache), des deutschen Passionsoratoriums, des englischen Anthems und der Masque zusammenführt. Ihre musikdramatischen Ausdrucksformen sollten später vorbildlich für Joseph Haydn und Felix Mendelssohn Bartholdy werden. In Händels Oratorien wird ein charakterlicher Kern der jeweiligen Personen durch alle gegensätzlichen Emotionsäußerungen hindurch erfahrbar. Eine Persiflage von Händels italienischen Opern stellte The Beggar’s Opera mit Musik von Johann Christoph Pepusch dar, zudem standen sie in London im Wettbewerb mit Werken von Bononcini, Porpora und Francesco Mancini, die Konzerte mit denen von Francesco Geminiani. Gebürtige Engländer der nächsten Generation wie William Boyce, Thomas Arne und Charles Avison führten das Erbe von Händels Instrumentalmusik fort. Spanien mini|hochkant|Domingo Antonio Velasco: Domenico Scarlatti (1738) In der Instrumentalmusik führte das Aufgeben des barocken Konzepts, ein Kopfthema über einen ausgedehnten Satz weiterzuführen, zur „Einbürgerung von Kontrasten“, einer Vorbedingung für die Entwicklung der Sonatenform.Wilhelm Fischer: Instrumentalmusik von 1750–1828. In: Guido Adler (Hrsg.): Handbuch der Musikgeschichte. 2. Auflage, Max Hesse, Berlin 1930, S. 795–833, hier 795. Am Madrider Hof schuf Domenico Scarlatti zu dieser Zeit mit seiner Mischung nationaler Stile einen äußerst individuellen „Hispanizismus“ in einer umfangreichen Serie von Cembalosonaten.Barbara Zuber: Scarlatti, (Giuseppe) Domenico. In: Horst Weber (Hrsg.): Metzler Komponistenlexikon. Metzler, Stuttgart/Weimar 1992, S. 675–678, hier 677. Domenico Scarlatti „sprengt“ durch Zweitaktperioden die barocke Kontinuität. Typisch für seinen Stil sind virtuose Elemente wie das Kreuzen der Hände und Lautmalerisches wie die Nachahmung von Kastagnetten, Trommeln, Rufen, Marschrhythmen oder Dudelsackquinten. Nachfolge fanden Scarlattis einsätzige Cembalosonaten in denen des jüngeren Spaniers Antonio Soler. Lateinamerika In Lateinamerika kamen europäische Stile in der Regel verspätet an, zudem ist die Überlieferung vor dem 18. Jahrhundert schlecht. Als bedeutender Komponist mit europäischen Wurzeln ist insbesondere Domenico Zipoli zu nennen, als „Kind der Neuen Welt“ Manuel de Sumaya.Leonardo J. Waisman: Kirchenmusik in Lateinamerika. In: Wolfgang Hochstein (Hrsg.): Geistliche Vokalmusik des Barock. Teilband 2. Laaber-Verlag, Laaber 2019 (= Handbuch der Musik des Barock, Band 2/2), ISBN 978-3-89007-872-4, S. 176–200, hier 183. Bezüge zu anderen Künsten im Barock Den Künsten des Barock ist die Beschäftigung mit der Affektdarstellung gemeinsam. So fertigte Charles Le Brun Zeichnungen von „Ausdrucksköpfen“ anCaecilie Weissert: Charles Le Bruns Expression des passions und die Têtes d’expression im Kontext physiologischer Betrachtungen. In: Anna Pawlak, Lars Zieke, Isabella Augart (Hrsg.): Ars – Visus – Affectus. Visuelle Kulturen des Affektiven in der Frühen Neuzeit. De Gruyter, Berlin/Boston 2016, S. 251–272. und veröffentlichte eine Theorie zum Malen von Emotionen, die vor allem auf die Theorie von René Descartes (Les Passions de l’âme, 1649) zurückgreift.Stephanie Ross: Painting the Passions. Charles LeBrun’s Conference Sur L’Expression. In: Journal of the History of Ideas. Band 45/1, 1984, S. 25–47, hier 25. Das bewegte „Innenleben“ soll nicht nur dargestellt, sondern auch beim Rezipienten erregt werden. Das geht Hand in Hand mit einem „rhetorische[n] Grundzug“, der in der Musik wie in den anderen Künsten deutlich wird. Glanzvolle Repräsentation zeigt sich im Zusammenwirken der Künste in den kirchlichen und fürstlichen Gesamtkunstwerken aus Architektur, Skulptur, Malerei und Dekoration wie auch im höfischen Fest und der Oper, in der Literatur, Schauspiel, Musik, Tanz, Kostüme und Bühnenbild zum Zweck der theatralischen Selbstdarstellung eine wirklichkeitsentrückende Illusion hervorbringen. Generell gibt es die Tendenz zum Dramatischen, Theatralischen und zur Überwältigung des Betrachters oder Hörers. Es finden sich verschiedene Versuche, Analogien zwischen den Künsten herzustellen: „Erfüllung im Augenblick, einheitl. Affektdarstellung, Ruhe und Bewegung sprechen aus einem barocken Kirchenraum wie aus einer BACHschen Fuge.“Ulrich Michels: dtv-Atlas Musik. Deutscher Taschenbuchverlag, München 2001 (Erstausgabe 1977/85), S. 269. Die Opernarie wurde als Porträt von Affekten und emblematische Ausarbeitung aufgefasst, die Da-capo-Arie als Inbegriff statischer Introspektion mit der statischen Welt in Jan Vermeers Bildern verglichen. Als „kongeniale“ Musik zu extremen Affektdarstellungen in Bildern von Michelangelo Merisi da Caravaggio wurden Kompositionen von Schütz und Carissimi genannt.Hans Joachim Moser: Der Maler Caravaggio und die Musik. (Zur Querverbindung zwischen bildender und Ton-Kunst). In: Heinrich Hüschen (Hrsg.): Festschrift Karl Gustav Fellerer. Zum sechzigsten Geburtstag am 7. Juli 1962. Gustav Bosse Verlag, Regensburg 1962, S. 350–353, hier 351. Die Illusion des Aufsteigens im barocken Deckenfresko wurde mit dem Eindruck von Raum und Bewegung in Trompetenkonzerten in Verbindung gebracht,H. James Jensen: The Muses' Concord. Literature, Music, and the Visual Arts in the Baroque Age. Indiana University Press, Bloomington, Indiana 1976, S. 180f. in Cembalowerken Rameaus die flüchtig-zarte Melancholie des französischen Rokokomalers Antoine Watteau aufgefunden. Barocke Musiktheorie Sphärenharmonie mini|hochkant|Johannes Kepler: Modell der Sphären nach Kopernikus, aus Johannes Kepler: Mysterium Cosmographicum, 2. Auflage, Frankfurt 1621 Grundlage mehrstimmiger Musik waren seit dem Mittelalter die Konsonanzen, also als wohlklingend aufgefasste Zusammenklänge. Dabei sind die einfachsten Frequenzverhältnisse, 1:2 (Intervall der Oktave) und 2:3 (Intervall der Quinte) die vollkommensten. Bereits in der Antike wurden die Intervalle innerhalb der Oktave mit den Weiten der Planetenbahnen verglichen, was Begriffe wie „Sphärenmusik“ und „-harmonie“ hervorbrachte.Rudolf Flotzinger: Harmonie. Um einen kulturellen Grundbegriff. Böhlau, Wien/Köln/Weimar 2016, S. 38. Um 1600 kam der Gedanke hinzu, dass die irdische Musik „durchlässig wird“ für die himmlische Musik; Musik sei dem Wesen nach „Musik der Engel“. Musik, Zahl und Empirie Dieser theologischen Aufladung der Frequenzverhältnisse stand die 1614 bei Isaac Beeckman anzutreffende Konsonanzbestimmung „auf dem Boden einer empirischen Ästhetik“ entgegen: Das menschliche Bewusstsein fasse die Unterteilung in der Mitte leichter auf als andere Gliederungen.Rainer Bayreuther: Musik und Zahl im Barock. In: Bernhard Jahn (Hrsg.): Die Musik in der Kultur des Barock. Laaber-Verlag, Laaber 2019 (= Handbuch der Musik des Barock, Band 7), ISBN 978-3-89007-877-9, S. 117–140, hier 126. Aufbauend auf diese Erklärungen über den Vorzug der Oktave, fuhr er fort, dass das Bewusstsein immer die Hälfte oder das Doppelte zu einer Wahrnehmung hinzufüge, sodass bei der Quinte (2:3) die Unteroktave mitgehört werde (1:3), was die Plausibilisierung verschiedener Konsonanzgrade erleichtert. Affekte mini|Charles le Brun: Ausdrücke der Gemütsbewegung aus Traité des Passions Auch die Wirkung von musikalischem Ausdruck, den musikalischen Affekten, sollte nun rational erklärt werden. Descartes meinte, dass „sich entsprechende Wirkmechanismen gleichsam mathematisch exakt beschreiben“ ließen. Dabei argumentierte er aber mit vitalen Kräften und magischen Wirkungen: Eine mit Schafsfell bespannte Pauke müsse zum Verstummen tendieren, eine mit Wolfsfell weiterklingen. Neben dem Vergleich mit den Planetenumlaufbahnen wurde nun auch die Auswirkung der Konsonanzen und ihres Gegenteils, der Dissonanzen, auf den Hörer reflektiert: Andreas Werckmeister hielt es in Musicae mathematicae Hodegus curiosus oder Richtiger musicalischer Weg-Weiser (1686) für „rationabel“, dass man Dissonanzen verwendet, um etwas Trauriges einzuführen.Andreas Werckmeister: Musicae mathematicae Hodegus curiosus oder Richtiger musicalischer Weg-Weiser. Calvisius, Frankfurt/Leipzig 1686, S. 84. Es wurden „Verfahren, affektiven Situationen musikalische Gestalt zu verleihen, standardisiert“. Der wichtige Theoretiker Johann Mattheson vertrat die Haltung, dass „ein musikalischer Gedanke sowohl syntaktisch als auch semantisch einen Affekt verkörpert“. Den im 20. Jahrhundert geprägten Begriff der „Affektenlehre“ verwendete er zwar dreimal, jedoch ohne damit eine Lehre auszuformulieren.Birger Petersen-Mikkelsen: Die Melodielehre des „Vollkommenen Capellmeisters“ von Johann Mattheson. Birger Petersen-Mikkelsen, Eutin 2002 (= Eutiner Beiträge zur Musikforschung, Band 1), ISBN 3-8311-3484-7. S. 50ff. Rhetorik Eng mit dem Konzept der Affektdarstellung ist die Idee einer musikalischen Rhetorik verbunden. Diese wurde allerdings nur in Deutschland propagiert, im Kontext der Florentiner Camerata, wo eine an der Sprache orientierte Komponierweise entwickelt wurde, äußerte sich Vincenzo Galilei 1581 der Idee einer musikalischen Rhetorik gegenüber ablehnend. Das Gebiet, in dem Autoren Schriften zur musikalischen Rhetorik veröffentlichten, ist dabei „gemessen am Standard des europäischen Musiklebens in dieser Zeit, eher als provinziell zu bezeichnen“. Besprochen wurde ein Vorrat von musikalischen Figuren, die rhetorischen Figuren zugeordnet wurden, wobei aber für die musikalische Rhetorik auch terminologische Neuheiten gebildet wurden.Rolf Dammann: Der Musikbegriff im deutschen Barock. Arno Volk, Köln 1967, S. 136. Am bekanntesten ist heute die Musica poetica (1606) von Joachim Burmeister, der seine Figuren aus Werken des Spätrenaissance-Komponisten Orlando di Lasso ableitete. 13 weitere Autoren übernahmen teils die Auflistungen ihrer Vorgänger, teils schlugen sie andere Zuordnungen vor. Ein verbindlicher Katalog wäre allerdings mit dem „rhetorischen Prinzip“ nicht vereinbar gewesen, da die Qualität einer Rede einer „immer neuen geistreichen Orientierung an rhetorischen Mustern“ entspringt. Die Funktion der Schriften zu dem Thema aus dem deutschen Sprachraum lag also darin, ein Vokabular zur Beschreibung musikalischer Phänomene bereitzustellen, um „bereits existente oder neu übernommene Besonderheiten in die eigene Geisteswelt zu überführen“. Die Musica poetica, die Burmeister als Titel seines Textes wählte, galt seit dem 16. Jahrhundert im Gegensatz zur Musica theoretica und der Musica practica als der schöpferische Anteil der Musica, dessen Zweck die Erschaffung eines opus ist, also eines beständigen Werks. Burmeisters Figurenlehre wurde zwar von anderen Autoren übernommen, „Spuren in der Musikpraxis“ sind aber „schwerlich“ aufzufinden. Ein „rhetorischer Grundzug“ liegt allerdings Musik wie allen Kunsterscheinungen des 17. Jahrhunderts zugrunde; bildhafte Darstellung und affektiver Ausdruck verbinden sich bei Monteverdi und Schütz zu einer unlösbaren Einheit. Wiederbelebung Die Werke der Barockmusik gerieten in der Regel bald in Vergessenheit, eine Ausnahme sind die Oratorien von Händel, die auch Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts aufgeführt wurden. Ein Problem, das durch den Mangel einer kontinuierlichen Pflege der musikalischen Überlieferung entstand, ist der Verlust vieler Kunstwerke. Selbst von besonders berühmten Meistern wurde mitunter sehr wenig zu Lebzeiten gedruckt, von Froberger etwa nur zwei Werke – was in diesem Fall von ihm selbst dadurch begründet wurde, dass er seine Werke mit den nötigen Vortragsnuancen lieber seinen Schülern direkt vermittelte als sie per Druck zu verbreiten,Thomas Seedorf: Froberger, Johann Jacob. In: Horst Weber (Hrsg.): Metzler Komponistenlexikon. Metzler, Stuttgart/Weimar 1992, S. 259f., hier 259. da andere „doch nit wüßten mit umzugehen“.Brief von Sibylla von Württemberg an Constantin Huygens. Zitiert nach Edmund Schebek: Zwei Briefe über Johann Jacob Froberger, kais. Kammer-Organist in Wien. Ein biographischer Beitrag. Verlag des Verfassers, Prag 1874, S. 22. Somit beschränkt sich die Überlieferung oft auf Handschriften, wodurch der Erhalt der Werke oft am seidenen Faden hing und Verluste auch bedeutender Werke, wie der ersten deutschen Oper, der Dafne (1627) von Schütz, leicht eintreten konnten. Nach 1800 begann ein Prozess der Wiederbelebung von Barockmusik: Raphael Georg Kiesewetter sammelte etwa 1200 Partituren von 500 Komponisten.Theophil Antonicek: Biedermeierzeit und Vormärz. In: Gernot Gruber (Hrsg.): Vom Barock zum Vormärz. 2. Auflage, Böhlau, Wien/Köln/Weimar 1995 (= Musikgeschichte Österreichs, Band 2), S. 279–351, hier 328f. Neben ihm entwickelte auch Simon Molitor eine Aufführungstätigkeit alter Musik. Im Zuge des im frühen 19. Jahrhundert etablierten Bach-Kults fand 1829 ein äußerst erfolgreiches Konzert mit Wiederaufführung der Matthäuspassion von Bach durch Felix Mendelssohn Bartholdy statt. Johannes Brahms brachte 1864 Saul, Saul, was verfolgst du mich? aus den Symphoniae sacrae, III. Teil von Schütz in einem Konzert der Wiener Singakademie zur Aufführung. Andere Komponisten mussten auf ihr „Revival“ warten, Antonio Vivaldi wurde erst um 1950 populär, als Die vier Jahreszeiten auf LP zu einem Bestseller wurden. Im Laufe des 20. Jahrhunderts wurden zunehmend Kompositionen diverser Tonschöpfer des Barocks auch einem breiteren Publikum bekannt. Für Barockmusik wurde die historische oder historisch informierte Aufführungspraxis im späten 20. Jahrhundert zur dominanten musikalischen Ideologie. Die genauen Beschreibungen der Bau- und Spielweise aller damals bekannten Instrumente machte das Lehrbuch Syntagma musicum (erschienen 1620 in Wolfenbüttel) von Michael Praetorius zur wichtigen Quelle für den Nachbau historischer Instrumente und das Spiel darauf. Für den Film Farinelli, il castrato wurde durch Mischen der Klangspektren von Countertenor und Sopran die klangliche Rekonstruktion des Kastratengesangs versucht. Siehe auch Alte Musik Liste von Barockkomponisten Liste von Interpreten der historischen Aufführungspraxis Liste der Musikjahre Barockorchester Literatur (in chronologischer Ordnung) Hugo Riemann: Das Generalbaßzeitalter. Die Monodie des 17. Jahrhunderts und die Weltherrschaft der Italiener. Breitkopf & Härtel, Leipzig 1912 (= Handbuch der Musikgeschichte, Band II/2). Curt Sachs: Barockmusik. In: Jahrbuch der Musikbibliothek Peters. Band 26, 1919, S. 7–15. Robert Haas: Die Musik des Barocks. Athenaion, Wildpark-Potsdam 1928 (= Handbuch der Musikwissenschaft, Band 3). Manfred Bukofzer: Music in the Baroque Era. From Monteverdi to Bach. W. W. Norton, New York 1947. Suzanne Clercx: Le baroque et la musique: essai d’ésthétique musicale. Librairie Encyclopédie, Brüssel 1948. Rolf Dammann: Der Musikbegriff im deutschen Barock. Arno Volk, Köln 1967 (3. Auflage. Laaber, Lilienthal 1995), ISBN 3-89007-015-9. Claude V. Palisca: Baroque music. Prentice Hall, Englewood Cliffs (NJ) 1968 (2. Auflage 1981). Günter Haußwald: Die Musik des Generalbaß-Zeitalters. Arno Volk, Köln 1973 (= Das Musikwerk, 4), Nachdruck Laaber 2005. Werner Braun: Die Musik des 17. Jahrhunderts. Athenaion, Wiesbaden 1981 (= Neues Handbuch der Musikwissenschaft, Band 4), ISBN 3-7997-0746-8. 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Bayreuth
mini|hochkant|Das oberfränkische Wappen mit dem Fränkischen Rechen – Bayreuth ist die Hauptstadt Oberfrankens mini|alt=|Logo der Stadt mini|Stratigraphisches Profil Bamberg – Bayreuth – Fichtelgebirge Bayreuth [ oder ] (ostfränkisch Barreid) ist eine fränkische kreisfreie Stadt im bayerischen Regierungsbezirk Oberfranken. Mit Einwohnern () ist die Mittelstadt nach Bamberg die zweitgrößte Stadt Oberfrankens sowie die sechstgrößte Stadt Frankens. Die Stadt zählt zur Metropolregion Nürnberg und zur Planungsregion Oberfranken-Ost. Ferner ist Bayreuth Sitz der Regierung von Oberfranken sowie Verwaltungssitz des Bezirks Oberfranken und des Landkreises Bayreuth. Weltberühmt ist Bayreuth durch die alljährlich im Festspielhaus auf dem Grünen Hügel stattfindenden Richard-Wagner-Festspiele. Das Markgräfliche Opernhaus gehört seit 2012 zum UNESCO-Weltkulturerbe. Die Stadt liegt an den Ferienstraßen Burgenstraße und Bayerische Porzellanstraße. Anders als der Name vermuten lässt, gehört die Stadt erst seit dem Jahr 1810 zu Bayern. Als Folge der Jahrhunderte währenden Zugehörigkeit zum Fürstentum Bayreuth ist sie protestantisch geprägt.Wie protestantisch ist Bayern? bei bayerische-staatszeitung.de, abgerufen am 5. Oktober 2024Zum Reformationstag: Wie die Reformation in Bayreuth begann bei bayreuther-tagblatt.de vom 31. Oktober 2023, abgerufen am 5. Oktober 2024 Name 1194 wurde der Ort als Baierrute in einer Urkunde des Bischofs Otto II. von Bamberg erstmals erwähnt. Der Namensbestandteil -rute ist vermutlich als Rodung zu deuten (siehe -reuth). Dass Baier- auf Zuwanderer aus dem bairischen Siedlungsraum verweisen könnte, ist umstritten und nicht belegbar. Vieles deutet darauf hin, dass die endgültige Namengebung erst nach der sekundären Ortserweiterung erfolgte und spezielle bayerische Interessen sichtbar machen sollte.Rainer Trübsbach: Geschichte der Stadt Bayreuth. S. 28. 1199 ist der Name „Beirrut“, 1231 „Beirruth“ belegt. Belegt sind im Bayreuther Landbuch von 1421/24 auch die Bezeichnungen „Peyeruth“ und „Peyrreute“, die Vorgängerkirche der Stadtkirche Heilig Dreifaltigkeit wurde zunächst als „Pfarr peyr Reut“ (Reut = Altenstadt) bezeichnet.Rainer Trübsbach: Geschichte der Stadt Bayreuth, S. 24. Das y des Ortsnamens tauchte lange vor der Inbesitznahme der Stadt durch Bayern bereits 1532 erstmals auf.Die Schreibweise des Landesnamens Bayern mit y wurde von Ludwig I. im Jahr 1825 angeordnet. Siehe dazu www.bairische-sprache.at: Bayerisch, Bayrisch oder Bairisch??? Die heutige Schreibform ist 1625 im Kulmbacher Bürgerbuch belegt, setzte sich aber noch nicht endgültig durch. Markgräfin Wilhelmine (1709–1758) nannte die Stadt „Bareith“. Geographie mini|Maximilianstraße, auch Maxstraße, Marktplatz oder Markt genannt, ein Straßenmarkt in der historischen Innenstadt und Keimzelle Bayreuths Geographische Lage Die Stadt liegt im südlichen Teil des Obermainischen Hügellands beiderseits des Roten Mains, des südlichen und längeren der beiden Quellflüsse des Mains, zwischen dem Fichtelgebirge und der Fränkischen Schweiz. Weitere Fließgewässer im Stadtgebiet sind die Warme Steinach, die Mistel, in Bayreuth „Mistelbach“ genannt, und der Sendelbach mit seinem historisch interessanten Seitenkanalsystem Tappert. Das größte stehende Gewässer ist der vom Aubach gespeiste Röhrensee. Das Zentrum der Stadt (nicht zu verwechseln mit dem dezentral gelegenen Stadtteil Altstadt)Herbert Popp: Bayreuth – neu entdeckt. S. 91. liegt mit etwa mehr als 100 Meter tiefer als die meisten der Höhenzüge, die den Bayreuther Talkessel einrahmen. Die Keimzelle Bayreuths am heutigen unteren Markt entstand strategisch günstig auf einer flachen Anhöhe – einer halbinselförmigen Terrasse aus BuntsandsteinHelmut Beisbart: Die Ersterwähnungsurkunde von Bayreuth aus dem Jahre 1194 bei frankenland.franconica.uni-wuerzburg.de, abgerufen am 4. Dezember 2024 – zwischen den Tälern des Roten Mains und des Sendelbachs. Die höchste Erhebung der Umgebung ist mit der Sophienberg im Süden. Weitere Anhöhen sind der Schlehenberg, der Oschenberg, der Höhenzug Hohe Warte, der Rote Hügel und der Buchstein. Der mit niedrigste Punkt des Stadtgebiets befindet sich im Nordwesten in der unteren Rotmainaue an der Grenze zu Heinersreuth. Die Beckenlage wirkt sich günstig auf das Klima aus. Die Jahresmitteltemperatur beträgt für Bayreuth 8,3 °C.Klima & Wetter in Bayreuth bei climate-data.org, abgerufen am 27. August 2017. Amtliche Stadtgliederung mini|Luftbild der Bayreuther Innenstadt mini|hochkant|Historische Innenstadt: Blick vom Nordturm der Stadtkirche zum Alten Schloss Bayreuth besteht offiziell aus 30 Stadtteilen und 39 Distrikten: Liste der Stadtteile und Distrikte von Bayreuth Inoffizielle Stadtgliederung Innenstadt im Uhrzeigersinn Historische Innenstadt (innerhalb des Stadtkernrings, mit „Gassenviertel“ und markgräflichem Opernhaus) Neuer Weg (frühere Bezeichnung des Gebiets nördlich der historischen Innenstadt, mit Bahnhofsviertel) Gartenstadt (mit Grünem Hügel, Festspielhaus, Wendelhöfen und Bürgerreuth) Sankt Georgen (mit Burg, Insel, und Stuckberg) Hammerstatt (mit Obere Au) Dürschnitz (mit Neue Heimat, Flößanger und Untere Röth) Gebiet östlich der Cosima-Wagner-Straße (mit Kreuzstein) Birken (mit Campus der Universität) Moritzhöfen (mit Kasernenviertel) Südwestliche Innenstadt (zwischen Wittelsbacherring, Rathenaustraße, Bismarckstraße und dem Mistelbach) Altstadt (mit Jakobshof) Kreuz (mit Herzoghöhe und Hetzennest) Peripher gelegene Stadtteile im Uhrzeigersinn Grüner Baum (mit Schießhaus und Hussengut) Industriegebiet St. Georgen Laineck (mit Friedrichsthal und Rodersberg) Sankt Johannis (mit Eremitage) Colmdorf (mit Rollwenzelei) Aichig (mit Eremitenhof, Grunau und Wunau) Oberkonnersreuth (mit Pfaffenfleck, Storchennest, Fürsetz und Hohlmühle) Saas (mit Glocke, Pottaschhütte und Lerchenbühl) Meyernberg (mit Geigenreuth) Roter Hügel (mit Mosing/Oberobsang) Maintalsiedlung (mit ehemaligem Spinnereigelände) Größere eingemeindete Dörfer im Uhrzeigersinn Seulbitz Wolfsbach Thiergarten (mit Destuben und Rödensdorf) Oberpreuschwitz (mit Dörnhof und Unterpreuschwitz) Gemarkungen Es gibt auf dem Gemeindegebiet die Gemarkungen Aichig, Bayreuth, Colmdorf, Laineck, Meyernberg, Oberkonnersreuth, Oberpreuschwitz, Sankt Johannis, Seulbitz, Thiergarten und Wolfsbach (Gemarkungsteil 0). Die Gemarkung Bayreuth hat eine Fläche von 30,270 km². Sie ist in 16663 Flurstücke aufgeteilt, die eine durchschnittliche Flurstücksfläche von 1816,99 m² haben. In ihr liegen neben dem namensgebenden Ort die Gemeindeteile Frankengut, Hermannshof, Hölzleinsmühle, Hussengut, Kreuzstein, Lohe, Oberobsang, Opelsgut, Pfaffenfleck, Riedelsgut, Saas, Schießhaus, Schupfenschlag, Wendelhöfen und Wundersgut. Geschichte Vor- und Frühgeschichte Funde im Bayreuther Raum – bei der Bodenmühle, nahe Bindlach und auf der Neubürg – reichen bis in die Jungsteinzeit zurück. Hügelgräber bei Eckersdorf, Görschnitz und am Pensen gelten als bronzezeitlich. Bei Grabungen im Jahr 2009 am Bayreuther unteren Markt verwiesen Befunde auf ein Grubenhaus aus der Urnenfelderzeit (ca. 1200 v. Chr.).Stadt Bayreuth – Gassenviertel. Kommunalses Denkmalkonzept Modul 1 bei bayreuth.de, abgerufen am 13. Dezember 2023 Der Hallstattzeit lassen sich u. a. Funde am Saaser Berg, am Sophienberg und bei Mistelgau zuordnen.Rainer Trübsbach: Geschichte der Stadt Bayreuth, S. 16. Am Fuß des Bindlacher Bergs wurden 1992 Reste einer Keltensiedlung aus der Zeit um 400 v. Chr. gefunden.Karl Müssel: Bayreuth in acht Jahrhunderten, S. 11. Bereits im Frühmittelalter bestand an der Stelle der ehemaligen Burg Laineck eine Wehranlage. Deren Mauer, die zuerst eine reine Holz-Erde-Konstruktion in Blockbauweise war, wurde später durch eine neue Holz-Erde-Mauer ersetzt, die durch in die Erde eingelassene mächtige Pfosten verstärkt war. In einer dritten Phase ersetzte man diese durch eine Trockenmauer aus Steinen. Besonders die erste und dritte Stufe dieser Umwehrung erinnern stark an slawische Bauweisen – Slawen siedelten im frühen Mittelalter in Teilen Oberfrankens.Björn-Uwe Abels, Walter Sage, Christian Züchner: Oberfranken in vor- und frühgeschichtlicher Zeit. Bayreuth 1986, ISBN 3-87052-991-1. In der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts verschwanden die Slawen des oberfränkischen Raums aus der geschriebenen Geschichte,Rainer Trübsbach: Geschichte der Stadt Bayreuth, S. 18 f. zahlreiche Orts- und Flurnamen (Dürschnitz, Döhlau, Kulm) weisen nach wie vor auf ihre Anwesenheit hin.Karl Müssel: Bayreuth in acht Jahrhunderten, S. 12. Aus der Zeit zwischen 800 und 1000 n. Chr. stammt auch die Wehranlage am Rodersberg. Die ostfränkische Kolonisation, deren Träger Adel und freie Franken waren, erreichte Anfang des 9. Jahrhunderts das Zweimainland. Unter den Schweinfurter Grafen rückten fränkische Siedler bis Mistelgau und Gesees vor, auch Obernschreez und Eckersdorf sind dieser Siedlungsphase zuzurechnen.Rainer Trübsbach: Geschichte der Stadt Bayreuth, S. 17 f. Mit der Gründung des Bistums Bamberg im Jahr 1007 setzte die eigenständige kulturelle Entwicklung der Region ein.Rainer Trübsbach: Geschichte der Stadt Bayreuth, S. 20. Zugleich kam es zu einem Machtverlust der Schweinfurter, deren Haus mit dem Tod Ottos III. 1057 erlosch. Dessen jüngste Tochter Gisela ehelichte 1098 Arnold aus der Andechser Linie derer von Dießen; damit fassten die späteren Herzöge von Meranien im Bayreuther Raum Fuß.Rainer Trübsbach: Geschichte der Stadt Bayreuth, S. 23. mini|Unterer Markt mit Spitalkirche und dem 2007 abgerissenen Sparkassengebäude, 2006 Der Umstand, dass die Bamberger Fürstbischöfe den Landesherrn den Ausbau der Burg Altentrebgast untersagten, beschleunigte die Siedlungsentwicklung im Bayreuther Raum. Etwa ab dem Jahr 1000 entstanden die Orte Altenreuth (heute der Stadtteil Altstadt), Heinersreuth, Oberkonnersreuth und Meyernreuth. Bindlach wurde die Urpfarrei, deren Sprengel u. a. die Tochterkirchen in der heutigen Altstadt und in Sankt Johannis umfasste. Vermutlich entstand auch schon im 11. Jahrhundert, im Zuge der Rodungstätigkeit der Schweinfurter Grafen, eine kleine Ansiedlung am unteren Markt. Die Gründung der künftigen Stadt im Kräftedreieck Bindlach – Altentrebgast – Altenstadt fiel wahrscheinlich in die Zeit der Rivalität zwischen Bamberg und den neuen Machthabern Dießen-Andechs sowie Sulzbach, d. h. in die Jahre 1137 bis 1177. Bereits früher als Bayreuth urkundlich erwähnt wurden die eingemeindeten Ortschaften Seulbitz (1035 als salisches Königsgut Silewize in einer Urkunde Kaiser Konrads II.) und Sankt Johannis (evtl. 1149 als Altentrebgast). Auch der Stadtteil Altstadt (bis ins 19. Jahrhundert Altenstadt) westlich des Stadtzentrums dürfte älter sein als die Siedlung Bayreuth. Im Jahr 1600 bezeichnete ihn der Stadtschreiber als das ursprüngliche Bayreuth („Urbayreuth“), diese Auffassung hielt sich bis Ende des 19. Jahrhunderts.Karl Müssel: Bayreuth in acht Jahrhunderten, S. 26 f. Noch ältere Spuren menschlicher Anwesenheit fanden sich im Ortsteil Meyernberg: Keramikreste und Holzgeschirr wurden anhand ihrer Verzierungen in das 9. Jahrhundert datiert.Adam Stuhlfauth: Fundberichte zur Vor- und Frühgeschichte im Gebiet der Fränkischen Alb. In: Archiv für Geschichte von Oberfranken, Fünfunddreißigster Band, Drittes Heft, Bayreuth 1991. Mittelalter, Reformation und frühe Neuzeit Die Anlage eines Straßenmarkts, dessen Führung sich in eine karolingische Altstraße eingliedert, weist auf ein frühes kleines Handelszentrum in diesem Bereich hin. Sehr früh war der „Markt“, wie er noch heute genannt wird, das pulsierende Herzstück der Siedlung, deren Bewohner zunächst überwiegend Ackerbürger waren. Bei der Verleihung des Marktrechts an Neustadt am Kulm im Jahr 1370 wurde das an Bayreuth verliehene Marktrecht als Vorbild bezeichnet.Karl Müssel: Bayreuth in acht Jahrhunderten, S. 30. Während Bayreuth 1199 noch als villa (Dorf) bezeichnet wurde, erschien im Jahr 1231 in einer Urkunde zum ersten Mal der Begriff civitas (Stadt). Mit dem „Fürstengesetz“ von 1231 hatten die deutschen Fürsten das Recht erhalten, ihre Siedlungen zu befestigen. Davon machten die Grafen von Andechs-Meranien bereits in jenem Jahr umfassend Gebrauch, und es ist anzunehmen, dass Bayreuth damals das Stadtrecht verliehen bekam. Die Befestigung erfolgte problemlos durch einen Mauerbau an der Nord-, West- und Südseite der Sandsteinterrasse, nur nach Osten hin musste ein Graben angelegt werden. Stadtherren waren bis 1248 die Grafen von Andechs-Meranien, nach deren Aussterben übernahmen 1260 die Burggrafen von Nürnberg aus dem Geschlecht der Hohenzollern das Erbe. In der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts entstanden im Zuge einer ersten Erweiterung der Stadt die Stadtkirche, die heutige Sophienstraße, die Kanzleistraße, die Brautgasse und die Kirchgasse. Das obere und das untere Tor bildeten die beiden Zugänge. Zunächst war jedoch die Plassenburg in Kulmbach Residenz und Zentrum des Landes. Die Stadt entwickelte sich daher nur langsam und war immer wieder von Katastrophen betroffen. Aber bereits 1361 erteilte Kaiser Karl IV. dem Burggrafen Friedrich V. für die Städte Bayreuth und Kulmbach das Münzrecht. mini|hochkant|Burggüter aus dem 16. Jahrhundert (im Vordergrund der Obeliskenbrunnen) 1421 erschien Bayreuth, das seit jenem Jahr den Status eines Markgrafenstädchens unter der Herrschaft der fränkischen Hohenzollern hatte, als „Pairaeut“ erstmals auf einer Landkarte.Karl Müssel: Bayreuth in acht Jahrhunderten, S. 49. Auf der Karte der „lantstrassen durch das Romisch reych“ von Erhard Etzlaub (1501) ist Bayreuth als Station auf der Via Imperii von Leipzig nach Verona verzeichnet.Die Landstraßenkarte von 1501, Liechtenstein Map Collection (Houghton Library), Harvard University Library. Das Bayreuther Rathaus befand sich in der Mitte der breitesten Stelle des langgestreckten Marktplatzes. Aus dem 15. und 16. Jahrhundert sind Privilegien wie das Münz- und Zollrecht, die Gerichtsbarkeit und das Braumonopol überliefert. Die wichtigsten Gewerbe vertraten die Färber, Tuchmacher, Tuchwalker, Wollenschauer, Fleischhauer, Bäcker, Brotschauer, Müller, Lederer, Schuster und Kandelgießer. Obwohl ihm der römisch-deutsche König Sigismund freies Geleit zum und vom Konzil von Konstanz zugesichert hatte, wurde der böhmische Theologe und Reformator Jan Hus 1415 in Konstanz auf dem Scheiterhaufen hingerichtet. Sigismund verfolgte dessen Hussiten genannte Anhänger unversöhnlich als Feinde; weitere Hinrichtungen und Grausamkeiten heizten die Volkswut in Böhmen weiter an. Im Januar 1430 brachen die Hussiten unter der Führung Andreas Prokops mit großer Heeresmacht über Zwickau und Plauen in das heutige Oberfranken ein. Markgraf Friedrich I., der als Günstling und Paladin Sigismunds galt, konnte seine Lande nicht auf dem Verhandlungsweg vor deren Einfall bewahren. In der Nacht vom 29. auf den 30. Januar 1430 verließ er mit seinen Truppen Bayreuth, worauf sich auch die wehrfähigen Männer in die umliegenden Wälder zurückzogen.Karl Müssel: Bayreuth in acht Jahrhunderten, S. 40. Vermutlich am 30. Januar 1430 besetzten die Hussiten kampflos die damals ca. 1500 Einwohner zählende Stadt und zerstörten sie fast völlig. An jenem Tag wurde Bayreuths günstige Entwicklung abrupt unterbrochen. Das Rathaus und die Kirchen brannten nieder, die stadtgeschichtlichen Dokumente und Quellen wurden dabei weitgehend vernichtet. Auch das – damals außerhalb der Stadt gelegene – erste Kranken- und Pflegehaus (Spital) der Stadt wurde ein Opfer des Hussitensturms. Statt eines Neuaufbaus an gleicher Stelle wurde ein Platz innerhalb der Stadtummauerung gewählt. 1435 konnten am unteren Markt das Bürgerspital, 1439 daneben der Vorgängerbau der heutigen Spitalkirche eingeweiht werden.Karl Müssel: Bayreuth in acht Jahrhunderten, S. 48. Friedrich I. sorgte für den Wiederaufbau der Stadt, die 1444 innerhalb der Stadtmauern bereits wieder etwa 200 Häuser zählte. Unter seinem Nachfolger Johann wurde 1446 an der alten Stelle das Rathaus wiederaufgebaut; das neue Gebäude beherbergte neben weiteren Läden auch 14 Fleischbänke.Albin Schwarz: Bayreuths Zunftmetzger in alter Zeit. In: Heimatkurier. 12/1996 des Nordbayerischen Kuriers, S. 3 ff. 1448 ist der erste Bayreuther Türmer nachweisbar; bis 1932 lebten und arbeiteten die Türmer in der Türmerstube auf dem Nordturm der Stadtkirche, von wo aus sie die Stadt überblicken und mit Glockenschlägen auf ausgebrochene Brände aufmerksam machten.Klaus Loscher: Bayreuths letzter Stadttürmer. In: Heimatkurier. 1/2008 des Nordbayerischen Kuriers, S. 16 f. 1457 wurde erstmals ein Bordell in der damals knapp 2000 Einwohner zählenden Stadt erwähnt (→ Geschichte der Prostitution in Bayreuth). Ab 1450 ist in Bayreuth nach Daten der Gesellschaft für Leprakunde ein mittelalterliches Leprosorium nachweisbar, das an der Erlanger Straße lag und als „Siechhaus“ bezeichnet wurde. Es wurde 1580 erneuert, wurde dann ab 1666 als Lazarett genutzt und bestand als Gebäude bis 1854.Siehe Ursprünglich in der Zeitschrift Die Klapper, abgerufen am 17. März 2018; das Ersterwähnungsjahr ist dort als „um 1450“ angegeben. Da der Zerstörung des Rathauses durch die Hussiten fast alle der dort aufbewahrten Dokumente zum Opfer gefallen waren, stammt das älteste Bayreuther Stadtbuch aus dem Jahr 1463. Dort sind u. a. Zinszahlungen dokumentiert, die die jüdischen Einwohner entrichteten.Verborgene Schätze. In: Nordbayerischer Kurier vom 22. April 2021, S. 12. Mit Kasimir wurden die Stadt und das Land von 1515 bis 1527 von einem brutalen und rücksichtslosen Fürsten regiert: Massenhaftes Ausstechen von Augen, Abhacken von Gliedern und andere Verstümmelungen galten noch als mildere Strafen für die im Bauernkrieg niedergeworfenen Bauern. Er kam dem Ablasswesen Roms weit entgegen, auch in Bayreuth sammelten 1517 Ablasshändler Geld für den Bau des Petersdoms.Karl Müssel: Bayreuth in acht Jahrhunderten, S. 50. mini|Bayreuth 1680, Blick von Norden Bereits 1528 (also elf Jahre nach Beginn der Reformation) schlossen sich die Landesherren der fränkischen markgräflichen Gebiete dem lutherischen Bekenntnis an. Markgraf Georg „der Fromme“, der die Stadt von 1527 bis 1541 von Ansbach aus regierte, war mit Martin Luther persönlich bekannt. Die von ihm und den Nürnbergern verfassten Schwabacher Artikel aus dem Jahr 1528 bildeten die Grundlage für die Reformation in seinen Ländern. Entsprechend dem Prinzip „Cuius regio, eius religio“ mussten alle Bewohner Bayreuths den Glauben ihres Fürsten annehmen, erst das 18. Jahrhundert brachte mit der Aufklärung mehr Toleranz gegenüber Andersgläubigen.Karl Müssel: Bayreuth in acht Jahrhunderten, S. 51 ff. Das erst 1514 auf dem nahen Oschenberg gegründete Franziskanerkloster St. Jobst wurde 1529 wieder aufgelöst. Anhänger Luthers hatte es in der Stadt schon vorher gegeben: Georgs Vorgänger Kasimir, der Luthers Lehre im Land verbot, hatte den Prediger Schmalzing noch verhaften und ins bischöfliche Gefängnis zu Bamberg schaffen lassen. Georgs Nachfolger Albrecht „Alcibiades“ war wiederum katholisch; er ließ im Land das Augsburger Interim einführen, scheiterte aber mit dem Versuch, die Form des lutherischen Gottesdiensts rückgängig zu machen. Zwischen 1558Karl Müssel: Bayreuth in acht Jahrhunderten, S. 57. und 1654 kam es auch im Bayreuthischen zu Hexenverfolgungen. Im Jahr 1591 starben 22 „Hexen“ auf dem Scheiterhaufen.Rainer Trübsbach: Geschichte der Stadt Bayreuth. 1194–1994, S. 134. Im Markgräflichen Krieg wurden 1553 die Siedlungen außerhalb der Stadt aufgegeben, um Bayreuth besser verteidigen zu können. 1495 und 1602 wütete in Bayreuth die Pest, der jeweils nahezu 20 Prozent der Bevölkerung zum Opfer fielen. Bayreuth wird Residenzstadt Ein Wendepunkt in der Stadtgeschichte war die Verlegung der markgräflichen Residenz von der Plassenburg oberhalb Kulmbachs nach Bayreuth durch Markgraf Christian, den Sohn des Kurfürsten Johann Georg von Brandenburg. Vergeblich hatten der Bürgermeister und der Rat der Stadt versucht, den Herrscher von diesem Vorhaben abzubringen, und Bayreuth als „Ackerbürgerstädtchen“ kleingeredet; der Ort wurde im Jahr 1603 wider Willen Residenzstadt. Die Hofhaltung des Fürsten brachte für die kommenden zwei Jahrhunderte eine neue, breit gefächerte Arbeitswelt, u. a. mit Perückenmachern, Trüffeljägern und Sänftenträgern hervor. Im selben Jahr wurde eine landesherrliche Botenpost von Bayreuth nach Coburg eingerichtet, wo sie an die Kaiserliche Reichspost Frankfurt–Leipzig angeschlossen war. 1682 wurde, unter Taxischer Verwaltung, das Kaiserliche Reichspostamt Bayreuth gegründet und 1738 zunächst in die Friedrichstraße („Postei“), 1742 dann in die Marck Gaß (heutige Maximilianstraße 16) verlegt. mini|Altes Schloss Das 1440 bis 1457 unter dem Markgrafen Johann dem Alchemisten erbaute erste Hohenzollernschloss, der Vorläufer des heutigen Alten Schlosses, wurde vielfach aus- und umgebaut. Nach dem Tod Christians folgte ihm 1655 sein Enkel Christian Ernst nach, der 1664 das Gymnasium Illustre (späteres Gymnasium Christian-Ernestinum) stiftete und 1683 an der Befreiung des von den Türken belagerten Wiens beteiligt war. Um an diese Tat zu erinnern, ließ er sich den Markgrafenbrunnen, der heute vor dem Neuen Schloss steht, als Denkmal fertigen, auf dem er als Türkensieger dargestellt ist. In dieser Zeit wurde der äußere Ring (Zwingermauer)Wenn Efeu die Stadtmauer hält. In: Nordbayerischer Kurier vom 1. September 2021, S. 8. der Stadtmauer errichtet und die (alte) Schlosskirche erbaut. Erstmals im Jahr 1585 wurde in Bayreuth ein Viehmarkt schriftlich erwähnt, im Dreißigjährigen Krieg kamen die Wochen-, Jahr- und Viehmärkte jedoch zum Erliegen. Im ersten Friedensjahr 1648 ordnete Markgraf Christian ihre Wiedererrichtung an. Ab 1715 durfte die Stadt jährlich vier Ross- und Viehmärkte sowie zehn „gemeine“ Viehmärkte abhalten.Albin Schwarz: Von Viehmärkten und jüdischen Viehhändlern. In: Heimatkurier. 3/1997 des Nordbayerischen Kuriers, S. 10 f. Im Jahr 1605 vernichtete ein durch Nachlässigkeit entstandener großer Stadtbrand 137 von 251 Häusern, 1621 folgte ein weiterer großer Stadtbrand, dem auch das Rathaus auf dem Marktplatz zum Opfer fiel. Anfang des 17. Jahrhunderts wurde die erste städtische Wasserleitung gebaut. Die Quellfassung wurde 1611 fertiggestellt, das Wasser floss in hölzernen Rohren vom Oberen Quellhof beim Röhrensee in zunächst vier Brunnen der Stadt.Kurt Herterich: Im südöstlichen Bayreuth, S. 53. Beim großen Stadtbrand des Jahres 1621 ging die Bayreuther Schützenordnung aus der Mitte des 15. Jahrhunderts verloren. 1623 trat eine neue Schützenordnung in Kraft; in jenem Jahr wurde mit der Schützengilde der älteste Bürgerverein der Stadt ins Leben gerufen.Schützen: Bayreuths ältester Bürgerverein in: Heimatkurier 2/1998 des Nordbayerischen Kuriers, S. 12. Durch Plünderungen in der Endphase des Dreißigjährigen Kriegs, der die Stadt um nahezu 30 Prozent entvölkerte,Jörg Maier, Michael Stettberger u. a.: Bayreuth. Eine Stadt verändert ihr Gesicht, S. 15. hatte Bayreuth schwer zu leiden. Dank der Neutralitätspolitik des Markgrafen Christian hatte es bis 1630 danach ausgesehen, als könne das Fürstentum aus dem Kriegsgeschehen herausgehalten werden. Nach dem Eingreifen der Schweden schloss er sich 1631 dem protestantischen Lager an; den Umstand, dass Bayreuth für die Kaiserlichen nun Feindesland war, bekam die Stadt in den folgenden drei Jahren mit äußerster Härte zu spüren. Am 20. September 1632 wurde sie auf Befehl Wallensteins besetzt, geplündert und gebrandschatzt. 1633 ließ der bayerische General Johann von Werth die Vororte niederbrennen, 1634 beschossen die Truppen des Generals von der Wahl Bayreuth mit Kanonen. Im Jahr darauf schloss sich der Markgraf dem Prager Frieden an, fortan war die Stadt jedoch für Schweden und Franzosen feindliches Gebiet. Durchzüge, Stationierungen und Einquartierungen deren Truppen belasteten die Einwohner. Erst 1642 kehrte Markgraf Christian mit seiner Hofhaltung nach Bayreuth zurück.Karl Müssel: Bayreuth in acht Jahrhunderten, S. 67 f. In den 1680er Jahren begann Markgraf Christian Ernst, Hugenotten als Religionsflüchtlinge in sein Land zu holen. Ab 1686 kamen, vor allem aus Südfrankreich, Handwerker und Gewerbetreibende nach Bayreuth und gründeten dort in jenem Jahr die erste französisch-reformierte Kirchengemeinde.Barbara Dölemeyer: Die Hugenotten. W. Kohlhammer, Stuttgart 2006, ISBN 978-3-17-018841-9, S. 140 (). 18. Jahrhundert – Kulturelle Blüte zur Zeit der Markgrafen mini|hochkant|Johann Adam Riedigers „Carte spéciale de la résidence de Bareuth“ aus dem Jahr 1745 (Ausschnitt) mini|Markgräfliches Opernhaus mini|Markgrafenbrunnen vor dem Neuen Schloss Anfang des 18. Jahrhunderts wurde die – 1945 zerstörte – Mainkaserne errichtet. Christian Ernsts Nachfolger, der Erbprinz und spätere Markgraf Georg Wilhelm von Brandenburg-Bayreuth, begann 1701 mit der Anlage der damals selbstständigen Stadt Sankt Georgen am See (heutiger Stadtteil St. Georgen, 1811 nach Bayreuth eingemeindet), mit dem sogenannten Ordensschloss, einem Rathaus, einem Gefängnis und einer kleinen Kaserne. Er ließ den dortigen Brandenburger Weiher vergrößern, auf dem er Seeschlachten inszenieren ließ.Bernd Mayer: Kleine Bayreuther Stadtgeschichte, S. 46. 1705 stiftete er den Orden der Aufrichtigkeit (ordre de la sincérité), der 1734 in Roter-Adler-Orden umbenannt wurde, und ließ die Ordenskirche erbauen, die 1711 vollendet wurde. 1716 wurde in St. Georgen eine fürstliche Fayencemanufaktur eingerichtet. Im September 1722 erließ der Markgraf eine neue Religionsordnung, die es den wenigen Katholiken in seiner Residenzstadt Bayreuth wieder erlaubte, ihre Religion und Rituale wie Taufen, Hochzeiten und Gebete auszuüben – jedoch im Verborgenen und außerhalb der Stadtmauern.Martin Droschke: Georg Wilhelm, Markgraf von Brandenburg-Bayreut, erlässt heute eine neue Religionsordnung. In: Franken 2024. Franken-Wissen für das ganze Jahr. Emons Verlag, Köln 2023, ISBN 978-3-7408-1797-8, Blatt 10. September. Das erste Schloss im Park der Eremitage wurde 1715 bis 1719 von Markgraf Georg Wilhelm errichtet. Als Ersatz für das 1440 in der Mitte des Marktplatzes erbaute und bei einem der Stadtbrände zerstörte Rathaus erwarb der Stadtrat 1721 das Palais der Baronin Sponheim (das heutige Alte Rathaus). 1729 ließ Markgraf Georg Friedrich Karl die Fleischbänke am Marktplatz abreißen und für 3000 Gulden 35 neue Bänke an der Außenseite der Stadtmauer, westlich des Mühltürleins, errichten. Im Jahr 1735 wurde durch eine private Stiftung ein Altenheim, das sogenannte Gravenreuther Stift, in St. Georgen gegründet. Die Kosten für das Gebäude überschritten zwar die Mittel der Stiftung, jedoch sprang hierfür Markgraf Friedrich ein. Einen Höhepunkt der Stadtgeschichte erlebte Bayreuth in der Regierungszeit (1735–1763) des Markgrafenpaares Friedrich und Wilhelmine, die auch als „Lieblingsschwester Friedrichs des Großen“ bezeichnet wird. Unter der städtebaulichen Gesamtplanung Johann Friedrich Graels, der 1736 als Baudirektor von Bayreuth berufen wurde, begann eine ausgreifende Baulust das Gesicht der Residenzstadt zu verändern. Eine Verordnung des 1735 eingerichteten Hofbauamts gewährte allen große Vergünstigungen, die „nach einem vorher examinierten Ris zu bauen gesonnen, um dadurch der Stadt eine Zierde zu geben“ waren. Die alten finsteren Torhäuser wurden abgerissen, da sie den Verkehr behinderten und verteidigungstechnisch veraltet waren. Auch die Stadtmauern wurden an einigen Stellen überbaut. Nach dem Tod Graels im Jahr 1740 berief Wilhelmine den in Paris ausgebildeten Architekten Joseph Saint-Pierre an den Bayreuther Hof. 1743 verpflichtete Markgraf Friedrich den Kartografen Johann Adam Riediger als Ingenieurhauptmann; dessen erster Auftrag war die Erarbeitung eines Plans der Residenzstadt Bayreuth und deren Umgebung, den er 1745 unter dem Titel „Carte spéciale de la résidence de Bareuth“ vorlegte. Heute wird diese erhalten gebliebene Karte als Riediger-Plan bezeichnet.Karl Müssel: Bayreuth in acht Jahrhunderten, S. 115. In den folgenden Jahren entstanden unter Leitung der Hofarchitekten Joseph Saint-Pierre und Carl von Gontard zahlreiche repräsentative Bauten und Anlagen: das Markgräfliche Opernhaus als reich ausgestattetes Barocktheater (1744–1748), die Umgestaltung und Erweiterung der Eremitage mit dem Bau des Neuen Eremitage-Schlosses mit Sonnentempel (1749–1753), der Bau des Neuen (Stadt-)Schlosses mit Hofgarten (ab 1753), nachdem das Alte Schloss durch Unachtsamkeit des Markgrafen ausgebrannt war, sowie die prächtige Stadterweiterung in der heutigen Friedrichstraße. Es entstand eine eigenständige Variante des Rokoko, das sogenannte Bayreuther Rokoko, das vor allem die Innenarchitektur der erwähnten Bauten bestimmte. Markgraf Friedrich hielt sein Fürstentum aus den zu dieser Zeit wütenden Kriegen seines Schwagers Friedrichs des Großen erfolgreich heraus und bescherte dadurch dem Fränkischen Reichskreis eine Friedenszeit. mini|Friedrichstraße 1742 kam es zur Gründung der Friedrichs-Akademie, die 1743 zur Universität erhoben, jedoch wegen der ablehnenden Haltung der Bevölkerung nach schweren Ausschreitungen noch im selben Jahr nach Erlangen verlegt wurde. Dort besteht sie als Universität bis heute. Von 1756 bis 1763 bestand in Bayreuth auch eine Akademie der freien Künste und Wissenschaften, die durch die Italienreise des Markgrafenpaares initiiert war. Die Katholiken erhielten das Recht, ein Oratorium einzurichten, und auch jüdische Familien siedelten sich wieder an. 1760 wurde die Synagoge und 1787 der jüdische Friedhof eingeweiht. Die Markgräfin Wilhelmine starb 1758. Markgraf Friedrich heiratete zwar noch einmal, diese Ehe bestand aber nur kurz und blieb ohne Nachkommen. Nach dem Tod Friedrichs im Jahr 1763 wanderten viele Künstler und Kunsthandwerker nach Berlin bzw. Potsdam ab, um für den preußischen König Friedrich den Großen zu arbeiten, denn der Nachfolger Markgraf Friedrichs, Markgraf Friedrich Christian, hatte wenig Verständnis für die Kunst. Es fehlten ihm aber auch die Mittel, denn der aufwendige Lebensstil des Vorgängers, die Bauten und die Gehälter für die meist ausländischen Künstler hatten viel Geld verschlungen. So war der Hofstaat, der unter Georg Friedrich Karl rund 140 Personen umfasst hatte, bis zum Ende der Regierung des Markgrafen Friedrich auf ca. 600 Beschäftigte angewachsen.E. Hübschmann u. a.: Bayreuth – umgeguckt und hinterfragt. Bumerang Verlag, Bayreuth 1992. 1769 stand das Fürstentum kurz vor dem Bankrott. 1769 folgte auf Friedrich Christian Markgraf Karl Alexander aus der Ansbacher Linie der fränkischen Hohenzollern. Bayreuth sank zu einer Nebenresidenz ab. Karl Alexander residierte weiterhin in Ansbach und kam nur selten nach Bayreuth. Um seine hohen Schulden begleichen zu können, stellte der Markgraf den Engländern im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg zwei Regimenter, eine Artillerieabteilung und eine Jägerkompanie zur Verfügung (→ Deutsche Beteiligung am Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg). Mehr als 2300 Männer aus seinen Bayreuther und Ansbacher Territorien wurden unter Androhung standrechtlicher Todesurteile zum Kriegsdienst in den Dreizehn Kolonien gezwungen, nur 1379 kehrten zurück. 1788 verlieh Karl Alexander erneut 1500 Soldaten, die für die Generalstaaten der Niederlande auf Java kämpfen mussten. Im Jahr 1775 wurde der Brandenburger Weiher in Sankt Georgen trockengelegt. 1789 verbot eine markgräfliche Verordnung „bey Strafe für die Reichen von 10 Reichstalern, für die Armen von vierwöchentlicher Zuchthausstrafe“, an Pfingsten und Weihnachten Bäume aufzustellen. Erst mit dem Beginn der preußischen Herrschaft wurde das „Christbaumverbot“ aufgehoben.Christbaumverbot in Bayreuth in: Nordbayerischer Kurier von Weihnachten 2024, S. 12. Nach dem Verzicht des letzten Markgrafen Karl Alexander auf die Fürstentümer Ansbach und Bayreuth am 2. Dezember 1791 wurden seine Gebiete preußische Provinz. Der preußische Minister Karl August Freiherr von Hardenberg übernahm ab Anfang 1792 die Verwaltung. Im März 1792 wurde ein Füsilierbataillon von Halle nach Bayreuth verlegt, das damit preußische Garnisonsstadt wurde. Als königlicher Beauftragter für das Bergwesen der beiden Fürstentümer kam in jenem Jahr Alexander von Humboldt in die Stadt, wo er – mit Unterbrechungen – bis 1796 lebte.Karl Müssel: Bayreuth in acht Jahrhunderten, S. 127 f. Nach dem Vorbild englischer Gentlemen’s Clubs wurde 1796 die „Ressource“ gegründet, deren Mitglieder sich im obersten Stock des Rathauses zu Gesprächen, Lektüre und Spielen trafen. Nach Streitigkeiten innerhalb der eigenen Reihen gründeten 54 Mitglieder 1803 eine neue Gesellschaft mit dem Namen „Harmonie“. 1805 erwarb diese das von Gontard erbaute Palais d’Adhémar am Schloßberglein, das in der Folge als Harmoniegebäude bezeichnet wurde.Karl Müssel: Bayreuth in acht Jahrhunderten, S. 130. Im Mai 1800 traten erstmals Bayreuther Arbeiter in den Ausstand: Maurer und Zimmergesellen streikten in jener Zeit allgemeiner Teuerung gegen die als zu niedrig empfundene angebotene Lohnerhöhung auf nur 21 statt der geforderten 30 Kreuzer.Bernd und Gerda Mayer: Arbeiten und Leben in Bayreuth, S. 19. 19. Jahrhundert – Das Fürstentum Bayreuth wird bayerisch mini|Blick auf Bayreuth ca. 1850 mini|hochkant|Camille de Tournon Die Herrschaft der Hohenzollern über das Fürstentum Kulmbach-Bayreuth endete im Jahre 1806 nach der Niederlage Preußens gegen das napoleonische Frankreich. Als Preußen im Sommer 1806 Frankreich den Krieg erklärte, war das Fürstentum nahezu schutzlos Napoleon und dessen bayerischen Verbündeten ausgeliefert. Am 7. Oktober besetzte Marschall Soult, über die Dürschnitz kommend, mit 30.000 Mann die Stadt. Am 8. Oktober erschien Marschall Ney mit 18.000 Soldaten, tags darauf marschierte die erste bayerische Division ein. Zwangseinquartierungen, Requirierungen, Plünderungen und gewaltsame Übergriffe versetzten die Bevölkerung in Angst und Schrecken. Mit Etienne Le Grand de Mercey erhielt die Stadt einen Militärgouverneur, der mit harter Hand regierte.Camille de Tournon: Statistique der la Province de Bayreuth, S. 137 (französisch). Napoleon betrachtete das Fürstentum Bayreuth als Pays réservé, ein Gebiet, das er sich für zukünftige Tauschhandlungen in Reserve hielt und über das er frei verfügen konnte. Während der französischen Besetzung von 1806 bis 1810 galt Bayreuth als Provinz des französischen Kaiserreichs und musste hohe Kriegskontributionen zahlen. Gefordert wurden 2,5 Millionen Franc „in möglichst kurzer Zeit“.Rainer Trübsbach: Geschichte der Stadt Bayreuth, S. 153. Ab dem 14. November 1806 stand das Fürstentum unter der Verwaltung des Comte Camille de Tournon, der eine ausführliche Bestandsaufnahme des damaligen Fürstentums Bayreuth verfasste. Er bezeichnete Bayreuth als „eine der hübschesten Städte Deutschlands“.Camille de Tournon: Statistique de la Province de Bayreuth (Herausgeber: Historischer Verein für Oberfranken, übersetzt von Bettina Schiller), S. 4. Im Juni 1809 wurde die Stadt von österreichischen Truppen besetzt, die den Franzosen im Juli aber wieder weichen mussten. mini|Bahnhofsgebäude von 1856, rechts davon die Einsteighalle, dahinter die Mechanische Baumwoll-Spinnerei Am 30. Juni 1810 übergab die französische Armee das ehemalige Fürstentum an das mittlerweile zum Königreich aufgestiegene Bayern, das es für 15 Millionen Franc von Napoleon Bonaparte gekauft hatte.Karl Müssel: Bayreuth in acht Jahrhunderten, S. 139. Damals zählte Bayreuth etwa 12.000 Einwohner. Seitens der Bevölkerung wurde der politische Übergang an Bayern keineswegs mit Jubel aufgenommen. Hoffnung auf mehr Freiheit und Gleichheit hegten die Bürger der Stadt nicht. Noch war Napoleon auf der Höhe seiner Macht und der bayerische König sein Verbündeter.Karl Müssel: Bayreuth in acht Jahrhunderten, S. 141. Bayreuth wurde Kreishauptstadt des bayerischen Mainkreises, der später in den Obermainkreis überging und 1837 in Regierungsbezirk Oberfranken umbenannt wurde. Die bisher protestantische Schlosskirche wurde katholisch und das Oratorium profaniert. mini|Büste Richard Wagners im Festspielpark mini|Richard-Wagner-Festspielhaus mini|Haus Wahnfried mit Richard-Wagner-Museum mini|hochkant|Opernstraße 22 mit Textilgeschäft Kurzmann, 1894 Mit der Übernahme durch die Bayern wurde die Stadt bayerische Garnison. Als Infanteriekaserne diente zunächst die 1945 zerstörte Mainkaserne, die Kavallerie war am Geißmarkt untergebracht. Mitte des 19. Jahrhunderts waren in der 15.000 Einwohner zählenden Stadt 5000 Soldaten stationiert.Bernd Mayer: Bayreuth wie es war, 2. Auflage, S. 19 ff. Vor der folgenden Jahrhundertwende wurde mit dem Bau des Kasernenviertels am südlichen Stadtrand begonnenKarl Müssel: Bayreuth in acht Jahrhunderten, S. 181 f. und die Truppen wurden bis 1903 dorthin verlegt. Napoleon Bonaparte kam mit seiner Gemahlin Maria Louise am 15. Mai 1812 in die Stadt. Von der Bevölkerung wurde er ohne Jubel begrüßt, das Vorhaben eines ortsansässigen Kaufmanns, ihn in die Luft zu sprengen, schlug fehl.Rainer Trübsbach: Geschichte der Stadt Bayreuth, S. 155. Da ihm in jener Nacht im Neuen Schloss das Gespenst „Weiße Frau“ erschienen sei, verzichtete er bei seinem nächsten Aufenthalt am 3. August 1813 darauf, in Bayreuth zu übernachten.Bei ihm wohnte ein Gespenst in: Nordbayerischer Kurier vom 23. Dezember 2024, S. 12. 1810 wurden in der Stadt 561 Juden gezählt. Im Geist der Aufklärung hatte die markgräfliche Politik im 18. Jahrhundert dafür gesorgt, dass sich die jüdische Bevölkerung Bayreuths leidlich sicher fühlen konnte. Das bayerische Judenedikt des Jahres 1813 verbesserte ihre rechtliche Stellung. Im Rahmen der Hep-Hep-Krawalle kam es im August 1819 auch in Bayreuth zu antijüdischen Ausschreitungen.Die Hep-Hep-Krawalle von 1819 bei heinrich-heine-denkmal.de, abgerufen am 25. Mai 2024 1814 besuchte mit Sigismund Kohn erstmals ein jüdisches Kind das örtliche Gymnasium. Der Bayreuther Koppel Herz studierte ab 1835 Medizin, 1854 wurde ihm jedoch die Habilitation zunächst verweigert. Erst 1869 wurde er als erster Jude ordentlicher Professor in Bayern. Nach der Aufhebung des Zunftzwangs im Jahr 1868 konnten die Juden, die bislang vorwiegend als Händler tätig waren, auch handwerkliche Berufe ergreifen.Rainer Trübsbach: Geschichte der Stadt Bayreuth, S. 303 ff. Durch die kurze preußische Herrschaft und die französische Besetzung hatte Bayreuth eine schlechte Ausgangslage für die aufkommende Industrialisierung, die in der ganzen Region eher verspätet eintrat, was unter anderem auch an der Konkurrenz anderer Regionen lag. Ein Vorteil Bayreuths war die günstige Lage an verschiedenen Fernstraßen. Auch der Anschluss an die Eisenbahn 1853 brachte eine positive Entwicklung mit sich, wenngleich aus Bayreuth nie eine bedeutende Industriestadt wurde.Rainer Trübsbach: Geschichte der Stadt Bayreuth, S. 175 und 178. 1855 gab es in der Stadt erstmals ein Schaufenster, 1866 nannte das Bayreuther Tagblatt die noch immer nicht gepflasterte Jägerstraße (heutige Bahnhofstraße) als verkehrsreichste Straße der Stadt „über alle Beschreibung erbärmlich“. Das erste Unternehmen in Bayreuth war ab 1834/35 die Zuckerfabrik Theodor Schmidts im Stadtteil Sankt Georgen. Am wichtigsten war für Bayreuth jedoch die Textilindustrie. Sophian Kolb gründete 1846 die erste mechanische Flachsspinnerei, 1853 entstand die Mechanische Baumwollspinnerei.Jörg Maier, Michael Stettberger u. a.: Bayreuth. Eine Stadt verändert ihr Gesicht, S. 16. 1894 eröffnete Friedrich Christian Bayerlein einen Betrieb, zudem gründeten Carl Schüller und Otto Rose 1889 die Neue Baumwollspinnerei.Rainer Trübsbach: Geschichte der Stadt Bayreuth, S. 180–183. Bis weit ins zwanzigste Jahrhundert hinein blieben die Spinnereien das industrielle Standbein der Stadt.Bernd Mayer: Bayreuth im zwanzigsten Jahrhundert, S. 51. Zu den 33 Fabriken, die 1889 gezählt wurden, gehörten aber auch eine Möbelfabrik mit 300 Beschäftigten, eine Ofenfabrik mit 100 Arbeitern und mit der Firma Steingraeber Bayerns größte Pianoforte-Fabrik.Bernd Mayer: Bayreuth wie es war, S. 50. 1825 wurden die Zünfte in Gewerbevereine umgewandelt und verloren viele ihrer Privilegien. 1868 brachte das Gesetz über das Gewerbewesen schließlich volle Gewerbefreiheit. In der Folge entstanden freie Handwerker-Innungen, so 1878 die Bayreuther Fleischer-Innung. Bis Ende 1869 waren die Metzger gezwungen, ihre Ware zu festgesetzten Preisen an den Fleischbänken zu verkaufen. Im November 1870 zeigte erstmals ein Metzgermeister die Absicht an, in seinem Haus in der Ziegelgasse (heutige Badstraße) „ein eigenes Locale“ einzurichten, und bald darauf eröffneten weitere Metzger eigene Läden. Eine besondere Stellung nimmt in Bayreuth bis heute die Bierbrauerei ein. Für lange Zeit hatten vor allem die Bäcker das Brauen übernommen; 1860 gründeten Bäcker die Genossenschaftsbrauerei Bürger-Bräu und brauten gemeinsam in einem KommunbrauhausSchinner/Bürgerbräu bei bier-scout.de, abgerufen am 23. Mai 2022 an der Erlanger Straße.Bernd und Gerda Mayer: Arbeiten und Leben in Bayreuth, S. 76. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden zunehmend industrielle Brauereien, wie die 1872 gegründete Bierbrauerei AG und die 1887 eröffnete Brauerei der Gebrüder Maisel, die bis heute die beiden wichtigsten Brauereien in Bayreuth sind.Rainer Trübsbach: Geschichte der Stadt Bayreuth, S. 186 f. 1852 wurde im Alten Schloss eine Königlich Bayerische Telegraphenstation eingerichtet, die die Stadt mit Bamberg verband. 1859 wurde sie in das 1945 zerstörte alte Bahnhofsgebäude verlegt, 1874 dann in die Maximilianstraße 80. Der Fabrikbesitzer Sophian Kolb erhielt 1870 eine erste private Telefonleitung zum Bahnhof. 1891 ging das örtliche Fernsprechnetz mit anfangs 35 Abonnenten in Betrieb. Eine Fernsprechverbindung mit Nürnberg wurde 1892 und mit München zwei Jahre später in Betrieb genommen.Rainer Trübsbach: Geschichte der Stadt Bayreuth, S. 189. Anfang des 20. Jahrhunderts waren bereits 250 „Sprechstellen“ im Stadtgebiet an die „Stadtfernsprecheinrichtung“ angeschlossen und wurden von den „Fräulein vom Amt“ verbunden.Bernd und Gerda Mayer: Arbeiten und Leben in Bayreuth, S. 61. In den Jahren 1852/1853 wurde neben der Ziegelhütte südlich des Hofgartens von einer Aktiengesellschaft eine Gasfabrik errichtet. Sie verarbeitete zunächst Holz und ab 1864 Steinkohle.Karl Müssel: Bayreuth in acht Jahrhunderten, S. 263. 1890 wurde die Anlage von der Stadt übernommen. Nach dem Anschluss an die Ferngasversorgung wurde das Gaswerk Anfang März 1965 stillgelegt und im Oktober jenes Jahres abgebaut.Ende der Bayreuther Gaserzeugung. In: Nordbayerischer Kurier. 2. März 2015, S. 10. Bereits in den 1850er Jahren ließ der Magistrat die Fettöl-Laternen über den Straßen durch eine Gasbeleuchtung ersetzen. Am 30. April 1853 wurden die ersten Gaslaternen der Stadt angezündet. Ein erster Abwasserkanal wurde 1857 für die Maximilianstraße gebaut, dann folgte die Kanalisation der Jägerstraße und des Bahnhofsplatzes; 1877 waren fast alle Straßen in das Abwassernetz eingebunden.Rainer Trübsbach: Geschichte der Stadt Bayreuth, S. 225. Auf der „Henkersau“ am Mistelbach wurde am 13. September 1855 erstmals ein zum Tode Verurteilter mit der Guillotine statt durch Köpfen mit dem Schwert hingerichtet.Bernd Mayer: Eisenbahn, Industrie und Gaslaternen in: Heimatkurier 2/1997 des Nordbayerischen Kuriers, S. 6 f. Bei der Erschließung Bayerns durch die Eisenbahn wurde die Hauptlinie von Nürnberg nach Hof (Ludwig-Süd-Nord-Bahn) an Bayreuth vorbeigelegt, sie führt über Lichtenfels, Kulmbach und Neuenmarkt-Wirsberg nach Hof. Anschluss an das Schienennetz erhielt Bayreuth erst 1853, als die auf Kosten der Stadt Bayreuth errichtete Pachtbahn (von Neuenmarkt)Robert Zintl: Bayreuth und die Eisenbahn. S. 17 ff. eingeweiht wurde. Ihr folgten 1863 die Ostbahn (von Weiden), 1877 die Fichtelgebirgsbahn von Nürnberg und 1896 die Lokalbahn nach Warmensteinach. Mit dem Bau eines soliden Stationsgebäudes wurde erst im August 1856 begonnen, fast drei Jahre nach der Eröffnung der Bahn. Bis 1879 erfolgte der Bau des heutigen Empfangsgebäudes. Das alte Gebäude wurde bis zu seiner Zerstörung im April 1945 unter anderem von der Königlich Bayerischen Post weitergenutzt.Robert Zintl: Bayreuth und die Eisenbahn, S. 107. Im Verlauf des Deutschen Kriegs wurde beim nahen Ort Seybothenreuth ein Bataillon des bayerischen Leib-Regiments von preußischen Truppen geschlagen. Damit geriet Bayreuth im Sommer 1866 vorübergehend wieder unter preußische Herrschaft, was Teilen der Bevölkerung und der örtlichen Tageszeitung offenkundig nicht deutlich genug missfiel. Magistrat und GemeindebevollmächtigteBis zum Ende der Monarchie in Bayern am 7. November 1918 bestand auf kommunaler Ebene ein Zwei-Kammer-System aus dem Magistrat und dem Kollegium der Gemeindebevollmächtigten. hatten anschließend Mühe mit der Schadensbegrenzung und versicherten ihrer „Majestät“, die Vertreter und Bewohner der Stadt seien „in keinem Augenblick vom Wege der Ehre und der Pflicht“ abgewichen. Um die als wankelmütig gescholtenen Bayreuther Untertanen wieder fester an die Krone Bayerns zu binden, stattete Ludwig II. im November 1866 der Stadt einen dreitägigen Besuch ab. mini|Bayreuth ca. 1878 – das Richard-Wagner-Festspielhaus („Wagner-Theater“) ist bereits gebaut, die neu angelegte Bahnstrecke nach Nürnberg ist noch nicht eingezeichnet Am 17. April 1870 besuchte Richard Wagner Bayreuth, weil er vom markgräflichen Opernhaus gelesen hatte, dessen große, vor allem aber tiefe Bühne ihm für seine Werke passend schien. Allerdings konnte der Orchestergraben die große Anzahl der Musiker beispielsweise beim Ring des Nibelungen nicht fassen, und auch das Ambiente des Zuschauerraums erschien für das von ihm propagierte „Kunstwerk der Zukunft“ unpassend. Deshalb trug er sich mit dem Gedanken, in Bayreuth ein eigenes Festspielhaus zu errichten. Die Stadt unterstützte ihn in seinem Vorhaben und stellte ihm ein Grundstück zur Verfügung, eine unbebaute Fläche außerhalb der Stadt zwischen Bahnhof und Hoher Warte, den Grünen Hügel. Gleichzeitig erwarb Wagner ein Grundstück am Hofgarten zum Bau seines Wohnhauses, Haus Wahnfried. Am 22. Mai 1872 wurde der Grundstein für das Festspielhaus gelegt, das am 13. August 1876 feierlich eröffnet wurde (siehe Bayreuther Festspiele) – was Bayreuth zur ersten Festspielstadt Europas machte.Bernd Mayer: Bayreuth wie es war, S. 43. Planung und Bauleitung lagen in den Händen des Leipziger Architekten Otto Brückwald, der sich schon beim Bau von Theatern in Leipzig und Altenburg einen Namen gemacht hatte. In den 1840er Jahren hatte der Jean-Paul-Verein eine „Kinderrettungsanstalt“ gegründet, in der um 1860 etwa 35 Kinder „dem materiellen und sittlichen Elend entzogen“ wurden. Die Stiftung des Magistratsrats Christoph Friedrich Leers schuf die materielle Basis für ein Waisenhaus. Die Anfang 1859 ins Leben gerufene Initiative Bayreuther Damen zur Unterstützung „verschämter Hausarmer“ zählte Ende jenes Jahres bereits über 600 Mitstreiterinnen. In jener Zeit blühte das Vereinswesen auf, vom Musik-Dilettantenverein über den Polytechnischen Verein für naturwissenschaftlich Wißbegierige bis zum Leichenverein der Livree-Dienerschaft wurden viele Neigungen abgedeckt. 1861 entstand der Turnverein, der 1864 bereits über 400 Mitglieder zählte und eine erste Feuerwehr ins Leben rief. 1863 wurde der Bayreuther Arbeiterverein, der zunächst keine politischen Ziele formulierte, gegründet, um die „geistige Bildung und sittliche Kräftigung“ seiner Mitglieder „in christlichem Sinne fruchtbar“ zu machen. Die sozial Schwachen jener Zeit meldeten sich nur selten und in unterwürfiger Sprache zu Wort. Um 1870 schlossen sich dann die Tischler, Maurer, Steinhauer und Schneider zu Fachvereinen mit gewerkschaftlichem Kampfcharakter zusammen. Im Mai 1871 konnten die Schneidergesellen eine Lohnsteigerung von 25 % aushandeln. Otto von Bismarcks repressives Sozialistengesetz schränkte ab 1878 den Aktionsradius der Bayreuther Proletarier wieder stark ein. Selbst die Arbeiterliedertafel wurde zum politischen Verein erklärt und aufgelöst. 1885 wurde unter dem Namen „Verein zur Erzielung volkstümlicher Wahlen“ ein Wahlverein der SPD gegründet. Dessen Mitglieder wurden schon wegen harmloser Äußerungen wie dem Zitieren von Bibelversen ins Gefängnis gesteckt.Bernd Mayer: Bayreuth wie es war, S. 38. Bei der Reichstagswahl des Jahres 1890 erhielt im Stadtgebiet mit dem Landgerichtsrat Heinrich Stoll von der Deutsch-Freisinnigen ParteiBernd Mayer: Bayreuth im zwanzigsten Jahrhundert, S. 57. erstmals ein von den Sozialdemokraten unterstützter Kandidat die Mehrheit der Stimmen. Nur die konservativ eingestellte Bevölkerung der Dörfer rettete im Wahlkreis Oberfranken 2 das Reichstagsmandat des Wagner-Intimus Friedrich Feustel. Nicht besser erging es 1903 dem SPD-Kandidaten Karl Hugel, der sich in der Stadt mit großem Vorsprung durchsetzte (im Stadtteil Altstadt 84 % Stimmanteil) und die Wahl dennoch verlor.Bernd Mayer: Der Bauverein macht Stadtgeschichte. In: 90 Jahre Bauverein Bayreuth, S. 11 ff. Am 1. Mai 1890 legten die Weber der Mechanischen Baumwoll-Spinnerei die Arbeit nieder und zogen „in geschlossenen Haufen“ durch die Stadt. Nach den vielen Jahren Bismarckscher Repression wurde damit erstmals der im Vorjahr in Paris ausgerufene „Weltkampftag“ des Proletariats in Bayreuth begangen.Bernd Mayer: Der 1. Mai – Feiertag im Sturm der Zeiten in: Heimatkurier 4/1996 des Nordbayerischen Kuriers. S. 3 f. 1895 wurde Bismarck die Ehrenbürgerwürde der Stadt verliehen.Bernd Mayer: Bayreuth wie es war, S. 53. Der Bayreuther Schlossermeister August Hensel erhielt bei der Weltausstellung in Wien des Jahres 1873 für eine von ihm entwickelte Nähmaschine eine Goldmedaille.Bernd Mayer: Bayreuths Auto- und Fahrradpioniere in: Heimatkurier 2/2011 des Nordbayerischen Kuriers, S. 10 f. Im Jahr 1876, dem ersten Jahr der Bayreuther Festspiele, wurde an der Mainkaserne das erste öffentliche Pissoir der Stadt errichtet. Das erste öffentliche Toilettenhaus auch für Frauen wurde erst 1911 am Luitpoldplatz eröffnet.Ein schwieriges Geschäft in: Nordbayerischer Kurier vom 22. September 2021, S. 9. Die erste elektrische Straßenbeleuchtung wurde versuchsweise 1887 und dauerhaft 1893 installiert. Den Strom lieferte das Pumpwerk im C’est-bon-Tal am südlichen Ende des Röhrensees. 1894 verbot die Stadt das Schlittschuhlaufen auf öffentlichen Straßen. Im Januar 1896 klagte die Lokalpresse, dass die Jugend diese Vorschrift nicht ernst nähme und „unbekümmert“ Passanten umremple.Bernd Mayer: Als das Rodelfieber die Bayreuther erfasste in: Heimatkurier 1/1996 des Nordbayerischen Kuriers, S. 13. Der Fahrradhändler Conrad Hensel bot 1896 erstmals einen Radfahrkurs für Damen an, wogegen zahlreiche sittliche und gesundheitliche Bedenken vorgebracht wurden. Im November 1899 wurde das großstädtisch anmutende Kaufhaus Friedmann (1939 abgerissen) an der unteren Opernstraße eröffnet.Bernd Mayer: Bayreuth im zwanzigsten Jahrhundert, S. 19. mini|Bayreuth um 1900 1894 schrieb das Bayreuther Tagblatt über den teilweise gesundheitsgefährdenden Zustand der Arbeiterwohnungen (von der Zeitung als „wahre Diphtherie-Höhlen“ bezeichnet) sowie deren eklatanten Mangel. Am 8. April 1894 gründeten Arbeiter der Rose’schen Zuckerfabrik eine Konsumgenossenschaft, die nach wenigen Wochen bereits 240 Mitglieder zählte. Angesichts der neuen, unberechenbaren Konkurrenz warnten örtliche Kaufleute in der Tageszeitung „eindringlich“ vor dieser „überflüssigen“ Initiative. Erste Streiks hatten die Arbeitgeber mit Druck und Drohgebärden noch schnell im Griff. So mussten im Juli 1896 Streikende der Ofenfabrik Seiler unter demütigenden Umständen den Rückzug antreten und erklären, sich nie wieder einem Fachverein (d. h. einer Gewerkschaft) anzuschließen. Der „Hauptagitator und dessen Helfershelfer“ wurden entlassen. Am 14. März 1897 konstituierte sich das Bayreuther Gewerkschaftskartell, was im Rathaus Alarmstimmung auslöste. Bürgermeister Theodor von Muncker veranlasste, dass das Kartell „in unauffälliger Weise“ überwacht wurde.Bernd Mayer: Bayreuth im zwanzigsten Jahrhundert, S. 61 f. 20. Jahrhundert Bis zum Ende der Weimarer Republik (1900–1933) mini|Zentralhalle um 1900 mini|1902 fertiggestelltes Hauptgebäude der Versicherungsanstalt für die Invalidenversicherung (spätere LVA) Zwischen 1840 und 1900 hatte sich die Einwohnerzahl auf über 27.000 verdoppelt. Das erste Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts brachte der Stadt mehr Streiks als je zuvor oder danach. Die Arbeiter kämpften um eine gerechte Entlohnung und den Achtstundentag. Das Gewerkschaftskartell forderte 1900 eine Anhebung des ortsüblichen Tageslohns von 1,50 auf 2,50 Mark, was der Magistrat kompromisslos ablehnte. Um gegen die immer stärker werdende Gewerkschaftsbewegung besser gewappnet zu sein, gründeten 25 Bauunternehmer im Mai 1902 einen Arbeitgeberverband, der zwei Monate später auf alle Gewerbe in Bayreuth und Umgebung ausgedehnt wurde. 1905 organisierten sich die örtlichen Hauseigentümer und stellten eine Schwarze Liste säumiger Mieter auf.Bernd Mayer: Bayreuth im zwanzigsten Jahrhundert, S. 62 f. In jenen Jahren wurde die Zentralhalle im Stadtteil Kreuz für viele Jahre gemeinsames Aktionspodium von Sozialdemokraten und Gewerkschaftern. Obwohl die Sozialdemokraten eine Mehrheit hinter sich hatten, blieben aufgrund des Gemeindewahlrechts, das die Arbeiter weitgehend vom kommunalen politischen Wirken ausschloss, die Gremien in konservativer Hand und waren selten zu Konzessionen bereit.Bernd Mayer: Bayreuth im zwanzigsten Jahrhundert, S. 15. Im Jahr 1900 wurde Leopold Casselmann zum rechtskundigen Bürgermeister gewählt, 1907 erhielt er den Titel Oberbürgermeister. Der erzkonservative Politiker der Nationalliberalen Partei, der die Stadt bis 1919 regierte, galt als Todfeind der Sozialdemokratie. mini|„Münzmühle“ an der Stelle des heutigen Iwalewahauses, um 1900 mini|hochkant|Königliche Filialbank mini|Blick über die Schlachthausbrücke zum unteren Markt (im Hintergrund die Spitalkirche), um 1910 Im Herbst 1901 wurden in der Schulstraße das städtische Arbeitsamt und eine Wärmehalle eröffnet. Am 1. April 1902 konnte die seit 1890 in Bayreuth angesiedelte Versicherungsanstalt für die Invalidenversicherung (spätere LVA) von bei der Kreisregierung angemieteten Räumen in ein repräsentatives Gebäude an der Leopoldstraße umziehen. 1903 erschien die erste Ausgabe der örtlichen SPD-Zeitung Fränkische Volkstribüne,Bernd Mayer: Bayreuth im zwanzigsten Jahrhundert, S. 20. am 31. August jenes Jahres wurde die stadtbildprägende Wohnungsbaugenossenschaft Bauverein gegründet. Pfingsten 1904 fand im Stadtteil Kreuz das 6. Bayerische Arbeiter-Sängerbundfest mit weit über fünftausend Besuchern statt.Bernd Mayer: Das große Fest der Arbeitersänger. In: Heimatkurier des Nordbayerischen Kuriers. 2/2004, S. 5. Am 1. Mai 1910 gab es am Mainflecklein erstmals eine machtvolle Maikundgebung der Bayreuther Arbeiterschaft.Bernd Mayer: Bayreuth im zwanzigsten Jahrhundert, S. 26.Bernd Mayer: „Hoch unser Tag, der 1. Mai“ in: Heimatkurier 2/2010 des Nordbayerischen Kuriers, S. 4 f. Im selben Jahr riefen die Gewerkschaften, nach der Erhöhung des Bierpreises von zehn auf elf Pfennig für das Seidla, zu einem Bierstreik auf, der sich über mehrere Monate hinzog.Bernd Mayer: Bayreuth im zwanzigsten Jahrhundert, S. 29. 1912 wurde mit Karl Hugel erstmals ein Bayreuther Sozialdemokrat in den Reichstag gewählt.Bernd Mayer: Bayreuth im zwanzigsten Jahrhundert, S. 25. Der Eintritt in das neue Jahrhundert war mit einigen Neuerungen der modernen Technik, aber auch im gesellschaftlichen Bereich, verbunden. Im Februar 1900 spielte in der Zentralhalle erstmals eine Damenkapelle. Am 7. März jenes Jahres wurde der „Verein Frauenarbeit“ eingetragen, der sich um die Nöte der Arbeiterfrauen kümmerte. Im Juli 1904 machte mit Elsa Großmann eine erste Bayreutherin das Abitur. Zu den Neuerungen des ersten Jahrzehnts gehörte auch das Damenbad, eine Schwimmanstalt an der Badstraße.Bernd Mayer: Bayreuth im zwanzigsten Jahrhundert, S. 10 f. 1910 wurde der 1. FC Bayreuth gegründet; 1912 gab es bereits vier weitere Fußballvereine, darunter den Arbeiterverein „Pfeil“ sowie den Verein „Wittelsbach“ mit königstreuen Mitgliedern. Bürgertum und Arbeiter gingen auch beim Radfahren und Turnen getrennte Wege.Bernd Mayer: Bayreuth wie es war, S. 74 ff. Im Juli 1900 brachte der Fahrradhändler Conrad Hensel das erste Auto nach Bayreuth und erhielt eine Fahrerlaubnis. Genau zwei Jahre später beschloss der Stadtrat das erste Tempolimit: zwölf Kilometer in der Stunde, in der Festspielzeit noch weniger. Im August 1905 verunglückte mit dem Brauereibesitzer Glenk erstmals ein Autofahrer schwer.Bernd Mayer: Mit „Auto-Heil“ in eine neue Zeit in: Heimatkurier 3/2000 des Nordbayerischen Kuriers, S. 15 f. Die Motorisierung erfolgte jedoch langsam, noch Anfang der 1920er Jahre reichten die Kraftfahrzeugkennzeichen II H 1 bis 69 aus.Bernd Mayer: Bayreuth im zwanzigsten Jahrhundert, S. 77. Ebenfalls 1900 entstand an der Herzogmühle ein erstes städtisches Elektrizitätswerk, am 20. Dezember 1909 ging dann ein Neubau am heutigen Berliner Platz in Betrieb. Im Juli 1907 kam erstmals ein von zwei Pferden gezogener „Kehrichtwagen“ als Vorgänger der modernen Müllabfuhr zum Einsatz, einheitliche Müllkübel wurden eingeführt. Im selben Jahr entstand das repräsentative Gebäude der Königlichen Filialbank (seit 2013 Iwalewahaus) an der Stelle der alten, 1903 abgebrannten „Münzmühle“.Sylvia Habermann, Bernd Mayer, Christoph Rabenstein: „Reichskristallnacht“. Das Schicksal unserer jüdischen Mitbürger. Eine Gedenkschrift der Stadt Bayreuth, 1988, S. 11.Der Name der ehemaligen Mühle am Mühlkanal bezieht sich auf deren Lage an der Münzgasse. 1908 wurde als „Theater lebender Fotographien“ mit dem „Central“ am Josephsplatz der erste Kinosaal eröffnet. Am Vormittag des 30. Mai 1909 überflog Ferdinand von Zeppelin mit einem Luftschiff die Stadt, was an jenem Pfingstsonntag die Menschen aus den Kirchen trieb und Begeisterungsstürme hervorrief. Bereits am 3. Juni wurde eine Straße nach Zeppelin benannt und jener bei einem Besuch in der Stadt zwei Tage später gefeiert. Im Juli 1912 wurde auf dem Exerzierplatz im Süden der Stadt erstmals eine Flugschau veranstaltet.Bernd Mayer: Bayreuth im zwanzigsten Jahrhundert, S. 27. 1904 gingen die Nebenbahn nach Hollfeld und 1909 die Lokalbahn über Thurnau nach Kulmbach in Betrieb.Robert Zintl: Bayreuth und die Eisenbahn. S. 81 und 96. Im Mai 1905 wurde im Stadtteil Kreuz das Städtische Krankenhaus eröffnet, das das düstere alte Spital an der Dammallee ersetzte.Bernd Mayer: Bayreuth im zwanzigsten Jahrhundert, S. 12. Der 620.000 Mark teure Bau wies mit elektrischer Beleuchtung, einer Niederdruckdampfheizung und motorbetriebener Ventilation bislang ungekannten Komfort auf.Bernd Mayer: Ein monumentales Dreigestirn in: Heimatkurier 4/2004 (Beilage des Nordbayerischen Kuriers), S. 13. Erstmals Wasser aus dem Fichtelgebirge brachte eine 1908 in Betrieb genommene Leitung. In den Jahren 1914/15 wurde der Hauptarm „Altbach“ des Roten Mains auf einem Teilabschnitt begradigt und verbreitert, nachdem Gebiete längs des Flusses bei einem Hochwasser im Jahr 1909 überschwemmt worden waren. In den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg erlebte Bayreuth eine wirtschaftliche Blüte. 1910 existierten in der Stadt 128 Kolonialwarenläden, 55 Obst- und Gemüsehandlungen und 14 Delikatessengeschäfte. Die zahlreichen Textilgeschäfte waren eine Domäne der jüdischen Kaufleute. mini|Neues Bett des Roten Mains an der Casselmannstraße nach der Flussregulierung von 1914/15 mini|Soldatenräte auf der Schulstraßenbrücke im Neuen Weg, November 1918 Mit Kriegsbeginn wurden am 1. August 1914 die Richard-Wagner-Festspiele nach nur acht Aufführungen abgebrochen.Bernd Mayer: Bayreuth im zwanzigsten Jahrhundert, S. 32. Bayreuths sozialdemokratische Zeitung Fränkische Volkstribüne wurde noch im selben Monat auf militärische Anordnung hin verboten. Am 27. August wurde der erste Soldat aus Bayreuth als „gefallen“ gemeldet. Bei Kriegsende zählte man 3387 tote Soldaten des Bayreuther 7. Infanterieregiments, hinzu kamen knapp 7000 Verwundete.Bernd Mayer: Bayreuth wie es war, S. 84 ff. Im Herbst 1914 kamen die ersten französischen Soldaten als Kriegsgefangene in die Stadt. Unweit des Studentenwalds im Bayreuther Süden wurde für ihre Unterbringung ein Gefangenenlager errichtet, das zeitweise mehr als 1000 Personen beherbergte.Bernd Mayer: Die Bayreuther im „heiligen Krieg“ im Heimatkurier des Nordbayerischen Kuriers, 4/2004, S. 10. 1915 konnte die Stadt, nach dem Tod der Herzogsgattin Emilie von Meyernberg, deren am Luitpoldplatz gelegenes Wohnhaus erwerben. Für 120.000 Mark funktionierte sie das von Carl von Gontard erbaute Reitzenstein-Palais zum Neuen Rathaus um und bezog es Ende 1916.Bernd Mayer: Bayreuth im zwanzigsten Jahrhundert, S. 30. Angesichts der sich verschlechternden Versorgungslage wurde im Oktober 1916 in der Münzgasse eine städtische Volksküche eingerichtet.Bernd Mayer: Bayreuth im zwanzigsten Jahrhundert, S. 36. Nach dem Kriegsende 1918 übernahmen in Bayreuth kurz die Arbeiter- und Soldatenräte die Macht. Am 17. Februar 1919 kam es zum sogenannten Speckputsch, der unblutig verlief: Zwei Tage lang belagerte eine zeitweise tausendköpfige Menge das Rathaus und die Zeitung, besetzte den Bahnhof, die Post und das Telegrafenamt.Bernd Mayer: Bayreuth im zwanzigsten Jahrhundert, S. 35. mini|Sternplatz mit Textilgeschäft des jüdischen Kaufmanns Simon Pfefferkorn, frühes 20. Jahrhundert Ab 1902 setzte ein sich allmählich verschärfender Antisemitismus ein. Bereits 1919 kam es in der Stadt zu völkischem Rumoren, ein erstes Kesseltreiben gegen die jüdischen Mitbürger begann. Am 7. Januar 1920 wurde bei einer Versammlung des Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbundes erstmals das Hakenkreuz gezeigt. Oberbürgermeister Albert Preu warnte in jenem Monat vor der Bedrohung des öffentlichen Friedens durch „die Angriffe gegen das Judentum, welche teils offen, teils in Klebezetteln fast tagtäglich“ erfolgten. Am 30. September 1923 fand in Bayreuth ein völkisch-nationalistischer Deutscher Tag mit über 5000 Teilnehmern (ca. 15 % der Einwohnerzahl Bayreuths) statt.Martin Schramm: Deutscher Tag, Bayreuth, 30. September 1923. In: Historisches Lexikon Bayerns. Unter den Gästen befanden sich u. a. der Oberbürgermeister sowie Siegfried und Winifred Wagner, die Adolf Hitler, den Hauptredner in Bayreuth, in die Villa Wahnfried einluden, wo er auch den ortsansässigen Schwiegersohn Richard Wagners, den antisemitischen Rassentheoretiker und Schriftsteller Houston Stewart Chamberlain, kennenlernte. Auch der spätere NSDAP-Gauleiter der Bayerischen Ostmark Hans Schemm traf an diesem Tag Hitler zum ersten Mal. Bei den ersten Festspielen seit 1914 wurde 1924 am Festspielhaus statt Schwarz-Rot-Gold die schwarz-weiß-rote Fahne der Monarchie gehisst.Bernd Mayer: Bayreuth im zwanzigsten Jahrhundert, S. 49. Bei der Stadtratswahl im Dezember jenes Jahres erhielten die „Vaterländischen“ der Einheitsliste Schwarz-Weiß-Rot 18, die SPD nur 12 Sitze.Bernd Mayer: Bayreuth im zwanzigsten Jahrhundert, S. 52. Als im Februar 1925 der erste Reichspräsident der Weimarer Republik, der Sozialdemokrat Friedrich Ebert, starb, verweigerte die konservative StadtratsmehrheitBernd Mayer: Der Stadtrat in den Stürmen der Zeit In: Heimatkurier 1/2002 des Nordbayerischen Kuriers, S. 4 ff. gegen den Willen des Oberbürgermeisters Preu die Trauerbeflaggung.Bernd Mayer: Bayreuth im zwanzigsten Jahrhundert, S. 42. Noch beherrschten konfessionelle Gräben das Zusammenleben: 1928 wurde die Freigabe des Marktplatzes für die katholische Fronleichnamsprozession erst durch staatliche Intervention erzwungen.Bernd Mayer: Bayreuth im zwanzigsten Jahrhundert, S. 43. Unmittelbar nach der Gründung der Weimarer Republik wurde im Oktober 1919 die Bayreuther Volkshochschule gegründet. Ihr erstes Domizil fand sie im Hotel Schwarzes Ross in der Ludwigstraße.100 Jahre VHS Bayreuth in: Nordbayerischer Kurier vom 10. Oktober 2019, S. 21. Einen Anfangsbestand von 560 Bänden verzeichnete im Juni 1921 die neue Stadtbücherei. Sie wurde zunächst im Alten Rathaus untergebracht, aus Platzgründen 1928 in das Haus Friedrichstraße 19 verlegt und Mitte der 1930er Jahre in die Friedrichstraße 18 umquartiert.Rainer-Maria Kiel: Aus der Frühzeit der Stadtbibliothek In: Heimatkurier 4/2002 des Nordbayerischen Kuriers, S. 6. Die spätere Stadträtin Jula Dittmar war ab 1920 die erste Ärztin der Stadt. Für ihre Tätigkeit als Schulärztin wurde sie damals schlechter bezahlt als ihre männlichen Kollegen, was der ärztliche Bezirksverein als „standesunwürdig“ erachtete. Statt ihren Lohn anzugleichen, verzichtete der Stadtrat daraufhin auf Dittmars Dienste.Ursula Leibinger-Hasibether: Sie nannten sie nur das „Fräulein Doktor“ In: Heimatkurier 6/1996 des Nordbayerischen Kuriers, S. 12. Im Sommer 1924 wurde in der Maximilianstraße die erste Tankstelle („Dapolinpumpe“) eröffnet, bis dahin musste das Benzin von Drogerien bezogen werden. Ende der 1920er Jahre waren in der Stadt knapp 400 Kraftfahrzeuge registriert. Im Steinachtal bei Laineck ging 1926 ein erster Flugplatz mit planmäßigen Zwischenhalten der Fluglinie Nürnberg-Leipzig in Betrieb.Bernd Mayer: Bayreuth im zwanzigsten Jahrhundert, S. 44. 1927 wurde am Stuckberg die erste Jugendherberge ihrer Bestimmung übergeben. 1922 entstand mit der „neuen Schwimmanstalt“ der Vorläufer des heutigen Kreuzsteinbads,Bernd Mayer: Bayreuth im zwanzigsten Jahrhundert, S. 46. 1929 wurde mit dem Stadtbad das städtische Hallenschwimmbad eröffnet. Die erste weltweite Rundfunkübertragung wurde 1931 aus dem Festspielhaus gesendet.100 Jahre Radio in Bayreuth in: Nordbayerischer Kurier vom 20. Februar 2024, S. 10. 1924 wurde die Bayreuther Ortsgruppe des demokratischen Verbands Reichsbanner gegründet, die anfangs rund 200 Mitglieder zählte.Walter Rosenwald: Der letzte Damm gegen die braune Flut in: Heimatkurier 2/1999 des Nordbayerischen Kuriers, S. 12 f. Am 8. Dezember 1929 zogen die Nationalsozialisten mit neun Stadträten erstmals ins Rathaus ein. NS-Gauleiter Hans Schemm, laut der Tageszeitung Fränkische Volkstribüne „in Bayreuth und Umgebung so berüchtigt wie saures Bier“, suchte die permanente Konfrontation. Nach dem Urteil des konservativen Oberbürgermeisters Albert Preu schaffte er „eine Atmosphäre, die im Allgemeininteresse schädlich, für die Einwohner jüdischen Glaubens beunruhigend und peinlich“ sei. Der demokratiefeindliche Stahlhelm, Bund der Frontsoldaten führte in Bayreuth ab 1929 Pflichtappelle, Turnstunden und Schießübungen durch. 1933 zählte er in der Stadt mindestens 600 Mitglieder, hinzu kamen 125 „vaterländisch gesinnte“ Frauen des ihm angeschlossenen Bunds Königin Luise.Bernd Mayer: Mitmarschiert, bis alles in Scherben fiel … In: Heimatkurier 4/2002 des Nordbayerischen Kuriers, S. 5. Anfang der 1930er Jahre standen sich Sozialdemokraten und Nationalsozialisten unversöhnlich gegenüber. Im September 1930 kam es im Rathaus zu einem „wüsten Handgemenge“, allmählich bekamen die Nazis die Stadt immer fester in ihren Griff.Bernd Mayer: Bayreuth im zwanzigsten Jahrhundert, S. 58 f. Nach der Reichstagswahl vom 14. September 1930 hob der örtliche Reichsbanner auch in Bayreuth die Eiserne Front aus der Taufe; am 17.  Februar 1932 kamen weit über 1000 Männer in den Sonnensaal, wo ihnen Friedrich Puchta das Gelöbnis abnahm, „Blut und Leben einzusetzen für die demokratische Republik und für die Freiheit des deutschen Volkes“. Bei der Reichspräsidentenwahl am 10. April 1932 lag Hitler in Bayreuth klar vor Hindenburg,Bernd Mayer: Bayreuth im zwanzigsten Jahrhundert, S. 70. im Juli 1932 versammelten die Nazis beim „Gautag“ auf der Unteren Au 30.000 Menschen. Bei der Reichstagswahl am 6. November 1932 erhielt die NSDAP in Bayreuth 46,7 Prozent der Stimmen (33,1 Prozent im Reichsdurchschnitt); bei der vorangegangenen Wahl im Juli jenes Jahres hatte sie in der Stadt 52,6 Prozent erreicht. Als Folge der Weltwirtschaftskrise zum Ende der 1920er und Anfang der 1930er Jahre hatte die Stadt ihre Ausgaben auf das Notwendigste beschränkt. Die Bautätigkeit ging in der allgemeinen Rezession stark zurück. Im Jahr 1930 wurden – bei 1341 vorgemerkten Wohnungssuchenden – nur noch 47 neue Wohnungen errichtet, davon mehr als die Hälfte von der Wohnungsbaugenossenschaft Bauverein. 1932 wurden die Regierungsbezirke Ober- und Mittelfranken zusammengelegt und als Sitz der Regierung Ansbach festgelegt. Bayreuth bekam als kleinen Ausgleich die fusionierten Landesversicherungsanstalten Ober- und Mittelfranken. Im Gegensatz zu der Zusammenlegung der Regierung wurde diese Fusion nie rückgängig gemacht. Die Zeit des Nationalsozialismus (1933–1945) Anfang 1933 hatten die Nazi-Oberen, allen voran Hans Schemm, den Boden für die „braune Revolution“ in Bayreuth schon lange bereitet. Der „mit allen Wassern gewaschene“ Demagoge Schemm war am Aufstieg der NSDAP in der Stadt, die ein Kraftzentrum des Nationalsozialismus werden sollte, maßgeblich beteiligt. Der 1927 in Bayreuth gestorbene Chamberlain, den Joseph Goebbels als „Vater unseres Geistes“ und „bahnbrechenden Wegbereiter“ bezeichnete, hatte Hitler als „Lichtgestalt“ und „gottgesandten Retter“ begrüßt. Hitler seinerseits schrieb an Siegfried Wagner: „Das geistige Schwert, mit dem wir heute fechten, wurde in Bayreuth geschmiedet“.Bernd Mayer: „Ein einzig Beten im deutschen Land …“ in: Heimatkurier 1/2008 des Nordbayerischen Kuriers, S. 10 f. 1933 wurde Bayreuth Gauhauptstadt des NS-Gaus Bayerische Ostmark (ab 1943 Gau Bayreuth) und sollte dementsprechend zu einem Gauforum ausgebaut werden. Erster Gauleiter war Hans Schemm, zugleich bayerischer Kultusminister und Reichswalter des Nationalsozialistischen Lehrerbundes, der 1936 seinen Sitz im Haus der Deutschen Erziehung in Bayreuth erhielt. mini|Deutsches Freimaurermuseum im Logenhaus der Freimaurer Am 31. Januar 1933, dem Tag nach der Machtergreifung Hitlers, feierten tausende Einwohner das Ereignis. NSDAP, SA und Stahlhelm marschierten gemeinsam zum Neuen Rathaus (Reitzensteinpalais), von dessen Balkon Schemm und Stahlhelm-Führer Edmund Alexander Fürst von Wrede sprachen. Von sozialistischer Seite wurde am 6. Februar eine große Gegendemonstration organisiert, die in einer Straßenschlacht mit den neuen Machthabern endete.Karl Müssel: Bayreuth in acht Jahrhunderten, S. 198. Bei der Reichstagswahl des 5. März 1933 erreichte die NSDAP in Bayreuth mehr als 50 Prozent, nur in 5 von 30 Wahlbezirken – Kreuz, Herzoghöhe, Hammerstatt, Burg und Altstadt – gab es noch SPD-Mehrheiten.Peter Rauscher: Bayreuth, die Hochburg der NSDAP in: Nordbayerischer Kurier vom 30. Januar 2023, S. 7. Am 9. März wurde die SPD-Zeitung Fränkische Volkstribüne verboten, in der folgenden Nacht wurden 21 kommunistische Funktionäre und 28 Sozialdemokraten in Schutzhaft genommen.Rainer Trübsbach: Geschichte der Stadt Bayreuth, S. 291 ff. Im April wurden 105 Bayreuther Schutzhäftlinge, darunter zwei am 22. April 1933 ernannte SPD-Stadträte,Im April 1933 wurden die Stadträte nicht gewählt, sondern die Sitze entsprechend den Ergebnissen der Reichstagswahl des Vormonats verteilt. in das Konzentrationslager Dachau verbracht. Noch vor dem Verbot der SPD zogen sich die Sozialdemokraten in jenem Monat aus der sinnlos gewordenen Rathausarbeit zurück. Der neue Oberbürgermeister Karl Schlumprecht, Nachfolger des abgesetzten Albert Preu, erschien in SS-Uniform vor den Stadtverordneten. Vor Ostern 1933 kam es zum ersten Boykott jüdischer Geschäfte. Im selben Jahr, bereits zwei Jahre vor der Verabschiedung des Blutschutzgesetzes, verhinderte der Oberbürgermeister die Eheschließung des jüdischen Kaufmanns Justin Steinhäuser mit einer arischen Frau. Im September 1933 wurde das Logenhaus der Freimaurer von den Nationalsozialisten geplündert und 1935 enteignet, das Inventar – darunter die Bibliothek mit über 10.000 Bänden – ging verloren. Andererseits gelang es dem mittlerweile verbotenen Kommunistischen Jugendverband Deutschlands (KJVD) in jenem Herbst noch, in Bayreuth eine reichsweite Sitzung abzuhalten. Der von den Nazis pervertierten Maifeier des Jahres 1933 gab der evangelische Oberkirchenrat Karl Prieser den kirchlichen Segen.Bernd Mayer: Bayreuth im zwanzigsten Jahrhundert, S. 61. Bei der Landessynode der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern wurde am folgenden 4. Mai Hans Meiser in Bayreuth zum Landesbischof gekürt. Teile der Bayreuther Protestanten, die in ihrer großen Mehrheit den Nationalsozialismus zunächst begrüßt hatten, rebellierten ab 1934 gegen die verordnete Reichskirche der Deutschen Christen. Bis Juni 1935 trugen sich 8.500 Bürger in die Listen der Bekenntnisfront ein.Bernd Mayer: Bayreuth im zwanzigsten Jahrhundert, S. 69. Nicht zuletzt infolge seiner Funktion als Gauhauptstadt stieg die Zahl der Einwohner in den 1930er Jahren ungewöhnlich stark an. Von 1933 bis 1944 erhöhte sie sich um 14.000 auf über 53.000 Personen, ein Wachstum um mehr als ein Viertel innerhalb von elf Jahren. Der akute Bedarf an Wohnraum führte zur Gründung der Gemeinnützigen Bayreuther Wohnungsbaugenossenschaft (GBW).GBW: „Die Mieten werden steigen“ in: Nordbayerischer Kurier vom 16. Mai 2024, S. 9. Größere neue Mietwohnungskomplexe entstanden u. a. in der unteren Herzoghöhe, am Mainflecklein und auf der Insel in Sankt Georgen.Herbert Popp: Bayreuths Eigenheimsiedlungen im Dritten Reich in: Heimatkurier 3/2007 des Nordbayerischen Kuriers, S. 17. Für verdiente Parteimitglieder wurden Siedlungen errichtet, die aus Einzel-, Doppel- oder Reihenhäusern mit Gärten bestanden: 1936 die SA-Siedlung Birken und die Hans-Schemm-Gartenstadt, 1938 die Dankopfersiedlung Roter Hügel. 1935 wurde die Rotmainhalle als Viehauktionshalle fertiggestellt und der mittwochs und samstags stattfindende Wochenmarkt vom Marktplatz dorthin verlegt.Annemarie Leutzsch: Von Pfifferla, Kriechala und Göckerla in: Heimatkurier 4/2001 des Nordbayerischen Kuriers, S. 5. 1936 wurde das Haus der Deutschen Erziehung eingeweiht, von 1938 bis 1942 entstand das Winifred-Wagner-Krankenhaus (heutige Klinik Hohe Warte). Im Juli 1937Bernd Mayer: Bayreuth im zwanzigsten Jahrhundert, S. 71. erfolgte mit der Vollendung des Abschnitts Lanzendorf–Bayreuth der Anschluss an die neue Reichsautobahn, die heutige Bundesautobahn 9.Herbert Popp: Bayreuth – neu entdeckt, S. 70 ff. Die Deutsche Post betrieb in der Stadt seit 1936 öffentlichen Personenverkehr mit Autobussen. Mit dessen Übernahme durch das Elektrizitätswerk entstand 1938 der erste städtische Verkehrsbetrieb. Die erste Stadtbuslinie führte von Sankt Georgen über den Sternplatz zum Bahnhof Altstadt. Im März 1943 wurden die Busse für den Betrieb mit Leuchtgas umgerüstet.Bernd Mayer: Bayreuth im zwanzigsten Jahrhundert, S. 86. Am 17. Juli 1936 begann in Spanisch-Marokko der Staatsstreich des Militärs gegen die Zweite Spanische Republik und damit der Spanische Bürgerkrieg. Der Putschgeneral Francisco Franco schickte drei Abgesandte nach Deutschland, die um zehn Flugzeuge für den Transport seiner Truppen nach Spanien bitten sollten. Sie trafen am Abend des 25. Juli in Bayreuth ein, wo Hitler (erstmals) im Siegfried-Wagner-Haus residierte. Der Führer bewilligte, nach einem Besuch der Wagner-Oper Siegfried, kurz vor Mitternacht 20 Maschinen des Typs Ju 52 („Unternehmen Feuerzauber“). Diese Entscheidung von weltpolitischer Tragweite ermöglichte es Franco, seine Truppen über das Meer auf das spanische Festland zu verlegen.Bernd Mayer: Weltpolitischer „Feuerzauber“ in Bayreuth in: Heimatkurier 3/2006 des Nordbayerischen Kuriers, S. 14 f. Im März 1937 durchkreuzte Oberbürgermeister Schlumprecht die Pläne des Gauleiters Wächtler und bestellte den angesehenen Internisten Hermann Koerber zum ärztlichen Direktor des Städtischen Krankenhauses. In der Folge hatte Bayreuth innerhalb eines knappen Jahres nacheinander vier Oberbürgermeister. Um der Rache des wütenden Gauleiters zu entgehen, wechselte Schlumprecht kurzfristig als Ministerialdirektor nach München; sein Nachfolger Otto Schmidt, vormals Oberbürgermeister von Coburg, hielt es nur neun Monate in Bayreuth aus. Nach dessen fluchtartigem Abgang nach Norddeutschland kürte sich Wächtler im Mai 1938 selbst zum Stadtoberhaupt. Bald darauf stellte Hitler Wächtler diesbezüglich persönlich zur Rede, und Friedrich Kempfler wurde am 1. Juli Oberbürgermeister. Koerber wurde erstmals im April 1937 inhaftiert, von Februar bis November 1938 zum zweiten Mal gefangengehalten und anschließend zwangspensioniert. Nach dem Ende der nationalsozialistischen Herrschaft wirkte er bis 1955 erneut als ärztlicher Direktor des Städtischen Krankenhauses.Bernd Mayer: Ärzte-Affäre erschütterte die Bayreuther in: Heimatkurier 3/1997 des Nordbayerischen Kuriers, S. 4 f. Am 24. Juli 1938 traf ein Sonderzug mit mehreren hundert Sudetendeutschen, die dem in Bayreuth anwesenden Führer huldigen wollten, aus der Tschechoslowakei ein. Die Ankömmlinge zogen zum Teil in langen Kolonnen durch die Stadt; am Sternplatz stürzten sie sich – laut Oberbürgermeister Kempfler „in heller Begeisterung“ – auf Hitlers offenen Wagen. Jener, dessen Begleiter nur mit Mühe körperliche Berührungen verhindern konnten, empfing am Abend, während einer Pause der Wagner-Oper Parsifal, im Festspielhaus Abgesandte aus dem Egerland. Vor dem Festspielhaus spielten sich währenddessen unvorstellbare Jubelszenen ab. Zwei Monate später, als die politische Krise um das Sudetenland eskaliert war, kamen tausende Flüchtlinge von dort nach Bayreuth.Bernd Mayer: Die Festspiel-Demo der Egerländer in: Heimatkurier 3/1998 des Nordbayerischen Kuriers, S. 14 f. mini|Synagoge in der Münzgasse, rechts das Markgräfliche Opernhaus, 2019 In der Pogromnacht vom 9. November 1938 wurde die Synagoge der jüdischen Gemeinde in der Münzgasse geschändet und geplündert, aber wegen der Nähe zum Opernhaus nicht niedergebrannt. Nicht wenige Einwohner wohnten dem Treiben der Nazis wohlwollend bei, die aus ihren Betten gezerrten und in den Viehstallungen des Schlachthofs an der Rotmainhalle zusammengetriebenen Juden wurden beschimpft, angeschrien und geschlagen.„Auftakt zum Völkermord“. In: Nordbayerischer Kurier. 9. November 2018, S. 13. Im Innern der Synagoge Bayreuth, die derzeit wieder von einer jüdischen Gemeinde als Gotteshaus genutzt wird, erinnert eine Gedenktafel neben dem Thora-Schrein an die Verfolgung und Ermordung der Juden im Holocaust, die mindestens 145 jüdischen Bürgern das Leben kostete.Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus. Eine Dokumentation. Band 1, Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 1995, ISBN 3-89331-208-0, S. 119 f.Eine Liste der Namen der Opfer findet sich in Denk/Steine setzen, herausgegeben von der Geschichtswerkstatt Bayreuth, Bumerang Verlag, Bayreuth 2003. Als jüdische Bayreuther werden dort Menschen betrachtet, die längere Zeit in Bayreuth lebten oder die in Bayreuth geboren waren bzw. die von Bayreuth aus deportiert wurden. Im Februar 1939 meldete die örtliche Industrie- und Handelskammer: „Kammerbezirk bald Judenfrei“. 101 Betriebe seien „entjudet“ und 220 „liquidiert“ worden.Bernd Mayer: Bayreuth im zwanzigsten Jahrhundert, S. 68. Am 27. November 1941 wurden die ersten jüdischen Mitbürger deportiert, am 12. Januar 1942 folgte die zweite Deportation. Im Januar 1939 wurde im Stadtgebiet der Pflasterzoll, von dem Personenkraftwagen bereits seit 1905 ausgenommen waren,Bernd Mayer: Bayreuth im zwanzigsten Jahrhundert, S. 76. endgültig abgeschafft. Im Sommer jenes Jahres wurde das Kaufhaus Erwege (ehemaliges Kaufhaus Friedmann, 1899 von einem jüdischen Kaufmann errichtet) auf Hitlers Wunsch abgerissen. Bereits in den letzten Augusttagen wurden Lebensmittelkarten eingeführt, nur Eier, Mehl, Brot und Kartoffeln blieben frei erhältlich. Am 1. September 1939 um 5.05 Uhr überschritten die Soldaten des Bayreuther Infanterieregiments 42 die polnische Grenze. Vom ersten Kriegstag an wurde die totale Verdunkelung aller Straßen, Plätze, Gebäude und Fahrzeuge angeordnet und streng überwacht. Die Räumung von Orten an der französischen Grenze führte zum Zustrom von mehr als 5000 Menschen aus dem Saarland, denen die Bayreuther Bevölkerung Quartiere zur Verfügung stellen musste.Karl Müssel: Bayreuth in acht Jahrhunderten, S. 208 f. Der Krieg machte Bayreuth zur Lazarettstadt, in der zeitweise mehr als 3000 Verwundete versorgt wurden.Helmut Paulus: „Wir werden weiter marschieren …“ in: Heimatkurier 2/2010 des Nordbayerischen Kuriers, S. 10 ff. Hitler besuchte die Stadt letztmals im Juli 1940.Bernd Mayer: Bayreuth im zwanzigsten Jahrhundert, S. 80. 1944 wurden Dekorationsstücke in Schaufenstern verboten, um nicht „unerfüllbare Kaufwünsche zu erwecken“.Bernd Mayer: Fanfarenklang zum Untergang In: Heimatkurier des Nordbayerischen Kuriers. 3/2004, S. 8. In jenem Jahr wurde das umfangreiche Netz von Kellern und Gängen unterhalb der Stadt erfasst und auch in der Höhenlage und Überschichtung genau vermessen. Teile der sechs größeren Kellersysteme, die in den vergangenen Jahrhunderten vor allem als Lagerräume für Lebensmittel, Bier und Eis gedient hatten, wurden für den Schutz der Bevölkerung vor Fliegerbomben gebraucht und zu Luftschutzbunkern ausgebaut.Christoph Rabenstein: Bayreuths Unterwelt gibt Rätsel auf in: Heimatkurier 3/1998 des Nordbayerischen Kuriers, S. 24 f. Gegen Kriegsende war die Bayreuther Polizei geschwächt, da sie Beamte zum Aufbau der deutschen Polizeistation im polnischen Jarocin abgegeben hatte. Als Ersatz wurde die sogenannte Stadtwacht geschaffen: Einheiten von nicht wehrfähigen Männern, die lediglich ein Gewehr und eine Armbinde erhalten hatten, übernahmen die Ordnungsfunktionen und marschierten in Dreierreihen durch die Stadt.Herbert Scherer: Vom Eis- und Betten-Mayer in: Heimatkurier 4/2010 des Nordbayerischen Kuriers, S. 6. Im März 1945 wurden die städtischen Grünflächen in Gemüseland umgewandelt. Der spätere Bundeskanzler Ludwig Erhard verlegte in jener Zeit sein Institut für Konjunkturforschung von Nürnberg nach Bayreuth. Am 5., 8. und 11. April wurde die Stadt durch alliiertes Bombardement teilweise zerstört. Während des Zweiten Weltkriegs befand sich in der Stadt eine Außenstelle des Konzentrationslagers Flossenbürg, in der Häftlinge an physikalischen Experimenten für die V2 teilnehmen mussten. Wieland Wagner, der Enkel des Komponisten Richard Wagner, war dort von September 1944 bis April 1945 stellvertretender ziviler Leiter.Albrecht Bald, Jörg Skriebeleit: Das Außenlager Bayreuth des KZ Flossenbürg: Wieland Wagner und Bodo Lafferentz im Institut für physikalische Forschung. C. & C. Rabenstein, Bayreuth 2003, ISBN 3-928683-30-6. In den örtlichen Spinnereien und Rüstungsbetrieben sowie in der Landwirtschaft waren sogenannte Fremdarbeiter zur Zwangsarbeit eingesetzt. Im September 1944 waren das rund 4200 Männer und 2400 Frauen, die vorwiegend aus Polen und der Sowjetunion stammten. 80 Entbindungen von Zwangsarbeiterinnen sind im Stadtarchiv dokumentiert, mindestens 36 ihrer Neugeborenen verstarben.Zwangsarbeiter-Babys verhungerten in: Nordbayerischer Kurier vom 19./20. September 2020, S. 11. Von den im Ort ansässigen Sinti kamen die Brüder Max und Wilhelm Rose im Konzentrationslager Dachau ums Leben,Bayreuths vergessene Opfer. In: Nordbayerischer Kurier. 27./28. Januar 2018, S. 14. ihre Asche wurde den Eltern in Kartons zugeschickt.Ein Gedenkort für vergessene Holocaust-Opfer in: Nordbayerischer Kurier vom 11. /12. Dezember 2021, S. 9. Die sechzehnjährige Bayreuther Sintezza Hulda Siebert wurde im März 1945 im Würzburger Gestapogefängnis erschlagen.Wunsch nach einer Gedenkstätte. In: Nordbayerischer Kurier. 30. Juni/1. Juli 2018, S. 15. Ein arisches Mädchen, das eine Beziehung mit einem Sinti eingegangen war und ihn als Margarete Rose 1934 heiratete, wurde vor der Eheschließung zwangsweise sterilisiert.Noch viele offene Fragen. In: Nordbayerischer Kurier. 17./18. November 2018, S. 14. Nach der Zerstörung des Gebäudes in Berlin am 3. Februar 1945 wurde beschlossen, den Volksgerichtshof nach Potsdam auszulagern und die für Hoch- und Landesverrat zuständigen Senate nach Bayreuth zu verlegen. Seit Herbst 1944 hatte der Volksgerichtshof bereits mehrmals im Justizpalast in Bayreuth getagt. Am 6. Februar 1945 begann deshalb der Abtransport von insgesamt rund 270 politischen Gefangenen aus Berlin. Sie trafen am 17. Februar in der Strafanstalt Bayreuth St. Georgen ein und sollten, angesichts der anrückenden US-amerikanischen Truppen, am 14. April 1945 erschossen werden. Die Köpenickiade des als amerikanischer Offizier verkleideten, wenige Tage vorher von dort entflohenen politischen Häftlings Karl Ruth rettete ihnen – darunter Ewald Naujoks und dem späteren Bundestagspräsidenten Eugen Gerstenmaier – in letzter Minute das Leben. An jenem Tag wurde die Stadt kampflos an die Amerikaner übergeben. Die architektonischen Umgestaltungsmaßnahmen durch die Nationalsozialisten Gemäß der nationalsozialistischen Ideologie wurde die Stadt Bayreuth als Kultplatz der deutschen Musik und Kulturwallfahrtsstätte bevorzugt. Ursache hierfür waren Hitlers enge Beziehungen zur Familie Wagner und seine Vorliebe für Richard Wagner als „deutschnationales Genie“. Die nach der Machtübernahme einsetzende Errichtung von Repräsentationsbauten in deutschen Städten wirkte sich auch auf Bayreuth aus, dessen Entwicklung zu einem gesellschaftspolitischen Mittelpunkt eine zunehmend opulentere Konzeption der Bauvorhaben bedingte. Somit ermöglichte der Erlass vom 17. Februar 1939 die Durchführung städtebaulicher Maßnahmen gemäß Hitlers Wunschvorstellungen, unter anderem durch den in Bayreuth ansässigen Parteiarchitekten Hans Reissinger. Dieser übernahm die Gesamtkonzeption und die Anlage eines „Gauforums“, dessen Bau die Beseitigung von rund einhundert historischen Gebäuden, unter anderem von Teilen des Neuen Schlosses, bedeutet hätte. Trotz des Erlasses eines Enteignungsgesetzes am 24. Juni 1939 wurden nur wenige der Planungen in die Praxis umgesetzt, was dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs knapp zwei Monate später zuzuschreiben ist. Ein Teil dieser Vorhaben wurde indes realisiert. Die Markgräfliche Reithalle wurde zur Ludwig-Siebert-Festhalle ausgebaut; des Weiteren entstanden u. a. am Luitpoldplatz das Haus der Deutschen Erziehung und das Haus der deutschen Kurzschrift. Nicht durchgeführt wurde die Umgestaltung des Richard-Wagner-Festspielhauses im Stil einer antiken Akropolis. Zerstörung Bayreuths im Zweiten Weltkrieg Obwohl die Bevölkerung viele hundert Male wegen Fliegeralarms die Schutzräume aufsuchen musste,Bernd Mayer: Bayreuth April 1945, S. 29. blieb Bayreuth bis April 1945 von Luftangriffen weitgehend verschont. Lediglich am frühen Morgen des 13. Januar 1941 trafen ein oder zwei Flugzeuge der Royal Air Force mit einigen Bomben Gebäude der drei großen örtlichen Spinnereien. Seit Januar 1944 war in Laineck, Meyernreuth und dem Stadtteil Altstadt eine schwere Flak-Abteilung mit vier Batterien vom Kaliber 8,8 cm eingesetzt. Diese sollte vornehmlich den Hauptbahnhof und das Eisenwerk Hensel schützen. Ende 1944 wurde die Abteilung zum Schutz von Hydrierwerken nach Brüx verlegt,Bernd Mayer: Bayreuth wie es war, S. 174. damit war die Stadt den alliierten Bombern schutzlos ausgeliefert. Am 4. April 1945 erschien ihr Name in den Planungen der Alliierten: Bayreuth wurde in die Liste der zu zerstörenden Eisenbahnzentren aufgenommen. Zudem war ihnen nicht entgangen, dass in den drei großen Spinnereien der Stadt Rüstungsproduktion stattfand.Peter Engelbrecht: Ende und Neubeginn. Bayreuth: Im April 1945 herrscht Frieden, S. 48 f. Am 5. April 1945 traf ein erster massiver Luftangriff die Stadt. 39 Bomber der US 18th Air Force warfen in fünf Wellen etwa 55 Tonnen Sprengstoff über Bayreuth ab, während der zweiten Welle kamen am Wilhelmsplatz zahlreiche Ersthelfer ums Leben.Dass alte Menschen gedanklich beweglich bleiben bei ebw-oberfranken-mitte.de, abgerufen am 22. Oktober 2021 88 Tote und 67 Verwundete waren an jenem Tag zu beklagen. Nach diesem ersten Angriff waren der Bereich um den Hauptbahnhof, die Mechanische Baumwoll-Spinnerei, das Viertel um den Wilhelmsplatz, Teile der Lisztstraße sowie Teile der Jean-Paul-Straße zerstört. Am Sonntag, den 8. April 1945, folgte durch 51 US-Maschinen der zweite große Angriff auf die Stadt.Bernd Mayer: Bayreuth April 1945, S. 32. Er traf u. a. den Jean-Paul-Platz mit der Ludwig-Siebert-Festhalle (spätere Stadthalle) und zahlreiche Gebäude im Kasernenviertel. mini|Häuserzeile auf der Nordseite des Marktplatzes, rechts die Häuser Maximilianstraße 34 und 36 (1904) Der dritte und schwerste Angriff erfolgte am 11. April 1945, bei dem große Teile der Stadt zerstört wurden: Schwärzester Tag Bayreuths.Atlas zum Wiederaufbau – Bayreuth. In: Haus der Bayerischen Geschichte. Abgerufen am 4. September 2019. 110 britische Maschinen warfen an einem strahlenden Frühlingsnachmittag 340 Tonnen Spreng- und 17,8 Tonnen Brand- und Leuchtbomben über Bayreuth ab.Bernd Mayer: Bayreuth April 1945, S. 36. Die Bilanz dieser Angriffe beläuft sich nach offiziellen Angaben auf 875 Todesopfer,Zahl auf Gedenktafel im Foyer des Neuen Rathauses doch werden auch über 1000 genannt. 36,8 % des Bayreuther Wohnraums wurden völlig zerstört, 2700 Wohnhäuser bzw. 4460 komplett zerstörte Wohnungen. Der Schaden belief sich auf rund 45.000.000 Reichsmark. Damit nahm Bayreuth den fünften Platz unter den am stärksten zerstörten Städten Bayerns ein. Der historische Stadtkern war dabei verhältnismäßig glimpflich davongekommen. Beim Einrücken der amerikanischen Soldaten verbrannten die Nazis jedoch im Alten Schloss belastende Dokumente. Das Feuer griff auf das Gebäude und auf die Häuser auf der Nordseite des Marktplatzes über.Peter Engelbrecht: Ende und Neubeginn. Bayreuth: Im April 1945 herrscht Frieden, S. 51. Wegen des Fehlens einer funktionierenden FeuerwehrDie wenigen städtischen Feuerwehrmänner – die Freiwillige Feuerwehr hatte man dem Volkssturm zugeordnet – wurden zunächst durch Artilleriebeschuss und Bordwaffenbeschuss aus Flugzeugen behindert, zudem untersagten SS-Posten Löscharbeiten am Alten Schloss. Nach der Ankunft der US-Truppen galt auch für die Feuerwehr während der Dunkelheit die Ausgangssperre. Das Wasser- und Stromnetz waren außer Betrieb, zahlreiche Geräte der Feuerwehr beschädigt oder zerstört. und des Mangels an Löschwasser ließ es sich nur durch die Sprengung der Häuser Maximilianstraße 34 und 36 eindämmen. Diesem Brand fiel ein bedeutender Teil der Häuserfront auf der Nordseite zum Opfer. Einnahme der Stadt durch die US-Truppen Am Morgen des 14. April 1945 rückten amerikanische Einheiten von Altenplos her auf Bayreuth vor. Statt zur offenen Stadt wurde der nahezu unbewaffnete Ort von den Nationalsozialisten zur „Festung“ erklärt.Peter Engelbrecht: Ende und Neubeginn. Bayreuth: Im April 1945 herrscht Frieden, S. 18. Der deutsche Truppenführer Leutnant Erich Braun, der die Stadt „bis zum Äußersten“ verteidigen sollte, kapitulierte angesichts der Aussichtslosigkeit eines solchen Vorgehens mit seinen Soldaten im Bereich der Hohen Warte. Der während eines Luftangriffs aus dem Zuchthaus Sankt Georgen entflohene politische Häftling Karl Ruth stieß bei Cottenbach auf die Amerikaner und diente ihnen in der Folge als Unterhändler. Deren Drohung, die Stadt im Falle von Widerstand „in Grund und Boden zu schießen“, konnte mit seiner Hilfe abgewendet werden. Aufgrund der Weigerung des im peripheren Stadtteil Sankt Johannis verharrenden deutschen Kampfkommandanten General August Hagl wurde dort jedoch das Neue Schloss der Eremitage durch einen Jagdbomber- und Artillerieangriff zerstört. Als die Übergabeverhandlungen mit Oberbürgermeister Friedrich Kempfler vor dem Abschluss standen, eröffnete die 14. US-Panzerdivision wider die Absprache nochmals das Feuer auf Bayreuth. Kurz vor 13 Uhr kam es endgültig nicht mehr zum Einsatz von Waffen. Die amerikanischen Soldaten rückten von nördlich des Roten Mains in die Stadt ein. Sie verhängten eine Ausgangsbeschränkung, zunächst lediglich vier Stunden am Tag durfte die Bevölkerung die Häuser verlassen. Der Gastronom Wilhelm Kröll wurde, obwohl Kempfler offiziell noch im Amt war, zum kommissarischen Bürgermeister ernannt.Karl Müssel: Bayreuth in acht Jahrhunderten, S. 211 ff. Die Weisungen des US-Militärgouverneurs für Bayreuth waren strikt. Der Bevölkerung wurde verboten, bestimmte Straßen zu benutzen, die Stadtgrenze durfte ohne Genehmigung nicht überschritten werden. Die Ausgangszeiten wurden bald auf 7 bis 10 und 15 bis 18 Uhr ausgedehnt. Fotoapparate und Ferngläser waren abzuliefern, Verstöße gegen das Verbot des Waffenbesitzes wurden mit dem Tod bestraft. Privateigentum konnte zur öffentlichen Verwendung beschlagnahmt werden, als Fahrzeuge waren nur Fahrräder und Handwagen gestattet. Von Amerikanern durften keine Waren angenommen werden. Nachkriegszeit, Wiederaufbau (1945–2000) mini|hochkant|Alt und neu im Quartier Neuer Weg Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gehörte Bayreuth zur Amerikanischen Besatzungszone. Hauptquartier der amerikanischen Truppen war bis zum 17. Mai 1949 das Hotel Goldener Anker in der Opernstraße, in dem auch eine der drei örtlichen Abteilungen des Counter Intelligence Corps (CIC) untergebracht war. Weitere Einrichtungen des CIC befanden sich in der Romanstraße und im „Siegfriedbau“ der Villa Wahnfried.Bayreuths ältestes Hotel sucht Zeitzeugen in: Nordbayerischer Kurier vom 10. Februar 2025, S. 13. Die amerikanische Militärverwaltung richtete DP-Lager zur Unterbringung heimatloser Menschen, so genannter (DPs), ein. Am 25. Juni 1945 wurden in der Stadt 5.038 Personen, die nicht in Bayreuth beheimatet waren, gezählt, die auf drei Lager (Prinz-Leopold-Camp, Sankt-Georgen-Camp und Flößanger-Camp) verteilt waren. 3833 von ihnen stammten aus Polen, 398 aus der Ukraine, 160 waren Russen und drei Juden.Peter Engelbrecht: Ende und Neubeginn. Bayreuth: Im April 1945 herrscht Frieden, S. 313. Die Lager wurden von der Nothilfe- und Wiederaufbauverwaltung der Vereinten Nationen betreut. Mitte Mai 1945 wurde die Ausgangszeit bis 21 Uhr verlängert und die Verdunkelungspflicht aufgehoben. Ab Ende Mai durfte sich die Bevölkerung ab der Stadtgrenze in einer Entfernung von bis zu zwölf Kilometern frei bewegen. Zusammenkünfte von mehr als fünf Personen blieben verboten. Als Hilfskräfte zur Beseitigung von Blindgängern wurden langjährige NSDAP-Mitglieder herangezogen. Anstelle eines Stadtrats wurde am 29. November 1945 ein „Hauptausschuss“ eingesetzt, der Sofortmaßnahmen bezüglich der Lebensmittelversorgung, Wohnraumbewirtschaftung und Trümmerbeseitigung auf Straßen und Plätzen sowie den schrittweisen Aufbau einer neuen Stadtverwaltung beriet. Ein erstes Mitteilungsblatt für die Bevölkerung erschien im Juli 1945. Am 18. Dezember 1945 gab es mit der ersten Nummer der Fränkischen Presse wieder eine Tageszeitung. Das konservative Bayreuther Tagblatt erschien erst am 1. Oktober 1949 wieder.Rainer Trübsbach: Geschichte der Stadt Bayreuth, S. 354. Die erste politische Versammlung der Nachkriegszeit fand am 15. Oktober 1945 statt, Veranstalter war die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD). Am 9. November 1945 wurde der Ortsverband der SPD neu gegründet, am 30. Dezember jener der CSU. Ende Juni 1946 begannen im Zuge der Entnazifizierung die ersten Spruchkammerverfahren.Bernd Mayer: Bayreuth im zwanzigsten Jahrhundert, S. 82 f. Im Herbst 1948 stellten die drei Bayreuther Spruchkammern ihre Tätigkeit ein; die Spruchkammer I hatte bis dahin 5 Personen als Hauptschuldige, 23 als Belastete, 66 als Minderbelastete und 955 als Mitläufer klassifiziert.Bernd Mayer: Bayreuth wie es war, S. 152. Die Wohnungssituation war anfangs sehr schwierig: etwa 56.000 Einwohner, erheblich mehr als vor Kriegsbeginn, lebten in der Stadt. Diese Zunahme resultierte vor allem aus der hohen Zahl von Flüchtlingen und Heimatvertriebenen. Am 1. November 1947 gab es in Bayreuth 11.101 Flüchtlinge. Da gleichzeitig viele Wohnungen kriegsbedingt zerstört waren, lebten Tausende von Menschen in Notunterkünften. Ende 1947 wurden 3.706 Evakuierte gezählt, 4.800 der 16.000 örtlichen Haushaltungen waren ohne eigene Wohnung. Im Festspielrestaurant neben dem Festspielhaus waren ca. 500 Personen untergebracht.Bernd Mayer: Wo jeder Zehnte einen Stuhl besaß. In: Heimat-Kurier das historische Magazin des Nordbayerischen Kuriers. Nr. 3/2004. Anfang 1947 wurden in acht Wirtshäusern städtische Wärmestuben eingerichtet.Bernd Mayer: Bayreuth im zwanzigsten Jahrhundert, S. 87. Die Zahl der Displaced Persons in der Stadt betrug im Mai 1949 rund 3.000 Menschen.Schutt, Wohnungsnot, Flüchtlinge in: Nordbayerischer Kurier vom 23. Mai 2019, S. 16. Verschärft wurde die Wohnungsnot dadurch, dass die Besatzungsmacht ganze Stadtviertel (Gartenstadt, SA-Siedlung Birken) für sich requirierte.Bernd Mayer: Bayreuth wie es war, S. 146. Im August 1945 gründeten 18 jüdische Überlebende des Holocaust in Bayreuth ein erstes jüdisches Informationsbüro. In der Folge entwickelte sich die Stadt rasch zu einer Anlaufstelle für Juden aus dem Osten. Reges jüdisches Leben – kulturell, religiös, sozial und sportlich – entstand; im Dezember 1945 konnten sie im von der Stadt zur Verfügung gestellten Kulturhaus Lisztstraße 12 ihr erstes Chanukka-Fest feiern, mit dem Verein Hapoel Bayreuth hatten sie bald einen eigenen Fußballclub. Bei der einheimischen Bevölkerung der ohnehin überfüllten Trümmerstadt Bayreuth stießen die Einquartierungen von Juden häufig auf Ablehnung.Bernd Mayer: Die Judenfarmen im Bayreuther Land in: Heimatkurier 4/2006 des Nordbayerischen Kuriers, S. 12 f. Der Hauptbahnhof wurde 1946 zu einer Drehscheibe für Vertriebene aus dem Sudetenland. Am 25. Januar 1946 kam ein erster Zug mit 1200 Menschen in Bayreuth an, insgesamt waren es allein in jenem Jahr 39.281 Vertriebene in 33 Zügen.Bernd Mayer: Per Viehwaggon in ein neues Leben in: Heimatkurier 4/2006 des Nordbayerischen Kuriers, S. 7. Überwiegend wurden sie an ihre Zielorte in den westlichen Besatzungszonen weiterbefördert, zahlreiche blieben aber auch in der Stadt. Im März 1948 wurden in Bayreuth 11.217 Flüchtlinge, darunter 3612 Sudetendeutsche, gezählt.Bernd Mayer: Wo jeder Zehnte einen Stuhl besaß in: Heimatkurier 3/2004 des Nordbayerischen Kuriers, S. 14–15. 1950 waren 22 Prozent der Einwohner Flüchtlinge oder Vertriebene.Erinnerung an 75 Jahre Vertreibung in: Nordbayerischer Kurier vom 30./31. Oktober 2021, S. 11. Bis zur Währungsreform des Jahres 1948 entwickelte sich der Wohnungsbau nur zögerlich, die Barackensiedlungen hatten sich kaum geleert. Im Herbst 1948 fehlten noch 4500 Wohnungen, worauf Bayreuth auf Antrag des Stadtrats vom bayerischen Sozialministerium als „Notstandsgebiet“ anerkannt wurde. Dies stellte die Weichen für einen stärkeren Zufluss staatlicher Mittel für öffentliche und genossenschaftliche Bauvorhaben. Gegen das Wohnungselend wurde im April 1949 die Gemeinnützige Wohnungsbaugesellschaft (GEWOG) gegründet.Bernd Mayer: Bayreuth im zwanzigsten Jahrhundert, S. 84 f. Nach der Währungsreform begann 1948 der Wiederaufbau der zerstörten Häuser auf der Nordseite des Marktplatzes. Auch die Versorgungslage war prekär: Erst im Juli 1947 trafen wieder Schweine im örtlichen Schlachthof ein. Im Mai 1947 begann die Schulspeisung mit täglich 350 kcal pro Schüler. Schuhe waren so gut wie nicht zu erhalten, um das kulturelle Leben war es mit zahlreichen Konzert-Angeboten besser bestellt. Allerdings war mit dem Bali (Bayreuther Lichtspiele) in der Richard-Wagner Straße vorerst nur noch ein Kino vorhanden. 1945 wurden ungefähr 1400 Männer von der Stadtverwaltung für „lebensnotwendige Arbeiten“ (Aufräumarbeiten an zerstörten Gebäuden, Räumung von Straßen) dienstverpflichtet. 1948 waren von anfangs knapp 500.000 m³ Schutt bereits 425.000 m³ weggeräumt: 245.000 m³ davon von der Stadt Bayreuth, 180.000 m³ in Eigenleistung. 1949 galten 80 % der Grundstücke in Bayreuth als „enttrümmert“.Rainer Trübsbach: Geschichte der Stadt Bayreuth, S. 357. Erster Oberbürgermeister nach dem Krieg war der Jurist Joseph Kauper, der bereits im November 1945 bei einem Verkehrsunfall tödlich verunglückte. Als sein Nachfolger wurde von der US-Militärregierung der ehemalige Schlachthofdirektor Oskar Meyer bestellt.Rainer Trübsbach: Geschichte der Stadt Bayreuth, S. 348. Bei der ersten Stadtratswahl am 16. Mai 1946, und erneut bei der zweiten am 5. Mai 1948, wurde die SPD stärkste Kraft. Am 6. Juni 1946 trat der erste demokratisch gewählte Stadtrat der Nachkriegszeit zusammen, am 1. Juli 1948 wurde der Verwaltungsfachmann Hans Rollwagen (SPD) mit 38 von 40 Stimmen zum Stadtoberhaupt gekürt. Auf seinen Antrag hin führte der Stadtrat 1949 einen „Notgroschen“ ein: Besucher von Sportveranstaltungen oder Filmaufführungen mussten pro Eintrittskarte 10 Pfennig zusätzlich zahlen, die für Wohnungsbau und Kultur gedacht waren. Am 30. März 1946 wurde die Sperrzeit für Zivilpersonen aufgehoben, im selben Monat fand eine erste Gedenkfeier für die Opfer des Faschismus mit dem sozialdemokratischen Widerstandskämpfer Oswald Merz statt. Auch das kulturelle Leben kam allmählich wieder in Gang: 1947 wurden im Markgräflichen Opernhaus Mozart-Festspielwochen abgehalten, aus denen sich die Fränkischen Festwochen entwickelten. 1949 wurde erstmals wieder das Festspielhaus bespielt, es gab ein Festkonzert mit den Wiener Philharmonikern unter der Leitung von Hans Knappertsbusch. 1951 fanden die ersten Richard-Wagner-Festspiele nach dem Krieg unter Leitung von Wieland und Wolfgang Wagner statt. Am 15. April 1946 wurde der Stadtbusverkehr, zunächst mit zwei aus Ungarn geliehenen Omnibus-Veteranen, wiederaufgenommen; sie verkehrten im 30-Minuten-Takt über den Markt zwischen Sankt Georgen und dem Bahnhof Altstadt.Bernd Mayer: Bayreuth wie es war, S. 144. Die zentrale Omnibushaltestelle auf dem Marktplatz ging 1950 in Betrieb.Bernd Mayer: Bayreuth im zwanzigsten Jahrhundert, S. 102. 1949 wurde Bayreuth wieder Sitz der Regierung von Oberfranken; im November jenes Jahres fand erstmals wieder ein Wochenmarkt in der Rotmainhalle statt, nachdem er vorübergehend zum Dammwäldchen verlegt worden war.Bernd Mayer: Pflaumenkrieg und Käuferstreik in: Heimatkurier 1/2001 des Nordbayerischen Kuriers, S. 6. Manche Produkte konnten auch nach der Währungsreform nur mit Lebensmittelkarten erworben werden. Die Verdoppelung der Butterration von 125 auf 250 Gramm führte 1949 zu einer Butterknappheit. In der Maximilianstraße 67 eröffnete im April 1950 die genossenschaftlich organisierte Handelskette Konsum das erste Selbstbedienungsgeschäft.Bernd Mayer: Bayreuth im zwanzigsten Jahrhundert, S. 101. Im Juli 1950 wurde die Zuzugsperre nach Bayreuth aufgehoben. Im Mai 1949 wurde im Stadtkern eine zulässige Höchstgeschwindigkeit von 15 mph (24 km/h) verfügt. 1952 wurde das Kfz-Kennzeichen AB (für Amerikanische Besatzungszone) durch BT ersetzt;Was vor 50 Jahren geschah in: Heimatkurier 1/2002 des Nordbayerischen Kuriers, S. 11. 1953 wurde am Sternplatz die erste Verkehrsampel der Stadt installiert, im Mai 1957 wurden vor dem Sparkassenhaus am unteren Markt die ersten Parkuhren aufgestellt.Bernd Mayer: Bayreuth im zwanzigsten Jahrhundert, S. 94 f. Ende März 1956 begann, zunächst in einem Schaufenster der 1914 in Bayreuth gegründeten Bayerischen Elektricitäts-Lieferungs-Gesellschaft AG (BELG),Bayernwerk Geschichte bei bayernwerk.de, abgerufen am 3. September 2018. der Fernsehempfang, innerhalb weniger Tage stieg die Zahl der Fernsehgeräte von 4 auf 33 Apparate. Kommunalpolitisch war seit 1946 die SPD die führende Kraft, die CSU 1952 mit vier Mandaten nur die sechststärkste Fraktion im Stadtparlament. Bei den Bundestagswahlen befanden sich die Christdemokraten hingegen im Aufwind und errungen 1957 das Direktmandat. Mit Unterstützung der CSU wurde, als Nachfolger von Hans Rollwagen, 1958 der Verwaltungsfachmann und SPD-Kandidat Hans Walter Wild zum Oberbürgermeister gewählt.Bernd Mayer: Bayreuth im zwanzigsten Jahrhundert, S. 98. Dieses Amt bekleidete er ohne Unterbrechung während der folgenden 30 Jahre. 1955 kehrten die letzten Kriegsgefangenen aus der Sowjetunion nach Bayreuth zurück. Bei den Stadtratswahlen der Jahre 1946 und 1948 errang die KPD jeweils zwei Mandate, 1952 zog sie nicht mehr in das Stadtparlament ein. Einen Tag nach dem KPD-Verbot wurde am 18. August 1956 deren Büro in der Badstraße geschlossen; im April 1957 wurde bei einem ehemaligen KZ-Häftling Propagandamaterial beschlagnahmt. Bundesweites Aufsehen erregte im Dezember 1967 der Plan der Stadtverwaltung, die beschlagnahmten Schriften verbrennen zu lassen. Die Stadt, die wegen hoher Wahlergebnisse der rechtsextremen NPD ohnehin am Pranger der Medien stand, geriet wegen dieser Bücherverbrennung zusätzlich in die Schlagzeilen.Bernd Mayer: KPD-Verbot mit peinlichen Spätfolgen in: Heimatkurier 9/1996 des Nordbayerischen Kuriers, S. 3 f. Das Bombeninferno vom April 1945 hatte von der gewachsenen Industrielandschaft Bayreuths wenig übriggelassen. Vor allem durch den Zustrom von Vertriebenen zählte die Stadt dafür plötzlich rund 10.000 Bürger mehr. Deren Innovationsfreude und Kreativität war eine Reihe von Betriebsgründungen zu verdanken; 1949 wurden 125 „Flüchtlingsbetriebe“ registriert. Im September 1956 stellte die Neue Baumwollen-Spinnerei Bayreuth erstmals einen Gastarbeiter ein. Die Stadt, „ein industrieller Spätentwickler mit ungesunder Monostruktur“,Bernd Mayer: Bayreuth im zwanzigsten Jahrhundert, S. 91. erschloss Mitte der 1950er Jahre das Gebiet des trockengelegten Brandenburger Weihers als Industriegelände. Dort, nahe der Autobahnanschlussstelle Bayreuth-Nord, errichteten 1957 die Firmen British American Tobacco (BAT, im örtlichen Sprachgebrauch „Batberg“) und Grundig Betriebsstätten und nahmen im selben Jahr die Produktion auf. Im Sommer 1958 zählte Grundig bereits 1.000 Mitarbeiter, im November jenes Jahres fand die erste Vorlesung an der Pädagogischen Hochschule im heutigen Markgräfin-Wilhelmine-Gymnasium an der Dürschnitz statt. Die externe Fakultät der Universität Erlangen-Nürnberg erhielt 1964 ein neues Gebäude im Stadtteil Roter Hügel. In der Weihnachtszeit 1958 wurde die Innenstadt erstmals festlich illuminiert. Die längs der und quer über die Straßen gespannten Girlanden gelten mit mittlerweile sieben Kilometern Länge (Stand 2018) als die längste weihnachtliche Lichterkette Frankens.Mehr Glanz fürs Licht. In: Nordbayerischer Kurier. 19. November 2018, S. 7. Bis in die 1960er Jahre gab es in Bayreuth eine beachtliche Zahl an Bauernhöfen. Mit ihren Huckelkörben und dem obligatorischen Kopftuch („Maichala“) waren die Bäuerinnen einst in der Stadt allgegenwärtig.Bernd und Gerda Mayer: Arbeiten und Leben in Bayreuth, S. 77 und 83. Die 1960er und 1970er Jahre waren von Lieblosigkeit im Umgang mit dem historischen Stadtbild geleitet, es kam zur Vernichtung großer Teile der alten Bausubstanz. Parteiübergreifend wurde, bei nur spärlichem Widerspruch seitens der Bevölkerung und weniger Stadträte, auf das Konzept einer modernen, autogerechten Stadt gesetzt. Dem Wunsch, die Innenstadt zum Hauptbahnhof hin auszudehnen, fiel bis 1969 das offene Flussbett des Roten Mains zum Opfer.Bernd Mayer: Bayreuth im zwanzigsten Jahrhundert, S. 108 u. 119. Um der Verkehrssicherheit willen wurden rücksichtslos Bäume gefällt und ganze Alleen geopfert.Bernd Mayer: Bayreuth. Die letzten 50 Jahre, S. 139 ff. Erst in den späten 1970er Jahren setzte ein Umdenken ein. Die 1979 erlassene städtische Baumschutzverordnung wurde vom Bund Naturschutz als vorbildlich für Bayern gepriesen.Bernd Mayer: Bayreuth. Die letzten 50 Jahre, S. 146. mini|Neues Schloss mini|hochkant|Historisches Museum in der alten Lateinschule, bis 1988 städtische Feuerwache Seit 1960 führt die Stadt ein Goldenes Buch.Glamour und Gemeinwohl vereint in: Nordbayerischer Kurier vom 31. August/1. September 2024, S. 10. Im Neuen Schloss wurde in demselben Jahr das Stadtmuseum eröffnet, das heute als Historisches Museum in der alten Lateinschule am Kirchplatz weiterbesteht, und an der Unteren Au ging die zentrale Kläranlage in Betrieb. Außerdem ging der Schlossturm in den Besitz der katholischen Kirche über. In jenem Jahr wurde im Kaufhaus Loher an der Kanalstraße auch die erste Rolltreppe der Stadt installiert. Ab Mai 1962 erhielt die Stadt Trinkwasser aus einem neuen Hochbehälter am Eichelberg,Bernd Mayer: Bayreuth im zwanzigsten Jahrhundert, S. 118 f. der 1969 durch eine Wasseraufbereitungsanlage ergänzt wurde.Vor 50 Jahren in: Nordbayerischer Kurier vom 16. Oktober 2019, S. 10. Im Mai 1964 wurde auf dem Gelände der vormaligen Schwimmschule das Kreuzsteinbad eröffnet, bis Januar 1965 die einstige markgräfliche Reithalle zur Stadthalle umgebaut. Der Marktplatz wurde 1965 „autogerecht“ umgestaltet. Im März jenes Jahres erfolgte der Anschluss an das Ferngasnetz, das städtische Gaswerk wurde stillgelegt. 1968 wurden in Sankt Georgen und der Grünewaldstraße die letzten der einst 320 Gaslaternen der Stadt abgebaut.Vor 50 Jahren: Computer kommen, Gaslaternen gehen. In: Nordbayerischer Kurier. 10. Oktober 2018, S. 10. Der verbliebene offene Abschnitt des Mühlkanals entlang der Kanalstraße wurde 1967 gedeckelt, im Juni das Städtische Stadion eröffnet. 1968 wurde an der Stelle des 1966 abgerissenen, eingeschossig erhaltenen RestesBernd Mayer: Bayreuth im zwanzigsten Jahrhundert, S. 111. des Reitzenstein-Palais am Luitpoldplatz der Neubau der Städtischen Sparkasse errichtet,Bernd Mayer: Bayreuth im zwanzigsten Jahrhundert, S. 109. zwischen der Maximilian- und der Kanalstraße wurde die erste Ladenpassage (heutige Eysserhaus-Passage) eröffnet.Eine Passage im Wandel. In: Nordbayerischer Kurier. 7. September 2018, S. 10. Mit Festakten in beiden Städten besiegelten die Stadtoberhäupter von Annecy (Frankreich) und Bayreuth im Sommer 1966 die Partnerschaft der beiden ungleichen Orte: Annecy als Zentrum der Résistance und Bayreuth als ehemalige Hochburg der Nationalsozialisten. Bei der Stadtratswahl im März jenes Jahres hatte die rechtsextreme Nationaldemokratische Partei Deutschlands (NPD) drei Mandate errungen, bei der Landtagswahl im Herbst 1966 erreichte sie fast 14 Prozent. Die symbolträchtige Wagnerstadt geriet diesbezüglich zunehmend ins Zwielicht und ins Visier der Weltpresse. Der im Februar 1969 in Bayreuth geplante Parteitag der NPD wurde als „Akt der Notwehr“ (Oberbürgermeister Wild) von der Stadt verboten.Bernd Mayer: Bayreuth im zwanzigsten Jahrhundert, S. 112 f. Erstmals seit 1946 errang bei der Landtagswahl des Jahres 1970 der Kandidat der CSU gegenüber dem der SPD das Direktmandat des Stimmkreises Bayreuth-Stadt und Bayreuth-Land.Vor 50 Jahren in: Nordbayerischer Kurier vom 23. November 2020, S. 8. 1971 beschloss der Bayerische Landtag die Errichtung der Universität Bayreuth, deren Grundstein am 23. März 1974 gelegt wurde.Bernd Mayer: Bayreuth im zwanzigsten Jahrhundert, S. 123. Sie nahm am 3. November 1975 im Mehrzweckgebäude (heute: Geowissenschaften I)Bernd Mayer: Bayreuth im zwanzigsten Jahrhundert, S. 130. ihren Betrieb auf und zählt mittlerweile rund 13.500 Studenten in der Stadt. Am 6. Mai 1972 wurde auf dem Areal um den ehemaligen Altbachplatz das Neue Rathaus eingeweiht. Bis Mitte der 1970er Jahre entstand der weitgehend vierstreifige Stadtkernring, dem besonders in der südwestlichen Innenstadt bedeutende Teile der historischen Bausubstanz zum Opfer fielen. In der unteren Maximilianstraße entstand im Juli 1978 der erste Abschnitt der Fußgängerzone.Bernd Mayer: Bayreuth im zwanzigsten Jahrhundert, S. 126 ff. Bis in die 1970er Jahre hinein regierte Oberbürgermeister Wild nahezu unangefochten die Stadt. Vereinzelte Proteste gegen seine Modernisierungs- und Abrisspläne fegte der Duzfreund von Franz Josef Strauß mühelos hinweg.Bernd Mayer: Bayreuth im zwanzigsten Jahrhundert, S. 128. Bei der Stadtratswahl 1972 erreichte die SPD 23, die CSU 16 und die Bayreuther Gemeinschaft (BG) 5 Sitze, bei der Bundestagswahl holte die SPD das Direktmandat.Bernd Mayer: Bayreuth im zwanzigsten Jahrhundert, S. 134 f. Nach fast dreißigjähriger Enthaltsamkeit stellte die CSU 1975 erstmals einen eigenen Kandidaten für das Oberbürgermeisteramt auf. Mit knapp 42 Prozent der Stimmen erzielte Ortwin Lowack einen Achtungserfolg.Bernd Mayer: Bayreuth im zwanzigsten Jahrhundert, S. 132 f. Bei der Stadtratswahl 1978 lag die CSU erstmals mit der SPD gleichauf. Anfang März 1970 machte starker Schneefall viele Straßen und Gehwege unpassierbar, die Stadtverwaltung hatte die Bundeswehr per Amtshilfe um entsprechende Unterstützung gebeten.Vor 50 Jahren in: Nordbayerischer Kurier vom 3. März 2020, S. 8. 1971 entstand mit dem nur knapp zwei Jahre lang geöffneten Life 2000 ein erstes Einkaufszentrum am Stadtrand. Im Mai 1972 ereignete sich auf dem Volksfest der Stadt das bisher folgenschwerste Unglück mit einer Achterbahn seit Ende des Zweiten Weltkriegs: Ein überbesetzter Wagen entgleiste, mehrere Personen wurden herausgeschleudert. Vier Menschen starben, fünf wurden zum Teil schwer verletzt. Mit dem 1. Oktober 1972 verlor die Stadtpolizei ihre Eigenständigkeit und wurde zur Polizeiinspektion Bayreuth-Stadt der Polizei Bayern.Die gute, alte Stadtpolizei in: Nordbayerischer Kurier vom 14. Oktober 2022, S. 8. Ab 1973 bediente die Fluggesellschaft Ostfriesischer Lufttransport den Bayreuther Flugplatz im Linienverkehr. mini|Eisenbahnmüllwagen an der Müllumladestation Bayreuth 1972 wuchs die Stadt durch Eingemeindung der Vororte Oberkonnersreuth und Laineck, 1976 kamen Aichig, Oberpreuschwitz, Seulbitz und Thiergarten hinzu. Der Zugewinn an Fläche betrug insgesamt 29,7 Quadratkilometer; dank der 1.955 Neubürger überstieg die Einwohnerzahl am 1. Juli 1976 jene Bambergs, und Bayreuth wurde vorübergehend größte Stadt Oberfrankens.Bernd Mayer: Maus trickste bayerischen Löwen aus in: Heimatkurier 10/1996 des Nordbayerischen Kuriers, S. 3. 1973 begann das Bahnsterben mit der Einstellung der Bahnstrecke nach Thurnau. Im Oktober 1975 wurde die neue Jugendherberge, im Dezember das Kunsteisstadion eröffnet. Das Kommunale Jugendzentrum wurde 1978 im ehemaligen „Heim der Hitler-Jugend“ an der Hindenburgstraße eingerichtet. Im September jenes Jahres wurde in der Innenstadt erstmals das Bayreuther Bürgerfest gefeiert. 1979 verpasste der Fußballverein SpVgg Bayreuth nur knapp den Aufstieg in die Erste Bundesliga. Im Oktober 1979 war Bayreuth Gründungsmitglied des Zweckverbands Müllverwertung Schwandorf. Am 7. Oktober 1982 verließ der erste Müllzug nach Schwandorf die städtische Müllumladestation, wo seither im neu errichteten dortigen Kraftwerk der Bayreuther Haus- und Sperrmüll zur Energieerzeugung verbrannt wird.Region von Anfang an dabei in: Nordbayerischer Kurier vom 11. Oktober 2019, S. 18. Im November 1981 wurde in Bayreuth ein Luftrettungsdienst eingerichtet. Der Rettungshubschrauber Christoph 20 versorgt einen Umkreis von 70 km um das örtliche Klinikum.Christoph 20 – Bayreuth bei luftrettung.adac.de, abgerufen am 6. Mai 2022 Nach der Kommunalwahl 1984 stellte erstmals die CSU die Mehrheit der Stadträte.Bernd Mayer: Bayreuth im zwanzigsten Jahrhundert, S. 152 f. In den 1980er Jahren wurde die beschauliche Stadt zunehmend Schauplatz von Demonstrationen. Der NATO-Doppelbeschluss, das Waldsterben, die projektierte Wiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf und andere Anlässe brachten zahlreiche Menschen auf die Straße. 1989 demonstrierten chinesische Studenten gegen das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens.Bernd Mayer: Bayreuth im zwanzigsten Jahrhundert, S. 140 f. 1985 wurde die Fußgängerzone um den Marktplatz erweitert, der jedoch die Zentrale Omnibushaltestelle behielt. Im September 1986 wurde Bayreuth an die Fernwasserversorgung Oberfranken angeschlossen. Ebenfalls 1986 wurde das Zweckverbandskrankenhaus auf dem Roten Hügel seiner Bestimmung übergeben, 1987 die Rettungshubschrauberstation und die Oberfrankenhalle eröffnet. 1988 ersetzte die neue Feuerwache die alte Wache am Kirchplatz (ehemalige Lateinschule, seit 1996 Historisches Museum). Für den Bau des 1985 eröffneten Nordrings verlor die Stadt nochmals historische Gebäude.Bernd Mayer: Bayreuth im zwanzigsten Jahrhundert, S. 142 f. 1987 ging das lokale Radio Mainwelle erstmals auf Sendung.Bernd Mayer: Bayreuth im zwanzigsten Jahrhundert, S. 150. 1988 setzte sich der SPD-Politiker Dieter Mronz gegen Ortwin Lowack bei der Wahl zum neuen Oberbürgermeister durch.Bernd Mayer: Bayreuth im zwanzigsten Jahrhundert, S. 146 f. Im Januar 1989 schob die Stadt eine kurdische Jesiden-Familie in die Türkei ab, was bundesweite Proteste bei Hilfsorganisationen auslöste. Am Nachmittag des 1. Oktober 1989 trafen mehr als 400 DDR-Bürger – ehemalige Besetzer der Prager Botschaft, die die Tschechoslowakei hatten verlassen dürfen – mit einem Sonderzug der Deutschen Reichsbahn im Hauptbahnhof ein.Bernd Mayer: Bayreuth Chronik 1989, S. 146 f. Nach der Öffnung der innerdeutschen Grenze im November 1989 wurde die Stadt, aufgrund ihrer Nähe zur DDR, von deren Bürgern regelrecht überrannt. Etwa 606.000 Ostdeutsche kamen bis Ende jenes Jahres, vor allem zum Einkaufen, nach Bayreuth;Bernd Mayer: Bayreuth im zwanzigsten Jahrhundert, S. 148 f. bereits am ersten Wochenende (11./12. November) waren es 25.000.Bernd Mayer: Bayreuth Chronik 1989, S. 156 ff. Im Dezember 1990 sangen und tanzten Mitglieder der Sowjetarmee im Großen Haus der Stadthalle und überbrachten so, auf Initiative Michail Gorbatschows hin, eine Friedensbotschaft aus der Sowjetunion.Stephan-H. Fuchs: Bayreuth Chronik 1991, S. 24. Gorbatschow selbst besuchte im Juli 1993 Bayreuth.Bernd Mayer: Bayreuth im zwanzigsten Jahrhundert, S. 169. 1991 versammelte sich anlässlich des Todestags von Rudolf Heß eine große Zahl von Neonazis auf dem Jean-Paul-Platz. In den folgenden Jahren verhinderte die Stadt entsprechende Veranstaltungen.Bernd Mayer: Bayreuth im zwanzigsten Jahrhundert, S. 162 f. Am 19. Januar 1990 wurde in der Fabrikhalle einer ehemaligen Gardinenweberei an der Justus-Liebig-Straße das Bundesarchiv für Lastenausgleich mit ca. 40 Millionen Akten in Betrieb genommen. Im Oktober 1999 zog es in das ehemalige Städtische Krankenhaus im Stadtteil Kreuz um.Bernd Mayer: Bayreuth im zwanzigsten Jahrhundert, S. 172 ff. Im März 1990 startete ein Modellversuch für die Biomüllabfuhr, an den 10.000 Einwohner angeschlossen waren, im Mai richtete die Stadt ein Amt für Umweltschutz ein.Yvonne Arnhold, Stephan Fuchs: Bayreuth Chronik 1990, S. 43 und 83. Bei einem Volksentscheid im Februar 1991 votierten die Bayreuther mit 54,99 % für den Gesetzentwurf der Bürgeraktion „Das bessere Müllkonzept“; bayernweit setzte sich mit 51 % jedoch der Gegenentwurf der CSU durch.Stephan-H. Fuchs: Bayreuth Chronik 1991, S. 54. Auf dem Gelände des Stadtbauhofs ging im Mai 1991 der städtische Recyclinghof in Betrieb.Stephan-H. Fuchs: Bayreuth Chronik 1991, S. 96. Am 23. März 1992 wurden die in Bayreuth stationierten US-Streitkräfte verabschiedet, im Mai 1992 begann für die abseits der Magistralen gelegene Stadt der schnelle Eisenbahnverkehr mit Neigetechnikzügen zum Fernverkehrsknoten Nürnberg.Bernd Mayer: Bayreuth im zwanzigsten Jahrhundert, S. 164. 1993 wurde Bayreuth per Ministerratsbeschluss als Oberzentrum ausgewiesen. Zur Finanzlage der Stadt äußerte Oberbürgermeister Mronz im September 1994: „Jetzt brechen alle Dämme. Die Handlungsfähigkeit der Stadt wird praktisch auf Null gedreht.“ Umstrukturierungen seitens des Bundes und des Landes hatten die finanziellen Belastungen der Kommunen stark erhöht, was zu einem geschätzten Fehlbetrag von 26,5 Millionen Mark im Stadthaushalt von 1995 führte. Größter Einzelposten war der um 38 % gestiegene Anteil der Kommunen am Solidarpakt, an dem sich Bayreuth mit 13 Millionen Mark zu beteiligen hatte. Die Änderung des Eisenbahnkreuzungsgesetzes gab drei sanierungsbedürftige Bahnbrücken, die von der Bundesregierung geplante Begrenzung der Arbeitslosenhilfe auf zwei Jahre die Versorgung der Langzeitarbeitslosen in die Verantwortung der Stadt.Vor 25 Jahren. Stadt finanziell stark belastet in: Nordbayerischer Kurier vom 17. September 2019, S. 10. Am 26. Januar 1995 trat nach Niederschlägen und Schneeschmelze der Rote Main über seine Ufer, in manchen Straßen stand das Wasser bis zu 80 cm hoch.Vor 25 Jahren. Hochwasser in Bayreuth in: Nordbayerischer Kurier vom 27. Januar 2019, S. 8. Das umstrittene Einkaufszentrum Rotmain-Center an der Stelle des alten Schlachthofs öffnete im September 1997. 1998 wurde an der unteren Opernstraße der Mühlkanal – mit verändertem Verlauf – geöffnet, 1999 entstanden dort die Schlossterrassen. Ebenfalls 1999 nahm in Seulbitz die Lohengrin Therme den Betrieb auf.Bernd Mayer: Bayreuth im zwanzigsten Jahrhundert, S. 158 f. Zerstörung historischer Substanz nach 1945 mini|hochkant|Infostele zum 1970 abgerissenen Geburtshaus Max Stirners vor dem Alten Rathaus Vieles von dem, was die Bombentage im April 1945 übriggelassen hatten, wurde anschließend zerstört. Das Alte Schloss wurde ein spätes Opfer der Nationalsozialisten, die dort belastendes Material verbrannten. Das Feuer griff auf das Gebäude und die Häuserfront an der Nordseite des Marktplatzes über. Mangels Feuerwehr und Löschwassers konnte es erst auf Anordnung der einrückenden amerikanischen Soldaten durch die Sprengung zweier Häuser eingedämmt werden. Ein schwerer Verlust für die Stadt war der Abriss des Geburtshauses Max Stirners (1970), des historischen Sozialquartiers Burg (erste bayerische Sozialsiedlung des 19. Jahrhunderts) bis 1981 und der verbliebenen Reste des Reitzenstein-Palais. Dem Straßenverkehr wurde in den 1970er Jahren mit dem Bau des Stadtkernrings unter anderem das Ensemble am Anfang der Erlanger Straße, darunter das einzige erhaltene Haus mit sichtbarem Fachwerk (Eck-Schoberth), geopfert. Der Rote Main wurde in seinem im Zentrum bisher sichtbaren Teil weitgehend als Straßen- und Parkplatzfläche gedeckelt (Abriss der Ludwigsbrücke und des Wachhäuschens aus dem 18. Jahrhundert). Für den Bau des neuen Rathauses wurde das idyllische Viertel am Altbachplatz abgerissen, einschließlich des vom ersten Festspieldirigenten und Bayreuther Ehrenbürger Hans Richter bewohnten Richterhauses. Dazu kamen aus heutiger Sicht weitere wenig sinnvolle Abrisse in der Richard-Wagner-Straße („Türkenhaus“, erbaut 1709), am Sternplatz und in der Sophienstraße (Priesterhäuser aus dem 16. Jahrhundert). Am Marktplatz wurden drei der wenigen verbliebenen alten Häuser der Nordseite ab 1962 einem Kaufhausneubau geopfert, und erst kürzlich wich das alte Sparkassengebäude aus dem Jahr 1934 einem umstrittenen Neubau. Am Ort des abgerissenen Stirnerhauses wurde 1971 ein modernes Gebäude errichtet. Der Text der einst von John Henry Mackay initiierten und dort wieder angebrachten Gedenktafel,Karl Müssel: Bayreuth in acht Jahrhunderten. S. 146. wonach es sich um das Geburtshaus Max Stirners handle, trifft deshalb nicht mehr zu und ist somit irreführend. Bernd Mayer, 2011 gestorbener Historiker und Ehrenbürger der Stadt, hat die Zerstörungen der Nachkriegszeit als umfassender als jene während des Zweiten Weltkriegs bezeichnet. 21. Jahrhundert Jeweils im September der Jahre 2000 bis 2009 gab es im Markgräflichen Opernhaus das Musikfestival Bayreuther Barock.Bayreuther Barock 2005 bei omm.de, abgerufen am 26. September 2019 2019 beschloss der Stadtrat, ab September 2020 wieder alljährlich stattfindende Bayreuther Barockfestspiele zu unterstützen.Ab 2020 gibt es zweimal Festspiele in: Nordbayerischer Kurier vom 26. September 2019, S. 9. 2002 war Bayreuth die erste Stadt in Bayern, in der eine Glasfaserstrecke für schnelles Internet in Betrieb ging.Der Pionier in: Nordbayerischer Kurier vom 12. November 2021, S. 9. Seit 2005 gehört die Stadt der in jenem Jahr gegründeten Metropolregion Nürnberg an. In: Metropolregionnuernberg.de. 13. April 2015, abgerufen am 4. September 2019. 2006 stellte mit Michael Hohl erstmals die CSU den Bayreuther Oberbürgermeister. Er amtierte nur sechs Jahre, am 1. Mai 2012 wurde er von Brigitte Merk-Erbe abgelöst. Die Kandidatin der Bayreuther Gemeinschaft (BG) wurde mit den Stimmen von SPD und Grünen gewählt. Mit Thomas Ebersberger ist seit Mai 2020 erneut ein Politiker der CSU Oberbürgermeister. 2007 wurde ein Jugendparlament gewählt, bestehend aus zwölf Jugendlichen zwischen 14 und 17 Jahren. Ende Oktober wurden die lange geplante neue Zentrale Omnibushaltestelle (ZOH) und das damit verbundene Funktionsgebäude am neugeschaffenen Hohenzollernplatz eingeweiht und in Betrieb genommen. Am 26. Juli 2011 gab das Israel Chamber Orchestra in der Stadthalle das erste Gastspiel eines israelischen Orchesters in Bayreuth.Julia Spinola: Israel Chamber Orchestra in Bayreuth: Brückenschlag, einseitig. In: FAZ.net. 27. Juli 2011, abgerufen am 4. September 2019; Live Recording. „26. Juli 2011 um 11 Uhr in der Stadthalle Bayreuth: Erstes Gastspiel eines israelischen Orchesters in Bayreuth.“ In jenem Jahr lehnte der Stadtrat einen Antrag zur Verlegung von Stolpersteinen ab.Vorbehalte bleiben in: Nordbayerischer Kurier vom 3. Juni 2020, S. 10. Am 30. Juni 2012 erhob die UNESCO das Markgräfliche Opernhaus zum Weltkulturerbe. 2013 fand in Bayreuth unter dem Motto „Franken im Ohr“ der zentrale Festakt zum achten Tag der Franken statt; im Garten der Synagoge wurde die Mikwe eingeweiht, bei: kirchenkreis-bayreuth.de, abgerufen am 7. November 2019 bis 2018 das Gebäude umfassend saniert. 2016 war Bayreuth Ausrichter der bayerischen Landesgartenschau. Weitreichende Folgen hatte ein Rohrbruch am Morgen des 23. Februar 2019, woraufhin die Wasserzufuhr aus dem Hochbehälter Hohe Warte unterbrochen wurde. Rund die Hälfte der Bayreuther Haushalte, insbesondere im Norden und Westen der Stadt, waren teilweise bis in den späten Nachmittag hinein unversorgt.Halb Bayreuth ohne Wasser. In: Nordbayerischer Kurier. 25. Februar 2019, S. 10. Für die Silvesternacht beschloss der Stadtrat im Oktober 2019, zum Schutz der historischen Gebäude den Gebrauch von Feuerwerkskörpern in der Innenstadt zu verbieten.Kein Feuerwerk in der Innenstadt in: Nordbayerischer Kurier vom 10. Oktober 2019, S. 10. Infolge der COVID-19-Pandemie wurden die Richard-Wagner-Festspiele des Jahres 2020 abgesagt.Bayreuther Festspiele abgesagt in: Nordbayerischer Kurier vom 1. April 2020, S. 1. Die seit 2008 abschnittsweise vorgenommene Umgestaltung der Fußgängerzone Maximilianstraße wurde mit dem letzten Abschnitt zwischen der Kanzleistraße und dem Sternplatz im November 2020 vollendet. Archäologische Untersuchungen brachten zutage, dass das dort nach 1730 abgebrochene „Obere Tor“ eine aus drei Toren mit zwei dazwischenliegenden Gräben bestehende Torburg war.Schlussstein im Stadtparkett in: Nordbayerischer Kurier vom 28./29. November 2020, S. 10. Zur Förderung der Biodiversität entwickelte das Stadtgartenamt im Jahr 2020 ein insektenfreundliches Mähkonzept für städtische Grünflächen und Straßenbegleitflächen.Neues Mähkonzept der Stadt nützt Blütenpflanzen und Insekten bei bayreuth.de, abgerufen am 19. Juni 2023 Am 30. Juli 2022 fand in Bayreuth erstmals eine Veranstaltung anlässlich des Christopher Street Days statt. Auf einen Demonstrationszug durch die Innenstadt folgte eine Kundgebung vor dem Alten Schloss. Eingemeindungen mini|Sankt Georgen 1811: Sankt Georgen 1840: Altenstadt (heutiger Stadtteil Altstadt)Karl Müssel: Bayreuth in acht Jahrhunderten. S. 142. 1. April 1939: Colmdorf, Meyernberg, Sankt Johannis 1. Januar 1972: Oberkonnersreuth 1. Juli 1972: Laineck 1. Dezember 1973: Gemeindefreies Gebiet Forst Sankt Georgen (176,25 Hektar oder 32,7 Prozent der Gebietsfläche) 1. Juli 1976: Aichig, Oberpreuschwitz, Seulbitz, Thiergarten 1. Mai 1978: Wolfsbach (teilweise) mit Schlehenberg, Krugshof und Püttelshof Bevölkerung Einwohnerentwicklung mini|hochkant|Bevölkerungspyramide für Bayreuth (Datenquelle: Zensus 2011) Bayreuth hatte im Mittelalter und in der frühen Neuzeit nur wenige tausend Einwohner. Die Bevölkerung wuchs langsam und ging durch die zahlreichen Kriege, Seuchen und Hungersnöte immer wieder zurück. So zerstörten 1430 die Hussiten die Stadt; 1602 starben bei einem Ausbruch der Pest rund 1000 Bewohner. Auch während des Dreißigjährigen Krieges (1618–1648) musste die Stadt Einwohnerverluste hinnehmen. Erst mit dem Beginn der Industrialisierung im 19. Jahrhundert beschleunigte sich das Bevölkerungswachstum. Lebten 1818 10.000 Menschen in der Stadt, waren es 1900 bereits rund 30.000. Bis 1939 stieg die Bevölkerungszahl – auch aufgrund der Eingemeindung mehrerer Orte am 1. April 1939 – auf 45.000. Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg brachten die vielen Flüchtlinge und Vertriebenen aus den deutschen Ostgebieten einen weiteren Zuwachs um 11.000 Personen auf 56.000 Einwohner bis Oktober 1946. Auch danach stieg die Bevölkerungszahl weiter, ab den 1970er Jahren nicht zuletzt aufgrund der neu gegründeten Universität. Für das Jahr 2023 wurde indes eine Geburtenrate von 0,95 Kindern pro Frau zwischen 15 und 49 Jahren ermittelt, was dem niedrigsten Wert in Bayern (Durchschnitt 1,37 Kinder) entspricht. Als Grund wird eine vergleichsweise junge Bevölkerung in Universitätsstädten mit vielen Frauen im fertilen Alter, deren Fokus auf der Ausbildung oder dem Berufseinstieg liege, vermutet.Niedrigste Geburtenrate in Bayreuth in: Nordbayerischer Kurier vom 18. Juli 2024, S. 2. Die folgende Übersicht zeigt die Einwohnerzahlen nach dem jeweiligen Gebietsstand. Bis 1818 handelt es sich meist um Schätzungen, danach um Volkszählungsergebnisse (¹) oder amtliche Fortschreibungen des Statistischen Landesamtes. Die Angaben beziehen sich ab 1871 auf die „ortsanwesende Bevölkerung“, ab 1925 auf die Wohnbevölkerung und seit 1987 auf die „Bevölkerung am Ort der Hauptwohnung“. Vor 1871 wurde die Einwohnerzahl nach uneinheitlichen Erhebungsverfahren ermittelt. Jahr Einwohner 1735 7.000 1792 9.000 1818 10.000 1. Juni 1830 13.030 1. Dezember 1840 16.700 3. Dezember 1852 18.600 3. Dezember 1855 17.372 3. Dezember 1858 17.850 3. Dezember 1861 18.100 3. Dezember 1864 19.200 3. Dezember 1867 19.500 1. Dezember 1871 17.841 1. Dezember 1875 19.200 1. Dezember 1880 22.072 1. Dezember 1885 23.600 1. Dezember 1890 24.556 2. Dezember 1895 27.693 1. Dezember 1900 29.387 1. Dezember 1905 31.903 1. Dezember 1910 34.547 Jahr Einwohner 1. Dezember 1916 28.807 5. Dezember 1917 27.913 8. Oktober 1919 33.128 16. Juni 1925 35.306 16. Juni 1933 37.196 17. Mai 1939 45.028 31. Dezember 1945 53.684 29. Oktober 1946 55.612 13. September 1950 58.800 25. September 1956 59.544 6. Juni 1961 61.835 31. Dezember 1965 63.033 27. Mai 1970 64.536 31. Dezember 1975 67.035 31. Dezember 1980 70.633 31. Dezember 1985 71.848 25. Mai 1987 69.813 31. Dezember 1990 72.345 31. Dezember 1995 73.016 31. Dezember 2000 74.153 Jahr Einwohner 30. Juni 2005 74.137 31. Dezember 2006 73.202 31. Dezember 2007 73.097 31. Dezember 2008 72.935 31. Dezember 2009 72.576 31. Oktober 2010 72.670 9. Mai 2011 70.808 31. Dezember 2012 71.482 31. Dezember 2013 71.572 31. Dezember 2014 71.601 31. Dezember 2015 72.148 31. Dezember 2016 73.065 31. Dezember 2017 73.999 31. Dezember 2018 74.657 31. Dezember 2019 74.783 31. Dezember 2020 74.048 31. Dezember 2021 73.909 31. Dezember 2022 72.661 31. Dezember 2023 73.074 31. Dezember 2024 72.940 Abweichend von den Zahlen des Bayerischen Landesamtes für Statistik und Datenverarbeitung fallen die Erhebungen der Stadt etwas höher aus. So wurden z. B. 74.524 Einwohner für den 31. Oktober 2017Bayreuth meldet über 74.500 Einwohner. In: Wiesentbote.de. 14. November 2017, abgerufen am 4. September 2019. und 75.572 für den 31. Oktober 2018 In: Bayreuth.de. 15. November 2018, abgerufen am 4. September 2019. ermittelt. Bevölkerungsdichte Im Jahr 2003 betrug die durchschnittliche Einwohnerdichte im Stadtgebiet 1114 Einwohner pro Quadratkilometer, wobei die höchste Besiedelungsdichte aller 20 Stadtbezirke die Innenstadt mit 4750 Einwohnern pro Quadratkilometer aufwies.Luftreinhalte- / Aktionsplan für die Stadt Bayreuth (Stand: März 2007) der Regierung von Oberfranken auf bayreuth.de, S. 7, abgerufen am 22. August 2019 (PDF, 4,8 MB). Einkommen Das durchschnittliche, um regionale Preisunterschiede bereinigte Durchschnittseinkommen lag in der Stadt im Jahr 2023 bei 23.853 Euro und damit unter dem Bundesdurchschnitt von 25.790 Euro.Wo sich die Menschen mehr leisten können in Nordbayerischer Kurier vom 2. Dezember 2024, S. 1. Konfessionsstatistik Am 30. Juni 2005 betrug die Amtliche Einwohnerzahl für Bayreuth nach Fortschreibung des Bayerischen Landesamtes für Statistik und Datenverarbeitung 74.137 (nur Hauptwohnsitze und nach Abgleich mit den anderen Landesämtern). Davon waren 63,7 % evangelisch und 28,8 % katholisch. 2011 waren 50,1 % der Bürger evangelisch und 25,8 % katholisch. 24,1 % hatten einen anderen Glauben oder waren konfessionslos.Formular-server.de: Bevölkerung. Der Anteil der Protestanten und Katholiken an der Gesamtbevölkerung ist seitdem weiter gesunken. Gemäß dem Zensus 2022 waren (Stand Mai 2022) 41,0 % der Einwohner evangelisch, 22,2 % katholisch; 36,8 % waren konfessionslos, gehörten einer anderen Glaubensgemeinschaft an oder machten keine Angabe.Bevölkerung kompakt (Gebietsstand 15.05.2022) Religion, abgerufen am 16. Juli 2024 Im Mai 2022 war Bayreuth die größte mehrheitlich evangelische deutsche Stadt.Fast keine Städte mit christlicher Mehrheit, abgerufen am 17. Juli 2024 Im Jahr 2022 traten 972 und im Jahr 2023 897 Menschen in Bayreuth aus den Kirchen beider Konfessionen aus.Kirchenaustritte gehen in Bayreuth leicht zurück bei mainwelle.de, abgerufen am 9. Mai 2025 Politik Stadtrat Der Stadtrat setzt sich aus 44 Stadträten und dem Oberbürgermeister zusammen. Die Wahl zum Stadtrat am 15. März 2020 brachte folgendes Ergebnis für die Sitzverteilung der Stadträte (+/–: Veränderung zur Wahl 2014): Unter den Sitzen der CSU befindet sich der Sitz des Oberbürgermeisters. Der Rat setzt sich nach der Wahl des Jahres 2020 aus 33 Männern und 11 Frauen zusammen, das Durchschnittsalter seiner Mitglieder lag im März 2020 bei 52 Jahren. Ältestes Ratsmitglied wurde mit 69 Jahren Norbert Aas, jüngstes die 24-jährige Louisa Hübner (beide Grüne).Politik ist einfach ihr Ding in: Nordbayerischer Kurier vom 2. April 2020, S. 10. Spätestens seit 1432 bestand der Stadtrat aus zwölf Mitgliedern, dem sogenannten Inneren Rat. Auf Beschluss des Landesherrn waren ihm sechs Mitglieder aus der Bürgergemeinde beigeordnet, die als Äußerer Rat bzw. „sechs von der gemeynde“ bezweichnet wurden. Der Innere Rat bestimmte seine Mitglieder selbst und suchte auch die Kandidaten für den Äußeren Rat aus. Da die Städteordnung von 1430 vorschrieb, dass in jedem Jahr drei Mitglieder des Inneren Rats „feyern“ (ausscheiden oder pausieren) mussten, wurden jene häufig durch solche des Äußeren Rats ersetzt. Auch war es Usus, dass „feyernde“ Mitglieder in den Inneren Rat zurückkehrten. Es entstand eine wenige begüterte Familien umfassende politische Führungsschicht, die sich zudem durch Heiratsbeziehungen in der Regel selbst erhielt.Wilhelm Wiedemann: Als der Stadtrat sich noch selber wählte in: Heimatkurier 2/1996 des Nordbayerischen Kuriers, S. 10 f. Zur Zeit des Königreichs Bayern existierte auf Gemeindeebene ein Zweikammersystem mit dem Magistrat und dem Kollegium der Gemeindebevollmächtigten.Bernd Mayer: Kampf ums Rathaus mit Haken und Ösen in: Heimatkurier 2/1996 des Nordbayerischen Kuriers, S. 14. Noch bei der Stadtratswahl des Jahres 1911 durften von den rund 32.000 Einwohnern nur 1800 wählen, da das Wahlrecht das Bürgerrecht voraussetzte. Dieses wurde nur Männern gewährt, die wenigstens 15 Jahre in Bayreuth tätig waren und eine – nicht jedermann zumutbare – Gebühr entrichteten. Arbeiter konnten sich diesen Luxus in der Regel nicht leisten. Der erste demokratisch gewählte Stadtrat trat im Juni 1919 zusammen. Mit 16 von 30 Sitzen setzte sich das konservative Lager gegenüber den Sozialisten durch. Erstmals war mit der Fabrikarbeiterin Christiane GickArbeiterin, Mutter, Stadträtin. In: Nordbayerischer Kurier. 11. Februar 2019, S. 9. von der USPD eine Frau in dem Gremium vertreten.Karl Müssel: Bayreuth in acht Jahrhunderten, S. 187 f. 1929 zog die NSDAP in das Stadtparlament ein. Bei der Wahl jenes Jahres erzielte sie neun Sitze, mit dreizehn Mandaten wurde erstmals die SPD stärkste Kraft. In der Zeit des Nationalsozialismus traten an die Stelle der gewählten Mitglieder als „Ratsherren“ berufene Bayreuther Bürger, von denen bei Beschlüssen Einstimmigkeit erwartet wurde. Auch im Rathaus galt im Dritten Reich das Führerprinzip.Karl Müssel: Bayreuth in acht Jahrhunderten, S. 198 f. Vom ersten nach dem Zweiten Weltkrieg gewählten Stadtrat des Jahres 1946 bis zur Kommunalwahl 1972 stellte die SPD jeweils die stärkste Fraktion, seitdem ist die CSU die stärkste Kraft, abgesehen von einem Patt im Jahr 1976 (und wiederholt 1990). 1984 wurde mit Werner Kolb erstmals ein Kandidat der Grünen in den Stadtrat gewählt.Werner Kolb fordert zum „Aufstehen“ auf. In: Nordbayerischer Kurier. 11. September 2018, S. 11. Aufsehen erregte die Wahl vom März 1990, bei der die rechtskonservative Partei Die Republikaner 10,6 Prozent der Listenstimmen erhielt.Nordbayerischer Kurier 19. März 2015, S. 12. Stadtoberhäupter von Bayreuth seit 1818 mini|Altes Rathaus in der Maximilianstraße, nach dem Zweiten Weltkrieg bis 1972 als solches nochmals genutzt mini|Das Reitzenstein-Palais, dessen obere Etagen im April 1945 bei einem Bombenangriff zerstört wurden, diente ab 1916 als „Neues Rathaus“ mini|hochkant|Dem 1972 eingeweihten Rathausneubau musste das im Erdgeschoss nach 1945 noch vorhandene Reitzenstein-Palais endgültig weichen Die meisten der Stadtoberhäupter wurden nicht von den Einwohnern, sondern vom Stadtrat gewählt. Vor 1952 konnte die Bayreuther Bevölkerung nur ein einziges Mal den Ersten Bürgermeister selbst bestimmen: Am 13. Juli 1919 wählten sie den langjährigen Zweiten Bürgermeister Albert Preu auf Anhieb in das kommunale Spitzenamt. Dessen Gegenkandidaten waren Friedrich Puchta und Karl Hugel. Bei der ersten Oberbürgermeisterwahl in der Zeit des Nationalsozialismus am 26. April 1933 konnte die durch Verhaftungen geschwächte Stadtratsfraktion der SPD dem Druck der NSDAP nicht viel entgegensetzen. Die KPD hatten die Nationalsozialisten zu diesem Zeitpunkt bereits verboten. Der SPD-Politiker Hans Rollwagen wurde 1948 noch vom Stadtrat gewählt, erst seine Bestätigung im Amt erfolgte 1952 durch das Votum der Einwohner. Die längste Amtszeit mit 37 Jahren war Theodor von Muncker beschieden. Im 20. Jahrhundert leitete Hans Walter Wild immerhin 30 Jahre lang die Geschicke der Stadt. Josef Kauper war 1945 nur sieben Monate im Amt, als er bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam.Bayreuths Stadtoberhäupter in: Heimatkurier 1/2005 (Beilage des Nordbayerischen Kuriers), S. 11. Zeitraum Stadtoberhaupt Partei Bezeichnung 1818–1848 Erhard Hagen von Hagenfels erster rechtskundiger Bürgermeister 1848–1851 Johann Karl Christian Heumann bürgerlicher Bürgermeister 1851–1863 Friedrich Carl Dilchert bürgerlicher Bürgermeister 1863–1900 Theodor von Muncker rechtskundiger Bürgermeister 1900–1918 Leopold von Casselmann rechtskundiger Bürgermeister,Oberbürgermeister ab 1907 1919–30. April 1933 Albert Preu Oberbürgermeister 1. Mai 1933–Juni 1937 Karl SchlumprechtNSDAP 21. Juli 1937–April 1938 Otto Schmidt 3. Mai 1938–30. Juni 1938 Fritz WächtlerGauleiter, selbsternannterkommissarischer Oberbürgermeister 1. Juli 1938–April 1945 Fritz KempflerOberbürgermeister 24. April 1945–November 1945 Josef Kauper November 1945–30. Juni 1948 Oscar Meyer 1. Juli 1948–30. April 1958 Hans RollwagenSPD 1. Mai 1958–30. April 1988 Hans Walter Wild 1. Mai 1988–30. April 2006 Dieter Mronz 1. Mai 2006–30. April 2012 Michael HohlCSU 1. Mai 2012–30. April 2020 Brigitte Merk-Erbe BG Oberbürgermeisterin seit 1. Mai 2020Thomas Ebersberger CSU Oberbürgermeister Stadtwappen Städtepartnerschaften mini|hochkant|Wegweiser zu den Partnerstädten auf dem Sternplatz Die Stadt Bayreuth unterhält Partnerschaften mit folgenden Städten: , Frankreich, seit 196650 Jahre Jumelage mit Annecy bei kurier.de vom 5. Januar 2016, abgerufen am 6. Juli 2021 , Deutschland, seit 1990 , Italien, seit 1999 Stadtbezirk Prag 6, Tschechien, seit 2008 , Türkei, seit 2012 Die Partnerschaft mit Annecy entwickelte sich indirekt aus der Freundschaft des jungen Chirurgen Paul-Louis Servettaz, der aus deutscher Kriegsgefangenschaft geflohen war und sich der Résistance angeschlossen hatte, mit dem deutschen Kriegsgefangenen Karl Bühler aus Wetzlar, der 1944 in Annecy von jenem operiert wurde.Gesten echter Freundschaft in: Nordbayerischer Kurier vom 17. Juni 2021, S. 8. Maßgeblich beteiligt war der Bayreuther Französischlehrer Oskar Sauer, der Bühler in Wetzlar kennengelernt hatte. Annecy hatte 1960 zunächst vergeblich eine Partnerschaft mit Lindau am Bodensee anvisiert.Auf geht’s, Bayreuth und Annecy in: Nordbayerischer Kurier vom 24./25. Januar 2025, S. 9. Im Mai 1964 besuchte erstmals eine Delegation aus Annecy Bayreuth, am 6. August 1966 wurden die Verträge unterzeichnet. 1991 hatten, nach offiziellen Angaben, bereits mehr als 25.000 Personen, die Hälfte davon Jugendliche, die jeweilige Partnerstadt besucht.Stephan-H. Fuchs: Bayreuth Chronik 1991, S. 110. Auf eine Initiative des SED-Politbüromitglieds Hermann Axen im Juli 1989 geht die Partnerschaft mit Rudolstadt zurück. Diese Verbindung galt zunächst nicht als „Liebesheirat“ – Bayreuther Wunschkandidat wäre Dresden gewesen, dessen Oberbürgermeister Bayreuth im September 1984 besucht hatte.Bernd Mayer: Bayreuth Chronik 1989, S. 95 und 166. Die Kulturpartnerschaft mit dem österreichischen Burgenland wurde 1990 vor dem Hintergrund, dass Richard Wagners Schwiegervater Franz Liszt im dortigen Raiding geboren wurde und in Bayreuth verstarb, geschlossen.Verdienste um die Partnerschaft in: Nordbayerischer Kurier vom 7. August 2020, S. 8. Zudem bestehen ein Kooperationsvertrag mit der chinesischen Stadt Shaoxing und eine Universitätspartnerschaft der Universität Bayreuth mit der Washington and Lee University in Lexington im US-Bundesstaat Virginia. Die Stadt Bayreuth wurde 2014 für ihr Engagement zur Förderung des europäischen Gedankens mit der Ehrenplakette des Europarats ausgezeichnet. Das Votum des Europarats fiel einstimmig für Bayreuth aus. Die Auszeichnung ist Anerkennung und Würdigung zugleich für die vielfältigen und erfolgreichen Bemühungen Bayreuths auf europäischem Gebiet. Nach den Statuten des Europarats wird die Ehrenplakette an Kommunen verliehen, die schon seit mehreren Jahren zunächst Träger des Ehrendiploms und anschließend der Ehrenfahne sind. Diese gilt als Vorstufe zum Europapreis, der höchsten Auszeichnung, die der Europarat zu vergeben hat. Patenschaften mini|hochkant=0.8|Patenschaftsurkunde des Stadtrats Bayreuth aus dem Jahr 1955 für die vertriebenen Einwohner aus Franzensbad Im Jahre 1955 wurde die Patenschaft für die vertriebenen Sudetendeutschen aus der Stadt Franzensbad im Okres Cheb übernommen. Seit 2015 unterstützt die Stadt Bayreuth ein Entwicklungshilfeprojekt in der afrikanischen Gemeinde Tchighozérine in Niger. Kultur und Sehenswürdigkeiten Theater und Musik mini|Studiobühne in der Röntgenstraße Das markgräfliche Opernhaus ist ein seit 1748 bestehendes Theater. Es ist Museum und gleichzeitig die älteste heute noch bespielte Szene in Bayreuth. Das Gebäude gehört zum UNESCO-Weltkulturerbe. Das Richard-Wagner-Festspielhaus stammt aus dem 19. Jahrhundert und wird nur bei den Bayreuther Festspielen bespielt. Zur Aufführung kommen ausschließlich Werke Richard Wagners. Die Stadthalle Bayreuth (Mehrzweckanlage in den Mauern der ehemaligen markgräflichen Reithalle) hatte kein eigenes Ensemble. Sie wurde regelmäßig vom Theater Hof bespielt, außerdem machten dort Tourneetheater Station. Das Gebäude ist wegen eines grundlegenden Umbaus derzeit nicht nutzbar und soll unter dem Namen Friedrichsforum voraussichtlich im Herbst 2025 wiedereröffnet werden. Die beiden einzigen Theater mit einem eigenen Ensemble sind die Studiobühne Bayreuth und das Amateurtheater Brandenburger Kulturstadl. Spielstätten der Studiobühne in Bayreuth sind das Domizil des Theaters in der Röntgenstraße, das Ruinentheater der Bayreuther Eremitage und der Innenhof der Bayreuther Klavierfabrik Steingraeber. Das Marionettentheater Operla wurde im Jahr 2008 gegründet. Anlässlich des 300. Geburtstages von Markgräfin Wilhelmine wurde das Stück Wilhelmine – Prinzessin am goldenen Faden inszeniert. Seit Januar 2012 finden die Aufführungen in der Steingräber-Passage statt.operla.de Weitere Spielstätten sind das 1982 eröffnete Internationale JugendkulturzentrumStephan-H. Fuchs: Bayreuth Chronik 1992, S. 167. („Zentrum“) in der Äußeren Badstraße (Hauptspielstätte für das Festival junger Künstler Bayreuth), das ehemalige Kino Reichshof („Kulturbühne“) in der Maximilianstraße,Der Reichshof lebt. In: Nordbayerischer Kurier. 6./7. April 2019, S. 13. die Seebühne in der Wilhelminenaue und die Oberfrankenhalle. Open-Air-Konzerte fanden bislang im Hans-Walter-Wild-Stadion und auf dem Volksfestplatz statt. Museen Altstadt-Kult-Museum des Fußballvereins SpVgg Bayreuth („Altstadt“), Erlanger Straße 45 Das Andere Museum Nachdem Franz Joachim Schultz im Jahr 2012 das von ihm gegründete Kleine Plakatmuseum in die Bestände des Kunstmuseums Bayreuth überführt hatte, gründete er in den Räumen in der Friedrich-Puchta-Straße das Andere Museum, einen Musentempel eigenen Stils. Das Archäologische Museum im Italienischen Bau des Neuen Schlosses, Ludwigstraße 21, wurde 1827 vom Historischen Verein gegründet. In acht Ausstellungsräumen sind unter anderem jungsteinzeitliche Steinäxte, 80 Tongefäße aus der Hallstattzeit und keltischer Bronzeschmuck zu besichtigen. Die ausgestellten Funde, die alle aus dem östlichen Oberfranken mit Schwerpunkt Fränkische Schweiz und Bayreuther Umland stammen, reichen von der Altsteinzeit bis in das Mittelalter. Im experimentellen Bereich findet man einen rekonstruierten Webstuhl, einen Steinbohrer und eine originale Schiebemühle. Die Zweiggalerie der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen wurde im August 2007 im Neuen Schloss, Ludwigstraße 21, eröffnet. Gezeigt werden 80 Werke der niederländischen und deutschen Malerei des späten 17. und des 18. Jahrhunderts. mini|Deutsches Schreibmaschinenmuseum im ehemaligen Leers’schen Waisenhaus Maisel’s Brauerei- und Büttnereimuseum Kulmbacher Straße 40; dort erfährt man auf 2400 Quadratmetern alles über die Weizenbierproduktion. Es wurde 1988 als „umfangreichstes Biermuseum“ ins Guinness-Buch der Rekorde eingetragen (u. a. über 5500 Biergläser und -krüge) Museum Das Bayreuth der Wilhelmine im Neuen Schloss, Ludwigstraße 21 Deutsches Freimaurer-Museum im Haus der Freimaurerloge Eleusis zur Verschwiegenheit, Im Hofgarten 1, mit der Darstellung des Brauchtums der Freimaurer und der Geschichte der Logen. Deutsches Schreibmaschinenmuseum Bernecker Str. 11, mit einer Sammlung von über 450 historischen Schreibmaschinen der Forschungs- und Ausbildungsstätte für Kurzschrift und Textverarbeitung mini|Franz-Liszt-Sterbehaus und -Museum Bayreuther Feuerwehr-Museum An der Feuerwache 4 Franz-Liszt-Museum im Sterbehaus Franz Liszts, Wahnfriedstraße 9, mit ca. 300 Bildern, Handschriften und Drucken aus der Sammlung des Münchener Pianisten Ernst Burger, die 1988 von der Stadt Bayreuth angekauft wurden. Daneben sind ein Stummklavier, der Ibach-Flügel aus dem Haus Wahnfried, Briefe und Werkerstausgaben Franz Liszts zu sehen. Biografische Tafeln, ein Abguss des Taufsteins aus Liszts Geburtsort Raiding sowie die Liszt-Büste von Antonio Galli ergänzen die Sammlung. Der Besucher wird begleitet von der Musik Franz Liszts. Der Ziegelsteinbau auf der ehemaligen „Miedelschen Peunt am Rennweg“ wurde in den späten 1870er Jahren errichtet, seit 1993 beherbergt Liszts ehemalige Wohnung im Hochparterre das Museum. Historisches Museum in der Alten Lateinschule, Am Kirchplatz 4. Es zeigt im Erdgeschoss die Geschichte und Entwicklung Bayreuths vom späten Mittelalter bis in das 20. Jahrhundert mit einem Modell der Stadt im Jahr 1763. Im ersten Stock ist die Abteilung zur Kunst- und Kulturgeschichte der Bayreuther Markgrafenzeit (17. und 18. Jahrhundert) untergebracht. Eine weitere Abteilung zeigt das Kunsthandwerk in Bayreuth und Umgebung mit den Erzeugnissen der Fayencemanufaktur, der Glashütten des Fichtelgebirges und der Steinzeugtöpfer aus Creußen. Malerei, Handwerk und frühe Industrieprodukte aus der Biedermeierzeit und dem späten 19. Jahrhundert runden den Museumsbesuch ab. Iwalewahaus, wechselnde Ausstellungen zeitgenössischer außereuropäischer – insbesondere afrikanischer – Kunst Wölfelstraße 2 mini|Jean-Paul-Museum Jean-Paul-Museum im ehemaligen Wohnhaus von Richard Wagners Tochter Eva Chamberlain, Wahnfriedstraße 1, mit Autographen, Erstausgaben der Werke, Porträts und anderem Bildmaterial. Johann-Baptist-Graser-Schulmuseum in der Graserschule, Schulstraße 4 Jüdisches Museum in der ehemaligen markgräflichen Münzstätte („Alte Münze“),1,5 Millionen Euro für die Alte Münze. In: Nordbayerischer Kurier. 5./6. Januar 2019, S. 11. Münzgasse 9 Katakomben der Bayreuther Aktien-Brauerei Kulmbacher Straße 60 Kleines Plakatmuseum früher Friedrich-Puchta-Straße 12, jetzt im Kunstmuseum Bayreuth, Maximilianstraße 33 mini|hochkant|Kunstmuseum Bayreuth, Eingang Brautgasse Kunstmuseum Bayreuth im Alten Rathaus, Maximilianstraße 33, mit der Helmut- und Constanze-Meyer-Kunststiftung, der Sammlung Georg Tappert, dem Archiv und der Sammlung Caspar Walter Rauh. Die Sammlungen enthalten schwerpunktmäßig Werke aus dem 20. Jahrhundert, darunter Grafiken und Zeichnungen des schwedischen Künstlers Carl Fredrik Reuterswärd.Das Symbol des Friedens steht bald in Bayreuth. In: Der Tip. Ausgabe 421, 6. Mai 2010. Markgräfliche Prunkräume und Sammlung Bayreuther Fayencen im Neuen Schloss, Ludwigstraße 21 Museum für bäuerliche Arbeitsgeräte im Lettenhof, Adolf-Wächter-Straße 17 Porzellanmuseum Walküre Gravenreutherstraße 5 Naturkunde-Museum Lindenhof Karolinenreuther Straße 58 Richard-Wagner-Museum im Haus Wahnfried, Richard-Wagner-Straße 48, dem Wohnhaus Richard Wagners und Familiensitz bis 1966, seit 1976 Museum mit angegliedertem Nationalarchiv und Forschungsstätte der Richard-Wagner-Stiftung Bayreuth. Schulmuseen im Richard-Wagner-Gymnasium, Wittelsbacherring 9 mini|Wilhelm-Leuschner-Haus mit Gedenkstätte Tabakhistorische Sammlung der British American Tabacco in den ehemaligen Oberbürgermeisterräumen des Alten Rathauses, Maximilianstraße 33 Transport-Museum Wedlich Ludwig-Thoma-Straße 36 Das Urwelt-Museum Oberfranken Kanzleistraße 1, zeigt die Geschichte des Lebens in Oberfranken seit Beginn der Welt. Die Ausstellungen wechseln ständig, derzeit sind insbesondere die lebensgroßen Sauriermodelle von Interesse. Wilhelm-Leuschner-Gedenkstätte in seinem Geburtshaus Moritzhöfen 25 Wo Sarazen Art Brandenburger Straße 36 Kunst im öffentlichen Raum mini|Bayreuth zum Fühlen uns Sehen mini|hochkant|Non Violence Ein freier Platz in der Maximilianstraße gegenüber dem Alten Rathaus wurde 1999 zum Standort für ein von Egbert Broerken geschaffenes „Bayreuth zum Fühlen uns Sehen“.Vor 25 Jahren. Standort für Stadtrelief gefunden in: Nordbayerischer Kurier vom 14./15. Dezember 2024, S. 10. Der Leuchtbuchstaben-Schriftzug Gluehwürmchen Feuersalamander von Roland Schön ist seit 2011 auf dem Dach des Kolpinghauses installiert. 2008 befand er sich, bei umgekehrter Reihenfolge der Wörter, im Rahmen des Kunstprojekts Parallelaktion im Ehrenhof des Alten Schlosses. Anschließend zierte er fast zwei Jahre lang den Kopfbau der Zentralen Omnibushaltestelle (ZOH). Die seit Mitte 2012 bestehende Installation Verstummte Stimmen im Richard-Wagner-Park unterhalb des Festspielhauses erinnert an die Mitwirkenden der Festspiele, die wegen ihrer jüdischen Herkunft schon vor 1933 diffamiert oder nicht engagiert und in der Zeit des Nationalsozialismus ins Exil vertrieben oder ermordet wurden. Sie sollte bis zum Ende 2013 in Bayreuth bleiben.Ausstellung im Park bleibt. In: Nordbayerischer Kurier. 21. August 2012, S. 14. Eine originale Variante der Skulptur Non Violence des schwedischen Malers und Bildhauers Carl Fredrik Reuterswärd, ein Revolver mit verknotetem Lauf, befindet sich in der Maximilianstraße. Sie wurde am 3. April 2011 aufgestellt, In: bayreuth4u.de. 3. April 2011. bald darauf von Unbekannten zerstört und steht restauriert seit August 2012 wieder an ihrem Platz.Nordbayerischer Kurier. 15. August 2012, S. 15. Auf dem Campus der Universität steht auf dem Freigelände hinter der zentralen Bibliothek die Plastik Große Raumkurve Bayreuth, die letzte große Raumkurve des Bildhauers Norbert Kricke.Homepage des Kunstmuseums Bayreuth, abgerufen am 18. August 2012. Der Förderkreis Skulpturenmeile Bayreuth e. V. will ungewöhnliche Kunstwerke aufstellen, um im Laufe der Zeit zwischen Kunstmuseum und Festspielhügel eine „Achse der Kunst“ mit Werken zeitgenössischer Künstler zu schaffen. Als Erstes konnte im April 2001 die Bronzeplastik Marsyas I von Alfred Hrdlicka vor dem Kunstmuseum Bayreuth aufgestellt werden. Im April 2004 folgten drei Stahlskulpturen von Horst Antes im Bayreuther Mühlkanal.kulturatlas-oberfranken.de Im Juli 2012 wurde die Skulptur Bayreuther Gruppe von Jürgen Brodwolf an der Stadtkirche eingeweiht.Skulptur „Bayreuther Gruppe“ wird an der Stadtkirche eingeweiht. In: Wiesenbote.de. 30. Juni 2012. Seit März 2013 steht vor dem Jean-Paul-Museum eine zehn Meter hohe, schwungvoll gekurvte Gitterkonstruktion, die an Jean Pauls Erzählung Des Luftschiffers Giannozzo Seebuch erinnert und vom Förderkreis Skulpturenmeile Bayreuth e. V. bei dem Berliner Künstlerkollektiv Inges Idee in Auftrag gegeben wurde.Balloon – a sculpture for Jean Paul. In: Ingesidee.de. Stand 23. Juli 2013. Bedeutende Bauwerke mini|Markgräfliches Opernhaus 1879 (Gemälde von Gustav Bauernfeind) Markgräfliches Opernhaus Das von Joseph Saint-Pierre entworfene und im Innern von Giuseppe Galli da Bibiena gestaltete markgräfliche Opernhaus wurde zwischen 1744 und 1748 erbaut. Es zählt zu den wenigen im Original erhaltenen Theater- und Opernbauten der damaligen Zeit in Europa und ist ein Juwel unter den Theaterbauten des 18. Jahrhunderts. Am 30. Juni 2012 erhob die UNESCO das barocke Gebäude zum Weltkulturerbe. Richard-Wagner-Festspielhaus Das Richard-Wagner-Festspielhaus auf dem Grünen Hügel wurde in den Jahren 1872–1875 von Otto Brückwald nach Entwürfen von Richard Wagner im Stil der hellenistischen Romantik errichtet. Unter Fachleuten gilt es, was die Entwicklung des Musiktheaters betrifft, als das „wichtigste Opernhaus der Welt“.Markus Kiesel, in: Nordbayerischer Kurier. 5./6. Mai 2011, S. 13. Haus Wahnfried Das Haus Wahnfried ist das ehemalige Wohnhaus Richard Wagners am Rande des Hofgartens. Das von Baumeister Carl Wölfel nach den Vorstellungen von Richard Wagner und abgeänderten Plänen des Berliner Architekten Wilhelm Neumann errichtete Gebäude war ein Geschenk König Ludwigs II. von Bayern. Der Bau wurde 1872 begonnen und 1874 fertiggestellt. mini|Rollwenzelei mit Dichterstube Jean Pauls Rollwenzelei Das jahrhundertealte vormalige Straßenwärterhaus mit Landwirtschaft und Gastronomie, etwa auf halbem Weg zwischen der Stadt und der Eremitage gelegen, wurde im späten 18. Jahrhundert vom Ehepaar Rollwenzel erworben. Die Wirtin Anna Dorothea erwarb die Freundschaft des Dichters Jean Paul, der sie als die „beste Suppen- und Mehlspeisköchin im Staate Ansbach-Bayreuth“ titulierte. Sie richtete ihrem Stammgast einen eigenen Raum ein, in dem er seine bedeutendsten Werke schrieb.Kurt Herterich: Im östlichen Bayreuth. S. 182. Diese Dichterstube wurde restauriert und kann besichtigt werden. Altes Schloss Das Alte Schloss ist eine unregelmäßige Anlage von Bauten aus unterschiedlicher Zeit.Kurt Herterich: Im Herzen von Bayreuth. S. 47. Nachdem es 1753 abgebrannt war, wurde es im April 1945 ein zweites Mal Opfer der Flammen. Die Nationalsozialisten verbrannten dort, am Tag des amerikanischen Einmarsches, belastendes Material, wobei das Feuer auf das Gebäude und die angrenzenden Häuser übergriff. Heute ist hinter der wiederhergestellten Fassade das Finanzamt untergebracht. Neues Schloss mit Hofgarten Das Neue Schloss wurde ab 1753 erbaut, nachdem ein Feuer im Januar 1753 die bisherige Residenz – das Alte Schloss – größtenteils zerstört hatte. 1758 war es im Wesentlichen fertiggestellt, Baumeister war der markgräfliche Hofbaumeister Joseph Saint-Pierre. Der Italienische Bau wurde nach 1759 für die zweite Ehefrau des Markgrafen, Sophie Karoline Marie von Braunschweig, als alleinstehendes Gebäude südlich des Schlosses gebaut und erst später durch einen Verbindungstrakt mit dem Neuen Schloss baulich verbunden. Architekt war Carl von Gontard. mini|Neues Schloss in der Eremitage Eremitage Der Landschaftspark Eremitage ist ein Kleinod des Rokokos und ein Musterbeispiel der Gartenbaukultur des 18. Jahrhunderts. Ab 1715 entstanden unter Markgraf Georg Wilhelm ein kleines Sommerschlösschen und weitere Gebäude als Zentrum einer höfischen Einsiedelei. Die Planungen stammten vom Hofbaumeister Elias Räntz. Markgräfin Wilhelmine veranlasste die Erweiterung des kleinen Schlosses um zwei Seitenflügel. In den Jahren 1749 bis 1753 wurde westlich davon das Neue Schloss errichtet. Es besteht aus zwei gebogenen Flügeln, die vom Mittelteil getrennt sind. Dieser trägt eine vergoldete Quadriga und wird als Sonnentempel bezeichnet, die Seitenflügel bilden heute die Orangerie der Eremitage. Bemerkenswert sind die Anlagen und Wasserspiele der Oberen, Unteren und Inneren Grotte. Ordensschloss St. Georgen Das Ordensschloss im Stadtteil St. Georgen wurde 1727 fertiggestellt. Bis zum Ende der Ära der Markgrafen war es Lustschloss und Austragungsort vieler großer Veranstaltungen. Eine der Hauptattraktionen war der 1775 stillgelegte Brandenburger Weiher, auf dem mit sechs größeren Segelschiffen und entsprechenden Mannschaften Seeschlachten inszeniert wurden. Heute ist das Schloss Bestandteil der JVA St. Georgen-Bayreuth, eine Besichtigung des aufwendig restaurierten Ordenssaales ist nur in Ausnahmefällen möglich. Schloss Colmdorf 1754 ließ der markgräfliche Minister Freiherr von Reitzenstein das Schloss in seiner heutigen Form errichten. Bereits wenige Jahre später erwarb es Markgraf Friedrich und schenkte es seiner zweiten Frau Sophie Caroline Marie von Braunschweig-Wolfenbüttel. Nach dieser wurde es auch Carolinenruhe genannt. mini|Jagdschloss Thiergarten Jagdschloss Thiergarten Markgraf Georg Wilhelm ließ das Gebäude an der Stelle eines Vorgängerbaus durch Johann David Räntz errichten. Es beherbergt seit 2010 eine private internationale Schule. Schloss Birken Der Bau des Gebäudes mit Barockgarten und Teehaus nach Plänen von Charles Philippe Dieussart stammt aus den Jahren 1687 bis 1692. Das barocke Schlösschen befindet sich in Privatbesitz. Burggüter der Stadt Bayreuth Die Burggüter, auch als Freihäuser bezeichnet, waren privilegierte Gebäude vor allem lokaler Adelsfamilien in der Nähe der Stadtmauer. In der Kanzleistraße befinden sich das Seckendorffer und das Nanckenreuther Burggut, in der Sophienstraße das Burggut Plassenberg. mini|Mohren-Apotheke am Marktplatz Mohren-Apotheke Die Mohren-Apotheke gehört zu den ältesten erhaltenen Gebäuden der Stadt. Der Apotheker Johann von Gera ließ es 1610 durch den Hofbaumeister Michael Mebart an der Stelle einer Brandruine (Stadtbrand von 1605) errichten. Im Jahr 1614 erhielt der Apotheker Wolfgang Schmauß die Konzession für die Apotheke zum Goldenen Greif, die Namensänderung in Mohren-Apotheke erfolgte im 18. Jahrhundert.Kurt Herterich: Im Herzen von Bayreuth. S. 136. Bereits in den Jahren 1664 und 1668 sind die Taufen von zwei „Mohren“ in der Stadt belegt. Ehemaliges Waisenhaus in der Friedrichstraße Markgraf Georg Friedrich Karl ließ das Gebäude als Waisenhaus und Armenschule in den Jahren 1732/33 errichten. 1804 wurde das Gymnasium (spätere Königlich Bayerische Studienanstalt, seit 1952 Gymnasium Christian Ernestinum) dorthin verlegt. Seit dessen Umzug in einen Neubau in der Albrecht-Dürer-Straße wird der Bau als Verwaltungsgebäude genutzt.Kurt Herterich: Im historischen Bayreuth. S. 54. Präsidialbau der Regierung von Oberfranken Das dreigeschossige Gebäude wurde im Oktober 1904 fertiggestellt. Drei im Jugendstil gestaltete Innenräume wurden vor ihrem Einbau auf der Weltausstellung von St. Louis, USA, gezeigt, wo selbige hohe Auszeichnungen erhielten.Kurt Herterich: Im östlichen Bayreuth. S. 14. Siegesturm Der Siegesturm auf der Hohen Warte am nördlichen Stadtrand ist ein 17 Meter hoher Aussichtsturm, der zum Gedenken an den Sieg im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 erbaut wurde. Kirchen und Synagogen mini|Stadtkirche mini|hochkant|Schlosskirche Stadtkirche Heilig Dreifaltigkeit Das markante Gebäude mit seinen zwei 50 m hohen Türmen ist die Hauptpfarrkirche der protestantisch geprägten Stadt.Herbert Popp: Bayreuth – neu entdeckt. S. 94. In den Untergeschossen des Nordturms erhaltene Reste deuten auf ein Vorgängerbauwerk hin, das am 9. November 1194 geweiht wurde. Der aktuelle Bau wurde zwischen 1437 und 1495 errichtet, seit 1668 haben die Türme ihre Gestalt mit welschen Hauben und steinerner Brücke.Kurt Herterich: Im historischen Bayreuth. S. 8. Spitalkirche Die erste Weihe des gotischen Bauwerks erfolgte 1439, ab den Jahren 1576/77 kam es zu einer umfassenden Erneuerung im Stil der Renaissance. Nach Plänen des Bayreuther Hof-Architekten Joseph Saint-Pierre wurde zwischen 1748 (Grundsteinlegung) und 1750 (Weihe) das jetzige Gebäude errichtet.Kurt Herterich: Im Herzen von Bayreuth. S. 150. Schlosskirche Unsere Liebe Frau Die aus dem 18. Jahrhundert stammende Schlosskirche birgt in ihrer Fürstengruft die Marmorsärge der für die Stadtentwicklung bedeutenden protestantischen Markgräfin Wilhelmine und ihrer Familie. In bayerischer Zeit wurde sie 1813 der katholischen Pfarrgemeinde der Stadt übergeben. Der 1565 errichtete achteckige Turm ist ein Profanbau,Herbert Popp: Bayreuth – neu entdeckt. S. 97. das weithin sichtbare Kreuz wurde 1964 unter Umgehung des Stadtrats auf seine Spitze gesetzt.Bernd Mayer: Bayreuth – die letzten 50 Jahre. S. 102. Synagoge Bayreuth Die Bayreuther Synagoge wurde am 15. März 1760 (Sabbath Para 5520) eingeweiht. In der Nacht des 9. November 1938 wurden die Räume geplündert und zerstört, aufgrund seiner unmittelbaren Nähe zum markgräflichen Opernhaus entging das Gebäude aber der Brandlegung.Rainer Trübsbach: Geschichte der Stadt Bayreuth. S. 311. Reformierte Kirche Seit 1755 befindet sich die Kirche im Palais von Gleichen, einem ehemaligen Adelshaus. Ordenskirche St. Georgen Die Ordenskirche, auch Sophienkirche genannt, liegt im 1811 eingemeindeten Sankt Georgen. Das barocke Bauwerk wurde 1711 geweiht. Stiftskirche Christuskirche Der Stadtteil Neuer Weg und das Bahnhofsviertel erhielten in den 1950er Jahren ein Kirchengebäude. Das markante Bauwerk mit drei Türmen wurde auf Ruinengrundstücken errichtet.Herbert Popp: Bayreuth – neu entdeckt. S. 128. Kreuzkirche im Stadtteil Kreuz, eingeweiht am 23. Oktober 1960. Das seit 1897 jährlich im Spätsommer stattfindende Volksfest „Kreiza Kerwa“ (Kreuzer Kirchweih) hat indes einen profanen Ursprung.Kurt Herterich: Bayreuth – Kreuz II. S. 82. Erlöserkirche im Stadtteil Altstadt, eine moderne Backsteinkirche, 1956 eingeweiht Pfarrkirche St. Johannis Gottesackerkirche Katholische Pfarrkirche St. Hedwig im Stadtteil Altstadt, 1960 eingeweiht. Gilt mit ihrer Fassade aus unbehauenem Jurakalk als eines der schönsten Bauwerke des Architekten Emil Steffann. Einheitsdenkmale mini|Einheitsbäume am Rudolstädter Platz Ein Baumdenkmal für die Deutsche Einheit befindet sich am Rudolstädter Platz Ecke Universitätsstraße / Cosima-Wagner-Straße. Es wurde anlässlich des 25. Jahrestages des Mauerfalls am 9. November 2014 gepflanzt. Das Ensemble schließt den im Jahr 2013 gepflanzten Freundschaftsbaum zur Partnerstadt Rudolstadt, eine Thüringische Mehlbeere, mit ein.(fz): Drei Bäume für die Einheit. In: Nordbayerischer Kurier, 10. November 2014. Die „Einheitslinden“ am Luitpoldplatz zwischen Alexanderstraße und Opernstraße wurden bereits am 3. Oktober 1990 gepflanzt. Es handelt sich um drei Winterlinden. Dazu gehört eine in das Pflaster eingelassene Gedenktafel. Parkanlagen und Friedhöfe mini|Untere Grotte in der Eremitage mini|Eingang des Ökologisch-Botanischen Gartens Im Osten der Innenstadt liegt der Hofgarten am Neuen Schloss, im Süden davon der Röhrensee mit dem gleichnamigen Park und einem kleinen Zoo. Unterhalb des Festspielhauses, am Grünen Hügel, befindet sich der Festspielpark und an der Dürschnitz, östlich des Stadtzentrums, mit dem kleinen Miedelsgarten einer der Lieblingsplätze Jean Pauls.Karl Müssel: Bayreuth in acht Jahrhunderten. S. 144. Der Ökologisch-Botanische Garten am südlichen Stadtrand gehört zur Universität Bayreuth. Im Stadtteil Gartenstadt liegt eine kleine Parkanlage zwischen der Hans-von-Wohlzogen-Straße und der Dr.-Hans-Richter-Straße. Die bekannteste unter allen Parkanlagen Bayreuths ist die Eremitage im Stadtteil St. Johannis. Mit einer Gesamtfläche von fast 50 Hektar ist sie der größte Park der Stadt. Bayreuth wurde im Frühjahr 2009 als Veranstalter für die Bayerische Landesgartenschau 2016 ausgewählt. In: Bayerischer Rundfunk. Damit ist in den oberen Mainauen, zwischen dem Volksfestplatz und der Autobahn A 9, die ausgedehnte Grünanlage Wilhelminenaue entstanden.Bayreuth Stadtnachrichten – Amtsblatt der Stadt Bayreuth, Nr. 2, 30. Januar 2009. Der älteste existierende Friedhof Bayreuths ist der Stadtfriedhof mit einer Reihe von Grabdenkmälern berühmter Persönlichkeiten. Am Südrand des Ortsteils Saas liegt der Südfriedhof mit einem Krematorium. Eigene Friedhöfe besitzen die Stadtteile St. Johannis und St. Georgen. Der Jüdische Friedhof befindet sich an der Nürnberger Straße im Südosten der Stadt. Am Rand des Stadtteils Altstadt existierte früher mit dem Schelmängerlein, in unmittelbarer Nähe des Galgens, eine Begräbnisstätte für Hingerichtete. Im Stadtgebiet liegen mehrere Natura-2000-Gebiete mit einer Gesamtfläche von fast 200 ha; dazu gehören das obere und das untere Rotmaintal sowie das Misteltal und der Park der Eremitage.Umweltschutzbericht 2011; Amt für Umweltschutz der Stadt Bayreuth Natur- und Landschaftsschutzgebiete Am Nordostrand existiert mit dem Muschelkalkgebiet am Oschenberg ein Naturschutzgebiet (NSG-00739.01).Grüne Liste der Naturschutzgebiete in Oberfranken des Bayerischen Landesamts für Umwelt, abgerufen am 19. Juni 2014. Ergänzend gibt es neun Landschaftsschutzgebiete, fünf Fauna-Flora-Habitat-Gebiete und drei ausgewiesene Geotope (Stand März 2016). Naturdenkmäler Gesteinsverwerfungen an der Hohen Warte Rhätsandstein-Felsengruppe auf dem 411 m hohen Buchstein, 600 m südöstlich von Geigenreuth in der Gemarkung Meyernberg (Geotop-Nummer 462R001); in den Spalten der bis zu zehn Meter hohen Felsen sollen während des Dreißigjährigen Kriegs die Stadtarchive vor den einfallenden Schweden versteckt worden sein, woraus der Name der Erhebung resultiertInfotafel am Buchstein Geologischer Aufschluss Bodenmühlwand, ca. 200 m südöstlich der Bodenmühle, Gemarkung Wolfsbach (Geotop-Nummer 462A001) Teufelsgraben mit Teufelsbrücke, Donndorf (Geotop-Nummer 462R002) Gewässer und Brunnen mini|hochkant|Herkulesbrunnen, im Hintergrund die 2007 aufgegebene zentrale Omnibushaltestelle in der Fußgängerzone Maximilianstraße Bedeutendstes Fließgewässer ist der Rote Main, der die Stadt von Ost nach West durchquert. Zwei Flutkatastrophen von 1907 und 1909 waren Anlass für die zwischen 1913 und 1916 erfolgte Regulierung, das Flussbett wurde verbreitert und kanalisiert. Mit dem Bau des Stadtkernrings verschwand es in den 1970er Jahren teilweise unter einer Betondecke. Sein im Innenstadtbereich ebenfalls gedeckelter künstlicher Seitenarm Mühlkanal erhielt in den Jahren 1997/98 am La-Spezia-Platz einen neuen, offenen Lauf.Kurt Herterich: Vom Bayreuther Schlossturm zum Festspielhügel. S. 29. Im Gegensatz zum Roten Main ist dieser Wasserlauf über stufenförmige Terrassen erreichbar. Während die Warme Steinach bereits am östlichen Stadtrand in den Roten Main mündet, verläuft die Mistel, in Bayreuth Mistelbach genannt, länger im Stadtgebiet. Der Bach wurde zwischen dem Stadtteil Altstadt und seiner Mündung in den Roten Main reguliert und optisch renaturiert. Der Sendelbach ist im Stadtbild weitgehend unsichtbar und fast nur in Höhe der Moritzhöfenbrücke noch erkennbar. Sein ebenfalls unterirdisch kanalisierter Zufluss Tappert speist den Zierkanal im Hofgarten. Sein südlicher Zufluss Aubach liefert das Wasser für den Röhrensee. Der von einer Parkanlage mit Tiergehegen umgebene Röhrensee ist das größte stehende Gewässer der Stadt. Der Vorläufer dieses künstlichen Teichs war im 17. Jahrhundert angelegt worden, um in seinem Wasser Holzröhren zu lagern. Sie waren für eine Wasserleitung von den nahegelegenen Quellhöfen zur Innenstadt bestimmt, die dort vier Brunnen speiste. Von den einstigen Ziehbrunnen in der Innenstadt ist kein funktionsfähiger mehr erhalten. Bei historischen Ausgrabungen im Rahmen der Umgestaltung des Marktplatzes wurden über 20 ehemalige Brunnenschächte sowie ein Teil des ehemaligen Kanalverlaufes des Tapperts aus Sandstein gefunden. Einer der Brunnen wurde im Durchgang zwischen Spital und Rotmaincenterbrücke wiederhergestellt. Vor allem aus der Markgrafenzeit stammt eine größere Anzahl von Zierbrunnen: Famabrunnen auf dem Marktplatz, 1708 von Elias Räntz geschaffen In: Historisches-Franken.de. Abgerufen am 4. September 2019. Herkulesbrunnen auf dem Marktplatz, 1676, von Georg Wieshack, 1755 neue Figur von Joh. Gabriel Räntz, seit 1926 im Park vor dem Festspielhaus, seit 2005 im Historischen Museum, Kopie 1926 der Bildhauer Martin Mösch und Christian WeißbrodDenkmalliste Bayreuth. Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege, S. 30 (PDF). Markgrafenbrunnen vor dem Neuen Schloss, eine barocke Brunnenanlage von Elias Räntz aus dem Jahr 1699Kurt Herterich: Im östlichen Bayreuth. S. 12. Neptunbrunnen auf dem Marktplatz von 1755Bernd Mayer: Geheimnisvolles Bayreuth. S. 36. Obeliskenbrunnen von 1789 neben der Stadtkirche an der Stelle des 1508 errichteten BeinhausesKarl Müssel: Bayreuth in acht Jahrhunderten, S. 53. Reiterbrunnen auf dem Sternplatz von 1922Kurt Herterich: Im östlichen Bayreuth. S. 35. Wittelsbacherbrunnen an der Opernstraße von 1914Bayreuther Sonntagszeitung vom 21. September 2014. Auf dem Marktplatz wurde, in Anlehnung an den ursprünglichen Lauf des Tappert, 2010 eine wasserführende Zierrinne mit begehbarem Brunnen und Wasserspielplatz als Stadtbächlein neu geschaffen. Stiftungen Emil-Warburg-Stiftung (Universität Bayreuth), benannt nach dem Physiker Emil Warburg. Otto-Warburg Chemie-Stiftung (Universität Bayreuth), benannt nach dem Chemiker und Nobelpreisträger Otto Warburg, Sohn von Emil Warburg. Richard-Wagner-Stiftung Bayreuth Hospital-Stiftung der Stadt Bayreuth Bernd-Mayer-Stiftung, umfangreiche Sammlung an Fotos und Dokumenten zur Geschichte von Bayreuth Bernd Mayer. Brigitte Merk-Erbe-Stiftung, Stiftung der Oberbürgermeisterin zur Stärkung von gemeinnützigen Bayreuther Vereinen. Hans und Emma Nützel Altenstiftung, alleinige Gesellschafterin der Motor-Nützel GmbH. Freizeiteinrichtungen Öffentliche Bädermini|Eingangsbereich der Lohengrin Therme Das Altstadtbad ist ein speziell für Kinder geschaffenes städtisches Freibad an der Fantaisiestraße. Es verfügt über ein Nichtschwimmerbecken, ein flaches Becken für Kleinkinder, Spielgeräte und eine große Liegewiese. Der Eintritt ist frei. Freiluftbad Bürgerreuth (mit Kneippanlage) Das Kreuzsteinbad ist das größte Freibad der Stadt. Markant ist der 10-Meter-Sprungturm am Sprungbecken. Daneben gibt es ein 50-Meter-Schwimmbecken, ein Wellenbecken, ein Becken für Kleinkinder und eine 85 Meter lange, gewundene Großrutsche. Der Eingang befindet sich an der Frankengutstraße. Hallenbad des Schwimmvereins SVB Lohengrin Therme (im Ortsteil Seulbitz mit Stellplatz für Wohnmobile) Das am 14. Dezember 1929 eröffnete„Ich war schon immer a Wasserratz“ in: Nordbayerischer Kurier vom 14./15. Dezember 2019, S. 9. Stadtbad in der Kolpingstraße ist das älteste Hallenbad OberfrankensKurt Herterich: Vom Bayreuther Schloßturm zum Festspielhügel. S. 105. und das zweitälteste in Bayern. Im April 1945 wurde das Kesselhaus durch eine Bombe zerstört, erst ab 1949 war das Bad wieder in Betrieb. Ende 1993 wurde das Stadtbad erneut vorübergehend geschlossen und bis 1996 grundlegend erneuert. Es verfügt über ein 25 Meter langes Schwimmbecken, dazu existieren ein Planschbecken, ein Lehrschwimmbecken sowie eine Saunalandschaft. Tierpark, generationenübergreifende Spielanlage und Kahnverleih am Röhrensee Gastronomie Erwähnenswert ist das Lesecafé Samocca im Gebäude der Volkshochschule und Stadtbibliothek „RW21“ (Richard-Wagner-Str. 21). Das Café ist in die Bibliothek integriert und wird von Menschen mit Behinderungen geführt. Kinos Im Februar 1897 erlebte die Stadt im Gartensalon des Cafétiers Christian Sammet an der Kanalstraße ihre erste Filmvorführung. Mit dem Central-Theater am Josephsplatz wurde am 18. Oktober 1908 das erste Kino eröffnet. In den 1920er Jahren kamen u. a. die Blücher-Lichtspiele (nach 1945: Bayreuther Lichtspiele „Bali“) in der Richard-Wagner-Straße, die Kammer-Lichtspiele in der Schulstraße und die Reichshof-Lichtspiele in der Maximilianstraße hinzu. Die 1950 in der Ruine der Stadthalle eingerichteten Stadthallen-Lichtspiele blieben ein elf Jahre währendes Provisorium. Mit dem 1970 wieder geschlossenen Filmpalast folgte 1956 in der Bahnhofstraße die Eröffnung des bis dahin größten Lichtspieltheaters der Stadt.Bernd Mayer: Der weite Weg von Sammets Gartensalon zum modernen Filmpalast Cineplex in: Heimatkurier 4/2007 des Nordbayerischen Kuriers, S. 8 f. mini|Cineplex-Kino nördlich des Rotmaincenters, 2012 Von den traditionellen Kinos des 20. Jahrhunderts hat keines überlebt. Zuletzt wurden 1999 die Reichshof-Lichtspieleallekinos.com geschlossen, nachdem 1997 an der Hindenburgstraße das Cineplaza (heute: Cineplex) mit mehreren Sälen eröffnet worden war. Internationaler Zirkel Bayreuth Gemeinsame Einrichtung der Internationalen Gesellschaften in Bayreuth (Deutsch-Französische, Deutsch-Polnische, Deutsch-Tschechische, Deutsch-Englische und Deutsch-Hispanische Gesellschaft Bayreuth), Schulstr. 5. Unter dem Motto Sprachen öffnen Türen gibt es zahlreiche Veranstaltungen, darunter Fremdsprachliche Konversation und den gemeinsamen monatlichen Internationalen Apéritif., dfg-bayreuth.de. Stadtschreiber Von Februar bis Juli 2013 war der Berliner Autor Volker Strübing Bayreuths erster Stadtschreiber. Kolumne von Volker Strübing beim Nordbayerischen Kurier, abgerufen am 24. Juli 2013. Das Jean-Paul-Jubiläum bot den Anlass, dieses Amt ins Leben zu rufen. Strübing hat sich in dieser Zeit intensiv mit Jean Paul auseinandergesetzt und in einem Blog seine Erlebnisse kommentiert.bayreuthertagebuch.wordpress.com Bayreuther Tagebuch von Volker Strübing, abgerufen am 24. Juli 2013. Sport Vereinssport Über 60 Vereine bieten die Möglichkeit, sich in knapp 100 Sportarten zu betätigen. Erfolgreichster Verein der Stadt ist derzeit die Luftsportgemeinschaft Bayreuth (LSG) mit ihrem Segelflug-Bundesliga-Team. 1999 fanden auf dem Verkehrslandeplatz Bayreuth die Weltmeisterschaften im Segelflug statt. 2002, 2015 und 2018 gewannen die Segelflieger der LSG die Bundesliga, 2015 und 2018 die Segelflug-Weltliga „IGC World League“. 2003, 2005, 2008 und 2010 wurden sie Vize-Meister. Mehrere Deutsche Meister-Titel kann auch das Streethockeyteam der Bayreuth Hurricans vorweisen, welches dreimal Deutscher Vize-Meister (1998/2004/2006) wurde und fünfmal den Titel des Deutschen Meisters (1996/1997/2001/2005/2007) holte. In einer ersten Bundesliga spielte neben der Luftsportgemeinschaft und den Hurricans die 1999 gegründete Basketballmannschaft BBC Bayreuth, die von 2013 bis 2023 Medi Bayreuth hieß und zuletzt von 2010 bis 2023 in der Basketball-Bundesliga vertreten war. Die Handballer von HaSpo Bayreuth und die Volleyballer des BSV Bayreuth gehen in der Bayernliga und das Eishockeyteam des EHC Bayreuth ging bis 2016 und seit 2023 wieder in der Oberliga Süd an den Start. Zwischenzeitlich spielte man sieben Jahre lang in der DEL2. Seit der Saison 2014/15 spielt die Mannschaft Damen I der HaSpo Bayreuth unter ihrem Trainer Thomas Hankel in der 3. Bundesliga Ost der Frauen. Dabei wurde in der ersten Saison der 6. Tabellenplatz erzielt. Rollstuhltanzsport kann man in der Rollstuhltanzgruppe im RSV (Rollstuhlsportverband) Bayreuth ausüben., abgerufen am 8. Dezember 2011. Ältester und größter Sportverein der Stadt ist die Bayreuther Turnerschaft (BTS), die 1861 als Turnverein Bayreuth gegründet wurde. Südwestlich der heutigen Hindenburgstraße wurde 1911 in der „Unteren Au“ ein Sportplatz angelegt und eine Spiel- und Sportabteilung gegründet, im Jahr 1920 kamen eine Leichtathletik- und eine Mädchen-Turnabteilung hinzu. 1969 tauschte die BTS ihr Gelände mit der Brauerei Gebr. Maisel gegen deren ehemalige Eisweiher („Schoberthsweiher“) im Stadtteil Kreuz, wo am 10. Juli 1976 eine neue Sportanlage eingeweiht wurde.Einst floss der Schweiß auf dem Maisel-Gelände in: Nordbayerischer Kurier vom 9. Januar 2023, S. 11. Die Volleyballspieler der BTS fuhren im Dezember 1966 nach Rudolstadt in Thüringen. Es war das erste Mal seit dem Berliner Mauerbau, dass eine westdeutsche Mannschaft in die damalige DDR einreisen durfte.„Begegnungen ohne großes Trara“. In: Nordbayerischer Kurier. 31. Oktober 2014, S. 17. mini|Städtisches Stadion von 1967, 2002 in Hans-Walter-Wild-Stadion umbenannt 1893 kamen mit dem Turnerbund und 1898 mit dem Turner-Arbeiterverein Freie Turner zwei weitere Sportvereine hinzu. Letzterer nannte sich 1919 in Turn- und Sportverein 1898 Bayreuth („Tuspo 98“) um; nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde er wegen seiner sozialdemokratischen Einstellung verboten, das beschlagnahmte Gelände in der Hammerstatt wurde zum Sportplatz der SA. Nach langwierigen Verhandlungen erhielt er 1953 sein Sportgelände, auf dem sich heute das Hans-Walter-Wild-Stadion befindet, zurück.54 Jahre alter Verein feiert sein 125-jähriges Bestehen in: Nordbayerischer Kurier vom 13. Dezember 2023, S. 26. Die Fußballer des 1913 als FC Sankt Georgen gegründeten VfB Bayreuth wurden 1923 oberfränkisch-oberpfälzischer Meister.Geschichte des Vereins für Bewegungsspiele Bayreuth (1913–1969) bei bsv98.de, abgerufen am 24. Dezember 2023 Mit der Vereinigung von Tuspo 98 und VfB zum Bayreuther Sportverein von 1898 (BSV 98) entstand 1969 ein Großverein mit 1304 Mitgliedern. Bedeutendste Fußballvereine sind die SpVgg Bayreuth und der ehemalige 1. FC Bayreuth. Für erstere war der Höhepunkt der zweite Platz in der 2. Bundesliga Süd im Jahr 1979, der zur Teilnahme an den Aufstiegsspielen zur Bundesliga berechtigte. Am 12. Januar 1980 gelang im DFB-Pokal ein 1:0-Sieg gegen den FC Bayern München. Insgesamt zwölf Jahre spielte die SpVgg in der 2. Bundesliga (davon sechs in der eingleisigen), zuletzt in der Saison 1989/90. In der 2022/23 spielte die SpVgg in der 3. Liga und kehrt damit nach 32 Jahren Abstinenz in den Profifußball zurück, stieg aber nach einer Saison wieder ab. Vor dem Zweiten Weltkrieg dominierte der 1. FC Bayreuth das Fußballgeschehen in Bayreuth. Die Mannschaft stieg zur Saison 1926/27 in die Bezirksliga Bayern auf, die seinerzeit höchste Spielklasse. 2003 ging die Fußballabteilung des 1. FC im FSV Bayreuth auf. Glanzzeiten hatte der Sport in Bayreuth auch in den späten 1980er und frühen 1990er Jahren. Die Basketballer von Steiner Bayreuth wurden zweimaliger deutscher Pokalsieger (1987/1988 und 1988/1989), in der Saison 1988/1989 holte man zudem die deutsche Meisterschaft in die Wagnerstadt, das Eishockeyteam des Schwimmvereins Bayreuth (SVB) wurde zweimaliger deutscher Meister der Zweiten Bundesliga Süd und spielte auch ein Jahr in der Eishockey-Bundesliga. Weiterhin war zu dieser Zeit die Tischtennis-Mannschaft von Steiner Bayreuth – damals hieß der Verein noch TTBG Steiner-Optik Bayreuth – erstklassig (seit 1983 Zweite Bundesliga, 1984/85, 1986/87 und 1987/88 1. Bundesliga, 1988 Rückzug).Zeitschrift DTS, 1984/6, S. 32.Zeitschrift DTS, 1988/5, S. 12. Auch die Tischtennisspieler des 1. FC Bayreuth waren von 1994 bis 1997 in der 1. Bundesliga vertreten. 1992 erzielten die Cheerleader des American-Football-Teams Bayreuth Broncos den ersten Platz bei der Deutschen Cheerleader-Meisterschaft in Düsseldorf.Stephan-H. Fuchs: Bayreuth Chronik 1992, S. 66. Der älteste noch bestehende Verein der Stadt ist der Schützenverein Vereinigte Schützengilden St. Georgen von 1720 und Bayreuth von 1623. Die Zusammenschlüsse der Schützen im ausgehenden Mittelalter hatte der Wunsch nach Wehrhaftigkeit und Schutz der Bürger und ihrer StädteSankt Georgen war bis 1811 eine eigenständige Stadt. hervorgerufen, wobei schon damals auf den sportlichen Wettstreit Wert gelegt wurde. Während die Markgrafen die Gilden förderten, wurden sie in späteren Zeiten wiederholt verboten. Die Bayreuther Schützen schossen zunächst am Stadtgraben an der heutigen Dammallee. 1851 errichteten sie am Schützenplatz ihr „Schießhaus an der Dürschnitz“, das nach der Einweihung einer neuen Schießanlage in der Saas 1905 wieder abgebrochen wurde. 1935 mussten sie nach Dörflas umziehen, 1938 wurde der Verein von den Nationalsozialisten verboten. Die Schießbahn der Sankt Georgener Schützen lag zunächst hinter der Ordenskirche und wurde später in eine Sandgrube weit außerhalb der Stadt verlegt; 1811 konnten sie ihr heutiges Domizil am Grünen Baum beziehen. 1950 wurden die Bayreuther („Privilegierte“) und die Sankt Georgener („Brannaburger“) Gilden nach ihrer Wiederzulassung vereinigt. Der 1882 gegründete Schachclub Bayreuth zählte zeitweise zu den kampfstärksten deutschen Mannschaften. Als bayerischer Mannschaftsmeister qualifizierte er sich 1957 für die deutsche Meisterschaft und errang den vierten Platz. Im Mai 1934 war Bayreuth Schauplatz eines Weltmeisterschaftskampfs zwischen Alexander Alexandrowitsch Aljechin und Efim Bogoljubow. Ende der 1990er Jahre ging der Schachclub in der Schachgemeinschaft des TSV Bindlach auf.Bernd Mayer: Als sich in Bayreuth die Schachgötter trafen in: Heimatkurier 2/2007 des Nordbayerischen Kuriers, S. 10. Unabhängige Sportmöglichkeiten Über das Stadtgebiet verstreut finden sich Bolz-, Basketball- und Beachvolleyballplätze, die kostenlos genutzt werden können. An der südlichen Adolf-Wächter-Straße existiert das Städtische Fitness-Studio im Freien (derzeit geschlossen). Hier gibt es auch einen Trimm-Dich-Pfad im nahegelegenen Wäldchen Wolfsgrube,tipbt.de ein weiterer wurde im Studentenwald angelegt. Inklusion 2021 bewarb sich die Stadt als Host Town für die Gestaltung eines viertägigen Programms für eine internationale Delegation der Special Olympics World Summer Games 2023 in Berlin. 2022 wurde sie als Gastgeberin für Special Olympics Rumänien ausgewählt. Damit wurde sie Teil des größten kommunalen Inklusionsprojekts in der Geschichte der Bundesrepublik mit mehr als 200 Host Towns. Regelmäßige Veranstaltungen mini|Sommernachtsfest in der Eremitage Januar, Mai, Juni, Juli, November und Dezember: Junge Meisterpianisten (Konzertserie junger Pianisten verschiedener Musikhochschulen in den Räumen der Klaviermanufaktur Steingraeber) Februar/März: Bayreuther Faschingsumzug und Faschingsmarkt. Erste Umzüge, sogenannte Kappenfahrten, gab es in der Stadt seit 1839.Fasching in Bayreuth: Ein einziges Auf und Ab bei bayreuther-tagblatt.de, abgerufen am 9. August 2022 In den 1950er und 1960er Jahren zog der kilometerlange Zug bis zu 50.000 Schaulustige aus ganz Oberfranken an, die rund 50 Wagen kündeten von Witz und Einfallsreichtum. Nach 1969 wurde er nicht mehr veranstaltet, erlebte aber Ende der 1980er Jahre eine bescheidene Renaissance.Bernd Mayer: Awaaf – eine Bareida Brovokation in: Heimatkurier 1/2007 des Nordbayerischen Kuriers, S. 3. April: Bayreuther Osterfestival (Benefizkonzerte zugunsten krebskranker Kinder) Mai: Musica Bayreuth Juni: Uniopenair Juni: Zeit für Neue Musik Juni: Bayreuther Volksfest. Das erste Volksfest wurde vom 13. bis zum 22. August 1910 vom Fremdenverkehrsverein am Mainflecklein veranstaltet, ein zweites Volksfest gab es erst 1921. In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg fand die nun alljährliche Veranstaltung an der heutigen Albrecht-Dürer-Straße zwischen dem Roten Main und der Bahnstrecke statt. 1964 wurde der heutige Volksfestplatz an der Äußeren Badstraße eröffnet.Kein Gipfel der Fröhlichkeit. In: Nordbayerischer Kurier. 28. Mai 2018, S. 8. Juli: Afro-Karibik-Festival Juli: Bayreuther Bürgerfest (jeweils am ersten Juli-Wochenende) Juli: Bayreuther Klavierfestival Juli–August: Bayreuther Festspiele, Sommernachtsfest, Festival junger Künstler (ehem. Jugendfestspieltreffen) August: Weinfest auf dem Marktplatz (seit 2013), Seebühnenfestival in der Wilhelminenaue (seit 2020 in der Nachfolge von „Sankt Georgen swingt“),Nordbayerischer Kurier vom 2. August 2023, S. 9. Kinder-Ferienstadt Mini-Bayreuth mit Kinderparlament auf dem Gelände des SC KreuzNordbayerischer Kurier. 7. August 2012, S. 19. bzw. dem Jugendzeltplatz an der Jugendherberge.Kinder jubeln über elternfreie Zone in: Nordbayerischer Kurier vom 8. August 2023, S. 10. September: Rock in Bayreuth September: Bayreuth Baroque (Opernaufführungen im markgräflichen Opernhaus) Oktober: Bayreuther Kneipenfestival: Am 3. November 1993 fand mit zehn Bands auf zehn Bühnen das erste Kneipenfestival statt. Beim 27. Festival waren es im Jahr 2019 27 Konzerte auf zwanzig Bühnen, wobei mit einer Eintrittskarte alle Veranstaltungsorte besucht werden konnten.Ein Abend, 20 Bühnen, 27 Konzerte in: Nordbayerischer Kurier vom 19./20. Oktober 2019, S. 11. Oktober: Bayreuther Museumsnacht (am Tag vor der Zeitumstellung) Oktober: Seit 2008 verleiht die Stadt im Rahmen des Symposions Zukunftsforum Bayreuth der Universität Bayreuth jährlich den Markgräfin-Wilhelmine-Preis der Stadt Bayreuth für Toleranz und Humanität in kultureller Vielfalt November: Am 7. Juni 1991 begannen mit einem Auftritt der Blues-Sängerin Angela Brown die ersten Bayreuther Jazz-Festspiele. Aus ihnen entwickelte sich der seit 2006 jährlich stattfindende Jazz-November.Bayreuther Jazzgeschichte: Eine Teeny-Band machte den Anfang bei jazz-bayreuth.de, abgerufen am 14. Mai 2022 Sonstiges mini|Sandsteinhäuser in der Friedrichstraße Bayreuth und die Dörfer seiner näheren Umgebung weisen eine hohe Zahl an Sandsteingebäuden auf. Dies ist, neben einer Feuerschutzverordnung von 1792, vor allem auf das Verlangen des Adels zurückzuführen, der möglichst intakte Wälder für die Jagd wünschte und zudem viel Holz für die markgräflichen Prachtbauten benötigte. Den Sandstein hatte man in unmittelbarer Nähe der Stadt ausreichend zur Verfügung.Der Schatz namens Sandstein in: Nordbayerischer Kurier vom 17./18. August 2024, S. 10. Als kulinarische Bayreuther Spezialität gelten Bratwürste, die paarweise mit Senf in Brötchen verzehrt werden. Sie werden an mehreren Ständen in der Innenstadt verkauft.Bratwursthäuschen: „Echte Bayreuther Bratwürste gibt es nur mit Senf“ bei bayreuther-tagblatt.de, abgerufen am 8. August 2022 Die Zubereitung von Kartoffelklößen, im örtlichen Dialekt Glees genannt, lässt sich erstmals am 22. August 1707 im nahen Neustädtlein am Forst nachweisen. Die damals exotisch anmutende Beilage aus rohen und gekochten Kartoffeln („halb und halb“) wurde bald zum typischen Gericht in der Bayreuther Region.Sylvia Habermann: Die Urahnen der Bayreuther Klöß in: Heimatkurier 2/2007 des Nordbayerischen Kuriers, S. 4 f. Aus der Zeit um 1720 stammt eine markgräfliche Anordnung, ein Normgefäß zu erstellen, um zu gewährleisten, dass überall in der Stadt dieselbe Menge Bier in den Krügen war. Dies war die Geburtsstunde des „Eichala“, dessen Name auf das Eichmaß zurückzuführen ist. Die von Zinngießern hergestellten Krüge wurden alle zwei Jahre in den Gastwirtschaften durch das Eichamt geprüft. Seit ca. 1900 wurden die Eichala überwiegend mit Deckel gefertigt, bald darauf mit dem Bayreuther Wappen und seit den 1930er Jahren mit einer Eichel auf dem Deckel verziert. Sie existieren heute in vier Größen: als Maß (1 l), Schimmala (ca. 0,7 l), Seidla (0,5 l) und Viertelliterkrug. Im Jahr 2022 wurde die Produktion der beliebten Eichala eingestellt, zuletzt wurden jährlich rund 4000 Krüge gegossen.Eric Waha: Das Ende des Eichala in: Nordbayerischer Kurier vom 3./4. September 2022, S. 11. Jeweils am „Öberschtn“ genannten 6. Januar trifft man sich in geselliger Runde zum „Stärkeantrinken“. Einer Jahrhunderte alten fränkischen Tradition entsprechend darf man für jeden Monat ein „Seidla“ Starkbier oder ein „Schnäpsla“ trinken, um Kraft und Gesundheit für das neue Jahr zu tanken.Die Suche nach der Stärke fürs Jahr In: Nordbayerischer Kurier. 5./6. Januar 2019, S. 16.Zwölf Seidla für die Gesundheit In: Nordbayerischer Kurier. 4./5. Januar 2020, S. 11. Am 7. September 1974 wurde in der unteren Opernstraße und auf dem Luitpoldplatz die siebte Austragung der Eurovisions-Spielshow Spiel ohne Grenzen mit sieben Wettbewerbern veranstaltet. Hinter der italienischen Stadt Marostica kam Bayreuth auf den zweiten Platz.Jeux Sans Frontieres 1974 — Bayreuth, Germany bei youtube.com, abgerufen am 29. November 2023 Im Jahr 1990 durfte die britische Heavy-Metal-Band Iron Maiden in Bayreuth nicht auftreten. Die Stadtverwaltung sagte ein geplantes Konzert in der Oberfrankenhalle ab, begründet wurde dies mit dem als „Brutalo-Rock“ bezeichneten Musikstil.„Iron Maiden“ durften nicht auftreten. In: Nordbayerischer Kurier. 25. Juli 2015, S. 14. Wirtschaft und Infrastruktur Im Jahr 2007 betrug die Anzahl der Erwerbstätigen in Bayreuth 57.600, davon 41.200 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte. Von diesen waren rund drei Viertel im Dienstleistungsbereich angestellt, was auf die große Anzahl von Behörden (Deutsche Rentenversicherung Nordbayern), Krankenhäusern, Schulen und Kreditinstituten zurückgeführt wird.Luftreinhalte- / Aktionsplan für die Stadt Bayreuth (Stand: März 2007) der Regierung von Oberfranken auf bayreuth.de, S. 8, abgerufen am 22. August 2019 (PDF, 4,8 MB). Als größter Arbeitgeber wurde die Universität Bayreuth mit 1800 BeschäftigtenKapitel 3 zur Neuaufstellung des Flächennutzungsplans auf bayreuth.de, abgerufen am 22. August 2019 (PDF, 197 KB). von der 2003 gegründeten Klinikum Bayreuth GmbH mit 2300 Beschäftigten abgelöst.Elena Bruckner: Von Adidas bis ZF: Das sind die 30 größten Arbeitgeber Frankens, infranken.de vom 30. Oktober 2018, abgerufen am 22. August 2019. Innerhalb der Stadtgrenzen erbrachte Bayreuth im Jahr 2016 ein Bruttoinlandsprodukt (BIP) von 4,527 Milliarden Euro. Das BIP pro Kopf lag im selben Jahr bei 62.352 Euro (Bayern: 44.215 Euro / Deutschland: 38.180 Euro) und damit deutlich über dem regionalen und nationalen Durchschnitt. In der Stadt gab es 2017 ca. 66.300 erwerbstätige Personen. Die Geschäftsstelle Bayreuth der Bundesagentur für Arbeit ermittelte im Jahr 2021, dass 33,7 % der in Bayreuth (Stadt und Landkreis zusammengenommen) arbeitenden Menschen aus anderen Regionen einpendeln. Zugleich verlassen täglich 27,4 % der dort lebenden Arbeitnehmer als Auspendler das Gebiet.Pendler strömen durch die Region in: Nordbayerischer Kurier vom 11. Juni 2021, S. 2. Im Zukunftsatlas 2016 belegte die kreisfreie Stadt Bayreuth Platz 65 von 402 Landkreisen und kreisfreien Städten in Deutschland und zählt damit zu den Orten mit „hohen Zukunftschancen“. Die Arbeitslosenquote lag im Dezember 2018 bei 4,4 % und damit über dem bayerischen Durchschnitt von 2,7 %, jedoch unter dem bundesweiten Durchschnitt. Im Juni 2022 wurden 1750 Arbeitslose erfasst, was einer Quote von 2,9 % entsprach.Statistik Arbeitsagentur Juni 2022 Verkehr In der Nachkriegszeit waren alle drei durch Bayreuth führenden Bundesstraßen in der Richard-Wagner-Straße gebündelt. Die durch die untere Maximilianstraße verlaufende B 22 und die vom Mühltürlein kommende B 85 trafen sich am westlichen Ende des Marktplatzes, den sie gemeinsam der Länge nach durchquerten. Aus der Opernstraße kommend stieß am Sternplatz die B 2 dazu. An der Dürschnitz verließen die B 2 und die B 85 den Straßenzug zur Nürnberger Straße hin und blieben bis hinter Pegnitz vereint. Heute verlaufen die Bundesstraßen über den Stadtkernring. Die in weiten Teilen zur Fußgängerzone umgewandelte Innenstadt wird von dem aus den Straßen Wittelsbacherring, Hohenzollernring, Cosima-Wagner-Straße und einem Teil der Birkenstraße gebildeten Ring nur noch tangiert. Im August 1969 wurde am Hohenzollernring die erste Grüne Welle der Stadt eingerichtet.Vor 50 Jahren. In: Nordbayerischer Kurier. 8. August 2019, S. 10. Bereits 1994 schlug Hellmut Schubert, der seit den 1960er Jahren für die Stadt als Verkehrsplaner arbeitete,So war′s früher. Der Ring als Einbahnstraße In: Nordbayerischer Kurier vom 9. Oktober 2019, S. 10. dem Stadtrat vor, mit Ausnahme der Hauptverkehrsadern aus ökologischen Gründen im Stadtbereich Tempo 30 einzuführen. Für den Stadtkernring favorisierte er eine Einbahnstraßenregelung mit einer für Radfahrer, Busse und Taxis reservierten Spur.So war′s früher. Der Ring als Einbahnstraße In: Nordbayerischer Kurier vom 1. Oktober 2019, S. 10. 29.000 Berufspendler am Tag fuhren im Jahr 2020 durchschnittlich von außerhalb in die Stadt zur Arbeit, der überwiegende Teil von ihnen mit dem Auto. Die durchschnittliche Entfernung zwischen ihrem Wohnort und Bayreuth betrug 11,7 Kilometer.29 000 Berufspendler täglich unterwegs in: Nordbayerischer Kurier vom 7. September 2019, S. 13. Fernstraßen Bundesautobahnen : Berlin – Leipzig – Bayreuth – Nürnberg – Ingolstadt – München 1937 wurde das Teilstück Leipzig – Nürnberg fertiggestellt.Herbert Popp: Bayreuth – neu entdeckt. S. 72. Damit ist sie eine der ältesten Autobahnen in Deutschland mit überregionaler Bedeutung. Der sechsstreifige Ausbau im Bereich Bayreuth wurde 2006 abgeschlossen, am Stadtteil Laineck wurde sie auf einer Länge von 360 m eingehaust. Im Stadtgebiet existieren die beiden Anschlussstellen Bayreuth-Nord und Bayreuth-Süd, wodurch der dazwischenliegende Abschnitt auch eine Funktion als Stadtautobahn aufweist. : Schweinfurt – Bamberg – Bayreuth Der Baubeginn für diese Ergänzungsstrecke erfolgte 1937, jedoch konnte erst am 21. November 1958 der erste Abschnitt vom Dreieck Bayreuth/Kulmbach zur Anschlussstelle Kulmbach/Neudrossenfeld als einbahnige Autobahn mit zwei Fahrstreifen in Betrieb genommen werden. Die endgültige Fertigstellung bis Bamberg war erst 1996 abgeschlossen. Die A 70 berührt das Stadtgebiet nicht, ist über die A 9 und das Dreieck Bayreuth/Kulmbach aber schnell erreichbar. Bundesstraßen : Rosow – Berlin – Potsdam – Lutherstadt Wittenberg – Leipzig – Gera – Hof – Bayreuth – Nürnberg – Roth – Donauwörth – Augsburg – München – Mittenwald : Würzburg – Bamberg – Hollfeld – Bayreuth – Weiden i.d.Opf – Cham : Berga – Weimar – Saalfeld – Kronach – Kulmbach – Bayreuth – Amberg – Schwandorf – Cham – Passau Staatsstraßen : Bad Berneck – Goldkronach – Bayreuth – Mistelbach – Hummeltal – Pottenstein – Leupoldstein – Betzenstein – Plech – Neuhaus an der Pegnitz : Bayreuth – Weidenberg – Warmensteinach – Fichtelberg – Mehlmeisel – Brand – Ebnath – Erbendorf – Windischeschenbach – Floß – Waldthurn – Altenstadt bei Vohenstrauß Eisenbahn mini|Hauptbahnhof mini|Logo der Metropolregion Nürnberg Vom Hauptbahnhof Bayreuth aus führen Hauptstrecken in Richtung Norden nach Neuenmarkt-Wirsberg (und von dort weiter nach Bamberg bzw. über die Schiefe Ebene nach Hof), Südosten nach Weiden und Süden nach Schnabelwaid (mit Anschluss nach Nürnberg über die Pegnitztalbahn). Einzig verbliebene Nebenbahn ist die seit 1993 nur bis Weidenberg betriebene Strecke nach Warmensteinach. Die ehemals ins westliche bzw. nordwestliche Umland führenden Strecken nach Hollfeld und Thurnau (– Kulmbach) sind restlos abgebaut. Die Bahnstrecken rund um Bayreuth sind ausnahmslos eingleisig und nicht elektrifiziert. Seit 23. Mai 1992 verkehrten zwischen Bayreuth und Nürnberg mit Neigetechnik ausgestattete Dieseltriebwagen der Baureihe 610, die von der damaligen Deutschen Bundesbahn speziell für die kurvenreiche Strecke angeschafft wurden. Diese wurden später durch die Baureihe 612 abgelöst. Zum Fahrplanwechsel am 10. Juni 2001 wurde die neu geschaffene ICE-Linie 17 (Dresden – Nürnberg im Stundentakt, jeder zweite Zug über Bayreuth) in Betrieb genommen. Zwei Jahre lang verkehrten ICE-TD-Triebzüge mit Neigetechnik der Baureihe 605. Seit dem Fahrplanwechsel 2006/2007 ist Bayreuth nicht mehr an das Fernverkehrsnetz der Deutschen Bahn angeschlossen. Der IRE Franken-Sachsen-Express bot ersatzweise seit Dezember 2006 bis Dezember 2013 eine Direktverbindung über Hof und Plauen nach Dresden (seit Dezember 2007 im Zwei-Stunden-Takt). Zum Einsatz kamen dabei Dieseltriebwagen mit Neigetechnik der Baureihe 612. Auch gab es eine Regional-Express-Direktverbindung mit solchen Triebwagen über Lichtenfels und Bamberg nach Würzburg. Seit dem 12. Juni 2011 bedient das Verkehrsunternehmen agilis das neugeschaffene Dieselnetz Oberfranken im Auftrag der Bayerischen Eisenbahngesellschaft und damit den schienengebundenen Nahverkehr im Raum Bayreuth. Seit Dezember 2013 gibt es von Bayreuth keine Direktverbindungen mehr nach Dresden und nach Würzburg. Überregionale Verbindungen (Deutsche Bahn AG): RE Bayreuth Hbf – Pegnitz – Nürnberg Hbf (weitgehend im Stundentakt) RE Hof Hbf – Münchberg – Bayreuth Hbf – Nürnberg Hbf (weitgehend im 2-Stunden-Takt) RE Bamberg – Lichtenfels – Kulmbach – Bayreuth Hbf (weitgehend im 2-Stunden-Takt) Regionalbahnverbindungen weitgehend im Stundentakt (agilis): RB Bad Rodach – Coburg – Lichtenfels – Kulmbach – Bayreuth Hbf RB (Hof Hbf –) Marktredwitz – Kirchenlaibach – Bayreuth Hbf RB Weidenberg – Bayreuth Hbf – Weiden (Oberpf) Siehe auch Geschichte der Eisenbahn in Bayreuth Liste der Bahnhöfe und Haltepunkte in Bayreuth Öffentlicher Personennahverkehr mini|hochkant|Stadtbus am Sternplatz Die Stadtbuslinien werden von den Stadtwerken Bayreuth betrieben, zum Teil fahren in deren Auftrag auch Fahrzeuge privater Busunternehmer. Auf den Linien 301 bis 316 verkehren die Busse montags bis freitags überwiegend in einem 20- oder 30-Minuten-Takt. Durch Überlagerung von Linien bei gleichzeitig versetzten Fahrzeiten werden der Hauptbahnhof, die Universität und viele Stadtteile in kürzeren Intervallen bedient. In nachfrageschwachen Zeiten (täglich abends, Samstag früh sowie an Sonn- und Feiertagen vormittags) wird mit den Linien 321 bis 326 ein auf sechs Strecken reduziertes Netz alle 30 Minuten angeboten. Vororte mit geringer Nachfrage werden in diesen Zeitlagen mit Anruf-Sammel-Taxen stündlich bedient. Das Netz ist mit der zentralen Omnibushaltestelle ZOH weitgehend sternförmig aufgebaut, bietet aber auch außerhalb der ZOH Umsteige­möglichkeiten. Mit der im 30-Minuten-Takt verkehrenden Linie 316 besteht eine schnelle Direktverbindung zwischen der Universität und dem Hauptbahnhof. Zwischen 1950 und 2007 lag die ZOH auf dem Marktplatz, in der Straßenmitte der Maximilianstraße. Am 27. Oktober 2007 wurde sie auf den nahen Hohenzollernplatz verlegt, wo auch Haltestellen für Regionalbusse eingerichtet werden konnten. Ein dynamisches Fahrgast­informationssystem informiert über die nächsten Abfahrten bzw. aktuelle Fahrplanänderungen und Umleitungen. Im dortigen Kundencenter sind montags bis freitags verbundweite Fahrplan­informationen und Tickets erhältlich. Zum 1. Januar 2010 wurde der Öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) in den Verkehrsverbund Großraum Nürnberg (VGN) integriert.Bus Stadtverkehr Bayreuth Das gesamte Stadtgebiet Bayreuth entspricht der VGN-Tarifzone 1200, in der die Preisstufe D gilt. Für Fahrten über die Stadtgrenze hinaus findet die VGN-Tarifzonenregelung (Preisstufen 1 bis 10) Anwendung. Als Verkehrsunternehmen im VGN ermöglichen die Stadtwerke die Fahrradmitnahme in den Stadtbussen. Nach 20 Uhr besteht zudem die Möglichkeit, nach vorheriger Anmeldung beim Fahrer auch zwischen zwei regulären Haltestellen auszusteigen, sofern dies verkehrsrechtlich möglich ist. Über die Mobiltelefon-App des VGN ist der Erwerb von „Handy-Tickets“ auch für die Bayreuther Stadtbusse möglich. Als erste Universitätsstadt Bayerns führte Bayreuth bereits zum Wintersemester 1994 das Semesterticket für alle Studierenden der Universität Bayreuth und der Hochschule für evangelische Kirchenmusik ein. Diese lokale Regelung konnte trotz des VGN-Betritts beibehalten werden. Der Regionalverkehr wird durch DB/OVF bedient. Neben dem VGN ist Bayreuth auch Mitglied im deutsch-tschechischen Verkehrsverbund EgroNet. Fahrradverkehr Ein Radwegenetz ist teilweise vorhanden, dessen Beschilderung ist oft überörtlicher Natur (Beispiel: Haidenaab-Radweg). Durch die unmittelbare Lage am 600 Kilometer langen Main-Radweg ist Bayreuth Anfahrtsziel für mehrere touristische Radreiserouten. Von einem großen Teil der rund 13.500 StudentenUniversität Bayreuth in Zahlen abgerufen am 10. Oktober 2020 der Universität Bayreuth wird das Fahrrad als Alltagsverkehrsmittel genutzt. Die Topografie der Stadt und das Fehlen durchgehender sicherer Routen bereiten Schwierigkeiten und führen teilweise zu problematischen Lösungen. An vielen Stellen werden Radfahrer auf Fußwege und Gehsteige geleitet oder durch Beschilderung zu deren Benutzung gezwungen, was Konflikte mit den Fußgängern birgt. Parkanlagen müssen in der Regel umfahren werden, das Queren des Hofgartens ist seit 2012 auf zwei Wegen aber gestattet. Die Fußgängerzone in der Innenstadt darf weitgehend mit dem Fahrrad befahren werden. Ein Abschnitt der Route von der Universität in die Innenstadt (Univercity) ist als Fahrradstraße ausgeschildert. Die Fahrradmitnahme in den in Bayreuth abfahrenden DB-Regiozügen und in den Bussen des VGN ist, soweit möglich, kostenpflichtig.Fahrradmitnahme, vgn.de. Flugverkehr Der Verkehrslandeplatz Bayreuth dient der gewerblichen Luftfahrt, dem individuellen Geschäftsreiseverkehr, der allgemeinen Luftfahrt und dem Luftsport. Bis 2002 machte die Fluglinie Frankfurt–Hof dreimal täglich einen Zwischenstopp in Bayreuth. Der Verkehrslandeplatz am Bindlacher Berg ist auch einer der wichtigsten Stützpunkte für den Segelflugsport in Deutschland, u. a. fanden hier 1999 die Weltmeisterschaften statt. Für die Luftsportgemeinschaft Bayreuth ist der Flughafen Ausgangspunkt für die Flüge in der Segelflug-Bundesliga. Der Verein führt hier auch die Ausbildung im Segelflug und Motorflug durch. Wasser, Abwasser, Strom, Gas, Fernwärme Zuständig für die Strom-, Erdgas-, Fernwärme- und Trinkwasserversorgung ist das 1939 gegründete kommunale Versorgungs- und Dienstleistungsunternehmen Stadtwerke Bayreuth. Zwischen 5 und 5,5 Millionen Kubikmeter Wasser werden in Bayreuth je nach Wetter pro Jahr verbraucht. bei bayreuther-tagblatt.de, abgerufen am 10. Dezember 2020 Das Trinkwasser für die Stadt wird hauptsächlich in zwei Hochbehältern auf der Hohen Warte und einem dritten auf dem Eichelberg gesammelt, gespeichert und überwacht. Von dort fließt es in das 340 km lange städtische Rohrnetz, wobei in der Regel der Höhenunterschied den notwendigen Druck erzeugt und lediglich für hochgelegene Gebiete Pumpstationen erforderlich sind.Reinigung tief unten im Berg in: Nordbayerischer Kurier vom 3. Dezember 2020, S. 13. Etwa die Hälfte des Bayreuther Trinkwassers, hauptsächlich Oberflächenwasser aus der Ködeltalsperre bei Kronach, wird über die Fernwasserversorgung Oberfranken bezogen und auf der Hohen Warte im 1980 in Betrieb genommenen größeren der beiden Hochbehälter (Fassungsvermögen 10.000 Kubikmeter) gesammelt. Der ältere dortige Behälter (Fassungsvermögen 4000 Kubikmeter) wird vom Hauptsammler Löchleinstal bei Warmensteinach mit einer Million Kubikmeter – dort bereits gereinigtem und entkalktem – Wasser jährlich aus dem Fichtelgebirge versorgt. Aus sieben Brunnen bei Seybothenreuth und Lehen erhält der Hochbehälter mit Aufbereitungsanlage auf dem Eichelberg sein Wasser. Im Westen der Stadt liegt das Brunnenfeld Eichelacker, das Wasser an das gleichnamige, genau zwischen den Druckzonen Hohe Warte und Eichelberg gelegeneTief rein für klares Wasser in: Nordbayerischer Kurier vom 22. Februar 2022, S. 7. Pumpwerk am Rand des Stadtteils Altstadt liefert.Karte der Wasserversorgung Bayreuth bei stadtwerke-bayreuth.de, abgerufen am 27. Februar 2022 1960 wurde die städtische Kläranlage gebaut und seitdem erweitert und modernisiert. Das Abwasserkanalnetz ist rund 400 km lang, davon waren 2017 303 km Mischkanäle für Brauch- und Regenwasser. Zum Einzugsgebiet gehören auch Teile der Gemeinden Eckersdorf, Haag und Creußen. Die jährliche Abwassermenge beträgt 13 Millionen Kubikmeter, der Wirkungsgrad der Kläranlage beläuft sich auf 99 %.Wasser in Reinkultur bei bayreuth.de, abgerufen am 12. Dezember 2020 Das in den 1890er Jahren an der Birkenstraße errichtete Gaswerk erzeugte ca. 70 Jahre lang Leuchtgas aus Steinkohle. Ab 1965 endete mit der schrittweisen Umstellung auf Ferngas die städtische Eigenproduktion,Kurt Herterich: Im südöstlichen Bayreuth. S. 51 ff. die Innenstadt wurde ab 1971 mit Erdgas versorgt.Vor 50 Jahren in: Nordbayerischer Kurier vom 6. August 2021, S. 8. Das Fernwärmenetz der Stadtwerke umfasst zwei Bereiche in der nördlichen Innenstadt und dem Kasernenviertel.Netzinformationen bei stadtwerke-bayreuth.de, abgerufen am 12. Dezember 2020 Medizinische Versorgung Krankenhäuser und Kliniken Klinikum Bayreuth, Preuschwitzer Str. 101 Krankenhaus mit Rehabilitationsklinik Hohe Warte, Hohe Warte 8 Bezirkskrankenhaus Bayreuth, Nordring 2 Klinik Herzoghöhe, Kulmbacher Str. 103 MEDICLIN Reha-Zentrum Roter Hügel, Jakob-Herz-Straße 1 Notfallpraxen Bayreuther Notfallpraxis der Hausärzte Dokhaus, Spinnereistraße 5 Orthopädisch-chirurgische Notfallpraxis im Medcenter, Spinnereistraße 7 Tierversorgung Tierärztliche Klinik für Kleintiere mit Notfallbehandlung, Friedrich-von-Schiller-Straße 3c Tierheim des Tierschutzvereins Bayreuth, Jakobstraße 120 Märkte Wochenmarkt mittwochs und samstags in und vor der Rotmainhalle Viktualienmarkt dienstags und donnerstags auf dem Stadtparkett (Maximilianstraße) Flohmarkt auf dem Gelände des Volksfestplatzes, zweimal jährlich Christkindlesmarkt auf dem Stadtparkett (Maximilianstraße), jährlich, vom Wochenende des Ersten Advent bis zum 23. Dezember Tourismus Seit 1922 wird eine Statistik über die Zahl der Übernachtungen in Bayreuth geführt. Im Jahr 1923 zählte die Stadt rund 31.000 Übernachtungen. Mit 527.536 Übernachtungen wurde im Jahr 2024 der bisherige Spitzenwert erreicht. 86 % der Gäste stammten aus dem Inland; die ausländischen Gäste kamen vor allem aus Polen (6990 Übernachtungen), Österreich (6902), der Schweiz (6140), den Vereinigten Staaten (5736) und Dänemark (4375 Übernachtungen).Tourismus: Aller guten Rekorde sind drei in: Nordbayerischer Kurier vom 11. Februar 2025, S. 9. Am höchsten sind jeweils die Übernachtungszahlen während der Festspielzeit im August, 2010 wurden rund 39.000 Übernachtungen gezählt. Im August 2019 wurde der bisherige Spitzenwert mit 58.678 registrierten Übernachtungen verzeichnet, was ein Plus von 13,7 % gegenüber dem Vorjahresmonat bedeutete. Der Anteil ausländischer Gäste betrug 32,6 %. Bedingt durch die Festspiele verfügt die Stadt über eine ausreichende Zahl an Hotels. Im Jahresdurchschnitt liegt deren Bettenauslastung bei 50 %, zwischen Mai und August ist an manchen Tagen jedoch kein Zimmer mehr frei.Der stärkste Monat aller Zeiten in: Nordbayerischer Kurier vom 17. Oktober 2019, S. 11. Neben den Hotels, Pensionen und Privatunterkünften gibt es in Bayreuth die Jugendherberge an der Universitätsstraße den Jugendzeltplatz des Jugendrings die Stellplätze für Wohnmobile an der Lohengrin Therme im Stadtteil Seulbitz und an der Grünewaldstraße im Stadtteil Hammerstatt Bedeutende Unternehmen Die Industrialisierung setzte in der Stadt erst verhältnismäßig spät ein. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden drei Baumwollspinnereien zu den bedeutendsten Betrieben. Daneben ließen sich Porzellan-, Eisen- und Farbenfabriken sowie zwei Dampfziegeleien nieder. Neben Mälzereien existierte eine Vielzahl kleiner Brauer, von denen sich etliche zu einer Gemeinschaftsbrauerei zusammenschlossen. Nach 1945 setzte auf dem Gelände des trockengelegten Brandenburger Weihers im Norden der Stadt eine rasante wirtschaftliche Entwicklung ein, wobei sich eine Zigarettenfabrik und ein Elektrounternehmen als bedeutendste Betriebe ansiedelten. In den Folgejahren wurden weitere Gewerbegebiete erschlossen. Neuen Industriebetrieben und Dienstleistungsunternehmen stehen auch Abwanderungen und Schließungen gegenüber. So ist z. B. die Zahl der ortsansässigen Brauereien auf mittlerweile drei Betriebe geschrumpft. Aktuell bedeutende Unternehmen mini|hochkant|Maisel’s Brauerei- und Büttnereimuseum in den historischen Anlagen der Brauerei Gebr. Maisel Bayreuther Fleisch Der Bayreuther Schlachthof gehört zur Unternehmensgruppe Müller Fleisch; ca. 150 Mitarbeiter schlachten und verarbeiten dort pro Jahr 72.000 Rinder und 150.000 Schweine.Nicht jeder Schlachthof ist ein Hotspot in: Nordbayerischer Kurier vom 4./5. Juli 2020, S. 7. Brauerei Gebr. Maisel (Weizenbier) British American Tobacco (Germany) GmbH (Zigaretten) Cybex (Kinderwagen, Kindersitze, Kindermoden) Desko (Dokumentenlesegeräte, Gesichtserkennung)Wenn das Gesicht zum Ausweis wird in: Nordbayerischer Kurier vom 22. Februar 2020, S. 11. Grundig Business Systems (professionelle Diktiersysteme) Lyondellbasell Bayreuth Chemie GmbH, Köln (Polyolefine) W. Markgraf (Bauunternehmen) medi GmbH & Co. KG (Medizinische Hilfsmittel) Motor-Nützel GmbH (Unternehmensgruppe im Bereich Autohandel- und Service mit knapp 1.000 Beschäftigten) Rottolin (Kunststoffe) 1865 gründete Friedrich Rotter eine Farben- und Lackfabrik, die 1881 nach Bayreuth verlegt wurde. Aktuell produziert das Werk im Stadtteil Hammerstatt jährlich 30.000 Tonnen Kunststoff-Compounds.rottolin.de Ideen und echter Pioniergeist 150 Jahre Rottolin. Seit 1865 bei rottolin.de, abgerufen am 10. Juli 2020 Stäubli (Textilmaschinen, technische Kupplungen und Roboter) Steiner-Optik (Ferngläser) Steingraeber Pianomanufaktur (Klaviere) TenneT TSO GmbH (Übertragungsnetzbetreiber) Zapf GmbH (Fertiggaragen, Fertighäuser) ZF Electronics (Dateneingabegeräte, Schalter, Sensoren, Automotive) Bedeutende Unternehmen der Vergangenheit Mechanische Baumwoll-Spinnerei Bayreuth 1853–1981 Neue Baumwollen-Spinnerei Bayreuth 1889–1992 F. C. Bayerlein 1894–1979 (Textilunternehmen: Weberei, Spinnerei, Zwirnerei und Färberei) Porzellanfabrik Walküre 1899–2020Porzellanfabrik Walküre wird abgewickelt in: Nordbayerischer Kurier vom 8. Januar 2020, S. 9. Franka Kamerawerk 1909–1967 Medien Lokale Tageszeitung mini|Baireuther Zeitung vom 15. August 1819 Auf Befehl des Markgrafen Friedrich III. erhielt die Residenzstadt Bayreuth 1736 eine eigene Zeitung. Im späten 19. Jahrhundert waren es bis zu fünf Blätter, die teilweise heftig miteinander konkurrierten. So giftete das nationalliberale Bayreuther Tagblatt gegen die fortschrittliche Bayreuther Abendzeitung und lieferte sich erbitterte journalistische Gefechte mit der sozialdemokratisch geprägten Fränkischen Volkstribüne. Absoluter Tiefpunkt der Lokalberichterstattung war die hämische Schilderung der Menschenjagd auf jüdische Bayreuther in der „Reichskristallnacht“.Bernd Mayer: Schnipsel aus der Zeitungsgeschichte in: Heimatkurier 9/1996 des Nordbayerischen Kuriers, S. 4 f. Vom 11. April 1945 an gab es acht Monate lang keine örtliche Tageszeitung. Am 17. Dezember jenes Jahres erschien die erste Ausgabe der Fränkischen Presse, das Bayreuther Tagblatt durfte erst am 1. Oktober 1949 wieder erscheinen. Der Nordbayerische Kurier ging am 2. Januar 1968 aus der Fusion der miteinander konkurrierenden lokalen Tageszeitungen Bayreuther Tagblatt und Fränkische Presse hervor. Herausgeber sind Wolfgang Ellwanger und Laurent Fischer, Chefredakteur ist seit dem 1. Januar 2020 Marcel Auermann. Die Zeitung erzielt mit weiteren Lokalausgaben eine verkaufte Auflage von Sonstige Printmedien Bayreuth4U (Stadtmagazin) Bayreuth Journal (Stadtmagazin) Oberfränkische Wirtschaft, (Wirtschaftsmagazin für Oberfranken) Thalia-Festspielmagazin (früher Gondrom´s Festspielmagazin) – erscheint zu den Bayreuther Festspielen Falter – Zeitung für Campuskultur (Studentenzeitung der Universität Bayreuth) Bayreuth Aktuell (Offizielles Veranstaltungsmagazin der Stadt Bayreuth) Festspielzeitung – erscheint einmal jährlich zur Eröffnung der Bayreuther Festspiele Anzeigenblätter Bayreuther Sonntagszeitung Fränkische Zeitung (FZ); ehemals Bayreuther Anzeiger, Umbenennung Oktober 2008 Blickpunkt am Wochenende Rundfunk und Fernsehen Bayerischer Rundfunk (Korrespondentenbüro Oberfranken Nord) Radio Galaxy (Lokalstation des bayernweiten Jugendsenders) Radio Mainwelle (Lokalradio) Campus TV (Medienprojekt der Medienwissenschaft, Universität Bayreuth) Kultradio (Bayernweiter DAB Radiosender) Das Rundfunkzeitalter begann in Bayreuth im Februar 1924. Zunächst war lediglich der Ingenieur Heinz Bechert in der Lage, mit seinem Detektorempfänger die Sendungen aus Berlin zu empfangen (→ Geschichte des Hörfunks in Deutschland). Im Mai jenes Jahres lockte die Firma Heuberger am Luitpoldplatz, die sich bereits den Titel „Radiohaus“ zugelegt hatte, mit kostenlosen Vorführungen ihrer Geräte. Am 16. Februar 1925 wurde eine Ortsgruppe des Süddeutschen Radio-Clubs gegründet. Zwei Jahre später existierten in der Stadt bereits sieben Radiogeschäfte.Bernd Mayer: „Die Welt ist außer Rand und Band“ in: Heimatkurier 1/1999 des Nordbayerischen Kuriers, S. 3 f. Am 18. August 1931 wurde erstmals eine Wagner-Oper (Tristan und Isolde) aus dem Festspielhaus übertragen. Mehr als 200 europäische, amerikanische und afrikanische Sender waren dieser ersten weltweiten Rundfunkübertragung angeschlossen. Mit 2.435 registrierten Rundfunkteilnehmern verfügte am 1. Oktober 1934 jeder vierte Bayreuther Haushalt über ein Radio. Im März 1937 ging eine örtliche Nebenstelle des Reichssenders München in Betrieb, deren Sendeanlagen im Anbau der Ludwig-Siebert-Halle (heutige Stadthalle) untergebracht waren. In den 1950er/1960er Jahren betrieb der Bayerische Rundfunk in Bayreuth einen Rundfunksender (Sender Bayreuth) auf der Mittelwelle mit der Frequenz 520 kHz und einer Sendeleistung von 200 Watt mit einem 60 Meter hohen Sendemast. Die regionale Versorgung mit den bayerischen Rundfunkprogrammen übernahm Ende der 1960er Jahre in UKW-Qualität ein neuer Fernsehturm auf dem Oschenberg. Internet Dispositiv (Medienblog der Universität Bayreuth) Schalltwerk (Webradio der Universität Bayreuth) Öffentliche Einrichtungen mini|Präsidialbau der Regierung von Oberfranken Regierung von Oberfranken Die Regierung von Oberfranken ist eine staatliche Mittelbehörde mit 550 Mitarbeitern. Ihr obliegt unter anderem die allgemeine Aufsicht über die staatlichen Behörden sowie die Rechts- und Fachaufsicht, beispielsweise über die oberfränkischen Gebietskörperschaften. Behördenaufsicht, Rechts- und Fachaufsicht. Aufgerufen am 4. März 2011. Sie vertritt die Staatsregierung in Oberfranken und umgekehrt. In ihrem Zuständigkeitsbereich liegen vier kreisfreie Städte und 210 kreisangehörige Gemeinden bzw. Verwaltungsgemeinschaften. Oberfrankenstiftung Agentur für Arbeit (vormals Arbeitsamt) Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten Bayreuth Bezirksverbindungskommando Oberfranken der Bundeswehr Bundesarchiv für das Lastenausgleichswesen Bundespolizeiabteilung Deutsche Rentenversicherung Nordbayern (vormals Landesversicherungsanstalt – LVA) Evang.-Luth. Kirchensteueramt Finanzamt Handwerkskammer Oberfranken Industrie- und Handelskammer für Oberfranken Justizvollzugsanstalt Sankt Georgen-Bayreuth Kompetenzzentrum Neue Materialien Nordbayern Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau (SVLFG), Geschäftsstelle Bayreuth Polizeipräsidium Oberfranken Schloss- und Gartenverwaltung Bayreuth Stadtjugendring Bayreuth Vermessungsamt Zentrum Bayern Familie und Soziales, Zentrale und Region Oberfranken (vormals Amt für Versorgung und Familienförderung) Bayreuth hat verschiedene Gerichte: Amts-, Land-, Arbeits-, Verwaltungs- und Sozialgericht. Bildung Erste öffentliche Bildungseinrichtung Bayreuths war die Lateinische Stadtschule, kurz Lateinschule genannt. Ihre Gründung reicht in die Zeit vor 1430 zurück, vermutlich war ihr Standort schon anfangs am heutigen Kirchplatz. 1571 erhielt sie einen Erweiterungsbau, aktuell beherbergt das Gebäude – nach einer Zwischennutzung als Feuerwehrhaus – das Historische Museum. 1529 wurde, auf eine Empfehlung Martin Luthers hin, in der Stadt eine „Deutsche Schule“ eingerichtet. In dieser Elementarschule wurden Kinder im Lesen, Schreiben und Rechnen unterrichtet, damit sie u. a. selbst die Bibel auf Deutsch lesen konnten. Sie hatte kein eigenes Gebäude, zunächst wurde sich mit – für Knaben und Mädchen getrennten – „Schulstuben“ in Bürgerhäusern begnügt. Obwohl es noch keine Schulpflicht gab, schickten bald zunehmend Bürger ihre Kinder dorthin zum Unterricht.Karl Müssel: Bayreuth in acht Jahrhunderten, S. 55 f. Am 21. März 1742 fand in der Aula des 1664 gegründeten Gymnasiums, das aus der alten Lateinschule hervorgegangen war, die Einweihung der Academia Fridericiana (Friedrichsakademie) statt. Rektor der neuen Universität, die das Gebäude Friedrichstraße 15 bezog und eine theologische, philosophische, medizinische und juristische Fakultät umfasste, wurde Daniel de Superville. Wegen des „unbotmäßigen“ Betragens der 66 Studenten wurde die Universität am 4. Juli 1743 wieder geschlossen und nach Erlangen verlegt.Karl Müssel: Bayreuth in acht Jahrhunderten, S. 100 ff. Erst 1958 wurde Bayreuth mit der Umwandlung des Instituts für Lehrerbildung zur Pädagogischen Hochschule der Universität Erlangen-Nürnberg wieder Hochschulstandort. Von 1810 bis 1825 wirkte in Bayreuth der Pädagoge Johann Baptist Graser als Kreisschulrat. Auf Kosten der Stadt wurde die ehemalige markgräfliche Münzstätte (Münzgasse 9, jetzt Jüdisches Museum) zum Schulhaus umgebaut. 1813 richtete er ein Institut für Lehrerbildung ein, wo fortan Volksschullehrer für Stadt und Land systematisch ausgebildet wurden. 1824 kam neben dem „Münzschulhaus“ eine israelitische Schule hinzu. Zusätzlich zur bis dahin einzigen weiterführenden Bildungsanstalt, dem humanistischen Gymnasium, entstand 1833 im Rückgebäude des Alten Rathauses mit der Kreis-Landwirtschafts- und Gewerbeschule der Vorgänger des Graf-Münster-Gymnasiums. 1867 wurde im Küchenbau des Neuen Schlosses die „höhere Töchterschule“ (heutiges Richard-Wagner-Gymnasium) eingeweiht.Karl Müssel: Bayreuth in acht Jahrhunderten, S. 147 f. Erste große Volksschule der Stadt wurde mit der am 1. November 1875 eingeweihten Central-Schule die heutige Graserschule. 1902 folgten die Luitpoldschule und 1914 die Altstadtschule. Die Anfänge des beruflichen Schulwesens gehen auf die Sonntagsschulen zurück. Ab 1819 sollten alle Knaben und Mädchen diese „Feiertagsschulen“ besuchen. Eine wirkliche Berufsfortbildungsschule gab es in Bayreuth erst hundert Jahre später.Rainer Trübsbach: Geschichte der Stadt Bayreuth, S. 220. 1946 scheiterte ein erster Versuch, die Prügelstrafe an den bayerischen Schulen abzuschaffen.Prügelstrafe in: Schule & wir 1/2018, S. 14. Der Kultusminister Alois Hundhammer, ein Befürworter der Prügelstrafe, legte den Eltern im Juni 1947 die Frage zur Abstimmung vor. Von den Bayreuther Eltern stimmten 2716 dafür, 3130 lehnten diese Art der Bestrafung jedoch ab.Das Jahr 1947: Ein Schweinetransport entzückt die ganze Stadt in: Heimatkurier 2/1997 des Nordbayerischen Kuriers, S. 8. Hochschulen mini|Logo der Universität Bayreuth mini|Campus mit Sprach- und Literaturwissenschaftlicher Fakultät, Mensa und Bibliothek In der Stadt befinden sich mit der Universität Bayreuth und der Hochschule für evangelische Kirchenmusik der evangelisch-lutherischen Kirche in Bayern zwei Hochschulen. Nahezu alle Einrichtungen der 1975 gegründeten Universität befinden sich auf dem Campus, der sich südlich des Stadtteils Birken auf dem Gelände des ehemaligen Exerzierplatzes erstreckt.Herbert Popp: Bayreuth – neu entdeckt, S. 328. Eine Besonderheit stellt der rund 16 ha große Ökologisch-Botanische Garten (ÖBG) dar. Er ist seit 1978 eine zentrale Einrichtung der Universität. Schwerpunkte der Universität sind die Rechts- und Wirtschaftswissenschaften, Afrikanistik, Materialwissenschaften, Biowissenschaften, Bio- und Umweltingenieurwesen. Hierbei bietet die Universität interdisziplinäre Studiengänge sowie Zusatzausbildungen. Einzigartig im deutschsprachigen Raum ist das Institut für Afrikastudien (kurz IAS genannt). Es fördert und koordiniert die Afrikastudien von 14 Disziplinen der Universität Bayreuth, die sich auf vier ihrer sechs Fakultäten verteilen. Die Hochschule für evangelische Kirchenmusik geht auf die 1948 in Erlangen gegründete Kirchenmusikschule zurück und ist das Nachfolgeinstitut der Fachakademie für evangelische Kirchenmusik Bayreuth. Sie befindet sich an der Kreuzung Wilhelminenstraße/Wittelbacher Ring in einem eigens für ihre Zwecke errichteten Gebäude. In unmittelbarer Nachbarschaft befindet sich das Studierendenwohnheim „Am Campus“ des Evangelischen Siedlungswerkes (ESW). Gymnasien mini|hochkant|Richard-Wagner-Gymnasium mini|Markgräfin-Wilhelmine-Gymnasium Gymnasium Christian-Ernestinum (GCE) Humanistisches, sprachliches und naturwissenschaftlich-technologisches Gymnasium mit etwa 700 Schülern (Stand: Schuljahr 2022/23). Die 1664 gegründete Schule ist das älteste Gymnasium der Stadt, am jetzigen Standort befindet sie sich jedoch erst seit 1966. Graf-Münster-Gymnasium (GMG) Naturwissenschaftlich-technologisches, sprachliches und europäisches Gymnasium mit etwa 1000 Schülern (Stand: Schuljahr 2022/23). 1833 als Kreis-Landwirtschafts- und Gewerbeschule gegründet, bezog die Schule 1910 als Königliche Kreisoberrealschule für Oberfranken das heutige Hauptgebäude. 1966 erhielt die Oberrealschule (im örtlichen Sprachgebrauch: OR) ihren jetzigen Status und Namen.Kurt Herterich: Im südöstlichen Bayreuth, S. 152 ff. Bis in die 1970er Jahre hinein handelte es sich um eine reine Knabenschule, Mädchen waren nur in Ausnahmefällen in der Oberstufe zugelassen. Markgräfin-Wilhelmine-Gymnasium (MWG) Musisches und sprachliches Gymnasium mit etwa 900 Schülern (Stand: Schuljahr 2022/2023). Der monumentale Prachtbau wurde im ausgehenden 19. Jahrhundert als Königliche Lehrerbildungsanstalt auf freiem Feld errichtet.Bernd Mayer: Geheimnisvolles Bayreuth. S. 19. 1949 wurde der Lehrerbildungsanstalt eine „Oberschule in Kurzform“ angegliedert, die ihren Absolventen nach sieben Schuljahren den Zugang zum Volksschullehrerstudium ermöglichte. 1954 wurde letztere in Deutsches Gymnasium umbenannt, 1964 verließ die mittlerweile als Pädagogische Hochschule bezeichnete Lehrerbildungsanstalt das Gebäude. Das Gymnasium erhielt im Schuljahr 1965/66 seinen aktuellen Namen.Kurt Herterich: Im östlichen Bayreuth, S. 155 ff. Namenspatin ist die Bayreuther Fürstin Wilhelmine. Richard-Wagner-Gymnasium (RWG) Sprachliches, wirtschaftswissenschaftliches und sozialwissenschaftliches Gymnasium mit etwa 800 Schülern (Stand: Schuljahr 2022/23). Das Schulgebäude der damaligen Höheren Töchterschule wurde 1908 eingeweiht, 1930 wurde aus der Städtischen Höheren Mädchenschule das zunächst sechstklassige Mädchenlyzeum. 1939 wurde es in eine achtklassige Oberschule für Mädchen überführt und 1947 zur Oberrealschule für Mädchen. 1965 erhielt die Schule ihren heutigen Namen, 1976 wurde sie auch für Knaben zugänglich.Kurt Herterich: Durchs südwestliche Bayreuth, S. 152 f. Wirtschaftswissenschaftliches und Naturwissenschaftliches Gymnasium der Stadt Bayreuth (WWG) mit wirtschaftswissenschaftlichem Schwerpunkt und Naturwissenschaftlich-Technologischem Gymnasium, etwa 900 Schüler (Stand: Schuljahr 2022/23). Fach- und Berufsoberschulen Staatliche Fachoberschule (1972 eröffnet)Vor 50 Jahren in: Nordbayerischer Kurier vom 3. Juni 2022, S. 8. und Berufsoberschule Bayreuth Realschulen Staatliche Realschule Bayreuth I (seit 1971: Alexander-von-Humboldt-Realschule)Vor 50 Jahren in: Nordbayerischer Kurier vom 4. Oktober 2021, S. 8. Staatliche Realschule Bayreuth II (Johannes-Kepler-Realschule), 1971 nach zweijähriger Bauzeit eröffnetVor 50 Jahren in: Nordbayerischer Kurier vom 6. September 2021, S. 8. Berufsschulen Nach dem Zusammenbruch des NS-Staats begann am 1. Februar 1946 der Berufsschulunterricht zunächst im alten Schulhaus in der Münzgasse. Staatliche Berufsschule I (Gewerbliche Ausbildungsberufe und IT-Berufe), am 1. September 1957 eingeweiht; 2023 wurde mit dem Abbruch der Gebäude begonnen, der Neubau soll im Jahr 2030 fertiggestellt seinNeubau als Chance für neue Arbeitswelt in: Nordbayerischer Kurier vom 24. Oktober 2023, S. 10. Staatliche Berufsschule II (Kaufmännische Ausbildungsberufe), am 27. November 1986 übergebenBernd Mayer: Bayreuth Chronik 1989, S. 167. Staatliche Berufsschule III (Landwirtschaft, Gartenbau, Hauswirtschaft, Jugendliche ohne Ausbildungsverhältnis) Berufsfachschulen Staatsinstitut für die Ausbildung von Förderlehrern Staatsinstitut für die Ausbildung von Fachlehrern Abt. V Fachlehrer für Mittel- und Realschulen Multi Lingua – Berufsfachschule für Fremdsprachenberufe Staatliche Berufsfachschule für Kinderpflege Staatliche Berufsfachschule für Ernährung und Versorgung Staatliche Berufsfachschule für Sozialpflege Berufsfachschule für Diätassistenten Bayreuth der Gemeinnützigen Gesellschaft für soziale Dienste–DAA-mbH Berufsfachschule für Ergotherapie Bayreuth der Gemeinnützigen Gesellschaft für soziale Dienste–DAA-mbH Berufsfachschule für Physiotherapie Krankenhauszweckverband Bayreuth Berufsfachschule für Medizinisch-Technische Laboratoriumsassistentinnen und -assistenten (MTLA) Krankenhauszweckverband Bayreuth Berufsfachschule für Krankenpflege und Krankenpflegehilfe am Klinikum Bayreuth GmbH Berufsfachschule für Kinderkrankenpflege am Klinikum Bayreuth GmbH Berufsfachschule für Krankenpflege am Bezirkskrankenhaus Bayreuth Berufsfachschule für Altenpflege und Altenpflegehilfe des Bayerischen Roten Kreuzes Kreisverband Bayreuth Berufsfachschule für Altenpflege und Altenpflegehilfe des bfz GmbH Berufsfachschule für Notfallsanitäter des Bayerischen Roten Kreuzes Bayreuth Fachschulen Fachschule für Heilerziehungspflege Gemeinnützige Gesellschaft für soziale Dienste – DAAmbh Fachschule für Heilerziehungspflegehilfe Gemeinnützige Gesellschaft für soziale Dienste – DAAmbH Landwirtschaftsschule Bayreuth Abteilung Landwirtschaft und Hauswirtschaft Fachschule für Fahrzeugtechnik und Elektromobilität (Technikerschule) Wirtschaftsschulen Städtische Wirtschaftsschule: Am 1. Oktober 1920 als Städtische Handelsschule gegründet, war sie bis 1938 im Küchengebäude des Neuen Schlosses am Glasenappweg untergebracht. Nach weiteren Stationen zog sie 1982 in die Räume einer ehemaligen Textilfabrik („Schiesserhaus“) in der Brandenburger Straße. Im Schuljahr 2020/21 wurden 146 Schüler und 156 Schülerinnen unterrichtet.Klein, aber fein in: Nordbayerischer Kurier vom 6./7. März 2021, S. 10. Private Wirtschaftsschule der gem. Schul-GmbH Volksschulen Graser-Grundschule Grundschule Bayreuth-Herzoghöhe Jean-Paul-Grundschule Grundschule Laineck Grundschule Bayreuth-Lerchenbühl Luitpold-Grundschule Grundschule Bayreuth-Meyernberg Grundschule St. Georgen Grundschule Bayreuth-St. Johannis Albert-Schweitzer-Mittelschule Bayreuth Mittelschule Bayreuth-Altstadt Mittelschule Bayreuth–St. Georgen Sonstige Schulen Dietrich-Bonhoeffer-Schule (private Schule zur Lernförderung) Dr.-Kurt-Blaser-Schule (private Schule zur Lebensbewältigung) Markgrafenschule (Schule des Bezirks Oberfranken zur Sprachförderung) mit 130 Schülern in elf Klassen im Jahr 2018.Das Herz Oberfrankens. In: Nordbayerischer Kurier. 10. Oktober 2018, S. 14. Die Schule im Stadtteil Sankt Georgen ging aus der Taubstummenanstalt Bayreuth hervor, deren Wurzeln bis ins Jahr 1781 zurückreichen. 1825 integrierte Johann Baptist Graser die Schule in die Volksschule in der Münzgasse, 1875 bezog sie ein erstes eigenes Gebäude in der Dammallee. Nach einer Zwischenstation in der heutigen Rathenaustraße wurde 1913 ein Schulhaus am heutigen Standort in der Markgrafenallee eingeweiht. In den Jahren 2008 bis 2012 wurde das alte Gebäude durch einen Neubau ersetzt.Neubau der Markgrafenschule in zwei Bauabschnitten vom April 2008 bis zum Frühjahr 2012 bei markgrafenschule.info, abgerufen am 14. April 2022 Staatliche Schule für Kranke Janusz-Korczak-Schule Private Schule zur Erziehungshilfe (Grund- und Teilhauptschule) Berufsschule zur sonderpädagogischen Förderung Private Montessori-Schule Bayreuth (staatlich anerkannte integrative Grund- und Hauptschule) Bayreuther Berufsfachschule für Kosmetik Städtische Musikschule Euro-Schulen Bayreuth (Deutschgrundlehrgänge für Aussiedler und Asylberechtigte, Kurse der beruflichen Weiterbildung, Fremdsprachenkurse für Firmen- und Privatkunden sowie Übersetzungsdienste) Bibliotheken und Archive Bibliothek des Bundesarchivs Bibliothek des Deutschen Freimaurermuseums Deutsche Bibliothek für Kurzschrift, Textverarbeitung und Maschinenschreiben Nationalarchiv der Richard-Wagner-Stiftung Stadtarchiv Öffentliches Archiv zur Geschichte der Stadt Bayreuth im Hof der Spitalkirche, Maximilianstraße 64 Stadtbibliothek mit Jugendbücherei Öffentliche Bibliothek mit Veranstaltungsräumen und Lesecafé Samocca im Haus der Bildung RW21, Richard-Wagner-Straße 21. Im „Sprachencafé“ treffen sich (anmeldungsfrei und unentgeltlich) regelmäßig u. a. offene Konversationsgruppen verschiedener Fremdsprachen. Universitätsbibliothek Bayreuth Öffentliche Bibliothek auf dem Campus der Universität Sonstige Bildungseinrichtungen Industrie- und Handelskammer für Oberfranken – Bildungszentrum Handwerkskammer für Oberfranken – Berufsbildungs- und Technologiezentrum Deutsche Angestellten-Akademie (DAA) – Bildungswerk der DAG e. V. Deutsches Erwachsenen-Bildungswerk e. V. (DEB) Institut für berufliche Bildung (BDP) Berufliche Fortbildungszentren der Bayerischen Wirtschaft gGmbH (bfz) Verwaltungs- und Wirtschaftsakademie Bayreuth, Zweigakademie der Verwaltungs- und Wirtschaftsakademie Nürnberg Akademie Handel, Bildungszentrum des Bayerischen Handels e. V. TÜV Akademie GmbH Training Center Bayreuth Ausbildungsstätte für Stenografie und PC-Maschinenschreiben des Stenografenvereins Bayreuth e. V. Landwirtschaftliche Lehranstalten des Bezirks Oberfranken – Landmaschinenschule Evang.-Luth. Predigerseminar Medienzentrum Bayreuth – Unterrichtsmedien und digitale Geräte für Schulen und Bildungseinrichtungen (Kindergärten, Vereine) in der Stadt und im Landkreis Bayreuth Einrichtungen der Erwachsenenbildung Volkshochschule der Stadt Bayreuth Evangelisches Bildungswerk Bayreuth/Bad Berneck/Pegnitz e. V. Evangelische Familien-Bildungsstätte plus Mehrgenerationenhaus Bayreuth Seniorenbildungshaus Kirchplatztreff Katholische Erwachsenenbildung in der Stadt Bayreuth e. V. (KEB) Akkreditierungsagentur Bayreuth ist auch Sitz von ACQUIN, einer der sechs Akkreditierungsagenturen, die im Auftrag der Stiftung zur Akkreditierung von Studiengängen in Deutschland die fachlich-inhaltliche Begutachtung von Studiengängen mit den Abschlüssen Bachelor/Bakkalaureus und Master/Magister national und international leisten. Forschungseinrichtungen Seit 1989 bestehen das Bayreuther Institut für Terrestrische Ökosystemforschung (BITÖK) und sein Nachfolger Bayreuther Zentrum für Ökologie und Umweltforschung BayCEER. Als eines von nur drei Instituten zur Ökosystemforschung in Deutschland gegründet, bilden heute Ökologie und Umweltwissenschaften die interdisziplinären Forschungsschwerpunkte. Bayreuth ist Sitz des Kompetenzzentrums für Neue Materialien. Die Neue Materialien Bayreuth GmbH (NMB) ist ein Dienstleistungsunternehmen, das an Innovationen interessierte Firmen in Werkstofffragen berät und anwendungstechnisch unterstützt. Mit der Überreichung des Zuwendungsbescheides (ZWB) am 2. März 2006 in der Industrie- und Handelskammer (IHK) für Oberfranken fiel der Startschuss für die Fraunhofer-Projektgruppe Prozessinnovation für Unternehmen des ostbayerischen Raumes (PRINZ). Die Bayerische Akademie der Wissenschaften, Kommission für Mundartforschung, betrieb bis März 2012 das Ostfränkische Wörterbuch in Bayreuth (heute in Fürth). Die Stadt Bayreuth ist weiterhin „Korporativ Förderndes Mitglied“ der Max-Planck-Gesellschaft.siehe (PDF; 445 kB). Garnison mini|Neue Kasernbrücke, Bahnhofstraße und Mainkaserne, um 1900 Über Jahrhunderte war Bayreuth auch Garnisonsstadt. Anfangs waren im Ort markgräfliche Haustruppen stationiert; der letzte Markgraf Karl Alexander entsendete Soldaten an der Seite der Engländer in den Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg. 1792 bis 1806 wurden daraus Verbände der preußischen Armee, nämlich das brandenburgische Infanterie-Regiment von Voit und danach das Füsilier-Bataillon von Requard. Zwei Jahre lang war das Grevenitz’sche Infanterie-Regiment unter Oberst von Bonin in Bayreuth stationiert. Nach vierjähriger Besetzung durch Truppen des französischen Kaiserreichs lagen ab 1810 Verbände der Königlich Bayerischen Armee in Bayreuth. Am 9. März 1812 rückten die Bayreuther Chevaulegers in einer Stärke von 529 Reitern an der Seite Frankreichs nach Russland ab. Nach der Schlacht bei Borissow bestand das Bayreuther Regiment nur noch aus einem Leutnant und 42 Mann ohne Pferde.Der vergessene Sarkophag im Wald bei Grunau in: Nordbayerischer Kurier vom 23. April 2025, S. 10. Von 1810 bis 1866 waren Teile des 13. Infanterie-Regiments, von 1866 bis 1919 das 7. Infanterie-Regiment in Bayreuth stationiert, von 1832 bis 1866 zusätzlich Teile des 5. Chevaulegers-Regiments und von 1866 bis 1919 das 6. Chevaulegers-Regiment. Am 15. Juli 1900 brachen Bayreuther Soldaten nach China auf, um an der Niederschlagung des Boxeraufstands mitzuwirken.Martin Glotz, Roland Schmieder: Die Bayreuther und der Boxeraufstand in: Heimatkurier 3/2000 des Nordbayerischen Kuriers, S. 18 f. 1920 bis 1935 stand das III. Bataillon des 21. (Bayerischen) Infanterie-Regiments der Reichswehr in Bayreuth, aus dem das Infanterieregiment 42 der Wehrmacht hervorging. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren Einheiten der US-Armee, ab 1957 zusätzlich Truppen der Bundeswehr und des Bundesgrenzschutzes (BGS) vor Ort. 1964 wurde am nordöstlichen Stadtrand die neugebaute Markgrafenkaserne der Bundeswehr übergeben.Bernd Mayer: Bayreuth im zwanzigsten Jahrhundert, S. 118. Mit dem Ende des Kalten Krieges endete Anfang der 1990er Jahre weitgehend die Garnisonstradition der Stadt, als die Markgrafenkaserne der Bundeswehr mit dem Panzerartilleriebataillon 125 (Panzerbrigade 12), dem Panzergrenadierbataillon 102, den „Bayreuther Jägern“ (Panzergrenadierbrigade 10) und dem II./Luftwaffenausbildungsregiment 3 sowie die Röhrenseekaserne der US-Armee (2nd Armored Cavalry Regiment) aufgegeben wurden. Nur die ehemalige Bundesgrenzschutzabteilung, jetzt Bundespolizeiabteilung, befindet sich noch in ihrer Unterkunft neben der Markgrafenkaserne. Persönlichkeiten Söhne und Töchter der Stadt mini|hochkant|Max Stirner, Ausschnitt aus einer Karikatur von Friedrich Engels (1842)„Ruge bei den Berliner ‚Freien‘ (1842)“. Marx-Engels-Werke. Bd. 27, gegenüber S. 400. Bekannteste gebürtige Bayreuther sind der Philosoph Max Stirner, die Politiker Heinrich von Gagern und Wilhelm Leuschner sowie der Schriftsteller Max von der Grün. Persönlichkeiten, die in Bayreuth gelebt und gewirkt haben Unter den Menschen, die in Bayreuth lebten und wirkten, ohne Kinder der Stadt zu sein, ragen drei heraus: die Markgräfin Wilhelmine von Bayreuth, der Komponist Richard Wagner und der Dichter Jean Paul. Ehrenbürger Zu den Ehrenbürgern der Stadt gehören der Reichskanzler Otto von Bismarck, der Dirigent Arturo Toscanini und der Komponist Richard Strauss. Alexander Friedrich Wilhelm von Württemberg wurde 1851 als Erstem die Bayreuther Ehrenbürgerwürde verliehen; erste Frau, die sie erhielt, war 1911 Cosima Wagner. Unter den 44 Ehrenbürgern (Stand 2019) sind nur sechs weiblichen Geschlechts. Alle Verleihungen der Jahre 1933 bis 1937 erfolgten in der Zeit des Nationalsozialismus. Allein 1933 wurden zwölf Personen, darunter am 23. März jenes Jahres Adolf Hitler, auf diese Weise geehrt.Bernd Mayer: Nicht alle Ehrenbürger legten Ehre ein in: Heimatkurier 5/1996 des Nordbayerischen Kuriers, S. 3 f. Vier dieser Personen sowie Houston Stewart Chamberlain wurde die Ehrenbürgerwürde postum wieder aberkannt. Auszeichnungen der Stadt Seit 1960 verleiht die Stadt Bürgermedaillen und Ehrenringe an Persönlichkeiten, die sich durch besonderes Wirken für das Wohl der Stadt eingesetzt haben.Satzung über Auszeichnungen der Stadt Bayreuth Die mit einer Goldenen Bürgermedaille Ausgezeichneten müssen Bürger der Stadt Bayreuth sein. Die mit einem Goldenen Ehrenring Ausgezeichneten müssen nicht Bürger der Stadt Bayreuth sein. Sonstiges Eine umstrittene Bezeichnung für die Bayreuther ist „Mohrenwäscher“. Laut einer Mundartgeschichte soll um das Jahr 1865 herum ein Schausteller vor dem Markgräflichen Opernhaus einen Afrikaner vorgeführt haben. Da Bürger Zweifel an der Echtheit seiner dunklen Hautfarbe äußerten, wurde der Ärmste an den Roten Main geführt, wo ihn ein Polizist einseifte und mit einer Wurzelbürste schrubbte.Umstrittener Vereinsname in: Nordbayerischer Kurier vom 25. Februar 2020, S. 10. Bei den ersten Festspielen im August 1876 musste die Aufführung von Richard Wagners Oper Siegfried mit einem Drachen auskommen, dessen Kopf direkt auf den Rumpf montiert war. Der eigens von einer Londoner Spezialfirma angefertigte lange Hals des Lindwurms war versehentlich nach Beirut verschifft worden.Götterdämmerung in: Nordbayerischer Kurier vom 25. August 2020, S. 16. Bayreuth ist der Name des am 2. Mai 2003 in Dienst gestellten Patrouillenbootes der Bundespolizei mit der Hull-Number BG 25.Erst die Frau, dann das Schiff. In: Nordbayerischer Kurier. 18. Mai 2013, S. 20. Das Schiff der Bad-Bramstedt-Klasse wurde 2017 von Cuxhaven nach Neustadt in Holstein verlegt und fährt nun im Rahmen der Küstenwache Seestreife in der Ostsee. Das Schiff und die Stadt sind durch eine Patenschaft verbunden. Ende April 1969 wurde in Anwesenheit fast des gesamten Bayreuther Stadtrats auf dem Flughafen Nürnberg eine Boeing 737-100 (Kennung D-ABEW) der Lufthansa von der Ehefrau des Oberbürgermeisters auf den Namen Bayreuth getauft. Der Taufflug mit den Gästen an Bord führte über die Stadt, die in nur 200 m Höhe in einer Schleife überflogen wurde.Vor 50 Jahren. In: Nordbayerischer Kurier. 26. April 2019, S. 10. Im September 1980 erhielt erneut eine Boeing 737 der Lufthansa den Namen Bayreuth, im Dezember 1994 dann ein Airbus A340-311 (Kennzeichen D-AIGK). Seit Dezember 2010 trägt die Lufthansa-Maschine D-AIDB, ein Airbus A321-231, den Namen der Stadt.21.500 Flüge für den Geburtstags-Flieger in: Nordbayerischer Kurier vom 20./21. Dezember 2025, S. 9.Lufthansa-A340 fliegen nun im Iran bei aerotelegraph.com, abgerufen am 24. August 2017. Bayreuth 1 ist der Titel des 1998 veröffentlichten Albums des deutschen Musikers Joachim Witt. Im Jahre 2000 folgte das Album mit dem Titel Bayreuth 2 und 2006 (nach einigen Alben mit anderen Titeln) dann Bayreuth 3. Die Bayreuther Hütte liegt auf einer Höhe von oberhalb der Ortschaften Münster und Kramsach im Rofangebirge in Tirol und befindet sich im Besitz der DAV-Sektion Bayreuth. Sie ist Stützpunkt für Wanderungen zu den umliegenden Gipfeln und für zahlreiche Klettertouren. Die Handlung der Folge Ein Tag wie jeder andere der Fernsehreihe Tatort spielt in Bayreuth, der Film wurde weitgehend dort gedreht.Den „Tatort“ am Tatort gucken. In: Nordbayerischer Kurier. 25. Februar 2019, S. 9. Im Jahr 2024 war Bayreuth mit 0,11 Blitzen pro Quadratkilometer die Stadt mit der geringsten Blitzdichte in Deutschland.Deutschlands Blitzhauptstadt liegt tief im Süden bei spiegel.de vom 5. Mai 2025, abgerufen am 5. Mai 2025 Wahrnehmung Vicco von Bülow alias Loriot im Interview: „Was ist für Sie das vollkommene Glück?“ – „Bayreuth (Ankunft)“. „Das größte Unglück?“ – „Bayreuth (Abfahrt)“. Friedrich Nietzsche in einem Brief an Malwida von Meysenbug 1873: „Ich denke immer noch, irgendwann einmal sitzen wir alle in Bayreuth zusammen und begreifen gar nicht mehr, wie man es anderswo aushalten konnte.“Friedrich Nietzsche. Sämtliche Briefe. Kritische Studienausgabe. Band 4. Nr. 297, Walter de Gruyter, 2003, ISBN 978-3-423-59063-1, S. 126 (). Voltaire beschrieb die Stadt 1743 bei einem Besuch: „Bayreuth ist eine wunderliebe Stadt. Man kann hier alle Annehmlichkeiten des Hofes ohne die Unannehmlichkeiten der großen Welt genießen.“ Jean Paul bezeichnete Bayreuth 1793 in einer Liebeserklärung als: „Du liebes Bayreuth, auf einem so schön gearbeiteten, so grün angestrichenen Präsentierteller von Gegend einem dargeboten – man sollte sich einbohren in dich, um nimmer heraus zu können.“ 1807, drei Jahre nach seinem Umzug in die Stadt, schrieb er ernüchtert, er verdanke Bayreuth nichts als „Gegend, Bier und Langeweile“. Acht Jahre später fiel gar der böse Satz: „Alles Tote lebt hier, aber alles Lebende ist tot“. Theodor Fontane berichtete über die Festspielsaison 1889 von „fürchterlichen Gerüchen“ und schrieb an seine Frau: „Die Stadt und das Leben hier sind hochinteressant. Vergorene Residenz, malerisches Drecknest und dazwischen das denkbar feinste und intelligenteste Publikum.“„Aus dem malerischen Drecknest – Dein Alter“ in: Heimatkurier 3/1998 des Nordbayerischen Kuriers, S. 13. Mark Twain, der mit einer Reisegruppe Anfang August 1891 Bayreuth und Aufführungen von Parsifal und Tannhäuser besuchte, sagte, „Bayreuth ist nicht mehr als ein großes Dorf“, fand, nichts könne „vollkommener und befriedigender sein als eine Wagner-Oper ohne Gesang“, schrieb, er habe 1891 in Bayreuth angesichts der gastronomischen Unzulänglichkeiten „täglich ums Überleben kämpfen“ müssen.Bernd Mayer, Matthias Mayer: Mark Twain – in Bayreuth fast verhungert. In: Heimatkurier. 3/1998 des Nordbayerischen Kuriers, S. 5 f.Martin Droschke: „Bayreuth ist nicht mehr als ein großes Dorf.“ In: Franken 2024. Franken-Wissen für das ganze Jahr. Emons Verlag, Köln 2023, ISBN 978-3-7408-1797-8, Blatt 1. August bis Blatt 3. August. Für Thomas Mann war die Stadt ein „Ort suggestiven Schwindels“, für George Bernhard Shaw eine „furchtbar stumpfsinnige Kleinstadt“,Bayreuth ist nichts für Anfänger. In: Nordbayerischer Kurier. 1. September 2014, S. 9. für Alban Berg „ein leerer Wahn“. Auch in den Augen der Schriftstellerinnen Virginia Woolf, die 1909 zwei Wochen lang in Bayreuth weilte,Matthias Mayer, Bernd Mayer: Virginia und die „häßlichen Frauen“ von Bayreuth. In: Heimatkurier. 4/1997 des Nordbayerischen Kuriers, S. 3–4. und Colette, die in ihrem autobiografischen Roman Claudine geht einen Aufenthalt beschrieb, fanden die Stadt und ihre Bewohner keine Gnade. Woolf schrieb,Vgl. Martin Droschke: Bayreuther Festspiele 1909. In: Franken 2024. Franken-Wissen für das ganze Jahr. Emons Verlag, Köln 2023, ISBN 978-3-7408-1797-8, Blatt 10. August. dass die Einheimischen „enorm viel“ essen, „große Stücke Braten mit viel Fett“, sie „unförmig“ seien und ihre Gesichter „rot und teigig“. Der Satiriker Wiglaf Droste nannte Bayreuth ein „deutsches Kaff“, ein „geistiges Erdloch“ sowie einen „Kuhdunghaufen, aus dem turnusmäßig Größenwahnfried quillt“. Den Israelis legte er nahe, statt Beirut doch Bayreuth zu bombardieren.Wortgewaltiger Schelm. In: Nordbayerischer Kurier. 17. Mai 2019, S. 5. Dennis Sand skizzierte in der Zeitung Die Welt unter der Überschrift „Warum Bayreuth die urdeutsche Hölle auf Erden ist“ das Psychogramm einer von den Festspielen abgesehen eher „kulturlosen“ Stadt mit drei Parallelwelten, geteilt in die Festspielgesellschaft, die Studenten und die Einwohner, die allem Neuen und Fremden gegenüber verschlossen seien. Siehe auch Liste der Straßen und Plätze der Stadt Bayreuth Geschichte der Eisenbahn in Bayreuth Liste der Baudenkmäler in Bayreuth Liste von Pfarrhäusern in Bayreuth Anmerkungen Literatur Nach Autoren/Herausgebern alphabetisch geordnet Susanne Dahm (Mitarb.): Bayreuth. Eine Stadt verändert ihr Gesicht. Druckhaus Bayreuth, 1996, ISBN 3-922808-40-9. Rudolf Endres: Bayreuth. Aus einer 800-jährigen Geschichte. 1995 Sylvia Habermann: Bayreuther Gartenkunst: Die Gärten des Markgrafen von Brandenburg-Culmbach im 17. und 18. Jahrhundert (= Grüne Reihe 6). Wernersche Verlagsgesellschaft, Worms 1982, ISBN 978-3-88462-012-0 Sylvia Habermann und Rainer Trübsbach: Bayreuth. Geschichte und Kunst (= Große Kunstführer, Nr. 131). München/Zürich 1986 Wilhelm Kneule: Kirchengeschichte der Stadt Bayreuth. Degener, Neustadt/Aisch 1973. 1. – Von der Gründung des Ortes um 1180 bis zur Aufklärung um 1810. 2. – Das 19. und 20. Jahrhundert. 1810–1970. Bernd Mayer: Bayreuth à la Carte. Ellwanger Verlag, Bayreuth 1987, ISBN 3-925361-03-0. Bernd Mayer: Bayreuth Chronik 1989. Gondrom Verlag, Bayreuth 1989. Bernd Mayer: Bayreuth. Die letzten 50 Jahre. 2. Auflage. Gondrom Verlag, Bayreuth 1988. Bernd Mayer: Bayreuth im zwanzigsten Jahrhundert. Nordbayerischer Kurier, Bayreuth 2003. Bernd Mayer, Sylvia Habermann: Bayreuth erleben. Fotos: Reinhard Feldrapp, Wolfg. Bouillon, Stephan Müller. elmar hahn verlag, 2012, ISBN 978-3-928645-10-2. Jakob Müller: Schulmeister und Knochenschnitzer. Archäologische Ausgrabungen in Bayreuth. Bamberg 1996, ISBN 3-931278-01-8. Wilhelm Müller: Liebenswerte Stadt Bayreuth. Führer durch die Festspiel- u. Universitätsstadt. Sachße-Verlag, Altenplos 1965. Karl Müssel: Bayreuth in acht Jahrhunderten. Geschichte einer Stadt. Gondrom, Bayreuth 1993, ISBN 3-8112-0809-8. Herbert Popp: Bayreuth – neu entdeckt, Ein stadtgeographischer Exkursionsführer. Ellwanger Druck und Verlag, Bayreuth 2007, ISBN 978-3-925361-60-9. Wilhelm Rauh, Ernst Peter Rudolf: Verliebt in Bayreuth. Druckhaus Bayreuth, 1981, ISBN 3-922808-00-X. Gert Rückel: Stadtführer Bayreuth. Gondrom, Bindlach 1992, ISBN 3-8112-0787-3. Stadtverwaltung Bayreuth (Hrsg.): Bayreuth. Mosaik einer Kulturstadt. Bayreuth 1972. Camille de Tournon: Statistik der Provinz Bayreuth, 1809. Über das Fürstentum Bayreuth in napoleonischer Zeit. Hist. Verein Oberfranken, Bayreuth 2003, ISBN 3-87707-599-1. Ingo Toussaint (Hrsg.): Reisen nach Bayreuth. Berichte aus acht Jahrhunderten. Olms, Hildesheim 1994, ISBN 3-487-08354-X. Rainer Trübsbach: Geschichte der Stadt Bayreuth 1194–1994. Druckhaus Bayreuth 1993, ISBN 3-922808-35-2. Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit Bayreuth e. V. (Hrsg.): Jüdisches Bayreuth. Verlag Ellwanger Druck, Bayreuth 2010, ISBN 978-3-925361-81-4. Weblinks Webpräsenz der Stadt Bayreuth Umfangreiche Bildersammlung von über und unter Bayreuth Onlinefindmittel des Stadtarchivs Bayreuth Geschichte der Stadt Bayreuth (in drei Teilen) von Johann Georg Heinritz (1772–1853), bearbeitet von Walter Bartl (pdf, Stadtarchiv Bayreuth) Einzelnachweise Kategorie:Obermainland Kategorie:Kreisfreie Stadt in Bayern Kategorie:Ehemaliger Residenzort in Bayern Kategorie:Bayreuther Rokoko Kategorie:Deutsche Universitätsstadt Kategorie:Ort in der kreisfreien Stadt Bayreuth Kategorie:Kreisstadt in Bayern Kategorie:Hugenottenort Kategorie:Stadtrechtsverleihung im 13. Jahrhundert Kategorie:Gemarkung in der kreisfreien Stadt Bayreuth
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__NOTOC__ Za Franciszek Zabłocki (1752–1821) Jan Zábrana (1931–1984) Manfred Zach (* 1947), D Justus Friedrich Wilhelm Zachariae (1726–1777), D Gerd Zacher (1929–2014), D Christina Zacker (* 1954), D Adam Zagajewski (1945–2021), PL Peter-Paul Zahl (1944–2011), D Ernst Zahn (1867–1952) Johannes Christoph Andreas Zahn (1817–1895) Johann Zahn (1641–1707) Leopold Zahn (1890–1970) Timothy Zahn (* 1951) Daniel Zahno (* 1963) Norbert Zähringer (* 1967) Heinz Zahrnt (1915–2003) Amir Zaidan (* 1964) Dschurdschī Zaidān (1861–1914) Feridun Zaimoğlu (* 1964) Dane Zajc (1929–2005) Janusz A. 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Chr.) Zi Werner P. Zibaso (1910–1983) Mischa Zickler (1966) Anton Ziegenaus (1936–2024) Thomas Ziegenfuß (1958) Werner Ziegenfuß (1904–1975) Ulrich Zieger (1961–2015) Cecily von Ziegesar (1970) Heinrich Anselm von Ziegler und Kliphausen (1663–1696) Alexander Ziegler (1822–1887) Alexander Ziegler (1944–1987) Bernhard Ziegler (1964) Caspar Ziegler (1621–1690) Franz Ziegler (1803–1876) Friedrich Wilhelm Ziegler (1761–1827) Hans Severus Ziegler (1893–1978) Manuel Ziegler (1994) Thomas Ziegler (1956–2004) Eduard Ziehen (1819–1884) Adam Zielinski (1929–2010) Jochen Ziem (1932–1994) Sonja Ziemann (1926–2020) Andrzej Ziemiański (1960) Rafał Ziemkiewicz (1964) O. P. Zier (1954) Otto Zierer (1909–1983) Herbert Ziergiebel (1922–1988) Heinz-Jürgen Zierke (1926–2015) Roland Ziersch (1904–1969) Maxim Ziese (1901–1955) Kurt Ziesel (1911–2001) Uschi Zietsch (1961) Benny Ziffer (1953) Miroslav Zikmund (1919–2021) Péter Zilahy (1970) Gerlis Zillgens Hans-Joachim Zillmer (1950) Diethard Zils (1935) Christopher Zimmer (1959) Dieter Zimmer (1939–2024) Dieter E. Zimmer (1934–2020) Hans Zimmer (1946) Carl Zimmerer (1926–2001) Max Zimmering (1909–1973) Christa-Maria Zimmermann (1943) Friedrich Zimmermann (1852–1917) Friedrich W. Zimmermann (1939) Hans-Günther Zimmermann (1951) Heinrich Zimmermann (1741–1805) Irene Zimmermann (1955) Moshe Zimmermann (1943) Peter Zimmermann (1961) Robert von Zimmermann (1824–1898) Walter Zimmermann (1949) Wilhelm Zimmermann (1807–1878) Katharina Zimmermann (1933–2022) Froben Christoph von Zimmern (1519–1566) Helen Zimmern (1846–1934) Wilhelm Werner von Zimmern (1485–1575) Reiner Zimnik (1930–2021) Julius Wilhelm Zincgref (1591–1635) Paul Zindel (1935–2003) Udo Zindel (1956) Harry Zingel (1963–2009) David Zindell (1952) Ignaz Vinzenz Zingerle (1825–1892) Robert M. 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A. zur Nedden (1902–1994) Walter Zürcher (1934–2007) Meinolf Zurhorst (1953) Jeronimo Zurita (1512–1580) Josef Zurkirchen (1900–1993) Unica Zürn (1916–1970) Hannele Zürndorfer (1925–2023) Markus Zusak (1975) Harald Zusanek (1922–1989) Zw Arnold Zweig (1887–1968) Friderike Maria Zweig (1882–1971) Stefan Zweig (1881–1942) Stefan Jerzy Zweig (1941–2024) Stefanie Zweig (1932–2014) Gerhard Zwerenz (1925–2015) Michael Zwerin (1930–2010) Marina Iwanowna Zwetajewa (1892–1941) Jan Zweyer (1953) Johannes Zwick (um 1496–1542) Ernst Zwilling (1904–1990) Paul Zwilling (1547–1581) Frank Zwillinger (1909–1989) Hanns Peter Zwißler (1946) Zy Rajzel Zychlinski (1910–2001) Jenni Zylka (1969) Martin Zylka (1970) Leonid Borissowitsch Zypkin (1926–1982) *Z
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Brachsenkräuter
Die Brachsenkräuter (Isoetes, auch Isoëtes geschrieben) sind die einzige rezente Gattung der Pflanzenordnung Brachsenkrautartige (Isoetales) innerhalb der Klasse Bärlapppflanzen (Lycopodiopsida). Diese ausdauernden krautigen Pflanzen mit knolliger Sprossachse wachsen untergetaucht im Wasser oder auf feuchtem Boden und kommen fast weltweit vor. Beschreibung mini|Illustration des See-Brachsenkraut (Isoetes lacustris): (A) Ganze Pflanze – (1) Blattgrund mit Sporangium am Grund und Blatthäutchen darüber – (2) Längsschnitt und (3) Querschnitt des Blattgrundes mit dem gekammerten Sporangium – (4) Querschnitt durch Sprossbasis mini|Isoetes echinospora mini|Isoetes engelmannii mini|Isoetes japonica mini|Isoetes melanospora mini|Isoetes tegetiformans mini|Isoetes viridimontana Vegetative Merkmale Die Brachsenkräuter wachsen als ausdauernde krautige Pflanzen und besitzen einen binsenartigen Habitus; darin unterscheiden sie sich von allen anderen Bärlapppflanzen. Sprossachse Die Brachsenkräuter besitzen eine kurze, fleischige, aufrechte Knolle als Sprossachse. Die Sprossachse ist selten ein- oder zweimal dichotom verzweigt, diese Arten wurden früher in eine eigene Gattung Stylites gestellt. Die Knolle wächst unterirdisch. Das Meristem am oberen Ende ist unterdrückt. Die Knolle ist zwei-, seltener dreilappig, eher kugelig bis waagrecht spindelförmig. Die Sprossachse verfügt über ein sekundäres Dickenwachstum. Dieses erfolgt über eine Kambiumzone aus mehr oder weniger isodiametrischen Zellen, die in der Knolle um das primäre Leitgewebe entsteht. Dieses Kambium bildet wenig Xylem- und Phloem, aber viel Rindengewebe. In Arten der temperaten Zonen ist das Kambium jahreszeiten-abhängig aktiv. Gleichzeitig mit der Bildung von neuem Gewebe wird die äußerste Gewebezone zusammen mit den Blattresten und Wurzeln abgestoßen. Die reife Knolle behält daher eine konstante Größe. Das primäre Xylem besteht aus mehr oder weniger isodiametrischen Tracheiden. Am Unterende der Stele bilden sie eine ankerförmige Verzweigung, die in der gleichen Ebene liegt wie die Querspalte an der Unterseite der Knolle. Das vom Kambium nach innen abgegebene Gewebe differenziert sich zu einem Gemisch aus Tracheiden, Siebzellen und Parenchym. Das nach außen abgegebene Gewebe ist parenchymatisch. Eine das Leitgewebe abgrenzende Endodermis fehlt bei den Brachsenkräutern. Wurzeln Das untere Meristem ist gleichfalls unterdrückt und liegt in der Querspalte der Knolle. Die Wurzeln entspringen der Unterseite der Knolle nahe dem Meristem. Die Wurzeln besitzen ein einzelnes Leitbündel, das von einer zweischichtigen Rinde umgeben ist: die äußere ist recht widerstandsfähig, die innere besteht aus zartwandigen Zellen und zahlreichen luftgefüllten Zellzwischenräumen. Blätter Jeder der Seitenzweige trägt am oberen Ende ein Büschel von Federkiel-ähnlichen Blättern (Mikrophyllen). Die Mikrophylle tragen eine Ligula. Die Blätter sind 1 bis 70 Zentimeter lang und stehen bei jungen Pflanzen zunächst in zwei Reihen (distich), dies geht bald in eine dichte Spirale um das Meristem über. Die Blätter sind von einem einzelnen Leitbündel durchzogen, das häufig sehr dünn ist. Um das Gefäßbündel liegen vier Luftkanäle, die in Abständen von Querwänden unterbrochen sind. Bei Wasserpflanzen sind die Luftkanäle besonders stark ausgeprägt. Die Blattbasis ist verbreitert und chlorophyllfrei. Die Basen überlappen sich und bilden einen Schopf. Vermehrung und Gametophyten Die Isoëtales sind heterospor. Die Sporophylle unterscheiden sich nicht wesentlich von sterilen Blättern. Die in der Wachstumssaison zuerst gebildeten Blätter bilden Megasporangien, die späteren Mikrosporangien, die zuletzt gebildeten Blätter sind häufig steril. Das Sporangium entsteht zwischen Ligula und Achse. Ein Teil des Gewebes im Inneren des Sporangiums verbleibt steril und bildet Zwischenwände, sogenannte Trabeculae. Das reife Sporangium ist von einer dünnen Hülle, dem Velum eingeschlossen. Das Velum entsteht unterhalb der Ligula und wächst über das Sporangium, wobei eine zentrale Öffnung, das Foramen, freibleibt. In einem Megasporangium werden etwa 100 Megasporen in der Größe von 0,2 bis fast 1 Millimetern gebildet. In den Mikrosporangien entstehen bis zu einer Million Mikrosporen von bis zu 40 Mikrometer Durchmesser. Die Mikrosporen sind monolet, besitzen nur eine Trennungsnarbe, während die Megasporen trilet sind, eine dreistrahlige Narbe besitzen. Isoetes ist damit die einzige rezente Gattung der Bärlapppflanzen, die monolete Sporen bilden, aber auch eine der ganz wenigen Pflanzen, die an einem Individuum sowohl mono- als auch trilete Sporen bilden. Die Sporen werden erst im Zuge der Zersetzung des Sporophylls freigesetzt. Keimung und Entwicklung der Gameten ähneln der bei den Moosfarnen. Im Unterschied dazu verbleibt der männliche Gametophyt vollständig in der Spore (ist endospor). Aus dem einzigen Antheridium gehen vier Spermatozoide hervor, die im Gegensatz zu denen bei den Moosfarnen und bei Lycopodium vielgeißelig sind. Die Spermatozoide werden durch Aufreißen der Mikrosporen-Wand freigesetzt. Der weibliche Gametophyt ähnelt dem der Moosfarne. Die Zellbildung reicht bis weit in das Sporeninnere hinein, ein Diaphragma wie bei vielen Moosfarnen fehlt. Die Entwicklung des weiblichen Gametophyten verläuft zunächst endospor, der wachsende Gametophyt reißt allerdings die Megaspore auf entlang der dreistrahligen Narbe. Er bildet allerdings kein Chlorophyll. Die Archegonien ähneln ebenfalls denen der Moosfarne, ihr Hals besteht allerdings aus vier Zelllagen, nicht aus zwei. Die erste Teilung der Zygote verläuft leicht schief. Es wird kein Suspensor gebildet, der Embryo ist dennoch endoskopisch, da die äußere Zelle den Fuß bildet, der gesamte restliche Embryo von der verbliebenen inneren Zelle abstammt. Der Embryo dreht sich im Laufe des Wachstums, sodass er schlussendlich zur Oberseite des Gametophyten weist. Er bricht aus dem Gametophyten hervor, die Jungpflanze verbleibt noch einige Zeit von einer Scheide aus Gametophyten-Gewebe umgeben. Aus triploiden Arten von Isoetes ist Apogamie bekannt. Häufig kommt asexuelle Fortpflanzung mittels Knospenbildung anstelle des Sporangiums vor. Systematik und Verbreitung Isoetes ist die einzige rezent vorkommende Gattung der Ordnung Isoëtales. Die früher zu Stylites gerechneten Arten werden heute zu Isoetes gerechnet. Die Gattung Isoetes umfasst etwa 150 Arten. Nur das See-Brachsenkraut (Isoetes lacustris) und das Igelsporiges Brachsenkraut (Isoetes echinospora) kommen als Seltenheiten in Mitteleuropa vor. In Europa, Nordafrika und Vorderasien gibt es folgende Arten: Isoetes anatolica : Sie kommt in der Türkei vor. Isoetes azorica :Dieser Endemit kommt nur auf den Azoren vor. Isoetes boryana : Sie kommt nur in Frankreich vor. Isoetes creussensis : Sie kommt in Spanien und in Andorra vor. Isoetes duriei : Es ist im Mittelmeerraum verbreitet. Igelsporiges Brachsenkraut (Isoetes echinospora ): Es ist in Europa, in Ostasien, Nordamerika und Grönland verbreitet und ist in Sibirien ein Neophyt. Isoetes fluitans : Sie kommt in Spanien vor. Isoetes gymnocarpa (Syn.: Isoetes sicula , Isoetes subinermis , Isoetes histrix var. subinermis ): Sie kommt in Italien, Sardinien, Sizilien, Griechenland, Kreta, in der Ägäis und in der Türkei vor. Isoetes heldreichii : Sie kommt nur in Griechenland vor. Isoetes histrix : Sie ist im Mittelmeerraum und in Westeuropa verbreitet. See-Brachsenkraut (Isoetes lacustris ): Es ist in Europa, in Westsibirien, in Japan, Nordamerika und Grönland verbreitet. Isoetes libanotica : Sie wurde 2011 aus dem Libanon erstbeschrieben. Isoetes malinverniana : Dieser Endemit kommt nur in Nordwestitalien vor. Isoetes olympica : Sie kommt nur in Vorderasien vor. Isoetes sabatina : Sie kommt in Italien vor. Isoetes setacea (Syn.: Isoetes delilei ), kommt nur in Frankreich, in Spanien und in Portugal vor. Isoetes todaroana (Syn.: Isoetes iapygia ): Sie kommt in Italien, Sizilien und in Griechenland vor. Isoetes velata (Syn.: Isoetes boryana ),: Die mehreren Unterarten kommen im westlichen Mittelmeerraum und in Portugal vor und werden zum Teil auch als AquarienpflanzenChristel Kasselmann: Aquarienpflanzen. Ulmer Verlag, Stuttgart 1995; 2., überarbeitete und erweiterte Auflage 1999, ISBN 3-8001-7454-5, S. 318 (Isoetes velata A. Braun var. sicula Gennari, Verschleiertes Brachsenkraut). verwendet. Weitere Arten sind (Auswahl): Isoetes andicola (Syn.: Stylites andicola ), kommt in den Anden Südamerikas vor. Isoetes biafrana : Sie ist nur vom Moka- und Oku-See bekannt. Isoetes cubana Isoetes engelmannii : Sie ist in den Vereinigten Staaten verbreitet. Isoetes japonica Isoetes melanospora : Sie kommt in Georgia und in South Carolina vor. Isoetes mexicana Isoetes sinensis : Sie kommt in den chinesischen Provinzen Anhui, Guangxi, Jiangsu und Zhejiang vor. Isoetes tegetiformans : Dieser Endemit kommt nur in Georgia vor. Isoetes viridimontana : Dieser Endemit wurde 2014 aus Vermont erstbeschrieben. Isoetes welwitschii : Verbreitet in Afrika (u. a. Angola, Botswana, Äthiopien, Ghana, Kenya, KwaZulu-Natal, Madagaskar, Nigeria, Sudan). Literatur Peter R. Bell, Alan R. Hemsley: Green Plants. Their Origin and Diversity. 2. Auflage. Cambridge University Press, Cambridge 2000, ISBN 0-521-64109-8, S. 159–161. (Abschnitt Beschreibung) W. Carl Taylor, Neil T. Luebke, Donald M. Britton, R. James Hickey, Daniel F. Brunton: Isoetaceae. In: (Abschnitt Beschreibung) Anthony Clive Jermy, John Robert Akeroyd: Isoetes L. In: Einzelnachweise M. I. Romero, C. Real: A morphometric study of three closely related taxa in the European Isoetes velata complex. In: Botanical Journal of the Linnean Society. Band 148, Nr. 4, 2005, S. 459–464, DOI: 10.1111/j.1095-8339.2005.00419.x. Angelo Troia, M. Raimondo: Isoetes todaroana (Isoëtaceae, Lycopodiophyta), a New Species from Sicily (Italy). In: American Fern Journal. Band 99, Nr. 4, 2009, S. 238–243, DOI:10.1640/0002-8444-99.4.238. Jay F. Bolin, Rebecca D. Bray, Lytton John Musselman: A New Species of Diploid Quillwort (Isoetes, Isoetaceae, Lycophyta) from Lebanon. In: Novon. Band 21, Nr. 3, 2011, S. 295–298, DOI:10.3417/2010028. M. I. Romero Buján, J. Amigo, P. Ramil: Isoetes fluitans sp. nov.: the identity of Spanish plants of 'I. longissimum'. In: Botanical Journal of the Linnean Society. Band 146, Nr. 2, 2004, S. 231–236, DOI: 10.1111/j.1095-8339.2004.00315.x. Carmen Prada, Cristina H. Rolleri: A new species of Isoetes (Isoetaceae) from Turkey, with a study of microphyll intercellular pectic protuberances and their potential taxonomic value. In: Botanical Journal of the Linnean Society. Band 147, Nr. 2, 2005, S. 213–228, DOI:10.1111/j.1095-8339.2005.00362.x. W. Carl Taylor, Neil T. Luebke, Donald M. Britton, R. James Hickey, Daniel F. Brunton: Isoetaceae. In: Michael Hassler, Bernd Schmitt: Checklist of Ferns and Lycophytes of the World. Version 2.1: Isoetes. Karlsruhe 2011. Maarten Christenhusz, Eckhard von Raab-Straube: Lycopodiophytina. Isoetes. In: Euro+Med Plantbase – the information resource for Euro-Mediterranean plant diversity. Berlin 2013. Walter Erhardt, Erich Götz, Nils Bödeker, Siegmund Seybold: Der große Zander. Enzyklopädie der Pflanzennamen. Band 2. Arten und Sorten. Eugen Ulmer, Stuttgart (Hohenheim) 2008, ISBN 978-3-8001-5406-7. Isoetes biafrana auf Natural History Museum (englisch). Angelo Troia, M. M. Azzella: Isoëtes sabatina (Isoëtaceae, Lycopodiophyta), a new aquatic species from central Italy. In: Plant Biosystems. Band 147, Nr. 4, 2013, S. 1052–1058, DOI:10.1080/11263504.2013.782902. Li-Bing Zhang, W. Carl Taylor: Isoetaceae. und Isoëtes L., S. 35–36 - textgleich online wie gedrucktes Werk, In: Wu Zheng-yi, Peter H. Raven, Deyuan Hong (Hrsg.): Flora of China. Volume 2–3: Lycopodiaceae through Polypodiaceae. Science Press und Missouri Botanical Garden Press, Beijing und St. Louis 2013, ISBN 978-1-935641-11-7. Weblinks Kategorie:Bärlapppflanzen
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Cer
Cer (IPA: []angepasst von: , ; seltener auch Zer bzw. Cerium genannt) ist ein chemisches Element mit dem Elementsymbol Ce und der Ordnungszahl 58. Im Periodensystem steht es in der Gruppe der Lanthanoide und zählt damit auch zu den Metallen der Seltenen Erden. Cer ist ein silbergraues, relativ weiches, duktiles, paramagnetisches und reaktives Metall. Es ist das am häufigsten vorkommende Lanthanoid, es ist in etwa so häufig wie Kupfer. In reiner Form kommt Cer überhaupt nicht in der Natur vor, anstatt dessen wird das meiste Cer aus Ceriterden gewonnen. Die weltweite, jährliche Produktion von Cer liegt bei nur 24.000 Tonnen. Wie alle Lanthanoide ist Cer leicht giftig. Eine viel größere Gefahr ist allerdings die Entflammbarkeit von Cer; schon bei Temperaturen von nur 65 °C kann sich reines Cer von allein entzünden. Cer wurde 1803 entdeckt, das reine Metall wurde allerdings erst 1825 hergestellt. Cer wurde nach dem wenige Jahre zuvor (1801) entdeckten Zwergplaneten Ceres benannt. Eine biologische Funktion von Cer ist bislang nur aus einer Bakterienart bekannt. Die Hauptverwendung von Cer ist die Herstellung von Mischmetall. Geschichte mini|links|Jöns Jakob Berzelius 1751 beschrieb Axel Frederic Cronstedt zwei Minerale aus Bispberg bei Säter und Bastnäs, die er beide tungsten („schwerer Stein“) nannte. Im Mineral aus Bispberg konnte 1781 Carl Wilhelm Scheele das Wolfram finden, es wurde Scheelit genannt. Das andere Mineral untersuchte er nur unvollständig, er fand kein Wolfram, stattdessen nur Silicium, Aluminium und Eisen.Jan Trofast: The Discovery of Cerium - A Fascinating Story. In: C.H. Evans (Hrsg.): Episodes from the History of the Rare Earth Elements. Band 15, Kluwer Academic Publishers 1996, ISBN 978-94-009-0287-9, S. 13–36. Ab 1803 untersuchten Wilhelm Hisinger und Jöns Jakob Berzelius den tungsten aus Bastnäs, ob er das mittlerweile von Johan Gadolin entdeckte Yttrium enthalten könnte. Dabei fanden sie ein zwar dem Yttrium ähnliches, aber deutlich unterscheidbares Element, das sie vorläufig Bastium (nach Bastnäs), bald aber Cerium und das Mineral Cerit, nach dem 1801 entdeckten Zwergplaneten Ceres, nannten. Um ihre Entdeckung abzusichern, stellten Hiesinger und Berzelius Salze des unbekannten Elementes mit verschiedenen Säuren her.Wilhelm von Hiesinger, Jöns Jakob Berzelius: Cerium Ein neues Metall aus einer Schwedischen Steinart, Bastnäs Tungsten genannt. In: Neues allgemeines Journal der Chemie. Band 2, Heft 4, 1803, S. 397–418 (online). Gleichzeitig mit Hisinger und Berzelius untersuchte auch Martin Heinrich Klaproth das Mineral aus Bastnäs und fand darin eine unbekannte, typisch hellbraun gefärbte Erde, die er nach „blassgelb“ Ochroït-Erde und das Mineral Ochroït nannte.Martin Heinrich Klaproth: Chemische Untersuchung des Ochroïts. In: Neues allgemeines Journal der Chemie. Band 2, Heft 3, 1803, S. 303–316 (online). Da beide gleichzeitig die Entdeckung des neuen Elementes verkündeten, beanspruchten sowohl Hisinger und Berzelius als auch Klaproth die Priorität für die Entdeckung und damit das Recht, den Namen des Elementes zu bestimmen. Dies wurde schließlich von Adolph Ferdinand Gehlen, dem Herausgeber der Zeitschrift Neues allgemeines Journal der Chemie entschieden, in der beide Artikel zur Entdeckung erschienen waren. Dieser entschied für Berzelius und Hisinger, da in deren Arbeit stärker die metallische Natur der entdeckten Substanz betont wurde, während Klaproth eher unbestimmt von einer Erde sprach. Klaproth akzeptierte Cerium als Name des neuen Elementes. 1826 gelang es Carl Gustav Mosander, durch Reaktion von Kaliumdampf mit Cerchlorid ein stark verunreinigtes metallisches Cer in Form eines braunen Pulvers zu erhalten.Paweł Miśkowiec: Name game: the naming history of the chemical elements: part 2—turbulent nineteenth century. In: Foundations of Chemistry. 2022, Band 25, Nummer 2, S. 215–234 doi:10.1007/s10698-022-09451-w. Er entdeckte auch, dass Cerit neben Cer auch weitere Elemente enthält. 1839 isolierte er das LanthanC.G. Mosander: Lantan, ein neues Metall. In: Poggendorffs Annalen. Band 46, 1839, S. 648–649 ()., 1842 das DidymC.G. Mosander: Ein neues Metall, Didym, betreffend. In: Poggendorffs Annalen. Band 56, 1842, S. 503–505 ().. Dieses stellte sich seinerseits als Mischung von Praseodym und Neodym heraus.Marco Fontani, Mariagrazia Costa, Mary Virginia Orna: The Lost Elements. Oxford University Press, 2015, ISBN 978-0-19-938334-4, S. 171–173. 1875 konnten William Hillebrand und Thomas Herbert Norton durch Elektrolyse von Cerchlorid reines Cer gewinnen.R. Bunsen: Elektrolytische Abscheidung des Cers, Lanthans und Didyms. In: Poggendorffs Annalen. Band 155, 1875, S. 633–639 (). Erstmals verwendet wurde Cer 1890 von Carl Auer von Welsbach. Er hatte bei der Trennung von Thoriumerzen bemerkt, dass Lösungen, die Thorium und geringe Mengen Cer enthalten, durch eine Flamme stark leuchten können. Daraus entwickelte er einen Glühstrumpf für die Gasbeleuchtung, der etwa 99 % Thorium- und 1 % Cer(IV)-oxid enthielt.Roland Adunka, Mary Virginia Orna: Carl Auer von Welsbach: Chemist, Inventor, Entrepreneur. Springer, 2018, ISBN 978-3-319-77904-1, S. 71–74. Vorkommen mini|links|Monazit-(Ce) Cer ist auf der Erde ein zwar insgesamt seltenes, mit einem Gehalt von 66 ppm in der kontinentalen Erdkruste verbreitet vorkommendes Element. Seine Häufigkeit ist vergleichbar mit der von anderen Metallen wie Kupfer oder Zink. Cer ist das häufigste Seltenerdmetall vor Neodym und Lanthan. Wie die anderen Lanthanoide ist Cer ein lithophiles Element, das vorwiegend in der Lithosphäre der Erde zu finden ist. Geochemisch wirkt Cer als ein inkompatibles Element, das sich beim teilweisen Schmelzen und der fraktionierten Kristallisation von Magma bevorzugt in der Schmelze anreichert. Es ist daher stärker in der kontinentalen Erdkruste im Vergleich zum Erdmantel konzentriert.Catherine Chauvel: Cerium. In: William White (Hrsg.): Encyclopedia of Geochemistry. Springer, 2018, ISBN 978-3-319-39311-7, S. 226–229. Im Gegensatz zu anderen Lanthanoiden ist Cer nicht nur als dreiwertiges, sondern auch als vierwertiges Ion stabil. Darum kann das normalerweise dreiwertig vorliegende Cer unter speziellen, stark oxidativen Bedingungen zu vierwertigem Cer oxidiert werden, das stark abweichende Eigenschaften besitzt. Es kommt zur sogenannten Cer-Anomalie bei der Gesteine und Minerale einen erhöhten (positiv) oder erniedrigten (negativ) Gehalt an Cer im Vergleich zu den anderen Lanthanoiden aufweist. Entscheidend für die Bildung von oxidativen Bedingungen ist vor allem der Gehalt von elementarem Sauerstoff in der Umgebung. Ein Mineral, das häufig eine positive Cer-Anomalie besitzt ist Zirkon. Dies liegt daran, dass sowohl drei- als auch vierwertiges Cer Zirconium im Kristallgitter des Minerals ersetzen kann. Allerdings wird vierwertiges Cer bedingt durch den gleichen Oxidationszustand und einen ähnlichen Ionenradius deutlich leichter in Zirkon eingebaut. Daher weist Zirkon, der in Magma mit einer hohen Sauerstoff-Fugazität entstanden ist, eine größere Cer-Anomalie auf.Shihua Zhong, Reimar Seltmann, Hongying Qu, Yingxin Song: Characterization of the zircon Ce anomaly for estimation of oxidation state of magmas: a revised Ce/Ce* method. In: Mineralogy and Petrology. Band 113, 2019, S. 755–763, doi:10.1007/s00710-019-00682-y. Auch bei der Verwitterung kann in Lateriten eine Cer-Anomalie auftreten.Jean-Jacques Braun, Maurice Pagel, Jean-Pierre Muller, Paul Bilong, Annie Michard, Bernard Guillet: Cerium anomalies in lateritic profiles. In: Geochimica et Cosmochimica Acta. Band 54, Nr. 3, 1990, S. 781–795, doi:10.1016/0016-7037(90)90373-S. Zudem kommt es in sauerstoffhaltigem Meerwasser zu einer negativen Cer-Anomalie, da das Element vom gut löslichen dreiwertigen zum schwerlöslichen vierwertigen Ion oxidiert werden kann. Dieses reichert sich bevorzugt an der Oberfläche von manganhaltigen Mineralen wie Manganknollen an, die dementsprechend eine positive Cer-Anomalie aufweisen. Da Mangan seinerseits Cer reduzieren kann, bildet sich ein Redox-Gleichgewicht aus. Wie stark die Cer-Anomalie ist, hängt maßgeblich vom Sauerstoffgehalt und dem pH-Wert der Umgebung ab. Die Messung der Cer-Anomalie in Sedimentgesteinen kann daher zur Bestimmung des Sauerstoffgehaltes von Meerwasser in der Erdgeschichte dienen. Der genaue Mechanismus der Oxidation von Cer im Meerwasser ist unklar, er kann wahrscheinlich entweder abiotisch oder durch Mikroorganismen erfolgen.Rosalie Tostevin: Cerium Anomalies and Paleoredox. In: Elements in Geochemical Tracers in Earth System Science. Cambridge University Press, 2021, S. 1–6, doi:10.1017/9781108847223.Kun Zhang, Graham A. Shields: Sedimentary Ce anomalies: Secular change and implications for paleoenvironmental evolution. In: Earth-Science Reviews. Band 229, 2022, Artikel 104015, doi:10.1016/j.earscirev.2022.104015. mini|Bastnäsit-(Ce) Cer bildet eine Vielzahl von Mineralen. In diesen kommen immer auch andere Seltene Erden vor, insbesondere die Ceriterden wie Praseodym, Neodym oder Samarium. Viele Cerminerale bilden Mischkristallreihen, bei denen neben den überwiegend cerhaltigen Endgliedern auch solche bekannt sind, bei denen andere Seltenerdelemente wie Yttrium, Lanthan oder Neodym überwiegen. Zu diesen zählen auch die häufigsten Cerminerale Monazit, Allanit und Bastnäsit. Insgesamt sind 2025 155 cerhaltige Minerale bekannt.The mineralogy of Cerium. In: mindat.org, Hudson Institute of Mineralogy, abgerufen am 23. Oktober 2025. In den meisten davon liegt Cer als dreiwertiges Ion vor, es gibt jedoch auch einige mit vierwertigen Cerionen, von denen Cerianit-(Ce), (Ce4+,Th)O2, das häufigste ist.A.R. Graham: Cerianite, CeO2: a new rare-earth oxide mineral. In: American Mineralogist. Band 40 Nr. 7–8, 1955, S. 560–564 (online, pdf).Cerianite-(Ce). In: mindat.org, Hudson Institute of Mineralogy, abgerufen am 23. Oktober 2025. Zu den Orten mit den größten und wichtigsten Vorkommen an Ceriterden zählen Bayan Obo in der Volksrepublik China, Araxá in Brasilien, Amba Dongar in Indien, Mount Weld in Australien, Kuannersuit auf Grönland, Lowosero in Russland sowie die Bear Lodge Mountains in Wyoming und Mountain Pass in Kalifornien, Vereinigte Staaten.M.P. Smith, K. Moore, D. Kavecsánszki, A.A. Finch, J. Kynicky, F. Wall: From mantle to critical zone: A review of large and giant sized deposits of the rare earth elements. In: Geoscience Frontiers. Band 7, 2016, S. 315–334, doi:10.1016/j.gsf.2015.12.006. Insbesondere in Bayan Obo befinden sich große Mengen Cer. Die Gesamtreserven an Seltenerdelementen in Bayan Obo werden auf 57,1 Millionen Tonnen oder etwa 42 % der Reserven auf der ganzen Welt geschätzt. Davon ist etwa die Hälfte Cer, die andere Hälfte teilt sich auf Lanthan, Neodym und geringere Anteile der anderen Seltenen Erden auf.Hong-Rui Fan, Kui-Feng Yang, Fang-Fang Hu, Shang Liu, Kai-Yi Wang: The giant Bayan Obo REE-Nb-Fe deposit, China: Controversy and ore genesis. In: Geoscience Frontiers. Band 7, Nr. 3, 2016, S. 335–344, doi:10.1016/j.gsf.2015.11.005. Gediegenes Cer wurde auf der Erde bislang nicht gefunden. Allerdings brachte die Raumsonde Luna 24 unter anderen einen 2,5 μm großen Partikel vom Mond (Mare Crisium) auf der Erde, der sich bei der Untersuchung als reines metallisches Cer ohne einen Gehalt an anderen Seltenerdmetallen erwies. Wahrscheinlich entstand es auf dem Mond durch Impaktereignisse.A. Bogatikov, A. I. Gorshkov, A. V. Mokhov, P.M. Kartashov, N. A. Ashikhmina, and L. 0. Magazina: New Finds of Native Metals in a Lunar Regolith from the Crises Sea. In: Transactions (Doklady) of the Russian Academy of Sciences, Earth Science Section. Band 382, Nr. 1, S. 83–85 (online, pdf). Cer ist jedoch bislang nicht von der International Mineralogical Association als Mineral anerkannt, sein Status ist fraglich (questionable).Native Cerium. In: mindat.org, Hudson Institute of Mineralogy, abgerufen am 23. Oktober 2025. Gewinnung und Herstellung Nach einer aufwendigen Abtrennung der Cer-Begleiter wird das Oxid mit Fluorwasserstoff zum Cer(III)-fluorid umgesetzt. Anschließend wird es mit Calcium unter Bildung von Calciumfluorid zum Cer reduziert. Die Abtrennung verbleibender Calciumreste und Verunreinigungen erfolgt in einer zusätzlichen Umschmelzung im Vakuum. Die jährliche Weltproduktion lag 2022 bei ca. 23.000 t. Eigenschaften mini|links|Phasendiagramm von Cer Physikalische Eigenschaften mini|Metallisches Cer Von Cer sind vier Modifikationen bekannt:Harry H. Binder: Lexikon der chemischen Elemente. S. Hirzel Verlag, Stuttgart 1999, ISBN 3-7776-0736-3, S. 145. Das silbrigweiß glänzende Metall ist hinter Europium das zweitreaktivste Element der Lanthanoide. Oberhalb von 150 °C verbrennt es unter heftigem Glühen zum Cerdioxid. Mit Wasser reagiert es zum Cer(III)-hydroxid. Chemische Eigenschaften Cer kommt in Verbindungen als dreiwertiges farbloses oder vierwertiges gelbes bis orangefarbiges Kation vor. Unter Wärmeeinfluss wird es durch Ethanol und Wasser sehr stark angegriffen. Auch in Laugen wird es unter Bildung von Cer-Hydroxiden stark angegriffen. In Säuren wird es zu Salzen gelöst. Verwendung Da sich die chemischen Eigenschaften der Seltenen Erden ähneln, wird metallisches Cer selten in Reinform eingesetzt, sondern in der Mischung, in der es bei der Herstellung aus den Seltenerd-Mineralien anfällt, dem sogenannten Mischmetall. In der Metallurgie dient Mischmetall als Zusatz für Aluminiumlegierungen und hochtemperaturbeständige Eisenbasislegierungen. Es unterstützt im Schmelzprozess die Abtrennung von Schwefel und Sauerstoff. Die Eisen-Mischmetall-Legierung Cereisen dient als Ausgangsstoff für Zündsteine für die Verwendung in Feuerzeugen und zur Erzeugung von Funkenregen auf Achterbahnen und in Filmszenen (Unfallszenen).Zündsteine aus Auermetall, abgerufen am 5. Dezember 2022 Geringe Beimengungen von (mehr oder weniger reinen) Cer-Verbindungen verleihen anderen Materialien bestimmte Eigenschaften: Cerdioxid (CeO2) wird zur Stabilisierung des keramischen Katalysatorträgers aus Aluminiumoxid für Autoabgaskatalysatoren verwendet Bestandteil einiger Spezialgläser, zum Beispiel UV-Filter und Windschutzscheiben, und Enttrübungsmittel in der Glasherstellung zur Färbung von Emaille Cerdioxid findet Verwendung als Poliermittel in der Glasbearbeitung Cer-dotierte Fluoreszenz-Farbstoffe (Leuchtstoffe) in Bildröhren, Gasentladungslampen und weißen Leuchtdioden als Dotierung in Glühstrümpfen Selbstreinigende Backöfen enthalten eine cerhaltige Beschichtung. Cer(IV)-sulfat als Oxidationsmittel in der Quantitativen Analyse (Cerimetrie) als Kontrastmittel bei Kernspinresonanz zur Regeneration von Rußpartikelfiltern im Kraftstoff gelöst beigemischt als Oxidkathode in Form von Cerhexaborid (CeB6) als Teil von nichtedelmetallhaltigen Aufbrennlegierungen in der Zahntechnik (Keramik) als Oxidationsmittel für organische Synthesen mit Ceriumammoniumnitrat, (NH4)2Ce(NO3)6 als Katalysator-Komponente zur Spaltung von CO2. Ein Forscherteam um Dr. Dorna Esrafilzadeh der RMIT-Universität in Melbourne verwendet Cer als eine Komponente in einem Flüssigmetall-Katalysator, um das Treibhausgas CO2 bei Raumtemperatur in Kohlenstoff und Sauerstoff zu spalten. Die katalytisch eingesetzte Flüssigmetall-Legierung aus Gallium, Indium, Zinn und Cer dient dabei als Stromleiter und Elektrolyt. In dem chemischen Prozess wird das dreiwertige Kation (Cer3+) zum metallischen Cer reduziert.Arne Grävemeyer: CO2 wird zu Kohle bei Raumtemperatur; heise online, 8. März 2019.Robert F.Service: New way to turn carbon dioxide into coal could ‘rewind the emissions clock’. In: Science. 27. Februar 2019 doi:10.1126/science.aax1527Esrafilzadeh et al.: Room temperature CO2 reduction to solid carbon species on liquid metals featuring atomically thin ceria interfaces. In: Nature Communications. 10, 865 (2019) Biologische Bedeutung 2013 wurde erstmals ein Enzym in Bakterien entdeckt, das Cer-Ionen für seine Funktion benötigt. Die Bakterien der Art Methylacidiphilum fumariolicum wurden aus vulkanischen Schlammtümpeln in Italien isoliert. Sie benötigen Cer zum Aufbau der Methanol-Dehydrogenase, eines Enzyms im Methan-Stoffwechsel. Das Ion hat dabei die Rolle, die in ähnlichen Enzymen in anderen Bakterien von Calciumionen übernommen wird.Arjan Pol, Thomas R.M. Barends u. a.: Rare earth metals are essential for methanotrophic life in volcanic mudpots. In: Environmental Microbiology. 2013, S. n/a–n/a, doi:10.1111/1462-2920.12249. Sicherheitshinweise Cer ist, wie alle Lanthanoide, leicht giftig. Metallisches Cer kann sich schon ab 65 °C entzünden. Als fein verteiltes Metall kann es sich an der Luft ohne Energiezufuhr erhitzen und schließlich entzünden. Die Zündbereitschaft hängt u. a. sehr stark von der Korngröße und dem Verteilungsgrad ab. Cerbrände dürfen nicht mit Wasser gelöscht werden, da sich gasförmiger Wasserstoff entwickelt. Verbindungen Oxide Cer(III)-oxid Ce2O3, goldglänzender keramischer Feststoff Cer(IV)-oxid CeO2 Cer(III,IV)-oxid Ce3O5, blauer keramischer Feststoff Halogenide Cer(III)-fluorid CeF3 Cer(IV)-fluorid CeF4 Cer(III)-chlorid CeCl3 · 7 H2O, weiße stark hygroskopische Substanz Cer(III)-bromid CeBr3 Cer(III)-iodid CeI3 Sonstige Verbindungen Cer(III)-sulfat Ce2(SO4)3 · 8 H2O, farblose Substanz Cer(IV)-sulfat Ce(SO4)2, gelbe Substanz Cer(III)-nitrat Ce(NO3)3 · 6 H2O Cer(III)-oxalat Ce2(C2O4)3 · 10 H2O Ammoniumcer(IV)-nitrat (CAN) (NH4)2Ce(NO3)6, orangerot Ammoniumcer(IV)-sulfat (NH4)4Ce(SO4)4· H2O Cer(IV)-perchlorat Ce(ClO4)4 Cerwolframat Ce2(WO4)3 Weblinks Einzelnachweise Kategorie:Ceres (Zwergplanet)
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Liste von Autoren/U
__NOTOC__ U Anneliese Ude-Pestel (1921–2017), D Milan Uhde (* 1936), CZ Ludwig Uhland (1787–1862), D Marie Ulfers (1888–1960), D Udo Ulfkotte (1960–2017), D Arne Ulbricht (* 1972), D Anya Ulinich (* 1973), US Ljudmila Ulizkaja (* 1943), RU Otto Ullrich (1938–2015), D Elisabeth von Ulmann (Elisabeth Meyer-Runge; 1929–2005), D Karl Heinrich Ulrichs (1825–1895), D Ahmet Ümit (* 1960), TR Mehmet Ünal (* 1951), TR Giuseppe Ungaretti (1888–1970), IT Gert Fritz Unger (1921–2005), D Tomi Ungerer (1931–2019), FR Edith Unnerstad (1900–1982), S Barry Unsworth (1930–2012), GB John Updike (1932–2009), US Arthur W. Upfield (1890–1964), AUS Peter Urban (1941–2013), D Grete von Urbanitzky (1891–1974), ÖSTERR Leon Uris (1924–2003), US Urmuz (1883–1923), RO Else Ury (1877–1943), D Halid Ziya Uşaklıgil (1866–1945), TR Detlev von Uslar (1926–2022), D Peter Ustinov (1921–2004), GB Reiner Uthoff (1937–2024), D Murat Uyurkulak (* 1972), TR Johann Peter Uz (1720–1796), D Mehmed Uzun (1953–2007), TR *U
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__NOTOC__ Va Emile Mario Vacano (1840–1892), AU Andrew Vachss (1942–2021), US Klaus Vack (1935–2019), D Urvashi Vaid (1958–2022), US Roger Vailland (1907–1965), FR Catherynne M. Valente (* 1979), USA Karl Valentin (1882–1948), D Thomas Valentin (1922–1980), D Valérie Valère (1961–1982), FR Paul Valéry (1871–1945), FR Günter Vallaster (* 1968), AT Jaume Vallcorba Plana (1949–2014), ES César Vallejo (1892–1938), PER Fernando Vallejo (* 1942), MEX Carlos G. Vallés (1925–2020), ES/IND Jules Vallès (1832–1885), FR Henry Vallotton (1891–1971), CH Diego Valverde Villena (* 1967), ES Jack Vance (1916–2013), US Philipp Vandenberg (* 1941), D Birgit Vanderbeke (1956–2021), D Maxence Van der Meersch (1907–1951), FR Raoul Vaneigem (* 1934), BE Ruth Vanita (* 1955), IND Eric Van Lustbader (* 1946), US David Van Reybrouck (* 1971), BE Carl Van Vechten (1880–1964), US Valerio Varesi (* 1959), IT Fred Vargas (* 1957), FR Álvaro Vargas Llosa (* 1966), PER Mario Vargas Llosa (1936–2025), PER Karl August Varnhagen von Ense (1785–1858), D Rahel Varnhagen von Ense (1771–1833), D Lucian Vărșăndan (* 1975), RO José Mauro de Vasconcelos (1920–1984), BRA Claude Favre de Vaugelas (1585–1650), FR Richard Murray Vaughan (1965–2020), KAN Jean Vautrin (1933–2015), FR Manuel Vázquez Montalbán (1939–2003), ES Ve Friedrich Karl von Vechelde (1801–1846) Orhan Veli Kanık (1914–1950), TR Venantius Fortunatus (~540–610) Tomas Venclova (* 1937), LT Edward van de Vendel (* 1964), NL Bernart de Ventadorn (~1130–1200), FR Roger Vercel (1894–1957), FR Vercors (1902–1991), FR Clemens Verenkotte (* 1960), D Abraham Verghese (* 1955), USA Vergil (70–19 v. Chr.) Émile Verhaeren (1855–1916), BE Paul Verlaine (1844–1896), FR Isa Vermehren (1918–2009), D John Vermeulen (1941–2009), BE Jules Verne (1828–1905), FR Sandro Veronesi (* 1959), IT Anacleto Verrecchia (1926–2012), IT Vladimir Vertlib (* 1966), AT Tarjei Vesaas (1897–1970), NO Bernward Vesper (1938–1971), D Guntram Vesper (1941–2020), D Will Vesper (1882–1962), D Anne-Catharina Vestly (1920–2008), NO Aglaja Veteranyi (1962–2002), CH Mischa Vetere (* 1967), CH Paul Veyne (1930–2022), FR Vi Boris Vian (1920–1959), FR Martha Vicinus (* 1939), US Salley Vickers Gary Victor (* 1958) Gore Vidal (1925–2012), US François Viète Klaus Vieweg (* 1953), D Alfred de Vigny Jean Villard (1895–1982), CH Dominique de Villepin Gérard de Villiers (1929–2013), FR Mathias Villiers de l’Isle-Adam François Villon, FR David Viñas (1927–2011), ARG Vernor Vinge (1944–2024), US Simon Vinkenoog Christina Viragh (* 1953), HU Elio Vittorini, IT Vl Ivan Vladislavić (* 1957), ZA Ernst Vlcek (1941–2008), AT Vo Bruno Vogel (1898–1987), D Hans-Jochen Vogel (1926–2020), D Maja von Vogel (* 1973), D Paula Vogel (* 1951), US Giorgio Voghera (1908–1999), IT Walter Vogt (1927–1988), CH Judith C. Vogt (* 1981), D Hildegard Voigt (1856–1936), D Lene Voigt (1891–1962), D Vamik D. Volkan (* 1932), US William T. Vollmann (* 1959), US Voltaire (1694–1778), FR Élisabeth Vonarburg (* 1947), CA Kurt Vonnegut (1922–2007), US Jana Voosen (* 1976), D Herbert Vorgrimler (1929–2014), D Harry Voss (* 1969), D Johann Heinrich Voß (1751–1826), D Klaus Voswinckel (1943–2024), D Vr Leo Vroman (1915–2014), NL Vu Jean Vuilleumier (1934–2012), CH Christian August Vulpius Wolfgang Vulpius *V
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Baar
Baar ist der Name folgender Örtlichkeiten: Gemeinden: Baar (Eifel), Gemeinde im Landkreis Mayen-Koblenz, Rheinland-Pfalz Baar (Schwaben), Gemeinde im Landkreis Aichach-Friedberg, Bayern Baar ZG, Gemeinde im Kanton Zug, Schweiz Bár (deutsch: Baar), Gemeinde im Komitat Baranya, Ungarn Gemeindeteile: Baar (Baar-Ebenhausen), Ortsteil der Gemeinde Baar-Ebenhausen, Landkreis Pfaffenhofen an der Ilm, Bayern Baar VS, Ortsteil von Veysonnaz im Kanton Wallis, Schweiz sowie: Baar (Landschaft), Hochebene in Südwestdeutschland Baar (Geschichte), mehrere Bezirke im frühmittelalterlichen Alamannien Baar (Vogelschutzgebiet), Schutzgebiet im Süden Baden-Württembergs Baar ist der Familienname folgender Personen: Anna Baar (* 1973), österreichische Autorin Anna Baar, Geburtsname von Anna Plommer (1836–1890), österreichische Malerin Arthur Baar (1890–1984), österreichisch-israelischer Fußballmanager Charles van Baar van Slangenburgh (1902–1978), niederländischer Fußballspieler Eduard Baar von Baarenfels (1855–1935), kaiserlich königlicher Feldmarschallleutnant der Österreich-Ungarischen Monarchie Eduard Baar-Baarenfels (1885–1967), österreichischer Heimwehr-Führer und Politiker Hanne Baar (* 1974), deutsche Psychologin und Autorin Jindřich Šimon Baar (1869–1925), tschechischer Schriftsteller und Priester Johannes Baar-Baarenfels (* 1963), österreichischer Architekt Lothar Baar (1932–2023), deutscher Wirtschaftshistoriker Nikolai Baar-Baarenfels (* 2000), österreichisch-bulgarischer Schauspieler Philipp Baar (* 1992), deutscher Leichtathlet Roland Baar (1965–2018), deutscher Rudersportler Rudolf Baar (1880–1929), österreichischer Naturforscher und Autor Tim Baar (1912–1977), US-amerikanischer Spezialeffektekünstler und Oscarpreisträger Wolfgang Baar (1933–2025), deutscher Politiker (SPD) Baar, Weiteres: Bahār, im Raum des Indischen Ozean verwendete alte Gewichtseinheiten (um die 100–400 kg) Siehe auch: Auf der Baar (Berg im Hohen Westerwald) Bar Bahr (Begriffsklärung)
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Andrei Dmitrijewitsch Linde
mini|hochkant|Andrei Dmitrijewitsch Linde Andrei Dmitrijewitsch Linde (; * 2. März 1948 in Moskau) ist ein russischer Kosmologe und einer der Begründer der Inflationstheorie des Universums. Leben Linde kam als Sohn des Physikers Dmitri Pawlowitsch Linde und der Physikstudentin Irina Wjatscheslawowna Rakobolskaja zur Welt. Er studierte von 1966 bis 1971 Physik an der Lomonossow-Universität in Moskau. Danach arbeitete er am Lebedew-Institut, wo er sich 1975 habilitierte (russischer Doktortitel) und von 1975 bis 1985 auch Professor war. Er war dort ein Schüler von David Abramowitsch Kirschniz. Von 1989 bis 1990 arbeitete er am CERN, und seit 1990 ist er Professor für Physik an der Stanford University in Kalifornien. Dort arbeitet auch seine Ehefrau, die theoretische Physikerin Renata Kallosh. Das Ehepaar hat zwei Söhne, Dmitri und Alexander. Forschung Er leistete in den 1970er Jahren Vorarbeiten zur Entwicklung der Inflationstheorie (im Westen von Alan Guth 1980 vorgeschlagen) und war einer der Theoretiker der anschließenden Verbesserungen der neuen Inflationstheorie, unabhängig von Paul Steinhardt und Andreas Albrecht (1981). Bald darauf entwickelte er die Hypothese der chaotischen Inflation, entwickelte die Theorie der ewigen Inflation (eternal inflation) von Alexander Vilenkin weiter und begründete die Theorie der Multiversen, wobei er dies auch im Rahmen der Stringtheorie behandelte. Auszeichnungen Linde wurde 2001 mit der Oskar-Klein-Medaille für Physik der Universität Stockholm ausgezeichnet, 2002 erhielt er die Dirac-Medaille (ICTP) des ICTP und 2004 wurde ihm der Gruber-Preis für Kosmologie für die Entwicklung der Inflationstheorie verliehen. Seit 2008 ist er Mitglied der National Academy of Sciences, seit 2010 korrespondierendes Mitglied der Akademie der Wissenschaften in Hamburg und seit 2011 der American Academy of Arts and Sciences. 2012 erhielt er den Fundamental Physics Prize, 2014 den Kavli-Preis in Astrophysik. Er ist auswärtiges Mitglied der Norwegischen Akademie der Wissenschaften. 2024 erhielt Linde den Pomerantschuk-Preis. Werke Inflation and Quantum Cosmology, Academic Press, Boston, 1990 Particle Physics and Inflationary Cosmology, Harwood Academic Publishers, Chur, 1990 Weblinks Homepage von Andrei Linde in Stanford Linde, Andrei D. In: inspirehep.net Einzelnachweise Kategorie:Astronom (20. Jahrhundert) Kategorie:Astronom (21. Jahrhundert) Kategorie:Physiker (20. Jahrhundert) Kategorie:Physiker (21. Jahrhundert) Kategorie:Astrophysiker Kategorie:Kosmologe (20. Jahrhundert) Kategorie:Kosmologe (21. Jahrhundert) Kategorie:Hochschullehrer (Stanford University) Kategorie:Hochschullehrer (Lebedew-Institut für Physik) Kategorie:Person (CERN) Kategorie:Mitglied der National Academy of Sciences Kategorie:Mitglied der American Academy of Arts and Sciences Kategorie:Mitglied der Norwegischen Akademie der Wissenschaften Kategorie:Mitglied der Akademie der Wissenschaften in Hamburg Kategorie:Russe Kategorie:Sowjetbürger Kategorie:Geboren 1948 Kategorie:Mann
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Actionfilm
mini|Stuntman in einer Actionszene Der Actionfilm (von engl. action: Tat, Handlung, Bewegung) ist ein Filmgenre des Unterhaltungskinos, in welchem der Fortgang der äußeren Handlung von zumeist spektakulär inszenierten Kampf- und Gewaltszenen vorangetrieben und illustriert wird. Es geht eher um stimulierende Aktionen als um inhaltliche Zusammenhänge, empathisches Miterleben der Gefühlswelt der Protagonisten oder künstlerisch-ästhetische Bildwelten. Hauptbestandteile von Actionfilmen sind daher meist aufwendig gedrehte Stunts, Nahkampf-Szenen, Schießereien, Explosionen und Verfolgungsjagden. Geschichte Ursprung Der Actionfilm ist seit den 1960er-Jahren ein eigenständiges Filmgenre, doch seine Konventionen sind bereits seit dem Beginn der Filmgeschichte bekannt. Künstler aus dem Vaudeville wie Buster Keaton oder Harold Lloyd ließen ihr Können in artistischer Bewegung in Verbindung mit Tricktechnik in ihr Filmschaffen einfließen. Harry Piel drehte damals in Deutschland eine Reihe von „Sensationsfilmen“ mit spektakulären Stunts. Der deutsche Filmkritiker Joe Hembus stellte fest, schon Der große Eisenbahnraub (1903) enthalte „Überfall, Verfolgung, Showdown, ausgeschmückt mit Mord, Terror, Brutalitäten, Humor, unter Einsatz von schnellen Transportmitteln.“ Der erste richtige Film der Filmgeschichte sei ein Actionfilm und handle von Verbrechen und Verbrechern, auch darin weise der Film der zukünftigen Entwicklung seiner Kunst den Weg.Joe Hembus: Western-Lexikon. 1272 Filme von 1894–1975. 2. Auflage. Carl Hanser, München u. a. 1977, ISBN 3-446-12189-7, S. 268. In den 1930er Jahren entstanden in den Vereinigten Staaten Serials, kurze Episodenfilme mit rund 20–30 Minuten Länge, welche vor dem eigentlichen Hauptfilm gezeigt wurden. Diese handelten oft von einem Helden, welcher sich in einer Western- oder Space-Opera-Umgebung physischen Herausforderungen gegenübersah. Das Serial Ace Drummond von 1936 enthielt bereits alles, was später Bestandteil des späteren Actionkinos werden sollte: Nahkämpfe, Schießereien, Verfolgungsjagden, mehrere Flugzeugabstürze sowie (einfache) Spezialeffekte. Frühe Actionfilme Der Actionfilm als eigenes Genre hat seinen Ursprung im Kriminalfilm, in dem in den 1950er-Jahren Aktion und explizite Darstellung von physischer Gewalt zunehmend an Bedeutung gewann, etwa in Stanley Kubricks Die Rechnung ging nicht auf (1956). Auch in vielen Western spielten Verfolgungsjagden (meist zu Pferde) und Schießereien ein wichtiges Handlungselement. Alfred Hitchcock präsentierte in Der unsichtbare Dritte (1959) erstmals eine geschlossene filmische Welt, die ausschließlich als Herausforderung für die physische Aktion der Hauptfigur dient. Dieses Konzept der geschlossenen Actionwelt, die rein zum Ausleben von Körperakrobatik und zur Demonstration spektakulärer Gewaltanwendungstechniken existiert, bereitete den Weg für die Filme der James-Bond-Reihe und Fernsehserien wie Kobra, übernehmen Sie. Dieser von realistischer Darstellung und moralischer Wertung weit entfernten Illusionstendenz stehen die Regisseure der Bewegung des New Hollywood gegenüber, die in offener Form Aktion und Gewaltanwendung inszenierten. Sie reagierten auf gesellschaftliche und politische Entwicklungen wie die Protestbewegung und den Vietnamkrieg und suchten den Kontext der Darstellung zu Fragen der Moral, etwa zu den Folgen von Gewaltanwendung auf den menschlichen Körper. Beispiele für diese realistischere und ernüchternde Herangehensweise sind Arthur Penns Bonnie und Clyde (1967) und Sam Peckinpahs The Wild Bunch – Sie kannten kein Gesetz (1969). Hochphase 1970er–1990er mini|Die gängigen Schauspieler des Actionkinos: Stallone, Schwarzenegger, Willis, Norris, Van Damme, Chan, Seagal, Lundgren Autor Harvey O’Brien teilte die Geschichte des Actionfilms in vier Phasen ein: Die Frühphase, die klassische, die postklassische und die neoklassische Phase. Zu typischen Elementen der Frühphase zählt O’Brien die Figur des Vigilanten, wie er beispielsweise von Dirty Harry verkörpert wird. Des Weiteren stellt er einen Fokus auf Autoverfolgungsjagden, wie in The French Connection fest, die bis hin zu einer „Fusion aus Mensch und Maschine“ (Mad Max 2) reicht. Mit den Bruce-Lee-Filmen fand eine Ära der Überbetonung physischer Kräfte und des Körperkultes im Actionfilm ihren Anfang. Stilmittel wie Zeitlupe und Tonverfremdungen führten zur Entwicklung und Definition des Subgenres des Martial-Arts-Films. In den 1980er Jahren beherrschte der Actionfilm das Mainstreamkino mit Stars wie Arnold Schwarzenegger und Sylvester Stallone, die durch Bodybuilding den Körperkult auf einen Höhepunkt führten. Ein treibender Produzent dieser Ära war das Filmstudio Cannon Films, welches gering budgetierte Filme um Schauspieler wie Chuck Norris, Michael Dudikoff oder Charles Bronson produzierte. Neben wenigen humorvollen Verfilmungen wie Indiana Jones beherrschten überwiegend reaktionäre Themen wie Rachephantasien und das stereotype Aufbauen von Feindbildern das Actionkino. Die klassische Phase des Actionsfilms hatte ihren Höhepunkt in den 1980er Jahren mit Filmen wie Phantom-Kommando oder dem ersten Teil von Stirb Langsam. Jene Filme folgten häufig einem Handlungsmuster von drei Akten, welche sich mit den Schlagworten Überleben – Widerstand – Rache beschreiben lassen. Die Schusswaffe gewann eine höhere Gewichtung gegenüber dem Auto. In den 1990er Jahren wurde das Genre zunehmend ironisiert und spiegelte sich selbst, etwa in Filmen wie Last Action Hero (John McTiernan, 1993) und True Lies (James Cameron, 1994). McTiernans Stirb-langsam-Reihe (1988 bis 2013) brach ebenfalls ironisch mit dem Heldenbild des Actionfilms und ließ ihren Protagonisten, dargestellt von Bruce Willis, entmystifiziert als leidensfähigen Jedermann gegen das Böse siegen. Diese postklassische Phase nach dem Ende des Kalten Krieges kennzeichnete sich durch einen weniger offenen Maskulinismus aus, stattdessen gewannen Spezialeffekte und in Anlehnung an das Hong-Kong-Kino, Martial Arts und Zweikampftechniken an Bedeutung. Stars wie Jackie Chan vereinnahmten den Stunt als Teil der künstlerischen Darstellung und zogen einen Teil ihrer Popularität aus der Tatsache, auch gefährliche Action grundsätzlich selbst zu bewerkstelligen. Mit The Rock – Fels der Entscheidung oder Con Air wurden für das Action-Genre relativ anspruchsvolle Werke geschaffen, die sich vom aufkommenden Direct-to-Video-Billigtrend abhoben. Weiterentwicklung O’Brien beschreibt den 11. September 2001 und die darauf folgenden Kriege in Afghanistan und Irak als weiteren Wendepunkt und Beginn der neoklassischen Phase des Actionfilmes. Insbesondere der zweite Krieg erschütterte das bisherige Bild der USA als die „Guten“ in der Bevölkerung. Dies hatte auch Auswirkungen auf den Film, wo zusehends ein Verschwimmen des bisherigen klaren Gut-Böse-Dualismus auftrat. Gleichzeitig wurden Motive aus der Frühphase des Actionsfilms wie Rache und Selbstjustiz, beispielsweise in dem Kill-Bill-Zweiteiler, wiederbelebt. Zudem gewannen ab den mittleren 1990ern aufwendige digitale Spezialeffekte und Stunts gegenüber einfachen Kämpfen und Schusswechseln an Bedeutung, z. B. in der Mission-Impossible-Reihe mit Tom Cruise oder xXx – Triple X mit Vin Diesel. Viele Elemente des Actionfilms wurden bereits Ende der 1970er in der mit Krieg der Sterne beginnenden ersten Trilogie von Star Wars und in etwas geringerem Maße auch Star Trek in die Science-Fiction übernommen. Ab 2000 wurde der Superheldenfilm erneut populär, welcher durch das Batman-Reboot oder Marvels Avengers, die mit enormen tricktechnischen und finanziellen Mitteln produziert wurden. Spätestens in den 2010ern verschwanden klassische Actionfilme als Blockbuster weitgehend aus dem Kino, und Fortsetzungen wie Stirb Langsam 5 oder dem nachempfundene Filme wie White House Down waren nur durchschnittlich erfolgreich. Eine Ausnahme stellt aber z. B. die The-Expendables-Trilogie dar, die als Ensemble-Filme um die populären Schauspieler Schwarzenegger, Stallone, Willis, Jason Statham, Dolph Lundgren und andere als eine Art Hommage inszeniert wurde. Rebecca Rubin von Variety schrieb in einem Review zu Michael Bays Ambulance (2022), der Abstieg des traditionellen Actionfilms hänge zusammen mit dem Aufkommen von Streamingdiensten wie Netflix und damit veränderten Sehgewohnheiten des Publikums, gleichzeitig verabschieden sich Szenegrößen wie Ford, Stallone und Willis zusehends in den Ruhestand.Has Netflix Killed Original Action Movies? Why Michael Bay’s ‘Ambulance’ Crashed at the Box Office Ab den 2010ern kamen vermehrt von inhaltlich anspruchsvollen Arthouse und Noir beeinflusste Blockbuster ins Kino. In diesen Filmen wurden metaphysische und (pseudo)philosophische Gedankenstränge und nichtlineare und teils surreale Handlungen mit aufwendig choreografierten Actionfilmen kombiniert. Im Arthouse Action dominieren düstere Grundtöne. Insbesondere die Werke von Christopher Nolan (z. B. Inception, Tenet) sind hier zu nennen. Auch James Bond 007: Keine Zeit zu sterben wurde als Mischung von Arthouse und Action bezeichnet. Weibliche Protagonisten mini|Bekannte Darstellerinnen in Actionfilmen: Yeoh, Thurman, Carrere, Hamilton, Jolie, Berry, Weaver, Liu. Weibliche Hauptfiguren waren bis Ende der 1990er Jahre selten, eine Ausnahme stellten aber die von Sigourney Weaver verkörperte Ellen Ripley der Alien-Reihe und die von Linda Hamilton verkörperte Sarah Connor in Terminator dar. Später folgten Brigitte Nielsen (Red Sonja), Kate Beckinsale (Underworld), Uma Thurman (Kill Bill), Michelle Rodriguez (SWAT - Die Spezialeinheit) oder Halle Berry (Catwoman), welche meist Seite an Seite mit einem männlichen Filmpartner agierten. Mit Wonder Woman (Gal Gadot) oder Rogue One (Felicity Jones) wurden weitere Heldinnen geschaffen. Actionfilme außerhalb Hollywoods Neben den in Hollywood produzierten Actionfilmen konnten sich international nur wenige Produktionen behaupten. In den 1970er Jahren waren Martial-Arts-Filme, welche überwiegend in Hongkong entstanden, populär. Zeitgleich entstanden mit dem Hongkong-Film relativ actiongeladene Spielarten des Polizeifilms. Ein bekannter Regisseur des Hongkong-Films ist John Woo (City Wolf, Bullet in the Head), welcher Elemente des Hongkong-Filmes nach Hollywood brachte und dort durch Filme wie Operation: Broken Arrow und Im Körper des Feindes (jeweils mit John Travolta) weltweite Erfolge erzielte. In Europa zählt neben Großbritannien Frankreich zu einem der Zentren des Actionfilms. Der Regisseur Luc Besson erreichte mit Nikita, Léon – Der Profi (jeweils mit Jean Reno) und Das fünfte Element internationale Erfolge. Ebenfalls in Frankreich entstand die Transporter-Reihe mit Jason Statham. Zu den wenigen erfolgreichen deutschen Actionfilmen zählt Lola rennt (2001). In der Stadt Kampala in Uganda werden in den Filmstudios von Wakaliwood unter einfachsten Bedingungen Filme wie Who Killed Captain Alex? gedreht, deren Mittel in der Regel nur wenige hundert Euro betragen, die sich aber im Lande einer hohen Beliebtheit erfreuen. Der Besitzer von Wakaliwood, Isaac G. Nabwana, wird dort als Ugandas Tarantino bezeichnet. Motive und Darstellungsformen Die Bewegung, Grundmotiv des Films, dient im Actionfilm in erster Linie Schauzwecken und hat weniger erzählerische Funktionen. Oft werden im Actionfilm in der Art einer Nummernrevue geschlossene Sequenzeinheiten aneinandergereiht, die der Zurschaustellung unterschiedlichster bewegungsgetriebener Konflikt- oder Duellsituationen dienen, etwa Shootouts, Verfolgungsjagden, Körperkämpfe oder Explosionen. Subjekte der Aktion sind speziell im US-amerikanischen Actionfilm häufig sich verfolgende Fahrzeuge, etwa in Brennpunkt Brooklyn (William Friedkin, 1971), Bullitt (Peter Yates, 1968) oder Dirty Harry (Don Siegel, 1971). Der dargestellten Gewalt wird häufig der Realitätsbezug genommen. Filmische Mittel wie Konvergenzmontage und Parallelmontage strukturieren diese Nummern, etwa um einen Spannungsbogen in einer Last-Minute-Rescue aufzulösen. In den Plots geht es meist um den Kampf zwischen Gut und Böse, die Identifikationsfigur ist häufig ein physisch starker männlicher Held (oder ein weiblicher, siehe beispielsweise Lara Croft), der in der Regel eindeutige Prinzipien vertritt, die den ethischen und weltanschaulichen Grundlagen der westlichen Kultur entsprechen (Gut gegen Böse, Beschützen der Schwachen, Gerechtigkeit, Sühne für erlittenes Unrecht, Verteidigung, Bewahrung der vertrauten Lebensweise usw.). Häufig fließen erzählerische Elemente aus verwandten Genres in den Actionfilm ein, unter anderem aus dem Abenteuerfilm, dem Kriegsfilm, dem Kriminalfilm, dem Psychothriller, dem Horrorfilm und dem Science-Fiction-Film. Siehe auch Liste von Actionfilmen Opferkamera Literatur Weblinks bei film-zeit.de, Ines Walk vom 10. Januar 2010 Einzelnachweise Kategorie:Filmgenre
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Allergie
Als Allergie (seit 1905 von ‚Fremdreaktion‘, aus állos ‚fremd‘ und érgon ‚Reaktion‘) bezeichnet man eine überschießende, krankhafte Abwehrreaktion des Immunsystems auf körperfremde, aber harmlose Umweltstoffe, die dann als Allergene oder Antigene bezeichnet werden.Berufsverband Deutscher Internisten e. V., Allergie. Abgerufen am 24. Februar 2016. Die allergische Reaktion richtet sich gegen von außen kommende Stoffe, beispielsweise über die Lunge, den Verdauungstrakt, die Haut, die Schleimhaut oder mit dem Blut. Dagegen werden Autoimmunreaktionen, also überschießende, krankhafte Reaktionen des Immunsystems gegen Bestandteile des eigenen Körpers, nur dann zu den Allergien gezählt, wenn sie durch von außen in den Körper gelangte Stoffe ausgelöst werden.Herausgeber: Volker Friebel, Autoren: Ilse Ledvina, Armin Roßmeier So arbeitet das Immunsystem 1. Auflage, Falken-Verlag GmbH, Niederhausen/Ts. 1992, S. 51–58, ISBN 3-8068-1253-5. Neben der Allergie gibt es weitere Unverträglichkeitsreaktionen (Intoleranzen), z. B. die Pseudoallergie oder die Intoleranz, die mit einem ähnlichen Krankheitsbild wie eine Allergie einhergehen. Aufgrund der ähnlichen Symptome werden diese Begriffe im allgemeinen Sprachgebrauch fälschlicherweise oft synonym verwendet. Geschichte und Begriffsentstehung Schon aus dem alten Ägypten und aus dem alten Rom sind Krankheitsbeschreibungen bekannt, die man heute als Allergie bezeichnen würde. mini|Pollen des gewöhnlichen Knäuelgrases können Heuschnupfen auslösen Seine Beobachtung, dass manche Menschen Schnupfen und Atemwegsverengungen zeigen, wenn sie sich in der Nähe blühender Rosen aufhalten, bezeichnete der italienische Chirurg Leonardo Botallo 1565 als „Rosenerkältung“. Eine von der Jahreszeit abhängige Nasenerkrankung beschrieb 1819 der Londoner Arzt John Bostock. Dass Gräserpollen die auslösende Ursache für diesen „Heuschnupfen“ sind, erkannten 1870 Charles Blackley in England und unabhängig von diesem Morrill Wyman an der Harvard University. 1903 löste der Deutsche Wilhelm P. Dunbar bei Versuchspersonen Heuschnupfensymptome durch mit Pollen versetzte Salzlösungen aus.Bärbel Häcker: Allergie. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin / New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 40–41, hier: S. 40. Der Begriff Allergie (griechische Übersetzung von „Anders-Reaktion“, welche auch von Robert Koch bei Anwendung von Tuberkulin beschrieben wurdeGundolf Keil: Robert Koch (1843–1910). Ein Essai. In: Medizinhistorische Mitteilungen. Zeitschrift für Wissenschaftsgeschichte und Fachprosaforschung. Band 36/37, 2017/2018 (2021), S. 73–109, hier: S. 85 und 92.Vgl. auch Axel Trautmann: Allergiediagnose Allergietherapie. 2006 (doi:10.1055/b-0034-39566), S. 11 (- Online-Vorschau).) wurde 1906 von Clemens von Pirquet, einem Wiener Kinderarzt, der Erscheinungen nach Erst- und Reinjektion von DiphtherieserenLothar Kerp: Allergie und allergische Reaktionen. In: Ludwig Heilmeyer (Hrsg.): Lehrbuch der Inneren Medizin. Springer-Verlag, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1955; 2. Auflage ebenda 1961, S. 1130–1159, hier: S. 1131. untersuchte, in Analogie zu Energie geprägt in der Hinsicht, dass .Kluge: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 24. Auflage. Pirquet definierte Allergie weit gefasst als . In dieser Definition sind sowohl verstärkte (Hyperergie), verminderte (Hypoergie) wie auch fehlende (Anergie) Reaktivitäten einbezogen. Pirquet erkannte als erster, dass Antikörper nicht nur schützende Immunantworten vermitteln, sondern auch Überempfindlichkeitsreaktionen auslösen können. Er gilt als Begründer der klinischen Allergielehre. Bereits 1902 hatten Charles Richet und Paul Portier (1866–1962) bei Hunden eine veränderte Reaktion auf eine niedrigdosierte Toxingabe beobachtet, nachdem die Versuchstiere eine Vergiftung mit diesen intravenös und hochdosiert verabreichten Toxinen überstanden hatten. Diese nach zwei bis drei Wochen aufgetretene Überempfindlichkeit, welche trotz ungefährlicher Toxindosis zum Tod der Tiere führte, nannte Richet Anaphylaxie. Der französische Physiologe Maurice Arthus konnte 1903 beobachten, dass auch nichttoxische Stoffe, nämlich „artfremde Eiweiße“, nach Vorbehandlung damit eine Überempfindlichkeit nach erneutem Einspritzen (Reinjektion) verursachen können.Lothar Kerp: Allergie und allergische Reaktionen. 1961, hier: S. 1130 (Begründer der Allergielehre). Im Jahr 1914 beschrieb der Pathologe Robert Rössle die allergische Entzündung.Paul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff/Diepgen/Goerke: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7., neubearbeitete Auflage. Springer, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1960, S. 56. Verbreitung Allergien sind häufige Erkrankungen. Hierbei nehmen die Inhalationsallergien wie Heuschnupfen eine besonders prominente Stellung ein. In Deutschland gaben zu Beginn der 1990er Jahre 9,6 % der Befragten beim Bundes-Gesundheitssurvey an, dass sie schon einmal Heuschnupfen hatten. Es gab in den alten Bundesländern einen deutlich höheren Anteil Betroffener (10,6 %) als in den neuen Bundesländern (5,8 %). Zwischen Männern und Frauen war jeweils kaum ein Unterschied zu verzeichnen.Robert Koch-Institut (Hrsg.) (2009): 20 Jahre nach dem Fall der Mauer: Wie hat sich die Gesundheit in Deutschland entwickelt? Beiträge zur Gesundheitsberichterstattung des Bundes, S. 76–81, abgerufen am 28. November 2012. Ende der 1990er Jahre waren beim BGS98 14,5 % der Bevölkerung (15,4 % der Frauen und 13,5 % der Männer) betroffen. Die Häufigkeit hatte somit sowohl in den alten als auch in den neuen Bundesländern deutlich zugenommen. Bei den Frauen fiel diese Zunahme jeweils größer aus, sodass sich bis 1998 ein geschlechtsspezifischer Unterschied herausgebildet hatte.U.Langen, R. Schmitz und H. Steppuhn, Robert-Koch-Institut, Berlin: Häufigkeit allergischer Erkrankungen in Deutschland – Ergebnisse der Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland (DEGS1) (PDF; 617 kB) Bundesgesundheitsblatt – Gesundheitsforschung – Gesundheitsschutz 2013, 56:698–706, Springer-Verlag, abgerufen am 26. November 2013. Weitere 10 Jahre später, beim DEGS1, der von 2008 bis 2011 durchgeführt wurde, hatten sich die Zahlen auf diesem hohen Niveau stabilisiert (14,8 % gesamt, 16,5 % der Frauen und 13,0 % der Männer). Dass sich zwischen Anfang und Ende der 1990er Jahre nicht lediglich das Antwortverhalten der Befragten verändert hat, sondern es sich um einen tatsächlichen Anstieg der Heuschnupfenhäufigkeit handelte, konnte durch vergleichende Analysen und durch Laboruntersuchungen herausgefunden werden. Auf der Basis von allergenspezifischen IgE-Tests wurde bei den Gesundheitssurveys die Sensibilisierung auf Inhalationsallergene stichprobenartig überprüft.E. Hermann-Kunz und W. Thierfelder, Robert Koch-Institut, Berlin: Allergische Rhinitis und Sensibilisierungsraten – Nimmt die Prävalenz wirklich zu? (PDF; 299 kB) Bundesgesundheitsblatt – Gesundheitsforschung – Gesundheitsschutz 2001, 44:643–653, Springer-Verlag, abgerufen am 28. November 2012. Im Nationalen Untersuchungssurvey 1990–1992 lag die Rate der Sensibilisierungen auf Inhalationsallergene – genau wie die Heuschnupfenprävalenz – in den alten Bundesländern (27,4 %) höher als in den neuen Bundesländern (24,1 %). Die Gesamtrate betrug 26,7 %. Bis zum Ende der 1990er Jahre kam es gemäß BGS98 zu einem deutschlandweiten Anstieg der Sensibilisierungsrate auf 31,2 %. Diese Zunahme war etwas weniger ausgeprägt als die beim selbst berichteten Heuschnupfen. Der Anstieg in West (auf 31,9 %) und Ost (auf 28,5 %) verlief ähnlich. Thesen über die Ursachen der Zunahme allergischer Erkrankungen Eine befriedigende Erklärung für die Zunahme allergischer Erkrankungen in den letzten Jahrzehnten gibt es – wie auch für die Zunahme der Autoimmunerkrankungen – bisher nicht, wohl aber einige Thesen: Hygienehypothese Einige Forscher führen den beobachteten Anstieg allergischer Erkrankungen in westlichen Industrieländern auf die sogenannte „Dreck- und Urwaldhypothese“ zurück. Diese geht von einer mangelnden Aktivierung („Unterforderung“) des Immunsystems – vor allem in der Kindheit und frühen Jugend – durch übertriebene Hygienemaßnahmen aus. Es wird vermutet, dass der Kontakt zu bestimmten Bakterien insbesondere in den ersten Lebensmonaten wichtig ist, um das Immunsystem, das während der Schwangerschaft eher Typ2-T-Helferzellen-lastig ist, wieder in Richtung einer Typ1-T-Helferzellen-Antwort zu lenken, die weniger mit allergischen Reaktionen in Zusammenhang stehen. Eine prominente Studie zum Thema ist die ALEX-Studie.J. Riedler, C. Braun-Fahrländer u. a.: Exposure to farming in early life and development of asthma and allergy: a cross-sectional survey. In: Lancet. Band 358, Nummer 9288, Oktober 2001, S. 1129–1133, . doi:10.1016/S0140-6736(01)06252-3. PMID 11597666. Rückgang parasitärer Erkrankungen Die physiologische Funktion von IgE-Antikörpern, die bei Allergien eine wesentliche Rolle spielen, ist die Abwehr von Wurm- und anderem Parasitenbefall. Der Rückgang parasitärer Erkrankungen könnte zu einer Umlenkung des Immunsystems auf andere, harmlose Strukturen führen.M. Yazdanbakhsh, P. M. Matricardi: Parasites and the hygiene hypothesis: regulating the immune system? In: Clinical reviews in allergy & immunology. Band 26, Nummer 1, Februar 2004, S. 15–24, . doi:10.1385/CRIAI:26:1:15. PMID 14755072. (Review). Hierfür spricht die geringere Häufigkeit von Allergien in Ländern mit geringeren Hygienestandards. Da in den westlichen Industrienationen Parasitenbefall so gut wie nicht mehr vorkommt, bei allergischen Reaktionen aber eine verstärkte IgE-Antikörper-Bildung vorliegt, wird geprüft, ob hier ein Zusammenhang bestehen könnte. Eine Studie an 1600 Kindern in Vietnam zeigte, dass Kinder mit intestinalem Wurmbefall im Vergleich zu Kindern ohne Wurmbefall eine um sechzig Prozent verringerte Wahrscheinlichkeit einer Allergie gegen Hausstaubmilben hatten.C. Flohr, L. N. Tuyen u. a.: Poor sanitation and helminth infection protect against skin sensitization in Vietnamese children: A cross-sectional study. In: The Journal of allergy and clinical immunology. Band 118, Nummer 6, Dezember 2006, S. 1305–1311, . doi:10.1016/j.jaci.2006.08.035. PMID 17157661. Jedoch gibt es derzeit widersprüchliche Forschungsergebnisse,A. Zutavern, T. Hirsch u. a.: Atopic dermatitis, extrinsic atopic dermatitis and the hygiene hypothesis: results from a cross-sectional study. In: Clinical & Experimental Allergy. Band 35, Nummer 10, Oktober 2005, S. 1301–1308, . doi:10.1111/j.1365-2222.2005.02350.x. PMID 16238789. so dass diese Hypothese noch nicht abschließend beurteilt werden kann.M. S. Wilson, R. M. Maizels: Regulation of allergy and autoimmunity in helminth infection. In: Clinical reviews in allergy & immunology. Band 26, Nummer 1, Februar 2004, S. 35–50, . doi:10.1385/CRIAI:26:1:35. PMID 14755074. (Review). Umweltverschmutzung Umweltfaktoren wird eine zentrale Rolle bei der Entstehung von Allergien zugesprochen. Es konnte bewiesen werden, dass Kinder umso seltener an Allergien litten, je mehr Endotoxin in ihrem täglichen Umfeld nachgewiesen werden konnte. Allergene wie das Hauptallergen der Birke, Bet v 1, können sich an Dieselrußpartikel (auch Feinstaub) anheften und so beim Einatmen unter Umständen in tiefere Lungenabschnitte gelangen. Es ist möglich, dass die Dieselrußpartikel als „Träger“ der Allergene auch eine adjuvante (unterstützende) Wirkung haben und somit eine Sensibilisierung fördern. Die Umweltverschmutzung sorgt auch bei Haselsträuchern für Stress und verändert die Eiweißbildung derart, dass die betroffenen Menschen immer heftiger darauf reagieren. Wissenschaftler des Helmholtz-Zentrums in München haben herausgefunden, dass sich allergischen Reaktionen auf das Beifußblättrige Traubenkraut (Ambrosia artemisiifolia) verstärken, wenn dieses mit Stickstoffdioxid in Verbindung tritt. Dadurch erhöht sich die Anzahl der Allergene und diese werden aggressiver. Die Pollen der Ambrosia zählen zu den stärksten Allergieauslösern.Focus Heft 35/15, vom 22. August 2015, S. 82 Kindliche Allergien durch Medikamente Ein Zusammenhang zwischen Allergien und Impfungen besteht nicht. Im Gegenteil war in der DDR die Durchimpfungsrate deutlich höher (nahe 100 %) und zugleich die Allergierate niedriger als in der BRD (bis 1989) und es gibt Hinweise darauf, dass Impfungen das Allergierisiko senken können. Neu in der Diskussion sind Studien zur kindlichen Vitamin-D-Prophylaxe,I. Kull et al.: Early-life supplementation of vitamins A and D, in water-soluble form or in peanut oil, and allergic diseases during childhood. In: The Journal of allergy and clinical immunology. Band 118, Nummer 6, Dezember 2006, S. 1299–1304, . doi:10.1016/j.jaci.2006.08.022. PMID 17157660. zu ParacetamolG. Davey et al.: Use of acetaminophen and the risk of self-reported allergic symptoms and skin sensitization in Butajira, Ethiopia. In: The Journal of allergy and clinical immunology. Band 116, Nummer 4, Oktober 2005, S. 863–868, . doi:10.1016/j.jaci.2005.05.045. PMID 16210062. und zur Antibiotikatherapie.A. L. Kozyrskyj, P. Ernst, A. B. Becker: Increased risk of childhood asthma from antibiotic use in early life. In: Chest. Band 131, Nummer 6, Juni 2007, S. 1753–1759, . doi:10.1378/chest.06-3008, PMID 17413050. Erhöhte Allergenexposition Diese Überlegung bezieht sich darauf, dass aufgrund einer erhöhten Allergenexposition vermehrt Sensibilisierungen stattfinden könnten. Ursachen für eine erhöhte Exposition könnten sein: die Zunahme des Pollenflugs infolge einer Stressreaktion von Bäumen auf die Erderwärmung oder Schadstoffbelastung, die Zunahme der Milbenexposition durch verbesserte Isolierung der Häuser, der vermehrte Konsum exotischer Lebensmittel wie Kiwi. Veränderungen in der kommensalen Flora Veränderungen in der kommensalen Flora könnten ebenfalls das Immunsystem beeinflussen und im Zusammenhang mit dem vermehrten Auftreten von Allergien stehen. Veränderungen in der Darmflora können durch den Einsatz von Antibiotika und durch moderne Ernährungsgewohnheiten ausgelöst werden. Die Bakterienflora der Haut könnte durch die Einführung von Wegwerfwindeln verändert worden sein. Es wird diskutiert, ob Probiotika einen günstigen Effekt auf die Entwicklung von Allergien haben könnten. Veränderte Lebensgewohnheiten Es gibt etliche weitere Faktoren, von denen ebenfalls vermutet wird, dass sie die Entstehung allergischer Erkrankungen begünstigen können. Dies sind Rauchen, Autoabgase, Stress, kleinere Familien, veränderte Ernährung, aber auch ein veränderter individueller LebensstilG. M. Corbo, F. Forastiere u. a.: Wheeze and asthma in children: associations with body mass index, sports, television viewing, and diet. In: Epidemiology. Band 19, Nummer 5, September 2008, S. 747–755, . doi:10.1097/EDE.0b013e3181776213. PMID 18496466., der sich auf die Entwicklung von Atopie und Allergien auswirken könnte, wie die kürzere Stillzeit junger Mütter und ein dadurch bedingtes höheres Allergierisiko des Kindes. Kinder von Frauen, die während der Schwangerschaft Kontakt zu Tieren, Getreide oder Heu hatten, bekommen im späteren Leben seltener allergische Atemwegs- und Hauterkrankungen. Für einen optimalen Schutz ist aber ein anhaltender Kontakt zu Nutztieren oder Getreide nötig.J. Douwes, S. Cheng u. a.: Farm exposure in utero may protect against asthma, hay fever and eczema. In: The European respiratory journal. Band 32, Nummer 3, September 2008, S. 603–611, . doi:10.1183/09031936.00033707. PMID 18448493. Ursachen allergischer Erkrankungen Die Ursachen von Allergien kann man in genetische und nicht genetische Faktoren unterteilen. Genetische Faktoren Zu den genetischen Faktoren gehören: Disposition zur überschießenden Bildung von Gesamt-IgE und allergenspezifischen IgE-Antikörpern, sowie deren Fixierung besonders an Mastzellen und basophilen Granulozyten von Haut und Schleimhäuten (Atopie). Zu den genetischen Faktoren gehört auch eine verminderte Aktivität von Regulatorischen T-Zellen, deren Aufgabe es ist, die Aktivierung des Immunsystems zu begrenzen und dadurch die Selbsttoleranz des Immunsystems zu regulieren. Die allergische Reaktionsbereitschaft ist mit den HLA-Genen assoziiert. Eindeutig belegt ist ein erhöhtes Allergierisiko für Kinder, bei denen entweder ein oder beide Elternteile Allergiker sind. Offensichtlich spielen aber mehrere genetische Faktoren zusammen, es gibt also nicht das eine „Allergie-Gen“. Es gibt eine Vielzahl von Kandidatengenen, die möglicherweise oder wahrscheinlich an der Entstehung allergischer Erkrankungen beteiligt sind. Auch scheinen unterschiedliche allergische Veranlagungen (z. B. Allergisches Asthma, Atopische Dermatitis) unterschiedlich genetisch determiniert zu sein. Nicht genetische Faktoren Gestörte Barrierefunktion der Haut Ursache einer Allergie kann auch eine gestörte Barrierefunktion und eine damit verbundene erhöhte Durchlässigkeit von Haut und Schleimhaut sein, z. B. durch bakterielle oder virale Infekte oder durch chemische Irritation. Intensive Allergenexposition Auch eine verstärkte Allergenexposition kann bei entsprechender Veranlagung zu Allergien führen. Diese Form der Allergie spielt besonders bei berufsbedingten Allergien eine Rolle. Stress Körperlicher oder psycho-sozialer Stress ist nicht Ursache einer Allergie. Stress beeinflusst aber das Immunsystem. Körperlicher und/oder psycho-sozialer Stress kann deshalb eine bestehende Allergie verstärken oder aber bei einer bestehenden Sensibilisierung Auslöser für die allergische Erkrankung sein. Auslöser Allergene mini|EM-Bild von Pollen verschiedener Pflanzenarten mini|Hausstaubmilbe Auslöser von Allergien sind Allergene. Hier reagiert das Immunsystem in überempfindlicher Weise (Sensibilisierung) auf bestimmte Allergene. Allergene sind Antigene, also Substanzen, die vom Körper als fremd erkannt werden und eine spezifische Immunantwort auslösen. Diese normale körperliche Reaktion ist bei der Allergie fehlgeleitet, sodass eigentlich harmlose Antigene zu allergieauslösenden Allergenen werden. Es gibt eine Vielzahl von Allergenen. Meistens sind Allergene Polypeptide oder Proteine.Pschyrembel Klinisches Wörterbuch. 257. Auflage. De Gruyter, Berlin / New York 1994, ISBN 3-11-012692-3. Allergene können nach unterschiedlichen Gesichtspunkten eingeteilt werden: nach der Allergenquelle (z. B. Tierallergene, siehe insbesondere Allergie gegen Katzenepithelien, Pollenallergene, Hausstaubmilbenallergene) nach der Art des Kontakts mit den Allergenen (z. B. Inhalationsallergene, Nahrungsmittelallergene) nach dem Pathomechanismus, durch den die Allergene eine allergische Reaktion auslösen (z. B. IgE-reaktive Allergene, Kontaktallergene) nach ihrer allergenen Potenz in Haupt- und Nebenallergene nach ihrer Aminosäuresequenz in bestimmte Allergengruppen (z. B. Gruppe-5-Graspollenallergene) oder in bestimmte Proteinfamilien (z. B. Lipocaline, Profiline). Allergene können vom Körper durch Inhalation, durch Ingestion, durch Hautkontakt oder durch Injektion (darunter fallen auch Insektenstiche), aufgenommen werden. Nicht immunogene Substanzen Allergien gegen Wasser und Zucker sind per Definition nicht möglich, da einer Allergie eine unangemessene Immunantwort auf ein Allergen zu Grunde liegt. Wasser und Zucker sind aber nicht immunogen und daher auch nicht „allergisierend“. Eine Erkrankung, die gelegentlich als Wasserallergie bezeichnet wird, ist die extrem seltene aquagene Urtikaria (Wassernesselsucht). Als Wasserallergie wird hin und wieder auch eine Immunantwort auf im Leitungswasser gelöste Stoffe bezeichnet. Sensibilisierung Eine Allergie setzt eine Sensibilisierung voraus. Unter Sensibilisierung versteht man den 1. Kontakt mit dem Allergen und der für dieses Allergen spezifischen Immunantwort des Körpers. Diese Sensibilisierung verursacht keine Krankheitssymptome, kann aber im Blut nachgewiesen werden. Erst bei einem erneuten Kontakt mit dem Allergen nach Abschluss der Sensibilisierungsphase (5 Tage bis mehrere Jahre) treten bei Allergikern die allergischen Krankheitssymptome auf. Prophylaxe einer Sensibilisierung Die beste Prophylaxe gegen eine Allergie ist die Vermeidung der Sensibilisierung. Das vollständige Vermeiden von sämtlichen Allergenen ist unmöglich. Jedoch ist in bestimmten Fällen die Vermeidung bzw. Verringerung der Belastung mit potentiellen Allergenen möglich und sinnvoll: Vermeidung von Latex Kinder, die mit offenem Rücken (Spina bifida) geboren werden, haben ein sehr hohes Risiko einer Sensibilisierung gegen Latex. Es ist daher heute klinischer Standard, diese Kinder von Geburt an vor jedem Kontakt mit Latex (beispielsweise bei Latex-OP-Handschuhen) zu schützen. Stillen Die optimale Ernährung für Neugeborene ist das ausschließliche Stillen während mindestens der ersten 4 Lebensmonate. Es gibt retrospektive Studien, die beobachtet haben, dass gestillte Kinder seltener an Allergien leiden als nicht gestillte. In: AOK.de Hunde und Katzen Es gibt auch Studien dazu, dass Haushunde und auch Hauskatzen vor Allergien schützen können.C. Pelucchi, C. Galeone u. a.: Pet exposure and risk of atopic dermatitis at the pediatric age: a meta-analysis of birth cohort studies. In: The Journal of allergy and clinical immunology. Band 132, Nummer 3, September 2013, S. 616–622.e7, . doi:10.1016/j.jaci.2013.04.009. PMID 23711545.R. E. Pattillo: Keep the family dog. In: Nurse educator. Band 37, Nummer 6, 2012 Nov-Dec, S. 227, . doi:10.1097/NNE.0b013e31826f283d. PMID 23086057.J. Smallwood, D. Ownby: Exposure to dog allergens and subsequent allergic sensitization: an updated review. In: Current allergy and asthma reports. Band 12, Nummer 5, Oktober 2012, S. 424–428, . doi:10.1007/s11882-012-0277-0. PMID 22684981. (Review).S. C. Dharmage, C. L. Lodge u. a.: Exposure to cats: update on risks for sensitization and allergic diseases. In: Current allergy and asthma reports. Band 12, Nummer 5, Oktober 2012, S. 413–423, . doi:10.1007/s11882-012-0288-x. PMID 22878928. (Review). Diese sammeln im Freien Allergene ein, die dann später zu Hause an das Kind abgegeben werden. Dessen Immunsystem wird dann dazu trainiert, die Fremdkörper zwar zu erkennen, diese aber als harmlos einzustufen. Zumindest in einer tierexperimentellen Studie an Mäusen hat dies funktioniert.K. E. Fujimura, T. Demoor u. a.: House dust exposure mediates gut microbiome Lactobacillus enrichment and airway immune defense against allergens and virus infection. In: Proceedings of the National Academy of Sciences. Band 111, Nummer 2, Januar 2014, S. 805–810, . doi:10.1073/pnas.1310750111. PMID 24344318. . Arbeitsschutz Die exogen-allergische Alveolitis ist meist eine Berufskrankheit, die durch die Inhalation von bestimmten Stäuben (z. B. Mehl bei der Bäcker-Lunge) verursacht wird. Durch entsprechende Arbeitsschutz-Maßnahmen, wie das Tragen von Feinstaubmasken oder auch die Verwendung von Abzugshauben, kann der Allergenkontakt vermindert und die Mitarbeiter somit vor einer Sensibilisierung geschützt werden. Symptome Das Risiko, an einer Allergie zu erkranken, wird durch genetisch fixierte Prädisposition, durch die aktuelle Abwehrlage der Körpergrenzflächen, durch Häufigkeit und Intensität der Allergenexposition und durch die allergene Potenz der betreffenden Substanz bestimmt. Die Symptome einer Allergie können mild bis schwerwiegend und in einigen Fällen sogar akut lebensbedrohlich sein. Expositionsbedingt kann es sein, dass die Symptome nur saisonal auftreten, etwa zur Zeit des entsprechenden Pollenflugs, oder dass die Symptome ganzjährig auftreten, wie bei einer Allergie gegen Hausstaubmilbenkot. Je nachdem, mit welchem Organ Allergene durch den Körper aufgenommen werden, entstehen bei der Allergie unterschiedliche Krankheitssymptome. Allergiker können an einer Krankheitsform leiden, aber auch an Mischformen. Organmanifestationen können Respirationstrakt, Verdauungstrakt, Herz und Kreislauf, blutbildende Organe, Haut, Nieren, Gelenke und das Nervensystem betreffen. Symptome durch Inhalationsallergene Inhalationsallergien gehören zu den Typ-1-Allergien vom Soforttyp.Bayerisches Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit, Inhalationsallergie: Krankheitsbild, Häufigkeit, Auslöser, diagnostische Maßnahmen. Abgerufen am 3. März 2016. Inhalationsallergene werden über die Atmungsorgane aufgenommen und/oder gelangen über die Schleimhäute von Nase und Augen in den Körper.Institut für Umweltforschung e. V., Inhalationsallergene. Abgerufen am 1. März 2016. Zu den Inhalationsallergenen gehören z. B. Allergene aus Pollen, Pilzsporen, tierischen Epithelien, Federstaub, Speichel, Schweiß, Urin und Kot, Milbenkot, Insektenschüppchen, Holz- und Mehlstaub, Formaldehyd und Harzen. Inhalationsallergene lösen primär Atemwegssymptome aus, können sekundär aber auch Haut- und Darmsymptome sowie Kreislauf- und NervenreaktionenMichaela Haas Durch Schimmel und Hölle, Süddeutsche Zeitung, 7./8. Oktober 2017 S. 47 auslösen. Typische allergische Erkrankungen durch Inhalationsallergene sind Allergische Rhinitis (Heuschnupfen), Konjunktivitis (Bindehautentzündung), Hustenreiz, bronchiale Hyperreaktivität, Asthma bronchiale. Symptome durch Ingestionsallergene Ingestionsallergene werden durch den Mund bzw. den Verdauungstrakt aufgenommen. Manche Ingestionsallergene werden erst im Laufe des Verdauungsprozesses freigesetzt und vom Körper aufgenommen. Die Symptome einer Allergie gegen Nahrungsmittel oder gegen oral aufgenommene Medikamente können deshalb innerhalb weniger Minuten oder auch erst mehrere Stunden nach der Nahrungsaufnahme/Medikamenteneinnahme auftreten, obwohl es sich bei der Nahrungsmittelallergie um eine Typ-I-Soforttyp-Allergie handelt. Die Arzneimittelallergie kann in Form eines Arzneimittelexanthems auch als Typ-IV-Spätreaktion auftreten. Ingestionsallergene können bei entsprechend veranlagten und sensibilisierten Menschen primär Verstopfung, Brechdurchfall oder abdominale Koliken verursachen, über die Aufnahme der Allergene durch das Blut auch Haut- und/oder Atemwegssymptome. Symptome durch Kontaktallergene mini|Allergischer Hautausschlag Kontaktallergene werden über die Haut aufgenommen. Sie überwinden die Barrierefunktion der Haut. Kontaktallergene können sowohl eine Sofortreaktion der Haut auslösen z. B. Kontakturtikaria oder auch eine Spätreaktion (Typ-IV-Spättyp-Allergie), die erst nach 12 bis 72 Stunden eintritt, z. B. das allergische Kontaktekzem. Symptome durch Injektionsallergene Injektionsallergene werden durch Injektion oder Infusion in den Körper eingebracht. Die Barrierefunktion von Haut und Schleimhaut wird dadurch umgangen. Zu den Injektionsallergenen gehören tierische Gifte (z. B. von Bienen, Wespen, Feuerameisen, Quallen, Seeanemonen, Feuerkorallen) und Medikamente (z. B. Penicillin). Zu den typischen allergischen Reaktionen durch Injektionsallergene gehören eine gesteigerte örtliche Reaktion und/oder anaphylaktische Reaktionen.Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Allergologie und Immunologie (DGAI), Insektengiftallergie. Abgerufen am 3. März 2016. Systemische Reaktionen Unabhängig davon, mit welchem Organ Allergene vom Körper aufgenommen werden, kann eine Allergie auch systemische Reaktionen verursachen, die den gesamten Körper betreffen, z. B. Urtikaria und anaphylaktische Reaktionen. Kreuzallergie Unter einer Kreuzallergie versteht man eine Sensibilisierung gegenüber biologisch oder chemisch verwandten Substanzen. Die Struktur dieser Substanzen ist teilweise identisch, so dass vom Immunsystem mehrere unterschiedliche Substanzen als Allergen erkannt werden können, obwohl eine Sensibilisierung nur gegen eine der Substanzen vorliegt. Beispielsweise können Allergiker gegen Birkenpollen auch auf Äpfel allergisch reagieren. Die allergische Reaktion kann bei der Kreuzallergie bereits beim Erstkontakt erfolgen, wenn es vorher eine Sensibilisierung mit einer ähnlichen Substanz gab.Deutscher Allergie- und Asthmabund e. V. (DAAB), Kreuzallergie. Abgerufen am 4. März 2016. Systematik von Allergien nach Pathomechanismus mini|Typvergleich der Allergien Coombs und Gell haben 1963 als erste Menschen Allergien nach ihren pathophysiologischen Mechanismen in vier Typen eingeteilt, die sich überlappen können: Frühtypen Die Frühtypen (Typ-I- bis Typ-III-Allergien), genannt auch allergische Sofortreaktionen, werden durch Antikörper vermittelt (humorale Allergie). Typ-I-Allergie (Soforttyp, anaphylaktischer Typ) mini|Typ1-Reaktion Die Typ-I-Allergie ist die häufigste Allergieform.Deutsche Dermatologische Gesellschaft, Vereinigung deutschsprachiger Dermatologen e. V., Allergien erkennen – Leben retten. Abgerufen am 5. März 2016. Bei der Typ-I-Allergie liegt eine Fehlfunktion der Regelung der IgE-Antikörper vor. IgE-Antikörper bewirken durch mehrere Mediatoren schon in geringen Mengen eine Erweiterung der Blutgefäße und steigern deren Durchlässigkeit für weiße Blutkörperchen. T-Zellen, die normalerweise die IgE-Aktivität auf ein vernünftiges Maß einschränken, fehlen bei der Typ-I-Allergie oder sind zu wenig aktiv. Bei der Typ-I-Allergie werden durch die Vermittlung von IgE-Antikörpern Entzündungsmediatoren, z. B. Histamin, Leukotriene, Prostaglandine, Kallikrein, aus Basophilen Granulozyten und Mastzellen freigesetzt. Dadurch wird eine Entzündung von Haut, Schleimhaut oder eine systemische Entzündung hervorgerufen. Die allergische Reaktion bei der Typ-I-Allergie erfolgt innerhalb von Sekunden bis Minuten. Eventuell ist eine zweite Reaktion nach 4 bis 6 Stunden möglich (verzögerte Sofortreaktion). Diese zweite Reaktion darf nicht mit der Spättypreaktion der Typ-IV-Allergie verwechselt werden. Typische Krankheiten der Typ-I-Allergie: Allergisches Asthma allergische Bindehautentzündung Heuschnupfen Nesselsucht Angioödem Anaphylaxie (anaphylaktischer Schock) Arzneimittelallergien Jones-Mote-Reaktion Nahrungsmittelallergien Typ-II-Allergie (zytotoxischer Typ) Bei der Typ-II-Allergie kommt es zur Bildung von Immunkomplexen aus membranständigen Antigenen (z. B. Medikamenten, Blutgruppenantigenen) mit zirkulierenden IgG- oder IgM-Antikörpern. Dadurch werden das Komplementsystem oder zytotoxische Killerzellen aktiviert und es kommt zur Zytolyse (Zerstörung) körpereigener Zellen. Die allergische Reaktion bei der Typ-II-Allergie erfolgt nach 6 bis 12 Stunden. Typische Krankheiten für die Typ-II-Allergie: allergisch bedingte Hämolytische Anämie Thrombopenie Agranulozytose Transfusionszwischenfälle Paxillus-Syndrom Typ-III-Allergie (Immunkomplextyp, Arthus-Typ) Bei der Typ-III-Allergie werden Immunkomplexe aus präzipitierenden IgG- und IgM-Antikörpern und Allergenen gebildet. Dadurch werden Komplementfaktoren aktiviert, insbesondere C3a und C5a. Diese speziellen Teile des Komplementsystems führen zur Phagozytose (aktiven Aufnahme) der Immunkomplexe durch Granulozyten unter Freisetzung gewebeschädigender Enzyme, z. B. Elastase, Kollagenase, Myeloperoxidase. Die allergische Reaktion bei der Typ-III-Allergie erfolgt nach 6 bis 12 Stunden. Typische Krankheiten für die Typ-III-Allergie: Serumkrankheit allergische Vaskulitis exogen-allergische Alveolitis Allergische bronchopulmonale Aspergillose Spättyp Der Spättyp (die Typ-IV-Allergie), genannt auch verzögerte allergische Reaktion, wird durch spezifisch sensibilisierte T-Zellen vermittelt (zellvermittelte Allergie). Typ-IV-Allergie (verzögerter Typ) Die Typ-IV-Allergie ist nach der Typ-I-Allergie die häufigste Allergieform. Bei der Typ-IV-Allergie werden Lymphokine aus spezifisch sensibilisierten T-Lymphozyten freigesetzt. Diese Lymphokine bewirken die Aktivierung bzw. Vermehrung von Makrophagen und mononukleären Zellen sowie deren Wanderung an den Ort der Allergenbelastung. Dadurch erfolgt eine lokale Infiltration und Entzündung. Die allergische Reaktion bei der Typ-IV-Allergie erfolgt nach 12 bis 72 Stunden. Typische Krankheiten der Typ-IV-Allergie: Allergisches Kontaktekzem (Kontaktallergie bei längerem Kontakt der Haut mit einem Antigen) Tuberkulinreaktion und andere Infektionsallergien (bei Gegenwart von Bakterien oder Viren)Lothar Kerp: Allergie und allergische Reaktionen. 1961, S. 1153–1155 (Verzögerte allergische Reaktionen). Arzneimittelexanthem Transplantatabstoßung persistierende granulomatöse Reaktion Allergietests Auch ein positiver Allergietest ist allein kein Nachweis für eine Allergie. Die Diagnose Allergie kann nur im Zusammenhang mit dem Allergietest und den klinischen Beschwerden gestellt werden. Durch den Hauttest und den Bluttest wird lediglich die Sensibilisierung gegen eine bestimmte Substanz nachgewiesen. Diese Testungen sagen wenig darüber aus, ob überhaupt Beschwerden bestehen oder über die Art oder Schwere der Beschwerden. Mit den Provokationstests werden eine Unverträglichkeit und das Beschwerdebild dieser Unverträglichkeit nachgewiesen, aber nicht, ob es sich bei dieser Unverträglichkeit tatsächlich um eine Allergie handelt.Netzwerk Deutscher Apotheker GmbH (DAN), Allergien. Abgerufen am 6. März 2016. Hauttests mini|Pricktest mini|Epikutan- oder Patchtest Hauttests werden als Standarduntersuchungen vorgenommen, wenn der Verdacht besteht, dass ein Patient allergisch auf eine Substanz reagiert. Beim Hauttest werden Allergenextrakte bzw. allergenhaltiges Material auf verschiedene Weisen mit der Haut in Kontakt gebracht. Sensibilisierte Betroffene zeigen nach definierten Zeiten lokale Reaktionen vom Sofort-Typ oder Spät-Typ. An ihnen kann abgelesen werden, gegen welche Allergene oder Allergenquellen der Patient sensibilisiert ist. Dieser Test kann unter Umständen auch Hinweise auf den Schweregrad der allergischen Reaktion geben. Pricktest: Die am häufigsten angewendete Methode ist der Pricktest (auch skin prick test (SPT)), bei dem einzelne Tropfen von glyzerinisierten Allergenextrakten sowie Histamin und isotonische Kochsalzlösung (als Referenzen) auf den Unterarm oder den Rücken aufgebracht werden. Bei dem Test werden mögliche Allergene in kleinen Abständen voneinander aufgetragen. Durch die Tropfen hindurch wird mit einer Spezialnadel (Lanzette) etwa 1 mm in die Haut gestochen, damit die Allergene in diese gelangen. Nach ca. 15 Minuten kann die Sofortreaktion abgelesen werden. Wenn die Haut an den betreffenden Stellen rot ist und anschwillt, dann handelt es sich um eine allergische Reaktion. Prick-to-prick-Test: Beim Prick-to-prick-Test wird erst mit der Lanzette in die vermutete Allergenquelle gestochen (Früchte) und dann in die Haut des Patienten. Intrakutantest: Beim Intrakutantest werden ca. 20 Mikroliter von wässrigen Allergenextrakten mit einer Tuberkulinspritze oberflächlich in die Haut injiziert. Reibetest: Der Reibetest wird bei besonders empfindlichen Menschen angewandt. Der Arzt reibt den vermuteten Allergieauslöser an der Innenseite des Unterarms. Bei positiver Reaktion zeigen sich großflächige Rötungen oder Quaddeln. Scratchtest: Beim Scratchtest werden Allergenextrakte auf die Beugeseite des Unterarms gegeben und die Haut mit einer Lanzette 5 mm lang oberflächlich angeritzt. Dieser Test wird aber wegen seiner Ungenauigkeit selten angewendet. Epikutantest: Unter anderem bei der Kontaktdermatitis wird ein Pflastertest angewendet, der Epikutantest oder Atopie-Patch-Test. Dabei werden die vermuteten Allergene in Vaseline eingearbeitet eingesetzt. Die Allergen-Vaseline-Mischungen werden auf zirka 1,5 Zentimeter im Durchmesser große und zirka zwei Millimeter tiefe Aluminiumscheiben gebracht. Mit einem Pflaster werden diese Aluminiumkammern dann so auf die Haut am Rücken oder an den Oberarmen des Patienten geklebt, dass die Allergen-Vaseline-Mischungen auf der Haut fixiert werden. Weil Kontaktdermatitiden Spät-Typ-Reaktionen sind, muss das Pflaster zwei bis drei Tage auf der Haut bleiben, bevor ein Ergebnis abgelesen werden kann. Problematisch bei diesem Test sind die geringe Sensitivität und die schlechte Reproduzierbarkeit. Der Atopie-Patch-Test wird daher derzeit bei Nahrungsmitteln nicht mehr empfohlen. Provokationstests Bei Provokationstests wird das vermutete Allergen dem Patienten nicht über die Haut, sondern in anderer Form zugeführt. Der wesentliche Vorteil der Provokationstests liegt darin, dass eine Beschwerde-Auslösung nachgewiesen werden kann und nicht nur wie beim Bluttest mittels Nachweis von IgE-Antikörpern eine Sensibilisierung. Da bei Provokationstests unerwartet heftige Krankheitszeichen bis zum lebensbedrohlichen anaphylaktischen Schock auftreten können, sollten sie nur von einem allergologisch erfahrenen Arzt durchgeführt werden, der erforderlichenfalls auch die entsprechenden Notfallmaßnahmen durchführen kann. Rhinomanometrie Bei allergischer Rhinoconjunctivitis (Heuschnupfen) kann zur Provokation ein Allergenextrakt in die Nase gesprüht werden und anschließend die allergische Reaktion gemessen werden, indem die Schwellung der Nasenschleimhaut mittels einer sogenannten Rhinomanometrie oder der Tryptase-Spiegel im Blut gemessen wird. Lungenfunktionsprüfung Bei allergischem Asthma erfolgt die Provokation durch die Inhalation eines Allergenextrakts mit anschließender Erfassung der allergischen Reaktion mit einer Lungenfunktionsprüfung. Da Asthma meist mit einer bronchialen Hyperregibilität einhergeht, kann auch unspezifisch mit ansteigenden Konzentrationen einer Methacholin-Lösung provoziert werden (Methacholintest). Doppelblinde plazebokontrollierte orale Nahrungsmittelprovokation Bei schweren Nahrungsmittelallergien kann die double blind placebo controlled food challenge (Doppelblinde plazebokontrollierte orale Nahrungsmittelprovokation (DBPCFC)) angewendet werden. Dabei werden einer hypoallergenen Grundnahrung nach und nach verschiedene Nahrungsmittel so zugefügt, dass weder der Patient noch der Arzt das Nahrungsmittel erkennen kann. Dabei wird die Verträglichkeit beobachtet. So kann festgestellt werden, welche Nahrungsmittel allergische Reaktionen auslösen, und es können andersherum auch Nahrungsmittel identifiziert werden, die gefahrlos konsumiert werden können. Dieses Verfahren ist allerdings sehr zeitaufwändig und kann i. d. R. nur stationär durchgeführt werden.Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Allergologie und klinische Immunologie (DGAKI), des Äzteverbandes Deutscher Allergologen (ÄDA) sowie der Gesellschaft für Pädiatrische Allergologie und Umweltmedizin (GPA), Standardisierung von oralen Provokationstests bei Nahrungsmittelallergien. Abgerufen am 5. März 2016. Blutuntersuchungen IgE Antikörper In Blutproben können IgE-Antikörper gemessen werden. Zum einen kann der Gesamt-IgE-Spiegel gemessen werden, der alle freien IgE-Antikörper erfasst. Dieser Wert ermöglicht eine Aussage darüber, ob generell vermehrt IgE-Antikörper gebildet werden. Erhöhte Gesamt-IgE-Werte kommen aber nicht nur bei allergischen Erkrankungen vor, sondern auch bei Parasitenbefall und bestimmten hämatologischen Erkrankungen. Zum anderen können auch allergenspezifische IgE-Antikörper nachgewiesen werden. Hierbei werden also die IgE-Spiegel ermittelt, die sich konkret gegen eine Allergenquelle richten. Die quantitative Messung von IgE-Antikörpern im Blut korreliert jedoch nur schlecht mit dem klinischen Bild. Das heißt, die Messung von IgE-Antikörpern im Blut erlaubt eine Aussage über die Sensibilisierungen eines Allergikers, aber nur bedingt eine Einschätzung der Schwere der Symptome und gar keine Aussage über die Art der Symptome. Es kann auch sein, dass allergenspezifische IgE-Antikörper trotz Sensibilisierung nicht nachgewiesen werden können. ECP Ein weiterer Parameter, der in Blutproben gemessen werden kann, ist das eosinophile kationische Protein (ECP). ECP wird von aktivierten Eosinophilen ausgeschüttet. ECP ist ein Entzündungsparameter und wird zur Verlaufskontrolle bei allergischem Asthma oder bei atopischer Dermatitis bestimmt. Tryptase Tryptase kann ebenfalls in Blutproben nachgewiesen werden. Tryptase wird von aktivierten Mastzellen ausgeschüttet und ist ein für aktivierte Mastzellen hochspezifischer Parameter. Der Tryptase-Spiegel wird auch bestimmt zur Diagnostik beim anaphylaktischen Schock, zur postmortalen Diagnose beim Asthmatod, zur Diagnostik der Mastozytose und bei der Provokationstestung bei allergischer Rhinitis. LTT Durch einen Lymphozytentransformationstest (LTT) kann die Bestimmung sensibilisierter Lymphozyten nachgewiesen und quantifiziert werden. Dies kann bei bestimmten Typ-IV-(Spät-)Allergien sinnvoll sein. Therapie Allergenkarenz Die Allergenkarenz, d. h. die Allergenvermeidung, ist bei sensibilisierten Personen die optimale Therapie, um eine Allergie zu vermeiden, da eine Allergie nur bei einem Kontakt mit dem entsprechenden Allergen auftreten kann. Eine fortgesetzte Allergenbelastung steigert die Immunantwort auf das Allergen, während eine dauerhafte Allergenkarenz die Sensibilisierung zwar nicht aufhebt, die spezifische Immunantwort aber abschwächt. Wenn die strikte Vermeidung eines Allergens nicht möglich ist, sollte eine möglichst weitgehende Verringerung der Allergenbelastung erfolgen, da eine Allergie auch von der Intensität der Allergenbelastung abhängt.Allergie- und Asthma-Zentrum Westend (AAZW), Pollen, Milben und Co. – Was tun bei Allergien? Abgerufen am 6. März 2016. Bestimmte Produkte, wie milbendichte Matratzenbezüge bei der Hausstaubmilbenallergie oder Pollenfilter in Klimaanlagen bei der Pollenallergie, helfen, den Allergenkontakt zu reduzieren. Auch wenn bei der Tierhaarallergie ein Verzicht auf Haustiere den Allergenkontakt stark reduziert, so sind Tierhaarallergene sehr stabil, werden verschleppt und können auch an Orten wie Schulen nachgewiesen werden, an denen normalerweise keine Tiere gehalten werden. Nahrungsmittelallergene hingegen können meistens sehr gut vermieden werden. Im Jahr 1925 begründete Willem Storm van Leeuwen (1882–1933) „antiallergische Kammern“.Paul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff/Diepgen/Goerke: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7., neubearbeitete Auflage. Springer, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1960, S. 65. Medikamentöse Therapie Die meisten Allergien werden mit Medikamenten behandelt, die das Auftreten von allergischen Symptomen mildern oder verhindern, aber keine Heilung von der allergischen Erkrankung bewirken können. Diese Antiallergika werden je nach Krankheitsform und Schwere der Erkrankung in unterschiedlichen Darreichungsformen (Tabletten, Nasensprays, Asthmasprays, Augentropfen, Cremes, Salben und Injektionen) und in unterschiedlichen Intervallen (bei akutem Bedarf, prophylaktisch, dauerhaft) angewendet. Eingesetzte Wirkstoffe zur Allergiebehandlung sind Antihistaminika (zum Beispiel Loratadin) Adrenalin (bei schweren Reaktionen) Glukokortikoide (zum Beispiel Prednison) Mastzellstabilisatoren (zum Beispiel Cromoglicinsäure) pflanzliche Wirkstoffe (z. B. Extrakte aus der Wurzel der Tragant) Bei Asthma bronchiale β2-Sympathomimetika (zum Beispiel Salbutamol) Leukotrienrezeptor-Antagonisten (zum Beispiel Montelukast) Theophyllin humanisierte monoklonale Antikörper (zum Beispiel Omalizumab) bei schwerem allergischen Asthma Schwere akute Fälle mit anaphylaktischem Schock sind lebensbedrohlich und erfordern ärztliche Notfallmaßnahmen. Antihistaminika intravenös Adrenalin intramuskulär und intravenös Glukokortikoide Infusionen zum Volumenersatz Patienten, bei denen bekannt ist, dass sie Gefahr laufen, einen anaphylaktischen Schock zu erleiden (z. B. bei Insektengiftallergien), wird ein Notfallset mit Antihistaminikum, Glukokortikoid, eventuell einem Inhalationspräparat und einem Autoinjektor mit Adrenalin verschrieben (Adrenalin-Pen), welches sie stets bei sich tragen sollten. Ausblicke Verschiedene Wirkstoffe vor allem zur Dämpfung der Immunreaktion werden derzeit auf ihre Eignung als Medikament getestet. Wirkstoff (Markenname) Wirkprinzip Status Quellen CYT003-QbG10 Immunmodulator (T-Zellen Th2 -> Th1 Shift) Phase-II-Studien erfolgreich Q2 TOLAMBA Immunmodulator (T-Zellen Th2 -> Th1 Shift) Phase-II/III-Studie erfolgreich Q4 AIC Immunmodulator (Histamin-Reduktion) Phase-III-Studie läuft Q5 Hyposensibilisierung Die Hyposensibilisierung, auch Spezifische Immuntherapie (SIT), ist bislang die einzige verfügbare kausale Therapie bei Typ-I-Allergien. Bei der Hyposensibilisierung wird die allergenspezifische IgE-vermittelte Reaktionsbereitschaft des Immunsystems (Allergie vom Soforttyp, Typ-I-Allergie) herabgesetzt durch regelmäßige Zufuhr des Allergens über einen längeren Zeitraum in unterschwelligen, langsam ansteigenden Konzentrationen. Das Allergen oder das modifizierte Allergen (Allergoid) werden entweder unter die Haut gespritzt (subkutane Immuntherapie (SCIT)) oder als Tropfen oder Tabletten sublingual (sublinguale Immuntherapie (SLIT)) aufgenommen.S2k-Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Allergologie und klinische Immunologie (DGAKI): (Allergen-) spezifische Immuntherapie bei IgE vermittelten allergischen Erkrankungen (Stand 10/2014, online: ) Abgerufen am 7. März 2016. Voraussetzung für eine erfolgreiche Hyposensibilisierung ist die Bereitschaft und Fähigkeit des Allergikers, die Therapie über einen Zeitraum von drei Jahren, sowie die anschließende Erhaltungstherapie, regelmäßig durchzuführen. Die Indikation für eine Hyposensibilisierung besteht für Menschen ab 5 Jahre, wenn das verursachende Allergen nicht gemieden werden kann, die Wirkung der Hyposensibilisierung für die behandelnde Erkrankung belegt ist und ein geeigneter Allergenextrakt verfügbar ist. Die Wirksamkeit der Hyposensibilisierung ist durch mehrere Studien für Rhinokonjunktivitis bei Pollenallergie, für das allergische Asthma bronchiale, für die Hausstaubmilbenallergie, für die Schimmelpilzallergie, für die Tierhaarallergie und für die Insektengiftallergie belegt. Auch konnte durch entsprechende Studien für einige Produkte nachgewiesen werden, dass durch die Hyposensibilisierung das Asthmarisiko verringert und die Neusensibilisierung auf weitere Allergene reduziert wird. Aus diesem Grund sollte die Hyposensibilisierung bei Kindern und Jugendlichen frühzeitig erfolgen und solche Produkte gewählt werden, für die dieser Effekt nachgewiesen wurde.G. B. Pajno, G. Barberio u. a.: Prevention of new sensitizations in asthmatic children monosensitized to house dust mite by specific immunotherapy. A six-year follow-up study. In: Clinical and experimental allergy. Band 31, Nr. 9, September 2001, S. 1392–1397, . PMID 11591189. Prognose Nahrungsmittelallergien bei Kindern Das Immunsystem von Kindern ist noch nicht voll ausgereift. Kinder haben deshalb eine erhöhte Allergieneigung. Auch und gerade bei Kindern kann deshalb im Verlauf der Erkrankung eine Allergieform durch eine andere ersetzt werden oder zu einer Allergie eine weitere hinzutreten. Bei konsequenter Meidung des auslösenden Allergens verschwindet eine Nahrungsmittelallergie mit Reifung des Immunsystems meistens bis zum 5. Lebensjahr, vor allem die Kuhmilch- und die Hühnereiallergie. Andere Nahrungsmittelallergien, z. B. die Erdnussallergie, haben allerdings nur eine geringe Besserungstendenz. Abgerufen am 14. Februar 2019. Veränderte Reaktionsbereitschaft von Zellen Besonders bei chronischem Verlauf der Typ-I-Allergie erhöht sich die Reaktionsbereitschaft von Mastzellen, Monozyten, sowie von basophilen und eosinophilen Granulozyten. Dadurch können die Symptome einer bestehenden Allergie verstärkt werden und/oder neue Allergien hinzutreten. Etagenwechsel Unter einem Etagenwechsel versteht man bei der Inhalationsallergie das Übergreifen IgE-vermittelter Allergiesymptome (Typ-1-Sofort-Allergie) von den Konjunktiven (Bindehaut des Auges) auf die Nasen- und Bronchialschleimhaut oder von den oberen Atemwegen auf die unteren Atemwege, ein Heuschnupfen wird zum allergischen Asthma. Auch das Hinzutreten weiterer Inhalationsallergien und/oder das Auftreten von Kreuzallergien wird als Etagenwechsel bezeichnet.Lungenärzte im Netz, Allergien, Krankheitsbilder. Abgerufen am 9. März 2016. Unbehandelt führen 30–40 % aller Allergien gegen Inhalationsallergene zu einem Etagenwechsel. Pseudoallergien und Intoleranzen mini|Allergie und Pseudoallergie Es gibt Krankheiten, deren Symptome einer Allergie gleichen, die jedoch nicht immunologisch bedingt sind. Diese Krankheiten werden als Pseudoallergie oder Intoleranz bezeichnet. Bei der Pseudoallergie werden die allergieähnlichen Symptome ausgelöst, indem Mastzellen unspezifisch aktiviert werden. Wenn Mastzellen aktiviert werden und degranulieren, dann setzen sie eine Reihe von Entzündungsmediatoren (z. B. Histamin) frei. Es entsteht eine Entzündungsreaktion, die sich in allergieähnlichen Symptomen äußert. Während bei Allergien die Aktivierung der Mastzellen spezifisch erfolgt, nämlich dadurch, dass bestimmte Allergene an oberflächlich gebundene Antikörper binden können, so erfolgt die Mastzell-Aktivierung bei Pseudoallergien unspezifisch, also ohne Beteiligung der oberflächlich gebundenen Antikörper. Abzugrenzen von der Pseudoallergie und der Allergie ist die Intoleranz, die ebenfalls allergieähnliche Symptome verursachen kann. Bei der Intoleranz handelt es sich um eine Stoffwechselstörung. Der Körper kann bestimmte Substanzen nicht oder nicht ausreichend verstoffwechseln, meistens aufgrund eines Enzymdefektes. Arzt für Allergologie Die Ausbildung zum Allergologen ist eine Zusatzausbildung für Fachärzte. Dieser Facharzt ist also nur für Allergien in seinem Fachbereich zuständig. Für die Hauttestungen ist der Dermatologe mit der Zusatzausbildung Allergologie zuständig. Für die mit ähnlichen Symptomen auftretenden Pseudoallergien und Intoleranzen gibt es keine speziellen Fachärzte. Da sich beim Allergiker aber die Symptome nur in den seltensten Fällen auf ein Organ beschränken, der Kranke selbst gar nicht erkennen kann, ob seine Symptome von einer Allergie, einer Pseudoallergie oder einer Intoleranz herrühren und welche spezielle Diagnostik er benötigt, ist die Diagnose von Unverträglichkeiten oft langwierig und schwierig, da man für die Diagnose oft mehrere Ärzte aufsuchen muss. Siehe auch Allergiekarriere Pathergie Literatur Clemens von Pirquet: Allergie. In: Münchener Medizinische Wochenschrift. Band 30, 1906, S. 1457–1458 (erste Erwähnung des Begriffs „Allergie“). Björn M. Hausen, Ines K. Vieluf: Allergiepflanzen – Handbuch und Atlas. Kontaktallergene – Allergische Frühreaktionen. 2., erweiterte Auflage. Nikol Verlagsgesellschaft, Hamburg 1997, ISBN 3-933203-48-1. Claus Bachert, Bernd Kardorff: Allergische Erkrankungen in der Praxis. 2. Auflage.Uni-Med Verlag, Bremen 2001, ISBN 3-89599-505-3. Bärbel Häcker: Allergie. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin / New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 40–41. Weblinks Einzelnachweise Kategorie:Immunologie
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Chirurgie
mini|Chirurgischer Eingriff in Dresden (1956) Die Chirurgie (über von „Arbeiten mit der Hand, Handarbeit, Handwerk, Handwirkung“) ist ein Teilgebiet der Medizin, das sich mit der operativen Behandlung von Krankheiten und Verletzungen beschäftigt. Eine die Chirurgie oder Teilgebiete der Chirurgie ausübende Person wird Chirurg genannt (von lateinisch chirurgus). Das Wort bezeichnete bis ins 16. JahrhundertVgl. etwa Philippus Begardi: Index Sanitatis. Eyn schoens und vast nützlichs Buechlin, genant Zeyger der gesundtheyt […]. Worms 1539, Blatt IV. einen Wundarzt;Georges (1913). das heutige Synonym ist ein operativ tätiger Mediziner.Arnulf Thiede: Reflexionen zur chirurgischen Laufbahn: Gegenwart und Zukunft der Chirurgie. In Medizinhistorische Mitteilungen. Zeitschrift für Wissenschaftsgeschichte und Fachprosaforschung. Band 36/37, 2017/2018 (2021), S. 231–252, hier: S. 247. Dagegen wurde in der Antike und bis weit in die Neuzeit hinein ein Arzt als Chirurg (von griechisch , wörtlich „Handwerker“) bezeichnet, der eine (nicht notwendigerweise blutigeNoch für Girolamo Fabrizio (1533–1619) waren das Einrenken von luxierten Gelenken und die nichtoperative Therapie von Knochenbrüchen chirurgische Maßnahmen.) Manipulation am Körper des Patienten vornahm. Die moderne Chirurgie entwickelte sich Ende des 19. Jahrhunderts, nachdem die Grundlagen der heutigen Asepsis und Antisepsis zur Verhütung von Wundinfektionen und Blutvergiftungen sowie die der AnästhesieVgl. etwa N. M. Greene: Anesthesia and the development of surgery (1848–1896). In: Anesthesiology, Band 58, 1979, S. 5–12. gelegt waren und sich ein tieferes Verständnis von Physiologie und Pathophysiologie entfaltet hatte.Ulrich von Hintzenstern, Wolfgang Schwarz: Frühe Erlanger Beiträge zur Theorie und Praxis der Äther- und Chloroformnarkose. Teil 1: Heyfelders klinische Versuche mit Äther und Chloroform. In: Der Anaesthesist, Band 45, Heft 2, 1996, S. 131–139, hier: S. 138. Geschichte Steinzeit mini|Darstellung von chirurgischen Instrumenten an der Rückwand des Tempels zu Kom Ombo (331–304 v. Chr.) Schon aus der Steinzeit sind chirurgische Eingriffe nachgewiesen, die von den Patienten überlebt wurden. Diese Kunst war möglicherweise nicht auf den anatomisch modernen Menschen (Homo sapiens) beschränkt: Ein etwa 50.000 Jahre alter Skelettfund eines männlichen Neandertalers (Homo neanderthalensis) in der Shanidar-Höhle im Irak belegt eine mutmaßliche (allerdings umstrittene) Armamputation unterhalb des rechten Ellenbogens.Manfred Reitz: Steinzeitchirurgie. In: Pharmazeutische Industrie. Band 73, 2011, S. 1755–1757.Gerry Everding: Older Neandertal survived with a little help from his friends. Washington University, 23. Oktober 2017. Seit 12.000 Jahren lassen sich überlebte Trepanationen nachweisen. Das älteste akzeptierte Beispiel einer Amputation beim Menschen – eine Amputation von Fuß und Unterschenkel an einem Kind, die verheilte – fand sich 2020 auf Borneo (Liang-Teho-Höhle) und ist 31.000 Jahre alt.TimRyan Maloney, I. E. Dilkes-Hall, M. Vlok, Maxime Aubert u. a., Surgical amputation of a limb 31,000 years ago in Borneo. In: Nature, 2022 Davor war das älteste akzeptierte Beispiel ein 7000 Jahre altes Skelett aus der Jungsteinzeit in Buthiers-Boulancourt in Frankreich, dem der linke Unterarm teilweise amputiert wurde, das teilweise verheilte. Antike und Mittelalter Operationen wurden in der Antike, besonders bei Ägyptern,Doris Schwarzmann-Schafhauser: Unter dem Primat des Totenkults? Die Chirurgie im Alten Ägypten. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. Band 24, 2005, S. 73–81. GriechenMarkwart Michler: Alexandrinische Chirurgie. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 32–38. (bereits bei Homer genannt) und Römern, mit speziellen (meist metallischen) Werkzeugen durchgeführt. Über die Erfolge und Heilungen ist wenig bekannt. Zu den Aufgaben der Chirurgie gehören seit jeher die Blutstillung bei VerletzungenWalter von Brunn: Zur Geschichte der Blutstillung. In: Die Medizinische Welt. Band 9, 1935, S. 107 f. sowie die Behandlung von Knochenbrüchen,Volker Zimmermann: Die mittelalterliche Frakturbehandlung im Werk von Lanfrank und Guy de Chauliac. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. Band 6, 1988, S. 21–34.Volker Zimmermann: Zwischen Empirie und Magie: Die mittelalterliche Frakturbehandlung durch Laienpraktiker. In: Gesnerus. Band 45, 1988, S. 343–352. von eiternden Wunden und chronischen Geschwüren.Philippus Begardi: Index Sanitatis. Eyn schoens und vast nützlichs Buechlin, genant Zeyger der gesundtheyt […]. Worms 1539, Blatt IV: „Chirurgici, das seind Artzet, so alleyn mit der handtwirckung artznei brauchen, unnd heyssend Wundaertzet oder Schneidaertzet, als do seind die jhenen, so do heylen wunden, alte schaeden, beulen, eusserliche gewaechs am leib abschneiden, steyn und brüch schneiden, zerbrochen und verruckte glider wider in eynander richten, verbinden, verschienen, verwaren und heylen, mitsampt andern dergleichen gebresten.“ Auch konservative chirurgische Therapiemethoden sind seit dem Altertum bekannt. So werden im etwa 1550 v. Chr. entstandenen Papyrus Edwin Smith (der Abschrift eines älteren Textes) die Reposition und anschließende Ruhigstellung von Unterkieferfrakturen mit Schienen und Binden beschrieben.Gerhard Schargus: Der Wandel in der Therapie der Gesichtsschädelfrakturen. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. Band 3, 1985, S. 211–224, hier: S. 211. Zu den antiken Zeugnissen für Schriften chirurgischen Inhalts gehören die im 5. Jahrhundert v. Chr. entstandenen Texte Über das Einrenken der Gelenke und Über die Knochenbrüche im Corpus Hippocraticum.Jutta Kollesch, Diethard Nickel: Antike Heilkunst. Ausgewählte Texte aus dem medizinischen Schrifttum der Griechen und Römer. 1989, S. 197 f. Als erster namentlich bekannter Fachschriftsteller der operativen Chirurgie gilt der im 1. oder 2. Jahrhundert v. Chr. in Ägypten wirkende (Klaudios) Philoxenos.Ferdinand Peter Moog: Philoxenos. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. Walter de Gruyter, Berlin / New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 1152 f. Er wird in den Schriften des Galenos als cheirurgos bezeichnet und Aulus Cornelius Celsus sah in ihm einen der bedeutendsten chirurgischen Fachautoren.Markwart Michler (†): Alexandrinische Chirurgie. In: Werner E. Gerabek u. a. (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. 2005, S. 32–38; hier: S. 36. Gemäß Celsus war die Chirurgie mit der Diätetik (Regelung der Lebensweise) und der Pharmakotherapie eines der drei Teile der (antiken) Medizin.Jutta Kollesch, Diethard Nickel: Antike Heilkunst. Ausgewählte Texte aus dem medizinischen Schrifttum der Griechen und Römer. Philipp Reclam jun., Leipzig 1979 (= Reclams Universal-Bibliothek. Band 771); 6. Auflage ebenda 1989, ISBN 3-379-00411-1, S. 41. Zu den weiteren Pionieren chirurgischer Texte gehört der pneumatische Arzt Antyllos, der um die Mitte des 2. Jahrhunderts (in einer Zeit der Blüte der ChirurgiePaul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff/Diepgen/Goerke: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7., neubearbeitete Auflage. Springer, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1960, S. 11.) wirkte.Jutta Kollesch, Diethard Nickel: Antike Heilkunst. Ausgewählte Texte aus dem medizinischen Schrifttum der Griechen und Römer. 1989, S. 198 (zu Aus dem Schriften des Antyll: Über Gefäßerweiterung). Vom MittelalterGundolf Keil: Chirurg, Chirurgie. In: Lexikon des Mittelalters. Band 2, 1983, Sp. 1845–1860.Gundolf Keil: Mittelalterliche Chirurgie. In: Acta medicae historiae Patavina. Band 30, 1983/1984 (1985), S. 45–64. bis in die frühe Neuzeit wurde die Chirurgie auch als Wundarznei (älter wundartzney usw.) bezeichnet, während heute damit ältere chirurgische Werke (insbesondere wundärztliche Arzneimittel-HandbücherGundolf Keil: „blutken – bloedekijn“. Anmerkungen zur Ätiologie der Hyposphagma-Genese im ‚Pommersfelder schlesischen Augenbüchlein‘ (1. Drittel des 15. Jahrhunderts). Mit einer Übersicht über die augenheilkundlichen Texte des deutschen Mittelalters. In: Fachprosaforschung – Grenzüberschreitungen. Band 8/9, 2012/2013, S. 7–175, hier: S. 12 f.) benannt werdenChristine Boot: Die ‚Prager Wundarznei‘ des 14. Jahrhunderts, ein traumatologisches Feldbuch aus dem mittelalterlichen Schlesien. (Medizinische Habilitationsschrift, Würzburg 1989), Jan Thorbecke, Stuttgart 1993.Gundolf Keil: ‚Kopenhagener Wundarznei‘. In: Verfasserlexikon. 2. Auflage. Band 5, Sp. 311 f. Vgl. auch Hs. 3484 (nördliches Elsaß 1468). Königliche Bibliothek, Gamle kongelige samling. Kopenhagen.Gundolf Keil: ‚Passauer Wundarznei‘. In: Werner E. Gerabek u. a. (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. 2005, S. 1110. Vgl. auch Heinrich Schubert: Die Passauer Wundarznei. Medizinische Dissertation München 1954.Knut Bentele, Gundolf Keil: Die ‘Würzburger Wundarznei’. Anmerkungen zu einem neugefundenen Arzneimittel-Handbuch des Spätmittelalters. In: Peter Jörg Becker, Eva Bliembach, Holger Nickel, Renate Schipke, Giuliano Staccioli (Hrsg.): Scrinum Berolinense. (Festschrift Thilo Brandis) 2 Bände, Berlin 2000 (= Beiträge der Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz zu Berlin. Band 10), Band 1, S. 358–387. (Seit dem 10. Jahrhundert wurde – bei Richer von Reims – der chirurgicus bzw. chirurgus vom medicus unterschieden).Bernhard Dietrich Haage: Medizinische Literatur des Deutschen Ordens im Mittelalter. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. Band 9, 1991, S. 217–231, hier: S. 222. Das Konzil von Tours verbot im Jahr 1163 den akademisch ausgebildeten, oftmals auch geistliche Ämter innehabenden, den Medizinern die als riskant angesehenen chirurgische Eingriffe, welche somit den Wundärzten vorbehalten waren.Daniel Carlo Pangerl: Amputation: Das Bein des Habsburgers. Eine neue Quellenauswertung lässt darauf schließen, wie die Beinamputation an Kaiser Friedrich III. ablief. In: Medizin im Mittelalter. Zwischen Erfahrungswissen, Magie und Religion (= Spektrum der Wissenschaften. Spezial: Archäologie Geschichte Kultur. Band 2.19), 2019, S. 70–73, hier: S. 71 f. Ein bedeutender Vertreter der orientalischen Chirurgie im 9./10. Jahrhundert war Abulcasis.Bernhard D. Haage: Chirurgie nach Abū l-Qāsim im „Parzival“’ Wolframs von Eschenbach. In: Clio Medica. Band 19, 1984, S. 193–205. Fachgebiet im Rahmen der Universitätsausbildung wurde die Chirurgie zunächst in Italien. Im 12. Jahrhundert lehrte der langobardisch-lombardische Chirurg Roger Frugardi an der Hochschule von Parma. Dessen mitgeschriebene Vorlesungen wurden 1170 von Guido d’Arezzo herausgegeben. Rogers chirurgisches Wissen gelangte dann an die medizinische Hochschulen von Salerno und Montpellier, und Rogers Urtext (die „Rogerina“, als später so genannte „Rolandina“ von Rogers Schüler Roland von Parma herausgegeben) war nach 1200 auch Grundlage der Ausbildungstätigkeit des vom Chirurg von der Weser überlieferten Wilhelm Burgensis.Gundolf Keil: „Meister der Chirurgie“ aus dem „gesamten deutschen Sprachraum“. Christoph Weißers Chirurgenlexikon mit 2000 Biographien aus der Geschichte der Chirurgie. Ein Essai. In: Medizinhistorische Mitteilungen. Zeitschrift für Wissenschaftsgeschichte und Fachprosaforschung. Band 36/37, 2017/2018 (2021), S. 327–333, hier: S. 328. Mit Roger Frugardi und seiner cyrurgia begann die Tradition chirurgischer Lehrbücher.Vgl. Gundolf Keil: Roger Frugardi. In: Lexikon des Mittelalters- Band 7, Sp. 942; und Gundolf Keil: Roger Frugardi. In: Verfasserlexikon. 2. Auflage. Band 8, 1992, Sp. 140–153. In Bologna wurde Chirurgie seit dem 13. Jahrhundert an der Universität gelehrt.Nancy G. Siraisi: Taddeo Alderotti and his Pupils. Two Generations of Italien Medical Learning. Princeton University Press, New Jersey 1981, ISBN 978-0-691-19816-3. Im Jahr 1215 hatte das vierte Lateranische Konzil den im Rahmen der Klostermedizin oft medizinisch ausgebildeten Klerikern die Ausübung chirurgischer bzw. „handwerklicher“ ärztlicher Tätigkeiten untersagt (Ecclesia abhorret a sanguine, Inhonestum magistrum in medicina manu operari). Kurz danach verbot die Medizinische Fakultät von Paris die Lehre und Ausübung von Chirurgie innerhalb der Fakultät.Friedrich Wilhelm Gierhake: Asepsis. In: Franz Xaver Sailer, Friedrich Wilhelm Gierhake (Hrsg.): Chirurgie historisch gesehen. Anfang – Entwicklung – Differenzierung. Dustri-Verlag, Deisenhofen bei München 1973, ISBN 3-87185-021-7, S. 33–42, hier: S. 36. Ein weiterer bedeutender Chirurg des 13. Jahrhunderts war Bruno von Longoburgo, der sich wie Roger von Salerno und Roland von Parma und die folgenden Chirurgen des 13. und 14. Jahrhunderts unter anderem mit der chirurgischen Therapie von Bauchwandbrüchen, vor allem dem Leistenbruch, befasste.Christian Neubert, Ludwig Faupel, Uwe Katzenmeier: Bauchwandbrüche. In: Franz Xaver Sailer, Friedrich Wilhelm Gierhake (Hrsg.): Chirurgie historisch gesehen. Anfang – Entwicklung – Differenzierung. Dustri-Verlag Dr. Karl Feistle, Deisenhofen bei München 1973, ISBN 3-87185-021-7, S. 139–152, hier: S. 141. Einen bedeutenden Aufschwung erlebte die mittelalterliche Chirurgie vom 14. bis zum 15. Jahrhundert, etwa mit Jehan Yperman († um 1330) und Heinrich von Pfalzpaint sowie den Chirurgenfamilien Branca und Vianeo di Maida.Paul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff/Diepgen/Goerke: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7., neubearbeitete Auflage. Springer, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1960, S. 20. Ab 1306 lehrte in Paris der zuvor in Montpellier Chirurgie unterrichtende Chirurg und Hofchirurg französischer Könige Heinrich von Mondeville.Vgl. etwa Hans Lauer: Heinrich von Mondeville. In: Lexikon des Mittelalters. Band 4, Sp. 2100–2101. Der Chirurg Guy de Chauliac, der den wie er im 14. Jahrhundert wirkenden Lanfrank von Mailand an Bedeutung noch übertraf, formulierte: „Die Chirurgie löst Zusammenhängendes, verbindet Getrenntes und entfernt, was überflüssig ist“.Gundolf Keil: Heinrich von Pfalzpaint und die plastische Chirurgie der Haut. In: Onkologische Dermatologie. Hrsg. von Günter Burg u. a., Berlin u. a., 1992, S. 3–11, hier: S. 3–4. Zur Schmerzlinderung wurden beispielsweise mit Opium getränkte Schwämme dem Patienten vor Mund und Nase gehalten.Theodor Husemann: Die Schlafschwämme und andere Methoden der allgemeinen und örtlichen Anästhesie im Mittelalter. Ein Beitrag zur Geschichte der Chirurgie. In: Deutsche Zeitschrift für Chirurgie. Band 42, 1896, S. 517–596; sowie: Weitere Beiträge zur chirurgischen Anästhesie im Mittelalter. In: Deutsche Zeitschrift für Chirurgie. Band 54, 1900, S. 503 ff. Feldschere und Handwerkschirurgen mini|Hieronymus Fabricius, Operationes chirurgicae, 1685 Bis zum Aufkommen der akademischen Chirurgie führte der Bader (bzw. der Barbier) oder der Wundarzt mit handwerklicher Ausbildung (der Handwerkschirurg) Operationen durch. Die beim Militär tätigen Wundärzte wurden Feldschere genannt. Die moderne Chirurgie wurde von Militärärzten, Wundärzten wie Felix Würtz und italienischen Anatomen wie Hieronymus Fabricius (1537–1619) vorangetrieben. Etwa ab dem 16. Jahrhundert erweiterten Obduktionen die Kenntnisse der Anatomie und den chirurgischen Horizont ganz wesentlich (Obduktionen waren auch schon von einigen antiken griechischen Ärzten und vereinzelt im Mittelalter durchgeführt worden). Auch Henker übten gelegentlich chirurgische Tätigkeiten aus (Friedrich I. von Preußen hatte 1700 seinen Scharfrichter Coblenz, Sohn eines Scharfrichters, zum Leib- und Hofmedicus ernannt).Nicolai Guleke: Kriegschirurgie und Kriegschirurgen im Wandel der Zeiten. Vortrag gehalten am 19. Juni 1944 vor den Studierenden der Medizin an der Universität Jena. Gustav Fischer, Jena 1945, insbesondere S. 23–24.Georg Fischer: Chirurgie vor 100 Jahren. Historische Studie. [Gewidmet der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie]. Verlag von F. C. W. Vogel, Leipzig 1876; Neudruck mit dem Untertitel Historische Studie über das 18. Jahrhundert aus dem Jahre 1876 und mit einem Vorwort von Rolf Winau: Springer-Verlag, Berlin / Heidelberg / New York 1978, ISBN 3-540-08751-6, S. 62. Als Begründer der modernen Anatomie gilt Andreas Vesalius (1514–1564). Für den Übergang vom Feldscher zum Chirurgen stehen Daniel Schwabe (* 1592), Johann Dietz (1665–1738), Alexander Kölpin (1731–1801) und Heinrich Callisen (1740–1824). Bekanntester Handwerkschirurg war Johann Andreas Eisenbarth (1663–1727), der bedeutendste Chirurg der Renaissance war Ambroise Paré. Das erste gedruckte deutschsprachige Lehrbuch der Chirurgie stammt von Hieronymus Brunschwig (1497) und basiert größtenteils auf Guy de Chauliac. Ein weiteres frühes Chirurgielehrbuch in Deutschland stammt vom Ulmer Stadtphysikus Johannes Scultetus, das Armamentarium chirurgicum, das auch von Nachfahren von Scultetus ins Deutsche übersetzt wurde (1666, Wundarzneyisches Zeughaus). Carl Caspar Siebold, der seine Ausbildung als Wundarzt begonnen hatte, wurde an der Würzburger Universitätsklinik, dem Juliusspital, der erste Vertreter der akademischen Chirurgie.Vgl. Robert Schwab: Über die Bedeutung des Juliusspitals für die Entwicklung der Inneren Medizin. In: Das Juliusspital Würzburg in Vergangenheit und Gegenwart: Festschrift aus Anlaß der Einweihung der wiederaufgebauten Pfarrkirche des Juliusspitals am 16. Juli 1953. Hrsg. vom Oberpflegeamt des Juliusspitals. Würzburg 1953, S. 14–24, hier: S. 17 f. 18. Jahrhundert Vor allem der schottische Arzt John Hunter gehörte zu den herausragendsten Vertretern der Chirurgie im Zeitalter des Vitalismus. In England wirkten zudem Percivall Pott und Benjamin Bell. Zu den bedeutendsten Chirurgen des 18. Jahrhunderts gehörten in Dänemark Heinrich Callisen,Georg Fischer: Chirurgie vor 100 Jahren. Historische Studie. [Gewidmet der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie]. Verlag von F. C. W. Vogel, Leipzig 1876; Neudruck mit dem Untertitel Historische Studie über das 18. Jahrhundert aus dem Jahre 1876 und mit einem Vorwort von Rolf Winau: Springer-Verlag, Berlin / Heidelberg / New York 1978, ISBN 3-540-08751-6, S. 295. in Frankreich Pierre-Joseph Desault, François Chopart, Guillaume Dupuytren, Jean-Louis Petit, Henry François Le Dran sowie Nicolas Andry de Boisregard und in Deutschland Lorenz Heister,Paul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff/Diepgen/Goerke: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7., neubearbeitete Auflage. Springer, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1960, S. 28 uns 33. unter dem sich im ersten Viertel des 18. Jahrhunderts auch die praktische Chirurgie erstmals als akademische Disziplin zu etablieren begonnen hatte.Andreas Mettenleiter: Das Juliusspital in Würzburg. Band III: Medizingeschichte. Herausgegeben vom Oberpflegeamt der Stiftung Juliusspital Würzburg anlässlich der 425jährigen Wiederkehr der Grundsteinlegung. Stiftung Juliusspital Würzburg, Würzburg 2001, ISBN 3-933964-04-0, S. 91. 19. Jahrhundert Die Chirurgie des letzten Drittels des 19. Jahrhunderts ist charakterisiert durch den Übergang von der Antisepsis zur Asepsis, den Ausbau der Inhalationsnarkose und der Lokalanästhesie, deutliche Verbesserungen der Operationstechnik und die schnell wachsende Bedeutung der Röntgendiagnostik. Zu Beginn des Jahrhunderts kannte man bereits die betäubende Wirkung von Lachgas und Äther, und ab 1842/1844 wurden der „Ätherrausch“ und Lachgas auch zur Durchführung von chirurgischen und zahnärztlichen Eingriffen benutzt. Ab 1847 wurde dazu sowie bei Geburten auch Chloroform eingesetzt. Von etwa der Mitte des 19. Jahrhunderts bis um 1878 wurden zahlreiche neue Operationsverfahren eingeführt wie die chirurgische Schielbehandlung, die erste gezielte Appendektomie, die Nephrektomie, die Anwendung der Galvanokaustik (Thermokauter) und die subkutane Osteotomie. Zudem wurde die Transplantationschirurgie (etwa durch Jacques Reverdin und Carl Thiersch) entwickelt und unter Louis Stromeyer wurden bedeutende Fortschritte in der operativen Orthopädie gemacht. Zu den bedeutenden englischen Chirurgen des 19. Jahrhunderts gehörte Astley Paston Cooper, zu den französischen etwa Jacques Lisfranc; in Deutschland wirkten etwa August Gottlieb Richter, Carl Ferdinand von Graefe und Johann Friedrich Dieffenbach wegweisend.Paul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff/Diepgen/Goerke: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7., neubearbeitete Auflage. Springer, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1960, S. 33, 38–39, 43 und 50–51. 20. Jahrhundert (1900–1910) Zu Beginn des 20. Jahrhunderts erfolgte ein Ausbau der Wiederherstellungs- und Transplantationschirurgie, ermöglicht durch Erkenntnisse aus der biologischen Erforschung von Regenerationsvorgängen. Die diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten wurden durch Anwendung der Röntgen- und Radiumstrahlung erweitert. Weitere Fortschritte auf den Gebieten der Asepsis und der Narkose wurden gemacht und neue Methoden ermöglichten die Förderung von Thorax- und der Hirnchirurgie. Zudem wurden nun häufiger auch konservative Methoden, etwa durch die Orthopädie, statt operativer Eingriffe angewandt, da bessere Kenntnisse über natürliche Heil- und Ausgleichsvorgänge gewonnen wurden.Paul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff/Diepgen/Goerke: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7., neubearbeitete Auflage. Springer, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1960, S. 59. Antisepsis und Asepsis Aufgrund fehlenden Wissens über Infektionsgefahren wurden die Instrumente und die Hände des Arztes oft nicht ausreichend gereinigt. Die Kittel waren damals dunkel, damit Schmutz und Blut darauf schwerer zu erkennen waren und man die Kittel nicht so oft waschen musste. Die Folge solch unhygienischen Vorgehens waren Wundinfektionen, Sepsis und Tod. Ignaz Semmelweis erahnte Mitte des 19. Jahrhunderts die Ursache des Kindbettfiebers, ordnete ab 1847 erstmals strenge Hygienemaßnahmen an und leistete einen ersten wichtigen Beitrag zum Rückgang der Todesfälle. Joseph Lister experimentierte mit Karbol, ließ Hände und Instrumente damit reinigen, versprühte es über dem Operationsfeld und schuf ab etwa 1865 damit bereits eine keimarme Atmosphäre während des Eingriffs. Somit hatten Semmelweis (1861) und Lister (1867) die für eine Umwälzung der Chirurgie grundlegende Antisepsis eingeführt.Paul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7., neubearbeitete Auflage. Springer, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1960, S. 12. Der Durchbruch in der Chirurgie kam mit der Entdeckung der krankheitserregenden Keime durch das Mikroskop, den Erkenntnissen von Louis Pasteur und Robert Koch und der darauffolgenden Entwicklung der Asepsis. Ihren Siegeszug zum heutigen Standard begründeten dann die Reinigung, Desinfektion und Sterilisation von medizinischen Werkzeugen und Materialien sowie die Einführung von sterilen Operationshandschuhen aus Gummi. Chirurgische Pioniere der Antisepsis in Deutschland waren Richard von Volkmann, Ernst von Bergmann, „Listers Apostel“ Wilhelm Schultze und Friedrich Trendelenburg, der AsepsisVgl. Paul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 1960, S. 24. Ernst von Bergmann und seine Schüler (etwa Curt Schimmelbusch und Dietrich Nasse) sowie Gustav Adolf Neuber.Nicolai Guleke: Kriegschirurgie und Kriegschirurgen im Wandel der Zeiten. Vortrag gehalten am 19. Juni 1944 vor den Studierenden der Medizin an der Universität Jena. Gustav Fischer, Jena 1945, S. 12. Schmerzbetäubung Die heutige Chirurgie ist ohne die Emanzipation der Anästhesiologie nicht denkbar. Vor Einführung der Allgemeinnarkose (als Schwefeläther-Narkose) hatte der Chirurg wegen der starken Schmerzen des Patienten äußerst schnell zu arbeiten, Todesfälle durch Schmerz (Schock) waren, neben denen durch Infektionen und Blutungen, nicht selten. Von Dominique Jean Larrey (1766–1842), dem Leibarzt Napoleon Bonapartes, wird berichtet, dass er über 200 Amputationen an einem Tag vornehmen konnte. Amputationen waren damals häufig verstümmelnde Maßnahmen, denn auf einen Wundverschluss wurde im Allgemeinen verzichtet. Mit sorgfältiger Stumpfbildung und Weichteildeckung dauern Amputationen heute zum Teil mehr als eine Stunde. Am 16. Oktober 1846 wurde durch William Thomas Green Morton die Äthernarkose bei einer Operation am Massachusetts General Hospital in Boston angewendet. Der „Äthertag von Boston“ gilt heute als Geburtsstunde der modernen Anästhesie und damit als eine der Voraussetzungen für die moderne Chirurgie. Am 21. Dezember 1846 setzte Robert Liston als erster Arzt in Europa das neue Narkoseverfahren bei einer Beinamputation in London ein. 1847 folgte durch James Young Simpson die Einführung von Chloroform zur chirurgischen und geburtshilflichen Narkose. Aus Gewohnheit operierte er dennoch sehr schnell und amputierte das Bein in 28 Sekunden. Der Chirurg August Bier und sein Assistent wandten 1898 die Spinalanästhesie erstmals erfolgreich an (Veröffentlichung 1899). Konservative Chirurgie Erkenntnisse der Anatomie, der pathologischen Anatomie und der experimentellen Physiologie öffneten den Chirurgen im 19. Jahrhundert neue Wege in der Wundbehandlung. 1858 löste die Zellularpathologie von Rudolf Virchow die bis dahin angewandten Prinzipien der Humoralpathologie ab, was sich nicht nur auf die internistische, sondern auch die chirurgische Therapie auswirkte. Arterielle Blutungen wurden erfolgreich unterbunden. Immer mehr Chirurgen vermieden Eingriffe in die Gewebestruktur und voreilige Amputationen. Mit seiner Arbeit über die Heilung von Extremitätenverletzungen ohne Amputation wurde der aus der Schweiz stammende Kriegschirurg und preußische Leibarzt Johann Ulrich von Bilguer ab 1761 als Pionier der konservativen Chirurgie europaweit bekannt.Ralf Vollmuth: Bilg(u)er, Johann Ulrich von. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin / New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 178 f. In der Wundversorgung begann das konservative = erhaltende Vorgehen zu dominieren. Der schottische Chirurg William Fergusson (1808–1877) führte den Begriff „konservative Chirurgie“ in die Fachsprache ein. Nach der Schlacht bei Waterloo behandelte der Göttinger Chirurg und Anatom Konrad Johann Martin Langenbeck im Lazarett von Antwerpen viele Schussverletzte. Seither riet er, jeden chirurgischen Eingriff als Eingriff in den komplexen Organismus sorgfältig abzuwägen. Zu den deutschen Begründern der konservativen Chirurgie zählen seine Schüler Friedrich von Esmarch, Louis Stromeyer, Nikolai Iwanowitsch Pirogow und Bernhard von Langenbeck (ein Neffe von Konrad Johann Martin Langenbeck). In Frankreich wurde Lucien Baudens (1804–1857) ihr Wegbereiter. Vor dem Deutsch-Französischen Krieg (1870–1871) hatten sich alle in die Lazarette gehenden Chirurgen mit den Grundzügen der konservativen Behandlung von Schusswunden eingehend vertraut gemacht. Wegweiser waren: Esmarchs Ueber die Resection nach Schusswunden (1851), Stromeyers Maximen der Kriegsheilkunst (1855), Loefflers Grundsätze und Regeln für die Behandlung von Schusswunden im Kriege (1859), Pirogows Grundzüge der allgemeinen Kriegschirurgie (1864) und Bernhard von Langenbecks Ueber die Schußfraktur der Gelenke und ihre Behandlung (1868). Noch während des Krieges konnten 18,8 % der Verwundeten (17.000) als geheilt und dienstfähig zu ihrem Truppenteil zurückkehren. Dank der Fortschritte der Medizin und ihrer Umsetzung durch die Militärärzte begann das Lazarett zur bedeutenden Quelle des Personalersatzes zu werden. Aufschluss über die Tätigkeit der deutschen Chirurgen im Deutsch-Französischen Krieg gibt der chirurgische Teil des fünfbändigen Berichtswerks, das die Medizinalabteilung des Preußischen Kriegsministeriums bald nach dem Krieg veröffentlichte. Die Redaktion hatte Richard von Volkmann, der selbst die konservative Wundbehandlung propagiert und fortentwickelt hatte.Peter Kolmsee: Unter dem Zeichen des Äskulap. Eine Einführung in die Geschichte des Militärsanitätswesens von den frühesten Anfängen bis zum Ende des Ersten Weltkrieges. Beiträge Wehrmedizin und Wehrpharmazie, Band 11. Beta Verlag, Bonn 1997, ISBN 3-927603-14-7, S. 124–125. Operationen am Herzen Durch die Fortschritte auf den Gebieten der Anästhesie und Asepsis gelang es bis um die Wende zum 20. Jahrhundert mehr und mehr Organe des menschlichen Körpers für chirurgische Eingriffe zugänglich zu machen. Eine große Ausnahme stellte jedoch lange Zeit das Zentralorgan des Blutkreislaufs, das Herz dar. Als ein Meilenstein der frühen Herzchirurgie gilt Ludwig Rehns 1896 erstmals geglückte Naht einer Herzwunde. Doch mehr als solch äußere Eingriffe ließ sich vorerst nicht wagen. Die Herzwand zu durchtrennen, um im Herzinneren zu operieren schien noch im frühen 20. Jahrhundert undenkbar und war auch Jahrzehnte später noch unpraktikabel. Obwohl rein handwerklich durchaus zu bewerkstelligen, bestand das Hauptproblem intrakardialer Operationen schlicht in einem Mangel an Operationszeit. Um ein klares Sichtfeld herstellen und massive Blutverluste zu vermeiden, musste das Herz für die Dauer eines Eingriffs abgeklemmt, d. h. aus dem Blutkreislauf ausgegliedert werden, was binnen Minuten zu einem tödlichen Sauerstoffmangel im Gehirn führte. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts widmeten sich deshalb zahlreiche, sehr unterschiedliche Experimente der Verlängerung dieser Operationszeit. Nachhaltige Erfolge ließen sich erst in den 1950er Jahren unter Einsatz der induzierten Hypothermie und vor allem der Herz-Lungen-Maschine erzielen. Diese Methoden, später auch in Kombination angewendet, ermöglichten es erstmals mit kalkulierbarem Risiko im Inneren des blutleeren Herzens zu operieren und setzten das Feld der Herzchirurgie somit auf ein stabiles Fundament. Endoskopie Von Kurt Semm 1967 in der Gynäkologie eingeführt, etablierte sich in den 1990er Jahren die minimalinvasive Chirurgie. Dabei werden die Patienten mit Endoskopen operiert, die über Stichinzisionen eingeführt sind. Der Chirurg sieht das Arbeitsfeld auf dem Bildschirm und bedient die Instrumente indirekt. Die epochale Entwicklung der endoskopischen Chirurgie, von dem Chirurgen Ernst Kern 1993 als „Zweite Wende der Chirurgie“Ernst Kern: Die zweite Wende der Chirurgie. (Festvortrag anlässlich des 60. Geburtstages von Günther Hierholzer in Duisburg am 6. Juni 1993) In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. Band 12, 1994, S. 363–373. bezeichnet, wurde von Johann von Mikulicz (1850–1905) in Wien eingeleitet. Erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde sie von Olympus in Japan vorangetrieben, wo das schwer zu erkennende Magenkarzinom so häufig wie sonst nirgends auf der Welt auftrat. Chirurgische Operationen mini|Operationsvorbereitung (1978) Qualitätssicherung Der Beginn der ärztlichen externen Qualitätssicherung in der Chirurgie geht auf die Bayerische Perinatalerhebung Ende der 1960er Jahre zurück.Perinatalerhebung: „Mutter“ der QS-Maßnahmen (Deutsches Ärzteblatt 2017) Sie wurde mit dem Tracer-Diagnosenkonzept von Wolfgang Schega (Krefeld) und Otto Scheibe (Stuttgart-Feuerbach) auf die Chirurgie übertragen. Den entscheidenden Impuls gab Schega in seiner Präsidentschaft 1977. Die Landesärztekammer Baden-Württemberg und die Ärztekammer Nordrhein führten das System als erste in die klinische Routine ein. Auf dieser Grundlage wurde später das bundeseinheitliche System der externen Qualitätssicherung umgesetzt und weiterentwickelt. Dafür ist heute der Gemeinsame Bundesausschuss mit dem Institut für Qualitätssicherung und Transparenz im Gesundheitswesen zuständig.Hartwig Bauer: 15 Jahre Aktionsbündnis Patientensicherheit aus Sicht der DGCH. Passion Chirurgie, 15. November 2020. Um die Leistenhernie als inzwischen abgeschaffte Tracerdiagnose hatte sich Volker Schumpelick besonders verdient gemacht. Facharztrichtungen Nach der Muster-Weiterbildungsordnung von 2018 umfasst das Gebiet Chirurgie in Deutschland folgende Facharztrichtungen: Allgemeinchirurgie Gefäßchirurgie Herzchirurgie Kinder- und Jugendchirurgie Orthopädie und Unfallchirurgie Plastische, Rekonstruktive und Ästhetische Chirurgie Thoraxchirurgie Viszeralchirurgie Facharztbezeichnung Allgemeinchirurg/Allgemeinchirurgin Nach der deutschen Muster-Weiterbildungsordnung 2018 umfasst die Weiterbildung im Gebiet Chirurgie die Vorbeugung, Erkennung, konservative und operative Behandlung, Nachsorge und Rehabilitation von chirurgischen Erkrankungen, Verletzungen und Verletzungsfolgen sowie angeborenen und erworbenen Formveränderungen und Fehlbildungen der Gefäße, der inneren Organe einschließlich des Herzens, der Stütz- und Bewegungsorgane sowie der Wiederherstellungs- und Transplantationschirurgie. Als Mindestanforderungen zum Erlangen der Facharzt-Bezeichnung Allgemeinchirurgie werden genannt: 72 Monate im Gebiet Chirurgie an anerkannten Weiterbildungsstätten, davon müssen abgeleistet werden: 18 Monate in Orthopädie und Unfallchirurgie, 18 Monate in Viszeralchirurgie, 6 Monate in der Notfallaufnahme, 6 Monate in der Intensivmedizin. Die Inhalte der Facharzt-Weiterbildungen im Gebiet Chirurgie sind in der Muster-Weiterbildungsordnung festgeschrieben. Bekannte Chirurgen aus dem deutschsprachigen Raum Im 19. Jahrhundert gewann die deutsche Chirurgie durch Johann von Mikulicz Weltgeltung. Der erste deutsche Chirurgenverein wurde durch Friedrich Ernst Baumgarten (1810–1869) gegründet.Axel Wellner: Der Clausthaler Bergchirurg Friedrich Ernst Baumgarten (1810–1869) – Gründer des ersten deutschen Chirurgenvereins. In: Medizinhistorische Mitteilungen. Zeitschrift für Wissenschaftsgeschichte und Fachprosaforschung. Band 35, 2016 (2018), S. 123–144. Über die schwierige Lage der Chirurgie in der Deutschen Demokratischen Republik berichtet Helmut Wolff.Helmut Wolff: Zur Entwicklung der Chirurgie und der chirurgischen Forschung in der DDR. In: Deutsche Gesellschaft für Chirurgie – Mitteilungen. 1, 2012, S. 1–8. Einige bekannte Fachärzte für Chirurgie aus dem deutschsprachigen Raum sind: Martin Allgöwer (1917–2007), Chirurg und Hochschullehrer Basel mini|hochkant|Jens-Rainer Allenberg (* 1942) Jens-Rainer Allenberg (* 1942), Wegbereiter der Gefäßchirurgie in Europa Helmtraut Arzinger-Jonasch (1935–2007), Traumatologie, Verbrennungschirurgie in der DDR Karl Heinrich Bauer (1890–1978), Onkologie Ernst von Bergmann (1836–1907), Kriegs- und Hirnchirurgie, Antisepsis Theodor Billroth (1829–1894), Magenchirurgie Lorenz Böhler (1885–1973), Unfallchirurgie Hans Jörg Böhmig (1933–2023), Lebertransplantation Hans Georg Borst (1927–2022), Herz-Lungentransplantation Fritz von Bramann (1854–1913), Neurochirurgie Vincenz Czerny (1842–1916), Viszeralchirurgie, Urologie, Gynäkologie, Onkologie Anton von Eiselsberg (1860–1939), Unfallchirurgie, Neurochirurgie Themistocles Gluck (1853–1942), Knochen- und Gelenkersatz Alfred Gütgemann (1907–1985), Leberchirurgie Axel Haverich (* 1953), Herzchirurgie mini|hochkant|Georg Heberer (1920–1999) Georg Heberer (1920–1999), Gefäß- und Koronarchirurgie, Lungenchirurgie Roland Hetzer (* 1944), Herzchirurgie Martin Kirschner (1879–1942), Viszeralchirurgie, Rettungswesen Fritz König (1866–1952), Osteosynthese, Neurochirurgie Ilse Krause (1917–1984), erste Kinderchirurgin im geteilten Deutschland Gerhard Küntscher (1900–1972), Marknagel Arthur Läwen (1876–1958), Wegbereiter der Anästhesiologie Bernhard von Langenbeck (1810–1887), Kriegschirurgie Erich Lexer (1867–1937), Plastische Chirurgie Fritz Linder (1912–1994), Onkologie Peter Friedrich Matzen (1909–1986), Orthopädische Chirurgie hochkant|mini|Johann von Mikulicz (1850–1905) Johann von Mikulicz (1850–1905), Gastroskopie, Lungenchirurgie, Orthopädie, Urologie, Plastische Chirurgie Rudolf Nissen (1896–1981), Thoraxchirurgie, Fundoplicatio Erwin Payr (1871–1946), Onkologie, Urologie Hans-Jürgen Peiper (1925–2025), Allgemein- und Viszeralchirurgie, Ösophagus-, Magen- und Pankreaschirurgie Heinrich von Pfalzpaint (um 1400–1464), Plastische Chirurgie Heinz Pichlmaier (1930–2019), Thoraxchirurgie, Nierentransplantation, Gefäßchirurgie Rudolf Pichlmayr (1932–1997), Pionier der Lebertransplantation Fritz Rehbein (1911–1991), Kinderchirurgie August Gottlieb Richter (1742–1812), viele Gebiete der ChirurgieGottfried Walther: Der Aufschwung der deutschen Chirurgie zur Wissenschaft unter August Gottlieb Richter. Medizinische Dissertation Jena 1960. Franz Xaver Ritter von Rudtorffer (1760–1833), Wiener ChirurgFranz Xaver Ritter von Rudtorffer: Armamentarium chirurgicum selectum, oder Abbildung Und Beschreibung Der Vorzüglichsten Älteren Und Neueren Chirurgischen Instrumente. Die Kupfertafeln gestochen von Ponheimer. Strauss, Wien 1817. Ferdinand Sauerbruch (1875–1951), Kriegschirurgie, Thoraxchirurgie Julius Scriba (1848–1905), Ordinarius in Tokyo Carl Caspar von Siebold (1736–1807), Anatom, Chirurgie und Geburtshelfer am Würzburger Juliusspital, Begründer der akademischen Chirurgie mini|hochkant|Louis Stromeyer (1804–1876) Louis Stromeyer (1804–1876), Kriegschirurgie Carl Thiem (1850–1917), „Vater der Unfallheilkunde“ Friedrich Trendelenburg (1844–1924), Kriegschirurgie, Antisepsis Harald Tscherne (* 1933), Unfallchirurgie Richard von Volkmann (1885–1930), Knochenchirurgie, Antisepsis Jörg Vollmar (1923–2008), Doyen der Gefäßchirurgie Werner Wachsmuth (1900–1990), Kriegschirurgie, „Nestor der deutschen Chirurgen“ Wilhelm Wagner (1848–1900), Autodidakt im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie, größte Verdienste in Oberschlesien Alfred Nikolaus Witt (1914–1999), Orthopädie und Unfallchirurgie Helmut Wolff (1928–2017), Pionier der Transplantationsmedizin in der DDR Rudolf Zenker (1903–1984), erste Herztransplantation in Deutschland Nissen und Wachsmuth sind die wichtigsten Chirurgenbiografien des 20. Jahrhunderts zu verdanken. Peter Bamm veröffentlichte 1952 seinen berühmten Bericht über die Kriegschirurgie im Heer der Wehrmacht. Fachzeitschriften Die Chirurgie (2022 umbenannt, vorher: Der Chirurg) ist in Deutschland das wichtigste Publikationsorgan für Chirurgie. Langenbecks Archiv für Chirurgie hatte Weltgeltung; es wurde 1860 gegründet und 1998 anglisiert. Weit verbreitet war die Chirurgische Allgemeine, deren Erscheinen 2023 eingestellt wurde. Wichtige Fachgesellschaften American College of Surgeons Berliner Chirurgische Gesellschaft, Deutschlands älteste Chirurgenvereinigung Deutsche Gesellschaft für Chirurgie Berufsverband der Deutschen Chirurgie Schweizerische Gesellschaft für Chirurgie International Society of Surgery Royal College of Surgeons of Edinburgh Royal College of Surgeons of England Royal College of Surgeons in Ireland Royal College of Physicians and Surgeons of Glasgow Siehe auch Liste ärztlicher Weiterbildungsbezeichnungen in Deutschland Beratender Chirurg Chirurgisches Instrument Chirurgische Lehrstühle Berlin Literatur Franz Baumgartl, Karl Kremer, Hans-Wilhelm Schreiber (Hrsg.): Spezielle Chirurgie für die Praxis. G. Thieme, Stuttgart 1969 ff. Johann Gottlob Bernstein: Geschichte der Chirurgie vom Anfange bis auf die jetzige Zeit. 2 Bände. Leipzig 1822/1823. William J. Bishop: The Early History of Surgery. London 1960. Lutz Braun: Chirurgie zwischen Illusion und Realität. Reflexionen über Medizin und Gesellschaft. Kaden Verlag, Heidelberg 2015, ISBN 978-3-942825-36-8. Walter von Brunn: Kurze Geschichte der Chirurgie. Julius Springer, Berlin 1928. Walter von Brunn: Geschichte der Chirurgie. Bonn 1948. Arnold van de Laar: Schnitt! Die ganze Geschichte der Chirurgie erzählt in 28 Operationen. 2014. Peter Bamm: Die unsichtbare Flagge. München 1952; Neuausgabe 1989, ISBN 3-8075-0007-3. Gert Carstensen, Hans Schadewaldt, Paul Vogt: Die Chirurgie in der Kunst. Düsseldorf / Wien 1983. Rüdiger Döhler, Heinz-Jürgen Schröder, Eike Sebastian Debus (Hrsg.): Chirurgie im Norden. Zur 200. Tagung der Vereinigung Norddeutscher Chirurgen in Hamburg 2017. Heidelberg 2017. Georg Fischer: Chirurgie vor 100 Jahren. F. C. W. Vogel, Leipzig 1876; Neudruck mit dem Untertitel Historische Studie über das 18. Jahrhundert aus dem Jahre 1876: Springer-Verlag, Berlin / Heidelberg / New York 1978, ISBN 3-540-08751-6. Noch zu Fischers Lebzeiten ins Englische übersetzte Medizingeschichte für den Praktiker. Wolfgang Genschorek: Wegbereiter der Chirurgie: Joseph Lister. Ernst von Bergmann. Leipzig 1984 (= Humanisten der Tat. Band 101) Nicolai Guleke: Kriegschirurgie und Kriegschirurgen im Wandel der Zeiten. Vortrag gehalten am 19. Juni 1944 vor den Studierenden der Medizin an der Universität Jena. Gustav Fischer, Jena 1945. Ernst Julius Gurlt: Geschichte der Chirurgie und ihrer Ausübung. Volkschirurgie – Altertum – Mittelalter – Renaissance. 3 Bände. Hirschwald, Berlin 1898; Neudruck Hildesheim 1964. Band 1: – Band 2: – Band 3: . Bernhard D. Haage, Wolfgang Wegner, Christoph Weißer: Chirurg, Chirurgie. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin / New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 251–257. Knut Hæger: The Illustrated History of Surgery. Starke, London 1992, ISBN 1-872457-00-2. Heinrich Haeser: Übersicht der Geschichte der Chirurgie und des chirurgischen Standes. Stuttgart 1879 (= Deutsche Chirurgie. Band 1). Albrecht von Haller: Disputationes Chirurgicae Selectae. 5 Bände. Lausanne 1756. Friedrich Helfreich: Geschichte der Chirurgie. In: Handbuch der Geschichte der Medizin. Begründet von Theodor Puschmann, hrsg. von Max Neuburger und Julius Pagel. Teil III. Jena 1905, S. 1–306 und S. XI–XXXII. Tony Hunt: The medieval surgery. Woodbridge (Großbritannien) 1992. K. Jäger: Beiträge zur frühzeitlichen Chirurgie. C. W. Kreidel, Wiesbaden 1907. Siegfried Kiene, Richard Reding, Wolfgang Senst (Hrsg.): Getrennte Wege, ungeteilte Chirurgie; Beiträge zur Chirurgie in der DDR. pro literatur Verlag, Augsburg 2009, ISBN 978-3-86611-398-5. Ernst Küster: Geschichte der neueren deutschen Chirurgie. Hrsg. von P. von Bruns, Enke, Stuttgart 1915 (= Neue Deutsche Chirurgie. Band 15). Daniël de Moulin: A history of surgery with emphasis on the Netherlands. 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Franz Xaver Sailer, Friedrich Wilhelm Gierhake (Hrsg.): Chirurgie historisch gesehen. Anfang – Entwicklung – Differenzierung. Zum 65. Geburtstag von Prof. Dr. K. Vossschulte, Direktior der Chirurgischen Universitätsklinik und Poliklinik Gießen. Mit einem Geleitwort von Rudolf Nissen. Dustri-Verlag Dr. Karl Feistle, Deisenhofen bei München 1973, ISBN 3-87185-021-7. Ferdinand Sauerbruch: Vortrag (Schilderung der Geschichte der Chirurgie, ihrer Stellung in der Gegenwart und der Bedeutung dieses Zweiges der Medizin), gehalten in der Preußischen Akademie der Wissenschaften. In: Hans Rudolf Berndorff: Ein Leben für die Chirurgie. Nachruf auf Ferdinand Sauerbruch. In: Ferdinand Sauerbruch: Das war mein Leben. Kindler & Schiermeyer, Bad Wörishofen 1951 (mit einem Anhang von Hans Rudolf Berndorff); mehrere Neuauflagen, bspw. Lizenzausgabe für Bertelsmann Lesering, Gütersloh 1956, S. 456–478, hier: S. 460–478. W. Schnitt: Lehrbuch der allgemeinen Chirurgie. 5. Auflage. Joh. Ambros. Barth, Leipzig 1964. Hans-Wilhelm Schreiber, Gert Carstensen (Hrsg.): Chirurgie im Wandel der Zeit 1945–1983. Springer, Berlin / Heidelberg / New York 1983, ISBN 3-540-12186-2. Kurt Sprengel: Geschichte der Chirurgie. Halle 1819. Karl Sudhoff: Beiträge zur Geschichte der Chirurgie im Mittelalter. Graphische und textliche Untersuchungen in mittelalterlichen Handschriften. 2 Bände. Leipzig 1914/1918 (= Studien zur Geschichte der Medizin. Band 10 und 11/12). Mario Tabanelli: La chirurgia italiana nell’ alto medioevo. 2 Bände. Florenz 1965 (= Biblioteca della ‚Rivista di storia delle scienze mediche e naturali‘, Band 15). Arnulf Thiede: Reflexionen zur chirurgischen Laufbahn: Gegenwart und Zukunft der Chirurgie. In Medizinhistorische Mitteilungen. Zeitschrift für Wissenschaftsgeschichte und Fachprosaforschung. Band 36/37, 2017/2018 (2021), S. 231–252. Jürgen Thorwald: Das Jahrhundert der Chirurgen. Droemer Knaur, München 1980, ISBN 3-426-03275-9. Karl Vossschulte: Leistungen und Ergebnisse der neuzeitlichen Chirurgie. Emil K. Frey zum 70. Geburtstag. Stuttgart 1958. Werner Wachsmuth: Ein Leben mit dem Jahrhundert. Springer, Berlin / Heidelberg 1985, ISBN 3-540-15036-6. Owen H. Wangensteen: The rise of surgery. From empiric craft to scientific discipline. University of Minnesota Press, 1979, ISBN 0-8166-0829-6. Christoph Weißer: Chirurgenlexikon. 2000 Persönlichkeiten aus der Geschichte der Chirurgie. Springer, Berlin / Heidelberg 2019, ISBN 978-3-662-59238-0.Rezension dazu: Gundolf Keil: „Meister der Chirurgie“ aus dem „gesamten deutschen Sprachraum“. Christoph Weißers Chirurgenlexikon mit 2000 Biographien aus der Geschichte der Chirurgie. Ein Essai. In: Medizinhistorische Mitteilungen. Zeitschrift für Wissenschaftsgeschichte und Fachprosaforschung. Band 36/37, 2017/2018 (2021), S. 327–333. Leo M. Zimmerman, Ilza Veith: Great Ideas in the History of Surgery. Baltimore 1961; 2. Auflage: New York 1967. Weblinks Einzelnachweise Kategorie:Medizingeschichte Kategorie:Medizinisches Fachgebiet
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April
Der April (von lateinisch Aprilis) ist der vierte Monat des Jahres im gregorianischen Kalender. Er hat 30 Tage und beginnt mit demselben Wochentag wie der Juli und in Schaltjahren auch wie der Januar. Im römischen Kalender war der Aprilis ursprünglich der zweite Monat, weil mit dem Ende des Winters im März das neue landwirtschaftliche (aber auch militärische) Jahr begann. Etymologie Es gibt keine gesicherte Herleitung des Namens. Da die Namen der ersten Jahreshälfte Götter wiedergeben, könnte es von Aphrodite stammen, die als Göttin für Liebe zu April passen würde, auch wenn der römische Name Venus gewesen wäre. Der Name bezieht sich möglicherweise auch auf die sich öffnenden Knospen im Frühling und wäre dann, ebenso wie die auf Vegetation bezogene, ähnlich beim Mai belegte Deutung des Aprils als „der die Erde öffnende Monat“, vom Lateinischen aperire („öffnen“) herzuleiten. Eine andere Etymologie sieht apricus („sonnig“) als Ursprung des Wortes. Zur Regierungszeit Kaiser Neros wurde der Monat ihm zu Ehren in Neroneus umbenannt, was sich allerdings nicht durchsetzte.Manfred Clauss: Kaiser und Gott: Herrscherkult im römischen Reich. München: K. G. Saur Verlag GmbH, Nachdruck der 1. Auflage 2001, S. 240 (eingeschränkte Vorschau) Unter Kaiser Commodus hieß der Monat dann Pius, einer der Namen des Kaisers, auch diese Umbenennung wurde nach seinem Tod wieder rückgängig gemacht.Manfred Clauss: Kaiser und Gott: Herrscherkult im römischen Reich.K. G. Saur Verlag, München; Nachdruck der 1. Auflage 2001, S. 241 (eingeschränkte Vorschau) Der alte deutsche Name, der durch Karl den Großen im 8. Jahrhundert eingeführt wurde, ist Ostermonat (althochdeutsch: ōstarmānōth), später auch Ostermond genannt, weil Ostern meist im April liegt. Andere, heute kaum mehr gebräuchliche Bezeichnungen sind Wandelmonat, Grasmond oder auch Launing. Der Legende nach wurde Luzifer am 1. April aus dem Himmel verstoßen. Bräuche und Redewendungen mini|hochkant|Der Monat April im Chronograph von 354 des spätantiken Kalligraphen Filocalus. Seit dem 16. Jahrhundert ist in Europa der Brauch belegt, am 1. April einen Aprilscherz zu begehen, indem man einen Mitmenschen mit einer Lügengeschichte „in den April schickt“. Daher stammen auch die folgenden beiden Sprichwörter: Aprilwetter steht bildlich für wechselhaftes Wetter, auch wenn es in anderen Monaten stattfindet: Klima mini|April, Leandro Bassano Die höchste globale Monatsmitteltemperatur für einen Aprilmonat wurde im Jahr 2024 verzeichnet, gefolgt von 2025 und 2016. Bei den Temperaturanomalien im April 2024 verzeichneten über 40 Messstandorte mit längeren Messreihen in der Schweiz den höchsten Luftdruck für den Monat April seit Messbeginn. Siehe auch Bewegliche Feiertage | Bewegliche Gedenktage Historische Jahrestage | Zeitskala Liste von Bauernregeln Literatur Weblinks Einzelnachweise Kategorie:Monat des gregorianischen und julianischen Kalenders
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Ampelkoalition
mini|80px|Die Farben einer Ampel (oben rot, in der Mitte gelb und unten grün) Unter einer Ampelkoalition (auch rot-gelb-grüne Koalition; kurz Rot-Gelb-Grün oder Ampel) versteht man in Deutschland eine Koalition zwischen der SPD, der FDP und der Partei Bündnis 90/Die Grünen. Deren Parteifarben rot, gelb und grün entsprechen dem am häufigsten vorkommenden Typ einer Ampel. Allgemein und international werden darunter Regierungsbündnisse aus einer sozialdemokratischen (bzw. unter Umständen auch sozialistischen oder kommunistischen), einer liberalen und einer grünen Partei verstanden. Koalitionen in verschiedenen Regierungen Deutschland Bundesebene mini|Volker Wissing, Michael Kellner und Lars Klingbeil mit dem unterzeichneten Koalitionsvertrag am 7. Dezember 2021 in Berlin. mini|Koalitionsvertrag mit Lesebändern in den Ampelfarben Auf Bundesebene ist eine solche Konstellation erstmals am 7. Dezember 2021 zustande gekommen, auf Landes- und Kommunalebene gab es zuvor schon Beispiele für solche Koalitionen. Nachdem die Ampelkoalition auf Bundesebene lange Zeit keine ernsthaft in Erwägung gezogene Option zur Regierungsbildung gewesen war, kam es infolge des Ergebnisses der Bundestagswahl 2021 erstmals zu Koalitionsverhandlungen zwischen den drei Parteien. Am 24. November 2021 einigten sich SPD, Grüne und FDP auf den Koalitionsvertrag der 20. Wahlperiode des Bundestages. Nach der Zustimmung der Gremien von SPD und FDP und der Mitglieder der Grünen wurde Olaf Scholz am 8. Dezember 2021 mit den Stimmen einer Ampelkoalition zum Bundeskanzler im Kabinett Scholz gewählt. Am 6. November 2024 erklärte Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD), er habe den Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier aufgrund persönlicher Differenzen um Entlassung von Bundesminister Christian Lindner (FDP) gebeten, woraufhin die Koalition durch den geschlossenen Rücktritt der FDP aus der Regierung vorzeitig zerfiel. Bundeskanzler Scholz stellte so am 11. Dezember 2024 dem Bundestag pro forma die Vertrauensfrage mit dem Ziel, sie zu verlieren und den Bundespräsidenten so um eine Auflösung des Parlaments und vorgezogene Neuwahlen am 23. Februar 2025 zu bitten. Landesebene Als Ampelkoalition bezeichnet wurde die von 1990 bis 1994 in Brandenburg bestehende Regierungskoalition, obwohl die Grünen an der 5-%-Hürde gescheitert waren und stattdessen Bündnis 90 mitregierte. Bündnis 90 fusionierte 1993 mit den Grünen zu Bündnis 90/Die Grünen, die Fraktionsmitglieder des Bündnis 90 traten der neuen Partei jedoch nicht alle bei. Die Koalition zerbrach im Februar 1994 ein halbes Jahr vor der regulären Landtagswahl an Meinungsverschiedenheiten über die Bewertung der Rolle von Ministerpräsident Manfred Stolpe in seiner Funktion als Konsistorialpräsident der evangelischen Kirche Brandenburg zu DDR-Zeiten. Eine echte Ampelkoalition regierte von 1991 bis 1995 in Bremen. Auch diese Koalition wurde wenige Monate vor dem regulären Wahltermin aufgekündigt. Anlass hierfür war die sogenannte Piepmatzaffäre. Einige Versuche zur Bildung einer solchen Koalition scheiterten. Nach der Wahl zum Abgeordnetenhaus von Berlin 2001 war dies der Fall. Sondierungsgespräche in dieser Richtung nach der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen 2010 führten ebenso wenig zum Erfolg.Focus Online: Das Aus für die Ampel Ferner wurden Ampelkoalitionen auf Bundes- und Landesebene von der FDP und insbesondere von Guido Westerwelle mit Verweis auf die unterschiedlichen Parteiprogramme von SPD und Grünen einerseits und der FDP andererseits wiederholt abgelehnt.Westerwelle lehnt Ampel ab, n-tv.de vom 17. September 2009, abgerufen am 6. April 2011Ampel abgeschaltet, Artikel auf op-online.de, Offenbach-Post vom 21. September 2009, abgerufen am 6. April 2011Schröder lehnt Koalition unter Merkel ab, Handelsblatt vom 18. September 2009, abgerufen am 6. April 2011FDP lehnt Ampel ab Spiegel Online vom 27. Februar 2008, abgerufen am 6. April 2011 mini|Ministerpräsidentin des Landes Rheinland-Pfalz Malu Dreyer mit ihren Ministern am 18. Mai 2016 in der Staatskanzlei. Nachdem das Stimmenergebnis bei der rheinland-pfälzischen Landtagswahl 2016 nicht für eine Fortsetzung der rot-grünen Koalition ausgereicht hatte, eine schwarz-gelbe Koalition jedoch ebenfalls keine Mehrheit erzielen konnte und Malu Dreyer eine Große Koalition als „Ultima Ratio“ befand, einigten sich SPD, FDP und Bündnis 90/Die Grünen auf die Bildung der ersten Ampelkoalition in Rheinland-Pfalz.N 24 online: Erste Ampelkoalition in Rheinland-Pfalz vereinbart Mit der Vereidigung des zweiten Kabinetts Dreyer trat diese Koalition am 18. Mai 2016 ihr Amt an. Sie war die erste Ampelkoalition auf Landesebene, welche die komplette Wahlperiode bis zur nächsten Landtagswahl Bestand hatte und bei der nach der folgenden Wahl alle beteiligten Parteien wieder im Landtag vertreten waren. Nach der Landtagswahl in Rheinland-Pfalz 2021 kündigte Malu Dreyer an, Koalitionsverhandlungen aufzunehmen mit dem Ziel einer Neuauflage der Ampelkoalition.Ampelkoalition in Rheinland-Pfalz will weitermachen in rnd.de vom 23. März 2021, abgerufen am 8. April 2021 Die Regierung wurde wiedergewählt; das Kabinett Dreyer III wurde am 18. Mai 2021 vereidigt. Auch das Nachfolgekabinett, das Kabinett Schweitzer, besteht seit dem 10. Juli 2024 aus einer Ampelkoalition. Eine analoge Konstellation nach der Niedersachsenwahl 2017 schied aufgrund der deutlichen Ablehnung der FDP aus, die SPD musste deswegen eine Große Koalition mit den intensiv bekämpften Rivalen der CDU bilden. Auch in Schleswig-Holstein war zuvor eine aufgrund des zweiten Platzes der SPD weniger realistische, aber von den Grünen lange bevorzugte Ampelkoalition nach Sondierungen mit der FDP nicht zu Stande gekommen, so dass dort eine in Deutschland bis dahin noch seltener diskutierte Jamaika-Koalition unter Führung der CDU gebildet wurde. Im Anschluss an die Landtagswahl in Hessen 2018 scheiterten Sondierungsgespräche, nachdem durch das endgültige Wahlergebnis bestätigt wurde, dass die Grünen mit Tarek Al-Wazir als stimmenstärkster Koalitionspartner in einer Ampelkoalition das Amt des Ministerpräsidenten beanspruchen könnten. hessenschau.de vom 16. November 2018 Ein mögliches Bündnis mit einem Ministerpräsidenten der Grünen wurde im Rahmen der Wahl von den Medien als Grüne Ampel bezeichnet. Kommunale Ebene Auf kommunaler Ebene bestand von Januar 2006 bis September 2006 in Bonn eine Ampelkoalition, von Juli 2006 bis Juni 2009 in der kreisfreien Stadt Darmstadt. Nach den Kommunalwahlen 2009 arbeiteten Ampelkoalitionen in den nordrhein-westfälischen Großstädten Bielefeld, Mönchengladbach (bis 2013) und Remscheid, und nach den Kommunalwahlen in Nordrhein-Westfalen 2014 bildeten sich Bündnisse aus SPD, GRÜNE und FDP in der Landeshauptstadt Düsseldorf und in Oberhausen. Nach den Kommunalwahlen in Rheinland-Pfalz 2009 fand sich in der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt Mainz ein Ampelbündnis, das bis zu den Kommunalwahlen 2024 Bestand hatte. In Trier hatte die FDP die Ampelkoalition zwischenzeitlich verlassen. Seit den Kommunalwahlen in Hessen 2011 bildeten SPD, Bündnis 90/Die Grünen und die FDP im Wetteraukreis ebenfalls eine Koalition., abgerufen am 17. Oktober 2013 In den Landschaftsversammlungen der höheren Kommunalverbände Rheinland und Westfalen-Lippe bildeten die Fraktionen von SPD, FDP und Grüne bis 2014 die Mehrheit, die so genannte „Gestaltungsmehrheit“. Andere Bezeichnungen für die Ampel mini|80px|Senegal Als „Afrika-Koalition“ wurde eine derartige Ampelkoalition von Fritz Goergen wegen der grün-gelb-roten Farben Afrikas erstmals in der Financial Times Deutschland im Juli 2006 bezeichnet. Der grüne Politiker Jürgen Trittin schlug im September 2006 vor, stattdessen von einer Senegal-Koalition zu sprechen. Die Nationalflagge des westafrikanischen Staates umfasst die Farben Grün, Gelb und Rot, wobei auf dem mittleren, gelben Streifen zudem ein grüner Stern abgebildet ist. Verwandte Varianten Eine Koalition aus CDU, FDP und Bündnis 90/Die Grünen wird gelegentlich als schwarze Ampel (kurz Schwampel) bezeichnet, häufiger jedoch als Jamaika-Koalition. Eine solche Regierungskoalition wurde in der Geschichte Deutschlands oberhalb der Kommunalebene erstmals 2009 im Saarland umgesetzt, scheiterte jedoch nach zwei Jahren. Von 2017 bis 2022 gab es sie in Schleswig-Holstein. Im unmittelbaren Anschluss an die Bundestagswahl 2005 war sie in der Diskussion, nach der Bundestagswahl 2017 gab es Sondierungsgespräche zwischen CDU, FDP und Grünen, die jedoch von der FDP nach vier Wochen beendet wurden. Nach der Landtagswahl 2012 regierten in Schleswig-Holstein SPD, Grüne und SSW in einer rot-grün-blauen Koalition, die unter dem – teilweise umstrittenen – Schlagwort Dänen-Ampel bekannt wurde. Später wurde sie Küstenkoalition genannt. Nach der Landtagswahl in Thüringen 2014 war eine schwarz-rot-grüne (Afghanistan oder Kenia) Koalitionsvariante im Gespräch und wurde nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt 2016 erstmals auf Landesebene umgesetzt. Österreich In Österreich wurde in den 1990er Jahren in Anlehnung an die Begriffsbildung in Deutschland unter Ampelkoalition eine Koalition aus SPÖ, Liberalem Forum und Grüne diskutiert, obwohl die Parteifarbe des Liberalen Forums damals nicht gelb, sondern hellblau war. Nach der Landtags- und Gemeinderatswahl in Wien 1996 wurde eine solche Variante rechnerisch möglich, allerdings wurde seitens der SPÖ eine mutmaßlich stabilere Zweierkoalition mit der ÖVP bevorzugt. Dem Bedeutungsverlust des Liberalen Forums mit dem Ausscheiden aus dem Parlament nach den Nationalratswahlen 1999 folgte 2014 ein Aufgehen in der neuen liberalen Partei NEOS – Das Neue Österreich und Liberales Forum. Deren Parteifarbe ist allerdings pink. Als Ampelkoalition wird auch die von 2012 bis 2015 amtierende Innsbrucker Regierung aus der bürgerlich-liberalen Liste Für Innsbruck (Erkennungsfarbe gelb), den Grünen und der SPÖ verstanden. Diese kam nach der Gemeinderatswahl 2012 zustande. Luxemburg In Luxemburg wird eine Koalition aus Sozialdemokraten, Liberalen und Grünen als Gambia-Koalition bezeichnet, da die Parteifarbe der liberalen Demokratesch Partei blau und nicht gelb ist. Rot, blau und grün sind die Nationalfarben Gambias. Eine solche Koalition wurde nach der Kammerwahl 2013 unter Premierminister Xavier Bettel gebildet und blieb bis zur Kammerwahl 2023 bestehen. Damit gelang nach langer Zeit wieder eine Regierung unter Ausschluss der bislang dominierenden Christdemokraten, die bis auf eine vierjährige Unterbrechung in den 1970er Jahren an allen Nachkriegsregierungen im Großherzogtum beteiligt waren und nach wie vor stärkste Partei sind. Vereinigtes Königreich Unter dem Begriff traffic light coalition wird in England eine Koalition unter Einschluss der Labour Party, den Liberal Democrats und der Green Party of England and Wales verstanden, die beispielsweise im City Council des englischen Verwaltungsbezirkes City of Lancaster die Mehrheitsfraktionen stellen. Eine vergleichbare Koalition in Schottland zwischen Labour, Liberal Democrats und der Scottish Green Party wurde nach den Wahlen zum schottischen Parlament im Jahre 2003 diskutiert, kam aber nicht zustande. Belgien und Niederlande In Belgien und den Niederlanden werden liberale Parteien (VVD bzw. VLD und MR) mit der Farbe blau assoziiert. Nach der Mischfarbe von rot und blau heißen Koalitionen aus Sozialdemokraten und Liberalen daher „lila Regierung“ (paars kabinet). Kommen die Grünen oder die linksliberalen Democraten 66 (deren Erkennungsfarbe ebenfalls grün ist) hinzu, ist von paars-groen („lila-grün“), paars-plus oder auch „Regenbogenkoalition“ die Rede. Eine „lila Regierung“ aus Arbeitspartei, VVD und D66 regierte in den Niederlanden von 1994 bis 2002 unter Wim Kok, wodurch erstmals seit 1945 keine Christdemokraten an der Regierung beteiligt waren. Nach der Parlamentswahl 2010 wurde eine paars-plus-Koalition unter Einschluss der GroenLinks sondiert, kam aber nicht zustande. In Belgien regierten von 1999 bis 2003 Liberale, Sozialisten und Grüne (die sich nochmals in je eine flämische und eine wallonische Partei gliedern; erstes Kabinett Verhofstad), dies war das erste Mal seit 1958, dass die Christdemokraten in die Opposition verwiesen wurden. Von 2003 bis 2007 folgte eine „lila Regierung“ ohne die Grünen (Verhofstadt II).Bastian Sick: Zwiebelfisch – Abschied von Lila-Grün. In: Spiegel Online, 30. Mai 2003. Schweden Nach den schwierigen Verhältnissen nach der Reichstagswahl in Schweden 2018, bei der weder die liberal-konservative Alliansen noch das Rot-grüne Bündnis die Mehrheit erreichte, bildete Stefan Löfven eine Minderheitsregierung bestehend aus der sozialdemokratischen SAP und der grüne MP, die von der sozialistischen Vänsterpartiet (V), der liberalen Liberalerna (L) und der ländlichen, grünliberalen Centerpartiet (C) toleriert wurde. Diese Vereinbarung wurde in der deutschsprachigen Presse vereinzelt als „Ampel“ bezeichnet,Eine Ampel gegen rechts Die Tageszeitung 19. Januar 2019 obwohl die Parteifarbe der schwedischen Liberalen nicht gelb, sondern blau ist. Weblinks Einzelnachweise Kategorie:Typ von Regierungskoalition
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Dumas (Familienname)
Dumas ist ein französischer Familienname. Namensträger Adolphe Dumas (1805–1861), französischer Dichter, Dramatiker und Provenzalist Amy Dumas (* 1975), US-amerikanische Wrestlerin André Dumas (1918–1996), französischer Pfarrer und Universitätsprofessor Ann Dumas (* 1955), US-amerikanische Kunsthistorikerin und Kuratorin Charles Dumas (1937–2004), US-amerikanischer Leichtathlet Edward Canfor-Dumas (* 1957), Romanautor und TV-Drehbuchautor Fernand Dumas (1892–1956), Schweizer Architekt Franck Dumas (* 1968), französischer Fußballspieler Françoise Dumas (* 1960), französische Politikerin Frédéric Dumas (1913–1991), französischer Tauchpionier Gaëlle Dumas (* 2003), haitianische Fußballspielerin Gustave Dumas (1872–1955), Schweizer Mathematiker Jerry Dumas (1930–2016), US-amerikanischer Autor und Comiczeichner Marlene Dumas (* 1953), südafrikanisch-niederländische Künstlerin Matthieu Dumas (1753–1837), französischer General und Militärhistoriker Nora Dumas (1890–1979), ungarisch-französische Fotografin Philip Dumas (1868–1948), britischer Offizier und Diplomat René-François Dumas (1757–1794), französischer Jurist und Revolutionär Roger Dumas (Komponist) (1897–1951), französischer Komponist Roger Dumas (1932–2016), französischer Schauspieler und Liedtexter Roland Dumas (1922–2024), französischer Politiker Romain Dumas (* 1977), französischer Autorennfahrer Samuel Dumas (1881–1938), Schweizer Versicherungsmathematiker Stéphane Dumas (* 1978), französischer Basketballspieler und -trainer Susan Rigvava-Dumas (* 1966), Musikerin, Sängerin Thomas Alexandre Dumas (1762–1806), französischer General Vito Dumas (1900–1965), argentinischer Einhandsegler und Schriftsteller William Dumas (* 1942), französischer Politiker Wolfram Dumas (* 1930), deutscher Politiker, Bremer Bürgerschaftsabgeordneter (CDU/SPD) Weblinks Dumas bei forebears.io Kategorie:Familienname Kategorie:Französischer Personenname
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Bernhard Grzimek
mini|Bernard Grzimek, 1967 in Zürich rahmenlos|zentriert|class=notpageimage skin-invert-image|180px|Unterschrift Bernhard Grzimek deutscher Tiermediziner und Zoologe Bernhard Klemens Maria Hofbauer Pius Grzimek [] (* 24. April 1909 in Neisse; † 13. März 1987 in Frankfurt am Main) war ein deutscher Tiermediziner, Zoologe, Tierschützer und Verhaltensforscher, langjähriger Direktor des Frankfurter Zoos, Tierfilmer, Autor sowie Herausgeber von Tierbüchern, einer nach ihm benannten Enzyklopädie des Tierreichs sowie Präsident der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt. In den 1960er- und 1970er-Jahren war er mit regelmäßigen Fernsehmoderationen für den Hessischen Rundfunk der bekannteste Tierfachmann Deutschlands. Sein Dokumentarfilm Serengeti darf nicht sterben wurde 1960 als erster deutscher Film nach dem Zweiten Weltkrieg mit einem Oscar ausgezeichnet. Er veröffentlichte anfangs auch unter dem Pseudonym Clemens Hoffbauer.Sewig: Der Mann, der die Tiere liebte, 2009, S. 12. Leben und Wirken mini|Gedenktafel für Bernhard Grzimek in Neisse im heutigen Polen Familie Bernhard Grzimek kam zur Welt als jüngstes Kind des Rechtsanwalts und Notars Paulfranz (Paul Franz Constantin) Grzimek (* 18. September 1859 in Schwesterwitz; † 6. April 1912 in Neisse), Justizrat zu Neisse, und dessen zweiter Ehefrau Margarete (Margot) Wanke (* 4. April 1876 in Rybnik; † 11. Oktober 1936 auf der Durchreise in Leipzig), Trägerin des Verdienstkreuzes für Kriegshilfe. Er hatte fünf Geschwister: Brigitte (1903–1937), Franziska (1904–?), Notker (1905–1945) und Ansgar (1907–1986) sowie eine ältere Halbschwester namens Barbara aus der ersten Ehe des Vaters.Sewig 2009, S. 13 und 116. Grzimek gibt in seiner Autobiographie von 1974 zu seinen Vornamen an, dass jedes seiner Geschwister den Namen des regierenden Papstes erhielt, er erhielt dazu noch den vollständigen Namen des heiliggesprochenen Wiener Redemptoristen Klemens Maria Hofbauer als Vornamen. Bernhard hieß er nach seinem Großvater mütterlicherseits. Noch als Student heiratete Grzimek am 17. Mai 1930 in Wittenberg Hildegard Prüfer, die Tochter des Lehrers Max Prüfer und dessen Ehefrau Meta Fritsche. Bernhard und Hildegard Grzimek hatten drei Söhne: Rochus (* 1931), Michael (1934–1959) und den Adoptivsohn Thomas (1950–1980).Sewig 2009, S. 199 f. Michael Grzimek starb im Januar 1959 während der Dreharbeiten zu dem erfolgreichen Dokumentarfilm Serengeti darf nicht sterben bei einem Flugzeugabsturz. Thomas Grzimek beging 1980 Suizid. Bernhard Grzimeks erste Ehe wurde 1973 geschieden. Am 30. Mai 1978 heiratete er seine Schwiegertochter Erika Grzimek, geb. Schoof (* 31. Juli 1932; † 9. Februar 2020), die Witwe seines Sohnes Michael, und adoptierte deren Kinder. Aus einer langjährigen außerehelichen Beziehung gingen Grzimeks Kinder Monika Karpel (1940–2025) und Cornelius (* 1945) hervor.Sewig 2009, S. 93 und 128. Schule und Studium mini|Bernhard Grzimek: Das Eierbuch, Vierte Auflage, 1938 Grzimek besuchte von 1915 bis 1919 die Volksschule und von 1919 bis zum Abitur (Ostern 1928, vgl. Schuljahr) ein Realgymnasium in seiner Heimatstadt. Mitschüler gaben ihm den Spitznamen Igel. Dieses Tier wurde später zu seinem Wappentier, das er auch auf einer Krawatte eingestickt hatte. Er wurde mit 19 Jahren vorzeitig (also vor dem 21. Geburtstag) für volljährig erklärt, da sein Vater bereits 15 Jahre zuvor gestorben war und er seinen Lebensunterhalt als Leiter eines landwirtschaftlichen Betriebs mit Geflügelfarm und Spargelplantage bei Erkner verdienen musste. Ab 1928 studierte er Tiermedizin, zunächst in Leipzig, wo er der katholischen Studentenverbindung K.D.St.V. Burgundia Leipzig beitrat, bald aber an der Tierärztlichen Hochschule Berlin,Die Tierärztliche Hochschule Berlin wurde erst ab 1934 gemeinsam mit der Landwirtschaftlichen Hochschule als Landwirtschaftlich-Tierärztliche Fakultät in die Friedrich-Wilhelms-Universität eingegliedert. wo er im Herbst 1932 sein Staatsexamen bestand und im Februar 1933 mit einer Dissertation über Das Arteriensystem des Halses und Kopfes, der Vorder- und Hintergliedmaße von Gallus domesticusSewig 2009, S. 51. zum Dr. med. vet. promoviert wurde. Berlin, 1933 bis 1945 Von Februar 1933 bis Herbst 1933 war er als Sachverständiger im Preußischen Landwirtschaftsministerium beschäftigt, danach bis 1937 als Referent im Reichsnährstand. Im Juli 1933 trat er der SA bei, in welcher er bis 1935 verblieb, und zum 1. Mai 1937, nach Ende des Aufnahmestopps, schloss er sich der NSDAP an (Mitgliedsnummer 5.919.786).Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/12390957Die „normale“ Wahrheit hinter Grzimeks Nazi-Akte. In: Die Welt vom 4. April 2015. 1945 verschwieg er die Mitgliedschaft, um seine Stellung in Frankfurt am Main zu erhalten. Von Januar 1938 bis April 1945 war er als Regierungsrat im Reichsministerium für Ernährung und Landwirtschaft und dort vor allem (und erfolgreich) mit Rinder- und Geflügelseuchenbekämpfung beschäftigt sowie mit der Verbesserung der Lagerung von Hühnereiern. Mit der Senkung des Anteils fauler Eier von zuvor vier Prozent auf 0,0016 Prozent wurde die Voraussetzung für die Kühlhauslagerung deutscher Eier geschaffen; zuvor konnten dafür ausschließlich Importeier verwendet werden.Sewig 2009, S. 62. Sein Handbuch der Geflügel-Krankheiten wurde noch in den 1960er-Jahren neu aufgelegt. Seine Habilitationsschrift über Gewichtsverlust und Luftkammervergrößerung von Eiern in handelsüblichen Packungen, sowie über den Einfluß des Waschens von Eiern wurde jedoch 1936 als ungeeignet und wissenschaftlich unzureichend beurteilt.Sewig 2009, S. 69 f. Nach Forschungen der Wissenschaftshistorikerin Tania Munz hat Grzimek 1941 mutmaßlich zugunsten des späteren Nobelpreisträgers Karl von Frisch interveniert und ihn so vor Entlassung und Kriegsdienst geschützt.Der Bienenforscher und das NS-Regime. Beitrag von Klaus Taschwer in Der Standard vom 1. Januar 2014. Neben seinem „Brotberuf“ beschäftigte sich Bernhard Grzimek intensiv mit verhaltenskundlichen Themen, speziell mit Menschenaffen und Wölfen; seine Studien erschienen unter anderem in der renommierten Zeitschrift für Tierpsychologie, außerdem schrieb er Kolumnen über Verhaltensforschung für das in Frankfurt am Main erscheinende Illustrierte Blatt. Überliefert ist, dass Grzimek dank seines verhaltenskundlichen Fachwissens eine Tigergruppe des Zirkus Sarrasani mehrfach allein dem Publikum vorführte:Frankfurter Neue Presse, Ausgabe vom 15. Juni 1946. Mindestens von April 1936 bis Januar 1937 hielt Bernhard Grzimek Vorträge im Rundfunk, so etwa am 26. April 1936 über „Jetzt ist es Zeit, Eier einzulegen!“ Sonntag, 26. April 1936 11.30 Deutschlandsender 1571 m oder am 14. Januar 1937 zum Thema „Angorawolle setzt sich durch!“. Donnerstag, 14. Januar 1937 11.05 Deutschlandsender 1571 mSendetermine einiger Rundfunkvorträge von Bernhard Grzimek (Trefferliste einschlägiger Suche bei ANNO.) Im Zweiten Weltkrieg wurde Grzimek Veterinär in der Wehrmacht. Er nutzte diese Tätigkeit unter anderem für Studien über die Farbwahrnehmung und zum Heimfindeverhalten von Militärpferden. Außerdem arbeitete er mit Elefanten. In den Kriegsjahren war er meist einer militärischen Dienststelle in Berlin zugeordnet, damit er noch stundenweise im Reichsernährungs­ministerium arbeiten konnte. Grzimek lebte von 1937 bis 1945 in Berlin-Johannisthal. Anfang 1945 durchsuchte die Gestapo seine Wohnung, da er wiederholt versteckte Juden mit Lebensmitteln versorgt hatte.Belegt ist dies durch eine im Frankfurter Stadtarchiv verwahrte eidesstattlichen Erklärung, die ein „Mitwisser“ dieser Hilfsaktionen verfasst hat. Daraufhin flüchtete Grzimek aus Berlin, kam zunächst nach Detmold und im März nach Frankfurt am Main. Frankfurt am Main, 1945 bis 1974 In Frankfurt hatte die US-Militärregierung am 28. März den ehemaligen Hauptschriftleiter des Frankfurter Illustrierten Blattes, Wilhelm Hollbach, als provisorischen Oberbürgermeister eingesetzt. Grzimek wurde im April Hollbachs persönlicher Referent und nach eigenen Angaben von den US-Behörden als Nachfolger des SA-Führers Fritz Stollberg zum Frankfurter Polizeipräsidenten ernannt. Er lehnte diese Tätigkeit aber ab und wurde stattdessen am 1. Mai 1945 von Hollbach zum Direktor des Zoologischen Gartens berufen. In dieser Funktion war er Hollbach direkt unterstellt. Grzimek nutzte seine Position dazu, die bereits verfügte, dauerhafte Schließung des Frankfurter Zoos zu unterlaufen. Nur zwanzig größere Tiere hatten die Luftangriffe auf Frankfurt am Main überlebt. Der völlig zerstörte Zoo sollte aus dem dichtbesiedelten Frankfurter Ostend herausgenommen und am Stadtrand neu errichtet werden. Pläne hierfür lagen bereits seit 1926 in den Akten des Magistrats. An deren Verwirklichung in absehbarer Zeit glaubte Grzimek nicht. Stattdessen ließ er kurzerhand einige der beschädigten Zoogebäude provisorisch wieder herrichten und die Bombentrichter auf dem Zoogelände beseitigen. Schon am 1. Juli 1945 wurde der Zoo wieder eröffnet und wies Ende 1945 mit 563.964 Besuchern bereits mehr als doppelt so viele auf wie in der Vorkriegszeit. Mit Volksfesten, Tanzveranstaltungen und Schaustellern hatte Grzimek die Frankfurter Bevölkerung in den Zoo gelockt und so die Zustimmung der provisorischen Stadtverwaltung und der US-Militärs zum Erhalt des Frankfurter Zoos bewirkt, der bis Ende 1947 zugleich der größte Vergnügungspark Hessens war. Nebenbei war Grzimek von 1945 bis 1946 kommissarischer Leiter der damaligen Staatlich anerkannten Vogelschutzwarte Frankfurt am Main. Sein wissenschaftlicher Assistent war von 1946 bis 1950 der spätere Nürnberger Zoodirektor, Alfred Seitz. Ende 1947 warf die US-Militärregierung Grzimek vor, seine Mitgliedschaft in der NSDAP verschwiegen zu haben, und belegte ihn unter anderem mit einer rechtskräftigen Geldstrafe von 5000 Reichsmark. Grzimek stritt einen Beitritt oder eine Anwartschaft zur NSDAP stets ab. Die Frankfurter Spruchkammer sah seine Mitgliedschaft aufgrund bestimmter Indizien nicht als erwiesen an und bescheinigte ihm am 23. März 1948 aufgrund mehrerer Zeugenaussagen im Gegenteil, „dass er wiederholt und fortgesetzt aktiven Widerstand gegen die nationalsozialistische Gewaltherrschaft geleistet hat“ und daher „in die Gruppe der Entlasteten eingereiht“ werde. Daraufhin wurde die ihm auf Weisung der US-Behörden bereits schriftlich mitgeteilte Amtsenthebung wieder zurückgenommen. Mehrfache weitere Vorwürfe und Klagen, vor allem vorangetrieben durch den damaligen Münchner Zoodirektor Heinz Heck,Sewig 2009, S. 153 und 156 f. veranlassten Grzimek, sich Ende der 1940er Jahre nach anderen Wirkungsfeldern, zum Beispiel im Zoo Schweinfurt, umzusehen. Bis zu seiner Pensionierung am 30. April 1974 blieb Bernhard Grzimek jedoch Direktor des Frankfurter Zoos. 1954 gründete er mit seinem Sohn Michael die Okapia KG, eine bis heute erfolgreiche Bildagentur. Gemäß eigener Aussage in seiner Autobiographie war sie eine regelmäßige Einkommensquelle und wirtschaftliche Absicherung gegen politischen Druck auf seine Amtsführung und herausgeberische Tätigkeit. Von 1970 bis 1973 war Bernhard Grzimek der Beauftragte der deutschen Bundesregierung für den Naturschutz. 1975 gründete er zusammen mit Horst Stern und 19 anderen Umweltschützern den Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND); bis zu seinem Tod 1987 war er Präsident der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt. Nach der Pensionierung Seit der Pensionierung als Direktor des Frankfurter Zoos nutzte Grzimek von 1974 bis zu seinem Tod 1987 eine Mühle am Fuße des Steigerwaldes bei Donnersdorf im Landkreis Schweinfurt als seinen Altersruhesitz, pendelte aber oft noch nach Frankfurt und reiste um die Welt. Zudem gilt er als Mitbegründer der Idee für einen Nationalpark Steigerwald. 1975 erwarb er zehn Hektar an den vorgeschlagenen Nationalpark angrenzende Waldflächen und Feuchtwiesen bei Michelau im Steigerwald, um sie sich selbst zu überlassen.. Im Original publiziert auf mainpost.de vom 2. August 2009. Öffentliches Wirken mini|Grzimekstandbild im Zoo Frankfurt mini|Nachbau des Flugzeuges (Dornier Do 27) der Grzimeks im Frankfurter Zoo mini|Unterschrift mit lateinischem Zusatz (Stempel: „Im Übrigen bin ich der Meinung, dass das Anwachsen der Menschheit verringert werden muss“, wörtliche Übersetzung: „Im Übrigen meine ich, dass die Nachkommenschaft der Menschen abnehmen muss“)Lia Venn: Zu Grzimeks Geburtstag: Der Enkel des Feldherrn. In: Frankfurter Rundschau vom 15. April 2009; abgerufen am 1. April 2019. Anfang der 1950er Jahre hatte Bernhard Grzimek Afrika bereist – zum einen, um Tiere für seinen Frankfurter Zoo zu fangen, zum anderen, um das Verhalten afrikanischer Tiere in freier Natur zu studieren und um hieraus Rückschlüsse ziehen zu können für eine artgerechtere Haltung der Tiere in einem Zoo. Der drohende Untergang der afrikanischen Tierwelt durch übermäßige Jagd und die Zerstörung ihrer Lebensräume durch den Siedlungsdruck der Menschen, der ihm bei diesen Exkursionen bewusst wurde, veranlasste ihn zu einem lebenslangen Engagement für die Wildtiere Afrikas. Hierfür nutzte Grzimek geschickt auch das aufkommende neue Massenmedium Fernsehen. Seine regelmäßigen Fernsehsendungen machten Bernhard Grzimek seit Ende der 1950er Jahre landesweit bekannt und beliebt. Legendär wurden seine Liveauftritte als Autor und Moderator der am 28. Oktober 1956 erstmals ausgestrahlten hr-Sendereihe Ein Platz für Tiere, zu denen er stets ein Tier aus dem Frankfurter Zoo mitbrachte und an sich umherklettern ließ – häufig auch Raubtiere – und am Schluss jeder Sendung unter genauer Angabe der Kontonummer zur „Hilfe für die bedrohte Tierwelt“ aufforderte. 1980 wurde die 150. Folge der Sendereihe ausgestrahlt, und sie war nicht die letzte; die Reihe erreichte schließlich circa 175 Folgen.Informationen Fernsehen. Hrsg. vom Hessischen Rundfunk, 2. Oktober 1986. Auch als Buchautor und Tierfilmer hatte Grzimek großen Erfolg. Für seine Projekte in der afrikanischen Serengeti-Steppe lernten er und sein Sohn Michael fliegen. Es entstanden 1956 zunächst das Buch Kein Platz für wilde Tiere und anschließend der gleichnamige Tier- und Urwaldfilm, der den Bundesfilmpreis und den Goldenen Bären erhielt. Das Buch wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt und trug ganz erheblich zur Einrichtung von Naturreservaten in Afrika bei. 1958/59 entstand der im folgenden Jahr mit einem Oscar ausgezeichnete Film Serengeti darf nicht sterben, dessen Dreharbeiten mit umfangreichen wissenschaftlichen Erhebungen über die Zahl der Wildtiere in Ostafrika und über deren Wanderungen verbunden waren. Grund dazu waren Pläne, einen Teil des Naturparks abzutrennen und durch Angliederung anderer Gebiete auszugleichen. Die Ergebnisse zeigten, dass in den abzutrennenden Gebieten Teile der jährlichen Wanderwege der Tiere lagen, während das Ersatzgebiet kaum in Anspruch genommen wurde. Während der Dreharbeiten verunglückte sein Sohn Michael Grzimek im Januar 1959 bei einem Flugzeugabsturz tödlich; er wurde im Ngorongoro-Krater am Rande der Serengeti beigesetzt. Die Ergebnisse der hauptsächlich von Michael Grzimek durchgeführten Forschungsarbeiten zu den Tierwanderungen in der Serengeti wurden von Bernhard Grzimek posthum zusammengefasst und veröffentlicht.Michael Grzimek, Bernhard Grzimek: Sonderheft: A study of the Game of the Serengeti Plains. In: Zeitschrift für Säugetierkunde. (heute: Mammalian Biology.) Band 25, 1960, S. 1–61. Ende 1967 wandte sich Grzimek an den damaligen Bundeslandwirtschafts­minister Hermann Höcherl, um gegen den Bau des Hühnerhochhauses in Berlin-Neukölln, in dem 250.000 Legehennen auf engstem Raum gehalten werden sollten, zu protestieren. Es war der erste öffentliche Einsatz von Grzimek gegen die Käfighaltung von Hühnern, viele weitere folgten.Sewig 2009, S. 320 Zwischen 1967 und 1974 zeichnete Bernhard Grzimek für die Enzyklopädie Grzimeks Tierleben in 13 Bänden als Herausgeber verantwortlich. Grzimek machte auch auf Probleme der menschlichen Bevölkerungszunahme aufmerksam. In Anlehnung an das klassische lateinische Zitat Ceterum censeo Carthaginem esse delendam stempelte er Briefköpfe mit dem Satz ceterum censeo progeniem hominum esse diminuendam („Im Übrigen bin ich der Meinung, dass das Anwachsen der Menschheit verringert werden muss“, wörtliche Übersetzung: „Im Übrigen meine ich, dass die Nachkommenschaft der Menschen abnehmen muss“), siehe Abbildung oben rechts.Ernst Kern: Sehen – Denken – Handeln eines Chirurgen im 20. Jahrhundert. ecomed, Landsberg am Lech 2000, ISBN 3-609-20149-5, S. 95. Loriot setzte Grzimek schon zu dessen Lebzeiten ein kleines Denkmal: Er zeichnete im Rahmen der sechsteiligen Fernsehserie Loriot als Parodie auf die grzimeksche Sendereihe einen Trickfilm über die Steinlaus und spielte eine Imitation der Sendereihe. Beider Wirken wurde über lange Jahre sogar mit einem Eintrag des fiktiven Tieres im Pschyrembel gewürdigt. Tod und Nachleben mini|Grab von Michael Grzimek und Bernhard Grzimek im Ngorongoro Bernhard Grzimek starb am 13. März 1987 in Frankfurt am Main als Zuschauer während der Tigervorstellung des Zirkus Althoff. Seine Urne wurde später nach Tansania überführt und neben seinem Sohn Michael auf dem Kraterrand des Ngorongoro-Kraters beigesetzt.Sabine Ränsch: Bernhard Grzimek liebte Tiere, Frauen und Furzkissen. Auf: welt.de vom 12. März 2012, zuletzt abgerufen am 2. Juni 2022. Nach Grzimeks Tod verhinderten Erbstreitigkeiten über viele Jahre die Verwendung seines materiellen und schöpferischen Nachlasses. Seit 2013 wird zu Ehren seines Andenkens durch die KfW-Stiftung in Frankfurt am Main alle zwei Jahre der mit 50.000 Euro dotierte KfW-Bernhard-Grzimek-Preis für herausragende Verdienste um den Erhalt von Biodiversität verliehen. Sein Enkel Christian Grzimek ist Mitglied der Jury. Kritik Der Naturkundler und Tierfilmer Henry Makowski warf Grzimek 1960 vor, durch dessen strikte Ablehnung einer zielgerichteten Bestandsregulierung auch mittels Jagd in den eingerichteten Schutzgebieten Ostafrikas das ökologische Gleichgewicht zum Nachteil der eigentlich zu schützenden Tiere sowie der Landschaft negativ zu beeinflussen. Thomas Lekan, Historiker an der University of South Carolina, kritisierte 2020 die romantisierte Sicht Grzimeks auf die Serengeti als eine „unberührte“ Natur, die von der ansässigen Bevölkerung geschützt werden muss. Diese westliche, post-koloniale Perspektive auf die Serengeti bringe ein verzerrtes Bild und Narrativ mit sich, das bis heute anhalte. Lekan zufolge werde außer Acht gelassen, dass es sich um eine Kulturlandschaft handle, die von den Massai geformt, gepflegt und geschützt werde. Grzimeks Einfluss auf die tansanische Regierung und die Etablierung von Schutzgebieten im Sinne des Festungsnaturschutzes, führten dazu, dass die Massai von ihrem angestammten Land gewaltsam vertrieben und ein Naturschutzkonzept im Sinne der europäischen Perspektive etabliert wurde. Noch heute litten die Massai unter den kolonialen Narrativen und dem anhaltenden Landraub auf Kosten des Naturschutzes. Ihre Rolle zum Schutz der Natur werde nicht anerkannt. Naturschutz sei durch Tourismus und Trophäenjagd zu einem lukrativen Geschäft geworden. Diese Naturschutzinteressen würden in ganz Afrika gewaltsam und militarisiert durchgesetzt.Thomas M. Lekan: Our Gigantic Zoo: A German Quest to Save the Serengeti. Oxford University Press, New York 2020, ISBN 978-0-19-984367-1. Auszeichnungen und Ehrungen 1956: zwei Goldene Bären für Kein Platz für wilde Tiere in den Kategorien Internationaler Dokumentarfilm und PublikumspreisSewig 2009, S. 209 1956: Bundesfilmpreis für Kein Platz für wilde Tiere 1959: Goldener Bildschirm für die Fernsehsendung Ein Platz für TiereSewig 2009, S. 243 1960: Academy Award (Oscar) für Serengeti darf nicht sterben in der Kategorie DokumentarfilmSewig 2009, S. 260 ff. 1960: Honorarprofessur an der Veterinärmedizinischen Fakultät der Justus-Liebig-Universität GießenSewig 2009, S. 269 1960: Verleihung der Ehrendoktorwürde eines der Humboldt-Universität zu Berlin 1960: Ernennung zum Ehrenmitglied der Wissenschaftlichen Gesellschaft für Veterinärmedizin der DDR (WGV) 1963: Goldene Medaille der New York Zoological Society für „outstanding services in conservation of nature“ 1964: Wilhelm-Bölsche-Medaille für Verdienste um die Verbreitung der Naturwissenschaften in Deutschland 1968: Krawattenmann des Jahres 1969: Großes Bundesverdienstkreuz 1969: Goldene Kamera 1970: Aufnahme in den wissenschaftlichen Beirat der Zeitschrift Kosmos 1973: Bambi 1974: Großes Bundesverdienstkreuz mit Stern 1978: Einweihung des neuen Nachttierhauses im Frankfurter Zoo unter dem Namen Grzimek-HausScherpner 1983, S. 155 und 165: Das während der Bauphase ab 1972 noch als 24-Stunden-Haus bezeichnete Tierhaus wurde durch Magistratsbeschluss im September 1978 als Grzimek-Haus eingeweiht. 1981: Honorarprofessor der Lomonossow-Universität Moskau 2008: Umbenennung eines Teils der Frankfurter Straße Am Tiergarten in Bernhard-Grzimek-AlleeSewig 2009, S. 187 Werke Filme 1953: Affenkinder 1956: Kein Platz für wilde Tiere 1959: Serengeti darf nicht sterben 1956–1980: Ein Platz für Tiere (Fernsehreihe der ARD; bis 1987 gekürzte Neubearbeitungen) Bücher 1933: Das Arteriensystem des Halses und Kopfes, der Vorder- und Hintergliedmaße von Gallus domesticus. Berlin 1933 (Dissertation Tierarztliche Hochschule zu Berlin 1933, 19 Seiten, Illustrationen, 8, Teildruck auch als: Die Arteria carotis des Haushuhnes, in: Berliner tierärztliche Wochenschrift, Nr. 49). 1933: Das kleine Geflügelbuch. Deutscher Verlag, Berlin. 1933: Geflügel richtig füttern 1934: Das Eierbuch 1936: Handbuch für Geflügelkrankheiten. Später als Neuauflage unter dem Titel Krankes Geflügel 1941: Wir Tiere sind ja gar nicht so! Franckh’sche Verlagshandlung 1943: Unsere Brüder mit den Krallen. Heinrich F. C. Hannsmann, Stuttgart 1943: Wolf Dschingis: Neue Erlebnisse, Erkenntnisse und Versuche mit Tieren. Franckh’sche Verlagshandlung. 1949: Das Tierhaus in den Bergen (Jugendbuch). Heinrich F. C. Hannsmann, Stuttgart. – 1962: Hallwag, Bern 1950: Gefangenhaltung von Tieren. In: Studium Generale, Jahrgang 3, 1950, ISBN 978-3-662-38240-0 1949: Michael knipst sich aus. Heinrich F. C. Hannsmann, Stuttgart 1949: Die Elefantenschule. Heinrich F. C. Hannsmann, Stuttgart 1951: Affen im Haus und andere Tierberichte. Franckh’sche Verlagshandlung 1952: Flug ins Schimpansenland: Reise durch ein Stück Afrika von heute. Franckh’sche Verlagshandlung 1954: Kein Platz für wilde Tiere 1956: 20 Tiere und ein Mensch 1956: Thulo aus Frankfurt Rund um die Giraffe. Franckh’sche Verlagshandlung 1959: Serengeti darf nicht sterben. 367 000 Tiere suchen einen Staat. Zusammen mit seinem Sohn Michael verfasst. Ullstein, Berlin 1962: Auch Nashörner gehören allen Menschen 1963: Wir lebten mit den Baule. Flug ins Schimpansenland. Ullstein Taschenbuch (Neuausgabe des Buches von 1952) 1965: Wildes Tier, weißer Mann 1966: Mit Grzimek durch Australien 1967: Grzimeks Tierleben. Enzyklopädie des Tierreichs. 13 Bände. Zürich; Neudruck 1980. 1969: Grzimek unter Afrikas Tieren: Erlebnisse, Beobachtungen, Forschungsergebnisse. 1974: Auf den Mensch gekommen: Erfahrungen mit Leuten. Bertelsmann, München 1974, ISBN 3-570-02608-6 (erste Autobiografie). 1975: 20 Tiere und ein Mensch. (DDR Lizenzausgabe erschienen beim Henschelverlag Berlin) 1977: Und immer wieder Pferde. Kindler; auch Fischer 1979: Vom Grizzlybär zur Brillenschlange: Ein Naturschützer berichtet aus vier Erdteilen. Kindler 1980: Einsatz für Afrika: Neue Erlebnisse mit Wildtieren. Kindler 1984: Tiere, mein Leben: Erlebnisse und Forschungen aus fünf Jahrzehnten. Harnack, München 1984, ISBN 3-88966-011-8 (zweite Autobiografie). 1987–1989: Grzimeks Enzyklopädie der Säugetiere. (Herausgeber) 2009: Mein Leben. Erinnerungen des Tierforschers. Erweiterte Neuauflage der Autobiografie, Piper-Taschenbuch 5386, München / Zürich 2009, ISBN 978-3-492-25386-4. Zeitschriften Ab 1960: Das Tier (Herausgeber zusammen mit Konrad Lorenz, Heini Hediger und Harald Schliemann) Literatur Ina Claus: Michael und Bernhard Grzimek: Zwei Leben für die Wildnis Afrikas. Verlag Neue Literatur, Jena 2009, ISBN 978-3-940085-20-7. Andreas Dornheim: Beamte, Adjutanten, Funktionäre. Personenlexikon zum Reichsministerium für Ernährung und Landwirtschaft und Reichsnährstand. W. Kohlhammer, Stuttgart 2021, ISBN 978-3-17-040086-3, S. 201–202. Jens Ivo Engels: Von der Sorge um die Tiere zur Sorge um die Umwelt. Tiersendungen als Umweltpolitik in Westdeutschland zwischen 1950 und 1980. In: Archiv für Sozialgeschichte 43 (2003) 1, S. 297–324; Jens Ivo Engels: Von der Heimat-Connection zur Fraktion der Ökopolemiker. Personale Netzwerke und politischer Verhaltensstil im westdeutschen Naturschutz zwischen Nachkriegszeit und ökologischer Wende. In: Arne Karsten, Hillard von Thiessen (Hrsg.): Nützliche Netzwerke und korrupte Seilschaften. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2006, S. 18–45, ISBN 978-3-525-36292-1. Theophil Gerber: Persönlichkeiten aus Land- und Forstwirtschaft, Gartenbau und Veterinärmedizin – Biographisches Lexikon. 4. erweiterte Auflage, Verlag NoRa, Berlin 2014, S. 258. Gerhard Grzimek, Rupprecht Grzimek: Die Familie Grzimek aus Oberglogau in Oberschlesien. In: Gerhard Geßner (Hrsg.): Deutsches Familienarchiv. Ein Genealogisches Sammelwerk. Band 10. Degener, Neustadt an der Aisch 1959; . 4. Ausgabe: Herder-Institut, Reutlingen 2000. Christoph Scherpner: Von Bürgern für Bürger. 125 Jahre Zoologischer Garten Frankfurt am Main. Zoologischer Garten, Frankfurt 1983, ISBN 3-9800831-0-1. Claudia Sewig: Der Mann, der die Tiere liebte. Bernhard Grzimek. Biografie. Lübbe, Bergisch Gladbach 2009, ISBN 978-3-7857-2367-8. Leseprobe bei Google Books Franziska Torma: Eine Naturschutzkampagne in der Ära Adenauer. Bernhard Grzimeks Afrikafilme in den Medien der 50er Jahre. Meidenbauer, München 2004, ISBN 3-89975-034-9 (Magisterarbeit an der Ludwig-Maximilians-Universität München 2004, 213 Seiten, unter dem Titel: Kein Platz für wilde Tiere?). Film und Audio Dokumentarfilme Bernhard Grzimek, ein Leben für die Tiere. 54 Min. Drehbuch und Regie: Thomas Weidenbach. Deutschland 2004. Bernhard Grzimek. (= Legenden. Staffel 9, Folge 4). 45 Min. Drehbuch: Erika Kimmel, Bernd Isecke. Deutschland 2008. Grzimeks Vermächtnis – Wie weit darf Naturschutz gehen? (= ARD History. Folge 62). 45 Min. Drehbuch: Dennis Wells. Deutschland 2025. Filmbiografie Grzimek. 180 Min. Regie: Roland Suso Richter. Deutschland 2015. Mit Ulrich Tukur als Hauptdarsteller. Podcast Im Original publiziert von hr-info am 3. April 2015, Audiolänge ca. 24 Minuten. Weblinks . Im Original publiziert von der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt. Claudia Sewig: Der wahre Professor Grzimek; Hamburger Abendblatt, Ausgabe vom 14. März 2009. TV-Legende Bernhard Grzimek: Der Affenflüsterer. Auf: spiegel.de vom 23. April 2009. Felix Schürmann: Grzimeks Afrika …zwischen westlichem Naturschutzkonzept und kolonialen Klischees. Auf: zeitgeschichte-online.de vom 13. März 2017. bernhardgrzimek.de. Website der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt mit Fotos und Filmausschnitten. Anmerkungen Belege Für den Abschnitt Werdegang: Stadtarchiv Frankfurt am Main, Personalakte B. Grzimek Bernhard Kategorie:Zoodirektor Kategorie:Tierarzt Kategorie:Mediziner (20. Jahrhundert) Kategorie:Verhaltensforscher Kategorie:Fernsehmoderator (Deutschland) Kategorie:Person (Hessischer Rundfunk) Kategorie:Naturschützer Kategorie:Umweltaktivist Kategorie:Oscarpreisträger Kategorie:Dokumentarfilmer Kategorie:Träger des Großen Bundesverdienstkreuzes mit Stern Kategorie:Ehrendoktor der Humboldt-Universität zu Berlin Kategorie:Sachliteratur Kategorie:Literatur (20. Jahrhundert) Kategorie:Literatur (Deutsch) Kategorie:Korporierter im CV Kategorie:SA-Mitglied Kategorie:NSDAP-Mitglied Kategorie:Person (Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland) Kategorie:Frankfurt am Main im 20. Jahrhundert Kategorie:Person (Frankfurt am Main) Kategorie:Deutscher Kategorie:Geboren 1909 Kategorie:Gestorben 1987 Kategorie:Mann Kategorie:Populärwissenschaftliche Literatur
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Andreas Vesalius
mini|hochkant|Andreas Vesalius, vor 1544. Holzschnitt von Jan Stephan van Calcar aus Vesalius’ Schrift De humani corporis fabrica, Basel 1543 Andreas Vesal oder latinisiert Andreas Vesalius (aus flämisch Andries van Wezel, eigentlich Andreas Witinck bzw. Andries Witting van Wesel (te Brussel), auch Andreas Witing; * 31. Dezember 1514 in Brüssel; † 15. Oktober 1564 auf Zakynthos/Griechenland) war ein flämischer Anatom und Chirurg der Renaissance bzw. des Humanismus deutscher Abstammung. Er gilt als Begründer der neuzeitlichen Anatomie und des morphologischen Denkens in der Medizin. Vesal wirkte als Professor an der Universität von Padua. Er war zudem Leibarzt Kaiser Karls V. und König Philipps II. von Spanien. Bekannt wurde er vor allem durch sein 1543 erschienenes Hauptwerk De humani corporis fabrica libri septem („Sieben Bücher vom Bau des menschlichen Körpers“), womit er einen lange Zeit unübertroffenen Beitrag humanistischer Gelehrsamkeit zur Kenntnis der Anatomie des Menschen geschaffen hat. Durch seine Arbeiten zu Abnormitäten der Organe legte er zudem den Grundstein zur pathologischen Anatomie. Leben Andreas Vesal (bzw. Andries van Wesel) stammte aus einer alten Weseler Familie (der Name Vesal erinnert noch daran), die jedoch früh auswanderte. Der Vater Andries van Wesel (1479–1544) war habsburgischer Leibapotheker am Kaiserhof Karls V. in Flandern, die Mutter hieß Elisabeth Crabbe. Vesal besuchte die Schule in Brüssel, studierte ab 1530 an der Universität Löwen alte Sprachen und Wissenschaften und erhielt dort seine humanistische Bildung. 1531 wechselte er zur Medizin. Vesalius ging 1533 nach Paris, um mit Miguel Serveto unter Jacques Dubois (Jacobus Sylvius) und Johann Winter von Andernach galenische Medizin und Anatomie zu studieren. Er war jedoch von Sylvius’ strikter Anlehnung an Galenos (Galen) und von der realitätsfernen Ausbildung an der Universität enttäuscht und verließ Paris 1536 wegen des Dritten Krieges Karls V. gegen Franz I. wieder. Er kehrte nach Löwen zurück und beendete dort sein Studium. Weil er sich selbst Gewissheit über anatomische Einzelheiten verschaffen wollte, über die er an der Universität aus den Lehren von Galen gehört hatte, verschaffte er sich dort die Leiche eines Hingerichteten und präparierte das Skelett.Martin Ambrein: Einblicke ins Innerste. In: NZZ, 31. Dezember 2013. Hierbei stellte er Abweichungen zu den Angaben von Galen fest. In Löwen konnte Vesal dank guter Beziehungen zur Obrigkeit 1537 seine erste öffentliche Leichenöffnung (Sektion) durchführen.Charles Donald O’Malley: Andreas Vesalius of Brussels, 1514–1564. University of California Press, Berkeley CA u. a. 1964. Anfang 1537 gab Vesal als Kandidat der Medizin (ein dem Master vergleichbarer Abschluss) in Brüssel sein philosophisches Erstlingswerk heraus, die Paraphrasis ad nonum librum Rhazae, eine Beschäftigung mit den Theorien und Methoden des persischen Arztes Rhazes (Abu Bakr Muhammad ibn Zakariya ar-Razi), der etwa von 860 bis 925 gelebt hatte. Danach ging er nach Oberitalien. Am 3. Dezember 1537 wurde er promoviert; tags darauf wurde er in Padua zum Professor der Chirurgie und Anatomie ernannt. So lehrte er die nächsten Jahre als Lehrstuhlinhaber in Padua. Später zog er nach Venedig, wo er 1537 zu Besuch gewesen war und dort erfolgreich Pleuritis-Kranke operiert hatte. In Anerkennung seiner hervorragenden Kenntnisse erhielt Vesalius vom venezianischen Senat einen fünfjährigen Zeitvertrag als Professor für Chirurgie, mit Lehrverpflichtung in Anatomie. Im großen venezianischen Stadtspital konnte er nicht nur „seine anatomischen und medizinischen Kenntnisse vertiefen, sondern auch im Hinblick auf seine musischen Neigungen wesentliche Anregungen von der Malschule des Tizian […] empfangen.“Axel Hinrich Murken: Die schönsten Holzschnitte aus Andreas Versals „De humani corporis fabrica libri septem“. Coppenrath, Münster 1978, Einführung. Während seines Aufenthaltes in Venedig lernte er den gleichfalls vom Niederrhein stammenden Maler und Holzschneider Jan Stephan van Calcar kennen, der großen Einfluss auf die künstlerische Gestaltung seiner wissenschaftlichen Werke hatte. Vesal, im Schrifttum seiner Zeit Vesalius genannt, führte um 1542 eine (rhythmische) Beatmung über ein in die Luftröhre eingebrachtes Röhrchen, einen Tubus aus Schilfrohr, durch und brachte damit ein stillstehendes Herz wieder zum Schlagen.Vgl. Heinrich L’Allemand: Wiederbelebung. In: Franz Xaver Sailer, Friedrich Wilhelm Gierhake (Hrsg.): Chirurgie historisch gesehen. Anfang – Entwicklung – Differenzierung. Dustri-Verlag, Deisenhofen bei München 1973, ISBN 3-87185-021-7, S. 217–228, hier: S. 218. Diese 1543 publizierte erste belegte endotracheale Intubation erfolgte nur im Tierversuch und fand keine weitere Beachtung.Rudolf Frey, Otto Mayrhofer, mit Unterstützung von Thomas E. Keys und John S. Lundy: Wichtige Daten aus der Geschichte der Anaesthesie. In: R. Frey, Werner Hügin, O. Mayrhofer (Hrsg.): Lehrbuch der Anaesthesiologie und Wiederbelebung. Springer, Heidelberg/Basel/Wien 1955; 2., neubearbeitete und erweiterte Auflage. Unter Mitarbeit von H. Benzer. Ebenda 1971, ISBN 3-540-05196-1, S. 13–16, hier: S. 13. Sechs anatomische Flugblätter für Studenten, die Tabulae anatomicae sex, gab Vesal 1538 in Venedig heraus. Zumindest hier gilt als gesichert, dass Jan Stephan van Calcar die dazugehörigen Skelettzeichnungen anfertigte. Einen Monat später gab Vesal eine Neuausgabe der Institutiones anatomicae des Johann Winter ohne dessen Wissen heraus. Sie war als Kompendium für Studenten gedacht. Vesals Aderlassbrief erschien 1539, drei weitere Traktate zu einer großen Galen-Ausgabe verfasste er 1541. Kaiserlicher Leibarzt Im Jahr 1544 reiste Andreas Vesal nach Pisa, nachdem er sich Karl V. als Leibarzt verpflichtet hatte, und hielt dort eine öffentliche Sektion ab. Auch ein Lehramt an der Universität Pisa wurde ihm angetragen, doch die Annahme des Rufs wurde ihm von Kaiser Karl V. verwehrt. Vesal zog nach Brüssel und war weiter schriftstellerisch tätig. Er publizierte 1546 eine Abhandlung über die Chinawurzel und heiratete im selben Jahr. Als sich Kaiser Karl V. 1556 nach Spanien zurückzog, wollte er Vesal, mit einer Leibrente versehen, in den Niederlanden zurücklassen. Ein Jahr zuvor, 1555, war die zweite Auflage der „Fabrica“ erschienen, die in einer noch schöneren Typographie nach dem Entwurf des französischen Schriftsetzers Claude Garamond wieder zu einem Meisterwerk der europäischen Buchkunst geraten war (die Bücher 1–5 kamen schon 1552 auf den Markt). Unzählige kleinere Veränderungen hatte Vesal in diese Ausgabe eingearbeitet. Sie enthielt auch Antworten auf Angriffe gegen ihn und zudem war sie durch eine freiere Haltung gegenüber Galen gekennzeichnet. Vesals wissenschaftliches Interesse erlosch nun zwar nicht, doch trat er in den Dienst Philipps II. von Spanien, dessen Hof 1559 nach Madrid verlegt wurde. Vesal war jetzt Arzt des niederländischen Hofstaates. Schließlich unternahm er 1564 eine Pilgerreise ins Heilige Land, von der er nicht mehr zurückkam: Während der Rückreise von Jerusalem erkrankte er und musste an Land gehen. In Zante starb er. Er soll von Pilgern bestattet worden sein. Legenden um diesen frühen Tod brachten Vesalius mit der Inquisition in Verbindung. Hubertus Languetus schrieb ein Jahr nach Bekanntwerden seines Todes an den Arzt Caspar Peucer, Vesalius habe aus Versehen einen Menschen bei lebendigem Leib seziert und sei zur Strafe verpflichtet worden, nach Jerusalem zu reisen. Öffentliche Sektionen In Bologna, der Scholarenuniversität, sezierte Vesal 1540 öffentlich: Die erste Vorlesung fand in der Kirche San Salvador statt, die anatomische Demonstration in einem eigens dazu errichteten Anatomischen Theater unter dem sakralen Schutz der Kirche San Francesco. Auch ein deutscher Medizinstudent war eingeladen worden, der Sektion beizuwohnen. Der aus Liegnitz stammende Balthasar Heseler (1508/1509–1567) berichtete später, Vesal habe die Sektion vor etwa 200 Zuschauern, darunter 150 Studenten, vorgenommen. Zunächst habe er sich von der alten Vorgehensweise, deren Vertreter Galen und Mondino er namentlich genannt habe, distanziert, und – statt sofort Brust, Bauch und Schädel zu eröffnen – mit der Myologie (Muskellehre) begonnen, die bis zu Leonardo da Vinci völlig vernachlässigt worden war, und alle Details der Myologie und Osteologie (Knochenlehre) dargelegt. Während der Demonstration Vesals habe Jacobus Erigius, ein Mitglied der Medizinischen Fakultät Bolognas, ebenfalls eine Leiche seziert und sich wegen seines unsachgemäßen Vorgehens den Spott des Ersteren zugezogen. Seitdem die Zahl der Sektionen in Padua häufiger geworden war, hatte Vesalius nicht nur die Autorität des Galen ins Wanken gebracht, sondern durch vermehrte Berücksichtigung von Organ-Abnormitäten den Grundstein für die spätere pathologische Anatomie gelegt.Robert Schwab: Über die Bedeutung des Juliusspitals für die Entwicklung der Inneren Medizin. In: Das Juliusspital Würzburg in Vergangenheit und Gegenwart: Festschrift aus Anlaß der Einweihung der wiederaufgebauten Pfarrkirche des Juliusspitals am 16. Juli 1953. Hrsg. vom Oberpflegeamt des Juliusspitals. Würzburg 1953, S. 14–24, hier: S. 15. De humani corporis fabrica libri septem mini|hochkant|Holzschnitt von Jan Stephan van Calcar: Frontispiz aus De humani corporis fabrica, Basel 1543 In den Jahren 1538 bis 1542 bereitete Vesal das umfangreiche Anatomielehrwerk De humani corporis fabrica libri septem (lateinisch für „Sieben Bücher über den Aufbau des menschlichen Körpers“) vor, das die neuzeitliche Anatomie begründete. Die Konsequenz, Konzentration und der manische Eifer, die Fabrica zu vollenden, ließen ihn bei seinen Mitmenschen schweigsam und melancholisch (taciturnus et melancholicus) erscheinen. Während Vesal Professor und Prosektor war, sezierte er 1539 die Leichen aller in Padua Hingerichteten. 1540 folgten anatomische Demonstrationen in Bologna.Axel W. Bauer: Die Medizin im Renaissance-Humanismus auf dem Weg von der mittelalterlichen Personalautorität zur neuzeitlichen Sachautorität am Beispiel von Botanik, Anatomie und Chirurgie. In: Dominik Groß, Monika Reiniger (Hrsg.): Medizin in Geschichte, Philologie und Ethnologie. Festschrift für Gundolf Keil. Königshausen & Neumann, Würzburg 2003, ISBN 3-8260-2176-2, S. 11–25; hier: S. 19 f. Im Vorwort zur Fabrica übte er vehemente Kritik an der anatomischen Lehre Galens, der selbst nie ein Hehl daraus gemacht hatte, nur Tierkadaver seziert zu haben. Dieses sorgfältig typographisch ausgestattete Lehrbuch zeigt rund 200 zum Teil ganzseitige Illustrationen. Er zeichnete darin unter anderem, sich dabei auf Plinius beziehend, eine Abstammungslinie vom Affen über die Pygmäen hin zum Menschen. Mit seinem revolutionären, in humanistischer Weise in ciceronischem Latein verfassten Werk und der Lösung von den anatomischen Lehren Galens war der als Humanist handelndeLudwig Edelstein: Andreas Vesalius, the Humanist. In: Bulletin of the History of Medicine. Band 14, 1943, S. 547–561.Richard Toellner: „Renata dissectionis ars“. Vesals Stellung zu Galen in ihren wissenschaftsgeschichtlichen Voraussetzungen und Folgen. In: August Buck (Hrsg.): Die Rezeption der Antike. Zum Problem der Kontinuität zwischen Mittelalter und Renaissance [Vorträge gehalten anläßlich des ersten Kongresses des Wolfenbütteler Arbeitskreises für Renaissanceforschung in der Herzog-August-Bibliothek Wolfenbüttel vom 2.–5. September 1978] (= Wolfenbütteler Abhandlungen zur Renaissanceforschung. Band 1). Hauswedell, Hamburg 1981, ISBN 3-7762-0205-X, S. 85–95. Vesal, der für seine Sektionen auch auf antike alexandrinische Vorbilder des 3. Jahrhunderts v. Chr. zurückgriff,Gerhard Baader: Die Antikerezeption in der Entwicklung der medizinischen Wissenschaft während der Renaissance. In: Rudolf Schmitz, Gundolf Keil (Hrsg.): Humanismus und Medizin. Acta humaniora, Weinheim 1984 (= Deutsche Forschungsgemeinschaft: Mitteilungen der Kommission für Humanismusforschung. Band 11), ISBN 3-527-17011-1, S. 51–66, hier: S. 63 f. der Hauptbegründer der neuzeitlichen Anatomie und Reformer deren Nomenklatur, bei der Vesal auf den Wortschatz der antiken römischen Medizinschriftsteller und insbesondere den von Aulus Cornelius Celsus zurückgriff.Vgl. August Buck: Die Medizin im Verständnis des Renaissancehumanismus. In: Deutsche Forschungsgemeinschaft: Humanismus und Medizin. Hrsg. von Rudolf Schmitz und Gundolf Keil, Acta humaniora der Verlag Chemie GmbH, Weinheim 1984 (= Mitteilung der Kommission für Humanismusforschung. Band 11), ISBN 3-527-17011-1, S. 181–198, hier: S. 186 f. Veröffentlichung und Kolloquium De humani corporis fabrica libri septem (nebst deren Auszug für Chirurgen), fertiggestellt 1542, erschien erstmals 1543 in Basel bei dem Verleger Johannes Oporinus. Vesalius hatte die Holzstöcke seiner Illustrationen, fertig geschnitten, zusammen mit den Probeabzügen nach Basel bringen lassen. Er selbst folgte 1543 nach und hielt in Basel im Mai unter Assistenz des Ratsherrn und zünftischen Wundarztes Franz Jeckelmann (später Schwiegervater von Felix Plater) ein berühmt gewordenesGustav Steiner: Aerzte und Wundaerzte, Chirurgenzunft und medizinische Fakultät in Basel. In: Basler Jahrbuch. 1954, S. 179–209, hier: S. 186–187. anatomisches Kolloquium ab. Das hierbei von Vesalius präparierte sogenannte Vesalsche Skelett ist noch heute erhalten und das älteste Stück der anatomischen Sammlung in Basel. Es soll 1543 aus den sterblichen Überresten des Straftäters Jakob Karrer von Gebweiler präpariert worden sein. Leonhart Fuchs bearbeitete Vesals Werk und gab es 1551 zunächst unter dem lateinischen Titel De humani corporis fabrica ex Galeni et Andreae Vesalii libris concinnata in Tübingen heraus, ließ aber im selben Jahr auch eine deutschsprachige populärwissenschaftliche Fassung verbreiten.Gerhard Baader: Die Antikerezeption in der Entwicklung der medizinischen Wissenschaft während der Renaissance. 1984, S. 66. Thesen Vesal vertrat entgegen der allgemeinen Überzeugung die Ansicht, allein der menschliche Leib sei der zuverlässige Weg zur Erkenntnis des menschlichen Körperbaus. Als anatomisch unhaltbar griff er (auf S. 515 seiner Fabrica) die These an, dass die Niere durch ein Sieb in zwei Höhlen getrennt sei.Johanna Bleker: Die Geschichte der Nierenkrankheiten. Boehringer Mannheim, Mannheim 1972, S. 52–53. Vesal beschrieb erstmals die Bänder der Gelenke und den Zwischengelenkknorpel des Kiefergelenks und identifizierte als Erster die Pulpahöhle. Seine Schüler führten diese auf Erfahrung beruhende Anatomie weiter.Ullrich Rainer Otte: Jakob Calmann Linderer (1771–1840). Ein Pionier der wissenschaftlichen Zahnmedizin. Medizinische Dissertation. Würzburg 2002, S. 15 f. Vesal beschrieb eingehend das Ventrikelsystem des menschlichen Gehirns und schuf damit eine der Grundlagen der Neurochirurgie.Wolfgang Seeger, Carl Ludwig Geletneky: Chirurgie des Nervensystems. In: Franz Xaver Sailer, Friedrich Wilhelm Gierhake (Hrsg.): Chirurgie historisch gesehen. Anfang – Entwicklung – Differenzierung. Dustri-Verlag, Deisenhofen bei München 1973, ISBN 3-87185-021-7, S. 229–262, hier: S. 230. Auch wenn er keine „Poren“ in der Herzscheidewand (Septum) gefunden hat, hielt Vesal am Irrtum Galens fest, dass Blut aus dem rechten Herzen durch das Septum in die linke Herzkammer fließe.Paul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff/Diepgen/Goerke: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7., neubearbeitete Auflage. Springer, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1960, S. 21. Seiner Zeit entsprechend hatte Vesal die Auffassung, die weiblichen Genitalien seien wie die männlichen, nur nach innen gewölbt. So zeichnete er die Vagina als Penis mit der Vulva als Eichel. Illustrationen aus De humani corporis fabrica libri septem Ehrung Die Pflanzengattung Vesalea aus der Familie der Geißblattgewächse (Caprifoliaceae) wurde 1844 nach ihm benannt. 1970 wurde der Mondkrater Vesalius und 1987 der Asteroid (2642) Vésale nach ihm benannt.Minor Planet Circ. 12209 (PDF; 177 kB) Gleiches gilt für den Mount Vesalius in der Antarktis. Die International Federation of Associations of Anatomists (IFAA) hat an Vesalius’ Todestag, dem 15. Oktober, den Welttag der Anatomie initiiert.World Anatomy Day bei Internationaldays, Symposium der IFAA am World Anatomy Day 2020, Veranstaltung der Ludwig-Maximilians-Universität München am Welttag der Anatomie 2020 Schriften Andreas Vesalius: Scholae Medicorum Patauinae Professoris, De humani corporis fabrica libri septem De humani corporis fabrica libri septem. Johannes Oporinus, Basel (Juni) 1543, doi:10.3931/e-rara-20094 (2. Auflage ebenda 1555; Neudruck Brüssel 1970.) De humani corporis fabrica librorum Epitome. Basel 1543. The Fabric of the Human Body, the complete English translation of the Fabrica with annotations, stories and images of Vesalius and his work Beispielseiten aus dem Erstdruck seines Hauptwerkes Andreae Vesalii Icones anatomicae. J. F. Lehmanns Verlag, München. (Erster moderner Neudruck sämtlicher Holzschnitte der Werke Vesals.) Englische Übersetzung der Fabrica mit Kommentar (im Aufbau) Andreas Vesalius, VESALIUS Projekt. Infos zu den neuen DVD „De Humani Corporis Fabrica“ produziert von der Bibliothek der Gesundheitswissenschaften des Universitätskrankenhauses Ferrara – Italien.(Fabrica auf CD; aber nicht erhältlich) Quellen Jacob Baumann (Hrsg.): Anatomia, Deudsch. Ein kurtzer Auszug der beschreibung aller glider menschlichs Leybs aus den buchern des Hochgelerten Hern D. Andree Vesalij von Brüssel. […] sampt den Figuren und derselben außlegung allen diser loeblichen kunst liebhabern […], sonderlich wundaertzten Deutscher nation zu nutz ins deutsch gebracht. Jul. Paulus Fabricius, Nürnberg (August) 1551. Reprint: Zentralantiquariat der Deutschen Demokratischen Republik, 1982; Neudruck Reprint-Verlag, Leipzig um 1995, ISBN 3-8262-2201-6. Ruben Eriksson (Hrsg.): Andreas Vesalius’ First Public Anatomy at Bologna 1540. An eyewitness report by Baldasar Heseler, medicinae scolaris, together with his notes on Matthaeus Curtius’ Lectures on Anatomia Mundini. Almqvist & Wiksells, Uppsala/Stockholm 1959. (Edition der lateinischen Texte mit englischer Übersetzung) Herman Boerhaave, Bernhard Siegfried Albinus (Hrsg.): Andreae Vesalii Opera omnia anatomica et chirurgica. J. du Vivie & J. u. H. Verbeck, Leiden 1725. Literatur Ernst Cassirer: The Place of Vesalius in the Culture of Renaissance. In: Journal of Biology and Medicine. Band 16, 1943/1944, S. 121 ff. Andrew Cunningham: The Anatomical Renaissance. The resurrection of the anatomical projects of the ancients. Ashgate, Aldershot u. a. 2003, ISBN 1-85928-338-1. Harvey Cushing: A bio-bibliography of Andreas Vesalius. Schuman’s, New York 1943; 2. Auflage. Archon, Hamden (Conn.) 1962. Ludwig Edelstein: Andreas Vesalius, the Humanist. In: Bulletin of the History of Medicine. Band 14, 1943, S. 547–561. Karlheinz Klimt: Lutherus medicinae – aus dem Leben eines Leichenräubers. Projekte-Verlag, Halle/Saale 2010, ISBN 978-3-86237-227-0. Axel Hinrich Murken (Hrsg.): Die schönsten Holzschnitte aus Andreas Vesals „De humani corporis fabrica libri septem“. Coppenrath, Münster 1978. Charles Donald O’Malley: Andreas Vesalius of Brussels, 1514–1564. University of California Press, Berkeley u. a. 1964. Gernot Rath: André Vésale. In: Exempla historica. Epochen der Weltgeschichte in Biographien. Band 27, Fischer, Frankfurt am Main 1984, ISBN 3-596-17027-3, S. 23–41. Moritz Roth: Andreas Vesalius Bruxellensis. G. Reimer, Berlin 1892. Friedrich Rudolf: Ein Erinnerungsblatt an Andreas Vesalius. In: Basler Jahrbuch 1943, S. 113–121. Richard Toellner: „Renata dissectionis ars“. Vesals Stellung zu Galen in ihren wissenschaftsgeschichtlichen Voraussetzungen und Folgen. In: August Buck (Hrsg.): Rezeption der Antike. Zur Problematik der Kontinuität zwischen Mittelalter und Renaissance. Hamburg 1981, S. 85–95. Barbara I. Tshisuaka: Vesal[ius], Andreas. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin / New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 1440 f. Ralf Vollmuth: Renaissance: Ein neuer Blick auf den Menschen. In: Medizin im Mittelalter. Zwischen Erfahrungswissen, Magie und Religion (= Spektrum der Wissenschaften. Spezial: Archäologie Geschichte Kultur. Band 2.19). 2019, S. 76–81, hier: S. 77–79. Weblinks Einzelnachweise Lotte Burkhardt: Verzeichnis eponymischer Pflanzennamen – Erweiterte Edition. Teil I und II. Botanic Garden and Botanical Museum Berlin, Freie Universität Berlin, Berlin 2018, ISBN 978-3-946292-26-5, doi:10.3372/epolist2018. Kategorie:Anatom Kategorie:Mediziner (16. Jahrhundert) Kategorie:Hochschullehrer (Universität Padua) Kategorie:Person als Namensgeber für einen Asteroiden Kategorie:Person als Namensgeber für einen Mondkrater Kategorie:Geboren 1514 Kategorie:Gestorben 1564 Kategorie:Mann
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Akkumulator
mini|Zylindrische Akkumulator-Zelle (18650) vor dem Zusammenbau. Einige Tausend davon werden in ein größeres System namens Antriebsbatterie integriert und zusammengeschaltet, um so für das Elektroauto Tesla Model S die Funktion des Energiespeichers zu übernehmen. mini|Lithium-Ionen-Akku: Elektronik-Platine (Pluspol abgerissen) mit Über- und Tiefentladeschutz sowie Kurzschlussschutz Ein Akkumulator (kurz Akku), auch Sekundärbatterie genannt, ist ein wiederaufladbares galvanisches Element, bestehend aus zwei Elektroden und einem Elektrolyten, das elektrische Energie auf elektrochemischer Basis speichert. Ein einzelnes wiederaufladbares Speicherelement wird Sekundärelement oder Sekundärzelle genannt, im Gegensatz zur nicht (oder nur sehr begrenzt) wiederaufladbaren Primärzelle. Der Ladevorgang basiert auf der elektrolytischen Umkehrung der bei der Entladung ablaufenden chemischen Reaktionen durch Anlegen einer elektrischen Spannung. Sekundärzellen lassen sich – wie Primärzellen – zu Batterien zusammenschalten, in Reihenschaltung (für höhere elektrische Spannung) oder in Parallelschaltung (für höhere Kapazität oder höhere Stromstärken). Beide Schaltungsvarianten führen zur entsprechenden Erhöhung des Gesamt-Energiegehalts [Produkt aus Kapazität und Spannung, angegeben in Wattstunden (Wh)] der Anordnung. Bei jedem Akkumulatortyp ist die Nennspannung der Akkumulatorzelle durch die verwendeten Materialien festgelegt; da jene für die meisten Anwendungen zu gering ist, wird häufig die Reihenschaltung angewandt, um die Spannung zu erhöhen (siehe Bild Starterbatterie). Die Kapazität und die mögliche Stromstärke hängen dagegen von der Baugröße ab. Deshalb ist eine Parallelschaltung mehrerer Zellen in der Regel nicht nötig; stattdessen verwendet man einen Akku mit entsprechend groß dimensionierten Zellen. Begriffsklärung Akkumulator mini|Nickel-Metallhydrid-Akkumulator-zellen im Standardformat „AA“ (Mignon) Das lateinische Wort bedeutet (, ). Bleiakkumulatoren wurden früher dementsprechend auch Bleisammler genannt. Ursprünglich war mit Akkumulator ein einzelnes wiederaufladbares Speicherelement gemeint (Sekundärzelle). Heute bezeichnet der Begriff – zumindest in der Allgemeinsprache – auch wiederaufladbare Speicher, die aus zusammengeschalteten Sekundärzellen bestehen. Wenn es auf den Unterschied ankommt, sollte man genauere Bezeichnungen verwenden: einzelnes Speicherelement: Sekundärzelle, Sekundärelement, Akkumulatorzelle, Akkuzelle zusammengeschaltete Speicherelemente: Z. B. Akkupack, Batterie aus Sekundärzellen Batterie Eine Batterie ist eine Kombination mehrerer gleichartiger technischer Teile. Hier handelt es sich im engeren Sinn um elektrisch und mechanisch miteinander verbundene galvanische Zellen bzw. Elemente.Ernst Grimsehl u. a.: Lehrbuch der Physik. Band II, Teubner, Leipzig 1954, S. 38. Es gibt Batterien aus Primärzellen (nicht wiederaufladbar) und solche aus Sekundärzellen (wiederaufladbar). Ursprünglich waren mit Batterien nur solche aus Primärzellen gemeint. In der Umgangssprache dient Batterie als Oberbegriff für einzelne oder zusammengeschaltete Primärzellen und Sekundärzellen. Beide Zellentypen sind in gleichen Baugrößen auf dem Markt, und beide werden im Englischen genannt. Akkuzellen heißen im Englischen (dt. „wiederaufladbare Batterien“) oder . Elektrische Verbraucher, die mit Primär- oder Sekundärzellen betrieben werden, nennt man oft einfach batteriebetrieben (Batteriebetrieb). Wenn im täglichen Umgang mit dem Gerät die Wiederaufladbarkeit eine Rolle spielt, spricht man vom Akkubetrieb. Kondensator Kondensatoren und auch Elektrolytkondensatoren sind ebenfalls Speicher für elektrische Energie, allerdings speichern sie diese nicht in chemischer Form, sondern als elektrisches Feld zwischen ihren Platten. Sie und auch die chemisch ähnlicheren Doppelschichtkondensatoren sind keine Akkumulatoren und werden auch nicht so bezeichnet. Geschichte Die erste Vorform eines Akkumulators, der – im Gegensatz zu den Zellen von Alessandro Volta – nach der Entladung wiederaufladbar war, wurde 1803 von Johann Wilhelm Ritter gebaut. Den bekanntesten Akkutyp, den Bleiakkumulator, konstruierte 1854 der Mediziner und Physiker Wilhelm Josef Sinsteden. 1859 entwickelte Gaston Planté Sinstedens Erfindung durch eine spiralförmige Anordnung der Bleiplatten erheblich weiter. Um die Wende zum 20. Jahrhundert speisten von Holz umfasste Bleiakkumulatoren in Glasgefäßen Elektroantriebe für Automobile. Die Akkutechnik nahm in der Zeit eine rasante Entwicklung. Folgender vom Telegraphentechnischen Reichsamt 1924 veröffentlichter Text zeigt das am Beispiel der damals etablierten Telegrafie und der noch jungen Telefonie. Akkumulatoren werden hier „Sammler“ genannt, und „Batterien“ waren Ansammlungen galvanischer Elemente: Technik Funktionsweise In einem Akkumulator wird beim Aufladen elektrische Energie in chemische Energie umgewandelt. Wird ein Verbraucher angeschlossen, so wird die chemische Energie wieder zurück in elektrische Energie umgewandelt (siehe dazu: Galvanische Zelle). Die für eine elektrochemische Zelle typische elektrische Nennspannung, der Wirkungsgrad und die Energiedichte hängen von der Art der verwendeten Materialien ab. Akkumulatortypen Die AkkumulatortypenDirk Uwe Sauer: (PDF; 1,1 MB) ISEA (RWTH Aachen) werden nach den verwendeten Materialien bezeichnet. Auflistung nach Materialien Material Abk. Spannung Bemerkungen Alkali-Mangan-Zelle RAM 1,5 V wird zunehmend vom Nickel-Zink-Akkumulator verdrängt Aluminium-Akkumulator experimenteller Prototyp Bleiakkumulator Pb 2 V Calcium-Ionen-AkkumulatorCa-Ion1,8 Vin Entwicklung Lithium-Ionen-Akkumulatoren Li-Ion 3,2–3,7 V Oberbegriff für verschiedene Lithium-Ionen-Akkumulatortypen Lithium-Cobaltdioxid-Akkumulator LiCoO2 3,6 V erste verfügbare Technologie Lithium-Polymer-Akkumulator LiPo 3,7 V Bauform mit Polymer als Elektrolyt Lithium-Mangan-Akkumulator Li-Mn 3,6 V Lithium-Nickel-Cobalt-Mangan-Akkumulator Li(NiCoMn)O2 3,6–3,7 V Lithium-Eisenphosphat-Akkumulator LiFePO4 3,3 V häufiger Einsatz in Elektroautos Lithium-Eisen-Yttrium-Phosphat-Akkumulator LiFeYPO4 Yttrium-Dotierung zur Verbesserung der Eigenschaften winston-battery.com; abgerufen am 12. Februar 2012. Lithiumtitanat-Akkumulator LiTi 2,4 V Lithium-Akkumulatoren mit metallischem Lithium sie zählen nicht zu der größeren und bekannteren Gruppe der Ionen-Akkumulatoren Lithium-Luft-Akkumulator seit den 1970ern in Entwicklung Lithium-Schwefel-Akkumulator seit den 1960ern in Entwicklung Natrium-Nickelchlorid-Zelle NaNiCl 2,58 V Markenbezeichnung: ZEBRA-Batterie Natrium-Ionen-Akkumulator Na-Ion 1,6–1,7 V Natrium-Schwefel-Akkumulator NaS 2 V Hochtemperatur-Akku Nickel-Cadmium-Akkumulator NiCd 1,2 V Verkaufsverbot in der EU Nickel-Eisen-Akkumulator NiFe 1,2–1,9 V Nickel-Lithium-Akkumulator NiLi 3,47 V Nickel-Metallhydrid-Akkumulator NiMH 1,2 V Nickel-Wasserstoff-Akkumulator NiH2 1,5 V Nickel-Zink-Akkumulator NiZn 1,65 V Polysulfid-Bromid-Akkumulator Silber-Zink-Akkumulator 1,5 V Silizium-Luft-Akkumulator in Entwicklung, 2. Dezember 2017. Vanadium-Redox-Akkumulator 1,41 V bei 25 °C Zink-Brom-Akkumulator 1,76 V Zink-Luft-Akkumulator in Entwicklung Zinn-Schwefel-Lithium-Akkumulator experimenteller Prototyp Energiedichte und Wirkungsgrad mini|Spezifische Energiedichte (Wh/kg) verschiedener handelsüblicher Sekundärzellen als Funktion der Temperatur; bei tiefen Temperaturen nimmt die Energiedichte mehr oder weniger stark ab. mini|Energiedichten: Energie/Volumen bzw. Energie/Gewicht Für viele Anwendungen, insbesondere für mobile Geräte im Bereich der Unterhaltungselektronik, Hörgeräte oder auch Fahrzeuge, ist die Energiedichte von Bedeutung. Je höher diese ist, desto mehr Energie kann in einem Akku je Volumen- bzw. Masseneinheit gespeichert werden. Die auf die Masse bezogene Energiedichte wird oft auch als spezifische Energie bezeichnet. Bezogen auf marktübliche Typen, haben Akkumulatoren (Sekundärzellen) meist eine (oftmals deutlich) geringere Energiedichte als Primärzellen. Oft sind Akkus mit besonders hoher Energiedichte überproportional teuer oder haben andere Nachteile, insbesondere eine beschränkte Lebensdauer. So kosten Bleiakkumulatoren typischerweise 100 €/kWh; Li-Ion-Akkus hingegen derzeit (2012) typischerweise 350 €/kWh (200 €/kWh 2013), Tendenz fallend.M. Seiwert, R. Böhmer, J. Rees, F. W. Rother: Wiwo.de, 15. Juni 2013. Darin Audi-Chef Rupert Stadler: „Vor drei Jahren lagen die Preise pro Kilowattstunde noch bei 500 Euro … jetzt sind es rund 200 Euro. Und ich gehe davon aus, dass das nicht das Ende ist.“ Ursachen sind die anlaufende Massenproduktion, welche die Stückkosten durch bessere Technik und Skaleneffekte deutlich verringern. Allerdings werden die sinkenden Produktionskosten nur verzögert an die Kunden weitergegeben, da auf diesem Markt, speziell in Deutschland, durch die wenigen Angebote nur ein geringer Preisdruck besteht. Beim Aufladen und Entladen von Akkumulatoren wird durch den inneren Widerstand der Zellen Wärme freigesetzt, wodurch ein Teil der zum Aufladen aufgewandten Energie verloren geht. Das Verhältnis der entnehmbaren zu der beim Laden aufzuwendenden Energie wird als Ladewirkungsgrad bezeichnet. Generell sinkt der Ladewirkungsgrad sowohl durch Schnellladung mit sehr hohen Strömen als auch durch schnelle Entladung (Peukert-Effekt), da die Verluste am Innenwiderstand zunehmen. Das optimale Nutzungsfenster ist dabei je nach Zellchemie stark unterschiedlich. Auflistung nach Energiedichte Energiedichte(Wh/kg) Akkumulatortyp LadewirkungsgradAlles über Akkus (Informationen über Akkus und Batterien und Ladetechnik/Lagegeräte). funkcom.ch, Matthias Frehner(Stand 2007) Besonderheit1100 Zinn-Schwefel-Lithium-Akkumulator Experimenteller Prototyp1060 Aluminium-Akkumulator schnellladefähig, experimentelle Prototypen900 Nickel-Lithium-Akkumulator 350 Lithium-Schwefel-Akkumulator 90 % Labor-Prototyp evworld.com; abgerufen am 8. Februar 2011.140–260, Herstellerangaben; abgerufen am 2. November 2013. Lithium-Polymer-Akkumulator 90 % praktisch beliebige Bauform möglich150–220 Lithium-Nickel-Cobalt-Mangan-Akkumulator 95 % hohe Kapazität140–210 Lithium-Eisenphosphat-Akkumulator 94 % schnellladefähig, hochstromfähig, eigensicher120–220 Natrium-Schwefel-Akkumulator 70–85 % 300 °C Betriebstemperatur, keine Selbstentladung, aber Heizverluste 15–30 %120–210 Lithium-Cobaltdioxid-Akkumulator 90 % neuere Modelle schnellladefähig160 Natrium-Ionen-Akkumulator 65–210 Silber-Zink-Akkumulator 83 % teuer, kurzlebig, empfindlich, sehr hohe Kapazität100–120 Natrium-Nickelchlorid-Akkumulator 80–90 % 300 °C Betriebstemperatur, keine Selbstentladung, aber Heizverluste 10–20 %60–110 Nickel-Metallhydrid-Akkumulator 70 % 70–90 Lithiumtitanat-Akkumulator 90–95 % schnellladefähig60 Nickel-Wasserstoff-Akkumulator 75 % 40–60 Nickel-Cadmium-Akkumulator 70 % EU-weit verboten, mit Ausnahme von Notsystemen und dem medizinischen Bereich50 Nickel-Zink-Akkumulator 65 % 40 Nickel-Eisen-Akkumulator 65–70 % sehr unempfindlich gegen Über- und Tiefentladung30 Bleiakkumulator 60–70 % Im Zuge der stetigen Weiterentwicklung werden von Jahr zu Jahr höhere Energiedichten möglich. So erreichten viele Antriebsbatterien mit Produktionsstart 2019 etwa die doppelte Energiedichte wie die im Jahr 2010. Im Jahr 2023 erreichten Prototypen von Lithium-Ionen-Akkumulatoren eine Energiedichte von 700 W⋅h⋅kg−1, während praktisch eingesetzte Zellen etwa 300 W⋅h⋅kg−1 erreichen. Ein Vergleich zur Speicherung elektrischer Energie zeigt die Vor- und Nachteile von Akkus gegenüber anderen Speicherverfahren. Ladungsmenge (Kapazität) mini|Li-Ionen-Akku für Digitalkameras Die Ladungsmenge, die ein Akkumulator speichern kann, wird in Amperestunden (Ah) angegeben und als Kapazität (Nennkapazität) bezeichnet. Diese darf nicht verwechselt werden mit der Kapazität eines Kondensators, die als von der Spannung abhängige Ladungsmenge definiert ist und in Farad (F) angegeben wird. Die angegebene Nennkapazität beim Akku bezieht sich immer auf einen bestimmten Entladestrom und nimmt – je nach Akkutyp – unterschiedlich stark mit höheren Entladeströmen ab. Bei Primärzellen und Akkumulatoren ist die Angabe der Nennkapazität in Amperestunden (Ah), bei kleineren Einheiten auch Milliamperestunden üblich. Der Vorsatz für Maßeinheiten Milli steht für ein Tausendstel. Dabei sagt die Angabe, ein Akkumulator liefert zum Beispiel 1000 Milliamperestunden, also eine Amperestunde nicht viel über die Leistungsfähigkeit des Akkus aus, wenn die Spannung nicht bekannt ist. Die Spannung ist stark von der Belastung der Zelle abhängig, da sie einen inneren Widerstand hat. Ihre maximale Leistung gibt sie theoretisch bei halber Nennspannung ab. Dann sind innerer und Lastwiderstand gleich groß und der Entladewirkungsgrad erreicht 50 Prozent. Da sich die Zelle dabei stark erwärmt, sind derart hohe Belastungen nur kurzzeitig möglich. Ein Beispiel hierfür sind Starterbatterien von Autos, die beim Anlassen für ein paar Sekunden einige hundert Ampere abgeben. Einige Zellentypen können nicht so hoch belastet werden und haben Schutzschaltungen, die das verhindern. Angaben in Wh oder kWh (oft bei Antriebsbatterien zu finden) beziehen sich immer auf ein bestimmtes Lastprofil. Um die Leistungsfähigkeit von Akkus zu vergleichen, muss man also wissen, welches Lastprofil bei der Messung der Kapazität verwendet wurde. Ladezustand mini|Aufgeblähte Akkumulatoren eines Drittherstellers Ein wichtiger Kennwert von mit Sekundärbatterien betriebenen Geräten ist der Ladezustand von Akkumulatoren (, SOC). Er wird üblicherweise in Prozentwerten angegeben, wobei 100 % einen vollständig geladenen Akkumulator repräsentieren. 100 % minus den Wert des Ladezustands ergibt den Entladungsgrad (, DOD). Zur Bestimmung sind verschiedene Methoden gebräuchlich: chemische, spannungsabhängige, Strom-integrative (Ladungsbilanzierung) und druckabhängige Verfahren sowie die Messung der Akkumulator-Impedanz. Selbstentladung – empfohlene Lagerung Wird ein Akku nicht verwendet, so verliert er über die Zeit einen Teil seiner gespeicherten Energie. Diesen Vorgang nennt man Selbstentladung. Das Maß der Selbstentladung hängt von Typ und Alter des Akkumulators sowie von der Lagertemperatur ab. Für die Lagerung von Akkus wird meistens Folgendes empfohlen: (Hinweis: Der Ladezustand ist relativ gesehen zur Entladeschlussspannung. Das heißt, wenn ein Akku einen Ladezustand von 0 % aufweist, dann ist damit gemeint, dass er seine Entladeschlussspannung erreicht hat; bei NiCd- und NiMH-Akkus liegt diese z. B. bei 0,9 V bzw. 1,0 V.) Li-Ion: Ladezustand 60 %, 20 °C; Selbstentladung monatlich < 2 % Bleiakkumulator: Ladezustand 100 %, möglichst kühl lagern; Selbstentladung monatlich 5–10 % (Blei-Säure) bzw. 2–5 % (Blei-Gel), ein über längere Zeit entladener Akku ist zerstört NiMH: Ladezustand 40 %; Selbstentladung monatlich um 15–25 %, neuere Typen als NiMH-Akkumulator mit geringer Selbstentladung mit nur etwa 15 % im Jahr NiCd: Ladezustand 40 %; Selbstentladung monatlich um 10 % Alkali-Mangan RAM-Zellen: Ladezustand 100 %; Zellspannung sollte nicht unter 1,2 V sinken Sanyo hat 2005 (Markteinführung in Europa August 2006) einen modifizierten NiMH-Akku namens Eneloop auf den Markt gebracht, der einer Selbstentladung von lediglich 15 % pro Jahr unterliegt. Es handelt sich hierbei um sogenannte LSD-Akkus (low self discharge), die aufgrund ihrer geringen Selbstentladung als bereits vorgeladene Akkus verkauft werden können und daher im Gegensatz zu herkömmlichen Akkus vor der ersten Benutzung durch den Käufer nicht aufgeladen werden müssen. Alle Angaben zur Selbstentladung beziehen sich auf eine Raumtemperatur von ca. 20 °C. Lebensdauer und Zyklenfestigkeit Lithium-Eisenphosphat-Akkumulatoren erreichen nach Herstellerangaben mehr als 5000 Zyklen bei jeweiliger Entladetiefe von 80 %, nach 7000 Zyklen noch 70 %., Herstellerangaben von Winston Battery; abgerufen am 31. Mai 2019. Als weltgrößter Hersteller von Lithium-Eisenphosphat-Akkumulatoren gilt BYD, der durch präzise Fertigung eine große Auswahl an Zellen für zyklenfeste Anwendungen, wie zum Beispiel im Einsatz bei stationären Speichersystemen entwickelt hat. Nach 6000 Zyklen Laufleistung mit 100 % Be- und Entladung bei einer Rate von 1 C (Laderate, C-Faktor) haben diese noch eine Restkapazität von mindestens 80 %. Das entspricht bei einem Vollzyklus pro Tag einer Lebensdauer von mind. 20 Jahren. Der Lithium-Eisenphosphat-Akkumulator Sony Fortelion hat nach 10.000 Zyklen mit 100 % Entladungsgrad noch eine Restkapazität von 71 %. Dieser Akkumulator ist seit 2009 auf dem Markt. frankensolar.de, S. 13; abgerufen am 3. Juni 2014. In Batteriespeichern eingesetzte Lithium-Ionen-Akkumulatoren weisen teilweise eine Zyklenfestigkeit von mehr als 10.000 Lade- und Entladezyklen und eine lange Standzeiten von theoretisch berechneten 20 Jahren auf. „Die Tests setzten die Batterien extremen Belastungen aus. So wurden über einen Zeitraum von 5 Jahren bei einer Entladungstiefe von 60 % mehr als 10.000 äquivalente Vollzyklen erreicht.“ und „Simulationen, die sich auf unsere Laborergebnisse und die unserer Kollegen vom ZSW stützen, zeigen, dass bei Berücksichtigung beider Alterungsprozesse die Batterien im BPT-S 5 Hybrid bis zu 20 Jahre betriebsfähig sind“; abgerufen am 29. März 2014., solarserver.de; abgerufen am 29. März 2014. Varta Storage gibt auf seine Produktfamilie Engion Family und engion home eine Garantie von 14.000 Vollzyklen und einer Lebensdauer von 10 Jahren. abgerufen am 13. Juli 2015. Die Lebensdauer von stationären Batterien bei konstanter Raumtemperatur von 10–25 °C kann bei Traktionsbatterien nur durch Thermomanagement erreicht werden. Ungleiche Temperaturschwankungen der Zellen innerhalb der Antriebsbatterie führen zu Kapazitätsunterschieden und zu unterschiedlicher Alterung der Zellen. Die verfügbare Kapazität eines Lithium-Akkus sinkt mit fallender Betriebstemperatur, besonders unterhalb der 25 °C Betriebstemperatur, bei der die Nennkapazität bestimmt wird, und sollte den Gefrierpunkt des Elektrolyten wegen Eisbildung nicht unterschreiten. Andererseits altert eine Zelle umso schneller, je höher die Betriebstemperatur ist, mit stark steigender Tendenz oberhalb von ca. 40 °C. (PDF) esa.informatik.tu-darmstadt.de; abgerufen am 4. Juni 2019 Ziel des Thermomanagements ist, dass zur selben Zeit alle Zellen im Volumen die gleiche Temperatur haben, die eine möglichst hohe Leistung bei geringer Alterung bereitstellt. Weiterhin beeinflusst das BMS wesentlich die Kapazität der in Reihe geschalteten Zellen, die beim passiven Balancieren durch die schwächste Zelle bestimmt wird. In der Folge wird sowohl die Gesamtkapazität verringert als auch die schwächste Zelle am meisten beansprucht, wodurch diese am schnellsten altert. Demgegenüber kann das aufwändige aktive Balancieren einen Ladungsausgleich von den Zellen hoher Kapazität zu denen geringer Kapazität durchführen und die Lebensdauer und die Kapazität aller Zellen auch einer nicht mehr homogenen, älteren Batterie verfügbar halten. Die Hersteller gewähren entsprechend ihrer Technik stark unterschiedliche Garantien auf die Laufleistung von Antriebsbatterien. Nach Studien aus dem Jahr 2024 sind Akkus von Elektroautos auch bei einer Laufleistung von 300.000 km meist noch voll alltagstauglich. Daher spricht nichts gegen den Kauf von gebrauchten Elektroautos. Nach Studien verlieren die Akkus von Elektroautos pro Jahr etwa 1,8 Prozent ihrer Kapazität, wodurch Laufzeiten von mehr als 15 Jahren möglich sind. Im Vergleich beträgt in Deutschland die durchschnittliche Lebensdauer von Verbrennern 12 Jahre. Nach Studien liegt die Kapazität der Akkus nach 100.000 km bei über 90 Prozent und verschlechtert sich danach kaum noch. Durch neuere Zellchemie werden diese Werte ständig verbessert. Jedoch kann häufiges Schnellladen und starkes Beschleunigen die Werte der Akkus verschlechtern. Ebenso sollten lange Standzeiten mit vollem Akku und Tiefentladungen vermieden werden. Ladezeiten Die Ladezeit eines Akkus bzw. einer Batterie aus Akkumulatorzellen ist abhängig von verschiedenen Faktoren. Dazu zählen Parameter wie der Innenwiderstand, der direkten Einfluss auf den Ladestrom hat und wiederum von der Temperatur beeinflusst wird. Kürzere Ladezeiten bedeuten höhere Strombelastung und höheren Verschleiß, stehen also im Zielkonflikt zur Lebensdauer des Akkumulators. Je nach Anwendung, Zellchemie und technischer Umsetzung (Klimatisierung, Überwachung) sind daher die praktisch erreichbaren Ladezeiten sehr unterschiedlich. Laderate Der vom Hersteller empfohlene bzw. zulässige Ladestrom wird dabei über die Laderate C beschrieben und ist u. a. auch abhängig vom Ladezustand. Die Ladespannung ist durch die Zellchemie und den Batterieaufbau bestimmt. Aus diesen beiden Parametern ergibt sich eine obere Grenze der maximalen Ladeleistung, die zugunsten einer höheren Lebensdauer oft noch reduziert wird. Die praktisch erreichbaren Ladezeiten sind daher meist höher als die technisch möglichen Ladezeiten. Als äußere Faktoren sind neben der Temperatur die zur Verfügung stehende Spannungs- und Stromquelle und das angewendete Ladeverfahren zu nennen. Die Akkuzellhersteller geben die einzuhaltenden Parameter und Nutzungsfenster in ihren Datenblättern vor, die von den Herstellern der Endprodukte beachtet werden müssen. Für klassische Akkus, wie Blei, NiCd und NiMH sind Laderaten bei Normalladung von 0,1 C bis 0,2 C üblich. Das entspricht Ladezeiten von 5–10 Stunden. Bei modernen Lithiumakkus ist in den Datenblättern der Hersteller meist mit 0,5 C die Normalladung spezifiziert, was 2 Stunden Ladedauer entspricht. Zusätzlich wird ein maximal erlaubter, höherer Ladestrom angegeben, beispielsweise 3 C, was eine Aufladung in 20 Minuten ermöglichen würde. Winston Battery; abgerufen am 22. August 2017. Praktisch sind Ladezeiten von 20 Minuten bis 4 Stunden im Mobilgerätebereich üblich.Das OnePlus 3 ist offiziell. Zitat: Ist die Batterie mal leer, geht es laut Hersteller in 30 Minuten von null auf 60 Prozent. Abgerufen am 15. Juni 2016.phonearena.com OnePlus 3’s Dash charging solution is fast and cool: 63% of battery juice in 30 minutes, 14. June 2016. Elektroautos wie Tesla Model S, Renault Zoe, BMW i3, Nissan Leaf usw. können ihre Akkus an derzeitigen (2017) Schnellladestationen innerhalb von etwa 30 Minuten zu 80 Prozent aufladen. Webseite von BYD: 40(min) / 15(min 80%). Beim Elektroauto Li Mega kann der Akku in 10 Minuten von 10 auf 80 Prozent aufgeladen werden. Die Laderate beträgt dort 5C (Stand 2024). Heutige Lithium-Akkus können oft auch deutlich schneller geladen werden. Im Modellbaubereich sind Ladezeiten von 10 bis 15 Minuten bei Schnellladung üblich. Die Obergrenze der Ladeleistung wird gerade bei größeren Batterien von Elektrofahrzeugen in der Praxis nicht mehr von den Akkumulatorzellen, sondern vom Aufbau der Traktionsbatterie (Klimatisierung) und von der verfügbaren Ladetechnik bestimmt. So können neue Schnellladesysteme Elektroautos mit entsprechend konstruierten Traktionsbatterien innerhalb von etwa 15 min zu 80 Prozent aufladen (siehe z. B. Hyundai Ioniq 5). Akkuforschung Forscher der Justus-Liebig-Universität Gießen haben zusammen mit Wissenschaftlern der BASF SE eine neue reversibel arbeitende Zelle auf Basis von Natrium und Sauerstoff entwickelt. Als Reaktionsprodukt tritt hierbei Natriumsuperoxid auf. Wissenschaftler der Universität Oslo aus Norwegen haben einen Akkumulator entwickelt, der unterhalb einer Sekunde wieder aufgeladen werden kann. Nach Meinung der Wissenschaftler wäre dieser Akkumulator interessant u. a. für Stadtbusse, die so an jeder Haltestelle geladen werden könnten und somit nur eine relativ kleine Batterie benötigen würden. Ein Nachteil ist, so die Forscher, dass je größer die Batterie ist, desto größer muss auch der Ladestrom sein. Somit kann der Akku nicht sehr groß sein. Nach Angaben der Forscher könnte der neuartige Akku auch als Puffer in Sportwagen eingesetzt werden, um kurzfristig Leistung bereitzustellen. Vorerst denken die Forscher aber an Einsatzbereiche in Klein- und Kleinstgeräten. In: cleantechnica.com. In Laboratorien des Unternehmens StoreDot aus Israel können Berichten zufolge erste Labormuster von nicht näher spezifizierten Akkus in Mobiltelefonen (Akkukapazität im Bereich um 1 Ah) mit Stand April 2014 in 30 Sekunden geladen werden. Das gleiche Unternehmen entwickelte auch einen Akkumulator für E-Autos, der in 5 Minuten voll aufgeladen ist und dann 160 Kilometer Reichweite bietet. Er besitzt anstatt einer üblichen Graphitelektrode eine Elektrode aus Germaniumnanopartikeln, langfristig soll dafür aber Silizium verwendet werden. Der Akku soll schon industriell gefertigt werden können, aber es gibt noch keine geeigneten Ladesäulen. Forscher aus Singapur haben 2014 einen Akku entwickelt, der nach 2 Minuten zu 70 Prozent aufgeladen werden kann. Die Akkus setzen auf die Lithium-Ionen-Technik. Jedoch besteht die Anode, der negative Pol in der Batterie, nicht mehr aus Graphit, sondern einem Titandioxid-Gel. Das Gel beschleunigt die chemische Reaktion deutlich und sorgt so für ein schnelleres Aufladen. Insbesondere sollen diese Akkus in Elektroautos verwendet werden. bluewin.ch; abgerufen am 30. Dezember 2014. Bereits im Jahr 2012 haben Forscher der Ludwig-Maximilians-Universität München das Grundprinzip entdeckt. Festkörperakkumulatoren sind eine spezielle Bauform, bei welchem beide Elektroden und auch der Elektrolyt aus verschiedenen, festen Materialien bestehen. Da keine Flüssigkeiten vorhanden sind, gibt es kein Problem mit Undichtigkeiten, sollte der Akkumulator beschädigt werden. An der Universität Linköping ist es Forschern gelungen, einen Akkumulator aus organischen Materialien herzustellen. Diese basieren auf Redox-Flow-Batterien und enthalten als Elektroden den Kunststoff PEDOT, der dotiert wurde, und als Elektrolyt eine Lösung aus Wasser und Chinonen. Der Akku ist vollständig recycelbar und sehr billig, allerdings hat er immer noch eine geringere Energiedichte als vergleichbare Redox-Flow-Batterien mit dem teuren Metall Vanadium. Wissenschaftler der Stanford-Universität in Kalifornien haben einen neuartigen Akku mit sehr günstigen Eigenschaften entwickelt. Bei dem Aluminium-Ionen-Akkumulator besteht die Anode aus Aluminium und die Kathode aus Grafit. Der Akku schafft mehr als 7500 Ladezyklen ohne Qualitätseinbußen. Die zur Fertigung des Akkus notwendigen Materialien sind sehr kostengünstig und zudem sehr leicht. Der Akku kann nicht in Brand geraten, selbst wenn man ihn durchbohrt. Die Dauer des Ladevorgangs beträgt eine Minute. Zudem ist der Akku biegsam und kann somit in eine gewünschte Form gebogen und gefaltet werden. Der Akku ist noch nicht marktreif, da die Spannung und die Energiedichte noch zu gering sind. Nach Schätzungen werden bis 2025 bzw. spätestens 2030 die Lithium-Schwefel- wie auch die Lithium-Luft-Akkutechnologie im Automobilbereich einsetzbar sein. Beide haben eine höhere Energiedichte als die im Jahr 2015 eingesetzte Lithium-Ionen-Technologie und versprechen höhere Reichweiten in der Elektromobilität. In Deutschland unterstützt das BMBF seit 2013 die Forschung an einem Magnesium-Luft-Akkumulator, der ohne Lithium auskommt. Förderinitiative Energiespeicher, 18. Oktober 2016 Solche Akkumulatoren haben eine hohe Kapazität und der Rohstoff ist in ausreichenden Mengen vorhanden, doch ist die Lebensdauer bislang gering. Ein Team, angeführt von Yan Yu, an der Chinesische Universität für Wissenschaft und Technik in Hefei hat einen Akku entwickelt, der eine hohe Kapazität und Spannung aufweist, auch wenn er 2.000 Mal ge- und entladen wurde (96 % Kapazität blieben erhalten). Er basiert auf Tri-Natrium-Di-Vanadium-Triphosphat (Na3V2(PO4)3) im Innern eines Graphenemischmaterials.C. Zhu, P. Kopold, P. A. van Aken, J. Maier, Y. Yu: High Power–High Energy Sodium Battery Based on Threefold Interpenetrating Network. In: Adv. Mater. 28, 2016, S. 2409–2416. doi:10.1002/adma.20150594. Wissenschaftler am japanischen Nagoya Institute of Technology untersuchten ebenfalls Natrium als Akkumaterial und identifizierten die Natrium-Vanadium-Verbindung Na2V3O7 als geeignetes Kathodenmaterial. Wegen niedriger Energiedichte wird dabei zunächst an einen stationären Einsatz gedacht. Preisentwicklung mini|Zwischen 2009 und 2015 sanken die Kosten von Lithium-Ionen-Akkumulatoren für Elektroautos in den USA um 73 %.Paul Donohoo-Vallett u. a.: Revolution Now… The Future Arrives for Five Clean Energy Technologies – 2016 Update (PDF) Energieministerium der Vereinigten Staaten. Abgerufen am 6. November 2016. Bleiakkumulatoren kosteten 2014 typischerweise 355 €/kWh. Die Preise für Li-Ion-Akkus sind in den letzten Jahren deutlich gefallen: 2007 lagen die Kosten noch bei mehr als 1000 US-Dollar/kWh, 2014 noch bei 300 Dollar/kWh, 2019 bei 156 Dollar/kWh, Tendenz weiter fallend. So gab z. B. die Chefin von General Motors, Mary Barra 2016 bekannt, dass die Akkukosten des Chevrolet Bolt bei ca. 145 Dollar/kWh liegen würden, für 2022 rechnete sie mit Akkukosten von 100 Dollar/kWh.Chevrolet Bolt battery cells to cost “industry-leading” $145 per kWh,GM: Chevrolet Bolt Arrives In 2016, $145/kWh Cell Cost, Volt Margin Improves $3,500 Eric Feunteun, Leiter der Sparte Elektromobile bei Renault, teilte im Juli 2017 mit, dass Renault pro kWh Akku 80 Dollar bezahle. Auch die Marktpreise für Li-Ion-Akkus einschließlich Gewinnmarge sollen bis 2030 unter 100 $/kWh sinken. Für 2015 gab das Energieministerium der Vereinigten Staaten die Kosten von Lithium-Ionen-Akkumulatoren für Elektroautos mit ca. 250 $/kWh an; angestrebt wurde ein Wert von 125 $/kWh im Jahr 2022. Ursachen für den Preisrückgang sind die zunehmende Massenproduktion, welche die Stückkosten durch bessere Technologien und Skaleneffekte verringert. Nach einer Studie von McKinsey sind die Akkupreise zwischen 2010 und 2016 um 80 Prozent gefallen.Chevrolet Bolt battery cells to cost "industry-leading" $145 per kWh,Studie zu Elektroautos: 80 Prozent Preisverfall bei Akkus zwischen 2010 und 2016 Für 2021 wurden mittlere Kosten für Batteriezellen von 121 US$/kW angegeben. Allerdings sind zahlreiche Rohmaterialien im Laufe des Jahres 2021 deutlich teurer geworden. Die Kosten eines kompletten Speichersystems sind durch zusätzliche Kosten u. a. für Einkapselung, Kühlung, Stromanschlüsse, Steuerung und ggf. Umrichter wesentlich höher. An der Pennsylvania State University wurde ein Lithium-Eisenphosphat-Akkumulator entwickelt, der ohne das seltene Kobalt auskommt und daher günstiger zu produzieren sein sollte. Bloomberg New Energy hatte im Juli 2024 eine Studie veröffentlicht, nach der die Preise für Lithium-Eisen-Phosphat-Akkumulatoren in China innerhalb der letzten 12 Monate um 51 Prozent auf 53 USD pro kWh gefallen waren. Ein Jahr davor lag der Preis noch bei 95 USD pro kWh. Dadurch seien nun 2/3 der Elektroautos in China, dem weltweit größten Automarkt, günstiger als vergleichbare Autos mit Verbrennungsmotor. Es würde noch etwas dauern, bis diese Preise außerhalb von China angekommen seien. Herstellungsländer 2022 befanden sich 77 % der Herstellkapazitäten für Lithium-Ionen-Akkumulatoren von 1163 GWh jährlich in China, gefolgt von je 6 % in Polen und den USA. Sechs der zehn größten Hersteller im Jahr 2022 hatten ihren Hauptsitz in China. Verwendung Einsatzgebiete mini|12-V-Starterbatterie aus sechs Blei-Sekundärzellen mit je 2 V in Reihenschaltung Akkumulatoren werden oft verwendet, wenn ein elektrisches oder elektronisches Gerät oder Fahrzeug ohne dauerhafte Verbindung zum festen Stromnetz oder zu einem Generator betrieben werden soll. Da sie teurer sind als nicht wiederaufladbare Primärbatterien, kommen sie vor allem in solchen Geräten zum Einsatz, die regelmäßig benutzt werden und einen nicht vernachlässigbaren Strombedarf haben, wie Mobiltelefone, Laptops oder Akkuwerkzeuge. In Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor dient ein Akku in Form der Starterbatterie dazu, Strom für Licht, Bordelektronik und vor allem den Anlasser zum Starten des Verbrennungsmotors zu liefern. Läuft der Motor, wird der Akkumulator über den als Lichtmaschine bezeichneten Generator wieder aufgeladen. Ähnliches gilt für Schiffe und Flugzeuge. Fahrzeuge mit batterieelektrischem Antrieb beziehen die Energie zum Fahren aus Akkuzellen, diese werden in ihrer Gesamtheit zur Unterscheidung von Starterbatterien als Antriebsbatterie bezeichnet. Auch Schiffe und Flugzeuge gibt es mit batterieelektrischem Antrieb. Akkus kommen auch in Form von Batteriespeichern zum Einsatz, um Schwankungen bei der regenerativen Erzeugung von Strom mit Wind und/oder Sonne auszugleichen. Batterie-Speicherkraftwerke werden u. a. eingesetzt zur Abdeckung von Spitzenlasten im Stromnetz und auch zur Netzstabilisierung in Stromnetzen. Möglich ist auch der Betrieb als Inselanlage in einem Inselnetz, wenn sich eine abgelegene Verbrauchsstelle nicht oder nur zu unverhältnismäßig hohen Kosten an das Stromnetz anschließen lässt. Oft sind solche Verbrauchsstellen zusätzlich noch mit einem Notstromaggregat ausgerüstet, das einspringt, bevor die Ladung der Akkus z. B. nach mehrtägiger Windstille nicht mehr ausreicht. Beispiele für solche Installationen sind nicht nur abgelegene Hütten, Mobilfunk-Basisstationen in wenig erschlossenen Regionen oder Weltraumsatelliten, sondern auch viele Parkscheinautomaten, bei denen ein Anschluss an das Stromnetz teurer wäre als die Installation einer Solarzelle und eines Akkumulators. Akkuspeicher werden von Besitzern von privaten Solaranlagen genutzt, um den selbst erzeugten Strom zu anderen Zeiten nutzen zu können, und damit v. a. Preisunterschiede, Abgaben und Umlagen gegenüber einer Netzeinspeisung mit Bezug aus dem Netz zu anderen Zeiten zu vermeiden. Konventionelle U-Boot-Antriebe bestehen aus Dieselmotoren mit Generatoren (Fahren und Laden der Akkumulatoren bei nicht getauchter Fahrt/Schnorcheln) und mit Akkumulatoren betriebenen Elektromotoren (Tauchfahrten). Akkumulatoren dienen in Systemen zur unterbrechungsfreien Stromversorgung (USV) auch zur kurz- bis mittelfristigen Überbrückung von Ausfällen der stationären Energieversorgung. Wichtige Bereiche, die es mit einer Notstromversorgung abzusichern gilt, sind z. B. Rechenzentren, Alarmsysteme und lebenserhaltende Systeme in Krankenhäusern. Werden hohe Leistungen benötigt oder sind längere Zeiträume zu überbrücken, wird noch ein Dieselgenerator zusätzlich installiert; die Akkus übernehmen dann die Versorgung nur so lange, wie der Dieselgenerator zum Anspringen und Erreichen der Nenndrehzahl benötigt. Falls die so zu überbrückende Zeit nur kurz ist, können dafür auch andere Systeme als Akkumulatoren eingesetzt werden, insbesondere auf der Basis von Schwungmassen oder gar Kondensatoren. Auswahlkriterien Kriterien für die Auswahl eines Akkumulatortyps für eine bestimmte Anwendung sind unter anderem: Die gravimetrische Energiedichte, auch als spezifische Energie bezeichnet. Sie sagt aus, wie viel elektrische Energie ein Akkumulator pro Masseneinheit (zum Beispiel Kilogramm) liefern kann. Dieser Wert ist besonders interessant für elektrisch angetriebene Fahrzeuge. Herkömmliche Bleiakkumulatoren erreichen hier rund 30 Wh/kg, Lithium-Ionen-Akkus (Li-Ion-Akkus) bis zu 140 Wh/kg. Die volumetrische Energiedichte. Sie sagt aus, wie viel Wh elektrischer Energie ein Akkumulator pro Volumen (zum Beispiel pro Liter Rauminhalt) liefern kann. Hier liegt der Wert für herkömmliche Bleiakkumulatoren bei ca. 50 Wh/l, bei Li-Ion-Akkus etwa 500 Wh/l. Der maximal mögliche Entladestrom. Er ist wichtig für alle Anwendungen, bei denen kurzzeitig sehr hoher Leistungsbedarf besteht. Dieses ist zum Beispiel beim Starten von Fahrzeugmotoren der Fall, aber auch bei Elektrowerkzeugen und Autofokus-Kameras, insbesondere solchen mit integrierten Blitzgeräten. Die möglichen Dimensionen (Abmessungen und Gewicht) und Bauformen der Akkuzelle. Sie sind entscheidend, wenn der Akkumulator auf möglichst kleinem Raum in elektronischen Geräten integriert werden soll. Ein gasdichter Aufbau etwa eines Gel-Bleiakkumulators ermöglicht den lageunabhängigen Einsatz ohne Gefahr durch auslaufenden Elektrolyt oder korrosive Gase Der Memory-Effekt bei NiCd oder Batterieträgheitseffekt bei NiMH tritt abhängig vom Lade- und Entladeverfahren auf und führt unter Umständen zu erheblichen Verringerungen der Kapazität (NiCd) oder der Spannung (NiMH). In Anwendungen, bei denen der Akkumulator nicht regelmäßig vollständig entladen und wieder voll aufgeladen wird, sollten deshalb Akku-Arten verwendet werden, die für diese Effekte nicht anfällig sind, zum Beispiel Blei-Akkus oder Li-Ion-Akkus. Aus der Anwendung der oben genannten Kriterien ergeben sich für jeden Akkutyp einige typische Anwendungsgebiete, wobei insbesondere bei NiCd-, NiMH- und Li-Ion-Akkus die Übergänge fließend sind: Bleiakkumulator: Starter-Batterien für Fahrzeuge mit Verbrennungsmotoren, Antriebsbatterien für Flurfördergeräte, Stationärbetrieb in Notbeleuchtungsanlagen NiCd-Akku: Elektrowerkzeuge, Antriebe im Modellbau, portable elektronische Geräte mit kurzzeitig hoher Stromaufnahme (Foto-Blitzgeräte) NiMH-Akku: portable elektronische Geräte mit konstanter Stromaufnahme, Modellbau Li-Ion-Akku: portable elektronische Geräte mit kleinen Abmessungen und langer Betriebszeit (Mobiltelefone, Notebooks, Kameras), Antriebsbatterien für Elektroautos Li-Po-Akku (auch Lipo, Lithium-Polymer): Antriebe im Modellbau, Mobiltelefon, Antriebsbatterie für extreme Reichweiten, Bsp.: Kruspan-HotzenblitzHotzenblitz mit Lithium-Polymer Batterien Artikel zum Umbauprojekt der Firmen Kruspan Engineering und MDW-Temperatursensorik GmbH, Solar- und Elektromobil Nachrichten. Li-Mn-Akku: Antriebe im Modellbau, neue Profiklasse von Elektrowerkzeugen, Pedelecs, Fahrzeugakku für hohe Reichweiten Li-Fe-Akku: Antriebe im Modellbau, neue Profiklasse von Elektrowerkzeugen, Antriebsbatterien für Elektroautos Lithium-(Nano)-Titanat-Akku: Antrieb von Elektrokraftwagen mit großen Reichweiten Weiterentwicklung Als Weiterentwicklung der herkömmlichen Akkumulatoren werden Brennstoffzellen-Systeme verwendet, die elektrische Energie ohne exotherme Verbrennung aus chemischer Energie in Wasserstoff oder Methanol umwandeln und diesen Prozess teilweise auch umkehren können (Reversible Brennstoffzelle). Da die Brennzelle selbst keine Energie speichern kann, muss deshalb immer zusätzlich auch ein Speichersystem verwendet werden, dessen Raumbedarf und Gewicht zu berücksichtigen sind. Dabei erfordern die Speichermedien Wasserstoff, Methanol und ähnliche Gase bzw. leichtflüchtige Flüssigkeiten andere technische Anforderungen als Akkumulatoren. Die Begriffe elektrochemische Zelle und Redox-Flow-Zelle sind parallel entstanden. Konkurrierende Energiespeicher sind Hydraulikspeicher, bei denen die Energie mechanisch gespeichert wird. Brandgefahr Akkus können durch Überhitzung Brände auslösen, es gibt immer wieder Berichte brennender E-Autos. Im Januar 2025 hat eine Powerbank in Südkorea einen Brand in einem Airbus verursacht und diesen zerstört. Die Regeln wurden daraufhin verschärft. Entsorgung Das Batteriegesetz besagt, dass Batterien und Akkumulatoren nicht in den Hausmüll geworfen werden dürfen. Mit der Zeit wird die Außenhülle einer Batterie oder eines Akkumulators durch Korrosion zersetzt, sodass umweltschädliche und giftige Chemikalien auslaufen. Passiert dies auf einer Mülldeponie, gelangen die giftigen Schadstoffe in das Ökosystem, die Schadstoffe der Batterie versickern in das Grundwasser und können so möglicherweise ins Trinkwasser gelangen oder Pflanzen schaden. Damit dies nicht geschehen kann, müssen Batterien und Akkus zum Sondermüll gegeben werden, wo sie umweltgerecht entsorgt werden. Literatur Fritz Paul Beck, Karl-Joachim Euler: Elektrochemische Energiespeicher. 2 Bände. 1984. Edmund Hoppe: Die Akkumulatoren für Elektricität. Julius Springer, Berlin 1892. Thomas B. Reddy (Hrsg.): Linden’s Handbook of Batteries. 4. Auflage. McGraw-Hill, New York 2011, ISBN 978-0-07-162421-3. Lucien F. Trueb, Paul Rüetschi: Batterien und Akkumulatoren. Mobile Energiequellen für heute und morgen. Springer, Berlin 1998, ISBN 3-540-62997-1. Martin Winter, Jürgen O. Besenhard: Wiederaufladbare Batterien. Teil 1: Akkumulatoren mit wäßriger Elektrolytlösung. In: Chemie in unserer Zeit, 1999, 33, Nr. 5, S. 252–266; doi:10.1002/ciuz.19990330503 oder chemie.uni-mainz.de (PDF). Martin Winter, Jürgen O. Besenhard: Wiederaufladbare Batterien. Teil 2: Akkumulatoren mit nichtwäßriger Elektrolytlösung. In: Chemie in unserer Zeit, 1999, 33, Nr. 6, S. 320–332; doi:10.1002/ciuz.19990330603 oder chemie.uni-mainz.de (PDF). DIN 40 729 Akkumulatoren – Galvanische Sekundärelemente – Grundbegriffe. Bekanntmachung, betreffend die Einrichtung und den Betrieb von Anlagen zur Herstellung elektrischer Akkumulatoren aus Blei oder Bleiverbindungen. 11. Mai 1898. In: Deutsches Reichsgesetzblatt, 1898, Nr. 19, S. 176–180. Volltext (Wikisource) Weblinks Ratgeber Batterien und Akkus. (PDF 3,7 MB) Umweltbundesamt. Einzelnachweise
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Benediktiner
mini|hochkant|Benediktinermönch mit Kukulle mini|Benediktiner beim Chorgebet mini|Abtei Montecassino Als Benediktiner (, Ordenskürzel OSB oder O.S.B.; deutsch Orden des heiligen Benedikt) werden in einem weiteren Sinn Ordensleute bezeichnet, die nach der Regula Benedicti leben, in einem engeren Sinn Mitglieder von Gemeinschaften, die der 1893 errichteten benediktinischen Konföderation, einem kontemplativ ausgerichteten Orden innerhalb der römisch-katholischen Kirche, angehören., hier S. 550. Auch im Anglikanismus und vereinzelt im Luthertum gibt es benediktinische Klöster im oben genannten und weiteren Sinn. Der Benediktinerorden beruft sich auf Benedikt von Nursia und die ihm zugeschriebene Regel. Die Anfänge des Ordens sind jedoch historisch schwer fassbar. Als Kurzformel für die benediktinische Lebensweise gilt ein ursprünglich nicht spezifisch benediktinisches, spätmittelalterliches Sprichwort: (lateinisch: „Bete und arbeite und lies“). Drei Gelübde legt der Benediktinermönch im Laufe seines Ordenslebens ab: „Stabilitas loci“ (Beständigkeit in der Gemeinschaft und Ortsgebundenheit des Mitglieds an ein bestimmtes Kloster) „Conversatio morum suorum“ (klösterlicher Lebenswandel)Elmar Salmann: Conversatio morum. In: Briefe aus der Abtei Gerleve, Jg. 2016, Heft 1, S. 10–13. „Oboedientia“ (Gehorsam). Als ein Motto der Benediktiner kann das Bibelwort 1 Petr 4,11 gelten: – Auf dass Gott in allem verherrlicht werde“. Die Benediktsregel zitiert diesen Satz aus dem Neuen Testament im Zusammenhang mit den Klosterhandwerkern und dem Verkauf ihrer Produkte.Regula Benedicti 57,9. Das benediktinische Mönchtum ist die älteste und bedeutendste klösterliche Bewegung des Abendlandes. Die Missionstätigkeit der Benediktiner vom 7. bis 12. Jahrhundert bewirkte die flächendeckende Christianisierung Europas. Aus dem Benediktinerorden gingen zehn Päpste, fünf Kirchenlehrer und zahlreiche kanonisierte Heilige hervor, mehr als aus jedem anderen Orden. Heute gibt es in der weltweiten benediktinischen Konföderation rund 6000 Mönche und 12500 Nonnen. Vielen Klöstern sind Oblaten angeschlossen, die sich an der Spiritualität der Benediktsregel orientieren. Geschichte mini|Benedikt von Nursia (Abtei Münsterschwarzach) Herausbildung des westlichen Mönchtums Durch seine Sonderstellung als zeitweilig (etwa vom frühen neunten bis zum späten zwölften Jahrhundert) einzig etablierter Orden der westlichen Kirche kann man die Geschichte des Benediktinertums kaum ohne einen Blick auf das westliche Mönchtum insgesamt verstehen. Dieses hatte sich nach Vorbildern aus Ägypten und dem Nahen Osten entwickelt und zu eigener Ausprägung gefunden. Während dort im Wesentlichen das Eremitentum als das eigentliche Mönchtum – die asketische Lebensform, in der der Gläubige eine besondere Gottesnähe ausdrückt und erfährt – verstanden wurde, waren in den weströmischen Städten andere Formen stärker hervorgetreten (Familienaskese, zölibatäre Gemeinschaften christlicher Frauen)., hier Sp. 1418. Bischof Eusebius († 370) hatte in Vercelli in einer Gemeinschaft mit anderen Priestern zusammen gelebt und so das erste Beispiel eines Klerikerklosters gegeben. Martin von Tours errichtete in Ligugé in der Nähe von Poitiers eines der ersten Klöster des Abendlandes, außerdem 375 in der Nähe von Tours das Kloster Marmoutier., hier Sp. 1422. Hieronymus, der das östliche Mönchtum auf seinen Reisen kennengelernt hatte, begünstigte die Weiterentwicklung des römischen Ideals der Vita Rusticana zum monastischen Ideal, in dem sich für ihn Abgeschiedenheit und Studium vereinen sollten. Augustinus von Hippo bezeugt im Jahr 387 Stadtklöster in Rom, aus denen sich später die Einrichtung der Basilikaklöster entwickelte. Das Konzil von Chalcedon entschied 451, die Klöster der bischöflichen Jurisdiktion zu unterstellen. Außerdem wurde kirchenrechtlich fixiert, dass der Mönch an das Kloster gebunden war, in das er eingetreten war (Stabilitas loci). Benedikt von Nursia und Gregor der Große Vor diesem Hintergrund sticht die Gestalt des Benedikt von Nursia (* um 480; † 547), der für das 529 von ihm gegründete Kloster bei Montecassino die nach ihm benannte Regula Benedicti (Benediktsregel) verfasste, die auf der Regula Magistri und anderen klösterlichen Regeln basiert, kaum hervor. Er und seine Regel sind eingebettet in die „italische Mönchslandschaft.“ Benedikt hatte bei ihrer Abfassung keine ordensartigen Strukturen vor Augen – er wollte, ebenso wie andere Regelautoren, die Verhältnisse in seinem eigenen Haus klären. Die Benediktsregel präsentiert sich dem Leser als eine Anleitung für Anfänger, die im Mönchsleben noch ungeübt sind.Steven Vanderputten: Medieval Monasticisms. Forms and Experiences of the Monastic Life in the Latin West (= Oldenbourg Grundriss der Geschichte. Band 47). De Gruyter, Berlin / Boston 2020, S. 27. Wesentliche Haltungen, die die Regel von den Mönchen verlangt, sind Gehorsam gegenüber ihrem Abt, Schweigsamkeit, Beständigkeit und Demut. Der größte Teil des Tages ist gemeinsamem oder persönlichem Gebet gewidmet oder wird in Stille, mit Meditation und geistlicher Lektüre verbracht. Handwerkliche Arbeit, von der die Mönche leben sollten, schaffte Ausgleich. Der Tagesablauf der Mönche wird gegliedert durch den Gottesdienst, dem nach der Regel nichts vorgezogen werden darf. Wie im Mönchtum üblich wurden Psalmen gebetet, nach der Regel alle 150 innerhalb einer Woche (in der heutigen Zeit oft auf zwei Wochen verteilt). Ein Aspekt, der die spätere Sonderstellung der Regel erklären könnte, ist die Nivellierung von Standesunterschieden: die Rangfolge der Mönche orientierte sich, von durch den Abt bestimmten Ausnahmen abgesehen, einzig daran, wie lange sie dem Orden schon angehörten (sozusagen nach dem Dienstalter; siehe auch Anciennität). Dies konnte den elitären Charakter der Klöster abschwächen, die zuvor eher als Einrichtungen von und für Adlige verstanden worden waren. Sozial niedrig(er) Gestellte sahen im Klostereintritt eine Chance zu gesellschaftlichem Aufstieg. Auch die relative Milde der Regelungen zur Askese und die relative Kürze der Regula Benedicti (Nichtbehandlung sonst üblicher Regelthemen) erleichterte es, diese in anderen Klöstern, Ländern bzw. Klimazonen zu übernehmen. All dies hat wohl zur späteren Beliebtheit der Regel beigetragen. Michaela Puzicha sieht den Vorzug der Benediktsregel „in der spirituellen Durchdringung des Alltagslebens, der klugen Gewichtung von Gebet, Arbeit und geistlicher Lesung, in maßvoller Askese und im positiven Welt- und Menschenbild.“ Damit stehe sie der biblischen Weisheitsliteratur nahe. Die Regel konnte niemals ohne ergänzende Bestimmungen befolgt werden, die sogenannten Consuetudines. Nichts davon sticht jedoch so heraus, dass es Benedikt zu seinem Titel als „Vater des Abendlandes“ hätte verhelfen können. Diese Entwicklung beginnt erst mit der Abfassung seiner Biographie durch Gregor den Großen († 604) im zweiten Buch der Dialoge.Leben und Wunder des hl. Benedikt in: Gregor der Große: Vier Bücher Dialoge. Aus dem Lateinischen übersetzt von Joseph Funk. Bibliothek der Kirchenväter, 2. Reihe, Band 3. Kempten, München 1933. mini|Aus der Benediktslegende: Maurus, von Benedikt beauftragt, rettet Placidus vor dem Ertrinken, ein Beispiel für den schlichten Gehorsam der Mönche (Bartolomeo di Giovanni, um 1488, Uffizien) Der zweite Band der Dialoge enthält ausschließlich die Biographie Benedikts. Die Intention, die den vom Mönchtum begeisterten Papst zur Niederschrift bewegte, lässt sich relativ klar herausarbeiten: In Italien gab es viele verschiedene Formen von Mönchtum, und Gregor bekundete hier seine Vorliebe für Mönchsgemeinschaften, die hierarchisch organisiert waren und sich in der Einsamkeit dem Gebet, dem Bibelstudium und der körperlichen Arbeit widmeten. Für all das steht Benedikt und seine gleichfalls idealisierte Schwester Scholastika im Werk Gregors.Steven Vanderputten: Medieval Monasticisms. Forms and Experiences of the Monastic Life in the Latin West (= Oldenbourg Grundriss der Geschichte. Band 47). De Gruyter, Berlin / Boston 2020, S. 26. Daraus ergibt sich folgendes Bild für die Biografie Benedikts: Nach dem Studium der Artes liberales in Rom zog er sich zunächst als Eremit nach Affide zurück. Das Experiment, eine Mönchsgruppe auf ihre Bitte hin als Abt zu leiten, scheiterte. Benedikt gründete zwölf Klosterzellen bei Subiaco und zog zwischen 520 und 530 nach Monte Cassino. Dort zerstörte er pagane Heiligtümer und gründete an ihrer Stelle ein Kloster, das er dem Patronat des heiligen Martin von Tours unterstellte. Für diese Gründung schrieb er seine Regel. Das starke Durchscheinen des Idealtypus durch die Darstellung Gregors hat in der Forschung des 20. Jahrhunderts die Historizität Benedikts in Frage gestellt. Man nimmt heute an, dass Gregors Schilderungen eine reale Biographie zum Kern haben. Auch Gregor, der die Stellung des Mönchtums als Teil der Kirche durch seine Lehren durchaus festigte und ihnen apostolisches Wirken – also Predigten, Seelsorge und karitative Aufgaben – erst ermöglichte, dürfte dabei keine Vorstellung von einem „Ordenswesen“ gehabt haben. Im Verständnis ihrer Zeit war die Vorstellung vom einzelnen Kloster als organisatorisch autarke Einheit noch viel zu tief verwurzelt. Bemerkenswert ist, dass Gregor, obwohl er die Abfassung der Regel erwähnte und sie als vorbildlich lobte, in keiner seiner zahlreichen Schriften zum Mönchswesen Zitate oder Ideen aus ihr verwendete – im Gegensatz zu einigen anderen Mönchsregeln. Es scheint also, als hätte er die Regula Benedicti nicht im Wortlaut gekannt, was vor allem erstaunt, da der Tradition nach die Mönche nach der Zerstörung Montecassinos 577 durch die Langobarden die Regel nach Rom gebracht haben sollen. Zumindest dieser Schritt der Überlieferungstradition der Benediktregel scheint also fragwürdig., hier S. 551: „Die erbauliche Überlieferung ist so nicht haltbar.“ Irische Mönche und Mischregelzeitalter Irland wurde seit dem 4. Jahrhundert sowohl von Britannien als auch von Kontinentaleuropa aus missioniert. Da Städte fehlten, standen die Bistümer in ihrem territorialen Zuschnitt in Kontinuität mit den Gebieten der Clans. Das Mönchtum wurde hier vor allem durch Schreiberklöster von zum Teil beachtlicher Größe repräsentiert. Es war bis ins 6. Jahrhundert unbedeutend und blühte danach auf. Auch die Klöster waren je einem Clan zugeordnet. Die Äbte der großen Klöster wurden mächtiger als der Bischof; da ein Bischof aber kirchenrechtlich unentbehrlich war, ließen sie häufig einen ihnen unterstellten Mönch zum Bischof weihen. Kennzeichnend für das iroschottische Mönchtum war die Verbindung hoher Bildung und harter Askese, wozu die Heimatlosigkeit (Peregrinatio) gehörte, welche die Mönche sozusagen unbeabsichtigt zu Missionaren werden ließ., hier Sp. 1423. Meist waren sie in Gruppen unterwegs, bisweilen brachen ganze Klöster auf. Ein solcher Wandermönch war Columban († 612 oder 615). Er reiste aufs Festland und gründete mit seinen Brüdern 590 das Kloster Luxeuil in den Vogesen. In der römischen Kultur war das Christentum fast ausschließlich in Städten verbreitet und die Gläubigen hatten es über Jahrhunderte nicht geschafft, die gallo-römische Landbevölkerung zu bekehren. Dies änderte sich mit Columbans Klostergründungswelle, in deren Folge sich eine – vom fränkischen Adel getragene – Bewegung entwickelte, die im 7. Jahrhundert circa 300 neue Klöster gründete.Peter Müller: Columbans Revolution, 2008, S. 39 ff.J. N. Hillgarth: Modes of evangelization of Western Europe in the seventh century, in Proinseas NiChathain und Michael Richter (Hrsg.): „Irland und die Christenheit. Bibelstudien und Mission.“, Klett Verlag, 1987, S. 322.Arnold Angenendt: Das Frühmittelalter. Die abendländische Christenheit von 400 bis 900, Kohlhammer, Stuttgart 1990, S. 216. Die iroschottische Mission auf dem europäischen Festland war sehr erfolgreich. Columban hatte bereits konsequent die Verschränkung des Mönchtums mit den weltlichen Herrschern ihres Gebiets verfolgt und war selbst Autor einer Klosterregel. Diese wurde gemeinsam mit der Regula Benedicti in Form von sogenannten „Mischregeln“ in den meisten Klöstern befolgt. Aber auch andere Regeln kamen dabei zum Einsatz. Es ist bis 670 nur ein einziges Kloster bekannt, das ausschließlich die Regula Benedicti beachtet hat – Altaripa bei Albi. Dort hatte der Gründer Venerandus in den 620er Jahren die Befolgung dieser Regel vorgeschrieben.Marilyn Dunn: Mastering Benedict: Monastic Rules and Their Authors in the Early Medieval West. In: The English Historical Review 416 (1990), S. 567–594, hier S. 569. Vgl. Friedrich Prinz: Frühes Mönchtum im Frankenreich. Kultur und Gesellschaft in Gallien, den Rheinlanden und Bayern am Beispiel der monastischen Entwicklung (4. bis 8. Jahrhundert). Oldenbourg, München u. a. 1965, S. 167 f. Auf dem Konzil von Autun wurde festgelegt, dass die Klöster künftig nach der Regel Benedikts geführt werden sollten. Diese Vorschrift ist eine der ersten nachgewiesenen Beschlüsse, der die benediktinische Regel verbindlich macht. Damit wurde der OrdensregelFriedrich Prinz: Frühes Mönchtum im Frankenreich. Kultur und Gesellschaft in Gallien, den Rheinlanden und Bayern am Beispiel der monastischen Entwicklung (4.–8. Jh.). Darmstadt 1988, S. 147 f. Columbans entgegengewirkt. Nach der Synode von Whitby und dem Konzil von Autun erlangte die Regula Benedicti auf der britischen Insel rasch Beliebtheit, indem sie von Benedict Biscop und Wilfrid bekannt gemacht wurde., hier S. 551. Zumeist in Mischform blieben beide Regeln bis Anfang des 9. Jahrhunderts in Gebrauch, bis 817 die fränkischen Klöster durch Abt Benedikt von Aniane mit Unterstützung Ludwigs des Frommen auf die Regel Benedikts verpflichtet wurden. Erst danach wurde sie im Abendland zur maßgebenden Mönchsregel. Ein anderer irischer Peregrinatio-Mönch war Pirmin, der als Erster die von ihm gegründeten Klöster zu einem Verband zusammenfasste (unter anderem Kloster Reichenau, Kloster Murbach und Kloster Hornbach). Die Karolinger, Benedikt von Aniane und das Konzil von Aachen Von England aus breitete sich die Benediktsregel in Kontinentaleuropa aus, womit die Zeit der Mischregelobservanz endete. Wichtige Impulse gingen hierbei von Italien aus:, hier S. 552. Unter Abt Petronax wurde 717 das Kloster Montecassino neu gegründet. Es galt als Ideal mönchischen Lebens, so dass viele einflussreiche Mönche (etwa Willibald von Eichstätt oder Sturmi, der erste Abt des Klosters Fulda) es besuchten oder eine Weile dort lebten. Auch Karlmann, ehemals fränkischer Hausmeier und faktischer Herrscher der östlichen Hälfte des Frankenreiches, trat dort ein. 750 gab Papst Zacharias das in Rom befindliche Exemplar der Regula Benedicti, das als Original galt, zurück auf den Montecassino. Die Benediktsregel wurde in der Folgezeit als römische Klosterregel (Regula Romana) stilisiert, ein wichtiger Faktor für ihre spätere Alleingeltung., hier Sp. 1293. Auch im Norden wuchs die Hochachtung vor Benedikt. Pippin der Jüngere und sein Sohn Karl der Große – und mit ihnen die geistlichen Würdenträger – strebten nach Unterstützung der römischen Kirche, und da Benedikt als „römischer Abt“ galt, bedachte man seine Regel mit besonderer Aufmerksamkeit. 744 gründete Bonifatius (* 673; † 754), der „Apostel der Deutschen“ – ein Angelsachse in entfernter Tradition der irischen Peregrinatio-Mönche – das Kloster Fulda, in dem ausdrücklich einzig die Regula Benedicti gelten sollte. 787 ließ Karl der Große eine Abschrift der Regel auf dem Montecassino anfertigen und nach Aachen bringen., hier S. 552. Eine für das Kloster St. Gallen angefertigte Kopie dieses Exemplars ist die noch heute verwendete Textgrundlage. Karl hatte konkrete Vorstellungen davon, welche Rolle die Reichskirche, als deren geistlicher Leiter er sich sah, im fränkischen Reich spielen sollte – und ebenso das Mönchtum in ihr. Er unterstellte die Klöster den zuständigen Landesherren. Aber auch die Vereinheitlichung des Mönchtums schien ihm ein notwendiges Zwischenziel. Über sie hoffte er, die Güter und Einkünfte der Klöster in der Reichweite des königlichen beziehungsweise kaiserlichen Arms zu behalten und den Gebetsdienst, dem in seinen Augen staatstragende Bedeutung zukam, sicherzustellen. Außerdem sollten die Mönche eine zivilisatorische Aufgabe wahrnehmen: Klöster wurden häufig in noch nicht vollständig befriedeten und kultivierten Gegenden gebaut, wo sie dabei halfen, den Reichsgedanken und das Christentum zu verbreiten, aber auch „Entwicklungshilfe“ und Kulturarbeit zu leisten. So ordnete Karl 789 an, dass alle Klöster Klosterschulen zu unterhalten hätten., hier S. 553. Die Idee der großen Klosterbibliotheken, die die mönchische Lebensform keineswegs voraussetzte, die aber den vollständigen Verlust der antiken Literatur in den Folgejahrhunderten verhinderte, setzte sich allmählich durch. Es ist weitgehend den Mönchen zu verdanken, dass das kulturelle Erbe der Antike über die Jahrhunderte des Frühmittelalters in Westeuropa erhalten blieb. Das Projekt der Vereinheitlichung des Mönchtums wurde erst von Karls Sohn Ludwig dem Frommen vollendet. Er war zuvor Unterkönig in Aquitanien gewesen, wo er bereits die Bekanntschaft mit Benedikt von Aniane gemacht hatte, einem westgotischen Adligen, der nach einem halberemitischen Leben unter der Mischregel ab 787 das aquitanische Großkloster Aniane auf Grundlage der Benediktsregel aufgebaut hatte. Nachdem Ludwig die Nachfolge seines Vaters angetreten hatte, hielt sich Benedikt seit 814 am Aachener Hof auf und war Abt von Maursmünster, ab etwa 816 von Inda (Kornelimünster bei Aachen). Er entwarf Consuetudines, aktualisierende Auslegungen der Regula für das Alltagsleben in einem Kloster des 8./9. Jahrhunderts. Mit Unterstützung des Herrschers organisierte er in den Folgejahren die Vereinheitlichung,Peter Dinzelbacher: Mönchtum und Kultur. 1. Mittelalter. In: Peter Dinzelbacher, James Lester Hogg (Hrsg.): Kulturgeschichte der christlichen Orden in Einzeldarstellungen. Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 1997, ISBN 3-520-45001-1, S. 1–18, hier S. 6. die schließlich im Konzil von Aachen 816–819 zur Vollendung gebracht wurde. Die dortigen Beschlüsse verabschiedete Ludwig als Kapitularien.Steven Vanderputten: Medieval Monasticisms. Forms and Experiences of the Monastic Life in the Latin West (= Oldenbourg Grundriss der Geschichte. Band 47). De Gruyter, Berlin / Boston 2020, S. 44. Die Benediktregel wurde dort als einzige Klosterregel verbindlich für alle Klöster des Frankenreichs erklärt und um ebenfalls verbindliche Consuetudines ergänzt. Erwähnenswert ist eine neue Kleiderordnung (die bis heute Gültigkeit hat), die bewusste Entscheidung für das Großkloster und das Bekenntnis zu Karls Idee eines „Kulturklosters“, das also nicht als rein kontemplative Gemeinschaft abseits der Welt existieren durfte, sondern Seelsorge, Schuldienst und Mission betreiben musste. Mönche lasen Messen an Basiliken und Heiligtümern; dafür mussten sie die Priesterweihe empfangen haben. Ab jetzt setzte die Klerikalisierung des Benediktinertums ein., hier Sp. 1293 f. Die Reformdekrete der Jahre 816 bis 819 sind aus heutiger Sicht nicht so sehr innovativ und mehr eine Sanktionierung der Veränderungen, die das Mönchtum im Frankenreich bis dahin durchlaufen hatte. Am Anfang war die kultische Reinheit des einzelnen Mönchs das zentrale Anliegen, und nun, rund 150 Jahre später, ging es vorrangig darum, das Kloster als einen heiligen, reinen Raum so einzurichten, dass besonders ausgebildete Asketen ihren religiösen Pflichten darin optimal nachkommen konnten. Dadurch wurde die Klosterarchitektur aufgewertet, denn sie sollte diesen Rahmen schaffen.Steven Vanderputten: Medieval Monasticisms. Forms and Experiences of the Monastic Life in the Latin West (= Oldenbourg Grundriss der Geschichte. Band 47). De Gruyter, Berlin / Boston 2020, S. 46 f. Machtgewinn, Reformen, neue Orden „So sehr die enge Verbindung von karolingischer Herrschaft und Benediktinertum, von der beide Teile gleichzeitig profitierten, den Klöstern eine große Zahl geschenkt hatte, so bedingte die Auflösung des karolingischen Reiches auch einen allgemeinen Niedergang des Mönchtums.“ (Karl Suso Frank) Inbegriff dieser Entwicklung ist die Zerstörung von Monte Cassino durch die Sarazenen 883/84. mini|Eingang zur Abtei Cluny (Zeichnung 18. Jahrhundert oder früher) Die Gründung der Abtei Cluny am 11. September 910 durch Wilhelm von Aquitanien unter Abt Berno wurde zum Beginn einer Klosterreform, die eine neue Epoche einleitete. In der Gründungsurkunde wurde der Abtei freie Abtswahl und Unabhängigkeit in doppeltem Sinn garantiert: Exemtion von bischöflicher Aufsicht und Immunität gegenüber weltlichen Herrschern. Konkret lief die Reform in der Regel so ab, dass ein Fürst oder lokaler Herrscher in seinem Territorium zunächst dem zu reformierenden Kloster Güter zurückerstattete, die in der Vergangenheit zweckentfremdet worden waren. Zusammen damit wurden die Freiheiten des Klosters (Exemption, Immunität) bekräftigt. Von den Insassen wurde nun ein Leben strikt nach der Benediktsregel verlangt, mit besonderem Nachdruck auf der persönlichen Armut der Mönche. Wer sich dem widersetzte, wurde aus dem Kloster entfernt. Dann wurden Mönche aus einem vorbildhaften Kloster in das zu reformierende Kloster versetzt, um den Konvent an die neue Lebensweise zu gewöhnen.Steven Vanderputten: Medieval Monasticisms. Forms and Experiences of the Monastic Life in the Latin West (= Oldenbourg Grundriss der Geschichte. Band 47). De Gruyter, Berlin / Boston 2020, S. 57 f. Der Reformgedanke – getragen von einer starken Betonung der Liturgie – breitete sich im Westen rasch aus, während im sächsischen Kaiserreich das anianisch geprägte Gorzer Mönchtum vorherrschte. Der Zusammenschluss von Klöstern zu einem Klosterverband sollte die Unabhängigkeit zusätzlich sichern und wurde von Cluny konsequent vorangetrieben. Innerhalb eines Jahrhunderts umfasste der Klosterverband von Cluny über 1.000 abhängige Klöster. Die Zugehörigkeit verpflichtete die einzelnen Gemeinschaften zum Gebet füreinander (Gebetsverbrüderung). Sie akzeptierten Mitsprache von außen etwa bei der Abtswahl oder bei Visitationen. Vor allem aber übernahmen sie die gemeinsame Auslegung der Benediktsregel für den Klosteralltag (Consuetudo). Der so entstandene sacer ordo cluniacensis war der erste eigentliche Orden in der Geschichte des Mönchtums. Nach Karl Suso Frank war es das im 11. Jahrhundert neu entdeckte Ideal des Eremitenlebens, das dem westlichen Mönchtum neue Impulse gab. Teils führten diese zu Neugründungen; bei den Camaldulensern ist die Herkunft aus dem Benediktinertum offensichtlich. Aber auch innerhalb der benediktinischen Klosterverbände führte das neue Ideal von Armut und Einsamkeit zu Veränderungen: Die Laienbrüder (Konversen) übernahmen den Kontakt zur Außenwelt und bewirtschafteten selbständig die Ländereien des Klosters. Den Chormönchen ermöglichten sie so ein weltabgeschiedenes, asketisches Leben., hier S. 554. Die Lebensweise der Mönche von Cluny erregte auch Kritik. Das in der Benediktsregel vorgesehene Gleichgewicht von Gebet und Handarbeit wurde zugunsten des Gebets aufgeweicht. Die Abtei lebte von Messstipendien und Gebetsstiftungen. In ihrer Blütezeit während des 11. Jahrhunderts wurden in Cluny von 400 Mönchen täglich über 200 Psalmen gebetet. Ihre Messen und Prozessionen waren das Prächtigste, was es innerhalb der Kirche gab. Als Robert von Molesme die Reformabtei Molesme gründete, war das nach Frank anfänglich kein Protest gegen den Alltag in den Cluniazenserklöstern, sondern der Versuch einer Rückkehr zu den Ursprüngen., hier S. 554 f. Getreu der Benediktsregel lebten die Mönche weltabgeschieden, einfach und arm. Ihren Unterhalt sollten sie durch Handarbeit statt durch Messstipendien und Stiftungen verdienen. Sein Versuch scheiterte; ein zweiter glückte ihm: In Cîteaux baute Robert ab 1098 ein Reformkloster auf, das er als Abt leitete und das unter seinen Nachfolgern Alberich von Cîteaux und Stephan Harding zum Mutterkloster des Zisterzienserordens wurde. Sowohl die „schwarzen“ als auch die „weißen“ Mönche (Cluniazenser und Zisterzienser, benannt nach der Farbe des Habits) beanspruchten, die ursprüngliche Regel zu befolgen, und bezichtigten die Gegenseite, Neuerungen eingeführt zu haben. Dieser Streit brachte eine Kontroversliteratur hervor; bekannte Vertreter beider Seiten sind Petrus Venerabilis (Cluny) und Bernhard von Clairvaux., hier S. 555. Die Zisterzienser setzten dem öffentlichkeitswirksam zelebrierten Gebetsleben der Benediktiner Einsamkeit, Armut und körperliche Arbeit entgegen. Bewusst kehrten sie zu einer einfachen Liturgie zurück. Bis ins Hochmittelalter waren in der abendländischen Kirche, von wenigen Ausnahmen abgesehen, Mönchtum und Benediktinertum (in der Summe seiner rivalisierende Familien) identisch.Peter Dinzelbacher: Mönchtum und Kultur. 1. Mittelalter. In: Peter Dinzelbacher, James Lester Hogg (Hrsg.): Kulturgeschichte der christlichen Orden in Einzeldarstellungen. Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 1997, S. 1–18, hier S. 7. Mit den Augustiner-Chorherren kam allerdings ein Orden hinzu, der sich nicht mehr auf die Benediktsregel bezog, sondern auf die (ältere) Regel des Augustinus von Hippo. Die im 13. Jahrhundert neu entstehenden Bettelorden stellten die Vorherrschaft des Benediktinertums aber viel weitgehender in Frage. Die Benediktiner waren in das Feudalsystem und die Naturalwirtschaft integriert; ihre Arbeit war auf Landwirtschaft und Seelsorge ausgerichtet. Die neu aufkommenden Städte und die sich entwickelnde Geldwirtschaft konnten die Benediktiner nur langsam in ihre Lebensweise integrieren. Bildung genossen und vermittelten die Benediktiner in lokalen Klosterschulen. Die im 12. Jahrhundert neu aufkommenden Universitäten, die ein nicht-sesshaftes Leben der Lehrenden und Studierenden erforderten, waren den Benediktinern fremd. Verschiedene Faktoren gefährdeten die wirtschaftlichen Grundlagen der Benediktinerklöster und führten vielfach zum Ruin: die Große Pest, der Hundertjährige Krieg und die immer zahlreicheren Kommenden. Die Benediktiner reagierten darauf, indem sie das von den Bettelorden praktizierte System der Kongregationen übernahmen. Einen ersten Schritt tat 1336 Papst Benedikt XII.: in seiner Bulle Summi magistri (auch bekannt als Benedictina) verfügte er den Zusammenschluss aller Benediktinerklöster in 30 Provinzen und die Einsetzung von Provinzkapiteln, die alle drei Jahre zusammentreten sollten. Über Visitationen und verbindliche Rechenschaftsberichte sollten die Zustände in den einzelnen Klöstern transparent werden. Diese Regelungen wurden nicht umgesetzt, wirkten aber anregend. Parallel zum Konstanzer Konzil kamen 1417 in der Abtei Petershausen Vertreter von Bendeiktinerklöstern zusammen, um Reformen zu besprechen; dabei bezogen sie sich auf die Bulle von 1336. Direkte Folge war die Melker Klosterreform. Auch von anderen Klöstern gingen im 15. Jahrhundert Reformbewegungen aus, so etwa von Kastl in Bayern. Die Bursfelder Kongregation war aber die erste Benediktinerkongregation strenger Observanz, gekennzeichnet durch jährliche Generalkapitel und eine starke Stellung des Abtes von Bursfelde, der berechtigt war, alle Streitfragen, die in den Einzelklöstern auftraten, verbindlich zu entscheiden. In Italien entspricht dem die Cassinensische Kongregation (ursprünglich bezeichnet als Kongregation von Santa Giustina), die Impulse der Devotio moderna und des Humanismus aufnahm. Sie strahlte nach Spanien aus (Kongregation von Valladolid, 1436)., hier S. 555 f. Reformation, Aufklärung und Säkularisation hochkant|mini|Der Humanist und Reformator Ambrosius Blarer, Benediktiner aus Alpirsbach Die Reformation traf die Benediktiner, wie alle großen Orden, schwer. Etwa die Hälfte der europäischen Benediktinerklöster gingen unter, hier S. 556. – zunächst durch Selbstauflösung, weil sich die Mönche den Lehren Martin Luthers anschlossen, der das Mönchtum als unchristlich ablehnte, später durch die Erlasse evangelischer Fürsten. In Italien und Spanien trugen die genannten Kongregationen den Neubeginn. In der Reformationszeit verloren die Benediktiner und Zisterzienser insgesamt 1260 Klöster.James Lester Hogg: Mönchtum und Kultur. 2. Neuzeit. In: Peter Dinzelbacher, James Lester Hogg (Hrsg.): Kulturgeschichte der christlichen Orden in Einzeldarstellungen. Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 1997, S. 19–36, hier S. 20. In Frankreich gestattete das 1516 zwischen Papst Leo X. und König Franz I. geschlossene Konkordat von Bologna es dem König, Laien als Kommendataräbte (abbés commendataires) einzusetzen. Daraufhin überließ der König zahlreiche Abteien seinen Günstlingen in commendam als Pfründe; vielerorts erlosch infolgedessen das religiöse Leben. Von 1562 bis 1593 waren die französischen Benediktinerklöster von den Hugenottenkriegen betroffen. Die Reform des französischen Benediktinertums gelang erst im 17. Jahrhundert im Anschluss an das tridentische Rahmengesetz, ausgehend von den Kongregationen St. Vanne (Vannisten, begründet von Didier de la Cour) und St. Maurus (Mauriner). Beide Kongregationen vertraten das Ideal des gebildeten Mönchs und brachten zahlreiche Gelehrte hervor., hier S. 556. Obwohl es Bemühungen gab, mit dem westfälischen Frieden die Besitzungen der römisch-katholischen Kirche im Reich wiederherzustellen, blieb es beim Status quo. Innerhalb des Ordens setzten sich die Ideen der Bursfelder Kongregation durch: etwa Einzelklöster, Wahl des Abts auf Lebenszeit. Im deutschsprachigen Raum scheiterten Pläne einer umfassenden Kongregation, vielmehr entstanden die schweizerische, schwäbische, niederschwäbische und bayerische Kongregation, in Österreich die österreichische und salzburgische Kongregation. Viele dieser Klöster wurden Träger der Barockkultur, was sich in den großen Klosteranlagen von Ottobeuren, Weingarten, Einsiedeln, Sankt Gallen, Melk, Göttweig und anderen spiegelt. Sie unterstützten die für den Barock typischen Frömmigkeitsformen durch pastorales und pädagogisches Engagement. 1622 wurde die bedeutende Salzburger Benediktineruniversität gegründet. Forschung und Lehre an dieser Universität waren eine Gemeinschaftsaufgabe, an der sich alle deutschsprachigen Kongregationen beteiligten., hier Sp. 1294. Die Krise der Barockkultur traf die Benediktinerklöster hart. Aufklärung und Säkularisierung stellten ihre Grundlagen in Frage. In allen katholischen europäischen Staaten sind Klosterauflösungen zu verzeichnen; Beispiele: 1780 hob die Regulierungskommission in Frankreich 426 Klöster auf. 1790 wurde in Frankreich das Mönchtum verboten. Zahlreiche Klöster, darunter Cluny, wurden geschleift. Deutschland verlor viele Klöster bei der Säkularisation im Zuge der Annektierung der linksrheinischen Gebiete 1803 (104 Abteien, dazu 38 Häuser). Der Mainzer Kurfürst und Erzbischof Friedrich Karl Joseph von Erthal löste 1784 drei reiche Klöster auf, um seine Universitätsreform zu finanzieren. In Spanien wurden die Klöster 1809 aufgehoben. In der Synode von Pistoia 1786 zeigte sich eine ordensfeindliche gesellschaftliche Stimmung in Italien. Man ordnete die Vereinheitlichung aller Orden an, verbot ihnen Seelsorge, ließ nur jährliche Gelübde zu und stellte sie unter bischöfliche Aufsicht. Das Kloster Montecassino diente als staatliches Archiv. Der „Josephinische Klostersturm“ in Österreich war für viele Benediktinerklöster, die in Österreich auf ein sehr hohes Alter zurückblicken konnten, der Niedergang. Wenige Klöster (meist in Österreich) überstanden die Säkularisation; in Italien wurden einige alte Abteien wegen ihrer nationalen Bedeutung erhalten., hier S. 557. Von der Restauration bis zur Gegenwart mini|Benediktusmedaille von Desiderius Lenz, Mönch im Kloster Beuron, geschaffen zum 1400. Geburtsjubiläum von Benedikt im Jahre 1880, in Auftrag gegeben von Erzabt Nikolaus d’Orgement vom Montecassino – heute die am weitesten verbreitete Form der Benediktusmedaille. Im Zuge der nachfolgenden Restauration kam es zu Neugründungen. Sie gingen von Einzelpersonen aus, die vom klösterlichen Ideal begeistert waren. Prosper-Louis-Pascal Guéranger, ein Weltpriester, der keine Erfahrung im Klosterleben hatte, entwarf allein aufgrund seiner Literaturstudien das Konzept der Abtei Saint-Pierre de Solesmes, die 1832 gegründet wurde und die Gründung einer neuen Benediktinerkongregation inspirierte. Maurus und Placidus Wolter, zwei Brüder, hatten in der römischem Abtei Sankt Paul vor den Mauern den benediktinischen Alltag kennengelernt und gründeten 1863 in Hohenzollern das Kloster Beuron, ebenfalls Zentrum einer eigenen Kongregation. Neben Solesmes und Beuron kam 1850 als drittes Reformzentrum unter dem Abt Pietro Casaretto das alte Kloster Santa Scolastica in Subiaco hinzu (Sublazenser Kongregation). Unter den Neugründungen, die sich dieser Kongregation angeschlossen haben, ist die Abbaye de la Pierre-Qui-Vire in Burgund besonders bekannt geworden, 1850 von dem „monastischen Autodidakten“ Jean-Baptiste Muard gegründet. Im Bayerischen Konkordat von 1817 wurden Klosterneugründungen vereinbart, für die Ludwig I. ab 1825 vor allem Benediktiner heranzog. 1830 entstand als erste Benediktinerabtei das Kloster Metten neu. Zwar gab es Benediktinerklöster außerhalb Europas schon im 16. (Brasilien) und 17. Jahrhundert (Mexiko). Aber die weltweite Ausbreitung erfolgte hauptsächlich seit dem 19. Jahrhundert, und sie war getragen von deutschsprachigen Benediktinern. Ihr Leitbild war das frühmittelalterliche, missionierende Benediktinertum. Andreas Amrhein, ein Beuroner Mönch, gründete 1883 die Benediktinerkongregation von St. Ottilien (Missionsbenediktiner), die zuerst in Südafrika und Korea tätig wurde. Das erste Benediktinerkloster der Vereinigten Staaten war St. Vincent in Pennsylvania, 1847 zur Betreuung deutscher Auswanderer von Bonifaz Wimmer (Abtei Metten) gegründet. Die schweizerisch-amerikanische Kongregation (seit 1969: panamerikanische Kongregation) widmete sich der Mission der indigenen Völker Nordamerikas; Mutterkloster ist das 1854 gegründete Kloster St. Meinrad (Indiana). Papst Leo XIII. schuf 1893 (Breve Summum semper) die Benediktinische Konföderation (Confoederatio congregationum monasticarum Ordinis S. Benedicti) als Dachorganisation aller Kongregationen. Die Äbte wählen jeweils auf 12 Jahre den Abtprimas. Dieser hat keine Leitungsfunktion, sondern nur repräsentative Aufgaben. Von 107 Klöstern mit 2765 Mitgliedern im Jahr 1880 wuchs das Benediktinertum bis 1960 auf 237 Klöster mit 12131 Mitgliedern;, hier S. 558. seitdem sind die Zahlen wie in anderen römisch-katholischen Orden allerdings rückläufig. Als Schwerpunkte benediktinischer Tätigkeit im 20. Jahrhundert gelten die Liturgie (Liturgische Bewegung), die Bibelwissenschaft (Arbeiten zur Vulgata und zur Vetus Latina in der päpstlichen Abtei San Girolamo in urbe, Rom, bzw. im Kloster Beuron) und die Patristik (Edition der Reihe Corpus Christianorum: Abtei Steenbrugge). Heute gibt es in Deutschland 34 Männer- und 27 Frauenklöster, in Österreich 16 Männer- und 4 Frauenklöster und in der Schweiz 9 Männer- und 12 Frauenklöster der Benediktiner. Die Österreichische Benediktinerkongregation unterhält zudem das Kolleg St. Benedikt in Salzburg, das Studienhaus für die deutschsprachigen Benediktinermönche. Seit 1893 besteht die internationale Hochschule der Benediktiner (San Anselmo) in Rom., hier Sp. 1295. Zurzeit gibt es weltweit rund 20.000 Mönche und Nonnen beziehungsweise Schwestern, die zur benediktinischen Ordensfamilie gehören. Sexueller Missbrauch Siehe dazu Fälle des sexuellen Missbrauchs in der römisch-katholischen Kirche in Deutschland#Benediktiner, bezogen auf die Abteien Ettal, Schäftlarn, Kornelimünster und andere. Spiritualität Wesentliche Eigenschaft, die ein Mönch nach der Benediktsregel haben muss, ist die Suche nach Gott. Das Leben im Kloster soll dafür den geeigneten Rahmen schaffen. Die Benediktsregel bezeichnet das Kloster als Schule für den Dienst des Herrn.Regula Benedicti Vorwort 45. Gehorsam im Sinne des einfühlsamen Hinhörens auf Gott und die Menschen wird als weitere wichtige Eigenschaft eines Mönches in der Benediktusregel genannt.Die Benediktsregel. Eine Anleitung zu christlichem Leben. Der vollständige Text der Regel lateinisch-deutsch, übersetzt und erklärt von Georg Holzherr, Abt von Einsiedeln. Benziger, 5. Auflage 2000, S. 98. Wert legen die Benediktiner auf discretio, die Unterscheidungsgabe. Sie wird in der Regel als Mutter aller Tugenden bezeichnet. Der Abt soll sich am Beispiel des biblischen Jakob orientieren, der darauf achtete, seine Herde nicht zu überanstrengen: „So ordne er alles mit Maß, damit die Starken finden, was sie suchen, und die Schwachen nicht weglaufen.“Regula Benedicti 64,19. Hier zitiert nach: Die Benediktsregel. Eine Anleitung zu christlichem Leben. Der vollständige Text der Regel lateinisch-deutsch, übersetzt und erklärt von Georg Holzherr, Abt von Einsiedeln. Benziger, 5. Auflage 2000, S. 300. „Ora et labora et lege“ (lateinisch: „Bete und arbeite und lies“) gilt als Inbegriff benediktinischer Spiritualität. In der Benediktsregel und in der klassischen Literatur des Ordens kommt diese Formulierung nicht vor. Es scheint sich um ein geflügeltes Wort der spätmittelalterlichen (nicht spezifisch benediktinischen) Klosterkultur zu handeln; in einer Unterrichtung für Novizen des Kartäuserordens (15. Jahrhundert) wird die vorbildhafte Lebensweise der spätantiken Wüstenväter so zusammengefasst:Hier zitiert nach: Oliver J. Kaftan OSB: Ora et labora - (k)ein benediktinisches Motto. Eine Spurensuche. In: Erbe und Auftrag 90 (2014), S. 415–421, hier S. 415 f. In dieser oder ähnlicher Form wurde das Sprichwort auch mit Benedikt, Bonifatius oder Hieronymus in Verbindung gebracht. Eine inhaltliche Nähe lässt sich zu Kapitel 48 der Benediktsregel feststellen, in dem es heißt: „Müßiggang ist ein Feind der Seele. Deshalb sollen sich die Brüder beschäftigen: zu bestimmten Zeiten mit Handarbeit, zu bestimmten anderen Stunden mit heiliger Lesung.“Regula Benedicti 48,1. Hier zitiert nach: Die Benediktsregel. Eine Anleitung zu christlichem Leben. Der vollständige Text der Regel lateinisch-deutsch, übersetzt und erklärt von Georg Holzherr, Abt von Einsiedeln. Benziger, 5. Auflage 2000, S. 236. Erzabt Maurus Wolter, der zu den Wiederbegründern des benediktinischen Mönchtums im 19. Jahrhundert gehörte, bezeichnete Ora et labora 1880 in einer Programmschrift als „alte(n) und berühmte(n) Wahlspruch der Mönche“. Gottesdienst und Arbeit seien „die zwei Flügel, mit denen der Mensch sich zu den Höhen der Vollkommenheit aufschwingt.“Oliver J. Kaftan OSB: Ora et labora - (k)ein benediktinisches Motto. Eine Spurensuche. In: Erbe und Auftrag 90 (2014), S. 415–421, hier S. 421. Das Klosterleben der Benediktiner ist durch das Gebet geprägt. Im Mittelpunkt steht nicht das Gebet des Einzelnen, sondern das Gebet in der Gemeinschaft. Die Arbeit tritt neben den Gottesdienst und ein großer Teil des Tages ist dem gemeinschaftlichen Chorgebet und Lesung gewidmet. Die Arbeit bietet den nötigen Ausgleich und sichert gleichzeitig den Lebensunterhalt der Gemeinschaft. Der Tagesablauf der Mönche ist durch den Gottesdienst gegliedert, dem nach der Regel nichts vorgezogen werden darf.Regula Benedicti 43,3. „Sobald man zur Stunde des Gottesdienstes das Zeichen hört, läßt man alles liegen, was man in Händen hatte, und kommt in großer Eile herbei, jedoch mit Ernst.“Regula Benedicti 43,1 f. Hier zitiert nach: Die Benediktsregel. Eine Anleitung zu christlichem Leben. Der vollständige Text der Regel lateinisch-deutsch, übersetzt und erklärt von Georg Holzherr, Abt von Einsiedeln. Benziger, 5. Auflage 2000, S. 224. Die Messe wird in Benediktinerklöstern heute täglich gefeiert. Die Magisterregel, die der Benediktsregel als Vorlage diente, sah vor, dass die Mönche sonntags an der Eucharistiefeier der Pfarrkirche teilnahmen; unter der Woche war die Austeilung des Sakraments durch den Abt, einen Laien, vor der Hauptmahlzeit üblich. Die Benediktsregel macht zu diesem Thema keine genauen Angaben.Die Benediktsregel. Eine Anleitung zu christlichem Leben. Der vollständige Text der Regel lateinisch-deutsch, übersetzt und erklärt von Georg Holzherr, Abt von Einsiedeln. Benziger, 5. Auflage 2000, S. 213. Doch gibt es in der Benediktsregel genaue Vorgaben für das Stundengebet. Sie schreibt eine „geheiligte Siebenzahl“ der Gebetszeiten im Tageslauf vor (Laudes, Prim, Terz, Sext, Non, Vesper und Komplet), zu denen noch die nächtlichen Vigilien hinzukommen.Regula Benedicti 16,1-5. Innerhalb einer Woche sollen alle 150 Psalmen des Alten Testamentes gesungen werden. Die Benediktsregel betrachtet das als ein Mindestmaß und verweist auf das Vorbild der frühen Mönche: „Lesen wir doch, daß unsere heiligen Väter in ihrem Eifer an einem Tag vollbracht haben, was wir in unserer Lauheit wenigstens in einer Woche leisten sollten.“Regula Benedicti 18,5. Hier zitiert nach: Die Benediktsregel. Eine Anleitung zu christlichem Leben. Der vollständige Text der Regel lateinisch-deutsch, übersetzt und erklärt von Georg Holzherr, Abt von Einsiedeln. Benziger, 5. Auflage 2000, S. 159. In Cluny strebte man diesem Ideal nach. Hier wurden im 11. Jahrhundert über 150 Psalmen täglich gebetet. Seit der Neubesinnung in der Ausrichtung der Ordensgemeinschaften im Zuge des Zweiten Vatikanischen Konzils wurden die Gebetszeiten auf sieben beschränkt; die Prim wurde abgeschafft. Heute ist das Psalmengebet der Benediktiner so gestaltet, dass die 150 Psalmen entweder innerhalb einer Woche oder auf zwei Wochen aufgeteilt gebetet werden können. Besonders in den bayrischen und österreichischen Abteien werden die sieben Gebetszeiten aufgrund der Tätigkeiten der Mönche in Schule und Pfarrseelsorge mitunter zusammengefasst. Beispielsweise werden Terz, Sext und Non zu einer sogenannten Tageshore oder Mittagshore zusammengefasst. Kennzeichnend für die Benediktsregel ist, dass sie immer wieder für ein äußeres liturgisches Handeln die entsprechende innere Haltung benennt, meist ist das die Ehrfurcht. Ein Beispiel: „Bedenken wir also, wie wir uns verhalten sollen unter den Augen Gottes und seiner Engel, und stehen wir beim Singen der Psalmen so, daß unser Denken und unser Herz im Einklang mit unserer Stimme sind.“Regula Benedicti 19,6 f. Hier zitiert nach: Die Benediktsregel. Eine Anleitung zu christlichem Leben. Der vollständige Text der Regel lateinisch-deutsch, übersetzt und erklärt von Georg Holzherr, Abt von Einsiedeln. Benziger, 5. Auflage 2000, S. 162 und Kommentar S. 164. Tätigkeiten der Benediktiner mini|Stift Melk mini|Die Abtei Ettal betreibt ein bekanntes humanistisches Gymnasium mit Internat Schulen Die Lehrtätigkeit der Benediktinerklöster hat eine lange Tradition. Die Benediktsregel (Kapitel 59) kennt das Institut der Oblation, d. h. minderjährige Jungen wurden von den Eltern dem Kloster übergeben und gehörten durch diese Darbringung unwiderruflich dem Kloster an.Die Benediktsregel. Eine Anleitung zu christlichem Leben. Der vollständige Text der Regel lateinisch-deutsch, übersetzt und erklärt von Georg Holzherr, Abt von Einsiedeln. Benziger, 5. Auflage 2000, S. 283. Im Laufe der Jahrhunderte wurden die Benediktinerklöster zu Zentren der Kultur und Bildung und haben nicht selten die Kinder aus Adelshäusern ebenso erzogen wie das einfache Volk. Aus dieser Tradition heraus sind Schulen mit modernen Lehrplänen entstanden. Auch heute noch unterhalten viele Benediktinerklöster Schulen und Internate. Eine der bekanntesten Benediktinerschulen in Deutschland unterhält die Abtei Ettal mit einer Schul- und Internatstradition, die bis in die Barockzeit zurückgeht; vormals als Ritterakademie für junge Knaben aus dem Adelsstand während einer der Blütezeiten des Klosters im 18. Jahrhundert gegründet, wurde die Schultradition um 1900 (nach fast hundertjähriger Unterbrechung durch die Säkularisation) bis heute im Sinne der klassischen humanistischen Bildung fortgeführt. Die bekanntesten Benediktinergymnasien in Österreich sind jenes des Stiftes St. Paul im Lavanttal, das Schottengymnasium in Wien, die Stiftsgymnasien von Stift Melk, Stift Admont, Stift Kremsmünster, Abtei Seckau und Stift Seitenstetten. Das Kloster Einsiedeln, das Kloster Engelberg und das Kloster Disentis in der Schweiz unterhalten ebenfalls eine Schule. Jugendarbeit und Erwachsenenbildung mini|Das Kloster Disentis ist auf dem Gebiet der Jugend- und Erwachsenenbildung sehr aktiv. Neben diesen für den dauerhaften Besuch angelegten Einrichtungen laden verschiedene Jugendbegegnungshäuser und Jugendbildungshäuser der Benediktinerklöster zum Besuch ihrer offenen Angebote ein. Die Arbeit vieler Benediktinerklöster erstreckt sich heute aber auch auf das Gebiet der Erwachsenenbildung, beispielsweise werden Seminare für Manager und Unternehmer veranstaltet. Landwirtschaft Landwirtschaft insgesamt (Waldwirtschaft, Ackerbau, Viehzucht, Obstgärten, Weinbau, Liköre und Kräuter) ist nach wie vor wichtiger Bestandteil benediktinischer Klöster. Das Kloster Plankstetten in der Oberpfalz stellte 1994 auf organisch-biologische Landwirtschaft um; die Mönche waren damit regional und innerhalb des Ordens Pioniere. Mittlerweile betreiben auch das Benediktinerinnenkloster Kirchschletten und die Benediktinerabtei Niederaltaich Biolandbau.Von glücklichen Mönchen und Kühen. In: Würzburger katholisches Sonntagsblatt, 26. Juli 2011. Mission mini|Erzabtei St. Ottilien, Mutterkloster der Missionsbenediktiner Darüber hinaus betreibt der Benediktinerorden vor allem in Afrika und Asien zahlreiche Missionsstationen, wie zum Beispiel Peramiho in Tansania. Die Missionsbenediktiner der Benediktinerkongregation von St. Ottilien (Erzabtei Sankt Ottilien, Abtei Schweiklberg, Abtei Münsterschwarzach, Abtei Königsmünster, Abtei St. Otmarsberg) wurden im 19. Jahrhundert mit dem Ziel der Mission gegründet. Dass ein kontemplativ ausgerichteter Orden gezielt Mission betrieb, war damals ein Novum. Die kubanische Regierung gestattete den Benediktinern 2009 eine Klosterneugründung in Jaruco.WAZ vom 27. Februar 2009 Die Gründung in Jaruco scheiterte jedoch 2010, weil sich das zugewiesene Grundstück als ungeeignet erwies, so dass die Gemeinschaft weiter in einem provisorischen Haus in Havanna lebt (Stand: 2012). Auch das missionsbenediktinische Institut St. Bonifatius betreibt neben vielen apostolischen Aufgaben in Europa Missionsstationen in Ruanda und im Kongo sowie in Guatemala. Die zu diesem Säkularinstitut gehörigen Frauen versuchen, indem sie mitten in der Welt benediktinische Spiritualität leben, die „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute“ (vgl. Pastoralkonstitution Gaudium et Spes) zu teilen. „Erbe und Auftrag“ Die Beuroner Benediktinerkongregation, vertreten durch die Erzabtei St. Martin, publiziert seit 1959 die Quartalszeitschrift Erbe und Auftrag. Benediktinische Zeitschrift – Monastische Welt. Schriftenleiter ist der emeritierte Abtpräses Albert Schmidt. Kultur hochkant|mini|Benediktinermönch im Wappen von Hohenwarsleben Zahlreiche Abteien führen bedeutende Museen und sind Mäzene für moderne und klassische Kunst. Überhaupt verfügen die Benediktiner über bedeutende Kunstschätze und berühmte Bibliotheken. Bekannt ist jene 200.000 Bände zählende im Stift Admont, deren 70 Meter langer Prunksaal als größte Klosterbibliothek der Welt gilt.Benediktinerstift Admont: Die bedeutendste Bücher- und Kunstsammlung des Benediktinerordens befindet sich im Kärntner Stift St. Paul im Lavanttal. Die älteste Abschrift der Benediktsregel findet sich in der Bibliothek des ehemaligen Klosters St. Gallen. Berühmt ist ebenso die Klosterbibliothek Metten. Folgende Likörrezepturen mit kulturellem Wert wurden von Benediktinermönchen maßgeblich entwickelt: Bénédictine Siegburger Abtei-Liqueur Liqueurmanufaktur im Kloster EttalLiqueurmanufaktur Ettal Bestehende Benediktinerklöster im deutschsprachigen Raum Für eine Liste der bestehenden und ehemaligen Klöster weltweit siehe Liste der Benediktinerklöster beziehungsweise Liste der Benediktinerinnenklöster. Deutschland Bayerische Benediktinerkongregation / Föderation der Bayerischen Benediktinerinnen Siehe: Bayerische Benediktinerkongregation und Föderation der Bayerischen Benediktinerinnenabteien Männerklöster Abtei Metten Abtei St. Stephan in Augsburg Abtei Scheyern Abtei Weltenburg Abtei St. Bonifaz, München Priorat Andechs (gehörig zur Abtei St. Bonifaz, München) Abtei Schäftlarn Abtei Ettal Priorat Wechselburg (gehörig zur Abtei Ettal) Abtei Plankstetten Abtei Rohr Abtei Niederaltaich Abtei Ottobeuren Frauenklöster Abtei St. Walburg, Eichstätt Abtei Frauenwörth Abtei Maria Frieden, Kirchschletten Abtei St. Gertrud, Tettenweis Beuroner Benediktinerkongregation Siehe Beuroner Kongregation Männerklöster Erzabtei Beuron Abtei Gerleve Abtei Maria Laach Abtei Neresheim Abtei Neuburg Priorat St. Ansgar (Nütschau) Cella St. Benedikt Reichenau (gehörig zur Erzabtei Beuron) Abtei Tholey Frauenklöster Abtei Engelthal Abtei St. Erentraud, Kellenried Abtei vom Heiligen Kreuz, Herstelle Abtei St. Hildegard, Eibingen Abtei Hl. Maria, Fulda Abtei Mariendonk Priorat Marienrode Abtei Varensell Benediktinerkongregation von St. Ottilien Siehe: Benediktinerkongregation von St. Ottilien Erzabtei St. Ottilien Kloster Jakobsberg (Filialgründung der Erzabtei St. Ottilien, wird 2023 geschlossen) Abtei Münsterschwarzach Abtei Schweiklberg Abtei Königsmünster – Meschede Cella Sankt Benedikt (Filialgründung der Abtei Königsmünster)- Hannover Kongregation der Missionsbenediktinerinnen von Tutzing Missions-Benediktinerinnen, Tutzing Kongregation der Benediktinerinnen von St. Alban Kloster St. Alban, Diessen Kongregation von der Verkündigung der seligen Jungfrau Maria (Congregatio Annuntiationis BMV) Siehe: Kongregation von der Verkündigung der seligen Jungfrau Maria Männerklöster Abtei St. Matthias, Trier Priorat Huysburg (Filialgründung der Abtei St. Matthias, Trier) Kongregation von Subiaco und Montecassino Männerklöster Neue Benediktinerabtei Kornelimünster Benediktinerinnen der Anbetung Siehe: Benediktinerinnen der Anbetung Kloster St. Scholastika Neustift, Ortenburg Benediktinerinnen von St. Lioba siehe: Benediktinerinnen von der heiligen Lioba Kloster St. Lioba in Freiburg-Günterstal Kloster Wald in Wald/Baden-Württemberg Cella St. Lioba am Petersberg bei Fulda Prioriat St. Gabriel zu St. Johann bei Herberstein, Steiermark (seit 2007) Benediktinerinnen vom heiligsten Sakrament siehe: Benediktinerinnen vom Heiligsten Sakrament Kloster Osnabrück Kloster Kreitz Benediktinerinnen Köln Kloster Bethanien, Trier-Kürenz Kloster Marienberg Schweizerische Benediktinerinnenföderation Kloster Habsthal Benediktinerinnenkongregation von der Auferstehung Abtei St. Gertrud, Alexanderdorf Abtei Burg Dinklage Abtei Mariä Heimsuchung, Bonn-Venusberg Frauenklöster außerhalb von Kongregationen Abtei Mariendonk, Grefrath Abtei Venio, München Säkularinstitut St. Bonifatius, Detmold Evangelische Benediktinerinnen (Teil der Evangelischen Landeskirchen) Communität Casteller Ring, Schwanberg – Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern Ökumenisches benediktinisches Männerkloster Priorat Sankt Wigberti, Werningshausen – Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM) Priorat Sankt Gregor, Schwarzenborn - Anglikanische Kirche in Deutschland Priorat Sankt Michael - Oberberg, Bergneustadt - Anglikanische Kirche in Deutschlandbenedettinianglicanioberberg. Orthodoxe Benediktiner Kloster Mariae Himmelfahrt, Eisbergen / Porta Westfalica – Russische Orthodoxe Kirche im Ausland Katholisch-Traditionalistische Benediktiner Kloster Reichenstein Österreich Österreichische Benediktinerkongregation siehe: Österreichische Benediktinerkongregation Männerklöster Erzabtei St. Peter, Salzburg Abtei Kremsmünster, Oberösterreich Abtei Michaelbeuern, Salzburg Abtei Lambach, Oberösterreich Abtei Admont, Steiermark Abtei St. Lambrecht, Steiermark, mit dem Superiorat der Basilika von Mariazell (abhängiges Haus) Abtei Melk, Niederösterreich Abtei St. Paul im Lavanttal, Kärnten Abtei Göttweig, Niederösterreich Abtei Seitenstetten, Niederösterreich Abtei Altenburg, Niederösterreich Schottenabtei, Wien Priorat Gut Aich, Salzburg Priorat St. Josef, Niederösterreich Föderation der Bayerischen Benediktinerinnen Abtei Nonnberg, Salzburg Beuroner Benediktinerkongregation Männerkloster Abtei Seckau Benediktinerkongregation von St. Ottilien Männerkloster Abtei St. Georgenberg Benediktinerinnen von der ewigen Anbetung Anbetungskloster, Wien Benediktinerinnen vom Unbefleckten Herzen Mariens Steinerkirchen an der Traun Benediktinerinnen von der heiligen Lioba Priorat St. Gabriel, St. Johann bei Herberstein Schweiz Schweizer Benediktinerkongregation siehe: Schweizer Benediktinerkongregation Männerklöster Abtei Disentis Abtei Einsiedeln Abtei Engelberg Abtei Fischingen Abtei Mariastein Abtei Muri-Gries in Bozen Frauenklöster Benediktinerinnenkloster zu allen Heiligen in der Au Kloster Fahr Abtei St. Gallenberg (Glattburg) Abtei zum Hl. Martin (Hermetschwil) Kloster St. Johann in Müstair Abtei St. Andreas (Sarnen) Abtei St. Lazarus (Seedorf, Uri) Benediktinerkongregation von St. Ottilien Männerkloster Abtei St. Otmarsberg, Uznach Föderation der benediktinischen Schwesternklöster der Schweiz Kloster Melchtal Benediktinerinnen Maria-Rickenbach Kloster Marienburg Kloster Wikon Klöster außerhalb von Kongregationen Männerkloster anglikanischer Konvent St Michael - Oberberg Benediktinerkongregation von Monte Oliveto Maggiore (Olivetaner) Siehe Benediktinerkongregation von Monte Oliveto Maggiore (Olivetaner) Frauenkloster Kloster Heiligkreuz Italien (Südtirol) Schweizer Benediktinerkongregation Männerklöster Abtei Marienberg Abtei Muri-Gries, Bozen Quellen (Auswahl) Zu Regel und Leben des Hl. Benedikt Die Benediktusregel (lat.-dt.), hrsg. im Auftrag der Salzburger Äbtekonferenz. Beuroner Kunstverlag, Beuron 1992, ISBN 3-87071-061-6. Gregor der Große: Der hl. Benedikt. Buch II der Dialoge (lateinisch-deutsch). EOS Verlag, St. Ottilien 1995, ISBN 978-3-88096-730-4. Michaela Puzicha: Kommentar zur Vita Benedicti. Gregor der Große: Das zweite Buch der Dialoge – Leben und Wunder des ehrwürdigen Abtes Benedikt. Im Auftrag der Salzburger Äbtekonferenz. EOS Verlag, St. Ottilien 2012, ISBN 978-3-8306-7531-0. Zum Orden und seinen Klöstern Catalogus Monasteriorum O.S.B., SS. Patriarchae Benedicti Familiae Confoederatae. Editio XIX 2000. Centro Studi S. Anselmo, Rom 2000. Jean-Pierre Müller OSB: Atlas O.S.B. Benedictinorum per orbem praesentia. Editiones Anselmianae, Rom 1973 (2 Bände: Atlas und Index). Zur benediktinischen Liturgie Die Feier der Heiligen Messe. Messbuch Eigenfeiern des Benediktinerordens. Beuroner Kunstverlag, Beuron 1976, ISBN 3-87071-027-6. Die Eigenfeiern des Benediktinerordens. Im Anschluß an das Schott-Meßbuch. Beuroner Kunstverlag, Beuron 1976, ISBN 3-87071-028-4. Missale Romano-Monasticum accomodatum usui familiarum religiosarum quae militant sub Regula S. Patris Benedicti. Editio quinta juxta typicam Vaticanam ac S. Rituum Congregationis Normas et Decreta. Verlag Friedrich Pustet. Regensburg 1937. Antiphonale Monasticum Pro Diurnis Horis Juxta Vota RR. DD. Abbatum Congregationum Confoederatarum Ordinis Sancti Benedicti a Solesmensibus Monachis Restitutum. Verlag Typis Societatis S. Joannis Evangelistae / Desclee & Socii, Paris - Tournai - Rom 1934. Kurztitel: Antiphonale Monasticum Graduale Sacrosanctæ Romanæ Ecclesiæ de tempore & de Sanctis. Primum Sancti Pii X iussu restitutum & editum, Pauli VI Pontificis Maximi cura nunc recognitum, ad exemplar «Ordinis Cantus Missæ» dispositum, & rhythmicis signis a Solesmensibus monachis diligenter ornatum. Solesmis [Solesmes] 1979. (Imprimatur Tornaci, die 24 decembris 1973 [Tournai: Desclée 1974.]) Kurztitel: Graduale Romanum Graduale Romanum. Lateinisch-deutsche Textausgabe. Hrsg. von den Benediktinern der Abtei Gerleve. Beuroner Kunstverlag, Beuron 2010, ISBN 978-3-87071-214-3. Vesperale Monasticum. Lateinisches Vesperbuch mit deutscher Übersetzung für die Sonntage und Hochfeste des Kirchenjahres. EOS Verlag, St. Ottilien 1998 [mit Einfügung der speziellen Festtage der Abteien Ettal, Göttweig und St. Walburg Eichstätt]. Literatur Marcel Albert (Hrsg.): Handbuch der benediktinischen Ordensgeschichte, Band 1: Von den Anfängen bis ins 14. Jahrhundert. EOS editions, St. Ottilien 2022, ISBN 978-3-8306-8131-1. Christoph Dartmann: Die Benediktiner. Von den Anfängen bis zum Ende des Mittelalters. Kohlhammer, Stuttgart 2018, ISBN 3-17-021419-5. Mariano Dell’Omo: Storia del monachesimo occidentale dal medioevo all’età contemporanea. Il carisma di san Benedetto tra VI e XX secolo. Jaca Book, Milano 2011, ISBN 978-88-16-30493-2. Deutsche Ausgabe: Geschichte des abendländischen Mönchtums vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Das Charisma des hl. Benedikt zwischen dem 6. und 20. Jahrhundert (= Studien und Mitteilungen zur Geschichte des Benediktinerordens und seiner Zweige. Ergänzungsbände 51). EOS Verlag, St. Ottilien 2017, ISBN 978-3-8306-7833-5. Peter Dinzelbacher, James Lester Hogg (Hrsg.): Kulturgeschichte der christlichen Orden in Einzeldarstellungen (= Kröners Taschenausgabe. Band 450). Kröner, Stuttgart 1997, ISBN 3-520-45001-1. Laurentius Eschelböck OSB (Hrsg.): Das nachkonziliare Eigenrecht der deutschsprachigen Benediktiner. EOS editions, St. Ottilien 2023, ISBN 978-3-8306-8163-2. [Mit Beiträgen zum Recht der einzelnen Kongregationen von Paul Richard Schneider OSB, Laurentius Eschelböck OSB, Maurus Kraß OSB, Franziskus Berzdorf OSB und Cyrill Schäfer OSB][Zusammenfassung des Bandes bei:] Franziskus Berzdorf: Benediktinisches Eigenrecht. In: Erbe und Auftrag, 99 (2023), S. 46–48. Karl Suso Frank: Geschichte des christlichen Mönchtums. 6., bibliographisch ergänzte Auflage. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2010, ISBN 978-3-89678-687-6. Darin das Kapitel Die Vorherrschaft der Regel Benedikts, S. 51–65. Georg Jenal: Sub Regula S. Benedicti. Eine Geschichte der Söhne und Töchter Benedikts von den Anfängen bis zur Gegenwart. Böhlau Verlag, Wien/Köln/Weimar 2018, ISBN 978-3-412-51442-6. Benedict Kominiak, Jacques Côté, Cyrill Schäfer (Red.): Loci Ubi Deus Quaeritur. Benedictines Throughout the World. EOS Verlag, St. Ottilien 2000, ISBN 3-8306-7007-9. [Englisch, Deutsch; reich bebildert] Tino Licht: Die ältesten Zeugnisse zu Benedikt und dem benediktinischen Mönchtum. In: Erbe und Auftrag, 89 (2013), S. 434–441. Paul von Naredi-Rainer: Demut gegen Sichtbarkeit – Warum die Benediktiner auf Bergen und die Zisterzienser in Tälern bauten. In: INSITU 2020/2, S. 151–158. Philibert Schmitz: Geschichte des Benediktinerordens. Ins Deutsche übertragen und herausgegeben von Ludwig Räber und Raymund Tschudi. 4 Bände. Benziger, Einsiedeln/Zürich 1947–1960. Christian Schütz, Philippa Rath (Hrsg.): Der Benediktinerorden. Gott suchen in Gebet und Arbeit. 4., aktualisierte Neuauflage. Matthias-Grünewald-Verlag, Ostfildern 2009, ISBN 978-3-8367-0506-6. Gerfried Sitar, Martin Kroker (Hrsg.): Macht des Wortes. Benediktinisches Mönchtum im Spiegel Europas (2 Bände). Regensburg 2009, ISBN 978-3-7954-2125-0. Andreas Sohn (Hrsg.): Benediktiner als Gelehrte. EOS editions, St. Ottilien 2023, ISBN 978-3-8306-8096-3. Alfried Wieczorek, Gerfried Sitar (Hrsg.): Benedikt und die Welt der frühen Klöster. Ausstellungskatalog. Mannheim/Regensburg 2012. Siehe auch Benediktinische Konföderation Abtswahl bei den Benediktinern Benedikt-Medaille Liste bekannter Benediktiner Heilige und bekannte Benediktinerinnen Liste der ältesten Schulen im deutschen Sprachraum Benediktineroblate Weblinks Benediktiner im deutschen Sprachraum Die Benediktsregel (Regula Benedicti) Atlas der weltweit bestehenden Benediktiner- und Benediktinerinnenklöster (Benediktinische Konföderation) Einzelnachweise Kategorie:Benediktinischer Orden Kategorie:Männerorden Kategorie:Gegründet im 6. Jahrhundert
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Bernstein
Bernstein bezeichnet einen seit Jahrtausenden bekannten und insbesondere im Ostseeraum verbreiteten klaren bis undurchsichtigen gelben oder gelbbraunen Schmuckstein aus fossilem Harz. Damit ist überwiegend ein bestimmtes fossiles Harz gemeint, dieser Bernstein im engeren Sinne ist die BernsteinartRoland Fuhrmann, Rolf Borsdorf: Die Bernsteinarten des Untermiozäns von Bitterfeld. In: Zeitschrift für Angewandte Geologie. Band 32, Berlin 1986, S. 309–316, PDF. mit dem wissenschaftlichen Namen Succinit. Die Bezeichnungen Succinit und Baltischer Bernstein werden oft synonym verwendet, da Succinit den weitaus überwiegenden Teil des Baltischen Bernsteins ausmacht. Die anderen fossilen Harze im Baltischen Bernstein stammen von unterschiedlichen Pflanzenarten und werden auch als „Bernstein im weiteren Sinne“Barbara Kosmowska-Ceranowicz: Gegenüberstellung ausgewählter Bernsteinarten und deren Eigenschaften aus verschiedenen geographischen Regionen. In: Exkursionsführer und Veröffentlichungen der Deutschen Gesellschaft für Geowissenschaften. Heft 236, Duderstadt 2008, ISBN 978-3-936617-86-3, S. 61–68. bezeichnet. Manche kommen mit dem Succinit zusammen vor, z. B. die schon lange aus den baltischen Vorkommen bekannten Bernsteinarten Gedanit, Glessit, Beckerit und Stantienit. Diese werden auch als akzessorische Harze bezeichnet.Günter Krumbiegel, Brigitte Krumbiegel: Bernstein. Fossile Harze aus aller Welt. 3. Auflage, Wiebelsheim 2005, ISBN 3-494-01400-0, S. 1–112. Andere fossile Harze verschiedener botanischer Herkunft bilden hingegen eigenständige Lagerstätten unterschiedlichen geologischen Alters, wie z. B. der Dominikanische Bernstein und der Libanon-Bernstein. Von der großen Gruppe der Kopale gehören nur die fossilen, aus der Erde gegrabenen Vertreter (z. B. der „Madagaskar-Kopal“) entsprechend der Definition (siehe Abschnitt Bernsteinarten) trotz ihres geologisch jungen Alters zu den Bernsteinen. Dieser Beitrag behandelt das Thema Bernstein im Allgemeinen und wegen ihrer überragenden wissenschaftlichen, kulturellen und wirtschaftlichen Bedeutung die häufigste baltische Bernsteinart, den Succinit, im Besonderen. Der älteste bekannte Bernstein stammt aus etwa 310 Millionen Jahre alten Steinkohlen. Seit dem Paläozoikum ist das Harz damaliger Bäume als feste, amorphe (nicht kristalline) Substanz erhalten geblieben. Von der International Mineralogical Association (IMA) ist Bernstein aufgrund seiner nicht eindeutig definierbaren Zusammensetzung nicht als eigenständige Mineralart anerkannt. Er bildet aber in der Systematik der Minerale innerhalb der Klasse der Organischen Verbindungen eine eigene Mineralgruppe, die in der 9. Auflage der Systematik nach Strunz unter der System-Nr. 10.C (Diverse organische Mineralien) zu finden ist (8. Auflage: IX/C.01) Bereits seit vorgeschichtlichen Zeiten wird Bernstein als Schmuck und für Kunstgegenstände genutzt. Einige in Ägypten gefundene Objekte sind z. B. mehr als 6000 Jahre alt. Das berühmteste Kunstobjekt aus Bernstein war das Bernsteinzimmer, das seit dem Zweiten Weltkrieg verschollen ist. In den Jahren 1979 bis 2003 haben russische Spezialisten im Katharinenpalast bei Puschkin das für die Öffentlichkeit wieder zugängliche Bernsteinzimmer mit Bernstein aus Jantarny detailgetreu rekonstruiert, nachdem bis dahin unbekannte Fotografien gefunden worden waren, die dieses einzigartige Projekt ermöglichten. Für die Wissenschaft, insbesondere für die Paläontologie, ist Bernstein mit Einschlüssen, den sogenannten Inklusen, von Interesse. Diese Einschlüsse sind Fossilien von kleinen Tieren oder Pflanzenteilen, deren Abdrücke, in seltenen Fällen auch Gewebereste, im Bernstein seit Jahrmillionen perfekt erhalten sind. Etymologie und Bezeichnungen Die deutsche Bezeichnung Bernstein (in Preußen früher auch Börnstein genannt) ist eine frühneuhochdeutsche Entlehnung von (von bernen „brennen“) und auf die auffällige Brennbarkeit dieses „(Edel-)Steins“ zurückzuführen.Friedrich L. Weigand: Deutsches Wörterbuch. Erster Band: A–K, 5. Auflage, De Gruyter, 1969, ISBN 978-3-11-081798-0 (Reprint), S. 208, .Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 22. Auflage, 1989, S. 76 (Bernstein), .Albert L. Lloyd, Otto Springer, Rosemarie Lühr: Etymologisches Wörterbuch des Althochdeutschen. Band 2, Vandenhoeck & Ruprecht, 1998, ISBN 3-525-20768-9, S. 319 (Brennstein), 469, Eine Reihe von belegten Deutungsalternativen stellt Christel Hoffeins vor.Christel Hoffeins: Eyn berne steyn BernsteinMagazin Nr. 2, S. 75ff, 2022, Hrsg. Arbeitskreis Bernstein Andere im deutschsprachigen RaumEckhard Meineke: Bernstein im Althochdeutschen. Mit Untersuchungen zum Glossar Rb. Göttingen 1984 (= Studien zum Althochdeutschen. 6), ISBN 978-3-525-20320-0, doi:10.13109/9783666203206. historisch verwendete Namen des möglicherweise oft mit Achat (als agstein vielleicht auch das Harz vom Sandarakbaum bezeichnend) verwechseltenGundolf Keil Die „Cirurgia“ Peters von Ulm. Untersuchungen zu einem Denkmal altdeutscher Fachprosa mit kritischer Ausgabe des Textes (= Forschungen zur Geschichte der Stadt Ulm. Band 2). Stadtarchiv, Ulm 1961 (zugleich Philosophische Dissertation Heidelberg 1960: Peter von Ulm. Untersuchungen zu einem Denkmal altdeutscher Fachprosa mit kritischer Ausgabe des Textes), S. 348 (Agstein) sowie S. 381 (zu Virnesglasz: Bernstein oder bernsteinartiges Harz, Firnisharz, auch „agstein“ = bernix arboreus […]). Bernsteins sind agstein, agtstein, agetstein, agatstein, augstein, ougstein, brennstein, cacabre, carabe, karabe,www.zeno.org.Ute Obhof: Rezeptionszeugnisse des „Gart der Gesundheit“ von Johann Wonnecke in der Martinus-Bibliothek in Mainz – ein wegweisender Druck von Peter Schöffer. In: Medizinhistorische Mitteilungen. Zeitschrift für Wissenschaftsgeschichte und Fachprosaforschung. Band 36/37, 2017/2018, S. 25–38, hier: S. 30 (Karabe „[a]ugstain“). Vgl. auch Otto Beßler: Prinzipien der Drogenkunde im Mittelalter. Aussage und Inhalt des Circa instans und Mainzer Gart. Mathematisch-naturwissenschaftliche Habilitationsschrift, Halle an der Saale 1959, S. 194 („Karabe – augsteyn, electrum“). glaere, lynkurer, gismelzi, bernix, catabra, vetonica, aggstey, bernsteynOtto Beßler: Prinzipien der Drogenkunde im Mittelalter. Aussage und Inhalt des Circa instans und Mainzer Gart. Mathematisch-naturwissenschaftliche Habilitationsschrift, Halle an der Saale 1959, S. 162 (Bernix). und amber. Das altgriechische Wort für Bernstein ist (), was mit „Hellgold“ übersetzt werden kann. Die Wurzel des Wortes stammt aus der indogermanischen Ursprache und hat die eigentliche Bedeutung „hell, glänzend, strahlend“. In vornehmen antiken Haushalten diente ein größerer Bernstein als Kleiderbürste; durch das Gleiten am Stoff lud er sich elektrostatisch auf und zog dann die Staubteilchen an sich. Das Phänomen der statischen Elektrizität beim Reiben von Bernstein mit bestimmten Materialien war bereits dem griechischen Philosophen Thales bekannt. Damit konnte das griechische Wort für Bernstein zum modernen Namensgeber des Elementarteilchens Elektron und der Elektrizität werden. Dieses einfache elektrostatische Aufladen von Bernstein wurde auch für frühe Versuche zur Elektrizität benutzt. In der griechischen Antike wurde Bernstein auch als Lyncirium („Luchsstein“) bezeichnet, möglicherweise weil man annahm, er sei aus dem Urin des Luchses entstanden, der bei starker Sonneneinstrahlung hart geworden sei. Allerdings wird in der Literatur auch die Ansicht vertreten, dass diese Bezeichnung lediglich eine Verballhornung des Wortes ligurium darstellt, mit dem in der Antike Bernstein bezeichnet und zum Ausdruck gebracht wurde, dass es sich um ein ligurisches Produkt handelt. Es wurde für wahrscheinlich gehalten, dass die mit Bernstein Handel treibenden Phönizier ihre Ware von den Ligurern erhielten, die während des ersten vorchristlichen Jahrtausends lange Zeit am südlichen Endpunkt (Rhonedelta) einer der antiken Bernsteinstraßen siedelten.u. a. Karl Wessely: Über den Bernstein in seiner kulturhistorischen Bedeutung. – Vortrag, gehalten den 19. Februar 1913. In: Schriften des Vereins zur Verbreitung naturwissenschaftlicher Kenntnisse. Band 53, Wien 1913 (mit zahlreichen Angaben antiker Quellen, ). Die Römer bezeichneten den Bernstein mit dem griechischen Fremdwort oder nannten ihn (wie auch die spätere FachspracheVgl. etwa Otto Zekert (Hrsg.): Dispensatorium pro pharmacopoeis Viennensibus in Austria 1570. Hrsg. vom österreichischen Apothekerverein und der Gesellschaft für Geschichte der Pharmazie. Deutscher Apotheker-Verlag Hans Hösel, Berlin 1938, S. 156 (Succinum: Carabe, Bernstein).) (wohl nach „dicke Flüssigkeit, Saft“) in der richtigen Vermutung, er sei aus Baumsaft entstanden. Weitere (mittellateinische) Bezeichnungen sind („brennender Stein“) und . Die germanische Bezeichnung des Bernsteins lautete nach TacitusTacitus, Germania 45 (Text mit deutscher Übersetzung). glesum,Eine von mehreren Schreibvarianten ist glaesum, die auch bei anderen Autoren wie Plinius dem Älteren (Naturalis historia) auftaucht; es handelt sich eigentlich um latinisierte Formen eines zu rekonstruierenden germanischen Wortes *glǣsa-. in dem das Wort Glas seinen Ursprung hat.Karl Andrée: Der Bernstein und seine Bedeutung in Natur- und Geisteswissenschaften, Kunst und Kunstgewerbe, Technik, Industrie und Handel. Nebst einem kurzen Führer durch die Bernsteinsammlung der Albertus-Universität. Gräfe und Unzer, Königsberg Pr. 1937, , S. 1–219. Im Arabischen wird Bernstein als anbar bezeichnet; hieraus leitet sich die heutige Bezeichnung für Bernstein in einigen Sprachen ab (z. B. , , , ).Bernstein in verschiedenen Sprachen und Hinweise zur Etymologie (englisch). Bernsteinarten und -varietäten, Naturformen und Sorten Allgemeine Definitionen mini|Rohbernstein mit Verwitterungskruste In der rezenten Pflanzenwelt, besonders häufig in den Tropen und Subtropen, sind hunderte Pflanzenarten bekannt, die Harz absondern.Alexander Tschirch: Die Harze. Die botanischen und chemischen Grundlagen unserer Kenntnisse über die Bildung, Entwicklung und Zusammensetzung der pflanzlichen Exkrete. Band 2 1. Hälfte, 3. Auflage, Bornträger, Berlin 1935, S. XII und 1–471. Von einigen, häufig inzwischen ausgestorbenen Arten ist das Harz fossil erhalten geblieben. Im wissenschaftlichen Sprachgebrauch wird seit langem der Name Bernstein als Sammelbegriff für alle feste Partikel bildenden fossilen Harze verwendet.Richard Klebs: Aufstellung und Katalog des Bernstein-Museums von Stantien & Becker, Königsberg i. Pr. nebst einer kurzen Geschichte des Bernsteins. Hartung, Königsberg 1889, , S. 1–103. Für das von einer bestimmten Pflanzenart stammende fossile Harz hat sich der Begriff Bernsteinart eingebürgert. Obwohl Bernsteine keine Minerale sind, wird in Anlehnung an die häufige Namensgebung der Minerale für die Bernsteinarten die Endsilbe -it verwendet. Bereits seit 1820 trägt die häufigste baltische Bernsteinart, der Bernstein im engeren Sinne, den Namen Succinit. Gebräuchlich ist auch die Verbindung mit Namen von Regionen oder Orten, z. B. „Baltischer Bernstein“, „Dominikanischer Bernstein“, „Bitterfelder Bernstein“. Ursprünglich wurden damit nur ganz allgemein Fundorte von Bernsteinen bzw. Kollektive von Bernsteinarten gekennzeichnet. In der baltischen Bernsteinlagerstätte sind andere Bernsteinarten sehr selten, so dass für die dominierende Bernsteinart Succinit umgangssprachlich der Name Bernstein verwendet wird, früher war auch der Begriff „deutscher Bernstein“ gebräuchlich.Karl Andrée: Der Bernstein. Das Bernsteinland und sein Leben. Kosmos-Bändchen 192, Stuttgart 1951, , S. 1–96. Die häufig verwendete Bezeichnung „Baltischer Bernstein“ für Succinit ist wegen der vor einiger Zeit bekannt gewordenen zahlreichen Funde in Mitteldeutschland wissenschaftlich nicht haltbar und sollte zur Vermeidung von Irrtümern nicht verwendet werden. Denn auch in der weltweit zweitgrößten Bernsteinlagerstätte Bitterfeld ist der Succinit die häufigste Bernsteinart und ein sich dann ergebender Name „Baltischer Bernstein aus Bitterfeld“ würde zu Missverständnissen führen. Für die Bernsteinart Succinit ist zur Verknüpfung der umgangssprachlichen mit der wissenschaftlichen Bezeichnung der Name Bernstein (Succinit) am besten geeignet. Da in beiden Lagerstätten auch andere Bernsteinarten vorkommen, müsste die Bezeichnung „Baltischer Bernstein“ auf die regionale Herkunft beschränkt werden. Gleichermaßen ist der „Ukrainische Bernstein“ (auch „Rovno-Bernstein“) ein Kollektiv von Bernsteinarten, und auch dieser Begriff sollte nur zur Kennzeichnung des regionalen Vorkommens Anwendung finden. Bernsteinarten werden wie Minerale nach ihrer Farbe, Transparenz und anderen Merkmalen Varietäten unterschieden. Sie sind substanziell identisch und stammen von derselben Erzeugerpflanze ab. Nach der äußeren Erscheinung sind Naturformen zu unterscheiden: Ihre Gestalt geht auf die unmittelbare Absonderung des Harzes sowie die Veränderung der Gestalt beim Transport vom Erzeugerbaum bis in die Lagerstätte zurück. Zur Kennzeichnung bei der technischen Gewinnung und Verarbeitung des Succinit werden Sorten und Handelssorten unterschieden. Bernsteinarten Weltweit sind mehr als 80 Bernsteinarten bekannt, die zumeist aber nur in geringer Menge vorkommen. Eine Auswahl findet sich im Artikel Bernsteinvorkommen. Die häufigste Bernsteinart ist der Succinit, allein im Baltikum sollen es nach einer SchätzungBarbara Kosmowska-Ceranowicz: Bernstein – die Lagerstätte und ihre Entstehung. In: M. Ganzelewski, R. Slotta (Hrsg.): Bernstein – Tränen der Götter. Bochum 1996, ISBN 3-921533-57-0, S. 161–168. noch mehr als 640.000 t sein. Von den baltischen Vorkommen sind schon seit dem 19. Jahrhundert die akzessorischen Bernsteinarten Gedanit, Glessit, Beckerit und Stantienit bekannt. Über die im Abfall (Brack) bei der Bernsteingewinnung in Bitterfeld gefundenen akzessorischen fossilen Harze gab es langjährige und auch konträr geführte Diskussionen, z. B.Barbara Kosmowska-Ceranowicz, Günter Krumbiegel: Geologie und Geschichte des Bitterfelder Bernsteins und anderer fossiler Harze. In: Hallesches Jahrbuch für Geowissenschaften. Band 14, Gotha 1989, S. 1–25.Günter Krumbiegel: Bernstein (Succinit) – Die Bitterfelder Lagerstätte. In: M. Ganzelewski, R. Slotta (Hrsg.): Bernstein – Tränen der Götter. Bochum 1996, ISBN 3-921533-57-0, S. 89–110.Günter Krumbiegel, Barbara Kosmowska-Ceranowicz: Die Arten des Bitterfelder Bernsteins. In: Bitterfelder Heimatblätter. Sonderheft, 2007, S. 43–64. Inzwischen wurden die durch die große Seltenheit verursachten Irrtümer revidiert. In der Bitterfelder BernsteinlagerstätteRoland Fuhrmann: Die Bitterfelder Bernsteinarten. In: Mauritiana. Band 21, Altenburg 2010, S. 13–58, PDF. kommen neben dem mit 99,9 % dominierenden Succinit die Bernsteinarten Gedanit, Glessit, Beckerit, Stantienit, Goitschit, Bitterfeldit, Durglessit und Pseudostantienit sowie weitere elf noch nicht namentlich gekennzeichnete fossile Harze vor. Die Kopale, soweit nicht auch von Bäumen gesammeltes rezentes Harz einbezogen wird, sind junge fossile Harze der Tropen und Subtropen in West- und Ostafrika, Madagaskar, dem Malaiischen Archipel, Neuseeland und Kolumbien.Heinrich Schnee (Hrsg.): Deutsches Kolonial-Lexikon. Band 2, Leipzig 1920, S. 361 (). Sie werden von manchen Autoren trotz ihres geringen Alters ebenfalls als Bernsteinart angesehen. Ihre gegenüber älteren Bernsteinarten geringere Härte und größere Löslichkeit sind nicht, wie häufig angenommen wird, eine Folge der „Unreife“, sondern wie bei den ähnlich weichen älteren Bernsteinarten Goitschit und Bitterfeldit aus Bitterfeld eine Eigenschaft des Ausgangsharzes. Bernsteinvarietäten mini|Varietäten des Succinit aus der Bitterfelder Lagerstätte Von der Bernsteinart Succinit werden Varietäten insbesondere nach dem Grad einer Trübung unterschieden, charakteristisch sind die fließenden Übergänge und Vermischungen in den einzelnen Stücken: Klar oder Schierklar, völlig durchsichtig wie Glas, Färbung sehr schwach hellgelb (Eisklar) bis bräunlichgelb (Braunschweiger Klar). Flom oder Matt, halbdurchsichtig trüb durch mikroskopisch kleine Bläschen. Bastard, völlig undurchsichtig satt-trüb, homogen bis wolkig oder gefleckt (sogenannter Kumst nach der ostpreußischen Bezeichnung für Sauerkraut) mit unterschiedlich starker Färbung. Knochen, völlig undurchsichtig elfenbeinfarben bis reinweiß (Weißharz). Schaum, völlig undurchsichtig gelblichweiß, leichter als Süßwasser (Verwitterungsform der Varietät Knochen). Schwarzfirnis, grauschwarz bis marmoriert, Holzmulm und Erde mit Harz als Bindemittel. Bunt, Mischung der Varietäten Klar bis Knochen, häufig scharf abgegrenzt und mit Spalten (siehe Abschnitt Entstehung). Antik, Varietäten Klar bis Bastard durch Verwitterung unterschiedlich stark rot bis rotbraun gefärbt. Auch von selteneren Bernsteinarten, z. B. Glessit und Bitterfeldit, sind Varietäten bekannt. Naturformen Bei den Naturformen sind die primären von den sekundären zu unterscheiden. Die primären Naturformen entstanden beim Ausfluss des Harzes, sie werden deshalb häufig als Flussformen bezeichnet: Schlauben entstanden, wenn das Harz schubweise austrat und mehr flächig die vorangegangenen Harzausflüsse überdeckte. Sie sind meist klar, auf den Trennflächen sind Verschmutzungen (zum Beispiel Staub) nicht selten, sie enthalten die meisten Fossileinschlüsse (Inklusen). Zapfen entstanden aus mehr punktuellen Harzflüssen, die vor dem Herunterfallen am eigenen Tropfenfaden erstarrten. Längerdauernde Harzflüsse können zu dickeren Harz-Stalaktiten führen. Sie enthalten auch Fossileinschlüsse. Tropfen entstanden aus abgetropftem Harz, vorwiegend abgeflacht und diskusförmig, aber auch kugelrund bis birnenförmig. Fliese (Platten) entstanden durch Harzansammlungen der Varietäten Bastard und Knochen hinter der Rinde oder in Spalten, ohne Inklusen. Knollen sind klumpenförmige Harzansammlungen in sekundären Hohlräumen des Holzkörpers (zum Beispiel durch Schädlingsbefall oder Windbruch), ganz überwiegend Varietät Bastard, ohne Inklusen. Sekundäre Naturformen entstanden durch Verwitterungsprozesse und die Beanspruchung beim Transport vom Entstehungsort bis in die Lagerstätte: Erdstein ist die häufigste Form in den Lagerstätten, die typische Verwitterungsrinde entstand durch eine längere Lagerung an der Luft vor der endgültigen Einbettung. Seestein ist die typische Form der an den Ost- und Nordseeküsten angespülten und wie poliert wirkenden Stücke, die Verwitterungsrinde ist durch das Schleifen über Sand abgetragen. Gerölle treten insbesondere bei weicheren Bernsteinarten auf, die gut gerundeten Stücke weisen auf einen längeren Transportweg hin. Sorten und Handelssorten Der industriell gewonnene Bernstein (Succinit) kommt insbesondere nach der Größe und den Varietäten sortiert in den Handel.Richard Klebs: Die Handelssorten des Bernsteins. In: Jahrbuch der königlich-preußischen Landesanstalt und Bergakademie zu Berlin. Jahrgang 1882, Berlin 1883, S. 404–435. Nicht für die Schmuckherstellung, sondern allenfalls für die Bernsteindestillation geeigneter, verunreinigter oder zu feinkörniger Bernstein wird als Brack, Schlack oder FirnisVgl. auch Gundolf Keil: Die „Cirurgia“ Peters von Ulm. Untersuchungen zu einem Denkmal altdeutscher Fachprosa mit kritischer Ausgabe des Textes (= Forschungen zur Geschichte der Stadt Ulm. Band 2). Stadtarchiv, Ulm 1961 (zugleich Philosophische Dissertation Heidelberg 1960: Peter von Ulm. Untersuchungen zu einem Denkmal altdeutscher Fachprosa mit kritischer Ausgabe des Textes), S. 381 (Virnesglaß: Bernstein oder bernsteinartiges Harz, […], eingetrockneter Firnis.) bezeichnet. Rohbernstein trägt in der Regel noch eine Verwitterungskruste, sofern diese nicht durch längeres Treiben am Meeresgrund abgeschliffen wurde. Dieser und geschliffener und polierter Bernstein, dessen innere Struktur oder Farbe nicht künstlich verändert wurde, werden als Naturbernstein bezeichnet. Im Handel erhältlicher Bernsteinschmuck enthält oft klargekochten Bernstein. Es handelt sich dabei um ursprünglich trüben, unansehnlichen Naturbernstein, welcher in heißem Öl gekocht wurde. Öl hat einen deutlich höheren Siedepunkt als Wasser, daher werden Temperaturen erreicht, bei denen das fossile Harz weich und durchlässiger wird und die winzigen Luftbläschen mit Öl ausgefüllt werden. Der Lichtbrechungsfaktor von Öl ist mit dem des Bernsteins nahezu identisch, somit sind die Bläschen nach der Abkühlung des Bernsteins nicht mehr sichtbar. Das Ergebnis ist ein glasklarer, einheitlich gefärbter „Stein“. Das Verfahren hat jedoch einen Schönheitsfehler: Der derart behandelte Bernstein ist während des Abkühlvorganges sehr empfindlich. Wird das Material nicht Grad für Grad behutsam abgekühlt, entstehen darin sogenannte „Sonnenflinten“, mehr oder weniger halbkreisförmige, goldglänzende Sprünge. Diese sind in unbehandeltem Bernstein nur sehr selten und allenfalls an Bruchstellen zu finden. Mitunter wird der Abkühlungsprozess aber auch ganz bewusst so gesteuert, dass sich dekorative und attraktive Flinten bilden. Zur Klärung kann anstelle des „Klarkochens“ in Öl auch eine Erhitzung des Bernsteins in einem Sandbad erfolgen. Bei diesem Verfahren füllen sich die Bläschen mit einer harzigen Masse, die der Bernstein selbst liefert.Michael Ganzelewski: Aufbereitung und Verarbeitung von Bernstein im Samland bis 1945. In: M. Ganzelewski, R. Slotta (Hrsg.) Bernstein – Tränen der Götter. Bochum 1996, ISBN 3-921533-57-0, S. 215–235. Geklärter Bernstein ist kein reines Naturprodukt mehr. Pressbernstein wird im Handel missverständlich als Echtbernstein, echter Bernstein oder Ambroid angeboten. Damit ist jedoch nicht der natürlich entstandene Bernstein gemeint, sondern ein Produkt, das aus Schleifresten und kleinen Stücken in einem Autoklav gefertigt wurde. Pressbernstein wird hergestellt, indem gereinigte Bernsteinbröckchen erwärmt und dann unter starkem Druck zusammengepresst werden. Das geschieht unter Luftabschluss und bei einer Temperatur von 200 °C bis 250 °C. Bei einem Druck bis 3000 bar wird die Masse zu stangen- oder bogenförmigen Körpern verfestigt. Durch Variation von Hitze und Druck lassen sich unterschiedliche Farbtöne und sowohl klarer als auch trüber Pressbernstein herstellen. Neben diesen Formen von Bernstein wird im Handel Echtbernstein extra angeboten, ein Pressbernstein, der bis auf seine unregelmäßigen Blitzer aufgrund seiner geringen und feingliedrigen Schlierenverteilung visuell kaum vom Naturbernstein zu unterscheiden ist. Er kann nur durch gemmologische Untersuchungsmethoden eindeutig bestimmt werden. Eigenschaften mini|Bernstein (ca. 12 cm Ø) mini|Naturbernstein-Leuchte Die Farbe des Bernsteins (Succinit) reicht von farblos über weiß, hell- bis goldgelb und orange bis hin zu Rot- und Brauntönen, bei getrübten Stücken können durch Lichtbrechungseffekte selten auch grünliche und bläuliche Töne auftreten. Dunkelbraune bis schwarzgraue Stücke enthalten größere Mengen pflanzlicher und mineralischer Einschlüsse. Der Trübungsgrad hängt von der Anzahl der in ihm enthaltenen mikroskopisch kleinen Bläschen ab. Die Varietät Knochen (Weißharz) hat die größte Bläschendichte (Größe: 0,2 µm bis 0,8 µm, Anzahl: bis zu 900.000 pro mm3). Veraltet ist die Ansicht, dass die Bläschen mit „Wasser und terpenhaltigem Öl gefüllt“ sein sollen, also der Zellsaft der Bernsteinbäume erhalten geblieben sei. Im bergfrischen Zustand sind die Bläschen mit Wasser gefüllt. Da Bernstein nicht gasdicht ist, verdunstet das Wasser an der Luft mehr oder weniger rasch. Bei größeren Hohlräumen kann dabei zwischenzeitlich wie bei einer Wasserwaage eine Libelle entstehen. Bei anderen Bernsteinarten ist das Farbspiel wesentlich größer, z. B. tiefschwarze (Stantienit, Pseudostantienit), dunkelblaugraue (Glessit) und auch blutrote Farben. Allseits bekannt ist der Blauschimmer, der beim Dominikanischen Bernstein häufig auftritt. Bernstein (Succinit) kann im Gegensatz zu Imitationen aus Kunstharz leicht angezündet werden und zeigt während des Brennens eine gelbe, stark rußende Flamme. Dabei duftet er harzig-aromatisch und verläuft an der Flamme zu einer schwarzen, spröde erhärtenden Masse. Der harzige Geruch entsteht, weil flüchtige Bestandteile (ätherische Öle) des Bernsteins verbrennen. Deshalb eignet er sich zum Räuchern und wird in vielen Kulturen seit Jahrhunderten als Räuchermittel verwendet. So dient es zum Beispiel in Indien als Weihrauchersatz für sakrale Zwecke oder kommt in den traditionellen Ritualen des Sufismus zum Einsatz. Physikalische Eigenschaften Bernstein (Succinit) hat eine Mohshärte von 2 bis 2,5 und ist damit ein recht weiches Material. Es ist möglich, mit einer Kupfermünze eine Furche in die Oberfläche zu ritzen. Manche andere Bernsteinarten sind viel weicher (etwa Goitschit, Bitterfeldit, Kopale) oder sehr viel härter, zum Beispiel die Braunharze, die sich kaum mit einer Stahlnadel ritzen lassen. Andere haben eine gummiartige Konsistenz (etwa Pseudostantienit) oder sind außerordentlich zäh (etwa Beckerit). Bernsteine sind nur wenig dichter als Wasser. Wegen ihrer geringen Dichte (um 1,07 g/cm3) schwimmen sie in gesättigten Salzlösungen. Diese Eigenschaft wurde bei der Bernsteingewinnung in Bitterfeld genutzt,Roland Fuhrmann: Entstehung, Entdeckung und Erkundung der Bernsteinlagerstätte Bitterfeld. In: Exkursionsführer und Veröffentlichungen der Gesellschaft für Geowissenschaften e. V. Nr. 224, Berlin 2004, S. 25–37, PDF. um im Siebrückstand >3 mm den Bernstein von Fremdbestandteilen zu trennen. Bernstein (Succinit) hat keinen Schmelzpunkt, bei 170 °C bis 200 °C wird er weich und formbar, und oberhalb von 300 °C beginnt er sich zu zersetzen. Bei der trockenen Destillation, die früher in großem Umfang durchgeführt wurde, entstehen als Hauptprodukte Bernsteinöl und Bernstein-Kolophonium. Bernsteinöl wurde in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts für die Flotation von Erz verwendet, und das Kolophonium war ein begehrter Lackrohstoff. Beide Substanzen haben ihre wirtschaftliche Bedeutung im Wesentlichen verloren und sind nur noch Nischenprodukte, Bernsteinöl z. B. als Naturheilmittel. Bernstein (Succinit) hat einen sehr hohen elektrischen Widerstand und eine sehr niedrige Dielektrizitätskonstante von 2,9 als Naturbernstein oder 2,74 als Pressbernstein. In trockener Umgebung kann er durch Reiben an textilem Gewebe (Baumwolle, Seide) oder Wolle elektrostatisch aufgeladen werden. Dabei erhält er eine negative Ladung, das heißt, er nimmt Elektronen auf. Das Reibmaterial erhält eine positive Ladung durch Abgabe von Elektronen. Man bezeichnet diese Aufladung auch als Reibungselektrizität. Diese Eigenschaft kann als zerstörungsfreier, wenn auch – gerade bei kleineren Stücken – nicht immer einfach durchzuführender Echtheitstest verwendet werden: Der aufgeladene Bernstein zieht kleine Papierschnipsel, Stofffasern oder Wollfussel an. Dieser Effekt war bereits in der Antike bekannt und wurde durch die Werke von Plinius dem Älteren bis ins Spätmittelalter überliefert. Der englische Naturforscher William Gilbert widmete ihm in seinem im Jahr 1600 erschienenen Werk De magnete magneticisque corporibus ein eigenes Kapitel und unterschied ihn vom Magnetismus. Von Gilbert stammt auch der Begriff „Elektrizität“, den er aus dem griechischen Wort ἤλεκτρον ēlektron für Bernstein ableitete. Bernstein (Succinit) leuchtet unter Ultraviolettstrahlung (Wellenlänge 320 bis 380 nm) in unverwittertem oder frisch angeschliffenem Zustand blau und in verwittertem Zustand in einem matten Olivgrün. Succinit glänzt, wenn er feucht oder geschliffen ist, da er bei glatter Oberfläche eine hohe Lichtbrechung aufweist. Er lässt bei Schichten bis zu 10 mm Dicke Röntgenstrahlung fast ohne Verlust passieren. Eine Klassifizierung nach ihren physikalischen Eigenschaften haben Fuhrmann & Borsdorf vorgelegt, neben einer Succinitgruppe (Succinit, Gedanit) wird eine Glessitgruppe (Glessit, Bitterfeldit, Durglessit, Goitschit), eine Beckeritgruppe (Beckerit, Siegburgit) und eine Stantienitgruppe (Stantienit, Pseudostantienit) unterschieden. Sehr einfach durchzuführende infrarotspektrometrische Untersuchungen unterstützen diese Gliederung, die häufigste Bernsteinart Succinit zeichnet sich z. B. durch einen unverwechselbaren Abschnitt im IR-Spektrogramm, die sogenannte „Baltische Schulter“ aus.Curt W. Beck: Zur Herkunftsbestimmung von Bernstein. In: M. Ganzelewski, R. Slotta (Hrsg.): Bernstein – Tränen der Götter. Bochum 1996, ISBN 3-921533-57-0, S. 59–61. Chemische Eigenschaften Die Entschlüsselung der chemischen Eigenschaften der Bernsteinart Succinit hat eine lange Geschichte. So war beispielsweise bereits im 12. Jahrhundert das Destillationsprodukt Bernsteinöl bekannt; Agricola gewann im Jahre 1546 Bernsteinsäure, und dem russischen Universalgelehrten W. Lomonossow gelang es Mitte des 18. Jahrhunderts, einen wissenschaftlichen Beweis für die Natur des Bernsteins als fossiles Baumharz zu liefern. Berzelius fand 1829 mit schon modern anmutenden chemischen Analysemethoden heraus, dass Bernstein sich aus löslichen und unlöslichen Bestandteilen zusammensetzt.J. Grzonkowski: Bernstein. Hamburg 2004, ISBN 3-89234-633-X. Nach der Elementaranalyse bestehen Bernsteine zu 67–81 % aus Kohlenstoff, der Rest ist Wasserstoff und Sauerstoff sowie manchmal etwas Schwefel (bis 1 %). Durch Einlagerung von mineralischen Bestandteilen können weitere Elemente vorkommen. Bernstein ist ein Gemisch verschiedener organischer Stoffe, die in langen Fadenmolekülen gebunden sind. Nachgewiesene lösliche Bestandteile sind zum Beispiel Abietinsäure, Isopimarsäure, Agathendisäure sowie Sandaracopimarsäure. Der unlösliche Bestandteil des Bernsteins ist ein Ester, der als Succinin (oder Resen, Sucinoresen→Succinate) bezeichnet wird. Bisher sind über 70 organische Verbindungen nachgewiesen, die am Aufbau des Bernsteins (Succinit) beteiligt sind. Die meisten Bernsteinarten verwittern durch Einwirkung von Luftsauerstoff und UV-Strahlung. Dabei dunkeln beim Succinit zuerst die äußeren Schichten nach und verfärben sich rot (Varietät Antik). Von der Oberfläche und vorhandenen Hohlräumen ausgehend bilden sich kleine polygonale Risse, mit der Zeit wird die Oberfläche rau und bröckelig, und schließlich wird das gesamte Stückz. B. stark verwitterter Succinit. zersetzt. Dadurch werden auch vorhandene Einschlüsse zerstört. Viele Bernsteinarten sind in organischen Lösungsmitteln nur wenig löslich. Bernstein (Succinit) reagiert nur an der Oberfläche mit Ether, Aceton und Schwefelsäure; bei längerer Einwirkungsdauer wird sie matt. Pressbernstein ist weniger widerstandsfähig. Bei längerem Kontakt mit den oben genannten Substanzen wird er teigig und weich. Dasselbe gilt prinzipiell auch für Kopal und Kunstharz, nur dass bei diesen schon ein wesentlich kürzerer Kontakt ausreicht. Die Nomenklatur fossiler Harze ist unübersichtlich. Die Bezeichnung der Bernsteinarten sowohl mit regionalen Namen nach Ländern und Regionen als auch nach ihren Eigenschaften in Analogie zu den Mineralen mit der Endsilbe -it kann zu Missverständnissen führen (siehe Abschnitt Bernsteinarten). In einem ersten veralteten Versuch zur Unterscheidung anhand der chemischen Zusammensetzung wurden Succinite mit 3 % bis 8 % Bernsteinsäure von den Retiniten mit bis 3 % Bernsteinsäure abgetrennt.Norbert Vavra: Bernstein und andere fossile Harze. In: Zeitschrift der Deutschen Gemmologischen Gesellschaft. Band 31, Idar-Oberstein 1982.J. H. Langenheim: Present Status of Botanical Studies of Ambers. In: Bot. Mus. Leaflets Harvard Univ. Band 20, Nummer 8, Cambridge 1987, S. 225–287, hier: S. 281–287, . Anderson & CrellingKen B. Anderson, John C. Crelling: Amber, Resinite, and Fossil Resins. In: ACS Symposium. Series 617, Washington DC 1995, ISBN 978-0-8412-3336-2. haben 1995 die folgende Klassifizierung nach den chemischen Grundbausteinen aufgestellt: (Übersetzung eng angelehnt an Christoph LührChristoph Lühr: Charakterisierung und Klassifikation von fossilen Harzen – Dissertation, 2004 (Universität Duisburg-Essen, Campus Duisburg) (PDF; 6,8 MB), auf duepublico.uni-duisburg-essen.de, abgerufen am 3. Februar 2017.) Klasse I: Polymere labdanoider Diterpene und Carbonsäuren, Alkoholen und Kohlenwasserstoffen. (Bernsteintypen mit einem Labdan-Gerüst weisen eine Verwandtschaft mit Harzen der Araukariengewächse auf.) Die Klasse I ist in drei Unterklassen gegliedert. Fossile Harze dieser Klasse sind am weitesten verbreitet. Klasse Ia: Polymere und Co-Polymere labdanoider Diterpene, wie Communinsäure, Communol und signifikante Mengen Bernsteinsäure (dazu gehören Succinit und Glessit). Klasse Ib: Polymere und Co-Polymere labdanoider Diterpene, wie Communinsäure, Communol und Biformen. Bernsteinsäure ist nicht enthalten (dazu gehört fossiles Harz der Kauri-Fichte). Klasse Ic: Polymere und Co-Polymere labdanoider Diterpene in enantiomerer Konfiguration, zum Beispiel Ozsäure, Ozol und Biforme (dazu gehören Harze der ausgestorbenen Baumart Hymenaea protera, Mexikanischer und Dominikanischer Bernstein). Klasse II: Makromolekulare Strukturen, die auf bizyklischen Sesquiterpenoiden basieren (insbesondere mit Cadinan-Gerüst). (Dazu gehört Bernstein aus verschiedenen Lagerstätten in Utah/USA und Indonesien). Klasse III: Natürliches fossiles Polystyrol (dazu werden Siegburgit, Beckerit und New-Jersey-Bernstein gerechnet). Klasse IV: Nicht-polymerer Aufbau, im Allgemeinen mit Sesquiterpenen mit Cedran-Gerüst (dazu gehören beispielsweise Retinite europäischer Braunkohle-Lagerstätten). Klasse V: Nicht-polymere diterpenoide Harzsäuren, insbesondere basierend auf Abietan, Pimaren und Iso-Pimaren (dazu gehören beispielsweise fossile Harze der Gattung Pinus). Die Einordnung unbekannter Bernsteinarten in diese Klassifikation erfordert sehr aufwendige massenspektrometrische, gaschromatographische oder kernspinresonanzspektroskopische Untersuchungen. Auf der Grundlage von NMR-Untersuchungen kamen Lambert et al. zu einer ähnlichen Klassifizierung. Die Bestimmung der botanischen Herkunft anhand der chemischen Zusammensetzung ist problematisch, weil die geringe Löslichkeit der hochpolymeren Verbindungen analytisch extreme Schwierigkeiten bereitet, denn die bei der zwangsweise pyrolytischen Aufspaltung entstehenden Bruchstücke sind meist nicht identisch mit den ursprünglichen Substanzen. Die botanische Herkunft eines fossilen Harzes kann gesichert nur mit paläobotanischen Untersuchungen bestimmt werden, wie z. B. beim Gedanit.Dieter Hans Mai, Wilfried Schneider: Über eine altertümliche Konifere im Jungtertiär und deren Bedeutung für Braunkohlen- und Bernsteinbildung. In: Feddes Repetitorium. Band 99, Berlin 1988, S. 101–112. Weltweites Vorkommen von Bernstein mini|Am Ostseestrand gesammelter Bernstein mini|Bernsteinfischer am Ostseestrand, Danzig, Polen Zur Kennzeichnung der weltweit verbreiteten Bernsteinvorkommen wurden vor längerer Zeit Namen nach Ländern oder ganzen Regionen eingeführt, z. B. Rumänischer Bernstein (Rumänit) oder Sibirischer Bernstein. Ursache für diese Vereinfachung war häufig die unzureichende Kenntnis der physikalisch-chemischen Eigenschaften und nicht selten auch die geringe Menge des gefundenen fossilen Harzes. Daneben gibt es schon sehr lange die wissenschaftliche Kennzeichnung von definierten Bernsteinarten anhand der substanziellen Eigenschaften, erkennbar an der Namensendsilbe -it. Das Alter ist am Bernstein selbst nicht bestimmbar, sondern nur das Alter des ihn einschließenden Sediments. Die dazu benötigten Fossilien oder anderen Bestandteile, an denen Altersbestimmungen möglich sind, müssen aber nicht das gleiche Alter haben. Ein Beispiel dafür ist die „Blaue Erde“ der baltischen Bernsteinlagerstätte. Fossilien belegen ein obereozänes AlterGerda Standke: Bitterfelder Bernstein gleich Baltischer Bernstein? Eine geologische Raum-Zeit-Betrachtung und genetische Schlußfolgerungen. In: Exkursionsführer und Veröffentlichungen der Deutschen Gesellschaft für Geowissenschaften. Heft 236, Duderstadt 2008, ISBN 978-3-936617-86-3, S. 11–33. von etwa 35 Millionen Jahren. Das an radioaktiven Isotopen bestimmte wesentlich höhere Alter bis 50 Millionen JahreSiegfried Ritzkowski: K-Ar-Altersbestimmung der Bernstein führenden Sedimente des Samlandes (Paläogen, Bezirk Kaliningrad). In: Metalla (Sonderheft). Band 66, Bochum 1997, S. 19–23. ist sehr wahrscheinlich durch Umlagerungen zu erklären. Bernstein kann nur in einem Wald gebildet worden sein. Fossile Waldböden mit eingeschlossenem Bernstein sind aber nur selten erhalten, z. B. unmittelbar unter dem obereozänen Braunkohlenflöz in der Nähe von BitterfeldRoland Fuhrmann: Die Bernsteinlagerstätte Bitterfeld, nur ein Höhepunkt des Vorkommens von Bernstein (Succinit) im Tertiär Mitteldeutschlands. In: Zeitschrift der deutschen Gesellschaft für Geowissenschaften. Band 156, Stuttgart 2005, , S. 517–530, schweizerbart.de (PDF; 30 kB). oder einige Kopalvorkommen Ostafrikas. Im Gegensatz zu diesen autochthonen Vorkommen sind die meisten Vorkommen in jüngere Sedimente eingebettet, sie sind allochthon. Succinit ist gegenüber Luftsauerstoff aber wenig beständig, im belüfteten Waldboden kann er allenfalls einige Jahrtausende überdauern. Durch die erforderliche baldige Einbettung in ein für seine Erhaltung geeignetes Sediment ist der Altersunterschied zum einschließenden Sediment im geologischen Maßstab relativ unbedeutend, die Vorkommen sind deshalb parautochthon. Die bekannteste Fundregion von Bernstein in Europa ist der südöstliche Ostseeraum, das Baltikum, insbesondere die Halbinsel Samland (Kaliningrader Gebiet, Russland) zwischen Frischem und Kurischem Haff. Die reichste und auch heute noch wirtschaftlich genutzte Fundschicht, die sogenannte „Blaue Erde“, wurde im Obereozän vor etwa 35 Millionen Jahren abgelagert. Daneben führen im Deckgebirge die nur etwa 20 Millionen Jahre alten miozänen Schichten der sogenannten „Braunkohlenformation“ Bernstein, der auch zeitweise genutzt wurde (siehe Abschnitt Gewinnung). So junger miozäner Bernstein ist auch aus NordfrieslandW. Wetzel: Miozäner Bernstein im Westbaltikum. In: Zeitschrift der Deutschen Geologischen Gesellschaft. Band 91, Berlin 1939, S. 815–822. und der LausitzWilfrid Sauer: Bernstein in der Lausitz. In: M. Ganzelewski, R. Slotta (Hrsg.): Bernstein – Tränen der Götter. Bochum 1996, ISBN 3-921533-57-0, S. 133–138. bekannt. In Mitteldeutschland sind inzwischen zahlreiche Fundstellen bekannt, denn der Braunkohletagebau Goitzsche ist nicht der einzige Fundort von Bernstein in den tertiären Schichten. Der älteste Bernstein (Succinit) wurde unter dem obereozänen Braunkohleflöz Bruckdorf westlich von Bitterfeld gefunden; er ist damit etwa gleich alt wie der Bernstein der „Blauen Erde“ des Samlandes. Weitere Einzelfunde stammen aus dem Flözniveau des Unteroligozäns bei Breitenfeld nördlich von Leipzig sowie bei Böhlen. Im gesamten Raum Leipzig-Bitterfeld wurden auf einer Fläche von 500 Quadratkilometern mehr als 20 Bernsteinvorkommen oberoligozänen Alters gefunden. An größeren Vorkommen sind neben der bekannten Bernsteinlagerstätte Bitterfeld im Tagebaufeld Breitenfeld 1.500 t und im Tagebaufeld Gröbern bei Gräfenhainichen beachtliche 500 t Bernstein prognostiziert worden. Nur einige Forscher halten nach wie vor an der Meinung fest, dass der mitteldeutsche Bernstein aus der „Blauen Erde“ des Baltikums umgelagertWolfgang Weitschat: Bitterfelder- und Baltischer Bernstein aus paläoklimatischer und paläontologischer Sicht. In: Exkursionsführer und Veröffentlichungen der Deutschen Gesellschaft für Geowissenschaften. Heft 236, Duderstadt 2008, ISBN 978-3-936617-86-3, S. 88–97. oder dass zumindest die Herkunft noch unsicher sei. Alle diese Vorkommen sind eingeschlossen in eine im paläogeographischen Umfeld sehr gut bekannte Schichtenfolge, deren mineralische Bestandteile unzweifelhaft durch Flüsse aus südlicher Richtung in das Meeresbecken eingetragen wurden.Roland Fuhrmann: Der Bitterfelder Bernstein – seine Herkunft und Genese. In: Mauritiana. Band 20, Altenburg 2008, , S. 207–228, PDF. Eine Umlagerung aus nordöstlicher Richtung über mehr als 600 Kilometer ist schon deshalb nicht möglich, weil dann auch die den Bernstein einschließenden mehr als 15 Milliarden Kubikmeter Sand hätten mit von dort verlagert werden müssen. Die ältesten Bernsteinfunde Mitteleuropas stammen aus Braunkohletagebauen bei Helmstedt,Axel Lietzow, Siegfried Ritzkowski: Fossile Harze in den braunkohlenführenden Schichten von Helmstedt (Paläozän – Eozän, SE-Niedersachsen). In: M. Ganzelewski, R. Slotta (Hrsg.): Bernstein – Tränen der Götter. Bochum 1996, ISBN 3-921533-57-0, S. 83–88. des Geiseltales südlich von Halle sowie bei AscherslebenGünter Krumbiegel: Fossile Harze aus der Geiseltalbraunkohle und aus dem Tagebau Königsaue (Sachsen-Anhalt). In: Hallesches Jahrbuch für Geowissenschaften. Band B 17, Halle 1995, S. 139–148. und Profen bei Zeitz.Gerda Standke, Dieter Escher, Joachim Fischer, Jochen Rascher: Das Tertiär Nordwestsachsens. Ein geologischer Überblick. Broschüre Sächsisches Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie, Dresden 2010, S. 129, online (PDF; 5,5 MB), auf publikationen.sachsen.de, abgerufen am 3. Februar 2017. Bei diesen Funden aus mitteleozänen Schichten handelt es sich nicht um Succinit, sondern um die Bernsteinarten Krantzit und Oxikrantzit, die möglicherweise von ausgestorbenen Vertretern der Storaxbaumgewächse stammen. Allgemein bekannt sind die zahlreichen Funde von Bernstein an den Küsten der Nord- und Ostsee sowie in quartären Sedimenten im gesamten nordmitteleuropäischen Raum. Diese rein allochthonen Vorkommen stehen in keiner Beziehung zu den im Tertiär parautochthon entstandenen Bernsteinvorkommen. Sie können auch keinen Beitrag zur Erforschung der Bernsteinentstehung leisten. Nicht nur die baltischen, sondern auch die nordfriesischen und mitteldeutschen Bernsteinvorkommen unterlagen während der quartären Vereisungen einer starken Abtragung. Die Bernstein führenden Schichten wurden durch die Inlandgletscher ausgeschürft, ganze Schollen der Bernstein führenden Schichten,Werner Schulz: Die natürliche Verbreitung des Ostseebernsteins und das Bernsteinvorkommen von Stubbenfelde (Usedom). In: Zeitschrift für Angewandte Geologie. Band 6, Berlin 1960, S. 610–614. aber auch durch Schmelzwässer aus dem Verband gelöster Bernstein wurden weit über das gesamte nördliche Mitteleuropa verstreut. An der niederländischen, deutschen und dänischen Nordseeküste, im dänischen Jütland (jütländischer Bernstein), auf den dänischen Inseln sowie an der schwedischen Küste kann nach Stürmen aus quartären Sedimenten ausgespülter Bernstein von Strandgängern gefunden werden. In Deutschland gibt es auch größere binnenländische Vorkommen in märkischen Gebieten – z. B. im Naturpark Barnim zwischen Berlin und Eberswalde (Brandenburg), man fand sie bei Regulierungen und Kanalbauten im nach Toruń ziehenden Urstromtal. Durch bis zu viermalige Umlagerung ist dieser rein allochthone Bernstein in allen quartären Schichten bis zum Holozän anzutreffen.Ludwig Meyn: Der Bernstein der norddeutschen Ebene auf zweiter, dritter, vierter, fünfter und sechster Lagerstätte. In: Zeitschrift der Deutschen Geologischen Gesellschaft. Band 28, Stuttgart 1876, S. 172–198. Es handelt sich dabei überwiegend nur um Einzelfunde ohne größere Bedeutung. Auch aus anderen Teilen Europas sind Bernsteinvorkommen bekannt geworden, einige mit wesentlich höherem Alter, im östlichen Mitteleuropa (Tschechien, Ungarn) und auch in Rumänien, Bulgarien und der Ukraine. Am bekanntesten sind der Mährische Bernstein (Walchowit), der etwa 100 Millionen Jahre alt ist, der Ukrainische Bernstein, der zum größten Teil aus Succinit besteht, sowie der Rumänische Bernstein (Rumänit), der in verschiedenen Lagerstätten auftritt und je nach Lagerstätte zwischen 30 und 100 Millionen Jahren alt sein soll. Bernsteinvorkommen sind auch aus der Schweiz, Österreich, Frankreich und Spanien bekannt. Bernstein aus den Schweizer Alpen ist etwa 55 bis 200 Millionen Jahre alt, solcher aus Golling etwa 225 bis 231 Millionen Jahre. Bernstein in jurassischen Schichten (Kantabrikum) bei Bilbao ist etwa 140 Millionen Jahre alt. Der bekannte Sizilianische Bernstein (Simetit) ist dagegen erst vor 10 bis 20 Millionen Jahren gebildet worden. Der älteste europäische Bernstein ist der Middletonit,J. Johnston: Middletonit, ein neues Mineral organischen Ursprungs. In: Journal für praktische Chemie. Jahrgang 1838, 1. Band, Leipzig 1838, S. 436–438, doi:10.1002/prac.18380130170. er ist etwa 310 Millionen Jahre alt und stammt aus Steinkohlengruben von Middleton bei Leeds. In Küstenländern Ost- und Westafrikas, vor allem aber auf Madagaskar, kommt Kopal vor. Der sogenannte Madagaskar-Bernstein ist etwa 100 Jahre bis 1 Million Jahre alt. Bernstein aus verschiedenen geologischen Zeitabschnitten ist in Nigeria, Südafrika und Äthiopien gefunden worden. Amerikas bekanntester Bernstein ist der wegen seiner Klarheit und seines Reichtums an fossilen Einschlüssen begehrte Bernstein aus der Dominikanischen Republik (Dominikanischer Bernstein).Manuel A. Iturralde-Vennet: Geology of the Amber-Bearing Deposits of the Greater Antilles. In: Caribbean Journal of Science. 2001, S. 141–167. Auch aus Kanada (u. a. Chemawinit vom Cedar Lake) und dem US-Bundesstaat New Jersey (Raritan) sind Bernsteinvorkommen bekannt. In Asien findet man Bernstein vor allem im vorderen Orient (Libanon, Israel und Jordanien) und in Myanmar (früheres Birma/Burma). Der Libanon-Bernstein ist etwa 130 bis 135 Millionen Jahre und der auf sekundärer Lagerstätte liegende Burma-Bernstein (Birmit) vermutlich etwa 90–100 Millionen Jahre alt.A. Ross: Amber – The Natural Time Capsule. London 2009, ISBN 978-0-565-09258-0. Im australisch-ozeanischen Raum wird Bernstein in Neuseeland und im malayischen Abschnitt der Insel Borneo (Sarawak-Bernstein) gefunden. Während der Bernstein auf Borneo 15 bis 17 Millionen Jahre alt ist, kann Neuseeland-Bernstein ein Alter von bis zu 100 Millionen Jahren haben. Das größte bisher bekannte Bernsteinstück wurde 1991 im Rahmen einer deutsch-malayischen Forschungsexpedition von Dieter Schlee in Zentral-Sarawak (Indonesien) entdeckt.Dieter Schlee u. a.: Riesenbernsteine in Sarawak, Nord-Borneo. In: Lapis Mineralien Magazin. Band 17, Nr. 9, 1992, S. 13–23. Es wog im Ursprungszustand etwa 68 kg und bedeckte eine Fläche von 5 m². Es konnten jedoch nur mehrere Teilstücke geborgen werden, von denen sich die beiden größten mit einem Gesamtgewicht von etwa 23 kg im Staatlichen Museum für Naturkunde in Stuttgart befinden, das auch im Besitz einer Guinnessbuch-Urkunde (1995) für den größten Bernsteinfund ist. Weitere sehr große Bernsteinstücke sind aus Japan bekannt. Aus der Lagerstätte bei Kuji (Kuji-Bernstein) wurde 1927 ein Bernsteinstück mit einem Gewicht von 19,875 kg geborgen, ein weiteres 1941 mit 16 kg. Beide Stücke werden im Nationalmuseum der Naturwissenschaften von Tokio aufbewahrt.David A. Grimaldi: Amber–Window to the Past. New York 1996, ISBN 978-0-8109-2652-3. Bernstein (Succinit) Abgrenzung zu anderen Bernsteinarten Der Bernstein im engeren Sinne, der Succinit, ist die kommerziell weitaus wichtigste und am besten erforschte Bernsteinart. Seine Bedeutung hängt mit der im Vergleich zu anderen fossilen Harzen großen Häufigkeit und Verbreitung zusammen, seiner schon vorgeschichtlichen Verwendung, seinem reichhaltigen Fossilinhalt und seinen günstigen Eigenschaften, die eine Verarbeitung zu allerlei Zwecken (Schmuck, Kultgegenstände usw.) ermöglicht. Sein wissenschaftlicher Name Succinit wurde 1820 vom deutschen Mineralogen August BreithauptAugust Breithaupt: Kurze Charakteristik des Mineral-Systems. Freiberg/Sachsen 1820, S. 75, . unter Verwendung des römischen Namens eingeführt. Andere Bernsteinarten sind in den baltischen Vorkommen außerordentlich selten. Seit ihrer Beschreibung im 19. Jahrhundert sind in den letzten 130 Jahren bei einer gewonnenen Bernsteinmenge von etwa 40.000 t keine Neufunde gemeldet worden. Sie werden deshalb häufig vergessen, und vereinfachend wird die total überwiegende Bernsteinart Succinit als „Baltischer Bernstein“ bezeichnet. Wie bereits weiter oben begründet, sollte zur Vermeidung von Missverständnissen die Bezeichnung Baltischer Bernstein nur zur regionalen Kennzeichnung verwendet werden. Die Abgrenzung des Succinit von anderen fossilen Harzen erfolgt, wie im Abschnitt Eigenschaften näher beschrieben, nach den physikalischen und chemischen Eigenschaften. Entstehung Die Erzeugerpflanze des Bernsteins (Succinit) ist immer noch nicht bekannt. Vor 165 Jahren hatten Heinrich Robert Göppert und Georg Carl BerendtHeinrich Robert Göppert, Georg Carl Berendt: Der Bernstein und die in ihm befindlichen Pflanzenreste der Vorwelt. In: G. C. Berendt (Hrsg.): Die im Bernstein befindlichen organischen Reste der Vorwelt. 1. Band, 1. Abteilung, Berlin 1845, S. 1–125, . anhand von Harzeinschlüssen in Holz mit einer ähnlichen Struktur wie die von rezenten Kieferngewächsen (Familie Pinaceae) geschlussfolgert, dass der Erzeuger des Succinit, der „Bernsteinbaum“, ein ausgestorbener Vertreter der heutigen einheimischen Nadelbäume sei, und gaben ihm den Namen Pinites succinifer. Hugo ConwentzHugo Conwentz: Monographie der baltischen Bernsteinbäume. Vergleichende Untersuchungen über die Vegetationsorgane und Blüten, sowie über das Harz und die Krankheiten der baltischen Bernsteinbäume. Danzig 1890, S. 1–151, online (PDF; 37,4 MB), auf sammlungen.ulb.uni-muenster.de, abgerufen am 3. Februar 2017. kam 45 Jahre später zum gleichen Ergebnis, er engte aber die Herkunft auf eine ausgestorbene „Bernsteinkiefer“ (Pinus succinifera) ein. Von Kurt SchubertKurt Schubert: Neue Untersuchungen über Bau und Leben der Bernsteinkiefern (Pinus succinifera (Conw.) emend.). Ein Beitrag zur Palaeohistologie der Pflanzen. In: Beihefte zum Geologischen Jahrbuch. Heft 45, Hannover 1961, ISBN 978-3-510-96802-2, S. 1–149. wurde schließlich 1961 diese Annahme im Wesentlichen noch einmal bestätigt. Neuere chemische Untersuchungen schließen einen solchen Ursprung aus, aber trotz einer Vielzahl einbezogener rezenter Vertreter der Araukariaceae,J. H. Langenheim: Amber – a Botanical Inquiry. In: Science. Band 163, Nr. 3872, Washington 1969, S. 1157–1169, doi:10.1126/science.163.3872.1157. der Gattungen Pseudolarix (Goldlärche)K. B. Anderson, B. A. LePage: Analysis of fossil resins from Axel Heiberg Island, Canadian Arctic. In: K. B. Anderson, J. C. Crelling (Hrsg.): Amber, Resinite, and Fossil Resins. Washington 1995, ISBN 978-0-8412-3336-2, S. 170–192. und Cedrus (Zedern) sowie der Pflanzenfamilie der Sciadopityaceae (Schirmtannen)Alexander P. Wolfe u. a.: A new proposal concerning the botanical origin of Baltic amber. In: Proceedings of the Royal Society B. Band 276, London 2009, S. 3403–3412, doi:10.1098/rspb.2009.0806. ist die Herkunft immer noch unklar. Ursache dafür ist die bereits im Abschnitt Eigenschaften beschriebene Schwierigkeit, anhand des hochpolymeren Bernsteins die ursprünglichen chemischen Grundbausteine des Ausgangsharzes zu rekonstruieren. Da sich die Beschaffenheit des Harzes dieser vermuteten rezenten Verwandten sehr stark vom harten und splittrigen Succinit unterscheidet, lag es nahe, dass das so weiche Harz erst durch einen Millionen Jahre dauernden Versteinerungsprozess zum Bernstein wurde. Das gehäufte Vorkommen in marinen Sedimenten ließ außerdem die Vermutung aufkommen, dass dabei dieses besondere geochemische Milieu eine Rolle gespielt hat. Noch spekulativer wird es schließlich, wenn versucht wird, die abweichenden Eigenschaften der Bernsteinarten mit einem unterschiedlichen „Reifegrad“ ein und derselben Pflanze zu erklären. Das überwiegend stark getrübte Harz einheimischer Nadelbäume initiierte auch die Vorstellung, dass der klare Succinit durch Sonneneinstrahlung aus stark getrübtem Harz entstanden sei. Diese beiden so logisch erscheinenden Annahmen finden sich seit mehr als 100 Jahren in der gesamten einschlägigen Literatur. Untersuchungen am Succinit aus Bitterfeld, der in seinen Eigenschaften und auch im Merkmal der „Baltischen Schulter“ des Infrarotspektrogramms nicht vom Succinit der „Blauen Erde“ unterschieden werden kann, haben diese Annahmen nicht bestätigt. Viele Stücke der Varietät Bunt werden von Spalten durchzogen, die durch jüngere Harzflüsse wieder verschlossen wurden. An einigen Belegstücken sind mehrere Generationen von Spalten zu beobachten. mini|Succinit mit Spalten und zwei aufeinander folgenden jüngeren Harzflüssen Unzweifelhaft können die jüngeren Harzflüsse nur vom lebenden Baum stammen. Dass die Aushärtung des Harzes bereits am Baum weitgehend abgeschlossen war, zeigt das Bild der durchtrennten Spinne. Nur wenn der Bernstein bereits eine splittrige Beschaffenheit hatte, konnte sie so messerscharf durchtrennt werden. mini|Von einer Spalte zerschnittene Spinne im Succinit Die Härte des Succinit ist also eine primäre Eigenschaft des Harzes, und das weist auf eine nicht sehr enge Verwandtschaft mit rezenten Vertretern der Nadelbäume hin. Mit der praktisch vollständigen und so raschen Aushärtung des Harzes erklärt sich auch die unveränderte Körperform der zarten tierischen Inklusen, die niemals verbogen oder verzerrt sind (siehe auch Abschnitt Einschlüsse). Eine langsame, Millionen Jahre andauernde Aushärtung hätte bei den Belastungen während des anzunehmenden längeren Transportweges zumindest bei einem Teil der Inklusen unweigerlich zu Formveränderungen führen müssen. mini|Succinit mit scharf begrenztem klaren und weißen Harz Am abgebildeten Stück ist klares Harz mit stark getrübtem Harz der Varietät Knochen bei scharfer Begrenzung zusammengeflossen. Das ist nur so zu erklären, dass der „Bernsteinbaum“ zwei Harzarten erzeugt hat und der klare Succinit nicht durch Sonneneinstrahlung entstanden sein muss. Das stark getrübte Harz, die Trübung wurde primär sicher durch wässrige Gewebesafttröpfchen verursacht, war vollständig mit dem klaren Harz mischbar. Diese Eigenschaft passt nicht zum hydrophoben Harz der einheimischen Kieferngewächse. Die Stammpflanze des Succinit ist wahrscheinlich eher eine Verwandte der ausgestorbenen Koniferenart Cupressospermum saxonicum. Diese wurde als Erzeugerbaum des Gedanit, einer nah verwandten Bernsteinart des Succinit, identifiziert. Denkbar ist auch, dass der Succinit von mehreren Arten einer Pflanzengattung gebildet wurde und die geringen substanziellen Unterschiede des Harzes mit den derzeitigen analytischen Verfahren noch nicht erkannt werden können. Die Herkunft von mehreren Arten einer Succinit bildenden Pflanzengattung würde auch die Bedenken von Paläontologen entkräften, dass eine einzelne Art nicht über die nachgewiesene Bildungszeit des Succinit, fast 20 Millionen Jahre vom Obereozän (Priabonium) bis zum Mittelmiozän, existiert haben kann. Bernsteinwald Der Bernstein kann nur in einem Wald gebildet worden sein. Für die baltische Bernsteinlagerstätte kann der Standort dieses Bernsteinwaldes nicht mehr rekonstruiert werden, weil die Inlandgletscher der pleistozänen Vereisungen alle Spuren beseitigt haben. Die unbekannte und nicht rekonstruierbare Lage war und ist Anlass für allerlei Vermutungen, bei denen auch die beachtliche Größe der baltischen Bernsteinvorkommen eine Rolle spielt. Zusätzlich verkomplizierend wirkt die scheinbar lange Zeitspanne zwischen der Entstehung des Bernsteins im Bernsteinwald und der Einbettung in der „Blauen Erde“. Bis in die neuere Zeit wurde angenommen, dass die Bildung im Obereozän und die Einbettung erst etwa 10 Millionen Jahre später im Unteroligozän (Rupelium) erfolgte. Nach aktuellen Annahmen konzentrieren sich Entstehung und Einbettung zwar auf das Obereozän, aber nach geophysikalischen Altersbestimmungen soll der Zeitunterschied nun sogar bis zu 20 Millionen Jahre betragen. Der Succinit übersteht unbeschadet nur wenige Jahrtausende im belüfteten Boden, wie etwa der sehr stark verwitterte Bernsteinschmuck der mykenischen Königsgräber zeigt.Gerd Weisgerber: Vor- und frühgeschichtliche Nutzung des Bernsteins. In: M. Ganzelewski, R. Slotta (Hrsg.): Bernstein – Tränen der Götter. Bochum 1996, ISBN 3-921533-57-0, S. 413–426. Er müsste deshalb zwischenzeitlich in einer Lagerstätte luftdicht vor der Zerstörung bewahrt worden sein. Da es zu einem solchen „Zwischenlager“ nicht einmal Hinweise gibt, ist es viel wahrscheinlicher, dass der Succinit direkt aus dem Bernsteinwald in das marine Sediment der „Blauen Erde“ gelangte. Es gibt nur zwei Möglichkeiten, wie der Bernstein in die „Blaue Erde“ gelangte, entweder wurde er durch einen Fluss in das Meeresbecken eingetragen, oder der Bernsteinwald wurde durch das Meer überflutet. Die dazu vorliegenden Hypothesen können sich wiederum nicht auf konkrete Fakten stützen, bisher liegen nicht einmal sedimentologische Untersuchungen der „Blauen Erde“ vor. Durch denkbare Überflutungskatastrophen (Sturmfluten oder Tsunamis) könnte eine so mächtige und großflächig verbreitete Schicht nicht gebildet werden, und Transgressionen verlaufen viel zu langsam für die großflächige Anreicherung eines so verwitterungsanfälligen Materials. Wahrscheinlicher ist deshalb die schon länger vorliegende Hypothese, dass der Bernstein über einen Fluss aus nördlicher Richtung ins Meer gelangte. Für diesen Fluss wurde in Anlehnung an die griechische Mythologie der Name Eridanos verwendet. Das Einzugsgebiet mit dem Bernsteinwald könnte das gesamte östliche heutige Skandinavien umfasst haben. Wenn in einem so riesigen Gebiet der Fluss den bernsteinhaltigen Waldboden durch Mäandrierung umpflügt, dürfte selbst für die große Bernsteinmenge der baltischen Lagerstätte eine krankhafte Harzung, die sogenannte Succinose, durch besondere Ereignisse (Klimakatastrophen, Parasitenbefall u. a.) nicht erforderlich sein. Für die zahlreichen mitteldeutschen Bernsteinvorkommen des Oberoligozäns (siehe Abschnitt Weltweites Vorkommen von Bernstein) ist die Rekonstruktion ihrer Herkunft durch konkrete Befunde gesichert. Der Bernstein und die ihn einschließenden Sedimente wurden durch ein Flusssystem aus südlicher Richtung in ein gezeitenfreies Meeresbecken, eine „Paläo-Ostsee“ eingetragen. Im Flusstal dieses „Sächsischen Bernsteinflusses“ wurde der Bernstein gebildet. Nach anderen VorstellungenRoland Fuhrmann: Der Bernsteinwald im Tertiär Mitteldeutschlands – Auewald versus Sumpfwald. In: Mauritiana. Band 22, Altenburg 2011, , S. 61–76, PDF. wird der Bernsteinwald im Delta dieses Flusses vermutet. Die zahlreichen Einzelfunde in quartären Sedimenten, ebenso wie in quartäre Schichtfolgen eingeschlossene Schollen Bernstein führender tertiärer Sedimente, haben mit der Entstehung des Bernsteins selbst nichts zu tun, sie sind nur eine Folge der Zerstörung primärer (parautochthoner) Vorkommen während der pleistozänen Vereisungen. Geschichtliche Bedeutung Der Bernstein hat den Menschen schon immer fasziniert. Er galt in allen bedeutenden Dynastien und zu allen Zeiten als Zeichen von Luxus und Macht. Daher wurde er schon früh als Schmuck verarbeitet. Steinzeit mini|Bernstein aus der Höhle von Altamira (Solutréen); es handelt sich sehr wahrscheinlich um Bernstein aus einer Lagerstätte im Norden Spaniens. Museum von Toulouse Bernstein konnte bereits, wenn auch nur selten, in der Altsteinzeit nachgewiesen werden. Er wurde allerdings noch nicht bearbeitet und sein damaliger Zweck ist unbekannt. Aus Nordfriesland sind Anhänger und Perlen aus Baltischem Bernstein bekannt, deren Alter auf rund 12.000 Jahre datiert wurde und eine Nutzung im Jungpaläolithikum belegen. Rechnet man auch die Lagerstätten in der Ukraine zum Baltischen Bernstein, ist dieser bereits vor rund 20.000 Jahren verarbeitet worden (Ausgrabungen bei Kaniv am Ros).I. S. Vassilishin & V. I. Pantschenko: Bernstein in der Ukraine. In: Bernstein – Tränen der Götter. Bochum 1996, S. 333–340. Bernstein ähnlichen Alters wurde auch in der Höhle von Altamira gefunden, der wahrscheinlich aus Nordspanien stammt, mithin kein Baltischer Bernstein ist. Für die Mittelsteinzeit (ab ca. 9600 v. Chr.) lässt sich an der Nord- und Ostseeküste vermehrt die Verarbeitung von Bernstein feststellen. In der Jungsteinzeit wurde das fossile Harz eine begehrte Handelsware und verbreitete sich von der Ostsee bis nach Ägypten. Zu dieser Zeit gab es viele Bernsteinfunde, was mit der Bildung des Litorinameeres (ein nacheiszeitlicher Anstieg des Meeresspiegels, führte zu einer Versalzung des damals mit Süßwasser gefüllten Ostseebeckens) zusammenhängt. Damals war es möglich den Bernstein am Strand aufzusammeln.Lisa Takler: Flüchtige Verbindungen und antimikrobielle Wirkung ausgewählter Harze und Balsame von A–J. Diplomarbeit, Univers. Wien, 2015, S. 41, online. (PDF; 3,2 MB), auf ubdata.univie.ac.at, abgerufen am 1. November 2016.Christa Stahl: Mitteleuropäische Bernsteinfunde von der Frühbronze- bis zur Frühlatènezeit. J. H. Röll, 2006, ISBN 3-89754-245-5, S. 12. In Dänemark und dem südlichen Ostseegebiet wurde ab 8000 v. Chr. Bernstein zur Herstellung von Tieramuletten und Schnitzereien mit Tiermotiven genutzt. Schamanen nutzen ihn als Weihrauch, so dass ihm rituelle Bedeutung zukam. Als um 4300 v. Chr. jungsteinzeitliche Bauern an die nördlichen Küsten gelangten, war Bernstein nach wie vor ein begehrter Rohstoff. Sie begannen im großen Maße, Bernstein zu sammeln, der zu Ketten und Anhängern verarbeitet und getragen oder zu rituellen Zwecken (Opfergaben, Grabbeigaben) verwendet wurde. Die Erbauer der Großsteingräber fertigten die für die Zeit und diesen Kulturkreis typischen kleinen Axtnachbildungen aus Bernstein an. Bernstein-Depotfunde, besonders in Jütland, belegen die Bedeutung des Bernsteins als Handelsgut. Manfred Rech führt in Dänemark 37 DepotsManfred Rech: Studien zu Depotfunden der Trichterbecher- und Einzelgrabkultur des Nordens. Offa Bücher, Band 39, Neumünster 1979, ISBN 978-3-529-01139-9, S. 127–130. auf. Zur Bearbeitung des Bernsteins existierten hochentwickelte Werkzeuge aus Geweihen, Feuerstein, Sandstein und Tierfellen, mit denen der Bernstein bearbeitet und poliert werden konnte. mini|Pferdefigur von Woldenberg (Dobiegniew, Polen). Bernsteinskulptur (Nachbildung). Ca. 18.000-12.000 v. Chr.; Magdalénien. Museum für Vor- und Frühgeschichte, Berlin. Bronzezeit mini|Das Ingolstädter Bernsteincollier In der Bronzezeit nahm das Interesse am Bernstein zunächst ab, obwohl das Material eine beliebte Grabbeigabe blieb. Aufgrund der gängigen Praxis der Einäscherung der Toten blieben allerdings nur wenige Stücke erhalten. Ein Collierfund in einem mehr als 3000 Jahre alten Depotfund bei Ingolstadt zeigte eine Halskette aus etwa 3000 Bernsteinperlen, die von unschätzbarem Wert gewesen sein muss.Stadt Ingolstadt (Hrsg.), Das Geheimnis des Bernstein-Colliers (Ingolstadt 1998), ISBN 3-932113-27-6. Warum das Collier in einem Tonkrug vergraben wurde, ist ungeklärt. Bernstein wurde schon in der Bronzezeit auf einer sogenannten Bernsteinstraße von der Ostsee in den Mittelmeerraum transportiert.Gisela Graichen, Alexander Hesse: Die Bernsteinstraße: Verborgene Handelswege zwischen Ostsee und Nil. Rowohlt, 2012, ISBN 978-3-644-02241-6. In Qatna fand man einen Löwenkopf aus Bernstein in einer spätestens 1340 v. Chr. entstandenen Königsgruft.Flemming Kaul, Jeannette Varberg: Glasperlen und Klappstühle – aus Ägypten nach Dänemark. In: Archäologie in Deutschland. 5, 2016, S. 32–35, hier: S. 34. Bernstein war neben Salz und Rohmetall (Bronze und Zinn) eines der begehrtesten Güter. In Depotfunden und bei Grabfunden taucht er regelmäßig auf. Durch ihn sind weitreichende Beziehungen nachgewiesen worden. Zwei breite Goldringe, in die je eine Bernsteinscheibe eingelassen war, fanden sich in Südengland (Zinnvorkommen), und ein beinahe identisches Exemplar ist aus dem griechischen Bronzezeit-Zentrum Mykene bekannt (Blütezeit vom 15. bis 13. Jahrhundert v. Chr.). Auch in einem frühbronzezeitlichen (um 1700 v. Chr.) Hortfund von Dieskau (Saalekreis) befand sich eine Kette aus Bernsteinperlen. Auf dem im späten 14. Jahrhundert v. Chr. vor der kleinasiatischen Südwestküste untergegangenen Schiff von Uluburun befanden sich unter anderem auch Bernsteinperlen aus dem Ostseeraum.Film von: Gisela Graichen und Peter Prestel: Teil 1: Das magische Siegel. und Teil 2: Die dunkle Karawane. jeweils 43 min., ZDF; Terra X: Folge 117, 118, Erstausstrahlung 2012, auf YouTube, abgerufen am 8. April 2017. Antike mini|Bernstein-Collier (Hallstattzeit) vom Magdalenenberg, Franziskanermuseum (Villingen-Schwenningen) In der Eisenzeit gewann Bernstein durch die Wertschätzung der Phönizier, Griechen, Skythen, Ägypter, Balten und Slawen als „Tränen der Sonne“ beziehungsweise „Tränen oder Harn der Götter“ wieder an Bedeutung. Später hielt man ihn für „Harn des Luchses“, „versteinerten Honig“ oder „erstarrtes Erdöl“. Auch wurde er als „Gold des Nordens“ oder auch als „Tränen der Sonnentöchter“ (Ovid, Metamorphosen II, 340–366) bezeichnet. Er hatte große Bedeutung in Sonnenkulten, da er aufgrund von Unebenheiten und Rissen von innen zu leuchten scheint. mini|Sammlung römischer Bernsteinobjekte. Archäologisches Museum, Aquileia. Die Griechen schätzten den Bernstein als Edelstein, den sie als Tauschmittel für Luxusgüter aller Art nutzten, wie bei Homer erwähnt und beschrieben. Die Römer nutzten ihn als Tauschmittel und für Gravuren. In der griechisch-römischen Antike wurde erkannt, dass Bernstein sich elektrostatisch aufladen kann. Der griechische Philosoph Aristoteles deutete die Herkunft des Bernsteins als Pflanzensaft und erwähnte das Vorkommen von Zooinklusen.Waldmann: Der Bernstein im Altertum. Fellin 1883, . Sändig, 1995, ISBN 978-3-253-02820-5 (Reprint). Pytheas von Massila hatte auf einer seiner Reisen um 334 v. Chr. die sogenannten Bernsteininseln erreicht (gemeint sind wohl die West-, Ost- und Nordfriesischen Inseln in der Nordsee). Man nennt diese Inseln auch die Elektriden. Die Römer Tacitus und Plinius der Ältere schrieben über den Bernstein sowie seine Herkunft und seinen Handel. Kaiser Nero soll Bernstein in großen Mengen zu Repräsentationszwecken genutzt haben. Im Rom der Kaiserzeit trieb nicht nur der Kaiser, sondern auch das Volk mit dem Bernstein einen verschwenderischen Luxus. Man trank aus Bernsteingefäßen, er zierte alles, was von Wert war, und wohlhabende Frauen färbten ihr Haar bernsteinfarben. Plinius der Ältere tadelt, dass ein kleines Figürchen aus Bernstein teurer als ein Sklave sei. In der römischen Antike wurde zudem der Handel mit samländischem Bernstein erschlossen. Antike Handelswege Bereits zur Bronzezeit war der Baltische Bernstein ein wertvolles Tauschobjekt und Handelsgut, das südwärts gelangte. In mykenischer Zeit (etwa 1600 bis 1050 v. Chr.) wurde in Griechenland Schmuck aus importiertem Bernstein getragen, wie eine Reihe von Funden aus dieser Zeit zeigen. Die Handelswege des Bernsteins werden als Bernsteinstraßen bezeichnet. Sie verlaufen bündelförmig nach Süden zum Mittelmeer: nach Aquileia: Plinius der Ältere (23/24–79 n. Chr.) berichtet, dass Bernstein von der Ostseeküste nach Aquileia gebracht worden sei. Die bereits in der Urgeschichte bedeutsame Bernsteinhandelsroute folgt in Niederösterreich der March, überquert bei Carnuntum östlich Wiens die Donau und führt ab hier als römische Bernsteinstraße über Ungarn, Slowenien nach Aquileia in Italien. Als wichtige Verkehrsroute wurde sie zu Beginn des 1. Jahrhunderts n. Chr. unter Augustus und Tiberius ausgebaut und an das römische Straßennetz (s. a. Römerstraßen) angebunden; ins westliche Mittelmeer: auf verschiedenen Routen von Hamburg nach Marseille. Mittelalter mini|Bernsteinrosenkranz Aus der Zeit des 5. und 6. Jahrhunderts sind im Bernsteinmuseum von Klaipėda ausgestellte Halsketten überliefert, die in der Region des heutigen Baltikums als gesetzliches Zahlungsmittel gültig waren.B. Kosmowska-Ceranowicz: The tourist amber route to the Amber Coast. In Amber – Views – Opinions. Danzig / Warschau 2006, ISBN 83-912894-1-9. Im Mittelalter und für katholische Gebiete auch danach wurde der Bernstein hauptsächlich zur Herstellung von Rosenkranz-Gebetsketten genutzt. Wegen seines hohen Wertes stellten Feudalherren die Gewinnung und Veräußerung allen Bernsteins Ost- und Westpreußens bald unter Hoheitsrecht (Bernsteinregal). Das Sammeln und der Verkauf von Bernstein auf eigene Rechnung wurde geahndet, zeitweilig wurde in besonders schweren Fällen die Todesstrafe verhängt. Die Küstenbewohner hatten die Pflicht, unter der Bewachung seitens Strandreiter und Kammerknechte Bernstein zu sammeln und abzuliefern. Bernstein wurde im Mittelalter in Europa oder China auch erhitzt, um es als wasserabweisende Firnis als Holzschutz einzusetzen.Bruce H. Tai: Stradivari's varnish: A review of scientific findings – Part II. In: J. Violin Soc. Am.: VSA Papers. Band 22, Nr. 1, Sommer 2009, S. 1–31. Im 10. Jahrhundert war Bernstein auch bei Wikingern ein begehrtes Material, das als Räucherwerk benutzt oder kunstvoll verarbeitet wurde. Aus dieser Zeit sind Funde von Perlen für gemischte Ketten, Spinnwirtel, Spielbrettfiguren und Würfel aus Bernstein bekannt. Auch weiter im Landesinneren vorkommende Bernsteinlagerstätten wurden bereits im Mittelalter genutzt. In der Kaschubei lassen sich bei Bursztynowa Góra (Bernsteinberg) Trichter von bis zu 40 m Durchmesser und 15 m Tiefe in der Landschaft ausmachen. Der Abbau ist dort erstmals aus dem 10. Jahrhundert bezeugt. Neuzeit mini|Anhänger aus Bernstein (Größe links 32 mm und 52 mm rechts) mini|Altes silbernes Armband mit Bernstein-Gliedern mini|Rekonstruiertes Bernsteinzimmer In der Neuzeit wurde Bernstein nach alter Tradition zu Schmuck verarbeitet und auch für Schatullen, Spielsteine und -bretter, Intarsien, Pfeifenmundstücke und andere repräsentative Sachen verwendet. Im 16. und 17. Jahrhundert sank der Bedarf an Bernsteinrosenkränzen, weshalb nun auch andere Gegenstände aus Bernstein gefertigt wurden. Zu Beginn kamen diese Objekte weiterhin aus dem religiösen Bereich. Dies änderte sich jedoch mit dem Beginn der Reformation. Die preußischen Herrscher nutzten den Bernstein für Repräsentationszwecke und ließen verschiedene Zier- und Gebrauchsgegenstände daraus fertigen. Der preußische Hof gab hunderte von Bernsteinkunstgegenständen in Auftrag, vor allem Pokale, Dosen, Konfektschalen und Degengriffe, die als Hochzeits- und Diplomatengeschenke in viele Kunstsammlungen europäischer Fürsten- und Herrscherhäuser gelangten. Die Bernsteine wurden dabei oft in Kombination mit Schildpatt, Elfenbein und Edelsteinen kombiniert. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts waren die gefertigten Gegenstände aufgrund der geringen Größe des Bernsteins und dem fehlenden Wissen die Teile zu verschweißen noch relativ klein. Gegen Ende des 16. Jahrhunderts wurde es dann aber auch möglich größere und aufwendigere Kunstwerke herzustellen. Hierzu gehörten vor allem Schmuckschatullen, die aus kleinen reliefierten Bernsteinplättchen bestehen, die zusammengeklebt oder über einen silbernen Rahmen zusammengehalten werden. Aus dieser Zeit stammen auch die ersten größeren Bernsteinmöbel. Zum Beginn des 17. Jahrhunderts wurde mit der Konstruktion von Bernsteinobjekten auf Holzrahmen begonnen. Die Bernsteinplättchen wurden hierbei oft mit Blattgold hinterlegt um die eingeschnitzten Reliefs zu betonen. Farben und Kontraste der Bernsteine wurden so ausgewählt, dass schöne mosaikhafte Effekte entstanden oder zum Beispiel um Felder auf Spielbrettern unterscheiden zu können. Typische Bernsteinwerke des 17. Jahrhunderts sind beispielsweise Griffe von Essbesteck, Kerzenständer, Spielbretter oder auch Gegenstände für den religiösen Gebrauch wie Hausaltare. Im 18. Jahrhundert kam das Sammeln von Bernsteinobjekten in Kuriositätenkammern in Mode, was nochmal zur Steigerung dessen Prestige führte. Das Bernsteinhandwerk gehörte zu den führenden und meistangesehenen Berufen. Es entstanden große Werke, wie das Bernsteinzimmer, welches der preußische König Friedrich I. für sein Charlottenburger Schloss in Berlin fertigen ließ, das 1712 fertiggestellt wurde. 1716 verschenkte sein Sohn das Zimmer an den russischen Zaren Peter I. Später wurde es in den Katharinenpalast bei St. Petersburg eingebaut, im Zweiten Weltkrieg von den Deutschen geraubt und nach Königsberg gebracht. Seit 1945 ist es verschollen. Ob es verbrannte oder erhalten blieb, ist ungeklärt. Es gibt allerdings Gerüchte, wonach das Bernsteinzimmer noch immer in unterirdischen Stollen eingelagert sein soll. Hauptsächlich wurden aber kleine Gegenstände wie verzierter Schmuck oder Spiele für gesellschaftliche Anlässe gefertigt. Durch den Fortschritt der Naturwissenschaften wurde erkannt, dass der Bernstein als fossiles Harz nicht mystischen, sondern natürlichen Ursprungs ist. Deswegen ging das höfische Interesse am Bernstein nach 1750 zurück. Im 19. Jahrhundert nahm die Bernsteingewinnung und -verarbeitung industrielle Ausmaße an. Rohbernstein wurde in großen Mengen in die ganze Welt geliefert. Hergestellt wurden beispielsweise Pfeifenmundstücke und andere Raucherutensilien, sowie kleine Schachteln, Kettenanhänger, Halsketten und Broschen. Bis ins 19. Jahrhundert wurde Bernstein hauptsächlich durch Strandlese gewonnen. 1862 konnten beispielsweise mit dieser Methode 4000 kg gesammelt werden. Im Jahre 1837 überließ der preußische König Friedrich Wilhelm III. die gesamte Bernsteinnutzung von Danzig bis Memel gegen die Summe von 30.000 Mark den Gemeinden des ostpreußischen Samlandes. Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts wurde der Abbau zunehmend maschinisiert. Pioniere auf diesem Gebiet waren die beiden Unternehmer Friedrich Wilhelm Stantien und Moritz Becker, die 1858 ihre Firma Stantien & Becker in Memel gegründet hatten. Sie begannen zunächst, das Kurische Haff bei Schwarzort systematisch auszubaggern (Fundstätte ab 1900 bereits erschöpft). 1875 dann errichteten sie bei Palmnicken das wohl weltweit erste Bernsteinbergwerk.Andreas Kossert: Ostpreußen – Geschichte und Mythos. Verlag Siedler, 2007, ISBN 978-3-570-55020-5, S. 161. Im Jahr 1890 konnten auf diese Weise bereits über 200.000 kg gefördert werden. Bernsteinschmuck wurde nun mehr und mehr zu einem Produkt auch der wohlhabenden Bürgerschicht. Der noch heute existierende Bernsteinladen am Münchner Marienplatz geht auf das Jahr 1884 zurück. Stantien & Becker hatten weltweit Verkaufsniederlassungen (u. a. in Indien, Mexiko und Tokio). Seit 1881 gab es Pressbernstein, so dass Schmuck für alle Bevölkerungsschichten erschwinglich wurde. In manchen Regionen Europas gehörten facettierte Bernsteinketten zur Hochzeitstracht der Bauern. 1899 ging die profitable Produktion wieder in staatlichen Besitz über. Allein 1912 wurden 600 t Bernstein gefördert. Insgesamt wurden im Samland von 1876 bis 1935 über 16.000 t Baltischen Bernsteins bergbaulich gefördert. 1926 entstand in Ostpreußen die weltgrößte Manufaktur, die Staatliche Bernstein-Manufaktur Königsberg (SBM), in der bis 1945 künstlerische Produkte und Gebrauchsgegenstände aus Bernstein gefertigt wurden. Daher wurde Bernstein auch schnell „Preußisches Gold“ genannt. Aus der jüngeren Vergangenheit ist insbesondere der polnische Künstler Lucjan Myrta zu erwähnen. Zahlreiche seiner Werke, bei denen es sich oft um Arbeiten im Stil des Barock handelt und deren künstlerischer Rang in der Fachwelt nicht unumstritten ist, sind im Historischen Museum der Stadt Danzig zu sehen.Wiesław Gierłowski: The collection of works from Lucjan Myrt’s workshop at the Historical Museum of the City of Gdańsk. In Amber – Views – Opinions. Warschau/Danzig 2006. Sehr viele der oft ungewöhnlich großen Kunstwerke hat der in Sopot lebende Künstler in seinem persönlichen Besitz behalten. Vermutlich unterhält der Künstler die weltgrößte, allerdings nicht öffentlich zugängliche Sammlung von Bernsteinartefakten. In einem der in seinem Privatbesitz verbliebenen großvolumigen Werke ist mehr Rohbernstein verarbeitet als im gesamten Bernsteinzimmer. Bernsteingewinnung Vorbergbauliche Zeit mini|Titelseite eines Buches aus dem Jahre 1677. Ein Bernsteinfischer und ein Bernsteingräber an der samländischen Küste. Zur Gewinnung des Bernsteins im Samland in der Zeit vor Beginn des Bernsteinbergbaus liegen zahlreiche Schriften vor,Wilhelm Tesdorpf: Gewinnung, Verarbeitung und Handel des Bernsteins in Preussen, von der Ordenszeit bis zur Gegenwart, eine historisch-volkswirtschaftliche Studie. Jena 1887, S. 1–149, eine umfangreiche neuere Darstellung stammt von Rainer Slotta.Rainer Slotta: Die Bernsteingewinnung im Samland (Ostpreußen) bis 1945. In: M. Ganzelewski, R. Slotta (Hrsg.): Bernstein – Tränen der Götter. Bochum 1996, ISBN 3-921533-57-0, S. 169–214. Vor 1860 wurde Bernstein im Samland überwiegend nur durch Aufsammeln des an der Küste angespülten Bernsteins gewonnen. Die fortschreitende Erosion der Steilküste durch das Meer sorgte für den ständigen Nachschub aus den Bernstein führenden Schichten. Eine geringere Rolle spielte eine bergmännische Gewinnung, die sich aus technischen Gründen aber auf die grundwasserfreien Deckschichten der „Blauen Erde“ beschränken musste. Der Abbau in dieser Weise erfolgte nach einem zeitgenössischen Bericht aus dem Jahre 1783Friedrich Samuel Bock: Versuch einer wirthschaftlichen Naturgeschichte von dem Königreich Ost- und Westpreußen. Zweiter Band, Buchh. d. Gelehrten, Dessau 1783, . offenbar bereits über Jahrhunderte an verschiedenen Orten der samländischen Küste, wenn auch in Abhängigkeit von der Ergiebigkeit oftmals nur für überschaubare Zeit, in kleinräumigen Gräbereien, die insbesondere nesterartige Anreicherungen der Bernstein führenden miozänen sogenannten „Braunkohlenformation“ nutzten. Kleinere aktive Tiefbaue aus dieser Zeit sind urkundlich von 1781 bis 1806 belegt. In einem Kontrakt zur Verpachtung des Bernsteinregals an ein Konsortium, dem unter anderem hohe Staatsbeamte und einige Kaufleute angehörten, wurde den Pächtern für die Dauer der Pacht (1811 bis 1823) neben der Förderung von Bernstein aus dem Meer ausdrücklich die Bernsteingewinnung in offenen Gruben in den sogenannten „Seebergen“ in einem Gebiet gestattet, das sich von Polsk (Narmeln) auf der Frischen Nehrung bis nach Nimmersatt (heute Nemirseta in Litauen) erstreckte. Die Förderung von Bernstein aus diesen Gruben soll besonders gewinnträchtig gewesen sein. Über die durch Sammeln gewonnenen Bernsteinmengen an der sogenannten Bernsteinküste wird in einigen Chroniken berichtet. So soll die jährliche Menge durch Aufsammeln an den Stränden 20 bis 30 Tonnen betragen haben. Nach heftigen Stürmen konnte die Menge des im Verlaufe eines Tages angespülten Bernsteins auch 1000 Kilogramm und mehr erreichen. Das einfache Sammeln von Bernstein am Spülsaum der Küste war die am weitesten verbreitete und wohl ergiebigste Methode zur Bernsteingewinnung. Aber auch andere Methoden führten zum Erfolg: Bernsteinfischen oder Bernsteinschöpfen. Dabei stellte sich der Bernsteinfischer mit einem an einer langen Stange befestigten Netz in die Brandung. Das Netz wurde in die auflaufende Welle gehalten. Dabei füllte es sich mit Seetang und Sprockholz, zwischen denen sich der aufgewirbelte Bernstein verfangen hatte. Das Material wurde an den Strand geworfen und dort durchsucht. Diese Methode wird noch heute an Ostseeküstenabschnitten in Russland, Litauen, Polen, Deutschland und Dänemark angewandt. Der auf diese Weise gewonnene Bernstein wird in älterer Literatur gelegentlich als „Zugbernstein“ oder „Schöpfstein“ bezeichnet. Bernsteinstechen. Insbesondere größere Bernsteinstücke blieben oft zwischen größeren Steinen im küstennahen Bereich liegen. Die Steine wurden von speziellen, besonders breit ausgelegten Ruderbooten aus mit langen Stangen gelockert und gelegentlich selbst als Baumaterial geborgen. Danach wurde der Meeresgrund nach Bernstein durchsucht. Dazu dienten an langen Stangen befestigte Käscher, mit denen der Bernstein aufgewirbelt und mit dem Netz ins Boot befördert wurde. Bernsteintauchen. Schon im frühen 18. Jahrhundert wurden Versuche unternommen, nach Bernstein zu tauchen. Das geschah ohne Hilfsmittel und blieb weitgehend erfolglos. Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde mit Hilfsmitteln (Tauchanzüge) das Bernsteintauchen durch die später auch den Bernsteinbergbau bei Palmnicken betreibende Firma Stantien & Becker zum Erfolg geführt. Die höchste durch Bernsteintauchen gesammelte jährliche Menge betrug 14 Tonnen im Jahre 1881. Das Aufsammeln von Bernstein im Küstenbereich wurde im Samland mit der Aufnahme der bergbaulichen Gewinnung durch die Firma Stantien & Becker im Jahre 1871 wirtschaftlich zunehmend bedeutungslos. Das Bernsteintauchen zum Beispiel wurde 1883 eingestellt. Für den Übergang zur bergbaulichen Gewinnung spielte die Bernsteinbaggerei durch die Firma Stantien & Becker von 1862 bis 1890 an der Kurischen Nehrung bei Schwarzort (jetzt Juodkrantė) eine bedeutende Rolle. Jährlich wurden bis zu 75 t Bernstein gewonnen. Im Zuge dieser Bernsteinbaggerei wurde 434 Stücke jungsteinzeitlichen Bernsteinschmucks gefunden.Siegfried Ritzkowski: Geschichte der Bernsteinsammlung der Albertus-Universität zu Königsberg i. Pr. In: M. Ganzelewski, R. Slotta (Hrsg.): Bernstein – Tränen der Götter. Bochum 1996, ISBN 3-921533-57-0, S. 292–298. An der deutschen Nordseeküste wurde insbesondere im Gebiet Eiderstedt bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts viel Bernstein gefunden. Im Watt und auf einigen besonders fündigen Sandbänken wurde Bernstein durch sogenannte Hitzläufer und Bernsteinreiter gesammelt. Geschickte Reiter verstanden es, mit einem kleinen, an einer Stange befestigten Netz den Bernstein aus dem Flachwasser zu fischen, ohne vom Pferd abzusteigen. Fundorte mit bergbaulicher Gewinnung Mindestens 75 % der Weltproduktion von Bernstein (Succinit) entstammt derzeit dem regulären Bergbau auf der Halbinsel des Samlandes (Oblast Kaliningrad, Russland; ehemals Ostpreußen). In Polen wird seit langem insbesondere aus der Weichselniederung bei Danzig in Quartärsedimenten enthaltener umgelagerter Bernstein in zahllosen vorwiegend illegalen Kleingräbereien gewonnen. Die gewonnene Gesamtmenge wird für den Zeitraum 1945 bis 1995 mit 930 t angegeben,Wieslaw Gierlowski: Die Gewinnung und Verarbeitung von Bernstein in Polen (1945–1995). In: M. Ganzelewski, R. Slotta (Hrsg.): Bernstein – Tränen der Götter. Bochum 1996, ISBN 3-921533-57-0, S. 311–324. die durchschnittliche jährliche Fördermenge beträgt etwa 20 t. Der Abbau aus kleineren Lagerstätten in der Nordukraine,I. S. Vassilishin, V. I. Pantschenko: Bernstein in der Ukraine. In: M. Ganzelewski, R. Slotta (Hrsg.): Bernstein – Tränen der Götter. Bochum 1996, ISBN 3-921533-57-0, S. 333–340. zum Beispiel bei Klessiw, gewinnt derzeit offensichtlich zunehmend an Bedeutung. Die Bernsteingewinnung im Braunkohlentagebau Goitzsche bei Bitterfeld hatte in den Jahren 1975 bis 1990 mit insgesamt 408 t zeitweise bis 10 % des Weltaufkommens betragen, die noch vorhandenen Restvorräte von 600 t bilden eine sichere Basis für eine erneute bergbauliche Aktivität. Samland mini|Tagebau „Primorskoje“ in Jantarny Die Hauptförderung von Bernstein erfolgt seit 1871 bei der Ortschaft Jantarny (ehemals Palmnicken) im Samland, 40 km westlich von Kaliningrad (ehemals Königsberg). Große, von der Steilküste bis weit ins Inland reichende Bernsteinvorkommen bilden die Grundlage. Die Hauptfundschicht, die „Blaue Erde“, liegt meist unter dem Niveau des Meeresspiegels, im Bereich des Strandes bis 10 m, im Inland aber bis 55 m unter der Geländeoberfläche. Das Flöz der „Blauen Erde“ ist ein mehrere Meter mächtiger sandiger Ton, dessen grünlichgraue Farbe vom enthaltenen Glaukonit verursacht wird. Der Bernsteingehalt schwankt sehr stark zwischen 23 und 0,5 kg pro Kubikmeter, in den besten Jahren waren es durchschnittlich zwei bis drei Kilogramm. Im Jahre 1870 begann die bergbauliche Erschließung der „Blauen Erde“ durch die Firma Stantien & Becker. In den ersten Jahren erfolgte der Abbau ausschließlich von Hand in einem 10 m tiefen Tagebau am Strand, dieser wurde auch in die Steilküste hineingetrieben. Ab 1875 musste aus wirtschaftlichen Gründen zum Tiefbau übergegangen werden, die Strecken wurden zunächst vom Tagebau aus aufgefahren. Mit ab 1883 angelegten Schachtanlagen wurde Bernstein bis zum Jahre 1923 im Tiefbau gewonnen. Im Jahre 1916 wurde dann im neu angelegten Tagebau Palmnicken die Bernsteingewinnung aufgenommen. Der Abbau erfolgte mit großen Eimerkettenbaggern, wie sie auch in den mitteldeutschen Braunkohletagebauen üblich waren. Empfindliche Absatzkrisen beim Rohstoff für Schmuckwaren wurden durch den Ersten Weltkrieg verursacht, und in den 1930er-Jahren verschlechterte sich die Wirtschaftlichkeit, weil das überwiegende Feinkorn nicht mehr für die Herstellung von Lackrohstoffen benötigt wurde. Nach 1945 wurde das sowjetisch gewordene Palmnicken nach dem russischen Wort für Bernstein, jantar, in Jantarnyi umbenannt und die zum Erliegen gekommene Bernsteingewinnung wieder aufgenommen.Zoja Kostiaszowa: Die Nachkriegsgeschichte des Kombinats für Gewinnung und Bearbeitung von Bernstein in Jantarnyi/Palmnicken. In: M. Ganzelewski, R. Slotta (Hrsg.): Bernstein – Tränen der Götter. Bochum 1996, ISBN 3-921533-57-0, S. 237–247. Im Jahre 1976 erfolgte die endgültige Stilllegung des seit 1916 genutzten Tagebaus, und der heute noch genutzte Tagebau Primorskoie wurde in Betrieb genommen. Die Jahresproduktion erreichte in einigen Jahren 780 t, von 1951 bis 1988 wurden insgesamt rund 18.250 t gefördert. In den 1970er-Jahren, beim Übergang auf den neuen Tagebau, sank die Förderung infolge technischer und organisatorischer Probleme. Auch der politische Umbruch in den 1990er-Jahren hatte starke Auswirkungen, die zu einer zeitweiligen Einstellung des Abbaus führten. Die Abbautechnologie wurde verändert, zeitweilig kamen ausschließlich Hydromonitoren zum Einsatz. Derzeit wird nach Abtrag des mächtigen Abraums der Rohstoff mittels Schürfkübelbagger gelöst, das abgesetzte Haufwerk mit Hydromonitoren aufgeschlämmt und der Schlamm von großen Pumpen über eine kilometerlange Rohrleitung in die Aufbereitungsanlage befördert. Dort wird der Bernstein ausgesiebt. Der Schlammrückstand wird über ein Rohrsystem am Ostseestrand verspült. Bitterfeld und Mitteldeutschland Bernstein in tertiären, Braunkohle führenden Schichten ist bereits seit 1669 von Patzschwig bei Bad Schmiedeberg bekannt. Als „Sächsischer Bernstein“ beschriebenJohann Friedrich Henkel: Kleine Minerologische und Chymische Schrifften. Dresden/Leipzig 1744, S. 539–553, . ist er auch zeitweise gewonnen worden.Barbara Kosmowska-Ceranowicz, Günter Krumbiegel: Geologie und Geschichte des Bitterfelder Bernsteins und anderer fossiler Harze. In: Hallesches Jahrbuch für Geowissenschaften. Band 14, Gotha 1989, S. 1–25. Aus dem 19. Jahrhundert und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts liegen Fundmeldungen über einzelne Bernsteine in Braunkohlengruben bei Bitterfeld vor. Im Jahre 1955 wurden im Braunkohlentagebau Goitzsche östlich von Bitterfeld die Bernstein führenden Schichten für kurze Zeit angeschnitten, aber die zu Tage tretenden, zum Teil großen Brocken nicht als Bernstein (Succinit) erkannt, sondern als Retinit bezeichnet. Erst im Jahre 1974 wurde bei einem erneuten Anschnitt die Bedeutung des Bernsteinvorkommens erkannt. Die im gleichen Jahr begonnene geologische Erkundung führte zum Nachweis einer nutzbaren Lagerstätte. Als geologischer Vorrat wurden 1979 2.800 t Bernstein berechnet. Der Abbau begann bereits 1975. Grund für die so schnell aufgenommene Förderung war der starke Rückgang der Bernsteinimporte aus der Sowjetunion, die in den 1970er-Jahren ihre jährlichen Bernsteinlieferungen von zehn Tonnen auf eine senkte und damit die Schmuckproduktion im „VEB Ostseeschmuck“ in Ribnitz-Damgarten gefährdete. Von 1975 bis 1993 wurden im Tagebau Goitzsche jährlich bis zu 50 t gewonnen, insgesamt 408 t. Der Bernsteinabbau wurde 1990 wegen der starken Umweltbelastung zunächst storniert und 1993 aus ökonomischen Gründen endgültig eingestellt. Zu diesem Zeitpunkt standen noch 1.080 t gewinnbarer Vorrat in den Büchern. Nach Sanierung der Böschungen wurde das Restloch des Tagebaues Goitzsche ab 1998 geflutet.Zusammen mit den anderen umliegenden ehemaligen Tagebauen wird das Sanierungsgebiet neuerdings in Anlehnung an den ursprünglichen großen Auewald östlich von Bitterfeld als Die Goitzsche bezeichnet, siehe auch: agora-goitzsche.de: Durch die Sanierung der Böschungen wurden zwar Teile der Vorratsfläche blockiert, aber nach einer Studie ist noch der Zugriff auf 600 t Bernstein möglich. Die Wasserbedeckung von 20 bis 25 m ist technisch kein Hindernis, und nach einem limnologischen Gutachten wäre die Gewinnung auch umweltverträglich. Zur Gewinnung des Bernsteins im Braunkohlentagebau Goitzsche liegen ausführliche Beschreibungen vor.Gerhard Liehmann: Der Braunkohlentagebau Goitsche bei Bitterfeld und die Bernsteingewinnung. In: M. Ganzelewski, R. Slotta (Hrsg.): Bernstein – Tränen der Götter. Bochum 1996, ISBN 3-921533-57-0, S. 101–114.Gisela Ziegler, Gerhard Liehmann: Gewinnung und Verwertung von Bitterfelder Bernstein. In: Bitterfelder Heimatblätter. Sonderheft 2007, S. 33–42. Der gewonnene Rohbernstein wurde an der Aufbereitungsanlage im Tagebau gereinigt, getrocknet und der nicht zur Herstellung von Schmuck verwendbare Anteil von Hand ausgelesen. Der verwendbare Rohbernstein wurde durch Siebung nach der Größe in vier Sorten getrennt und an den „VEB Ostseeschmuck“ geliefert. Der zur Schmuckherstellung nicht verwendbare Anteil wurde als Abfall (Brack) verworfen. Dieser enthielt neben ungeeigneten Varietäten des Succinit, z. B. Knochen, Schaum, Schwarzfirnis (siehe Abschnitt Bernsteinvarietäten), auch die sehr seltenen akzessorischen Bernsteinarten, die bereits Gegenstand zahlreicher wissenschaftlicher Untersuchungen waren (siehe Abschnitt Bernsteinarten). Wegen der Verwitterungskruste sind Inklusen beim Bitterfelder Succinit erst bei der Verarbeitung im „VEB Ostseeschmuck“ sichtbar geworden. Sie wurden zur wissenschaftlichen Untersuchung dem Museum für Naturkunde (Berlin) übergeben. Bereits 1989 umfasste diese Sammlung mehr als 10.000 Stück.H. Schumann, H. Wendt: Einschlüsse im Bernstein und ihre wissenschaftliche Bedeutung. In: Wissenschaftliche Zeitschrift der Humboldt-Universität zu Berlin. Reihe Mathematik/Naturwissenschaften, Band 38, Berlin 1989, S. 398–406. Übereinstimmungen mit einigen auch im baltischen Succinit gefundenen Tiergruppen spielen eine große Rolle bei der Diskussion zur Herkunft des Bitterfelder Bernsteins, siehe dazu Abschnitt Geschichte der Inklusenforschung. Polen Polen ist ein wichtiger Exporteur von Bernsteinprodukten. Der polnische Bernstein stammt hauptsächlich aus Możdżanowo bei Ustka an der pommerschen Ostseeküste, wo er bereits Ende des 18. Jahrhunderts abgebaut wurde. Er wird dort in vielen unterschiedlichen Farbtönen gefunden. 60 % der Fundstücke sind durchsichtig. Auch an der Verbindungsstelle zur Halbinsel Hel findet sich Bernstein in 130 m Tiefe. Ferner wurde ein Bernsteinvorkommen auf der Lubliner Hochebene entdeckt. Die Vorräte polnischer Bernsteinlagerstätten werden auf 12.000 t geschätzt. Der größte Teil des in Polen verarbeiteten Bernsteins stammt allerdings nicht aus eigener Produktion, sondern wird aus dem Kaliningrader Gebiet und aus der Ukraine importiert. Nordukraine mini|Tagebau in Klessiw, Ukraine Seit 1979 sind die Bernsteinvorkommen im Norden der Ukraine, in der Nähe von Dubrowyzja an der belarussischen Grenze bekannt. Nach Erlangung der Unabhängigkeit beschloss die ukrainische Führung 1993, diese Vorkommen unter staatlichem Monopol auszubeuten. Da die Vorkommen an der Oberfläche in sandigen Schichten anstehen, sind sie sehr leicht zu fördern, und so hat sich seither eine beträchtliche nicht-staatliche (und damit illegale) Förderung entwickelt (etwa 90 % der ukrainischen Produktion), die ihre Produkte zur Weiterverarbeitung über die Grenze nach Polen und Russland schmuggeln lässt. Die ukrainischen Vorkommen enthalten außergewöhnlich große Einzelstücke. Der in der Ukraine gefundene Bernstein ist vermutlich gleicher Genese wie der Succinit aus der „Blauen Erde“ des Samlandes. Marktsituation Die Preise für ein Kilogramm russischen Rohbernsteins aus Jantarny lagen im März 2011 in Polen bei 260 € für Stücke zwischen 2,5 und 5 Gramm und rund 550 € für Stücke zwischen 50 und 100 Gramm.Bursztynisko Nr. 33, März 2011, (PDF; englisch). Verminderte Fördermengen, die Einführung von Exportrestriktionen durch die russische Regionalregierung sowie eine deutlich gesteigerte Nachfrage aus China nach Rohbernstein bestimmter Qualitäten haben in den folgenden Jahren zu einer Vervielfachung des Preises geführt (Stand Mitte 2014: Stücke von 50 bis 100 Gramm ca. 3000 EUR für ein Kilogramm).Bursztynisko Nr. 36, März 2011, (PDF; englisch). Einzelstücke Baltischen Bernsteins Krumbiegel führt in einem Beitrag aus dem Jahre 2003Günter Krumbiegel: Bernsteinklumpen – Kleinode in Übergröße. In: Fossilien. 6, 2003, S. 360–363, Korb 2003. Stücke aus quartären Sedimenten nordeuropäischer Vereisungsgebiete mit einem Gewicht von mehr als 2 Kilogramm auf. Aus dieser Liste von 28 Stücken nachfolgend eine Auswahl: 1922 und 1970 in Schweden: je etwa 1,8 kg; 1969 von einem schwedischen Hummerfischer in Bohuslän an der Westküste Schwedens: 10,478 kg (zum Zeitpunkt des Fundes eine Masse; heute noch 8,886 kg, da etwas abgeschlagen wurde); es befindet sich im Ravhuset in Kopenhagen; 1860 bei Cammin in Pommern (nach 1945 Rarwino/Kamień Pomorski): Ein 48 × 22 × 20 cm großer und 9,75 kg schwerer Block, der im Berliner Museum für Naturkunde der Humboldt-Universität aufbewahrt wird und im Mineraliensaal ausgestellt ist; Sonnenstein (Saulės akmuo): etwa 3,5 kg, 21 × 19 × 15 cm; ausgestellt im Bernsteinmuseum in Palanga, Litauen. pgm.lt Außerdem zu erwähnen: Ein Einzelstück mit einem Gewicht von 4280 Gramm im Kaliningrader Bernsteinmuseum.Hrsg. Bernsteinmuseum Kaliningrad: Trade Routes of Amber. Kaliningrad 2011, ISBN 978-5-903920-21-1. Ein 2016 im Tagebau Primorski (Jantarny) gefördertes Stück mit einem Gewicht von ca. 2,7 Kilogramm,Königsberger Express. Ausgabe 9/2016, online-Ausgabe. Einschlüsse (Inklusen) mini|Eine im Bernstein eingeschlossene Trauermücke Entstehung mini|Pflanzliche Einschlüsse im Baltischen Bernstein Bewunderung lösen immer wieder die vorzüglich erhaltenen Einschlüsse im Bernstein aus. Insbesondere die Inklusen zart geflügelter Insekten bestechen durch ihre feinsten Details. Sie sind weder zusammengedrückt noch anderweitig verformt, wie viele Fossilien in Sedimentgesteinen. Selbst Spuren des Todeskampfes sind unverändert erhalten. Bei einigen Tieren ist eine Trübewolke (Verlumung) um massigere Körperteile zu beobachten, eine Folge austretender Gase und Flüssigkeiten bei der Verwesung des Tierkörpers. Deren beschränkte Ausbreitung ist wie der detailgetreue Abdruck nur bei einer sehr raschen Aushärtung vorstellbar, wie sie sonst nur bei schnell härtenden Kunststoffen auftritt. Die Inklusen sind nur der Abdruck des ehemaligen Lebewesens, im entstandenen Hohlraum sind in der Regel keine Bestandteile seines Körpers erhalten. Wie bereits im Abschnitt Entstehung beschrieben, können die bisherigen Vorstellungen über eine langsame Aushärtung durch die Untersuchungsergebnisse an Succinitstücken von Bitterfeld nicht aufrechterhalten werden. Der Succinit härtete bereits am Baum praktisch vollständig aus, dazu passt auch die formgetreue Erhaltung der Inklusen. Häufigkeit Organische Einschlüsse sind von den meisten Bernsteinarten bekannt, wenn auch in unterschiedlicher Häufigkeit. Bei der geologischen Erforschung der Bitterfelder Bernsteinlagerstätte wurde auch die Häufigkeit der Inklusen untersucht: Eine Tonne des Bitterfelder Succinit enthält schätzungsweise 4500 tierische Inklusen. Beim Succinit sind die sogenannten „Schlaubensteine“ besonders ergiebig. Die aus Harzflüssen außen am Baumstamm entstandenen Schlauben sind schichtartig aufgebaut (jede Schicht entspricht einem Harzfluss), wobei sich die Einschlüsse zumeist an den Trennflächen der Harzflüsse befinden. Oft handelt es sich bei den Funden allerdings nur um Fragmente der eingeschlossenen Organismen. Zooinklusen sind häufig beschädigt, vermutlich durch Vogelfraß, als das Tier noch nicht vollständig vom Harz eingeschlossen war. Nicht selten sind auch einzelne Beine langbeiniger Gliederfüßer (zum Beispiel Weberknechte) zu finden, die in der Lage waren, in Notsituationen ihre Beine abzuwerfen. Organische Reste aus zerfallenem Pflanzenmaterial und Holzmulm mit meist nicht identifizierbarer botanischer Herkunft treten häufig auf. Stücke mit vollständig erhaltenen Zeugnissen des damaligen Lebens sind aus wissenschaftlicher Sicht besonders wertvoll. Inklusen sind im Allgemeinen nur in transparenten oder zumindest halbtransparenten Stücken zu finden. Mit Hilfe der Synchrotronstrahlung ist es jedoch gelungen, auch in opaken Stücken organische Einschlüsse zu entdecken. Im Falle kreidezeitlichen Bernsteins aus Frankreich konnten durch eine Forschungsgruppe um den Paläontologen Paul Tafforeau unter Zuhilfenahme dieser Methode 3D-Modelle von Inklusen in opaken Bernsteinstücken aufgenommen werden.Undurchsichtiger Bernstein als Fossilienfundgrube: Synchrotronstrahlung enthüllt 356 kreidezeitliche Organismen. In: scinexx.de. Tiere und Pflanzen im Bernstein mini|Spinne in Bernstein mini|Chironome sp. im Baltischen Bernstein aus dem Eozän Die in Bernstein konservierten Lebensformen sind überwiegend Waldbewohner gewesen. Häufige Formen tierischer Einschlüsse (Zooinklusen) sind verschiedene Gliederfüßer (Arthropoden), vor allem Insekten wie Fliegen, Mücken, Libellen, Ohrwürmer, Termiten, Heuschrecken, Zikaden und Flöhe, aber auch Asseln, Krebstiere, Spinnen und Würmer sowie vereinzelt Schnecken, Vogelfedern und Haare von Säugetieren. Im oberkreidezeitlichen kanadischen Bernstein wurden einige sehr gut erhaltene Federn gefunden, die aufgrund ihrer strukturellen Merkmale von Dinosauriern stammen könnten.Ryan C. McKellar u. a.: A Diverse Assemblage of Late Cretaceous Dinosaur and Bird Feathers from Canadian Amber. In: Science. Band 333, Nr. 6049, S. 1619–1622, doi:10.1126/science.1203344. Mehrere Stücke mit Teilen von (lacertiden) Eidechsen, darunter ein weitgehend vollständiges Exemplar, wurden ebenfalls gefunden,Wolfgang Böhme, Wolfgang Weitschat: New finds of lizards on Baltic amber (Reptilia:Squamata:Sarria:Lacertidae). In: Faunistische Abhandlungen Staatliches Museum für Tierkunde Dresden. Band 23, Nr. 6, Dresden 2002, S. 117–130. (vgl. dazu auch den Abschnitt Fälschungen und Manipulationen). Besonders vollständige und detailreiche Inklusen von Echsen sind aus Myanmar bekannt geworden.Juan D. Daza, Edward L. Stanley, Philipp Wagner, Aaron M. Bauer, David A. Grimaldi: Mid-Cretaceous amber fossils illuminate the past diversity of tropical lizards. In: Science Advances. Band 2, Nr. 3, 4. März 2016, e1501080, doi:10.1126/sciadv.1501080. Falsch ist die Behauptung, es gebe Einschlüsse von Meereslebewesen im Bernstein. Bei den eingeschlossenen Lebewesen handelt es sich ausschließlich um Landbewohner (70 % aller Inklusen) und Süßwasserlebewesen (30 %) der Bernsteinwaldgebiete. Die einzigen Ausnahmen sind Einschlüsse von Asseln der Gattung Ligia, die in der Spritzwasserzone mariner Felsstrände leben, sowie eine in einem kleinen kreidezeitlichen Bernsteinstück aus Südwestfrankreich gefundene Fauna aus marinen Mikroorganismen (u. a. Kieselalgen und Foraminiferen). mini|links|Sternhaar in Baltischem Bernstein, Bildbreite ca. 1 mm Auch gibt es eine Vielzahl von pflanzlichen Inklusen (Phytoinklusen): Pilze, Moose und Flechten, aber auch Pflanzenteile, die von Lärchen, Fichten, Tannen, Palmen, Zypressen, Eiben und Eichen stammen. Der weitaus häufigste organische Einschluss im Succinit ist das sogenannte „Sternhaar“, das sich in fast allen Schlauben findet. Es sind winzige, mit bloßem Auge kaum sichtbare, strahlenförmig verästelte Pflanzenhaare (Trichome), die mit großer Wahrscheinlichkeit von Eichen stammen. Diese Einschlüsse werden als charakteristisches Merkmal des Succinit aus Lagerstätten des Baltischen Bernsteins angesehen.Jan Medenbach: Eichenhaare und -Blüten im Baltischen Bernstein. In: Oberhessische Naturwissenschaftliche Zeitschrift. Band 60, Gießen 1998–2000. Manchmal werden Inklusen mit Wassertropfen oder Lufteinschlüssen gefunden. Für Bernsteinstücke mit verschiedenen organischen Einschlüssen hat der polnische Paläoentomologe Jan Koteja den Begriff Syninklusen geprägt. Solche Bernsteinstücke sind einzigartige Beweisstücke über das zeitgleiche Vorkommen verschiedener Lebewesen in einem Habitat. Fossilisation Unter Luftabschluss in Bernstein konservierte Inklusen sind zwar Fossilien, aber im Gegensatz zu den meisten Fossilien wurde ihre Substanz während der Fossilisation nicht oder nicht vollständig mineralisiert. Dass aus DNA einer inkludierten Mücke, die Dinosaurierblut aufgenommen hat, mit Hilfe der Gentechnik ein lebendiger Dinosaurier erzeugt werden kann, wie dies im später als Jurassic Park verfilmten Buch DinoPark von Michael Crichton dargestellt wird, ist Gegenstand der Fiktion. Tatsächlich wurde wiederholt publiziert, dass aus Bernstein nicht nur sequenzierbare aDNA (alte DNA) isoliert werden kann,K. O. Walden, Hugh M. Robertson: Ancient DNA from amber fossil bees? In: Molecular Biology and Evolution. Band 14, Nr. 10, 1997, S. 1075–1077.Rob DeSalle, J. Gatesy, W. Wheeler, D. Grimaldi: DNA sequences from a fossil termite in Oligo-Miocene amber and their phylogenetic implications. In: Science. Band 257, Nr. 5078, 1992, S. 1933–1936, doi:10.1126/science.1411508.Raúl J. Cano, Heridrik N. Poinar, Norman J. Pieniazek, Aftim Acra, George O. Poinar Jr.: Amplification and sequencing of DNA from a 120–135-million-year-old weevil. In: Nature. Band 363, Nr. 6429, 1993, S. 536–538. auch aus Chloroplasten-DNA,Josep A. Rosselló: The never‐ending story of geologically ancient DNA: was the model plant Arabidopsis the source of Miocene Dominican amber? In: Biological Journal of the Linnean Society. Band 111, Nr. 1, 2014, S. 234–240, doi:10.1111/bij.12192.Kathrin Feldberg, Jochen Heinrichs, Alexander R. Schmidt, Jiří Váňa, Harald Schneider: Exploring the impact of fossil constraints on the divergence time estimates of derived liverworts. In: Plant Systematics and Evolution. Band 299, Nr. 3, 2013, S. 585–601, doi:10.1007/s00606-012-0745-y. sondern auch ProteineJeffrey L. Bada, Xueyun S. Wang, Hendrik N. Poinar, Svante Pääbo, George O. Poinar: Amino acid racemization in amber-entombed insects: implications for DNA preservation. In: Geochimica et Cosmochimica Acta. Band 58, Nr. 14, 1994, S. 3131–3135, doi:10.1016/0016-7037(94)90185-6. und sogar lebensfähige Organismen.C. L. Greenblatt, A. Davis, B. G. Clement, C. L. Kitts, T. Cox, R. J. Cano: Diversity of microorganisms isolated from amber. In: Microbial Ecology. Band 38, Nr. 1, 1999, S. 58–68, doi:10.1007/s002489900153.R. J. Cano, M. K. Borucki: Revival and identification of bacterial spores in 25- to 40-million-year-old Dominican amber. In: Science. Band 268, Nr. 5213, S. 1060–1064, doi:10.1126/science.7538699. Die Frage des aDNA-Nachweises wird jedoch kontrovers geführt. Wissenschaftler äußerten in der Vergangenheit ernste Zweifel an der Erhaltung von aDNA über JahrmillionenDavid A. Grimaldi: Amber: window to the past. Harry N. Abrams, Publishers, 1996, ISBN 978-0-8109-2652-3.Jeremy J. Austin, Andrew J. Ross, Andrew B. Smith, Richard A. Fortey, Richard H. Thomas: Problems of reproducibility – does geologically ancient DNA survive in amber–preserved insectt? In: Proceedings of the Royal Society of London B: Biological Sciences. Band 264, Nr. 1381, 1997, S. 467–474, doi:10.1098/rspb.1997.0067. und vermuteten Kontaminationen mit rezenter DNA.Gabriel Gutiérrez, A. Marin: The most ancient DNA recovered from an amber-preserved specimen may not be as ancient as it seems. In: Molecular Biology and Evolution. Band 15, Nr. 7, 1998, S. 926–929, doi:10.1093/oxfordjournals.molbev.a025998.Jeremy J. Austin, Andrew B. Smith, Richard H. Thomas: Palaeontology in a molecular world: the search for authentic ancient DNA. In: Trends in Ecology & Evolution. Band 12, Nr. 8, 1997, S. 303–306, doi:10.1016/S0169-5347(97)01102-6.Beth Shapiro, M. Hofreiter: Ancient DNA. Humana Press, 2012, Kapitel V.15, S. 475–481. Eine Erhaltungsmöglichkeit von aDNA, z. B. innerhalb fossilierter Knochen, wird prinzipiell nahezu ausgeschlossen, da die DNA nach dem Tod eines Lebewesens rasch zerfällt und nach spätestens 6,8 Mio. Jahren ohne Luftabschluss nicht mehr nachweisbar ist. Dieser Ansicht widersprechen andere Wissenschaftler und belegen, dass es durchaus Erhaltungsmöglichkeiten für sehr alte aDNA gebe.S. P. Tiwari, D. K. Chauhan: Ancient DNA: the molecular evidence of the evolutionary past. In: Bioherald: International Journal of Biodiversity & Environment. Band 2, Nr. 1, 2012, S. 19–24.Erika Hagelberg, Michael Hofreiter, Christine Keyser: Ancient DNA: the first three decades. In: Philosophical Transactions of the Royal Society B: Biological Sciences. Band 370, Nr. 1660, 2015, 20130371, doi:10.1098/rstb.2013.0371. aDNA-Extraktionen und deren Analysen seien auch an sehr alten Fossilien möglich.Bernd Herrmann, Susanne Hummel (Hrsg.): Ancient DNA: Recovery and Analysis of Genetic Material from Paleontological, Archaeological, Museum, Medical, and Forensic Specimens. Springer Science & Business Media, 1994, ISBN 978-1-4612-4318-2. Allerdings wurde festgestellt, dass bei sehr alter aDNA, etwa aus dem Miozän, gehäuft mit Veränderungen zu rechnen sei, da die ursprüngliche Base Cytosin dann als Uracil vorliegen könne, was die Interpretation erschwere.Jesse Dabney, Matthias Meyer, Svante Pääbo: Ancient DNA damage. In: Cold Spring Harbor perspectives in biology. Band 5, Nr. 7, 2013, a012567, doi:10.1101/cshperspect.a012567. Geschichte der Inklusenforschung Schon in der Antike bestand Gewissheit über den organischen Charakter zahlreicher Einschlüsse in Bernstein. Allerdings stehen zu der Zeit noch biologisch zutreffende Wahrnehmungen neben Dichtung und Mythos, wie sich beispielhaft an den Titeln zweier Epigramme des Martial zeigen lässt: Über eine Biene in Bernstein und Über eine Viper in Bernstein. Sein Epigramm über eine Ameise in Bernstein ist im Kapitel Bernstein in Mythologie und Dichtung vollständig wiedergegeben. Die naturwissenschaftliche Erforschung der Einschlüsse setzte allerdings erst im 18. Jahrhundert ein, was nicht zuletzt mit der Verfügbarkeit deutlich verbesserter technischer Hilfsmittel (insbesondere Mikroskope) sowie dem enormen Fortschritt in der biologischen Forschung zusammenhängt. Im 19. Jahrhundert erschienen die ersten Monografien über Tier- und Pflanzengruppen (zu nennen sind hier insbesondere folgende Autoren von bis heute wichtig gebliebenen Arbeiten über Einschlüsse in Baltischem Bernstein: Heinrich Göppert, Georg Carl Berendt, Hugo Conwentz, Robert Caspary, Richard Klebs, Anton Menge und Fernand Meunier). Eine bedeutungsvolle Rolle in der Bernsteinforschung spielen die reichhaltigen Inklusen des Bitterfelder Succinits. Die bei der Untersuchung bei einigen Tiergruppen, insbesondere Spinnen, festgestellten Übereinstimmungen mit denen aus den Sammlungen baltischen Succinits führte zur Annahme,Jörg Wunderlich: Zur Konservierung von Bernstein-Einschlüssen und über den Bitterfelder Bernstein. In: Neue Entomologische Nachrichten. Band 4, Keltern 1983, S. 11–13. dass der Bernstein der Bitterfelder Lagerstätte nur umgelagerter Baltischer Bernstein sei. Die umfassende Kenntnis zu den Bernsteinvorkommen in Mitteldeutschland schließt aber eine solche Möglichkeit aus (siehe Abschnitt Weltweites Vorkommen von Bernstein). Bereits seit langemH. Schumann, H. Wendt: Zur Kenntnis der tierischen Inklusen des Sächsischen Bernsteins. In: Deutsche entomologische Zeitschrift, Neue Folge. Band 36, Berlin 1989, S. 33–44. wird es für möglich gehalten, dass in die Sammlungen des Baltischen Bernsteins auch Inklusen aus den miozänen Schichten des Samlands, die in der Anfangsphase der Gewinnung abgebaut wurden (siehe Abschnitt Bernsteingewinnung in der vorbergbaulichen Zeit), geraten sind, also eine vermischte Fauna vorliegt. Eine endgültige Klärung kann nur durch neue Aufsammlungen aus der aktuellen Bernsteingewinnung in Jantarny erfolgen, denn diese erfolgt allein aus der obereozänen „Blauen Erde“. An Darstellungen der Tier- und Pflanzenwelt im Baltischen Bernstein jüngeren Datums sind beispielsweise zu nennen die wissenschaftlichen, aber weithin noch allgemeinverständlichen Arbeiten von Wolfgang Weitschat und Wilfried Wichard (Atlas der Pflanzen und Tiere im Baltischen Bernstein), George O. Poinar jr. (Life in amber) sowie die streng wissenschaftliche Arbeit von Sven Gisle Larsson (Baltic Amber – a Palaeobiological Study). Die größten Inklusensammlungen aus Baltischem Bernstein Die wohl größte jemals existierende Sammlung organischer Einschlüsse in Baltischem Bernstein dürfte mit etwa 120.000 Stücken die der Albertus-Universität Königsberg gewesen sein. Der größte Teil dieser Sammlung ist in den Wirren des Zweiten Weltkrieges untergegangen, der erhaltene Teil befindet sich heute im Institut und Museum für Geologie und Paläontologie (IMGP) der Universität Göttingen.S. Ritzkowski: Geschichte der Bernsteinsammlung der Albertus-Universität zu Königsberg i.Pr. In: Bernstein – Tränen der Götter. Bochum 1996. Von erheblicher Bedeutung war vor dem Zweiten Weltkrieg auch die Sammlung des Westpreußischen Provinzial-Museums Danzig, deren Bestand deutlich mehr als 13.000 Exemplare umfasst haben muss. Zu den größten Sammlungen unserer Tage zählen die der folgenden Institutionen:S. Podenas: Baltic amber inclusions and their investigations in Lithuania. – Publishing Office of Vilnius Academy of Fine Arts, Vilnius 2001. Natural History Museum, London (ca. 25.000 Ex.) Das Deutsche Bernsteinmuseum in Ribnitz-Damgarten Museum der Erde, Warschau (ca. 25.000 Ex.) Zoologisches Institut St. Petersburg (ca. 25.000 Ex.) Paläontologisches Museum der Humboldt-Universität zu Berlin (ca. 20.000 Ex.) Museum für vergleichende Zoologie der Harvard University, Cambridge (16.000 Ex.) Bernsteinmuseum Palanga, Litauen (mehr als 14.400 Ex.; nach Baker et al.Richard A. Baker et al.: Amber inclusions of arthropods (particularly insects and mites) in European museums – documentation and photography. In: Acta zoologica cracoviensia 46: 399–405, Kraków 2003. ca. 25.000) Museum für Bernsteininklusen an der Universität Danzig, Polen (mehr als 13.500 Ex.)A. Pielińska: Modern tourist route 'Amber in the collections of Polish museums'. In: Trade routes of amber. Kaliningrad 2011. Institut für Geologie und Paläontologie, Göttingen (mehr als 11.000 Ex.) Zoologisches Museum Kopenhagen (ca. 7600 Ex.) Senckenberg-Museum Frankfurt (Main) (mehr als 7000 Ex., Schwerpunkt Spinnen).V. Girard u. a.: Die Bernstein-Sammlung des Frankfurter Senckenberg-Instituts. In: Fossilien. 5/2011, Wiebelsheim 2011. Gebrauchsgegenstände und technische Geräte mini|Sarkophagähnliche Schatulle aus verschiedenen Sorten Bernstein. Danzig, frühes 17. Jahrhundert. In der chemischen Industrie wurde zunächst nicht für die Schmuckindustrie geeigneter Bernstein für die Herstellung von Bernsteinlack, Bernsteinöl und Bernsteinsäure verwendet. Lacke setzten sich zumeist aus Kolophonium (verbleibende feste Masse geschmolzenen Bernsteins nach Destillation von Bernsteinöl und Bernsteinsäure), Terpentinöl und Leinölfirnis, mitunter ergänzt um Bleiglätte, in unterschiedlichen Rezepturen je nach Verwendung des Endproduktes (zum Beispiel als Schiffslack oder Fußbodenlack) zusammen. Zeitweilig wurden die Pferdehaare des Geigenbogens mit reinem Kolophonium bestrichen („Geigenharz“). Reines Bernsteinöl diente als Holzschutzmittel, das sich als sehr wirksam erwiesen hat, Bernsteinsäure fand Verwendung bei der Herstellung bestimmter Farben. Heute werden diese Produkte nahezu ausschließlich synthetisch erzeugt. Ende des 17. Jahrhunderts entstanden Techniken, Bernstein zu entfärben. Das klare Endprodukt wurde als Rohmaterial für optische Linsen verwendet. Optische Geräte, in denen Bernsteinlinsen verwendet wurden, blieben bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts in Gebrauch.B. Kosmowska-Ceranowicz u. a.: Spuren des Bernsteins. Naturkunde-Museum, Bielefeld 1991, . Bis zum Zweiten Weltkrieg (zum Teil noch – etwa in Hamburg – bis 1950Ernst Kern: Sehen – Denken – Handeln eines Chirurgen im 20. Jahrhundert. ecomed, Landsberg am Lech 2000, ISBN 3-609-20149-5, S. 190.) wurden bei Bluttransfusionen aus Bernstein gefertigte Gefäße verwendet, da auf diese Weise der Blutgerinnung entgegengewirkt werden konnte. Ein weiteres sehr seltenes Einsatzgebiet waren elektrische Isolatoren, da der spezifische Widerstand von Bernstein mit ungefähr 1014 bis 1018 Ω·m größer als der von Porzellan ist. Pressbernstein Der in den 1870er Jahren in Königsberg entwickelte Pressbernstein wurde in industriellem Maßstab seit 1881 in Wien und später auch in der Staatlichen Bernstein-Manufaktur Königsberg zur Herstellung von Gebrauchsgegenständen wie Zigarettenspitzen, Mundstücken von Tabakpfeifen oder der türkischen Tschibuk, Nippes (Kunsthandwerk) und billigem Schmuck verwendet. Nach Afrika exportierter Pressbernstein wurde auch abschätzig als Negergeld bezeichnet.Hansjürgen Saechtling, Wilhelm Küch: Kunststoffe im Wettbewerb. In: Chemische Industrie. Band 3, Heft 10, 1951, S. 603. Pressbernstein wird aus verdichtetem Bernsteinstaub hergestellt. Charakteristisch ist seine homogene Konsistenz und relative Lichtundurchlässigkeit, er besitzt als echter Bernstein bezeichnet im Unterschied zu Naturbernstein keine natürlichen Risse und/oder Inklusen.Bernstein: Gute Qualität erkennen, Artikel auf ndr.de vom 17. März 2017; abgerufen am 28. September 2023 Der preisgünstige Pressbernstein wurde nach einiger Zeit von dem billigeren Kunststoff ersetzt. Es begann mit Bakelit, durch den Pressbernstein fast vollständig verdrängt wurde. Mythologie und Dichtung Abgesehen von den zahlreichen prosaischen Textstellen antiker Schriften (unter anderem Herodot, Plato, Xenophon, Aristoteles, Hippokrates, Tacitus, Plinius der Ältere, Pytheas; Waldmann führt 31 erhaltene antike Textstellen auf und verweist auf Plinius, der in seinem Traktat über Bernstein weitere 30 Textstellen erwähnt, die uns nicht erhalten sind), in denen es zumeist darum geht, Bernstein zu beschreiben und seine Herkunft zu erklären, hat das fossile Harz auch in Mythologie und Dichtung seinen festen Platz. Dazu gehörten ohne Zweifel einige Schriften der zahlreichen von Plinius dem Älteren erwähnten Autoren, die sich mit Baumharz auf irgendeine Art beschäftigt haben, deren Werke aber nicht überliefert sind. Die frühesten uns überlieferten dichterischen Erwähnungen von Bernstein sind Mythen und Sagen, in denen Wesen mit übernatürlichen Kräften (Götter, Halbgötter und Gestalten der Unterwelt) durch ihr Handeln zur Entstehung des Bernsteins beigetragen haben. Ein Beispiel dafür sind Tränen der Heliaden, die in den auf Euripides’ Trauerspiel Der bekränzte Hippolytos zurückgehenden Metamorphosen Ovids flossen, als Phaeton, der Bruder der Heliaden, in seinem Sonnenwagen der Erde zu nah kam, da ihm die Pferde durchgingen und er von einem Blitzstrahl des Zeus getroffen wurde, nachdem die Erde sich bei ihm über Phaetons Verhalten beklagt hatte. Die goldenen Tränen der zu Pappeln verwandelten trauernden Schwestern erstarrten zu electron (Bernstein).S. Döpp: Die Tränen von Phaetons Schwestern wurden zu Bernstein: Der Phaeton-Mytohs in Ovids „Metamorphosen“. In: Bernstein – Tränen der Götter. Bochum 1996, ISBN 3-921533-57-0, S. 1–10. Dieser Mythos findet sich auch in Homers Odyssee wieder, als das Schiff der Argonauten in den Fluss Eridanos getrieben wurde, aus dem noch die Rauchschwaden des an dieser Stelle in das Wasser gestürzten Sonnenwagens des Phaeton emporstiegen.G. Ludwig: Sonnensteine – Eine Geschichte des Bernsteins. Die Wirtschaft, Berlin 1984, . Dieser Fluss kehrt in antiken Schriften immer wieder als der Ort zurück, von dem aller Bernstein stammen soll. So heißt es zum Beispiel bei Pausanias in seiner Beschreibung Griechenlands: Ähnlich dramatisch wie im Mythos der Tränen der Heliaden verlaufen die Ereignisse in der aus dem Gebiet des heutigen Litauen stammenden Legende von Jūratė und Kastytis, an deren Ende die Zerstörung eines auf dem Meeresgrund befindlichen Schlosses aus Bernstein steht, womit die sich stetig erneuernden Strandfunde an der Ostsee mit dichterischen Mitteln erklärt sind. Auch über in Bernstein eingeschlossene Insekten sind bereits aus römischer Kaiserzeit dichterische Darstellungen bekannt. Beispielsweise verfasste der römische Dichter Martial zur Regierungszeit des Kaisers Titus folgenden Vers, in dem wiederum der vom Blitz getroffene Phaeton erscheint, um den die Heliaden ihre zu Bernstein erstarrten Tränen vergossen hatten: Ein frühes Beispiel dichterischer Bearbeitung in der deutschen Literatur gibt der im ostpreußischen Neidenburg geborene Dichter Daniel Hermann mit seinen in Latein verfassten Versen auf einen Bernsteinfrosch und eine Bernsteineidechse aus der Sammlung des Danziger Kaufmanns Severin Goebel, der offenbar Fälschungen aufgesessen war. In zahlreichen späteren Werken ostpreußischer Heimatdichtung bis in das 20. Jahrhundert steht immer wieder das „Gold des Nordens“ im Mittelpunkt von Versen. Maria Schade (Ostpreußenland), Rudolf Schade (Samlandlied), Johanna Ambrosius (Ostpreußenlied), Hans Parlow (Pillauer Lied) und Felix Dahns (Die Bernsteinhexe) sowie eine der bekanntesten Dichterinnen ostpreußischer Herkunft, Agnes Miegel (Das war ein Frühling und Das Lied der jungen Frau), sollen hier nur stellvertretend für viele andere erwähnt werden. Neben der reichhaltigen Fachliteratur und den vielen, meist in deutscher, polnischer oder englischer Sprache erschienenen populärwissenschaftlichen Veröffentlichungen sind in jüngerer Zeit auch immer wieder Dokumentationen und erzählerische Werke rund um das Thema Bernstein erschienen, die einem größeren Publikum bekannt wurden. An dieser Stelle seien – ohne jegliche Wertung – einige dieser Titel erwähnt: Die Bernsteinzimmer-Saga von Günter Wermusch, Die Bernsteinsammlerin von Lena Johannson, Die Mücke im Bernstein von Else G. Stahl, Das Bernstein-Amulett von Peter Prange. Legendäre Heilkräfte und Schutzzauber Thales setzte die elektrostatischen Eigenschaften des Bernsteins mit magnetischen Kräften gleich, die nicht nur Staub und Gewebefasern anziehen, sondern auch andere winzige Gebilde, die schädlich auf die menschliche Gesundheit einwirken können (heute würden wir dazu Krankheitserreger sagen). Nicht zuletzt deswegen wird Bernstein seit alters her als Heilmittel eingesetzt. So schreibt Plinius der Ältere in seiner Naturalis historia, dass auf der Haut getragene Bernsteinamulette vor Fieber schützen. Der griechische Arzt Pedanios Dioskurides beschrieb im 1. Jahrhundert n. Chr. in seinem Werk Materia medica die Heilwirkung von Bernstein bei Podagraschmerzen, Dysenterie und Bauchfluss.Pedanius Dioskurides: Materia Medica, Buch I und II. (Deutsche Übersetzung). Die Menschen der Urgeschichte und des Altertums fanden für die außergewöhnlichen Eigenschaften des Bernsteins keine einleuchtende Erklärung. Dies führte dazu, dass dem fossilen Harz vielerorts eine dämonenabwehrende Wirkung als Apotropaion zugeschrieben wurde. Der Bernstein wurde am Körper getragen, oft mit einem Band um den Hals befestigt. Später kamen Formgebung und Verzierung hinzu, die zunächst figurative Darstellungen waren, durch die Heilkräfte und Schutzzauber des Bernsteins verstärkt und kanalisiert werden sollten; später verselbständigten sich diese dekorativen Bearbeitungen zu Schmuck, beispielsweise in Gestalt von Anhängern.K. Andrée: Der Bernstein und seine Bedeutung in Natur- und Geisteswissenschaften, Kunst und Kunstgewerbe, Technik, Industrie und Handel. Königsberg 1937. Nach mittelalterlichen Manuskripten (12. Jahrhundert), die Hildegard von Bingen zugeschrieben werden, galt Bernstein als eines der wirksamsten Medikamente gegen eine ganze Reihe von Erkrankungen und Beschwerden (zum Beispiel Magenbeschwerden, Blasendysfunktion). Aus der gleichen Zeit stammt das Verbot, mit weißem Bernstein zu handeln, ausgesprochen vom Deutschen Orden, der die Bernsteingewinnung und -nutzung kontrollierte, da ihm besondere heilende Kräfte zugeschrieben wurden und er vom Orden selbst für medizinische Zwecke verwendet wurde. Georgius Agricola empfahl in seiner Schrift „De peste“ (1554) verschiedene Bernsteinmixturen als vorbeugendes Mittel gegen die Pest. Einige Autoren veröffentlichten genaue Rezepturen: Nicholas Culpeper (1654) empfahl ca. 0,7 Gramm Bernstein zur Einnahme als Mittel bei erschwertem Urinieren; William Salmon (1696) hielt eine Mischung aus 2,3 Gramm Bernsteinpulver mit 0,14 Liter Weißwein für heilsam gegen Epilepsie, und Jan Freyer (1833) mischte Bernsteinöl mit sechs Teilen destilliertem Wasser und verschrieb dieses Mittel in unterschiedlicher Dosis und Zubereitungsform als Arznei zur äußerlichen und innerlichen Anwendung bei einer Vielzahl von Erkrankungen und Beschwerden (Krämpfe, Bandwürmer, Rheuma und vieles andere mehr).M. Ganzelewski: Die Verwendung von Bernstein in Bernsteinerzeugnissen. In: Bernstein – Tränen der Götter. Bochum 1996. Der Mediziner und Mikrobiologe Robert Koch analysierte im Jahre 1886 Bernsteinsäure und kam zu dem Ergebnis, dass Bernsteinsäure einen positiven, unter anderem immunitätssteigernden Einfluss auf den menschlichen Organismus haben kann und, selbst in großen Mengen verabreicht, den Organismus nicht schädigt. Medikamente mit dem Wirkstoff Bernsteinsäure sind noch heute – insbesondere in den USA und in Russland – im Handel. Auch in der Homöopathie werden Präparate verwendet, die Bernsteinextrakte enthalten. Da Bernsteinsäure in der Verwitterungskruste des Rohbernsteins angereichert ist, wird in der Naturheilkunde oftmals empfohlen, unbearbeiteten Bernstein direkt auf der Haut zu tragen.G. Gierlowska: Bernstein in der Heilkunde. Danzig 2004, ISBN 83-917704-8-6. Der Glaube an die „Kraft des Steins“ findet sich auch in magischen Vorstellungen der Neuzeit wieder – etwa, wenn empfohlen wird, Ehefrauen nachts Bernstein auf die Brust zu legen, um sie so zum Gestehen schlechter Taten zu bringen. Im Volksaberglauben gilt Bernstein als Schutz vor bösem Zauber und soll Dämonen, Hexen und Trolle vertreiben. In der Esoterik gilt Bernstein als Heil- und Schutzstein, der Ängste nehme und Lebensfreude schenke. Um seine volle Wirkung zu entfalten, müsse er lange ohne Unterbrechung auf der Haut getragen werden. Wissenschaftliche Belege gibt es dafür nicht. Ferner wird Bernstein von Esoterikern als Zahnungshilfe eingesetzt: Eine Bernsteinkette, um den Hals des Babys gelegt, erleichtere dem Kind das Zahnen und nehme ihm die Schmerzen. Bernstein entfalte angeblich eine entzündungshemmende Wirkung. Wahrscheinlicher ist, dass Bernstein aufgrund seiner Beschaffenheit als Beißring taugt, wenn das Baby die Kette in den Mund nimmt. Ebenfalls wird eine Aura aus positiven Schwingungen in der Steinheilkunde erwähnt, die vom Bernstein ausgehe. Allerdings gehen von Bernsteinketten auch Gefahren für die Kleinkinder aus. So kann es zur Strangulation durch die Kette selbst kommen, oder abgebrochene Teile des Bernsteins können eingeatmet werden und die Atemwege verletzen oder gar verstopfen.Das Zahnen und die „Bernsteinlegende“. Kinder & Jugendärzte im Netz. Hypothesen zur Herkunft Der Königsberger Konsistorialrat Johann Gottfried Hasse, ein früher Verfechter der zu seiner Zeit nicht unbestrittenen Ansicht, dass Bernstein pflanzlicher Herkunft ist, beschäftigte sich auch mit Methoden der Mumifizierung und kam durch seine Kenntnis von Bernsteininklusen zu der Ansicht, dass in der Antike Bernstein als Konservierungsmittel eine Rolle spielte. In einer 1799 veröffentlichten Schrift bringt er sein Bedauern darüber zum Ausdruck, dass dieses Wissen offenbar verloren gegangen ist und, wäre es noch vorhanden, „[…] so hätte man Friedrichs des Zweyten irdische Reste für die Nachwelt verewigen sollen […]“.J. G. Hasse: Preußens Ansprüche, als Bernsteinland das Paradies der Alten und Urland der Menschheit gewesen zu seyn; aus biblischen, griechischen und lateinischen Schriftstellern gemeinverständlich erwiesen. Nicolovius, Königsberg in Preußen 1799, . Verarbeitung und Pflege von Bernstein Bernstein wurde schon in der Steinzeit bearbeitet. Durch seine geringe Härte (Mohshärte >2,5) ist das ohne maschinellen Aufwand möglich. Werkzeug Zur Bearbeitung von Bernstein wird Nass-Schleifpapier mit Körnungen von 80 bis 1000 verwendet sowie Nadelfeilen mit Hieb 1 und 2, Schlämmkreide (Alternative: Zahnpasta), Brennspiritus, Wasser, Leinen- oder Baumwolllappen, Fensterleder (Ledertuch), eine kleine Bohrmaschine und Spiralbohrer (max. 1 mm), eine mittelstarke Laubsäge (zum Zerschneiden großer Bernsteinstücke) und eine Angelsehne (zum Auffädeln einer Kette). Verarbeitungsprozess mini|Arbeitsplatz eines Schmuckhandwerkers (1965) Im ersten Schritt wird der Bernstein gefeilt und poliert. Dabei wird die unerwünschte Verwitterungskruste mit der Nadelfeile oder Nass-Schleifpapier der Körnung 80 bis 120 entfernt. Zum Aufbau des Schliffs werden mit dem Bernstein oder dem Schleifpapier kreisende Bewegungen ausgeführt. Dabei wird die Körnung stufenweise bis auf 1000 erhöht. Diese Bearbeitung erfordert etwas Geduld, da die gröberen Schleifspuren des vorherigen Schleifpapiers glatt geschliffen sein müssen, bevor die nächstfeinere Körnung benutzt werden kann. Zudem sollte der Bernstein vor jedem Wechsel des Schleifpapiers gründlich mit Wasser abgespült werden, um ihn nicht zu überhitzen (dadurch kann eine klebrige Oberfläche entstehen) und um Kratzer zu vermeiden. Im zweiten Schritt wird der Bernstein der Politur, dem letzten Arbeitsgang beim Schleifen, unterzogen. Dazu wird ein Leinen- bzw. Baumwolltuch mit Spiritus angefeuchtet und mit Schlämmkreide bestrichen. Mit dem so präparierten Tuch wird der Bernstein in kreisenden Bewegungen poliert und anschließend unter Wasser ausgewaschen. Zum Schluss wird der Bernstein mit einem Fensterleder nachpoliert. Im dritten Schritt wird in den Bernstein, falls gewünscht, ein Loch gebohrt. Der Bohrer wird in eine elektrische Handbohrmaschine eingespannt. Die verwendete Drehzahl sollte niedrig sein, und eine gewisse Übung in der Handhabung von Bohrern ist nicht nur aus Sicherheitsgründen von Vorteil. Der Bohrer darf nicht verkanten oder mit großem Druck durch den Bernstein getrieben werden, da Bernstein sehr druckempfindlich und damit die Bruchgefahr sehr groß ist. Sollte der Bernstein doch einmal brechen, hilft ein handelsüblicher Sekundenkleber. Matte, wenig glänzende, stumpfe oder ältere Bernsteine bekommen mit etwas Möbelwachs einen schönen Glanz. Eine weitere Form der Ver- oder Bearbeitung stellt die Arbeit des Bernsteindrechslers dar. In Deutschland wird diese Spezialisierungsrichtung des Drechslers nur noch in einem Betrieb in Ribnitz-Damgarten gelehrt – der Ribnitzer Bernstein-Drechslerei GmbH. Pflege und Konservierung Unter Einfluss von Luftsauerstoff und Feuchtigkeit entwickelt Bernstein eine Verwitterungskruste (durch Oxidation). Dieser oftmals in der Lagerstätte des Bernsteins bereits einsetzende Prozess (sogenannter Erdbernstein trägt zumeist eine kräftige Verwitterungskruste) setzt sich fort, wenn Bernstein als Schmuck- oder Sammlungsstück aufbewahrt wird. Bis heute ist keine Methode bekannt, mit der dieser Prozess völlig unterbunden werden könnte, ohne nachteilige Auswirkungen anderer Art hervorzurufen (z. B. Einschränkung der Untersuchungsmöglichkeiten bei Eingießung in Kunstharz; Gefahr des Eindringens von Substanzen aus der Konservierungsmatrix in das fossile Harz usw.). Alle bisher bekannten Konservierungsmethoden können mithin lediglich den Verwitterungsprozess verlangsamen. Für den Hausgebrauch genügt es im Allgemeinen, Bernstein dunkel, kühl und trocken aufzubewahren. Schmuckstücke aus Bernstein sollten regelmäßig unter fließend warmem Wasser gespült und nicht in die Sonne gelegt werden, da Bernstein schnell brüchig wird. Außerdem sollten weder Seife bzw. Putzmittel noch chemische Substanzen verwendet werden, da durch den Kontakt mit diesen Stoffen irreparable Schäden entstehen können. Stücke von besonderem (wissenschaftlichen) Wert sollten hingegen fachkundig konserviert werden. Dazu bedarf es in der Regel der Unterstützung durch einen Spezialisten (z. B. einen Konservator an einem naturkundlichen Museum). Einige gängige Konservierungsmittel und -methoden werden von K. Kwiatkowski (2002) beschrieben.K. Kwiatkowski: Selected methods of amber conservation. In: Amber – views – opinions. S. 97–100, Warschau, Danzig 2006 (Erstveröffentlichung des Beitrages 2002). Fälschungen, Manipulationen und Imitationen Bernsteinnachbildungen (Imitationen) sind in sehr vielfältiger Form im Handel. Das trifft vor allem auf den Baltischen Bernstein zu. Meist handelt es sich um Nachbildungen auf der Grundlage verschiedenartiger Kunstharze, deren Eigenschaften zur Herstellung von Objekten, die das Erscheinungsbild von Bernstein haben, sich im Laufe mehrerer Jahrzehnte mehr und mehr verbessert haben. Um Fälschungen handelt es sich nach allgemeinem Sprachgebrauch stets dann, wenn Bernstein in der Absicht nachgebildet wird, ihn als Naturbernstein oder echten Bernstein auszugeben und er als solcher angeboten wird. Nach dem Gesetz zum Schutz des Bernsteinsvom 3. Mai 1934 (RGBl. I S. 355). durfte nur Naturbernstein als Bernstein bezeichnet werden, und die Kennzeichnung als Bernstein durfte nur durch den ersten Verkäufer bzw. den Hersteller von Bernsteinerzeugnissen erfolgen. Das Gesetz wurde 2006 aufgehoben,durch Art. 15 des Ersten Gesetzes zur Bereinigung des Bundesrechts im Zuständigkeitsbereich des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie und im Zuständigkeitsbereich des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales vom 19. April 2006 (). da der bezweckte Schutz ausreichend durch andere Rechtsvorschriften, insbesondere das Recht des unlauteren Wettbewerbs, gewährleistet sei.BT-Drs. 16/34, S. 12 f. Aufgrund der Wertschätzung, die seit alters her organischen Bernsteineinschlüssen entgegengebracht wird, sind Inklusen naturgemäß besonders häufig Gegenstand von Fälschungen. Schon aus dem 16. Jahrhundert sind gefälschte Bernsteineinschlüsse bekannt. Man versuchte damals, Tiere wie Frösche, Fische oder Eidechsen als Inklusen im Bernstein unterzubringen, eine Praxis, die auch heute noch üblich ist. Göbel berichtet 1558 über Nachbildungen (ein Frosch und eine Eidechse), die ein Danziger Händler einem italienischen Adeligen aus Mantua verkaufte.R. Kulczyński: Amber trade at European mineralogical fairs. In: Amber – views – opinions. Danzig, Warschau 2006. Im Jahre 1623 erhielt der polnische König Sigismund III. Wasa, ein Kunstsammler und -mäzen, anlässlich seines Besuchs der Stadt Danzig einen in Bernstein eingeschlossenen Frosch von den Bürgern der Stadt als Gastgeschenk. Auch in der umfangreichen Sammlung von August dem Starken befanden sich nach einer von Sendelius im Jahre 1742 veröffentlichten Bestandsaufnahme (in der diese noch als authentisch angesehen wurden) zahlreiche Fälschungen, zumeist Wirbeltiere oder riesige Insekten. Dabei fällt es auch der Wissenschaft nicht immer leicht, zu einem sicheren Ergebnis zu kommen. Ein bekanntes Beispiel dafür ist die sogenannte „Bernstein-Eidechse von Königsberg“, die erstmals 1889 schriftlich erwähnt wird. Später tauchten wiederholt Zweifel an der Echtheit des Stückes auf – es wurde vermutet, die Eidechse sei von Menschenhand in Kopal eingebettet worden –, bis es am Ende des Zweiten Weltkrieges verschollen war. Nachdem das Stück Ende der 1990er Jahre im Geologisch-Paläontologischen Institut der Georg-August-Universität Göttingen wieder auftauchte und erneut gründlich untersucht wurde, ist jetzt seine Echtheit bestätigt.W. Böhme und W. Weitschat: Redescription of the Eocene lacertid lizard Nucras succinea from Baltic amber and its allocation to ‘Succinilacerta’ n. gen. In: Mitt. Geol.-Paläont. Inst. Univ. Hamburg. 81: 203–222, Hamburg 1998. Dabei spielten im Bernsteinstück vorhandene Syninklusen (in diesem Fall Eichensternhaare) eine nicht unerhebliche Rolle. Nicht selten wird auch der Bernstein selbst gefälscht, das trifft vor allem für Bernsteinvarietäten zu, die aufgrund ihrer Farbe, Transparenz oder Größe in der Natur nur selten vorkommen. Abgesehen von ihrem Brenngeruch und ihrer geringen Härte bzw. Dichte sind manche Bernsteinsorten nur schwer von entsprechend gefärbten Kunststoffen zu unterscheiden. Solche Nachbildungen bestehen meist aus Materialien, die den Kunststoffgruppen der Thermoplasten und Duroplasten angehören. Darunter fallen Stoffe wie Zelluloid, Plexiglas, Bakelit, Bernit (Bernat) und Casein. Gängige Handelsnamen dafür sind unter anderem Galalith, Alalith oder Lactoid. Auch der in der DDR produzierte künstliche Bernstein aus Polyester und Bernsteinstücken, der als Polybern verkauft wurde, gehört zu diesen Kunststoffnachbildungen. In jüngerer Zeit sind häufig Bernsteinnachbildungen aus Polyesterharzen im Handel zu finden, oft ist dem Polyesterharz zuvor eingeschmolzener Naturbernstein zugefügt. In solche Objekte werden nicht selten rezente Insekten oder Spinnen eingefügt, die als Bernsteininklusen ausgegeben werden. Solche Nachbildungen werden besonders in Ländern mit reichen Bernsteinvorkommen und entsprechend umfangreichem Warenangebot hergestellt und im Handel angeboten (Polen, Russland).G. Gierłowska: Guide to Amber Imitations. Gdańsk 2003, ISBN 83-917704-3-5. Mischungen von Bernstein und Kunstharzen sind mitunter an den Trennlinien der verwendeten Materialien zu erkennen, wenn Fragmente von Naturbernstein in das Kunstharz eingefügt wurden, ohne ihn zuvor zu schmelzen. Weniger leicht zu identifizieren sind Rekonstruktionen aus pulverisiertem Schleifabfall oder kleinen Bruchstücken des puren Bernsteins, die miteinander verschmolzen werden. Bernsteinrekonstruktionen dürfen als „Echt Bernstein“ verkauft werden, da die Grundlage tatsächlich echter Bernstein(staub) ist. Er ist auch als Pressbernstein bekannt. Zum Prüfen, ob es sich bei einem Bernstein um ein Original oder ein Imitat handelt, kann eine glühende Nadel verwendet werden. Diese hält man an den Stein und zieht sie mit etwas Druck darüber. Bildet sich eine Rille und wird der Stein schmierig bzw. riecht er harzig, während die Nadel an einer Stelle bleibt, ist es Bernstein. Andernfalls ist es ein Imitat. Alternativ kann man auch die Dichte des Bernsteins zum Test nutzen. Bernstein sinkt in Süßwasser (z. B. normalem Leitungswasser), schwimmt jedoch in konzentriertem Salzwasser. Man benutzt zwei Gefäße, eines mit Süßwasser, eines mit Salzwasser (etwa zwei Esslöffel Salz auf einen Viertelliter Wasser). Bernstein versinkt im ersten Glas, schwimmt jedoch im zweiten. Plastik schwimmt auch auf Süßwasser, Steine und Glas versinken auch im Salzwasser. Zur Prüfung der Echtheit von Bernstein eignet sich auch die Fluoreszenz-Methode, da Bernstein unter UV-Licht weiß-blau strahlt, Plastik jedoch nicht. Eine 100 % korrekte Prüfung, ob es sich tatsächlich um echten Bernstein handelt, ist nur durch die FTIR-Spektroskopie feststellbar, da die oben genannten herkömmlichen Methoden (z. B. durch schlechte Lagerung des Bernsteins) zu Ungenauigkeiten neigen. Künstlich geklärte Bernsteine sind keine Seltenheit. Dabei werden trübe Naturbernsteine (95 % der Naturbernsteine) über mehrere Tage langsam in Raps- oder Leinöl erwärmt, um sie zu klären. Durch geschickte Temperaturregelung während des Klärungsprozesses können auch Sonnenflinten, Sonnensprünge und Blitzer, die in Naturbernsteinen äußerst selten vorkommen, gezielt hergestellt werden. Oft wird auch ein hohes Alter des Steins vorgetäuscht. Beim sogenannten Antikisieren wird das Material in einem elektrischen Ofen in gereinigtem Sand mehrere Stunden auf 100 °C erhitzt, um einen warmen Braunton zu erzeugen. Alle diese Manipulationen sind nur schwer nachzuweisen. Bernstein wird oft mit durchscheinendem gelbem Feuerstein verwechselt, dessen Oberfläche auch glänzt. Aber im Gegensatz zum leichten und warmen Bernstein ist Feuerstein kalt und härter als Glas. Um selbst gefundene Bernsteine von Feuerstein zu unterscheiden (bei kleineren Splittern ist das Gewicht nicht ohne weiteres zu bestimmen), kann man mit dem Stein vorsichtig gegen einen Zahn klopfen. Ergibt sich ein weicher Ton, wie er zum Beispiel entsteht, wenn man mit dem Fingernagel gegen den Zahn klopft, so ist es kein Feuerstein. Seit den letzten Jahren wird Bernstein oft durch den „Kolumbianischen Ambar“ ersetzt: Dieser Kopal ist zwar nur an die 200 Jahre alt, erfährt aber durch verschiedene Verarbeitungsstufen eine künstliche Alterung. Im Endprodukt ist für Laien und die meisten Fachleute keine Unterscheidung zwischen alt und jung mehr möglich. Nach Auskunft kolumbianischer Kopalhändler werden mehrere Tonnen pro Monat zur Bernsteinschmuckverarbeitung weltweit exportiert. Gefahr durch Ähnlichkeit mit weißem Phosphor mini|Weißer Phosphor kann mit Bernstein verwechselt werden Auf Usedom und in einigen weiteren Gegenden der Ostsee kommt es in seltenen Fällen zur Anspülung von Klumpen weißen Phosphors aus alten Brandbomben aus dem Zweiten Weltkrieg. Diese Klumpen weisen eine gewisse Ähnlichkeit mit Bernstein auf. Wenn die feuchte Oberfläche des Phosphors trocknet, entzündet er sich bei Körpertemperatur von selbst, was bei Sammlern zu schweren Verbrennungen führen kann. Zudem ist weißer Phosphor bereits in geringen Mengen hochgiftig. Auf Usedom sind daher Warnschilder aufgestellt. Unerfahrenen Sammlern wird geraten, ihre Funde nicht in der Hosentasche, sondern in einem feuerfesten, offenen Behältnis aufzubewahren. Ausstellungen (Auswahl) „Bernstein – Goldenes Fenster zur Vorzeit“ Eine Ausstellung des Staatlichen Naturhistorischen Museums Braunschweig im Ostpreußischen Landesmuseum, Lüneburg, 25. November 2016 – 7. Mai 2017 Siehe auch Ambra oder Amber, eine wachsartige Substanz aus dem Verdauungstrakt von Pottwalen Gagat Königsberger Bernsteinsammlung Liste der Minerale Liste mineralischer Schmuck- und Edelsteine Staatliche Bernstein-Manufaktur Königsberg Literatur Karl Andrée: Der Bernstein – Das Bernsteinland und sein Leben. Kosmos, Stuttgart 1951, 95 S. (PDF; 14 MB). Jörn Barfod: Bernstein. 3. Auflage, Husum Verlag, Husum 2008, ISBN 978-3-89876-179-6. Wilhelm Bölsche (Schriftsteller) Im Bernsteinwald, Franckh’sche Verlh., Stuttgart 1927, DNB-Link. Sylvia Botheroyd, Paul F. Botheroyd: Das Bernstein-Buch. Atmosphären, München 2004, ISBN 3-86533-010-X. Bernhard Bruder: Geschönte Steine. Neue Erde Verlag, Saarbrücken 1998, ISBN 3-89060-025-5. Birk Engmann: Neringas Gold – Eine Reise durch die Welt des Bernsteins. edition nove, Horitschon 2006, ISBN 3-902546-14-X. Roland Fuhrmann: Die Bernsteinlagerstätte Bitterfeld, nur ein Höhepunkt des Vorkommens von Bernstein (Succinit) im Tertiär Mitteldeutschlands. In: Zeitschrift der deutschen Gesellschaft für Geowissenschaften. Band 156, Heft 4, S. 517–530, Schweizerbart’sche Verlagsbuchhandlung, Stuttgart 2005, , doi:10.1127/1860-1804/2005/0156-0517. Gisela Graichen, Alexander Hesse: Die Bernsteinstraße. Verborgene Handelswege zwischen Ostsee und Nil. Rowohlt, Reinbek 2013, ISBN 978-3-499-63005-7. Carsten Gröhn: Einschlüsse im Baltischen Bernstein. Wachholtz, Kiel 2015, ISBN 978-3-529-05457-0. Carsten Gröhn, Max J. Kobbert: Pflanzen in Bernstein. Wachholtz, Kiel 2017, ISBN 978-3-529-05458-7. Jens Grzonkowski: Bernstein. Ellert & Richter, Hamburg 1996, ISBN 3-89234-633-X. Jens Wilhelm Janzen: Arthropods in Baltic Amber. Ampyx-Verlag, Halle, ISBN 3-932795-14-8, S. 2002. Karl Gottfried Hagen: Geschichte und Verwaltung des Börnsteins in Preußen. In: Beiträge zur Kunde Preußens. 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Das Gold des Meeres in fürstlichen Kunst- und Schatzkammern (= Ausstellungskatalog, 5. Oktober 2005 bis 29. Januar 2006, bearbeitet von Sabine Haag und Georg Laue). Kunsthistorisches Museum, Wien 2005, ISBN 3-85497-095-1. Wilfried Wichard, Carsten Gröhn, Fabian Seredszus: Wasserinsekten im Baltischen Bernstein – Aquatic Insects in Baltic Amber. Kessel, Remagen-Oberwinter 2009, ISBN 978-3-941300-10-1 (Leseprobe als PDF; 483 kB). Wilfried Wichard, Wolfgang Weitschat: Im Bernsteinwald. Gerstenberg, Hildesheim 2004/2005, ISBN 3-8067-2551-9. Wilfried Wichard, Wolfgang Weitschat: Atlas der Pflanzen und Tiere im Baltischen Bernstein. Verlag Dr. Friedrich Pfeil, München 1998, ISBN 978-3-931516-45-1.2002 auch in englischer Sprache veröffentlicht: Atlas of Plants and Animals in Baltic Amber. Verlag Dr. Friedrich Pfeil, München 2002, ISBN 978-3-931516-94-9. Wilfried Wichard: Taphozönosen im Baltischen Bernstein. In: Denisia. Band 26, Neue Serie 86, Linz 2009, S. 257–266 (). Alexander P. Wolfe, Ralf Tappert, Karlis Muehlenbachs, Marc Boudreau, Ryan C. McKellar, James F. Basinger, Amber Garrett: A new proposal concerning the botanical origin of Baltic amber. In: Proceedings of the Royal Society. 7. Oktober 2009, Band 276, Nr. 1672 S. 3403–3412, doi:10.1098/rspb.2009.0806. Jörg Wunderlich (Hrsg.): Fossile Spinnen in Bernstein und Kopal. 2 Bände, J. Wunderlich, Hirschberg-Leutershausen 2004, ISBN 3-931473-10-4 (Nur beim Verfasser erhältlich). Fabian Seredszus: Wasserinsekten des Baltischen Bernsteins unter besonderer Berücksichtigung der Chironomiden. Grundlagen zum Verständnis von aquatischen Lebensräumen und Lebensgemeinschaften im eozänen Bernsteinwald. Inaugural­dissertation, Universität zu Köln, 2003, (online als PDF; 5,77 MB) Auf: kups.ub.uni-koeln.de, abgerufen am 24. Februar 2017. I. A. Polyakova, Ch. J. Duffin, T. J. Suvorova (Hrsg.): Amber in the history of medicine – Proceedings of the International Conference. 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Zum Weiterlesen Das Geheimnis des Bernstein-Colliers Bernstein in Südschweden Viele Bücher (e-text) über Bernstein (englisch) Theophrastus, Albertus Magnus, al-Bīrūnī und Baltischen Bernstein Fachwissen Faszination Bernstein – Bernstein Portal Bernstein und andere fossile Harze (englisch) Mineralogisches zu Bernstein im Mineralienatlas Wissenschaftliche Seite über den Bernstein Bernsteinkunsthandwerk – Die Datenbank der Bernsteinkunst Verein zur Förderung des Geologisch-Paläontologischen Museums der Universität Hamburg e. V. „Arbeitskreis Bernstein“ Bernsteinseite der Emporia State University, Kansas, USA Carsten Gröhn: Ambertop auf ambertop.de, abgerufen am 9. April 2017. Bernstein auf materialarchiv.ch, abgerufen am 28. Dezember 2024. Museen (Auswahl; naturgeschichtliche Ausstellungen und herausragende Kunstobjekte; einige in Verbindung mit kommerziellen Angeboten auf pgm.lt.) in Deutschland Deutsches Bernsteinmuseum Ribnitz-Damgarten Geowissenschaftliches Museum der Universität Göttingen (hauptsächlich die ehemalige Königsberger Bernsteinsammlung.) Museum für Archäologie und Ökologie Dithmarschen Bernsteinkabinett im Museum am Löwentor in Stuttgart (einer der Schwerpunkte: Dominikanischer Bernstein) Residenzmuseum München (kunsthandwerkliche Objekte aus Bernstein) Bernsteinkabinett im Historischen Grünen Gewölbe in Dresden in Verbindung mit kommerziellen Einrichtungen: Bernsteinmuseum Nürnberg Bernsteinmuseum Bad FüssingBernsteinmuseum Bad Füssing, abgerufen am 19. März 2023. Bernsteinmuseum St. Peter OrdingBernsteinmuseum St. Peter Ording, auf nordsee-bernsteinmuseum.de, abgerufen am 10. Dezember 2020. Bernsteinmuseum Sellin auf RügenBernsteinmuseum Sellin, auf bernstein-museum-sellin.de, abgerufen am 4. August 2023. im europäischen Ausland Bernsteinmuseum in Palanga (Litauen) (englisch) Bernsteinmuseum im Dohnaturm Kaliningrad (englisch) Bernsteinzimmer im Katharinenpalast; Teil des Staatlichen Museums Zarskoje Selo (Puschkin) (englisch und russisch) Die Marienburger Bernsteinsammlung (Marbork, Polen) (englisch) Museum der Erde in Warschau (englisch) Muzeum Okręgowe (Bezirksmuseum) in Łomża (Woiwodschaft Podlachien, Polen), kunstgewerbliche Bernsteinprodukte aus der Kurpie Lageplan und Anschrift Hinweis auf das Bernsteinmuseum in Riwne (Rovno) Ukraine (englisch) Natural History Museum, London (Naturhistorisches Museum) (englisch) Schloss Rosenborg, Kopenhagen (Dänemark) (kunsthandwerkliche Objekte aus Bernstein) (dänisch) Inklusensammlung im Zoologischen Museum Kopenhagen (dänisch und englisch) Bernsteinausstellung im Esbjergmuseum Bernsteinausstellung im Museum Tirpitz in Blåvand (dänisch) schwedisches Bernsteinmuseum Höllviken Kunsthistorisches Museum Wien (kunsthandwerkliche Objekte aus Bernstein) Museo degli Argenti, Florenz (kunsthandwerkliche Objekte aus Bernstein) (italienisch) Musée d’Histoire Naturelle et de Géologie, Lille (große Inklusensammlung) (englisch und französisch), siehe auch Bilder auf Commons im außereuropäischen Ausland Bernsteinmuseum (Dominikanischer Bernstein) Santo Domingo (Dominikanische Republik) Museo del Ambar Dominicano in Puerto Plata, Dom. Rep. (Private Einrichtung, sehenswerte Ausstellung und Verkauf) Museo del Ambar in San Cristóbal de Las Casas, Chiapas, México – Mexikanischer Bernstein (Chiapas) (spanisch und englisch) Museum of Fine Arts, Boston (USA) (kunsthandwerkliche Objekte aus Bernstein) (englisch) American Museum of Natural History (Birmit-Artefakte) (englisch) Kuji-Bernsteinmuseum (Japan) (englisch) Weblinks Einzelnachweise Kategorie:Mineralgruppe Kategorie:Schmuckstein Kategorie:Geologie Kategorie:Fossilisation Kategorie:Amorpher Feststoff Kategorie:Harz Kategorie:Bindemittel für Feststoffe
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Département Alpes-Maritimes
mini|Logo des Départements Alpes-Maritimes Das Département des Alpes-Maritimes [] () ist das französische Département mit der Ordnungsnummer 06. Es liegt im Südosten des Landes in der Region Provence-Alpes-Côte d’Azur und ist nach den Seealpen benannt, die hier das Grenzgebirge zu Italien bilden. Geographie Das Département ist Teil der Provence und reicht von der Côte d’Azur bis in das alpine Hinterland. Es grenzt im Westen an das Département Var, im Nordwesten an das Département Alpes-de-Haute-Provence, im Osten und Norden an Italien (Piemont und Ligurien) und im Süden an das Mittelmeer, wo es das Fürstentum Monaco umschließt. Hauptstadt ist Nizza, weitere bekannte Städte sind Cannes und Grasse. Wappen Das Wappen des Départements Alpes-Maritimes ist mit jenem der Stadt Nizza deckungsgleich. Geschichte In der seit 1958 erforschten Höhle Grotte du Vallonnet in Roquebrune-Cap-Martin wurden Artefakte gefunden, die auf die Anwesenheit von Menschen bereits vor ca. 1,2 Millionen Jahren weisen.Véronique Michel et al.: New dating evidence of the early presence of hominins in Southern Europe. In: Scientific Reports. Band 7, Artikel-Nr. 10074, 2017, doi:10.1038/s41598-017-10178-4. Claude Salicis listet für das Département 26 Dolmen, 39 Pseudodolmen, 183 Tumuli und 33 Menhire () auf.Claude Salicis, Germaine Salicis, Georges Brétaudeau, Marie-Claude Gérard: Dolmens, pseudo-dolmens, tumulus et pierres dressées des Alpes-Maritimes (06). In: Mémoire de l’Institut de Préhistoire et d’Archéologie Alpes Méditerranée – Hors Série (= Mémoires de l’IPAAM. Hors Série 7). Éditions IPAAM, Nizza 2014, . (online) Die Römer hatten bereits im Jahr 7 v. Chr. eine Provinz Alpes Maritimae gegründet. Deren Hauptstadt war Cemenelum, heute Cimiez, ein Ortsteil von Nizza. Während ihrer größten Ausdehnung Ende des 3. Jahrhunderts umfasste die Provinz auch Digne und Briançon, ihre Hauptstadt war nach Embrun verlegt worden. Ein Département Alpes-Maritimes mit der Hauptstadt Nizza existierte in Frankreich bereits von 1793 bis 1815. Dessen Grenzen unterschieden sich von denen des heutigen Départements, zumal es Monaco und Sanremo umfasste. Das aktuelle Département Alpes-Maritimes wurde 1860 geschaffen, als die Grafschaft Nizza zu Frankreich kam. Es wurde aus der Grafschaft, die das Arrondissement Nizza bildete, und einem Teil des Départements Var, die das Arrondissement Grasse bildete, geformt. Letzteres erklärt, warum der Fluss Var das gleichnamige Département nicht durchfließt: Er bildete zuvor die Grenze zwischen Frankreich und der Grafschaft Nizza, heute jedoch die Grenze zwischen den beiden Arrondissements. 1947 wurde das Territorium des Départements Alpes-Maritimes um die Gemeinden Tende und La Brigue erweitert, deren Einwohner im gleichen Jahr in einem Referendum für den Anschluss an Frankreich votiert hatten, so dass Italien die beiden Dörfer abtreten musste. Die ursprünglichen provenzalischen (bzw. okzitanischen) Ortsnamen und andere geografische Namen (die während der Zugehörigkeit an dem Haus Savoyen italianisiert waren) wurden beim Anschluss der Grafschaft Nizza an Frankreich – anders als das auf Korsika der Fall war – weitestgehend französisiert, so auch die im letzten Abschnitt genannten Gemeinden. Eine Ausnahme könnte die Gemeinde Isola darstellen. Auch von Nizza ist neben dem französischen Nice noch die italienische Bezeichnung bekannt, jedoch örtlich nicht gebräuchlich. Darüber hinaus sind auch im vom Département umgebenen Fürstentum Monaco die Stadtbezirke Monte-Carlo, Larvotto, Les Moneghetti in ihrer italienischen Schreibweise erhalten geblieben. Bevölkerung Sprache Die amtliche Sprache ist Französisch. Bis 1860 war die Amtssprache im damaligen Contea di Nizza noch Italienisch. Die Annexion durch Frankreich zog in der Region eine aggressive Sprachpolitik der Französisierung nach sich. Durch eine anhaltende Einwanderung von Italienern, beispielsweise nach Menton (italienisch Mentone), konnte die italienische Sprache in der Region in letzter Zeit etwas an Boden gewinnen. Bedingt durch die Geschichte der Grafschaft Nizza, die zwischen 1388 und 1860 von der Provence verwaltungsmäßig abgetrennt war, wird in Nizza und Umgebung noch ein Dialekt der provenzalischen bzw. okzitanischen Sprache gesprochen, welche eine altprovenzalische Form hat und Nissart genannt wird. In den nördlichen, alpinen Teilen des Départements wird Alpinprovenzalisch (Gavot) und Brigasque gesprochen, während im Westen das Maritimprovenzalische noch zu hören ist. Städte Antibes Cannes Cagnes-sur-Mer Grasse Menton Nizza (französisch Nice) Roquebrune-Cap-Martin Vence Verwaltungsgliederung mini|Gemeinden und Arrondissemente im Département Alpes-Maritimes Siehe auch: Liste der Gemeinden im Département Alpes-Maritimes Liste der Kantone im Département Alpes-Maritimes Liste der Gemeindeverbände im Département Alpes-Maritimes Tourismus mini|Luftbildpanorama Nizzas Wandern Das Département ist im Norden von den Seealpen mit dem südlichsten Dreitausender der Alpen (Mont Clapier 3045 m und der Cime du Gélas 3143 m), im Osten von den Ligurischen Alpen und im Westen durch die provenzalischen Voralpen begrenzt. Dadurch bietet sich im Gebiet Vallée du Verdon, Vallée de la Tinée, Vallée du Var, Vallée de l’Estéron, Vallée du Cians, Vallée de la Vésubie und Vallée de la Roya hervorragende Wandermöglichkeiten.Reinhard Scholl: Französische Seealpen, Alpes-Maritimes: Mercantour – Merveilles Rother Wanderführer, 2. Auflage 2011, ISBN 978-3-7633-4146-7. Mehrere große französische GR-Fernwanderwege, Sentiers de grande randonnée, durchziehen das Département (GR 4, GR 5, GR 52, GR 52A und die Via Alpina) und führen zum Teil auch durch den Nationalpark Mercantour. Wintersport Bekannte Wintersportorte sind Isola 2000, Auron, Beuil, Valberg, Peira-Cava und Camp d’Argent am Col de Turini. Sehenswürdigkeiten Sehenswerte Orte des Départements: Bévéra (Fluss/Tal/Canyon) Canyon von Daluis (la Haute Vallée du Var – Entraune) Duranus Estéron (Fluss/Tal/Canyon) Cimiez Colle della Bonette Colle di Tenda Col di Turini Nationalpark Mercantour Vallée des Merveilles Roya (Fluss/Tal/Canyon) Siagne (Fluss/Tal) Tête de Chien Tendabahn Tropaeum Alpium in La Turbie Var (Tal) Vésubie (Fluss/Tal/Canyon) Klima mini|hochkant|Topografische Karte des Départements Alpes-Maritimes + Maritime Klimadaten der Messstation Cap Ferrat (200 Meter vom Meer entfernt; Stand 1991)Klimadaten aus: Jean-Noël Darde, Plages et côtes de France, Éditions Balland, Paris 1991 Jan. Feb. Mär. Apr. Mai Jun. Jul. Aug. Sep. Okt. Nov. Dez. mittlere Höchsttemperatur 12 13 14 16 20 23 27 27 24 20 16 13 mittlere Tiefsttemperatur 6 6 8 10 13 16 19 19 17 14 10 8 Anzahl sehr sonnige Tage 5 5 6 5 4 5 11 9 8 8 6 5 Anzahl Tage mit bedecktem Himmel 10 9 10 7 6 4 1 2 5 7 9 8 Anzahl Regentage 7 7 7 6 5 4 2 3 4 6 8 6 Regenmenge in Millimetern 75 77 70 55 44 32 18 33 60 95 110 73 Wassertemperatur in Küstennähe 14 13 13 14 17 20 22 24 23 21 18 16 Tage pro Jahr (Stand 1991) mit Regenfällen über 1 Millimeter: 64 Frost: in 9 von 10 Jahren frostfrei Schnee: 1 Gewitter: 20 Hagel: 1 Weblinks Website des Départements Alpes-Maritimes (französisch) Website der Präfektur des Départements Alpes-Maritimes (französisch) Einzelnachweise Alpesmaritimes Kategorie:Verwaltungsgliederung (Provence-Alpes-Côte d’Azur) AlpesMaritimes
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Blaise Pascal
mini|Blaise Pascal (Gemälde entstanden 1691) rahmenlos|zentriert|150px Blaise Pascal [] (* 19. Juni 1623 in Clermont-Ferrand; † 19. August 1662 in Paris) war ein französischer Mathematiker, Physiker, Literat, Erfinder und christlicher Philosoph. Leben und Schaffen Kindheit und Jugend Pascal stammte aus einer alten, in zweiter Generation amtsadeligen Familie der Auvergne. Sein Vater Étienne Pascal (1588–1651) hatte in Paris Jura studiert und etwas später das Amt des zweiten Vorsitzenden Richters am Obersten Steuergerichtshof, Cour des Aides der Auvergne in Clermont-Ferrand gekauft. Die Mutter, Antoinette Begon, kam aus einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie, die ebenfalls in den Amtsadel strebte. Pascal hatte zwei Schwestern, die drei Jahre ältere Gilberte (die später seine Nachlassverwalterin und erste Biographin wurde) sowie die zwei Jahre jüngere Jacqueline, von deren Geburt sich die Mutter nicht erholte, so dass Pascal mit drei Jahren Halbwaise wurde. Als er acht war, zog die Familie samt Kinderfrau nach Paris, weil der Vater den Kindern, d. h. vor allem dem sichtlich hochbegabten Jungen, bessere Entfaltungsmöglichkeiten schaffen wollte. Sein Richteramt verkaufte er an einen Bruder und legte sein Vermögen in Staatsanleihen an. Pascal war von Kindheit an kränklich. Er wurde deshalb von seinem hochgebildeten und naturkundlich interessierten Vater selbst sowie von Hauslehrern unterrichtet. Bereits mit zwölf Jahren bewies er sein hervorragendes mathematisches Talent und fand danach durch seinen Vater, der in Pariser Gelehrten- und Literatenzirkeln verkehrte, Anschluss an den Kreis von Mathematikern und Naturforschern um den Père Mersenne, wo er als 16-Jähriger mit einer Arbeit über Kegelschnitte beeindruckte. 1639 wurde der Vater verdächtigt, Mitorganisator eines Protests von Betroffenen gegen Zinsmanipulationen des Staates zu sein. Er zog es vor, unterzutauchen und aus Paris zu flüchten. Ende 1639 wurde er jedoch dank der Fürsprache hochstehender Personen von Richelieu begnadigt und durfte diesem sogar seinen Sohn vorstellen. Rouen mini|Pascaline aus dem Jahr 1652 1640 wurde der Vater zum königlichen Kommissar und obersten Steuereinnehmer für die Normandie in Rouen ernannt. Hier erfand Pascal 1642 für ihn eine mechanische Rechenmaschine, die später Pascaline genannt wurde und als eine der ältesten Rechenmaschinen gilt. Sie ermöglichte zunächst nur Additionen, wurde im Lauf der nächsten zehn Jahre aber ständig verbessert und konnte schließlich auch subtrahieren (Zweispeziesrechner). Die Maschine arbeitete auf der Basis von Zahnrädern. Pascal erhielt ein Patent auf sie, doch der Reichtum, den er sich von der Erfindung und einer eigenen kleinen Firma erhoffte, blieb aus. Die mühsam einzeln handgefertigten Maschinen (neun von ca. fünfzig Exemplaren sind noch vorhanden) waren zu teuer, um größeren Absatz zu finden. In Rouen, einer Universitätsstadt mit Appellationsgericht und reicher Kaufmannschaft, zählte die Familie Pascal zur guten Gesellschaft, auch wenn sich der Vater mit seiner unnachgiebigen Amtsausübung nicht immer Freunde machte. In diesem Milieu bewegten sich Pascal und seine literarisch begabte jüngere Schwester Jacqueline, deren dichterische Versuche von dem Dramatiker Pierre Corneille gefördert wurden, mit selbstbewusster Eleganz. Die Schwester Gilberte heiratete 1641 einen jungen Verwandten, Florin Périer, den sich ihr Vater als Assistent aus Clermont-Ferrand geholt hatte. 1646, während der Rekonvaleszenz des Vaters nach einem Unfall, kam die bis dahin nur schwach religiöse Familie in Kontakt mit den Lehren des holländischen Reformbischofs Jansenius, der innerhalb der katholischen Kirche eine an Augustinus orientierte, Calvins Vorstellungen ähnelnde Gnadenlehre vertrat. Vater, Sohn und Töchter wurden fromm. Jacqueline beschloss sogar, Nonne zu werden. Pascal, der unter Lähmungserscheinungen an den Beinen und ständigen Schmerzen litt, interpretierte seine Krankheit als ein Zeichen Gottes und begann, ein asketisches Leben zu führen. Anfang 1647 demonstrierte er den Eifer seiner neuen Frömmigkeit, als er den Erzbischof von Rouen nötigte, einen Priesterkandidaten zu maßregeln, der vor ihm und Freunden eine rationalistische Sicht der Religion vertreten hatte. Pascal führte weiterhin naturwissenschaftlich-mathematische Studien. So wiederholte er noch 1646 erfolgreich die schon 1643 von Evangelista Torricelli angestellten Versuche zum Nachweis des Vakuums, dessen Existenz man bis dahin für unmöglich gehalten hatte, und publizierte 1647 seine Ergebnisse in der Abhandlung Traité sur le vide (siehe auch Leere in der Leere). Die Pariser Zeit Ab Mai 1647 lebte er mit Jacqueline und wenig später auch mit dem Vater überwiegend wieder in Paris, wo er führende Jansenisten kontaktierte, aber auch seine Forschungen weiterführte. Angesichts des Widerstandes vieler Philosophen und Naturforscher, unter anderem von Descartes, den er Ende September 1647 mehrfach in Paris traf, diskutierte er die Frage des Vakuums (siehe auch Äther) aber nur noch indirekt, so in einer Abhandlung über den Luftdruck. 1648 maß sein Schwager Périer auf dem 1465 Meter hohen Berg Puy de Dôme in Pascals Auftrag den Luftdruck, um dessen Abhängigkeit von der Höhe zu beweisen. 1648 begründete Pascal in einer weiteren Abhandlung das Gesetz der kommunizierenden Röhren. Als im Frühjahr 1649 die Wirren der Fronde das Leben in Paris erschwerten, wichen die Pascals bis Herbst 1650 zu den Périers in die Auvergne aus. Im Herbst 1651 starb Pascals Vater. Jacqueline ging kurz danach, gegen den Wunsch des Verstorbenen und auch ihres Bruders, in das streng jansenistische Kloster Port Royal in Paris. Pascal war nun zum ersten Mal auf sich allein gestellt. Da er, wenn auch nicht reich, so doch wohlhabend und adelig war, begann er als junger Mann von Welt in der Pariser Gesellschaft zu verkehren und befreundete sich mit dem philosophisch interessierten jungen Duc de Roannez. Dieser nahm ihn 1652, zusammen mit einigen seiner freidenkerischen Freunde, darunter der Chevalier de Méré, zu einer längeren Reise mit, auf der Pascal in die neuere Philosophie eingeführt wurde, aber auch in die Kunst geselliger Konversation. Dank seines Verkehrs im schöngeistigen Salon der Madame de Sablé befasste er sich auch eingehend mit der belletristischen Literatur seiner Zeit. Er dachte kurz sogar an den Kauf eines Amtes und ans Heiraten. Ein ihm lange zugeschriebener, weil gewissermaßen in diese mondäne Lebensphase passender anonymer Discours sur les passions de l’amour („Abhandlung über die Leidenschaften der Liebe“) stammt aber nicht von ihm. 1653 verfasste er eine Abhandlung über den Luftdruck, in der zum ersten Mal in der Wissenschaftsgeschichte die Hydrostatik umfassend behandelt wird. Mit seinen neuen Bekannten, besonders dem Chevalier de Méré, führte Pascal auch Diskussionen über die Gewinnchancen im Glücksspiel, einem typisch adeligen Zeitvertreib. Dies brachte ihn 1653 dazu, sich der Wahrscheinlichkeitsrechnung zuzuwenden, die er 1654 im brieflichen Austausch mit dem Toulouser Richter und großen Mathematiker Pierre de Fermat vorantrieb. Sie untersuchten vorwiegend Würfelspiele. Zugleich beschäftigte er sich mit weiteren mathematischen Problemen und publizierte 1654 verschiedene Abhandlungen: den Traité du triangle arithmétique über das Pascalsche Dreieck und die Binomialkoeffizienten, worin er auch erstmals das Beweisprinzip der vollständigen Induktion explizit formulierte,Blaise Pascal: Traite au Triangle Arithmetique, S. 7, Consequence douziesme, Le 1. und 2. Digitalisat einer Ausgabe von 1665 den Traité des ordres numériques über Zahlenordnungen und die Combinaisons über Zahlenkombinationen. mini|Pascalsches Dreieck. Jede Zahl ist die Summe der beiden direkt darüberliegenden. Binomialkoeffizient. Im Umfeld von Port-Royal Im Herbst 1654 wurde Pascal von einer depressiven Verstimmung erfasst. Er näherte sich Jacqueline wieder an, besuchte sie häufig im Kloster und zog in ein anderes Viertel, um sich seinen mondänen Freunden zu entziehen. Immerhin arbeitete er weiter an mathematischen und anderen wissenschaftlichen Fragestellungen. Am 23. November (möglicherweise nach einem Unfall mit seiner Kutsche, der aber nicht verlässlich bezeugt ist) hatte er ein religiöses Erweckungserlebnis, das er noch nachts auf einem erhaltenen Blatt Papier, dem Mémorial, aufzuzeichnen versuchte. Hiernach zog er sich aus der Pariser Gesellschaft zurück, um sich ganz seiner Frömmigkeit hinzugeben. Seinen einzigen Umgang stellten nunmehr die jansenistischen „Einsiedler“ (franz. solitaires) dar. Das waren Gelehrte und Theologen, die sich im Umkreis des Klosters Port-Royal des Champs niedergelassen hatten und die er häufig besuchte. Um 1655 führte er hier das legendäre Gespräch mit seinem neuen Beichtvater Louis-Isaac Lemaistre de Sacy (1613–1684) Entretien avec M. de Saci sur Épictète et Montaigne (1655), worin er zwischen den beiden Polen der montaigneschen Skepsis und der stoischen Ethik Epiktets schon eine Skizze der Anthropologie bietet, die er später in den Pensées entwickeln sollte. Die 1656 erfolgte Heilung seiner Nichte Marguerite Périer, die nach einem Besuch in Port Royal von einem Geschwür am Auge befreit worden war, bestärkte Pascals Glauben zusätzlich. Zugleich begann er, im gelehrten Dialog mit den solitaires, insbesondere Antoine Arnauld oder Pierre Nicole, religiös und theologisch motivierte Schriften zu verfassen. Nebenher befasste er sich auch weiterhin mit praktischen Fragen, so 1655 mit der Didaktik des Erstlesens für die Schule, die die solitaires betrieben. Mit seiner sogenannten „zweiten Bekehrung“ (vgl. das Mémorial) war er in eine Situation eingetreten, in der die orthodox frommen und rigoros moralischen Jansenisten den laxeren und konzilianteren, aber auch machtbewussten Jesuiten ein Ärgernis geworden waren. Als es 1655 zum offenen Streit kam, weil Arnauld als Jansenist aus der theologischen Fakultät der Pariser Sorbonne ausgeschlossen wurde, mischte Pascal sich ein und verfasste 1656/57 achtzehn anonyme satirisch-polemische Sendbriefe. Diese waren sehr erfolgreich und wurden 1657 in Holland unter dem Titel Provinciales, ou Lettres de Louis de Montalte à un provincial de ses amis et aux R. R. PP. Jésuites sur la morale et la politique de ces pères („Provinzlerbriefe, oder Briefe von L. de M. an einen befreundeten Provinzler sowie an die Jesuiten über die Moral und die Politik dieser Patres“) auch als Buch gedruckt. Es handelt sich um Briefe eines fiktiven Paris-Reisenden namens Montalte, von denen die ersten zehn an einen fiktiven Freund in der heimatlichen Provinz gerichtet sind, die nächsten sechs an die Pariser Jesuitenpatres insgesamt und die letzten beiden speziell an den Beichtvater des Königs. In diesen Briefen beschreibt Montalte zunächst in der Rolle eines theologisch unbeschlagenen und naiven jungen Adeligen, wie Jesuiten ihm altklug und herablassend ihre Theologie erklären; später, nachdem er quasi seine Lektion gelernt hat, beginnt er mit ihnen zu diskutieren und so scharfsinnig wie witzig ihre Lehren ad absurdum zu führen. Pascal persiflierte und attackierte so die zwar gewissermaßen verbraucherfreundliche, aber tendenziell opportunistische und oft spitzfindige Theologie – die berühmte Kasuistik – der Jesuiten und entlarvte ihren sehr weltlichen Machthunger. Die Lettres provinciales hatten, obwohl sie nach der Nr. 5 verboten wurden, bei Erscheinen der Buchausgabe auf den Index kamen und 1660 sogar vom Henker verbrannt wurden, großen und langandauernden Erfolg und bedeuteten längerfristig den Anfang vom Ende der Allmacht der Jesuiten, zumindest in Frankreich. Wegen ihrer Klarheit und Präzision gelten sie als ein Meisterwerk der französischen Prosa, das ihrem Autor einen Platz unter den Klassikern der französischen Literaturgeschichte verschaffte. Weniger bekannt wurden die vier bissigen Streitschriften, mit denen sich Pascal 1658 (neben Arnauld und Nicole) in eine Fehde zwischen jansenistisch orientierten Pariser Pfarrern und den Jesuiten einschaltete. mini|links|Blaise Pascal Kurzfristig behielten allerdings die Jesuiten mit Hilfe von König und Papst die Oberhand, was die nächsten Jahre Pascals verdüsterte. Denn während viele seiner Gesinnungsfreunde unter dem Druck der obrigkeitlichen Schikanen einknickten oder taktierten, blieb er unbeugsam. In dieser Situation begann Pascal 1658 damit, systematischer an einer großen Apologie der christlichen Religion zu arbeiten, für die er bereits 1656 erste Notizen angelegt hatte. Ein wichtiger theologischer Bezugspunkt sind die unvollendeten Écrits sur la grâce (1657). In ihnen verteidigt Pascal – im Anschluss an Cornelius Jansen und Augustinus – eine strikt monergistische Gnadenlehre. Dabei grenzt er sich sowohl von der calvinistischen Konzeption einer unwiderstehlichen Gnade als auch von der jesuitischen Synergismus-Lehre ab. Für Pascal ist der menschliche Wille durch die Erbsünde so geschwächt, dass der Mensch das Heil ohne die wirksame Gnade Gottes nicht ergreifen kann. Jede echte Zustimmung des Menschen zur Gnade gilt ihm selbst bereits als Wirkung dieser Gnade. Zugleich betont Pascal den augustinischen Grundsatz, dass Gott den Menschen nicht gegen dessen Willen rettet („Jener, der uns ohne uns geschaffen hat, rettet uns nicht ohne uns“). Dieses ‚mit uns‘ verweist jedoch nicht auf eine autonome Mitwirkung des Menschen, sondern auf die von der Gnade hervorgebrachte freiwillige Zustimmung. Neben seiner Arbeit an den Pensées betrieb Pascal immer wieder mathematische Studien. So berechnete er 1658 die Fläche unter der Zykloide mit den Methoden von Cavalieri sowie das Volumen des Rotationskörpers, der bei Drehung der Zykloide um die x-Achse entsteht. Nachdem er selbst die Lösung gefunden hatte, veranstaltete er ein Preisausschreiben zu dem Problem, was ihm viele (unzureichende) Vorschläge und eine heftige Polemik mit einem Unzufriedenen eintrug. 1659 erschienen seine Schrift Traité des sinus des quarts de cercle (Abhandlung über den Sinus des Viertelkreises). Als 1673 Gottfried Wilhelm Leibniz diese Arbeit in Paris las, empfing er eine entscheidende Anregung zur Entwicklung der Differential- und Integralrechnung durch die Betrachtung der speziellen Gedanken Pascals, die Leibniz allgemeiner verwendete, indem er Pascals Kreis als Krümmungskreis an die einzelnen Punkte einer beliebigen Funktion oder Funktionskurve auffasste. Leibniz sagt, er habe darin ein Licht gesehen, das der Autor nicht bemerkt habe.Oskar Becker, Grundlagen der Mathematik, suhrkamp Daher stammt der Begriff charakteristisches Dreieck. Mit seiner ohnehin schlechten Gesundheit ging es in diesen Jahren immer rascher bergab, vermutlich auch aufgrund seiner äußerst asketischen, ihn zusätzlich schwächenden Lebensweise. So konnte er 1659 viele Wochen nicht arbeiten. Trotzdem war er im selben Jahr Mitglied eines Komitees, das eine neue Bibelübersetzung zu initiieren versuchte. 1660 verbrachte er mehrere Monate als Rekonvaleszent auf einem Schlösschen seiner älteren Schwester und seines Schwagers bei Clermont. Anfang 1662 gründete er zusammen mit seinem Freund Roannez und weiteren Unternehmern ein Droschkenunternehmen („Les carrosses à cinq sous“ – „Fünfgroschenkutschen“), das den Beginn des öffentlichen Nahverkehrs weltweit markierte, jedoch nach wenigen Jahren scheiterte. Tod Am 4. Oktober 1661 starb Pascals jüngere Schwester Jacqueline. Nach ihrem Tod verschlimmerte sich seine Krankheit und sein emotionaler Zustand litt stark. Im Sommer 1662 ließ er seinen recht ansehnlichen Hausstand zugunsten mildtätiger Zwecke verkaufen. Am 18. August 1662 wand er sich in Krämpfen und empfing die Krankensalbung. Er starb am nächsten Morgen im Alter von nur 39 Jahren und 2 Monaten im Pariser Haus der Périers. Seine letzten Worte sollen „Möge Gott mich niemals verlassen“ gewesen sein.mini|Epitaph von Pascal in der Kirche St-Étienne-du-Mont im 5. Arrondissement von Paris mini|links|Kopie Totenmaske Blaise Pascal In seinem Mantelsaum fand man eingenäht ein Stück Papier, das als das Mémorial des Blaise Pascal berühmt geworden ist. Darin versuchte er in Ausrufen und stammelnden Worten, seine mystische Erfahrung in Worte zu fassen. In ihr erfuhr er den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, nicht den der Philosophen und Gelehrten.Lütz, M.:Gott. Eine kleine Geschichte des Größten, Knauers Taschenbuch Verlag. München 2009 Eine nach seinem Tod durchgeführte Obduktion ergab schwerwiegende Probleme mit seinem Magen und anderen Organen seines Bauches sowie eine Schädigung seines Gehirns. Dabei wurde die Ursache seines Todes nie genau bestimmt, obwohl sich die Spekulation auf Tuberkulose, Magenkrebs oder eine Kombination aus beiden konzentriert. Die Kopfschmerzen, von denen er zeitlebens betroffen war, werden im Allgemeinen auf seine Hirnläsion zurückgeführt. Die sterblichen Überreste Blaise Pascals ruhen in der Pfarrkirche St-Étienne-du-Mont hinter dem Chor „vor einer aufragenden Säule unter einem Grabstein aus Marmor ...“, wie das Epitaph es sagt. auf nwerle.at Gedenken Von 1968 bis 1993 wurde in Frankreich eine 500-Francs-Banknote produziert, die dem Werk und Andenken Pascals gewidmet ist und Informationen aus seinem Leben darstellt. Auf der Vorderseite ist neben einem Porträt des Physikers die Tour Saint-Jacques abgebildet. Als Wasserzeichen dient eine Abbildung seiner Totenmaske, die im Kloster Port Royal aufbewahrt wird, welches seinerseits auf der Rückseite des Geldscheins erscheint. Das Konterfei Pascals schmückt zudem verschiedene Briefmarken. Die Schokoladenmanufaktur Chocolat Poulain widmete Pascal eine Verpackung aus ihrer Bildungs-Serie. Die Pensées Entstehung und Ausgaben des Textes Pascal konnte durch seinen frühen Tod die geplante große Apologie nicht fertigstellen. Er hinterließ nur Notizen und Fragmente, rund 1000 Zettel in rund 60 Bündeln, auf deren Grundlage 1670 von jansenistischen Freunden eine Ausgabe unter dem Titel Pensées sur la religion et sur quelques autres sujets („Gedanken über die Religion und über einige andere Themen“) besorgt wurde. Diese Erstausgabe ist verdienstvoll, weil die Herausgeber – ungewöhnlich für die Epoche – ein unfertiges Werk veröffentlichten und es dadurch zugänglich zu machen versuchten. Sie ist aber problematisch insofern, als jene sich nicht am Originaltext orientierten, obwohl er als Autograph, wenn auch nur in Zettelform, erhalten war, sondern eine der beiden Abschriften benutzten, die die Périers kurz nach Pascals Tod von den Zettelbündeln anfertigen ließen. Sie ist noch problematischer dadurch, dass man das erhaltene Textmaterial nach unterschiedlichen Kriterien kürzte und, anders als die benutzte Abschrift, die die Anordnung der Zettel und Bündel weitgehend beibehalten hatte, eine neue eigene, vermeintlich plausiblere Ordnung der Fragmente einführte. Die modernen Ausgaben sind Resultat einer philologischen Erfolgsgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Diese beginnt damit, dass der Philosoph Victor Cousin 1842 in einem Bericht an die Académie française auf die Notwendigkeit einer neuen Edition der Pensées hinwies angesichts der offensichtlichen Unzulänglichkeit der Erstausgabe, der bis dahin alle Herausgeber gefolgt waren, wenn auch meist unter nochmaligen Kürzungen und/oder weiteren Umstellungen. Tatsächlich versuchte noch 1844 Prosper Faugère erstmals eine komplette Edition nach den originalen Zetteln Pascals, die er jedoch weitgehend frei nach inhaltlichen Kriterien zu Abschnitten und Unterabschnitten neu ordnete. Dieses Prinzip wurde fortgesetzt und vermeintlich jeweils perfektioniert von weiteren Herausgebern, deren bekanntester Léon Brunschvicg mit seiner Ausgabe von 1897 bis 1904 wurde. Um 1930 trennte sich die Forschung von dem etablierten Irrtum, dass Pascals Zettel letztlich nicht geordnet gewesen seien. Vielmehr erkannte man, dass zumindest 27 Bündel (nach der 1. Kopie bzw. 28 nach der 2. Kopie, d. h. rund 400 Zettel) ebenso vielen von Pascal intendierten Kapiteln entsprachen und durchaus eine interne Ordnung aufweisen. Auch andere Bündel stellten sich als homogener und geordneter heraus als bis dahin gedacht, so dass man zu Editionen überging (insbesondere Louis Lafuma, 1952 u.ö. nach der sog. 1. Kopie;Diese Edition gibt den Nachlass in dem Zustand wieder, in dem er nach Pascals Tod aufgefunden wurde, siehe Albert Raffelt: Blaise Pascal. Erinnerungen an ein Genie nach 350 Jahren. In: Stimmen der Zeit, Bd. 230 (2012), S. 541–550, hier S. 549. 1976 Philippe Sellier nach der 2. Kopie, die – da in fortlaufender Folge geschrieben – den Nachlasszustand genauer wiedergibt als die in einzelnen Faszikeln zu Editionszwecken angefertigte erste Kopie), die im Text den Autographen entsprechen und in der Anordnung weitgehend den beiden Abschriften folgen (denn 1710/11 hatte Pascals Neffe Louis Périer in bester Absicht alle Zettel umsortiert und auf große Bögen geklebt). Neuere Forschungen haben zudem mit philologischen Mitteln (Wasserzeichenanalyse etc.) auch den Entstehungszusammenhang der Fragmente deutlicher herausarbeiten können (Pol Ernst, 1991). Diese neueren Editionen sind Rekonstruktionen des Nachlasszustandes und des Denkens sowie der Ordnungsabsichten Pascals für das Material zu diesem Zeitpunkt. Die Frage, wie das Werk ausgesehen hätte, wenn Pascal es hätte vollenden können (und ob er es je hätte fertigstellen können), bleibt offen. Inhaltlicher Überblick Die erwähnten 27 bzw. 28 Kapitel zeigen den Weg, den Pascal in der Argumentation seiner Apologie des Christentums verfolgen wollte. Die Apologie ist zweigeteilt: „Erster Teil: Elend des Menschen ohne Gott. Zweiter Teil. Glückseligkeit des Menschen mit Gott“ (Laf. 6). Die Kapitel zeichnen zuerst unter den Überschriften „Nichtigkeit – Elend – Langeweile – Gegensätze – Zerstreuung“ usw. ein dramatisches Bild der menschlichen Lage, mit brillanten paradoxen, ironischen Formulierungen ausgeführt, wenden sich dann den Philosophen auf der Suche nach dem „höchsten Gut“ zu und finden die Auflösung der Aporien der menschlichen Existenz im Christentum. Der folgende historisch-theologische Teil nutzt ausführlich die Elemente der Exegese der Kirchenväter, wie sie Port-Royal – allerdings in einer „modernen“, sehr historisierenden Form – übermittelte, und steht damit nicht auf dem Boden neuzeitlich historisch-kritischer Bibelexegese, die damals allerdings erst mit Richard Simon entstand. Pascal argumentiert mit der Kontinuität der in der Heiligen Schrift bezeugten Heilsgeschichte, der typologischen Auslegung der Prophezeiungen (als Hinweise auf das Erscheinen des Christus/Messias), der „Beständigkeit“ der jüdischen Religion (das Prinzip, dass die wahre Religion von Anfang der Schöpfung an vorhanden sein muss, vgl. Augustinus von Hippo, Retractationes 1,12,3) und dem hermeneutischen Prinzip der Liebe als Schlüssel der Heiligen Schrift (Laf. 270). Der „Beweis“ führt nicht direkt zum Glauben, er ist allerdings ein „Werkzeug“ (Laf. 7) der Gnade. Ziel der Apologie Pascals ist die Bekehrung von Atheisten oder Zweiflern. Im geordneten Material der Pensées finden sich die großen ausgearbeiteten anthropologischen Texte „Mißverhältnis des Menschen“ (Laf. 199) über die Lage des Menschen zwischen dem unendlich Kleinen und dem unendlich Großen, „Zerstreuung“ (Laf. 136) über die Ablenkung vom Nachdenken über die wirkliche, durch Elend und Tod geprägte Lage durch Vergnügen und Zerstreuung u. a. Die Einheit des Pascalschen Denkens von seinen mathematischen bis zu seinen theologischen Schriften macht das berühmte Fragment über die drei Ordnungen der Körper, des Geistes und der Liebe beziehungsweise Heiligkeit (Laf. 308) deutlich. Nicht in eines der 27 bzw. 28 Kapitel eingeordnet findet sich die Pascalsche Wette, gemäß der der Glaube an Gott nicht nur richtig, sondern auch vernünftig ist, denn: „Wenn Ihr gewinnt, so gewinnt Ihr alles, und wenn Ihr verliert, so verliert Ihr nichts“ (Laf. 418). Nach Pascals Notizen (Laf. 11) ist sie wie der „Einleitungs-Text“ über die Suche nach Gott (Laf. 427) dem Gedankengang voranzustellen (Vgl. Selliers Ausgabe der Penséss „d'après l'«ordre» pascalien“, 2004). Rezeption Während einer Epoche, die bereits klar auf der Trennung von Glauben und Wissen bestand, vertrat Pascal in seinem Leben und Werk das Prinzip der Einheit allen Seins. Für ihn bedeutete die Beschäftigung sowohl mit naturwissenschaftlichen Problemen als auch mit philosophischen und theologischen Fragen keinerlei Widerspruch; alles das diente ihm zur unmittelbaren Vertiefung seiner Kenntnisse. Seine Wahrnehmung der „intelligence/raison du coeur“ – nur das Zusammenspiel von Verstand und Herz könne Grundlage menschlichen Erkennens sein – als wesentlichste Form der umfassenden Erkenntnis wird von seinen Anhängern als visionär und über die Zeiten hinweg beispielgebend erfasst. Bis heute gilt Pascal als wortgewaltiger Apologet des Christentums und Verfechter einer tiefen christlichen Ethik. Kritiker des Christentums wie der Abbé Meslier oder Voltaire haben ihn daher früh als hochrangigen Gegner attackiert. 1793 wurde sein Grab in der Kirche St-Étienne-du-Mont geschändet. Johann Wolfgang von Goethe autorisierte in seiner „Werkausgabe letzter Hand“ eine 1772 gedruckte – wahrscheinlich nicht von ihm stammende – Rezension mit der Aussage: „Wir müssen es einmal sagen: Voltaire, Hume, La Mettrie, Helvetius, Rousseau und ihre ganze Schule, haben der Moralität und der Religion lange nicht so viel geschadet, als der strenge, kranke Pascal und seine Schule.“in Frankfurter Gelehrte Anzeigen vom 8. September 1772, siehe Goethes Werke: Vollstandige Ausgabe letzter Hand. Band 33, Verlag Cotta, 1830, S. 85; „von Schlosser stammend“: Hrsg. Elke Richter, Georg Kurscheidt: Johann Wolfgang Goethe : Briefe : Historisch-kritische Ausgabe. Band 1 von Johann Wolfgang von Goethe: Briefe. Verlag Walter de Gruyter, 2008, S. 436 Friedrich Nietzsche setzte sich zeitlebens mit Pascal auseinander. Für ihn ist Pascal „der bewunderungswürdige Logiker des Christenthums“;F. Nietzsche: Nachlass. KSA 12, 10[58], S. 531. „Pascal, den ich beinahe liebe, weil er mich unendlich belehrt hat: der einzige logische Christ“.Brief Nietzsches an Georg Brandes, 20. November 1888. KSB 8, Nr. 1151, S. 483. Es finden sich Urteile, die sowohl Bewunderung als auch Ablehnung ausdrücken: Nietzsche sah in Pascal, wie auch in Schopenhauer, so etwas wie einen würdigen Gegner. Er sah auch eine inhaltliche Verbindung zwischen diesen beiden: „ohne den christlichen Glauben, meinte Pascal, werdet ihr euch selbst, ebenso wie die Natur und die Geschichte, ‚un monstre et un chaos‘. Diese Prophezeiung haben wir erfüllt: nachdem das schwächlich-optimistische 18. Jahrhundert den Menschen verhübscht und verrationalisiert hatte […] in einem wesentlichen Sinn ist Schopenhauer der Erste, der die Bewegung Pascals wieder aufnimmt […] unsre Unfähigkeit, die Wahrheit zu erkennen, ist die Folge unsrer Verderbniß, unsres moralischen Verfalls: so Pascal. Und so im Grunde Schopenhauer.“F. Nietzsche: Nachlass. KSA 12, 9[189], S. 445. In Pascal kann Nietzsche seine Kritik des Christentums lokalisieren: „Man soll es dem Christenthum nie vergeben, daß es solche Menschen wie Pascal zugrunde gerichtet hat. […] Was wir am Christenthum bekämpfen? Daß es die Starken zerbrechen will, daß es ihren Muth entmuthigen, ihre schlechten Stunden und Müdigkeiten ausnützen, ihre stolze Sicherheit in Unruhe und Gewissensnoth verkehren will […] bis die Starken an den Ausschweifungen der Selbstverachtung und der Selbstmißhandlung zu Grunde gehn: jene schauerliche Art des Zugrundegehens, deren berühmtestes Beispiel Pascal abgiebt.“F. Nietzsche: Nachlass. KSA 13, 11[55], S. 27 f. Moderne Kritiker wie der sonst vergleichsweise zurückhaltende Aldous Huxley gingen in ihrer Kritik weiter, allerdings in psychologisierender Weise. Pascal habe aus seiner Not – seinen körperlichen Gebrechen sowie seiner Unfähigkeit, echte Leidenschaft zu empfinden – eine Tugend gemacht und dies mit heiligen Worten getarnt. Schlimmer noch: er habe seinen beachtlichen Verstand dazu benutzt, um andere dazu zu ermuntern, eine gleichermaßen diesseits-feindliche Weltanschauung einzunehmen. Zitate von Pascal wie: „Sich vom Mittelweg zu entfernen, heißt, sich von der Menschheit zu entfernen“ und anderes mehr verleiteten lediglich dazu, ihn als gemäßigten Denker im aristotelischen Sinne zu verstehen. Huxley vertritt die Auffassung, dass dies nur eine theoretische Seite Pascals gewesen sei. Im eigentlichen Leben, also so, wie es sich in dessen Lebensalltag auch nachweislich darstellte, sei Pascal sehr konsequent gewesen – heute würde man sagen: fundamentalistisch. Worte aus der Feder Pascals wie: „Siechtum […] ist der natürliche Zustand eines Christen; denn im Siechtum ist ein Mensch, wie er immer sein sollte“ gäben die düstere Haltung des Philosophen wieder. Pascal gelte aufgrund seiner brillanten Formulierungen und den beeindruckend geschilderten spirituellen Erlebnissen als Vorkämpfer einer hehren Sache, während er – was seine christlich-philosophische Seite anbelangt – nur ein kranker Asket gewesen sei. Im Gegensatz zu Nietzsche habe er sich nicht gegen seine Gebrechen gestemmt, sondern sie als willkommene Indizien für ein wertloses irdisches Leben benutzt, so Huxley.Aldous Huxley: Pascal. Langen/Müller, München 1960, S. 31–35 [Langen-Müllers Kleine Geschenkbücher, 98] Philosophiebezogen ist Karl Löwiths Wiederaufnahme der Kritik Voltaires und seine Beschäftigung mit der „Apologie“ oder die Pascal kritisch interpretierende Einstellung seines Werks in die Geschichte der modernen Funktionsontologie durch Heinrich Rombach.Rombach: Substanz – System – Struktur, Band 2. Freiburg 1966 Theologisch gewichtig sind etwa die große Interpretation Hans Urs von Balthasars in seinem Werk „Herrlichkeit“Von Balthasar: Herrlichkeit, Bd. 2, Einsiedeln 1962 oder Romano Guardinis „Christliches Bewußtsein: Versuche über Pascal“. Die letztgenannten Interpreten machen keine punktuellen Bemerkungen zu ausgewählten Fragestellungen von Person und Werk, sondern beschäftigen sich mit dem gesamten hinterlassenen Œuvre. Eine umfangreiche Pascal-Forschung gibt es nicht nur in Frankreich, sondern etwa auch in den Vereinigten Staaten oder in Japan. Die Evangelische Kirche in Deutschland ehrt Pascal mit einem Gedenktag im Evangelischen Namenkalender am 19. August.Frieder Schulz: Das Gedächtnis der Zeugen – Vorgeschichte, Gestaltung und Bedeutung des Evangelischen Namenkalenders. In: Jahrbuch für Liturgik und Hymnologie, Band 19. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1975, S. 69–104, Namenliste S. 93–104 (Digitalisat) Im Juli 2017 erregte die Nachricht Aufsehen, Papst Franziskus befürworte eine Seligsprechung Pascals. Pascal als Namensgeber Nach Pascal sind benannt: Physik Pascal, die physikalische Einheit des Drucks, wegen Pascals Versuchen zum Luftdruck das Pascalsche Paradoxon, ein scheinbares Paradoxon in der Hydrostatik das Pascalsche Gesetz, siehe hydrostatischer Druck Mathematik der Satz von Pascal, ein Satz zur Geometrie der Kegelschnitte das Pascalsche Dreieck, eine grafische Darstellung im Bereich Kombinatorik die Pascal-Verteilung in der Wahrscheinlichkeitstheorie, die meistens negative Binomialverteilung genannt wird Informatik die Pascaline, die 1642 von Pascal erfundene Rechenmaschine die Programmiersprachen Pascal und Object Pascal, wegen seiner Erfindung einer Rechenmaschine Philosophie die Pascalsche Wette, ein Argument für den Glauben an Gott Astronomie der Mondkrater Pascal, 1964 von der IAU nach Pascal benannt der Asteroid (4500) Pascal, 1991 nach Pascal benannt Sonstiges In Deutschland sind mehrere Schulen nach Pascal benannt worden; etwa das Pascalgymnasium in Münster, ebenso in Frankreich wie das Lycée Blaise-Pascal de Nouméa. Außerdem tragen zahlreich Straßen in Frankreich seinen Namen wie die rue Blaise Pascal in Paris. 1857 wurde für ihn in Paris auch eine 2,80 m hohe Statue aus Marmor eingeweiht.Monument à Blaise Pascal anosgrandshommes.musee-orsay.fr, abgerufen am 11. August 2024 (französisch) Werke (Auswahl) Französische Originaltitel Essai pour les coniques. (1640) Expériences nouvelles touchant le vide. (1647) Récit de la grande expérience de l’équilibre des liqueurs. (1648)Als Anhang veröffentlicht in: Traitez de l’équilibre des liqueurs et de la pesanteur de la masse de l’air, Paris 1663 (Digitalisat), S. 165 ff. Traité du triangle arithmétique. (1654)Digitalisat einer Ausgabe von 1665 Les Provinciales. (Briefe 1656–1657) Élément de géométrie. (1657) De l’Esprit géométrique et de l’Art de persuader. (1657) Histoire de la roulette. (1658) L’Art de persuader. (1660) Pensées sur la religion et autres sujets (1669, posthum) Deutsche Übersetzungen Eine Gesamtübersetzung des literarischen Werkes (ohne die naturwissenschaftlichen Schriften) existiert nur in elektronischer Form: Pascal im Kontext. Werke auf CD-ROM – Französisch/Deutsch. Übersetzt von Ulrich Kunzmann. Worm, Berlin 2003 (= Literatur im Kontext auf CD-ROM 19), ISBN 3-932094-35-2. Die derzeit maßgeblichen Buchausgaben des literarischen Werks auf Deutsch: Gedanken. Übersetzt von Ulrich Kunzmann. Kommentar von Eduard Zwierlein. Suhrkamp (= Suhrkamp Studienbibliothek. Bd. 20), Berlin 2012, ISBN 978-3-518-27020-2. Pensées/Gedanken von Blaise Pascal. Übersetzt von Sylvia Schiewe. Ediert und kommentiert von Philippe Sellier. wbg (Wissenschaftliche Buchgesellschaft), Darmstadt 2016, ISBN 978-3-534-23298-7. Literatur Donald Adamson: Blaise Pascal: Mathematician, Physicist and Thinker about God. Macmillan, London/New York 1995. Jean Firges: Pascal und Teilhard de Chardin. Zwei Weltbilder im Widerstreit (= Exemplarische Reihe Literatur und Philosophie. Bd. 32). Sonnenberg, Annweiler am Trifels 2011, ISBN 978-3-933264-65-7.mit Lit. und Lebenslauf Pascals, unter Betonung seines Jansenismus Lucien Goldmann: Der verborgene Gott. Studie über die tragische Weltanschauung in den „Pensées“ Pascals und im Theater Racines. Dt. zuerst Luchterhand, Neuwied 1971 u. ö.; Suhrkamp, Frankfurt 1985 (stw 491; zuerst Paris 1955). Romano Guardini: Christliches Bewußtsein: Versuche über Pascal, 1935. Manfred Heeß: Blaise Pascal: Wissenschaftliches Denken und christlicher Glaube (= Freiburger Schriften zur romanischen Philologie. Bd. 33). Fink, München 1977. Hans Loeffel: Blaise Pascal (= Vita mathematica. Bd. 2). Birkhäuser, Basel 1987 Gert Pinkernell: Namen, Titel und Daten der franz. Literatur, Wuppertal 2014 Christian Reidenbach: Horror vacui. Die Leere zwischen Empirie und Apologie bei Blaise Pascal. In: Ders.: Die Lücke in der Welt. Eine Ideengeschichte der Leere im frühneuzeitlichen Frankreich. Königshausen & Neumann, Würzburg 2018, S. 63–256, ISBN 978-3-8260-6374-9. Hermann Reuchlin: Pascal's Leben und der Geist seiner Schriften zum Theil nach neu aufgefundenen Handschriften mit Untersuchungen über die Moral der Jesuiten. Stuttgart 1840 Hans-Martin Rieger: Menschlich denken – Glauben begründen: Blaise Pascal und religionsphilosophische Begründungsmodelle der Moderne. De Gruyter, Berlin 2010, ISBN 978-3-11-024778-7 Wilhelm Schmidt-Biggemann: Blaise Pascal (Beck’sche Reihe Denker). Beck, München 1999 Theophil Spoerri: Pascals Hintergedanken. Furche, Hamburg 1958 Pensées de Blaise Pascal. Renouard, Paris 1812 (2 Bände) Robert Hugo Ziegler: Buchstabe und Geist. Pascal und die Grenzen der Philosophie. V&R unipress, Göttingen 2010, ISBN 978-3-89971-790-7 Markus Knapp: Herz und Vernunft – Wissenschaft und Religion. Blaise Pascal und die Moderne, Paderborn 2014 Weblinks Pascals Gedanken bei Zeno.org Blaise Pascal im Internet Archive Einzelnachweise Kategorie:Mathematiker (17. Jahrhundert) Kategorie:Physiker (17. Jahrhundert) Kategorie:Erfinder Kategorie:Logiker Kategorie:Philosoph der Frühen Neuzeit Kategorie:Römisch-katholischer Theologe (17. Jahrhundert) Kategorie:Philosoph (17. Jahrhundert) Kategorie:Christlicher Philosoph Kategorie:Literatur (Französisch) Kategorie:Literatur (Frankreich) Kategorie:Rationalist Kategorie:Essay Kategorie:Aphoristiker Kategorie:Person des Jansenismus Kategorie:Universalgelehrter Kategorie:Strömungsmechaniker Kategorie:Person des evangelischen Namenkalenders Kategorie:Person als Namensgeber für einen Asteroiden Kategorie:Namensgeber für eine Universität Kategorie:Person als Namensgeber für einen Mondkrater Kategorie:Franzose Kategorie:Geboren 1623 Kategorie:Gestorben 1662 Kategorie:Mann
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Internationale Filmfestspiele Berlin
mini|hochkant|Der Berlinale Palast während der Berlinale 2017 Die Internationalen Filmfestspiele Berlin, kurz Berlinale, sind ein jährlich in Berlin stattfindendes Filmfestival. Es zählt neben denen von Cannes und Venedig zu den wichtigsten Filmfestivals.Calendar of FIAPF Accredited Festivals. FIAPF; abgerufen am 16. Mai 2017. Träger der Filmfestspiele sind seit 2002 die Kulturveranstaltungen des Bundes in Berlin GmbH mit der Bundesrepublik Deutschland als alleinigem Gesellschafter. Sie erhalten eine institutionelle Förderung der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien.Kulturveranstaltungen des Bundes in Berlin GmbH, abgerufen am 10. Februar 2024.Die KBB bei Northdata, abgerufen am 10. Februar 2024 Die 75. Auflage unter der neuen Intendantin Tricia Tuttle fand vom 13. bis 23. Februar 2025 statt. Die Festivalausgabe 2026 soll vom 12. bis 22. Februar ausgerichtet werden. Überblick mini|hochkant|Tricia Tuttle, aktuelle Intendantin der Berlinale (2024) Die im Wettbewerb erfolgreichen Filme werden von einer internationalen Jury mit dem Goldenen und den Silbernen Bären ausgezeichnet. Mehr als 400 Filme werden in verschiedenen Sektionen präsentiert. Mit mehr als 325.000 verkauften Eintrittskarten und etwa 490.000 Kinobesuchern insgesamt (inklusive akkreditierter Fachbesucher) ist die Berlinale das größte Publikumsfestival der Welt. Rund 16.000 Fachbesucher aus 130 Ländern nehmen an dem Festival teil. Etwa 3.700 Journalisten aus mehr als 80 Ländern berichten über die Zeit der Festspiele.Berlinale 2014 – Zahlen und Fakten, 5. Mai 2014. Während der Berlinale findet zeitgleich der European Film Market (EFM) statt. Der EFM gehört zu den international wichtigsten Treffen der Filmindustrie und hat sich zu einem bedeutenden Marktplatz für Produzenten, Verleiher, Filmeinkäufer und Koproduktions­agenten etabliert.Berlin Film Festival a market force. Bei: Variety, 13. Februar 2008. Festivaldirektor war von 2001 bis 2019 Dieter Kosslick. Das Festival wurde bis zur 74. Berlinale (2024) von einer Doppelspitze geleitet, der Geschäftsführerin Mariette Rissenbeek und dem Künstlerischen Leiter Carlo Chatrian. Im April 2024 übernahm Tricia Tuttle die Leitung, die 75. Berlinale ist ihr erstes Festival. Geschichte 1951 wurde die Berlinale (die Kurzbezeichnung ist mindestens seit 1953 gebräuchlich) ins Leben gerufen. Ihre Planung war Anfang November 1950 publik geworden. Kurz darauf wurde als Termin der 7. bis 16. Juni 1951 offiziell bekanntgegeben. Die Festspiele fanden bis 1978 im Sommer statt. Sie geht auf eine Initiative von Oscar Martay zurück. Martay war Film Officer der Militärregierung der Vereinigten Staaten und beaufsichtigte und förderte in dieser Funktion die Berliner Filmindustrie, unter anderem mit mehreren Darlehen der amerikanischen Militärregierung, mit denen die Finanzierung der Filmfestspiele in den ersten Jahren sichergestellt wurden. Unter dem Motto „Schaufenster der freien Welt“ eröffnete die erste Berlinale am 6. Juni 1951 mit Alfred Hitchcocks Rebecca im Titania-Palast. Zum ersten Festspielleiter wurde der Filmhistoriker Alfred Bauer berufen, der nach dem Krieg die britische Militärregierung in Filmangelegenheiten beraten hatte. Im Ostteil der Stadt gab es als Reaktion auf die Berlinale das Festival des volksdemokratischen Films, auf dem hauptsächlich Filme aus dem damaligen Ostblock gezeigt wurden. Dieses Filmfest fand ebenfalls erstmals 1951, eine Woche nach dem Ende der Berlinale statt. Seit der ersten Berlinale wird der – nach einer Vorlage der Bildhauerin Renée Sintenis gestaltete – Goldene Berliner Bär verliehen. Die Preisträger wurden in den ersten Jahren teilweise durch Publikumswahl bestimmt. Nachdem die FIAPF (Fédération Internationale des Associations de Producteurs de Films) die Berlinale offiziell mit den Festivals in Cannes, Venedig und Locarno gleichgestellt hatte, änderte sich dies entsprechend den FIAPF-Richtlinien: Die Berlinale wurde zu einem A-Festival und berief 1956 erstmals eine internationale Jury ein, die den „Goldenen“ und die „Silbernen Bären“ vergab. Die frühe Berlinale war vor allem ein Publikums- und Glamour-Festival, auf dem sich zahlreiche Filmstars präsentierten (etwa Gary Cooper, Sophia Loren, Jean Marais, Richard Widmark, Jean Gabin, Michèle Morgan, Henry Fonda, Errol Flynn, Giulietta Masina, David Niven, Cary Grant, Jean-Paul Belmondo und Rita Hayworth). Die Ausrichtung des Festivals änderte sich ab Ende der 1960er Jahre auch aufgrund der gesellschaftlichen und politischen Polarisierung. So kam es etwa auf der Berlinale 1970 durch den Vietnamkriegs-Film o.k. von Michael Verhoeven zu heftigem Streit, sodass die Jury zurücktrat und das Wettbewerbsprogramm abgebrochen wurde. Auf der Berlinale 1971 wurde daraufhin neben dem traditionellen Wettbewerb mit dem „Internationalen Forum des jungen Films“ eine ehemalige Gegenveranstaltung in das Festival integriert, das junge und progressive Filme vorstellen sollte. Durch die Veränderungen Infolge der Ostpolitik Willy Brandts, die mit einer kulturellen Öffnung der Ostblockstaaten einherging, kamen 1974 mit Mit dir und ohne dich von Rodion Nachapetow und 1975 mit Jakob der Lügner zum ersten Mal ein sowjetischer und ein DDR-Film ins Programm. mini|links|Das Cubix-Kino am Alexanderplatz, Februar 2008 1976 wurde der bisherige Festivalleiter Alfred Bauer durch den Filmpublizisten Wolf Donner abgelöst. Dieser führte zahlreiche Änderungen und Modernisierungen des Festivals ein, etwa die Verlegung vom Sommer in den Februar. Einer der Gründe für diese Änderung war damals der Termin der Filmmesse (heute: European Film Market), der sich im Winter weniger mit den Terminen anderer Filmmärkte überschnitt. Donner etablierte neue Sektionen wie die Deutsche Reihe und das Kinderfilmfest, die ehemalige Informationsschau wurde zum Panorama in seiner heutigen Form. Seit Donners Zeit gilt die Berlinale vor allem als „Arbeitsfestival“ und weniger als Bühne für Stars und „Sternchen“. Wolf Donner wurde 1979 durch Moritz de Hadeln abgelöst, der die Berlinale bis 2001 leitete. Seit 2000 ist das Theater am Potsdamer Platz mit 1800 Sitzplätzen Hauptspielstätte. Während der Berlinale wird das Theater in Berlinale Palast umbenannt. Neben den Filmpremieren der Wettbewerbsfilme findet hier auch der Eröffnungsfilm und die Preisverleihung statt. Bis einschließlich 2015 hatte Rosa von Praunheim mehr als 20 Filme auf der Berlinale und ist damit Rekordhalter. Die Berliner Filmfestspiele wurden vom 1. Mai 2001 bis Ende Mai 2019 von Dieter Kosslick geleitet. Auch unter ihm gab es einige Veränderungen: So wurde die neue Reihe Perspektive Deutsches Kino eingeführt, 2003 entstand für die Nachwuchsförderung der Berlinale Talent Campus und zur Berlinale 2007 wurde mit den Berlinale Shorts eine weitere neue Sektion vorgestellt. Ab 1. Juni 2019 übernahmen Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek offiziell die Leitung des Filmfestivals.Berlinale 2020: Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek geben erste Neuerungen bekannt. berlinale.de, 28. März 2019; abgerufen am 8. Oktober 2019. Rissenbeek und Chatrian kündigten im Mai 2019 an, die Reihe Kulinarisches Kino 2020 nicht fortzusetzen. Mit der Reihe Encounters soll eine neue Wettbewerbssektion geschaffen werden, um Werke von unabhängigen Filmemacherinnen zu fördern. rbb, 7. Mai 2019; abgerufen am 7. Mai 2019. Ab 2020 stieg RBB Media, eine Tochtergesellschaft des RBB, als Co-Partner bei dem Filmfestival ein. Am 12. Dezember 2023 wurde bekannt gegeben, dass Tricia Tuttle ab April 2024 die künstlerische Leitung der Festspiele von Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek übernehmen solle. Die Kulturstaatsministerin Claudia Roth hatte zuvor angekündigt, dass die Berlinale künftig nur noch von einer Person geleitet werden sollte. Chatrian hatte daraufhin bekanntgegeben, das Festival nach der Ausgabe 2024 zu verlassen.Tricia Tuttle soll die Berlinale leiten. In: tagesschau.de, 12. Dezember 2023 (abgerufen am 12. Dezember 2023). Rissenbeek hatte bereits zuvor aus AltersgründenTobias Kniebe, David Steinitz, Anke Sterneborg: Berlin calling. In: Süddeutsche Zeitung, 13. Dezember 2023, S. 9. ihr Ausscheiden angekündigt. Roths Umgang mit dem Führungswechsel und insbesondere mit dem künstlerischen Leiter Chatrian war von zahlreichen internationalen Filmschaffenden kritisiert worden, darunter in einem offenen Brief auch von Martin Scorsese und Margarethe von Trotta. Sektionen Wettbewerb mini|Der Berlinale Palast am Potsdamer Platz ist die Spielstätte der Wettbewerbsfilme Der Wettbewerb ist die zentrale Sektion der Filmfestspiele; im Wettbewerbsprogramm werden die Hauptpreise – der Goldene Bär und die Silbernen Bären – verliehen. Im Wettbewerb werden (entsprechend den FIAPF-Richtlinien) ausschließlich Filme gezeigt, die innerhalb der letzten zwölf Monate vor Festivalbeginn produziert und noch nicht außerhalb ihrer Ursprungsländer aufgeführt wurden. Etwa 20 Filme stehen jedes Jahr im Wettbewerb. Die Nominierung der Filme sowie die Auswahl der Jurymitglieder ist Aufgabe der Festivaldirektion. Die Preisträger werden von einer internationalen Jury unter Führung eines Jury-Präsidenten gewählt und zum Ende des Festivals verkündet. Aktuelle Spielstätten des Wettbewerbs sind u. a. der Berlinale Palast am Potsdamer Platz sowie die Kinos CinemaxX, Kino International und das Haus der Berliner Festspiele. 2009 kam der Friedrichstadtpalast als Spielstätte hinzu. Jury-Präsidentin der Berlinale 2009 war die Schauspielerin Tilda Swinton. 2010 hatte dieses Amt der Regisseur Werner Herzog inne, gefolgt von Isabella Rossellini (2011), Mike Leigh (2012), Wong Kar-Wai (2013), Produzent und Drehbuchautor James Schamus (2014), Darren Aronofsky (2015), Meryl Streep (2016), Paul Verhoeven (2017), Tom Tykwer (2018), Juliette Binoche (2019), Jeremy Irons (2020), Todd Haynes (2025). Forum und Forum Expanded mini|links|Sophia Myles, 2007 Das Internationale Forum des Jungen Films (kurz: Forum) findet seit 1971 statt; der inhaltliche Schwerpunkt liegt traditionell im Bereich des politisch engagierten Kinos. Das Forum geht zurück auf eine Initiative des von Gero Gandert 1963 gegründeten Vereins Freunde der Deutschen Kinemathek. Die Gründer waren Gero Gandert, Erika Gregor, Ulrich Gregor, Heiner Roß und Manfred Salzgeber. Ulrich Gregor war von 1971 bis 1979 der Sprecher des Forums, ab dann Leiter für 20 Festivals. Das Forum bot jungen Regisseuren wie Raúl Ruiz, Derek Jarman und Peter Greenaway eine erste Gelegenheit, sich international zu präsentieren. Es gibt auch Filmen mit ungewöhnlichen Formaten eine Plattform, so etwa den überlangen Produktionen Taiga von Ulrike Ottinger (8 h 21 min) oder Satanstango von Béla Tarr (7 h 16 min). Einen weiteren Schwerpunkt des Forums bildet der außereuropäische Film. In den 1970er und 1980er Jahren konzentrierte man sich auf US-Independent-Filme, Filme aus Lateinamerika und internationale Avantgarde-Filme. In den 1980er und 1990er Jahren widmete man sich dem unabhängigen Kino Asiens. Leiter des Forums war von 2001 bis 2018 der Berliner Filmjournalist Christoph Terhechte. Nach einer Festivaledition mit Interimsleitung hat Cristina Nord das Forum von August 2019 bis inklusive des Jahrgangs 2023 geleitet. Seitdem ist Barbara Wurm Sektionsleiterin. „Das Internationale Forum, immer noch das wichtigste Nebenprogramm der Berliner Filmfestspiele, ist für die Neugierigen unter den Cineasten schon seit Jahren zu deren Hauptprogramm geworden.“ (Peter W. Jansen). Spielstätten des Forums sind die Kinos Delphi Filmpalast, Arsenal (mittlerweile am Potsdamer Platz), CineStar (bis zur Berlinale 2019), CinemaxX, Cubix und das silent green Kulturquartier. 2015 wurde erstmals das Gesamtprogramm von Forum Expanded in der Akademie der Künste gezeigt, nachdem sie bis 1999 schon einmal Spielort der Berlinale war. Seit Herbst 2021 leiten die Künstlerin Ala Younis und Ulrich Ziemons gemeinsam diese Sektion. Retrospektive, Hommage und Berlinale Classics Die Retrospektive ist das filmhistorische Programm der Berlinale. Sie wird seit 1951 durchgeführt Abgerufen am 19. April 2019. und seit 1977 in deutlich nichtkommerzieller Intention von der Stiftung Deutsche Kinemathek (Museum für Film und Fernsehen – Deutsche Kinemathek) kuratiert und organisiert. Die Themen der Retrospektive widmen sich zentralen Perioden der Filmgeschichte ebenso wie filmästhetischen oder filmtechnischen Aspekten und einzelnen Genres. Leiter der Retrospektive ist seit 2006 Rainer Rother. Mit der Hommage und dem Goldenen Ehrenbären werden seit 1977 herausragende Persönlichkeiten des Films für ihr Lebenswerk gewürdigt. In einer Filmreihe sind jeweils deren wichtigste Werke zu sehen. Der Goldene Ehrenbär für das Lebenswerk wird im Rahmen einer Galaveranstaltung für den anwesenden Ehrengast verliehen. Die Internationalen Filmfestspiele Berlin und die Deutsche Kinemathek – Museum für Film und Fernsehen bereiten die Hommage bis einschließlich 2023 gemeinsam vor. In den Berlinale Classics feiern digital restaurierte Filmklassiker und Wiederentdeckungen ihre Erstaufführung. Sie erweitern seit 2013 die filmhistorischen Sektionen der Berlinale. Verzeichnis der Retrospektiven mini|Nach der Vorführung gibt es häufig Gelegenheit zum Gespräch zwischen Publikum und Filmschaffenden mini|Mehr als 4200 akkreditierte Journalisten aus rund 100 Ländern berichteten über die Berlinale 2008 mini|Pressekonferenz nach der Vorführung eines Wettbewerbfilms 1951–1953: „Stummfilme“ 1954: „Schau berühmter Filme“ 1955: „60 Jahre Film“ 1956: „Humor der Nationen“ 1957: „Deutsche Künstler im ausländischen Film“ 1958: „Meisterwerke des internationalen Films von 1915 bis 1945“ 1959: „Internationale Meisterwerke der ersten Tonfilmjahre“ 1960: „10 Jahre Goldener Berliner Bär“ und „Internationaler Musikfilm 1930–1945“ 1961: „Richard Oswald“, „Billy Wilder“, „Akira Kurosawa“ 1962: „Asta Nielsen“, „G. W. Pabst“, „Ingmar Bergman“ 1963: „Elisabeth Bergner“, „E. A. Dupont“, „Karl Grune“, „Yasujiro Ozu“ 1964: „Kostbarkeiten internationaler Filmkunst: Louis Lumière, Pola Negri, Paul Leni“ 1965: „Meisterwerke deutscher Filmkunst“ 1966: „Max Ophüls“, „Mack Sennett“, „Cinema Novo“ 1967: „Harry Langdon“, „Ernst Lubitsch“ 1968: „Ernst Lubitsch“, „W. C. Fields“ 1969: „Abel Gance“ und „Musical 1929–1949“ 1970: „20 Jahre Festspielfilme in Berlin“ und „Fred Astaire und Ginger Rogers“ 1971: „Vom Revuefilm zum Filmmusical: Busby Berkeley, Eddie Cantor“ 1972: „Douglas Fairbanks“, „Ludwig Berger“ 1973: „William Dieterle“ und „Amerikanische Musicals und Zeichentrickfilme“ 1974: „Jacques Feyder“, „Lilian Harvey“ und „Norman McLaren“ 1975: „Greta Garbo“ und „Conrad Veidt“ 1976: „Eleanor Powell“, „Conrad Veidt II. Teil“; „Deutsche Spitzenfilme 1929–1932“ 1977: „Marlene Dietrich, Teil 1“ und „Liebe, Tod und Technik. Kino des Phantastischen 1933–1945“ 1978: „Marlene Dietrich, Teil 2“ und „Zensur – Verbotene deutsche Filme 1933–1945“ 1979: „Rudolph Valentino“ und „Wir tanzen um die Welt. Revuefilme 1933–1945“ 1980: „Billy Wilder“ und „3-D-Filme“ 1981: „Der Produzent: Die Filme von Michael Balcon“ 1982: „Aufruhr der Gefühle: Curtis Bernhardt“ und „Kinderfilme aus der DDR“ 1983: „Exil – Sechs Schauspieler aus Deutschland“: Elisabeth Bergner, Dolly Haas, Hertha Thiele, Curt Bois, Franz (Francis) Lederer, Wolfgang Zilzer (Paul Andor) 1984: „Lubitsch 1914–1933“ 1985: „Special Effects“ 1986: „Henny Porten“ 1987: „Rouben Mamoulian“ 1988: „Color – Die Geschichte des Farbfilms“ 1989: „Erich Pommer“ und „Europa 1939“ 1990: „Das Jahr 1945“ und „40 Jahre Berlinale“ 1991: „Kalter Krieg“ 1992: „Babelsberg – Ein Filmstudio“ 1993: „CinemaScope“ 1994: „Erich von Stroheim“ 1995: „Happy Birthday, Cinema! Buster Keaton 100, Slapstick & Co“ 1996: „William Wyler“ 1997: „G. W. Pabst“ 1998: „Robert und Curt Siodmak“ 1999: „Otto Preminger“ 2000: „Künstliche Menschen“ 2001: „Fritz Lang“ 2002: „European 60s. Revolte, Phantasie & Utopie“ 2003: „Friedrich Wilhelm Murnau“ 2004: „New Hollywood 1967–1976. Trouble in Wonderland“ 2005: „Production Design und Film“ 2006: „Traumfrauen. Stars im Film der fünfziger Jahre“ 2007: „City Girls – Frauenbilder der Stummfilmzeit“ 2008: „Luis Buñuel“ 2009: „70 mm – Bigger than Life“ 2010: „Play It Again …!“ 2011: „Ingmar Bergman“ 2012: „Die rote Traumfabrik“: Meschrabpom-Film und ihr deutscher Zweig Prometheus Film 2013: „The Weimar Touch“ 2014: „Aesthetics of Shadow. Lighting Styles 1915–1950“ 2015: „Glorious Technicolor. Filme aus dem George Eastman House und weiteren Archiven“ 2016: „Deutschland 1966 – Filmische Perspektiven in Ost und West“ 2017: „Future Imperfect. Science · Fiction · Film“ 2018: „Weimarer Kino – neu gesehen“ 2019: „Selbstbestimmt. Perspektiven von Filmemacherinnen“ 2020: „King Vidor“ 2021: Aufgrund der COVID-19-Pandemie entfallen 2022: „No Angels – Mae West, Rosalind Russell & Carole Lombard“ 2023: „Young at Heart – Coming of Age at the Movies“Retrospektive 2023: „Young at Heart – Coming of Age at the Movies“. Bei: berlinale.de; abgerufen am 21. November 2022. 2024: „Das andere Kino – Aus dem Archiv der Deutschen Kinemathek“ 2025: „Wild, schräg, blutig. Deutsche Genrefilme der 70er“ Verzeichnis der Hommagen mini|hochkant|Der Delphi Filmpalast ist einer der traditionsreichen Berlinale-Spielorte 1977: Wilfried Basse 1981: Peter Pewas 1982: James Stewart 1984: Melina Mercouri/Jules Dassin 1986: Fred Zinnemann 1987: Madeleine Renaud/Jean-Louis Barrault 1991: Jane Russell/Robert Mitchum 1992: Hal Roach 1993: Gregory Peck 1994: Sophia Loren 1995: Alain Delon 1996: Jack Lemmon und Elia Kazan 1997: Kim Novak 1998: Catherine Deneuve 1999: Shirley MacLaine 2000: Jeanne Moreau und Robert De Niro 2001: Kirk Douglas 2002: Claudia Cardinale 2003: Anouk Aimée 2007: Arthur Penn 2008: Francesco Rosi 2009: Maurice Jarre 2010: Hanna Schygulla und Wolfgang Kohlhaase 2011: Armin Mueller-Stahl 2012: Meryl Streep 2013: Claude Lanzmann 2014: Ken Loach 2015: Wim Wenders 2016: Michael Ballhaus 2017: Milena Canonero 2018: Willem Dafoe 2019: Charlotte Rampling 2020: Helen Mirren 2023: Steven Spielberg 2024: Martin Scorsese 2025: Tilda Swinton Panorama Das Panorama gehört zum offiziellen Programm der Berlinale und wird seit 1986 veranstaltet. Vorläufer war in der Anfangszeit der Berlinale die sogenannte Informationsschau. Leiter war zunächst Manfred Salzgeber, der 1992 von Wieland Speck abgelöst wurde. Schwerpunkte sind das Arthouse-Kino und der Autorenfilm, alle Filme werden als Welt- oder Europa-Premiere gezeigt. Das Hauptprogramm bietet jährlich etwa 18 Spielfilme, zahlreiche weitere Produktionen bilden das Rahmenprogramm. Subsektionen sind die Reihen Dokumente, Panorama Special und Panorama-Kurzfilme. Inhaltlich widmet sich das Panorama eher gesellschaftlichen als direkt politischen Themen: So werden traditionell viele schwul-lesbische beziehungsweise queere Filme gezeigt. Spielstätten des Panoramas sind das CinemaxX, das Kino International und das CineStar (bis zur Berlinale 2019). Generation Seit 1978 widmet die Berlinale eine Sektion speziell Kindern und Jugendlichen und zeigt dort eine aktuelle Auswahl internationaler Spiel- und Kurzfilme. Die Sektion gilt in diesem Bereich als eine der wichtigsten Markt- und kulturellen Plattformen weltweit. Die Sektion wurde 2004 durch den Jugendfilmwettbewerb 14plus ergänzt. Der frühere Name „Kinderfilmfest“ wurde zur Berlinale 2007 in Generation umbenannt. Entsprechend heißen die Wettbewerbe heute Generation Kplus und Generation 14plus. Im Wettbewerb Generation Kplus verleiht eine Kinderjury den Gläsernen Bären an je einen Spiel- und einen Kurzfilm. Eine Internationale Jury von Filmfachleuten vergibt zudem die mit Geld dotierten Preise des Deutschen Kinderhilfswerks. Den Gläsernen Bären für den besten Spielfilm im Wettbewerb Generation 14plus vergibt eine Jury von Jugendlichen. Die Devise, keinen „Kinderkitsch“ zu zeigen, bedeutet, anspruchsvolle Filme aus der ganzen Welt ins Programm aufzunehmen, die nah am Alltag und am Erleben von Kindern und Jugendlichen bleiben und auch eine Realität abbilden, die manchmal harter Tobak ist.Schule des Sehens. Deutschlandradio Kultur, 12. Februar 2009. Mit ihrem Programm möchte die Sektion Generation für ein erweitertes Verständnis von Filmen für junge Menschen werben. Die Wettbewerbsbeiträge beschränken sich nicht auf klassische Kinder- oder Jugendfilmproduktionen; sie schließen vielmehr auch Filme ein, die zwar nicht für diese Zielgruppen konzipiert wurden, aber Kinder oder Jugendliche thematisch und formal ansprechen. Im Rahmen von Cross Section werden seit 2006 für Kinder und Jugendliche geeignete Filme aus den anderen Sektionen der Berlinale außer Konkurrenz in „Generation“ wiederholt und so einem Publikum unter 18 Jahren zugänglich gemacht. Von 2008 bis 2022 wurde Generation von Maryanne Redpath geleitet, von 2008 bis 2014 in Zusammenarbeit mit Florian Weghorn als Co-Kurator. Hauptspielstätte von Generation Kplus war der Zoo Palast. Seit 2012 ist das Haus der Kulturen der Welt die Hauptspielstätte von Generation 14plus. Weitere Vorstellungen gibt es in den Kinos Colosseum (Prenzlauer Berg), im Filmtheater am Friedrichshain sowie im Cinemaxx am Potsdamer Platz. Seit 2023 wird die Sektion vom Filmkritiker Sebastian Markt geleitet. An seiner Seite betreut Melika Gothe das Sektionsmanagement. Berlinale Special Berlinale Special ist eine 2004 neu eingeführte Reihe im offiziellen Programm, in der sowohl aktuelle Arbeiten großer Filmemacher als auch Wiederaufführungen von klassischen Werken der Filmgeschichte und Produktionen zu Festivalschwerpunkten oder aktuell-brisanten Themen gezeigt werden sollen. Sie baut auf die seit 1984 an den Wettbewerb angeschlossenen Sondervorführungen auf. Aufführungsort war lange Zeit der Friedrichstadt-Palast, der sich allerdings seit geraumer Zeit in einer Sanierungsphase befindet und daher aktuell nicht zur Verfügung steht. Mit Carlo Chatrians Intendanz ab 2020 wurden außerdem die zuvor im Wettbewerb außer Konkurrenz gezeigten Filme ins Berlinale Special verlagert. Perspektive Deutsches Kino mini|Sharon Stone bei der Premiere von When a man falls in the forest Die unter Dieter Kosslick eingeführte Sektion Perspektive Deutsches Kino widmet sich der aktuellen deutschen Filmproduktion und ergänzt die geschlossene Reihe German Cinema; gezeigt werden etwa ein Dutzend Spiel-, Dokumentar- und Experimentalfilme, die aus ca. 250 Bewerbungen ausgewählt werden. Linda Söffker war von 2010 bis 2022 die Leiterin. 2023 wurde die Sektion von Jenni Zylka geführt. Mit der Ausgabe 2024 wurde die Sektion aus dem Programm gestrichen. Berlinale Shorts Im Jahr 2006 wurde mit den Berlinale Shorts eine eigene Sektion für kurze Filme eingerichtet. Je ein Goldener und ein Silberner Bär werden seit 1955 an die besten kurzen Filme vergeben, seit 2003 von einer eigens dafür einberufenen internationalen Jury. In den Berlinale Shorts laufen jährlich ca. 30 Kurzfilme, die um die Bären konkurrieren. Die Sektion wurde von 2007 bis 2019 von Maike Mia Höhne geleitet. Carlo Chatrian als künstlerischer Direktor und Mariette Rissenbeek als Geschäftsführerin, seit dem 1. Juni 2019 offiziell die Leitung der Berlinale, haben Anna Henckel-Donnersmarck zur neuen Leiterin der Sektion berufen. Kurzfilme und mittellange Filme sind darüber hinaus in den Sektionen Generation, Perspektive Deutsches Kino und im Forum Expanded zu sehen. Berlinale Series 2015 wurde die Berlinale zum ersten A-Festival weltweit, das eine eigene Reihe für Fernsehserien ins offizielle Programm einführte. Bereits ab 2010 feierten Serienformate ihre Premieren in anderen Sektionen des Festivals (u. a. Top of the Lake, Im Angesicht des Verbrechens). Im Rahmen der Berlinale Special Series kam es u. a. mit Better Call Saul, The Night Manager oder 4 Blocks zu Welt- oder internationalen Premieren. 2018 wurde die Reihe in Berlinale Series umbenannt und erhielt mit dem Zoo Palast eine neue zentrale Spielstätte. Bei: berlinale.de, 20. Oktober 2017; abgerufen am 19. April 2019. Ab 2019 leitete Julia Fidel die Reihe. Im Juli 2023 wurde sie eingestellt. Encounters Für seinen ersten Jahrgang als künstlerischer Leiter der Berlinale und zum 70. Jubiläum des Festivals hat Carlo Chatrian 2020 die neue, kompetitive Sektion Encounters eingeführt. Die Sektion möchte laut Selbstverständnis "ästhetisch und strukturell wagemutigen Arbeiten von unabhängigen, innovativen Filmschaffenden eine Plattform" bieten. Chatrian selbst spricht davon, Filme in einem Wettbewerbszusammenhang zu präsentieren, die den üblichen Markterwartungen klassischer Wettbewerbsfilme nicht gerecht würden. Die Sektion wurde von Tricia Tuttle gestrichen, mit der Sektion Perspectives wurde eine eigenständigen Reihe für Debütfilme eingerichtet. Weitere Veranstaltungen Berlinale Talents: (2003–2013 „Berlinale Talent Campus“); Veranstaltungsort: Haus der Kulturen der Welt (bis 2006), Hebbel am Ufer (seit 2007) Deutsche Reihe (German Cinema): nur für akkreditierte Besucher Kulinarisches Kino: 2007 eingeführte Filmreihe an der Schnittstelle von Kino, Kochen und Nahrungsmitteln. 2019 fand die letzte Edition statt, die Reihe wird mit der 70. Berlinale nicht fortgeführt. Berlinale Keynotes: Brancheninterne Vortragsreihe zu den Zukunftsstrategien und Perspektiven der Filmindustrie European Film Market Der European Film Market (kurz: EFM) ist wichtiger Handelsplatz für Produzenten, Verleiher, Filmeinkäufer und Co-Produktionsagenten. Als erster Filmmarkt im Jahr gehört der EFM neben dem Marché du film in Cannes im Mai und dem American Film Market im November zu den drei bedeutendsten Branchentreffen der Filmindustrie. Der EFM ist die Nachfolgeveranstaltung der Filmmesse. Veranstaltungsort waren bis 2000 die Räume in der Budapester Straße, danach fand der Filmmarkt im Atrium des Debis-Hauses am Potsdamer Platz statt bot. Die stetige Expansion der Veranstaltung führte 2006 zum Umzug in den Martin-Gropius-Bau und das Marriott Hotel am Potsdamer Platz. Preise und Auszeichnungen Verliehene Preise Der Goldene Bär ist seit 1951 der Große Preis der Berliner Filmfestspiele. Er wird aus den Wettbewerbsfilmen ausgesucht, die sämtlich nur in den zwölf Monaten vor Beginn des Festivals produziert und vorher nicht außerhalb ihres Herkunftslands oder auf anderen Festivals gezeigt worden sein dürfen. Der Preis wurde nur einmal nicht verliehen: 1970. Seit 1951 wird der Silberne Bär in verschiedenen Kategorien vergeben, einschließlich des Großen Preises der Jury (früher Spezialpreis der Jury), der 1965 eingeführt wurde und so etwas wie eine Auszeichnung für den zweitbesten Film des Wettbewerbs darstellt. 1951 wurde die Auszeichnung für drei Filme in den Kategorien Musical, Drama und Komödie verliehen. 1952–1955 ging der Silberne Bär allgemein an einen Spielfilm. Seit 1956 wird der Preis in verschiedenen Kategorien vergeben. Momentan wird neben dem Großen Preis der Jury je ein Silberner Bär für die beste Regie, die beste Darstellerin, den besten Darsteller, das beste Drehbuch und „für eine herausragende künstlerische Leistung aus den Kategorien Kamera, Schnitt, Musik, Kostüm oder Set-Design“ vergeben.Berlinale Preise der Internationalen Jury, 12. Dezember 2007. Preise für Kurzfilme Im Wettbewerb der Berlinale Shorts werden ebenfalls ein Goldener Bär und ein Silberner Bär als Preis der Jury vergeben. Die Internationale Kurzfilmjury vergibt auch Lobende Erwähnungen. Zudem ergeht eine Nominierung für den besten europäischen Kurzfilm beim Europäischen Filmpreis an einen Filmemacher europäischer Herkunft. Seit 2025 wird der Berlinale Shorts CUPRA Filmmaker Award mit 20.000 Euro ein unkonventionelles Regietalent aus dem Wettbewerb der Kurzfilmsektion gewürdigt. Nominiert sind alle Regisseurinnen und Regisseure, die mit ihrem Film am Wettbewerb um den besten Kurzfilm im Programm der Sektion Berlinale Shorts gelistet sind. Über die Vergabe entscheidet die Internationale Kurzfilmjury. Bester Erstlingsfilm: Die 2006 initiierte Auszeichnung ist mit 50.000 Euro dotiert und wird von der Gesellschaft zur Wahrnehmung von Film- und Fernsehrechten (GWFF) gestiftet. Aus den Sektionen Wettbewerb, Panorama, Forum oder Generation kürt eine internationale Jury den besten Debütfilm. Das Preisgeld wird zwischen Regisseur und Produzent geteilt. Preise der Sektion Generation Von einer Kinderjury werden verliehen: Gläserner Bär in der Sektion Kplus für den besten Film und Gläserner Bär in der Sektion Kplus für den besten Kurzfilm, dazu gibt es Lobende Erwähnungen Von einer Jugendjury werden zuerkannt: Gläserner Bär für den besten Film (14plus) und Gläserner Bär für den besten Kurzfilm (14plus), außerdem werden Lobende Erwähnungen ausgesprochen. Eine internationale Jury aus Fachleuten verleiht seit dem Jahr 2000 die beiden vom Kinderhilfswerk gestifteten Auszeichnungen Großer Preis der Internationalen Jury für den Besten Film in der Sektion Kplus und Spezialpreis der Internationalen Jury für den Besten Kurzfilm in der Sektion Kplus. Sie sind mit einem Preisgeld von 7.500 bzw. 2.500 Euro versehen. Die internationale Jury vergibt außerdem seit 2013 die beiden von der Bundeszentrale für Politische Bildung gestifteten Auszeichnungen Großer Preis der Internationalen Jury für den Besten Film in der Sektion 14plus und Spezialpreis der Internationalen Jury für den Besten Kurzfilm in der Sektion 14plus. Sie sind mit einem Preisgeld von je 2.500 Euro versehen. Der Berlinale Dokumentarfilmpreis wurde 2017 ins Leben gerufen. Insgesamt werden rund 18 aktuelle Dokumentarbeiträge aus den Sektionen Wettbewerb, Encounters, Panorama, Forum, Generation, Berlinale Special und Perspektive Deutsches Kino für den Berlinale Dokumentarfilmpreis nominiert. Eine dreiköpfige Jury entscheidet über die Vergabe, das Preisgeld teilen sich Regisseur und Produzent des Preisträgerfilms. Die Auszeichnung wird im Rahmen der offiziellen Preisverleihung im Berlinale Palast vergeben. In den ersten zwei Jahren war der Preis mit einem Preisgeld in Höhe von 50.000 Euro dotiert und von dem Uhrenhersteller Glashütte gestiftet. Seit dem Rückzug des Unternehmens als Sponsor der Berlinale wird der fortan mit 40.000 Euro dotierte Preis von der Rundfunkanstalt RBB gestiftet. Die Berlinale Kamera geht seit 1986 an Persönlichkeiten oder Institutionen, die sich um die Berlinale verdient gemacht haben. Er kann nur an Preisträger vergeben werden, die nicht direkt an den Wettbewerbsfilmen beteiligt sind. Der Goldene Ehrenbär als Auszeichnung für ein Lebenswerk geht an den Gast der Hommage. Außerdem verleihen vom Festival unabhängige Jurys folgende Preise: Der FIPRESCI-Preis wird seit 1957 von der internationalen Filmkritikervereinigung Fédération Internationale de la Presse Cinématographique (FIPRESCI) verliehen. Im Wettbewerb sowie in den Sektionen Panorama und Forum wird jeweils ein Preisträger ermittelt. CICAE-Preis: Der Preis wird von der Vereinigung C.I.C.A.E. vergeben, der Confédération Internationale des Cinémas d’Art et d’Essai (Internationaler Verband der Filmkunsttheater). Er wird auch als Lobende Erwähnung, Empfehlung und Spezielle Erwähnung vergeben. Die erste Verleihung war 1967. Die Berliner Morgenpost vergibt seit 1974 Leserpreis der Berliner Morgenpost an einen Beitrag aus dem internationalen Wettbewerb. mini|hochkant|Clint Eastwood war 2007 mit Letters from Iwo Jima zu Gast und erhielt eine Berlinale Kamera Caligari Filmpreis: Seit 1986 wird der Preis für thematische oder stilistische Neuerungen für Filme im Forum verliehen. Er ist derzeit mit 4.000 Euro dotiert, die zu gleichen Teilen an Regisseur und Verleiher gehen. Der Preis wird auch als Besondere Erwähnung verliehen. Der 1986 initiierte Friedensfilmpreis geht an einen Film, der ästhetische Qualität mit einer humanistischen Botschaft, demokratischer Aussage und sozialer Verantwortung verbindet. Er ist derzeit mit 5.000 Euro dotiert und wird auch als Lobende Erwähnung vergeben. Teddy Award: Der Preis wird von einer internationalen Jury, deren Mitglieder vorwiegend Organisatoren schwuler und lesbischer Filmfestivals sind, für einen Kurz-, Spiel- und Dokumentarfilme aus dem Themenbereich Homosexualität verliehen. Der 1987 erstmals vergebene Award ist seit 1992 offizieller Berlinalepreis. Die verliehene Statuette wurde von Comiczeichner Ralf König entworfen. Es gibt den Preis auch als Spezialpreis, Besondere Erwähnung, Jurypreis und Publikumspreis. Der Preis der Ökumenischen Jury trat 1992 die Nachfolge der Preise von Interfilm und der Organisation catholique internationale pour le cinéma et l’audiovisuel (OCIC) an. Je ein Film aus Wettbewerb, Panorama und Forum werden prämiert. Mit dem Preis werden Regisseure ausgezeichnet, die wahres künstlerisches Talent besitzen und deren Filme Handlungen oder Porträts zeigen, die die Botschaft der Bibel transportieren oder das Publikum für spirituelle, menschliche und soziale Werte sensibilisieren. Der Preis wird auch als Besondere Erwähnung und Spezialpreis vergeben. Der Preis der Gilde Deutscher Filmkunsttheater geht an einen Film aus dem offiziellen Wettbewerb und wird seit 1996 vergeben. Die Jury setzt sich aus drei Kinobetreibern zusammen, die Mitglied der Gilde deutscher Filmkunsttheater sind. (Nicht zu verwechseln mit dem Gilde-Filmpreis.) Der Leserpreis des Tagesspiegels wird seit 2023 an den besten Film der Wettbewerbssektion Encounters verliehen. Zuvor wurde mit der Auszeichnung der beste Beitrag aus der Sparte Forum geehrt. Der Shooting Stars Award, seit 1998 von European Film Promotion an 10 junge europäische Nachwuchsschauspieler verliehen Der Heiner-Carow-Preis ist mit 5.000 Euro dotiert und wird seit 2013 von der DEFA-Stiftung verliehen. Bis 2019 ging er an einen deutschen Spiel-, Dokumentar- oder Essayfilm aus der Sektion Panorama, zur 70. Berlinale wechselte die Auszeichnung in die Sektion Perspektive Deutsches Kino. 2024 wurde der Schwerpunkt erneut verändert: Künftig wird der Preis sektionsübergreifend an einen ersten oder zweiten deutschen Langfilm aus den Reihen Wettbewerb, Berlinale Special, Encounters, Panorama, Generation, Forum oder Forum Expanded vergeben. Seit 1998 wird der NETPAC Award vom Network for the Promotion of Asian Cinema (NETPAC) an einen herausragenden asiatischen Film im Forum vergeben. Es gibt ihn auch als Besondere Erwähnung. Der Panorama Publikumspreis, eine Bronzestatuette, wird vom Publikum der Sektion Panorama per Wahl bestimmt. Der Preis wird seit 1999 verliehen. Die Score Competition ist ein Preis des Berlinale Talent Campus und wird an drei junge Komponisten bzw. Sound Designer vergeben. Der Preis beinhaltet eine Orchestrierung des Soundtracks durch das Deutsche Filmorchester Babelsberg. Der Komponist des besten Soundtracks erhält eine Reise zu den wichtigsten Filmstudios in Hollywood. Der erstmals 2005 vergebene Amnesty International Filmpreis der Menschenrechtsorganisation Amnesty International ist mit derzeit 5.000 Euro dotiert und geht an Filme, die die Situation der Menschenrechte in der heutigen Zeit thematisieren. Der Preis Label Europa Cinemas geht an einen herausragenden europäischen Film der Sektion Panorama. Er ist eine Initiative der Vereinigung Europa Cinemas, die den Verleih europäischer Filme in Europa fördert. Der Preis wird seit 2005 vergeben. Der Kompagnon-Förderpreis und der Kompass-Perspektive-Preis werden in der Sektion Perspektive Deutsches Kino vergeben. Nicht mehr vergebene Berlinale-Preise Der nach dem Gründer der Berlinale benannte Alfred-Bauer-Preis wurde von 1987 bis 2019 an einen Wettbewerbsfilm verliehen, der der Filmkunst neue Perspektiven eröffnete. Er wurde auch als Lobende Erwähnung vergeben. Nachdem 2020 durch Recherchen bekannt wurde, dass Bauer wahrscheinlich eine bedeutende Position in der NS-Zeit innehatte, wurde die Vergabe des Preises vorerst ausgesetzt.Berlinale setzt Alfred-Bauer-Preis aus. Zeit Online, 29. Januar 2020; abgerufen am 30. Januar 2020. Der Bronzene Bär war so etwas wie ein Preis für die Drittplatzierten des Wettbewerbs. Der Preis wurde 1951–1956 vergeben. 1951 wurde er für vier Filme in den Kategorien Dokumentation, Drama und Komödie verliehen, 1952–1955 an einen Spielfilm allgemein. 1956 wurde der Siegerfilm per Publikumsabstimmung bestimmt. Der Femina-Film-Preis war mit 2.000 Euro dotiert und zeichnete bis 2011 herausragende Leistungen von Frauen im Bereich Ausstattung, Kamera, Kostüm, Musik und Schnitt für einen deutschsprachigen Film aus. Der Große Bronzeteller wurde vom Publikum nach einer Abstimmung für den beliebtesten Film des Festivals vergeben. Der Preis wurde nur 1951 vergeben. Der Zweitplatzierte erhielt den Kleinen Bronzeteller. Die Goldene Plakette wurde einmalig 1951 für drei dokumentarische Filme vergeben. Zweiter und dritter Preis hießen Silberne Plakette und Bronzene Plakette. Der nur 1951 verliehene Sonderpreis der Stadt Berlin wurde für Filmerrungenschaften von herausragendem Wert vergeben. Es gab ihn auch als Ehrenurkunde. Der Sonderpreis des Senats von Berlin wurde von einer Jury internationaler Delegierter an mehrere herausragende Filme verliehen. Der Preis wurde nur zwei Jahre vergeben (1953–1954). Der OCIC-Preis (verliehen von 1954 bis 1991) wurde von der katholischen OCIC verliehen, der „Organisation Catholique Internationale du Cinéma et de l'Audiovisuel“. Es gab ihn auch als Besondere Erwähnung, Empfehlung, Besondere Empfehlung, Lobende Erwähnung und Förderpreis. 1991 vereinigten sich die OCIC und ihre evangelische Schwestervereinigung Interfilm zu einer ökumenischen Jury. Von 1954 bis 1956 ging die Große Goldene Plakette an den besten Dokumentarfilm des offiziellen Wettbewerbs. Der Sieger wurde per Wahl vom Publikum bestimmt. Der zweite und dritte Preis hießen Große Silberne Plakette und Große Bronzene Plakette Die Kleine Goldene Plakette ging von 1955 bis 1957 an den besten Kurzfilm des offiziellen Wettbewerbs. Der Preis wurde in einer Abstimmung vom Publikum bestimmt. Die entsprechenden Preise für den zweit- und drittbesten Film waren die Kleine Silberne Plakette und die Kleine Bronzene Plakette. Der nur 1958 vergebene Preis des Senators für Volksbildung ging an den am besten für ein junges Publikum geeigneten Dokumentar- oder Kulturfilm. Von 1959 bis 1969 wurde der Jugendfilmpreis an den am besten für ein junges Publikum geeigneten Film vergeben. Bis 1967 war die Auszeichnung ein Bronzeteller. Kurz-, Dokumentar- und Spielfilme wurden prämiert. Es gab ihn auch als Ehrenvolle Erwähnung. 1968–1969 hieß die Auszeichnung Preis der jungen Generation. Der von 1960 bis 1987 vergebene C.I.D.A.L.C.-Preis wurde von der die internationale Verständigung fördernden Vereinigung C.I.D.A.L.C. vergeben, der „Confédération Internationale pour la Diffusion des Arts et des Lettres par le Cinéma“. Es gab ihn auch als C.I.D.A.L.C. Gandhi-Preis, Silberne Medaille der C.I.D.A.L.C., Lobende Erwähnung, Spezialpreis, Besondere Empfehlung, UNESCO-Preis der C.I.D.A.L.C. und C.I.D.A.L.C. Diplom. Der Interfilm-Preis wurde von der evangelischen Kirche verliehen. Es gab ihn auch als Empfehlung, Lobende Erwähnung, Otto-Dibelius-Filmpreis, Grand Prix, Besondere Erwähnung, Besondere Empfehlung, Spezialpreis und One World Filmpreis. 1992 vereinigte sich die evangelische Vereinigung mit ihrer katholischen Schwester OCIC zu einer ökumenischen Jury. Der Preis wurde von 1963 bis 1989 vergeben. Der von 1963 bis 1972 verliehene UNICRIT Preis wurde von der Kritikervereinigung UNICRIT vergeben, der „Union International de la Critique de Cinema“. Es gab ihn auch als Ehrenvolle Erwähnung, Sonderpreis und Statuette. Der Preis der International Writers' Guild, eine goldene Plakette, ging an das beste Drehbuch eines Wettbewerbsfilms. Die IWG vergab den Preis von 1968 bis 1973. Der Journalisten-Sonderpreis wurde von einer unabhängigen Gruppe von Filmkritikern aus Belgien, Dänemark, den Niederlanden und der Schweiz vergeben. Er wurde nach dem Rücktritt der Internationalen Jury 1970 spontan initiiert und nur dieses eine Jahr vergeben. Der von 1982 bis 1999 verliehene UNICEF-Preis wurde von der UNICEF an Filme vergeben, die sich mit den Themen Kindheit, Jugend und Familie beschäftigten. Es gab ihn auch als Lobende Erwähnung. Der von 1983 bis 1989 verliehene C.I.F.E.J.-Preis wurde vom „Centre International du Film pour l'Enfance et la Jeuneusse“ (C.I.F.E.J.) initiiert, das die Verbreitung von Film unter Kindern und Jugendlichen fördert. Es gab ihn auch als Lobende Erwähnung. Der von 1983 bis 1989 verliehene Preis der Zitty-Forum-Leserjury wurde von Lesern der alternativen Berliner Stadtzeitung Zitty vergeben. Der nur 1985 verliehene Otto-Domnick-Filmpreis wurde in Erinnerung an den experimentellen Filmemacher Ottomar Domnick vergeben. Der von 1986 bis 1996 verliehene Kinderfilm-Preis war der ehemalige Hauptpreis des Kinderfilmfestivals. Es gab ihn als Preis der Senatorin für Frauen, Jugend und Familie, als Lobende Erwähnung, als Preis der Stiftung Maria Schell und als Preis für den Besten Kurzfilm. Panorama-Kurzfilmpreis der New York Film Academy: Eine dreiköpfige Jury wählte von 1993 bis 2002 den Sieger aus dem Kurzfilmprogramm des Panoramas, der ein Stipendium der New York Film Academy gewann. Es gab den Preis auch als Besondere Erwähnung. Panorama Kurzfilmpreis: Die offizielle Kurzfilmjury des Festivals bestimmte von 2003 bis 2005 den Sieger dieses Preises. Es gab ihn auch als Lobende Erwähnung und Spezialpreis. Der nur 1996 verliehene Mionetto-Filmpreis wurde von dem italienischen Sekthersteller Mionetto gesponsert. Der Pierrot-Preis ging an den besten europäischen Debütfilm. Er wurde nur 1998 verliehen. Der nur 2002 verliehene Premiere First Movie Award ging an den besten Debütfilm aus dem Wettbewerb, dem Panorama, dem Forum, dem Kinderfilmfest oder der Perspektive Deutsches Kino. Es gab ihn auch als besondere Erwähnung. Der Preis der Leserjury der Berliner Zeitung wurde zwischen 1992 und 2006 an einen Film des Forums verliehen. Der Preis wurde auch als Besondere Erwähnung verliehen. Jeweils sieben Leser des Homosexuellenmagazins Siegessäule vergaben 23 Jahre lang unter allen Filmen des Festivals den Preis der Siegessäule-Leserjury, die ELSE, an den besten queeren Film, letztmals 2015. Der Wolfgang-Staudte-Preis wurde zwischen 1990 und 2006 an den besten Debütfilm oder zweiten Film im Hauptprogramm des Forums verliehen. Er erinnert an den Regisseur Wolfgang Staudte. Blauer Engel: Der Blaue Engel war von 1993 bis 2005 der Große Preis der Urheberrechtsorganisation AGICOA. Der New York Film Academy Scholarship Award bestand aus einem Stipendium der New York Film Academy für einen herausragenden Kurzfilmregisseur. Der Preis wurde von 1996 bis 2005 verliehen. Der Piper Heidsieck New Talent Award wurde an die beste Schauspielerin oder den besten Schauspieler in der ersten Filmrolle vergeben. Der Preis wurde 2001 und 2002 verliehen. Der Talent Movie of the Week wurde während des Berlinale Talent Campus ausgezeichnet. Der Preis wurde von 2003 bis 2006 verliehen. 2004 wurde der Planet Documentary Film Award innerhalb des Berlinale Talent Campus verliehen. Er sollte die Finanzierung einer Dokumentarfilmproduktion ermöglichen. Der Berlin Today Award wurde seit 2004 an drei Kurzfilmprojekte über Berlin verliehen, die dafür auf dem jeweils letztjährigen Berlinale Talent Campus nominiert wurden. Die Filme wurden mit Mitteln des Medienboards Berlin-Brandenburg produziert. Der vom Deutsch-Französischen Jugendwerk (DFJW) gestiftete Preis Dialogue en Perspective wurde seit 2004 an einen Film der Perspektive Deutsches Kino verliehen. Der Preis ist das Ergebnis eines interkulturellen filmischen Diskurses junger Menschen aus drei Ländern: Frankreich, Deutschland und einem jährlich wechselndes Gastland. Die Jury besteht aus sieben Mitgliedern, deren Zusammensetzung öffentlich ausgeschrieben wird, und einer Persönlichkeit, die sich für einen filmischen Dialog zwischen Deutschland und Frankreich engagiert, als Jurypräsident/-in. Jan Henrik Stahlberg hatte bei der Berlinale 2012 dieses Amt inne. Der DAAD-Kurzfilmpreis wurde vom Deutschen Akademischen Austauschdienst an einen künstlerisch herausragenden und visuell innovativen Kurzfilm der Berlinale Shorts vergeben. Der Preis umfasst ein dreimonatiges Stipendium in Berlin beim Künstlerprogramm des DAADs und eine Projektunterstützung. Der Preis wurde erstmals 2006 verliehen Der Think:Film Award zeichnete seit 2014 eine künstlerische Arbeit in der Sektion Forum Expanded aus. Der Preis wird von der Allianz Kulturstiftung unterstützt und besteht in einer Einladung nach Berlin und Kairo, wo die ausgewählte Arbeit öffentlich präsentiert werden darf. Im Jahr 2015 wurde erstmals der Audi Short Film Award, dotiert mit 20.000 Euro, verliehen. Abgerufen am 19. April 2019. Festival-Trailer Seit 2002 eröffnet ein 50 Sekunden langer Trailer („Opener“) die Vorführungen in allen Sektionen des Festivals. Die Computeranimation entstand in Zusammenarbeit des Regisseurs Uli M Schueppel mit der Filmproduktionsfirma Das Werk Berlin. Berlinale.de; abgerufen am 19. April 2019.Berlinale Trailer/Opener. Schueppel-Films. Literatur Peter Cowie: Die Berlinale. Das Festival. Bertz + Fischer, Berlin 2010, ISBN 978-3-86505-202-5. Freunde der Deutschen Kinemathek (Hrsg.): Zwischen Barrikade und Elfenbeinturm. Zur Geschichte des unabhängigen Kinos. 30 Jahre Internationales Forum des Jungen Films, Henschel, Berlin 2000 Matthias Greuling: Cannes, Venedig, Berlin: Die großen Filmfestivals: ein Servicebuch für Filmer und Medienvertreter. Norderstedt 2004. Jürgen Haase (Hrsg.): Zwischen uns die Mauer. DEFA-Filme auf der Berlinale. be.bra, Berlin 2010, ISBN 978-3-8148-0175-9. Wolfgang Jacobsen: 50 Jahre Berlinale: Internationale Filmfestspiele 1951-2000, Nicolaische Verlagsbuchhandlung, Berlin 2000, 564 S. Georg Simbeni, Daniela Sannwald (Hrsg.): Zwischen den Filmen - Between the Films: Eine Fotogeschichte der Berlinale - A Photo History of Berlinale, Kettler, Dortmund 2018 Andreas Wirsching (Hrsg.): Kino im Zwielicht: Alfred Bauer, der Nationalsozialismus und die Berlinale (Zeitgeschichte im Gespräch: Herausgegeben vom Institut für Zeitgeschichte), Metropol, Berlin 2023 Weblinks Einzelnachweise Kategorie:Filmfestival in Berlin Kategorie:Träger des Berliner Kunstpreises Kategorie:Erstveranstaltung 1951
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Brustkrebs
mini|Brustkrebszelle unter einem Raster­elektronen­mikroskop mini|hochkant|Rosa Schleife – Symbol der Solidarität mit von Brustkrebs betroffenen Frauen Brustkrebs oder Mammakarzinom (von „Zitze, Brust; weibliche Brustdrüse“) ist der häufigste bösartige Tumor der Brustdrüse des Menschen. Er kommt hauptsächlich bei Frauen vor; nur etwa jede hundertste dieser Krebserkrankungen tritt bei Männern auf.M. A. Roubidoux: Breast cancer, male. In: Emedicine. Stand vom 24. September 2008. In den westlichen Staaten ist Brustkrebs die häufigste Krebsart bei Frauen. Am Brustkrebs sterben mehr Frauen als an irgendeiner anderen Krebserkrankung. Die meisten Erkrankungen treten sporadisch (zufällig) auf, es gibt aber sowohl erbliche als auch erworbene Risikofaktoren. Neben der Heilung sind der Erhalt der betreffenden Brust und vor allem der Lebensqualität erklärtes Ziel der medizinischen Behandlung. Die Therapie besteht in der Regel in einer an das Erkrankungsstadium angepassten Kombination aus Operation sowie Zytostatika-, Hormon- und Strahlentherapie. Neue Ansätze aus dem Gebiet der Krebsimmuntherapie werden außerdem durch monoklonale Antikörper (wie z. B. durch die Verabreichung von Trastuzumab oder Pertuzumab) ermöglicht. Das medizinische Vorgehen basiert in hohem Maß auf Erfahrungen aus Studien, folgt oft der evidenzbasierten Medizin und ist in weltweit akzeptierten Leitlinien standardisiert. Zahlreiche nationale und internationale Programme zur Früherkennung und zur strukturierten Behandlung sollen die Letalität (Sterblichkeit) künftig senken. Epidemiologie mini|hochkant|Häufigkeit des Mammakarzinoms nach Quadranten (gerundet; rechte Brust) mini|hochkant|Verlauf der Sterblichkeit (y-Achse in Todesfälle pro 100.000 Einwohner) bei Brustkrebs in Abhängigkeit vom Alter (x-Achse) Brustkrebs bei der Frau In Deutschland ist das Mammakarzinom mit einem Anteil von 32 % aller Krebsneuerkrankungen die häufigste Krebserkrankung bei Frauen. Das Lebenszeitrisiko wird mit 12,9 % angegeben, d. h. etwa jede achte Frau erkrankt im Laufe ihres Lebens an Brustkrebs.K. Rhiem, R. K. Schmutzler: Risikofaktoren und Prävention des Mammakarzinoms. In: Onkologe. Band 21, 2015, S. 202–210. doi:10.1007/s00761-014-2837-5. Dies sind in Deutschland etwa 71.900 Neuerkrankungen pro Jahr (2019) oder 171 Fälle pro 100.000 Einwohner und Jahr.krebshilfe.de abgerufen am 10. Oktober 2019 Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) gab zum Weltkrebstag im April 2021 bekannt, dass im Jahr 2020 weltweit 19,3 Millionen Menschen an Krebs erkrankten. Als häufigste Krebsart sei Brustkrebs registriert worden, gefolgt von Lungenkrebs. Die Zahl von derzeit rund 20 Millionen Krebs-Neuerkrankungen könnte laut WHO bis 2040 auf etwa 30 Millionen weltweit ansteigen. Für Deutschland prognostizierte die Deutsche Krebshilfe einen Anstieg auf rund 600.000 Krebsfälle im Jahr 2030.br.de abgerufen am 6. Februar 2021 Auf Basis von aktuellen Erkrankungszahlen und der erwarteten demografischen Entwicklung haben Wissenschaftler der Internationalen Agentur für Krebsforschung (IARC) und von anderen Instituten im Fachmagazin The Breast eine Prognose für die globale Häufigkeit der Erkrankung aufgestellt: Bis 2040 werde die Krankheitslast weiter zunehmen. Die Autoren gehen dann von über drei Millionen Neuerkrankungen (+40,8 % im Vergleich zu 2020) und einer Million Todesfällen (+51,9 %) pro Jahr aus – allein schon wegen der wachsenden und immer älter werdenden Weltbevölkerung. Bei internationalen Vergleichen muss die unterschiedliche Altersverteilung der nationalen Bevölkerungen berücksichtigt werden. Die nach dem sogenannten Europastandard (ESR) altersstandardisierte Inzidenz (Neuerkrankungsrate) lag in Deutschland im Jahr 2010 für Frauen bei 119,6/100.000. Die brustkrebsbedingte Sterberate (Mortalität) betrug im selben Jahr altersstandardisiert 24,0/100.000 nach dem ESR. Seit 1970 haben sich die Erkrankungszahlen verdoppelt, während die Mortalität eher rückläufig ist.Alexander Katalinic, Carmen Bartel: Epidemiologie Mammakarzinom. Universität Lübeck, 2006. () Brustkrebs ist weltweit die häufigste invasive Tumorerkrankung bei Frauen. Weltweit gibt es nach Schätzungen der WHO (2003) etwa 1.050.000 neue Erkrankungsfälle pro Jahr, davon 580.000 in den Industriestaaten. Vergleichsweise seltener ist die Erkrankung in Afrika und Asien. Weltweit starben 1998 circa 412.000 Frauen an Brustkrebs, was 1,6 % aller gestorbenen Frauen entspricht. Damit ist Brustkrebs weltweit die häufigste krebsbedingte Todesursache bei Frauen. In der westlichen Welt ist Brustkrebs bei Frauen zwischen dem 30. und 60. Lebensjahr die häufigste Todesursache überhaupt. In Deutschland schätzt man etwa 17.460 brustkrebsbedingte Todesfälle pro Jahr und in den Vereinigten Staaten etwa 40.200. In Deutschland beträgt die durchschnittliche Fünfjahresüberlebensrate zurzeit 86–90 %.J. Eucker, P. Habbel, K. Possinger: Metastasiertes Mammakarzinom: Differenzierte, möglichst zielgerichtete medikamentöse Therapie. In: Onkologe, Band 19, 2013, S. 487–493. doi:10.1007/s00761-013-2450-z. Während jedoch in den reichen Ländern die Sterberate sinkt, ist sie in den ärmeren Ländern hoch. Dies hängt zum einen mit der immer höheren Lebenserwartung zusammen, zum anderen mit den schlechteren diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten in den ärmeren Ländern. WHO-Angaben zufolge starben 2007 etwa 72 Prozent aller an Krebs erkrankten Menschen in Ländern mit mittlerem und niedrigem Einkommen.Brustkrebs bei Frauen häufigste Todesursache. In: Ärzte Zeitung, 1. September 2008. Dennoch gab es 2013 in den Vereinigten Staaten das Phänomen von steigenden Brustkrebsraten bei jungen Frauen, für die es bisher keine zufriedenstellende Erklärung gibt.R. H. Johnson, F. L. Chien, A. Bleyer: Incidence of breast cancer with distant involvement among women in the United States, 1976 to 2009. In: JAMA. Band 309, Nummer 8, Februar 2013, S. 800–805, doi:10.1001/jama.2013.776. PMID 23443443. Anzahl der in Deutschland am Mammakarzinom verstorbenen Frauen nach AltersgruppenZusammenstellung der Daten des Statistischen Bundesamtes Deutschland aus den Jahren 2003 bis 2006, Fachserie 12, Reihe 4, Datensatz: Todesursache Mammakarzinom (PDF) Alter 2003 2004 2005 2006 0–30 16 20 16 13 30–40 348 318 294 294 40–50 1.271 1.296 1.283 1.176 50–60 2.493 2.404 2.419 2.489 60–70 4.158 4.441 4.252 4.035 70–80 4.140 4.354 4.273 4.283 >80 4.747 4.759 4.918 4.996 Gesamt 17.173 17.592 17.455 17.286 Anteil der Todesursache „Mammakarzinom“ in Prozent nach Altersgruppen (nur Frauen, Deutschland) Alter 2003 2004 2005 2006 0–30 0,4 0,5 0,5 0,4 30–40 10 11 10 11 40–50 13 14 14 13 50–60 14 14 13 14 60–70 9 10 10 10 70–80 4 5 4 5 >80 2 2 2 2 Brustkrebs beim Mann Männer erkranken seltener an Brustkrebs. In Uganda sind fünf Prozent aller Mammakarzinompatienten männlich, in Sambia liegt der Anteil sogar bei 15 Prozent. Nach aktueller Statistik 2019 sind es in Deutschland jährlich etwa 700 Männer.krebshilfe.de abgerufen am 10. Oktober 2019. Das Verhältnis von Erkrankungen bei Männern zu Frauen liegt bei 1:100. Die standardisierten globalen Inzidenzraten für Brustkrebs betrugen bei Männern 0,40 pro 105 Personenjahre (66,7 pro 105 bei Frauen). Die Diagnosestellung erfolgt bei Männern in einem höheren medianen Alter (69,6 Jahre). Männliche Patienten weisen zwar eine schlechtere relative 5-Jahres-Überlebensrate auf als Frauen (0,72 [95 % KI: 0,70–0,75] bzw. 0,78 [95 % KI: 0,78-0,78]), was einem relativen erhöhten Mortalitätsrisiko von 1,27 (95 % KI: 1,13–1,42) entspricht, sie zeigen jedoch nach Anpassung um Alter und Jahr der Diagnosestellung, Stadium und Therapie ein signifikant besseres relatives Brustkrebs-assoziiertes Überleben als Patientinnen.Hui Miao, Helena M. Verkooijen, Kee-Seng Chia, Christine Bouchardy, Eero Pukkala, Siri Larønningen, Lene Mellemkjær, Kamila Czene, Mikael Hartma: Incidence and Outcome of Male Breast Cancer: An International Population-Based Study. In: Journal of Clinical Oncology, Band 29, 2011, S. 4381–4386, doi:10.1200/JCO.2011.36.8902. Die Mortalität bei Männern liegt bei rund 200 Todesfällen pro Jahr. Eine Studie der European Organisation for Research and Treatment of Cancer (EORTC) zusammen mit anderen Fachverbänden aus Europa und Nordamerika soll die Ursachen für diese Geschlechterdifferenz detailliert aufklären. Risikofaktoren für Brustkrebs bei Männern Die Häufigkeit von Brustkrebs bei Männern wird durch demographische, genetische, umweltbedingte und endokrine Faktoren gesteigert: Gruppe Risikofaktor Demographie höheres Alter Afroamerikaner familiäres RisikoGenetik BRCA2BRCA1 CHEK2 PALB2 Umwelt Strahlenexposition Endokrine Faktoren Östradiol im Serum erhöhtKlinefelter-SyndromGynäkomastieLeberfunktionsstörungAdipositas Störung der Hodenfunktion Anmerkungen: CHEK2 ist an der DNA-Reparatur beteiligt. Das Gen kodiert eine Zellzyklus-Checkpoint-Kinase. PALB2 wird Partner und Lokalisierer von BRCA2 genannt. Das Gen kodiert ein Protein, welches mit dem Brustkrebsrisikofaktor BRCA2 interagiert. Den Aufbau und die Betreuung des 2010 in der Bundesrepublik gebildeten ersten Selbsthilfe-Netzwerks „Netzwerk Männer mit Brustkrebs e. V.“ hat die bundesweite Frauenselbsthilfe nach Krebs (FSH) in Bonn unter dem Patronat der Stiftung Deutsche Krebshilfe übernommen. Neben dem Netzwerk Männer mit Brustkrebsbrustkrebs-beim-mann.de Website des Netzwerkes. und dem Infonetz Krebs bietet auch der KrebsinformationsdienstBrustkrebs beim Mann. krebsinformationsdienst.de Informationen zu diesem Thema. Symptome für eine Erkrankung sind Flüssigkeitsabsonderung aus der Brustwarze, kleine Entzündungen oder Wunden, die nicht abheilen oder eine Einziehung der Brusthaut an einer Stelle oder der Brustwarze. Zur Behandlung können in einer Operation sowohl tumorverdächtige Bereiche wie auch benachbarte Lymphknoten aus der Achselhöhle entnommen werden. Über solche Lymphknoten können sich Tumorzellen am ehesten im Körper ausbreiten. Möglich ist auch eine Strahlentherapie der Brustwand und eventuell eine Chemotherapie. Auch bei Männern kann eine antihormonelle Therapie sinnvoll sein, wenn ihr Tumor östrogenabhängig wächst, und/oder eine Therapie mit Antikörpern, die sich gegen besondere Merkmale mancher Brustkrebszellen richten. Männer bilden auch das Hormon Östrogen, jedoch in sehr viel geringerem Maße als Frauen. Ursachen und Risikofaktoren Genetische Risikofaktoren Etwa 5 bis 10 % der Brustkrebserkrankungen können erblich bedingt sein. Nur bei einer kleinen Gruppe von Frauen (etwa 1 pro 500) findet man definierte, krankheitsverursachende Mutationen. Wesentlich häufiger sind genetische Veränderungen, die die Suszeptibilität (Empfänglichkeit) für Brustkrebs auf äußere Faktoren erhöhen. Die höchste Wahrscheinlichkeit, an der erblichen Form des Brustkrebs zu erkranken, besteht bei Frauen mit Mutation in den Genen BRCA1 und BRCA2 (BRCA1/2 = Breast Cancer Gene 1/2). Es kommt bereits bei einer Mutation in einem Allel dieser Gene zur Erkrankung (man spricht von sogenannten Tumorsuppressorgenen mit autosomal-dominantem Erbgang). Die Wahrscheinlichkeit, im Laufe des Lebens an Brustkrebs zu erkranken, wird für Trägerinnen des mutierten BRCA1 mit 65 %, für Trägerinnen des mutierten BRCA2 mit 45 % angegeben.A. Antoniou, P. D. Pharoah, S. Narod u. a.: Average risks of breast and ovarian cancer associated with BRCA1 or BRCA2 mutations detected in case Series unselected for family history: a combined analysis of 22 studies. In: Am J Hum Genet. Band 72, 2003, S. 1117–1130. PMID 12677558. Mutationen im p53-Gen, einem der Tumorsuppressorgene, werden autosomal-dominant vererbt (Li-Fraumeni-Syndrom). Weitere Genveränderungen, die das Risiko erhöhen, betreffen Mutationen von PTEN (Cowden-Syndrom), STK11 (Peutz-Jeghers-Syndrom) und CDH1 (E-Cadherin); deren Häufigkeit und Risikoerhöhung für die Brustkrebserkrankung ist jedoch nicht genau bekannt. Mäßig erhöht ist die Wahrscheinlichkeit bei Bestehen der seltenen genetischen Veränderungen mit mittlerer Penetranz, diese betreffen unter anderem die folgenden Gene: ATM (Ataxia teleangiectatica), CHK2 (checkpoint kinase 2) und BRIP-1.M. R. Stratton, N. Rahman: The emerging landscape of breast cancer susceptibility. In: Nature Genetics. Band 40, Nr. 1, 2008, S. 17–22. PMID 18163131. Insgesamt lassen sich nicht mehr als fünf Prozent der Brustkrebserkrankungen auf diese Genveränderungen mit hohem oder mittlerem Risiko zurückführen.R. Schmutzler, A. Meindl: Das hereditäre Mammakarzinom: Genetik und Prävention. In: Aktuelle Empfehlungen zur Therapie primärer und fortgeschrittener Mammakarzinome. (Hrsg. C. Thomssen für die Kommission Mamma der Arbeitsgemeinschaft Gynäkologische Onkologie e. V.). Zuckschwerdt-Verlag, 2007, ISBN 978-3-88603-916-6. Die wesentlich häufigeren Allelveränderungen mit geringer Penetranz erhöhen das Brustkrebsrisiko höchstens auf das 1,25-fache bei heterozygoten Veränderungen und auf das 1,65-fache bei homozygoten Veränderungen. Dazu gehören insbesondere Veränderungen von FGFR2 (fibroblast growth factor receptor 2) und auf dem Chromosom 2q. Es wird geschätzt, dass solche Mutationen mit geringer Penetranz bei 58 % der Brustkrebserkrankungen eine Rolle spielen.K. Hemminki, A. Försti, J. Lorenzo Bermejo: Surveying germline genomic landscape of breast cancer. In: Breast Cancer Res Treat. Band 113, 2009, S. 601–603. PMID 18297427. Die Wahrscheinlichkeit, selbst zu erkranken, steigt statistisch nachweisbar ab zwei an Brustkrebs Erkrankten in der direkten Verwandtschaft an.Familial breast cancer. In: The Lancet. Band 358, 2001, S. 1389–1399, zitiert nach Uta Wagenmann: Auf der Suche nach dem magischen Krebs-Gen. In: Freitag. 26. April 2002. (freitag.de) Familien, in denen mehrere Personen an Brust- oder Eierstockkrebs erkrankt sind, wird eine tumorgenetische Beratung in einem Beratungszentrum, beispielsweise aus dem Verbundprojekt familiärer Brustkrebs der Deutschen Krebshilfe empfohlen. Bei Frauen mit einer entsprechenden Prädisposition (hohe Wahrscheinlichkeit des Krankheitsauftretens) kann auf Wunsch eine beidseitige prophylaktische Mastektomie (Brustamputation) und/oder eine Eierstockentfernung vorgenommen werden: Einen gewissen Schutz vor einer Brustkrebserkrankung scheint die weitgehende Unterbindung der Östrogenproduktion durch die Entfernung beider Eierstöcke zu bieten. Verschiedene Autoren berichten von einer Verringerung des Erkrankungsrisikos von 50 bis 70 %, wenn in der Familie bereits Brustkrebs auftrat.Internet, Behelfsquelle: Hormonelle Faktoren Menschliche Körperzellen, auch Tumorzellen, tragen Rezeptoren für die Sexualhormon-Gruppen Estrogene und Gestagene. Mammakarzinome mit Estrogen- und/oder Gestagen-Rezeptoren können durch eine endokrine Therapie, z. B. Tamoxifen, in ihrem Wachstum gebremst werden. Es wird diskutiert, ob Estrogene und Gestagene die Entstehung von Brustkrebs beeinflussen. Durch eine Blockierung des Estrogen-Rezeptors mit Tamoxifen konnte die Häufigkeit von Brustkrebserkrankungen (Inzidenz) gesenkt werden. Es wurde nur die Häufigkeit von Mammakarzinomen mit Rezeptoren gesenkt. Rezeptor-negative Karzinome wurden nicht beeinflusst. Neben Tamoxifen könnten auch Raloxifen und Exemestane die Inzidenz von Brustkrebs senken. Für den klinischen Einsatz müssen Risiken und Nebenwirkungen sorgfältig abgewogen werden. Eine mehrjährige Hormonersatztherapie gegen Wechseljahresbeschwerden mittels östrogen- und gestagenhaltiger Medikamente kann das Erkrankungsrisiko um bis zu 45 % erhöhen. In der Women’s Health-Initiative war das relative Brustkrebsrisiko 1,26 (Vertrauensbereich 1,00-1,59) nach postmenopausaler Einnahme von Östrogenen und Gestagenen. Auch Frauen mit früher Menarche (erstes Auftreten der Regelblutung in der Pubertät) und später Menopause (Ende der Menstruation, „Wechseljahre“) tragen ein etwas höheres Erkrankungsrisiko. Frauen, die früh Kinder bekommen und lange stillen, haben dagegen ein niedrigeres Risiko.U. Ackermann-Liebrich: infomed.org, November/Dezember 2002. Nach einer Veröffentlichung in The Lancet, 260/2002, S. 187–195. Inwieweit die Antibabypille das Risiko erhöht, ist ebenso substanz- und dosisabhängig wie bei Hormonersatztherapien und daher nicht allgemein bezifferbar. Die Nurses’ Health Study und weitere Studien konnten jedoch eine typische Erhöhung des Risikos auf das 1,2- bis 1,4-fache nach einer Einnahme der Pille über mehr als fünf Jahre zeigen. Schwangerschaftsabbrüche erhöhen das Brustkrebsrisiko einer Metaanalyse aus dem Jahr 2004 zufolge nicht.V. Beral u. a.: Breast cancer and abortion: collaborative reanalysis of data from 53 epidemiological studies, including 83.000 women with breast cancer from 16 countries. In: The Lancet. 363/2004, S. 1007–1016. PMID 15051280. Auch in anderen Studien mit hohen Fallzahlen konnte man einen solchen Zusammenhang nicht nachweisen.D. H. Brewster u. a.: Risk of breast cancer after miscarriage or induced abortion: a Scottish record linkage case-control study. In: J Epidemiol Community Health. 59/2005, S. 283–287. PMID 15767381.X. Paoletti, F. Clavel-Chapelon: Induced and spontaneous abortion and breast cancer risk: results from the E3N cohort study. In: Int J Cancer 106/2003, S. 270–276. PMID 12800205.G. K. Reeves u. a.: Breast cancer risk in relation to abortion: Results from the EPIC study. In: Int J Cancer. 119/2006, S. 1741–1745. PMID 16646050. Linkshändigkeit Eine Studie,M. K. Ramadhani, S. G. Elias u. a.: Innate left handedness and risk of breast cancer: case-cohort study. In: BMJ (Clinical research ed.). Band 331, Nummer 7521, Oktober 2005, S. 882–883, doi:10.1136/bmj.38572.440359.AE. PMID 16186135. . in der festgestellt wurde, dass Linkshänderinnen ein bis zu doppelt so hohes Risiko haben, vor der Menopause an Brustkrebs zu erkranken als Rechtshänderinnen, sorgte im September 2005 für erhöhtes öffentliches Interesse. Schon fünf Jahre zuvor war eine andere Studie zu einem ähnlichen Ergebnis gekommen (Risikozunahme +42 %). Eine Studie aus dem Jahr 2007 kommt sogar auf eine um den Faktor 2,59 erhöhte Brustkrebswahrscheinlichkeit bei Linkshänderinnen.L. Fritschi u. a.: Left-handedness and risk of breast cancer. In: Br J Cancer. 97, 2007, S. 686–687. PMID 17687338. Die Mechanismen für das erhöhte Brustkrebsrisiko bei Linkshänderinnen sind noch weitgehend ungeklärt. Eine in Fachkreisen diskutierte Hypothese besagt, dass eine pränatale Einwirkung von erhöhten Dosen von Sexualhormonen auf den Embryo die Ursache ist. Die Sexualhormone bewirken dabei – so die Hypothese – zum einen, dass das Kind linkshändig wird und zum anderen, dass sich das Brustgewebe verändert und anfälliger für eine Krebserkrankung wird. Die Linkshändigkeit ist dabei gewissermaßen ein Indikator für erhöhte Konzentrationen an Steroiden in der Gebärmutter. Die Hypothese, dass die Grundlage für die Entstehung von Brustkrebs durch die Einwirkung von Sexualhormonen im embryonalen Stadium gebildet werden kann, wird schon seit 1990 diskutiertD. Trichopoulos: Hypothesis: does breast cancer originate in utero. In: The Lancet. 335, 1990, S. 939–940. PMID 1970028. und basiert auf dem Geschwind-Behan-Galaburda-Modell. Dass Sexualhormone – insbesondere Testosteron – in utero einen Einfluss auf die Ausbildung der Händigkeit haben können, wurde bereits 1985 gezeigt.N. Geschwind, A. M. Galaburda: Cerebral lateralization. Biological mechanisms, associations, and pathology: I. A hypothesis and a program for research. In: Archives of neurology. Band 42, Nummer 5, Mai 1985, S. 428–459. PMID 3994562.V. Llaurens u. a.: Why are some people left-handed? An evolutionary perspective. In: Phil Trans R Soc B. 364, 2009, S. 881–894. doi:10.1098/rstb.2008.0235, PMID 19064347 (Review) Linke Brust häufiger als rechte Brust Statistisch gesehen ist die linke Brust, sowohl bei Frauen als auch Männern, häufiger von Brustkrebs betroffen als die rechte.R. Roychoudhuri u. a.: Cancer and laterality: a study of the five major paired organs (UK). In: Cancer Causes & Control 17, 2006, S. 655–662. PMID 16633912. Davon sind alle Populationen betroffen.A. Ekbom u. a.: Epidemiologic correlates of breast cancer laterality (Sweden). In: Cancer Causes & Control. 5, 1994, S. 510–516. PMID 7827237. Mit zunehmendem Alter wird der Unterschied noch größer.H. A. Weiss u. a.: Laterality of breast cancer in the United States. In: Cancer Causes & Control. 7, 1996, S. 539–543. PMID 8877052. Diese für die linke Brust erhöhte Rate trifft offensichtlich nicht für Tumoren zu, die ihren Entstehungsort im oberen äußeren Quadranten haben.C. I. Perkins u. a.: Association between breast cancer laterality and tumor location, United States, 1994–1998. In: Cancer Causes Control. 15, 2004, S. 637–645. PMID 15280621. Die Wahrscheinlichkeit, dass die linke Brust an Krebs erkrankt, ist – je nach Studie – um fünf bis sieben Prozent höher als bei der rechten. Bei Männern liegt dieser Wert sogar bei zehn Prozent.M. T. Goodman u. a.: Comparative epidemiology of breast cancer among men and women in the US, 1996 to 2000. In: Cancer Causes Control. 17, 2006, S. 127–136. PMID 16425090. Die Ursachen für dieses Phänomen sind noch weitgehend unklar.S. Dane u. a.: Asymmetries in breast cancer lateralization and both axillary lymph node number and metastatic involvement. In: Lymphology. 41, 2008, S. 75–79. PMID 18720914. Diskutiert werden unter anderem Schlafgewohnheiten,O. Hallberg, O. Johansson: Sleep on the right side-Get cancer on the left? In: Pathophysiology. 17, 2010, S. 157–160. PMID 19647986. Händigkeit,L. Titus-Ernstoff, P. A. Newcomb u. a.: Left-handedness in relation to breast cancer risk in postmenopausal women. In: Epidemiology (Cambridge, Mass.). Band 11, Nummer 2, März 2000, S. 181–184. PMID 11021617.M. A. Kramer, S. Albrecht, R. A. Miller: Handedness and the laterality of breast cancer in women. In: Nursing research. Band 34, Nummer 6, Nov-Dez 1985, S. 333–337. PMID 2866491. Unterschiede in der Brustgröße und den Gehirnstrukturen sowie Präferenzen beim Stillen. Eine andere Hypothese sieht in der embryonalen Entwicklung des auf der linken Körperseite befindlichen Herzens eine mögliche Ursache. Abgerufen am 27. November 2009. Bei anderen Organen, wie beispielsweise der Lunge und den Hoden, ist eine ähnliche statistische Häufung zu beobachten. Bei diesen beiden Organen ist die Wahrscheinlichkeit, dass die rechte Hälfte des Organs betroffen ist, um 13 % höher. In diesen Fällen erklärt man sich diesen Unterschied durch das meist kleinere Gewebevolumen der linken Organhälfte. Weitere Faktoren Einige weitere Faktoren scheinen einen Effekt auf die Brustkrebsentwicklung zu haben: Ionisierende Strahlung in jungen Jahren erhöht das spätere Brustkrebsrisiko.E. Nekolla: Epidemiologie des strahleninduzierten Mammakarzinoms. Dissertation, LMU München, 2004. Mammographie-Untersuchungen bei Frauen über 40 Jahren führen zu keiner bedeutsamen Risikosteigerung.F. A. Mettler, A. C. Upton u. a.: Benefits versus risks from mammography: a critical reassessment. In: Cancer. Band 77, Nummer 5, März 1996, S. 903–909. PMID 8608482 (Review). Starkes und langdauerndes Zigarettenrauchen erhöht die Erkrankungswahrscheinlichkeit um 30 %.P. Reynolds, S. Hurley u. a.: Active smoking, household passive smoking, and breast cancer: evidence from the California Teachers Study. In: Journal of the National Cancer Institute. Band 96, Nummer 1, Januar 2004, S. 29–37. PMID 14709736. Patientinnen mit Brustkrebs gaben 2017 bei einer Befragung deutlich häufiger als Frauen in einer (gesunden) Kontrollgruppe Symptome an, die in ihrer Häufung charakteristisch für ein Flammer-Syndrom sind, vor allem kalte Extremitäten, Schmerzempfindlichkeit, gestörte Wärmeregulation (sie frieren leicht), niedriger Blutdruck und rötliche Hautflecken.P. Zubor, A. Gondova, J. Polivka Jr, P. Kasajova, K. Konieczka, J. Danko, O. Golubnitschaja: Breast cancer and Flammer syndrome: any symptoms in common for prediction, prevention and personalised medical approach? In: EPMA Journal. Band 8, Nr. 2, 10. Apr 2017, S. 129–140. Seit einigen Jahren wird außerdem eine aktive Rolle von Endothelin und Endothelin-konvertierendem Enzym (ECE) im Rahmen der Brustkrebsentstehung und insbesondere der Metastasierung von Brustkrebszellen diskutiert.M. Smollich, M. Götte u. a.: On the role of endothelin-converting enzyme-1 (ECE-1) and neprilysin in human breast cancer. In: Breast cancer research and treatment. Band 106, Nummer 3, Dezember 2007, S. 361–369, doi:10.1007/s10549-007-9516-9. PMID 17295044. Durch Bewegungsmangel steigt die Erkrankungswahrscheinlichkeit bei Frauen um etwa 25 %.B. M. Lynch, H. K. Neilson, C. M. Friedenreich: Physical activity and breast cancer prevention. In: Recent results in cancer research. Band 186, 2011, S. 13–42, . PMID 21113759. (Review). Brustkrebsauslösung durch eine Infektion („Brustkrebsvirus“) wurde bisher nicht nachgewiesen. Brustimplantate verursachen keinen Brustkrebs,cancer.org: abgerufen am 6. Mai 2008. ebenso wenig wie das Tragen von Büstenhaltern. Einfluss der Ernährung Deutlich übergewichtige Frauen erkranken 2,5 mal so häufig wie normalgewichtige.Women’s Health Initiative, Gyne online, 4. Juni 2007 zitiert nach Längere Beobachtungsstudien zeigten für Omega-3-Fettsäuren aus fetthaltigen Fischen zwar einen protektiven Effekt,M. Gago-Dominguez, J. M. Yuan, C. L. Sun, H. P. Lee, M. C. Yu: Opposing effects of dietary n-3 and n-6 fatty acids on mammary carcinogenesis: The Singapore Chinese Health Study. In: British Journal of Cancer. Band 89, Nummer 9, November 2003, S. 1686–1692, doi:10.1038/sj.bjc.6601340. PMID 14583770. .K. Wakai, K. Tamakoshi, C. Date, M. Fukui, S. Suzuki, Y. Lin, Y. Niwa, K. Nishio, H. Yatsuya, T. Kondo, S. Tokudome, A. Yamamoto, H. Toyoshima, A. Tamakoshi: Dietary intakes of fat and fatty acids and risk of breast cancer: a prospective study in Japan. In: Cancer Science. Band 96, Nummer 9, September 2005, S. 590–599, doi:10.1111/j.1349-7006.2005.00084.x. PMID 16128744. in einer neuen Studie wird jedoch klar, dass die Protektion nur geringgradig ist.J. S. Zheng, X. J. Hu u. a.: Intake of fish and marine n-3 polyunsaturated fatty acids and risk of breast cancer: meta-analysis of data from 21 independent prospective cohort studies. In: BMJ (Clinical research ed.). Band 346, 2013, S. f3706. PMID 23814120. (Review). Phytoöstrogene sind Pflanzeninhaltsstoffe mit östrogenartiger Wirkung. Es wurde daher spekuliert, ob Ernährungsformen, die reich an solchen Stoffen sind (etwa auf Sojabasis), das Erkrankungsrisiko beeinflussen.S. Rice, S. A. Whitehead: Phytoestrogens and breast cancer–promoters or protectors? In: Endocrine-related cancer. Band 13, Nummer 4, Dezember 2006, S. 995–1015, doi:10.1677/erc.1.01159. PMID 17158751. (Review).Phytoestrogens and Breast Cancer. Cornell University, Juli 2001; abgerufen am 25. November 2009. Es gibt verschiedene denkbare Wege, wie Isoflavone aus Soja schützend wirken könnten. Etwa indem sie den Menstruationszyklus verlängern, eine Veränderung des Hormonhaushaltes bewirken oder ein Einfluss auf Tumoren haben, die in Abhängigkeit zu Östrogenrezeptoren stehen. In Studien zeigte Sojakonsum sowohl einen präventiven Effekt als auch positive Auswirkungen nach einer Brustkrebsdiagnose. Eine Studie unter chinesischen Frauen zeigte dabei einen Dosiseffekt: 10 mg mehr Soja-Isoflavone am Tag reduzierten das Risiko an Brustkrebs zu erkranken um 3 %. Das Deutsche Krebsforschungszentrum sah 2019 keine ausreichende Grundlage, um von einer schützenden Wirkung von Soja gegenüber Brustkrebs sprechen zu können. Frauen, die täglich mindestens 20 g Alkohol trinken, tragen ein um 30 % erhöhtes Risiko, an einem Mammakarzinom zu erkranken, möglicherweise wegen des höheren Sexualhormonspiegels. Geringe Iodaufnahme könnte ebenfalls eine Rolle spielen. In Ländern mit hohem Iodgehalt in der Nahrung (z. B. Japan) kommt es zu erheblich weniger Brustkrebsfällen als in Iodmangelgebieten. Neben dieser Korrelation werden auch konkretere Stoffwechselzusammenhänge vermutet. Ein weiterer Risikofaktor könnte Sonnen- bzw. Vitamin-D-Mangel sein. In: Medical Tribune, 42. Jg., Nr. 23, 8. Juni 2007, S. 21. Wenn (postmenopausale) Frauen zur Vorbeugung gegen Knochenbrüche Calcium und Vitamin D einnehmen, scheint deren Erkrankungsrisiko stark zu sinken.J. M. Lappe u. a.: Vitamin D and calcium supplementation reduces cancer risk: results of a randomized trial. In: The American journal of clinical nutrition. 85/2007, S. 1586–1591. PMID 17556697. Diese Studien werden sehr kontrovers diskutiert.A. M. Misotti, P. Gnagnarella: Vitamin supplement consumption and breast cancer risk: a review. In: Ecancermedicalscience. Band 7, 2013, S. 365, doi:10.3332/ecancer.2013.365. PMID 24171049. . (Review). In einigen Fällen scheint es klare Anzeichen eines Publikationsbias zu geben.A. A. Rose, C. Elser u. a.: Blood levels of vitamin D and early stage breast cancer prognosis: a systematic review and meta-analysis. In: Breast cancer research and treatment. Band 141, Nummer 3, Oktober 2013, S. 331–339, doi:10.1007/s10549-013-2713-9. PMID 24104883. (Review). In einer 2013 durchgeführten Metastudie konnte kein signifikanter Zusammenhang zwischen der Einnahme von Vitamin D und einem reduzierten Brustkrebsrisiko bei postmenopausalen Frauen festgestellt werden.F. Sperati, P. Vici u. a.: Vitamin D supplementation and breast cancer prevention: a systematic review and meta-analysis of randomized clinical trials. In: PloS one. Band 8, Nummer 7, 2013, S. e69269, doi:10.1371/journal.pone.0069269. PMID 23894438. . (Review). Auch wer im jungen Erwachsenenalter viel rotes Fleisch zu sich genommen hat, hat einer Kohortenstudie zufolge ein erhöhtes Brustkrebsrisiko.M. S. Farvid, E. Cho u. a.: Dietary protein sources in early adulthood and breast cancer incidence: prospective cohort study. In: BMJ (Clinical research ed.). Band 348, 2014, S. g3437. PMID 24916719. . Eine Metastudie aus dem Jahr 2017 kommt zu dem Schluss, dass der Konsum von gesättigten Fetten die Überlebenschance bei Brustkrebs negativ beeinflusst. Früherkennung und Screening mini|Ein Karzinom in der Mammographie mini|In der Mammographie einer dichten Brust ist das Karzinom kaum zu erkennen Etwa 80 bis 90 % aller Geschwulste in der weiblichen Brust wurden bisher von den Frauen selbst zufällig entdeckt. Diese tast- und sichtbaren Tumoren sind bei ihrer Entdeckung oft schon relativ groß und sind deshalb meist mit einer schlechten Prognose verbunden. Durch konsequente Früherkennung kleinerer, nicht tastbarer Tumoren könnte die Sterblichkeit großen Studien zufolge um 25 % gesenkt werden. Zur Früherkennung dienen Programme zur systematischen Selbstuntersuchung und der Mammasonographie sowie die Screening-Mammographie. Der medizinische Nutzen der Früherkennung ist umstritten. Eine 2013 veröffentlichte Meta-Studie in der Cochrane-Bibliothek von über 600.000 Frauen ergab keinen Überlebensvorteil für Frauen, die an der Früherkennung teilnahmen. Dies wurde auch in einer kanadischen Studie von 2014 an 45.000 Frauen, die 25 Jahre beobachtet wurden, bestätigt. Selbstuntersuchung Systematische Schulungen der Frauen zur Brust-Selbstuntersuchung sind in ihrem Nutzen umstritten. Nicht jede Brustkrebserkrankung führt zu einer tastbaren Geschwulst. Umgekehrt ist nur etwa jede zwölfte selbst ertastete Veränderung bösartig.E. J. Aiello, D. S. Buist u. a.: Rate of breast cancer diagnoses among postmenopausal women with self-reported breast symptoms. In: The Journal of the American Board of Family Practice / American Board of Family Practice, November/Dezember 2004, Band 17, Nummer 6, S. 408–415. PMID 15575032. Studien zufolge senkt die systematische Selbstuntersuchung der Brust die Sterblichkeit nicht.D. B. Thomas, D. L. Gao u. a.: Randomized trial of breast self-examination in Shanghai: final results. In: Journal of the National Cancer Institute. Band 94, Nummer 19, Oktober 2002, S. 1445–1457. PMID 12359854.J. P. Kösters, P. C. Gøtzsche: Regular self-examination or clinical examination for early detection of breast cancer. In: Cochrane Database Syst Rev. 2/2003, Art. CD003373. PMID 12804462. Die US-amerikanische Preventive Services Task Force (USPSTF) gibt wegen der unzureichenden Datenlage keine Empfehlung für oder gegen die Brustselbstuntersuchung.Agency for Healthcare Research and Quality: vom Februar 2002, abgerufen am 27. November 2009. Die kanadische Task Force on Preventive Health Services gab 2001 eine Empfehlung gegen die Selbstuntersuchung ab,Jolie Ringash: Canadian Task Force on Preventive Health Care; abgerufen am 27. Dezember 2009. weil die Entdeckungsrate schlecht und falsch positive Befunde häufig seien. Zum Erlernen der Selbstuntersuchung gibt es Brustmodelle aus Silikon, die verschiedene Knotentypen enthalten; beigefügt sind Begleitvideo und Anleitung. Jedoch ist dies in Deutschland keine Leistung der gesetzlichen Kranken- oder Pflegeversicherung.Silikonmodell zur Brustselbstuntersuchung. In: Constanze Schäfer, Ingo Donieth: Hilfsmittel und Medizinprodukte. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, Stuttgart 2003, ISBN 3-8047-1948-1. In Deutschland wird die Selbstuntersuchung von den medizinischen Fachgesellschaften empfohlen,Patientenbroschüre zur AWMF-Leitlinie (077/001) „Brustkrebs-Früherkennung“ der Deutschen Krebsgesellschaft und der Deutschen Krebshilfe Früherkennung bei Brustkrebs – Eine Entscheidungshilfe für Frauen. (PDF; 360 kB) abgerufen am 12. November 2018. weil sie zur Bewusstseinsbildung der Frauen beitrage und so die eigentliche Früherkennung durch apparative Verfahren begünstige. Die Selbstuntersuchung, die monatlich zirka fünf bis sieben Tage nach Einsetzen oder kurz nach dem Ende der Regelblutung durchgeführt werden soll, erfolgt nach einem bestimmten, sich immer wiederholenden Muster. Bei ertasteten Auffälligkeiten sollen Frauen einen Facharzt aufsuchen. Ärztliche Krebsfrüherkennung Die klinische Untersuchung der Brust durch einen Arzt ist Bestandteil des gesetzlichen Krebs-Früherkennungsprogramms ab dem 30. Lebensjahr. Für die Aussagefähigkeit der ärztlichen Tastuntersuchung gilt im Prinzip dieselbe Einschränkung wie für die Selbstuntersuchung. Brustkrebsfrüherkennung durch Blinde Blinde Menschen verfügen in der Regel über einen überdurchschnittlich trainierten Tastsinn. Diese besondere Fähigkeit wird für die Früherkennung von Brustkrebs genutzt. Im Rahmen des in Nordrhein-Westfalen angesiedelten Modellprojektes „Discovering hands“ (Entdeckende Hände) wurde der Ausbildungskurs der Medizinischen Tastuntersucherin geschaffen. Bildgebende Verfahren mini|links|Mammographie Die Röntgen-Mammographie ist einer S3-Leitlinie von 2010 zufolge zurzeit die einzige für die Erkennung von Brustkrebsvorstufen oder frühen Tumorstadien allgemein als wirksam anerkannte Methode. Die Mamma-Kernspintomographie ist möglicherweise überlegen, jedoch für ein Massenscreening zu teuer. In Deutschland wurde deshalb ein qualitätsgesichertes Mammographie-Screening-Programm auf der Grundlage der „Europäischen Leitlinien für die Qualitätssicherung des Mammographie-Screenings“ für Frauen von 50 bis 69 Jahren aufgebaut. Dazu wurde Deutschland in 94 Regionen aufgeteilt, für die jeweils eine Screening-Einheit verantwortlich ist. tumorionline.it, 20. Januar 2011; abgerufen am 10. Januar 2012. 2024 wurde das Mammographie-Screening in Deutschland auf Frauen von 50 bis 74 Jahren ausgeweitet. In den USA gab es 2002 die Empfehlung, das Mammographiescreening bereits mit 40 Jahren zu beginnen. Durch Dreifachbefundung und weitere Diagnostik soll erreicht werden, dass möglichst wenige gutartige Mammatumoren biopsiert oder gar entfernt werden. Die EUREF-Richtlinie verlangt, dass in mindestens 50 % der genommenen Gewebeproben bösartige Tumoren nachgewiesen werden können; in manchen Untersuchungsprogrammen werden bis zu 80 % erreicht.S. Fabbri u. a.: Benign Breast Diseases in Breast Cancer Screening Programs in Italy 2000–2001. In: Tumori, 90, 2004, S. 547–549; CAD-Systeme (Computer-assisted Detection) können den Radiologen bei der Auswertung der Mammographien unterstützen. Solche Untersuchungen können in den USA und den Niederlanden von den Krankenkassen bezahlt werden. Nach bisher veröffentlichten Studien verbessern die bislang verfügbaren Geräte die Erkennungsrate jedoch nicht.P. Taylor, H. W. Potts: Computer Aids and Human Second Reading as Interventions in Screening Mammography. In: European Journal of Cancer. 44, 2008, S. 798–807. PMID 18353630. In den europäischen Screeningprogrammen wird daher die Doppelbefundung durch zwei Ärzte (und durch einen dritten bei Auffälligkeiten) bevorzugt.mini|404x404px|Tumor in der Brust bei der Brust-ComputertomographieDie Mammographie ist bei Frauen mit dichtem Drüsengewebe in ihrer Aussagekraft begrenzt. Bei extrem dichtem Gewebe werden etwa 50 % der Brusttumoren mit der Mammographie nicht entdeckt. Dies betrifft in erster Linie jüngere Frauen, denen die Sonographie, im Einzelfall auch Kernspin-Mammographie, empfohlen wird. Nach systematischer Literaturrecherche bewertet der IGeL-Monitor des Medizinischen Dienst Bund die Sonographie (Ultraschall) mit „unklar“, die Magnetresonanztomographie (MRT, Kernspin) mit „tendenziell negativ“. Die Wissenschaftler des IGeL-Monitors fanden in beiden Fällen keine Studien, die die Frage untersucht haben, ob die Untersuchungen Frauen tatsächlich davor bewahren können, an Brustkrebs zu sterben. Das gilt für die Untersuchungen zusätzlich zum Mammographie-Screening ebenso wie als Alternative zum Mammographie-Screening. Bei der MRT sind Schäden durch das Kontrastmittel möglich, das dabei gespritzt wird. Diese Bewertungen gelten für Frauen ab 40 Jahren, die kein erhöhtes Brustkrebs-Risiko haben.Bewertung der MRT der Brust zur Krebsfrüherkennung. IGeL-Monitor. Ultraschall der Brust zur Krebsfrüherkennung. IGeL-Monitor; abgerufen am 19. Oktober 2018. Brust-Computertomographie ist eine alternative Untersuchungsmethode, die sowohl mit als auch ohne Kontrastmittel möglich ist. Die Untersuchung verläuft kompressionsfrei. Da bei der Untersuchung nur der Brust-Bereich umfasst wird, soll nach Bedarf der Bereich der Achseln zusätzlich durch Sonographie untersucht werden. Die Strahlenbelastung liegt etwa im Bereich von der Mammographie. Früherkennung durch Biomarker (Liquid Biopsy) Anfang 2019 wurde ein Liquid-Biopsy-Verfahren zur Brustkrebs-Frühdiagnostik durch die Universität Heidelberg veröffentlicht. Inzwischen hat die Staatsanwaltschaft Heidelberg hierzu Vorermittlungen aufgenommen. Uniklinikum und Spin-Off Heiscreen hatten den Test trotz fehlender Daten als „Meilenstein“ in der Brustkrebs-Frühdiagnostik bezeichnet. Finanzielle Verstrickungen von Ärzten, aber auch von Prominenten sollen die PR-Kampagne begünstigt haben.Universität erstattet Anzeige nach Bluttest-PR. In: Süddeutsche Zeitung, 8. April 2019M abgerufen am 14. April 2019. Auf Basis des innovativen Liquid-Biopsy-Verfahrens sei es möglich, Brustkrebs nicht-invasiv zu diagnostizieren. Das neue Verfahren erkenne eine Krebserkrankung anhand von Biomarkern aus dem Blut. Der Test könne bei Frauen aller Altersgruppen durchgeführt werden; besonders profitieren jüngere Frauen unter 50 Jahren und Frauen mit familiärer Hochrisikosituation für eine Brustkrebserkrankung, bei denen eine Mammographie beispielsweise aufgrund des dichten Brustdrüsengewebes wenig Aussage liefert oder aufgrund anderer Risikofaktoren herkömmliche bildgebende Verfahren kontraindiziert sind. Aktuelle Ergebnisse hätten bei 500 Brustkrebspatientinnen insgesamt eine Sensitivität von 75 Prozent gezeigt.Pressemitteilung Universitätsklinikum Heidelberg, 21. Februar 2019. Abgerufen am 21. Februar 2019. Die Arbeitsgemeinschaft Gynäkologische Onkologie (AGO) der Deutschen Krebsgesellschaft begrüßt ausdrücklich die Forschung zur Liquid-Biopsy-Technologie, warnt aber eindringlich vor einer verfrühten Anwendung des Testes. Eine wissenschaftliche Publikation liege noch nicht vor. Die klinischen Konsequenzen des Testes im Zusammenhang mit den Ergebnissen andere diagnostischer Verfahren, z. B. Mammographie und Sonographie müssen zunächst in Studien überprüft werden. Diagnose mini|Cancer en cuirasse mini|Sonografische Darstellung von Mammakarzinomen im Ultraschall mini|F18-FDG PET/CT Knochenmetastase im Scapulahals rechts – im Computertomogramm (noch) nicht darstellbar Bei der Selbstuntersuchung oder bei der ärztlichen, klinischen Untersuchung kann ein neuer, unscharf begrenzter Tumor auffallen. Weitere Anzeichen sind Verhärtungen, Größen- und Umrissveränderungen der Brust im Seitenvergleich, verminderte Bewegung der Brust beim Heben der Arme, bleibende Hautrötung, Hauteinziehung oder Apfelsinenhaut (verdickte Haut mit eingezogenen Stellen), Einziehung oder Entzündung der Brustwarze, Absonderungen aus der Brustwarze. Knoten in der Achselhöhle können Lymphknoten-Metastasen entsprechen. Allgemeinsymptome bei weit fortgeschrittenen Erkrankungen sind u. a. Leistungsknick, ungewollter Gewichtsverlust oder Knochenschmerzen. Ein lange Zeit unbehandeltes Mammakarzinom oder ein nicht kontrollierbares lokales Tumorrezidiv kann sich lymphangitisch oder subkutan infiltrierend soweit ausdehnen, dass die gesamte Brustwand panzerförmig ummauert erscheint; dieser Zustand wird als Cancer en cuirasse (Panzerkrebs) bezeichnet.J. Baltzer, H.-G. Meerpohl, J. Bahnsen: Praxis der gynäkologischen Onkologie – Praxis der Frauenheilkunde. 2. Auflage. Band 3. Georg Thieme Verlag, 2000, ISBN 3-13-109912-7, S. 296. () Bildgebende Diagnostik Werden bei der Tast- oder Ultraschalluntersuchung Auffälligkeiten gefunden, folgt als nächste Untersuchung üblicherweise die Mammographie: Die Röntgenaufnahmen werden aus zwei Blickrichtungen (von der Seite und von oben) gemacht, bestimmte Veränderungen erfordern manchmal zusätzliche Aufnahmen. Die Galaktographie wird nur durchgeführt, wenn die Brustwarzen Sekret absondern. Als Ergänzung steht bei einer solchen Sekretion an einigen Zentren die Duktoskopie, eine Spiegelung der Milchgänge, zur Verfügung. Umgekehrt werden mit der Mammographie entdeckte Veränderungen immer sonographisch weiter untersucht. Dabei werden gutartige Zysten erkannt. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung schrieb 2003 hierfür Schallköpfe mit mindestens 5 MHz Frequenz vor. Mittlerweile ist dieser Wert auf 7,5 MHz erhöht worden. Die Kernspintomographie der Brust (MR-Mammographie, MRT) wird zurzeit nur empfohlen für das invasive lobuläre Mammakarzinom zur Bestimmung der Resektions-Grenzen und allgemein bei Verdacht auf das Vorliegen mehrerer Tumorherde, gegebenenfalls ist auch eine MRT-gesteuerte Biopsie möglich. Nach brusterhaltender Therapie kann die MRT eingesetzt werden, um zwischen narbigen Verdichtungen in der operierten Brust und neuem Tumorwachstum zu unterscheiden. Außerhalb der ambulanten Versorgung der gesetzlich krankenversicherten Patientinnen gibt es weitere Indikationen. Die Positronen-Emissions-Tomographie ist derzeit keine Routinemethode, kann jedoch eingesetzt werden, um nach dem Primärtumor bzw. dessen Metastasen zu suchen, wenn dieser mit anderen Methoden nicht gefunden werden kann. Knochenszintigramme, Computertomographien, Röntgenaufnahmen der Lunge, Sonographien der Leber und ggf. Kernspintomographien dienen dazu, nach Metastasen zu suchen, also die Ausbreitung der Erkrankung zu erkennen. Angesichts der Tatsache, dass die PET/CT bis auf die MRT-Hirn- und Brustuntersuchung genauer ist und zugleich auch andere Krebserkrankungen ausschließen kann, erscheint die PET/CT sinnvoller als Knochenszintigramme, Computertomographien, Röntgenaufnahmen der Lunge und Sonographien der Leber zusammen. Bei der radiologischen Diagnostik kann zudem ein durch Exsudat entstandener Pleuraerguss, wie er beim Mammakarzinom auftreten kann, zuverlässiger als durch Perkussion erkannt werden.Berthold Jany, Tobias Welte: Pleuraerguss des Erwachsenen – Ursachen, Diagnostik und Therapie. In: Deutsches Ärzteblatt. Band 116, Nr. 21, 2019, S. 377–385, hier: S. 379 und 383. Gewebeentnahmen Wurde mit dem Ultraschall und der Mammographie ein Tumor diagnostiziert, wird dieser auf seine Gut- oder Bösartigkeit untersucht. Dazu werden jedem Tumor mittels Stanzbiopsie, in seltenen Fällen mittels Vakuumbiopsie, mehrere Gewebeproben entnommen und unter dem Mikroskop auf Krebszellen untersucht. Methode der Wahl für die Probenentnahme tastbarer und sonografisch sichtbarer Befunde ist die Stanzbiopsie, für im Kernspintomogramm sichtbare Befunde und Mikrokalzifikationen die stereotaktisch gestützte Vakuumbiopsie. Wurde der Tumor als bösartig erkannt, wird das Karzinom durch weitere Untersuchungen des entnommenen Gewebes näher bestimmt. Hierzu gehören der Status der Hormon- und HER2/neu-Rezeptoren sowie der Entartungsgrad. Nach der Operation wird das aus der Brustdrüse entfernte Operationspräparat in der histologischen Untersuchung auf seine exakte Größe gemessen und das Gewebe auf weiteren Befall untersucht. Die entfernten Lymphknoten werden auf Metastasen geprüft. Die Größe des Karzinoms und die Anzahl der befallenen Lymphknoten sind für die TNM-Klassifikation, Prognose und weitere Behandlung von Bedeutung. Das Operationspräparat wird auch daraufhin vermessen, ob der Abstand zwischen dem Karzinom und dem verbliebenen, gesunden Gewebe ausreichend groß ist. Sollte dies nicht der Fall sein, kann eine Nachoperation nötig werden, damit ein angemessener Sicherheitsabstand zwischen gesundem und erkranktem Gewebe erreicht wird. Genexpressionstests Mittlerweile gibt es eine Reihe Genexpressionstests für Patientinnen, die an frühem und hormonrezeptorpositivem Brustkrebs erkrankt sind. Sie untersuchen die Aktivitäten von verschiedenen Genen (Genexpression) in Gewebeproben eines Brustkrebstumors und helfen damit, diejenigen Patientinnen, die von einer adjuvanten Chemotherapie profitieren können und diejenigen Patientinnen, denen diese nebenwirkungsreiche Therapie erspart werden kann, voneinander zu unterscheiden. Die wichtigsten Genexpressionstests für Brustkrebs sind der EndoPredict, Oncotype DX und MammaPrint. ESR1-Testung Beim metastasierenden hormonrezeptorpositiven Mammakarzinom (Brustkrebs) sind ESR1-Mutationen („Estrogen Receptor 1“) eine häufige Ursache für eine erworbene Resistenz gegen den Östrogenentzug durch Aromatasehemmung. Die Testung auf eine ESR1-Mutation kann mittels sogenannter Liquid Biopsy erfolgen und ist seit kurzem eine Leistung der gesetzlichen Krankenkassen (GKV). Klassifikation mini|Histologisches Bild eines duktalen Carcinoma in situ der Brust mini|Histologisches Bild eines invasiven duktalen Karzinoms („szirrhöses Karzinom“) Die Klassifikation eines Tumors ist dessen exakte Beschreibung auf der Grundlage der pathologischen Untersuchung einer Gewebeprobe oder des OP-Präparats und der entnommenen Lymphknoten. Histologische Klassifikation Quelle: Der häufigste Tumortyp des Mammakarzinoms ist mit etwa 70–80 % ein Adenokarzinom ohne besondere Merkmale; dieser Tumortyp wird als invasives duktales Karzinom (IDC) bezeichnet. Seltener (in etwa 10–15 %) sind das invasive lobuläre Karzinom (ILC), das invasive tubuläre, muzinöse, medulläre, papilläre Karzinom (je etwa 2 %), gemischte und andere Tumortypen. Diese Tumortypen unterscheiden sich in ihrer klinischen Präsentation, den Befunden bei bildgebenden Untersuchungen, dem histologischen Ausbreitungsmuster und in der Prognose. Bei fast allen Tumortypen liegt auch eine nicht invasive (duktale oder lobuläre) Tumorkomponente vor, aus der sie hervorgegangen sind und die für die Größe der Operation mitentscheidend ist. Seltener geht das Mammakarzinom direkt aus gutartigen Erkrankungen hervor (von denen einige bei Mammatumor genannt sind, es handelt sich hier aber nicht um bösartige Tumorerkrankungen). Als inflammatorisches Mammakarzinom bezeichnet man keinen histologischen Tumortyp, sondern eine sicht- und tastbare Veränderung, nämlich eine Rötung von mindestens einem Drittel der Brusthaut und Schwellung der Brust durch Infiltration der Lymphbahnen. Meist liegt ein lokal fortgeschrittener Befall der Brust und des umgebenden Lymphsystems vor. Die nicht-invasiven Karzinome sind definiert als Karzinome innerhalb der Brustdrüsengänge (duktales Carcinoma in situ, DCIS) oder -läppchen (lobuläres Carcinoma in situ, LCIS bzw. Lobuläre Neoplasie, LN) ohne Stromainvasion. Eine Sonderstellung nimmt der Morbus Paget der Brustwarze (Mamille) ein, der auf einer nicht-invasiven Tumorausbreitung in die Mamillenhaut beruht und in der Regel mit einem intraduktalen Mammakarzinom, seltener auch mit einem invasiven Mammakarzinom assoziiert ist. Dieses Paget-Karzinom der Brustwarze kann klinisch mit einem Ekzem oder gutartigen Geschwür verwechselt werden. Differenzierungsgrad Die histologischen Tumortypen werden anhand struktureller und zellulärer Eigenschaften sowie ihrer Kernteilungsrate unterteilt in drei Differenzierungsgrade (synonym Malignitätsgrad, englisch auch Grading). Die Einstufung des invasiven Karzinoms beruht auf den drei Kriterien Tubulusbildung (Ausbildung röhrenartiger Tumordrüsen), Kernpolymorphie (Vielgestaltigkeit der Zellkerne) und Mitoserate (Teilungsrate der Zellen) nach Elston und Ellis. Deutsche Krebsgesellschaft S. 28–29, S. 185. Je höher das Grading, desto ungünstiger ist das Verhalten der Tumorzellen. Man unterscheidet Tumoren mit Differenzierungsgrad 1, 2 oder 3 (G1 = gut differenziert, G2 = mäßig differenziert, G3 = gering differenziert). TNM-Klassifikation Die TNM-Klassifikation beschreibt die Größe des Tumors (T), die Anzahl der befallenen Lymphknoten (N) und eine eventuelle Fernmetastasierung (M). Die tabellierte Kurzfassung der TNM-Klassifikation für Brustkrebs: T Primärtumorgröße T0 kein Primärtumor nachweisbar Tis Carcinoma in situ, nicht invasiv T1 bis 2 cm T1mic Mikroinvasion bis 0,1 cm T1a > 0,1 cm aber ≤ 0,5 cm T1b > 0,5 cm bis 1 cm T1c > 1 cm bis 2 cm T2 > 2 cm bis 5 cm T3 > als 5 cm T4 jede Größe mit Ausdehnung auf die Brustwand oder Haut N Befallene Lymphknoten N0 keine N1 1–3 in der Achsel N2 4–9 in der Achsel N3 10 oder mehr in der Achsel oder unter/über dem Schlüsselbein M (Fern-)Metastasen M0 keine nachweisbar M1 nachweisbar (meist Lunge, Leber, Knochen) Stadieneinteilung Aus der TNM-Klassifikation (bzw. pTNM-Klassifikation, das „p“ steht für histologisch gesicherte Daten) des Mammakarzinoms ergibt sich die Stadiengruppierung nach UICC bzw. AJCC (TNM 6. Auflage. 2003) wie folgt: Stadium 0 Tis N0 M0Stadium I T1 N0 M0Stadium IIA T0,T1 N1 M0 T2 N0 M0Stadium IIB T2 N1 M0 T3 N0 M0Stadium IIIA T0,T1,T2 N2 M0 T3 N1,N2 M0Stadium IIIB T4 N0,N1,N2 M0Stadium IIIC Jedes T N3 M0Stadium IV Jedes T Jedes N M1 Hormonrezeptor- und HER2-Status Der Östrogenrezeptor- und Progesteronrezeptorstatus (ER- und PgR-Expression) wird ebenfalls histologisch, genauer immunhistologisch untersucht. Man bestimmt den Prozentsatz derjenigen Tumorzellen, an denen sich die Rezeptoren nachweisen lassen und errechnet aus Prozentsatz und der Färbeintensität einen 12-stufigen Immunreaktiven Score (IRS), oder den international gebräuchlicheren 8-stufigen Allred-Score. Färbeintensität (IS) Positive Zellen (PP) 0 keine Reaktion 0 keine 1 schwache Reaktion 1 weniger als 10 % 2 mäßige Reaktion 2 zwischen 10 und 50 % 3 starke Reaktion 3 zwischen 51 und 80 % 4 mehr als 80 % IRS 0–2 negativ 3–4 schwach positiv 6–8 mäßig positiv 9–12 stark positiv Beim HER2-Rezeptor, der für die Entscheidung, ob eine Nachbehandlung mit Trastuzumab (auch in Kombination mit Pertuzumab und Docetaxel) sinnvoll ist, wird ein 4-stufiger Score angewandt, der sich nach der immunhistochemischen Färbeintensität richtet (ASCO-Empfehlung 2007A. C. Wolff, M. E. Hammond u. a.: American Society of Clinical Oncology/College of American Pathologists guideline recommendations for human epidermal growth factor receptor 2 testing in breast cancer. In: Journal of Clinical Oncology, Januar 2007, Band 25, Nummer 1, S. 118–145; ascopubs.org (PDF); . PMID 19548375.). Lassen sich keine Zellen anfärben, ist das Ergebnis negativ: Score 0. Auch der Score 1+ ist negativ, d. h. eine Behandlung mit Trastuzumab wäre ohne Effekt auf den Tumor. Bei einer mittleren Färbeintensität (Score 2) wird der Tumor mit dem FISH-Test nachuntersucht und anhand Vermehrung (Amplifikation) des HER2-Gens entschieden, ob es sich um einen HER2-positiven Tumor handelt. Positive Zellen Membranfärbung Färbeintensität Score keine keine keine 0 1 % oder mehr nicht komplett schwach 1+ weniger als 10 % vollständig schwach bis mäßig 1+ 10 % oder mehr vollständig schwach bis mäßig 2+ 30 % oder weniger vollständig stark 2+ mehr als 30 % vollständig stark 3+ Risikogruppen, Einteilung nach Ergebnissen der Konsensuskonferenzen in St. Gallen Die alle zwei Jahre in St. Gallen abgehaltene Konsensuskonferenz beschäftigt sich vor allem mit der adjuvanten Therapie. Um die Chemo- und Hormontherapie möglichst zielgerecht einsetzen zu können, werden der Empfehlung von 2007 folgend die operierten Patientinnen in drei Risiko-, besser Behandlungsgruppen eingeteilt:A. Goldhirsch, W. C. Wood u. a.: Progress and promise: highlights of the international expert consensus on the primary therapy of early breast cancer 2007. In: Annals of Oncology. Band 18, Nummer 7, Juli 2007, S. 1133–1144, doi:10.1093/annonc/mdm271. PMID 17675394. (Review). Niedriges Risiko Mittleres Risiko Hohes Risiko Anzahl der befallenen Lymphknoten: keiner und alle folgenden Kriterien: 1 bis 3 oder keiner, aber mindestens ein weiteres Kriterium: mehr als 4 oder 1 bis 3 und Tumorgröße: T1 (max. 2 cm) T2 bis T4 (größer als 2 cm) Differenzierung: G1 G2 und G3 Tumoreinbruch: Invasion in Gefäße Hormonstatus: ER/PR-positiv (Östrogen-/Progesteron-positiv) HER2/neu-Status: HER2/neu-negativ HER2/neu-positiv HER2/neu-positiv Alter: 35 Jahre und älter oder jünger als 35 Jahre Molekulare Tumorklassifikation Anhand des Genexpressionsprofils, welches mit DNA-Microarrays aus dem Tumorgewebe gewonnen werden kann, kann man fünf verschiedene Hauptgruppen des Mammakarzinoms unterscheiden: Hormonrezeptorpositive Tumoren mit geringer bzw. höherer Aggressivität (genannt Luminal-A und Luminal-B, von lumen = Hohlraum der Milchgänge), HER2-positive Tumoren (erbB2-Phänotyp) und Hormonrezeptor- und HER2-negative Karzinome mit oder ohne Basalzell-Eigenschaften (basal-like und normal-like Phänotypen). Die zurzeit noch experimentelle molekulare Tumorklassifikation könnte in Zukunft eine bessere Abschätzung der Prognose und der voraussichtlichen Wirkung der adjuvanten Hormon- und Chemotherapie ermöglichen.L. A. Carey, C. M. Perou u. a.: Race, breast cancer subtypes, and survival in the Carolina Breast Cancer Study. In: JAMA. Band 295, Nummer 21, Juni 2006, S. 2492–2502, doi:10.1001/jama.295.21.2492. PMID 16757721. Genexpressionsanalysen Eine zentrale Frage bei der Behandlung des operablen Mammakarzinoms ist die Frage, wie hoch das Risiko eines Wiederauftretens der Erkrankung (Rezidivrisiko) ist. Patientinnen mit hohem Rezidivrisiko sollten eine adjuvante Chemotherapie erhalten, während Patientinnen mit niedrigem Risiko die nebenwirkungsreiche Chemotherapie erspart bleiben sollte. Die in der Vergangenheit gehandhabte, auf rein klinischen Faktoren wie Tumorgröße, Menopausestatus, Alter etc. beruhende Abschätzung des Rezidivrisikos hat sich als ungenau erwiesen. Einige Patientinnen, die als „Niedrigrisiko“ klassifiziert wurden, erleiden trotzdem ein Rezidiv. Andererseits wird davon ausgegangen, dass viele Chemotherapien überflüssigerweise gegeben werden, d. h. viele Patientinnen wären auch ohne eine solche geheilt. Um eine genauere Vorhersage des Rezidivrisikos zu ermöglichen, wurden sogenannte Gensignaturen entwickelt, mit dem Ziel, das Risiko eines Wiederauftretens der Erkrankung genauer vorherzusagen. Dabei wird die Genexpression einer Reihe von Genen im Tumorgewebe gemessen und ein Punktwert (Risikoscore) berechnet, der das Risiko eines Rezidivs anzeigen soll. Ab einem gewissen Punktwert wird dann die Chemotherapie empfohlen. Im Juli 2019 waren vier kommerzielle Genexpressionstests erhältlich. Alle vier Tests waren in klinischen Studien für Mammakarzinome im Frühstadium evaluiert worden. +Kommerziell erhältliche Genexpressionstests zur Vorhersage des Rezidivrisikos (Stand Juli 2019)Oncotype DX (Genomic Health)Mammaprint (Agendia)EndoPredict (Myriad)ProSigna (Nanostring)Zahl der Gene21701150TumorHR+/HR-: Hormonrezeptor-positiv/negativ, HER2-: HER2-negativ HR+, HER2-HR+/-, HER2-HR+, HER2-HR+, HER2-Menopausestatusprämenopausal: Patientin befindet sich vor der Menopause, postmenopausal: Patientin befindet sich in bzw. nach der Menopause prä und postprä und postprä und postnur postNodalstatusN0: kein Lymphknoten- (Nodal-)befall, N+: mit Lymphknotenbefall N0N0, N+N0, N+N0, N+EvidenzTAILORx-Studie (9 Jahre prospektiv)MINDACT-Studie (5 Jahre prospektiv)prospektiv-retrospektive Daten aus verschiedenen Studienprospektiv-retrospektive Daten aus verschiedenen Studien Nach einer Entscheidung des Gemeinsamen Bundesausschusses (GBA) vom 20. Juni 2019 sollen die Kosten des Genexpressionstests Oncotype DX künftig durch die gesetzlichen Krankenkassen erstattet werden (Regelleistung). Therapie Zur Vereinheitlichung und Verbesserung der Krankenversorgung gibt es in Deutschland seit 2003 im Auftrag der Deutschen Krebsgesellschaft und der Deutschen Gesellschaft für Senologie von OnkoZert zertifizierte Brustzentren an KrankenhäusernDeutsche Krebsgesellschaft: 21. Juli 2003. und seit 2004 ein Disease-Management-Programm für Brustkrebs, an dem sich auch niedergelassene Ärzte beteiligen können. Die gemeinsame Leitlinie der Stufe S3 der Deutschen Krebsgesellschaft und der medizinischen Fachgesellschaften ist für diese Programme die Orientierung zur Behandlung von Brustkrebs. Diese Leitlinie wird regelmäßig aktualisiert, zuletzt im Februar 2020. Die Strategie zur Brustkrebsbehandlung wird meist im Rahmen einer Tumorkonferenz geplant, an der sich Gynäkologen, internistische Onkologen, Radiologen, Strahlentherapeuten und Pathologen beteiligen. Die Einbindung der Patientin in die Entscheidungsfindung ist wie bei jeder eingreifenden medizinischen Maßnahme von großer Bedeutung (siehe informierte Einwilligung). Auch der deutsche Gesetzgeber spricht in der DMP-Richtlinie deutlich vom Status der aufgeklärten Patientin.„Anforderungen an strukturierte Behandlungsprogramme für Patientinnen mit Brustkrebs“, Anlage 3 zu §§ 28b bis 28 g der Risikostrukturausgleichs-Verordnung nach § 137f SGB Fünftes Buch (V). Die Therapie der Brustkrebserkrankung soll im Frühstadium eine Heilung, beim metastasierten Karzinom eine Lebenszeitverlängerung und im Spätstadium eine Linderung der Krankheitsbeschwerden erreichen. Bei der Wahl der konkreten Therapie steht die Erhaltung der Lebensqualität im Vordergrund. Darum wird neben den weiter oben beschriebenen Klassifikationen des Tumors auch die körperliche, psychosoziale und emotionale Situation der Patientin berücksichtigt. Eine „Standardtherapie“ gibt es nicht, die Berücksichtigung aller verschiedenen Faktoren führt zu einer individuellen Anpassung der Therapie an die Krankheit und an die jeweilige Patientin. Brustkrebs kann sich sehr schnell im Körper ausbreiten und wird daher schon in frühen Stadien mit einer systemischen (im ganzen Körper wirksamen) Therapie behandelt. Diese nach dem amerikanischen Chirurgen Bernard Fisher benannte „Fisher-Doktrin“ ist die Grundlage der Chemo- und Hormontherapie beim Brustkrebs.K. Travis: Bernard Fisher reflects on a half-century’s worth of breast cancer research. In: Journal of the National Cancer Institute. Band 97, Nummer 22, November 2005, S. 1636–1637, doi:10.1093/jnci/dji419. PMID 16288112. Fast immer besteht die Behandlung heute aus einer Kombination verschiedener Therapieformen. Werden zusätzliche Maßnahmen vor einer Operation durchgeführt, werden sie als neoadjuvant bezeichnet, werden sie nach einer Operation eingesetzt, nennt man sie adjuvant. Neoadjuvante Therapie In einigen Fällen wird eine Chemotherapie oder antihormonelle Therapie schon vor der chirurgischen Entfernung des Tumors durchgeführt. Diese primäre, oder neoadjuvante Therapie hat einerseits das Ziel, den Tumor zu verkleinern, um eine vollständige Entfernung des Tumors oder sogar eine brusterhaltende Operation zu ermöglichen, andererseits kann an der mit den neoadjuvanten Verfahren erreichbaren Veränderung der Erfolg einer weiteren, adjuvanten Behandlung abgeschätzt werden. Standard ist die neoadjuvante Therapie beim inflammatorischen Karzinom und bei zunächst inoperablen (T4-)Tumoren. Die Chemotherapieschemata sind die gleichen wie bei der postoperativen Behandlung (siehe unten). Operation Mit der Operation der Brustkrebserkrankung werden zwei Ziele verfolgt: Einerseits soll durch möglichst vollständige Entfernung der entarteten Zellen eine Ausbreitung (Metastasierung) der Tumorzellen in andere Körperregionen verhindert werden, sofern das noch nicht geschehen ist, andererseits soll ein Wiederauftreten der Krankheitszeichen an Ort und Stelle (ein Rezidiv) verhindert werden. Brusterhaltende Chirurgie vs. Mastektomie mini|Schnittführung bei einer Lumpektomie mit gleichzeitiger Axilladissektion mini|Unmittelbar vor einer kurvenförmigen axillären Inzision bei einem 3 cm großen Tumor im oberen Quadranten.V. Naraynsingh u. a.: Immediate breast reconstruction following segmentectomy using a latissimus dorsi 'myoadipose' flap through a single axillary incision: a case series. In: Cases Journal. 2, 2009, 8116. PMID 19830050 (Open Access, unter CC-by-3.0-Lizenz). mini|Entfernung eines Tumors im Bereich des Brustwarzenhofes durch einen zirkumareolaren Einschnitt mini|Nach der Operation der Patientin mit dem zirkumareolaren Einschnitt. Die Brust wurde mit körpereigenem Gewebe des Musculus latissimus dorsi unmittelbar nach der Entfernung des Tumors wieder rekonstruiert. Im Bereich der Achsel der genähte Einschnitt von der Axilladissektion. Links unten eine Drainage. mini|Beidseitige brustwarzenerhaltende Mastektomie (nipple sparing mastectomy, NSM) mit Implantaten, nach beidseitigem Brustkrebs, bei einer 57-jährigen Frau.S. Reefy u. a.: Oncological outcome and patient satisfaction with skin-sparing mastectomy and immediate breast reconstruction: a prospective observational study. In: BMC Cancer. Band 10, 2010, S. 171, doi:10.1186/1471-2407-10-171 (Open Access, unter CC-by-2.0). mini|Hautsparende Mastektomie (skin sparing mastectomy, SSM) mit Rekonstruktion der Brust mit einem Lappen des M. latissimus dorsi und Rekonstruktion der Brustwarze, inkl. Tätowierung der Brustwarze. mini|Ein operativ entferntes Karzinom Eine brusterhaltende Therapie (BET) ist heute bei 60–70 % der Erkrankten möglich, wenn die Relation zwischen der Tumorgröße und dem Brustvolumen günstig und der Tumor noch nicht in die Muskulatur oder Haut eingedrungen ist. Bei dieser Operation wird entweder der Tumor mit dem umliegenden Gewebe (Lumpektomie), ein größeres Segment oder ein ganzer Quadrant (Quadrantektomie) entfernt. Um ein kosmetisch ansprechendes Ergebnis zu erhalten, wird bei größerer Gewebeentfernung vor allem aus beiden unteren Quadranten eine sogenannte intramammäre Verschiebeplastik vorgenommen. Dabei wird die Brustdrüse ganz oder teilweise von Haut und Muskulatur gelöst und so verschoben, dass nach der Operation trotz des Gewebeverlustes eine ausgeglichene Brustform erhalten bleibt. Ist eine Verschiebeplastik nicht möglich, kann die Brust entweder direkt nach der Tumorentfernung oder nach Abschluss aller Behandlungen rekonstruiert werden. Sollte eine Brusterhaltung nicht möglich sein, wird der gesamte Brustdrüsenkörper und ein Teil der darüber liegenden Haut entfernt (Ablatio, Mastektomie). Die Empfehlung zur Mastektomie wird ausgesprochen, wenn: der Tumor sehr groß ist (> 3 cm) oder den Brustmuskel infiltriert hat, ein inflammatorisches Karzinom diagnostiziert wurde, ein ausgedehnter Befall der Lymphgefäße der Brustdrüse nachgewiesen wurde, der Tumor ausgedehnte „Arme“ in die Milchgänge gebildet hat (Duktales in situ Karzinom), die gesamte Brustdrüse eine durch die Mammographie nachgewiesene Mikroverkalkung enthält, der Tumor trotz Nachoperation nicht mit einem ausreichenden Sicherheitsabstand zum gesunden Gewebe entfernt werden konnte, die Patientin dies wünscht. Manche Patientinnen entscheiden sich gegen die Möglichkeit zur brusterhaltenden Operation, um sich sicherer zu fühlen oder um die sonst notwendige Strahlentherapie zu vermeiden. Die Empfehlung zur Mastektomie wird auch ausgesprochen, wenn ein multizentrisches (Tumorknoten in mehreren Quadranten) oder multifokales (mehrere Tumorknoten im selben Quadranten) Karzinom diagnostiziert wurde. Diese Empfehlung kann manchmal relativiert werden, wenn der Operateur alle Tumoren mit einem ausreichenden Sicherheitsabstand zum gesunden Gewebe entfernen kann.W. F. Hartsell u. a.: Should multicentric disease be an absolute contraindication to the use of breast-conserving therapy? In: Int J Radiat Oncol Biol Phys 30, 1994, S. 49–53. PMID 8083128.O. Gentilini, E. Botteri u. a.: Conservative surgery in patients with multifocal/multicentric breast cancer. In: Breast cancer research and treatment. Band 113, Nummer 3, Februar 2009, S. 577–583, doi:10.1007/s10549-008-9959-7. PMID 18330695. Auch wenn eine Krebserkrankung schon in andere Organe metastasiert hat, kann der ursprüngliche Tumor schonender operiert werden, wenn das radikale chirurgische Vorgehen keinen Vorteil bringen würde. Für die Versorgung von Frauen sowohl nach Brustamputation als auch nach brusterhaltender Operation (Chirurgie) oder auch nach Wiederaufbau mit unzureichendem kosmetischem Ergebnis werden Brustprothesen und Brustausgleichsteile aus Silikon eingesetzt. Frauen nach einer Brustoperation haben in der Regel Anspruch auf die Versorgung mit einer Brustprothese (auch Brustepithese genannt) bzw. einem Brustausgleichsteil, deren Kosten inkl. Beratung und Anpassung dann als medizinisches Hilfsmittel von den Krankenkassen übernommen wird. Als Halterung für die Prothese gibt es spezielle Prothesen-BHs und Prothesen-Badeanzüge mit eingearbeiteten Taschen, die zusammen mit dem Brustausgleich im Sanitätsfachgeschäft erhältlich sind. Achsellymphknoten Die Lymphknoten der Achsel sind meist der erste Ort, an dem sich Metastasen bilden. Um diesen Befall zu erfassen, werden die Lymphknoten, zumindest einige von ihnen, bei der Operation oft mit entfernt. Um die Folgeschäden (Lymphödem) so gering wie möglich zu halten, kann zunächst nur ein einzelner Lymphknoten entfernt und untersucht werden, wenn der Tumor in der Brust kleiner als 2 cm ist und die Achsellymphknoten nicht tastbar sind.T. Kühn u. a.:Sentinel-Node-Biopsie beim Mammakarzinom. In: Geburtsh Frauenheilk., 2003, Band 63, S. 835–840; Dazu wird in die betreffende Brust ein Farbstoff oder ein Radionuklid injiziert, um den Lymphabfluss darzustellen. Der erste Lymphknoten, in dem das eingespritzte Material nachgewiesen werden kann, wird herausoperiert und untersucht. Nur wenn dieser sogenannte Wächterlymphknoten (sentinel node) von Tumorzellen befallen ist, werden weitere Lymphknoten der Achselhöhle ebenfalls entfernt (teilweise oder komplette Axilladissektion). Nicht-invasive Tumorzerstörung 2013 wurde in Rom erstmals ein Verfahren getestet, bei dem noninvasiv mittels Ultraschallwellen bei einer ambulanten Behandlung Tumorgewebe zerstört werden kann. Bei der anschließenden Operation konnten bei 10 von 12 Patientinnen mit Tumoren kleiner als 2 cm keine Tumorreste mehr gefunden werden.Beatrice Cavallo Marincola, Luisa Di Mare, Federica Pediconi, Luca Bertaccini, Fabrizio Boni, Alessandro Napoli, Carlo Catalano: Clinical Experience in Noninvasive Treatment of Focal Breast Cancer with Magnetic Resonance Guided High Intensity Focused Ultrasound (MRgFUS) (PDF; 178 kB). Das Verfahren muss jedoch weiterhin getestet und optimiert werden. Adjuvante Therapie Fast alle Patientinnen erhalten nach der Operation eine adjuvante (unterstützende) Behandlung. Chemotherapie Nach der Operation folgt für viele Patientinnen mit höherem Rückfallrisiko eine Chemotherapie, um möglicherweise verbliebene Tumorzellen abzutöten. Die Notwendigkeit der Chemotherapie wird anhand des Tumortyps, des Stadiums und anderer Faktoren beurteilt. Wenn der Tumor hormonabhängig, kleiner als 2 cm und die Lymphknoten frei von Metastasen sind, kann in den meisten Fällen auf eine Chemotherapie verzichtet werden. Bei dieser Konstellation können mit einer antihormonellen Therapie ähnliche Ergebnisse erzielt werden (St. Gallen 2007). Welche Chemotherapie verabreicht wird, hängt vom Zustand der Patientin und von der Klassifikation des Tumors ab, vor allem von der Risikogruppe nach der St.-Gallen-Empfehlung. Die Behandlung wird in mehreren Zyklen durchgeführt, beispielsweise insgesamt viermal im Abstand von drei Wochen oder sechsmal in Abstand von zwei Wochen. Der Zeitabstand zwischen den einzelnen Gaben soll dem Körper einerseits die Gelegenheit zur Regeneration geben, andererseits hofft man darauf, dass Mikrometastasen (ruhende Tumorzellen) bzw. Krebsstammzellen in den Erholungsphasen mit der Teilung beginnen und mit der erneuten Zuführung der Zytostatika zerstört werden können. In der Regel werden die Zytostatika als Kombinationen eingesetzt. Die häufigsten Schemata sind zurzeit AC oder EC, FAC oder FEC. Wenn die Lymphknoten mit Metastasen befallen waren, wird eine Ergänzung der jeweiligen Kombination mit Taxanen (Paclitaxel und Docetaxel) empfohlen (St. Gallen, 2007). Das ältere CMF-Schema wird kaum noch verwendet. (A = Adriamycin, C = Cyclophosphamid, E = Epirubicin, F = Fluoruracil, M = Methotrexat, T = Taxane) Inzwischen werden Chemotherapien auch mit weiteren Therapien wie der zielgerichteten Antiangiogenese („Therapie des metastasierten Mammakarzinoms“, siehe unten) erfolgreich kombiniert. Seit dem Juli 2019 werden durch die gesetzlichen Krankenkassen auch die Kosten eines Genexpressionstests übernommen, mit dem die Frage beantwortet werden kann, ob eine adjuvante Chemotherapie im Frühstadium eines operierten Mammakarzinoms erforderlich ist (→ Genexpressionsanalysen). HER2/neu positive Tumoren Um das Risiko eines erneuten Auftretens der Erkrankung (Rezidiv) zu senken, wird bei HER2/neu positiven Tumoren in der Regel im Anschluss an die Chemotherapie ein Jahr lang die Behandlung mit dem HER2-Antikörper Trastuzumab durchgeführt („Antikörper-Therapie“, siehe unten), seltener auch ohne vorherige Chemotherapie.E. H. Romond, E. A. Perez, J. Bryant u. a.: Trastuzumab plus adjuvant chemotherapy for operable HER2-positive breast cancer. In: The New England Journal of Medicine. Band 353, Nummer 16, Oktober 2005, S. 1673–1684, doi:10.1056/NEJMoa052122. PMID 16236738.E. A. Perez, E. H. Romond u. a.: Updated results of the combinated analysis of NCCTG N9831 and NSABP B-31 adjuvant chemotherapy with/without trastuzumab in patients with HER2-positive breast cancer. In: J Clin Oncol 2007 ASCO Annual Meeting Proceeding. 25 (Suppl 18S): 2007, 6s (abstract 512).M. J. Piccart-Gebhart, M. Procter u. a.: Trastuzumab after adjuvant chemotherapy in HER2-positive breast cancer. In: The New England Journal of Medicine. Band 353, Nummer 16, Oktober 2005, S. 1659–1672, doi:10.1056/NEJMoa052306. PMID 16236737.L. Gianni, A. Goldhirsch u. a.: Update of the HERA trial and the role of 1 year trastuzumab as adjuvant therapy for breast cancer. In: The Breast. Band 18, Suppl 1, 2009, S. S11 (abstract S25). Die Dauer und die Zusammensetzung der Chemotherapie wird vom Ausmaß der befallenen Lymphknoten mitbestimmt (St. Gallen 2007). Nach einer Trastuzumab Behandlung kann Neratinib für den gleichen Zweck eingesetzt werden.Zusammenfassung der Merkmale des Arzneimittels (PDF; 441 kB) EPAR der EMA, abgerufen am 29. Oktober 2019. Bestrahlung Nach der brusterhaltenden Operation sollte eine Strahlentherapie der Brust erfolgen. Sie senkt die Rezidivrate von 30 auf unter 5 %. Mikroskopisch kleine (nicht mit bloßem Auge erkennbare) Tumorreste können auch bei sorgfältigster Operation in der Brustdrüse verbleiben. Auch nach einer Mastektomie wird zur Nachbestrahlung geraten, wenn der Tumor größer als 5 cm war (T3 oder T4), die Brustdrüse mehrere Tumoren enthielt oder der Tumor bereits in Haut oder Muskulatur eingedrungen war. Auch der Befall von Lymphknoten ist ein Anlass zur Nachbestrahlung der Brustwand, insbesondere bei mehr als drei befallenen Lymphknoten. Das ehemalige Tumorgebiet soll bei Frauen unter 60 Jahren mit einer um 10–16 Gy höheren Dosis bestrahlt werden, damit sich an den Schnitträndern keine Rezidive ausbilden können. Die Strahlentherapie beginnt zirka 4–6 Wochen nach der Operation und dauert sechs bis acht Wochen. Eine befürchtete Erhöhung koronarer Ereignisse als Langzeitfolge der Strahlenwirkung auf das Herz konnte nicht bestätigt werden, es gibt eine gewisse Risikoerhöhung, das absolute Risiko ist jedoch sehr gering und kann durch moderne Strahlentherapie eventuell weiter gesenkt werden.S. C. Darby, M. Ewertz u. a.: Risk of ischemic heart disease in women after radiotherapy for breast cancer. In: The New England Journal of Medicine. Band 368, Nummer 11, März 2013, S. 987–998, doi:10.1056/NEJMoa1209825. PMID 23484825. Antihormonelle Therapie Ist das Karzinom hormonsensitiv, wird zusätzlich eine Therapie mit Hormonantagonisten durchgeführt. Es gibt verschiedene, vom menopausalen Status der Frau und dem genauen Tumortyp abhängige Varianten. Vor der Menopause Ende des 19. Jahrhunderts wurde ein möglicher Zusammenhang zwischen Brustkrebs und der Ovarialfunktion erkannt. Dies veranlasste Beatson 1895 eine „therapeutische Kastration“ vorzunehmen.J. Kraus: Brustdrüse. 1973, S. 196. Eine chirurgische Ovariektomie oder radiotherapeutische Ausschaltung der Ovarfunktion wird nur noch selten vorgenommen. Studien zufolge genügt eine temporäre Ausschaltung der Hormonproduktion über zwei Jahre, die medikamentös erreicht werden kann. Bei Frauen, die noch die Periode haben, wird schon durch Chemotherapie die Hormonfunktion der Eierstöcke gestört. Dieser Effekt richtet sich auch gegen die hormonabhängigen Tumorzellen und ist daher erwünscht. Frauen mit Kinderwunsch oder Frauen, denen das Risiko einer vorzeitigen Menopause zu groß ist, können ihre Eierstöcke mit GnRH-Analoga (die die ovariale Produktion von Östrogen und Progesteron unterdrücken) vor der schädigenden Wirkung schützen und gleichzeitig die Hormonausschaltung bewirken. GnRH-Analoga werden in der Regel über zwei Jahre gegeben. Nach der Chemotherapie wird normalerweise ein Estrogen-Rezeptor-Modulator wie Tamoxifen, welcher die Anbindung des körpereigenen Östrogens an den Östrogen-Rezeptoren des Tumors verhindert, für 5 Jahre gegeben.G. von Minckwitz: For The Breast Commission of the German Gynaecological Oncology Working Group (AGO). Evidence-based treatment of metastatic breast cancer – 2006 recommendations by the AGO Breast Commission. In: Eur J Cancer. Band 42, 2006, S. 2897–2908. PMID 17046240. Aromatasehemmer sind vor der Menopause nicht angezeigt. Nach der Menopause Ist die Patientin postmenopausal, erhält sie für in der Regel fünf Jahre entweder Tamoxifen oder einen Aromatasehemmer, welcher durch eine Enzymblockade die Bildung von Östrogen im Muskel- und Fettgewebe unterbindet. Neuere Studienergebnisse deuten an, dass die Aromatasehemmer wirksamer sind als das Tamoxifen, das heißt, die krankheitsfreie Überlebenszeit steigt an. In Studien wird der Aromatasehemmer manchmal sofort verwendet (upfront), in der Regelbehandlung erst nach zwei bis drei Jahren unter Tamoxifen (switch, deutsch ‚Wechsel‘), oder nach fünf Jahren (extended). Die jeweiligen Nebenwirkungen der Substanzen müssen bei der Entscheidung berücksichtigt werden. Auf Grund der besseren Wirksamkeit sind Aromatasehemmer zu Therapiebeginn erste Wahl und werden entsprechend häufiger verordnet. Tamoxifen wird dagegen seit 2003 immer seltener verschrieben. Verein Deutsches Arzneiprüfungsinstitut, 13. November 2012. Eine weitere Möglichkeit besteht in der Gabe eines reinen Estrogen-Rezeptor-Antagonisten (Fulvestrant; Handelsname Faslodex), der von den Arzneimittelbehörden jedoch bisher nur bei fortgeschrittenem Brustkrebs zugelassen ist. European Medicines Agency, März 2010. Bei vielen Patientinnen mit hormonabhängigen Tumoren verliert Tamoxifen nach einigen Jahren seine Schutzwirkung (sogenannte Tamoxifenresistenz). Laborversuchen zufolge kann im Gegenteil sogar eine Beschleunigung des Zellwachstums eintreten.D. F. Hayes: Tamoxifen: Dr. Jekyll and Mr. Hyde? In: Journal of the National Cancer Institute. Band 96, Nummer 12, Juni 2004, S. 895–897. PMID 15199102. Betreffende Frauen sollten besser mit anderen Substanzen behandelt werden. Es ist bislang aber noch nicht möglich, das Verhalten eines individuellen Tumors in dieser Beziehung vorauszusagen. Ein Hinweis könnte das gleichzeitige Auftreten einer HER2/neu- und AIB1-Expression an einem ER-positiven Tumor sein.C. K. Osborne, V. Bardou, T. A. Hopp, G. C. Chamness, S. G. Hilsenbeck, S. A. Fuqua, J. Wong, D. C. Allred, G. M. Clark, R. Schiff: Role of the estrogen receptor coactivator AIB1 (SRC-3) and HER-2/neu in tamoxifen resistance in breast cancer. In: Journal of the National Cancer Institute. Band 95, Nummer 5, März 2003, S. 353–361. PMID 12618500. Androgenrezeptorabhängige Tumortypen Die meisten Mamma-Karzinome besitzen auch Rezeptoren für das männliche Geschlechtshormon Testosteron und andere Androgene Hormone. Bei ER+ Tumortypen wird der Anteil der AR+ Tumoren mit über 80 % angegeben, bei den „dreifach-negativen“ Tumortypen (Triple-negative breast cancer, TNBC) wird der Anteil mit etwa 10–50 % geschätzt. Abhängig vom Estrogenrezeptorstatus kann Testosteron eine wachstumshemmende Wirkung bei ER+ Tumoren oder eine wachstumstreibende Wirkung bei ER-/PR-Tumortypen entfalten. Der Androgenrezeptor reagiert teilweise auch mit anderen Androgenhormonen und Progestinen. Speziell für AR+/ER-/PR-Tumortypen in lokal fortgeschrittenem oder metastasiertem Stadium wurde zwischen 2007 und 2012 die Behandlung mit dem Antiandrogen Bicalutamid in einer Phase II Studie mit gutem Erfolg erprobt.A. Gucalp, S. Tolaney u. a.: Phase II trial of bicalutamide in patients with androgen receptor-positive, estrogen receptor-negative metastatic Breast Cancer. In: Clinical cancer research. Band 19, Nummer 19, Oktober 2013, S. 5505–5512, doi:10.1158/1078-0432.CCR-12-3327. PMID 23965901. . Da der Patentschutz von Bicalutamid (Casodex) ausgelaufen ist, wird inzwischen das neuere Enzalutamid für diesen Einsatzbereich getestet, bis jetzt sind jedoch nur in vitro Experimente bekannt.D. R. Cochrane, S. Bernales, B. M. Jacobsen, D. M. Cittelly, E. N. Howe, N. C. d Amato, N. S. Spoelstra, S. M. Edgerton, A. Jean, J. Guerrero, F. Gómez, S. Medicherla, I. E. Alfaro, E. McCullagh, P. Jedlicka, K. C. Torkko, A. D. Thor, A. D. Elias, A. A. Protter, J. K. Richer: Role of the Androgen Receptor in Breast Cancer and Preclinical Analysis of Enzalutamide. In: Breast Cancer Research. Band 16, Nr. 1, 2014, S. R7. doi:10.1186/bcr3599. . PMID 24451109. Historisch belegt ist ferner der Einsatz von Testosteron bei ER+ Tumortypen, die erzielten Ergebnisse waren in etwa vergleichbar mit Tamoxifen, jedoch mit stärkeren Nebenwirkungen verbunden. Ein ähnlicher Wirkungsmechanismus wird teilweise bei der experimentellen Behandlung mit Progestinen vermutet. Antikörper Etwa ein Viertel aller Mammakarzinome weisen eine Überexpression des HER2/neu-Rezeptors auf. Der Nachweis dieses Rezeptors steht für einen aggressiven Krankheitsverlauf und eine ungünstige Prognose, ist aber auch Bedingung für die Behandlung (Krebsimmuntherapie) mit dem Antikörper Trastuzumab. Neben der alleinigen Verabreichung von Trastuzumab wird dieser auch in Kombination mit dem monoklonalen Antikörper Pertuzumab und dem Zytostatikum Docetaxel eingesetzt. 1998 wurde der Wirkstoff (Handelsname: Herceptin) in den USA und 2000 in der Europäischen Union zunächst für Patientinnen mit metastasiertem Brustkrebs zugelassen. Trastuzumab ist ein monoklonaler Antikörper gegen den Wachstumsrezeptor HER2/neu auf der Zelloberfläche von Krebszellen. Studien ergaben, dass mit dieser sogenannten gezielten Krebstherapie (targeted therapy) das Risiko eines Rezidivs (Wiederauftretens) um etwa 50 % gemindert werden konnte. Viele klinische Studien zeigen, dass auch Frauen ohne Metastasen profitieren. Die HER2-Antikörpertherapie kann Rückfälle verhindern und so zur Heilung beitragen.D. Slamon, W. Eiermann, N. Robert u. a.: BCIRG 006: 2nd interim analysis phase III randomized trial comparing doxorubicin and cyclophosphamide followed by docetaxel (ACT) with doxorubicin and cyclophophamide followed by docetaxel and trastuzumab (ACTH) with docetraxel, carboplatin and trastuzumab (TCH) in HER2neu positive early breast cancer patients. In: Breast Cancer Res Treat. Band 100, Suppl 1, 2006, abstr 52.D. Slamon, W. Eiermann, N. Robert u. a.: Presentation at the 29th SABCS. San Antonio, Texas, USA, 14. bis 17. Dezember 2006. Seit 2006 ist Trastuzumab deshalb auch für die adjuvante Therapie zugelassen. Therapie des metastasierten Mammakarzinoms Fernmetastasen verschlechtern die Prognose rapide, da in der Regel bei Vorliegen einer sichtbaren Fernmetastase multiple Mikrometastasen vorhanden sind. Deshalb richtet sich die Behandlung auf die Lebenszeitverlängerung und den Erhalt einer angemessenen Lebensqualität mit einer langfristigen Stabilisierung der körperlichen und psychischen Verfassung. Brustkrebs bildet ausgesprochen häufig Knochenmetastasen.B. Krempien: Die Entstehung von Knochenschmerzen bei Knochenmetastasen und ihre Behandlung durch Bisphophonate. In: H. H. Bartsch, W. Hornstein (Hrsg.): Interdisziplinäre Schmerztherapie bei Tumorpatienten. Karger Publishers, 1998, ISBN 3-8055-6594-1. () Rezidive und Metastasen können operativ entfernt oder mit Strahlentherapie behandelt werden. Trotz der Nebenwirkungen kann unter Umständen auch mit der Verabreichung einer Chemo-, Hormon- oder durch eine gezielte Krebstherapie eine Erhöhung der Lebensqualität und eine Verlängerung der Zeit bis zum Fortschreiten der Erkrankung (Progressionsfreies Überleben) erreicht werden. Das zur Gruppe der Taxane gehörende Paclitaxel-Albumin (Handelsname: Abraxane) ist – in Monotherapie – indiziert für die Behandlung von metastasierendem Mammakarzinom bei erwachsenen Patienten, bei denen die Erstlinientherapie für metastasierende Krankheit fehlgeschlagen ist und für die eine standardmäßige Anthracyclin-enthaltende Therapie nicht angezeigt ist. Zusätzlich zu den bei der adjuvanten Therapie eingesetzten Wirkstoffen kommt beim HER2/neu-positiven metastasierten Mammakarzinom auch der Tyrosinkinase-Inhibitor Lapatinib zum Einsatz. Metastasierte HER2/neu-negative Tumoren können seit 2007 mit dem Angiogenese-Hemmer Bevacizumab behandelt werden. Diese gezielte Krebstherapie kann in Kombination mit einer Chemotherapie aus Paclitaxel oder Docetaxel angewendet werden. Studien zu weiteren Kombinationsmöglichkeiten laufen zurzeit.N. J. Robert, V. Diéras u. a.: RIBBON-1: randomized, double-blind, placebo-controlled, phase III trial of chemotherapy with or without bevacizumab for first-line treatment of human epidermal growth factor receptor 2-negative, locally recurrent or metastatic breast cancer. In: Journal of clinical oncology. Band 29, Nummer 10, April 2011, S. 1252–1260, doi:10.1200/JCO.2010.28.0982. PMID 21383283. Durch die Antiangiogenese wird die vom Tumor ausgelöste Neubildung von Blutgefäßen verhindert. Infolgedessen wird der Tumor nicht mehr ausreichend versorgt und die Tumorzellen sollen dadurch zugrunde gehen. Eribulin (Handelsname: Halaven) ist ein nichttaxanbasiertes, hochwirksames neues Zytostatikum (Zulassung in den USA im November 2010; in Europa im März 2011), das in Monotherapie für die Therapie von stark vorbehandelten Patientinnen mit lokal fortgeschrittenem oder metastasiertem Brustkrebs eingesetzt wird.J. Cortes, J. O’Shaughnessy u. a.: Eribulin monotherapy versus treatment of physician’s choice in patients with metastatic breast cancer (EMBRACE): a phase 3 open-label randomised study. In: Lancet. Band 377, Nummer 9769, März 2011, S. 914–923, doi:10.1016/S0140-6736(11)60070-6. PMID 21376385. Wenn der Krebs in seiner Ausbreitung so weit fortgeschritten ist, dass er nicht mehr zurückgedrängt werden kann, richtet sich die Behandlung vor allem auf die Beherrschung von Schmerzen und anderen Krankheitsbeschwerden. Zur Palliativmedizin gehört die psychosoziale Betreuung und eine Schmerzbehandlung, die schnell und vollständig erfolgen sollte und eine frühzeitige und ausreichende Gabe von Opiaten einschließt, siehe WHO-Stufenschema. Nachsorge Die Nachsorge der behandelten Patienten dauert in der Regel fünf Jahre und richtet sich zumeist nach den Leitlinien der Deutschen Krebsgesellschaft. Auf Nebenwirkungen der Strahlentherapie (Lymphödem, Lungen- oder Herzprobleme), der Chemotherapie (Blutbildveränderungen, Organschäden) und der Hormontherapie (Thrombosen, Osteoporose) muss besonders geachtet werden. Neben der Befragung und klinischen Untersuchung soll in den ersten drei Jahren, da hier die meisten Rezidive auftreten, alle sechs Monate eine Mammographie angefertigt werden. Ab dem vierten Jahr erfolgt die Mammographie – ebenso wie bei der zweiten, gesunden Brust von Anfang an – jährlich. Gemäß S3-Leitlinie kehrt die Patientin nicht mehr zu einem zweijährigen Intervall oder in das Screening Programm zurück. Zur Verlaufskontrolle können in der Blutuntersuchung die Tumormarker CA 15-3 und CEA bestimmt werden, was allerdings nicht in den Richtlinien vorgesehen ist und meistens eher bei konkretem Verdacht der Fall ist. Es muss bei jeder einzelnen Patientin sehr sorgfältig abgewogen werden, ob die Nachsorge in der hier angegebenen Form tatsächlich durchgeführt werden soll; jede kleine nachgewiesene Veränderung kann eine erhebliche psychische Belastung nach sich ziehen, die wiederum die Lebensqualität entscheidend beeinflussen kann. Hilfreich, als begleitende Heilmethode, für die Rehabilitation nach einer Brustkrebserkrankung und anschließender erfolgreicher Behandlung, ist zudem körperliche Aktivität. Für eine einheitliche Qualität bei der Nachbetreuung bieten die deutschen gesetzlichen Krankenkassen seit 2004 das Disease-Management-Programm „Brustkrebs“ an. Die teilnehmenden Ärzte orientieren sich bei der Therapie an den jeweils aktuellen Leitlinien zur Behandlung und Nachsorge des Brustkrebses. Eine Teilnahme ist bei allen Ärzten möglich, die sich diesen qualitätssichernden Programmen angeschlossen haben. Für die Patientinnen bedeutet die Teilnahme an diesem Programm eine Einschränkung der freien Arztwahl. Geschichte Entzündliche Brustleiden wie Abszesse wurden bereits in frühester Zeit mit dem Messer gespalten.J. Kraus: Brustdrüse. In: Franz Xaver Sailer, Friedrich Wilhelm Gierhake (Hrsg.): Chirurgie historisch gesehen. Anfang – Entwicklung – Differenzierung. Dustri-Verlag, Deisenhofen bei München 1973, ISBN 3-87185-021-7, S. 192–199, hier: S. 192. Die ersten Dokumentationen von Brustkrebserkrankungen stammen aus der Zeit von 2650 v. Chr. aus dem Alten Ägypten. Zu dieser Zeit wurden sie mit einem Brenneisen behandelt. Im Papyrus Edwin Smith (um 1600 v. Chr.) wurden acht Brustkrebserkrankungen beschrieben, auch die eines Mannes, welche ebenfalls durch Kauterisation behandelt wurden. Der Papyrus Ebers enthält eine Beschreibung von Brustkrebs. Die Krebserkrankungen der Brust galten zur damaligen Zeit als nicht heilbar.. Auch im Corpus Hippocraticum wurde der Fall eines Mammakarzinoms geschildert.Corpus Hippocraticum: Epidemien 5,101. Von einer chirurgischen Behandlung tiefliegender Tumorerkrankungen wurde dort abgeraten, da nicht operierte Patienten länger lebten.Corpus Hippocraticum: Aphorismen 6,38. Der griechische Arzt Galen sah Brustkrebs als Folge einer Säftestörung und damit als systemische Erkrankung, eine Krankheit des ganzen Organismus, an. Als Mittel zur Behandlung wurden bis in das Mittelalter unterschiedlichste Rezepturen genutzt, um den als Ursache angesehenen eingedickten Körpersaft „Galle“ zu verflüssigen und abzuführen. Bestandteile waren, unter anderem, Blei- und Zinkkarbonat, Rosenöl und Hirschkot. Die im Mittelalter durchgeführten Ätztherapien bei Carcinoma mammae oder dafür gehaltenen Brusterkrankungen wurden auch im 19. Jahrhundert noch durchgeführt, etwa mit Arsenik, Jod, Quecksilberpräpataten, ChlorzinkJosef Weinlechner: Vier Fälle von Carcinoma mammae mit Chlorzinkpaste behandelt. In: Wiener medizinische Presse, 1876, Nr. 13, S. 430 ff. und Chlorkalipräparaten.J. Kraus: Brustdrüse. 1973, S. 195. Die erste Operation bei Brustkrebs soll Leonidas aus Alexandria um 100 n. Chr. durchgeführt haben. Zur Blutstillung und Entfernung von Tumorresten nutzte er ein Brenneisen. Andreas Vesalius empfahl um 1543 bei Brustkrebs eine Entfernung der Brust (Mastektomie), bei welcher er jedoch eine Blutstillung mit Nähten der Kauterisation vorzog. mini|Brustkrebschirurgie im 18. Jahrhundert Der französische Chirurg Jean-Louis Petit (1674–1750) legte das erste Konzept zur operativen Behandlung von Brustkrebs vor, welches jedoch erst 24 Jahre nach seinem Tode veröffentlicht wurde. Sein Kollege Henry François Le Dran (1685–1770) meinte 1757, dass der Brustkrebs zumindest am Anfang lokaler Natur wäre. Erst wenn er sich seinen Weg in die Lymphbahnen geschaffen habe, sei die Prognose für die Patientin schlecht. Er entfernte daher die komplette Brust mitsamt den Lymphknoten der Achselhöhle. Auch der schottische Chirurg Benjamin Bell (1749–1806) erkannte die Bedeutung einer Entfernung der Lymphknoten aus der Achselhöhle. Rudolf Virchow (1821–1902) konnte 1840 nachweisen, dass sich die Erkrankung aus den Epithelzellen entwickelt und sich entlang der Faszien und Lymphbahnen ausbreitet. Damit wandelte sich die Sicht vom Brustkrebs, welcher jetzt eher als lokale Erkrankung betrachtet wurde. Im Jahr 1867 stellte Charles H. Moore fest, dass die Ursache für ein Krebsrezidiv die unvollständige Entfernung des Primärtumors ist, und forderte daher bei Brustkrebs das benachbarte Gewebe (Haut, Lymphknoten, Fett, Pectoralismuskel) mitzuentfernen. Richard von Volkmann entfernte 1875 dementsprechend die Pectoralisfaszie mit.J. Kraus: Brustdrüse. 1973, S. 194. Diesem Konzept folgte auch William Stewart Halsted (1852–1922), der 1882 die erste radikale Mastektomie mit Entfernung der Faszie, der Brustmuskeln (Musculus pectoralis major, später auch in Anlehnung an eine von Willy Mayer vor der New Yorker Medizinischen Akademie vorgetragenen Methode den Musculus pectoralis minorJ. Kraus: Brustdrüse. In: Franz Xaver Sailer, Friedrich Wilhelm Gierhake (Hrsg.): Chirurgie historisch gesehen. Anfang – Entwicklung – Differenzierung. Dustri-Verlag, Deisenhofen bei München 1973, ISBN 3-87185-021-7, S. 192–199, hier: S. 194–196.) und der Achsellymphknoten durchführte.auch William Stewart Halsted: Operation for cancer of the Breast. In: Ann. Surg., 1894, Band 20, S. 497 ff. Für die damaligen Verhältnisse konnte damit eine lokale Tumorkontrolle mit einer 5-Jahres-Lokalrezidivrate von sechs Prozent erreicht werden.William Stewart Halsted: The results of operations for the cure of cancer of the breast performed at the Johns Hopkins Hospital from June, 1889 to January, 1894. In: Ann Surg., 1894, Band 20, S. 497. Im deutschsprachigen Raum war Josef Rotter (1857–1924) Vorreiter dieser zum Standard gewordenen Methode, die er ab 1889 bei seinen Patientinnen durchführte.Josef Rotter: Günstige Dauererfolge durch ein verbessertes Operationsverfahren der Mammakarzinome. In: Berliner klinische Wochenschrift, 1896, Band 33, S. 69. 1874 beschrieb der englische Chirurg James Paget (1814–1899) eine ekzemartige Veränderung der Brustwarze mit angrenzendem duktalen Adenokarzinom, welche später als Morbus Paget bezeichnet wurde. Bis etwa 1884 glaubten manche Ärzte, dass Brustkrebs durch eine „Impfung“ mit Erysipelerregern erfolgreich behandelt werden könne.Janicke, Albert Neisser: Exitus letalis nach Erysipelimpfung bei inoperablem Mamma-carcinom und mikroskopischem Befund des geimpften Carcinoms. In: Chirurgie, 1884, Band 25, S. 401 ff. Albert Schinzinger empfahl 1889 zur Behandlung inoperabler Mammakarzinom die Kastration.Paul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff/Diepgen/Goerke: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7., neubearbeitete Auflage. Springer, Berlin / Göttingen / Heidelberg 1960, S. 50. Der schottische Chirurg George Thomas Beatson erkannte 1895, dass die Entfernung der Eierstöcke bei einer seiner Patientinnen den Brusttumor schrumpfen ließ. 1897 wurde Brustkrebs erstmals bestrahlt. Nachdem Hormone auch synthetisch hergestellt werden können, wurden auch endokrine TherapienHenryk Nowakowski: Der gegenwärtige Stand der endokrinen Therapie in der Palliativbehandlung des metastasierenden Mamma-carcinoms der Frau. In: Der Chirurg, 1968, Band 39, S. 258 ff. vermehrt eingesetzt. Im Jahr 1927 wurde in Deutschland über die erste brusterhaltende Operation beim Mammakarzinom berichtet.J. Hirsch: Radiochirurgie des Brustkrebses. In: Deutsche Medizinische Wochenschrift, 1927, Band 34, S. 1419–1421. 1948 veröffentlichten David H. Patey und W. H. Dyson eine etwas weniger radikale Operationsmethode als Rotter und Halsted mit gleich guten Ergebnissen, bei welcher die Brustmuskeln erhalten bleiben konnten.D. H. Patey, W. H. Dyson: The prognosis of carcinoma of the breast in relation to the type of operation performed. In: British Journal of Cancer. Band 2, Nummer 1, März 1948, S. 7–13. PMID 18863724. . Sie wird heute noch als modifiziert-radikale Mastektomie nach Patey bezeichnet. Ein weiterer Rückgang der operativen Radikalität begann mit Robert McWhirter, der 1948 nach einfacher Mastektomie eine Strahlentherapie durchführte.R. McWhriter: Simple mastectomy and radiotherapy in the treatment of breast cancer. In: The British journal of radiology. Band 28, Nummer 327, März 1955, S. 128–139. PMID 14351717. Einige Jahre nach der Entdeckung der Röntgenstrahlen wurden diese ab etwa 1900A. Clark: The effect of the Roentgen-rays in a case of chronic carcinom of the breast. In: British Medical Journal, 1901, Band 11, S. 1398 ff. auch zur Behandlung, von Brustkrebs eingesetzt, insbesondere zur (neoadjuvanten bzw. adjuvanten) Vor- oder Nachbestrahlung.J. Kraus: Brustdrüse. 1973, S. 196 f.E. Munteau: Die praeoperative Röntgenbestrahlung des Mamma-carcinoms. Thieme, Stuttgart 1961. Mit den Arbeiten von Bernhard und E. R. Fisher setzte sich in den 1960er Jahren die Auffassung durch, dass das Mammakarzinom schon im Frühstadium eine im Körper gestreute Erkrankung sein kann und die Lymphknoten keine Barriere gegen eine Ausbreitung im Körper darstellen. Vielmehr wurde der Befall der Lymphknoten als Indikator für eine systemische Ausbreitung angesehen. Die Lymphknotenentfernung hätte folglich nur prognostische und keine therapeutische Bedeutung.B. Fisher, E. R. Fisher: Transmigration of lymph nodes by tumor cells. In: Science. Band 152, Nummer 3727, Juni 1966, S. 1397–1398. PMID 5949244. Daher wurde das gängige Konzept der Operation und Strahlentherapie um eine anschließende Chemotherapie ergänzt, um auch Mikrometastasen zu vernichten. Ab 1969 erfolgte die Chemotherapie als Kombination mehrerer Präparate mit Verbesserung der Wirksamkeit. Seit den 1970er Jahren werden Mammakarzinome zunehmend brusterhaltend operiert. Die Sentinel- oder auch Wächter-Lymphknoten-Entfernung erspart seit Ende des 20. Jahrhunderts oft die vollständige Entfernung der Lymphknoten aus der Achselhöhle. Damit wurde die operative Radikalität weiter reduziert. Eine Forschergruppe um den US-Amerikaner J. M. Hall entdeckte 1990 das, später BRCA1 benannte, Brustkrebs-Gen.Y. Miki, J. Swensen u. a.: A strong candidate for the breast and ovarian cancer susceptibility gene BRCA1. In: Science. Band 266, Nummer 5182, Oktober 1994, S. 66–71. PMID 7545954. 1994 wurde mit BRCA2 ein zweites Brustkrebsgen erkannt.R. Wooster, S. L. Neuhausen u. a.: Localization of a breast cancer susceptibility gene, BRCA2, to chromosome 13q12-13. In: Science. Band 265, Nummer 5181, September 1994, S. 2088–2090. PMID 8091231.Terea Wagner u. a.: Hereditärer Brust- und Eierstockkrebs. In: Detlev Ganten, Klaus Ruckpaul: Molekularmedizinische Grundlagen von hereditären Tumorerkrankungen. Birkhäuser, 2001, ISBN 3-540-67808-5, S. 257 Die 1985 von der American Cancer Society gestartete Initiative Brustkrebsmonat Oktober findet wachsende Beachtung in den Industrieländern. 2011 wurde der BRA Day ins Leben gerufen. Brustkrebszeichen in der Kunst In der medizinischen Fachliteratur wurde wiederholt über Brustkrebsanzeichen in historischen Bildern diskutiert. Im 16. Jahrhundert stellte Michelangelo in seinem berühmten Deckengemälde in der Sixtinischen Kapelle eine Frau dar, die an ihrer rechten Brust deutliche Veränderungen im Sinne einer Brustkrebserkrankung zeigt. Die Abbildung findet sich in der ersten Szene des Deckengemäldes Die Sintflut aus dem Jahr 1508. Anzeichen wie ein sich andeutender Tumor, Größen- und Umrissveränderungen der Brust im Seitenvergleich, Hautrötung, Hauteinziehung oder Apfelsinenhaut finden sich auch beispielsweise in Werken von Raffael, Rembrandt van Rijn und Rubens.J. J. Grau, J. Estapé, M. Diaz-Padrón: Breast cancer in Rubens paintings. In: Breast cancer research and treatment. Band 68, Nummer 1, Juli 2001, S. 89–93. PMID 11678312.C. H. Espinel: The portrait of breast cancer and Raphael’s La Fornarina. In: Lancet. Band 360, Nummer 9350, 21.–28. Dez 2002, S. 2061–2063, doi:10.1016/S0140-6736(02)11997-0. PMID 12504417.P. A. Braithwaite, D. Shugg: Rembrandt’s Bathsheba: the dark shadow of the left breast. In: Annals of the Royal College of Surgeons of England. Band 65, Nummer 5, September 1983, S. 337–338. PMID 6351705. . Ob es sich bei den dargestellten Veränderungen allerdings tatsächlich um Brustkrebs handelt, lässt sich jedoch nicht beweisen und wurde daher auch angezweifelt.A. Gross: An epidemic of breast cancer among models of famous artists. In: Breast cancer research and treatment. Band 84, Nummer 3, April 2004, S. 293, doi:10.1023/B:BREA.0000019965.21257.49. PMID 15026627. Literatur Leitlinien AGO-Leitlinie (Arbeitsgemeinschaft Gynäkologische Onkologie): Empfehlungen gynäkologische Onkologie, Kommission Mamma ESMO-Guidelines (European Society of Medical Oncology): Breast Cancer (englisch) NCI-Guidelines (National Cancer Institute): Version für Patienten (englisch), Version für medizinisches Fachpersonal (englisch) Fachliteratur Ratgeber Weblinks Patientenleitlinien Brustkrebs. Leitlinienprogramm Onkologie. Brustkrebs/Mammakarzinom und Brustkrebs: Basis-Infos für Patientinnen und Angehörige. Deutsche Krebsgesellschaft. Die blauen Ratgeber: Brustkrebs. (PDF; 2,9 MB) Stiftung Deutsche Krebshilfe, Stand 1/2019. Weibliche Sexualität bei Brustkrebs. (PDF; 700 kB) Krebsliga Schweiz. Brustkrebs (Mammakarzinom). Krebsinformationsdienst des Deutschen Krebsforschungszentrums. Brustkrebs (Mammakarzinom). Zentrum für Krebsregisterdaten des Robert Koch-Instituts. Einzelnachweise Kategorie:Bösartige Tumorbildung Kategorie:Erkrankung der weiblichen Brust
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99,347
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Albrecht (Preußen)
mini|Bildnis von Markgraf Albrecht von Brandenburg-Ansbach, porträtiert von Lucas Cranach d. Ä., datiert 1528, im Besitz des Herzog Anton Ulrich-Museums in Braunschweig. mini|Albrecht von Brandenburg-Ansbach als Hochmeister des Deutschen Ordens (1522) mini|hochkant|Darstellung Albrechts im Markgrafenfenster von St. Sebald in Nürnberg, Arbeit von Hans Süß (1515) mini|Wappen von Albrecht als Hochmeister mini|Münze (1534) mit dem Profil Herzog Albrechts und der Inschrift „Iustus ex fide vivit“ („Der Gerechte lebt aus dem Glauben“), ein Zitat aus dem Galaterbrief nach der Vulgata mini|Herzog Albrecht von Preußen empfängt in der Domkirche zu Königsberg zum ersten Mal das Abendmahl nach protestantischem Ritus, Aquarell von Ludwig Rosenfelder in der Hochmeisterkirche in Berlin-Wilmersdorf, um 1852 Albrecht von Preußen (* 17. Mai 1490 in Ansbach; † 20. März 1568 auf Burg Tapiau) war ein Prinz von Ansbach aus der fränkischen Linie der Hohenzollern und ab 1511 der letzte Hochmeister des Deutschen Ordens in Preußen. Er trat 1525 zur Reformation über, säkularisierte den Deutschen Orden in Preußen in seiner Eigenschaft als eine Ordensgemeinschaft und verwandelte als erster „Herzog in Preußen“ die katholisch dominierte weltliche Herrschaft des Deutschordensstaates in Preußen in das erbliche lutherische Herzogtum Preußen, das er bis zu seinem Tod regierte. Herkunft Geboren wurde Albrecht am 17. Mai 1490 in Ansbach. Sein Vater war Friedrich V., Markgraf von Brandenburg-Ansbach. Seine Mutter Sofia Jagiellonka war eine Tochter des polnischen Königs Kasimir IV. Andreas und der Elisabeth von Habsburg, einer Tochter des deutschen Königs Albrecht II. und Enkelin Kaiser Sigismunds. Seine Eltern bestimmten Albrecht im Sinne der Dispositio Achillea zur geistlichen Laufbahn. Leben Hochmeister des Deutschen Ordens In seinem 21. Lebensjahr wählte ihn der Deutsche Orden 1511 zum 37. Hochmeister. Der Orden beabsichtigte, die 1466 im Zweiten Frieden von Thorn gegenüber dem König von Polen eingegangene Heeresfolge abzuschütteln. Voraussetzung war, dass der neu gewählte Hochmeister den Lehnseid gegenüber dem König Sigismund I. verweigert. Daher erschien Albrecht, der Sohn eines regierenden Fürsten des Heiligen Römischen Reichs und Neffe Sigismunds, dem Ordenskapitel für das Hochmeisteramt als besonders geeignet.Hierzu und zum folgenden Stephan Herbert Dolezel: Das preußisch-polnische Lehnsverhältnis unter Herzog Albrecht von Preußen (1525–1568). Grote, Köln/Berlin 1967, S. 16–19. Im Vertrauen auf die Beistandspflicht des Deutschmeisters und des Landmeisters von Livland verweigerte Albrecht dem polnischen König den Lehnseid. Sigismund erreichte jedoch 1513 eine Mahnung des Papstes an Albrecht und 1515 von Kaiser Maximilian die Anerkennung des Friedens von 1466, wofür er im Gegenzug dessen Königtum in Böhmen und Ungarn unterstützte. Nachdem Maximilians Nachfolger Karl V. bei seiner Thronbesteigung 1519 Albrecht zum Lehnseid aufgefordert hatte und klar geworden war, dass weder aus dem Reich noch aus Livland Unterstützung für Albrecht zu erwarten war, fielen polnische Truppen im Verlauf des Reiterkriegs im Winter 1519/1520 in den Ordensstaat ein, um den Orden zu unterwerfen. Wider Erwarten kam es zu keiner Entscheidung. Dänische Unterstützung, ein Söldnerheer aus dem Reich und vor allem die Angst vor dem mit Albrecht verbündeten Russland veranlassten Sigismund, mit Albrecht, dessen Söldner immer aufsässiger wurden, im April 1521 durch Vermittlung des Papstes und des Kaisers einen vierjährigen Waffenstillstand zu schließen. Herzog in Preußen In den folgenden zwei Jahren verlief Albrechts Suche nach Unterstützung im Reich unglücklich, während sich Sigismund mit Moskau arrangierte. 1522 wurde Albrecht während der Religionskämpfe in Nürnberg von Andreas Osiander für die Reformation gewonnen.Walther Hubatsch: Albrecht von Brandenburg-Ansbach. Deutsch-Ordensmeister und Herzog in Preußen 1490-1568. Grote, Köln/Berlin, Quelle & Meyer, Heidelberg 1960, S. 117, 141 f. – Jörg Rainer Fligge: Herzog Albrecht von Preußen und der Osiandrismus 1522–1568. Diss. phil. Bonn 1972, S. 16–22. Auf Luthers Rat entschloss er sich im November 1523, bestätigt durch Sigismunds Gesandten Achatius von Zehmen, das Amt des Hochmeisters niederzulegen, den Deutschordensstaat in ein weltliches Herzogtum umzuwandeln und dort, nachdem bereits reformatorische Ideen ins Land gekommen waren und Bischof Georg von Polentz an Weihnachten 1523 die erste evangelische Predigt im Königsberger Dom gehalten hatte, die Reformation offiziell einzuführen. Am 8. April 1525 unterstellte sich Albrecht im Vertrag von Krakau lehnsrechtlich dem polnischen König Sigismund und legte in Krakau vor Sigismund den Huldigungseid ab, in dem er Preußen als ein in gerader, männlicher Linie forterbendes Herzogtum zu Lehen nahm. Mitbelehnt wurden seine Brüder Kasimir und Georg. Auf dem Landtag, der kurz darauf in Königsberg gehalten wurde, erklärten sich alle Stände mit dem Bischof von Samland, Georg von Polentz, an der Spitze für die Anerkennung des Herzogtums und für die Annahme der Reformation. Albrecht setzte an die Durchführung seines Werkes alle Kraft. Sofort erschien eine neue Kirchenordnung, und die Versuche des Deutschen Ordens, Albrecht wieder zu verdrängen, sowie die beim Reichskammergericht in Deutschland 1531 gegen den Herzog erwirkte und am 18. Januar 1532 verhängte ReichsachtAllgemeines Archiv für die Geschichtskunde des Preußischen Staats. Band 5, Heft 1, Berlin Posen Bromberg 1831, S. 67–73. (books.google.de)Staatsarchiv Ludwigsburg JL 425 Bd 38 Qu. 126 hatten keine andere Wirkung, als dass dieser die Einführung der evangelischen Lehre und die Befestigung seiner Herrschaft umso eifriger betrieb. Das bedeutete das Ende des Ordensstaates in Preußen. Ganz besonders förderte Albrecht das Schulwesen: In den Städten legte er Lateinschulen an, gründete 1540 das Gymnasium in Königsberg und 1544 die Albertus-Universität Königsberg, zu deren Theologieprofessor er 1549 Andreas Osiander berief. Deutsche Schulbücher (Katechismen etc.) ließ er auf eigene Kosten drucken, und Leibeigenen, welche sich dem Lehrgeschäft widmen wollten, gab er die Freiheit. Von ihm stammt der Text der ersten drei Strophen des Kirchenliedes Was mein Gott will, gescheh allzeit (Evangelisches Gesangbuch Nr. 364). Albrecht legte auch den Grundstock zur königlichen Bibliothek, dessen 20 prächtigste Bände er für seine zweite Gattin Anna Maria von Braunschweig in reinem Silber beschlagen ließ. Sie erhielt daher den Namen Silberbibliothek. Seine letzten Regierungsjahre wurden ihm durch kirchliche und politische Zerwürfnisse vielfach verbittert. Der Streit des Königsberger Professors Andreas Osiander, der Melanchthon heftig anfeindete, mit seinen Kollegen, namentlich mit Joachim Mörlin, gab Anlass zu ernsten Verwicklungen. Der Herzog stand auf Seiten Osianders, der größte Teil der Geistlichkeit, auf das Volk gestützt, hielt es mit dem des Landes verwiesenen Mörlin, ebenso die Städte und der Adel, weil jene so die Anerkennung ihrer ehemaligen Vorrechte, dieser dagegen die Beschränkung der herzoglichen Gewalt auf das Verhältnis des ehemaligen Hochmeisters zu seinem Orden zu erreichen hofften. Fast das ganze Land stand dem Fürsten feindselig gegenüber, der angeklagt wurde, die Ausländer zu sehr zu begünstigen, sich in der Tat viele Jahre vom kroatischen Abenteurer und Universalgelehrten Stanislav Pavao Skalić hatte beherrschen lassen und überdies sehr verschuldet war. Die Stände suchten Hilfe in Polen. Daraufhin sandte Polen 1566 eine Kommission nach Königsberg, die gegen den Herzog entschied. Des Herzogs Beichtvater Johann Funck, der Schwiegersohn Osianders, und zwei Verbündete wurden als Hochverräter zum Tode verurteilt, Mörlin wurde zurückberufen und zum Bischof von Samland ernannt. Als solcher schrieb er zur Verdammung der Osianderschen Lehren das symbolische Buch Preußens: Repetitio corporis doctrinae Prutenicae. Neue Räte wurden dem Herzog von der polnischen Kommission und den Ständen aufgenötigt. Von ihnen abhängig, verlebte Albrecht seine letzten Tage in tiefem Kummer.Jörg Rainer Fligge: Herzog Albrecht von Preußen und der Osiandrismus 1522–1568. Diss. phil. Bonn 1972, S. 183–316 (behandelt die Einigungsversuche nach Osianders Tod), S. 449–525 (schildert den Niedergang des Osiandrismus bis zum Sieg der Orthodoxie). Albrecht starb am 20. März 1568 auf der Burg Tapiau an der Pest, 16 Stunden nach ihm auch seine zweite Gemahlin Anna Maria. Herzog Albrecht als Osiandrist und Laientheologe Wenn Walther Hubatsch in seiner Biografie hervorhebt, dass Albrecht ein Fürst war, „der an theologischen Kenntnissen und Einsichten seinen Standesgenossen weit überlegen war“, so wird dieses Urteil, das den Überblick über die damalige Fürstengesellschaft voraussetzt, begründet sein. Verfolgt man seinen Lebensweg unter dem Gesichtspunkt seiner theologischen Interessen, so bestätigt sich, dass der Herzog nicht nur für die religiösen, hier auch speziell theologischen Fragen seiner Zeit anhaltendes Interesse zeigte – bis zu seinem Tode 1568. Seine fachlichen Kenntnisse gewannen im Laufe der Jahre an Tiefe und Breite. „Eine Geschichte des Osiandrismus nach Osianders Tod (1552) hätte es ohne Herzog Albrecht in dem bedeutenden Umfang nicht gegeben.“ … „Der Herzog war Motor und Rückgrat dieser theologischen Richtung.“Jörg Rainer Fligge: Herzog Albrecht von Preußen und der Osiandrismus 1522–1568. Diss. phil. Bonn 1972, S. 589, 587. Der junge Albrecht empfing früh die niederen Weihen und erhielt in Köln eine „weltmännische und religiöse Erziehung“. Er eignete sich dort wahrscheinlich auch selber – schon vor seiner Begegnung mit dem Nürnberger Reformator Andreas Osiander – bei den Dominikanern scholastisches Gedankengut an, das sich später in seinem Denken widerspiegelte. Er wurde 1511 zum jüngsten Hochmeister des Deutschen Ordens erwählt und war mit diesem Amt mit weltlich-politischen wie geistlichen Angelegenheiten befasst und blieb es ab 1525 als Herzog und Landesherr seiner evangelischen preußischen Landeskirche.Walther Hubatsch: Albrecht von Brandenburg-Ansbach. Deutschordens-Hochmeister und Herzog in Preußen 1490-1568. Grote, Köln, Quelle & Meyer, Berlin/Heidelberg 1960, S. 21 f., 28 f., 30 ff. – Jörg Rainer Fligge: Herzog Albrecht von Preußen und der Osiandrismus 1522–1568. Diss. phil. Bonn 1972, S. 266, 528f., 554, 556, 576, 582 f., 585. Hinzu trat etwa 1522 seine Begegnung mit Andreas Osiander in Nürnberg, dessen reformatorische Predigt ihn beeindruckte. Luthers Schriften und letztlich seine Begegnung mit dem Reformator und Melanchthon in Wittenberg 1523 gewannen ihn für die Reformation, aus der sich dann die Umwandlung des Ordensstaates in Preußen in ein weltliches Herzogtum ergab.Walther Hubatsch: Albrecht von Brandenburg-Ansbach. Deutschordens-Hochmeister und Herzog in Preußen 1490-1568. Grote, Köln, Quelle & Meyer, Berlin/Heidelberg 1960, S. 117 ff. Zu den reformatorischen Gedanken, nicht zuletzt in der Ausprägung von Osiander, hat sich der Herzog Kenntnisse von dem Kirchenvater Augustin und anderen antiken Theologen angeeignet. Von diesen war ihm später bis ins hohe Alter eine lange Liste von Namen geläufig. Die Theologie dieser Kirchenväter wurde ihm wohl durch sogenannte Florilegien vermittelt, Zitate-Sammlungen und Textauszüge, die ihm seine Hoftheologen anfertigten. Er drang in diese theologischen Denkmodelle so tief ein, dass er mit ihnen argumentieren und auch andere in diese Gedanken einführen konnte. Letztlich konnte er nach Osianders Tod, 1552, dessen Theologie (einschließlich wichtiger Quellen) im Detail vertreten, so dass der Osiandrismus im Herzogtum noch bis etwa 1566 weiter existierte, bis er mit der Repetitio corporis doctrinae, 1567, endgültig gescheitert war, während Albrecht persönlich an seinen Auffassungen festhielt.Jörg Rainer Fligge: Herzog Albrecht von Preußen und der Osiandrismus 1522–1568. Diss. phil. Bonn 1972, S. 528 f., 562, 575 f., 581 ff., 586. Wer in die Gedankenwelt Albrechts eindringen will, muss, da es im Gegensatz zur fertiggestellten Osiander-Werkeausgabe, kaum (modernes) Gedrucktes gibt, in die Archivalen des noch vorhandenen ehemaligen Staatsarchivs Königsberg, heute in Berlin (Dahlem), einsteigen, vor allem in das Herzogliche Briefarchiv. Zu diesen Quellen gehören Liedertexte aus Albrechts Feder, Gebete, Bekenntnisse, Aufsätze, viele ausführliche Erörterungen in seinem Briefwechsel.Jörg Rainer Fligge: Herzog Albrecht von Preußen und der Osiandrismus 1522–1568. Diss. phil. Bonn 1972, S. 526 ff., 537–552. – In der neueren Forschung weist Henning P. Jürgens darauf hin, dass sich das Buch von Timothy J. Wengert nur auf gedruckte Quellen stütze und Osianders Lehre fast ausschließlich im Hinblick auf die evangelisch-orthodoxe Konfessionsbildung, im Wesentlichen nach Melanchthons Position, bewerte. Auch die umfangreiche zeitgenössische Streitschriftenliteratur der Osiandergegner werde in dieser Weise ins Feld geführt. Es seien auch die früheren Arbeiten von Martin Stupperich und Jörg Rainer Fligge heranzuziehen, die auf den archivalischen Quellen aufbauten. Die Rolle Herzog Albrechts werde unterschätzt. Es werde nicht deutlich, warum es so viele Unterstützer von Osianders Anliegen in Preußen und Nürnberg gegeben habe.Timothy J. Wengert: Defending faith. Lutheran responses to Andreas Osianders doctrine of justification, 1551–1559. (Spätmittelalter, Humanismus, Reformation. 65) Tübingen: Mohr Siebeck, 2012, ISBN 978-3-16-151798-3; 1865–2840. Dort S. 1f., 460 (Index), zu Fligge, Herzog Albrecht von Preussen und der Osiandrismus, Diss. phil., Bonn, 1972: „It has remained, until now (2012), the only full-length study of the reactions to Andreas Osiander's proposals for understanding the Lutheran doctrine of justification by faith.“ (S. 1) – Zu Wengert: Rezension von Henning P. Jürgens in: The Journal of ecclesiastical history, Cambridge. Bd. 1950, Nr. 2, 2014, S. 427–429. - Martin Stupperich: Osiander in Preußen. (= Arbeiten zur Kirchengeschichte. 44). de Gruyter, Berlin 1973, ISBN 3-11-004221-5. - Vgl. auch: Irene Dingel in: Robert Kolb (Hrsg.): Lutheran ecclesiastical culture 1550–1675. (= Brill’s companions to the Christian Tradition. Bd. 11). Brill, Leiden 2008, ISBN 978-90-04-16641-7, S. 54f. Die damalige Diskussion ist für Heutige kaum nachvollziehbar. Aber wenn man das historische Phänomen „Osiandrischer Streit“ in etwa verstehen will, muss man sich – hier aus der Sicht Herzog Albrechts – einige zentrale theologische Kernpunkte vergegenwärtigen.Jörg Rainer Fligge: Herzog Albrecht und der Osiandrismus 1522–1568. Diss. phil. Bonn 1972, S. 526–589. - Vgl. Fligge: Zur Interpretation der osiandristischen Theologie Herzog Albrechts von Preußen. In: Archiv für Reformationsgeschichte Band 64, 1973, S. 245–280. Seit Augustin wird Gott als die höchste Wesenheit betrachtet, das Sein selbst. Gott sei das höchste Gut und nach den Osiandristen auch wesentlich die höchste Gerechtigkeit. Der Mittler Christus überbringe diese wesentliche Gerechtigkeit und habe seine Menschheit „an sich genommen“. Obgleich göttlichen Ursprungs (im Rahmen der Trinitätslehre) geht es nun um den Heiland und zugleich den historischen Menschen Jesus, der in Golgatha gekreuzigt wurde. Der Kreuzestod sei für die sündigen Menschen zu deren Erlösung erfolgt. Durch seine Tat, das stellvertretende Strafleiden am Kreuz, sein Blut, das „für uns alle“ vergossen wurde, habe Jesus Christus die Gerecht-Sprechung der Sünder ermöglicht. Man nennt das die „forensische Rechtfertigung“(-slehre), bei der man sich bildlich vor Gottes Gericht befindet. Melanchthons Anhänger sprachen dann von „Imputation“, der Anrechnung von Christi Leiden, um gerecht (gerechtfertigt) zu werden. Für Luther spielte die dialektische Formulierung „gerecht und Sünder zugleich“ eine Rolle, denn der gerechtfertigte Sünder (der Gläubige) wandelt nun nicht für den Rest seiner Lebenszeit wie ein Heiliger durch das Leben. Luther, auf Paulus gestützt, wollte verdeutlichen, dass sich der Mensch nicht durch gute Werke (allein) das ewige Leben (das Gerecht-Sein) erarbeiten könne, sondern, dass es durch das Eintreten Christi den Gläubigen gnädig (durch Gnade) geschenkt werde. Die Osiandristen, auch der Herzog, betrachteten dieses Heilsgeschehen aber von der bei Gott angesiedelten „wesentlichen Gerechtigkeit“ her, die den Gläubigen, wenn sie Christus im Glauben „ergreifen“, „einwohnt“. Letztlich spielt da eine angedachte mystische Substanzeinheit des Gläubigen mit der Gottheit eine Rolle, erhielt Vorrang vor der Imputation. Wenn Johannes Brenz (1499–1570), der angesehene württembergische Reformator, der so oft vermittelnd tätig war, auf dem Wormser Religionsgespräch, 1557, eine Verurteilung Osianders verhinderte, so muss man sich fragen: „Warum?“.Jörg Rainer Fligge: Herzog Albrecht von Preußen und der Osiandrismus 1522–1568. Diss. phil. Bonn 1972, S. 865–867 (gedruckte Stellungnahmen von Brenz), S. 371–448 (zu Worms, 1557). Was sprach ihn in Osianders Theologie an und gehörte für ihn unverzichtbar zur evangelischen Lehrauffassung dazu? Die Brücke bildet – und auch der Herzog weist unaufhörlich darauf hin – die Sakramentslehre. Bekanntlich stritt Luther hartnäckig für seine Auffassung, dass Christus im Abendmahl gegenwärtig sei, und der Gläubige nehme Blut und Leib Christi in sich auf. Dieses Einssein mit Christus gehört zur evangelischen Abendmahlsauffassung (kein bloßes Erinnerungsmahl, keine Transsubstantiation wie beim katholischen Messopfer), und die Osiandristen fanden hier ihren Glauben, dass Christus den Gläubigen einwohne, bestätigt. In der Taufe vollziehe sich ähnliches, und die Verbindung zu Tod und Auferstehung Jesu Christi war ihnen in diesem Zusammenhang stets gegenwärtig. Vielleicht war es das Nachvollziehen einer bestimmten Frömmigkeit, dass man zu spüren glaubte, dass sich im Gläubigen etwas verändere. Da war das spröde forensisch-juristische Bekräftigen eines gnadenreichen Urteils (vor Gottes Gericht) zu wenig. Die Osiandristen zielten auf ein erneuertes, frohes Bewusstsein des Christseins, sprachen von einer erlebbaren Einheit mit ihrem Erlöser. Kirchenordnungen, Widerrufe, Lehrbekräftigungen konnten diese Lücke nicht schließen. In Wirklichkeit hatte sich die Orthodoxie mit ihrer Rechthaberei von Luther zwar nicht nach dem Buchstaben, aber nach dem Geist ein Stück entfernt, auch wenn die traditionsgesättigten Substanzspekulationen der Osiandristen eher für akademische Diskussionen geeignet waren, aber nicht als Fundament für eine Landeskirche taugten. Werke (Auswahl) Vertrau Gott allein. Gebete Herzog Albrechts von Preußen. Hrsg. von Erich Roth. Holzner, Würzburg 1956. „Was mein Gott will, gescheh allzeit.“ Kirchenlied Nr. 364 im Evangelischen Gesangbuch, Verse 1–3 von Herzog Albrecht, 1547 und um 1554; Vers 4: Nürnberg um 1555. 16 zeitgenössische kirchenpolitische Drucke von Herzog Albrecht (nachfolgend mit vereinfachten Kurztiteln. Nachgewiesen mit Zeilenumbrüchen, Abbreviaturen, in damaliger Schreibweise, einschließlich von Druckvarianten bei: Jörg Rainer Fligge: Herzog Albrecht und der Osiandrismus 1522–1568. Diss. phi. Bonn 1972, S. 858–864). Christliche verantwortung des … herren Albrechten … Außgangen in vnser Stat Koenigsberg in Preussen … (Gedruckt: J. Gutknecht, Nürnberg, 1526. Nr. 1.a). Jllustris. Principis … Alberti … responsio contra insimulationem … Theoderici de Clee … (Gedruckt: H. Weinreich, Königsberg, 1526. Nr. 2). Vermanung an die Christliche Gemeine …(Gedruckt: o. O. und o. J., Einblattdruck, Folioformat. Nr. 3). Bekentnus: einer Christlichen person … (Gedruckt: Königsberg in Preussen, 1551. Nr. 4.a). VON Gottes Gnaden Vnser Albrechten … Ausschreiben … (Gedruckt: Hans Lufft, Königsberg, 1553. Nr. 5a). Abschied Des … Herrn Albrechten des Eltern … darnach sich alle … halten sollen.(Gedruckt: Johann Daubmann, Königsberg, 1554. Nr. 6a). Des Durchleüchtigsten … Herrn Albrechten des Eltern … Mandat … (Gedruckt: Johann Daubmann, Königsberg, 1554. Nr. 7). Der 71. Psalm in ein Gebet gestellet von einer hohen Person des Ampts halben … (abgedruckt von Friedrich Spitta in: Archiv für Reformationsgeschichte 6. 1908/09, S. 140–146. Nr. 8). Vorwort zu: Enchiridion. Der kleine Katechismus Doctor Martini Luthers … (Gedruckt: Johann Daubmann, Königsberg, 1561. Nr. 9). Vermanung Zur Buß. Des … Herrn Albrechten des Eltern … (in Anwesenheit des Fürsten und seiner Gemahlin, Hofräten etc.) … offentlich in der Thumkirchen daselbs den 23. Decemb. Anno 63. Durch M. Johann Funck abgelesen … (Gedruckt: Johann Daubmann, Königsberg, 1564. Nr. 10). Kirchengebet im Herzogtum Preußen (1563) (Einblattdruck. abgedruckt bei: Walther Hubatsch, Geschichte der Evangelischen Kirche Ostpreußens. Bd. 3, S. 32f. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1968. – Nr. 11). Illustrissimi Principis ac domini, domini Alberti … Ducis Prußiae etc. … Responsio & Confessio. (Gedruckt: nur mit Jahresangabe: 1564. Nr. 12). Vnser von Gottes Genaden Albrechten des Eltern … Kurtze vnd einfeltige Antwort vnd Bekentnis … (Gedruckt: Johann Daubmann, Königsberg, 1564. Nr. 13). (Scalich.Mandat: betreffend Stanislav Pavao Skalić) Von Gottes genaden Wir Albrecht der Elter … Gegeben in vnserm Schlos Königsperg an Sonabent den 2. Junij Anno 65. (Einblattdruck in Folio. Nr. 14). Fürstlicher Durchleuchtigkeit Marggraff Albrechten deß ersten Hertzogen in Preussen etc. … Offentliches Außschreiben wegen wolgemelter Vniversitet durchs gantze Herzogthumb anno 1558 publiciret. (Erneuert publiziert: 11. Dezember 1618. Nr. 15). Fürsten Spiegel Das ist: Schriften vnd Sendschreiben Des … Herrn Albrecht … erster Hertzogen in Preussen etc. … (Hrsg. von Holger Rosenkrantz. Gedruckt: Hans Hanssen, Aarhus, 1636. Nr. 16). Der kroatische Humanist, Priester, Universalgelehrter und Verfasser des ersten Werkes, in dessen Titel das Wort „Enzyklopädie“ in der heutigen Bedeutung vorkommt, Pavao Skalić, war Albrechts Berater. Ehen und Nachkommen Herzog Albrecht heiratete in Königsberg am 1. Juli 1526Europäische Stammtafeln Band I.1 1998, ISBN 3-465-02743-4; Tafel 139 in erster Ehe Dorothea, Tochter von Friedrich I. (Dänemark und Norwegen). Aus dieser Ehe stammen sechs Kinder: Anna Sophie (* 11. Juni 1527; † 6. Februar 1591) ⚭ 1555 Herzog Johann Albrecht I. von Mecklenburg (1525–1576) Katharina (*/† 24. Februar 1528) Friedrich Albrecht (* 5. Dezember 1529; † 1. Januar 1530) Lucia Dorothea (* 8. April 1531; † 1. Februar 1532) Lucia (* Februar 1537; † Mai 1539) Albrecht (*/† März 1539) In zweiter Ehe heiratete er in Königsberg am 16. Februar 1550 Anna Maria von Braunschweig, Tochter von Herzog Erich I. (Braunschweig-Calenberg-Göttingen). Aus dieser Ehe stammen zwei Kinder: Elisabeth (* 20. Mai 1551; † 19. Februar 1596) Albrecht Friedrich (* 29. April 1553; † 27. August 1618), 2. Herzog in Preußen ⚭ 1573 Prinzessin Marie Eleonore von Jülich-Kleve-Berg (1550–1608) Gedenken mini|Albrecht auf dem Buchdeckel eines Bandes der Silberbibliothek. Dies wurde später das Siegel der Albertus-Universität Ein Bildnisrelief Herzog Albrechts befand sich seit 1553 am Collegium Albertinum (Königsberg).Robert Albinus: Königsberg Lexikon. Würzburg 2002, S. 37. Im Evangelischen Namenkalender wird seiner am 20. März gedacht.Frieder Schulz: Das Gedächtnis der Zeugen – Vorgeschichte, Gestaltung und Bedeutung des Evangelischen Namenkalenders. In: Jahrbuch für Liturgik und Hymnologie, Band 19. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1975, S. 69–104, Namensliste S. 93–104 (Digitalisat) Die 1913 in Königsberg errichtete Herzog-Albrecht-Gedächtniskirche wurde 1972 im nunmehr sowjetischen Kaliningrad abgerissen. In Ansbach errichtete 2016 die Gesellschaft der Freunde des Albrecht von Brandenburg-Ansbach, unterstützt von zahlreichen Spendern, „für den großen Sohn der Stadt“ ein Denkmal des Bildhauers Friedrich Schelle und schenkte es der Stadt.Festakt zur Einweihung des Denkmals für Albrecht von Brandenburg-Ansbach am 18. Mai 2016 in Ansbach. Meldung der Landsmannschaft der Ost- und Westpreußen vom 20. Mai 2016.Kultur, Stadtmarketing & Tourismus: Ansbacher Skulpturen-Rundgang, S. 9 (Reitbahn). PDF. Die Immanuel-Kant-Universität Kaliningrad ehrte, unterstützt von der russischen Administration, Herzog Albrecht als Gründer der Universität (1544) mit einem kunstvoll gefertigten Denkmal. Auf einem hell getönten Sockel befindet sich die Statue des Herzogs, in etwa lebensgroß, schwarz gehalten, in damaliger Landestracht. Zwei Inschriften, in Gold, in russischer und deutscher Sprache, teilen mit: „Herzog Albrecht//Gründer//der Königsberger//Universität“. Das Denkmal steht nicht weit entfernt vom Grabe Immanuel Kants (gest. 1804) am Dom. Siehe auch Stammliste der Hohenzollern Albertus (Anstecknadel) Literatur Stephan Herbert Dolezel: Das preußisch-polnische Lehnsverhältnis unter Herzog Albrecht von Preußen (1525–1568) (= Studien zur Geschichte Preußens. Hrsg. von Walther Hubatsch. Band 14). Grote, Köln/Berlin 1967. Erich Joachim: Die Politik des letzten Hochmeisters in Preußen Albrecht von Brandenburg. 3 Teile. Hirzel, Leipzig 1892–1895 (kpbc.umk.pl, Digitalisat) Europäische Briefe im Reformationszeitalter. 200 Briefe an Markgraf Albrecht von Brandenburg-Ansbach, Herzog in Preußen, hg. von Walther Hubatsch, Kitzingen/Main 1949. Kurt Forstreuter: Zu den Kriegsstudien des Herzogs Albrecht von Preußen. In: Altpreußische Forschungen. Band 19, 1942, S. 234–249; ND in: Ders: Beiträge zur preußischen Geschichte im 15. und 16. Jahrhundert. (= Studien zur Geschichte Preußens. 7). Heidelberg 1960, S. 56–72. Walther Hubatsch: Albrecht von Brandenburg-Ansbach. Deutschordens-Hochmeister und Herzog in Preußen 1490–1568. Grote, Köln/Berlin 1965 [Neuausg.] Jörg Rainer Fligge: Herzog Albrecht von Preußen und der Osiandrismus 1522–1568. Diss. phil. Bonn 1972, . Oliver Volckart: Die Münzpolitik im Ordensland und Herzogtum Preußen von 1370 bis 1550. Wiesbaden 1996. (daten.digitale-sammlungen.de, Digitalisat) Almut Bues, Igor Kąkolewski (Hrsg.): Die Testamente Herzog Albrechts von Preußen aus den sechziger Jahren des 16. Jahrhunderts (= Deutsches Historisches Institut Warschau. Quellen und Studien. Bd. 9). Wiesbaden 1999. Jürgen Manthey: Die Geburt weltlicher Herrschaft (Herzog Albrecht). In: Jürgen Manthey: Königsberg. Geschichte einer Weltbürgerrepublik. München 2005, ISBN 3-423-34318-4, S. 37–47. Die Kriegsordnung des Markgrafen zu Brandenburg Ansbach und Herzogs zu Preussen Albrecht des Älteren, Königsberg 1555. 2 Bände. [Faksimile und Kommentar] im Auftrag des MGFA und in Zusammenarbeit mit dem DHI Warschau hg. von Hans-Jürgen Bömelburg, Bernhard Chiari und Michael Thomae, Braunschweig 2006. Almut Bues (Hrsg.): Die Apologien Herzog Albrechts (= Deutsches Historisches Institut Warschau. Quellen und Studien. Bd. 20). Wiesbaden 2009. Stefan Hartmann: Äußerungen Herzog Albrechts zum Militärwesen in bisher kaum bekannten Quellen – Kriegsbuch und Briefwechsel. In: Bernhart Jähnig (Hrsg.): Beiträge zur Militärgeschichte des Preußenlandes von der Ordenszeit bis zum Zeitalter der Weltkriege. Sven Ekdahl anläßlich seines 75. Geburtstages am 4. Juni 2010 gewidmet. (= Veröffentlichungen der Kommission für ost- und westpreußische Landesforschung. 25). Marburg 2010, S. 191–232. Albrecht von Brandenburg-Ansbach und die Kultur seiner Zeit. Ausstellungskatalog des Rheinischen Landesmuseums Bonn. Rheinland Verlag, Düsseldorf 1968, . Weblinks K. P. Faber: Briefe Luthers an Herzog Albrecht (1811) Einzelnachweise Kategorie:Bibliophiler Kategorie:Herzog (Preußen) Kategorie:Hochmeister des Deutschen Ordens Kategorie:Person in der Grafenfehde Kategorie:Person des evangelischen Namenkalenders Kategorie:Reformator Kategorie:Autor Kategorie:Literatur (16. Jahrhundert) Kategorie:Herrscher (16. Jahrhundert) Kategorie:Literatur (Deutsch) Kategorie:Kirchenlieddichter Kategorie:Hohenzoller (Linie Brandenburg-Ansbach-Kulmbach) Kategorie:Geboren 1490 Kategorie:Gestorben 1568 Kategorie:Mann
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Bangladesch
Bangladesch (; Zusammensetzung aus bangla ‚bengalisch‘ und desch ‚Land‘) ist ein Staat in Südasien. Er grenzt im Süden an den Golf von Bengalen, im Südosten an Myanmar und wird außerdem von den indischen Bundesstaaten Meghalaya, Tripura, Westbengalen, Mizoram und Assam umschlossen. Mit etwa 171 Millionen Einwohnern (2022) auf einer Fläche von 147.570 km² steht es nach Einwohnerzahl auf Platz acht der größten Staaten der Erde und auf Platz eins der Flächenstaaten nach Bevölkerungsdichte. Nach Fläche gehört es mit Platz 92 jedoch zu den mittelgroßen Staaten. Die große Mehrheit der Staatsbürger sind sunnitische Muslime. Die Hauptstadt Dhaka ist eine der am schnellsten wachsenden Megastädte der Welt; weitere Millionenstädte sind Chittagong und Khulna. Bangladesch nimmt den östlichen Teil der historischen Region Bengalen ein, der 1947 aufgrund der muslimischen Bevölkerungsmehrheit bei der Teilung Britisch-Indiens unter der Bezeichnung Ostpakistan zum östlichen Landesteil Pakistans wurde. Im Jahr 1971 erlangte Ostpakistan infolge des Bangladesch-Krieges seine Unabhängigkeit unter dem Namen Bangladesch. Die Bezeichnung eines Staatsangehörigen des Landes lautet Bangladescher. Das Land wird naturräumlich durch den Monsun, das Mündungsdelta der Flüsse Brahmaputra, Ganges und Meghna mit ihren ausgedehnten Sumpfgebieten und Sundarbans sowie seine Lage am Meer und das überwiegend flache Tiefland geprägt. Die Kombination dieser Merkmale sorgen für häufiges Hochwasser und folgenreiche Überflutungen des dichtbevölkerten Landes. Der global ansteigende Meeresspiegel wird die Probleme voraussichtlich verschärfen. Bangladesch konnte dank eines wirtschaftlichen Aufschwungs seine sozialen und ökonomischen Indikatoren stark verbessern, zählt allerdings weiterhin zu den ärmsten Ländern des asiatischen Kontinents. Dank seiner wachsenden Wirtschaft und jungen Bevölkerung gehört es inzwischen zu den aufstrebenden Next-Eleven-Märkten. Das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen stuft Bangladesch als Land mit einer mittleren menschlichen Entwicklung ein. Geographie Bangladesch grenzt an die indischen Bundesstaaten Westbengalen, Assam, Meghalaya, Tripura und Mizoram (im Uhrzeigersinn, beginnend im Westen) sowie an Myanmar und den Golf von Bengalen (Teil des Indischen Ozeans). Die Gesamtlänge der Landgrenze beträgt 4246 km, davon 4053 km zu Indien und nur 193 km zu Myanmar. Die Küstenlänge beträgt 580 km. Naturraum mini| Der Berg Keokradong liegt im Südosten Bangladeschs im Norden der Upazila Thanchi in der Chittagong Hill Tracts. Der größte Teil Bangladeschs wird vom Mündungsdelta der Flüsse Brahmaputra, Ganges und Meghna gebildet; ein von vielen Altwasserarmen, Tümpeln und kleinen Inseln durchzogenes Sumpfgebiet, das während der Monsunzeit regelmäßig vom Flusshochwasser überschwemmt wird. Rund 90 Prozent von Bangladesch bestehen aus flachem Tiefland, und die Hauptstadt Dhaka liegt nur sechs Meter über dem Meer. Lediglich der südöstliche Landesteil mit der Hügel- und Berglandschaft der Chittagong Hill Tracts weicht von diesem Erscheinungsbild ab. Vegetation mini|Die Sundarbans sind die größten Mangrovenwälder der Erde. Ein Anteil von zwei Dritteln liegt im Südwesten Bangladeschs. Da der natürliche Baumbestand im Zuge des intensiven Ackerbaus großflächig dezimiert wurde, sind nur 15 Prozent des Landes bewaldet. Tropische Regenwälder existieren vor allem im südöstlichen Hügelland, während im Einzugsbereich der Flussdeltas ausgedehnte Mangrovenvegetation vorherrscht. Diese Sundarbans genannten Gebiete (nach den bis zu 25 m hohen Sundaribäumen) sind mit einer Fläche von etwa 10.000 km² die größten Mangrovenwälder der Erde. Sie machen rund die Hälfte der verbliebenen Waldfläche des Landes aus. Klima Das Klima Bangladeschs ist tropisch mit zunehmenden Niederschlägen von West nach Ost. Bangladesch liegt im Einflussbereich des Südwest-Monsuns, sodass durchschnittlich 1500 bis 2250 mm Jahresniederschlagssumme erreicht werden. Im Osten, am Fuß der Tripura-Lushai-Berge, fallen 3000 bis 4000 mm. Dort befindet sich mit dem Mowdok Mual die höchste Erhebung Bangladeschs (). Mehr als die Hälfte der Jahresniederschläge entfällt auf die Monate Juni bis August. Im März/April und im Oktober kommt es häufig zu tropischen Wirbelstürmen über dem Golf von Bengalen mit oft katastrophalen Folgen, da die damit verbundenen Fluten weite Teile des Landes überschwemmen. Ein Fünftel des Landes wird jährlich überschwemmt, bei extremen Überschwemmungen sind es 35 %.Nesar Ahmed, James S. Diana: Coastal to inland: Expansion of prawn farming for adaptation to climate change in Bangladesh. In: Aquaculture Reports. Band 2, 2015, S. 67–76, doi:10.1016/j.aqrep.2015.08.001. (freier Volltext) Die durchschnittliche Tageshöchsttemperatur liegt im Januar bei 25 °C und im April schon bei 35 °C. Im restlichen Jahr liegt die Temperatur bei 30 °C. In Bangladesch unterscheidet man drei bestimmte Jahreszeiten: von Ende Mai bis Anfang Oktober die Monsun-Saison, von Mitte Oktober bis Ende Februar die „kühle“ Jahreszeit und die „heiße“ Jahreszeit ungefähr zwischen dem 15. März und dem 15. Mai. Wirkungen des Klimawandels mini|Ufererosion am Fluss Padma Bangladesch ist durch die globale Erwärmung in besonderer Weise betroffen: Durch die geographischen Bedingungen – der Großteil des Landes liegt nur wenig höher als der Meeresspiegel –, die große Einwohnerzahl von etwa 170 Millionen Menschen sowie den Umstand, dass die Bevölkerung auf nur wenig Landfläche siedelt und zu etwa 80 % unterhalb der Armutsgrenze lebt, bestehen besondere Herausforderungen, sich an die Folgen der globalen Erwärmung anzupassen. Bei einem Anstieg des Meeresspiegels um einen Meter würden ohne Küstenschutzmaßnahmen etwa 18 % der gesamten Fläche von Bangladesch überschwemmt werden, womit ca. 38 Millionen Menschen ihre Heimat verlieren und zu Klimaflüchtlingen würden.Nadja Podbregar, Karsten Schwanke, Harald Frater: Wetter, Klima, Klimawandel: Wissen für eine Welt im Umbruch. Berlin Heidelberg 2009, S. 108. Im Fünften Sachstandsbericht des IPCC aus dem Jahr 2013 wurde je nach zugrundeliegendem Szenario ein Anstieg zwischen 0,26 m und 0,98 m bis zum Jahr 2100 erwartet und durch langfristige Wirkungen von Treibhausgasemissionen ein weiterer Anstieg für die folgenden Jahrhunderte prognostiziert.John A. Church et al., Kap 15: Sea Level Change. In: Climate Change 2013: The Physical Science Basis. Fünfter Sachstandsbericht des IPCC, (2013), Link Langfristig wird von einem Meeresspiegelanstieg in Höhe von ca. 2,3 m pro zusätzlichem Grad Celsius Erwärmung ausgegangen.Anders Levermann et al., The multimillennial sea-level commitment of global warming. In: Proceedings of the National Academy of Sciences 110, No. 34, (2013), 13745–13750, doi:10.1073/pnas.1219414110. Der tatsächliche Meeresspiegelanstieg in der Region beträgt 1,06 – 1,75 mm p. a. Von 1977 bis 2010 ist Bangladesch durch Veränderungen der Küstenlinie netto um 139 km² gewachsen. Bedingt durch den steigenden Meeresspiegel ist eine zunehmend ins Landesinnere vordringende Versalzung von Grundwasser und Ackerböden zu beobachten. Zudem leben etwa 65 % der Bevölkerung im häufig durch Überschwemmungen betroffenen Flussdelta. Durch das verstärkte Abschmelzen der Himalaya-Gletscher sowie eine Veränderung der Niederschläge im Einzugsbereich der Flüsse infolge der globalen Erwärmung steigt die Hochwassergefahr zukünftig an. Im Nordwesten käme es hingegen zu einem Rückgang der Niederschläge und stärkerer Trockenheit, was dort wiederum die Wasserversorgung beeinträchtigen würde. Sowohl durch Bodenversalzung als auch die Veränderung des Monsuns wird ein Rückgang der Ernteerträge um bis zu 30 % bis 2050 erwartet. Da im betroffenen Gebiet bereits soziale Spannungen vorhanden sind und die klimawandelbedingte Migration in Richtung Dhaka und anderer urbaner Zentren zu einer Überlastung städtischer Infrastrukturen führt, wird zudem befürchtet, dass diese sich durch die verschlechterten Lebensbedingungen infolge des Klimawandels zu offenen gewaltsamen Konflikten entwickeln werden.Steffen Bauer, Der Klimawandel als Entwicklungshemmnis und Sicherheitsrisiko. Neue Herausforderungen für die internationale Zusammenarbeit. In: Julian König, Johannes Thema (Hrsg.): Nachhaltigkeit in der Entwicklungszusammenarbeit. Theoretische Konzepte, strukturelle Herausforderungen und praktische Umsetzung. Wiesbaden 2011, 120–137, S. 126. Ebenso werden Konflikte um fruchtbare Gebiete im ländlichen Bangladesch mit dem Klimawandel in Verbindung gebracht. Dabei sind häufig indigene Volksgruppen wie die Santal oder die Bewohner der Chittagong Hill Tracts Opfer von Angriffen. 2019 wurde prognostiziert, dass bis 2030 das Bruttoinlandsprodukt Bangladeschs klimawandelbedingt um 4,3 % niedriger ausfallen wird. Von den Folgen werden insbesondere bereits benachteiligte Bevölkerungsgruppen betroffen sein. Naturkatastrophen Bedingt durch seine Lage innerhalb der Tropen und am Meer in einer tektonisch unruhigen Zone (in relativer Nähe zum Himalaya) wird Bangladesch in unregelmäßigen Abständen von Naturkatastrophen heimgesucht. Dazu zählen Zyklone – also tropische Wirbelstürme und die zum Teil damit verbundenen Sturmfluten sowie Erdrutsche und Erdbeben. +Größere Zyklone in Bangladesch in neuerer ZeitDatumMax. Windgeschwin-digkeit (km/h)Höhe derSturmflut (m)Todesopfer11. Mai 19651613,7–7,619.27915. Dez 19652172,4–3,68731. Okt 19661396,0–6,785012. Nov 1970 (Bhola)2246,0–10,0ca. 300.00025. Mai 1985 (1B)1543,0–4,611.06929. Apr 1991 (02B)2256,0–7,6138.88219. Mai 1997 (01B)2323,1–4,615515. Nov 2007 (Sidr)223 3.36325. Mai 2009 (Aila)92 190 Tierwelt mini|Der Königs- oder Bengaltiger ist eines der Nationaltiere Bangladeschs. Zwischen 200 und 419 Individuen leben noch in den Wäldern Bangladeschs. In den Regenwäldern nahe Chittagong kann man Hirsche, Bären, Leoparden, Rhesusaffen und Elefanten finden. Insgesamt sind etwa 750 Vogelarten, 250 Arten von Säugetieren sowie 150 verschiedene Reptilien und Amphibien in Bangladesch bekannt. Zu den Reptilien des Landes zählen etwa Krokodile, Pythons und Kobras. Zudem leben in den Gewässern von Bangladesch etwa 250 Arten von Süßwasser- und an der Küste etwa 350 Arten von Meeresfischen; Fischer auf der Jagd nach Langusten und Garnelen bringen oftmals einen großen Fang mit nach Hause, der einerseits für die einheimische Bevölkerung als Nahrung dient, andererseits auch zum Export genutzt wird. Das wahrscheinlich bekannteste Tier Bangladeschs ist der Bengalische Tiger, auch Indischer oder Königstiger genannt. Diese Tigerart lebt im Südosten Bengalens. Männliche Exemplare können es auf eine Länge von 3 Metern bringen, eine Vierteltonne schwer werden und eine Schulterhöhe von einem Meter erreichen. Rot-goldenes Fell mit schwarzen Streifen ist Kennzeichen dieses Tigers, dessen Bauchbereich weiß gefärbt ist. Vereinzelt werden auch weiße bengalische Tiger gesichtet. Bengalische Tiger fressen etwa neun Kilo Fleisch pro Tag. In Bangladesch leben schätzungsweise 670 Tiger im geschützten Mangrovenwaldgebiet der Sundarbans. Verwaltungsgliederung mini|Verwaltungsgliederung in Distrikte und Unterdistrikte (Upazilas) im Jahr 2022 Bangladesch ist in acht Verwaltungseinheiten (Divisions), die wiederum in 64 Distrikte (Districts) untergliedert sind, aufgeteilt. Die Distrikte sind weiter nach Kreisen (Upazilas) untergliedert. Alle Divisions sind nach ihrer Hauptstadt benannt. Die Divisions sind: +Divisions von Bangladesch 2017DivisionHauptstadtFläche in km²Einwohnerzahl 2016Bevölkerungs-dichte Ew./km²BarishalBarishal13.2979.145.000688ChittagongChittagong33.77131.980.000947DhakaDhaka20.55140.171.0001.955KhulnaKhulna22.27217.252.000775MaimansinghMaimansingh10.56912.368.0001.170RajshahiRajshahi18.19720.412.0001.122RangpurRangpur16.31717.602.0001.079SylhetSylhet12.59611.291.000896 Im Jahr 2015 kündigte die bangladeschische Regierung an, dass noch zwei weitere neue Divisionen gebildet werden sollen, und zwar Faridpur aus Teilen von Dhaka und Kumilla aus Teilen von Chittagong. Städte Im Jahr 2023 lebten 41 Prozent der Einwohner Bangladeschs in Städten. Die Hauptstadt Dhaka, vor Chittagong und Khulna die größte Stadt des Landes, hatte bei der Volkszählung am 22. Januar 2001 in der eigentlichen Stadt 5.378.023 Einwohner (9.912.908 in der Agglomeration). Im Jahre 2010 wurde die Zahl der Bewohner auf etwa 15 Millionen geschätzt. Fast die Hälfte von ihnen lebt in Elendsvierteln. Dhaka gehört als eine der am schnellsten wachsenden Städte weltweit zu den Megastädten. Die größten Städte sind (Volkszählung 2011): Dhaka: 8.906.039 Einwohner Chittagong: 2.592.439 Einwohner Khulna: 1.400.000 Einwohner (Zählung 2014) Rajshahi: 448.087 Einwohner Sylhet: 369.425 Einwohner (Zählung 2007) Bevölkerung Demografie Mit über 168,7 Millionen Menschen (Stand: 2025) steht Bangladesch in der Liste der Landesbevölkerungen an achter Stelle und ist mit einer Bevölkerungsdichte von 1137 Menschen je Quadratkilometer der am dichtesten besiedelte Flächenstaat der Welt. Lange Zeit hatte Bangladesch eine hohe Geburtenrate. Die Anzahl der Geburten pro Frau lag 2022 statistisch bei 2,0, die der Region Süd-Asien betrug 2,2. Die Bevölkerung wird nach einer Prognose der Vereinten Nationen aus dem Jahr 2017 bis 2050 auf über 200 Millionen anwachsen und dann anfangen zu stagnieren. Der Median des Alters der Bevölkerung lag im Jahr 2021 bei 29,6 Jahren. Im Jahr 2025 waren 25,1 Prozent der Bevölkerung unter 15 Jahre, während der Anteil der über 64-Jährigen 7,8 Prozent der Bevölkerung betrug. Bevölkerungsstruktur Im Jahre 2017 waren 0,9 % der Bevölkerung im Ausland geboren. Während der Ausschreitungen gegen Rohingya im benachbarten Myanmar flohen bis Ende 2017 etwa 850.000 Rohingya nach Bangladesch. Bangladesch selbst ist ein Auswanderungsland. Im Jahr 2016 lebten 7,5 Millionen gebürtige Bangladescher im Ausland, vor allem in Indien, in den arabischen Golfstaaten, den USA und Europa. In fast allen Landesteilen liegt die Bevölkerungsdichte über 500 Einwohner/km². Nur in den Distrikten um Chittagong (außer Cox’s Bazar) liegt sie zwischen 75 Einwohner/km² und 500 Einwohner/km². Zu den Gebieten mit der höchsten Bevölkerungsdichte zählen Narsingdi und Narayanganj mit über 2000 Einwohner/km² und die Hauptstadt Dhaka mit mehr als 7000 Einwohner/km². Sprachen mini|Das Shaheed Minar in Dhaka erinnert an die bangladeschischen Studenten, die in der Bengalischen Sprachbewegung des Jahres 1952 ihr Leben ließen. Im Gegensatz zu den anderen Staaten Südasiens ist Bangladesch ethnisch relativ einheitlich: Das Bengalische, das zu den indoarischen Sprachen zählt, wird von etwa 98 % der Bevölkerung als Muttersprache gesprochen. Die bengalische Sprache hat eine zentrale Rolle im Unabhängigkeitskampf gespielt und ist als Amtssprache des Landes auch heute von großer Bedeutung für die nationale Identität. Unter der Mittel- und Oberschicht ist Englisch als Bildungssprache weit verbreitet und wird zudem als Verwaltungs- und Geschäftssprache benutzt – im Unterschied zu Indien ist Englisch aber keine Amtssprache. Insgesamt werden 39 verschiedene Sprachen in Bangladesch gesprochen. Zu den wenigen Minderheiten gehören die Bihari (1 %), die aufgrund religiöser Konflikte infolge der Teilung Britisch-Indiens bei dessen Unabhängigkeit aus Bihar in das damalige Ostpakistan kamen. Sie sprechen zumeist Urdu. Daneben gibt es im Norden des Landes zwei Minderheiten, die matrilinear organisiert sind: die Khasi (das Khasi ist eine Mon-Khmer-Sprache) und die Garo (das Garo ist eine tibetobirmanische Sprache). Beide Volksgruppen wurden 1972 durch die Grenzziehung von ihren Stammesgemeinschaften im benachbarten indischen Bundesstaat Meghalaya getrennt. Sprecher anderer tibetobirmanischer Sprachen leben in den Chittagong Hill Tracts im Südosten, an der Grenze zu Myanmar. Religion mini|Quelle: Zensus 2011 Konfessionen Die Mehrheit der Bevölkerung, rund 90 Prozent, bekennt sich zum Islam. Davon bildet ein Großteil die sunnitische Glaubensrichtung, Schiiten sind in einer Minderheit vorhanden.Religions Practised in Bangladesh, Bangladesh.com, abgerufen am 1. Februar 2016. Der Islam ist in Bangladesch Staatsreligion. Ein bis dahin seit 28 Jahren anhängiges Verfahren zur Streichung dieses Passus aus der Verfassung wurde vom Hohen Gericht des Landes 2016 abgelehnt. Der Hinduismus ist mit knapp neun Prozent und der Buddhismus mit weniger als einem Prozent vertreten. In der längeren historischen Übersicht hat der relative Anteil von Muslimen kontinuierlich zugenommen, während der Anteil von Hindus abgenommen hat. Nach der offiziellen Bevölkerungsstatistik 1941, d. h. im letzten Zensusjahr vor der Teilung Indiens, lebten im Gebiet des späteren Bangladesch 70,3 % Muslime und 28,0 % Hindus. Nach der Unabhängigkeit Bangladeschs waren es im Jahr 1974 85,4 Prozent Muslime und 13,5 Prozent Hindus, während diese Zahlen im Jahr 2011 bei 90,4 und 8,5 Prozent lagen. Den höchsten Anteil an Hindus wiesen in allen statistischen Erhebungen seit 1974 die Divisionen Khulna, Rangpur und Sylhet auf (im Jahr 2011 zwischen 12,8 und 14,1 %). Die Buddhisten leben überwiegend in den Chittagong Hill Tracts und bildeten 2011 in der Division Chittagong etwa 3 Prozent der Bevölkerung. +Religionen in Bangladesch 1974–2011ZensusBevölkerunggesamt(in 1000)ReligionenMuslimeHindusBuddhistenChristenAndereZahl(in 1000)%Zahl(in 1000)%Zahl(in 1000)%Zahl(in 1000)%Zahl(in 1000)%197471.47861.03985,49.67313,54390,62160,31110,2198187.12075.48786,710.57012,15380,62750,32500,31991106.31593.88188,311.17910,56230,63460,32860,32001124.355111.39389,611.6089,37740,63890,31910,22011144.044130.20590,412.3008,58900,64470,32020,2 Islam mini|Das Bait ul-Mokarram in Dhaka ist Bangladeschs größte Moschee. Islam als Staatsreligion versus Säkularismus Die erste Verfassung Bangladeschs von 1972 verankerte den Säkularismus als eines ihrer Grundprinzipien. Nach der Ermordung von Präsident Mujibur Rahman im Jahr 1975 ersetzte das Militärregime (1975–1977) unter General Ziaur Rahman mit dem per Präsidialdekret erlassenen 5. Verfassungszusatz den Begriff „Säkularismus“ durch die Passage „Absolutes Vertrauen und der Glaube an den Allmächtigen Allah soll die Basis allen Handelns sein“. Am 9. Juni 1988 verabschiedete das bangladeschische Parlament, das ganz unter dem Einfluss des Militärregimes des General Ershad stand, den 8. Verfassungszusatz, in dem der Islam zur Staatsreligion von Bangladesch erklärt wurde. Der Zusatz lautete: „Die Staatsreligion ist der Islam, jedoch können andere Religionen in Frieden und Harmonie ebenfalls in der Republik praktiziert werden.“Shah Alam: The State-Religion Amendment to the Constitution of Bangladesh: A Critique. Verfassung und Recht in Übersee / Law and Politics in Africa, Asia and Latin America, Band 24, No. 2 (2. Quartal 1991), S. 209–225 Die religiösen Minderheiten im Land und die oppositionelle Awami-Liga protestierten vergeblich gegen diese Abkehr vom Prinzip des Säkularismus. Diese Regelungen blieben nach dem Ende der Militärregierungen 1990 zunächst unangetastet. Am 29. August 2005 erklärte das Oberste Gericht von Bangladesch die Militärregierungen zwischen dem 15. August 1975 und dem 9. April 1979 für ungesetzlich. Damit wurde auch der durch diese eingebrachte 5. Verfassungszusatz annulliert und die säkulare Verfassung in der Form aus dem Jahr 1972 in diesen Abschnitten wiederhergestellt. Dagegen erhoben Vertreter der beiden damaligen konservativen Regierungsparteien Bangladesh Nationalist Party (BNP) und Jamaat-e-Islami Einspruch und gingen in Revision. Am 3. Februar 2010 bekräftigte die Berufungsabteilung des Obersten Gerichts jedoch die vorangegangene Entscheidung, womit der 5. Verfassungszusatz eliminiert wurde. Das Urteil wurde am 28. Juli 2010 veröffentlicht. Der 8. Verfassungszusatz (Islam als Staatsreligion) blieb von diesem Urteil unberührt. Kritiker bezeichneten es als einen Widerspruch, wenn sich einerseits der Staat als säkular definiere, andererseits aber der Islam Staatsreligion sein solle, und forderten auch die Aufhebung des 8. Verfassungszusatzes. Im Jahr 2011 forderte sogar das Oberste Gericht die Regierung auf, zu begründen, warum der achte Verfassungszusatz weiterbestehen solle, wenn der fünfte aufgehoben worden sei. Schon im Jahr 1988 hatten 15 prominente Persönlichkeiten Bangladeschs dagegen Verfassungsklage erhoben. Die Klageschrift machte lange Zeit keine Fortschritte, wurde aber dann nach dem Urteil aus dem Jahr 2010 erneut reaktiviert. In einer kurzen Verhandlung vor dem Obersten Gericht am 27. März 2016 wies das Gericht die Klage ab und bekräftigte die weitere Gültigkeit des 8. Verfassungszusatzes. Rolle des Islam in Gesetzgebung und Gesellschaft, andere Religionen Unter den Muslimen ist der Sufismus verbreitet, auch die Tablighi Jamaat hat in Bangladesch eine große Anhängerschaft.Vgl. zur TJ in Bangladesch Yoginder Sikand: The origins and development of the Tablighi Jama’at, 1920–2000: a cross-country comparative study. Hyderabad 2002. S. 177–213. Seit den 1980er Jahren wächst außerdem der Einfluss islamischer Fundamentalisten. mini|Der Dhakeshwari-Kali-Tempel in Dhaka Zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren 33,9 Prozent der Bevölkerung Hindus. Seitdem ging dieser Anteil stark zurück. Vor der Teilung Indiens 1947 waren noch 28 Prozent der Bevölkerung hinduistischen Glaubens, jedoch flohen dann fast vier Millionen Hindus nach Indien. Im Unabhängigkeitskrieg 1971 ging die pakistanische Armee mitsamt den sie unterstützenden lokalen islamistischen Milizen besonders brutal gegen die religiösen Minderheiten vor, denen kollektiv unterstellt wurde, die Unabhängigkeitsbewegung zu unterstützen. Unter den mindestens 500.000 Toten (Maximalschätzungen bis zu 3 Millionen) des Krieges befanden sich auch viele Hindus. mini|Die Epiphaniaskirche in Barishal Dem Christentum gehören etwa 0,3 Prozent der Bevölkerung an (meist römisch-katholischen Glaubens). Animismus ist eher selten; sein Anteil wird auf etwa 0,1 Prozent geschätzt. Obwohl der Islam eine gewisse Rolle in der Gesetzgebung spielt, gibt es in Bangladesch keine formelle Implementierung der Scharia. Islamische Rechtsvorstellungen werden nur auf Muslime angewendet. Das Familienrecht unterscheidet sich zwischen den einzelnen Religionen etwas. Männlichen Muslimen ist es mit dem schriftlichen Einverständnis der ersten Ehefrau erlaubt, bis zu vier Ehefrauen zu nehmen. In der Realität kommt das selten vor, und es gibt einen starken gesellschaftlichen Druck gegen die Vielehe. Hindus ist die Ehescheidung nur unter bestimmten Voraussetzungen erlaubt (ungewollte Kinderlosigkeit, Misshandlungen, Geisteskrankheit). Hindu-Witwen dürfen sich legal wiederverheiraten. Es gibt auch keine gesetzlichen Beschränkungen für Heiraten von Angehörigen verschiedener Religionen. Die gesetzlichen Bestimmungen können allerdings nur dann in Anspruch genommen werden, wenn die Eheschließung amtlich registriert wurde, was keine Pflicht ist. Kritisiert werden die vielen Kinderehen. Über 60 % der Mädchen werden verheiratet, bevor sie das gesetzliche Mindestalter von 18 Jahren erreicht haben. Eine Gesetzesänderung 2017 sieht vor, dass Mädchen sofort nach ihrer Geburt verheiratet werden dürfen. In der Regierung von Bangladesch sind auch Angehörige religiöser Minderheiten vertreten (2012 waren 5 von 51 Ministern keine Muslime: 2 Buddhisten, 2 Hindus, 1 Christ). Auch in der höheren Verwaltung sind Nichtmuslime vertreten. Allerdings gibt es keine offiziellen Statistiken, die darüber eine Aussage erlauben, inwieweit diese Minderheiten ihrem Anteil an der Bevölkerung gemäß repräsentiert sind. Der Vested Property Act (Gesetz über rechtmäßigen Landbesitz) aus den 1960er Jahren, der bis 2001 in Kraft war, erlaubte der Regierung, Landbesitz von „Landesfeinden“ (in der Praxis waren das praktisch ausschließlich Hindus) zu enteignen. Typischerweise handelte es sich um Hindus, die nach Indien geflohen waren und deren vermeintlich herrenloses Land staatlicherseits konfisziert wurde. Dadurch kamen über die Jahre 2,6 Millionen acres (10.500 km²) in Regierungsbesitz. Die betroffenen Hindus versuchten auf dem Rechtsweg, ihr Land zurückzugewinnen. Mit der Vested Properties Return (Amendment) Bill (Gesetz über die Rückgabe von rechtmäßigem Landbesitz) im Jahr 2011 wurde die Regierung verpflichtet, Listen über den eingezogenen Landbesitz zu veröffentlichen, anhand derer Ansprüche auf Rückgabe gestellt werden können. Islamismus Islamistische politische Parteien haben bei Parlamentswahlen in Bangladesch in der Vergangenheit zeitweilig bis zu 15 % der Stimmen erhalten. Die mit Abstand größte islamistische Partei ist Jamaat-e-Islami (JI), die im Unabhängigkeitskrieg die pakistanische Seite unterstützt hatte und deswegen danach einige Jahre verboten wurde. Seit etwa dem Jahr 2009 sind führende Politiker von JI aufgrund ihrer Beteiligung an Menschenrechtsverbrechen während des Unabhängigkeitskrieges von einem durch die bangladeschische Regierung eingesetzten Sondergericht angeklagt und zum Teil zum Tode und zu langen Haftstrafen verurteilt worden. Dies hat zur Radikalisierung eines Teils der Anhänger geführt. Seit spätestens Ende der 1990er Jahre sind militant-islamistische Gruppen wie Jamaat-ul-Mujahideen Bangladesh aktiv, die Bombenanschläge auf staatliche Einrichtungen verüben. Auch die weltweiten Aktivitäten von al-Qaida und des sogenannten „Islamischen Staates“ haben zu vermehrten islamistischen Aktivitäten in Bangladesch geführt. Umstritten ist, inwieweit es sich dabei um Nachahmertaten handelt und wie weit sich diese beiden Organisationen im Land ausgebreitet haben. Seit etwa 2013 sind islamistische Mordanschläge auf Säkularisten zu einem zunehmenden Problem geworden, das die Beachtung der Weltöffentlichkeit gefunden hat. Bei den Mordopfern handelte es sich meist um Blogger in sozialen Netzwerken, Journalisten oder Buchautoren, die sich öffentlich zum Atheismus bekannt und diesen propagiert hatten. Die Opfer wurden typischerweise von einer Gruppe von islamischen Extremisten überfallen und in brutaler Weise mit Macheten vor den Augen ihrer Umgebung zu Tode gehackt. Zu den bekanntesten Opfern gehörte Avijit Roy (gest. 26. Februar 2015). Seit etwa 2015 gibt es auch verstärkt Angriffe auf Angehörige religiöser Minderheiten (Hindus, Christen, Buddhisten). Bildung In Bangladesch stieg die mittlere Schulbesuchsdauer von Personen über 25 Jahre von 2,8 Jahren im Jahr 1990 auf 5,2 Jahre im Jahr 2015 an. Das Land hat bei der Grundschulbildung deutliche Erfolge erzielt, die Einschulungsrate liegt bei circa 95 Prozent, auch wenn ein großer Teil die Schule dann ohne Abschluss verlässt. Der Staat ist trotz Schulpflicht nicht in der Lage, eine ausreichende Bildungsinfrastruktur zur Verfügung zu stellen. Es gibt deshalb eine Vielzahl privater und von Nichtregierungsorganisationen betriebener Schulen. Neben meist bengalischsprachigen staatlichen Schulen gibt es vermehrt englischsprachige Privatschulen. Das öffentliche Bildungswesen Bangladeschs folgt dem britischen Modell, das in England 1947 eingeführt wurde. Es besteht eine offizielle fünfjährige Schulpflicht, und der Besuch öffentlicher Schulen ist kostenlos. Allerdings verlassen viele Schüler die Schule ohne Abschluss. Die Zahl der Schüler in der Sekundarstufe sinkt daher, der Anteil der Mädchen ist in den höheren Klassen sehr viel geringer als der der Jungen. Daher wird für Mädchen ab der 6. Klasse ein Teil der monatlichen Kosten vom Staat übernommen. 2015 waren 38,5 % aller Bangladescher über 15 Jahre Analphabeten. Bei den Frauen lag die Quote bei 41,5 %, unter den Männern konnten 35,4 % nicht lesen und schreiben. Das staatliche Bildungssystem umfasst vier Hauptstufen: Auf die fünfjährige Grundschule folgt die dreijährige Mittelschule von der sechsten bis zur achten Klasse. Danach kommt die zweijährige Ausbildung an einer High School, die mit einer Higher Secondary School, HSC Prüfung abgeschlossen wird. Der erfolgreiche Abschluss der Higher Secondary School berechtigt zum Besuch einer staatlichen Hochschule oder Universität. In Bangladesch gibt es über 105 anerkannte staatliche und private Universitäten. Ein Bachelor-Studium dauert vier Jahre und ein Master-Studium sechs Jahre. Danach besteht auch die Möglichkeit, zu promovieren.Ministry of Education, Bangladesh: Die Universitäten in Bangladesch sind stark politisiert. Studentenunruhen und gewaltsame Auseinandersetzungen zwischen Studenten kommen regelmäßig vor, häufig ferngesteuert von den beiden großen Parteien BNP und Awami-Liga sowie der religiös orientierten Jamaat-e-Islami. Neben den staatlichen Schulen gibt es Tausende von Madaris oder Koranschulen, die zu einem großen Teil von Saudi-Arabien finanziert werden. Sie bieten in der Regel auch Kindern aus armen Familien, denen der Besuch einer staatlichen Bildungseinrichtung nicht möglich wäre, eine kostenlose Grundbildung. Ihre Lehrinhalte stehen nur teilweise unter staatlicher Kontrolle. Gesundheit mini|Entwicklung der Kindersterblichkeit (Tode pro 1000 Geburten) Die Gesundheitsausgaben des Landes betrugen im Jahr 2021 2,4 % des Bruttoinlandsprodukts. Im Jahr 2020 praktizierten in Bangladesch 6,7 Ärztinnen und Ärzte je 10.000 Einwohner. Die Kindersterblichkeit konnte stark gesenkt werden. Die Sterblichkeit bei unter 5-jährigen betrug 2022 28,8 pro 1000 Lebendgeburten. Insgesamt verfügen 84 % der Einwohner über Zugang zu Trinkwasser (Stand: 2014). Jedoch hat nur etwa jeder zweite (54 %) Zugang zu sanitären Einrichtungen (Stand: 2014). Während im Jahre 2000 noch 20,1 % der Bevölkerung unterernährt waren, waren es 2019 noch 10 % der Bevölkerung. Die Lebenserwartung der Einwohner Bangladeschs ab der Geburt lag 2022 bei 73,7 Jahren (Frauen: 76, Männer: 71,5). Die Lebenserwartung, die im Jahr 2000 noch 66 Jahre betrug, stieg in den letzten beiden Dekaden um 5 % an. Die HIV-Infektionsrate ist niedrig., Unicef.org Geschichte Regionalgeschichte bis zur Abspaltung Bangladeschs von Pakistan mini|Historische Karte von Ostbengalen und Assam (1907) mini|Lage West- und Ostpakistans (1971) innerhalb Asiens mini|Das Jatiyo Sriti Shoudho (dt. Nationales Märtyrerdenkmal) in Sabhar bei Dhaka erinnert an die Opfer des Unabhängigkeitskampfes. Bangladesch bildete bis 1947 einen Teil Britisch-Indiens. Nach der Teilung des Landes in einen mehrheitlich hinduistischen, säkularen Staat (Indien) und einen muslimischen Staat (Pakistan) wurde im Zuge der Teilung Bengalens 1947 das überwiegend islamische Ostbengalen Pakistan (als Ostpakistan) zugeschlagen. Der neu entstandene Staat Pakistan bestand damit aus zwei geographisch nicht zusammenhängenden Teilen, Ost- und Westpakistan. Trotz der gemeinsamen islamischen Religion trennten Westpakistan und Ostpakistan sprachliche und kulturelle Verschiedenheiten. Zu einem ersten ernsthaften Konflikt zwischen beiden Landesteilen kam es bei dem Versuch der pakistanischen Staatsführung, Urdu als alleinige Staatssprache einzuführen. Dies führte zur Entstehung der Bengalischen Sprachbewegung, die erreichte, dass ab 1956 auch das Bengalische als zweite Staatssprache neben Urdu eingeführt wurde. Trotzdem war Ostpakistan im gemeinsamen Staatswesen weiterhin benachteiligt. Der fruchtbare Osten erzielte mit seinen Jute- und Reisexporten Überschüsse, die fast ausschließlich dem Westteil zugutekamen, wo sie wiederum vorrangig für das Militär ausgegeben wurden. Insbesondere im pakistanisch-indischen Kaschmirkrieg im Jahr 1965 wurde deutlich, dass einerseits Westpakistan keinerlei Anstrengungen zur militärischen Sicherung Ostpakistans unternahm, andererseits die Kaschmirfrage in Ostpakistan kaum auf Interesse stieß. Die Bengalen waren sowohl im Militär als auch in der Staatsverwaltung stark unterrepräsentiert. Scheich Mujibur Rahman, der charismatische Führer der ostpakistanischen Awami-Liga, forderte deshalb weitgehende Autonomie für Bengalen (Ostpakistan). Nach dem Rücktritt von Präsident Muhammed Ayub Khan am 25. März 1969 sah sein Nachfolger General Agha Muhammad Yahya Khan keinen anderen Ausweg aus der politischen Krise Pakistans mehr, als die lange hinausgezögerten gesamtstaatlichen Wahlen auszuschreiben (bis dahin hatte es immer nur Wahlen zu den Provinzialvertretungen gegeben). Diese Wahlen 1970 führten zu einem Erdrutschsieg der Awami-Liga in Ostpakistan, die damit auch die Mehrheit der Mandate im gesamtpakistanischen Parlament gewann. Der Wahlsieg der Awami-Liga war durch den verheerenden Zyklon im November 1970 begünstigt worden, auf den die gesamtpakistanische Führung nur unzureichend reagiert hatte. Nach der politischen Logik hätte die Awami-Liga die neue Regierung Gesamtpakistans bilden sollen. Dies stieß in Westpakistan vor allem beim dortigen Wahlsieger Zulfikar Ali Bhutto (Pakistan Peoples Party) und der pakistanischen Armee auf Widerstand. Sie entschlossen sich zu einer blutigen Unterdrückung der separatistischen Bestrebung, die vor allem auf eine Eliminierung der bengalischen Eliten, Massentötungen von Unterstützern der Unabhängigkeitsbewegung und religiösen Minderheiten sowie Massenvergewaltigungen zur Terrorisierung der bengalischen Bevölkerung hinausliefen (Genozid in Bangladesch).Israel W. Charny, Simon Wiesenthal, Desmond Tutu, Encyclopedia of Genocide, Volume I (A–H), Institute on the Holocaust and Genocide, 1999, ISBN 978-0-87436-928-1, S. 115. Nur einen Tag nach der Machtübernahme der Armee proklamierte Mujibur Rahman die Unabhängigkeit des Landes. Vor dem Terror der pakistanischen Armee und ihrer örtlichen Hilfstruppen, der sich schwerpunktmäßig stark gegen die Hindu-Minderheit richtete, flohen Millionen Menschen ins benachbarte Indien. Schließlich griff Indien im Bangladesch-Krieg militärisch in den Konflikt ein und führte eine Entscheidung zu Gunsten der Separatisten herbei (3. bis 16. Dezember 1971). Am 16. Dezember 1971 erlangte Ostpakistan auch völkerrechtlich die Unabhängigkeit und gab sich den Namen Bangladesch. Nach Eintreffen aus pakistanischer Haft verkündete Rahman am 10. Januar 1972 in Dhaka vor einem Millionenpublikum den Bruch der früher staatlich vereinten Landesteile West- und Ostpakistan. Zwei Tage später stellte er eine Regierung vor, in der er die Funktion des Ministerpräsidenten ausübte.Johannes Ebert, Knut Görich, Detlef Wienecke-Janz: Die große Chronik Weltgeschichte, Band 18 Vom Kalten Krieg zur Koexistenz 1961–1973, ISBN 978-3-577-09078-0, Seite 312, abgefragt am 9. Januar 2012 Nach Darstellung der Regierung von Bangladesch kostete der Unabhängigkeitskrieg bis zu drei Millionen Bangladescher das Leben und mehr als 20 Millionen Flüchtlinge flohen nach Indien. Ab dem Frühjahr 1972 wurde Bangladesch nach und nach von der Mehrheit der Staatengemeinschaft anerkannt; Pakistan erkannte das Land im Februar 1974 an. Demokratische Zwischenphase und Militärdiktatur mini|Awami-Liga-Protest gegen Militärdiktator Ershad am 10. November 1987 Nach seiner Unabhängigkeit wurde Bangladesch eine parlamentarische Demokratie mit Mujibur Rahman als Premierminister. 1973 gewann die Awami-Liga die absolute Mehrheit. 1973, 1974 und Anfang 1975 traten landesweit Hungersnöte auf. Mujibur Rahman führte ein Ein-Parteien-Regime ein und benannte die Awami-Liga in Bangladesh Krishak Sramik Awami League (BAKSAL, „Awami-Liga der Arbeiter und Bauern von Bangladesch“) um. Am 15. August 1975 wurden Mujibur Rahman und ein Großteil seiner Familie bei einem Militärputsch umgebracht. In den nächsten drei Monaten folgten eine Reihe von Putschen und Gegenputschen, bis General Ziaur Rahman (auch Zia genannt) an die Macht kam. Er führte wieder ein Mehr-Parteien-System ein und gründete die BNP (Bangladesh Nationalist Party). Zia wurde 1981 von konkurrierenden Militärs umgebracht. 1982 kam General Hossain Mohammad Ershad bei einem unblutigen Staatsstreich an die Macht und gründete 1986 zur Unterstützung seiner Herrschaft eine neue staatstragende Partei, die Jatiya Party. Gegen das Kriegsrecht und gegen die von der Regierung verfolgte Islamisierung der Gesellschaft gab es zahlreiche Protestaktionen und Streiks. Zu sozialen Spannungen kam es auch mit den 500.000 in Bangladesch lebenden Biharis, die überwiegend in Lagern leben mussten. General Ershad versuchte mit der Privatisierung von Staatsbetrieben Anreize für ausländische Investoren zu schaffen und die hohe Arbeitslosigkeit (um die 30 Prozent) zu senken. Ershad regierte bis zu einem Volksaufstand 1990. Machtwechsel und Demokratisierung Nach dem Volksaufstand 1990 kehrte Bangladesch zur parlamentarischen Demokratie zurück. In unregelmäßigen Abständen wechselten sich dabei Regierungen unter Führung der BNP und der Awami-Liga ab. Von 1991 bis 1996 und von 2001 bis 2006 war Khaleda Zia (BNP), die Witwe Zias, Premierministerin und von 1996 bis 2001 war Hasina Wajed (Awami-Liga), eine überlebende Tochter von Mujibur Rahman, Premierministerin. Seit der Wahl 2008 amtierte Hasina Wajed als Premierministerin, bis sie nach wochenlangen Protesten im August 2024 zurücktrat. Die Anfang 2007 anstehende Parlamentswahl konnte aufgrund massiver Unruhen nicht termingerecht abgehalten werden, so dass maßgeblich auch unter dem Druck des Militärs eine Übergangsregierung unter dem Ökonomen Fakhruddin Ahmed die Amtsgeschäfte übernahm. Diese Übergangsregierung führte verschiedene Reformen durch und versuchte, die grassierende Korruption zu bekämpfen. Mehr als 100 Spitzenpolitiker wurden unter Korruptionsanklage gestellt. Auch Hasina Wajed und Khaleda Zia wurden zeitweilig verhaftet. Die Regierung verfolgte das Ziel, durch Strafandrohung diese beiden Politikerinnen zur Flucht ins Ausland zu veranlassen, und ihnen dann die Rückkehr nach Bangladesch zu verweigern. Die beiden blieben jedoch im Land, und der Plan der Übergangsregierung, sich auf diese Weise der beiden führenden vermeintlich korrupten Spitzenpolitikerinnen zu entledigen, schlug fehl. Auch die meisten anderen Korruptionsanklagen verliefen ergebnislos im Sande. Auf dem Feld der Wirtschaftspolitik und der Reform staatlicher Institutionen (z. B. der zentralen Wahlkommission) agierte die Übergangsregierung dagegen relativ erfolgreich. Obwohl die Notstandsregierung in der Bevölkerung gewisse Popularität erlangen konnte, formierten sich im August 2007 Studentenproteste, die bald auf das ganze Land übergriffen. Ende August sah sich die Regierung daher gezwungen, eine Ausgangssperre zu verhängen.Bangladesh clashes spark curfew, BBC-news, 22. August 2007 Neuwahlen wurden für Anfang 2008 ausgeschrieben. mini|Shahbag-Protest im Jahr 2013 um Einspruch gegen Gerichtsurteile für Verbrechen gegen die Menschheit im Unabhängigkeitskrieg 1971 zu erheben Die Wahl 2008 wurde von der Awami-Liga unter Hasina Wajed deutlich gewonnen. Sie verfügte danach über mehr als drei Viertel der Sitze im Parlament. Die Wahl 2014 wurde von den meisten oppositionellen Parteien boykottiert und die Awami-Liga konnte ihren Wahlsieg wiederholen. Allerdings lag die Wahlbeteiligung aufgrund des Wahlboykotts der Opposition nur bei geschätzten 30 %. Die beiden großen politischen Lager (die regierende Awami-Liga auf der einen Seite und die Bangladesh Nationalist Party (BNP)) stehen sich seitdem unversöhnlich gegenüber. Die BNP forderte baldige Neuwahlen und rief zu regelmäßigen Streikaktionen auf, um diese zu erzwingen, was von der Awami-Regierung abgelehnt wurde. Das innenpolitische Klima wurde zudem durch die öffentlichkeitswirksamen Prozesse vor allem gegen die Führer der islamistischen Jamaat-e-Islami aufgrund von Kriegsverbrechen im Bangladesch-Krieg 1971 aufgeheizt. Im Rahmen der Prozesse wurden mehrere Todesurteile vollstreckt. Ein Gericht in Dhaka verhängte am 11. Oktober 2018 die Todesstrafe für 19 Personen wegen eines Handgranatenanschlags auf die spätere Premierministerin Hasina Wajed bei einer Parteikundgebung der Awami-Liga am 21. August 2004. Unter den Verurteilten befanden sich führende Oppositionspolitiker. Zudem wurde der im britischen Exil lebende Tarique Rahman, Sohn der früheren Premierministerin und Oppositionsführerin Khaleda Zia, zusammen mit weiteren 18 anderen Oppositionellen, zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Seit 2013 gab es immer wieder islamistisch motivierte Morde an Säkularisten oder Bloggern mit säkularer Weltanschauung, die weltweite Beachtung fanden. Unter der Awami-Liga-Regierung seit 2008 kam es zu einer deutlichen Verbesserung und einer Intensivierung der gegenseitigen Beziehungen zum benachbarten Indien, was unter anderem in dem am 7. Mai 2015 endgültig ratifizierten Indisch-bangladeschischen Grenzvertrag resultierte. Die Parlamentswahl 2018 konnte nach dem Urteil ausländischer Beobachter nicht mehr als wirklich frei und demokratisch bezeichnet werden, da sie ganz und gar unter der Dominanz der Awami-Regierung von Premierministerin Wajed stand. Die führende Oppositionspolitikerin und BNP-Vorsitzende Khaleda Zia war 2018 wegen Korruption zu einer Haftstrafe verurteilt worden, erhielt aber später gegen Kaution Haftverschonung. Sie war damit weitgehend politisch kaltgestellt. Bei der Wahl gewann die Awami-Liga über 90 % der Parlamentsmandate. Proteste und erneuter Machtwechsel Am 7. Juli 2024 begann eine landesweite Protestwelle mit einer sogenannten Bangla-Blockade, einer national organisierten Verkehrsblockade, durch Studenten, bei denen es zu zahlreichen Todesopfern kam. Auslöser war eine geplante Quotenregelung, der zufolge knapp ein Drittel der staatlichen Stellen für sogenannte „Kriegshelden“ und deren Angehörige freigehalten worden wäre, also vor allem für Menschen aus dem Umfeld der Regierungspartei. Obgleich das höchste Gericht von Bangladesch am 21. Juli Teile der umstrittenen Quotenregelung kippte, gingen die gewaltsamen Demonstrationen weiter und weiteten sich zu allgemeinen Protesten gegen die autoritär regierende Ministerpräsidentin Hasina Wajed aus. Gefordert wurden ein Rücktritt der Regierung und demokratische Wahlen. Bis Anfang August belief sich die Zahl der Toten auf über 300, die meisten davon durch Schüsse der Polizei, mehr als 10.000 Menschen wurden festgenommen. Wajed bezeichnete die Aktivisten als „Terroristen“. Am 5. August trat Hasina im Zuge der neuen Protestwelle zurück und verließ das Land. Am 8. August 2024 wurde Muhammad Yunus als Premierminister der Übergangsregierung vereidigt. Politik Politisches System mini|Luftbild des Nationalparlaments von Bangladesch, Jatiya Sangsad Bhaban Nach der Verfassung von 1972 (geändert 2004) ist Bangladesch eine Republik mit einem Einkammerparlament. Das Parlament Bangladeschs wird Jatiyo Sangshad (deutsch: „Nationalversammlung“) genannt und hat 350 Abgeordnete, von denen 300 direkt in Einzelpersonen-Wahlkreisen in einfacher Mehrheitswahl gewählt werden. Die 50 zusätzlichen Sitze sind für Frauen reserviert, die in indirekter Wahl durch die 300 Abgeordneten entsprechend den Sitzanteilen der Parteien hinzugewählt werden. Die Legislaturperiode dauert fünf Jahre. Das allgemeine Wahlrecht gilt ab 18 Jahren. Die Geschichte des Frauenwahlrechts verlief in Etappen. 1937 trat der Government of India Act in Kraft, der 1935 verabschiedet worden war, und das Stimmrecht für alphabetisierte Frauen enthielt, die ein Einkommen hatten und Steuern zahlten. Als Pakistan 1947 ein unabhängiges Herrschaftsgebiet geworden war, wurde dieses Recht bestätigt und auch auf Bangladesch, damals Ostpakistan, angewendet. 1956, als Bangladesch noch Teil von Pakistan war, erhielten Frauen das allgemeine Wahlrecht. 1971 wurde Bangladesch als Folge der Abtrennung von Ostpakistan von Pakistan unabhängig. Am 4. November 1972 wurde eine neue Verfassung beschlossen und im Dezember 1972 in Kraft gesetzt, die ein allgemeines Wahlrecht für alle Bürgerinnen und Bürger ab 18 Jahren garantierte.June Hannam, Mitzi Auchterlonie, Katherine Holden: International Encyclopedia of Women’s Suffrage. ABC-Clio, Santa Barbara, Denver, Oxford 2000, ISBN 1-57607-064-6, S. 222.Mart Martin: The Almanac of Women and Minorities in World Politics. Westview Press Boulder, Colorado, 2000, S. 28. Regierungschef des Landes ist der Premierminister, der vom Parlament gewählt wird. Der Präsident übernimmt als Staatsoberhaupt zeremonielle Aufgaben. Er wird ebenfalls vom Parlament auf fünf Jahre gewählt. Es ist eine einmalige Wiederwahl möglich. Politische Indizes +Von Nichtregierungsorganisationen herausgegebene politische IndizesName des IndexIndexwertWeltweiter RangInterpretationshilfeJahrFragile States Index85,9 von 12037 von 179Stabilität des Landes: große Warnung0 = sehr nachhaltig / 120 = sehr alarmierendRang: 1 = fragilstes Land / 179 = stabilstes Land2024Demokratieindex4,44 von 10100 von 167Hybridregime0 = autoritäres Regime / 10 = vollständige Demokratie2024Freedom in the World Index45 von 100—Freiheitsstatus: teilweise frei0 = unfrei / 100 = frei2024Rangliste der Pressefreiheit33,7 von 100149 von 180Sehr ernste Lage für die Pressefreiheit100 = gute Lage / 0 = sehr ernste Lage2025Korruptionswahrnehmungsindex (CPI)23 von 100151 von 1810 = sehr korrupt / 100 = sehr sauber2024 Parlamentswahlen Zu den konkreten Wahlergebnissen siehe den Abschnitt zur neueren Geschichte Die 300 direkt gewählten Abgeordneten des Parlaments (Jatiya Sangsad) werden in ebensovielen Wahlkreisen nach dem einfachen Mehrheitswahlrecht nach britischem Muster gewählt. Dies führt auf der einen Seite zu eindeutigen Mehrheitsverhältnissen bei Wahlen, auf der anderen Seite können aber schon geringe Stimmenverschiebungen zu massiven Änderungen der Sitzverteilung führen. Beispielsweise gewann die Bangladesh Nationalist Party (BNP) bei der Parlamentswahl 2001 nur wenig mehr Stimmen als die Awami-Liga (40,97 % gegenüber 40,13 %), erlangte damit aber fast zwei Drittel der Parlamentsmandate. Bei den bisherigen Parlamentswahlen führte das Wahlsystem häufig zu Supermajoritäten im Parlament, die die jeweils regierende Partei in die Lage versetzten, auch die Verfassung ändern zu können, was den Machtmissbrauch zumindest erleichterte. Traditionell gibt es bei Wahlen nur wenige weibliche Kandidaten. Um den Frauenanteil im Parlament zu erhöhen, wurde die Regelung einführt, dass das gewählte Parlament zusätzliche weibliche Abgeordnete hinzuwählen konnte. Die Zahl dieser hinzugewählten weiblichen Abgeordneten betrug anfänglich 15, dann von 1979 bis 1987, sowie 1990 bis 2000 30, ab 2005 45 und ab 2018 dann 50. Die Sollstärke des Parlaments beträgt damit derzeit 350 Abgeordnete. Politische Parteien Seit der Wiedereinführung der Demokratie 1990 besteht in Bangladesch praktisch ein Zweiparteiensystem. Das geltende relative Mehrheitswahlrecht nach britischem Vorbild begünstigt sehr stark größere Parteien. Auf der einen Seite steht die Bangladesh Nationalist Party, eine moderat islamische, konservative Partei, die von Khaleda Zia, der Witwe des Militärmachthabers Ziaur Rahman (Präsident 1977–1981 und Parteigründer) geführt wird. Ihr steht die Awami-Liga gegenüber, die sich als sozialistisch-säkulare Partei versteht und deren Vorsitzende Scheich Hasina Wajed, eine Tochter des 1975 im Militärputsch ermordeten ersten Ministerpräsidenten und Parteigründers Mujibur Rahman, ist. Kleinere Parteien sind die Jatiya Party sowie die islamistische Bangladesh Jamaat-e-Islami. Der Jamaat wurde allerdings im Jahr 2013 die Zulassung als politische Partei bei Parlamentswahlen entzogen. Daneben gibt es noch eine Reihe von kleinen linkssozialistischen, kommunistischen und islamistischen bzw. islamischen Parteigruppierungen. Die Politik ist wesentlich von persönlichen Animositäten zwischen den beiden Parteiführerinnen Khaleda Zia und Hasina Wajed geprägt. Während der Regierungszeiten der jeweils anderen Partei übten sie sich häufig in Fundamentalopposition, beschuldigten die jeweils andere Partei des Wahlbetrugs und der Korruption und verweigerten sich einer konstruktiven Zusammenarbeit. Häufig kam es im Rahmen dieser Opposition zu Straßenunruhen, -blockaden und Generalstreiks, die das Land destabilisierten. Außenpolitik mini|Standorte der diplomatischen Vertretungen von Bangladesch Bangladesch betreibt eine auf Ausgleich bedachte Außenpolitik. Der geographischen Lage, der Bedeutung ausländischer Entwicklungshilfe und den wirtschaftspolitischen Interessen des Landes entsprechend, verfolgt Bangladesch eine konstruktive Zusammenarbeit im regionalen Rahmen, innerhalb der islamischen Staatenwelt sowie mit westlichen Staaten. Da sich viele der drängenden Probleme des Landes (Wasserhaushalt, Energieversorgung, Zugang zu maritimen Ressourcen) nur mit den unmittelbaren und regionalen Nachbarn lösen lassen, spielen die Beziehungen zu Indien und zu Myanmar eine herausgehobene Rolle. Indien hat für das Entstehen des unabhängigen Bangladesch eine wichtige Rolle gespielt. Dennoch sind die Beziehungen nicht ohne Probleme. Indien umschließt Bangladesch geographisch fast völlig und hat entscheidenden Einfluss auf wichtige Faktoren, die das künftige Schicksal Bangladeschs bestimmen. So kontrolliert Indien die Oberläufe aller wichtigen Flüsse, die Bangladesch durchfließen. Die Ausbeutung der in der Bucht von Bengalen vermuteten Gasvorkommen ist auch von einer Einigung mit Indien über den Grenzverlauf abhängig. Eine Reihe weiterer schwieriger Fragen wie Transitrechte, illegaler Grenzübertritt und Migration, Wasserverteilung, Maßnahmen gegen den Terrorismus und Schmuggel werden in regelmäßigen Regierungsgesprächen erörtert. Seit dem Ende der Kolonialzeit gestalteten rund 200 Enklaven die Grenzlinie höchst komplex. Indien baute ab 1993 ein 3200 Kilometer langes Bauwerk zur Befestigung der Haupt-Grenzlinie.Emilie Damour: Indien-Bangladesch: die Mauer, die Angst und ein mutiger Fotograf. In: cafebabel.com. 14. Oktober 2014, abgerufen am 5. Oktober 2020. Ab 2011 nahmen Bangladesch und Indien ein weiteres Mal Verhandlungen zum Austausch von Enklaven auf. Am 7. Mai 2015 wurde ein Grenzvertrag unterzeichnet, demzufolge Bangladesch 111 indische Enklaven erhielt und Indien im Gegenzug 52 bangladeschische auf seinem Gebiet. Damit wurde eine geregelte Grenze hergestellt. 53.000 Bewohner der betroffenen Gebiete konnten entscheiden, welchem der zwei Staaten sie angehören wollten.Indien und Bangladesch legen alten Grenzstreit bei. In: orf.at. 7. Juni 2015, abgerufen am 12. Oktober 2019. Die Beziehungen zu China sind gut und vor allem durch das Engagement der chinesischen Regierung und chinesischer Unternehmen beim Ausbau der Infrastruktur in Bangladesch gekennzeichnet. China ist der nach Indien zweitgrößte Handelspartner und der wichtigste Lieferant von Militärgütern. Ein besonderes Verhältnis besteht zu den arabischen Golfstaaten, in denen mehr als die Hälfte der über 7 Millionen bangladeschischen Gastarbeiter tätig sind. Deren Überweisungen sind nach den Exporterlösen der Textilbranche die wichtigste Devisenquelle für Bangladesch. Bangladesch ist zudem Gründungsmitglied der SAARC (Südasiatische Vereinigung für regionale Kooperation). Ebenfalls enge Bindungen bestehen zu Großbritannien und den USA, allein schon wegen der großen Zahl der dort lebenden Bangladescher (500.000 bzw. 150.000 Migranten). Menschenrechte mini|Supreme Court of Bangladesh ist das oberste rechtsprechende Staatsorgan von Bangladesch Bangladesch hat die weltweit höchste Heiratsrate von Mädchen unter 15 Jahren. Einer UNICEF-Studie zufolge werden 29 Prozent von ihnen mit weniger als 15 Jahren verheiratet, 2 Prozent sogar mit weniger als 11 Jahren. Kinderheiraten bedeuten für das Leben der Mädchen Abbruch weiterführender Schulbildung, Vernachlässigung und häusliche Gewalt durch Ehepartner und Schwiegereltern sowie gravierende gesundheitliche Schäden bis hin zum Tod durch zu frühe Schwangerschaften. Laut Human Rights Watch habe die Regierung von Bangladesch trotz anderslautender Versprechen keine ausreichenden Maßnahmen getroffen, um Kinderheiraten zu verhindern. Von der Menschenrechtsorganisation Freedom House wurde Bangladesch 2017 als „partiell freie“ Gesellschaft beurteilt. Auf der Punkteskala von Freedom House von Null (am schlechtesten) bis Hundert (am besten) erhielt Bangladesch einen Wert von 47 und lag damit zwar vor Pakistan (43) und dem benachbarten Myanmar (32), aber deutlich hinter Indien (77). Ein Hauptkritikpunkt ist die immer wieder aufflammende Intoleranz gegenüber religiösen und ethnischen Minderheiten. Zu den ersteren zählen vor allem die Hindus, aber auch Christen und Buddhisten. Als besorgniserregend gilt die hohe Zahl an Entführungen aus wahrscheinlich politischen Motiven, in die laut Menschenrechtsorganisationen staatliche Organe involviert zu sein scheinen. Am 24. Februar 2017 rief eine Expertengruppe der Vereinten Nationen die bangladeschische Regierung auf, Maßnahmen zu ergreifen, um das Verschwindenlassen politisch missliebiger Personen zu unterbinden und das Schicksal der Verschwundenen aufzuklären. Die Zahl der verschwundenen Personen sei von wenigen isolierten Fällen vor einigen Jahren auf über 40 Fälle im Februar 2017 angestiegen. Von den Entführungen waren besonders Personen betroffen, die mit der Opposition in Verbindung standen. Prominente entführte Personen waren Hummam Quader Chowdhury (entführt 3. August 2016, wieder aufgetaucht 2. März 2017), der Sohn des BNP-Politikers Salahuddin Quader Chowdhury, Mir Ahmed Bin Quasem (entführt am 9. August 2016), Rechtsanwalt und Sohn des wegen Kriegsverbrechen hingerichteten Jamaat-Politikers Mir Quasem Ali und der Brigadegeneral Abdullahil Amaan Al Azmi (entführt 22. August 2016), der Sohn des ebenfalls zum Tode verurteilten, aber zuvor verstorbenen Jamaat-Politikers Ghulam Azam. Familienangehörige der Entführten vermuteten, dass in Zivilkleidung agierende Spezialeinheiten der bangladeschischen Polizei für die Entführungen verantwortlich waren. Der erwähnte Hummam Quader Chowdhury erklärte nach seinem Wiederauftauchen, sich an gar keine Umstände seiner Entführung mehr erinnern zu können. Auch westliche Medien und Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International griffen das Thema wiederholt auf und riefen die bangladeschische Regierung zur Einhaltung und Durchsetzung rechtsstaatlicher Prinzipien auf. In Bezug auf die Pressefreiheit erhielt das Land von Freedom House 2017 die Bewertung „nicht frei“. Journalisten wurden unter Wajeds Regierung vermehrt Opfer von Einschüchterung und Gewalt durch verschiedene religiöse und politische Gruppierungen. Bspw. wurden 2015 mehrere liberale Blogger von Islamisten ermordet. Im Jahr 2017 waren nach Reporter ohne Grenzen acht Journalisten in Haft. 2018 kam es im Zusammenhang mit Schüler- und Studentenprotesten zu gewaltsamen Übergriffen auf Journalisten und zu einer partiellen Internetdrosselung. Im Jahr 2024 eskalierten Studentenproteste erneut und Wajeds Regierung versuchte, sie gewaltsam niederzuschlagen. Laut einer Studie des Internationalen Gewerkschaftsbundes aus dem 2020 gehört Bangladesch unter den 144 untersuchten Staaten zu den zehn, in denen Arbeitnehmerrechte am schwersten verletzt werden.Streikrecht weltweit bedroht. In ver.di Publik 5/2020, S. 8 Die Regierung sabotierte in der Vergangenheit mehrfach die Arbeit von Gewerkschaften. Im Jahr 2020 wurde auch eine internationale Spendenaktion zur Unterstützung der Beschäftigten in der Textilindustrie behindert.Tanja Tricarico: Die Textillobby lenkt ein. Auf taz.de vom 26. Februar 2017, abgerufen am 26. September 2021Näherinnen in Not. In ver.di Publik 5/2020, S. 8 Religionsfreiheit mini|Distrikte mit Ausschreitungen gegen Hindus im Jahr 2013 Formell ist die Religionsfreiheit durch die Verfassung garantiert (zum Widerspruch zwischen Säkularismus und Islam als Staatsreligion siehe oben). De facto gibt es aber religiöse Intoleranz. Religiöse Verfolgung geschieht vor allem auf Grund von islamischer Unterdrückung. Bei scheinbar religiös motivierten Gewaltausbrüchen spielen häufig auch wirtschaftliche Motive und interethnische Konflikte eine Rolle. Religiöse Minderheiten sind durch unregelmäßige, vor allem bei politischen Veranstaltungen (Wahlen) aufflammende Gewaltausbrüche bedroht. Das Pew Research Center bewertete 2016 die Einschränkung der Religionsfreiheit durch die Regierung als „hoch“. Die Einschränkungen durch gesellschaftlichen Druck wurden als „sehr hoch“ bewertet. Ein Bericht von Minority Rights Group International kam 2016 zu dem Ergebnis, dass die Regierung mehr tun müsse, um die religiösen Minderheiten zu schützen. Von Gemeindevorstehern, die mit islamischen Führern zusammenarbeiten, werden außergerichtliche Fatwas gegen Frauen oder andere Minderheiten durchgeführt, obwohl diese gesetzlich verboten sind. Im Strafgesetzbuch gibt es ein Gesetz, das „absichtlich bösartige“ Aussagen zur Religion unter Strafe stellt. Die Auslegung dieser unscharfen Bestimmung unterliegt den Gerichten. In Schulbüchern wurden vermeintlich „unislamische“ Aussagen entfernt. Auf dem Weltverfolgungsindex von Open Doors gehört Bangladesch schon lange Zeit zu den 50 Ländern mit der stärksten Christenverfolgung. Besonders stark von religiöser Intoleranz sind Konvertiten aus dem Islam betroffen. Der Druck geht dabei besonders von den Familien, Nachbarn und religiösen Führern aus. Konvertiten droht bei Entdeckung oft die Scheidung und Enterbung oder sie und ggf. ihre Familien werden isoliert und zum Teil zur Flucht gezwungen. Militante Gruppen bedrohen sie mit dem Tod. Streitkräfte und Verteidigung mini|Die Bangabandhu (F-25), eine Fregatte der Marine von Bangladesch (2012) Im Jahresbudget 2019/2020 sind Militärausgaben von 3,87 Milliarden US-Dollar ausgewiesen, was einem Anteil von 8,3 Prozent des Gesamtbudgets entspricht. Die Streitkräfte Bangladeschs umfassen rund 450.000 Soldaten. Im August 2015 waren 9432 Angehörige der bangladeschischen Streit- und Polizeikräfte im Einsatz als Friedenstruppen der Vereinten Nationen (davon 8135 Soldaten, 74 Militärberater und 1223 Polizisten), damit rangierte Bangladesch an erster Stelle. mini|UN-Missionen, an denen bangladeschische Militär- oder Polizeikräfte beteiligt waren bzw. sind mini|Bangladeschische „Blauhelme“ im Einsatz Die eingesetzten Soldaten gelten weitgehend als diszipliniert und zuverlässig, mehrmals wurde militärisches Führungspersonal aus Bangladesch zu Kommandeuren von Friedensmissionen ernannt. Bangladesch bezieht jährlich 200 Millionen US-Dollar an Rekompensation für diese Einsätze (Stand 2006), dies stellt eine wichtige Einkommensquelle für das Land und die Streitkräfte dar. Weiterhin gilt das daraus entstehende Interesse der Streitkräfte Bangladeschs an einer guten Beziehung zur UN als ein innenpolitisch wichtiger stabilisierender Faktor.Roland Buerk: The cream of UN peacekeepers. In: news.bbc.co.uk. 18. Januar 2006, abgerufen am 16. April 2020 (englisch). + Beteiligung Bangladeschs an UN-Missionen im April 2016 UN-Mission Soldaten Militärbeobachter PolizistenMINURSO (Westsahara) 20 7 —MINUSCA (Zentralafrik. Republik) 929 11 —MINUSMA (Mali) 1442 3 139MINUSTAH (Haiti) 112 – 308MONUSCO (Demokratische Republik Kongo) 1712 17 180UNAMID (Darfur, Sudan) 372 8 314UNIFIL (Libanon) 286 – —UNMIL (Liberia) 259 6 3UNMISS (Südsudan) 484 6 23UNOCI (Elfenbeinküste) 235 13 150 Wirtschaft mini|550px|Wirtschaftswachstum Bangladeschs (vor 1971 Ostpakistan) in Prozent des Bruttoinlandprodukts nach Daten der Weltbank. Die schweren Einbrüche 1971 und 1972 waren Folgen des Zyklons in Ostpakistan 1970 und des Unabhängigkeitskrieges. Der Einbruch ab 2020 war Folge der COVID-19-Pandemie. mini|Das Unabhängigkeitsdenkmal im Stadtpark Dhaka Zentrum, wo der Bangladesch-Krieg am 16. Dezember 1971 mit der Kapitulation der pakistanischen Einheiten endete, dahinter das Geschäftsviertel Ramna mini|Die Hafenstadt Chittagong. Der Hafen von Chittagong ist der größte von Bangladesch und einer der größten in ganz Südasien. Bangladeschs Wirtschaft ist, wie in vielen anderen Entwicklungsländern, in den letzten Jahren auf solidem Wachstumskurs. In der Dekade 2005–2014 bewegte sich das Wirtschaftswachstum bei durchschnittlich etwa 5,6 % jährlich. Die noch höheren Wachstumsraten von über 7 Prozent in den Jahren 2016 und 2017 entsprachen schon dem Wirtschaftswachstum des benachbarten Indien. 2011 proklamierte die bangladeschische Regierung das Ziel, das Land bis zum Jahr 2021 in ein Land mit mittlerem Einkommen (Middle Income Country) zu transformieren. Dafür visierte die Regierung Wirtschaftswachstumsraten von 7 bis 8 % in den Jahren 2012 bis 2015 an. Dieses Ziel wurde nicht ganz erreicht, und die Rate bewegte sich zwischen 6 und 7 %. Ab 2015 wurde Bangladesch durch die Weltbank nicht mehr als „Land mit geringem Einkommen“ (low income country), sondern als „Land mit mittlerem Einkommen im unteren Bereich“ (lower middle income country) klassifiziert. Als wesentliche Wachstumshemmnisse werden mangelnde politische Stabilität (vor allem in der Vergangenheit), die ungenügende Infrastruktur in jeder Hinsicht (Straßen, Schienenverkehr, Hafenanlagen, Elektrizität, Internet) sowie eine ineffiziente Bürokratie angesehen. Zu letzterem zählt auch die weit verbreitete Korruption und Vetternwirtschaft in Politik und Administration. In die Bildung müsste nach Ansicht von Wirtschaftsexperten auch deutlich mehr als bisher investiert werden. Stärken sind die junge Bevölkerung, der aufgrund der niedrigen Löhne wettbewerbsfähige Textilsektor und eine im Entstehen begriffene IT-Industrie. Einen wichtigen Beitrag liefern die Überweisungen der über 7 Millionen Bangladescher im Ausland. Nach offiziellen Angaben lebten im Jahr 2017 alleine in Saudi-Arabien 550.000 Bangladescher (die tatsächlichen Zahlen lagen möglicherweise höher). Im Jahr 2016/2017 wurden 12,8 Milliarden US$ Überweisungen von Auslands-Bangladeschern nach Bangladesch registriert. Den Großteil davon machten Überweisungen aus den arabischen Golfstaaten aus. Nach wie vor ist die Bedeutung der Landwirtschaft sehr groß; 42,7 % aller Erwerbstätigen arbeiten im Agrarbereich. Dessen Beitrag zum BIP beläuft sich nur auf 14,8 %, während die Industrie 28,8 % und der Dienstleistungssektor 56,5 % erwirtschaften. Die Hauptprodukte der Landwirtschaft sind Reis und Jute. Das Land ist der viertgrößte Reisproduzent (Stand: 2016). Von wachsender Bedeutung sind Weizen, Mais und Gemüse. Weitere Produkte sind Zuckerrohr, Holz und Tee. Jute war ein bedeutendes Exportprodukt, doch sie wird als Verpackungsmaterial zunehmend von Kunststoffen verdrängt. An eigenen fossilen Energieträgern besitzt Bangladesch Erdgas und Kohle, die hauptsächlich im Nordosten des Landes für den Eigenbedarf gefördert werden. Die Industrie in Bangladesch erzeugt Textilien, Jute und Juteprodukte, Leder, Lederprodukte und Keramik. Das Land wurde zum zweitgrößten Textilproduzenten der Welt (siehe Textilindustrie in Bangladesch). Außerdem gibt es ein Stahlwerk, Werften und Chemieunternehmen sowie Pharmaunternehmen. Die Abwrackwerften bei Chittagong sind in der Schiffsverschrottung tätig. Die international operierende Fluggesellschaft Biman Bangladesh Airlines gehört zu 100 % dem Staat. Das Land führt zwei Wertpapierbörsen mit den Namen Dhaka Stock Exchange und Chittagong Stock Exchange. mini|Entwicklung des realen Bruttoinlandsprodukts pro Person in Bangladesh, Indien und Pakistan Mit einem BIP pro Kopf von etwa 1.900 US-Dollar im Jahr 2019Internationaler Währungsfonds: Report for Selected Countries and Subjects, abgerufen am 31. Mai 2020 gehört Bangladesch zu den armen Ländern. Ab 2015 wurde das Land durch die Weltbank nicht mehr als „Land mit geringem Einkommen“ (low income country), sondern als „Land mit mittlerem Einkommen im unteren Bereich“ (lower middle income country) klassifiziert. Ein großes Problem des Staates ist die Korruption. Im Global Competitiveness Index, der die Wettbewerbsfähigkeit eines Landes misst, belegte Bangladesch Platz 99 von 137 Ländern (Stand 2017–2018). Der Index für wirtschaftliche Freiheit 2024 des Landes war der 116 höchste von 176 Ländern. + Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts (BIP) und anderer KennzahlenJahr 2010 2015 2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022 2023 2024BIP in Mrd. USD(Kaufkraftparität) 457,6 675,0 729,9 791,9 897,8 997,3 1.104 1.248 1.431 1.570 1.677BIP pro Kopf in USD(Kaufkraftparität) 3.100 4.320 4.620 4.960 5.564 6.116 6.705 7.486 8.493 9.219 9.747BIP-Wachstum(real) 5,6 % 6,6 % 7,1 % 6,6 % 7,3 % 7,9 % 3,4 % 6,9 % 7,1 % 5,8 % 4,2 %Inflation(in Prozent) 7,3 % 6,4 % 5,9 % 5,4 % 5,8 % 5,5 % 5,6 % 5,6 % 6,2 % 9,0 % 9,7 %Staatsverschuldung(in Prozent des BIP) 30 % 28 % 28 % 28 % 30 % 32 % 35 % 36 % 38 % 40 % 41 % Einkommensstruktur und Arbeitsmarkt Das durchschnittliche Nettogehalt in Bangladesch betrug 2020 300,07 Euro pro Monat. Der Durchschnittsbedarf einer vierköpfigen Familie wurde zur gleichen Zeit auf mindestens 116 Euro geschätzt. Laut Zahlen der Weltbank sank die Armut in Bangladesch von 2000 bis 2018 von 48,9 % auf 24,3 % der Bevölkerung, extreme Armut sank von 33,7 % auf 12,9 Prozent. Die Arbeitslosenquote wird 2017 mit nur ca. 4 % angegeben, allerdings sind die große Mehrheit der Beschäftigungsverhältnisse informeller Natur und Unterbeschäftigung ist weit verbreitet. Schätzungen gehen von einer Unterbeschäftigungsquote von bis zu 40 % aus. 2016 arbeiteten 42,7 % aller Arbeitskräfte in der Landwirtschaft, 36,9 % im Dienstleistungssektor und 20,5 % in der Industrie. Die Gesamtzahl der Beschäftigten wird für 2017 auf 66,7 Millionen geschätzt, davon 29,1 % Frauen. Mehrere Millionen Arbeitskräfte sind ausgewandert. Geringer Qualifizierte wandern vor allem in die Golfstaaten aus und höher Qualifizierte in die Vereinigten Staaten, das Vereinigte Königreich, Kanada und Australien. Insgesamt überweisen diese im Ausland lebenden Bangladescher etwa 12 Milliarden US-Dollar jährlich nach Bangladesch. In Bangladesch galt 2023 ein Mindestlohn von 8.000 Taka im Monat, was etwa 68 Euro entspricht. Außenhandel mini|Textilfabrik in Dhaka Im Jahr 2016/17 exportierte Bangladesch Waren im Wert von 38,50 Mrd. US$ (3,0 Billionen Taka, 1 US$ ≈ 78 Taka). Davon machten Textilartikel 87,0 % aus (2,6 Billionen Taka). Der quantitativ nächstwichtigste Posten waren Lederwaren, Hüte und ähnliche Accessoires mit 2,85 %. Die Textilprodukte werden hauptsächlich im Auftrag von ausländischen Unternehmen (hauptsächlich aus Deutschland und den Vereinigten Staaten) produziert. Importiert wurden im selben Zeitraum Waren im Wert von 60,4 Mrd. US$ (4,7 Billionen Taka), davon 22,3 % Textilartikel, 16,0 % Maschinen, 13,6 % Mineralölprodukte, 7,2 % Metalle und Metallwaren, 7,0 % Gemüse, 6,9 % Fahrzeuge, 6,8 % chemische Produkte, 5,9 % Fette und Öle, 4,9 % Plastikartikel u. a. m. Die Europäische Union ist der wichtigste Wirtschaftspartner Bangladeschs, noch vor Indien, China und den USA. Mehr als drei Viertel aller Exportgüter Bangladeschs werden vom europäischen und nordamerikanischen Markt aufgenommen. Bangladesch kommt in den Genuss der Initiative Everything But Arms (EBA) der Europäischen Union, die den am wenigsten entwickelten Ländern (LDCs) ungehinderten Zugang zum Markt der Europäischen Union gewährt. Davon profitiert insbesondere der Textilsektor: circa 60 % der Textilexporte gehen in die EU. +Überweisungen der Auslands-Bangladescher in Millionen US$LandFiskaljahr*in Prozent(2024)202020212022202320244015,165721,414541,963765,292741,3811,462472,562439,992071,853033,854634,2419,381364,892023,622039,232080,412793,1111,681372,241886,501689,591555,241496,666,262403,403461,683438,413522,002961,6512,39699,15810,901054,201185,941461,586,111019,601450,181346,471452,691149,954,811240,541535,64897,40790,651122,024,69457,40624,86385,24423,32632,252,6452,7566,8983,50112,27124,760,52437,18577,74566,61528,27639,172,6749,3579,5469,29112,9976,630,321231,302002,361021,851125,861744,397,29Andere Länder1389,492096,401826,081921,952334,439,76Gesamt18.205,0124.777,7121.031,6821.610,7323.912,22100,00 *) Das Fiskaljahr beginnt im Juli und endet im Juni (z. B. Fiskaljahr 2024 = Juli 2023 – Juni 2024). Staatshaushalt Der Staatshaushalt umfasste 2016 Ausgaben von umgerechnet 35,3 Mrd. US-Dollar; dem standen Einnahmen von umgerechnet 23,7 Mrd. US-Dollar gegenüber. Daraus ergibt sich ein Haushaltsdefizit in Höhe von 5,0 % des BIP. Die Staatsverschuldung betrug 33 % des BIP. Die Staatsausgaben verteilten sich 2020 auf die einzelnen Ressorts wie folgt (in % des BIP): Gesundheit: 2,6 % Bildung: 2,1 % (2021) Militär: 1,0 % (2023) Infrastruktur mini|Die Padma-Brücke ist die größte Brücke in Bangladesch und die längste Brücke in Südasien. Straßenverkehr Die Infrastruktur Bangladeschs ist in einem schlechten Zustand, unter anderem durch häufige und starke Überschwemmungen während der Monsunzeit. Das Straßennetz hat eine Länge von 21.269 Kilometern, davon sind nur ca. 5 Prozent (1063 Kilometer) befestigt (siehe dazu auch Liste von Nationalstraßen in Bangladesch). Im Straßenverkehr passieren deshalb viele schwere Unfälle. 2013 kamen in Bangladesch 13,6 Verkehrstote auf 100.000 Einwohner. Zum Vergleich: In Deutschland waren es im selben Jahr 4,3 Tote. Diese Zahlen geben einen noch deutlicheren Hinweis auf mangelnde Verkehrssicherheit, wenn man sie in Relation zur niedrigen Motorisierungsrate des Landes setzt. 2010 kamen im Land nur 3 Automobile auf 1000 Einwohner. Schienenverkehr mini|Dreischienengleis einer bangladeschischen Bahnstrecke Das durch die nationale Eisenbahngesellschaft Bangladesh Railway betriebene Schienennetz umfasst 2885 Kilometer (Stand: 2015). Derzeit besteht ein Dualismus zweier Spurweiten, der noch auf die britische Kolonialzeit zurückgeht – im Westen des Landes und südlich der Padma sind die Bahnstrecken in indischer Breitspur ausgeführt, im Osten dagegen in Meterspur. Dies bringt erhebliche logistische Probleme mit sich, da die Fahrzeuge immer nur auf einer Spurweite verkehren können. Es wurden und werden daher Anstrengungen unternommen, alle Strecken zu Dreischienengleisen auszubauen. Langfristig ist eine Umstellung auf indische Breitspur geplant. Luftverkehr Es gibt drei internationale Flughäfen (Dhaka, Chittagong und Sylhet), mehrere Inlandsflughäfen (siehe: Liste der Flughäfen in Bangladesch) sowie zwei Seehäfen (Chittagong, Mongla). Die staatliche Fluggesellschaft ist Biman Bangladesh Airlines. Kultur Feiertage Datum Deutscher Name Lokaler Name Bemerkungen 21. Februar Tag der Märtyrer /Internationaler Tag der Mutterspracheশহীদ দিবস Gedenken an die Opfer des Sprachprotests in Dhaka 1952 im Rahmen der Bengalischen Sprachbewegung 14. April Bengalischer Neujahrstag পহেলা বৈশাখ Der erste Tag des traditionellen bengalischen Sonnenkalenders 26. März Unabhängigkeitstag স্বাধীনতা দিবস Gedenken an die offizielle Verkündung der Unabhängigkeit Bangladeschs von Pakistan am 26. März 1971 1. Mai Erster Mai মে দিবস Tag der Arbeit 16. Dezember Tag des Sieges বিজয় দিবস Ein gesetzlicher Feiertag; Sieg über Pakistan im Bangladesch-Krieg. 25. Dezember Weihnachten বড়দিন Das Fest der Geburt Jesu Christi. Die religiösen Feiertage folgen dem islamischen Mondkalender. Sie verschieben sich daher im Vergleich zum gregorianischen Kalender jedes Jahr um etwa elf Tage zurück. Datum Deutscher Name Lokaler Name Bemerkungen 10. und 11. Dhū l-Hiddscha OpferfestEid ul-Adha Feier zum Ende des Haddsch. In Erinnerung an die Geschichte Abrahams wird ein Opfertier (Schaf, Ziegenbock, Kamel, Stier etc.) geschlachtet. 1. und 2. Schawwāl Fest des FastenbrechensEid-ul-Fitr Feier zum Ende des Ramadan. 9. und 10. Muharram Aschura-TagAshura Gedenken an den Martyrer-Tod von Imam al-Husain ibn ʿAlī. Küche mini|Von oben: Ilisch (Tenualosa ilisha) Fischcurry mit Senfsoße; Dhakai Biryani; Pithas (bengalische Pfannkuchen und frittierter Brandteig) Bangladesch führt eine typische südasiatische Küche. Oftmals werden Gerichte mit Huhn, Rind oder Fisch sowie einer großen Vielzahl von Gemüsen zubereitet, die mit einer gewissen Schärfe aufwarten. In den Meeresregionen ebenso häufig sind Gerichte in Verbindung mit Meeresfrüchten, insbesondere mit Krabben. Die Beilage ist bei allen Mahlzeiten entweder Reis (häufiger) oder Fladenbrot (seltener, da aufwändiger zuzubereiten). Süßigkeiten werden oft konsumiert, wobei die Zutaten und die Geschmacksrichtung stark variieren können. Ebenfalls häufig gibt es Süßspeisen auf Milchbasis, zum Beispiel Sandesh oder Pithas. Als Getränk erhält man in der Regel zum Beispiel Tee oder Lassi. Daneben besteht eine große Zahl weiterer Milch- und Fruchtsaftgetränke. Die drei mit Abstand häufigsten Genussmittel und Alltagsdrogen sind Tee, Paan und Zigaretten. Der Konsum von Alkohol oder anderen Drogen ist verboten, findet im Privaten aber ebenfalls häufig statt. Bis heute wird in Bangladesch so gut wie jede Mahlzeit mit den Händen gegessen. Literatur Die bengalische Literatur ist etwa 1000 Jahre alt und erreichte im Mogulreich eine Blüte. In moderner Zeit wurde sie durch die Arbeiten von Michael Madhusudan Dutt, Rabindranath Thakur, Kazi Ahdul Wadud, Kankim Chandra Chattopadhyai, Mir Mosharraf Hossain und den rebellischen Poeten Kazi Nazrul Islam, der 3000 Lieder dichtete, international bekannt. Die strengen lyrischen Anekdoten des Dichters Jasimuddin hielten durch ihre Beschreibungen des harten Lebens auf dem Lande die Verbindung zu den geplagten Massen aufrecht. Die zeitgenössische bengalische Literatur erhielt kreative Impulse von einer neuen Generation von Schriftstellern wie den Lyriker Shamsur Rahman, der 60 Gedichtbände verfasste, Humayun Ahmed und Begum Sufia Kamal. Die pulsierende bengalische Literaturszene experimentiert mit sozialem und kritischem Realismus. Musik Als Bewohner eines Landes mit starken Regenfällen, mächtigen Flüssen und üppigem Grün haben die Bangladescher eine starke Verbindung zur Natur. Ihre Musik ist emotional, ekstatisch und romantisch. Für jede Gelegenheit, jede Stimmung und Jahreszeit gibt es ein eigenes Lied. Moderne bengalische Musik stammt von zwei unterschiedlichen Schulen. Die erste, eine Mischung von Ost und West, wurde von Rabindranath Thakur initiiert, die zweite von Kazi Nazrul Islam angeführt. Film +Kinospielfilmproduktion von Bangladesch, Screen Digest, Juni 2006, S. 205–207 (eingesehen am 15. Juni 2007) Jahr Anzahl 1975 34 1985 63 1995 k. A. 2005 102 Die Filmindustrie Bangladeschs hat ihr Zentrum in der Hauptstadt Dhaka. Vor der Teilung Indiens im Jahre 1947 wurden Filme in bengalischer Sprache meist in Kolkata produziert. Der größte Teil der bangladeschischen Filmproduktion sind Unterhaltungsfilme im typischen südasiatischen Stil mit Tanz- und Gesangseinlagen. Zu den von Kritikern meistbeachteten Filmemachern gehören Zahir Raihan, Alamgir Kabir, Humayun Ahmed, Tanvir Mokammel und Tareque Masud. Seit 2003 reicht das Land Filme für die Wahl zum Oscar für den besten fremdsprachigen Film ein. In der Allgemeinbevölkerung genießen allerdings sowohl indische Produktionen als auch westliche Produktionen eine größere Popularität als Eigenproduktionen. Sport mini|Bangladeschs Cricket-Nationalmannschaft feiert das Erzielen eines Wickets gegen Simbabwe, 2009 Nationalsport Bangladeschs ist Kabaddi, während der populärste Sport Cricket ist. Die Cricket-Nationalmannschaft ist eine von derzeit zwölf Mannschaften, die Test Cricket bestreiten. Ihre erste Weltmeisterschaft bestritten sie 1999 und waren 2011 Mitgastgeber des Turniers sowie alleiniger Gastgeber der ICC KnockOut 1998 sowie der ICC World Twenty20 2014 und der gleichzeitigen ICC Women’s World Twenty20 2014. Ihr erfolgreichstes Abschneiden bei der Weltmeisterschaft hatten sie mit dem Viertelfinaleinzug 2015. Beim Asia Cup erreichte Bangladesch bisher drei Mal das Finale (2012, 2016 und 2018). 2020 gewann Bangladesch erstmals die ICC U19-Cricket-Weltmeisterschaft und damit seinen ersten Titel bei einem ICC-Turnier überhaupt. Das Nationale Cricket wird durch das Bangladesh Cricket Board organisiert, der zahlreiche Wettbewerbe im Land organisiert, unter anderem die international besetzte Bangladesh Premier League (BPL). Im November 2021 wurde Bangladesch zusammen mit Indien zum Gastgeber des Cricket World Cup 2031 ernannt. Die Frauen-Nationalmannschaft, die seit 2007 existiert, gewann 2018 den Women’s Asia Cup und zog zwei Mal ins Finale der Asienspiele ein (2010 und 2014). Fußball ist nach Cricket die zweitwichtigste Sportart in Bangladesch und wird durch die Bangladesh Football Federation organisiert. Wichtigster Nationaler Wettbewerb ist die Bangladesh Premier League. Größter Erfolg der Nationalmannschaft war der Gewinn der Südasienmeisterschaft 2003. Bei Weltmeisterschaften unterstützen die meisten Bangladescher Argentinien, viele weitere Brasilien und Deutschland. Während Weltmeisterschaften werden überall die Flaggen Argentiniens und Brasiliens gehisst, nach dem argentinischen Sieg 2022 ist die Flagge Argentiniens auch 2023 noch häufiger an Masten im Land zu sehen als die eigene Nationalflagge. Die große Unterstützung aus Bangladesch führte sogar zur ersten Wiedereröffnung einer eigenen argentinischen Botschaft Anfang 2023 in Dhaka nach Aufgabe der letzten im Jahr 1978. Die Frauen-Nationalmannschaft konnte 2016 ins Finale der Südasienmeisterschaft einziehen. Andere beliebte Sportarten sind Hockey, Tennis, Badminton, Handball, Basketball, Volleyball, Schach, Sportschießen und Angeln. Seit 1984 nimmt Bangladesch an Olympischen Sommerspielen teil. Auf eine Teilnahme an Winterspielen wurde bisher verzichtet. Sportler aus Bangladesch konnten bislang keine Medaille gewinnen. Damit ist Bangladesch das einwohnerstärkste Land ohne olympische Medaille. Bislang konnte sich kein Sportler für die Teilnahme an Olympischen Spielen sportlich qualifizieren. Sportler des Landes konnten durch die Vergabe von Wildcards teilnehmen. Special Olympics Bangladesch wurde 1994 gegründet und nahm mehrmals an Special Olympics Weltspielen teil. Literatur Srinath Raghavan: 1971. A Global History of the Creation of Bangladesh. Harvard University Press, Cambridge, Massachusetts, USA 2013, ISBN 978-0-674-72864-6. (rezensiert in: Andreas Eckert: Srinath Raghavan: „1971“: Massive genozidale Gewalt FAZ vom 17. Februar 2014, Seite 8) Meghna Guhathakurta, Willem Van Schendel (Hrsg.): The Bangladesh Reader: History, Culture, Politics. Duke University Press, Durham 2013, ISBN 978-0-8223-5304-1. Weblinks Offizielle Webpräsenz der Regierung von Bangladesch (englisch) Offizielle Webpräsenz der Botschaft von Bangladesch in Deutschland (englisch und deutsch) Länder- und Reiseinformationen des Auswärtigen Amtes NETZ – deutschsprachige Zeitschrift zu Bangladesch Einzelnachweise Kategorie:Staat in Asien Kategorie:Least Developed Country Kategorie:Volksrepublik (Staat) Kategorie:Mitgliedstaat der Vereinten Nationen Kategorie:Mitgliedstaat des Commonwealth of Nations Kategorie:Staatsgründung in den 1970er Jahren
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78,712
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Alexander der Große
hochkant=1.3|mini|Alexander im Schlachtgetümmel, Detail der berühmten „Alexanderschlacht“ (Mosaik, Pompeji, ca. 150–100 v. Chr., wohl nach einer Vorlage aus dem 4. Jahrhundert v. Chr.) Alexander der Große (; * 20. Juli 356 v. Chr. in Pella; † 10. Juni 323 v. Chr. in Babylon) war von 336 v. Chr. bis zu seinem Tod als Alexander III. König von Makedonien und Hegemon des Korinthischen Bundes. Alexander dehnte ab 334 v. Chr. die Grenzen des Reiches, das sein Vater Philipp II. aus dem vormals eher unbedeutenden Kleinstaat Makedonien sowie mehreren griechischen Poleis errichtet hatte, durch den sogenannten Alexanderzug und die Eroberung des Achämenidenreichs bis an den indischen Subkontinent aus. Nach seinem Einmarsch in Ägypten wurde er dort als Pharao begrüßt. Auch aufgrund seiner großen militärischen Erfolge wurde das Leben Alexanders ein beliebtes Motiv in Literatur (siehe Alexanderhistoriker) und Kunst, während Alexanders Beurteilung in der modernen Forschung, wie auch schon in der Antike, zwiespältig ausfällt. Mit seinem Regierungsantritt begann das Zeitalter des Hellenismus, in dem sich die griechische Kultur über weite Teile der damals bekannten Welt ausbreitete. Die kulturellen Prägungen durch die Hellenisierung überstanden den politischen Zusammenbruch des Alexanderreichs und seiner Nachfolgestaaten und wirkten noch jahrhundertelang in Rom und Byzanz fort. Leben Frühe Jahre (356–336 v. Chr.) mini|Die Zähmung des Bukephalos in Edinburgh Alexander wurde im Jahr 356 v. Chr. als Sohn König Philipps II. von Makedonien und der Königin Olympias, einer Tochter des Königs Neoptolemos I. von Epeiros, geboren.Diodor 19,51,5; Iustinus 7,6,10; 17,3,14. Viele Einzelheiten seiner Biografie, vor allem aus der Kindheit, wurden bald legendenhaft ausgeschmückt oder frei erfunden. So berichtet Plutarch gut 400 Jahre später, dass Alexander ohne Zweifel seinen Stammbaum väterlicherseits auf Herakles und Karanos, den ersten König der Makedonen, zurückverfolgen konnte, wodurch Plutarch zugleich die Abstammung Alexanders vom Göttervater Zeus implizit hervorhebt.Plutarch, Alexander 2,1 (englische Übersetzung) Ebenso berichtet er, dass Olympias und Philipp Träume gehabt hätten, die ihnen der Seher Aristander so deutete, dass ihnen die Geburt eines Löwen bevorstehe.Plutarch, Alexander 2,3 (englische Übersetzung) Olympias nahm für sich in Anspruch, in direkter Linie von dem griechischen Heros Achilleus und Aiakos, einem weiteren Sohn des Zeus, abzustammen. Gemäß einer (wohl ebenfalls legendären) Erzählung Plutarchs soll Alexander in jungen Jahren sein Pferd Bukephalos, das ihn später bis nach Indien begleitete, gezähmt haben, nachdem es zuvor niemandem gelungen war, es zu bändigen. Alexander erkannte, was den Fehlschlägen der anderen zugrunde lag: Das Pferd schien den eigenen Schatten zu scheuen. Daraufhin habe Philipp zu ihm gesagt: Geh, mein Sohn, suche dir ein eigenes Königreich, das deiner würdig ist. Makedonien ist nicht groß genug für dich.Plutarch, Alexander 6. Abgesehen von derlei Legenden ist wenig über Alexanders Kindheit bekannt. Makedonien war ein Land, das im Norden des Kulturraums des antiken Griechenlands lag. Es wurde von vielen Griechen als „barbarisch“ angesehen, und nur das Königsgeschlecht der Argeaden, zu dem auch Alexander gehörte, wurde aufgrund der behaupteten Abstammung von Herakles als griechisch anerkannt: Im frühen 5. Jahrhundert v. Chr. wurden erstmals Makedonen als Vertreter der Könige zu den Olympischen Spielen zugelassen, nachdem König Alexander I. eine Abstammung aus dem griechischen Argos und von Herakles in Anspruch genommen hatte.Herodot, Historien 5,22. Noch heute birgt die Diskussion um die ethnische Zugehörigkeit der antiken Makedonen politischen Konfliktstoff.Peter van Nuffelen: Sind die Makedonen Griechen? Über Nationalismus und Forschungsgeschichte. In: Martin Lindner (Hrsg.): Antikenrezeption 2013 n. Chr. (= Rezeption der Antike. Band 1). Verlag Antike, Heidelberg 2013, ISBN 978-3-938032-65-7, S. 89–106. Aus den verfügbaren Quellen ist ersichtlich, dass das Makedonische, von dem nur wenige Wörter überliefert sind, für die Griechen wie eine fremde Sprache klang.Siehe die Quellenzeugnisse bei Heckel, Yardley: Alexander. S. 7 f. und Eugene N. Borza: Greeks and Macedonians in the Age of Alexander. The Source Traditions. In: Transitions to Empire. Essays in Greco-Roman History, 360–146 BC, in honor of E. Badian. Norman 1996, S. 122–139 (siehe auch hier). Anderer Meinung ist Nicholas G. L. Hammond: Literary evidence for Macedonian speech. In: Historia 43/2, 1994, S. 131–142. Im Folgenden wird mit „Makedone(n)“ nur die Herkunft aus dem antiken Makedonien ausgedrückt. Ob das Makedonische ein nordgriechischer Dialekt oder eine mit dem Griechischen verwandte eigenständige Sprache war, ist immer noch umstritten. Kulturell und gesellschaftlich unterschieden sich die Makedonen jedenfalls recht deutlich von den Griechen: keine städtische Kultur (siehe Polis), als Binnenreich kaum Kontakte zum mediterranen Kulturraum, und eine monarchische Staatsform, was in Griechenland zu dieser Zeit nicht die Regel war. Gerade das Königtum galt den Hellenen zu dieser Zeit als eine grundsätzlich ungriechische, barbarische Regierungsform. Auf viele Griechen wird die makedonische Gesellschaft zumindest archaisch gewirkt haben.Peter Green: Alexander of Macedon. Berkeley 1992, S. 6 f. Erst ab dem späten 6. Jahrhundert v. Chr. verstärkte sich der griechische kulturelle Einfluss in der makedonischen Oberschicht. mini|hochkant=1.3|Makedonien zum Zeitpunkt von Philipps Tod Alexanders Vater Philipp II. hatte das bisher eher unbedeutende Makedonien, das vor ihm Streitobjekt der Adelsfamilien und Kleinkönige des Hoch- und des Tieflands gewesen war, geeint, seine Grenzen gesichert und es nicht zuletzt dank der Erschließung reicher Edelmetallvorkommen zur stärksten Militärmacht der damaligen Zeit gemacht. Er hatte Thessalien und Thrakien erobert und zuletzt alle griechischen Stadtstaaten mit Ausnahme Spartas in ein Bündnis unter seiner Führung gezwungen (Korinthischer Bund). Philipp begann anschließend mit den Vorbereitungen für einen Feldzug gegen die Perser. Schon an den Kriegszügen gegen die Griechen war Alexander zuletzt beteiligt, vor allem in der Schlacht von Chaironeia (338 v. Chr.), in der ein Bündnis griechischer Poleis unter Führung Athens und Thebens unterworfen wurde. Die makedonische Phalanx erwies sich dabei als ein wichtiges Element für den militärischen Erfolg, zentral war jedoch die Rolle der Hetairenreiterei, die Alexander bei Chaironeia kommandierte. Seine späteren Erfolge gehen zweifellos zu einem bedeutenden Teil auf die Militärreformen seines Vaters zurück. Philipp umgab sich außerdem mit sehr fähigen Offizieren, wie etwa Parmenion, die auch einen großen Anteil an Alexanders späteren Siegen hatten. Philipp holte den griechischen Philosophen Aristoteles in die makedonische Hauptstadt Pella und beauftragte ihn, Alexander in Philosophie, Kunst und Mathematik zu unterrichten. Alexander war gebildet; seine Abschrift der Ilias hütete er laut Plutarch wie einen Schatz, und er brachte der griechischen Kultur große Bewunderung entgegen. Das Verhältnis zwischen Vater und Sohn war keineswegs frei von Konflikten, gerade in Hinsicht auf die Liebschaften des Vaters, durch die sich Alexander in seiner Position als Thronfolger bedroht sah. Philipp hatte 337 v. Chr. Kleopatra, die Nichte seines Generals Attalos, als Nebenfrau geheiratet. Während eines Banketts soll Attalos Öl ins Feuer gegossen und gesagt haben, er hoffe, dass Philipp nun endlich einen legitimen Erben erhalten würde. Alexander, dessen Mutter keine Makedonin war, sei daraufhin wutentbrannt aufgefahren und habe Attalos angeschrien: Soll das heißen, ich sei ein Bastard? Alexander warf einen Becher nach Attalos und wollte auf ihn losgehen. Auch Philipp erhob sich und zog sein Schwert, jedoch nicht um Alexander in Schutz zu nehmen, sondern um Attalos zu helfen. Da aber Philipp bereits betrunken war, stolperte er und fiel hin. Alexander soll ihn, so Plutarch, höhnisch angeblickt und sich den versammelten Makedonen zugewandt haben: Seht ihn euch an, meine Herren. Dieser Mann will euch von Europa nach Asien führen, aber er scheitert schon bei dem Versuch, von einem Liegebett zum nächsten zu gehen. (Plutarch, Alexander, 9) Alexander befürchtete nun offenbar, von der Thronfolge ausgeschlossen zu werden. Schließlich floh er mit seiner Mutter über Epeiros nach Illyrien. Nach einem halben Jahr kehrte er nach Pella zurück, doch seine Thronfolge blieb weiterhin unsicher. Philipp wurde im Sommer 336 v. Chr. in der alten Hauptstadt Aigai (auch bekannt als Vergina) während der Hochzeit seiner Tochter Kleopatra mit dem König Alexander von Epeiros von dem Leibgardisten Pausanias ermordet.Anonyme Chronik in: Bernard P. Grenfell, Arthur S. Hunt (Hrsg.): The Oxyrhynchus Papyri. Part I, London 1898, S. 25–36, hier: S. 27, Spalten III.13-IV.1 (Volltext als PDF). Das Motiv des Täters scheint offensichtlich: Pausanias, den Freunde Alexanders sofort nach der Tat erschlugen, war ein Vertrauter Philipps gewesen und war von Attalos beleidigt worden; dabei fühlte er sich von Philipp ungerecht behandelt. Es gab aber bald Gerüchte, wonach Alexander als Drahtzieher an der Tat beteiligt gewesen war. Die Mutmaßungen über die Hintergründe des Mordes und über eine Verwicklung von Olympias und Alexander sind weitgehend spekulativ, auch wenn eine Mitwisserschaft nicht ausgeschlossen werden kann.Die antiken Quellen, darunter Plutarch, Alexander 10,5-7 und Justin, Historiarum Philippicarum libri XLIV 9,6-7; 11,2,1-23 sowie Diodor, Bibliothéke historiké 16, 94 – 17, 2 widersprechen sich. Die neuere Forschung wird bei Hans-Joachim Gehrke: Geschichte des Hellenismus. München 2003, S. 144 diskutiert. Regierungsübernahme und Sicherung der Macht (336–335 v. Chr.) mini|Alexander der Große; hellenistisch, 2. bis 1. Jahrhundert v. Chr., griechischer Marmor Im Jahre 336 v. Chr. folgte der zwanzigjährige Alexander seinem Vater auf den Thron.Anonyme Chronik in: Bernard P. Grenfell, Arthur S. Hunt (Hrsg.): The Oxyrhynchus Papyri. Part I, London 1898, S. 25–36, hier: S. 27, Spalten III.13-IV.1 (Volltext als PDF). Dass es keinen nennenswerten Widerstand gab, ist offenbar Antipater zu verdanken, der das Heer dazu bewog, Alexander als König anzuerkennen. Schon in den ersten Tagen ließ er Mitglieder des Hofstaats exekutieren, die das Gerücht gestreut hatten, Alexander habe etwas mit der Ermordung seines Vaters zu tun gehabt. Als Nächstes wandte er sich seinem Erzfeind Attalos zu, der sich auf der Flucht befand, jedoch von seinem Schwiegervater Parmenion getötet wurde. Sowohl Antipater als auch Parmenion standen deswegen lange in Alexanders besonderer Gunst und profitierten nicht unerheblich davon: Antipater blieb während des Asienfeldzugs als Reichsverweser in Makedonien, während Parmenion sich seine Unterstützung mit großem Einfluss im Heer vergelten ließ. Noch 336 ließ sich Alexander in Korinth die Gefolgschaft der griechischen Städte versichern. Die Völker in Thrakien und Illyrien versuchten jedoch, die Situation zu nutzen und die makedonische Herrschaft abzuwerfen. Alexander zog im Frühjahr 335 v. Chr. mit 15.000 Mann nach Norden ins heutige Bulgarien und Rumänien, überquerte die Donau und warf die thrakische Revolte nieder. Anschließend verfuhr er ebenso mit den Illyrern (siehe auch: Balkanfeldzug Alexanders des Großen). Während Alexander im Norden kämpfte, beschlossen die Griechen im Süden, dass dies der Zeitpunkt sei, sich von Makedonien zu befreien. Ihr Wortführer war Demosthenes, der die Griechen davon zu überzeugen versuchte, dass Alexander in Illyrien gefallen und Makedonien herrscherlos sei. Als erste erhoben sich die Einwohner Thebens und vertrieben die makedonischen Besatzungssoldaten aus der Stadt. Alexander reagierte augenblicklich und marschierte direkt von seinem Illyrienfeldzug südwärts nach Theben. Die Phalanx seines Generals Perdikkas eroberte die Stadt, wo Alexander zur Bestrafung sämtliche Gebäude mit Ausnahme der Tempel und des Wohnhauses des Dichters Pindar zerstören ließ. Sechstausend Einwohner wurden getötet, die übrigen 30.000 wurden in die Sklaverei verkauft. Die Stadt Theben existierte nicht mehr und sollte erst zwanzig Jahre später wieder aufgebaut werden, aber nie mehr zur alten Bedeutung zurückfinden. Abgeschreckt von Alexanders Strafgericht brachen die anderen Städte Griechenlands ihre Revolte ab und ergaben sich. Von den Korinthern ließ sich Alexander von neuem die Gefolgschaft versichern und verschonte sie daraufhin, da er sie als Verbündete in seinem Persienfeldzug brauchte. Beginn des Persienfeldzugs (334–333 v. Chr.) mini|hochkant=1.6|Verlauf des Alexanderzuges durch Persien Das Perserreich war zu Alexanders Zeit die größte Territorialmacht der Erde. Die Perserkönige hatten in den zurückliegenden Jahrhunderten die Levante, Mesopotamien, Ägypten und Kleinasien erobert und zwischen 492 und 479 v. Chr. mehrere Versuche unternommen, auch Griechenland zu unterwerfen (siehe Perserkriege). Aus Sicht von Griechen wie Isokrates ebenso wie der älteren Forschung war das Reich aber um 340 v. Chr. geschwächt und hatte seinen Zenit überschritten. In der neueren Forschung wird dies allerdings bestritten; so war den Persern wenige Jahre vor dem Alexanderzug die Rückeroberung des zwischenzeitlich abgefallenen Ägypten gelungen. Ob Persien für die Makedonen eine leichte Beute war, ist daher umstritten. Als sich Alexander 334 v. Chr. dem Perserreich zuwandte,Anonyme Chronik in: Bernard P. Grenfell, Arthur S. Hunt (Hrsg.): The Oxyrhynchus Papyri. Part I, London 1898, S. 25–36, hier: S. 27, Spalten IV.1-7 (Volltext als PDF). wurde dies von Dareios III. aus dem Haus der Achämeniden beherrscht. Schon Alexanders Vater Philipp hatte Pläne für einen Angriff auf die Perser geschmiedet, angeblich, um Rache für die Invasion Griechenlands rund 150 Jahre zuvor zu nehmen, wobei es sich dabei eher um Propaganda handelte und machtpolitische Gründe den Ausschlag gegeben haben dürften.Vgl. dazu Jakob Seibert: „Panhellenischer Kreuzzug“, Nationalkrieg, Rachefeldzug oder makedonischer Eroberungskrieg? Überlegungen zu den Ursachen des Krieges gegen Persien. In: Wolfgang Will (Hrsg.): Alexander der Große. Eine Welteroberung und ihr Hintergrund. Vorträge des Internationalen Bonner Alexanderkolloquiums, 19.–21. Dezember 1996. Bonn 1998, S. 3 ff. Eine Armee unter Parmenion, einem der fähigsten makedonischen Generäle, war bereits über den Hellespont nach Asien gegangen, wurde von den Persern aber zurückgeschlagen. Alexander überschritt den Hellespont im Mai 334 v. Chr. mit einer Armee aus etwa 35.000 Makedonen und Griechen, um in die Kämpfe einzugreifen, während rund 12.000 Makedonen unter Antipatros Makedonien und Griechenland sichern sollten. In der Schlacht am Granikos (Mai 334 v. Chr.) kam es zur ersten Begegnung mit den persischen Streitkräften unter der Führung eines Kriegsrates der Satrapen. Der persische General Memnon von Rhodos, ein Grieche, führte 20.000 in persischen Diensten stehende griechische Söldner, doch konnte er sich im Kriegsrat der Satrapen zugunsten einer defensiven Taktik nicht durchsetzen. Alexander errang auch aufgrund einer ungünstigen Aufstellung der Perser einen deutlichen Sieg; Memnon konnte mit einem Teil der Söldner entkommen. Damit wurde die Befreiung der Städte Ioniens möglich, die Alexander als Motiv für seinen Feldzug genannt hatte. Nach dem Sieg übernahm Alexander die politischen und wirtschaftlichen Strukturen der persischen Verwaltung Kleinasiens. In Lydien zog Alexander kampflos in Sardes ein. Er weihte den örtlichen Tempel dem Zeus und nutzte die Reichtümer der Stadt, um seine Männer zu bezahlen. Dann zog er weiter nach Ephesos. Dort war kurz zuvor Memnon mit den Resten der Söldner vom Granikos hindurchgezogen und hatte Unruhen unter den städtischen Parteien entfacht. Alexander ließ die alten Institutionen wiederherstellen und regelte die Befugnisse des Tempels der Artemis. Nach einer Ruhe- und Planungspause brach der König mit dem Gros des Heeres nach Milet auf, der größten Stadt an der Westküste Kleinasiens. Der dortige Satrap kapitulierte als Einziger nicht, da ihm die Ankunft einer persischen Hilfsflotte von 400 Schiffen versprochen worden war. Da auch Alexander von dieser Flotte gehört hatte, wies er Nikanor an, mit 160 Schiffen die Einfahrt zur Bucht von Milet zu versperren. Anschließend gelang ihm die Einnahme der Stadt (Belagerung von Milet). Die Perser, die immer noch unter dem Befehl Memnons standen (allerdings hatten Unstimmigkeiten im persischen Oberkommando einen effektiven Widerstand erschwert), sammelten sich nun in Halikarnassos, der Hauptstadt Kariens, und bereiteten die Stadt auf eine Belagerung vor (→ Belagerung von Halikarnassos). Die Kämpfe waren für Alexander sehr verlustreich. Zwischenzeitlich handelte er einen Waffenstillstand aus, um die makedonischen Gefallenen zu bergen – etwas, was er nie zuvor getan hatte und nie wieder tun sollte. Als er letztlich die Mauern durchbrach, entkam Memnon mit dem Großteil seiner Soldaten auf Schiffen aus der fallenden Stadt. Indem Alexander der karischen Satrapentochter Ada die Herrschaft über Halikarnassos versprach, sicherte er sich das Bündnis mit dem Volk Kariens. Manche Quellen sprechen davon, dass Ada Alexander adoptierte. Hier zeigte Alexander erstmals seine Taktik, Großzügigkeit gegenüber besiegten Völkern walten zu lassen, um sie nicht gegen die Makedonen aufzubringen. Das ursprüngliche Ziel des Persienfeldzugs, die Eroberung der Westküste Kleinasiens, war hiermit erreicht. Dennoch beschloss Alexander, die Expedition fortzusetzen. Entlang der Küsten Lykiens und Pamphyliens traf die makedonisch-griechische Streitmacht auf keinerlei nennenswerten Widerstand. Eine Stadt nach der anderen ergab sich kampflos. Alexander ernannte seinen Freund Nearchos zum Statthalter von Lykien und Pamphylien. Im Winter 334/333 v. Chr. eroberte Alexander das anatolische Binnenland. Er stieß vom Süden vor, sein General Parmenion von Sardes im Westen. Die beiden Armeen trafen sich in Gordion. Hier soll Alexander der Große der Legende nach den Gordischen Knoten mit seinem Schwert durchschlagen haben, über den ein Orakel prophezeit hatte, nur derjenige, der diesen Knoten löse, könne die Herrschaft über Asien erringen. Es gibt aber auch die Version, dass Alexander mit der Breitseite des Schwertes auf die Wagendeichsel schlug, so dass der Druck den Knoten auseinanderriss. Die Makedonen blieben einige Zeit in Gordion, um Nachschub an Männern und die Einfuhr der Ernte abzuwarten. Während dieser Zeit starb Memnon, der Befehlshaber der persischen Armee, im August 333 v. Chr. an einer Krankheit. Zu seinem Nachfolger wurde Pharnabazos ernannt, und da sich die Perser bereits wieder formierten, brach Alexander erneut auf. In Gordion ließ er seinen General Antigonos als Statthalter Phrygiens zurück und übertrug ihm die Aufgabe, den Norden Anatoliens zu unterwerfen und die Nachschubwege zu sichern. Durch Kappadokien marschierte Alexanders Heer nach Kilikien. Dort nahm er nach einem kurzen Gefecht die Hauptstadt Tarsos ein, wo er bis zum Oktober blieb. Schlacht bei Issos (333 v. Chr.) mini|hochkant=1.5|Alexander kämpft bei Issos Perser nieder, Detail vom „Alexandersarkophag“ In Tarsos erfuhr Alexander, dass Dareios III. die Bedrohung endlich ernst genug nahm, um selbst ein Heer aus dem persischen Kernland nach Westen zu führen. Plutarch zufolge war dieses persische Heer 600.000 Mann stark – eine Angabe, die sicherlich maßlos übertrieben ist: Der berühmte Althistoriker Karl Julius Beloch, der den Quellen immer sehr skeptisch gegenüberstand, schätzte die tatsächliche Zahl der Perser auf höchstens 100.000, die Stärke des makedonischen Heeres dagegen auf ca. 25.000 bis 30.000 Mann.Karl Julius Beloch: Griechische Geschichte. 2. Auflage, Band 3.2, S. 361; vgl. Siegfried Lauffer: Alexander der Große. 4. Auflage, München 2004, S. 77. Dareios gelang es, Alexanders Armee im Norden zu umgehen und Issos zu besetzen, wodurch er die Nachschubwege blockierte. Auch ließ Dareios die in Issos zurückgebliebenen Verwundeten töten. In der Schlacht bei Issos trafen die Armeen im Kampf aufeinander, bis Dareios aufgrund der großen Verluste der Perser vom Schlachtfeld floh. Die Makedonen beklagten 450 Tote und 4000 Verwundete. Unbekannt sind die persischen Verluste, sie dürften aber weit höher gewesen sein. Insgesamt hatte die persische Führung während der Schlacht mehrere Fehler begangen, angefangen bei der Aufstellung – man hatte auf die Umgruppierungen Alexanders nicht reagiert. Auch als Symbol kam der Schlacht große Bedeutung zu: Dareios hatte sich als seinem Gegner nicht gewachsen gezeigt. Zur Sicherung des Lagers der Perser sandte Alexander seinen General Parmenion nach Damaskus. Neben dem reichen Kriegsschatz befanden sich hier auch mehrere Mitglieder der königlichen Familie.Curtius, Historiae Alexandri Magni Macedonis 3,12,27–13,16. Zu den Gefangenen, die in die Hände der Makedonen fielen, gehörten die Mutter des Dareios, seine Frau Stateira, ein fünfjähriger Sohn und zwei Töchter. Alexander behandelte sie mit Respekt. Außerdem wurde Barsine gefangen genommen, die Witwe des Memnon. Es kam zu einer Liebesaffäre zwischen Alexander und Barsine, aus der später ein Sohn hervorgehen sollte, der Herakles genannt wurde. Schon bald bat Dareios Alexander um den Abschluss eines Freundschaftsvertrags und die Freilassung seiner Familie. Alexander antwortete, Dareios solle zu ihm kommen und Alexander als „König von Asien“ anerkennen, dann würde seine Bitte erfüllt; andernfalls solle er sich auf den Kampf vorbereiten. Nach der Schlacht gründete Alexander die erste Stadt in Asien, die er nach sich benannte: Alexandretta, das heutige İskenderun. Hier siedelte er die 4000 Verwundeten der Schlacht an. Lage nach der Schlacht von Issos Der Ausgang der Schlacht überraschte die antike Welt. Die Erwartungen der Herrscher von Karthago, in Italien, Sizilien, von Sparta bis Zypern, die Kalkulationen der Handelsherren im westlichen Mittelmeerraum, in Athen, auf Delos und in Phönizien erfüllten sich nicht: „… statt der erwarteten Siegesnachricht aus Kilikien kam die von der gänzlichen Niederlage des Großkönigs, von der völligen Vernichtung des Perserheeres.“Johann Gustav Droysen: Geschichte Alexanders des Großen. München 1954 (Nachdruck), S. 185. Auch die Delegationen aus Athen, Sparta und Theben, die im Hauptquartier des Großkönigs in Damaskus den Verlauf der Feldzüge verfolgten, wurden von Alexanders Feldherrn Parmenion gefangen gesetzt. Alexander selbst widerstand der Versuchung, den Krieg durch einen Marsch nach Babylon rasch zu entscheiden, doch hatte er es nicht einfach, seine Befehlshaber und Gefährten von einer Defensivstrategie zu überzeugen. Nach wie vor beherrschte die persische Flotte das östliche Mittelmeer – sie verfügte zwar über keine Häfen mehr in Kleinasien, jedoch nach wie vor in Phönizien. Durch die Münzgeldtribute hier waren die finanziellen Mittel der Perser noch wenig eingeschränkt, und auch Ägypten stand ihnen noch als logistische und militärische Basis zur Verfügung. Die kommenden Winterstürme ließen zwar keine Flottenunternehmungen mehr erwarten und damit auch keine Gefahr einer raschen Erhebung der Griechen gegen Makedonien – insbesondere des Spartanerkönigs Agis IV. Allerdings kam es nun auch auf das Verhalten der phönizischen Geschwader an, die einen Großteil der persischen Flotte stellten. Zwar verblieben sie in dieser Jahreszeit noch in der Fremde, doch nahm Alexander an, dass er diese Kontingente durch eine sofortige Besetzung ihrer Heimatstädte zumindest neutralisieren könne. Johann Gustav Droysen kommentiert: „Auch die kyprischen Könige glaubten, für ihre Insel fürchten zu müssen, sobald die phönikische Küste in Alexanders Gewalt war.“Johann Gustav Droysen: Geschichte Alexanders des Großen. München 1954 (Nachdruck), S. 186. Nach einer Besetzung Phöniziens und Ägyptens könne dann ein Feldzug nach Asien von einer gesicherten Basis aus geführt werden, obwohl die Perser natürlich auch Zeit für neue Rüstungen gewannen. Die Versammlung stimmte Alexanders Plan zu. Die Schlacht von Issos hatte noch keine grundsätzliche Entscheidung gebracht: Entgegen den Erwartungen wurde das makedonische Heer nicht vernichtet, und Alexander besaß mit der persischen Kriegskasse in Damaskus die Mittel zur Fortführung des Feldzuges. Eingezogen wurden in Damaskus „2600 Talente in Münzgeld und 500 Pfund Silber“, die „(ausreichten), alle Soldschulden der Armee und Sold für etwa sechs weitere Monate zu bezahlen …“Robin Lane Fox: Alexander der Große. Stuttgart 1974, S. 229. Belagerung von Tyros und das zweite Angebot des Dareios (332 v. Chr.) Während die Städte in der nördlichen Hälfte Phöniziens – Marathos, Byblos, Arados, Tripolis und Sidon – sich dem Makedonen bereitwillig ergaben, war die dominierende Handelsmetropole Tyros allenfalls zu einem Vergleich bereit. Sie baute dabei auf ihre Insellage knapp vor der Küste, auf ihre vor Ort verfügbare eigene Flotte und die Unterstützung ihrer mächtigen Tochterstadt Karthago. Nachdem Alexander der Zutritt zur Stadt verwehrt worden war – sein Prüfstein war das Verlangen nach einem Opfer im Tempel des Stadtgottes Melkart, des tyrischen Herakles –, brach der König die Verhandlungen ab. Er beschloss, Tyros um jeden Preis einzunehmen, denn er plante schon den Vorstoß nach Ägypten und wollte eine feindliche Stadt, die sowohl mit den Persern als auch mit rebellischen Kräften in Griechenland kooperieren würde, nicht unbezwungen in seinem Rücken lassen. Eine von Arrian überlieferte angebliche Rede Alexanders vor seinen Offizieren, in der die strategischen Überlegungen erläutert werden, ist allerdings eine literarische Fiktion, die auf der Kenntnis des späteren Verlaufs des Feldzugs beruht.Johann Gustav Droysen: Geschichte Alexanders des Großen. hrsg. von Armin Hohlweg u. a., Neuried 2004 (Nachdruck der Ausgabe Gotha 1877), S. 272f. (und Anmerkung 274 der Herausgeber). Vor dem Beginn der Belagerung bot Alexander den Tyrern Schonung an, falls sie kapitulierten. Sie töteten jedoch seine Unterhändler und warfen die Leichen von den Stadtmauern. Damit war der Weg zu einer Einigung endgültig versperrt.Robin Lane Fox: Alexander der Große. Stuttgart 1974, S. 240. Ohne Flotte blieb nur die Möglichkeit eines Dammbaues durch das zumeist seichte Gewässer, das die vorgelagerte Inselstadt von der Küste trennte, und der Versuch, mit Belagerungsmaschinen Teile der Mauern zu zerstören. Die Finanzierung dieser aufwendigen Methode, die eine entwickelte Technik und die dafür entsprechenden Materialien und Fachkräfte erforderte, konnte Alexander durch die Beute aus dem persischen Hauptquartier in Damaskus bewerkstelligen. Ein erster Dammbau wurde von den Tyrern erfolgreich bekämpft: Es gelang ihnen bei stürmischem Wetter mit einem Brander die zwei Belagerungstürme an der Spitze des Dammes zu entzünden und durch Begleitschiffe mit Geschützen jeden Löschversuch zu vereiteln. Der Sturm riss zudem den vorderen Teil des Dammes weg. Der Vorfall löste im makedonischen Heer vorübergehende Entmutigung aus. Dazu trafen Gesandte des Dareios ein und überbrachten ein neues Friedensangebot des Großkönigs, das Alexander „den Besitz des Landes diesseits des Euphrat“, 10.000 Talente Lösegeld für seine bei Issos gefangene Mutter Sisygambis und seine Gemahlin Stateira sowie die Hand seiner ebenfalls gefangenen Tochter Stateira anbot. Im Anschluss spielte sich ein vermutlich von Kallisthenes von Olynth, den Alexander als Hofhistoriker mit auf den Feldzug genommen hatte, verbreitetes Gespräch ab: Der Befehlshaber Parmenion meinte, wäre er Alexander, so würde er akzeptieren. Alexander entgegnete, das würde er auch tun, wenn er Parmenion wäre. Alexander ließ Dareios mitteilen, er, Alexander, werde sich nehmen, was er wolle; wenn Dareios etwas von ihm erbitten wolle, solle er zu ihm kommen.Arrian, Anabasis 2,25. Der Damm wurde in größerer Breite wiederhergestellt und mit neuen Türmen versehen. In der Zwischenzeit – nach den Winterstürmen – trafen auch die phönizischen Flottenkontingente und die Geschwader der Könige von Zypern in ihren Heimathäfen ein und standen nun Alexander zur Verfügung; insgesamt 250 Schiffe, darunter auch Vier- und Fünfruderer. Diese Bundesgenossenschaft lag auch in der Feindschaft der kleineren Städte Phöniziens gegen Tyros begründet: Die Metropole hatte zwanzig Jahre zuvor zwar einen Aufstand unter Führung von Sidon gegen die Perser befürwortet und Hilfe zugesagt, dann jedoch den Verlauf der Auseinandersetzungen abgewartet und war von den Persern für diese Haltung belohnt worden. Nach der Niederschlagung der Erhebung und der Zerstörung von Sidon errang Tyros die Vorherrschaft unter den phönizischen Handelsstädten. Während die neu gewonnene Flotte ausgerüstet wurde, unternahm Alexander eine Expedition durch das küstennahe Gebirge des Antilibanon, um die Festungen von Gebirgsstämmen zu bezwingen, den Nachschub (Holz für den Maschinenbau) und die Verbindung nach Damaskus zu sichern. Die Karthager konnten den Tyrern nicht helfen, da sie sich im Krieg mit Syrakus befanden.Alexander Demandt: Alexander der Große. Leben und Legende. München 2009, S. 155. Demandt führt dazu an: Diodor, Bibliothéke historiké 17, 40, 41; 17, 46, 4; Curtius Rufus, Historiae Alexandri Magni Macedonis 4, 15; Justin, Historiarum Philippicarum libri XLIV 11, 10, 14. Nach weiteren wechselvollen Kämpfen um die Stadtmauern und zur See, die die Tyrer immer mehr Schiffe kosteten, war die Zeit zum Sturmangriff reif. Alexander beschloss einen kombinierten Land- und Seeangriff. Auf der durch den Damm erreichbaren Seite gelang es, Breschen in die Mauern zu schlagen und ein Landeunternehmen durchzuführen. Die phönizischen Schiffe sprengten die Sperrketten im Südhafen und bohrten die dort liegenden Schiffe in den Grund, die zyprische Flotte verfuhr ebenso im Nordhafen – dort gelang es den Truppen, zusätzlich in die Stadt einzudringen. Die überlieferte Zahl von 8000 Gefallenen der Stadt soll sich auf die gesamte Belagerungszeit beziehen.Nicholas Hammond: Alexander der Große. Berlin 2004, S. 146. Ob die anschließende angebliche Kreuzigung von 2000 Kämpfern den Tatsachen entspricht, ist umstritten. Im Vorfeld des letzten Angriffes ließ Alexander Schiffe der Karthager und seiner verbündeten Phönizier zur Evakuierung der Bevölkerung passieren.Johann Gustav Droysen: Geschichte Alexanders des Großen. München 1954 (Nachdruck), S. 199; Robin Lane Fox: Alexander der Große. Stuttgart 1974, S. 250. In Heiligtümer oder Tempel Geflüchtete wurden verschont. Zahlreiche Einwohner – die überlieferte Zahl von 30.000 gilt allerdings als stark übertrieben – wurden in die Sklaverei verkauft.William Linn Westermann: The Slave Systems of Greek and Roman Antiquity. Philadelphia 1955, S. 28. Das war in der Antike eine gängige Praxis, um die Kriegskassen aufzufüllen. Alexander soll allerdings sehr selten zu diesem Mittel gegriffen haben, da er die Bevölkerung für sich gewinnen wollte, denn er konnte sich eine ständige Bedrohung durch Aufständische in seinem kaum durchgängig besetzbaren Hinterland nicht leisten. Tyros wurde wieder aufgebaut und neu besiedelt, um unter makedonischer Hoheit die beherrschende Position in Phönizien zu sichern. Die Nachricht von diesem mit modernster Kriegstechnik errungenen Sieg – die Belagerungstürme sollen eine Höhe von 45 Metern erreicht haben – machte in der antiken Welt weit über die betroffene Region hinaus einen starken Eindruck.Johann Gustav Droysen: Geschichte Alexanders des Großen. München 1954 (Nachdruck), S. 199. Eroberung von Gaza Alexander, der während der Belagerung auch die Verwaltung und Logistik in den neu gewonnenen Gebieten ordnete, „brach etwa Anfang September 332 von Tyros auf.“Zeitangabe nach Johann Gustav Droysen: Geschichte Alexanders des Großen. München 1954 (Nachdruck), über die exakte Datierung gibt es unterschiedliche Angaben. Die Städte und Stämme im südlichen Syrien ergaben sich bis auf die Hafenstadt Gaza. Die Stadt war seit Jahrhunderten der Hauptumschlagplatz des Gewürzhandels. Mit einer Eroberung Gazas konnte Alexander einen der lukrativsten Handelsbereiche zwischen Ost und West unter seine Kontrolle bringen, doch standen den Makedonen dort nicht nur eine recht starke persische Garnison, deren Kommandeur, ein Eunuch namens Batis, als gegenüber Dareios besonders loyal galt, sondern auch arabische (nabatäische) Söldnertruppen gegenüber. Gaza konnte sich rund zwei Monate halten und wurde erst nach harten Kämpfen erobert, bei denen Alexander selbst verwundet wurde. Wie zuvor im Fall von Tyros verhielt sich Alexander nach seinem Sieg gnadenlos gegenüber den Verteidigern. Möglicherweise ist der erbitterte persische Widerstand auch auf die Strategie des Dareios zurückzuführen, sich im Westen so viel Zeit wie möglich zu erkaufen, um im Osten weitere Truppen für den Kampf gegen Alexander zu sammeln.Zur Eroberung Gazas und den Hintergründen vgl. Waldemar Heckel: The Conquests of Alexander the Great. Cambridge 2007, S. 68ff. Dass der Kommandant Batis nach der Eroberung wie Hektor durch Achilles vor Troja um die Stadt geschleift worden sein soll, wird angezweifelt.Nicolas Hammond: Alexander der Große. Berlin 2004, S. 148: „Diese Version ist zu verwerfen.“ Historisierende Ausschmückungen sind meist Curtius Rufus, der sich auf Kleitarchos bezog, zuzuordnen. Diese ‚Vulgata‘ genannte, „einer einzigen Tradition folgende Darstellung, hier Kleitarchos […] machte Alexander (erst) zu der umstrittenen Person, deren Beurteilung das antike Publikum und die modernen Historiker spaltete“ (Wolfgang Will: Alexander der Große, Darmstadt 2009, S. 12). In der Zeit des Römers Curtius „… (konnte) die zeitgenössische Kritik an den römischen Kaisern im 1. Jhdt. n. Chr. nur heimlich geäußert werden … und (sich) an Alexander […] – stellvertretend – offen zeigen“ (Wolfgang Will: Alexander der Große, Darmstadt 2009, S. 13). mini|Griechische Triere um 400 v. Chr. Einen unmittelbaren Gewinn konnte sich Alexander von einer Eroberung nicht versprechen, denn die Gewürzhandelsgeschäfte des Jahres waren abgeschlossen, da „die Route nur einmal im Jahr befahren wurde.“ Wetterverhältnisse und „Orientierungsschwächen beschränkten die Aktivitäten mediterraner Seefahrt auf das halbe Jahr zwischen Mai und Oktober, in dem das Wetter in der Regel verläßlich gut war. […] Faktisch lag der Zeitpunkt Mitte August (Hesiod, 700 v. Chr.), denn es stand auch noch die Rückreise an.“ Organisiert war diese Fahrt bis in die Spätantike als riesiges „Kauffahrtgeschwader“ zuerst entlang der östlichen Küsten – vor allem Kornfrachter, Sklaven- und Baumaterial-Transporten sowie Postschiffen und anderen, die dann übers Meer von Kriegsschiffen begleitet wurden.Frank Rainer Scheck: Die Weihrauchstraße. Von Arabien nach Rom – auf den Spuren antiker Weltkulturen. Bergisch Gladbach 1998, S. 293–296. Durch die Belagerung von Tyros waren die Handelsunternehmen 332 v. Chr. schon stark beeinträchtigt worden. Alexander nahm sofort den Hafen von Gaza zum Antransport der zerlegten Belagerungsmaschinen in Beschlag. Die Stadt selbst lag nahe dem Meer auf einem flachen Hügel.Frank Rainer Scheck: Die Weihrauchstraße. Bergisch Gladbach 1998, S. 281. Gaza war auch der letzte freie Ankerplatz für die persische Flotte in Syrien und somit auch an der kompletten östlichen Mittelmeerküste. Die Flotte war mittlerweile in Auflösung begriffen, da die griechischen Kontingente nun ebenfalls – klimabedingt – im Herbst in ihre Heimathäfen zurück segelten. Es wird davon ausgegangen, dass der Gewürztransport nach Gaza danach in der „Felsenstadt“ Petra – der davor liegenden Station der Weihrauchstraße – angehalten wurde. Petra war „zentrales Weihrauchlager“, da die Stadt in einem Talkessel gewaltige Lagerhallen (Höhlen) besaß. „In Petra saßen die Ökonomen, die kontrollierten, was sie zu welchem Preis an die mediterranen Küsten bringen wollten.“Frank Rainer Scheck: Die Weihrauchstraße. Bergisch Gladbach 1998, S. 279. Für 332 war das Geschäft allerdings schon gelaufen. Den jahreszeitlichen Bedingungen zufolge kehrten im Herbst auch die Kauffahrtsflotten zurück und trafen in Phönizien überall in Häfen ein, die von den Makedonen kontrolliert wurden. Die Auflösung der persischen Kriegsflotte im Herbst war ebenfalls eine Routineangelegenheit, doch war es allen Beteiligten klar, dass die Kontingente auf Grund der makedonischen Besetzung sämtlicher Festlandshäfen im östlichen Mittelmeer im nächsten Frühjahr nicht wieder unter persischem Kommando zusammengeführt werden würden. Seekrieg (332 v. Chr.) Während Alexander mit dem Heer 332 v. Chr. den größten Teil des Jahres mit Belagerungen zur Vervollständigung seiner Blockade der persischen Seemacht verbrachte – und dabei die phönizischen Hafenstädte und ihren Handel unter seine Kontrolle nahm –, war die Flotte der Perser durch den bereits im Frühjahr erfolgten Abzug der phönikischen und kyprischen Kontingente geschwächt und verhielt sich defensiv. Die persischen Admirale Pharnabazos und Autophradates versuchten – meist mit Hilfe begünstigter oder eingesetzter Machthaber – die wichtigsten Inseln unter ihrer Kontrolle zu behalten. In Griechenland, das Alexanders Statthalter Antipater bis auf die Peloponnes fest im Griff hatte, rührte sich kein Widerstand. Lediglich der Spartanerkönig Agis III. setzte noch auf die persische Karte und hatte Kreta durch seinen Bruder und Mitregenten Agesilaos besetzen lassen. Doch schon im Vorjahr, noch während des Aufenthalts in Gordion 333 v. Chr., hatte Alexander „Amphoteros, den Bruder des Orestiden Krateros“ beauftragt, „‚in Übereinstimmung mit den Abmachungen des Bündnisses‘ eine neue griechische Flotte auszurüsten.“ Dank „der erbeuteten Schätze aus Sardis“Robin Lane Fox: Alexander der Große. Stuttgart 1974, S. 198 f. gelangen die Anfänge dazu und nach dem Sieg bei Issos und dem darauf folgenden Winter, der keine Flottenunternehmungen zuließ, stand Alexanders neue Flotte im Frühjahr 332 v. Chr. bereit. Nun konnten die makedonischen Nauarchen Hegelochos und Amphoteros ihrerseits systematisch die Inseln besetzen – von Tenedos und Chios (wo der persische Admiral Pharnabazos mit der Besatzung von 15 Trieren in Gefangenschaft geriet) – bis nach Kos und schließlich Lesbos. Dort handelte der athenische Söldnerführer Chares mit zweitausend Mann freien Abzug aus und begab sich nach Tainaron, dem Hafen und Söldnermarkt südlich von Sparta. Amphoteros unterwarf zuletzt noch die kretischen Stützpunkte, während Hegelochos bereits nach Ägypten steuerte, „um selbst die Meldung vom Ausgang des Kampfes gegen die persische Seemacht zu überbringen, zugleich die Gefangenen abzuliefern […] So war mit dem Ausgang des Jahres 332 der letzte Rest einer persischen Seemacht, die das makedonische Heer im Rücken zu gefährden und dessen Bewegungen zu hindern vermocht hätte, vernichtet.“Johann Gustav Droysen: Geschichte Alexanders des Großen. München 1954 (Nachdruck), S. 211 f. Besetzung Ägyptens (332–331 v. Chr.) Nach der Eroberung von Gaza machte sich Alexander mit einem Teil seines Heeres auf den Weg nach Ägypten. Ägypten war in den vorangegangenen sieben Jahrzehnten mehrfach von den Persern angegriffen und besetzt worden und ging ihnen regelmäßig durch Aufstände wieder verloren. Erst seit drei Jahren war es wieder in der Hand des Großkönigs, doch „Ägypten war von Truppen entblößt, weil der Satrap Sabakes mit einem großen Aufgebot nach Issos gekommen und selbst dort gefallen war. […] Mazakes, vom Großkönig […] zum (neuen) Satrapen ernannt, konnte nicht an Widerstand denken.“Günther Hölbl: Geschichte des Ptolemäerreiches. Darmstadt 1994, S. 9. Er übergab unter Auslieferung von 800 Talenten für freies Geleit die Grenzfestung Pelusion. Ein Teil der makedonischen Flotte segelte nun den Nil aufwärts zur Hauptstadt Memphis, während sich Alexander mit den Truppen auf dem Landmarsch über Heliopolis dorthin begab. In Memphis opferte Alexander dem ägyptischen Gott Apis, wie er auch den Göttern anderer eroberter Länder Opfer darbrachte, anstatt ihn zu verachten wie der persische Großkönig Artaxerxes III., der den heiligen Stier des Gottes hatte töten lassen. „Als Gegengabe scheint Alexander als Pharao des Oberen und Unteren Ägyptens gekrönt worden zu sein, wenngleich diese Ehrung nur in dem „frei erfundenen“ Alexander-Roman erwähnt wird.“Robin Lane Fox: Alexander der Große. S. 258. Gerhard Wirth, 1973, gibt hierzu die Quelle an: Pseudo-Kallisthenes 1, 34, 2 (S. 24). „Die Krönung kann nicht auf einen Monat genau datiert werden, bestätigt wird sie aber durch die Pharaonentitel, die ihm in ägyptischen Tempelinschriften – etwa auf dem Amun-Tempel von Luxor – zugeschrieben sind.“Text und Bild des Reliefs auf dem Amun-Tempel: Robin Lane Fox: Alexander der Große. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg 2010 (Original 1973), ISBN 978-3-499-62641-8, S. 248. Alexander zog danach am westlichen Nil entlang nordwärts und gründete im Januar 331 v. Chr. an der Mittelmeerküste Alexandria,Siehe auch die anonyme Chronik in: Bernard P. Grenfell, Arthur S. Hunt (Hrsg.): The Oxyrhynchus Papyri. Part I, London 1898, S. 25–36, hier: S. 28, Spalten IV.24–36 (Volltext als PDF-Datei). die bedeutendste all seiner Stadtgründungen. Im März zog Alexander von Paraetonium aus 400 Kilometer südwestwärts durch die Wüste zum Orakel von Siwa, einem dem Gott Amun geweihten Tempel.Anonyme Chronik in: Bernard P. Grenfell, Arthur S. Hunt (Hrsg.): The Oxyrhynchus Papyri. Part I, London 1898, S. 25–36, hier: S. 28, Spalten V.1-4 (Volltext als PDF-Datei). Was er dort an Botschaften empfing, ist unbekannt. Antike Quellen berichten, Alexander habe dort erfahren, dass er der Sohn des Zeus sei; so soll ihn der oberste Priester als „Sohn des Zeus“ begrüßt haben. Jedoch hatte Alexander sich schon vorher als Sohn des Zeus bezeichnet. Womöglich sollte man den religiös-kulturellen Aspekt dieser Reise aber nicht zu sehr gewichten, denn ebenso können ökonomische Gründe eine Rolle gespielt haben, so die Unterwerfung der Kyrenaika und die Kontrolle über die wirtschaftlich wichtigen Karawanenwege in dieser Region.Vgl. Waldemar Heckel, Johannes Heinrichs, Sabine Müller u. a. (Hrsg.): Lexicon of Argead Makedonia. Berlin 2020, S. 472 f. Von Siwa kehrte Alexander nach Memphis zurück, verweilte dort einige Wochen und führte seine Truppen dann zurück nach Palästina. Eroberung des persischen Kernlands (331–330 v. Chr.) Im Mai 331 v. Chr. kehrte Alexander nach Tyros zurück. Er befahl hier den Wiederaufbau der Stadt, die er mit befreundeten Phöniziern wieder besiedeln ließ. 15.000 zusätzliche Soldaten waren im Frühling aus Makedonien entsandt worden, und bei Tyros trafen sie im Juli mit Alexander zusammen. Seine Armee bestand nun aus 40.000 Fußsoldaten und 7000 Reitern. Alexander zog ostwärts durch Syrien und überquerte den Euphrat. Sein Plan mag gewesen sein, von hier aus südwärts nach Babylon zu ziehen, doch eine Armee unter dem persischen Satrapen Mazaios verstellte den Weg. Alexander vermied die Schlacht, die ihn viele Männer gekostet hätte, und zog stattdessen nordwärts. Derweil zog Dareios selbst eine neue große Streitmacht in Assyrien zusammen, und dieses Heer war es, das Alexander treffen wollte. Im September 331 v. Chr. überquerte das Heer den Tigris. Am 20. September, unmittelbar vor der Schlacht, kam es zu einer Mondfinsternis, die die Perser verunsicherte, weil sie sie als schlechtes Omen deuteten. Das Heer Alexanders lagerte 11 Kilometer von der persischen Armee entfernt bei einem Dorf namens Gaugamela, weshalb die folgende Schlacht als Schlacht von Gaugamela bekannt wurde. Am 1. Oktober kam es zum Kampf. Wenngleich das Heer des Dareios auch diesmal den Truppen Alexanders zahlenmäßig weit überlegen war, siegte abermals Alexander. Er vermochte aber nicht, Dareios selbst zu töten oder gefangen zu nehmen. Obwohl dieser damit erneut entkommen war, war seine Armee praktisch vernichtet. Alexander dagegen hatte nun die Herrschaft über Babylonien gewonnen und konnte ungehindert ins reiche Babylon einziehen. Mazaios, der sich nach der Schlacht von Gaugamela nach Babylon zurückgezogen hatte, übergab die Stadt an Alexander, der sie durch das Ischtar-Tor betrat und sich zum „König von Asien“ ausrufen ließ. Während die Griechen die Völker Asiens zuvor als Barbaren verachtet hatten, sah Alexander sie mit anderen Augen. Fasziniert von der Pracht Babylons befahl er die Schonung aller Bauwerke. Alexander verzieh dem persischen Satrapen Mazaios und ernannte ihn zu seinem Statthalter in Babylon. Nach fünfwöchigem Aufenthalt zog Alexander weiter ostwärts, um die großen persischen Städte im Kernland anzugreifen. Susa ergab sich kampflos. Im Januar 330 v. Chr. erreichten die Makedonen die persische Hauptstadt Persepolis. Zahlreiche Einwohner begingen vor seinem Einzug Selbstmord oder flohen. Die ältere Meinung, Alexander habe die Stadt plündern und den Königspalast niederbrennen lassen, ist inzwischen von der jüngeren Quellenkritik relativiert worden. Archäologische Funde bestätigen, dass lediglich die Gebäude, die Xerxes I. errichtet hatte, brannten, was die Darstellung Arrians wahrscheinlicher macht. Verfolgung und Tod des Dareios (330 v. Chr.) mini|hochkant=1.3|Der vom Schlachtfeld fliehende Dareios(Detail aus dem „Alexanderschlacht-Mosaik“) Zwar war Persien nun in Alexanders Hand, doch König Dareios III. war noch immer am Leben und auf der Flucht. Da Alexander mitgeteilt worden war, dass Dareios sich in Medien aufhalte, folgte er seiner Spur im Juni nach Nordwesten nach Ekbatana. Doch auch Dareios’ Anhängerschaft hatte jetzt keine Hoffnung mehr, Persien zurückzugewinnen. Die Vollkommenheit der Niederlage ließ nur die Möglichkeit zu, sich zu ergeben oder zeitlebens zusammen mit Dareios zu fliehen. Bisthanes, ein Mitglied der Königsfamilie, entschied sich, in Ekbatana zu bleiben, wo er Alexander empfing und ihm die Stadt übergab. Alexander zeigte sich wiederum großzügig und ernannte einen Perser zu seinem Statthalter in Medien. In Ekbatana entließ Alexander auch die griechischen Verbündeten und die thessalischen Reiter, was als Zeichen zu verstehen war, dass der vom Korinthischen Bund beschlossene „Rachefeldzug“ damit beendet war. Teile des Bundesheeres wurden jedoch von Alexander als Söldner angeworben. Dareios setzte inzwischen seine Flucht fort. Er hoffte, Zuflucht in Baktrien zu erhalten, wo ein Verwandter namens Bessos Satrap war. Bessos aber setzte Dareios gefangen und schickte einen Unterhändler zu Alexander. Er bot ihm an, Dareios an die Makedonen zu übergeben, wenn im Gegenzug Baktrien frei bliebe. Alexander ging nicht auf die Verhandlungen ein und setzte die Verfolgung fort. Bessos tötete seine Geisel im Juli und floh seinerseits. Die Leiche des Dareios wurde von Alexander nach Persepolis gebracht und dort feierlich beigesetzt. Verfolgung des Bessos (330–329 v. Chr.) In der Zwischenzeit hatte Alexander erkannt, dass er zur Sicherung der Herrschaft über das Perserreich die Unterstützung der persischen Adligen brauchte. Er nutzte Dareios’ Ermordung daher, die Perser zu einem Rachezug gegen Bessos aufzurufen, der sich nun den Namen Artaxerxes gegeben hatte und sich Großkönig von Persien nannte. Die Soldaten waren wenig begeistert davon, dass sie den Tod ihres Erzfeindes vergelten und zudem gemeinsam mit Persern kämpfen sollten. Außerdem war ihnen das Land im Nordosten vollkommen unbekannt. Die dortigen Provinzen Baktrien und Sogdien lagen in etwa auf den Territorien der heutigen Staaten Afghanistan, Usbekistan und Turkmenistan. Im August 330 v. Chr. brach Alexander zu einem neuen Feldzug auf und eroberte zunächst Hyrkanien an der Südküste des Kaspischen Meeres. Unter jenen, die mit Alexander kämpften, war Oxyartes, ein Bruder des Dareios. Statt von Hyrkanien den direkten Weg nach Baktrien zu wählen, zog Alexander über Aria, dessen Satrap Satibarzanes an Dareios’ Gefangennahme beteiligt gewesen war. Alexander eroberte die Hauptstadt Artacoana, verkaufte die Einwohner in die Sklaverei und benannte die Stadt in Alexandreia um; der heutige Name der Stadt ist Herat. Auf seinem weiteren Weg kam es zu einem Zwischenfall, als Philotas, der Sohn des Parmenion, beschuldigt wurde, einen Anschlag auf Alexanders Leben unternommen zu haben. Ob dieser Versuch wirklich unternommen worden war, ist unklar. Vielleicht diente die Affäre Alexander bloß als Vorwand, sich Parmenions zu entledigen, der zum Wortführer seiner Kritiker avanciert war. Sie missbilligten Alexanders Neigung, die Perser zu ehren und ihre Gewänder zu tragen, und sahen dies als Anbiederung an ein barbarisches Volk an. Philotas wurde an Ort und Stelle mit einem Speer getötet. Ein Kurier wurde dann zu den Adjutanten des in Ekbatana gebliebenen Parmenion gesandt. Sie töteten Parmenion auf Alexanders Befehl. Nach beschwerlicher Reise entlang des Flusses Tarnak erreichte Alexander im April 329 das Zentrum des heutigen Afghanistan und gründete Alexandria am Hindukusch (heute Chârikâr). Von hier aus wollte Alexander das Gebirge überschreiten und auf diesem Wege in Baktrien einfallen. Einer Legende zufolge fand man hier den Berg, an den der Titan Prometheus gekettet worden war. Als die Nachricht nach Baktrien gelangte, dass Alexander dabei war, den Hindukusch zu übersteigen, fürchteten die Einwohner von Baktra (heute Balch) die Bestrafung ihrer Stadt und vertrieben Bessos. Die beschwerliche Überquerung des Gebirges hatte die Soldaten indessen gezwungen, manche ihrer Lasttiere zu schlachten. Als sie erschöpft in Baktrien ankamen, wurde das Land ihnen kampflos übergeben. Alexander ernannte seinen persischen Vertrauten Artabazos, den Vater der Barsine, zum Satrapen. Alexander hielt sich nicht lange in Baktra auf und folgte weiterhin Bessos, der nordwärts zum Oxus (Amudarja) geflohen war. Der 75 Kilometer lange Marsch durch wasserlose Wüste wurde vielen zum Verhängnis. Bessos hatte inzwischen alle Schiffe zerstören lassen, mit denen man den Amudarja hätte überqueren können. Die Makedonen brauchten fünf Tage, um genügend Flöße für die Überquerung des Flusses anzufertigen. Dann setzten sie in Sogdien im heutigen Turkmenistan über. Die Begleiter des Bessos wollten nun nicht länger fliehen. Sie meuterten gegen ihn, nahmen ihn gefangen und händigten ihn an Alexander aus. Dieser zeigte sich gnadenlos und ließ Bessos die Nase und die Ohren abschneiden. Anschließend übergab Alexander den Verstümmelten an Dareios’ Bruder Oxyartes, damit er ihn nach Medien an den Ort brächte, wo Dareios ermordet worden war. Dort wurde Bessos gekreuzigt. Alexander ging indessen weiter nach Norden und erreichte die sogdische Hauptstadt Marakanda (heute Samarkand). Das Perserreich unterstand nun Alexander, und niemand außer ihm selbst erhob mehr Anspruch auf den Königstitel über Persien. Alexander in Sogdien (329–327 v. Chr.) mini|hochkant|Alexander-Büste des Lysipp, römische Kopie eines Originals von etwa 330 v. Chr. Nach der Einnahme von Marakanda zog Alexander noch weiter bis zum Syrdarja und gründete dort im Mai 329 v. Chr. die Stadt Alexandria Eschatê („das entfernteste Alexandria“), das heutige Chudschand in Tadschikistan. Etwa gleichzeitig erhob sich die Bevölkerung Sogdiens gegen ihn. Anführer der Rebellion, die Alexander erhebliche Schwierigkeiten bereitete, war ein Mann namens Spitamenes, der zuvor Bessos verraten und an Alexander übergeben hatte. Die Sogdier, die Alexander zunächst begrüßt hatten, nun jedoch sahen, dass eine Fremdherrschaft durch eine andere ersetzt wurde, machten die makedonischen Besatzungen nieder. Alexander zog Truppen zusammen und marschierte von einer rebellischen Stadt zur anderen, belagerte sieben von ihnen und tötete anschließend sämtliche männlichen Einwohner, wohl um ein abschreckendes Exempel zu statuieren. In der Zwischenzeit eroberte Spitamenes Marakanda zurück, doch Alexander gewann die Stadt erneut, wobei Spitamenes allerdings entkam. Da das Heer geschwächt und stark reduziert war, musste Alexander von der Verfolgung ablassen. Im Zorn brannte er Dörfer und Felder jener Bauern nieder, die die sogdische Revolte unterstützt hatten. Für den Winter 329/328 v. Chr. zog er sich nach Baktra zurück und erwartete neue Truppen, die bald darauf aus dem Westen eintrafen und bitter benötigt wurden.Für die Kämpfe in Baktrien vgl. Frank L. Holt: Into the Land of Bones. Alexander the Great in Afghanistan. Berkeley 2005. Im Frühling 328 v. Chr. kehrte Alexander nach Sogdien zurück. Den Quellen zufolge gründete er am Amudarja ein weiteres Alexandria, das vielleicht mit der heutigen Siedlung Ai Khanoum identisch ist. Der Kampf gegen die sogdischen Rebellen dauerte das ganze Jahr. Erst Monate später zeigte sich, dass die Anhänger des Spitamenes ihren Befehlshaber zu verlassen begannen. Das Haupt des Rebellenführers wurde Alexander schließlich im Dezember 328 v. Chr. überbracht. Während der Sieg gefeiert wurde, kam es zu einem Streit zwischen Alexander und seinem General Kleitos. Kleitos, der altmakedonisch gesinnt war, sollte demnächst nach Baktrien aufbrechen. Grund war vermutlich sein Alter, aber Kleitos sah dies als Herabsetzung an. Es ist auch möglich, dass Kleitos bei dieser Gelegenheit die Proskynese kritisierte, ein von Alexander übernommenes persisches Hofritual der Unterwerfung unter den Herrscher. Die Streitenden waren zu diesem Zeitpunkt betrunken, und Kleitos hatte Alexanders Vater Philipp zu loben begonnen. Hierdurch fühlte sich Alexander so beleidigt, dass es zum Streit kam, in dessen Verlauf Alexander vergeblich nach seinen Waffen suchte, da sie vorsichtshalber von einem Leibwächter beiseitegelegt worden waren. Alexander, der möglicherweise Verrat befürchtete, rief in höchster Erregung auf Makedonisch nach einer Lanze, entriss einer Wache eine und tötete mit ihr Kleitos, der ihm am Granikos das Leben gerettet hatte. Als Alexander wieder bei Besinnung war, bereute er diese Tat zutiefst: Es heißt, er solle geklagt und geweint und versucht haben, sich das Leben zu nehmen. Er sah diese Tat jedenfalls als einen seiner schwersten Fehler an. Alexanders Neigung zu übermäßigem Alkoholgenuss, zumeist in allgegenwärtiger Gesellschaft, blieb eine Schwäche, bei der er häufig die Selbstkontrolle verlor. Das gemeinsame Trinken der Männer (Symposion) gehörte fest zum gesellschaftlichen Leben in der griechischen Welt. Im folgenden Jahr 327 v. Chr. eroberte Alexander noch zwei sogdische Bergfestungen. Dann war niemand mehr übrig, der ihm Widerstand hätte leisten können. Zwei Jahre hatten die Sogdier sich gegen Alexander erhoben und ihn in immer neue Scharmützel verwickelt. Nach dieser Zeit waren die meisten von ihnen tot oder versklavt. Bevor Alexander nach Baktrien zurückkehrte, ließ er 11.000 Mann Besatzung in den eroberten Gebieten Sogdiens zurück. Alexander in Baktrien (327 v. Chr.) Zurück in Baktra gab Alexander eine Reihe von Befehlen, die seine makedonische Generalität weiter von ihm entfremdete. Da sich baktrische Reiter bei den Feldzügen in Sogdien als hilfreich erwiesen hatten, befahl Alexander seinen Generälen, 30.000 junge Perser und Baktrier zu Phalanx-Soldaten auszubilden. Auch in die Kavallerie wurden Einheimische integriert. Die Soldaten akzeptierten die Auflagen widerstrebend, denn noch immer trauten sie den Persern nicht. Alexander heiratete in Baktra die sogdische Prinzessin Roxane, Tochter eines Mannes namens Oxyartes (nicht identisch mit dem gleichnamigen Bruder des Dareios). Durch diese politische Heirat gedachte er zur Befriedung Sogdiens beizutragen. Dafür schickte Alexander seine langjährige Geliebte Barsine und den gemeinsamen unehelichen Sohn Herakles fort. Die Heirat war auch eine Beleidigung für Alexanders Verbündeten Artabazos, den Vater der Barsine, seinen Statthalter in Baktrien. Außerdem versuchte Alexander, das persische Hofritual der Proskynese einzuführen: Jeder, der vor den König treten wollte, musste sich vor ihm verbeugen und das Gesicht auf den Boden pressen. Freie Makedonen und Griechen unterzogen sich einer solchen Unterwerfungsgeste allerdings nur vor den Göttern. Es heißt, dass mehrere von Alexanders Generälen sich weigerten, sich derart vor ihm zu erniedrigen. Fortan galt sie nur noch für Perser. Alexanders Anordnungen wurden als so befremdlich empfunden, dass es diesmal zur offenen Revolte unter den griechischen Soldaten zu kommen drohte. Im Rahmen der sogenannten Pagenverschwörung ließ Alexander auch eine Reihe von einstigen Gefolgsleuten hinrichten, darunter seinen Hofbiografen Kallisthenes. Indienfeldzug (326 v. Chr.) mini|hochkant=1.1|Alexander mit Elefantenskalp, Symbol seiner indischen Eroberungen Nach der Eroberung des gesamten Perserreichs fasste Alexander den Beschluss, sein Imperium weiter nach Osten auszudehnen. Indien war für die Griechen ein halblegendäres Land, über das sie kaum etwas wussten. Das Land, das damals Indien genannt wurde, ist nicht identisch mit dem heutigen Staat Indien. Es begann dort, wo Persien endete, im Osten Afghanistans, und umfasste Pakistan und das heutige Indien. Eine definierte Ostgrenze gab es nicht, da kein Reisender jemals weit nach Indien vorgedrungen war. Die westlichsten Teile jenes Indiens hatten zu Zeiten Dareios’ I. zu Persien gehört. Indien war kein geeinter Staat, sondern bestand aus einer Vielzahl von Kleinstaaten. Für den Indienfeldzug gab es keinerlei militärische Notwendigkeit. Die Gründe werden auch heute noch in der Forschung diskutiert, ohne dass bisher eine Einigung erzielt worden wäre. Möglicherweise waren es Alexanders Kriegslust, eine Art irrationales Streben und Sehnsucht nach Erfolgen (pothos) – Arrian spricht davon, Alexander sei „Sklave seines unstillbaren Ehrgeizes“ gewesen.Arrian, Anabasis 7,2. Auch Thesen wie die von dem Bestreben, seine Autorität durch immer neue militärische Siege zu festigen, werden angeführt.Einen knappen Überblick bietet etwa Albert Brian Bosworth: The Indian campaigns. 327–325 B.C. In: J. Roisman (Hrsg.): Brill’s Companion to Alexander the Great. S. 159–168. Vgl. Bosworth: Alexander, Euripides, and Dionysos. The motivation for apotheosis. In: Robert W. Wallace, Edward M. Harris (Hrsg.): Transitions to empire. Essays in Greco-Roman history, 360–146 B.C. Oklahoma 1996, S. 140–166; Johannes Hahn (Hrsg.): Alexander in Indien, 327–325 v. Chr. Stuttgart 2000. Auch seine Neugier und sein Forscherdrang, auf die es in den Quellen zahlreiche Hinweise gibt, spielten eine Rolle.Richard Stoneman: The Greek Experience of India. From Alexander to the Indo-Greeks. Princeton University Press, Princeton / Oxford 2019, ISBN 978-0-691-15403-9, S. 36–42 mit einer Diskussion der Quellen und der Forschungsdebatte zu Alexanders proto-wissenschaftlichen Interessen. Anfang des Jahres 326 v. Chr. stieß Alexander mit zwei Heeren ins Tal des Flusses Kabul vor, das damals ein Teil Indiens war. Der Vorstoß war von besonderer Grausamkeit gekennzeichnet. Immer seltener ließ Alexander gegenüber eroberten Regionen Großmut walten. Städte und Dörfer wurden zerstört und ihre Bevölkerung ermordet. Die zwei Armeen trafen einander am Indus. Alexander machte das Land zwischen Kabul und Indus zur Provinz Gandhara und ernannte seinen Gefolgsmann Nikanor zu deren Statthalter. Am anderen Ufer des Indus wurden Alexanders Truppen von Omphis empfangen, dem König von Taxila, das etwa 30 Kilometer vom heutigen Islamabad entfernt lag. Hier traf Alexanders Zug eine Gruppe nackter indischer Weiser, die die Makedonen Gymnosophisten nannten. Darunter war Kalanos, den Alexander aufforderte, ihn auf seinen weiteren Feldzügen zu begleiten. Kalanos stimmte zu und wurde Alexanders Ratgeber; offensichtlich war er bei den kommenden Verhandlungen mit indischen Führern sehr von Nutzen. Vom Hof des Omphis aus rief Alexander die anderen Staaten des Punjab auf, sich ihm zu unterwerfen und ihn als Gott anzuerkennen. Dies verweigerte Poros, der König von Pauravas, das von Taxila durch den Fluss Hydaspes (heute Jhelam) getrennt war. Im Mai überquerte Alexander während eines Platzregens den Hydaspes und besiegte eine berittene Einheit unter dem Sohn des Poros. Die Griechen und Perser zogen weiter ostwärts. Zahlenmäßig waren sie dem kleinen Heer des Poros, das sie erwartete, überlegen, doch kamen sie in dem üppig bewaldeten Land mit seinen ständigen Regenfällen schwer zurecht. Außerdem waren Berichte zu ihnen gedrungen, dass Poros eine Einheit von 85 bis 200 Kriegselefanten unterhielt. Diese kannten die Makedonen nur aus der Schlacht von Gaugamela, wo Dareios III. etwa 15 dieser Tiere eingesetzt hatte.Constanze Kindel: Meuterei im Land der Elefanten. In: GEO-Epoche. Nr. 63, 2013, S. 116–128. In der Schlacht am Hydaspes wurden die Inder besiegt. In dieser Schlacht soll Alexanders Pferd Bukephalos im Hydaspes zu Tode gekommen sein, obwohl andere Quellen sagen, es sei schon vor der Schlacht an Altersschwäche eingegangen. Seinem langjährigen Reittier zu Ehren gründete Alexander die Stadt Bukephala (heute wahrscheinlich Jhelam in Pakistan). Poros wurde begnadigt und zu Alexanders Statthalter in Pauravas ernannt. Weiter im Osten am Ganges lag das Königreich Magadha, das selbst den Menschen des Punjab kaum bekannt war. Alexander wollte auch dieses Land erobern. Bei heftigem Monsunregen quälte sich die weitgehend demoralisierte Armee ostwärts und hatte einen Hochwasser führenden Fluss nach dem anderen zu überqueren. Ende Juli stand die Überquerung des Hyphasis (heute Beas) an, und von Magadha waren die Soldaten noch weit entfernt. Hier meuterten die Männer und weigerten sich weiterzugehen; ihr einziges Bestreben war die Heimkehr. Alexander war außer sich, wurde aber letztlich zur Umkehr gezwungen. Am Ufer des Hyphasis gründete er ein weiteres Alexandreia und siedelte hier viele Veteranen an, die damit wenig Hoffnung hegen durften, jemals wieder nach Griechenland zurückzukehren. Rückkehr nach Persien (326–325 v. Chr.) Der beschwerliche Rückweg zum Hydaspes dauerte bis zum September. In Bukephala war mit dem Bau von 800 Schiffen begonnen worden, die den Fluss abwärts zum Indischen Ozean segeln sollten. Dies waren jedoch nicht genug, um Alexanders gesamte Armee zu transportieren, so dass Fußsoldaten die Schiffe am Ufer begleiten mussten. Im November brachen sie von Bukephala auf, doch nach zehn Tagen trafen sie am Zusammenfluss des Hydaspes mit dem Acesines (heute Chanab) auf Stromschnellen, in denen mehrere Schiffe kenterten und viele Griechen ihr Leben verloren. Der weitere Weg führte durch indische Staaten, die Alexander nicht unterworfen hatte. Immer wieder wurde das Heer angegriffen, und die Perser und Griechen zerstörten Städte und Dörfer, wo sie ihnen in den Weg kamen. Im Kampf gegen die Maller wurde Alexander bei der Erstürmung einer Stadt (vielleicht MultanZur Lokalisierung vgl. Siegfried Lauffer: Alexander der Große. 4. Auflage, München 2004, S. 155 Anmerkung 19.) durch einen Pfeil schwer verletzt. Das Geschoss drang in seine Lunge; obwohl Alexander überlebte, sollte er den Rest seines Lebens unter den Folgen dieser Verwundung leiden. Vom Krankenlager aus befahl er, dass am Zusammenfluss von Acesines und Indus ein weiteres Alexandreia (nahe dem heutigen Uch) gegründet und Roxanes Vater Oxyartes zum Statthalter der neuen Provinz ernannt werden solle. Als Nächstes griff Alexander die Staaten von Sindh an, um seiner Armee den Weg nach Süden freizukämpfen. Die Könige Musikanos, Oxykanos und Sambos wurden unterworfen. Musikanos, der später eine Rebellion anzettelte, wurde letztlich gekreuzigt. Erst als der Monsun wieder einsetzte, erreichte das Heer 325 v. Chr. die Indusmündung und den Indischen Ozean. Alexander gründete hier die Stadt Xylinepolis (heute Bahmanabad) und machte die Flotte gefechtsbereit. Während etwa ein Viertel der Armee so auf dem Seeweg die Rückkehr antreten sollte, musste der Großteil über den Landweg nach Persien zurückkehren. Im August 325 v. Chr. machte sich das Landheer unter Alexanders Führung auf den Weg. Die Flotte unter dem Befehl des Nearchos brach einen Monat später überstürzt auf, da sich die Einheimischen zu erheben begonnen hatten. Praktisch unmittelbar nach dem Abzug des Heeres fielen die gerade eroberten Kleinstaaten Indiens ab und erhoben sich gegen die in den neuen Städten zurückgebliebenen Veteranen, über deren weiteres Schicksal in den wenigsten Fällen etwas bekannt ist. Das heutige Belutschistan war damals als Gedrosien bekannt. Obwohl die Perser vor der Durchquerung der gedrosischen Wüste warnten, ging Alexander dieses Risiko ein, wahrscheinlich weil dieser Weg der kürzeste war. Die Hintergründe sind in der Forschung jedoch umstritten. Ob er wirklich die sagenhafte Königin Semiramis übertreffen wollte, ist wenigstens fraglich; wenn, dann ging es Alexander wohl darum, die Rückschläge des Indienfeldzugs durch dieses Unternehmen zu relativieren. Auch die Stärke seines Heeres zu diesem Zeitpunkt ist ungewiss, von wohl sicher übertriebenen 100.000 Mann bis zu wahrscheinlich realistischeren 30.000. Die sechzigtägigen Strapazen ließen zahllose Soldaten durch Erschöpfung, Hitzschlag oder Verdursten ums Leben kommen; dabei spielte auch der Umstand eine Rolle, dass Alexanders Führer offenbar recht unfähig waren. Im Dezember erreichten die Soldaten Pura (heute Bampur), einen der östlichsten Vorposten Persiens, und waren damit in Sicherheit. Massenhochzeit von Susa, Revolte in Opis und Tod Hephaistions (324 v. Chr.) mini|hochkant=1.3|Hephaistion bei Issos, Detail vom sogenannten „Alexandersarkophag“ Alexander gründete im Januar 324 v. Chr. ein weiteres Alexandreia; heute Golashkerd. Auf dem Weg westwärts stieß er in Susa auf Nearchos und seine Männer, die den Seeweg weitgehend unversehrt überstanden hatten. Neue Feiern wurden genutzt, um 10.000 persische Frauen mit Soldaten zu verheiraten – die Massenhochzeit von Susa. Alexander sah die Ehen als Notwendigkeit an, um das Zusammenwachsen von Persern und Makedonen/Griechen weiter voranzutreiben. Er selbst heiratete zwei Frauen, nämlich Stateira, eine Tochter des Dareios, und Parysatis. Er war somit nun mit drei Frauen verheiratet. Die Hochzeiten wurden nach persischem Ritual begangen. Schon Alexanders Vater hatte die Ehe mit mehreren Frauen als diplomatisches Mittel zur Stabilisierung und Ausweitung seines Machtbereiches eingesetzt. In der Forschung wurde dies als Versuch interpretiert, eine Art „Verschmelzungspolitik“ zu betreiben (Johann Gustav Droysen). Der britische Historiker Tarn sah darin gar den Versuch einer „Vereinigung der Menschheit“; viele andere moderne Historiker wie Badian oder Bosworth lehnen dies jedoch ab.Vgl. Ernst Badian: Alexander the Great and the Unity of Mankind. In: Historia. Nr. 7, 1958, S. 425–444. Um weitere Attribute eines persischen Staates zu übernehmen, ernannte Alexander seinen langjährigen Freund Hephaistion (und nach dessen Tod Perdikkas) zum Chiliarchen (Wesir) und seinen General Ptolemaios zum Vorkoster. Beide Titel waren im Westen unbekannt. Außerdem wurden gegen mehrere Statthalter, die sich bereichert hatten oder ihren Aufgaben nicht sachgerecht nachgekommen waren, Prozesse eröffnet. Harpalos, ein Jugendfreund Alexanders und sein Schatzmeister, befürchtete aufgrund seines Verhaltens einen solchen Prozess. Er setzte sich mit 6000 Söldnern und 5000 Talenten Silber nach Griechenland ab, wurde jedoch bald darauf auf Kreta ermordet. Die Neuerungen Alexanders vergrößerten die Kluft zwischen ihm und seiner makedonischen Generalität. Da die Zahl der Soldaten iranischer Herkunft im Heer die der Makedonen zu übertreffen begann, fürchteten sie, bald gänzlich bedeutungslos zu sein. Perser durften nun auch höhere Ränge in der Armee bekleiden, was die Makedonen als unerhört ansahen. Als die Armee die Stadt Opis am Tigris erreichte, erlaubte Alexander vielen Makedonen die Rückkehr nach Hause. Was sie vorher ersehnt hatten, sahen sie nun als Affront, da dies das erste Zeichen ihrer Ersetzung durch Orientalen zu sein schien. Quellen berichten, dass manche der Soldaten Alexander wüste Beleidigungen entgegen geschrien hätten. Alexander reagierte, indem er sie ihrer Stellungen enthob und drohte, die persischen Soldaten gegen sie zu schicken. Die Soldaten entschuldigten sich, und ihnen wurde verziehen. 11.500 griechische Soldaten wurden in den Folgetagen nach Hause geschickt. Im Herbst des Jahres 324 v. Chr. ging Alexander nach Ekbatana, wo Hephaistion nach einem von vielen Trinkgelagen erkrankte und starb. Alexander, der wohl lange Jahre Hephaistions Geliebter gewesen war (zumindest bis zum Feldzug im Iran), war außer sich vor Trauer. Er ließ laut Plutarch den Arzt seines Freundes kreuzigen, die Haare von Pferden und Maultieren abrasieren und opfern, fastete mehrere Tage und richtete dann ein monumentales Begräbnis aus. Danach ließ er sämtliche Kossaier umbringen. Die Beziehung zwischen Alexander und Hephaistion wird oft mit der zwischen Achilles und Patroklos gleichgesetzt. Auch Alexander selbst nutzte diesen Vergleich, da sich das Geschlecht von Alexanders Mutter Olympias auf den Helden aus dem Trojanischen Krieg zurückführte. Alexander hatte, so wie auch sein Vater Philipp und viele andere Makedonen bzw. Griechen seiner Zeit, Liebes- und sexuelle Beziehungen sowohl zu Frauen – er hatte mehrere, deren bekannteste und wohl ernsthafteste die zu Roxane war – als auch zu Männern. Gleichgeschlechtliche Beziehungen wurden zu jener Zeit nicht geächtet, es kam aber sehr wohl auf den sozialen Status der Partner an.Allgemeiner Überblick bei Daniel Ogden: Alexander’s Sex Life. In: Waldemar Heckel, Lawrence A. Tritle (Hrsg.): Alexander the Great. A New History. Chichester 2009, S. 203 ff. Alexanders letztes Jahr und sein Tod in Babylon (323 v. Chr.) mini|hochkant=1.7|Der Leichenzug gemäß der Beschreibung bei Diodor(Rekonstruktionsversuch des 19. Jahrhunderts) Alexander ließ den persischen königlichen Schatz ausmünzen und warf damit das Vermögen der Achämeniden in das Austauschsystem des Nahen Ostens, womit ein steiler Anstieg im Volumen der Markttransaktionen im Mittelmeergebiet finanziert wurde. Dass der attische Münzfuß nunmehr – außer im ptolemäischen Ägypten – allgemein in der hellenistischen Welt galt, erleichterte den internationalen Handel und die Schifffahrt.Fritz Moritz Heichelheim: Wirtschaftsgeschichte des Altertums. Band 2, Leiden 1969, S. 421. Bei den Olympischen Spielen des Jahres 324 v. Chr. ließ Alexander das sogenannte Verbanntendekret verkünden, mit dem er den griechischen Poleis befahl, die jeweils aus politischen Gründen ins Exil getriebenen Bürger wieder aufzunehmen. Dies stellte einen massiven Eingriff in die Autonomie der Städte dar, führte zu heftigen Konflikten in den Gemeinwesen und war letztlich der Anlass dafür, dass sich Athen und mehrere andere Städte nach dem Tod des Königs im Lamischen Krieg gegen die makedonische Herrschaft erhoben. Im Februar 323 v. Chr. kehrte Alexander nach Babylon zurück. Hier bereitete er neue Feldzüge vor, die zur Einnahme der Arabischen Halbinsel führen sollten. Ob er überdies, wie Diodor berichtet,Diodor, Bibliothéke historiké 18,4,1–6. auch plante, anschließend den westlichen Mittelmeerraum mit Karthago zu erobern, ist seit langer Zeit umstritten, wird aber in der neueren Forschung zumeist angenommen, da den Makedonen im Jahre 322 v. Chr. während des Lamischen Krieges eine sehr große Flotte zur Verfügung stand, die mutmaßlich ursprünglich für das Unternehmen gegen Karthago gebaut worden war.Vgl. Albert Brian Bosworth: Alexander’s last Plans. In: Albert B. Bosworth (Hrsg.): From Arrian to Alexander: Studies in Historical Interpretation. Oxford 1988, S. 185 ff. Im Mai, kurz vor dem geplanten Aufbruch des Heeres gen Arabien, verkündete Alexander, dass sein toter Freund Hephaistion fortan als Halbgott zu verehren sei, nachdem ein Bote aus der Oase Siwa eingetroffen war, wo Alexander wegen einer Vergöttlichung Hephaistions angefragt hatte. Aus diesem Anlass veranstaltete er Feiern, bei denen er sich wieder dem unmäßigen Trunk hingab. Am nächsten Tag erkrankte er an einem Fieber, und am 10. Juni starb er schließlich.Laut Plutarch, Alexander 76,9 starb er am 28. Daisios, entsprechend dem 10. Juni 323 v. Chr. Hinsichtlich der Todesursache wurden seither mehrere Thesen diskutiert, darunter eine, nach der Alexander am West-Nil-Fieber erkrankte. Auch eine Alkoholvergiftung wird immer wieder in Erwägung gezogen. Nach einer in der Antike verbreiteten Überlieferung ist er hingegen vergiftet worden (angeblich mit dem giftigen Wasser des Styx). Wahrscheinlicher ist, dass seine körperliche Schwächung durch zahlreiche Kampfverletzungen und übermäßigen Weinkonsum zu einer Krankheit geführt hat. Da die Ärzte damals auf die reinigende Wirkung von herbeigeführtem Erbrechen und Durchfall vertrauten, war es üblich, Weißen Germer in geringen Dosen zu verabreichen. Die überlieferten Symptome Alexanders sind typisch für eine Vergiftung durch Weißen Germer. Möglicherweise verschlechterten die Ärzte seinen Zustand daher durch wiederholte Gaben des Mittels. Der Leichnam Alexanders soll zur Konservierung in Honig gelegt worden sein. Entgegen dem Wunsch des Verstorbenen, im Ammonium von Siwa begraben zu werden, wurde er in Alexandria beigesetzt. Alexanders letzte Worte auf die Frage, wem er sein Reich hinterlassen werde, sollen gelautet haben: Dem Besten. Des Weiteren äußerte Alexander eine dunkle Prophezeiung: Er glaube, dass seine Freunde große Begräbnisspiele für ihn veranstalten werden.Diodor, Bibliothéke historiké 17, 117, 4. Seinen Siegelring übergab er Perdikkas, der nach Hephaistions Tod sein engster Vertrauter gewesen war.Diskussion dazu bei Michael Rathmann: Perdikkas zwischen 323 und 320: Nachlassverwalter des Alexanderreiches oder Autokrat? Wien 2005, S. 9–26 (Rezension). Alexandergrab mini|hochkant=1.1|Der ägyptische König Ptolemaios I. und seine Gemahlin Berenike I. Alexander hatte eine Beisetzung im Ammonheiligtum der Oase Siwa gewünscht. Erst nach zweijährigen Vorbereitungen setzte sich der Leichenzug in Babylon in Bewegung. Er wurde in Syrien von Ptolemaios, dem künftigen König Ptolemaios I., in Empfang genommen und nach Ägypten geleitet. Dort wurde der Leichnam aber nicht in die Oase gebracht, sondern zunächst in Memphis bestattet.Zum Ort dieser Grabstätte siehe Andreas Schmidt-Colinet: Das Grab Alexanders des Großen in Memphis? In: Margaret Bridges, Johann Ch. Bürgel (Hrsg.): The Problematics of Power. Eastern and Western Representations of Alexander the Great. Bern 1996, S. 87–90. Später (wohl noch in der Regierungszeit Ptolemaios’ I., spätestens einige Jahre nach seinem Tod) wurde er nach Alexandria verlegt, nachdem dort eine prächtige Grabstätte für ihn errichtet worden war. Sie wurde unter König Ptolemaios IV. durch ein neues Mausoleum ersetzt, das dann auch als Grabstätte der Ptolemäer diente, die sich wie alle Diadochen auf Alexanders Vorbild beriefen. Hier wurde er in einem eines Königs würdigen Bezirk (Temenos) beigesetzt und durch Opfer geehrt. Zenobius berichtet im zweiten nachchristlichen Jahrhundert, dass Ptolemaios IV. ein Grabmonument errichtete, in dem Alexander, aber auch die anderen ptolemäischen Könige und Königinnen bestattet wurden. Die Leiche Alexanders soll sich in einem goldenen Sarkophag in einem Gewölbe befunden haben und die Grabstätte wurde Sema genannt,Manfred Clauss: Alexandria. Schicksale einer antiken Weltstadt. Klett-Cotta, Stuttgart 2003, ISBN 3-608-94329-3. während der Teil, in dem die Ptolemäer bestattet waren, als Ptolemaeum bezeichnet wurde.Sueton: Augustus 18, 1. Der Sarkophag mit der mumifizierten Leiche Alexanders wurde im 1. Jahrhundert v. Chr. von König Ptolemaios X. durch einen gläsernen ersetzt, der den Blick auf den einbalsamierten Leichnam freigab. Dieser Schritt Ptolemaios' X., der später irrtümlich als Grabschändung gedeutet wurde, sollte den Alexanderkult fördern.Zum politischen Hintergrund siehe Claudia Bohm: Imitatio Alexandri im Hellenismus. München 1989, S. 142–144. Für Caesar, Augustus, Septimius Severus und Caracalla sind Besuche am Grab bezeugt. Möglicherweise wurde es während der Stadtunruhen in der Spätantike oder bei einer Naturkatastrophe zerstört. In den Wirren der Spätantike ging die Kenntnis über den Ort der Grabstätte verloren (zumindest die Leiche soll laut Libanios noch Ende des 4. Jahrhunderts zu sehen gewesen sein). Der Kirchenvater Johannes Chrysostomos († 407) stellte in einer Predigt die rhetorische Frage nach dem Ort des Alexandergrabs, um die Vergänglichkeit des Irdischen zu illustrieren; er konnte also mit Sicherheit davon ausgehen, dass keiner seiner Hörer wusste, wo sich das berühmte Bauwerk befunden hatte.Harry E. Tzalas: ”The Tomb of Alexander the Great” – The history and the legend in the Greco-Roman and Arab times. In: Graeco-Arabica. Band 5, 1993, S. 329–354, hier: 337. Tzalas stellt S. 333–336 die Quellenzeugnisse über das Grab zusammen. Die Erinnerung daran blieb aber noch in islamischer Zeit erhalten; im 10. Jahrhundert wurde eine angebliche Grabstätte gezeigt. Im 15. und 16. Jahrhundert berichteten europäische Reisende von einem kleinen Gebäude in Alexandria, das als Alexandergrab ausgegeben wurde. Seit dem 18. Jahrhundert sind viele Lokalisierungsversuche unternommen worden,Zur Geschichte der Suche siehe Harry E. Tzalas: ”The Tomb of Alexander the Great” – The history and the legend in the Greco-Roman and Arab times. In: Graeco-Arabica. Band 5, 1993, S. 329–354, hier: 332 f., 339–348. wie zur Zeit Napoleon Bonapartes in der ʿAttārīn-Moschee in Alexandria sowie in der jüngeren Zeit im Markusdom in Venedig oder dem Kasta-Grab in Amphipolis im griechischen Makedonien, die bisher alle fehlgeschlagen sind. Geschichtlicher Ausblick mini|hochkant=1.6|Die Diadochenreiche nach der Schlacht bei Ipsos 301 v. Chr. Nach Alexanders Tod erwies sich die Loyalität zu seiner Familie, die keinen herrschaftsfähigen Nachfolger stellen konnte, als sehr begrenzt. Zwar wurde zunächst der Erbanspruch seines geistesschwachen Halbbruders und auch der seines postum geborenen Sohnes anerkannt, doch hatte diese Regelung keinen Bestand. Seine Mutter Olympias von Epirus, seine Frau Roxane, sein Sohn Alexander IV., sein illegitimer Sohn Herakles und dessen Mutter Barsine, seine Schwester Kleopatra, seine Halbschwester Kynane, deren Tochter Eurydike und sein Halbbruder Philipp III. Arrhidaios fanden einen gewaltsamen Tod. Statt der Angehörigen des bisherigen makedonischen Königsgeschlechts übernahmen Alexanders Feldherren als seine Nachfolger (Diadochen) die Macht. Da keiner von ihnen stark genug war, sich als Alleinherrscher durchzusetzen, kam es zu einer langen Reihe von Bürgerkriegen, in denen man in wechselnden Koalitionen um die Macht rang. Im Verlauf der Diadochenkriege wurde das riesige Reich in Diadochenreiche aufgeteilt. Drei dieser Reiche erwiesen sich als dauerhaft: das der Antigoniden in Makedonien (bis 148 v. Chr.), das Seleukidenreich in Vorderasien (bis 64 v. Chr.) und das der Ptolemäer in Ägypten (bis 30 v. Chr.). Alexander hinterließ zahlreiche neu gegründete Städte, von denen viele seinen Namen trugen; die bedeutendste war Alexandreia in Ägypten.Zu den Einzelheiten siehe die gründliche Untersuchung von Peter Marshall Fraser: Cities of Alexander the Great. Oxford 1996 (Städteliste S. 240–243, Karten S. 236–238). Das kulturelle Vermächtnis Alexanders bestand aus der verstärkten bzw. nun erst einsetzenden Hellenisierung im Alexanderreich bzw. dessen Nachfolgereichen. Der sogenannte Hellenismus prägte die antike Welt vor allem im östlichen Mittelmeerraum und im Vorderen Orient nachhaltig über die nächsten Jahrhunderte. Rezeption Antike Quellen Alexander wurde schon zu Lebzeiten eine mythische Gestalt, wozu sein Anspruch auf Gottessohnschaft beitrug. Die zeitgenössischen erzählenden Quellen sind nicht oder nur in Fragmenten erhalten.Vgl. Lionel Pearson: The lost histories of Alexander the Great. New York 1960 (Onlineversion). Dabei handelte es sich, neben den Fragmenten der angeblichen Kanzleidokumente Alexanders (Ephemeriden), größtenteils um Berichte von Teilnehmern des Alexanderzugs. Der Hofhistoriker Kallisthenes begleitete Alexander, um die Taten des Königs aufzuzeichnen und zu verherrlichen. Sein Werk „Die Taten Alexanders“ reichte vielleicht nur bis 331 v. Chr., hatte jedoch einen enormen Einfluss auf die späteren Alexanderhistoriker. Weitere Verfasser von Alexandergeschichten waren König Ptolemaios I. von Ägypten, der als Offizier und Hofbeamter in der Nähe Alexanders gelebt hatte, Aristobulos, der für Alexander Unvorteilhaftes leugnete oder abschwächte, sowie Alexanders Flottenbefehlshaber Nearchos und dessen Steuermann Onesikritos. Die stärkste Nachwirkung unter diesen frühen Alexanderhistorikern erzielte Kleitarchos, der zwar ein Zeitgenosse, aber selbst kein Feldzugsteilnehmer war, sondern in Babylon Informationen von Offizieren und Soldaten Alexanders zusammentrug und zu einer rhetorisch ausgeschmückten Darstellung verband, wobei er auch sagenhafte Elemente einbezog.Zu den Anfängen der Alexanderlegenden bei den Zeitgenossen des Königs siehe Erwin Mederer: Die Alexanderlegenden bei den ältesten Alexanderhistorikern. Stuttgart 1936. Zu diesen frühen Legenden gehörte beispielsweise die falsche Behauptung, Alexander und Dareios seien einander wiederholt im Nahkampf begegnet. Im 2. Jahrhundert n. Chr. schrieb der römische Senator Arrian auf der Grundlage der älteren Quellen, unter denen er Ptolemaios und Aristobulos bevorzugte, seine Anabasis, die verlässlichste antike Alexanderquelle. Wahrscheinlich behandelte auch Strabon in seinen nicht erhaltenen Historika Hypomnemata („Historische Denkwürdigkeiten“) das Leben Alexanders; seine erhaltene Geographie enthält Informationen aus verlorenen Werken der frühen Alexanderhistoriker. Weitere Nachrichten finden sich im 17. Buch der Universalgeschichte Diodors, der sich auf Kleitarchos stützte. Plutarch verfasste eine Lebensbeschreibung Alexanders, wobei es ihm mehr auf das Verständnis des Charakters unter moralischem Gesichtspunkt als auf den historischen Ablauf ankam. Quintus Curtius Rufus schrieb eine in der Antike wenig beachtete Alexandergeschichte. Justin wählte für seine Darstellung aus seiner (verlorenen) Vorlage, der Universalgeschichte des Pompeius Trogus, vor allem Begebenheiten aus, die geeignet waren, seine Leserschaft zu unterhalten. Die Berichte von Curtius, Diodor und Pompeius Trogus hängen von einer gemeinsamen Quelle ab; das Nachrichtenmaterial, das sie übereinstimmend überliefern, stammt wohl von Kleitarchos. Diese Tradition (Vulgata) bietet teils wertvolle Informationen; Curtius wird in der französischen Forschung leicht gegenüber Arrian favorisiert. Zusätzliches Material ist bei Athenaios sowie in der Metzer Epitome und dem Itinerarium Alexandri überliefert. Nur wenige Fragmente sind von den Werken des Chares von Mytilene und des Ephippos von Olynth erhalten. Legende mini|hochkant=1.1|Antikes Alexander-Medaillon Als Quelle für den historischen Alexander von relativ geringem Wert, aber literarisch von außerordentlicher Bedeutung ist der „Alexanderroman“. Mit diesem Begriff bezeichnet man eine Vielzahl von antiken und mittelalterlichen Biografien Alexanders, welche seine sagenhaften Taten schildern und verherrlichen. Im Lauf der Jahrhunderte wurde der Stoff fortlaufend literarisch bearbeitet und ausgeschmückt. Die griechische Urfassung in drei Büchern, die den Ausgangspunkt für alle späteren Versionen und Übersetzungen in viele Sprachen bildet, ist wahrscheinlich im späten 3. Jahrhundert in Ägypten entstanden. Ihr unbekannter Autor, der wohl ein Bürger von Alexandria war, wird als Pseudo-Kallisthenes bezeichnet, weil ein Teil der handschriftlichen Überlieferung das Werk irrtümlich dem Alexanderhistoriker Kallisthenes von Olynth zuschreibt. Diesem Werk lagen ältere, nicht erhaltene romanhafte Quellen, fiktive Briefe Alexanders und kleinere Erzählungen zugrunde. Der bekannteste unter den Briefen ist ein angeblich von Alexander an Aristoteles gerichtetes Schreiben über die Wunder Indiens, das in verkürzter Fassung in den Roman eingebaut wurde und auch separat überliefert ist. Die gängige Bezeichnung „Roman“ bezieht sich auf die literarische Gattung des Antiken Romans. Im Gegensatz zum modernen Roman hielten der Verfasser und seine antike und mittelalterliche Leserschaft an dem Anspruch fest, der Inhalt sei Geschichtsschreibung und nicht literarische Erfindung.Ben Edwin Perry: The Ancient Romances. Berkeley 1967, S. 35; Hartmut Bohmhammel: Valerius’ Übertragung der Alexandergeschichte und ihre gesellschaftlichen Tendenzen. Dissertation TU Berlin, Berlin 2008, S. 6. Die Idee des historischen Alexander, er sei ein Sohn des ägyptischen Gottes Ammon (Amun), verfremdet der Romanautor, indem er aus Alexander ein uneheliches Kind macht. Alexanders Vater ist im Roman der aus Ägypten nach Makedonien geflohene König und Zauberer Nektanebos, der als Ammon auftritt (gemeint ist der Pharao Nektanebos II.). Nektanebos verführt die Königin Olympias während der Abwesenheit ihres Gemahls Philipp. Später tötet Alexander, der als Sohn Philipps aufwächst, seinen leiblichen Vater; erst dann erfährt er seine wahre Abstammung. So macht der ägyptische Autor Alexander zum Ägypter.Zur Nektanebos-Legende siehe Richard Stoneman: Alexander the Great. A Life in Legend. New Haven 2008, S. 6 ff. Eine weitere wesentliche Neuerung des Pseudo-Kallisthenes ist die Einführung eines nicht historischen Italienzugs Alexanders, auf dem der Makedone nach Rom kommt. Rom unterstellt sich ihm ebenso wie alle anderen Reiche des Westens kampflos. Dann unterwirft er in schweren Kämpfen die Völker des Nordens, bevor er gegen das Perserreich zieht. Hier zeigt sich das literarische Bedürfnis, den Helden auch den Westen und Norden erobern zu lassen, damit seine Weltherrschaft vollendet wird. Roxane ist im Roman eine Tochter des Perserkönigs Dareios, die dieser sterbend Alexander zur Frau gibt. Das letzte der drei Bücher, das den Indienfeldzug und den Tod des Helden behandelt, ist besonders stark von Wundern und phantastischen Elementen geprägt. Es schildert auch Alexanders angeblichen Besuch bei der Königin Kandake von Meroe, wobei der König in Verkleidung auftritt, aber enttarnt wird (eine Episode, der spätere Bearbeiter des Stoffs eine ursprünglich völlig fehlende erotische Komponente verleihen). Schließlich wird Alexander vergiftet. Im frühen 4. Jahrhundert fertigte Iulius Valerius eine freie lateinische Übersetzung des Alexanderromans an (Res gestae Alexandri Magni). Dabei nahm er Hunderte von Erweiterungen, Änderungen und Auslassungen vor. Er beseitigte Ungereimtheiten und Formulierungen, die den Makedonenkönig in ein ungünstiges Licht rücken konnten, und fügte für Alexander vorteilhafte Details ein. Sein Alexander ist eine mit allen Herrschertugenden ausgestattete Idealgestalt; er begeht zwar Fehler, lernt aber daraus.Hartmut Bohmhammel: Valerius’ Übertragung der Alexandergeschichte und ihre gesellschaftlichen Tendenzen. Dissertation TU Berlin, Berlin 2008, S. 120–135. Ein weiterer Bestandteil der antiken Alexandersage sind fiktive Dialoge des Königs mit den indischen Brahmanen sowie Briefe, die angeblich zwischen ihnen ausgetauscht wurden. Dabei versuchen die Inder, die Überlegenheit östlicher Weisheit und einer einfachen, naturnahen Lebensweise gegenüber der griechischen Zivilisation und dem Machtstreben Alexanders aufzuzeigen. Auch dieses Schrifttum war sowohl griechisch als auch lateinisch verbreitet. Da es um grundsätzliche Fragen der Lebensführung und um Askese ging, war die Wirkung in christlicher Zeit beträchtlich.Eine eingehende Untersuchung dieses Teils der Alexandersage und seiner Nachwirkung in der Patristik und im Mittelalter bietet Florian Kragl: Die Weisheit des Fremden. Studien zur mittelalterlichen Alexandertradition. Bern 2005. Kult und Vorbildfunktion Die Herrscher, die nach Alexanders Tod in den verschiedenen Teilen seines Reichs an die Macht kamen, waren nicht mit ihm blutsverwandt, und soweit in Makedonien Loyalität zur herkömmlichen Ordnung vorhanden war, galt sie dem Herrscherhaus insgesamt, wobei es nicht speziell auf die verwandtschaftliche Nähe zu Alexander ankam. Daher gab es in den Diadochenreichen wenig Anlass für einen offiziellen staatlichen Alexanderkult; dieser blieb den einzelnen Städten überlassen. Erst in hoch- und späthellenistischer Zeit wurde der politische Rückgriff auf Alexander zu einem wichtigen propagandistischen Mittel. Einen Sonderfall bildete jedoch Ägypten, dessen neue Hauptstadt Alexandria eine Gründung Alexanders und der Ort seines Grabes war. Die dort regierenden Ptolemäer förderten von Anfang an den Alexanderkult im Rahmen ihrer Propaganda. Er bildete aber zunächst keinen zentralen Bestandteil ihrer Herrschaftslegitimation und wurde erst von Ptolemaios X., der den Doppelnamen „Ptolemaios Alexandros“ führte, intensiv politisch instrumentalisiert.Zur Frage des Alexanderkults und der Popularität Alexanders in den Diadochenreichen siehe Robert Malcolm Errington: Alexander in the Hellenistic World. In: Alexandre le Grand. Image et réalité. Genf 1976, S. 145–158, 162–172, Alfred Heuß: Alexander der Große und die politische Ideologie des Altertums. In: Antike und Abendland. Band 4, 1954, S. 66 f., Alexander Meeus: Alexander’s Image in the Age of the Successors. In: Waldemar Heckel, Lawrence A. Tritle (Hrsg.): Alexander the Great. A New History. Chichester 2009, S. 235–250 und die Untersuchung von Claudia Bohm: Imitatio Alexandri im Hellenismus. München 1989. Ein prominenter Gegner der Römer, König Mithridates VI. von Pontos († 63 v. Chr.), fiel durch seine mit Nachdruck betriebene Alexander-Imitation auf. Er bekleidete sich mit dem Mantel Alexanders, den er von den Ptolemäern erbeutet hatte, und illustrierte so seinen Anspruch, Vorkämpfer des Griechentums und Retter der hellenistischen Monarchie vor den Römern zu sein. Später erbeutete der römische Feldherr Gnaeus Pompeius Magnus, der Mithridates besiegte, diesen Mantel und trug ihn bei seinem Triumphzug.Claudia Bohm: Imitatio Alexandri im Hellenismus. München 1989, S. 145, 153 ff., 181. Mit Pompeius, dessen Beiname „der Große“ an Alexander erinnerte, begann die offenkundige römische Alexander-Imitation, zunächst als Reaktion auf die Propaganda des Mithridates. Mehrere römische Feldherren und Kaiser stellten sich propagandistisch in Alexanders Nachfolge; sie verglichen sich mit ihm und versuchten, seine Erfolge im Osten zu wiederholen. Dabei steigerte sich die Verehrung Alexanders in manchen Fällen zu einer demonstrativen Nachahmung von Äußerlichkeiten. Zu den Verehrern und Nachahmern Alexanders zählten unter den Kaisern insbesondere Trajan, Caracalla und (mit Vorbehalten) Julian.Gerhard Wirth: Alexander und Rom. In: Alexandre le Grand. Image et réalité. Genf 1976, S. 186–210; Otto Weippert: Alexander-Imitatio und römische Politik in republikanischer Zeit. Augsburg 1972, S. 56 ff.; Diana Spencer: Roman Alexanders: Epistemology and Identity. In: Waldemar Heckel, Lawrence A. Tritle (Hrsg.): Alexander the Great. A New History. Chichester 2009, S. 251–274, hier: 262–267. Augustus trug zeitweilig auf seinem Siegelring ein Bildnis Alexanders, Caligula legte sich den aus Alexandria geholten angeblichen Panzer Alexanders an, Nero stellte für einen geplanten Kaukasusfeldzug eine neue Legion auf, die er „Phalanx Alexanders des Großen“ nannte, Trajan setzte sich einen Helm auf, den Alexander getragen haben soll. Kaiser Severus Alexander, der ursprünglich Alexianus hieß, änderte seinen Namen in Anknüpfung an den Makedonen. Urteile Einen sehr tiefen und dauerhaften Eindruck hinterließ in Griechenland die Zerstörung Thebens. Sie wurde nicht nur von den Zeitgenossen, sondern jahrhundertelang (noch in der römischen Kaiserzeit) als unerhörte Grausamkeit empfunden, die man Alexander zur Last legte, und als historisches Musterbeispiel einer entsetzlichen Katastrophe zitiert. Besonders die antiken Redner kamen mit Vorliebe darauf zu sprechen und nutzten diese Gelegenheit, bei ihrem Publikum starke Emotionen zu wecken. Es hieß, Alexander habe wie ein wildes Tier und als Unmensch (apánthrōpos) gehandelt. Noch in byzantinischer Zeit wurde diese Deutungstradition rezipiert.Siehe dazu Corinne Jouanno: Un épisode embarrassant de l’histoire d’Alexandre: la prise de Thèbes. In: Ktèma Band 18, 1993, S. 245–258. Aus philosophischer Sicht wurde Alexander meist negativ beurteilt, da seine Lebensweise einen Kontrast zu den philosophischen Idealen der Mäßigung, Selbstbeherrschung und Seelenruhe bildete. Insbesondere die Stoiker kritisierten ihn heftig und warfen ihm Hochmut vor; ihre Kritik richtete sich auch gegen Aristoteles (den Gründer einer rivalisierenden Philosophenschule), der als Erzieher Alexanders versagt habe. Auch die Kyniker pflegten Alexander abschätzig zu beurteilen, wobei die Anekdote von der Begegnung des Königs mit dem berühmten kynischen Philosophen Diogenes von Sinope den Ansatzpunkt bildete. Ihr zufolge hatte Diogenes Alexander, der ihm einen Wunsch freistellte, nur gebeten: „Geh mir aus der Sonne“, und Alexander soll gesagt haben: „Wenn ich nicht Alexander wäre, wollte ich Diogenes sein.“ In der von Aristoteles gegründeten Philosophenschule der Peripatetiker war die Ablehnung Alexanders ebenfalls ausgeprägt, wenn auch nicht durchgängig. Ihr Anlass waren anscheinend ursprünglich Spannungen zwischen Aristoteles und Alexander, die noch in der römischen Kaiserzeit ein spätes Echo in einem haltlosen Gerücht fanden, wonach Aristoteles ein Gift zubereitet hatte, mit dem Alexander ermordet wurde.Max Brocker: Aristoteles als Alexanders Lehrer in der Legende. Bonn 1966, S. 20; Erwin Mederer: Die Alexanderlegenden bei den ältesten Alexanderhistorikern. Stuttgart 1936, S. 149–151. Das negative Alexander-Bild der Philosophen teilte auch Cicero. Er überliefert die berühmte Anekdote von dem gefangenen Seeräuber, der von Alexander wegen seiner Übeltaten zur Rede gestellt wurde, worauf der Pirat erwiderte, er handle in kleinem Maßstab aus demselben Antrieb, aus dem der König weltweit dasselbe tue. Besonders drastisch drückte Seneca die stoische Sichtweise aus. Er bezeichnete Alexander als wahnsinnigen Burschen, zum Bersten aufgeblasenes Tier, Räuber und Plage der Völker.Zu Senecas Alexander-Rezeption siehe Alfred Heuß: Alexander der Große und die politische Ideologie des Altertums. In: Antike und Abendland. Band 4, 1954, S. 88f.; zur philosophischen Alexanderkritik allgemein Johannes Stroux: Die stoische Beurteilung Alexanders des Großen. In: Philologus 88, 1933, S. 222–240 und William W. Tarn: Alexander, Cynics and Stoics. In: American Journal of Philology. Band 60, 1939, S. 41–70, hier: 54–56. Ähnlich äußerte sich Senecas Neffe, der Dichter Lucan.Lucan, Bellum civile 10,20–45. Der philosophisch orientierte Kaiser Julian, der Alexander als Feldherrn bewunderte, kritisierte ihn zugleich scharf wegen Maßlosigkeit und unphilosophischer Lebensführung.Gerhard Wirth: Der Weg in die Vergessenheit. Wien 1993, S. 48–50. Unter den philosophisch orientierten Autoren gab es auch eine kleine Minderheit, die Alexander Lob spendete. Dazu gehörte Plutarch, der in seinen zwei Deklamationen „Über das Glück oder die Tugend Alexanders des Großen“ aus dem König einen Philosophenherrscher machte, dessen Eroberungen barbarischen Völkern Recht und Frieden brachten und die Unterworfenen so humanisierten.Alfred Heuß: Alexander der Große und die politische Ideologie des Altertums. In: Antike und Abendland. Band 4, 1954, S. 94 f. Bei diesen Jugendwerken Plutarchs handelte es sich allerdings um rhetorische Stilübungen, die nicht notwendigerweise seine wirkliche Auffassung spiegeln. In seiner Lebensbeschreibung Alexanders äußerte sich Plutarch weit kritischer, bemühte sich aber auch um eine Rechtfertigung Alexanders. Dion von Prusa, der den an Alexander anknüpfenden Kaiser Trajan bewunderte, würdigte die heldenhafte Gesinnung des Makedonenkönigs. Bei den Römern war ein beliebtes Thema die hypothetische Frage, wie ein militärischer Konflikt zwischen dem Römischen Reich und Alexander verlaufen wäre. Der Historiker Livius befasste sich eingehend damit und kam zum Ergebnis, dass die römischen Heerführer dem Makedonenkönig überlegen waren. Alexander habe seine Siege der militärischen Untüchtigkeit seiner Gegner verdankt. Diese Einschätzung verband Livius mit einem vernichtenden Urteil über Alexanders Charakter, der durch die Erfolge des Königs verdorben worden sei. Ähnlich urteilte Curtius Rufus, der die Siege des Makedonen mehr auf Glück als auf Tüchtigkeit zurückführte und meinte, die Herausbildung tyrannischer Züge in Alexanders Charakter sei ein Ergebnis übermäßigen Erfolgs gewesen. Der jüdische Geschichtsschreiber Flavius Josephus beschreibt Gunstbezeugungen des Makedonen für die Juden und behauptet, Alexander habe sich, als er nach Jerusalem kam, vor dem Gott, den die Juden verehrten, niedergeworfen. Dabei handelt es sich um eine jüdische Abwandlung einer griechischen Erzählung.Ernst Bammel: Der Zeuge des Judentums. In: Wolfgang Will (Hrsg.): Zu Alexander dem Großen. Band 1, Amsterdam 1987, S. 283; vgl. Gerhard Wirth: Der Weg in die Vergessenheit. Wien 1993, S. 20–23. Im 4. Jahrhundert wurden im Osten des Reichs Bronzemünzen Alexanders wie Amulette getragen.Johannes Chrysostomos, Ad illuminandos catechesis 2,5. Unter den Kirchenvätern hebt sich Orosius als radikalster Kritiker Alexanders ab. In seiner auf Justin fußenden Historia adversus paganos („Geschichte gegen die Heiden“) schildert er ihn als blutdürstigen, grausamen Unmenschen und großen Zerstörer.Zum Alexanderbild des Orosius siehe Siegmar Döpp: Alexander in spätlateinischer Literatur. In: Göttinger Forum für Altertumswissenschaft. Band 2, 1999, S. 193–216, hier: 209–212 online (PDF; 157 kB). Mittelalter mini|Christlich-mittelalterlich interpretierte Darstellung der Krönung Alexanders aus dem 15. Jahrhundert. Die mittelalterliche Alexander-Rezeption war außerordentlich intensiv und vielfältig.Aktueller Überblick bei Zachary David Zuwiyya (Hrsg.): A Companion to Alexander Literature in the Middle Ages. Leiden/Boston 2011. Dabei stand das Sagengut im Vordergrund. Die antike Gestalt wurde mittelalterlichen Vorstellungen angepasst; beispielsweise erhält der König eine Ritterpromotion (Schwertleite). Besonders Dichter regte der Stoff im Westen ebenso wie im Orient zur Bearbeitung an; es entstanden über 80 Dichtungen in 35 Sprachen.Herwig Buntz: Die deutsche Alexanderdichtung des Mittelalters. Stuttgart 1973, S. 1. Das grundlegende Standardwerk für die mittelalterliche Alexander-Rezeption ist George Cary: The Medieval Alexander. Cambridge 1956. Quellen Die grundlegenden antiken Quellen, die im Mittelalter in West- und Mitteleuropa zur Verfügung standen, waren neben Pseudo-Kallisthenes der eifrig rezipierte Curtius Rufus, der nur als Nebenquelle dienende Justin und der viel beachtete Orosius, dessen negative Bewertung Alexanders allerdings wenig Beachtung fand. Besonders die märchenhaften Elemente des Alexanderromans machten Eindruck und regten die Phantasie der Bearbeiter zu weiteren Ausformungen an. Der Roman wurde in zahlreiche europäische Sprachen übersetzt, wobei lateinische Fassungen die Grundlage bildeten; hinzu kamen die teils stark abweichenden Versionen in orientalischen Sprachen (Armenisch, Altsyrisch, Hebräisch, Arabisch, Persisch, Türkisch, Äthiopisch, Koptisch).Zu den orientalischen Versionen siehe Rudolf Macuch: Pseudo-Callisthenes Orientalis and the Problem of Ḏu l-qarnain. In: Graeco-Arabica. Band 4, 1991, S. 223–264; David J. A. Ross: Alexander Historiatus. A Guide to medieval illustrated Alexander Literature. Frankfurt am Main 1988, S. 6–9. Eine wesentliche Rolle spielte ferner die Prophetie im biblischen Buch DanielDan 2, 31–45 sowie Dan 7 und 8. über den Untergang der aufeinanderfolgenden Weltreiche; in diesem Licht erschien Alexander, der nach mittelalterlicher Deutung das zweite der vier Weltreiche vernichtete und das dritte gründete, als Werkzeug Gottes.Zur antiken und mittelalterlichen Auslegung siehe Hartmut Wulfram: Der Übergang vom persischen zum makedonischen Weltreich bei Curtius Rufus und Walter von Châtillon. In: Ulrich Mölk (Hrsg.): Herrschaft, Ideologie und Geschichtskonzeption in Alexanderdichtungen des Mittelalters. Göttingen 2002, S. 40 ff. Auch dem ersten Kapitel des ersten Makkabäerbuchs war eine knappe Zusammenfassung von Alexanders Lebensgeschichte zu entnehmen; dort las man, dass er bis ans Ende der Welt gelangte und „die Welt vor ihm verstummte“. Dieser biblische Hintergrund verlieh ihm zusätzliche Bedeutung. Heldenkatalog Im Spätmittelalter zählte man Alexander zum Kreis der Neun Helden, einem in der volkssprachlichen Literatur beliebten Heldenkatalog, der für die Zeit des Alten Testaments, die griechisch-römische Antike und die christliche Zeit jeweils die drei größten Helden benannte; für die Antike waren es Hektor, Alexander und Caesar. Noch breiter als in der Literatur wurde diese Heldenreihe in der Bildenden Kunst (Skulptur, Malerei, Textilkunst) rezipiert. Mittellateinische Literatur mini|Alexander der Große in der 1112/1121 angefertigten Originalhandschrift des Liber floridus: Gent, Universiteitsbibliotheek, Ms. 92, fol. 153v Das Alexanderbild in der lateinischsprachigen Welt des Mittelalters war großenteils vom lateinischen Alexanderroman geprägt. Im Frühmittelalter ging die Hauptwirkung nicht von der ursprünglichen Fassung der von Iulius Valerius stammenden Übersetzung aus, von der nur drei vollständige Handschriften überliefert waren; weit bekannter war ein in mehr als 60 Handschriften erhaltener, spätestens im 9. Jahrhundert entstandener Auszug (Epitome) aus diesem Werk. Um 968/969 fertigte der Archipresbyter Leo von Neapel eine neue lateinische Übersetzung des Pseudo-Kallisthenes aus dem Griechischen an, die Nativitas et victoria Alexandri Magni („Geburt und Sieg Alexanders des Großen“), die mehrfach – zuletzt noch im 13. Jahrhundert – überarbeitet und erweitert wurde; die überarbeiteten Fassungen sind unter dem Titel Historia de preliis Alexandri Magni („Geschichte von den Schlachten Alexanders des Großen“) bekannt. Der Dichter Quilichinus von Spoleto schrieb 1237/1238 eine Versfassung der Historia de preliis in elegischen Distichen, die im Spätmittelalter populär wurde. Noch weit einflussreicher war aber die schon zwischen 1178 und 1182 verfasste Alexandreis Walters von Châtillon, ein Epos in zehn Büchern auf der Grundlage der Darstellung des Curtius Rufus, das zur Schullektüre wurde und im 13. Jahrhundert als Schulbuch Vergils Aeneis an Beliebtheit übertraf. Walter verzichtete fast gänzlich auf die Auswertung des im Alexanderroman vorliegenden Materials. Für ihn war Alexander der stets siegreiche Held, der sich selbst ebenso wie alle Feinde überwand und so unsterblichen Ruhm erlangte. Das Verhältnis dieser Autoren und ihres Publikums zu Alexander war vor allem von Bewunderung für außerordentliche Heldentaten und von Staunen über das Märchenhafte und Exotische geprägt. Besondere Beachtung fand Alexanders Tod; er bot Anlass zu unzähligen religiös-erbaulichen Betrachtungen, die auf die Endlichkeit und Nichtigkeit aller menschlichen Größe angesichts des Todes abzielten. Auf diesen Aspekt wiesen unter anderem viele Kleindichtungen hin, darunter insbesondere fingierte Grabschriften Alexanders. Besonders fasziniert waren mittelalterliche Leser von einer Erzählung von Alexanders Himmelsflug und Tauchexpedition, die Leo von Neapel nach dem griechischen Roman wiedergab. Dieser Sage zufolge wollte der König nicht nur auf der Erdoberfläche die äußersten Grenzen erreichen, sondern auch den Himmel und die Tiefe des Ozeans erkunden. Zu diesem Zweck ersann und baute er mit seinen Freunden ein von Greifen gezogenes Luftfahrzeug und ein von Ketten gehaltenes gläsernes Tauchfahrzeug. Der Himmelsflug wurde von mittelalterlichen Künstlern häufig abgebildet.Victor M. Schmidt: A Legend and its Image. The Aerial Flight of Alexander the Great in Medieval Art. Groningen 1995 (Untersuchung mit zahlreichen Abbildungen). Siehe auch Richard Stoneman: Alexander the Great. A Life in Legend. New Haven 2008, S. 111–119. Hans Christian Andersen hat die Geschichte noch im 19. Jahrhundert in seinem Kunstmärchen Der böse Fürst verarbeitet, ohne jedoch Alexander namentlich zu nennen. Aus dem 12. Jahrhundert stammt das Iter ad Paradisum („Paradiesfahrt“), die lateinische Version einer jüdischen Sage über Alexanders Versuch, das irdische Paradies zu finden, den in der Genesis beschriebenen Garten Eden. Neben der Heldenverehrung kamen vereinzelt auch extrem negative Deutungen der Persönlichkeit Alexanders vor. So setzten ihn im 12. Jahrhundert die prominenten Theologen Hugo von St. Viktor und Gottfried von Admont mit dem Teufel gleich.Gottfried von Admont: Homilia XVI. In: Jacques-Paul Migne, Patrologia Latina. Band 174, Spalte 1131 f.; Hugo von St. Viktor, Allegoriae in Vetus Testamentum. 9, 4. In: Migne: Patrologia Latina. Band 175, Spalte 749 f. Erzählungen aus dem Alexanderroman wurden in Weltchroniken und Enzyklopädien aufgenommen, was ihre Rezeption zusätzlich erweiterte. Die lateinische Überlieferung bildete die Grundlage für die volkssprachliche Rezeption. In den volkssprachlichen Literaturen entstanden zahlreiche Prosawerke und Dichtungen über Stoffe der Alexandersage, wobei vor allem die verschiedenen lateinischen Fassungen des Pseudo-Kallisthenes, die Historia Alexandri des Curtius Rufus und die Alexandreis Walters von Châtillon verarbeitet wurden. Romanische Literaturen mini|hochkant=1.1|„Alexanders Krönung“ von Jean Fouquet (15. Jahrhundert) Alberich von Bisinzo (Albéric de Pisançon), der im frühen 12. Jahrhundert die älteste volkssprachliche Alexander-Biografie verfasste, ein nur teilweise erhaltenes Gedicht in frankoprovenzalischem Dialekt, verwarf nachdrücklich die Legende von Alexanders unehelicher Geburt und hob seine hochadlige Abstammung von väterlicher und mütterlicher Seite hervor. Er betonte auch die hervorragende Bildung des Herrschers, die – einem mittelalterlichen Bildungsideal entsprechend – neben dem Griechischen (das der Makedone wie eine Fremdsprache lernen musste) auch Latein- und Hebräischkenntnisse umfasst habe.Trude Ehlert: Deutschsprachige Alexanderdichtung des Mittelalters. Frankfurt am Main 1989, S. 20 f. Siehe auch Ulrich Mölk: Alberics Alexanderlied. In: Jan Cölln u. a. (Hrsg.): Alexanderdichtungen im Mittelalter, Göttingen 2000, S. 21–36. Nach der Mitte des 12. Jahrhunderts entstanden weitere französische Gedichte, die einzelne Episoden aus Alexanders Leben (Belagerung von Tyros, Indienfeldzug, Lebensende) behandelten. Sie wurden im späten 12. Jahrhundert zur „Standardversion“ des altfranzösischen Roman d’Alexandre (auch: Roman d’Alixandre) zusammengefügt, die von allen im romanischen Sprachraum verbreiteten volkssprachlichen Bearbeitungen des Stoffs die stärkste Wirkung erzielte. Dieses Epos besteht aus über 20 000 Versen, Zwölf- und Dreizehnsilbern; vom Roman d’Alexandre erhielt dieses Versmaß später die Bezeichnung Alexandriner. Der Roman schildert Alexanders Leben durch Verknüpfung von vier Gedichten unterschiedlichen Ursprungs. Dabei kommt zum Altbestand der Alexanderlegende noch eine Reihe von frei erfundenen Personen und Begebenheiten hinzu. Der Autor stellt Alexander im Stil der Chanson de geste wie einen sehr standesbewussten, ritterlichen Lehnsherrn des Mittelalters dar. Er hebt dabei besonders die Großzügigkeit seines Helden hervor und präsentiert das Ideal eines harmonischen Verhältnisses zwischen König und Vasallen. Neben epischen Partien, besonders in den Kampfschilderungen, finden sich auch stärker romanhafte und vom Phantastischen geprägte. Mehrere Dichter fügten später Ergänzungen hinzu, insbesondere die einem Publikumsbedürfnis entsprechende Darstellung der Rache für den Giftmord an Alexander.Eine Übersicht über die französische Dichtung bietet David J. A. Ross: Alexander Historiatus. A Guide to medieval illustrated Alexander Literature. Frankfurt am Main 1988, S. 9–17; vertiefte Darstellungen bieten Martin Gosman: La légende d’Alexandre le Grand dans la littérature française du 12e siècle. Amsterdam 1997, und Catherine Gaullier-Bougassas: Les romans d’Alexandre. Aux frontières de l’épique et du romanesque. Paris 1998. In England schrieb Thomas von Kent im späten 12. Jahrhundert einen Alexanderroman in Alexandrinern in anglonormannischer Sprache mit dem Titel Le roman de toute chevalerie. Er akzeptierte im Gegensatz zu allen älteren romanhaften Bearbeitungen des Stoffs problemlos die Vorstellung, dass Alexander aus einem Ehebruch seiner Mutter hervorging, was für die früheren Autoren ein nicht akzeptabler Makel gewesen war. Im 15. Jahrhundert entstanden Prosafassungen des Roman d’Alexandre. Der altfranzösische Prosa-Alexanderroman fand weite Verbreitung. Einen Höhepunkt erreichte die Alexander-Bewunderung im Herzogtum Burgund am Hof Herzog Philipps des Guten († 1467) und seines Nachfolgers, Karls des Kühnen. Die bedeutendste spanische Bearbeitung des Stoffs ist El libro de Alexandre. Dieses Epos umfasst über 10 000 Verse (Alexandriner) und ist damit die umfangreichste epische Dichtung Spaniens aus dem 13. Jahrhundert. Der unbekannte Verfasser, ein vorzüglich gebildeter Geistlicher, verfolgt ein moralisches Ziel; er will dem Leser anhand der erzählten Begebenheiten die vorbildliche Tugendhaftigkeit des Helden vor Augen stellen. In Italien entstand eine Reihe von volkssprachlichen Werken über Alexanders Lebens in Prosa und in Versen, deren Grundlage meist die lateinische Historia de preliis war. Die älteste vollständig erhaltene italienische Alexanderdichtung ist die Istoria Alexandri regis von Domenico Scolari aus der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts. Scolari christianisiert seinen Helden weitgehend; Alexander ist ein frommer, geradezu heiliger Wundertäter. Als Universalmonarch beglückt er die Welt durch Recht und Frieden. Im 15. Jahrhundert erreichte das Interesse an der Alexandersage in Italien seinen Höhepunkt.Die Geschichte der Alexanderrezeption im italienischen Mittelalter beschreibt Joachim Storost: Studien zur Alexandersage in der älteren italienischen Literatur. Halle (Saale) 1935. Deutsche Literatur Die deutschsprachige Alexandersage und Alexanderdichtung setzte um die Mitte des 12. Jahrhunderts mit dem Alexanderlied des Pfaffen Lamprecht ein, der sich eng an Alberichs Versroman hielt. Die drei erhaltenen, später bearbeiteten Fassungen von Lamprechts Gedicht, der „Vorauer Alexander“, der „Straßburger Alexander“ und der „Basler Alexander“, setzten jedoch in der Bewertung Alexanders unterschiedliche Akzente. Im „Vorauer Alexander“ wird deutliche Kritik am König geübt. Alexander handelt zwar nach dem Willen Gottes, wird aber als hochmütig und herrschsüchtig dargestellt; die Zerstörung von Tyros wird als schweres Unrecht verurteilt, da die Tyrer als treue Untertanen des Perserkönigs nur ihre Pflicht erfüllten. Überdies erscheint er als mitleidlos, da er nicht über den Tod der vielen Gefallenen trauert. Andererseits verfügt er aber über Umsicht, die ihn seine Neigung zu jähzorniger Unbeherrschtheit überwinden lässt, womit er ein Beispiel gibt und sich von dem sehr negativ gezeichneten Dareios abhebt. Alexander wird bewusst als zwiespältige Persönlichkeit gezeichnet.Trude Ehlert: Deutschsprachige Alexanderdichtung des Mittelalters. Frankfurt am Main 1989, S. 43–46, 59; Christoph Mackert: Die Alexandergeschichte in der Version des ‚pfaffen’ Lambrecht, München 1999, S. 36 f., 262–267, 277–297, 336 ff. Ein einfacheres Alexanderbild entwirft ein aus ritterlich-aristokratischer Sicht wertender Autor im „Straßburger Alexander“; hier wird der König als vorbildlicher Kämpfer, Feldherr und Herrscher idealisiert. Als solcher handelt er nicht eigenmächtig, sondern sucht den Rat seiner Vasallen. Er ist klug, gerecht und gütig, und seine schon in der Antike negativ bewertete Neigung zum Jähzorn wird als einigermaßen berechtigt dargestellt.Trude Ehlert: Deutschsprachige Alexanderdichtung des Mittelalters. Frankfurt am Main 1989, S. 59–62. Allerdings ist er nicht frei von Hochmut; zum vollkommenen Herrscher fehlt ihm die Mäßigung, die er aber in seiner letzten Lebensphase doch noch erlangt, womit er das Ideal restlos verwirklicht. Im „Basler Alexander“ dominiert ein anderes, in der mittelalterlichen Alexander-Rezeption ebenfalls zentrales Element, die Freude am Wunderbaren, Seltsamen und Exotischen. Diese Behandlung des Stoffs zielt auf das Unterhaltungsbedürfnis eines breiten, nicht mehr primär an ritterlichen Idealen orientierten spätmittelalterlichen Publikums. Im 13. Jahrhundert verfasst der Dichter Rudolf von Ems das (allerdings unfertig gebliebene) Epos Alexander. Er schildert den König als vorbildlich tugendhaften Helden und ritterlichen Fürsten, der sich durch seine moralischen Qualitäten als Herrscher legitimiert. Alexander vollzieht als Werkzeug Gottes dessen Willen. Durch ihn werden die Perser, die mit ihrem Verhalten den Zorn des Allmächtigen hervorgerufen haben, gezüchtigt. Sein Handeln ist Teil der Heilsgeschichte, er kann christlichen Herrschern als Vorbild dienen. Ulrich von Etzenbach beschreibt in seinem zwischen 1271 und 1282 entstandenen Gedicht Alexander (28.000 Verse) den König nicht nur als edlen Ritter, sondern auch als überaus frommen Mann Gottes, der seine Siege seinem gottgefälligen Verhalten und Gottvertrauen verdankt; die ihm zugeschriebenen Tugenden stammen aus der Heiligendarstellung. Ulrich missbilligt allerdings einzelne Taten wie die Ermordung Parmenions; darin unterscheidet er sich von Rudolf, bei dem Alexander makellos ist und Parmenion sein Schicksal selbst verschuldet. 1352 vollendet der nur aus seinem einzigen Werk bekannte Dichter Seifrit seine Alexanderdichtung, in der er besonders die Rolle Alexanders als Weltherrscher betont und sich bemüht, von seinem Helden den gängigen Vorwurf des Hochmuts fernzuhalten. Im 14. und im 15. Jahrhundert war der Alexanderstoff in neuen Prosabearbeitungen weit verbreitet; die eine befindet sich im Großen Seelentrost (Mitte des 14. Jahrhunderts), die andere ist Johann Hartliebs Histori von dem grossen Alexander, die nach der Mitte des 15. Jahrhunderts entstand. Beide dienten einem moralischen Zweck, doch ihre Verfasser gingen dabei auf völlig entgegengesetzte Weise bewertend vor. Im Großen Seelentrost bietet Alexander das abschreckende Lehrbeispiel eines durch und durch gierigen Menschen, den seine Neugier, Besitzgier und Machtgier letztlich ins Verderben führt, denn er versucht die dem Menschen gesetzten Grenzen zu überschreiten. Bei Hartlieb hingegen ist er ein Vorbild an Mannes- und Fürstentugend und überdies von einem wissenschaftlichen Erkenntnisstreben beseelt. Für mittelalterliche Verhältnisse auffallend ist die positive Wertung der Wissbegierde, eines auf die Natur gerichteten Forscherdrangs, der Alexander zugeschrieben wird. Im 15. Jahrhundert wurden auch Alexanderdramen geschaffen und aufgeführt, doch sind ihre Texte nicht erhalten. Während die mit literarischem Anspruch gestalteten Werke Alexander in der Regel verherrlichen oder zumindest in überwiegend positivem Licht erscheinen lassen, werden im religiös-erbaulichen und moralisch belehrenden Prosaschrifttum oft negative Züge des Makedonenkönigs betont; dort wird er als abschreckendes Beispiel für Maßlosigkeit und Grausamkeit angeführt. Sein Himmelsflug dient Geistlichen wie Berthold von Regensburg als Symbol für frevelhaften Übermut. Andererseits heben bedeutende Dichter wie Walther von der Vogelweide und Hartmann von Aue Alexanders vorbildliche milte (Freigebigkeit) hervor. Englische Literatur Trotz des traditionell großen Interesses am Alexanderstoff in England gab es erst im Spätmittelalter einen Alexanderroman in englischer Sprache, die mittelenglische Dichtung Kyng Alisaunder, die wohl aus dem frühen 14. Jahrhundert stammt. Sie schildert den König als Helden und hebt seine Großmut hervor, verschweigt aber auch nicht seine Maßlosigkeit und Unbesonnenheit.Zu diesem Werk siehe Gerrit Bunt: Alexander the Great in the literature of Medieval Britain. Groningen 1994, S. 19–26. Eine Reihe von weiteren Schilderungen von Alexanders Leben fußte auf der Historia de preliis Alexandri Magni, die im mittelalterlichen England beliebt war. Byzanz und slawische Länder mini|Luftfahrt Alexanders des Großen, Nordfassade von San Marco, byzantinische Spolie in Venedig Auch für die volkstümliche byzantinische Alexander-Rezeption bildete der Roman des Pseudo-Kallisthenes den Ausgangspunkt. Er lag zunächst in einer mittelgriechischen Prosabearbeitung aus dem 7. Jahrhundert vor. In spätbyzantinischer Zeit entstanden mehrere Neufassungen. Hier hat Alexander die Gestalt eines byzantinischen Kaisers angenommen; er ist von Gott gesandt und mit allen Ritter- und Herrschertugenden ausgestattet, wird aber nicht zum Christen gemacht, sondern dem Bereich des Alten Testaments zugeordnet. Er ist mit dem Propheten Jeremia befreundet und wird von ihm beschützt.Heribert J. Gleixner: Das Alexanderbild der Byzantiner. München 1961, S. 67–85, 97–100. 1388 entstand das byzantinische Alexandergedicht.Willem J. Aerts: The Last Days of Alexander the Great according to the Byzantine Alexander Poem, in: Willem J. Aerts (Hrsg.): Alexander the Great in the Middle Ages. Ten Studies on the Last Days of Alexander in Literary and Historical Writing. Nijmegen 1978, S. 25–27 (und S. 21 f. zur Datierung). Die beliebteste Szene aus der Alexandersage war in Byzanz der Himmelsflug, der in der Bildenden Kunst oft dargestellt wurde. In den süd- und ostslawischen Literaturen wurde der Alexanderstoff stark rezipiert, wobei der Weg des Überlieferungsguts vom griechischen Alexanderroman über kirchenslawische Bearbeitungen in die Volkssprachen führte. Eine altbulgarische Fassung des Romans (Aleksandria) wurde zum Ausgangspunkt der Rezeption in russischen Chroniken. In Russland war der Alexanderroman im Hochmittelalter in mehreren Versionen verbreitet. Im 14. Jahrhundert begann eine neue Version zu dominieren, die vom byzantinischen Volksroman ausging und sich durch stark ausgeprägte Merkmale des mittelalterlichen Ritterromans auszeichnete. Besonders beliebt war die serbische Fassung („serbischer Alexander“ oder „serbische Alexandreis“), die auch in Russland Verbreitung fand und Vorlage für die spätmittelalterliche georgische Prosaübersetzung war. In Russland, der Ukraine, Bulgarien und Rumänien setzte sich dieser Typus der Alexanderlegende durch. Arabische Literatur In der mittelalterlichen arabischsprachigen Literatur war Alexander unter dem Namen „al-Iskandar“ bekannt, da der Anfang seines Namens mit dem arabischen Artikel al verwechselt wurde. Er wurde schon in der vorislamischen Dichtung erwähnt. Folgenreich war seine Identifizierung mit der koranischen Figur des Dhū l-Qarnain („der Zweihörnige“), von dem in Sure 18 erwähnt wird, dass er einen Damm gegen Gog und Magog errichtete (Verse 83–98). Diese Identifizierung wurde von den muslimischen Gelehrten mehrheitlich, aber nicht einhellig akzeptiert. Nach heutigem Forschungsstand ist die Ableitung der Figur Dhū l-Qarnains von Alexander sowie die Herkunft des Motivs aus der altsyrischen christlichen Alexanderlegende eine gesicherte Tatsache.Hierzu und zu islamischen Auslegungen der Koranstelle siehe Rudolf Macuch: Pseudo-Callisthenes Orientalis and the Problem of Ḏu l-qarnain. In: Graeco-Arabica. Band 4, 1991, S. 223–264, hier: 241–257; Alexander Demandt: Alexander im Islam. In: Monika Schuol, Udo Hartmann, Andreas Luther (Hrsg.): Grenzüberschreitungen. Formen des Kontakts zwischen Orient und Okzident im Altertum. Stuttgart 2002, S. 11–15; Max Brocker: Aristoteles als Alexanders Lehrer in der Legende. Bonn 1966, S. 83–86; zuletzt Kevin van Bladel: The Alexander Legend in the Qur’an 18:83–102, in: Gabriel S. Reynolds (Hrsg.): The Qur’an in Its Historical Context, London 2008, S. 175–203. Die im Orient verbreitete Bezeichnung Alexanders als „zweihörnig“ taucht schon in einer spätantiken Alexanderlegende in altsyrischer Sprache auf, wo Alexander ein christlicher Herrscher ist, dem Gott zwei Hörner auf dem Kopf wachsen ließ, womit er ihm die Macht verlieh, die Königreiche der Welt zu erobern.Rudolf Macuch: Pseudo-Callisthenes Orientalis and the Problem of Ḏu l-qarnain. In: Graeco-Arabica. Band 4, 1991, S. 223–264, hier: 237. Den ursprünglichen Anlass zur Bezeichnung „der Zweihörnige“ bot die antike bildliche Darstellung Alexanders mit Widderhörnern, die auf seine Vergöttlichung deutete.Dominique Svenson: Darstellungen hellenistischer Könige mit Götterattributen. Frankfurt am Main 1995, S. 14–17. Der Gott Zeus Ammon (Amun), als dessen Sohn Alexander sich betrachtete, wurde als Widder oder widderköpfig dargestellt. Im Koran wird die Geschichte des Zweihörnigen dem Propheten geoffenbart, denn er soll sie mitteilen, wenn er danach gefragt wird. Alexander erscheint darin als frommer Diener Gottes, dem die Macht auf der Erde gegeben war und „ein Weg zu allem“. Er gelangte bis zum äußersten Westen der Welt, wo die Sonne „in einer verschlammten Quelle untergeht“, und erlangte die Herrschaft über das dort lebende Volk (hier ist ein Nachhall von Pseudo-Kallisthenes zu erkennen, der Alexander nach Italien kommen und den gesamten Westen einnehmen ließ). Dann schlug der Zweihörnige den Weg zum äußersten Osten ein und gelangte an den Ort, wo die Sonne aufgeht (daher deuteten die mittelalterlichen Koranausleger die Zweihörnigkeit meist als Zeichen für die Herrschaft über Westen und Osten). Schließlich begab er sich in eine andere Richtung und kam in eine Gegend, wo Menschen lebten, die von Angriffen zweier Völker, der Yāǧūǧ und Māǧūǧ (biblisch Gog und Magog), bedroht waren und ihn um Hilfe baten. Zum Schutz der Bedrohten baute er, ohne einen Lohn zu verlangen, zwischen zwei Berghängen einen gigantischen Wall aus Eisen, den die Angreifer nicht übersteigen oder durchbrechen konnten.Zum antiken Ursprung dieses Sagenmotivs siehe Alexander Demandt: Alexander im Islam. In: Monika Schuol u. a. (Hrsg.): Grenzüberschreitungen. Stuttgart 2002, S. 11–15, hier: 13 f. Dieser Schutzwall wird bis zum Ende der Welt bestehen. – Eine altsyrische Version der Sage von Alexanders Aussperrung von Gog und Magog (in den Revelationes des Pseudo-Methodius) wurde ins Griechische und ins Lateinische übersetzt und fand in Europa viel Beachtung. Auch die voranstehende Passage der 18. Sure (Verse 59–81) scheint von der Alexanderlegende beeinflusst zu sein, obwohl in der Version des Korans Mose statt Alexander der Protagonist ist. Ein dort erzähltes Wunder (Wiederbelebung eines getrockneten Fisches) stammt anscheinend aus dem Alexanderroman; es kommt auch in einer spätantiken altsyrischen Version der Legende vor.Rudolf Macuch: Pseudo-Callisthenes Orientalis and the Problem of Ḏu l-qarnain. In: Graeco-Arabica. Band 4, 1991, S. 223–264, hier: 241. Die Stelle ist Pseudo-Kallisthenes, Vita Alexandri Magni 2,39,12. Skeptisch äußerte sich allerdings Brannon M. Wheeler: Moses or Alexander? Early Islamic Exegesis of Qur’an 18:60–65. In: Journal of Near Eastern Studies. Band 57, 1998, S. 192 ff. Es ist davon auszugehen, dass der Stoff des Alexanderromans zur Entstehungszeit des Korans bereits in arabischer Übersetzung verbreitet war.Zum arabischen Alexanderroman siehe Toufic Fahd: La version arabe du Roman d’Alexandre. In: Graeco-Arabica. Band 4, 1991, S. 25–31. Die islamische Wertschätzung für Alexander, die sich aus seiner Schilderung im Koran ergab, führte dazu, dass einige Autoren ihn zu den Propheten zählten.Max Brocker: Aristoteles als Alexanders Lehrer in der Legende, Bonn 1966, S. 79. Die mittelalterlichen arabischsprachigen Historiker behandelten die Regierung Alexanders eher knapp. Im Gegensatz zu den europäischen christlichen Chronisten gingen bedeutende muslimische Geschichtsschreiber wie Ṭabarī, Masʿūdī, Ibn al-Aṯīr und Ibn Chaldūn auf die Alexandersage nicht oder nur nebenbei ein; sie hielten sich primär an die Überlieferung über den historischen Alexander. Ṭabarī betrachtete seine Quellen kritisch; er stützte sich insbesondere auf die Darstellung des bedeutenden Gelehrten Ibn al-Kalbī († 819/821) und stellte die Vernichtung des Perserreichs als notwendig und berechtigt dar, da Dareios tyrannisch regiert habe. Die Auseinandersetzung mit dem Legendenstoff war kein Thema der Geschichtsschreiber, sondern ein Anliegen der Theologen, die sich mit der Koranauslegung befassten.Michel M. Mazzaoui: Alexander the Great and the Arab Historians. In: Graeco-Arabica. Band 4, 1991, S. 33–43. Reichhaltiges Legendenmaterial über Alexander war im muslimischen Spanien (Al-Andalus) verbreitet; dort hieß es, er habe die Iberische Halbinsel als König beherrscht und in Mérida residiert.Zu den spanischen Versionen der muslimischen Alexanderlegende siehe Manuela Marín: Legends of Alexander the Great in Moslem Spain. In: Graeco-Arabica. Band 4, 1991, S. 71–89. Außerdem kommt Alexander auch in der arabischen Weisheitsliteratur vor, wo er als Gelehrter und Musikliebhaber beschrieben wird. Sehr oft taucht sein Name in Spruchsammlungen auf, wobei die Sprüche teils ihm zugeschrieben werden, teils von ihm handeln.Richard Stoneman: Alexander the Great in the Arabic Tradition. In: Stelios Panayotakis (Hrsg.): The Ancient Novel and Beyond. Leiden 2003, S. 15–18. Persische und türkische Literatur mini|hochkant=1|Alexander in einer persischen Handschrift des 14. Jahrhunderts Im Persischen wurde Alexander Iskandar, Sikandar oder Eskandar genannt. In der Spätantike war im persischen Sassanidenreich eine Legende verbreitet, wonach er der persischen Religion, dem Zoroastrismus, einen schweren Schlag versetzte, indem er religiöse Schriften vernichten ließ. Daher war Alexander bei den Anhängern dieser Religion verhasst und wurde als teuflisches Wesen betrachtet.Max Brocker: Aristoteles als Alexanders Lehrer in der Legende. Bonn 1966, S. 62–65, 96; Richard Stoneman: Alexander the Great. A Life in Legend. New Haven 2008, S. 41–44. Noch im 17. Jahrhundert war diese Sichtweise bei den Parsen in Indien verbreitet; siehe Friedrich Pfister: Kleine Schriften zum Alexanderroman, Meisenheim 1976, S. 303. Nach der Islamisierung wirkte sich diese Sage aber im gegenteiligen Sinne aus, denn nun machte man aus Alexander einen Vorkämpfer des Monotheismus gegen heidnische Götzendiener.Josef Wiesehöfer: The ‘Accursed’ And The ‘Adventurer’: Alexander The Great In Iranian Tradition. In: Z. David Zuwiyya (Hrsg.): A Companion to Alexander Literature in the Middle Ages. Leiden 2011, S. 113–132. Der berühmte persische Dichter Firdausi († 1020) baute eine Version der Alexanderlegende in das iranische Nationalepos Schāhnāme ein, wobei er in manchen Einzelheiten von Pseudo-Kallisthenes abwich. Für ihn war Alexander ein „römischer Kaiser“ und Christ, der unter dem Kreuzeszeichen kämpfte; offenbar dachte er dabei an die byzantinischen Kaiser.Rudolf Macuch: Pseudo-Callisthenes Orientalis and the Problem of Ḏu l-qarnain. In: Graeco-Arabica. Band 4, 1991, S. 223–264, hier: 258–259. Außerdem machte er – wie schon Ṭabarī, der persischer Abstammung war – Alexander zu einem Halbbruder des Dareios, womit er ihn für das Persertum vereinnahmte; aus der Vernichtung des Perserreichs wurde ein Bruderzwist innerhalb der iranischen Herrscherfamilie. 1191 schuf der persische Dichter Nezami das Eskandar-Nāme („Alexander-Buch“). Sein Alexander ist völlig islamisiert; er ist ein monotheistischer Held, der den Zoroastrismus der Perser mit Feuer und Schwert ausrottet und dafür den Beifall des Dichters erhält. Er unterwirft nicht nur Indien, sondern auch ChinaVon einem Vordringen Alexanders nach China hatte schon der 1048 gestorbene persische Gelehrte al-Bīrūnī geschrieben, siehe Alexander Demandt: Alexander im Islam. In: Monika Schuol u. a. (Hrsg.): Grenzüberschreitungen. Stuttgart 2002, S. 11–15, hier: 14. und gelangt im Westen bis nach Spanien. Wie schon bei Firdausī sucht Alexander auch Mekka auf und reinigt dort die Kaaba. Außerdem ist er auch Philosoph und ein großer Förderer der Wissenschaft; er befiehlt den Gelehrten, das Wissen aller Völker zusammenzutragen. Das Eskandar-Nāme wurde zum Vorbild für einige spätere Dichtungen ähnlicher Art.Rudolf Macuch: Pseudo-Callisthenes Orientalis and the Problem of Ḏu l-qarnain. In: Graeco-Arabica. Band 4, 1991, S. 223–264, hier: 259. Zu Nezamis Epos siehe auch Johann C. Bürgel: Krieg und Frieden im Alexanderepos Nizamis. In: Margaret Bridges, Johann Ch. Bürgel (Hrsg.): The Problematics of Power. Eastern and Western Representations of Alexander the Great. Bern 1996, S. 91–107. Die Handschriften der persischen Alexander-Bücher wurden trotz islamischer Bilderverbote ab dem 14. Jahrhundert mit Buchmalerei geschmückt. In Nordindien sorgten die Mogul-Kaiser des 16. Jahrhunderts für die Bebilderung solcher Bücher. Ein Beispiel ist das Dārāb-nāma von Abū Tāhir Tarsūsī, das in den Werkstätten Akbars illustriert wurde. Im Jahr 1390 verfasste der türkische Dichter Tāǧ ed-Dīn Ibrāhīm Aḥmedī das türkische Alexanderepos Iskendernāme, die erste türkische Bearbeitung des Alexanderstoffs. Dafür bildete Nezamis „Alexanderbuch“ die Grundlage, doch verfügte Aḥmedī auch über andere Quellen, aus denen er zusätzliches Sagenmaterial bezog. Sein Werk war im Osmanischen Reich lange berühmt und gelangte auch nach Iran und Afghanistan. Hebräische Literatur Die jüdische Alexanderrezeption war von dem Umstand geprägt, dass der Makedone schon in der Antike als Freund des jüdischen Volkes und Diener Gottes betrachtet wurde. In der mittelalterlichen hebräischen Alexanderliteratur floss Material aus unterschiedlichen Traditionen zusammen. Einerseits handelte es sich um Stoff aus dem griechischen Alexanderroman bzw. der Historia de preliis, andererseits um einzelne Sagen jüdischer Herkunft (Verhalten Alexanders in Jerusalem, seine Schutzmaßnahme gegen Gog und Magog, sein Aufenthalt im irdischen Paradies und weitere Geschichten).David J. A. Ross: Alexander Historiatus. A Guide to medieval illustrated Alexander Literature. Frankfurt am Main 1988, S. 33–36, 45, 59, 64 f. Zur jüdischen Alexanderlegende siehe auch Max Brocker: Aristoteles als Alexanders Lehrer in der Legende, Bonn 1966, S. 71–78; Friedrich Pfister: Kleine Schriften zum Alexanderroman. Meisenheim 1976, S. 319–327. Die hebräische Überlieferung wurde nicht nur von der griechischen und lateinischen beeinflusst, sondern wirkte auch ihrerseits auf die westeuropäische Alexandersage ein. Weit verbreitet war in der lateinischsprachigen Welt eine von Petrus Comestor eingeführte Variante der Erzählung von Gog und Magog, wonach Alexander nicht die wilden Völker Gog und Magog, sondern die zehn jüdischen Stämme aussperrte, um sie für ihre Abwendung vom wahren Gott zu bestrafen.David J. A. Ross: Alexander Historiatus. A Guide to medieval illustrated Alexander Literature. Frankfurt am Main 1988, S. 34–36. Äthiopische Alexanderlegende Ins christliche Äthiopien gelangte der Alexanderroman auf dem Umweg über eine arabische Fassung. Der Stoff wurde für die Bedürfnisse eines geistlich orientierten Publikums stark umgestaltet. Alexander wird zu einem christlichen König, der den christlichen Glauben predigt. Er lebt keusch und ist ein Vorbild der Tugendhaftigkeit. Er stirbt wie ein Einsiedler, nachdem er sein Vermögen an die Armen verteilt hat. Durch diese besonders weitreichende Umarbeitung des Romans wird er zu einem Erbauungsbuch. Humanismus und Frühe Neuzeit mini|hochkant=1.4|„Alexanders Einzug in Babylon“ von Charles Le Brun, 1661–1665 Petrarca behandelte in seinem Werk „Über berühmte Männer“ auch Alexander, wobei er sich an Curtius Rufus hielt, dessen negative Äußerungen er herausgriff; Positives verschwieg er. Die außerordentliche Bekanntheit der Legendengestalt Alexander hielt auch in der Frühen Neuzeit an. So schrieb der Chronist Johannes Aventinus († 1534), es sei „kein Herr, kein Fürst unseren Leuten, auch dem gemeinen ungelehrten Mann, so bekannt“ wie Alexander.Arthur Hübner: Alexander der Große in der deutschen Dichtung des Mittelalters. In: Die Antike. Band 9, 1933, S. 32. Andererseits drangen aber in der Renaissance die Humanisten zum historischen Alexander vor und taten die Alexandersage als Märchen ab. Die Wiederentdeckung griechischer Quellen (insbesondere Arrians), die im Mittelalter unbekannt waren, ermöglichte einen neuen Zugang zur Epoche Alexanders. Schon der Portugiese Vasco da Lucena, der 1468 am Hof Karls des Kühnen von Burgund die erste französische Übersetzung der Alexanderbiografie des Curtius Rufus anfertigte, übte scharfe Kritik an der Legende, in deren Übertreibungen und Wunderglauben er eine Verdunkelung der wahren historischen Leistung Alexanders sah.Florens Deuchler: Heldenkult im Mittelalter. In: Margaret Bridges, Johann Ch. Bürgel (Hrsg.): The Problematics of Power. Eastern and Western Representations of Alexander the Great. Bern 1996, S. 20 f. 1528/29 schuf der Maler Albrecht Altdorfer sein berühmtes Gemälde Die Alexanderschlacht. Charles Le Brun malte ab den frühen sechziger Jahren des 17. Jahrhunderts eine Reihe von Szenen aus Alexanders Leben für König Ludwig XIV. Auf Dichter und Romanautoren übte die Gestalt Alexanders weiterhin eine starke Faszination aus. Ab dem 17. Jahrhundert handelt es sich allerdings großenteils um Werke, deren Handlung sich – ganz im Gegensatz zur traditionellen Alexandersage – um frei erfundene erotische Verwicklungen dreht und nur noch geringe Ähnlichkeit mit dem ursprünglichen Legendenstoff aufweist. Hans Sachs schrieb 1558 eine Tragedia von Alexandro Magno, die in sieben Akten die ganze Geschichte Alexanders darstellt. In Frankreich verfasste Jacques de la Taille 1562 die Tragödien La Mort de Daire und La Mort d’Alexandre, und Alexandre Hardy wählte dieselben Titel für zwei seiner Tragödien (La Mort d’Alexandre, 1621, und La Mort de Daire, 1626). Im weiteren Verlauf des 17. Jahrhunderts folgten zahlreiche Tragödien und Tragikomödien, darunter Racines Alexandre le Grand (Uraufführung 1665). Noch intensiver war die Rezeption in italienischer Sprache. Antonio Cesti komponierte die Oper Alessandro vincitor di se stesso (Uraufführung Venedig 1651), Francesco Lucio ein „dramma musicale“ Gl’amori di Alessandro Magno e di Rossane (Libretto von Giacinto Andrea Cicognini, 1651); zahlreiche Dramen, Melodramen, Opern und Ballette folgten. Unter den Opern waren besonders erfolgreich Alessandro Magno in Sidone von Marc’Antonio Ziani (1679, Libretto von Aurelio Aureli), die „tragicommedia per musica“ Alessandro in Sidone von Francesco Bartolomeo Conti (1721, Libretto: Apostolo Zeno) und das vielfach vertonte Libretto Alessandro nell’Indie von Pietro Metastasio (1729, Erstvertonung: Leonardo Vinci) sowie vor allem Alessandro von Händel (Uraufführung in London 1726, Libretto von Paolo Antonio Rolli). Gluck verwertete Elemente des Alexanderstoffs sowohl in seiner Oper Poro (Alessandro nell’India) (Uraufführung: Turin 1744, Libretto von Metastasio) als auch in dem Ballett Alessandro. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts schrieb in Spanien der Dichter Lope de Vega die Tragikomödie Las grandezas de Alejandro. Der englische Schriftsteller John Lyly schrieb die Komödie Campaspe (Uraufführung 1584), die auch unter dem Titel Alexander and Campaspe bekannt ist und von einem Aufenthalt Alexanders in Athen handelt. John Dryden dichtete 1692 die Ode Alexander’s Feast, welche die Basis für das Libretto des 1736 vollendeten und uraufgeführten gleichnamigen Oratoriums von Georg Friedrich Händel (HWV 75) bildete. In Griechenland wurde von 1529 bis ins frühe 20. Jahrhundert die Alexanderlegende in gedruckten Volksbüchern verbreitet, zunächst vorwiegend in Versform (Rimada, 14 Drucke von 1529 bis 1805), ab dem 18. Jahrhundert meist in Prosa (Phyllada). Von insgesamt 43 Drucken der Phyllada aus dem Zeitraum von ca. 1680 bis 1926 erschienen 20 in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.Georg Veloudis: Alexander der Große. Ein alter Neugrieche. München 1969, S. 16 f. Eine ausführlichere Darstellung bietet die Dissertation von Georg Veloudis: Der neugriechische Alexander. München 1968. Rezeption in Nordmazedonien mini|hochkant|Das 2011 errichtete Reiterdenkmal in Skopje, Nordmazedonien Seit der Unabhängigkeitserklärung der früheren jugoslawischen Teilrepublik Mazedonien, der heutigen Republik Nordmazedonien, im Jahr 1991 knüpfte der neue souveräne Staat demonstrativ an die Tradition des antiken Reichs Makedonien an und betrachtete diese als einen wesentlichen Aspekt seiner nationalen Identität. Von offizieller nordmazedonischer Seite wurde behauptet, es gebe eine ethnische und kulturelle Kontinuität vom antiken Makedonien zum heutigen Nordmazedonien.. Über die Positionen nordmazedonischer Nationalisten informiert Loring M. Danforth: The Macedonian Conflict: Ethnic Nationalism in a Transnational World. Princeton 1995, S. 42–55, speziell zu Alexander dem Großen S. 46–49. Im Rahmen solcher Traditionspflege förderten mazedonische Behörden auch auf kommunaler Ebene die Verehrung Alexanders des Großen, was sich unter anderem in der Errichtung von Alexander-Denkmälern und in der Benennung von Straßen äußert. Im Dezember 2006 wurde der Flughafen der nordmazedonischen Hauptstadt Skopje nach Alexander benannt (Aerodrom Skopje „Aleksandar Veliki“); dort wurde eine große Alexander-Büste aufgestellt. 2009 wurde die Errichtung einer zwölf Meter hohen Reiterstatue auf einem zehn Meter hohen Sockel im Zentrum von Skopje beschlossen, die Alexander nachempfunden war.Sinisa-Jakov Marusic: Italy Casts Macedonia’s Alexander Statue (5. Mai 2009). Im Juni 2011 wurde dieser Beschluss, der in Griechenland Irritation auslöste, umgesetzt.Hajrudin Somun: Macedonia’s monument to discord (27. Juni 2011). Von griechischer Seite wird die Behauptung einer kulturellen Kontinuität zwischen den antiken Makedonen und den heutigen Staatsbürgern der Republik Nordmazedonien nachdrücklich zurückgewiesen. Daher erscheint auch die mazedonische Alexander-Rezeption aus griechischer Sicht als Provokation, da die gesamte Alexander-Tradition ausschließlich ein Teil des griechischen kulturellen Erbes sei.. Über die Positionen griechischer Nationalisten informiert Loring M. Danforth: The Macedonian Conflict: Ethnic Nationalism in a Transnational World, Princeton 1995, S. 30–42, speziell zu Alexander dem Großen S. 34, 36–38. Im Februar 2018 beschloss die neue nordmazedonische Regierung angesichts von Fortschritten bei den Verhandlungen mit Griechenland zum mazedonischen Namensstreit, den Flughafen von Skopje und eine Autobahn, die den Namen „Alexander von Mazedonien“ trug, wieder umzubenennen.Mazedonien benennt Flughafen und Autobahn um. DerStandard.at, 6. Februar 2018. Abgerufen am 21. Februar 2018. Zusätzlich unterzeichnete Nordmazedonien im Presseabkommen, dass das Land und seine Einwohner keine Verbindung zum Hellenismus, der hellenistischen Kultur, Geschichte und Herkunft haben. Moderne Belletristik In der Moderne hat sich die Belletristik stärker als früher um Nähe zum historischen Alexander bemüht. Zu den bekannteren historischen Romanen aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gehören Alexander in Babylon von Jakob Wassermann (1905), Alexander. Roman der Utopie von Klaus Mann (1929), der Alexander als gescheiterten Utopisten darstellt, und Iskander von Paul Gurk (1944). Weitere belletristische Darstellungen von Alexanders Leben stammen von Mary Renault, Roger Peyrefitte, Gisbert HaefsGisbert Haefs: Alexander. Band 1: Hellas. Der Roman der Einigung Griechenlands. Haffmans-Verlag, Zürich 1992 und Band 2: Asien. Der Roman der Eroberung eines Weltreichs. Zürich 1993. und Valerio Massimo Manfredi.Valerio Massimo Manfredi: Alexander. Der makedonische Prinz (= erster Band einer Trilogie), Alexander. König von Asien (= zweiter Band). und Alexander. Der Herrscher der Welt (= dritter Band). die italienische Originalausgabe aller drei Bände erschien 1998. Arno Schmidt lässt in seiner Erzählung Alexander oder Was ist Wahrheit. (1953)Arno Schmidt: Alexander oder Was ist Wahrheit. In: Arno Schmidt: Die Umsiedler. 2 Prosastudien (= Studio Frankfurt. Nr. 6). Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 1953. den Ich-Erzähler Lampon eine Wandlung vom Verehrer zum Gegner Alexanders durchmachen. Iron Maiden widmete ihm den in der Metal-Szene sehr populär gewordenen Titel Alexander the Great, der 1986 im Album Somewhere in Time erstmals veröffentlicht wurde. Beurteilung in der modernen Forschung Den Ausgangspunkt der modernen wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Alexander bildete die 1833 erschienene „Geschichte Alexanders des Großen“ von Johann Gustav Droysen. Droysen betonte die aus seiner Sicht positiven kulturellen Folgen von Alexanders Politik einer „Völkervermischung“ statt einer bloßen makedonischen Herrschaft über unterworfene Barbaren. Er lobte die Wirtschaftspolitik, die Städtegründungen und die Förderung der Infrastruktur und meinte, auf religiösem Gebiet habe Alexanders Politik die Entstehung einer Weltreligion vorbereitet. Dieser Sichtweise war eine starke Nachwirkung beschieden. Im englischen Sprachraum war ihr Hauptvertreter im 20. Jahrhundert William W. Tarn, dessen 1948 erschienene Alexander-Biografie den Eroberer als Idealisten beschreibt, der eine zivilisatorische Mission erfüllen wollte. Dieser Einschätzung, deren Grundidee schon bei Plutarch auftaucht, steht eine dezidiert negative Wertung gegenüber, welche Kernpunkte der antiken Alexanderkritik aufgreift. Die Vertreter dieser Richtung (siehe bereits die negative Charakterisierung durch Karl Julius Beloch sowie später Ernst Badian und ähnlich Fritz Schachermeyr, daran anschließend Albert B. Bosworth, Ian Worthington, Wolfgang Will) unterscheiden sich hinsichtlich der Gewichtung verschiedener Einzelaspekte. Grundsätzlich aber sehen sie in dem Eroberer Alexander primär einen Zerstörer, dessen Fähigkeiten sich auf Militärisches beschränkten. Politisch sei er an seinen Fehlern gescheitert. Er habe impulsive, irrationale Entscheidungen getroffen und sich mit den Säuberungen unter seinen Vertrauten und Offizieren schließlich in die Isolation manövriert, da er niemandem mehr vertrauen konnte.Die aus der Sicht dieser Forschungsrichtung wesentlichen Gesichtspunkte fasst zusammen: Die militärischen Leistungen Alexanders, die früher einhellige Anerkennung fanden, werden von den modernen Kritikern relativiert; so charakterisiert Badian den Rückmarsch aus Indien als eine von Alexander verschuldete militärische Katastrophe. Waldemar Heckel hingegen hob Alexanders strategische Fähigkeiten hervor und wandte sich zugleich gegen ein romantisierendes Alexanderbild.Waldemar Heckel: The Conquests of Alexander the Great. Cambridge 2007, S. IXf. Vor einer überzogenen Kritik, wodurch sozusagen das Pendel von der Heldenverehrung Alexanders in das andere Extrem umzuschlagen droht, warnte Frank L. Holt, der diesen Trend als „new orthodoxy“ bezeichnete.Frank Holt: Alexander the Great today. In the Interests of Historical Accuracy? In: The Ancient History Bulletin. Band 13, 1999, S. 111–117. Vgl. dazu Ian Worthingtons Antwort auf Holt. Eine geteilte Wirkungsbilanz des Makedoniers zieht Werner Dahlheim, der einerseits die Versuche Alexanders, eine neue Ordnung zu schaffen, angesichts der angerichteten Zerstörungen und des raschen Zerfalls der eroberten Ländermasse als gescheitert ansieht – speziell im Vergleich zur Grundlegung des römischen Kaisertums durch Augustus. Andererseits nehme Alexander infolge seiner Kriegszüge eine nahezu einzigartige Stellung ein: „Der gesamte vordere Orient und Ägypten wurden hellenisiert. Damit erhielt die griechische Kultur Weltgeltung und das Mittelmeer wuchs mit allen seinen Randgebieten für tausend Jahre zu einem einheitlichen Kulturraum zusammen.“Werner Dahlheim: Die griechisch-römische Antike. Band 1: Herrschaft und Freiheit. Die Geschichte der griechischen Stadtstaaten (= Uni-Taschenbücher. Band 1646). 3. Auflage, Schöningh, Paderborn 1997, ISBN 3-8252-1647-0, S. 290. Neben diesen stark wertenden Darstellungen stehen Untersuchungen vor allem aus neuerer und neuester Zeit, deren Autoren von vornherein darauf verzichten, die Persönlichkeit Alexanders zu erfassen, ein Werturteil über sie abzugeben und seine verborgenen Motive zu erkunden (was aufgrund der Quellenlage sehr schwierig ist, worauf unter anderem Gerhard Wirth hingewiesen hat). Diese Forscher untersuchen vielmehr Alexanders Selbstdarstellung, deren Wandel und die sich daraus ergebenden politischen Folgen. Die europäische althistorische Forschung war lange Zeit von kolonialen und orientalistischen Vorstellungen geprägt und identifizierte sich in Übernahme der Perspektive der griechisch-römischen Quellen mit Alexander als vermeintlichem Kulturbringer im „barbarischen“ Osten. Insbesondere der französische Althistoriker Pierre Briant hat zur Kritik dieser Perspektive beigetragen. Stattdessen schlägt er vor, Alexander als „letzten Achämeniden“ zu betrachten, also als Fortsetzer der persischen Herrschaftstradition. Hiergegen hat Hans-Ulrich Wiemer betont, dass Alexander auch als vermeintlicher Achämenidenherrscher nicht zu greifen sei, zumal er in Indien und Arabien Gebiete zu erobern suchte, die nie unter achämenidischer Herrschaft standen.Hans-Ulrich Wiemer: Alexander – der letzte Achaimenide? Eroberungspolitik, lokale Eliten und altorientalische Traditionen im Jahr 323. In: Historische Zeitschrift. Band 284, 2007, S. 283–309. Quellen Muriel Debié: Alexandre le Grand en syriaque. Maître des lieux, des savoirs et des temps (= Bibliothèque de l’Orient chrétien. Band 7). Les Belles Lettres, Paris 2024, ISBN 978-2-251-45490-0. Johannes Hahn: Alexander in Indien 327–325 v. Chr. Antike Zeugnisse, eingeleitet, übersetzt und erläutert (= Fremde Kulturen in alten Berichten. Band 8). Thorbecke, Stuttgart 2002, ISBN 3-7995-0607-1. Waldemar Heckel, John C. Yardley: Alexander the Great. Historical Sources in Translation. Blackwell, Oxford 2004, ISBN 0-631-22821-7(thematisch geordnete Sammlung von Quellenauszügen in englischer Übersetzung mit knappen Kommentaren und weiterführenden Hinweisen; als erster Überblick zu empfehlen) Literatur Zum historischen Alexander Edward M. Anson (Hrsg.): Brill’s Companion to the Campaigns of Philip II and Alexander the Great. Brill, Leiden / Boston 2025, ISBN 978-9-00-471506-6. Pedro Barceló: Alexander der Große. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2007, ISBN 3-89678-610-5. Helmut Berve: Das Alexanderreich auf prosopographischer Grundlage. 2 Bände, Beck, München 1926 (weiterhin grundlegend für Institutionen und Personen). Albert Brian Bosworth: Alexander and the East. The Tragedy of Triumph. Clarendon Press, Oxford 1996, ISBN 0-19-814991-3 (teilweise sehr negative Bewertung Alexanders durch einen Historiker, der ihm zahlreiche Bücher und Aufsätze gewidmet hat). Albert Brian Bosworth: Conquest and Empire. The Reign of Alexander the Great. Cambridge University Press, Cambridge 1988, 1993, ISBN 0-521-40679-X. Albert Brian Bosworth: Alexander the Great. In: The Cambridge Ancient History. 2. Auflage, Band 6: The Fourth Century B.C. Cambridge University Press, Cambridge 1994, ISBN 0-521-23348-8, S. 791–875. Hugh Bowden: Alexander the Great. A Very Short Introduction. Oxford University Press, Oxford 2014, ISBN 978-0-19-870615-1. Pierre Briant: Darius in the Shadow of Alexander. Harvard University Press, Cambridge (Massachusetts) / London 2015, ISBN 978-0-674-74460-8. Pierre Briant: Alexander the Great and His Empire: A Short Introduction. Princeton University Press, Princeton 2010, ISBN 978-0-691-14194-7. Paul Cartledge: Alexander the Great. The Hunt for a New Past. Overlook Press, Woodstock (New York)/London 2004, ISBN 1-58567-565-2 (gut lesbare Darstellung, wenngleich eher thematisch als chronologisch gegliedert). Julian Degen: Alexander III. zwischen Ost und West. Indigene Traditionen und Herrschaftsinszenierung im makedonischen Weltimperium (= Oriens et Occidens. Band 39). Franz Steiner, Stuttgart 2022, ISBN 978-3-515-13283-1 (Studie zur Struktur und Funktionsweise von Alexanders Reich). Alexander Demandt: Alexander der Große: Leben und Legende. Beck, München 2009, ISBN 978-3-406-59085-6 (Rezension bei sehepunkte). Johann Gustav Droysen: Geschichte Alexanders des Großen. Herausgegeben von Armin Hohlweg u. a., ars una, Neuried 2004, ISBN 3-89391-800-0 (Nachdruck der Ausgabe Gotha 1877, vermehrt um einen Anmerkungsteil mit kritischen Kommentaren der Herausgeber und zahlreiche Abbildungen und Karten) Johannes Engels: Philipp II. und Alexander der Große. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2006, ISBN 3-534-15590-4 (sehr gute Einführung). Robin Lane Fox: Alexander the Great. Penguin, London 1973. Deutsche Übersetzung: Alexander der Große. Eroberer der Welt. 4. Auflage, Klett-Cotta, Stuttgart 2005, ISBN 3-608-94078-2 (nicht unumstrittene, aber großartig erzählte Darstellung, die Alexander recht positiv sieht). Peter Green: Alexander of Macedon. A historical Biography. University of California Press, Berkeley/Los Angeles/London 1992, ISBN 0-520-07166-2 (Nachdruck von Penguin, Harmondsworth 1974; neben Bosworth, Lauffer und Lane Fox eine der besten modernen Alexander-Biografien). Hans-Joachim Gehrke: Alexander der Große. 6., aktualisierte Auflage, Beck, München 2013, ISBN 978-3-406-41043-7. Nicholas G. L. Hammond: Alexander der Große. Feldherr und Staatsmann. Ullstein, Berlin 2004, ISBN 3-549-07140-X. Svend Hansen, Alfried Wieczorek, Michael Tellenbach (Hrsg.): Alexander der Große und die Öffnung der Welt. Asiens Kulturen im Wandel. Schnell & Steiner, Regensburg 2009, ISBN 978-3-7954-2177-9 (Begleitband zur gleichnamigen Ausstellung in den Reiss-Engelhorn-Museen in Mannheim mit ca. 600 Farbabbildungen und Essays von Wissenschaftlern verschiedener Fachrichtungen). Waldemar Heckel, Johannes Heinrichs, Sabine Müller u. a. (Hrsg.): Lexicon of Argead Makedonia. Frank & Timme, Berlin 2020, ISBN 978-373-299601-8. Waldemar Heckel: In the Path of Conquest. Resistance to Alexander the Great. Oxford University Press, Oxford 2020, ISBN 978-019-007668-9. Waldemar Heckel: Who’s Who in the Age of Alexander the Great. Prosopography of Alexander’s Empire. Blackwell, Oxford u. a. 2006, ISBN 1-4051-1210-7 (Digitalisat). Waldemar Heckel: The Marshals of Alexander’s Empire. Routledge, London 1992, ISBN 0-415-05053-7 (nützliches prosopographisches Handbuch). Waldemar Heckel, Lawrence A. Tritle (Hrsg.): Alexander the Great. A new History. Blackwell, Oxford u. a. 2009 (aktuelle und nützliche Sammlung von Beiträgen zu verschiedenen Schlüsselthemen wie Eroberungen, Armee, Hof, Persien, Privatleben, Rezeption), ISBN 978-140-513081-3. Siegfried Lauffer: Alexander der Große. 4. Auflage, dtv, München 2004, ISBN 3-423-34066-5 (deutsche Kurzdarstellung, sehr quellennah). Sabine Müller: Alexander der Große. Eroberung – Politik – Rezeption. Kohlhammer, Stuttgart 2019, ISBN 978-3-17-031346-0. Daniel Ogden (Hrsg.): The Cambridge Companion to Alexander the Great. Cambridge University Press, Cambridge 2024, ISBN 978-1-108-74467-6. Joseph Roisman (Hrsg.): Brill’s Companion to Alexander the Great. Brill, Leiden 2003, ISBN 90-04-12463-2 (Sammelband mit Beiträgen zu verschiedenen Schlüsselthemen, darunter Alexander als Stratege, Selbstdarstellung, der Hof). Fritz Schachermeyr: Alexander der Große. Das Problem seiner Persönlichkeit und seines Wirkens. Wien 1973 (umfassende Darstellung, die teilweise mit den vorherigen, zumeist positiven Alexanderbildern brach). Jakob Seibert: Alexander der Große (= Erträge der Forschung. Band 10). Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1972, ISBN 3-534-04492-4. William W. Tarn: Alexander the Great. 2 Bände, Cambridge University Press, Cambridge 1948 (deutsch 1968, Nachdruck in einem Band 1981; teilweise sehr romantisierende Darstellung, wobei Alexander ausgesprochen positiv beurteilt wird; Band 2 bietet einen Überblick über die Quellen sowie Einzeluntersuchungen). Hans-Ulrich Wiemer: Alexander der Große. Beck, München 2005, ISBN 3-406-52887-2 (solide Einführung). Wolfgang Will: Alexander der Große (= Urban Taschenbücher. Band 370). Kohlhammer, Stuttgart 1986, ISBN 3-17-008939-0. Wolfgang Will (Hrsg.): Zu Alexander dem Großen. Festschrift Gerhard Wirth zum 60. Geburtstag. 2 Bände, Hakkert, Amsterdam 1987–1988, ISBN 90-256-0933-3. 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Muriel Debié: Alexandre le Grand en syriaque. Maître des lieux, des savoirs et des temps (= Bibliothèque de l’Orient chrétien. Band 7). Les Belles Lettres, Paris 2024, ISBN 978-2-251-45490-0. – Rezension von Corinne Jouanno, Bryn Mawr Classical Review 2024.09.05. Siegmar Döpp: Alexander in spätlateinischer Literatur. In: Göttinger Forum für Altertumswissenschaft. Band 2, 1999, S. 193–216 (Volltext als PDF). Hans-Ulrich Wiemer: Hero, God or Tyrant? Alexander the Great in the Early Hellenistic Period. In: Henning Börm (Hrsg.): Antimonarchic Discourse in Antiquity. Steiner, Stuttgart 2015, S. 85–112. Mittelalter Willem J. Aerts (Hrsg.): Alexander the Great in the Middle Ages. Ten Studies on the Last Days of Alexander in Literary and Historical Writing. Alfa, Nijmegen 1978. George Cary: The Medieval Alexander. Cambridge University Press, Cambridge 1956. Heribert J. Gleixner: Das Alexanderbild der Byzantiner. Salzer, München 1961. Laurence Harf-Lancner u. a. 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ZDF Mediathek Anmerkungen Kategorie:Argeade Kategorie:König (Makedonien) Kategorie:Person im Alexanderzug Kategorie:Altägyptischer König (Griechisch-römische Zeit) Kategorie:Person als Namensgeber für einen Mondkrater Kategorie:Militärperson (Makedonien) Kategorie:Geboren 356 v. Chr. Kategorie:Gestorben 323 v. Chr. Kategorie:Mann Kategorie:Neun Helden
de
wikipedia
156,531
8726f05b-825b-483e-8eaa-0ff58979bfba
Albedo
+ Albedowerte … im SonnensystemNASA: Lunar and Planetary Science; siehe Fact Sheets Himmels-körper mittlere Albedo geometrisch sphärisch Merkur 0,142 0,068 Venus 0,689 0,77 Erde 0,434 0,294 Mars 0,170 0,250 Jupiter 0,538 0,343 und auch 0,503 Li, Liming; et al. (2018). "Less absorbed solar energy and more internal heat for Jupiter". Nature Communications. 9 (1): 3709. Bibcode:2018NatCo...9.3709L. doi:10.1038/s41467-018-06107-2. PMC 6137063. PMID 30213944. Saturn 0,499 0,342 Uranus 0,488 0,300 Neptun 0,442 0,290 Pluto 0,52 0,72 Erdmond 0,12 0,11 Enceladus 1,38 0,99 … verschiedener Oberflächen Material Albedo Frischer Schnee0,80–0,90 Alter Schnee0,45–0,90 Wolken0,60–0,90 Wüste0,30 Savanne0,20–0,25 Felder (unbestellt)0,26 Rasen0,18–0,23 Wald0,05–0,18 Asphalt0,05–0,25 (0,3)Fachzeitschrift Straße und Autobahn, Heft 09/2023, Seite 718, Tabelle 1 Beton0,1–0,4 (0,7) Wasserfläche (Neigungswinkel > 45°)0,05 Wasserfläche (Neigungswinkel > 30°)0,08 Wasserfläche (Neigungswinkel > 20°)0,12 Wasserfläche (Neigungswinkel > 10°)0,22 mini|Der Saturnmond Iapetus hat mit einer sichtbaren geometrischen Albedo von 0,05 bis 0,5 den größten Helligkeitskontrast von allen bekannten Himmelskörpern im SonnensystemNASA: Saturnian Satellite Fact Sheet. 13. Oktober 2015, abgerufen am 16. Juli 2015 Die Albedo (; von ) ist ein Maß für das Rückstrahlvermögen (Reflexionsstrahlung) von diffus reflektierenden, also sichtbar nicht leuchtenden Oberflächen. Sie wird als dimensionslose Zahl angegeben und entspricht dem Verhältnis von rückgestrahlter zu einfallender Strahlungsenergie (ein Albedo von 0,9 entspricht 90 % Rückstrahlung). Die Albedo hängt bei einer gegebenen Oberfläche von der Wellenlänge des einstrahlenden Lichtes ab und kann für Wellenlängenbereiche – z. B. das Sonnenspektrum oder das sichtbare Licht – angegeben werden. Vor allem in der Meteorologie ist sie von Bedeutung, da sie Aussagen darüber ermöglicht, wie stark sich eine Oberfläche erwärmt – und damit auch die Luft in Kontakt mit der Oberfläche. In der Klimatologie ist die so genannte Eis-Albedo-Rückkopplung ein wesentlicher, den Strahlungsantrieb und damit die Strahlungsbilanz der Erde beeinflussender Faktor, der relevant für den Erhalt des Weltklimas ist. mini|Verschiedene Oberflächen haben eine unterschiedliche Rückstrahlung: Anhand der Landschaft werden ausgewählte Albedowerte aufgeführt. In der 3D-Computergrafik findet die Albedo ebenfalls Verwendung; dort dient sie als Maß für die diffuse Streukraft verschiedener Materialien für Simulationen der Volumenstreuung. In der Astronomie spielt die Albedo eine wichtige Rolle, da sie mit grundlegenden Parametern von Himmelskörpern (z. B. Durchmesser, scheinbare/absolute Helligkeit) zusammenhängt. Albedoarten Es werden verschiedene Arten der Albedo unterschieden: Die sphärische Albedo (auch planetarische Albedo, Bondsche Albedo oder bolometrische Albedo genannt) ist das Verhältnis des von einer Kugeloberfläche in alle Richtungen reflektierten Lichts zu der auf den Kugelquerschnitt einfallenden Strahlung. Bei der planetarischen Albedo gilt als Oberfläche der obere Rand der Atmosphäre. Die sphärische Albedo liegt stets zwischen 0 und 1. Der Wert 0 entspricht einer vollständigen Absorption und 1 einer vollständigen Reflexion des einfallenden Lichts. Die geometrische Albedo ist das Verhältnis des von einer vollen bestrahlten Fläche zum Beobachter gelangenden Strahlungsstroms zu dem, der von einer diffus reflektierenden, absolut weißen Scheibe (ein sogenannter Lambertstrahler) gleicher Größe bei senkrechtem Lichteinfall zum Beobachter gelangen würde. Die geometrische Albedo kann in seltenen Fällen auch Werte größer 1 annehmen, weil reale Oberflächen nicht ideal diffus reflektieren. Das Verhältnis zwischen sphärischer Albedo und geometrischer Albedo ist das sogenannte Phasenintegral (Phase bezieht sich hier auf die Tag-Nacht-Grenze), das die winkelabhängige Reflektivität jedes Flächenelements berücksichtigt. Messung Die Messung der Albedo erfolgt über Albedometer und wird in Prozent angegeben. In der Astronomie können aufgrund der großen Entfernungen keine Albedometer eingesetzt werden. Die geometrische Albedo kann hier aber aus der scheinbaren Helligkeit und dem Radius des Himmelskörpers und den Entfernungen zwischen Erde, Objekt und Sonne berechnet werden. Um die sphärische Albedo zu bestimmen, muss auch das Phasenintegral (und somit die Phasenfunktion) bekannt sein. Diese ist allerdings nur für diejenigen Himmelskörper vollständig bekannt, die sich innerhalb der Erdbahn bewegen (Merkur, Venus). Für die oberen Planeten kann die Phasenfunktion nur teilweise bestimmt werden, wodurch auch die Werte für ihre sphärische Albedo nicht exakt bekannt sind. Satelliten der US-Raumfahrtbehörde NASA messen im Rahmen des CERES-Programms seit 1998 die Albedo der Erde. Diese blieb in einem Zeitraum von 2000 bis 2011, abgesehen von kurzfristigen Schwankungen, weitgehend konstant; regional gab es in dieser Zeit jedoch Veränderungen von mehr als acht Prozent. In der Arktis ging die Rückstrahlung wegen der schrumpfenden hellen Eismassen zurück, während sich die Albedo im westlichen Pazifik aufgrund stärkerer Wolkenbildung durch La Niña im betrachteten Zeitraum vorübergehend verstärkte.Monika Seynsche: Die Arktis nimmt immer mehr Wärme auf, Deutschlandfunk, Forschung Aktuell, 18. Februar 2014, abgerufen am 7. Juli 2025.Measuring Earth’s Albedo. Image of the day. vom 21. Oktober 2014@earthobservatory.nasa.gov; FAZ 5. November 2014, S. N1. Eine Studie aus dem Jahr 2021 weist basierend auf Messungen des Erdscheins auf der Mondoberfläche darauf hin, dass die Erd-Albedo zwischen 1998 und 2017 um rund 0,5 Prozent gesunken ist. CERES-Daten seit 2013 zeigen einen beschleunigten globalen Rückgang der Albedo bis zu einem vorläufigen Tiefpunkt von 28,7 Prozent im April 2025. Die Entwicklung könnte durch den Klimawandel mitverursacht worden sein und/oder die globale Erwärmung signifikant verstärken.Tiefpunkt im April 2025 gemessen als laufender 36-Monats-Durchschnitt. Das Deep Space Climate Observatory misst seit 2015 die Erd-Albedo in einem Abstand von 1,5 Millionen Kilometern zur Erde vom Lagrange-Punkt L1 aus. An diesem Punkt hat die Sonde einen dauerhaften Blick auf die sonnenbeschienene Seite der Erde. Einflüsse mini|links|Prozent des reflektierten Sonnenlichtes in Abhängigkeit von unterschiedlichen Erdoberflächenbeschaffenheiten Die Oberflächenbeschaffenheit eines Himmelskörpers bestimmt seine Albedo. Der Vergleich mit den Albedowerten irdischer Substanzen ermöglicht es also, Rückschlüsse auf die Beschaffenheit anderer planetarer Oberflächen zu ziehen. Gemäß der Definition der sphärischen Albedo ist die Voraussetzung von parallel einfallendem Licht wegen der großen Entfernungen der reflektierenden Himmelskörper von der Sonne als Lichtquelle sehr gut gegeben. Die stets geschlossene Wolkendecke der Venus strahlt viel mehr Licht zurück als die basaltartigen Oberflächenteile des Mondes. Die Venus besitzt daher mit einer mittleren sphärischen Albedo von 0,76 ein sehr hohes, der Mond mit durchschnittlich 0,12 ein sehr geringes Rückstrahlvermögen. Die Erde hat eine mittlere sphärische Albedo von 0,3.P. R. Goode et al.: Earthshine Observations of the Earth’s Reflectance. In: Geophysical Research Letters. Band 28, Nr. 9, 2001, S. 1671–1674 Durch die globale Erwärmung verschieben sich auf der Erde die regionalen Albedo-Werte. Durch Verschiebung der Wolkenbänder sank die Albedo z. B. in der nördlichen gemäßigten Zone, stieg dafür aber weiter im Norden. Die höchsten bisher gemessenen Werte fallen auf die Saturnmonde Telesto (0,994) und Enceladus (0,99). Der niedrigste Mittelwert wurde mit nur 0,03 am Kometen Borrelly festgestellt. Glatte Oberflächen wie Wasser, Sand oder Schnee haben einen relativ hohen Anteil spiegelnder Reflexion, der von Kreide ebenso, ihre Albedo ist deshalb stark abhängig vom Einfallswinkel der Sonnenstrahlung (siehe Tabelle). Die Albedo ist außerdem abhängig von der Wellenlänge des Lichts, das untersucht wird, weswegen bei der Angabe der Albedowerte immer der entsprechende Wellenlängenbereich angegeben werden sollte. Berücksichtigung in der Bautechnik Zur Verbesserung des städtischen Mikroklimas werden bei der Planung und Ausführung von Verkehrsflächen im zunehmenden Maße Oberflächen mit günstigen Albedowerten berücksichtigt. Die Reflexionseigenschaften von Asphalt- und Betonoberflächen können beispielsweise durch die Verwendung heller Gesteinskörnungen optimiert werden. Zwei ausführliche Fachartikel finden sich inDr.-Ing. Arnd Bartholomäus: Aufgehellte Deckschichten, Teile 1 und 2 in der Fachzeitschrift Straße und Autobahn, Heft 09/2023. Weblinks Mehrsprachige Umweltenzyklopädie ESPERE Einzelnachweise Kategorie:Meteorologische Größe Kategorie:Photometrische Größe
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61e2e4dc-89df-42b2-ad2d-1cda0b88f387
Aminosäuren
mini|hochkant=1.1|Grundstruktur von α-Aminosäuren:Rest R ist im Fall von Glycin ein H-Atom. Aminosäuren (AS), unüblich, aber genauer auch Aminocarbonsäuren, veraltet Amidosäuren genannt, sind chemische Verbindungen mit einer Stickstoff (N) enthaltenden Aminogruppe und einer Kohlenstoff (C) und Sauerstoff (O) enthaltenden Carbonsäuregruppe.Georg Löffler: Biochemie und Pathobiochemie. Springer-Verlag, 2013, ISBN 978-3-662-06062-9, S. 25. Wenn bei einem Molekül angegeben ist, aus wievielen Aminosäuren das Molekül besteht, steht „aa“ für (englisch) amino acids Aminosäuren, (z. B. bei Ghrelin: „28 aa“). Aminosäuren kommen in allen bekannten Lebewesen vor. Sie sind die Bausteine von Proteinen und werden bei deren Zerlegung (Proteolyse) frei. Essentielle Aminosäuren kann ein Organismus nicht selbst herstellen, sie müssen daher mit der Nahrung aufgenommen werden. Zur Klasse der Aminosäuren zählen organische Verbindungen, die zumindest eine Aminogruppe (–NH2 bzw. substituiert –NR2) und eine Carboxygruppe (–COOH) als funktionelle Gruppen enthalten, also Strukturmerkmale der Amine und der Carbonsäuren aufweisen. Chemisch lassen sie sich nach der Stellung ihrer Aminogruppe zur Carboxygruppe unterscheiden – steht die Aminogruppe am Cα-Atom unmittelbar benachbart zur endständigen Carboxygruppe, nennt man dies α-ständig und spricht von α-Aminosäuren. Ausgewählte α-Aminosäuren sind die natürlichen Bausteine von Proteinen. Sie werden miteinander zu Ketten verknüpft, indem die Carboxygruppe der einen Aminosäure mit der Aminogruppe der nächsten eine Peptidbindung eingeht. Die auf diese Weise zu einem Polymer verketteten Aminosäuren unterscheiden sich in ihren Seitenketten und bestimmen zusammen die Form, mit der das Polypeptid im wässrigen Milieu dann zum nativen Protein auffaltet. Diese Biosynthese von Proteinen findet in allen Zellen an den Ribosomen nach Vorgabe genetischer Information statt, die in Form von mRNA vorliegt. Die Basensequenz der mRNA codiert in Tripletts die Aminosäurensequenz, wobei jeweils ein Basentriplett ein Codon darstellt, das für eine bestimmte proteinogene Aminosäure steht. Die hiermit als Bausteine für die Bildung von Proteinen in einer bestimmten Reihenfolge angegebenen Aminosäuren formen die Proteine.Katharina Munk (Hrsg.): Biochemie – Zellbiologie. Georg Thieme Verlag, Stuttgart 2008, ISBN 978-3-13-144831-6, S. 122, Google Books. Beim Menschen sind es 21 verschiedene proteinogene Aminosäuren, neben den standardmäßig 20 (kanonischen) Aminosäuren auch Selenocystein. Nach der Translation können die Seitenketten einiger im Protein eingebauter Aminosäuren noch modifiziert werden. Das Spektrum der Aminosäuren geht allerdings über diese rund zwanzig proteinogenen weit hinaus. So sind bisher über 400 nichtproteinogene natürlich vorkommende Aminosäuren bekannt, die biologische Funktionen haben. Die vergleichsweise seltenen D-Aminosäuren stellen hierbei eine spezielle Gruppe dar.G. Genchi: An overview on D-amino acids. In: Amino Acids. Band 49, Nummer 9, September 2017, S. 1521–1533, doi:10.1007/s00726-017-2459-5. PMID 28681245. Die Vielfalt der synthetisch erzeugten und die der theoretisch möglichen Aminosäuren ist noch erheblich größer. Einige Aminosäuren spielen als Neurotransmitter eine besondere Rolle, ebenso verschiedene Abbauprodukte von Aminosäuren; biogene Amine treten nicht nur als Botenstoffe im Nervensystem auf, sondern entfalten auch als Hormone und Gewebsmediatoren vielfältige physiologische Wirkungen im Organismus. Die einfachste Aminosäure, Glycin, konnte nicht nur auf der Erde, sondern auch auf Kometen, Meteoriten und in Gaswolken im interstellaren Raum nachgewiesen werden.NASA Researchers Make First Discovery of Life’s Building Block in Comet. nasa.gov, August 2009; Chiral amino acids in meteorites strengthen evidence for extraterrestrial life. spie.org, September 2010 (abgerufen am 4. Oktober 2010). Geschichte mini|hochkant=2.2|Strukturformeln von 20 proteinogenen Aminosäuren und deren Abkürzungen als Dreibuchstabencode (rot) und Einbuchstabencode (grün) Die erste Aminosäure wurde 1805 im Pariser Labor von Louis-Nicolas Vauquelin und dessen Schüler Pierre Jean Robiquet aus dem Saft von Spargel (Asparagus officinalis) isoliert und danach Asparagin genannt.L. Vauquelin, P. Robiquet: The discovery of a new plant principle in Asparagus sativus. In: Annales de Chimie. Band 57, 1806, S. 88–93. Als letzte der üblichen proteinaufbauenden Aminosäuren wurde das Threonin 1931 im Fibrin entdeckt sowie 1935 seiner Struktur nach geklärt von William Rose. Rose hatte durch Experimente mit verschiedenen Futtermitteln herausgefunden, dass die bis dato entdeckten 19 Aminosäuren als Zusatz nicht ausreichten.W. Rose u. a.: Feeding Experiments with Mixtures of Highly Purified Amino Acids. VIII. Isolation and Identification of a New Essential Amino Acid. In: Journal of Biological Chemistry. Band 112, 1935, S. 283–302. Er stellte auch die Essentialität anderer Aminosäuren fest und ermittelte je die für ein optimales Wachstum mindestens erforderliche Tagesdosis.R. Simoni, R. Hill, M. Vaughan: The Discovery of the Amino Acid Threonine: the Work of William C. Rose. In: Journal of Biological Chemistry. Band 277, Nr. 37, 13. September 2002, S. 56–58. In der Zeit zwischen 1805 und 1935 waren viele der damals bekannten Chemiker und Pharmazeuten daran beteiligt, Aminosäuren erstmals zu isolieren sowie deren Struktur aufzuklären. So gelang Emil Fischer, auf den auch die Fischer-Projektion zurückgeht, die finale Aufklärung der Struktur von Serin (1901), Lysin (1902), Valin (1906) und Cystein (1908). Auch Albrecht Kossel (1896 Histidin aus Störsperma), Richard Willstätter (1900 Prolin via Synthese) und Frederick Hopkins (1901 Tryptophan aus Casein) wurden später Nobelpreisträger. Der deutsche Chemiker Ernst Schulze isolierte drei Aminosäuren erstmals – 1877 Glutamin aus Rüben, 1881 Phenylalanin und 1886 Arginin aus Lupinen – und war an der Strukturaufklärung weiterer Aminosäuren beteiligt. Zuvor hatte Heinrich Ritthausen 1866 Glutaminsäure aus Getreideprotein, dem Gluten, kristallin gewonnen. Wilhelm Dittmar klärte 1872 die Struktur von Glutamin und Glutaminsäure, deren Salze Glutamate sind, auf. Bereits 1810 entdeckte William Hyde Wollaston das schwefelhaltige Cystin als „cystic oxide“ in Blasensteinen, doch erst 1884 Eugen Baumann das monomere Cystein. 1819 trennte Henri Braconnot das Glycin aus Leim ab und Joseph Louis Proust das Leucin aus Getreide. Eugen von Gorup-Besánez isolierte 1856 das Valin aus Pankreassaft. Schon 1846 hatte Justus von Liebig aus Casein erstmals das Tyrosin abtrennen können, dessen Struktur 1869 Ludwig von Barth klärte. Im Hydrolysat des Casein entdeckte Edmund Drechsel 1889 auch das Lysin und später John Howard Mueller 1922 das schwefelhaltige Methionin als 19. Aminosäure, deren Strukturformel George Barger und Philip Coine 1928 angaben. In Melasse hatte Felix Ehrlich schon 1903 als 18. das Isoleucin gefunden, ein Strukturisomer des Leucin. Friedrich Wöhler, dessen Synthesen in den 1820er Jahren das Gebiet der Biochemie eröffneten, entdeckte keine Aminosäure, doch waren drei seiner Schüler daran beteiligt, neben den erwähnten Gorup-Besánez und Schulze auch Georg Städeler (1863 Serin aus Rohseide). 18 der 20 entdeckten Aminosäuren wurden aus pflanzlichem oder tierischem Material isoliert, nur die beiden Aminosäuren Alanin (1850 Adolph Strecker) und Prolin (Willstätter) durch organische Synthese erhalten. Während die Analyse der stofflichen Zusammensetzung bis hin zur Summenformel mit den damaligen Methoden gut zu bewerkstelligen war, konnte die Strukturformel vieler Aminosäuren oftmals nur durch Teilschritte der Synthese endgültig aufgeklärt werden, was manchmal erst Jahre später gelang. Die Struktur des Asparagins und die von Asparaginsäure klärte Hermann Kolbe erst 1862 auf, 57 Jahre nach der ersten Beschreibung. Den Gattungsnamen verdanken Aminosäuren zwei funktionellen Gruppen, ihre Einzelnamen mal einem hellen Aussehen (z. B. Arginin, Leucin), einem süßen Geschmack (z. B. Glycin) oder dem Material, in dem sie gefunden wurden (z. B. Asparagin, Cystein, Serin, Tyrosin), Merkmalen der chemischen Struktur (z. B. Prolin, Valin, Isoleucin) bzw. beidem (z. B. Glutamin, Glutaminsäure) und mal auch den Edukten ihrer Synthese (z. B. Alanin).Sabine Hansen: Berlin 2015. Dass Proteine als Ketten aus Aminosäuren, verbunden durch Peptidbindungen, aufgebaut sind, schlugen zuerst 1902 auf der Versammlung deutscher Naturforscher und Ärzte in Karlsbad gleichzeitig und unabhängig voneinander sowohl Emil Fischer als auch Franz Hofmeister vor (Hofmeister-Fischer-Theorie).Theodor Wieland: History of Peptide Chemistry. In: Bernd Gutte (Hrsg.): Peptides. Academic Press, 1995, S. 2. Zu den Pionieren der Chromatographie der Aminosäuren gehören seit Ende der 1940er Jahre William Howard Stein und Stanford Moore.Vgl. etwa Stanford Moore, William Howard Stein: Photometric ninhydrin method for use in the chromatography of amino acids. In: J Biol Chem. Band 176, 1948, S. 367 ff.; Stanford Moore, D. H. Spackman, William Howard Stein: Chromatography of amino acids on sulfonated polystyrene resins. An improved system. In: Anal Chem. Band 30, 1958, S. 1185 ff. 1967 publizierte der Braunschweiger Biologe Franz Heilinger (* 1921) eine Methode zur zeitlichen Verkürzung der automatischen Analyse von Aminosäuren.Walter Habel (Hrsg.): Wer ist wer? Das deutsche Who’s who. 24. Ausgabe. Schmidt-Römhild, Lübeck 1985, ISBN 3-7950-2005-0, S. 478. Struktur zentriert|97px|Carbamidsäure Carbamidsäure(keine Aminosäure) Allgemeine Strukturvon Aminosäuren(R: Seitenkette) zentriert|125px α-Aminosäure zentriert|147px β-Aminosäure zentriert|172px γ-Aminosäure Aminosäuren bestehen aus mindestens zwei Kohlenstoffatomen. Die instabile Kohlensäureamid Carbamidsäure besitzt lediglich ein Kohlenstoffatom und ist damit keine Aminosäure. Aminosäuren werden je nach Ständigkeit (α, β, γ …) bzw. Nummer des Kohlenstoffatoms (2, 3, 4 …), an dem sich die Aminogruppe (H2N–) relativ zur Carboxygruppe (–COOH) befindet, in Klassen eingeteilt. In Molekülen mit mehreren Aminogruppen bestimmt die der Carboxygruppe nächststehende Aminogruppe die Klasse der Aminosäure. α-Aminosäuren (H2N – αCHR – COOH): Die Aminogruppe der α-Aminosäuren befindet am α-Kohlenstoffatom (bzw. am zweiten Kohlenstoffatom, wenn man das Carboxy-Kohlenstoffatom mitgezählt). Die IUPAC-Bezeichnung lautet daher 2-Aminocarbonsäuren. Mit R = H ist der einfachste Vertreter der α-Aminosäuren die proteinogene (protein-bildende) Aminosäure Glycin. Alle proteinogenen Aminosäuren sind α-Aminosäuren. Mit dem Ausdruck Aminosäuren ist oft eine bestimmte Gruppe von α-Aminosäuren gemeint, die hauptsächlich aus L-α-Aminosäuren besteht: die proteinogenen Aminosäuren. Diese sind die Bausteine sämtlicher Proteine allen Lebens auf der Erde und neben den Nukleinsäuren Grundbausteine des Lebens. β-Aminosäuren (H2N – βCHR – αCH2 – COOH): Die Aminogruppe der β-Aminosäuren befindet sich am β-Kohlenstoffatom (bzw. am dritten Kohlenstoffatom, wenn man das Carboxy-Kohlenstoffatom mitgezählt). Die IUPAC-Bezeichnung lautet 3-Aminocarbonsäuren. Mit R = H ist der einfachste Vertreter das β-Alanin. Aus β-Aminosäuren werden β-Peptide synthetisiert. γ-Aminosäuren (H2N – γCHR – βCH2 – αCH2 – COOH): Die Aminogruppe der γ-Aminosäuren befindet sich am γ-Kohlenstoffatom (bzw. am vierten Kohlenstoffatom, wenn man das Carboxy-Kohlenstoffatom mitgezählt). Die IUPAC-Bezeichnung lautet 4-Aminocarbonsäuren. Mit R = H ist der einfachste Vertreter die γ-Aminobuttersäure (GABA). Die Bezeichnung weiterer Klassen der Aminosäuren folgt dem gleichen Schema. Die Aminosäuren einer Klasse unterscheiden sich durch ihre Seitenkette R. Ist die Seitenkette R verschieden von den anderen Substituenten, die sich am Kohlenstoff mit der Amino-Gruppe befinden, so befindet sich hier ein Stereozentrum und es existieren von der entsprechenden Aminosäure zwei Enantiomere. Enthält die Seitenkette R selbst weitere Stereozentren, so ergeben sich auch Diastereomere und die Zahl möglicher Stereoisomerer nimmt entsprechend zur Anzahl der weiteren Stereozentren zu. Von Aminosäuren mit zwei verschieden substituierten Stereozentren gibt es vier Stereoisomere. Unter bestimmten Bedingungen können alle drei ionogenen Gruppen geladen werden (z. B. Histidin), dann bilden sie Doppelsalze. Aminoacyl-Gruppe 115px|zentriert|Reaktion von Glycin 185px|zentriert|Reaktion von (S)-Glutamin Aminoacyl-Gruppe, gebildet aus der Aminosäure Glycin Aminoacyl-Gruppe, gebildet aus der Aminosäure L-GlutaminR stellt hier den Rest, an den die Aminoacyl-Gruppe gebunden ist, dar. So wird eine Transfer-RNA (tRNA) so beladen zur Aminoacyl-tRNA. Aminoacyl-Gruppe bezeichnet die einwertige Gruppe, die aus einer Aminosäure durch Entfernen der Hydroxygruppe (–OH) aus der Carboxygruppe (–COOH) entsteht, also das univalente Radikal. Aus einer α-Aminosäure wird so eine α-Aminoacyl-Gruppe gebildet; aus der Aminosäure Tyrosin beispielsweise entsteht so die Tyrosylgruppe als eine spezielle α-Aminoacyl-Gruppe. Proteinogene Aminosäuren Als proteinogene Aminosäuren werden Aminosäuren bezeichnet, die in Lebewesen als Bausteine der Proteine während der Translation nach Vorgabe genetischer Information verwendet werden. Bei der Biosynthese von Proteinen, die an den Ribosomen einer Zelle stattfindet, werden im Zuge der Proteinbiosynthese ausgewählte Aminosäuren durch Peptidbindungen in bestimmter Reihenfolge zur Polypeptidkette eines Proteins verknüpft. Die Aminosäurensequenz des ribosomal gebildeten Peptids wird dabei vorgegeben durch die in der Basensequenz einer Nukleinsäure enthaltene genetische Information, wobei nach dem genetischen Code eine Aminosäure durch ein Basentriplett codiert wird. + Chiralität von Aminosäuren 109px|zentriert|ProteinogeneAminosäure: L-Prolin 118px|zentriert|NichtproteinogeneAminosäure: D-Prolin L-Prolin(proteinogen) D-Prolin(nicht-proteinogen) Die proteinogenen Aminosäuren sind stets α-Aminosäuren. Bis auf die kleinste, Glycin, sind sie chiral und treten mit besonderer räumlicher Anordnung auf. Eine Besonderheit weist die Aminosäure Prolin auf, deren Aminogruppe ein sekundäres Amin besitzt und die sich daher nicht so flexibel in eine Proteinfaltung einfügt wie andere proteinogene Aminosäuren – Prolin gilt beispielsweise als Helixbrecher bei α-helikalen Strukturen in Proteinen. Aufgrund der sekundären Aminogruppe wird Prolin auch als sekundäre Aminosäure – öfters fälschlicherweise bzw. veraltet auch als Iminosäure – bezeichnet. Von den spiegelbildlich verschiedenen Enantiomeren sind jeweils nur die L-Aminosäuren proteinogen (zur D / L-Nomenklatur siehe Fischer-Projektion; in Fällen wie Hydroxyprolin gibt es weitere Stereoisomere). Die molekularen Komponenten des zum Aufbau der Proteine notwendigen zellulären Apparats – neben Ribosomen noch tRNAs und diese mit Aminosäuren beladende Aminoacyl-tRNA-Synthetasen – sind selber auch chiral und erkennen allein die L-Variante.G. Löffler, P. E. Petrides, P. C. Heinrich: Biochemie & Pathobiochemie. 8. Auflage. Springer, Heidelberg 2007, ISBN 978-3-540-32680-9. Dennoch kommen in Lebewesen vereinzelt auch D-Aminosäuren vor. Diese werden jedoch unabhängig von proteinogenen Stoffwechselwegen synthetisiert und dienen nicht dem ribosomalen Aufbau von Proteinen. So wird zum Beispiel D-Alanin in Peptidoglycane der bakteriellen Zellwand eingebaut oder D-Valin in bakterielle Cyclo-Depsipeptide wie Valinomycin. Verschiedene Arten von Archaeen, Bakterien, Pilzen und Nacktkiemern verfügen über nichtribosomale Peptidsynthetasen genannte Multienzymkomplexe, mit denen solche (nichtproteinogenen) Aminosäuren in ein nichtribosomales Peptid eingebaut werden können. Kanonische Aminosäuren Für 20 der proteinogenen Aminosäuren finden sich Codons in der (am häufigsten gebrauchten) Standardversion des genetischen Codes. Diese werden daher als Standardaminosäuren oder auch kanonische Aminosäuren bezeichnet. In Aminosäuresequenzen werden die Aminosäuren meist mit einem Namenskürzel im Dreibuchstabencode angegeben oder im Einbuchstabencode durch ein Symbol dargestellt. Der Einbuchstabencode wurde von IUPAC-IUB auf Grundlage der folgenden Regeln gewählt: Wo keine Mehrdeutigkeit besteht, wurden die Anfangsbuchstaben verwendet: C Cystein, H Histidin, I Isoleucin, M Methionin, S Serin, V Valin, Wenn eine willkürliche Zuordnung erforderlich ist, haben die strukturell einfacheren Aminosäuren Vorrang: A Alanin, G Glycin, L Leucin, P Prolin, T Threonin, F PHenylalanin und R Arginin aRginine wurden phonetisch suggestiv zugeordnet, W Tryptophan wurde zugeordnet, da der Doppelring optisch an den sperrigen Buchstaben W erinnert, K Lysin und Y Tyrosin wurden aufgrund der alphabetischen Nähe zu ihren Initialen L und T zugeordnet (dabei ist zu beachten, dass U wegen der Ähnlichkeit mit V vermieden wurde, während X für unbestimmte oder atypische Aminosäuren reserviert wurde); für Tyrosin wurde zudem die Merkhilfe tYrosine vorgeschlagen, D Aspartat wurde willkürlich zugeordnet, wobei als Merkhilfe asparDic acid vorgeschlagen wurde; E Glutamat wurde in alphabetischer Reihenfolge zugeordnet, da es lediglich um eine Methylen –CH2– Gruppe größer ist, N Asparagin wurde willkürlich zugeordnet, wobei als Merkhilfe asparagiNe vorgeschlagen wurde; Q Glutamin wurde in alphabetischer Reihenfolge zugeordnet von den noch verfügbaren Buchstaben (zu beachten ist, dass O aufgrund der Ähnlichkeit zu D vermieden wurde), mit der vorgeschlagenen Merkhilfe Qlutamine.   + Die 20 kanonischen Aminosäuren Aminosäure Acyl-gruppe essen-tiell? ØPaula Yurkanis Bruice: Organic Chemistry. 4. Auflage. Pearson Education, 2004, ISBN 0-13-121730-5, S. 960–962. in Proteinen Name Abk. Symbol Alanin Ala A Alanyl- nein 9,0 % Arginin Arg R Arginyl- semi 4,7 % Asparagin Asn N Asparaginyl- nein 4,4 % Asparaginsäure Asp D α-Aspartyl- nein 5,5 % Cystein Cys C Cysteinyl-   nein * 2,8 % Glutamin Gln Q Glutaminyl- nein 3,9 % Glutaminsäure Glu E α-Glutamyl- nein 6,2 % Glycin Gly G Glycyl- nein 7,5 % Histidin His H Histidyl- ja 2,1 % Isoleucin Ile I Isoleucyl- ja 4,6 % Leucin Leu L Leucyl- ja 7,5 % Lysin Lys K Lysyl- ja 7,0 % Methionin Met M Methionyl- ja 1,7 % Phenylalanin Phe F Phenylalanyl- ja 3,5 % Prolin Pro P Prolyl- nein 4,6 % Serin Ser S Seryl- nein 7,1 % Threonin Thr T Threonyl- ja 6,0 % Tryptophan Trp W Tryptophyl- ja 1,1 % Tyrosin Tyr Y Tyrosyl-   nein * 3,5 % Valin Val V Valyl- ja 6,9 % * Für Kinder und Schwangere essentiell. Neben den oben angegebenen Codes werden zusätzliche Zeichen als Platzhalter benutzt, wenn aus der Proteinsequenzierung oder Röntgenstrukturanalyse nicht auf die genaue Aminosäure geschlossen werden kann. Mögliche Aminosäuren Abk. Symbol Asparagin oder Asparaginsäure Asx B Glutamin oder Glutaminsäure Glx Z Leucin oder Isoleucin Xle J unbekannte Aminosäure Xaa (selten Unk) X Nichtkanonische Aminosäuren Zu den natürlich vorkommenden Aminosäuren gehören außer den kanonischen die übrigen als nichtkanonische Aminosäuren bezeichneten Aminosäuren, wozu proteinogene und nicht-proteinogene zählen. Hierbei lassen sich mehrere Gruppen unterscheiden: mini|hochkant=0.53|L-Selenocystein mini|hochkant=1.1|L-Pyrrolysin Zur ersten Gruppe gehören jene proteinogenen Aminosäuren, die durch eine Recodierung des genetischen Materials in Proteine eingebaut werden. Die 21. und die 22. proteinogene Aminosäure gehören hierzu: Selenocystein (bei Eukaryoten und manchen Bakterien und Archaeen) und Pyrrolysin (bei manchen Bakterien und Archaeen). Für beide Aminosäuren wurden spezifische tRNAs – tRNASec bzw. tRNAPyl – gefunden, die während der Translation einen Einbau am Ribosom möglich machen. Deren Anticodon paart, abhängig von Strukturelementen im Kontext der mRNA (siehe Secis), mit dem Codon UGA bzw. UAG; im Standardcode stellen diese ein Stopcodon dar. Doch nicht alle Organismen verwenden die nichtkanonischen proteinogenen Aminosäuren dieser Gruppe. {| class="wikitable" |- class="hintergrundfarbe6" ! Aminosäure ! Abk. ! Symbol |- style="text-align:center;" | Pyrrolysin | Pyl | O |- style="text-align:center;" | Selenocystein | Sec | U |} mini|hochkant=0.7|L-N-Formylmethionin Das übliche Startcodon AUG codiert für die Aminosäure Methionin. Bakterien verfügen neben der tRNAMet über eine besondere tRNAfMet, die ebenfalls mit Methionin beladen wird und als Initiator-tRNA dient. Die an tRNAifMet gebundene Aminosäure aber wird in Bakterien am N-Terminus formyliert zu N-Formylmethionin (fMet), noch bevor sie bei der Initiation am Ribosom zur ersten Aminosäure einer Peptidkette werden kann. Dieses Aminosäurederivat Formylmethionin wird daher gelegentlich auch als (23.) proteinogene Aminosäure gezählt. Auch Mitochondrien und Chloroplasten nutzen fMet initial. Dagegen wird es im Cytosol eukaryotischer Zellen und in Archaeen nicht bei der Translation verwendet.Katsura Asano: Why is start codon selection so precise in eukaryotes? In: Translation. Band 2, Nr. 1, März 2014, doi:10.4161/trla.28387, . Eine zweite Gruppe bilden die im engen Sinn nicht proteinogenen Aminosäuren, die aus kanonischen Aminosäuren entstehen, wenn der Aminosäurerest R nach dem Einbau in Proteine verändert wird, d. h. durch eine der vielfältigen posttranslationale Modifikationen. So kann Prolin zu Hydroxyprolin, Serin zu O-Phosphoserin, Tyrosin zu O-Phosphotyrosin und Glutamat zu γ-Carboxyglutamat umgewandelt werden. Eine wichtige Änderung des Aminosäurerestes stellt auch die Glykosylierung dar: Hier werden Kohlenhydratreste auf die Aminosäurereste übertragen, wodurch Glykoproteine entstehen. Als dritte Gruppe lassen sich die strenggenommen nicht proteinogenen Aminosäuren fassen, die der Organismus nicht von den kanonischen Aminosäuren unterscheiden kann und die er so anstelle dieser in Proteine unspezifisch einbaut. Dazu gehört Selenomethionin, das anstelle des Methionins eingebaut werden kann, oder das Canavanin, das der Organismus nicht vom Arginin unterscheiden kann, oder auch die Azetidin-2-carbonsäure, die als giftiges Prolin-Analogon wirkt. Viele der Aminosäuren dieser Gruppe sind toxisch, da sie oft zu einer Fehlfaltung des Proteins führen, wodurch die Form und somit die Funktionsfähigkeit des Proteins beeinträchtigt werden kann. So ist Azetidin-2-carbonsäure ein toxischer Bestandteil des Maiglöckchens, wobei sich das Maiglöckchen selber mit einer hochspezifischen Prolyl-tRNA-Synthetase vor dem unkontrollierten Einbau dieser Aminosäure in ihre Proteine schützt. Der Mensch nutzt neben den 20 kanonischen auch Selenocystein als proteinogene Aminosäure. Von den 20 kanonischen Aminosäuren werden 12 vom menschlichen Organismus beziehungsweise durch im menschlichen Verdauungstrakt lebende Mikroorganismen synthetisiert. Die restlichen 8 Aminosäuren sind für den Menschen essentiell, das heißt, er muss sie über die Nahrung aufnehmen. Der Einbau künstlicher, nahezu beliebig gebauter Aminosäuren im Zuge eines Proteindesigns ist unter anderem über die Ersetzung des Liganden in der entsprechenden Aminoacyl-tRNA-Synthetase möglich.Y. Fan, C. R. Evans, J. Ling: Rewiring protein synthesis: From natural to synthetic amino acids. In: Biochimica et Biophysica Acta. Band 1861, Nummer 11 Pt B, 2017, S. 3024–3029, doi:10.1016/j.bbagen.2017.01.014. PMID 28095316, . Diese Verfahren sind teilweise so weit fortgeschritten, dass damit gezielt bestimmte Proteine eine Markierung erhalten können, die beispielsweise das Protein nach Behandlung mit spezifischen Reagenzien zur Fluoreszenz anregen (Beispiel: Einbau von Norbornen-Aminosäure via Pyrrolysyl-tRNA-Synthetase/Codon CUA). Damit ist eine genaue Lokalisierung des Proteins auch ohne Produktion und Reaktion mit Antikörpern möglich.Kathrin Lang, Lloyd Davis u. a.: Genetically encoded norbornene directs site-specific cellular protein labelling via a rapid bioorthogonal reaction. In: Nature Chemistry. 2012, S. 298–304, doi:10.1038/nchem.1250. Biochemische Bedeutung Aminosäuren als Bausteine von Proteinen mini|hochkant=2.2|Die natürlich vorkommenden 20 proteinogenen Standard-Aminosäuren, gruppiert nach physikalisch-chemischen Eigenschaften L-Aminosäuren sind in der Biochemie von großer Bedeutung, da sie die Bausteine von Peptiden und Proteinen sind. Aminosäuren kommen natürlich vor allem in Proteinen gebunden vor; ungebundene Aminosäuren kommen zwar auch immer vor, jedoch in vergleichsweise geringen Mengen, nur gelegentlich bis zu einigen Prozent der Gesamtmenge an Aminosäuren. Bisher sind über zwanzig sogenannte proteinogene Aminosäuren bekannt. Dies sind zunächst jene 20 L-α-Aminosäuren, die als Standard-Aminosäuren durch Codons von je drei Nukleinbasen in der DNA nach dem Standard-Code codiert werden. Zu diesen kanonisch genannten Aminosäuren sind inzwischen zwei weitere hinzugekommen, Selenocystein und Pyrrolysin. Beide nicht-kanonischen sind ebenfalls α-Aminosäuren, bezogen auf die endständige Carboxygruppe ist die Aminogruppe am unmittelbar benachbarten Kohlenstoffatom gebunden (Cα). Darüber hinaus gibt es noch weitere Aminosäuren, die als Bestandteil von Proteinen oder Peptiden auftreten, jedoch nicht codiert werden. Aminosäureketten mit einer Kettenlänge unter zirka 100 Aminosäuren werden meist als Peptide bezeichnet, bei den größeren ribosomal gebildeten spricht man von Makropeptiden oder Proteinen. Die einzelnen Aminosäuren sind dabei innerhalb der Kette je über Peptidbindungen (Säureamid) verknüpft. Ein automatisiertes Verfahren zur Synthese von Peptiden liefert die Merrifield-Synthese. In Form von Nahrung aufgenommene Proteine werden bei der Verdauung in L-Aminosäuren zerlegt. In der LeberVgl. auch L. L. Miller: The role of the liver and the non-hepatic tissues in the regulation of free amino acid levels in the blood. In: Joseph T. Holden (Hrsg.): Amino acid pools. Elsevier Publishing Company, Amsterdam / London / New York 1962, 708 ff. werden sie weiter verwertet. Entweder werden sie zur Proteinbiosynthese verwendet oder abgebaut (siehe auch: Aminosäureindex). Die wichtigsten Mechanismen des Aminosäurenabbaus sind: Transaminierung Desaminierung Decarboxylierung Essentielle Aminosäuren Aminosäuren, die ein Organismus benötigt, jedoch nicht selbst herstellen kann, heißen essentielle Aminosäuren und müssen mit der Nahrung aufgenommen werden. Alle diese essentiellen Aminosäuren sind L-α-Aminosäuren. Für Menschen sind Valin, Methionin, Leucin, Isoleucin, Phenylalanin, Tryptophan, Threonin und Lysin essentielle Aminosäuren. Seit 1985 wird von der WHO auch die Aminosäure Histidin als essenzielle Aminosäure eingestuft. Es gibt somit neun essenzielle Aminosäuren.Wissenschaftlicher Bericht zur Biologischen Wertigkeit - Welche Aminosäuren gibt es: Essenzielle Aminosäuren Bedingt essentielle oder semi-essentielle Aminosäuren müssen nur in bestimmten Situationen mit der Nahrung aufgenommen werden, zum Beispiel während des Wachstums oder nach schweren Verletzungen. Die übrigen Aminosäuren werden entweder direkt synthetisiert oder aus anderen Aminosäuren durch Modifikation gewonnen. So kann Cystein aus der essentiellen Aminosäure Methionin synthetisiert werden. Solange das Vermögen, aus Phenylalanin die Aminosäure Tyrosin herzustellen, noch nicht ausgereift ist, zählt auch diese neben den anderen zu den essentiellen Aminosäuren im Kindesalter. Aus ähnlichem Grund muss auch bei einer Phenylketonurie Tyrosin zugeführt werden. Daneben gibt es andere Erkrankungen, die den Aminosäurestoffwechsel beeinträchtigen und die Aufnahme einer eigentlich nicht-essentiellen Aminosäure unter Umständen erfordern. Pflanzen und Mikroorganismen können alle für sie notwendigen Aminosäuren selbst synthetisieren. Daher gibt es für sie keine essentiellen Aminosäuren. mini|hochkant=1.5|Mengendiagramm-Darstellung von Eigenschaften der Seitenketten proteinogener Standard-Aminosäuren Chemisch-physikalische Eigenschaften Die proteinogenen Aminosäuren lassen sich nach ihren Resten in Gruppen aufteilen (siehe Tabellenübersicht der Eigenschaften). Dabei kann eine Aminosäure in verschiedenen Gruppen gleichzeitig auftauchen. In einem Mengendiagramm lassen sich die Überlappungen der Gruppen grafisch darstellen. Die Eigenschaften der Seitenkette von Cystein betreffend haben die Autoren unterschiedliche Ansichten: LöfflerGeorg Löffler: Basiswissen Biochemie. (= Springer-Lehrbuch). Heidelberg 2005, ISBN 3-540-23885-9, S. 24. hält sie für polar, während AlbertsBruce Alberts, Alexander D. Johnson, Julian Lewis, Martin Raff, Keith Roberts, Peter Walter Alberts, Johnson, Lewis, Raff, Roberts, Walter: Molekularbiologie der Zelle. WILEY-VCH Verlag, Weinheim 2004, ISBN 3-527-30492-4, S. 152. sie für unpolar hält. Richtigerweise handelt es sich bei Schwefel um ein Heteroatom, folglich gilt: Die Seitenkette von Cystein hat schwach polare Eigenschaften. Säure- und Basen-Verhalten mini|hochkant=1.5|Titrationskurven der proteinogenen Aminosäuren Aufgrund der basischen Aminogruppe und der sauren Carbonsäuregruppe sind Aminosäuren zugleich Basen und Säuren. Als Feststoffe und in neutralen wässrigen Lösungen liegen Aminosäuren als Zwitterionen vor, das heißt, die Aminogruppe ist protoniert und die Carboxygruppe ist deprotoniert. Verallgemeinert lässt sich das Zwitterion so darstellen: 120px|Aminosäure als Zwitterion Als Zwitterion kann die protonierte Aminogruppe als Säure (Protonendonator) und die Carboxylatgruppe kann als Base (Protonenakzeptor) reagieren. In sauren Lösungen liegen Aminosäuren als Kationen und in basischen Lösungen als Anionen vor: 480px|Struktur von Aminosäuren bei unterschiedlichen pH-Werten Die Ladung eines Aminosäuremoleküls hängt vom pH-Wert der Lösung ab. Bei einem Zwitterion mit einer sauren und einer basischen Gruppe ist bei neutralem pH-Wert die Gesamtladung des Moleküls null. Daneben besitzen die Seitenketten der Aminosäuren teilweise saure oder basische geladene Gruppen. Der pH-Wert mit einer Nettoladung von Null ist der isoelektrische Punkt (pHI, pI) einer Aminosäure. Am isoelektrischen Punkt ist die Wasserlöslichkeit einer Aminosäure am geringsten.Siegfried Hauptmann: Organische Chemie. 2., durchgesehene Auflage. VEB Deutscher Verlag für Grundstoffindustrie, Leipzig 1985, ISBN 3-342-00280-8, S. 506–507. + pKS-Werte einiger Aminosäure-Seitenketten (als freie Aminosäurenreste und im Protein) Aminosäure Eigenschaft frei im Protein Asp sauer 3,68 3,7–4,0 Glu sauer 4,25 4,2–4,5 His basisch 6,00 6,7–7,1 Cys semi-sauer 8,33 8,8–9,1 Tyr semi-sauer 10,07 9,7–10,1 Lys basisch 10,53 9,3–9,5 Arg basisch 12,48 – Für das Säure-Base-Verhalten proteinogener Aminosäuren ist vor allem das Verhalten ihrer Seitenkette (fortan mit R bezeichnet) interessant. In Proteinen sind die NH2- und COOH-Gruppen bei physiologischem pH-Wert (um pH 7) wegen der Peptidbindung nicht protonierbar und damit auch nicht titrierbar. Ausnahmen sind der Amino- und der Carboxy-Terminus des Proteins. Daher ist für das Säure-Base-Verhalten von Proteinen und Peptiden der Seitenkettenrest R maßgeblich. Das Verhalten der Seitenkette R hängt von ihrer Konstitution ab, das heißt, ob die Seitenkette selbst wieder als Protonenakzeptor oder als Protonendonator wirken kann. Die proteinogenen Aminosäuren werden nach den funktionellen Gruppen eingeteilt in solche mit unpolarer oder polarer Aminosäureseitenkette und weiter unterteilt in nach Polarität sortierte Untergruppen: aliphatische, aromatische, amidierte, Schwefel-enthaltende, hydroxylierte, basische und saure Aminosäuren. Die Seitenketten von Tyrosin und Cystein sind zwar im Vergleich zu den anderen unpolaren Seitenketten relativ sauer, neigen aber erst bei unphysiologisch hohen pH-Werten zum Deprotonieren. Prolin ist eine sekundäre Aminosäure, da der N-Terminus mit der Seitenkette einen fünfatomigen Ring schließt. Innerhalb eines Proteins bindet der Carboxy-Terminus einer vorhergehenden Aminosäure an den Stickstoff des Prolins, welcher aufgrund der bereits erwähnten Peptidbindung nicht protonierbar ist. Histidin, Tyrosin und Methionin kommen jeweils in zwei Untergruppen vor. + Elektrische Eigenschaften der Aminosäuren Aminosäure pK2COOH pK1COOH Isoelek-trischerPunkt pK1NH2 pK2NH2 Alanin – 2,3 6,1 9,9 – Arginin – 2,81 10,76 9,09 12,5 Asparagin – 2,02 5,41 8,80 – Asparaginsäure 3,65   1,88 2,85 9,60 – Cystein 8,33 * 1,71 5,05 10,78 – Glutamin – 2,17 5,65 9,13 – Glutaminsäure 4,25   2,19 3,22 9,67 – Glycin – 2,21 5,97 9,15 – Histidin – 1,78 7,47 8,97 5,97 Isoleucin – 2,32 5,94 9,76 – Leucin – 2,4 5,98 9,6 – Lysin – 2,20 9,59 8,90 10,28 Methionin – 2,28 5,74 9,21 – Phenylalanin – 2,58 5,84 9,24 – Prolin – 1,99 6,3 10,60 – Serin – 2,21 5,68 9,15 – Threonin – 2,10 5,60 9,12 – Tryptophan – 2,15 5,64 9,12 – Tyrosin 10,07 ** 2,20 5,66 9,11 – Valin – 2,30 5,96 9,60 – * Thiolgruppe** phenolische Hydroxygruppe Aliphatische Aminosäureseitenketten Alanin Glycin Isoleucin Leucin Methionin Prolin Valin Aromatische Aminosäureseitenketten Phenylalanin Tryptophan Tyrosin Amidierte Aminosäureseitenketten Asparagin Glutamin Schwefel-enthaltende Aminosäureseitenketten Cystein Methionin Hydroxylierte Aminosäureseitenketten Serin Threonin Tyrosin Basische Aminosäureseitenketten Lysin Arginin Histidin Saure Aminosäureseitenketten Asparaginsäure (dissoziiert zu Aspartat) Glutaminsäure (dissoziiert zu Glutamat) Der pK-Wert ist der pH-Wert, bei dem die titrierbaren Gruppen zu gleichen Teilen protoniert und deprotoniert vorliegen; die titrierbare Gruppe liegt dann zu gleichen Teilen in ihrer basischen wie in ihrer sauren Form vor (siehe auch: Henderson-Hasselbalch-Gleichung). Es ist meist üblich, anstatt vom pKS vom pK zu sprechen, so vom pK der Säure. In diesem Sinne müsste allerdings vom pK des Lysins als pKB, vom pK der Base gesprochen werden. Aus Gründen der Vereinfachung wird diese Notation aber allgemein weggelassen, da sich auch aus dem Sinnzusammenhang ergibt, ob die Gruppe als Base oder Säure wirkt. Der pK ist keine Konstante, sondern hängt von der Temperatur, der Aktivität, der Ionenstärke und der unmittelbaren Umgebung der titrierbaren Gruppe ab und kann daher stark schwanken. Ist der pH höher als der pK einer titrierbaren Gruppe, so liegt die titrierbare Gruppe in ihrer basischen (deprotonierten) Form vor. Ist der pH niedriger als der pK der titrierbaren Gruppe, so liegt die titrierbare Gruppe in ihrer sauren (protonierten) Form vor: Für Asp (pK = 3,86) bei pH 7: Die Seitenkette ist nahezu vollständig deprotoniert. Für Lys (pK = 10,53) bei pH 7: Die Seitenkette ist nahezu vollständig protoniert. Die Seitenketten basischer Aminosäuren sind in ihrer protonierten (sauren) Form einfach positiv geladen und in ihrer deprotonierten (basischen) Form ungeladen. Die Seitenketten der sauren Aminosäuren (einschließlich Cystein und Tyrosin) sind in ihrer protonierten (sauren) Form ungeladen und in ihrer deprotonierten (basischen) Form einfach negativ geladen. Da das Verhalten der Seitenkette ein ganz anderes ist, wenn sie geladen bzw. ungeladen ist, spielt der pH-Wert für die Eigenschaften der Seitenkette eine so wichtige Rolle. Die titrierbaren Seitenketten beeinflussen zum Beispiel das Löslichkeitsverhalten der entsprechenden Aminosäure. In polaren Lösungsmitteln gilt: Geladene Seitenketten machen die Aminosäure löslicher, ungeladene Seitenketten machen die Aminosäure unlöslicher. In Proteinen kann das dazu führen, dass bestimmte Abschnitte hydrophiler oder hydrophober werden, wodurch die Faltung und damit auch die Aktivität von Enzymen vom pH-Wert abhängt. Durch stark saure oder basische Lösungen können Proteine daher denaturiert werden. Tabellenübersicht der Eigenschaften + Eigenschaften der 20 kanonischen Aminosäuren (R: Seitenkette) nach Taylor Aminosäure Seitenkette R Name Abk. Sym-bol Strukturformel Konstitutions-formel relativeSeiten-ketten-masse van-der-Waals-Volumen Pola-rität Hydro-phobi-zität Aciditätbzw.Basizität Säure-konst.(pKS) Alanin Ala A rahmenlos|zentriert|x45px|L-Alanin –CH3 15 67 unpolar +1,8 neutral – Arginin Arg Rrahmenlos|x45px|zentriert|L-Arginin 100 148 polar −4,5 basisch(stark) 12,48 Asparagin Asn Nrahmenlos|zentriert|x45px|L-Asparagin –CH2CONH2 58 96 polar −3,5 neutral – Asparagin-säure Asp Drahmenlos|zentriert|x45px|L-Asparaginsäure –CH2COOH 59 91 polar −3,5 sauer 3,90 Cystein Cys Crahmenlos|zentriert|x45px|L-Cystein –CH2SH 47 86 polar +2,5 neutral 8,18 Glutamin Gln Qrahmenlos|zentriert|x45px|L-Glutamin 72 114 polar −3,5 neutral – Glutamin-säure Glu Erahmenlos|zentriert|x45px|L-Glutaminsäure –CH2CH2COOH 73 109 polar −3,5 sauer 4,07 Glycin Gly Grahmenlos|zentriert|x45px|L-Glycin –H 1 48 unpolar −0,4 neutral – Histidin His Hrahmenlos|zentriert|x45px|L-Histidin –CH2(C3H3N2) 81 118 polar −3,2 basisch(schwach) 6,04 Isoleucin Ile Irahmenlos|zentriert|x45px|L-Isoleucin –CH(CH3)-CH2CH3 57 124 unpolar +4,5 neutral – Leucin Leu Lrahmenlos|zentriert|x45px|L-leucin –CH2CH(CH3)2 57 124 unpolar +3,8 neutral – Lysin Lys Krahmenlos|zentriert|x45px|L-Lysin –CH2CH2CH2-CH2NH2 72 135 polar −3,9 basisch 10,54 Methionin Met Mrahmenlos|zentriert|x45px|L-Methionin –CH2CH2SCH3 75 124 unpolar +1,9 neutral – Phenylalanin Phe Frahmenlos|zentriert|x45px|L-Phenylalanin –CH2(C6H5) 91 135 unpolar +2,8 neutral – Prolin Pro Prahmenlos|zentriert|x45px|L-Prolin Es fehlt ein H am NH2Darstellung nicht verfügbar, da bei Prolin am Peptid-Rückgrat ein Wasserstoff-Atom am Stickstoff weniger vorkommt (ein sekundäres Amin), weil die Seitenkette mit dem Stickstoffatom einen Ring bildet (–NHCH2CH2CH2–). 42 90 unpolar −1,6 neutral – Serin Ser Srahmenlos|zentriert|x45px|L-Serin –CH2OH 31 73 polar −0,8 neutral – Threonin Thr Trahmenlos|zentriert|x45px|L-Threonin –CH(OH)CH3 45 93 polar −0,7 neutral – Tryptophan Trp Wrahmenlos|zentriert|x45px|L-Tryptophan –CH2(C8H6N) 130 163 unpolar −0,9 neutral – Tyrosin Tyr Yrahmenlos|zentriert|x45px|L-Tyrosin –CH2(C6H4)OH 107 141 polar −1,3 neutral 10,46 Valin Val Vrahmenlos|zentriert|x45px|L-Valin –CH(CH3)2 43 105 unpolar +4,2 neutral – Stereochemie 18 der 20 proteinogenen Aminosäuren haben gemäß der Cahn-Ingold-Prelog-Konvention am α-Kohlenstoff-Atom die (S)-Konfiguration, lediglich Cystein besitzt die (R)-Konfiguration, da hier der Kohlenstoff mit der Thiolgruppe eine höhere Priorität als die Carbonsäuregruppe hat. Glycin ist achiral, daher kann keine absolute Konfiguration bestimmt werden. Zusätzlich zum Stereozentrum am α-C-Atom besitzen Isoleucin und Threonin in ihrem Rest R je ein weiteres stereogenes Zentrum. Proteinogenes Isoleucin [R = –C*H(CH3)CH2CH3] ist dort (S)-konfiguriert, Threonin [R = –C*H(OH)CH3] (R)-konfiguriert. Nichtproteinogene Aminosäuren mini|200px|Die Aminosäure L-DOPA (L-3,4-Dihydroxyphenylalanin) ist eine Vorstufe bei der Biosynthese von Adrenalin, Noradrenalin, Dopamin sowie Melaninen Es sind bislang über 400 nichtproteinogene (d. h. nicht während der Translation in Proteine eingebaute) Aminosäuren, die in Organismen vorkommen, bekannt.Peter Nuhn: Naturstoffchemie. S. Hirzel Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, Stuttgart 1990, ISBN 3-7776-0473-9, S. 70. Dazu gehört etwa das L-Thyroxin, ein Hormon der Schilddrüse, L-DOPA, L-Ornithin oder das in fast allen Arten von Cyanobakterien nachgewiesene Neurotoxin β-Methylaminoalanin (BMAA). Die meisten nichtproteinogenen Aminosäuren leiten sich von den proteinogenen ab, die L-α-Aminosäuren sind. Dennoch können dabei auch β-Aminosäuren (β-Alanin) oder γ-Aminosäuren (GABA) entstehen. Zu den nichtproteinogenen Aminosäuren zählen auch alle D-Enantiomere der proteinogenen L-Aminosäuren. D-Serin wird im Hirn durch die Serin-Racemase aus L-Serin (seinem Enantiomer) erzeugt. Es dient sowohl als Neurotransmitter als auch als Gliotransmitter durch die Aktivierung des NMDA-Rezeptors, was zusammen mit Glutamat die Öffnung des Kanals erlaubt. Zum Öffnen des Ionenkanals muss Glutamat und entweder Glycin oder D-Serin binden. D-Serin ist an der Glycin-Bindungsstelle des Glutamatrezeptors vom NMDA-Typ ein stärkerer Agonist als Glycin selbst, war aber zum Zeitpunkt der Erstbeschreibung der Glycin-Bindungsstelle noch unbekannt. D-Serin ist nach D-Aspartat die zweite D-Aminosäure, die in Menschen gefunden wurde. mini|150px|Die synthetische Aminosäure (all-S)-endo-cis-2-Azabicyclo-[3.3.0]-octan-3-carbonsäure, ein Strukturelement des Arzneistoffs Ramipril. Zu den synthetischen Aminosäuren gehört die 2-Amino-5-phosphonovaleriansäure (APV), ein Antagonist des NMDA-Rezeptors und das ökonomisch wichtige D-Phenylglycin [Synonym: (R)-Phenylglycin], das in der Seitenkette vieler semisynthetischer β-Lactamantibiotica als Teilstruktur enthalten ist. (S)- und (R)-tert-Leucin [Synonym: (S)- und (R)-β-Methylvalin] sind synthetische Strukturisomere der proteinogenen Aminosäure (S)-Leucin und werden als Edukt in stereoselektiven Synthesen eingesetzt. Es gibt auch Aminosulfonsäuren [Beispiel: 2-Aminoethansulfonsäure (Synonym: Taurin)], α-Aminophosphonsäuren und α-Aminophosphinsäuren. Das sind auch α-Aminosäuren, jedoch keine α-Aminocarbonsäuren. Statt einer Carboxygruppe (–COOH) ist eine Sulfonsäure-, Phosphonsäure- bzw. Phosphinsäuregruppe in diesen α-Aminosäuren enthalten. + Einige nichtproteinogene Aminosäuren Aminosäure Biologische Bedeutung Thyroxin Schilddrüsen-Hormon GABA inhibitorischer Neurotransmitter L-Homoserin Stoffwechselzwischenprodukt der Argininsynthese Ornithin Stoffwechselzwischenprodukt im Harnstoffzyklus Citrullin Stoffwechselzwischenprodukt im Harnstoffzyklus Argininosuccinat Stoffwechselzwischenprodukt im Harnstoffzyklus L-DOPA Stoffwechselzwischenprodukt der Synthese von Katecholaminen 5-Hydroxytryptophan Stoffwechselzwischenprodukt der Serotoninsynthese β-Alanin Baustein von Coenzym A β-Methylamino-Alanin Neurotoxin der Cyanobakterien Ibotensäure Pilzgift D-Valin Bestandteil des Antibiotikums Valinomycin D-Alanin Bestandteil bakterieller Zellwände D-Glutamat Bestandteil bakterieller Zellwände 2,6-Diaminopimelinsäure Bestandteil bakterieller Zellwände Nachweis Ein quantitativer photometrischer Nachweis von Aminosäuren kann unter anderem per Kaiser-TestD. A. Wellings, E. Atherton: Standard Fmoc protocols. In: Methods in enzymology. Band 289, 1997, S. 44–67. PMID 9353717 mit Ninhydrin oder mit dem Folin-Reagenz erfolgen, wodurch primäre Amine nachgewiesen werden. Für sekundäre Amine werden der Isatin-Test oder der Chloranil-Test verwendet.Bing Yan: Analytical Methods in Combinatorial Chemistry, Second Edition. CRC Press, 2011, ISBN 978-1-4398-5760-1. Ebenso können Trennung und Nachweis von Aminosäuren per Kapillarelektrophorese oder per HPLC erfolgen,Y. Song, C. Xu, H. Kuroki, Y. Liao, M. Tsunoda: Recent trends in analytical methods for the determination of amino acids in biological samples. In: Journal of pharmaceutical and biomedical analysis. Band 147, Januar 2018, S. 35–49, doi:10.1016/j.jpba.2017.08.050. PMID 28927726. teilweise als Flüssigchromatographie mit Massenspektrometrie-Kopplung. Während die meisten Aminosäuren kein UV-Licht mit Wellenlängen über 220 nm absorbieren, sind die Aminosäuren Phenylalanin, Tyrosin, Histidin und Tryptophan aromatisch und absorbieren UV-Licht mit einem Maximum zwischen 260 nm und 280 nm.Zdzislaw E. Sikorski: Chemical and Functional Properties of Food Proteins. CRC Press, 2001, ISBN 1-56676-960-4, S. 71, 219. Die Aminosäurezusammensetzung eines Proteins kann durch Hydrolyse des Proteins untersucht werden. Die langsam eintretende Racemisierung der Aminosäuren in den ursprünglich ausschließlich aus L-Aminosäuren aufgebauten Proteinen wird bei der Aminosäuredatierung untersucht.Mebus A. Geyh, Helmut Schleicher: Absolute Age Determination – Physical and Chemical Dating Methods and Their Application. Springer-Verlag, Berlin/Heidelberg 1990, ISBN 3-540-51276-4, S. 345–371.N. Fujii, T. Takata, N. Fujii, K. Aki, H. Sakaue: D-Amino acids in protein: The mirror of life as a molecular index of aging. In: Biochimica et Biophysica Acta. [elektronische Veröffentlichung vor dem Druck] März 2018, doi:10.1016/j.bbapap.2018.03.001. PMID 29530565. Gewinnung und Produktion Aminosäuren werden entweder aus Naturstoffen durch Auftrennung eines hydrolysierten Proteins oder auf synthetischem Wege gewonnen. Ursprünglich diente die Entwicklung einer Synthese für die diversen Aminosäuren hauptsächlich der Strukturaufklärung. Inzwischen sind diese Strukturfragen gelöst und mit den verschiedenen Synthesen, soweit sie noch aktuell sind, werden gezielt die gewünschten Aminosäuren dargestellt. Bei den Synthesen entstehen zunächst racemische Gemische, die getrennt werden können. Eine Methode hierfür ist eine selektive enzymatische Hydrolyse, die zur Racematspaltung eingesetzt wird. mini|hochkant=0.5|Adolph Strecker (um 1869) Nachfolgend ein Überblick über diverse Synthesen, die von Chemikern bereits ab Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelt wurden. Einige dieser älteren Synthesen sind wegen geringer Ausbeuten oder sonstiger Probleme nur von historischem Interesse. Allerdings wurden diese alten Verfahren teilweise weiterentwickelt und einige sind auch noch heute zur Darstellung von Aminosäuren aktuell. Weitergehende Einzelheiten zu diesen Synthesen einschließlich der Gleichungen für die Synthesen sind unter den Links zu den Synthesen und den angegebenen Aminosäuren angeführt. Mit der Cyanhydrinsynthese des Chemikers Adolph Strecker 1850 wurde Alanin erstmals aus Acetaldehyd synthetisiert (siehe Strecker-Synthese). Eine Synthese für die Darstellung von Glycin über die α-Fettsäuren, die durch Reaktion von Brom- oder Chlorfettsäuren mit Ammoniak hergestellt werden, wurde von William H. Perkin sen. und Baldwin F. Duppa bereits 1859 entwickelt. Josef Pöchl entdeckte 1883 die Azlactonsynthese zur Darstellung von Aminosäuren. Deren genauer Ablauf wurde aber erst 1893 von Emil Erlenmeyer jun. aufgeklärt. Diese Methode wird deshalb auch Erlenmeyer-Synthese genannt. Mit diesem Verfahren wurden 1911 Histidin sowie Phenylalanin und Tyrosin hergestellt. Durch Reduktion von einer α-Oximinosäure wurde erstmals 1887 Asparaginsäure synthetisiert. Nach der gleichen Methode wurde 1906 von Louis Bouveault Isoleucin aus dem Oxim des Methyläthyl-brenztraubensäureesters dargestellt. Nach der von Siegmund Gabriel entwickelten Gabriel-Synthese, wurde 1889 Glycinhydrochlorid über Phthalimidkalium als Ausgangschemikalie synthetisiert. Obwohl diese Synthese für die Darstellung von Glycin überholt ist, eignet sie sich wegen ihrer hohen Ausbeuten für die Gewinnung anderer Aminosäuren. Mit der Cyanhydrinsynthese stellte Emil Fischer 1902 erstmals Serin über Glykolaldehyd her. 1906 wurde mit der von ihm entwickelten Malonestersynthese Leucin synthetisiert. Isoleucin, Norleucin, Methionin und Phenylalanin sind weitere Aminosäuren, die mit dieser Synthese leicht darstellbar sind. Theodor Curtius benutzte den von ihm entwickelten Curtiusschen Abbau für die Darstellung von α-Aminosäuren durch die Verwendung von Malonesterderivaten zur Synthese von Glycin, Alanin, Valin und Phenylalanin. 1911 wurde Tyrosin, Phenylalanin und Tryptophan über eine Kondensation aromatischer Aldehyde mit Hydantoin gewonnen. Mit einer kombinierten Phthalimid-Malonester-Synthese wurde 1931 von George Barger Methionin synthetisiert. Nach der gleichen Methode können auch Phenylalanin, Prolin, Tyrosin, Asparaginsäure und Serin hergestellt werden. Vincent du Vigneaud stellte 1939 DL-Cystin mit dieser Methode her. Industriell werden Aminosäuren heute nach folgenden Verfahren hergestellt: Extraktionsmethode: Hierzu werden Proteine zunächst mit Säuren hydrolysiert. Nach Fällung des Aminosäuregemischs aus dem Hydrolysat erfolgt eine chromatographische Trennung per Ionenaustauschchromatographie. Bei der Elution werden die unterschiedlichen Polaritäten der Aminosäuren ausgenutzt.Bernd Hoppe, Jürgen Martens: Aminosäuren – Herstellung und Gewinnung. In: Chemie in unserer Zeit. 18. Jahrg., Nr. 3, 1984, S. 73–86. Chemische Synthese: Es gibt eine Vielzahl von Synthesemethoden. Beispiele sind die Strecker-Synthese von D,L-Valin, die Degussa-Synthese von D,L-Cystein und die Synthese von D,L-Methionin aus Methylmercaptan, Acrolein und Blausäure. Da die hergestellten Aminosäuren dabei als Racemat erhalten werden, müssen anschließend noch Verfahren zur Enantiomerentrennung erfolgen, wenn reine L- oder D-Aminosäuren benötigt werden. Enzymatische Verfahren: Dieses Verfahren hat den Vorteil enantiomerenreine L- oder D-Aminosäuren mit geeigneten Enzymen als Biokatalysatoren zu liefern. Beispiele sind die Herstellung von L-Asparaginsäure aus Fumarsäure mit L-Aspartase und die Herstellung von L-Tryptophan aus Indol und Brenztraubensäure mit Tryptophanase. Fermentationsverfahren: Bei der Fermentation werden die Aminosäuren mit Hilfe geeigneter Mikroorganismen hergestellt. Der Syntheseprozess läuft dabei über sehr komplexe Zwischenschritte innerhalb der Zellen ab. Ein Beispiel ist die Herstellung von L-Glutaminsäure aus Glucose. Hierbei kann man aus 2 Gramm Glucose 1 Gramm Glutaminsäure gewinnen. Die meisten Aminosäuren werden heute durch Fermentation hergestellt.N. Tonouchi, H. Ito: Present Global Situation of Amino Acids in Industry. In: Advances in Biochemical Engineering/Biotechnology. Band 159, 2017, S. 3–14, . PMID 27832295.M. D'Este, M. Alvarado-Morales, I. Angelidaki: Amino acids production focusing on fermentation technologies - A review. In: Biotechnology Advances. Band 36, Nummer 1, Jan-Feb 2018, S. 14–25, doi:10.1016/j.biotechadv.2017.09.001. PMID 28888551. Jährlich werden so weltweit 6 Millionen Tonnen an Glutaminsäure und Lysin produziert, teilweise aus hydrolysierter Stärke oder Melasse unter Verwendung der Bakterien Escherichia coli oder Corynebacterium glutamicum.J. H. Lee, V. F. Wendisch: Production of amino acids - Genetic and metabolic engineering approaches. In: Bioresource Technology. Band 245, Pt B, Dezember 2017, S. 1575–1587, doi:10.1016/j.biortech.2017.05.065. PMID 28552565. Verwendung Aminosäuren haben für die Ernährung des Menschen eine fundamentale Bedeutung, insbesondere solche, die als essentielle Aminosäuren nicht selbst erzeugt werden können. In der Regel wird im Zuge einer ausgewogenen Ernährung der Bedarf an essentiellen Aminosäuren durch tierische oder eine geeignete Kombination verschiedener pflanzlicher Proteine (etwa aus Getreide und Hülsenfrüchten) vollkommen gedeckt. Pflanzliche Proteine haben meist hinsichtlich ihrer Aminosäurenzusammensetzung eine geringere biologische Wertigkeit. Futtermittel in der Nutztierhaltung werden daher oft angereichert durch Zusatz bestimmter Aminosäuren, beispielsweise Methionin und Lysin sowie verzweigtkettige Aminosäuren (Leucin, Isoleucin und Valin),K. Yamamoto, A. Tsuchisaka, H. Yukawa: Branched-Chain Amino Acids. In: Advances in Biochemical Engineering/Biotechnology. Band 159, 2017, S. 103–128, . PMID 27872960. wodurch der Nährwert erhöht wird. Verschiedene Aminosäuren werden als Nahrungsergänzungsmittel verkauft. Aminosäuren bzw. ihre Derivate finden Verwendung als Zusatz für Lebensmittel. Die menschliche Zunge besitzt einen Glutamatrezeptor, dessen Aktivierung allgemein mit einem gesteigerten Geschmack assoziiert ist. Daher wird als Geschmacksverstärker Natriumglutamat verwendet. Der Süßstoff Aspartam enthält eine Aminosäure. Aminosäuren sind Vorstufen für bestimmte Aromastoffe, die beim trockenen Garen von Speisen über die Maillard-Reaktion entstehen. Aminosäuren werden in der Zellbiologie und Mikrobiologie als Bestandteile von Zellkulturmedien verwendet. In der Biochemie werden Derivate von Aminosäuren wie Photo-Leucin oder Photo-Methionin zur Strukturaufklärung von Proteinen und andere zur Molekülmarkierung verwendet. Daneben werden Aminosäuren auch als Hilfsstoffe eingesetzt, z. B. als Salzbildner, Puffer. In der Pharmazie bzw. Medizin werden L-Aminosäuren als Infusionslösungen für die parenterale Ernährung und als Stabilisatoren bei bestimmten Lebererkrankungen angewendet. Bei Krankheiten mit einem Mangel von Neurotransmittern verwendet man L-Dopa. Für synthetische Peptidhormone und für die Biosynthese von Antibiotika sind Aminosäuren notwendige Ausgangsstoffe. Magnesium- und Kalium-Aspartate spielen bei der Behandlung von Herz- und Kreislauferkrankungen eine Rolle. Cystein, beziehungsweise die Derivate Acetylcystein und Carbocystein, finden zudem eine Anwendung bei infektiösen Bronchialerkrankungen mit erhöhtem Bronchialsekret. Zudem wird L-Cystein als Reduktionsmittel in der Dauerwelle eingesetzt.Wolfgang Legrum: Riechstoffe, Zwischen Gestank Und Duft: Vorkommen, Eigenschaften und Anwendung von Riechstoffen und deren Gemischen. Gabler Wissenschaftsverlage, 2011, S. 165 (). Aminosäuren werden in der Kosmetik Hautpflegemitteln und Shampoos zugesetzt. Metabolismus mini|hochkant=1.7|Abbau der proteinogenen Aminosäuren Aminosäuren können nach ihren Abbauwegen in ketogene, glucogene und gemischt keto- und glucogene Aminosäuren eingeteilt werden. Ketogene Aminosäuren werden beim Abbau dem Citrat-Zyklus zugeführt, glucogene Aminosäuren der Gluconeogenese. Weiterhin werden im Stoffwechsel aus Aminosäuren verschiedene Abbauprodukte mit biologischer Aktivität (z. B. Neurotransmitter) gebildet. Tryptophan ist der Vorläufer von Serotonin. Tyrosin und sein Vorläufer Phenylalanin sind Vorläufer der Catecholamine Dopamin, Epinephrin (synonym Adrenalin) und Norepinephrin (synonym Noradrenalin). Phenylalanin ist der Vorläufer von Phenethylamin in Menschen. In Pflanzen ist Phenylalanin der Vorläufer der Phenylpropanoide. Glycin ist der Ausgangsstoff der Porphyrinsynthese (Häm). Aus Arginin wird der sekundäre Botenstoff Stickstoffmonoxid gebildet. Ornithin und S-Adenosylmethionin sind Vorläufer der Polyamine. Aspartat, Glycin und Glutamin sind Ausgangsstoffe der Biosynthese von Nukleotiden. Bei verschiedenen Infektionen des Menschen mit Pathogenen wurde eine Konkurrenz mit dem Wirt um die Aminosäuren Asparagin, Arginin und Tryptophan beschrieben.W. Ren, R. Rajendran, Y. Zhao, B. Tan, G. Wu, F. W. Bazer, G. Zhu, Y. Peng, X. Huang, J. Deng, Y. Yin: Amino Acids As Mediators of Metabolic Cross Talk between Host and Pathogen. In: Frontiers in immunology. Band 9, 2018, S. 319, doi:10.3389/fimmu.2018.00319. PMID 29535717, . Literatur Bücher Harold Hart: Organische Chemie: Ein kurzes Lehrbuch. VCH, 1989, ISBN 3-527-26480-9. Jeremy M. Berg, Lubert Stryer, John L. Tymoczko, Gregory J. Gatto: Biochemistry. Macmillan Learning, 2015, ISBN 978-1-4641-2610-9. G. C. Barrett: Amino Acids and Peptides. Cambridge University Press, 1998, ISBN 0-521-46827-2. Uwe Meierhenrich: Amino Acids and the Asymmetry of Life. Springer-Verlag, Heidelberg/Berlin 2008, ISBN 978-3-540-76885-2. John M. Rattenbury: Amino acid analysis. John Wiley & Sons, New York / Chichester / Brisbane / Toronto 1981. Hubert Rehm, Thomas Letzel: Der Experimentator: Proteinbiochemie / Proteomics. 6. Auflage. Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg 2009, ISBN 978-3-8274-2312-2. Zeitschriftenartikel Lei Wang, Peter G. Schultz: Die Erweiterung des genetischen Codes. In: Angewandte Chemie. Band 117, Nr. 1, 2005, S. 34–68. H. Uneyama, H. Kobayashi, N. Tonouchi: New Functions and Potential Applications of Amino Acids. In: Advances in Biochemical Engineering/Biotechnology. Band 159, 2017, S. 273–287, . PMID 27872968. Bernd Hoppe, Jürgen Martens: Aminosäuren – Bausteine des Lebens. In: Chemie in unserer Zeit. 17. Jahrg., Nr. 2, 1983, S. 41–53. Bernd Hoppe, Jürgen Martens: Aminosäuren – Herstellung und Gewinnung. In: Chemie in unserer Zeit. 18. Jahrg., Nr. 3, 1984, S. 73–86. Weblinks Lerne die 20 proteinogenen Aminosäuren Tabelle mit Eigenschaften und Häufigkeit von Aminosäuren (engl.) Einzelnachweise L. F. Fieser, M. Fieser: Lehrbuch der organischen Chemie. 3. Auflage. Verlag Chemie, 1957, S. 506. L. F. Fieser, M. Fieser: Lehrbuch der organischen Chemie. 3. Auflage. Verlag Chemie, 1957, S. 507. L. F. Fieser, M. Fieser: Lehrbuch der organischen Chemie. 3. Auflage. Verlag Chemie, 1957, S. 508. L. F. Fieser, M. Fieser: Lehrbuch der organischen Chemie. 3. Auflage. Verlag Chemie, 1957, S. 510. L. F. Fieser, M. Fieser: Lehrbuch der organischen Chemie. 3. Auflage. Verlag Chemie, 1957, S. 511. L. F. Fieser, M. Fieser: Lehrbuch der organischen Chemie. 3. Auflage. Verlag Chemie, 1957, S. 516. W. R. Taylor: The classification of amino acid conservation. In: Journal of Theoretical Biology. Band 119, Jahrgang 1986, S. 205–218. doi:10.1016/S0022-5193(86)80075-3. Wissenschaft-Online-Lexika: Eintrag zu Aminosäuren im Lexikon der Biologie. Abgerufen am 25. April 2009. Kategorie:Biomonomer Kategorie:Stoffgruppe Kategorie:Proteinstruktur
de
wikipedia
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f7ea1e14-5ecd-4435-a2ea-1cc1b7182958
Computerspiel
Ein Computerspiel oder Videospiel (veraltet auch Telespiel oder verkürzt aus dem englischen Game) ist ein elektronisches Spiel, das durch Interaktion über ein Eingabegerät visuelles Feedback auf einer Anzeige (TV, Monitor, Handy, Brille) generiert. Es gilt als ein besonders immersives Medium, da es durch Interaktivität, Storytelling und Leveldesign ein starkes Eintauchen in die Spielwelt ermöglicht. Dabei hängt der Grad der Immersion von der Gestaltungsqualität und der Spielplattform (z. B. PC, Mobile, Spielkonsole, XR) ab. In Deutschland wurde 2023 mit dem Gestalter für immersive Medien erstmals auch ein staatlich anerkannter Ausbildungsberuf eingeführt, der sich mit dem Themenfeld direkt beschäftigt. Im Laufe der Zeit entwickelte sich auch eine spezifische „Gamersprache“. Computerspiele sind aufgrund ihrer weiten Verbreitung und gesellschaftlichen Akzeptanz fester Bestandteil der Popkultur.Tom Chatfield: Changing the game: How gaming levelled up into a multi-billion dollar industry bigger than film and TV, in: Radiotimes.com, 8. April 2025; Sean Monahan: Video games have replaced music as the most important aspect of youth culture, in: TheGuardian.com, 11. Januar 2021; Neta Yodovich u. a.: Video Games in/as Culture: The Evolving Cultural Significance of Video Games, in: International Journal of the Sociology of Leisure 8 (2025). Auch ist der Umsatz der Computerspielindustrie mittlerweile derart hoch, dass er den Jahresumsatz der weltweiten Film- und Musikindustrie um mehr als das Doppelte übertreffen kann.Siehe dazu Krishan Arora: The Gaming Industry: A Behemoth With Unprecedented Global Reach. In: Forbes.com, 17. November 2023 (mit der Auswertung für 2022); Scarlett Sherriff: Data: Dentsu findings reveal gaming industry worth more than music and film combined, in: Marketing-beat.co.uk, 22. Oktober 2024. Geschichte mini|Lunar Lander, Computerspiel aus dem Jahre 1973 Bereits auf den ersten Computern gab es Versuche, bekannte Spiele, wie etwa das Damespiel, umzusetzen. Als erstes Computerspiel, welches neue Möglichkeiten jenseits altbekannter Spiele bot, wird oft das 1958 von dem Amerikaner William Higinbotham entwickelte Tennis for Two angesehen. Die Entwicklung war stark abhängig vom technischen Fortschritt der Computertechnik. Spielte sie sich anfangs nur „nebenher“ auf eigentlich für andere Zwecke vorgesehenen Großrechnern an Universitäten ab, so wurde es in den 1970er Jahren durch die Kombination der inzwischen relativ kostengünstigen einfachen Logikchips mit der existierenden Fernsehtechnologie möglich, Spiele auch auf elektronischen Spielautomaten in der Öffentlichkeit zu spielen. Sehr erfolgreich war zum Beispiel Pong von Nolan Bushnell. Unternehmen wie Atari oder Magnavox brachten das Computerspiel als Videospiel mit einer Spielkonsole auch den Heimanwendern nahe. Es entwickelte sich ein rasant wachsender Massenmarkt. Durch die Einführung der Heim- und Personal-Computer (PCs) in den 1980er Jahren entwickelten sich zunächst zwei technisch betrachtet unterschiedliche Arten des Computerspiels: zum einen das Videospiel (damals „Telespiel“), welches auf speziellen Spielkonsolen lief, und das Computerspiel für Heimcomputer und später zunehmend für PCs. Im Jahr 1983 kam es zu einem Crash auf dem Videospielemarkt, vor allem durch die Überschwemmung des Marktes und wachsende Konkurrenz der Personal-Computer gegenüber den Spielkonsolen. In Japan, wo Heimcomputer noch nicht so erfolgreich waren, läutete Nintendo 1983 mit der Konsole Nintendo Entertainment System (NES) eine neue Ära der Videospiele ein, die etwa zwei Jahre später, 1985, auch Nordamerika und Europa erreichte. Seit Mitte der 1990er Jahre werden die Bereiche für Spielekonsolen und PCs wieder zunehmend zusammengeführt. So bilden einheitliche Speichermedien (wie die CD-ROM oder DVD) und eine kompatible Hardware die Möglichkeit, Spiele für einen breiteren Markt anzubieten. Für verschiedene Konsolen wie auch für PCs werden Spiele weitgehend parallel entwickelt. Durch das Internet bekam die Entwicklung einen zusätzlichen Schub. Computerspiele sind heute eine weit verbreitete Form der Unterhaltung. Sie zählen zu den produktivsten Bereichen erzählerischer Aktivität in den digitalen Medien. Sie haben den Bereich der Interactive Fiction um sensuelle Eindrücke erweitert und den Benutzern ermöglicht, in Echtzeit zu interagieren. In vielen Ländern hat sich eine eigene Industrie für ihre Entwicklung gebildet, deren Umsätze teilweise die der jeweiligen Filmindustrie übersteigen. Gesellschaftliche Bedeutung mini|Bildschirmfoto des Spiels SuperTux (aus dem Jahr 2000) Bedeutung Computerspiele beeinflussen Menschen moderner Gesellschaften ebenso wie andere Massenmedien. Besonders bei Jugendlichen ist zu beobachten, dass sich ihr Alltag durch die Nutzung des Computers stark verändert. Die Bedeutung und Akzeptanz eines Computerspiels ist in den einzelnen Industriestaaten sehr unterschiedlich. In manchen Ländern führten Computerspiele zunächst gesellschaftlich und kulturell ein Nischendasein, wenn auch nicht zwingend wirtschaftlich. Dagegen hat sich beispielsweise in Südkorea und vielen anderen, insbesondere den Industriestaaten inzwischen eine eigene Kultur rund um Spiel und Spieler gebildet. Computerspiele nehmen teilweise einen hohen Stellenwert im Alltagsleben ein. Das Computerspiel wird bisher nur zögernd als Kunstform neben Film, Musik, bildender Kunst usw. akzeptiert. Das mag an der kurzen Geschichte und den oft sehr technologiebasierten fixierten Inhalten liegen, wobei diese zudem bei neuen Titeln sehr oft bloße technisch verbesserte Wiederholungen älterer Versionen mit wenig neuen Inhalten sind. Im Internet hat sich im Zusammenhang mit Computerspielen die Let’s-Play-Szene entwickelt. So ist etwa der YouTube-Kanal PewDiePie, der durch Let’s Plays bekannt geworden ist, einer der meist abonnierten auf der Plattform. Nutzung mini|Zwei junge Männer spielen Computerspiele (Thailand, 2007) Computerspiele werden in allen Altersschichten gespielt. Manche Kinder beginnen bereits im Vorschulalter damit. Im Allgemeinen interessieren sich vor allem männliche Jugendliche und junge Männer für Computerspiele. Laut Digitalverband BitkomHalb Deutschland spielt Video- oder Computerspiele. Bitkom-Presseinformation vom 23. August 2021, abgerufen am 23. August 2021. spielte im Jahre 2021 die Hälfte der Deutschen (rund 50 Prozent) Computer- und Videospiele. Bei den 16- bis 29-Jährigen lag der Anteil bei 81 Prozent. In der Altersgruppe zwischen 30 und 49 Jahren waren es 67 Prozent, unter den 50- bis 64-Jährigen 40 Prozent und in der Generation der 65-Jährigen und Älteren spielten nur 18 Prozent. Die Entertainment Software Association, der Wirtschaftsverband, in dem die meisten Computerspiele Publisher engagiert sind, ging 2006 davon aus, dass jeder vierte US-amerikanische Bürger im Alter von über 50 Jahren regelmäßig am Computer spielt., Informationen über die Computerspiel-Industrie von 2006. Weibliche Jugendliche sind Computerspielen nicht abgeneigt, verbringen aber meist weniger Zeit damit. In Deutschland spielten 2011 der Studie GameStat nach 30,1 % der Männer und 20,9 % der Frauen Computer- oder Videospiele. 2015 konnte eine repräsentative Umfrage erstmals zeigen, dass in Deutschland der Anteil an Spielern bei Männern und Frauen mit 43 bzw. 42 Prozent in etwa gleich hoch ist. Dieser Befund hat sich seitdem verfestigt: 2021 war der Anteil an Spielern bei Männern und Frauen mit 53 bzw. 47 Prozent nahezu ausgeglichen. Insbesondere im E-Sport, dem wettbewerbsmäßigen Spielen von Computer- oder Videospielen, gibt es etliche sogenannte „all female“, also rein weibliche Clans, die auch ihre eigenen Turniere bestreiten. In der Regel richten Spielkonsolen sich an ein jüngeres Publikum und beinhalten deshalb mehr Action. Computerspiele für den PC können durch leistungsfähigere Hardware komplexere Simulationen erzeugen und sind daher auch bei Älteren beliebt: Die Hauptkäufergruppe sind nicht Jugendliche, sondern junge Erwachsene, da Jugendliche nicht über das erforderliche Geld verfügen und deswegen kommerzielle Software oft kopieren. Ein ähnliches Problem kennt die Musikindustrie. Eine Nutzung von Computerspielen zum Zweck der Ausbildung ist möglich. Sie entspricht aber nicht der strengen Definition eines Spiels als zweckfrei, so dass man in solchen Fällen meist von Simulationen spricht. Zudem gibt es eine zunehmende Zahl von Menschen, die Computerspiele nicht nur nutzen, sondern diese auch verändern und sogar neue Spiele daraus entwickeln wollen. Sogenannte Mods (Kurzform von Modifikation) sind meist von den Spielern, selten von professionellen Spieleentwicklern erstellte Veränderungen oder Erweiterungen von Computerspielen. Die bekannteste Modifikation ist Counter-Strike, ursprünglich als Mehrspieler-Erweiterung zu Half-Life entstanden. Die Computerspiel-Industrie unterstützt diese Szene zunehmend aktiv, da es eine günstige Möglichkeit darstellt, Fehler oder unerwünschte Beschränkungen zu beseitigen und zusätzliche Funktionen einzubauen, um die Spiele attraktiver zu machen. Computerspiele werden auch als private Einnahmequelle missbraucht, in dem das im Spiel erworbene virtuelle „Gold“ weiterverkauft wird. 2008 lebten schätzungsweise 500.000 Menschen in Entwicklungsländern von solchen Einnahmen. Wirkung Negative Effekte Bei übertriebenem Konsum von Computerspielen und dem damit verbundenen Schlafentzug kann es (wie bei übertriebener Computernutzung allgemein) zu Schlafstörungen, Halluzinationen, Konzentrationsschwächen, Haltungsschäden (hervorgerufen durch Bewegungsmangel), Nervenschäden (Karpaltunnelsyndrom), Augenschäden (Gamer Eye Syndrom) und Nervosität kommen. Auch das Auftreten von Gaming Sickness (siehe auch Simulator Sickness, Reisekrankheit) ist möglich. In vielen Spielhandbüchern werden außerdem Epilepsiewarnungen ausgesprochen; diese sind in einigen Staaten gesetzlich vorgeschrieben. Eine im November 2005 veröffentlichte Studie der Berliner Charité zeigte, dass etwa jeder zehnte Computerspieler Abhängigkeitskriterien erfüllt, vergleichbar mit denen von anderen Süchtigen wie beispielsweise Alkoholabhängigen. Unabhängig davon kann auch für Computerspiele derselbe viel zitierte Satz zu gelten, der im Rahmen der Erforschung des Fernsehens entstand: Der Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP) warnte auf der Spielemesse Gamescom 2016 vor dem Einfluss von gewalthaltigen Spielen („Killerspielen“) auf die Gewaltbereitschaft von Menschen. Bei allen Effekten von Medienkonsum (z. B. Geschicklichkeit, Konzentration) gehe man selbstverständlich davon aus, dass ein Einfluss besteht, jedoch nicht bei „Killerspielen“. Hier werde die irrige Meinung verbreitet, dass diese keinen kausalen Einfluss auf die Gewaltbereitschaft hätten. „Genau wie die Produktwerbung im Fernsehen das Kaufverhalten im Supermarkt beeinflusst, wirkt sich das Töten und Verletzen im Rahmen von Killerspielen auf Gedanken, Gefühle und Verhaltensweisen im echten Leben aus. Gewalterfahrungen im realen Leben und in den Medien verstärken sich gegenseitig und führen nicht nur kurzfristig, sondern auch langfristig zu einer positiven Bewertung von Gewalt“. Laut einer Expertise der Mediengewaltkommission der Internationalen Gesellschaft für Aggressionsforschung (International Society for Research on Aggression ISRA) gibt es wissenschaftliche Belege für einen Zusammenhang von Amoktaten und ähnlichen Formen extremer Gewalt und „Erfahrung von Gewalt in der virtuellen Realität, sei es durch Killerspiele oder durch Horrorvideos“. Positive Effekte Zu den förderlichen Auswirkungen von Videospielen kann das Training von räumlicher Orientierung, Gedächtnisbildung, strategischem Denken sowie Feinmotorik gehören. Auch die Aufmerksamkeit und Wahrnehmung visueller Details kann verbessert werden. Doch Computerspiele sind nicht nur als reine Freizeitbeschäftigung für die Konsumenten selbst interessant; es gibt inzwischen gezielte Anwendungen durch die Medizin, beispielsweise zur Behandlung von Demenzerkrankungen, Schmerz- oder Schlaganfallpatienten, wobei teilweise speziell entwickelte und teilweise „normale“ Spiele erprobt werden. Für die Behandlung einer Schwachsichtigkeit, vornehmlich im Kindesalter, wurde ein Spiel konzipiert, bei dem das seit Langem bekannte Anaglyph-Verfahren für 3D-Stereoskopie zweckentfremdet wird, um statt eines 3D-Eindrucks ein 2D-Bild zu erzeugen, das nur unter Benutzung beider Augen korrekt erkannt werden kann; ein Spielfortschritt ist nicht möglich, wenn nur das dominante Auge benutzt wird.Amblyotech Inc.: Pressemeldung zur Kooperation zwischen Ubisoft, Amblyotech und der McGill University in Montreal, Kanada: Ubisoft And Amblyotech Create Dig Rush, The First Therapeutic Video Game Based On A Patented Method For The Treatment Of Amblyopia Wettbewerb und Meisterschaften E-Sport mini|E-Sport-Wettbewerb (World Cyber Games in Singapur, 2005) Beim elektronischen Sport (E-Sport) treten Spieler organisiert in Clans im Mehrspielermodus der einzelnen Computerspiele gegeneinander an, um sich sportlich zu messen oder zunehmend auch um finanzielle Interessen zu verfolgen. Wenn hauptsächlich Preisgelder aus den Turnierspielen und Sponsorenverträgen angestrebt werden, spricht man vom Progaming. Diese Mannschaften spielen dann auch häufig in Ligen mit. Die wohl bekannteste und größte Liga im deutschen Raum ist die ESL, die Electronic Sports League, bei der die Gewinner Prämien von bis zu 500.000 € gewinnen können. Inzwischen steigern sich aber die Preisgelder enorm, beispielsweise gibt es bei der CPL World Tour ein Preisgeld von 1.000.000 Dollar zu gewinnen. International weitaus prestige- und preisgeldträchtigere Turniere sind der Electronic Sports World Cup oder die World Cyber Games. Neben den Sportligen gibt es mittlerweile Meisterschaften in fast allen Genres der Videospielekultur (Ego-Shooter, Construction Games etc.). Speedrunning Beim Speedrunning spezialisiert sich der Wettbewerb darauf, Computerspiele oder einzelne Segmente dieser in möglichst kurzer Zeit abzuschließen. Die Disziplin ist über alle Videospielgenres vertreten und ist nicht auf Einzel- oder Mehrspielererfahrungen begrenzt. Der Wettbewerb wird primär über Plattformen wie Speedrun.com ausgetragen, auf denen durch die Communitys je nach Spiel und Kategorie eigene Regelwerke erarbeitet werden und eingereichte Rekorde durch Freiwillige geprüft und in Form von Ranglisten veröffentlicht werden. Aufnahmen und Livestreams von Speedruns werden für gewöhnlich auf Plattformen wie YouTube und Twitch geteilt und erreichen so primär ihre Zuschauerschaft. Ähnlich dem klassischen E-Sport werden auch gemeinschaftliche Wettbewerbe wie Marathons und Speedrun-Races abgehalten, diese zielen jedoch eher darauf ab Unterhaltung zu bieten, als Weltrekorde anzufechten. Computerspiele als Industrie mini|Ralph Baer (links), der Entwickler der ersten Spielkonsole Magnavox Odyssey, hier mit George W. Bush Während in den frühen 1980er Jahren zur Zeit der Heimcomputer und Videospielkonsolen noch ein einzelner Programmierer nahezu alle Aufgaben der Produktion eines Spiels erledigen konnte, benötigt man heute für kommerzielle Computerspiele aufgrund der gestiegenen Komplexität (wie z. B. durch den technischen Fortschritt oder die höheren Ansprüche an das fertige Produkt im Allgemeinen) Teams aus Spezialisten für die einzelnen Bereiche. Entwicklerszene Computerspiele/Videospiele werden von Spieleentwicklern erstellt. Das können zwar auch Einzelpersonen sein, sind jedoch meist sog. Studios (Developer), in denen mindestens ein Game Designer, Produzent, Autor, Grafikdesigner, Programmierer, Level-Designer, Tongestalter, Musiker und Spieltester in Teams an der Entwicklung von Computerspielen zusammenarbeiten. Zu den bekanntesten Entwicklern zählen John Carmack, Sid Meier, Peter Molyneux, Will Wright, Shigeru Miyamoto, Yū Suzuki, Geoff Crammond, Richard Garriott, Hideo Kojima, American McGee, Markus Persson, Chris Sawyer und Warren Spector. Die meisten Teams umfassen zwanzig bis fünfzig Entwickler, es können aber auch über hundert sein. Die durchschnittliche Entwickleranzahl und auch die Entwicklungsdauer sind mit der wachsenden Bedeutung der Industrie und der zunehmend komplexeren Technologie angestiegen. Die Produktion eines modernen, kommerziellen Spiels dauert etwa ein bis drei Jahre. Die Produktionskosten werden oftmals von sogenannten Publishern (vergleichbar mit Buchverlagen) getragen, die das fertige Produkt später vertreiben und vermarkten. Besonders in Japan unterscheidet sich die Spieleindustrie recht stark von der in Europa und den USA. Durch die Geschichte der Arcade-Spiele und der immer noch höheren Popularität von Konsolen- und Arcade-Spielen gegenüber PC-Spielen in Japan entwickelten sich dort andere Strukturen der Spielentwicklung. So produzieren viele Entwickler anonym oder unter Pseudonymen. Oft haben die Teams in Japan einen fest zugeordneten Designer (Director genannt) und sind wesentlich größer als bei vergleichbaren Spielen aus anderen Ländern. Da es auch schwieriger ist, ohne Publisher Spiele für Konsolen zu produzieren als beispielsweise für PCs, gibt es kaum unabhängige Produktionen aus Japan. In Europa und den USA haben sich dagegen etliche von Publishern unabhängige Studios gebildet. Vor der Veröffentlichung eines Computerspiels wird es einer Prüfung durch die Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle (USK) unterzogen. Diese Prüfung ist keine Pflicht, wird aber bei praktisch jeder Neuveröffentlichung vorgenommen, da das Videospiel sonst nur volljährigen Käufern zugänglich gemacht werden dürfte. Diese Einstufung wird durch einen deutlich sichtbaren Aufdruck auf der Verpackung und dem Datenträger gekennzeichnet. Sollte der Inhalt des Spiels gegen geltendes Recht verstoßen (zum Beispiel bei Kriegsverherrlichung oder der Darstellung von leidenden Menschen in einer die Menschenwürde verletzende Weise), kann das Spiel durch die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM) indiziert werden. Um das zu verhindern, werden Spiele für den deutschen Markt oft in einer gegenüber der internationalen Version „geschnittenen“ Fassung verkauft. Trotz der großen Popularität von Computerspielen ist eine Beschäftigung in dieser Industrie noch immer recht unsicher. Viele Entwicklerstudios entstehen, entwickeln einzelne Spiele und verschwinden schnell wieder vom Markt. Aus diesem Grund ist zu beobachten, dass sich die Entwickler verstärkt in bestimmten geografischen Gebieten ansammeln, um sich schnell wieder benachbarten Studios anzuschließen oder gar neue Teams zu gründen. Nur rund fünf Prozent aller Computerspiele erwirtschaften Profite. Etliche Produktionen werden nicht fertiggestellt und nie veröffentlicht. Deshalb kann es durchaus erfahrene Spieleentwickler geben, deren Arbeiten aber nie der Öffentlichkeit bekannt wurden. Die Spieleentwickler organisieren sich auf internationaler Ebene in der International Game Developers Association (IGDA) und haben sich in Deutschland zum Bundesverband der Entwickler von Computerspielen (G.A.M.E.) zusammengeschlossen. Weitere Verbände zur Interessensvertretung sind die Entertainment Software Association in den Vereinigten Staaten und der Bundesverband Interaktive Unterhaltungssoftware in Deutschland. Die größte Fachmesse war die E3 Media and Business Summit (ehemals Electronic Entertainment Expo, auch E3), die jährlich in Los Angeles stattfand. Der Besuch war Fachbesuchern vorbehalten. 2023 wurde angekündigt, dass die Messe nicht fortgesetzt wird. In Europa war die Games Convention in Leipzig mit jährlich über 100.000 Besuchern die größte Messe für Computerspiele, seit 2009 wurde diese von der Gamescom auf dem Kölner Messegelände abgelöst. Spieleentwickler präsentieren jedes Jahr auf der Game Developers Conference die neuesten Entwicklungen und tauschen sich über kommende Technologien aus. Verkaufszahlen und Umsätze in Deutschland Einmalige Käufe, Abonnements, In-Game- und In-App-Käufe von Computer- und Videospielen nach Angaben des Branchenverbands GAME:GAME: Deutscher Games-Markt 2023.GAME: Umsatz mit Computer- und Videospielen steigt weiter. 9. April 2024. Jahr Umsatz in Euro 2023 5,845 Mrd. 2022 5,516 Mrd. 2021 5,448 Mrd. 2020 4,584 Mrd. 2019 3,415 Mrd. Ältere Informationen zu verkauften Datenträgern und Downloads und Umsätzen für Computer- und Videospiele in Deutschland nach Angaben des Bundesverband Interaktive Unterhaltungssoftware (BIU): Jahr Verkaufte Einheiten Umsatz in Euro 2014 84,2 Mio. 1,723 Mrd. 2013 69,5 Mio. 1,470 Mrd. 2012 73,7 Mio. 1,501 Mrd. 2011 70,9 Mio. 1,574 Mrd. 2010 71,1 Mio. 1,591 Mrd. 2009 68,4 Mio. 1,605 Mrd. 2008 70,2 Mio. 1,642 Mrd. Der Markt für Computerspiele in Deutschland war 2013 nach Aussagen des GAME mit einem Umsatz in Höhe von 2,66 Milliarden der größte in Europa.Im Gegensatz zu den Daten des BIU bezieht die Studie des GAME nicht nur Spiele mit ein, die über Datenträger oder Downloads erworben wurden. Es ist unklar, ob hier Plattformen wie Steam oder Origin enthalten sind. Außerdem sind Spiele nicht enthalten, die über ausländische Plattformen gekauft wurden. Weltweiter Umsatz Die folgende Tabelle stellt die zehn größten Videospielmärkte nach geschätztem Umsatz für das Jahr 2018 dar. Nr. Land Umsatz 1 China 34,40 Mrd. $ 2 USA 31,54 Mrd. $ 3 Japan 17,72 Mrd. $ 4 Südkorea 5,76 Mrd. $ 5 Deutschland 4,99 Mrd. $ 6 Vereinigtes Königreich 4,73 Mrd. $ 7 Frankreich 3,37 Mrd. $ 8 Kanada 2,40 Mrd. $ 9 Spanien 2,20 Mrd. $ 10 Italien 2,17 Mrd. $ Ausbildung Trotz der hohen Umsatzzahlen bieten nur wenige deutsche staatliche Fachhochschulen Studiengänge im Bereich des Game-Designs an. Seit 2023 gibt es die staatlich anerkannte duale Ausbildung zum Gestalter für immersive Medien, welche angrenzend auch den Themenbereich des Computerspiels behandelt, da die Auszubildenden grundlegende Kenntnisse in 3D, Animation und im Umgang mit einer Game-Engine erwerben. Inhalte Viele Computerspiele definieren als Ziele im Spiel formalisierte Erfolgskriterien wie eine hohe Punktzahl (Highscore) oder das Erreichen eines Sieges. Einige Spiele bieten außerdem Spielmodi, in denen kein Ziel definiert wurde und das Spiel beliebig fortgesetzt werden kann (Endlosspiel) oder nur durch einen Misserfolg beendet wird. Beispiele dafür sind Lebenssimulationen und Non-Games. Motive Moderne Computerspiele beschäftigen sich mit sehr unterschiedlichen Inhalten; einige nehmen zudem Bezug auf andere Medien. So werden oft Elemente oder ganze Welten aus bekannten Filmen wie etwa aus Blade Runner, den James-Bond-, Star-Trek- und Star-Wars-Serien übernommen und immer häufiger aus Computerspielen auf andere Medien übertragen – wie etwa die Verfilmungen von Tomb Raider, Resident Evil und Doom. Kategorien und Genres Obwohl es die unterschiedlichsten Arten von Computerspielen gibt, ist innerhalb der wissenschaftlichen Auseinandersetzung keine klar definierte Kategorisierung möglich. Man unterscheidet zwischen vielen Genres, die auf der einen Seite eher auf semiotischen Schemata basieren (wie etwa Action-Adventures), auf der anderen Seite die Mechaniken und die verwendete Schnittstelle beschreiben (zum Beispiel Ego-Shooter). So gibt es etliche Computerspiele, die mehreren Genres zugeordnet werden können und bei denen deshalb eine Eingliederung schwerfällt. Einige Genres sind sehr bekannt, andere weniger. Zu den bekanntesten Genres zählt seit Mitte der 1990er Jahre der Ego-Shooter oder First-Person-Shooter, bei dem die virtuelle Spielwelt aus der Ich-Perspektive dargestellt wird und der meistens das reaktionsschnelle Abschießen von virtuellen Gegnern zum Inhalt hat (siehe Frag). Weitere bedeutende Genres sind das Adventure, bei dem oft Rätsel in die Geschichte eingefasst sind und die Reaktionsschnelle gegenüber dem Nachdenken in den Hintergrund tritt; Strategiespiele, bei denen es darum geht, eine Basis aufzubauen, Rohstoffe zu sammeln, eine Armee oder Ähnliches aufzustellen und damit strategisch gegen seinen Gegner vorzugehen; Rollenspiele, in denen es vor allem um die spezifische Ausprägung der Fertigkeiten eines virtuellen Charakters ankommt und Jump-’n’-Run-Spiele, in denen sich die Spielfigur laufend und springend fortbewegt und das präzise Springen einen wesentlichen Teil der spielerischen Handlung darstellt. Ein weiteres Genre, das eng mit der Entwicklung von Computern verbunden ist, sind diverse Simulationen, wie Flugsimulationen, die teilweise auch professionell genutzt werden. Dazu zählen auch Wirtschaftssimulationen, in denen ein möglichst hoher Gewinn erwirtschaftet werden muss. In Sportspielen muss durch Geschicklichkeit an der Schnittstelle eine virtuelle Sportsituation gemeistert werden. Interaktion Der Benutzer interagiert über einen Computer mit anderen Spielern oder künstlichen Spielfiguren durch Eingabe mittels Maus, Tastatur, Gamepad oder zunehmend per Gestensteuerung und erhält in der Regel über einen Bildschirm Reaktionen. Dabei steuert er häufig einen virtuellen Charakter als Stellvertreter durch eine vordefinierte Welt. In dieser kann er sich, je nach Spiel, in unterschiedlichem Maße frei bewegen. Der Spieleentwickler hat zuvor Regeln und Ziele definiert. Diese Regeln muss der Spieler einhalten (siehe auch Cheat), um das Ziel zu erreichen. Ein Qualitätsmerkmal für Computerspiele ist oft die Handlungsfreiheit. Das wechselseitige aufeinander Einwirken des Spielers mit dem Computer im Einzelspielermodus oder über einen Computer mit anderen Spielern im Mehrspielermodus ist grundlegend für das Computerspiel, weshalb man es anders als zum Beispiel das Fernsehen, den Film oder das Buch als interaktives Medium bezeichnen kann. Dieses Eintauchen des Nutzers in die jeweilige virtuelle Welt, mit der er interagieren kann, wird als Immersion bezeichnet. Einzelspieler Computerspiele werden überwiegend im sogenannten Einzelspieler-Modus gespielt. Dabei wird die Spielsituation nur durch den Spieler selbst und den Computer beeinflusst. Die Handlungen und Reaktionen der Gegner, oft Bots genannt, werden vom Computer berechnet. Das Niveau der künstlichen Intelligenz der Nichtspielercharaktere ist häufig Qualitätskriterium bei Spielen mit Einzelspieler-Modus und mit der Entwicklung der Computertechnik schreitet sie immer weiter fort. Spielstände können in Form von Savegames gespeichert werden, um sie später wieder aufzunehmen oder an andere zu verschicken. Mehrspieler Viele Computerspiele unterstützen auch den sogenannten Mehrspielermodus, bei dem mehrere menschliche Spieler gegen- oder miteinander (z. B. Koop-Modus) spielen können. Gespielt wird entweder am selben Computer (bei gleichzeitigem Spiel oft mit Hilfe der Split-Screen-Technik oder abwechselnd per Hot-Seat-Modus) oder über vernetzte Geräte: Über das Internet oder ein lokales Netzwerk (in größerem Umfang auch auf LAN-Partys, wo viele Gleichgesinnte ihre Computer miteinander vernetzen). Der Mehrspieler-Modus lässt einen direkten Vergleich der Spielfertigkeiten zu und ermöglicht so das sportliche Messen der Leistungen. Diesen sportlichen Wettkampf mit Computerspielen nennt man E-Sport. Beispiele für solche Spiele sind: League of Legends, Unreal Tournament, Warcraft 3, Counter-Strike und Fortnite. Onlinespiele mit hoher Spielerzahl (MMO oder MMORPG) Über das Internet ist es möglich, viele Spieler an einem Computerspiel zu beteiligen. Dabei läuft das eigentliche Spiel auf einem Server und jeder Benutzer kann von einem vernetzten Computer aus am Spielgeschehen teilnehmen. Die bedeutendste Form dieser Onlinespiele sind die Massively Multiplayer Online Role-Playing Games, kurz MMORPGs, bei denen mehrere tausend Spieler ein Rollenspiel spielen. Dabei fallen oft neben dem Kaufpreis für das Spiel auch laufende Kosten für die Benutzung der Server an. Diese regelmäßigen Kosten sind eine wichtige Einnahmequelle für die Betreiber solcher Spiele. MMORPGs besitzen, laut einer Studie für den deutschsprachigen Raum, ein gewisses Suchtpotenzial, da der Spieler sein Spieltempo nicht mehr selbst bestimmen kann. Das führt oft zu einem enormen Zeitaufwand für die Entwicklung der virtuellen Spielfigur. Das bisher erfolgreichste MMORPG ist RuneScape, das 2012 weltweit 200 Millionen Benutzerkonten hatte. Technik Computerspiele werden über Eingabegeräte gesteuert. Der Computer verarbeitet diese Daten und berechnet entsprechende Reaktionen, die über Ausgabegeräte wie Bildschirm und Lautsprecher ausgegeben werden. Plattformen mini|Ein Nintendo Entertainment System aus den 1980er-Jahren mit dazugehörigem Controller Als Spieleplattform bezeichnet man die Hard- und/oder Software, die als Grundlage für das jeweilige Computerspiel dient. Man kann zwischen statischen Plattformen wie extra entwickelten Spielkonsolen wie dem Nintendo Entertainment System oder der PlayStation und generischen Plattformen wie PCs und Mobiltelefonen unterscheiden, die sich mitunter stark verändern. Die erfolgreichste Spielkonsole gemessen an Verkaufszahlen ist mit Stand 2023 die PlayStation 2 von Sony. Aktuelle Spielkonsolen sind die PlayStation 5 von Sony, die Xbox Series von Microsoft und die Switch von Nintendo. Daneben existiert ein Markt für tragbare Geräte wie die Nintendo Switch Lite. War früher das mobile Computerspiel ausschließlich die Domäne dieser Handheld-Konsolen, so bieten heute Smartphones zusätzlich zu ihren Kernfunktionen auch eine Spieleunterstützung an. Als Plattform für Computerspiele ist auch der PC beliebt. Engines Spiel-Engines (englisch Game Engines) sind Programme, die den Spieleentwicklern häufig benutzte Werkzeuge zur Verfügung stellen und als technischer Kern eines Computerspiels verstanden werden können. Sie ermöglichen die Darstellung von 3D-Objekten, Effekten wie Explosionen und Spiegelungen, die Berechnung des physikalischen Verhaltens von Objekten im Spiel, den Zugriff auf Eingabegeräte wie Maus und Tastatur und das Abspielen von Musik. Bei der Produktion eines Computerspiels wird entweder eine neue Game-Engine programmiert – bis Mitte der 1990er war das fast immer der Fall – oder aber eine bereits bestehende lizenziert und evtl. modifiziert genutzt, wodurch die Produktionsdauer verkürzt werden kann. Bekannte kommerzielle Engines sind Unity, die Unreal Engine von Epic Games, die CryEngine des deutschen Entwicklers Crytek und die Source-Engine von Valve. Bekannte freie Engines sind die Quake-Engine von id Software mit deren Abkömmlingen und Godot. Zu Spielen gibt es häufig passende Level-Editoren – Programme, mit denen ohne professionelle Programmierkenntnisse eigene Level erzeugt werden können. Diese werden vor allem zur Erweiterung und Modifikation von kommerziellen Spielen, siehe Mods, eingesetzt. Eingabe mini|Verschiedene Datenträger für Computerspiele. Die oberen fünf sind historisch. Üblicherweise erfolgt die Eingabe per Hand mit der Tastatur und/oder der Maus oder – insbesondere bei Spielkonsolen – dem Gamepad. In den 1980er Jahren waren noch andere Eingabegeräte wie Paddles und Joysticks weiter verbreitet. Spiele mit Sprachsteuerung haben sich auf Grund der Fehleranfälligkeit der Spracherkennung bisher nicht durchgesetzt. Die Füße werden nur selten, vor allem bei Autorennspielen zur Steuerung von Gas und Bremse mit entsprechenden Pedalen genutzt. Außerdem sind noch einige weniger gebräuchliche Geräte wie das PC Dash und der Strategic Commander verwendbar. Es hat verschiedene Versuche gegeben, Spiele zu vermarkten, die auf die Körperbewegung des Spielers reagieren – beispielsweise durch Drucksensoren in Gummimatten oder durch Auswertung eines Kamerabildes. Diese Spiele stellten jedoch lange Zeit ein Nischenprodukt dar. Erst mit der hohen Verbreitung der Wii-Konsole von Nintendo etabliert sich diese Art von Steuerung. Der Controller verfügt über einen Bewegungssensor, der Position und Bewegung im Raum registriert, so kann durch Armbewegungen eine Spielfigur gesteuert werden. Optische Ausgabe Man kann grob zwischen maschinellem Text im Textmodus, 2D- und 3D-Computergrafik unterscheiden. Es hat sich eine eigene Ästhetik der Computerspiele entwickelt, eine eigene Bildsprache. Die ersten Computerspiele waren einfarbig und geprägt von Text oder Blockgrafik. Mit der Verfügbarkeit immer besserer Grafikprozessoren wurden die Bildwelten immer farbiger und komplexer. Das typische Spieldisplay heute zeigt den Spieler als Avatar im Bild, oder direkt seine eigene Sicht, die First-Person-Ansicht (Egoperspektive) beispielsweise im Ego-Shooter, vergleichbar der subjektiven Kamera im Film. Dazu erscheinen alle möglichen Anzeigen, Punktestände, Meldungen wie Gesundheitszustand oder Missionsziele im Bild (meist in Form eines Head-up-Displays/HUD). Die visuelle Informationsausgabe kann per Monitor, Display oder Fernseher erfolgen und in Verbindung mit einer 3D-Brille oder einem Stereodisplay kann sogar ein dreidimensionales Erlebnis erzeugt werden. Einige Videospiel-Entwickler benutzen mittlerweile auch die Technologie Virtual Reality um den Spieler noch mehr in ihre Welten einbeziehen zu können. Die Ausgabe erfolgt über ein Headset, meist als Zubehör für entsprechende Plattformen erhältlich. Diese VR-Headsets sind Brillen bestehend aus zwei getrennten nicht-linearen Bildschirmen. Die Kamera-Perspektive in der virtuellen Welt wird durch den Spieler mittels seinen eigenen Kopfbewegungen selbst eingenommen. Häufig wird durch mehrere externe, selten auch eine integrierte Kamera, die Position in der virtuellen Welt bestimmt. Akustische Ausgabe Akustische Signale, Effekte und gesprochener Text werden in zunehmendem Umfang und immer besser werdender Qualität bei Computerspielen eingesetzt. Von der ehemals überwiegend atmosphärischen Bedeutung haben sie sich zu einer wichtigen Informationsquelle für den Spieler entwickelt (zum Beispiel zur räumlichen Ortung und Orientierung innerhalb des Spiels). Besonders in Mehrspieler-Partien erlangen akustische Informationen durch die Anwendung von Headsets, die eine schnelle und einfache Kommunikation zwischen Teammitgliedern erlauben, eine immer größere Bedeutung. In Deutschland wird die Sprachausgabe importierter Computerspiele immer öfter ähnlich professionell synchronisiert wie bei Kinofilmen. Teilweise wird bei der Lokalisierung auch auf bereits aus anderen Medien bekannte Sprecherstimmen zurückgegriffen. Besondere Bedeutung hat die Musik in Spielen: Anfänglich als reine Untermalung der Spielszene eingeführt, nimmt sie heute eine ähnliche Rolle wie bei Filmen ein: Sie dient der Steigerung der Dramatik und soll das Spielgeschehen szenisch führen. Dabei kommen oft kurze, einprägsame Melodiesätze zur Anwendung, die auch nach häufigerem Anhören nicht langweilig werden. Die Bandbreite bezüglich des Qualitätsanspruchs ist dabei groß: Professionelle Spieleentwickler beschäftigen heute eigene Komponisten, die sich ganz auf die Erstellung der Musik konzentrieren. Diese wird dem Projekt heute einfach als fertige Audiospur in üblichen Datenformaten zugefügt. PC-Spiele bieten dem Anwender bei frei zugänglichen Datenordnern die Möglichkeit, ungeliebte Musikstücke oder Geräusche auszutauschen und dem eigenen Geschmack anzupassen. Das ist nur dann möglich, wenn Standardformate wie Wave, MP3, MIDI oder andere zum Einsatz kommen und das Spiel von Programmiererseite nicht zu einer einzigen ausführbaren Datei zusammengefasst wurde. Bei den ersten Telespielen der 1980er Jahre mussten die Musikentwickler auch über umfangreiches programmiertechnisches Fachwissen verfügen, um ihr Notenmaterial in das Programm integrieren zu können. Mechanische Ausgabe Neben der optischen und akustischen Ausgabe bietet die mechanische eine weitere Interaktionsmöglichkeit. Die sogenannte Force-Feedback-Technologie ermöglicht die Ausgabe mechanischer Effekte als Reaktion auf Kräfte, die auf die Spielfigur einwirken. Diese Technik wird vor allem in Lenkrädern für Rennsimulationen, Joysticks für Flugsimulationen und in Gamepads sowie bei Maustasten eingesetzt. Wenn beispielsweise der Spieler mit dem Rennwagen gegen ein Hindernis fährt, spürt er am Lenkrad eine Gegenbewegung. Überschneidung mit anderen Medien und Spielformen Das Computerspiel zeichnet sich durch wesentliche Unterschiede, aber auch durch wesentliche Gemeinsamkeiten anderen Spielformen gegenüber aus. Wesentliche Elemente eines Computerspiels sind das (bewegte) Bild und die Interaktivität. Dabei gibt es zum Beispiel Gemeinsamkeiten mit dem experimentellen Theater.Computerspiele und Theater auf nachtkritik.de Es gibt jedoch einige grundsätzliche Unterschiede: Während bei einem realen Rollenspiel die Zahl der Teilnehmer schon aus praktischen Gründen begrenzt ist, gibt es theoretisch bei der Computerversion im Internet keine Begrenzung. Mehr und mehr ist auch die internationale Vernetzbarkeit von Computerspielen eine seiner wesentlichen Eigenschaften. Oft entlehnt das Computerspiel anderen Medien weitere Elemente und entwickelt diese im eigenen Rahmen weiter, etwa die Geschichte, entlehnt vom Drama, dem Film und der Literatur oder die Musik. Ansätze dazu finden sich etwa in Black & White, Deus Ex, World of Warcraft, Die Sims, Dungeon Keeper, Baldur’s Gate 2, Fahrenheit und Monkey Island 3. Umgekehrt fließen Computerspiel bzw. eGames auch in die Literatur ein: In Die drei Sonnen, einem Science-Fiction-Roman des chinesischen Autors Liu Cixi, spielt das Spiel „Threebody“ eine Rolle, allerdings sind keine Aktivität oder Interaktivität der Spieler eingebaut, es handelt sich eher um eine parallele Möglichkeit, etwas zu erzählen. In SpielRaum von Alex Acht ist das Designen eines Computerspiels Teil der Handlung, die Interaktionen werden gut beschrieben, mit ihrer Hilfe kann der Kommissar am Ende den Fall lösen. Im Februar 2008 sprach sich Olaf Zimmermann vom Deutschen Kulturrat dafür aus, dass auch Computerspiele-Entwickler als Künstler anzuerkennen wären. Hans-Joachim Otto, Vorsitzender des Ausschusses für Kultur und Medien des Deutschen Bundestages, pflichtete Zimmermann in einem Interview bei und erklärte, dass die Entwicklung von Spielen ein hohes Maß an kreativer und künstlerischer Arbeit erfordere. Bei einer Indizierung durch die BPjM wird der Kunstbegriff oft als nicht so wichtig wie die Jugendgefährdung gewertet. Mit der Wechselseitigkeit von Geisteswissenschaften und Videospielen beschäftigt sich die fachwissenschaftliche Buchreihe Video Games and the Humanities des Verlags de Gruyter. Filme mit Bezug zu Computerspielen Tron (1982) WarGames – Kriegsspiele (1983) Der Rasenmähermann (1992) Super Mario Bros (1993) Virtuosity (1995) eXistenZ (1999) Doom (2005) Silent Hill (2006) Gamer (2009) Prince of Persia: Der Sand der Zeit (2010) Tron: Legacy (2010) Pixels (2015) Warcraft: The Beginning (2016) Jumanji: Willkommen im Dschungel (2017) Ready Player One (2018) Free Guy (2021) Ein Minecraft Film (2025) Romane mit Bezug zu Computerspielen Simulacron-3 (1964) – Daniel F. Galouye Level 4 – Die Stadt der Kinder (1994) – Andreas Schlüter Die drei Sonnen (2006) – Liu Cixin Erebos (2010) – Ursula Poznanski Ready Player One (2011) – Ernest Cline Würfelwelt-Trilogie (2013, 2014) – Karl Olsberg Lost City 1.0 (2016) – Daphne Unruh Das letzte Level (2017) – Chris Bradford The Electric State (2018) – Simon Stålenhag Die Eisraben-Chroniken (2018, 2019) – Richard Schwartz Kryonium. Die Experimente der Erinnerung (2019) – Matthias A. K. ZimmermannGames-Bücher – Special: Kryonium, Monsterjäger, The Electric State Kritik Soziale Auswirkungen Die Auswirkungen von Gewalt in Computerspielen sind Gegenstand kontroverser Diskussionen. Dabei geht es im Wesentlichen darum, wie Gewalt in Spielen eingesetzt und gezeigt wird, deren Auswirkungen auf die Persönlichkeitsentwicklung von computerspielenden Kindern und Jugendlichen, und einen möglichen Zusammenhang zwischen virtueller und realer Gewalt, d. h., ob Gewalt in Computerspielen Menschen mit einer dafür empfänglichen Persönlichkeitsstruktur auch im realen Leben aggressiver und/oder gewaltbereiter macht. Durch diverse Studien, welche zum Teil schon seit Mitte der 1980er Jahre durchgeführt werden, versuchen Forscher zu untersuchen, ob der exzessive Konsum gewalthaltiger Computerspiele Auswirkungen auf die Gewaltbereitschaft der Konsumenten haben kann. Dabei spielen weitere Aspekte hinein, wie zum Beispiel der Rückhalt im sozialen Umfeld und die Beschaffenheit des Umfelds. Jüngste Analysen mittels funktioneller MRT deuten darauf hin, dass die Gehirnaktivität im linken unteren Frontallappen selbst noch nach einer Woche verminderte Reaktion im Stroop-Test auf Gewalt zeigt. Getestet wurde eine Gruppe von 14 Männern und eine gleich große Kontrollgruppe. Ein Mangel der Studie besteht allerdings darin, dass die Kontrollgruppe kein Computerspiel spielte. Es stellt sich die Frage ob bei einer realistischen Kontrollgruppe, die ein gewaltfreies Computerspiel gespielt hätte, nicht ähnliche Ergebnisse wie bei der mit gewalttätigen Computerspielen konfrontierten Gruppe entstanden wären. Indiana University, 1. Dezember 2011. Body-Mass-Index (BMI) Aufgrund uneinheitlicher Ergebnisse hinsichtlich des Zusammenhangs zwischen der Intensität des Spielens von Videospielen und des Body-Mass-Index (BMI) wurde in einer Meta-Analyse überprüft, ob sich das Spielen von Videospielen negativ auf den BMI auswirkt und ob das Spielen einen Einfluss auf die Änderung von körperlicher Aktivität bei den Spielern hat. In die Analyse flossen die Ergebnisse von 20 Publikationen ein. Die Ergebnisse ergaben einen kleinen positiven Zusammenhang zwischen nicht-aktiven Videospielen und dem BMI. Dabei wiesen die miteinbezogenen Studien eine signifikante Heterogenität auf. Eine weitere Analyse potenzieller Moderator-Variablen konnte zeigen, dass der Zusammenhang bei Erwachsenen ausgeprägter war. Ein meta-analytisches Strukturgleichungsmodell ergab nur wenige Hinweise auf eine Änderung der körperlichen Aktivität durch die für Videospiele aufgewendete Zeit. Insgesamt konnte durch die Analyse die Annahme eines starken Zusammenhangs zwischen Videospielen und Körpermasse nicht bestätigt werden. Schulische Leistungen Eine prospektive Studie zum Einfluss des Spielens von Computer- und Videospielen auf die Schulleistungen zeigte, dass die Intensität des Spielens von Computerspielen eine signifikant schlechtere Schulleistung zwei Jahre später voraussagte. Dieser Effekt blieb auch unter Kontrolle des Einflusses der ursprünglichen Noten und des Denkvermögens signifikant. Zusätzlich zeigte sich, dass die mathematischen Kompetenzen und Lese-Fähigkeiten der Schüler nicht durch die Spielhäufigkeit beeinflusst wurden. Die Autoren schlossen daraus, dass das Computer- und Videospielen zwar zu einem, wenn auch kleinen Verlust an schulischen Erfolgen führt, basale Grundkompetenzen davon jedoch nicht beeinflusst würden. Spielsucht Von Wissenschaftlern wird auf die Suchtgefahr bei exzessivem Computerspielen hingewiesen. In Computerspielen wird z. B. das Belohnungssystem im Gehirn ständig wieder aktiviert, um den Spieler am Spielen zu halten. In der Praxis müssen in einem Computerspiel oft viele kleine Aufgaben gelöst werden, die im Gegensatz zum realen Leben auch fast immer in sehr kurzer Zeit zur Zufriedenheit des Spielers erledigt werden können. Der Spieler erlebt dann beim Beenden des Spiels einen negativen emotionalen Zustand, den er durch Weiterspielen zu verhindern versucht. In Südkorea kam es 2002 zum ersten bekannt gewordenen Todesfall infolge ununterbrochenen Computerspielens. Ein 24-Jähriger brach nach 86 Stunden ohne Schlaf und Nahrungsaufnahme vor einem Rechner in einem Internetcafé zusammen. Nachdem er sich scheinbar von dem Zusammenbruch erholt hatte, fand ihn wenig später die herbeigerufene Polizei tot auf der Toilette eines PC Bangs.Asia-Pacific: South Korea’s gaming addicts. BBC News 2018 erklärte die Weltgesundheitsorganisation Videospielsucht zu einer Krankheit. Zensur und Verbote von Computer- und Videospielen Nach geltendem Recht dürfen Computer- und Videospiele in Deutschland keine Kriegsverherrlichung oder leidende Menschen in einer die Menschenwürde verletzende Weise darstellen. Aus diesen und anderen Gründen werden die deutschen Versionen mancher Spiele zensiert. So schießt der Spieler z. B. bei Ego-Shootern in der zensierten Version auf Außerirdische, während in der Originalversion des Spiels Menschen als Gegner zu sehen sind. Blut wird manchmal grün statt rot dargestellt. International gab und gibt es Verbote auch aus anderen Gründen. So wurde Pokémon Go in Saudi-Arabien (Glücksspiel) und im Iran (Sicherheitsbedenken) verboten. Das Spiel Animal Crossing: New Horizons ist in China verboten, da es in Hongkong benutzt wurde, um Proteste zu organisieren. Im Juli 2002 wurde in Griechenland ein Gesetz verabschiedet, das illegales Glücksspiel stoppen sollte. Stattdessen wurden aber alle elektronischen Spiele verboten und es gab Berichte über Verhaftungen wegen des Spielens von Counter-Strike und Schach in der Öffentlichkeit. Das Gesetz wurde im September 2002 dahingehend geändert, dass ein geldwerter Vorteil für den Spieler oder eine dritte Partei entscheidend ist. Siehe auch Geschichte der Videospiele Goldene Ära der Arcade-Spiele Liste der erfolgreichsten Computerspiele Liste quelloffener Computerspiele Liste von Computerspielemuseen Gamersprache Literatur Übersichts- und Einstiegsliteratur Bob Bates: Game Design – Konzept, Kreation, Vermarktung. 2002, ISBN 3-8155-0433-3. Benjamin Beil u. a.: Theorien des Computerspiels zur Einführung. GamesCoop. Junius Verlag, Hamburg 2012, ISBN 978-3-88506-691-0. Daniel Martin Feige, Rudolf Thomas Inderst (Hrsg.): Computerspiele. 50 zentrale Titel. transcript Verlag, Bielefeld 2025, ISBN 978-3-8376-6825-4. Winnie Forster: Lexikon der Computer- und Video-Spielmacher. 1. Auflage. 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de
wikipedia
53,689
3164a2e1-f042-42af-9232-9168734bad3c
Brailleschrift
Die Brailleschrift []https://www.duden.de/rechtschreibung/Brailleschrift ist eine Blindenschrift, die international von Blinden und stark Sehbehinderten benutzt wird, da sie Schwarzschrift nicht oder nur schwer lesen können. Sie wurde 1825 von dem Franzosen Louis Braille entwickelt. Die Schrift besteht aus Punktmustern, denen ein System von sechs Punkten zugrunde liegt, die meist von der Rückseite her in das Papier eingedrückt werden und somit von vorne als Erhöhungen mit den Fingerspitzen zu ertasten sind. mini|hochkant=0.5|class=skin-invert-image|alt=Die Grafik zeigt die sechs Braille-Punkte als Kreise, in die die Punktnummern 1 bis 6 eingetragen sind.|Nummerierung der Braille-Punkte mini|hochkant=0.5|class=skin-invert-image|alt=Die Grafik zeigt acht Braille-Punkte als Kreise, in die die Hexadezimalwerte der Punktnummern 1 bis 8 (1, 2, 4, 8, 10, 20, 40 und 80) eingetragen sind.|Unicode-Hexa­dezimal­werte in Acht­punkt­zeichen Dargestellt werden die Zeichen der Brailleschrift durch tastbare Muster, denen ein Raster aus sechs Punkten zugrunde liegt, die in zwei Spalten zu je drei Punkten im Rechteck angeordnet sind. Mit den zwei mal drei Stellen von Tastpunkten sind verschiedene Ausprägungen möglich, die als Schriftzeichen fungieren, um Buchstaben, Ziffern, Leerzeichen und anderes darzustellen. Die Anzahl von sechs Punkten ergab sich aus der Erfahrung, dass maximal sechs Tasteindrücke gleichzeitig von den Fingern distinktiv unterschieden wahrgenommen werden können.Carl Hans Sasse: Geschichte der Augenheilkunde in kurzer Zusammenfassung mit mehreren Abbildungen und einer Geschichtstabelle (= Bücherei des Augenarztes. Heft 18). Ferdinand Enke, Stuttgart 1947, S. 50. Bei sechs (binären) Punkten ergeben sich 26 = 64 Variationen; damit sind theoretisch 64 verschiedene Muster möglich, von denen allerdings in der Praxis nicht alle als Schriftzeichen Verwendung finden. Geschichte Braille (1809–1852), der mit 3 Jahren infolge einer Augenverletzung auf beiden Augen erblindete, wurde noch in Reliefschrift in der Form der für Sehende gestalteten Buchstaben unterrichtet. Mit 16 entwickelte er eine eigene Schrift, die auf ertastbaren Zeichen aus 1 bis 6 Punkten, angeordnet in einem 2×3-Raster, beruht. Er stellte diese Schrift im Frühsommer einer Elternkonferenz vertraulich vor. Im September 1825 präsentierte er „trotz seiner Schüchternheit“ seine Entwicklung dem Direktor des Königlichen Instituts für Blinde in Paris. Im Jahr 2025 wird insbesondere in Frankreich 200 Jahre Brailleschrift gefeiert. Anordnung der Zeichen Die Punkte einer Braillezelle werden in der linken Spalte von eins bis drei und in der rechten Spalte von vier bis sechs nummeriert – innerhalb einer Spalte jeweils von oben nach unten. Dem sind die im Bild unterhalb dargestellten Hexadezimalwerte 1-2-4 links, und 8-10-20 rechts (1016 = 1610 und 2016 = 3210) zugeordnet. Für die Ausgabe von Texten in Brailleschrift durch den Computer werden Braillezeilen verwendet. Da für die Arbeit am Computer mehr Zeichen notwendig sind als sich mit sechs Punkten darstellen lassen, werden bei der Braillezeile noch zwei weitere Punkte je Braillezeichen hinzugefügt, so dass acht Punkte, vier in der Höhe mal zwei in der Breite, zur Verfügung stehen (Computerbraille, spezielle Implementierung: Eurobraille). Auf diese Weise erhält man 28 = 256 Variationen. Die Codierung der Standardzeichen bleibt dabei jedoch gleich, die unterste Zeile bleibt lediglich leer. Bei der Nummerierung der Punkte eines Achtpunktzeichens bleibt die Nummerierung der oberen sechs Punkte unverändert – die beiden unteren Punkte erhalten die Nummern 7 (links) und 8 (rechts) mit entsprechenden Hexadezimalwerten 6410 = 4016 und 12810 = 8016. Die engen Grenzen der so entstandenen Zeichensätze (64 bzw. 256 Zeichen) werden durch zwei Methoden erweitert: Für viele Sprachen bzw. Fachsprachen gibt es eigene Zeichensätze (Notationen), bei denen die Bedeutung der Zeichen anders ist. Dazu zählen z. B. die Mathematikschrift, die Chemieschrift, die Musikschrift und andere. Es muss daher am Textanfang darauf hingewiesen werden, dass ein spezieller Zeichensatz folgt. Bei der normalen 6-Punkt-Brailleschrift spricht man dagegen von Literaturbraille. Für ein Schwarzschriftzeichen wird eine Kombination aus Braillezeichen verwendet. Auffälligstes Beispiel hierfür ist, dass es im 6-Punkt-Braille (Basisschrift) keinen Unterschied zwischen Groß- und Kleinschreibung gibt. Ein Buchstabe wird durch die Voranstellung eines speziellen Zeichens zum Großbuchstaben erklärt. IPA Braille ist die moderne Standardkodierung des Internationalen Phonetischen Alphabets (IPA) für Brailleschrift. {| class="wikitable noresize" styel="text-align:center" |+ Die 64 Braillezeichen im traditionellen Zehnergruppenschema !colspan=2| Gruppe || ||colspan=10| Zeichen in den Zehnergruppen || ||colspan=2| Linksverschoben |- !1. |40px || |40px |40px |40px |40px |40px |40px |40px |40px |40px |40px || |40px |40px |- !2. |40px|. (Punkt) || |40px |40px |40px |40px |40px |40px |40px |40px |40px |40px || |40px |40px |- !3. |40px|- (Minus) || |40px |40px |40px |40px |40px |40px |40px |40px |40px |40px || |40px |40px|# (Zahlmarker) |- !4. |40px| ' (Apostroph) || |40px |40px |40px |40px |40px |40px |40px |40px |40px |40px || |40px| $ (Großbuchstabe) |40px |- !5. ! ver-setzt | |40px|, (Komma) |40px|; (Semikolon) |40px|: (Doppelpunkt) |40px|/ (Schrägstrich) |40px|? (Fragezeichen) |40px|! (Ausrufezeichen) |40px |40px|» (Anführungszeichen links) |40px|* (Sternchen) |40px|« (Anführungszeichen rechts) || |40px |40px |} In Brailleschriften nach französischem Vorbild werden die Zeichen meist in Zehnergruppen (Dekarden) angeordnet, die einen Großteil der Zeichen umfassen. In der obigen Darstellung sind die Zeichen in diesem Gruppenschema geordnet, wobei die gruppenmarkierenden Zeichen der Zehnergruppe links und die übrigen nicht zur Gruppe gehörenden Zeichen analog rechts von der Zehnergruppe aufgeführt sind. In modernen Tabellen werden die Zusatzzeichen jedoch oft auch anders angeordnet. Eine mögliche Anordnung verwendet beispielsweise nur die ersten vier Zehnergruppen und ordnet die übrigen Zeichen entsprechend der Ausprägung von Punkt 3 und 6 diesen vier Gruppen zu. Teilweise werden auch diejenigen mit einem Punkt 3 als sechste Gruppe mit sechs Zeichen und diejenigen mit Punkten nur auf der rechten Seite werden als siebte Gruppe mit sieben Zeichen aufgeführt, ohne dass diese etwas mit den darüber in diesen Spalten aufgeführten Zeichen gemeinsam haben. Prägemaschinen und -geräte mini|alt=Die Maschine hat eine T-förmige Gestalt, ist von massiver Bauweise und grünlich lackiert. Sie ist auf einem rechteckigen Brett montiert, das offenbar Teil eines Transportkastens ist. Der dem Benutzer zugewandte Teil ist schmal und trägt sieben große Holztasten mit weißer Oberseite: sechs für die Punkte 1 bis 6 und in der Mitte dazwischen die mit ihrem verbreiterten Ende nach vorn vorstehende Leertaste. Der obere, hintere Teil ist quer dazu angeordnet und erinnert an den Papierträgerwagen einer Schreibmaschine. Deutlich erkennbar sind die Papierwalzen und die rechts und links daran angebrachten Drehknäufe. Ein Blatt Papier ist eingespannt und zeigt 2 Zeilen fertig geprägten Brailletext: „wikipedia die freie enzyklopaedie“. In der Mitte klebt ein Typenschild mit der Bezeichnung „BLINDENSTUDIENANSTALT – Blista – MARBURG-LAHN-GERMANY“|Blindenschreibmaschine (auch Bogenmaschine) zum Einprägen der Punkte in entsprechend dicke Papierbögen mini|alt=Ein kompaktes grünes Kästchen von etwa der Größe einer Zigarrenkiste. Der vordere Gehäuseteil bildet einen Deckel, er ist nach vorn heruntergeklappt und gibt den Blick auf die Bedienelemente frei: 6 schwarze Tasten für die Punkte 1 bis 6 sowie in der Mitte eine nach vorn herausstehende, breite Leertaste. Links tritt ein schmaler Papierstreifen aus dem Gehäuse heraus.|Stenomaschine – ein sehr kompaktes Modell (nach Einklappen der Leertaste kann der Deckel vorne hochgeklappt werden) zum Beschriften von speziellen Papierstreifen statt Bögen. Der Papierstreifen ist am linken Bildrand sichtbar. Bei Benutzung von Punktschriftmaschinen sind die Tasten der Punkte gleichzeitig zu betätigen, um das entsprechende Zeichen der Codetabelle zu schreiben. Dabei befinden sich die Tasten für die Punkte eins bis drei in absteigender Reihenfolge auf der linken Seite, sowie die Tasten für die Punkte vier bis sechs aufsteigend auf der rechten Seite. Dazwischen liegt die Leertaste. Will man zum Beispiel ein R (12px|alt=Punkte 1, 2, 3, 5) schreiben, so muss man mit der linken Hand die Tasten [3], [2] und [1] und mit der rechten Hand die Taste [5] gleichzeitig drücken. Unterschieden wird dabei zwischen Bogenmaschinen und Stenomaschinen. Beide Maschinentypen sind inzwischen weitgehend abgelöst durch Modelle, die die Daten auf digitale Medien speichern – aber gerade wegen der Zuverlässigkeit (kein Strom notwendig etc.) sind Stenomaschinen immer noch beliebt. Schreibtafeln Neben Maschinen sind auch Schreibtafeln im Gebrauch. Es handelt sich um zwei Tafeln, die mit einem Scharnier verbunden sind. Die obere Tafel hat rechteckige Aussparungen, die der Größe von sechs Punkten der Braille-Schrift entsprechen. Die untere Tafel hat grübchenförmige Vertiefungen im Abstand der sechs Braille-Punkte. mini|Schreibtafel für Brailleschrift mit Griffel Zwischen die beiden Tafeln wird ein geeignetes Blatt Papier eingelegt und mit einem Metallstift werden nun die erforderlichen Punkte in das Papier „gestochen“. Zu beachten ist, dass, um lesbare Zeichen zu erhalten, auf der Rückseite des Papiers in Spiegelschrift und von rechts nach links „gestochen“ wird. Schreibtafeln gibt es aus Metall oder Kunststoff in verschiedenen Größen (etwa DIN A6 bis DIN A4). Sie werden von Nichtsehenden für Notizen verwendet, können aber auch zum zusätzlichen „Beschriften“ von Papieren mit „Schwarzschrift“ (Postkarten, Visitenkarten etc.) verwendet werden. Bandprägegeräte Im Handel sind Prägegeräte erhältlich, die Braille-Zeichen in selbstklebende Bänder prägen. Die Prägung erfolgt meist von der Rückseite her, so dass seitenrichtig von links nach rechts gearbeitet werden kann. Die so hergestellten Bänder sind gut geeignet, um unterschiedlichste Gegenstände des täglichen Gebrauchs zu kennzeichnen. Sie werden auch im öffentlichen Raum eingesetzt, um z. B. Handläufe von Treppengeländern zu kennzeichnen. Codetabelle für die deutsche Sprache Siehe NormenreferenzDeutsche Blindenstudienanstalt: Buchstaben und Kombinationen Symbole und Zeichen Systematik des Punkteaufbaus + 1. bis 4. Zehnergruppe 1alt=Punkt 1|30pxaalt=Punkte 1, 2|30pxbalt=Punkte 1, 4|30pxcalt=Punkte 1, 4, 5|30pxdalt=Punkte 1, 5|30pxealt=Punkte 1, 2, 4|30pxfalt=Punkte 1, 2, 4, 5|30pxgalt=Punkte 1, 2, 5|30pxhalt=Punkte 2, 4|30pxialt=Punkte 2, 4, 5|30pxj 2alt=Punkte 1, 3|30pxkalt=Punkte 1, 2, 3|30pxlalt=Punkte 1, 3, 4|30pxmalt=Punkte 1, 3, 4, 5|30pxnalt=Punkte 1, 3, 5|30pxoalt=Punkte 1, 2, 3, 4|30pxpalt=Punkte 1, 2, 3, 4, 5|30pxqalt=Punkte 1, 2, 3, 5|30pxralt=Punkte 2, 3, 4|30pxsalt=Punkte 2, 3, 4, 5|30pxt 3alt=Punkte 1, 3, 6|30pxualt=Punkte 1, 2, 3, 6|30pxvalt=Punkte 1, 3, 4, 6|30pxxalt=Punkte 1, 3, 4, 5, 6|30pxyalt=Punkte 1, 3, 5, 6|30pxzalt=Punkte 1, 2, 3, 4, 6|30px&alt=Punkte 1, 2, 3, 4, 5, 6|30px%alt=Punkte 1, 2, 3, 5, 6|30px[alt=Punkte 2, 3, 4, 6|30pxßalt=Punkte 2, 3, 4, 5, 6|30pxst 4alt=Punkte 1, 6|30pxaualt=Punkte 1, 2, 6|30pxeualt=Punkte 1, 4, 6|30pxeialt=Punkte 1, 4, 5, 6|30pxchalt=Punkte 1, 5, 6|30pxschalt=Punkte 1, 2, 4, 6|30px`alt=Punkte 1, 2, 4, 5, 6|30px^alt=Punkte 1, 2, 5, 6|30pxüalt=Punkte 2, 4, 6|30pxöalt=Punkte 2, 4, 5, 6|30pxw Die ersten zehn Buchstaben (A–J) bzw. die Ziffern (0–9) nutzen nur die vier oberen der insgesamt sechs Punkte (Punkte Nr. 1, 2, 4, 5): Die nächsten zehn Buchstaben (K–T) unterscheiden sich nur durch einen zusätzlichen Punkt unten links (Punkt Nr. 3). Die folgenden Zeichen (darunter U–Z) unterscheiden sich wiederum durch einen zusätzlichen Punkt unten rechts (Punkt Nr. 6) neben dem unten links. Das W (12px|alt=Punkte 2, 4, 5, 6) wird in Brailles Muttersprache Französisch nicht benutzt und wurde daher erst später aufgenommen, basierend auf der Grundform von j (12px|alt=Punkte 2, 4, 5).Französische Codetabelle Es erscheint daher in dieser Übersicht erst in der vierten Zeile. + Alle weiteren möglichen Formen (Zeichen) mit Sonder- und Steuerzeichen 1alt=Kein Punkt|30px␠alt=Punkt 2|30px,alt=Punkte 2, 5|30px:alt=Punkt 5|30px~alt=Punkt 4|30px"alt=Punkte 4, 5|30px> 2alt=Punkt 3|30px.alt=Punkte 2, 3|30px;alt=Punkte 2, 3, 5|30px+alt=Punkte 3, 5|30px*alt=Punkte 3, 4|30pxäualt=Punkte 3, 4, 5|30pxä 3alt=Punkte 3, 6|30px-alt=Punkte 2, 3, 6|30px»alt=Punkte 2, 3, 5, 6|30px()alt=Punkte 3, 5, 6|30px«alt=Punkte 3, 4, 6|30pxiealt=Punkte 3, 4, 5, 6|30px# 4alt=Punkt 6|30px'alt=Punkte 2, 6|30px?alt=Punkte 2, 5, 6|30px/alt=Punkte 5, 6|30px<alt=Punkte 4, 6|30px$alt=Punkte 4, 5, 6|30px_ In weiteren schwarzschriftlichen Digraphen und anderen Sonderzeichen wird nur der Punkt Nr. 6 unten rechts ergänzt und der unten links (Punkt 3) nicht gesetzt. + Doppelt belegte Zeichen alt=Punkte 2, 3, 5, 6|30px()=alt=Punkte 2, 3, 4, 5, 6|30pxst]alt=Punkte 2, 3, 5|30px+! Das Zeichen für öffnende runde Klammer ( steht auch für die schließende runde Klammer ) und das Gleichheitszeichen =. Je nach Stellung des Zeichens vor oder nach Buchstaben bzw. Leerzeichen wird die gemeinte Bedeutung erkennbar. Das Zeichen st steht auch für die schließende eckige Klammer ]. Außerdem sind die Zeichen für Plus + und das Ausrufezeichen ! identisch. alt=Punkt 2|30px,1.alt=Punkte 2, 3|30px;2.alt=Punkte 2, 5|30px:3.alt=Punkte 2, 5, 6|30px/4.alt=Punkte 2, 6|30px?5.alt=Punkte 2, 3, 5|30px+6.alt=Punkte 2, 3, 5, 6|30px(7.alt=Punkte 2, 3, 6|30px»8.alt=Punkte 3, 5|30px*9.alt=Punkte 3, 5, 6|30px«0. Die Zeichen , ; : / ? + ( » * « stehen in der genannten Reihenfolge für die um eine Punktreihe tiefergestellten Ziffern 1–9 und 0 und können statt der jeweiligen Ziffer als Ordnungszahl verwendet werden; das Zahlenzeichen # ist zu setzen. Besonderheiten bei der Verwendung und Steuerzeichen Das $ bezeichnet das nächste Zeichen als Großbuchstaben und steht z. B. vor Eigennamen. Das > wird verwendet, wenn alle nachfolgenden Zeichen als Großbuchstaben betrachtet werden sollen. Das ' (Apostroph als Aufhebungszeichen) wird verwendet, wenn die folgenden Zeichen wieder Kleinbuchstaben sein sollen. Es wird auch als Auflösungspunkt bezeichnet und dient z. B. zur Umwandlung von ss in ß. Das # ist das Zahlenzeichen, das vor einer oder mehreren Ziffern steht. Leerzeichen, Apostroph oder andere Zeichen, die nicht mit Ziffern verwechselt werden können, beenden die Zahl. Der Apostroph wird anstelle des Leerzeichens verwendet, wenn direkt hinter der Zahl noch Buchstaben oder Satzzeichen folgen sollen, die mit Ziffern verwechselt werden können. Zahlen in Zahlengruppen werden mit dem Punkt getrennt. In mathematischen Formeln können die Rechenzeichen durch ein Akzentzeichen (Punkt Nr. 4) angekündigt werden. In der vereinfachten Schreibweise kann das Akzentzeichen weggelassen werden, wenn es keine Verwechslungsgefahr mit anderen Zeichen gibt. Ordnungszahlen können durch das Schreiben der Ziffern um eine Punktreihe tiefergesetzt gekennzeichnet werden. Das ist möglich, weil Ziffern zur Darstellung nur die oberen zwei Punktreihen benötigen. Der abschließende Punkt zur klassischen Kennzeichnung von Ordnungszahlen entfällt dann. Brüche werden mit Zähler und Nenner direkt hintereinander dargestellt, der Nenner ist allerdings um eine Punktreihe nach unten verschoben. Prozent und Promille werden als Bruch 0/0 bzw. 0/00 dargestellt, dabei ist der Nenner 0 bzw. 00 wieder tiefergestellt. Als Dezimaltrennzeichen kann außer dem Komma auch der Punkt verwendet werden. Verkürzung der Schrift zum Zwecke der Beschleunigung Bestrebungen, die Schrift schneller zu machen, führten zu einer Verkürzung der Wortbilder. In der deutschen BrailleschriftDie Textschrift: Das System der deutschen Brailleschrift (Oktober 2018) werden grundsätzlich vier verschiedene Kürzungsgrade für Literaturbraille unterschieden.mini|alt=siehe Legende|class=skin-invert-image|Der Name Helen Keller in Vollschrift und Basisschrift: ⠓⠑⠇⠑⠝⠀⠅⠑⠇⠇⠑⠗ Basisschrift Hier entspricht im Allgemeinen jeder Buchstabe einem Braillezeichen. Es gibt nur Kleinbuchstaben, weswegen Großbuchstaben, Ziffern oder Akzentbuchstaben durch Voranstellen bestimmter Zeichen zu solchen erklärt werden. Vollschrift Acht Buchstabengruppen der deutschen Sprache (au ei eu äu ie ch sch st) werden durch eigene Braillezeichen ersetzt. Dadurch verkürzt sich der Text gegenüber der Basisschrift um etwa 5 % bis 10 %. Die Vollschrift ist die Grundstufe für den Erwerb der deutschen Brailleschrift. Kurzschrift Die Kurzschrift ist vergleichbar mit der Stenografie in der Schwarzschrift (z. B. steht u für und). Der Text wird dabei um etwa 30 % bis 40 % gegenüber der Vollschrift verkürzt. Geübte Blinde können diese Kurzschrift fast im selben Tempo lesen wie Sehende Schwarzschrift. Blindenstenografie Kompliziertes Regelwerk zur Verkürzung von Wörtern, Redewendungen und ganzen Sätzen, um gesprochene Sprache mitschreiben zu können. Die Braille-Stenografie beherrschen nur wenige ausgebildete Blinde. Teilweise wird mit Sieben- oder Acht-Punkt-Systemen gearbeitet. Die Kurzschrift wird am häufigsten zur Erstellung von Druckerzeugnissen in Brailleschrift (80 bis 85 %) und bei Mitschriften blinder Menschen mit der Punktschriftmaschine eingesetzt. Ein Zeichen in Brailleschrift ist etwa 6 mm lang und 4 mm breit, so dass die Tastschärfe von trainierten Menschen nicht unterschritten wird. Die Punkthöhe (Erhebung) soll 0,4 mm nicht unterschreiten, damit die Zeichen taktil erfassbar bleiben. Lese-Leistung mini|alt=In einem aufgeschlagenen Ringordner ein etwa zwei Finger dicker Packen mit Brailleschrift bedrucktes Papier. Über die rechte untere Ecke wurde zum Größenvergleich ein Zentimetermaß gelegt; das Papier hat etwa DIN-A4-Größe. Auf der oberen Hälfte des Papiers liegt ein schmales Taschenbuch von etwa halber Größe (DIN A5) mit dem Titel „Haben Fische Durst?“|Ein Buch in Brailleschrift und darauf die textgleiche Originalausgabe für Sehende Erfahrene Braille-Leser können etwa 100 Wörter pro Minute lesen. Zum Vergleich: sehende Leser schaffen etwa 250 bis 300 Wörter pro Minute. Kurzschrift Die Kürzungen erweitern das Inventar der Vollschrift und sollen dort nur innerhalb von Morphemen erfolgen. Es gibt einige Doppelbelegungen, die durch Markierungszeichen aufgelöst werden sollen bzw. derentwegen manche Kürzungen nur an bestimmten Stellen im Wort möglich sind. + Lautgruppenkürzungen der deutschen Kurzschrift, ihre Anwendbarkeit und verwechselbare Zeichen Sigel Lautgruppe Anlaut Inlaut Auslaut Doppelbelegung ach < (Korrekturzeichen) al : an + ar «, “ (schließendes Anführungszeichen) ation ~n ativ ~v au äu be ; ch ck $ eh (, ) (Klammer) ei ein ` el y em [ en c er ^ es % eu ex x, mm ge & ich # ie ig > in * ismus ~i istisch ~sch ität ~ä lich _ ll q, pro mm x, ex or ? pro q, ll sch ss ß st te », „ (öffnendes Anführungszeichen) un ö Andere Brailleschriften Brailleschriften für spezielle Inhalte Für spezielle Themen gibt es eigene Brailleschriften, so z. B. die Braille-Musikschrift, die Braille-Schaltungsschrift, die Braille-Schachschrift und die Braille-Strickschrift. Computerbraille, entwickelt in den 1980er Jahren, basiert auf einem unten um zwei weitere Punkte erweiterten 8-Punkte-Zeichen. Damit sind 2 hoch 8 = 256 unterschiedliche Zeichen darstellbar. Brailleschrift für DIN 91379 Im Jahr 2023 wurde vom Brailleschriftkomitee der deutschsprachigen Länder (BSKDL) eine eindeutige Darstellung aller Zeichen der DIN 91379 in 8-Punkt-Computerbraille als Detaillierte Erweiterbare Taktile AlphabetIdentifikationsListe (DETAIL) erarbeitet. Dazu gibt es Zeichentabellen zur Installation für JAWS und NVDA. Damit ist es u.a. möglich, Namen mit Diakritika korrekt darzustellen. Braille für andere Schriften Neben zusätzlichen Belegungen für Zeichen mit Diakritika gibt es auch Übertragungen der Brailleschrift auf andere Schriftsysteme als das lateinische. Für die Alphabete der russischen oder griechischen Sprache werden die Zeichen entsprechend ihrer Transliteration in das lateinische Schriftsystem, also unabhängig von ihrer Reihenfolge im Alphabet, übertragen. Für anders strukturierte Schriften, wie z. B. Japanisch, Koreanisch oder Tibetisch, wurden die Zeichen jedoch komplett neu zugeordnet. So wird zum Beispiel in der Japanischen Brailleschrift jeder Silbe der Kana jeweils ein eigenes Zeichen zugeordnet. Braillezeichen in Unicode / UTF-8 Unicode ist heute (Stand 2011) praktisch auf jedem Computersystem verfügbar. Da die Braillezeichen in Unicode vorhanden sind, ist eine Darstellung der Braillezeichen auf Bildschirmen etc. problemlos möglich. Die Unicode-Zeichen sind also vorteilhaft für die Darstellung von Brailleschrift für Sehende – dem Blinden selbst nutzt der Unicode nur wenig (beispielsweise Ausdrucke auf Schwellpapier in Ausnahmefällen). In Unicode werden die aus sechs Punkten bestehenden Braillezeichen durch die Zeichennummern U+2800 bis U+283F (hexadezimale Schreibweise) repräsentiert. Dies sind einschließlich des Leerzeichens 64 Zeichen. Die Reihenfolge der Zeichen wurde so definiert, dass jeder Punkt eines Braillezeichens einem gesetzten Bit entspricht. Dabei ist die Reihenfolge der Bits wie oben beschrieben (siehe Abb. „Nummerierung“). Ein Zeichen ist damit also durch #×2800 + Wert der Punkte codiert.The Unicode Standard 5.0, Section 15.10: Braille (PDF; 628 kB)The Unicode Standard 5.0, Code Chart Braille Patterns (PDF; 83 kB) Die Reihenfolge der in Unicode codierten Zeichen weicht damit erheblich von der in Absatz #Systematik des Punkteaufbaus dargestellten ab. .0 .1 .2 .3 .4 .5 .6 .7 .8 .9 .A .B .C .D .E .FU+280.⠀Leerz.⠁A oder 1⠂U+2802⠃B oder 2⠄U+2804⠅K⠆U+2806⠇L⠈U+2808⠉C oder 3⠊I oder 9⠋F oder 6⠌U+280C⠍M⠎S⠏PU+281.⠐U+2810⠑E oder 5⠒U+2812⠓H oder 8⠔U+2814⠕O⠖U+2816⠗R⠘U+2818⠙D oder 4⠚J oder 0⠛G oder 7⠜Ä⠝N⠞T⠟QU+282.⠠U+2820⠡U+2821⠢U+2822⠣U+2823⠤U+2824⠥U⠦U+2826⠧V⠨U+2828⠩U+2829⠪Ö⠫U+282B⠬U+282C⠭X⠮ß⠯U+282FU+283.⠰U+2830⠱U+2831⠲U+2832⠳Ü⠴U+2834⠵Z⠶U+2836⠷U+2837⠸U+2838⠹U+2839⠺W⠻U+283B⠼U+283C⠽Y⠾U+283E⠿U+283FU+284.⡀U+2840⡁U+2841⡂U+2842⡃U+2843⡄U+2844⡅U+2845⡆U+2846⡇U+2847⡈U+2848⡉U+2849⡊U+284A⡋U+284B⡌U+284C⡍U+284D⡎U+284E⡏U+284FU+285.⡐U+2850⡑U+2851⡒U+2852⡓U+2853⡔U+2854⡕U+2855⡖U+2856⡗U+2857⡘U+2858⡙U+2859⡚U+285A⡛U+285B⡜U+285C⡝U+285D⡞U+285E⡟U+285FU+286.⡠U+2860⡡U+2861⡢U+2862⡣U+2863⡤U+2864⡥U+2865⡦U+2866⡧U+2867⡨U+2868⡩U+2869⡪U+286A⡫U+286B⡬U+286C⡭U+286D⡮U+286E⡯U+286FU+287.⡰U+2870⡱U+2871⡲U+2872⡳U+2873⡴U+2874⡵U+2875⡶U+2876⡷U+2877⡸U+2878⡹U+2879⡺U+287A⡻U+287B⡼U+287C⡽U+287D⡾U+287E⡿U+287FU+288.⢀U+2880⢁U+2881⢂U+2882⢃U+2883⢄U+2884⢅U+2885⢆U+2886⢇U+2887⢈U+2888⢉U+2889⢊U+288A⢋U+288B⢌U+288C⢍U+288D⢎U+288E⢏U+288FU+289.⢐U+2890⢑U+2891⢒U+2892⢓U+2893⢔U+2894⢕U+2895⢖U+2896⢗U+2897⢘U+2898⢙U+2899⢚U+289A⢛U+289B⢜U+289C⢝U+289D⢞U+289E⢟U+289FU+28A.⢠U+28A0⢡U+28A1⢢U+28A2⢣U+28A3⢤U+28A4⢥U+28A5⢦U+28A6⢧U+28A7⢨U+28A8⢩U+28A9⢪U+28AA⢫U+28AB⢬U+28AC⢭U+28AD⢮U+28AE⢯U+28AFU+28B.⢰U+28B0⢱U+28B1⢲U+28B2⢳U+28B3⢴U+28B4⢵U+28B5⢶U+28B6⢷U+28B7⢸U+28B8⢹U+28B9⢺U+28BA⢻U+28BB⢼U+28BC⢽U+28BD⢾U+28BE⢿U+28BFU+28C.⣀U+28C0⣁U+28C1⣂U+28C2⣃U+28C3⣄U+28C4⣅U+28C5⣆U+28C6⣇U+28C7⣈U+28C8⣉U+28C9⣊U+28CA⣋U+28CB⣌U+28CC⣍U+28CD⣎U+28CE⣏U+28CFU+28D.⣐U+28D0⣑U+28D1⣒U+28D2⣓U+28D3⣔U+28D4⣕U+28D5⣖U+28D6⣗U+28D7⣘U+28D8⣙U+28D9⣚U+28DA⣛U+28DB⣜U+28DC⣝U+28DD⣞U+28DE⣟U+28DFU+28E.⣠U+28E0⣡U+28E1⣢U+28E2⣣U+28E3⣤U+28E4⣥U+28E5⣦U+28E6⣧U+28E7⣨U+28E8⣩U+28E9⣪U+28EA⣫U+28EB⣬U+28EC⣭U+28ED⣮U+28EE⣯U+28EFU+28F.⣰U+28F0⣱U+28F1⣲U+28F2⣳U+28F3⣴U+28F4⣵U+28F5⣶U+28F6⣷U+28F7⣸U+28F8⣹U+28F9⣺U+28FA⣻U+28FB⣼U+28FC⣽U+28FD⣾U+28FE⣿U+28FF In Unicode wurde der Zeichenvorrat von Braille auf 256 erweitert, indem unter den Block aus sechs Punkten noch weitere zwei Punkte eingefügt wurden (bei Braillezeilen werden ebenfalls meist 8 Punkte dargestellt). Die Zeichen mit 8 Punkten (U+2840 bis U+28FF) sind in der Tabelle farblich abgesetzt dargestellt. Mit Brailleschrift erstellte Inhalte mini|alt=Ein Wochenblatt aus einem Ringbuchkalender in tschechischer Sprache. Das Blatt ist sowohl mit Schwarzschrift (schwarz auf weiß) als auch beidseitig mit Brailleschrift bedruckt; beide Schriften überlagern einander.|Tschechischer Braille-Kalender mini|alt=Blick von schräg oben auf ein in der Wittenberger Innenstadt aufgestelltes Reliefmodell, das auf einem etwa hüfthohen Sockel aus weißem Stein ruht. Das Relief ist aus Bronze und hat einen etwa dreieckigen Grundriss. Es zeigt in modellhafter Darstellung Gebäude, Straßenzüge, Plätze und Baumgruppen; die Häuser sind wenige Zentimeter hoch. Am vorderen Rand sind zwei Texttafeln in erhabener Normalschrift und in Brailleschrift angebracht, auch einige ausgewählte Plätze und Gebäude sind in dieser Weise beschriftet.|Tastbares Reliefmodell der Wittenberger Altstadt am dortigen Marktplatz mini|alt=Etwa 20 cm langer Abschnitt eines Handlaufes aus grauem Stahl, im Hintergrund ist die Treppe erkennbar, an der er hinaufführt. Entlang der Seite des Stahlrohres sind mit kleinen Halbkügelchen Schriftzeichen in Braille aufgebracht.|Handlaufbeschriftung einer Treppe im Hamburger Hauptbahnhof. Die Zeilen werden im Bild von rechts unten nach links oben gelesen. Die zweite und dritte Zeile lauten: KIR(CH)ENALLEE LINKS und CITY:MÖNCKEBERG(ST)RAẞE RE(CH)TS. mini|alt=Dose|Sake-Getränkedose mit drei japanischen Braille-Zeichen (o-sa-ke für Alkohol/Sake) am Deckel erhaben herausgeprägt (2004) Das inhaltliche Angebot in Brailleschrift umfasst ein weites Spektrum unterschiedlichster Werke. Es reicht von klassischer und moderner Literatur, über Fachbücher bis hin zu unterschiedlichster Pornografie. Es existieren auch Zeitschriften zu unterschiedlichsten Themenbereichen. So veröffentlichte z. B. der Playboy in den Jahren von 1970 bis 1985 sein Magazin auch in Brailleschrift.Porno in Brailleschrift – Blinde bekommen scharfe Kurven zum Anfassen, 13. April 2010, spiegel.de. In Deutschland gibt es eine Pflicht zur Kennzeichnung von Medikamentenverpackungen in Brailleschrift. In Brailleschrift angefertigte Schriftstücke werden von der Deutschen Post als Blindensendung kostenlos befördert. Siehe auch Braille-Musikschrift Computerbraille Braillezeile Bharati-Brailleschrift, Chinesische Brailleschrift, Japanische Brailleschrift, Vietnamesische Brailleschrift Blindenschriftübersetzungsprogramm Welt-Braille-Tag Literatur Bernhard Walter Panek: Blindenschrift. Schrift – Grafik – Druck. Herstellung und Vervielfältigung taktil erfaßbarer Publikationen. Wiener Universitätsverlag Facultas, Wien 2004, ISBN 978-3-7089-0153-4 Weblinks Das System der deutschen Brailleschrift – 2., korrigierte Auflage 2021, herausgegeben vom Brailleschriftkomitee der deutschsprachigen Länder (BSKDL) braille.ch erstellt von Vivian Aldridge – Vertreter des Verbands für Blinden- und Sehbehindertenpädagogik e. V (VBS) Matthias Hänel: Die Blindenschrift Wolfgang Hubert: Kurze Einführung in die Blindenschrift Beschreibung vom Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband Online-Braille-Übersetzer der Christoffel-Blindenmission (grafische Ausgabe) braillepost.be ermöglicht das kostenlose Versenden von Nachrichten in Punktschrift an Blinde Brailleschrift online lernen, eigene Texte in Braille umwandeln, Punktschrift-Tafel-Simulator und mehr – fakoo.de Aussprache von Brailleschrift auf Forvo.com Schriftarten Liste der UTF-8 Zeichen (U+2800–U+28FF) bei utf8-zeichentabelle.de Schriftart „Blistabraille“ zum Download für die Anzeige am PC Font „Braille“ für Braillezeichen, gemäß dem Unicode-Standard (Link direkt zur TTF-Datei zum Download) Spezielle Braille-Zeichensätze Das Neue internationale Handbuch der Braillenotenschrift (1998) erläutert die Musiknotation Computerbraille und Eurobraille Blindenschrift für die russische Sprache Einzelnachweise
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28,261
caa03949-541b-4f74-881a-7abdb1404e54
Budapest
mini|hochkant=1.7|Buda mit dem Burgpalast (links) und Pest mit dem Parlamentsgebäude und der St.-Stephans-Basilika (Blick vom Gellértberg) Budapest (ungarische Aussprache []; ; deutsch Ofen-Pest und Ofenpest) ist die Hauptstadt und zugleich größte Stadt Ungarns. Mit knapp 1,7 Millionen Einwohnern ist Budapest die zehntgrößte Stadt der Europäischen Union und die fünftgrößte Stadt Mitteleuropas (nach Berlin, Wien, Warschau und Hamburg). Laut dem britischen Marktforschungsunternehmen Euromonitor International gehört sie zu den zwanzig am häufigsten von Touristen besuchten Städten Europas. Die Einheitsgemeinde Budapest entstand 1873 durch die Zusammenlegung der zuvor selbstständigen Städte Buda (deutsch Ofen), Óbuda (Alt-Ofen), beide westlich der Donau, und Pest östlich der Donau. Der Name Budapest selbst tauchte zuvor nicht auf, üblich im Sprachgebrauch war Pest-Buda. Das Donauufer, das Burgviertel und die Andrássy-Straße gehören heute zum UNESCO-Welterbe. Geographie Lage mini|Satellitenaufnahme Budapest liegt an der Donau, die an dieser Stelle das ungarische Mittelgebirge verlässt und in das ungarische Tiefland fließt. Die höchste Erhebung in Budapest ist der zu den Budaer Bergen zählende 527 Meter hohe János-Berg (ungarisch János-hegy). Weitere Budaer Berge sind der Gellértberg (Gellért-hegy), der Burgberg (Várhegy), der Rosenhügel (Rózsadomb), der Sonnenberg (Naphegy), der Adlerberg (Sashegy), der Martinsberg (Mártonhegy), der Schwabenberg (Svábhegy) und der Széchenyiberg (Széchenyi-hegy). Geotektonisch gesehen liegt die Stadt auf einer Bruchstelle, deshalb ist besonders Buda so reich an Thermalquellen. Klima Wegen der Binnenlage und der abschirmenden Wirkung der Gebirge hat Budapest ein relativ trockenes Kontinentalklima mit kaltem Winter und warmem Sommer. Die mittleren Temperaturen liegen im Januar bei −1,6 °C sowie im Juli bei 21 °C. Im Frühsommer sind die ergiebigsten Niederschläge zu verzeichnen. Die mittlere Niederschlags­menge beträgt im Jahr rund 500 bis 600 Millimeter. Geschichte Römerzeit mini|Der heilige Stephan I. Budapests Geschichte beginnt um 89 mit der Gründung eines römischen Militärlagers in ehemals vom keltischen Stamm der Eravisker besiedeltem Gebiet. In der Folge entstand um das Lager die römische Siedlung Aquincum, die zwischen 106 und 296 Hauptstadt der Provinz Pannonia inferior war. Unter römischer Herrschaft prosperierte die Stadt, es lassen sich ein Statthalterpalast, mehrere Amphitheater und Bäder nachweisen, außerdem wurde die an der gefährdeten römischen Donaugrenze gelegene Stadt mit einer Mauer versehen. Völkerwanderung Am Ende des 4. Jahrhunderts kam es im Zuge der Völkerwanderung vermehrt zu Einfällen germanischer und hunnisch-alanischer Stämme; nach dem Untergang des Römischen Reiches und dem Ende der Völkerwanderung siedelte hier zunächst eine slawische Bevölkerung, die aber ab 896 von Ungarn, uralischen Völkern, die in die pannonische Tiefebene einwanderten, verdrängt wurden. Mittelalter Die später christianisierten und sesshaft gewordenen Ungarn wohnten in Dörfern mit Kirchen und betrieben Ackerbau und Viehzucht. Im Zentrum wichtiger Verkehrswege gewann Pest immer mehr an Bedeutung. Bereits zu dieser Zeit entstand über die Donau (etwa bei der heutigen Elisabethbrücke) ein reger Fährverkehr zum gegenüberliegenden Buda. Mit der Krönung Stephans I. (am Weihnachtstag 1000 oder 1. Januar 1001) zum ersten König von Ungarn bauten die Ungarn ihre Vorherrschaft aus. Durch den Einfall der Mongolen (Mongolensturm) 1241 kam es nach der Schlacht bei Muhi fast zur völligen Zerstörung. Die königliche Residenz wurde zunächst nach Visegrád verlegt. 1308 wurde die Stadt erneuert und 1361 Hauptstadt des Königreiches. 1514 fand ein Bauernaufstand, angeleitet von György Dózsa, statt. Türkische Besatzung Ab 1446 griffen die Osmanen immer wieder Ungarn an, was in der Besetzung des größten Teils des Landes gipfelte. So fiel Pest 1526 und das durch die Burg etwas geschützte Buda 15 Jahre später. Die Hauptstadt des noch unbesetzten Ungarns, das fast nur noch aus Oberungarn (im Wesentlichen das Gebiet der heutigen Slowakei) bestand, wurde von 1536 bis 1784 Preßburg (Bratislava). Während Buda (Ofen) zum Sitz eines türkischen Paschas wurde, fand Pest kaum mehr Beachtung und verlor einen großen Teil seiner Einwohner. Am 18. Mai 1578 explodierte die Pulverkammer des Burgpalastes nach einem Blitzeinschlag. Etwa 2000 Menschen starben; der Palast wurde zerstört. Habsburgerzeit bis 1800 Schließlich gelang es den Habsburgern, die seit 1526 Könige von Ungarn waren, die Osmanen zu vertreiben und Ungarn wiederherzustellen (siehe auch: Belagerung von Ofen (1684/1686)). Für die Bevölkerung von Buda und Pest änderte sich allerdings nur wenig; sie wurde weiterhin von Fremden verwaltet und musste sehr hohe Steuern zahlen. Die Einwohner wehrten sich in einem Aufstand, der aber niedergeschlagen wurde. Pest war seit 1723 der Sitz der administrativen Verwaltung des Königreiches. Es wurde trotz der widrigen Verhältnisse und eines verheerenden Hochwassers im März 1838 mit etwa 150 TodesopfernMate Millisits: Trauma and milestone – The story of the Pest-Buda flood of 1838. 13. März 2023. PestBuda.hu zu einer der am schnellsten wachsenden Städte des 18. und 19. Jahrhunderts. 1780 führten die Habsburger Deutsch als Amtssprache ein. Dies geschah auch, um die immer wieder aufflammenden revolutionären Bewegungen besser kontrollieren zu können. Damit wurde man auch den regelmäßig ins Land gerufenen deutschen Siedlern gerecht, die mittlerweile große Teile der Stadt besiedelten. Das Kernland der Kroaten, etwa das Gebiet des heutigen Kroatiens, war Budapest unterstellt. 19. Jahrhundert mini|Panorama um 1840 mini|St.-Stephans-Basilika Die Kettenbrücke (ungarisch Széchenyi Lánchíd) wurde in der Zeit von 1839 bis 1849 als erste feste Brücke auf Anregung des ungarischen Reformers Graf István Széchenyi erbaut. Angeregt wurde er dazu, nachdem er eine Woche lang warten musste, um zum Begräbnis seines Vaters ans andere Ufer zu kommen. Den ungarischen Namen trägt sie ihm zu Ehren. Sie ist die älteste und bekannteste der neun Budapester Brücken über die Donau. Zuvor wurde (neben Fährverbindungen) im Sommer eine Pontonbrücke verwendet, welche aus aneinander befestigten Booten bestand. mini|Freiheitsbrücke Während der ungarischen Revolution 1848 war Budapest einer der Hauptplätze der Unruhen, mit denen die Ungarn gegen die reformfeindliche Unterdrückung durch die Habsburger ankämpften. Zwar wurde der Aufstand letztlich mit Hilfe Russlands blutig niedergeschlagen, aber die Ereignisse von 1849 führten 1867 indirekt in den Ausgleich zwischen Österreich und Ungarn. Damit wurde Ungarn weitgehend unabhängig. Symbol des Ausgleichs war der jährliche mehrwöchige Aufenthalt Kaiser Franz Josephs in Budapest. Als König von Ungarn residierte er auf der Budaer Burg und nahm in dieser Zeit – in ungarischer Sprache und in eine ungarische Uniform gekleidet – mit den Ministern Ungarns und dem königlich ungarischen Reichstag seine ungarischen Ämter wahr. Die Zusammenlegung von Buda, Óbuda und Pest war schon 1849 unter der revolutionären Regierung Ungarns verordnet worden. Als die Habsburger ihre Macht wiederherstellten, widerriefen sie diesen Beschluss. Erst 1873, sechs Jahre nach dem Österreichisch-Ungarischen Ausgleich von 1867, kam es endgültig zur Vereinigung der beiden Stadthälften. Vorausgegangen war bereits 1870 die Gründung eines Hauptstädtischen Rates für öffentliche Arbeiten, der die bauliche und infrastrukturelle Entwicklung der Gesamtstadt koordinieren sollte. mini|Heldenplatz mit Millenniumsdenkmal Zur Jahrtausendfeier der Landnahme der Ungarn (dem sogenannten Millennium) 1896 wurden im Zusammenhang mit der Budapester Millenniumsausstellung 1896 zahlreiche Großprojekte, etwa der Heldenplatz und mit der Földalatti die erste U-Bahn auf dem europäischen Festland, fertiggestellt. Die Einwohnerzahl im gesamten Stadtgebiet versiebenfachte sich zwischen 1840 und 1900 und stieg auf rund 730.000. Anfang des 20. Jahrhunderts stellten die Juden fast ein Viertel der Einwohner.Alexander Haneke: Insel der Sicherheit. Für viele Juden ist Ungarn einer der letzten Orte in Europa, an denen sie sich frei von Angst in der Öffentlichkeit bewegen. Das zeigt sich auch am boomenden Tourismus aus Israel. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22. Dezember 2025, S. 3. Unter Antisemiten war Budapest damals als „Judapest“ verschrien.Julia Richers: Jüdisches Budapest. Kulturelle Topographien einer Stadtgemeinde im 19. Jahrhundert. Böhlau, Köln 2009, ISBN 978-3-412-20471-6, S. 148. Zeit der Weltkriege Nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg mit den daraus resultierenden Todesopfern erfolgte 1918 der Zusammenbruch der Österreichisch-Ungarischen Monarchie. Mit dem Vertrag von Trianon verlor Ungarn fast drei Viertel seines Reichsgebiets. Nach der dreitägigen Asternrevolution im Oktober 1918 wurde am 21. März 1919 die kommunistische Ungarische Räterepublik unter Béla Kun gegründet. Sie hatte nur vier Monate Bestand und brach zusammen, als rumänische Truppen Anfang August 1919 im Ungarisch-Rumänischen Krieg Budapest und weite Teile Ungarns besetzten, worauf Mitglieder der Räteregierung nach Wien flohen. Der Sozialist Gyula Peidl war kurzzeitig Ministerpräsident, seine Regierung wurde jedoch am 6. August 1919 bei einem bewaffneten Putsch rechter Kräfte abgesetzt. Nachfolgestaat wurde das Königreich Ungarn unter Miklós Horthy. Nach seinem Sieg zog Horthy an der Spitze der konservativen Truppen am 16. November 1919 in Budapest ein und wurde Reichsverweser (Regent; ungarisch: kormányzó) Ungarns, das formell noch immer ein Königreich war. mini|Verhaftete jüdische Frauen in der Wesselényi-Straße am 20./22. Oktober 1944, Aufnahme aus dem Bundesarchiv Ungarn war im Zweiten Weltkrieg seit 1941 ein Verbündeter des nationalsozialistischen Deutschen Reiches. Die deutsche Besetzung Ungarns (Unternehmen Margarethe) begann am 19. März 1944 und erfolgte nach dem Versuch Ungarns, sich vom verbündeten Deutschen Reich zu lösen. Rund ein Drittel der etwa sechshunderttausend Juden in Ungarn wurde bis Kriegsende ermordet. Die meisten von ihnen wurden ab 1944 von den Nationalsozialisten in das KZ Auschwitz deportiert., auf kurier.at vom 11. November 2015, abgerufen am 21. November 2015. Allerdings rettete der Einsatz mehrerer Diplomaten, darunter des Schweden Raoul Wallenberg und des Schweizers Carl Lutz, zahlreichen Budapester Juden das Leben und bewahrte sie vor der Deportation. Ab dem 3. April 1944Das Jahr 1944 wurden Teile Budapests durch amerikanische und britische Luftangriffe zerstört. Die stärksten Verwüstungen erfolgten, als sowjetische Streitkräfte von Ende Dezember 1944 bis Anfang Februar 1945 die Stadt während der Schlacht um Budapest bis zur Einnahme belagerten. Die eingeschlossenen deutschen und ungarischen Truppen sprengten bei ihrem Rückzug auf die Budaer Seite des Kessels sämtliche Brücken über die Donau. 38.000 Zivilisten starben noch in dieser Kriegsphase. Nachkriegszeit mini|Sowjetische Truppen in Budapest während des Aufstands 1956 Nach dem Krieg wurden 1946 die Republik und 1949 die Volksrepublik Ungarn ausgerufen. Eine kurze Episode bildete 1945–1951 das Jugendprojekt Gaudiopolis. 1956 war Budapest der Ausgangspunkt des gegen die Sowjetunion gerichteten Volksaufstandes. Nach dessen blutiger Niederschlagung kam es zu Säuberungswellen im ganzen Land. Wendezeit seit 1989 Am 23. Oktober 1989 wurde in Budapest die Republik Ungarn ausgerufen. Dies war neben anderem wegbereitend für den Zerfall der Sowjetunion sowie des ganzen Ostblocks. Im Jahre 2000 fanden ungarnweit Feierlichkeiten zum tausendjährigen Jubiläum der Staatsgründung statt. Aus diesem Anlass wurde auch die Hauptstadt verschönert. Die Parkanlage und das Kulturzentrum Millenáris-Park sowie der Millenniumsstadtteil mit dem Nationaltheater wurden errichtet. Die Budaer Donauseite mit dem Campus der Technischen Universität wurde modernisiert. Der EU-Beitritt Ungarns am 1. Mai 2004 wurde mit vielen Festen im ganzen Land, besonders in der Hauptstadt Budapest, gefeiert. Bevölkerung Einwohnerentwicklung mini|hochkant=1.4|Einwohnerentwicklung von Budapest Nachfolgend sind die Einwohnerzahlen nach dem jeweiligen Gebietsstand aufgeführt. Bis 1860 handelt es sich meist um Schätzungen, bis 2001 um Volkszählungsergebnisse und 2006 um eine Schätzung des Ungarischen Zentralamts für Statistik. Die Zahlen vor 1873 beziehen sich auf die drei Städte Buda, Pest und Óbuda. Deren endgültiger Zusammenschluss erfolgte am 17. November 1873, nachdem die erste Zusammenlegung am 24. Juni 1849 kurze Zeit später wieder rückgängig gemacht worden war. Der starke Anstieg der Bevölkerung zwischen 1949 und 1960 ist auf die Eingemeindung von sieben Städten und 16 Gemeinden in der Umgebung zurückzuführen. So stieg die Einwohnerzahl am 1. Januar 1950 um 582.000 Personen auf 1,64 Millionen, die Fläche von 206 Quadratkilometer auf 525 Quadratkilometer, die Zahl der Stadtbezirke von 14 auf 22. mini|Bevölkerungspyramide (2005) Jahr Einwohner 1720 12.200 1787 47.290 1799 54.176 1813 70.219 1848 110.516 1851 178.016 1869 280.349 1873 296.867 1876 309.208 1880 370.767 1886 422.557 1890 506.384 1896 617.856 Jahr Einwohner 1900 733.358 1906 791.748 1910 880.371 1920 928.996 1925 960.995 1930 1.006.184 1935 1.060.431 1939 1.115.582 1941 1.164.963 1944 1.235.920 1945 832.800 1946 1.053.787 1947 1.073.681 Jahr Einwohner 1949 1.590.316 1956 1.848.000 1957 1.772.000 1958 1.764.371 1960 1.804.606 1965 1.914.995 1970 2.001.083 1975 2.026.543 1980 2.059.347 1985 2.032.552 1990 2.016.774 1995 1.921.600 2000 1.791.098 Jahr Einwohner 2001 1.759.209 2002 1.739.569 2003 1.719.342 2004 1.705.309 2005 1.697.343 2006 1.698.106 2007 1.696.128 2008 1.702.297 2009 1.712.210 2010 1.721.556 2011 1.733.685 2012 1.727.495 2013 1.735.711 Jahr Einwohner 2014 1.744.665 2015 1.757.618 2016 1.759.407 2017 1.752.704 2018 1.749.734 2019 1.752.286 2020 1.750.216 2021 1.723.836 2022 1.706.851 2023 1.671.004 2024 1.686.222 Quelle seit 2020: Quelle für 2012–2019: Quelle für 2011: (PDF, ungarisch und englisch) Quelle für 2001–2009:Ungarn 2010, Zentrales Statistikbüro Ungarns (PDF; 2,4 MB) Quelle für 1949–2000:Budapest statisztikai évkönyve 2001 (ungarisch), S. 99, Zentrales Statistikbüro Ungarns Quelle für 1720–1947:Budapest statisztikai évkönyve 1944–1946 (ungarisch und französisch), S. 12, Zentrales Statistikbüro Ungarns Entwicklung der ethnischen Zusammensetzung Im 15. Jahrhundert war die Bevölkerung von Pest mehrheitlich ungarisch. Nach dem Ende der osmanischen Herrschaft über Ungarn wurde besonders Buda von Deutschen dominiert. Pest 1715: rund 2.500 Einwohner, davon 55,6 % Deutsche, 19,4 % Magyaren (Ungarn), 2,2 % Slowaken, 22,8 % andere 1737: Einwohnerzahl n. v., davon 57,8 % Deutsche, 22,5 % Ungarn, 5,6 % Slowaken, 14,1 % andere 1750: 62.471 Einwohner, davon 55,2 % Deutsche, 22,2 % Ungarn, 6,5 % Slowaken, 16,1 % andere Buda + Pest + Óbuda, also Budapest 1851: 178.062 Einwohner, davon 56,4 % Deutsche, 36,6 % Magyaren, 5 % Slowaken, 2 % andere 1881: 370.767 Einwohner, davon 55,1 % Magyaren, 33,3 % Deutsche, 6 % Slowaken, 2,8 % andere 1891: 506.384 Einwohner, davon 326.533 (67,1 %) Magyaren, 115.573 (23,7 %) Deutsche, 27.126 (5,6 %) Slowaken, 5,6 % andere 2001: 1.777.921 Einwohner, davon 1.631.043 (91,2 %) Magyaren, 18.097 (1 %) Deutsche, 14.019 (0,8 %) Roma, 4.929 (0,3 %) Slowaken..., 93.071 (5,2 %) keine AngabeUngarische Volkszāhlung 2001 (ungarisch), Zentrales Statistikbüro Ungarns (→ További grafikonok → Budapest). 2011: 1.725.578 Einwohner, davon 1.427.053 (82,7 %) Magyaren, 29.334 (1,7 %) Deutsche, 20.706 (1,2 %) Roma, 8.627 (0,5 %) Rumänen..., 58.669 (3,4 %) keine Angabe Religionen mini|hochkant|Matthiaskirche Die folgende Übersicht zeigt den prozentualen Anteil der Gläubigen verschiedener Konfessionen an der Gesamtbevölkerung 1870 bis 1949.Budapest székes főváros Statisztikai és Közigazgatási Évkönyve 1921–1924. S. 38 (ungarisch und deutsch), Zentrales Statistikbüro Ungarns.Budapest statisztikai évkönyve 1943 (ungarisch), S. 32, Zentrales Statistikbüro Ungarns. und 2011. Religion alle Angaben in Prozent 1870 1880 1890 1900 1910 1920 1930 1941 1949...2011 römisch-katholische 72,3 67,4 64,7 60,7 59,8 59,1 60,7 63,7 71,3…29,0 reformierte 4,8 6,1 7,4 8,9 9,9 10,9 12,1 13,6 15,5…8,5 lutherisch 5,3 5,5 5,6 5,3 5 4,8 5 5,3 5,4…1,8 jüdisch 16,6 19,7 21 23,6 23,1 23,2 20,3 15,8 6,4…0,5 andere 1 1,3 1,3 1,5 2,2 2 1,9 1,6 1,4…2,6 Budapest ist die einzige europäische Hauptstadt, in der mehr Juden als Muslime leben. Politik Als Hauptstadt eines Einheitsstaats ist Budapest Regierungssitz und politisches Zentrum Ungarns. Hier befinden sich der Amtssitz des Präsidenten der Republik und des Ministerpräsidenten. Das ungarische Parlament, die Ministerien, das Oberste Gericht (Kúria), das Verfassungsgericht und die ungarische Nationalbank haben hier ihren Sitz sowie internationale Organisationen, wie die CEPOL (ehemals Europäische Polizeiakademie) und die Donaukommission. Politisches System Politisch nimmt Budapest als Hauptstadt einen besonderen Status in Ungarn ein, das daneben in 19 Komitate eingeteilt ist. Sein politisches System unterscheidet sich von dem eines Komitats oder einer Stadt mit Komitatsrecht. An der Spitze der Stadtverwaltung steht der Oberbürgermeister (főpolgármester). Er wird zusammen mit den Bürgermeistern der 23 Stadtbezirke durch eine einfache Mehrheit auf eine Amtszeit von fünf Jahren direkt gewählt. Der Stadtrat (fővárosi közgyűlés) setzt sich aus dem Oberbürgermeister, den Bürgermeistern der Bezirke und neun durch Listenwahl gewählten Vertretern zusammen. Seit 2019 ist Gergely Karácsony Oberbürgermeister von Budapest. Wappen und Flagge Das Wappen von Budapest entstand 1873 mit der Zusammenlegung der Stadt aus den Wappen von Buda und Pest. Es zeigt in einem roten Schild geteilt durch einen silbernen Wellenbalken, der die Donau darstellt, im oberen Feld eine goldene Burg mit einem Turm und einem offenen Tor, das den Stadtteil Pest repräsentiert. Im unteren Feld steht eine goldene Burg mit drei Türmen und zwei offenen Toren, welche für den Stadtteil Buda steht. Schildhalter ist heraldisch rechts ein goldener Löwe, links ein goldener Greif. Auf dem Schild ruht die Stephanskrone. Als Flagge von Budapest wurde 1873 die rot, gelb, blaue Flagge von Pest gewählt. Im August 2011 beschloss die Stadtversammlung auf Veranlassung von Oberbürgermeister István Tarlós die Einführung einer neuen Stadtflagge. Die Farben der bisherigen waren zufällig, wenn auch in anderer Anordnung, ebenfalls die Farben von Rumänien, was angesichts des nicht eben einfachen Verhältnisses zum Nachbarland als anstößig empfunden wurde. Die neue Flagge zeigt auf einem weißen Grund das Wappen von Budapest. Im oberen und unteren Ende sind jeweils Dreiecke in den Farben rot und grün angeordnet. Städtepartnerschaften Budapest unterhält mit folgenden Städten Partnerschaften: StadtLandseitAnkara2015Berlin1992Florenz2008Fort Worth1990Frankfurt am Main1990Lissabon1992New York City1991Peking2012Sarajevo1995Shanghai2013Odorheiu Secuiesc2016Teheran2015Tel Aviv-Jaffa1989Wien1990Zagreb1994 Verwaltung Stadtteile Die Stadt besteht aus drei ehemals selbstständigen Städten, die erst 1873 zur Gemeinde Budapest vereint wurden. Auf der östlichen, flachen Seite der Donau liegt Pest, das zwei Drittel der Stadtfläche einnimmt, auf der westlichen, bergigen Seite Buda (deutsch Ofen) und Óbuda (deutsch Alt-Ofen) das restliche Drittel der Stadt. Bezirke Budapest ist verwaltungsrechtlich in 23 Bezirke eingeteilt. Am 1. Januar 1950 wurde die Stadt in 22 Bezirke geteilt, der XXIII. wurde später aus dem XX. ausgegliedert. Ausgehend vom ersten Bezirk um das Burgviertel (Várnegyed) werden die Bezirke im Uhrzeigersinn mit römischen Zahlen durchnummeriert, wobei mehrmals die Donau übersprungen wird. Bezirke in grün liegen in Pest, Bezirke in rot in Buda, der in gelb auf der Insel Csepel. Die Margareteninsel gehörte bis 2013 zum XIII. Bezirk, wird aber seither direkt von der Stadt verwaltet. mini|400px|Karte der Bezirke in Budapest + Eckdaten der Bezirke von BudapestEinwohnerzahl laut: Fläche laut Gazetteer of Hungary (PDF; 1,2 MB) des Központi Statisztikai Hivatal (Zentrales Statistikbüro Ungarns), Stand 1. Januar 2012. Bezirk Name Einwohner() Flächein km² Lage I. Bezirk Budavár 3,41 Buda II. Bezirk – 36,34 Buda III. Bezirk Óbuda-Békásmegyer 39,70 Buda IV. Bezirk Újpest 18,82 Pest V. Bezirk Belváros-Lipótváros 2,59 Pest VI. Bezirk Terézváros 2,38 Pest VII. Bezirk Erzsébetváros 2,09 Pest VIII. Bezirk Józsefváros 6,85 Pest IX. Bezirk Ferencváros 12,52 Pest X. Bezirk Kőbánya 32,49 Pest XI. Bezirk Újbuda 33,47 Buda XII. Bezirk Hegyvidék 26,67 Buda XIII. Bezirk – 13,44 Pest XIV. Bezirk Zugló 18,13 Pest XV. Bezirk Rákospalota-Pestújhely-Újpalota 26,94 Pest XVI. Bezirk – 33,51 Pest XVII. Bezirk Rákosmente 54,81 Pest XVIII. Bezirk Pestszentlőrinc-Pestszentimre 38,60 Pest XIX. Bezirk Kispest 9,38 Pest XX. Bezirk Pesterzsébet 12,18 Pest XXI. Bezirk Csepel 25,75 Csepel XXII. Bezirk Budafok-Tétény 34,25 Buda XXIII. Bezirk Soroksár 40,77 Pest Budapest főváros(Hauptstadt Budapest) 525,09 Sehenswürdigkeiten und Kultur mini|Parlamentsgebäude Bauwerke, Straßen und Statuen mini|Staatsoper mini|Große Markthalle mini|Burgpalast Viele nennenswerte Bauwerke der Stadt stehen am Ufer der Donau. Auf der westlichen, Budaer Seite erhebt sich der felsige Gellértberg mit der Freiheitsstatue und der Zitadelle. Am Fuß des Berges befindet sich das Hotel Gellért mit seinem berühmten Thermalbad sowie weiter flussabwärts der Hauptbau der Technischen und Wirtschaftswissenschaftlichen Universität. Nördlich des Gellértberges liegt der Burgberg mit dem ehemaligen königlichen Schloss, dem Burgpalast. Der Palast beherbergt die Nationalbibliothek, die Nationalgalerie sowie das Historische Museum. Neben der Burg hat im klassizistischen Palais Sándor der ungarische Staatspräsident seinen Sitz. Am Fuße des Burgbergs liegt der Burggarten-Basar als Abschluss der Burganlage zur Donau hin. Im nördlichen Teil des Burgbergs erhebt sich die Matthiaskirche und, ihr zur Donau hin vorgelagert, die Fischerbastei. Das Budaer Burgviertel und das Donauufer stehen seit 1987 auf der Liste des UNESCO-Weltkulturerbes. Unter dem Burgviertel verläuft ein teils öffentlich zugängliches Labyrinthsystem. Am östlichen Donauufer, auf der flachen Pester Seite, erheben sich das Parlamentsgebäude, die Akademie der Wissenschaften, eine Reihe großer Hotels am sogenannten Donaukorso, das Konzerthaus Pesti Vigadó, die Corvinus-Wirtschaftsuniversität Budapest und weiter südlich das Nationaltheater sowie der Kunstpalast. Die Donau ist die eigentliche Hauptattraktion Budapests und wird im Stadtgebiet von neun stadtbildprägenden Brücken überspannt. Die bedeutendste, weil älteste und zugleich Wahrzeichen der Stadt, ist die Kettenbrücke. Von hier aus führt auf Pester Seite der kleine Ring (Kiskörút) zur Freiheitsbrücke, vorbei an der Großen Synagoge, dem Nationalmuseum und der Großen Markthalle. Die in der Dohány utca gelegene Synagoge markiert den Zugang zum historischen jüdischen Viertel Budapests, gelegen zwischen Kleinem und Großem Ring (Nagykörút). Der Kleine Ring folgt in etwa dem Verlauf der früheren Pester Stadtmauer, deren letzte Stadttore Ende des 18. Jahrhunderts abgebrochen wurden. Reste der Stadtmauer stehen allerdings noch. Zwischen dem Kleinen Ring und der Donau liegt die eigentliche Innenstadt Budapests. Parallel zum Fluss verläuft mit der Váci utca die älteste Handelsstraße und bekannteste Flaniermeile der Stadt. Sie verbindet die Große Markthalle mit dem Vörösmarty tér. Nördlich der Innenstadt, aber noch im zentralen V. Bezirk gelegen, erhebt sich der höchste Kirchenbau Budapests, die St.-Stephans-Basilika. Der Große Ring wurde zwischen 1872 und 1906 errichtet. Er führt von der Petőfibrücke zur Margaretenbrücke und ist eines der bedeutendsten Architekturensembles seiner Zeit in Europa. Der hier gelegene Westbahnhof (Nyugati pályaudvar) ist gemeinsam mit dem Ostbahnhof (Keleti pályaudvar) Zeugnis prächtiger Bahnhofsarchitektur. Am Großen Ring, dessen Abschnitte die Namen des Heiligen Stefan sowie der angrenzenden Bezirke Teréz-, Erzsébet-, József- und Ferencváros tragen, stehen mehrere Theaterbauten (bis zu seiner Sprengung 1965 stand hier, am Blaha-Lujza-Platz, auch das Nationaltheater) und viele Filmtheater, von denen einige Ende der 1990er Jahre schließen mussten, da am Westbahnhof und anderen Stellen der Stadt die Multiplexkinos mehr Zuschauer anlocken konnten. Der Ring wird beim achteckigen Oktogon-Platz von der Andrássy út gekreuzt, die den Stadtkern mit dem Stadtwäldchen verbindet. Die Andrássy út ist eines der herausragendsten städtebaulichen Vorhaben der ungarischen Hauptstadt. In nur 14 Jahren, von 1871 bis 1885, wurde eine 2,3 Kilometer lange Allee errichtet, die von üppig ausgestatteten, sechsgeschossigen Miethäusern im Historismus, der Ungarischen Staatsoper, dem Haus des Terrors und mehreren Plätzen gesäumt wird. Sie führt auf den Heldenplatz zu, der seinerseits von der Kunsthalle und dem Museum der Schönen Künste eingefasst wird. Auf diesem Platz steht das Millenniumsdenkmal, das 1896 anlässlich des Jubiläums der ungarischen Landnahme errichtet wurde. Südlich des Heldenplatzes liegt der langgestreckte Platz der 56-er, auf dem das Mahnmal des Aufstandes von 1956 steht. Ein aus verschieden hohen Stahlstelen sich verengender Keil schiebt sich scheinbar vom Stadtwäldchen kommend unter den Belag des Platzes genau an der Stelle, wo 1956 ein Standbild Stalins gestürzt wurde und über Jahrzehnte die Aufmärsche zum 1. Mai stattfanden. 50 Jahre nach dem Aufstand von 1956 wurde das Mahnmal am 23. Oktober 2006 um 19:56 Uhr enthüllt. Seit 2002 gehört auch die Andrássy út zum Weltkulturerbe. Unter ihr verkehrt die erste Budapester U-Bahnlinie, sie ist eine der ersten elektrischen U-Bahnen der Welt und nach der London Underground eine der ältesten weltweit. Weiter östlich stadtauswärts, direkt hinter dem Heldenplatz, liegen im Stadtwäldchen die Burg Vajdahunyad, die zur Budapester Millenniumsausstellung 1896 errichtet wurde, der Zoo, der Zirkus, die Eiskunstlaufbahn sowie das Széchenyi-Heilbad. Zusammen mit dem Gellért-Bad zählt es zu den bekanntesten der Budapester Thermalbäder. Die Gül-Baba-Türbe befindet sich auf dem Rosenhügel in Buda, Mecset út 14 (). Die Türbe hat eine achteckige Form und wurde um 1545 errichtet. Gül Baba (* Ende des 15. Jahrhunderts in Merzifon, Provinz Amasya; † 1. September 1541) war ein türkischer Bektaschi-Derwisch und Dichter des 16. Jahrhunderts. Außerhalb des Stadtzentrums, am westlichen Donauufer gelegen, sind im Aquincum Museum Reste der römischen Siedlung Aquincum zu sehen. Aus jüngerer Zeit gibt es hier den Memento Park mit Denkmälern und Statuen aus der Periode des Sozialistischen Realismus. Am Ostufer befindet sich das Mahnmal Schuhe am Donauufer, das an die Pogrome an Juden im Zweiten Weltkrieg erinnert. Theater und Konzertgebäude mini|Ungarisches Nationaltheater Das bedeutendste Theater ist das Ungarische Nationaltheater (Nemzeti Színház), kurz Nemzeti genannt, das sich seit 2002 im Bajor-Gizi-Park befindet. Die bekannte Bühne des Landes musste oft ihren Sitz wechseln. 1837 bis 1908 stand das erste, schlichte Gebäude in der damaligen Kerepesi út, heute Rákóczi út, gegenüber dem Hotel Astoria. Der ursprüngliche Name war Pesti Magyar Színház (Pester Ungarisches Theater). Seit 1840 heißt das Theater Nemzeti Színház. Am Hevesi-Sándor-Tér befindet sich das Magyar Színház (Ungarisches Theater). Für ein junges Publikum sind die Vorstellungen des Katona József Theaters in der Petőfi Sándor-utca (hier arbeitet oft der ungarische Bühnenregisseur Tamás Ascher) und die des Új-Theaters (Neues Theater) gedacht. Eine alternative Bühne für ungewöhnliche Theaterprojekte ist das Krétakör Theater des ungarischen Regisseurs Árpád Schilling. Musical- und Operettenfreunde besuchen gern das Operettszínház am ungarischen Broadway in der Nagymező utca. Eine traditionsreiche Bühne ist das Vígszínház (Lustspieltheater) am Körút auf der Pester Seite. Opernfreunde schätzen die eher traditionell inszenierten Vorstellungen der Ungarischen Staatsoper Magyar Állami Operaház, deren Haus in der Andrássy-út viele Ähnlichkeiten mit der Wiener Staatsoper aufweist. Für Kinder sind die Vorstellungen des Puppentheaters Bábszínház, ebenfalls in der Andrássy-út, interessant. Das bekannteste Konzerthaus ist der Jugendstil-Festsaal der Musikakademie am Liszt-Ferenc-Platz. Den modernsten akustischen Forderungen entspricht die moderne Bartók-Béla-Konzerthalle, die sich in der Nähe des Nationaltheaters befindet. Auch in den Räumen des Kongresszentrums Budapest finden Konzerte statt. Museen Die größte Kunstsammlung, das Museum der Bildenden Künste Budapests, befindet sich am Heldenplatz. Sie umfasst eine Antikensammlung, eine Galerie Alter Meister, eine ägyptische Sammlung, eine Sammlung aus dem 19.–20. Jahrhundert, eine Barockskulpturensammlung, eine Sammlung deutscher, österreichischer, niederländischer und flämischer Malerei. Außer den permanenten Ausstellungen werden regelmäßig temporäre Ausstellungen von internationaler Bedeutung durchgeführt, wie die Ausstellung zu Vincent van Goghs Werken Ende 2006, die einen gewaltigen Besucheransturm zu verzeichnen hatte. Gegenüber dem Museum steht die Kunsthalle Budapest für moderne Kunstprojekte. Die ungarische Malerei wird in der Nationalgalerie im Burgpalast ausgestellt. Das Budapester Ludwig-Museum ist seit 2005 im Palast der Künste in der Nähe des neuen Nationaltheaters beheimatet. An der Üllői út findet sich das Jugendstilgebäude des Ungarischen Museums für Kunstgewerbe und am Kossuth-Lajos-Platz das Ethnographische Museum. Seit 2004 befindet sich in der Páva-Synagoge und dem anschließenden Neubau von István Mányi das Holocaust-Dokumentationszentrum. Neben mehr als 30 Museen verfügt das kulturelle Zentrum Ungarns über viele kleine Galerien, von denen die meisten in der Innenstadt oder im Burgviertel zu finden sind, sowie das Polizeimuseum. Kulturelle Ereignisse Alljährlich finden in Budapest zwei große Kulturfestivals statt, in deren Rahmen vor allem Programme für die Liebhaber klassischer Musik angeboten werden: das Budapester Frühlingsfestival und das Budapester Herbstfestival. Für Filmfreunde gibt es im Februar die Ungarische Filmschau und im April das Internationale Filmfestival Titanic, außerdem ein internationales Theaterfestival. Im August findet das Inselfestival Sziget mit vielen Konzerten für vor allem jugendliche Besucher statt. Ein neues Kulturzentrum auf der Budaer Seite ist der Millenáris-Park, der im Jahre 2000 anlässlich der Millenniumsfeierlichkeiten zur Staatsgründung auf einem alten Fabrikgelände errichtet wurde. Hier finden im Sommer Konzerte, Ausstellungen und andere kulturelle Ereignisse statt. Der Kinderspielplatz hat handgeschnitzte, einem Volksmärchen entnommene Figuren. Seit Oktober 2005 hat auch das ungarische Kindermuseum Palast der Wunder hier ein neues Zuhause. Sonstige Freizeitbeschäftigungen mini|Park auf der Margareteninsel Die bergige Umgebung Budapests bietet viele Ausflugsmöglichkeiten wie die malerische Kleinstadt Szentendre nördlich von Budapest und das Schloss in Gödöllő, der Lieblingsort von Königin und Kaiserin Sisi. Das Donauknie erstreckt sich bis Esztergom. Südlich der Stadt, auf der Csepel-Insel bei Halásztelek erhebt sich der Sendemast Lakihegy. In den Budaer Bergen, deren höchste Erhebung mit 527 Metern der Jánosberg ist, verkehrt die Kindereisenbahn. An der Endhaltestelle der Kindereisenbahn endet der Internationale Bergwanderweg Eisenach-Budapest. In der mit Parks unterversorgten Stadt nimmt die Margareteninsel als Erholungsgebiet eine zentrale Rolle ein. Sport Fußball In Budapest gibt es zahlreiche Fußballvereine. Der bekannteste Verein aus Budapest ist Ferencváros Budapest. Daneben spielen noch Újpest Budapest, Honvéd Budapest und Vasas Budapest in der höchsten ungarischen Liga (Nemzeti Bajnokság). Der national zweiterfolgreichste Verein MTK Budapest musste in der Saison 2010/11 absteigen, konnte jedoch den direkten Wiederaufstieg fixieren und ist derzeit wieder in der höchsten Spielklasse anzutreffen. Boxen Budapest hat einen traditionell hohen Stellenwert im Boxsport. Von 1923 bis 2003 wurden die Ungarischen Meisterschaften fast ausschließlich in Budapest ausgetragen, seit 2003 vermehrt auch in anderen Städten. Zudem war die Stadt Austragungsort der 9. Weltmeisterschaften von 1997, der 11. Junioren-Weltmeisterschaften 2000 sowie der Europameisterschaften der Jahre 1930, 1934 und 1985. Sie ist neben Berlin die einzige Stadt Europas, die bereits dreimal Europameisterschaften veranstaltete. Der aus Budapest stammende László Papp gilt zudem als einer der international erfolgreichsten Amateurboxer aller Zeiten und war der erste Boxer, der bei drei aufeinanderfolgenden Olympischen Spielen Goldmedaillen gewann. Im Profiboxen fand in Budapest am 11. September 2004 der Weltmeisterschaftskampf der WBO im Halbschwergewicht zwischen Zsolt Erdei und Alejandro Lakatos statt. Einen weiteren WBO-WM-Kampf in Budapest bestritt Erdei am 16. Juni 2007 gegen George Blades. Ein weiteres WM-Ereignis gab es am 22. August 2009, als Károly Balzsay seinen WBO-Titel gegen Robert Stieglitz verteidigte. Marathon Seit 1984 finden jährlich der Budapest-Marathon und der Budapest-Halbmarathon statt, an denen jeweils mehrere Tausend Läufer teilnehmen. Eishockey Die Eishockeyvereine Újpesti TE und Ferencvárosi TC nehmen seit 2008 und der Verein Budapest Jégkorong Akadémia HC seit 2015 an der Erste Liga teil. Wirtschaft und Infrastruktur Ansässige Unternehmen Eine Vielzahl von Unternehmen hat in Budapest ihren Sitz, wie Staatsdruckerei OAG Ungarn, Magyar Telekom, Zwack, Orion Electronics, MOL und Ikarus. Auch die Wertpapierbörse des Landes – die Budapester Börse – hat ihren Sitz in der Hauptstadt. Einzelhandel mini|hochkant|Die Váci utca (Waiznergasse), Budapests Haupteinkaufsstraße mit Weihnachtsbeleuchtung Die wichtigsten Einkaufsstraßen von Budapest befinden sich im V. Bezirk (Innenstadt). Die bekannteste von ihnen ist die Váci utca, in der fast alle großen Modelabels der Welt vertreten sind. Am Vörösmarty-Platz wird jedes Jahr ein Weihnachtsmarkt veranstaltet, der dem am Wiener Rathausplatz ähnlich ist (hier fungieren die Fenster des Gerbeaud-Kaffeehauses als Adventskalender). Seit das Warenhaus Luxus am Vörösmarty-Platz 2005 in Konkurs ging, gibt es kaum noch traditionelle Warenhäuser. Bekannt war auch die Warenhauskette Skála, die in den 1970er Jahren als verhältnismäßig gut sortiert bezeichnet werden konnte. An der Stelle des ersten Skála-Kaufhauses im XI. Bezirk wurde 2006 ein modernes Einkaufszentrum errichtet. Inner- und außerhalb der Stadt werden große Einkaufszentren nach amerikanischem Muster (Plazas) errichtet, die den Konsumenten außer langen Öffnungszeiten eine Auswahl an Dienstleistungen aller Art und Gastronomie bieten. Weiterhin sind große Hypermärkte inner- und außerhalb der Stadt sehr beliebt. Südlich von Budapest (in Budaörs) gibt es seit einigen Jahren nach dem Vorbild der Shopping City Süd bei Vösendorf (Österreich) eine Art Shopping City. 2007 wurde die Arena Plaza gegenüber dem Bahnhof Budapest-Keleti fertiggestellt. Gegen die starke Amerikanisierung gibt es Bürgerbewegungen, die den Kauf ungarischer Produkte propagieren und die Verbreitung der übergroßen Einkaufszentren ablehnen. In den Budapester Innenbezirken und in den Einkaufszentren ist an Wochen- und Samstagen bis maximal 21 Uhr und an Sonntagen bis 18 Uhr geöffnet. Es gibt auch eine Reihe von Supermärkten, die 24 Stunden täglich geöffnet und nur an den großen gesetzlichen Feiertagen geschlossen sind. Bäder Die Geschichte der Budapester Bäder kann auf eine Vergangenheit von 2000 Jahren zurückblicken. Bereits die Römer nutzten die Quellen der Stadt. Aus dem Jahr 1178 gibt es Hinweise auf eine Siedlung Felhéviz auf dem Gebiet vom heutigen Óbuda – der Name bedeutet Heilquelle. Am Gellértberg wird die Elisabeth-Quelle erwähnt (die heilige Elisabeth war die Tochter von König Andreas). Die Herrschaft der Osmanen brachte unter anderem eine andere Badekultur in die Stadt, die Baudenkmäler dieser Zeit sind in Gebrauch. Im 18. Jahrhundert, nach einem Erlass von Maria Theresia, begann man sich mit der Analyse der Heilquellen der Stadt auseinanderzusetzen. Im Jahr 1812 begann man auf Vorschlag von Pál Kitaibel damit, die Quellen zu systematisieren, er schrieb auch eine Hydrographie der Stadt. Im Jahr 1930 wurde Budapest als Stadt mit den meisten heilenden Quellen der Titel Badestadt verliehen. mini|Széchenyi-Heilbad Die wichtigsten Heil- und Freibäder sind: Csepeli (Freibad), Csillaghegyi (Freibad), Dagály (Heil- und Freibad), Dandár (Heilbad), Gellért (Heil-, Frei- und Erlebnisbad), Király (Heilbad, türkisches Bad), Lukács (Heilbad, Schwimmbad, türkisches Bad), Palatinus (Heil- und Freibad, Jugendstilbau auf der Margaretheninsel), Paskál (Freibad), Pesterzsébeti (Freibad), Pünkösdfürdői (Freibad), Római (Frei- und Erlebnisbad), Rudas (Heilbad, türkisches Bad), Széchenyi (Heilbad, Schwimmbad), Újpesti (Freibad), Veli Bej (Heilbad, türkisches Bad). Einige der Bäder haben eine Subkultur: Kundige Besucher spielen im Széchenyi-Bad im warmen Wasser stundenlang Schach, das Lukács-Bad ist traditionell ein Treffpunkt von Schauspielern und Künstlern. Das Palatinus, Pala genannt, ist ein traditionelles Bad für Jugendliche. Es gibt auch viele Schwimmbäder in Budapest, am bekanntesten ist das Császár in Buda und das Sportschwimmbad auf der Margaretheninsel, das nach Olympiasieger Alfréd Hajós benannt ist. 2008 hat einer der größten überdachten Wasserthemenparks Europas eröffnet, das Ramada Resort. Gastronomie mini|Außenansicht des Café Gerbeaud am Vörösmarty tér mini|Café New York Ähnlich wie in Wien blühte im 19. Jahrhundert und um die Jahrhundertwende in Budapest eine rege Kaffeehauskultur. Eines der literarischen Zentren war das mehr als einhundert Jahre alte kávéház Café New York, das im Sommer 2006 nach einer umfangreichen Renovierung wiedereröffnet wurde; in der Zeit des Kommunismus existierte es unter dem Namen Hungária Kávéház. Ein Schauplatz der Revolution im Jahre 1848 war das Pilvax-Kaffeehaus, in dem sich die Anhänger von Sándor Petőfi versammelten. Die Kaffeehäuser dienten auch als Arbeitsplatz für Schriftsteller, Dichter, Journalisten – Ferenc Molnár war beispielsweise ein häufiger Besucher dieser Kaffeehäuser. Diese wurden in der Zeit des Kommunismus verstaatlicht und umfunktioniert, viele verschwanden oder wurden vernachlässigt. Zu diesen Zeiten waren die verrauchten kleinen Presszó-s (Espressos) die einzigen Lokale, in denen man einen Fekete, einen kleinen schwarzen, stark gekochten ungarischen Kaffee genießen konnte. Das Café Centrál am Ferenciek tere wurde im Jahr 2000 wieder eröffnet und glänzt in alter Pracht. Im Café Museum am Múzeum körút ist ein Nobelrestaurant.Homepage (englisch) Als vornehmstes und schönstes Kaffeehaus gilt das Café Gerbeaud am Vörösmarty tér. Die zwei ältesten Konditoreien in Buda sind die Konditorei Ruszwurm im Burgviertel und die Konditorei August neben dem Budaer Fény-utca-Markt. Erwähnenswert ist auch das Café New York, welches auch als das schönste der Welt bezeichnet wird. Eine Besonderheit in Budapest ist die große Anzahl der sogenannten Ruinen-Kneipen. Eine der ersten war das Szimpla kert im ehemaligen Jüdischen Viertel, dem VII. Bezirk von Budapest. (Artikel vom März 2012). Wintersalami aus Budapest hat den Status geschützte geografische Angabe (g.g.A.) erhalten. Verkehr Donaubrücken mini|Elisabethbrücke, Kettenbrücke und im Hintergrund die Margaretenbrücke Budapest ist trotz der enormen Breite des Stroms (etwa 300 m) mit zahlreichen Brücken ausgestattet. Von Nord nach Süd geordnet: Megyeri-Brücke (Megyeri híd), 2008 erbaut (Autobahn M0) Újpest-Eisenbahnbrücke (Újpesti vasúti híd), 1955 (1896) erbaut Árpádbrücke (Árpád híd), 1950 erbaut Margaretenbrücke (Margit híd), 1876 erbaut Kossuthbrücke (Kossuth híd), 1945/46 erbaut, 1960 demontiert Kettenbrücke (Széchenyi Lánchíd), 1849 erbaut Elisabethbrücke (Erzsébet híd), 1964 erbaut Freiheitsbrücke (Szabadság híd), 1896 erbaut Petőfibrücke (Petőfi híd), 1937 erbaut Rákóczi-Brücke (Rákóczi híd), 1995 erbaut Südliche Eisenbahnbrücke (Összekötő vasúti híd), 1953 erbaut Ferenc-Deák-Brücke (Deák Ferenc híd), 1990 erbaut (Autobahn M0) Straßenverkehr mini|Hauptstraßen, wichtigste Bahnhöfe und Flughafen mini|Oberleitungsbusse Budapest Obwohl der Anteil des Individualverkehrs am gesamten Verkehrsaufkommen der Stadt eher gering ist, kommt es täglich zu Staus in und um die ungarische Hauptstadt. Mehr als 600.000 zugelassene PKW nutzen das Budapester Straßennetz mit einer Länge von über 4.000 Kilometern. Die Innenstadtbezirke und Teile von Buda sind Kurzparkzonen. Es gibt einen eklatanten Mangel an Parkhäusern. Das historische Straßennetz Budapests ist durch Ring- und Radialstraßen gekennzeichnet. Zwischen diesen breiten Straßen liegen eher schmale, heute nur noch für den Einbahnstraßenverkehr geeignete Straßen. Die meisten Autostraßen Ungarns führen über Budapest. Das Straßennetz muss somit neben dem Stadt- auch den Durchgangsverkehr aufnehmen. Die Donaubrücken sind dem Verkehrsaufkommen nicht mehr gewachsen. Zudem verfügt die Stadt über nur wenige und zu schmale Zubringerstraßen. Der wesentliche Teil des Autobahnringes (M0) um die Stadt herum ist fertig. Die Megyeri híd (Autobahnbrücke über die Donau) im Norden von Budapest wurde im Herbst 2008 in Betrieb genommen. Die vollständige Schließung des Ringes im Nord-Westen der Stadt wird durch schwierigere geographische Bedingungen (Buda-Berge) erschwert. Fahrradverkehr Der Anteil der Radfahrer am Gesamtverkehr ist in Budapest mit etwa ein bis zwei Prozent relativ gering. Im gesamten Stadtgebiet gibt es weniger als 200 Kilometer an Radwegen (weniger als ein Fünftel dessen, was im etwa gleich großen Wien besteht), wovon zwei Drittel nur aus einer auf den Gehsteig gepinselten Linie bestehen. Zweimal im Jahr demonstrieren in Budapest Radfahrer im Rahmen einer Critical Mass für bessere Bedingungen für Radfahrer. Mit bis zu 80.000 Teilnehmern ist sie weltweit die größte Veranstaltung dieser Art. Schienenverkehr mini|Bahnhof Budapest-Keleti (Ostbahnhof) Budapest ist ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt im Schienenverkehr und liegt am südlichen Endpunkt der Magistrale für Europa. Hierbei handelt es sich um ein wichtiges transeuropäisches Projekt, mit dem zwischen dem Bahnhof Paris-Est und Budapest eine Eisenbahn-Schnellfahrstrecke realisiert werden soll. Anstatt eines zentralen Hauptbahnhofs besitzt Budapest drei Kopfbahnhöfe, die durch die Metró miteinander verbunden sind. Die Bezeichnungen dieser Bahnhöfe spiegeln dabei die jeweiligen Hauptfahrtrichtungen zur Zeit der Eröffnungen wider und entsprechen nicht mehr den heutigen Gegebenheiten. Daneben gibt es weitere, kleinere Personen- und Güterbahnhöfe. Wichtigster Bahnhof ist der östlich der Innenstadt im Stadtteil Pest gelegene Bahnhof Budapest-Keleti (Ostbahnhof). Von hier verkehren die meisten internationalen Fernzüge. Daneben bestehen von hier aus viele nationale Verbindungen. Zudem ist dieser Bahnhof über Verbindungs- und Ringstrecken von allen Budapest erreichenden Bahnlinien direkt erreichbar. Nördlich des Ostbahnhofs, ebenfalls auf der Pester Seite, befindet sich der Bahnhof Budapest-Nyugati (Westbahnhof), dessen Bahnbetriebswerk als Bahnhistorischer Park Budapest Europas größtes interaktives Eisenbahnmuseum ist. Von hier bestehen Verbindungen in den Osten des Landes und in Richtung Ukraine. Auf der Budaer Seite befindet sich der Bahnhof Budapest-Déli (Südbahnhof), von dem aus Züge in den Südwesten des Landes, beispielsweise zum Plattensee, verkehren. Nahverkehr mini|Station der 1896 erbauten Linie M1 der Metró Budapest mini|Selbstfahrende U-Bahn-Züge der Linie M4 3,8 Millionen Fahrgäste bewegen sich täglich auf dem insgesamt über 2.000 Kilometer langen Streckennetz des Öffentlichen Nahverkehrs in Budapest. Das Budapester Verkehrsunternehmen (BKV) unterhält Metró- (U-Bahn-), Straßenbahn-, Bus-, Oberleitungsbus- und HÉV-Linien (S-Bahn-ähnliches Angebot). Im Budapester ÖPNV gilt der Verbundtarif des BKK (Budapesti Közlekedési Központ, Zentrum für Budapester Verkehr). Der ÖPNV in Budapest kann von Personen ab 65 Jahren kostenlos benutzt werden. Kinder unter 14 Jahren können den ÖPNV seit September 2021 ebenfalls gratis benutzen. Neben der 1896 fertiggestellten U-Bahn Földalatti vasút (älteste U-Bahn auf dem europäischen Kontinent), die als Linie 1, Millenniums-U-Bahn oder gelbe Metrólinie bezeichnet wird und zwischen Vörösmarty tér und Mexikói út Fahrgäste befördert, verkehren drei weitere Metrólinien, die rote Linie M2 zwischen Déli pályaudvar und Örs vezér tere sowie die blaue Linie M3 zwischen Újpest und Kőbánya Kispest. Die grüne Linie M4 zwischen Kelenföld vasútállomás und Keleti pályaudvar ist seit 28. März 2014 in Betrieb, eine fünfte ist geplant. Zurzeit werden 22 Prozent aller Wege mit der Metró zurückgelegt. 41 Prozent aller Fahrtwege sind Busfahrten, weitere 26 Prozent Straßenbahn- (villamos) und fast 5 Prozent O-Bus-Fahrten. Demnach werden fast drei Viertel aller Wege mit straßengebundenen Verkehrsmitteln bewältigt. Auf die fünf Linien der HÉV, einer Art S-Bahn in die Budapester Vororte, entfallen 6 Prozent. Die Straßenbahnlinien 4 und 6, die mit Ausnahme des einen Streckenendes im Süden von Buda dieselbe Strecke ringförmig um die Altstadt von Pest herum befahren, gehören zu den meistbenutzten Straßenbahnlinien. Sie wurden im Frühjahr 2006 erneuert und seitdem mit den zeitweise längsten Straßenbahnwagen der Welt (den Niederflurwagen Combino Plus von Siemens) bedient. Die seit 2016 auf der Linie 1 eingesetzten neunteiligen CAF Urbos 3 sind mit 56 Metern Länge neuer Rekordhalter. Weitere Verkehrsmittel sind die Seilbahn zum János-hegy, die Kindereisenbahn, die Zahnradbahn zum Schwabenberg und die Standseilbahn zum Burgberg. Luftverkehr Der internationale Flughafen Budapest Liszt Ferenc (bis März 2011 Ferihegy) liegt etwa 15 Kilometer außerhalb des Stadtzentrums. Mit dem Einstieg mehrerer Billigfluggesellschaften in den ungarischen Markt steigen die Passagierzahlen seit 2004 stark an. Der Flughafen ist mit einem Zubringerbus (reptér-busz) oder über eine Schnellstraße erreichbar. Seit 2007 existiert auch eine Zugverbindung von Ferihegy Terminal 1 zum Bahnhof Budapest-Nyugati. Allerdings ist Terminal 1 stillgelegt, so dass man mit dem Bus zu den anderen Terminals fahren muss. Eine Schnellbahn- oder Metróverbindung von den Terminals 2A und 2B und vom geplanten 2C ins Zentrum ist vorgesehen. Schiffsverkehr mini|Passagierschiff der BKV Der Schiffsverkehr hat zunehmende Bedeutung. Neben von einheimischen Reedereien veranstalteten Ausflugsfahrten gibt es Linienfahrten mit Tragflügelbooten nach Bratislava und Wien. Außerdem betreibt die BKV Zrt. zwei Fähren und eine Schiffslinie, die alle ein bis zwei Stunden verkehren. Flusskreuzfahrtschiffe, flussabwärts etwa aus Passau sowie flussaufwärts vom Schwarzen Meer bringen jährlich hunderttausende Touristen an die Anlegestellen. So wurden in der Sommersaison 2010 täglich insgesamt bis zu 100 verschiedene Fahrgast-Schiffe an den Ufern der Stadt gezählt. Der Freihafen für den Güterumschlag umfasst drei Hafenbecken sowie Containerterminals und Lagerhallen, wo auch RoRo-Schiffe beladen werden können. Er bedeckt eine Fläche von über 150 ha. Bildung Studium in Budapest Die erste ungarische Universität wurde 1635 von Kardinal Péter Pázmány, als JesuitenkollegMemoria universitatum et scholarum maiorum Regni Hungariae in Tyrnau (damals zum Königreich Ungarn gehörig) gegründet. Anfänglich gab es lediglich eine geisteswissenschaftliche und eine theologische Fakultät. Einen grundlegenden Schritt in der Entwicklung der Universität stellte die Gründung der Fakultät der Rechtswissenschaften 1667 dar. Nach der Gründung der Medizinischen Fakultät 1769 glich die Struktur der Universität derjenigen anderer europäischer Hochschulen. Am 1. Februar 1777 unterzeichnete Königin Maria Theresia die Erlaubnis, die Universität nach Buda zu verlegen. Innerhalb der Geisteswissenschaftlichen Fakultät wurde 1782 das Institut für Ingenieurwesen gegründet, das aber 1857 von der Polytechnischen Universität übernommen und schließlich 1871 Teil der Technischen Universität wurde. In Budapest finden sich zahlreiche erfolgreiche Universitäten und Hochschulen wie: Corvinus-Universität Budapest, Central European University, Technische und Wirtschaftswissenschaftliche Universität Budapest, Eötvös-Loránd-Universität, Franz-Liszt-Musikakademie, Ungarische Akademie der Bildenden Künste, Semmelweis-Universität, Wirtschaftshochschule Budapest, die deutschsprachige Andrássy Universität Budapest, die ausschließlich Studienprogramme auf Deutsch anbietet, sowie zahlreiche weitere nichtstaatliche Institutionen und die Ungarische Akademie der Wissenschaften. Persönlichkeiten Siehe auch 20px Portal:Budapest 20px Portal:Ungarn Budapester Memorandum am 5. Dezember 1994 in Budapest im Rahmen der dort stattfindenden KSZE-Konferenz unterzeichnet Grand Budapest Hotel (Originaltitel: The Grand Budapest Hotel), US-deutsche Filmkomödie aus dem Jahr 2014 Literatur Gerd Biegel (Hrsg.): Budapest im Mittelalter (= Schriften des Braunschweigischen Landesmuseums. Band 62). Braunschweigisches Landesmuseum, Braunschweig 1991, ISBN 3-927939-04-8. Peter Haber: Budapest. Jüdisches Städtebild. Jüdischer Verlag, Frankfurt am Main 1999, ISBN 3-633-54159-4. Janos Hauszmann: Kleine Geschichte Budapests. Pustet, Regensburg 2012, ISBN 978-3-7917-2454-6. Arne Hübner, Johannes Schuler u. a.: Architekturführer Budapest. Verlag DOM publishers, 2012, ISBN 978-3-86922-157-1. András Székely, Fotografien Harald A. Jahn: Jugendstil in Budapest: die Sezession in Ungarns Metropole um die Jahrhundertwende. Harenberg, Frankfurt am Main 1995, ISBN 3-88379-698-0. Weblinks Offizielle Website der Stadt (ungarisch und englisch) Einzelnachweise Kategorie:Hauptstadt in Europa Kategorie:Hauptstadt in der EU Kategorie:Kurort in Ungarn Kategorie:Millionenstadt Kategorie:Ungarische Hochschul- oder Universitätsstadt Kategorie:Ort mit Binnenhafen Kategorie:Ort an der Donau Kategorie:NUTS-3-Region
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Bernardo Bertolucci
miniatur|hochkant|Bernardo Bertolucci (2011) Bernardo Bertolucci (* 16. März 1941 in Parma; † 26. November 2018 in Rom) war ein italienischer Filmregisseur. Zwischen 1962 und 2012 inszenierte er 16 Spielfilme. Sein dem Geheimnis verpflichteter Erzählstil war oft opernhaft und melodramatisch und ließ Mehrdeutigkeiten viel Raum. Bertolucci inszenierte vielfach mit Bezugnahmen auf Musik, Malerei und Literatur. Zu seinen meistbeachteten Werken gehören Der große Irrtum/Der Konformist, Der letzte Tango in Paris, 1900 (Novecento) sowie Der letzte Kaiser. Leben Herkunft und Jugend Bertolucci wurde Anfang der 1940er Jahre in der Emilia-Romagna geboren. Die Familie wohnte außerhalb Parmas im ländlichen Dorf Baccanelli, wo er viel Kontakt mit Bauernkindern hatte. Seine Mutter war Lehrerin für Literatur, der Vater Attilio war ein landesweit bekannter Dichter und lehrte Kunstgeschichte. Bertolucci kam noch vor dem Schulalter mit Poesie in Berührung, die er alltäglich vermittelt bekam, denn die Gedichte des Vaters rankten sich oft um die häusliche Umgebung. Mit sechs Jahren begann Bernardo Gedichte zu schreiben.Bernardo Bertolucci 1984 in: Dall’anonimato al successo, 23 protagonisti del cinema italiano raccontano, abgedruckt in: F. Gérard, T.J. Kline, B. Sklarew (Hrsg.): Bernardo Bertolucci: Interviews. University Press of Mississippi, Jackson 2000, ISBN 1-57806-204-7, S. 175–182 Daneben war der Vater als Filmkritiker für die Gazzetta di Parma tätig und fuhr regelmäßig nach Parma, um sich Filme anzusehen, über die er schreiben sollte. Oft nahm er Bernardo mit, der daraufhin „Parma“ mit „Kino“ gleichsetzte. Mit 15 Jahren drehte er zwei 16-mm-Amateurkurzfilme.Bernardo Bertolucci in Gili, Jean: Le cinéma italien. Union Générales d’Editions, Paris 1978, ISBN 2-264-00955-1, S. 40–42; Bertolucci in: Ungari, Enzo: Bertolucci. Bahia Verlag, München 1984, ISBN 3-922699-21-9, S. 87–91; Originalausgabe bei Ubulibri, Mailand 1982, S. 11–12; Bertolucci in Les Lettres Françaises, 10. Januar 1968 Als die Familie nach Rom umzog, verlor er die Bezugspunkte und fühlte sich entwurzelt. Er hatte es nun mit Kindern aus dem Kleinbürgertum zu tun: „Was als gesellschaftlicher Aufstieg gedacht war, erlebte ich als Herabstufung des Lebenswandels, denn schließlich haben die Bauern etwas Älterhergebrachtes und daher Aristokratischeres als das Kleinbürgertum.“ In den ersten Jahren in Rom habe er die Stadt abgelehnt.Gili 1978, S. 62 Zum Freundeskreis der Familie zählte dort der Dichter und spätere Filmemacher Pier Paolo Pasolini. Der Vater arbeitete für einen Verleger und half Pasolini 1955, dessen ersten Roman und danach auch Gedichte zu veröffentlichen. Als Belohnung für den erfolgreichen Schulabschluss durfte Bertolucci 1959 einen Monat in Paris verbringen, wo er öfter die Cinémathèque française aufsuchte. Mit zwanzig habe er den Eindruck gehabt, es sei selbstverständlich, Filme zu drehen. Er brach sein Literaturstudium an der Universität Rom ab und wurde Regieassistent bei Pasolinis Erstling Accattone.Gérard 2000, Einleitung S. XVII Da Pasolini als Literat im Film unerfahren war und sich dessen Ausdrucksmittel erst aneignen musste, hatte Bertolucci dabei das Gefühl, der „Geburt der filmischen Sprache“ beizuwohnen.Gili 1978, S. 40–42 Im Jahr darauf veröffentlichte Bertolucci den Gedichtband In cerca del mistero und erhielt dafür bei einem der angesehensten Literaturpreise Italiens, dem Premio Viareggio, die Auszeichnung in der Sektion für das beste Erstlingswerk. Dennoch wandte er sich endgültig von der Schriftstellerei ab. Familie und Privatleben mini|Bernardo Bertolucci (1971) Bernardos jüngerer Bruder Giuseppe war Theaterregisseur. Sein Cousin Giovanni ist Filmproduzent und hat diese Funktion bei einigen seiner Filme wahrgenommen. Bernardo Bertolucci lernte bei der Entstehung von Accattone Adriana Asti kennen, die für die nächsten Jahre seine Lebensgefährtin wurde. Sie spielte in seinem zweiten Spielfilm Vor der Revolution die weibliche Hauptrolle. 1980 heiratete er die britische Drehbuchautorin Clare Peploe.Tonetti, Claretta Micheletti: Bernardo Bertolucci. The cinema of ambiguity. Twayne Publishers, New York 1995, ISBN 0-8057-9313-5, S. xv Bertolucci litt viele Jahre unter Rückenproblemen. Eine misslungene Bandscheibenoperation zwang ihn ab 2003 in den Rollstuhl. Dadurch wurde er der schlechten Situation für Rollstuhlfahrer in Rom gewahr, u. a. dadurch, dass dort viele öffentliche Gebäude nicht barrierefrei sind. 2012 rief er eine Kampagne zur Verbesserung der Lage ins Leben.sda: In: Freiburger Nachrichten, 16. Oktober 2012. Er erkrankte an Krebs, an dessen Folgen er am 26. November 2018 im Alter von 77 Jahren in Rom starb. Politische Haltung Wie mehrere andere bedeutende italienische Filmregisseure auch, etwa Pasolini, Visconti und Antonioni, bekannte sich Bertolucci zum Marxismus. Er erzählte, dass er von Kindheit an Kommunist gewesen sei, als er viel Zeit unter Bauern verbrachte. Zunächst aus sentimentalen Gründen; als die Polizei eines Tages einen Kommunisten erschoss, habe er sich für deren Seite entschieden. Er trat jedoch erst 1968 der Kommunistischen Partei bei.Bernardo Bertolucci in Gili, Jean: Le cinéma italien. Union Générales d’Editions, Paris 1978, ISBN 2-264-00955-1, S. 63–64 Trotz der marxistischen Einstellung sprach er sich für Individualismus aus. „Die wichtigste Entdeckung, die ich nach den Ereignissen vom Mai 1968 machte, war, dass ich die Revolution nicht für die Armen gewollt hatte, sondern für mich. Die Welt hätte sich für mich ändern sollen. Ich entdeckte den individuellen Aspekt politischer Revolutionen.“ Er grenzte sich von jenen unter den Marxisten ab, die dem Volk dienen wollen, und fand, es sei dem Volk am besten gedient, wenn er sich selber diene, denn nur dann könne er Teil des Volkes sein.Bernardo Bertolucci im Gespräch mit Sight & Sound, Ausgabe Herbst 1972 Kino, auch politisches, habe keine politischen Auswirkungen.Gili 1978, S. 46 sowie Cineaste, Winter 1972–1973 Ende der 1970er Jahre sprach er von Schuldgefühlen, sich nicht genügend am Leben der Partei zu beteiligen.Gili 1978, S. 67 Schöpferischer Ansatz und Stil Zu Beginn seines filmischen Schaffens postulierte Bertolucci: „Ich sehe keinen Unterschied zwischen Kino und Gedichten. Damit meine ich, dass es von der Idee zum Gedicht keine Vermittlung gibt, so wie keine zwischen einer Idee und einem Film besteht.“ Bereits die Idee selbst müsse poetisch sein, sonst könne keine Poesie entstehen.Bernardo Bertolucci im Gespräch mit den Cahiers du cinéma, März 1965 Später schwächte er diese Aussage ab, indem er postulierte, der Film sei dem Gedicht näher als dem Roman. Als er im Alter von 15 Jahren mit einer 16-mm-Kamera bei den Bauern eine traditionelle Schweineschlachtung filmte, stach der Schlachter am Herz vorbei und das toll gewordene Tier entwand sich. Es rannte blutend über den verschneiten Hof, was selbst in Schwarzweiß imposant erschien und in ihm die Überzeugung weckte, beim Drehen dem Zufall so viel Raum wie möglich zu gewähren. Die Drehbücher betrachtete er nur als Skizzen, die er beim Drehen ebenso an die Schauplätze anpasste wie an die Darsteller, die sich nicht in die geschriebenen Figuren verwandeln sollten.Bernardo Bertolucci in Les Lettres Françaises, 10. Januar 1968, abgedruckt in: F. Gérard, T.J. Kline, B. Sklarew (Hrsg.): Bernardo Bertolucci: Interviews. University Press of Mississippi, Jackson 2000, ISBN 1-57806-204-7, S. 32–37 Der visuelle Stil seiner Filme ist gekennzeichnet von langen Kamerafahrten und sehr bewusst gestalteten Farben.Kolker 1985, S. 105 Bildausschnitte und Kamerabewegungen legte er als Bestandteil seines Regiestils, seiner persönlichen „Handschrift“ jeweils selbst fest. Sein langjähriger Kameramann Vittorio Storaro, zwischen 1969 und 1993 an acht Werken beteiligt, war nur für die Beleuchtung zuständig.Pierre Pitiot und Jean-Claude Mirabella: Sur Bertolucci. Editions Climats, Castelnau-le-Lez 1991, ISBN 2-907563-43-2, S. 79 Typisch für Bertoluccis Erzählstil sind Bezüge zu Werken der Malerei, der Oper, der Literatur und des Films oder Zitate daraus.Kolker 1985, S. 106 Der Vorspann einiger seiner Filme besteht aus der Einblendung eines oder mehrerer Gemälde. Sämtliche Filme bis 1981 enthalten eine Tanzszene, von denen manche der Handlung eine neue Wendung geben. Die Tänze drücken politische oder sexuelle Konflikte aus, dabei stehen ausgelassener Freudentaumel und strenger Regelgehorsam einander gegenüber.Film Quarterly, Jg. 37, Nr. 3, Frühling 1984, S. 62 Häufig wird sein Stil als der Oper verwandt beschrieben, weil er deren zur Schau gestellte Melodramatik und musikalische Lyrik anklingen lässt und ganze Handlungen von Verdi-Opern inspiriert sein können. Das Singen von Arien und andere Anspielungen auf Verdi dienen als ironischer Kommentar zum Geschehen.Kolker 1985, S. 61; Pitiot 1991, S. 41 Seine Filme fallen in die unterschiedlichsten Genres, wenn der Genre-Begriff überhaupt angemessen ist. Die Schlüsse seiner Werke sind, zum Missfallen vieler Zuschauer, meist offen, „Rückzüge, Auflösungen ins Unwirkliche, um keinen Punkt setzen zu müssen.“Urs Jenny: Phantom Afrika. In: Der Spiegel, Nr. 43, 22. Oktober 1990, S. 276–278; ähnlich Urs Jenny: Delirium zu dritt. In: Der Spiegel, Nr. 4, 19. Januar 2004, S. 148–149 Die vordergründige Handlung ist von untergeordneter Bedeutung, sofern sie im Einzelnen überhaupt nachvollziehbar ist.Dietrich Kuhlbrodt: Bernardo Bertolucci. Reihe Film 24, Hanser Verlag, München 1982, ISBN 3-446-13164-7, S. 99 Inhaltliche Schwerpunkte Autobiografische Elemente haben häufig Eingang in Bertoluccis Filme gefunden; dennoch entwickelte er Drehbücher oft mit Koautoren.Gili 1978, S. 54–55 Er gewährte unzählige Gespräche, bevorzugt mit Filmfachzeitschriften, in denen er seine Werke und seine darin verfolgten Absichten erklärte. Oft zeigte er die Einflüsse in seinen Filmen auf, solche aus der Kunst wie aus seinem persönlichen Leben und aus seiner Psychoanalyse. Er bemühte sich, als Autor seiner Filme wahrgenommen zu werden.Robert Philip Kolker: Bernardo Bertolucci. BFI Publishing, London 1985, ISBN 0-85170-166-3, S. 3–4 Mehrdeutigkeit In Mehrdeutigkeiten, Widersprüchen und Paradoxa sah Bertolucci etwas Positives, weil Freiheit total sein müsse, sogar wenn dies zu inkohärenten Haltungen führe.F. Gérard, T.J. Kline, B. Sklarew (Hrsg.): Bernardo Bertolucci: Interviews. University Press of Mississippi, Jackson 2000, ISBN 1-57806-204-7, Introduction S. IX-XVI „Wir sollten gegen das arbeiten, was wir gemacht haben. Man macht etwas, dann widerspricht man dem, dann widerspricht man dem Widerspruch und so weiter. Lebendigkeit entsteht genau kraft der Fähigkeit, sich selber zu widersprechen …“Bernardo Bertolucci in Cinema e film, Nr. 7/8, Erscheinungsdatum unplausibel angegeben mit Frühling 1968 (vermutlich 1969), abgedruckt in: F. Gérard, T.J. Kline, B. Sklarew (Hrsg.): Bernardo Bertolucci: Interviews. University Press of Mississippi, Jackson 2000, ISBN 1-57806-204-7, S. 38–50 Der Titel seines einzigen veröffentlichten literarischen Werks, des Gedichtbandes In cerca del mistero, bedeutet „Auf der Suche nach dem Geheimnis“. Diese Suche zog sich durch sein ganzes filmisches Schaffen. Er bewegte sich sowohl in der erfahrbaren Welt wie auch im Traum, lotete die Beziehung zwischen Vergangenheit und Gegenwart aus, zwischen dem, was man ist, und dem, was man zu sein hat.Carlo Tagliabue: Bertolucci: The narrow road to a forked path, in: Framework, 2, Herbst 1975, S. 13 „Er jongliert zwischen den Genres, Stilen und Theorien und mischt zu jedem Spiel die Karten aufs Neue.“ Er spielte mit allen Formen, meidet Einförmigkeit und versucht beständig Neues, das erstaunt und befremdet.Witte 1982, S. 7–8; ähnlich Kolker 1985, S. 1 Er wollte für sein Publikum möglichst unvorhersehbar sein und es überraschen, wie er auch sich selbst von Werken anderer gerne überraschen ließ. Überzeugt, dass ein Film erst durch den Zuschauer vollendet werde, hielt er jede Deutung eines Werkes für richtig.Bernardo Bertolucci im Gespräch mit Sight and Sound, April 1994, S. 18–21 Bertolucci war Kosmopolit, was sich insbesondere in seinen internationalen Großproduktionen ausdrückte, die auf vier Kontinenten spielten. „Bertoluccis Protagonisten sind Gefangene, die aus ihrer Heimat ausbrechen können, aber noch in der Fremde Gefangene ihrer Sehnsucht werden.“Witte 1982, S. 16. Identität und Doppelgängermotiv In mathematischen Größen wäre sein Werk durch die Zahl 2 am besten umschrieben, geometrisch durch die Ellipse, die statt eines einzigen Zentrums deren zwei hat. Der Zuschauer, gewohnt seine Aufmerksamkeit auf einen Punkt zu richten, ist gezwungen, zwei Zentren zu beachten.Tonetti 1995, Vorwort Seite xi; Pitiot 1991, S. 34 Bertolucci stellte häufig Identitäten infrage; wiederholt tauchen die Motive der Schizophrenie, gespaltener Persönlichkeiten und des Doppelgängers auf. So manche Figuren führten parallele Leben oder wurden vom selben Schauspieler verkörpert.vgl. Pitiot 1991, S. 35–36; Tonetti 1995, Vorwort Seite xi; Gili 1978, S. 62 Am offensichtlichsten ist das Prinzip in Partner, das auf Dostojewskis Roman Der Doppelgänger basiert. Auch in der Strategie der Spinne spielt derselbe Darsteller zwei Rollen, Vater und Sohn. Die beiden Figuren Olmo und Alfredo in 1900 sind am selben Tag geboren und Bertolucci unterzog ihre parallel geschilderten Leben einem Vergleich. In den Träumern kommt ein Zwillingspaar vor, ein Bruder und eine Schwester, die voneinander nicht loskommen. Aber auch Ereignisse innerhalb eines Films fanden oft in gewandelter Form zweimal statt. Manchmal enthielten die Bilder Spiegelungen, und Wirklichkeit und Einbildung bestanden nebeneinander.Filmkritik März 1971, S. 139 In Bertoluccis Universum war eben auch nichts einzigartig.Pitiot 1991, S. 36 Vergänglichkeit und Tod In Bertoluccis Universum ist nichts fest. Menschen, Gesellschaften, Situationen und die Moral sind allmählichen Verwandlungen unterworfen und vergänglich. Großen Raum nehmen Alterung und körperlicher Verfall ein. Der Tod ist nicht ein brutal eintretender Endpunkt des irdischen Lebens, sondern innerhalb des Lebens präsent als eine in zahlreiche Fragmente zerstückelte Agonie, „ein langer, keuchender Schrei.“Pitiot 1991, S. 33 Bertolucci zitierte den Ausspruch, Film zeige den Tod bei der Arbeit.Bertolucci in: Ungari 1984, S. 30. Diese Aussage wurde seinen Angaben zufolge von Jean Cocteau geäußert. Grundlage aller Poesie sei das Vergehen von Zeit. In auffallend vielen Titeln seiner Filme kommt die Zeit vor, am offensichtlichsten in Vor der Revolution und 1900. Der Mond in La Luna ist für die Gezeiten verantwortlich. Es gibt den Letzten Tango und den Letzten Kaiser, und der Tod ist präsent in Todeskampf und La Commare Secca.Karsten Witte: Der späte Manierist. In: Bernardo Bertolucci, Reihe Film 24, Hanser Verlag, München 1982, ISBN 3-446-13164-7, S. 21–22 Ödipale Konflikte mit Vaterfiguren Seine Figuren unterliegen oft einem Determinismus und können der Vergangenheit nicht entkommen.Positif, März 1973, S. 35 Es sind zum Beispiel junge Menschen, die aus ihrer Familie und sozialen Klasse ausbrechen wollen, aber unweigerlich nach den Mustern der Vergangenheit leben. Ihnen steht eine männliche Autoritätsfigur gegenüber, die gemischte Gefühle hervorruft und die sie letztlich ablehnen.Marsha Kinder: Bertolucci and the Dance of Danger In: Sight & Sound, Herbst 1973, S. 186–187 Die aufbegehrenden Söhne erringen nur vorübergehend Siege, die Strategien der Väter überdauern.Kolker 1985, S. 171 Der Vatermord taucht als Motiv mehr oder minder offen in fast allen Filmen der ersten Schaffenshälfte auf.Ungari 1984, S. 223 Bertolucci hatte es in jungen Jahren mit mehreren Vaterfiguren zu tun, die auf sein Leben und Werk Einfluss hatten, von dem er sich befreien wollte.Yosefa Loshitzky: The radical faces of Godard and Bertolucci. Wayne State University Press, Detroit 1995, ISBN 0-8143-2446-0, S. 14 Sein Vater Attilio Bertolucci war ein in Italien bekannter Dichter. Zwar veröffentlichte Bernardo Bertolucci einen eigenen Gedichtband, doch blieb dieser sein einziges literarisches Werk. Er habe mit dem Vater wettstreiten wollen und dann gespürt, dass er den Kampf verlieren würde. Daher sei er auf ein anderes Gebiet ausgewichen, das Kino.Richard Roud: Fathers and Sons. In: Sight & Sound, Frühling 1971, S. 61 Ein anderes Mal begründete er das Ende seiner dichterischen Arbeit damit, in Gedichten und in Filmen nicht dasselbe mitteilen zu wollen. Die zweite Figur war Pier Paolo Pasolini. Er wohnte einige Jahre im selben Gebäude; der junge Bernardo war mit ihm befreundet und las ihm regelmäßig seine Gedichte vor; es entwickelte sich eine Beziehung wie zwischen Lehrer und Schüler.Bernardo Bertolucci im Gespräch mit Jean Gili: Le cinéma italien, Paris 1978, S. 001 Diese setzte sich fort, als ihn Pasolini 1961 zu seinem Regieassistenten ernannte. Stilistisch blieb Pasolinis Einfluss bescheiden. Die künstlerisch beherrschende Gestalt war der französische Filmregisseur Jean-Luc Godard. Die Filme aus Bertoluccis ersten zwei Jahrzehnten sind von einer ästhetischen und politischen Auseinandersetzung mit Godard und seinem Werk geprägt. Während er Godards Einfluss in Vor der Revolution und Partner feierte, verwirklichte er in der Strategie der Spinne einen eigenen Stil und schritt darauf im Film Der große Irrtum zum symbolischen Vatermord. Im Letzten Tango in Paris schließlich karikierte er Godards und seine eigene Kinomanie in der Figur des Jungfilmers Tom. Godard radikalisierte sich Ende der 1960er Jahre politisch wie filmästhetisch und stand Bertoluccis Hinwendung zu konventionelleren Großproduktionen ablehnend gegenüber.Loshitzky 1995, S. 13–17 Bertolucci nannte Ende der 1960er Jahre Pasolini und Godard als seine bevorzugten Regisseure, zwei große Poeten, die er sehr bewunderte, und daher habe er gegen beide anfilmen wollen. Denn um Fortschritte zu erzielen und um anderen etwas geben zu können, müsse man mit jenen kämpfen, die man am meisten liebe. Frauen als Nebenfiguren Bertolucci thematisierte häufig die Unterdrückung von Söhnen durch Väter beziehungsweise durch das Patriarchat. Im Mittelpunkt des narrativen und emotionalen Geschehens stehen männliche Figuren, während die weiblichen Rollen Ableitungen männlicher Ängste und Hassgefühle sind. Es sind oft niedere oder gar destruktive Rollen, die meist eine sexualisierte Funktion innerhalb der Erzählung einnehmen. An der Figur Caterina in La Luna offenbarte Bertolucci seine Sicht, dass sich kreative Arbeit und Muttersein nicht erfolgreich vereinbaren lassen.Kolker 1985, S. 225–233 Die Frauen haben in der Regel keine intellektuellen Interessen und leben für Instinkte und sinnliches Vergnügen. Es sind die männlichen Figuren, die leiden und diese Leiden geistig verarbeiten.Loshitzky 1995, S. 186 Im Gespräch mit der italienischen Presseagentur ANSA sagte Bertolucci über seine Beziehung zu Maria Schneider: "Die starke und kreative Beziehung, die wir während der Dreharbeiten zu 'Der letzte Tango in Paris' hatten, wurde mit der Zeit vergiftet. Maria warf mir vor, ihr ihre Jugend gestohlen zu haben. Und erst heute frage ich mich, ob daran nicht etwas Wahres war." Filmische Laufbahn Anfangsjahre (bis 1969) Die ersten Jahre seines filmischen Schaffens waren geprägt von der Suche nach einem eigenen Stil und eigenen Themen.Kolker 1985, S. 1 Im Alter von nur 21 Jahren erhielt Bertolucci überraschend die Gelegenheit, einen ersten Film zu drehen. Nach dem Erfolg von Pasolinis Film Accattone war der Produzent darauf aus, eine seiner Kurzgeschichten zu verfilmen. Da sich Pasolini bereits dem Projekt Mamma Roma zugewandt hatte, beauftragte der Produzent mit der Ausarbeitung des Stoffes zu einem Drehbuch einen anderen Autor und Bertolucci, dem das dargestellte Milieu römischer proletarischer Kleinkrimineller fremd war. Dennoch bemühte er sich, den Erwartungen des Produzenten nach einem „pasolinesken“ Produkt gerecht zu werden. Nach Fertigstellung bot ihm der Produzent auch die Regie an. Bertolucci versuchte, La Commare Secca (1962) zu „seinem“ Film zu machen durch einen eigenen Stil, der von Pasolini unbeeinflusst sei.Bernardo Bertolucci in Film Quarterly, Jg. 20, Nr. 1, Herbst 1966, abgedruckt in: F. Gérard, T.J. Kline, B. Sklarew (Hrsg.): Bernardo Bertolucci: Interviews. University Press of Mississippi, Jackson 2000, ISBN 1-57806-204-7, S. 17–27Bernardo Bertolucci im Gespräch mit Il giorno, 19. August 1962, abgedruckt in: F. Gérard, T.J. Kline, B. Sklarew (Hrsg.): Bernardo Bertolucci: Interviews. University Press of Mississippi, Jackson 2000, ISBN 1-57806-204-7, S. 6–9 Besonders auffällig sind die zahlreichen Kamerafahrten, von denen der mitwirkende Kameramann behauptete, er hätte noch in keinem Film so viele durchzuführen gehabt. In dieser Zeit sah er sich nie ganz dem italienischen Kino zugehörig; näher stand er der französischen Kinematografie, die er am interessantesten fand. Mit der Presse sprach er bevorzugt auf Französisch, weil es die Sprache des Kinos sei.Bertolucci im Gespräch mit Il tempo, 2. Januar 1983, zit. in: F. Gérard, T.J. Kline, B. Sklarew (Hrsg.): Bernardo Bertolucci: Interviews. University Press of Mississippi, Jackson 2000, ISBN 1-57806-204-7, S. 169–170 Bei seinem zweiten Film Vor der Revolution (1964), produziert von einem filmbegeisterten Mailänder Industriellen, konnte er ein eigenes, persönliches Thema behandeln: die Schwierigkeit eines Intellektuellen bürgerlicher Herkunft, gleichzeitig Marxist und für die proletarischen Massen da zu sein, die Angst, auf das eigene Milieu zurückgeworfen zu werden, weil die Wurzeln so stark seien. Er habe für diese Angst vor der eigenen Feigheit noch keine Lösung gefunden, erklärte er später, die einzige Möglichkeit sei, sich der Dynamik und „unglaublichen Vitalität“ des Proletariats anzuschließen, der echten revolutionären Kraft auf der Welt. Der Stil verrät stilistische Einflüsse von Godard und Antonioni. Das Werk wurde in Italien kaum aufgeführt und erntete dort meist ablehnende Kritiken, während das Echo der internationalen Filmkritik besser war. Beim Dreh begegnete er erstmals Vittorio Storaro, der als Kameraassistent mitwirkte. Storaro hatte den Eindruck, dass Bertolucci ein ungeheures Wissen hatte, besonders für jemanden in seinem Alter, jedoch auch viel Überheblichkeit zeigte.Vittorio Storaro in Guiding light. In: American Cinematographer, Februar 2001, S. 74 In den folgenden Jahren lehnte Bertolucci immer wieder Angebote ab, Italowestern zu drehen.Bernardo Bertolucci im Gespräch mit Il giorno, 22. September 1967, abgedruckt in: F. Gérard, T.J. Kline, B. Sklarew (Hrsg.): Bernardo Bertolucci: Interviews. University Press of Mississippi, Jackson 2000, ISBN 1-57806-204-7, S. 31 Er wollte keine Kompromisse eingehen und nicht wie manch anderer Regisseur Filme drehen, an die er nur halb glaubte. So vergingen mehrere Jahre, ohne dass er einen langen Spielfilm verwirklichen konnte. Aus dieser Zeit zu verzeichnen sind lediglich die Mitarbeit am Drehbuch von Spiel mir das Lied vom Tod, eine Fernsehdoku über den Öltransport sowie der Kurzfilm Todeskampf, ein Beitrag zum Episodenfilm Liebe und Zorn. Das filmische Ideal, das er in den 1960er Jahren verfolgte, war ein Kino, das vom Kino handelte, die eigene Sprache reflektierte und erneuerte, im Geiste Godards.Bernardo Bertolucci im Gespräch mit Positif, November 1981, S. 19–25 Die Filme sollten sich ihrer selbst bewusst sein und das Publikum, das von Film nichts verstehe, lehren. Seine Drehbücher verfasste er damals zusammen mit Gianni Amico, mit dem er die Weltanschauung teilte und der ihn in einer cinéphilen, experimentellen, das gewöhnliche Publikum wenig berücksichtigenden Arbeitsweise bestärkte.Gili 1978, S. 55 So entstand auch Partner, wo er inhaltlich und formal Godard imitierte. Der wirre Film stieß auf wenig Verständnis; recht bald distanzierte er sich vom „neurotischen“, „kranken“ Nebenwerk.Ungari 1984, S. 52 Später fand er, dass seine intensive Beschäftigung mit Filmsprache ihn zu stilistischer Arroganz verleitet hatte und dass er nach Partner ein großes Verlangen nach Publikum für seine Filme verspürte. Er stürzte in eine tiefe Depression und begann 1969 eine Psychoanalyse. Diese wurde zu einem kreativen Motor und half ihm, sich von den „kranken Theorien“, wie er sie nannte, zu befreien, die sein frühes Schaffen stilistisch geprägt haben.Bertolucci in Positif, März 1973, S. 29, und in Gili 1978, S. 56 Zwischen der Analyse und der Arbeit bestand eine Ersatzbeziehung: „Wenn ich einen Film drehe, fühle ich mich wohl und brauche keine Analyse.“Gili 1978, S. 63 Eine erste Frucht seiner neuen Methode war Die Strategie der Spinne, die er 1969 fürs italienische Fernsehen drehte. Erstmals war Vittorio Storaro für das Licht verantwortlich; Bertolucci sollte fortan für über zwei Jahrzehnte mit ihm arbeiten und sie verband eine enge Freundschaft. Die beiden entwickelten eine unverwechselbare Bildsprache, Bertoluccis spezifischer visueller Stil kam erstmals unverfälscht von Godards Einfluss zur vollen Entfaltung. Dabei befasste er sich mit seinen bevorzugten Themen wie der Verknüpfung von Geschichte und Geschichtsschreibung mit der Gegenwart, dem Ringen des Sohnes mit dem Vater, gespaltenen Identitäten, Faschismus und Widerstand. Internationale Großproduktionen (1970–1976) Mit dem Großen Irrtum, auch bekannt als Der Konformist, betrat Bertolucci die Bühne der internationalen Großproduktionen. Der Film wurde in Frankreich und Italien in geschichtlichen Kulissen aufwendig gedreht, mit dem Star Jean-Louis Trintignant in der Hauptrolle. Wieder lotete er Italiens faschistische Vergangenheit aus und konstruierte einen psychosexuellen Erklärungsansatz für das Handeln der Hauptfigur. Das Werk zeichnet sich durch eine zeitlich fragmentierte Handlung und einen visuellen Stil aus, der inhaltliche Aussagen mit Hilfe des eingesetzten Lichts unterstreicht. Der große Erfolg etablierte Bertolucci als Filmemacher von Weltrang. Mit dem Großen Irrtum begann Bertoluccis Zusammenarbeit mit Franco Arcalli, die bis zu dessen Tod 1978 andauerte. Dank Arcalli erkannte er, dass er mit dem Schnitt neue Sichtweisen gewinnen kann.Ungari 1984, S. 72–73 Da er Arcalli als stimulierend und ideenreich erlebte, der Schnitt gleichsam zu einer Revision des Drehbuchs geriet, avancierte Arcalli auch zum Drehbuchautor.Bertolucci in Gili, Jean: Le cinéma italien, Union Générales d’Éditions, Paris 1978, ISBN 2-264-00955-1, S. 59–60 Einen weiteren Höhepunkt erreichte Bertolucci mit dem Drama Der letzte Tango in Paris (1972), mit Marlon Brando in der Hauptrolle. Der nur vordergründig unpolitische Film schildert den Daseinsschmerz eines Mannes im mittleren Alter und sein Leiden an der Unterdrückung des Lustprinzips in der westlichen Kultur. Wegen seiner drastischen, unverblümten Darstellung von Sex war der Film ein beherrschendes Gesprächsthema. Die Skandalisierung und Zensurversuche bewirkten einen enormen Kassenerfolg, in den USA blieb er auf Jahre hinaus der einträglichste europäische Film. Mit diesen Erfolgen im Rücken konnte Bertolucci ein Vorhaben in Angriff nehmen, das oft als größenwahnsinnig beschrieben wird: die Erzählung eines halben Jahrhunderts italienischer Geschichte in dem über fünfstündigen 1900. Von den US-amerikanischen Filmstudios war der Film auf sieben Millionen US-Dollar veranschlagt, und am Ende kostete er über acht Millionen.Kolker 1985, S. 70 Obwohl ganz in Italien angesiedelt, werden mehrere Rollen von internationalen Stars gespielt, darunter Burt Lancaster, Gérard Depardieu, Donald Sutherland, Dominique Sanda und Robert De Niro. Es ist ein Hohelied auf die bäuerliche Schicht und auf den Kommunismus. Der Film überraschte die Kritik mit seiner konventionellen Form; Bertolucci wählte bewusst eine ans Massenkino angelehnte einfache und emotionale Filmsprache, um seine Botschaft breiter streuen zu können.Kolker 1985, S. 72–73 Wegen des politischen Gehalts wollten die Studios 1900 in den Vereinigten Staaten nicht wie vorgesehen in den Vertrieb nehmen. Um die zu veröffentlichende Fassung kam es zu einem auch gerichtlich ausgetragenen Streit zwischen Bertolucci, dem Produzenten Grimaldi und den Studios. Diese setzten für die US-Version starke Kürzungen durch, werteten den Film dort kaum aus, und bei der US-Kritik stieß das Werk als Propaganda auf völlige Ablehnung. In Europa lief es nur leicht gekürzt. Bertolucci erkannte später den Widerspruch zwischen den kapitalistischen, multinationalen Produktionsbedingungen und der naiven, lokal verwurzelten utopischen Vision.Ungari 1984, S. 191 Kleinere Produktionen (1977–1982) Mehrere geplante Filmprojekte, darunter die Verfilmung von Dashiell Hammetts Roman Red Harvest, scheiterten daran, dass er Produzenten nicht von ihnen überzeugen konnte.Bertolucci im Gespräch mit Positif, Nr. 424, Juni 1996, Paris, S. 25 Er wollte seinen ersten amerikanischen Film auf Basis eines Klassikers der US-Literatur machen. Das Projekt kam für ihn nur als politischer Film infrage, die amerikanischen Produzenten hatten jedoch kein Verständnis für seine Lesart des Romans.Witte, 1982, S. 72–75 Bei der Dimensionierung seiner nächsten beiden Filmprojekte musste Bertolucci viel bescheidener sein. Das Drama La Luna (1979) um eine inzestuöse Mutter-Sohn-Beziehung entstand mit einem wesentlich kleineren Budget und wenigen Darstellern. Gedreht wurde vor allem in Rom, teilweise auch in Parma und New York, und in den Hauptrollen ist es mit US-amerikanischen Darstellern besetzt. Bertolucci hat darauf hingewiesen, dass es in diesem Werk kein ständiges Fragen nach dem Wesen von Film und Kino mehr gibt;Ungari, Enzo: Bertolucci. Bahia Verlag, München 1984, S. 197–198 La Luna schäme sich nicht des Vergnügens.Bertolucci zit. in: Kolker 1985, S. 161 Doch genau dieses Beharren auf einem konventionellen, konsumierbaren Erzählstil enttäuschte die Kritik.Kline, T. Jefferson: Bertolucci’s Dream Loom, 1987, S. 148; Kolker 1985, S. 152–159 Noch stärker auf seine Heimatregion um Parma konzentriert blieb er in der Tragödie eines lächerlichen Mannes (1981), wo er die nebulöse politische Lage in Italien in den Vordergrund rückte. Bis auf Anouk Aimée mit Italienern besetzt und in italienischer Sprache, war es innerhalb des Vierteljahrhunderts seiner Zusammenarbeit mit Storaro der einzige Streifen, für den er einen anderen Kameramann beizog. Dem metafilmischen Diskurs ließ er so viel Raum wie seit Partner nicht mehr und verweigerte dem Publikum eine nachvollziehbare Handlung und die Identifikation mit einer Figur. Das Werk rief bei der Kritik sehr unterschiedliche Bewertungen hervor – einige stellten eine resignative Haltung fest – und fand beim Publikum kaum Beachtung. Manche Filmpublizisten, die sein ganzes Werk überblicken, meinen, die Tragödie sei das möglicherweise am meisten unterschätzte Werk Bertoluccis.Gérard, Fabien S. (Hrsg.): Bernardo Bertolucci. Interviews. University Press of Mississippi, Jackson 2000, ISBN 1-57806-204-7, S. XX; ähnlich Film Quarterly, Jg. 37, Nr. 3, Frühling 1984, S. 57 Andere Kulturkreise (1983–1993) Zu Beginn der 1980er Jahre zeigte sich Bertolucci sehr enttäuscht von Italien und dem politischen System. Er verlor auch das Interesse an der Gegenwart.Bertolucci im Gespräch mit Il tempo, 2. Januar 1983, zit. in F. Gérard, T.J. Kline, B. Sklarew (Hrsg.): Bernardo Bertolucci: Interviews. University Press of Mississippi, Jackson 2000, ISBN 1-57806-204-7, S. 173–174 Das führte ihn auf die Suche nach etwas ganz anderem und die Besonderheiten nicht-westlicher Kulturen.Bertolucci im Gespräch mit Positif, Nr. 424, Juni 1996, Paris, S. 25; Gérard 2000, S. XX, spricht von einer „orientalischen Trilogie“. Als Ergebnis drehte er, wieder mit Storaro, drei Filme, in denen er seine Themen vor dem Hintergrund Chinas, Nordafrikas und des Buddhismus behandeln konnte. Diese drei Filme haben gemein, dass der Regisseur gegenüber Vaterfiguren versöhnlicher geworden war, die nun als Lehrer und Weise erschienen. Das erste Projekt war Der letzte Kaiser (1987), bei dem er als cineastischer Marco Polo das Leben des letzten chinesischen Kaisers Pu Yi nachzeichnete – zum ersten Mal hatte es die chinesische Regierung einer westlichen Filmproduktion erlaubt, in der Verbotenen Stadt zu drehen. Mit seinem Erfolg bei Kritik und PublikumTonetti 1995, S. 226 stellt das mit Auszeichnungen überhäufte Geschichtsdrama einen weiteren Höhepunkt in Bertoluccis Schaffen dar. Der darauffolgende Film Himmel über der Wüste (1990) führte ihn nach Marokko und in die Sahara und ist mit den Stars Debra Winger und John Malkovich besetzt. Er handelt von einem Paar, das vor der westlichen Zivilisation flüchtet und in der Begegnung mit dem Fremden und der Sahara seine Identität verliert. Die Kritik war sich nicht einig, wie gut Bertolucci Themen und Figuren des Romans von Paul Bowles getroffen hat; doch selbst einige der negativen Kritiken bescheinigten dem Werk, sein Blick auf die Landschaften und Städte Nordafrikas sei sinnlich und überwältigend.Reclams Filmführer, Philipp Reclam jr., Stuttgart 1993, ISBN 3-15-010389-4, S. 756; Franz Ulrich in Zoom, Nr. 22, 1990, S. 7–9; ; Greg Changnon in: Magill, Frank N. (Hrsg.), Magill’s Cinema Annual 1991, Salem Press, Pasadena 1991, ISBN 0-89356-410-9, S. 328–331 Die dritte der „exotischen“ Produktionen ist Little Buddha aus dem Jahr 1993, mit dem sich Bertolucci an Kinder jeden Alters wenden wollte. Es ergründet Buddhismus und Reinkarnation. Viele Kritiker empfanden das Werk als zu einfach und vermissten die Vielschichtigkeit seiner bisherigen Werke. Es war sein erster Film, der nicht um einen Konflikt politischer, psychologischer oder zwischengeschlechtlicher Art gebaut ist. Der Regisseur bezeichnete sich als skeptischen Amateur-Buddhisten, als nur an der ästhetischen und poetischen Seite dieser Philosophie interessiert. Nach dem Untergang der kommunistischen Utopie des gewohnten Raums für Träume verlustig gegangen, fand er im Buddhismus ein neues inspirierendes Feld. Die Umstellung sei ihm leichtgefallen, denn der Buddhismus habe mit Marx und Freud gemein, dass sie alle nicht Gottheiten, sondern den Menschen in den Mittelpunkt stellen.Bernardo Bertolucci in Neue Zürcher Zeitung, 18. Februar 1994, S. 65 Spätwerk (ab 1994) Als er die fünfzig überschritten hatte, waren Konflikte mit Vaterfiguren kein wichtiger Bestandteil mehr. Die Themen seiner früheren Filme kommen in Gefühl und Verführung (1995) zwar in Gestalt melancholisch zurückgezogener 68er vor, doch die Hauptfigur ist ein junges unerfahrenes Mädchen. Sein nächstes Werk, das Kammerspiel Shandurai und der Klavierspieler (1998), fand bei der Kritik viel Zustimmung, doch in Deutschland zunächst keinen Verleih. Es gelangte erst in die Kinos, als das Interesse an Bertolucci mit dem kommerziellen Erfolg der Träumer 2003 wieder erwachte. Die Träumer sind drei junge Menschen, die in Paris 1968 eine Dreierbeziehung leben und sich von den Ereignissen auf der Straße abkapseln. Bertoluccis Spätwerke ernteten bei einem Teil der Kritik den Vorwurf, Film gewordene Altherrenfantasien zu sein, bei denen er sich an den Körpern junger Frauen delektierte.Birgit Glombitza: Auf dem Hochsitz des Väterlichen. In: taz, 21. Januar 2004, S. 16; Hanns-Georg Rodek: Die Revolution endet in der Badewanne. In: Die Welt, 21. Januar 2004; Cinema, 2004, Nr. 1: Die Träumer; Annette Stiekele: Dem Bürgertum die Zähne zeigen. In: Hamburger Abendblatt, 22. Januar 2004 sowie von derselben Autorin: Einsamer Künstler rettet arme afrikanische Putzfrau. In: Hamburger Abendblatt, 3. März 2005. Nach den Träumern konnte er fast zehn Jahre lang keinen weiteren Film vollenden. Das Projekt Bel Canto, die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Ann Patchett über eine Geiselnahme in Südamerika, musste auf unbestimmte Zeit verschoben werden. 2007 wandte er sich einem anderen Vorhaben zu, einem Drama über den italienischen Musiker Carlo Gesualdo, der im 16. Jahrhundert lebte und mordete.Variety, 24. August 2007: Bertolucci comes home to Venice Erst 2012 wurde mit Ich und Du (Io e te) seine erste Spielfilmregiearbeit nach zehn Jahren Pause außer Konkurrenz bei den Filmfestspielen von Cannes uraufgeführt. Im Frühjahr 2018 bekundete Bertolucci, er wolle einen Film über die Liebe und damit verbundene Kommunikationsprobleme drehen, allerdings kam es nicht mehr dazu. Filmografie → Erweiterte Filmografie 1962: La Commare Secca 1964: Vor der Revolution (Prima della rivoluzione) 1968: Partner 1969: Todeskampf (Agonia), Episode aus Liebe und Zorn (Amore e rabbia) 1970: Die Strategie der Spinne (La strategia del ragno) 1970: Der große Irrtum (Il conformista) 1972: Der letzte Tango in Paris (Ultimo tango a Parigi) 1976: 1900 (Novecento) 1979: La Luna 1981: Die Tragödie eines lächerlichen Mannes (La tragedia di un uomo ridicolo) 1987: Der letzte Kaiser (The Last Emperor) 1990: Himmel über der Wüste (The Sheltering Sky) 1993: Little Buddha 1996: Gefühl und Verführung (Stealing Beauty) 1998: Shandurai und der Klavierspieler (L’assedio) 2003: Die Träumer (I sognatori) 2012: Ich und Du (Io e te) Darüber hinaus hat Bertolucci einige Kurz- und Dokumentarfilme gedreht. Auszeichnungen miniatur|Bernardo Bertoluccis Stern auf dem Hollywood Walk of Fame Neben dem 1962 gewonnenen Premio Viareggio für seinen Gedichtband In cerca del mistero (Bestes Erstlingswerk) erhielt Bertolucci im Laufe seiner Karriere 49 Film- und Festivalpreise, darunter zwei Oscars und zwei Golden Globe Awards für Der letzte Kaiser. Für 32 weitere Auszeichnungen war er nominiert. Eine Auswahl der gewonnenen Preise und Auszeichnungen, inklusive einiger Nominierungen:IMDB Liste der Filmpreise von Bertolucci in der Internet Movie Database (abgerufen am 27. November 2018). Filme 1970: Interfilm-Preis (Lobende Erwähnung) bei den Internationalen Filmfestspielen Berlin für Der große Irrtum 1970: Sutherland Trophy des British Film Institute für Der große Irrtum 1971: National Society of Film Critics Award für Der große Irrtum (Beste Regie) 1972: Oscar-Nominierung für Der große Irrtum (Bestes adaptiertes Drehbuch) 1973: Nastro d’Argento für Der letzte Tango in Paris (Beste Regie) 1974: Golden-Globe-Nominierung für Der letzte Tango in Paris (Beste Regie) 1974: Oscar-Nominierung für Der letzte Tango in Paris (Beste Regie) 1977: Bodil für 1900 (Bester europäischer Film) 1988: César für Der letzte Kaiser (Bester ausländischer Film) 1988: Zwei David di Donatello für Der letzte Kaiser (Beste Regie, Bestes Drehbuch – gemeinsam mit Mark Peploe) 1988: Directors Guild of America Award für Der letzte Kaiser (Beste Spielfilmregie) 1988: Europäischer Filmpreis für Der letzte Kaiser (Spezialpreis der Jury) 1988: Gilde-Filmpreis für Der letzte Kaiser (Bester ausländischer Film) 1988: Zwei Golden Globe Awards für Der letzte Kaiser (Beste Regie, Bestes Drehbuch – gemeinsam mit Mark Peploe) 1988: Nastro d’Argento für Der letzte Kaiser (Beste Regie) 1988: Zwei Oscars für Der letzte Kaiser (Beste Regie, Bestes adaptiertes Drehbuch – gemeinsam mit Mark Peploe) 1989: British Academy Film Award für Der letzte Kaiser (Bester Film – gemeinsam mit Jeremy Thomas) 1989: Kinema-Jumpō-Preis für Der letzte Kaiser (Bester fremdsprachiger Film) 1991: Golden-Globe-Nominierung für Himmel über der Wüste (Beste Regie) 1994: Goldene Kamera für Little Buddha (Film – International) 1998: Freedom of Expression Award des National Board of Review (für die Veröffentlichung des Director’s Cut von Der letzte Kaiser) 2013: Nastro d’Argento für Ich und Du (gemeinsam mit dem übrigen Filmstab) Gesamtwerk 1997: Ehrenleopard des Filmfestivals von Locarno 1998: British Film Institute Fellowship 2007: Goldener Ehrenlöwe der Filmfestspiele von Venedig (als „vielleicht berühmtester italienischer Regisseur der Gegenwart, und einer der wichtigsten und einflussreichsten in der Geschichte des Kinos“ der Biennale, Venedig, 18. Juni 2007, Online-Ressource, abgerufen am 14. September 2007.) 2008: Stern auf dem Hollywood Walk of Fame (offizielle Einweihung im November 2013 am 6925 Hollywood Blvd.Bernardo Bertolucci auf der offiziellen Webseite des Hollywood Walk of Fame, wo der Stern nach dem Einweihungsdatum 2013 als 2513ter geführt wird.) 2011: Ehrenpalme der Filmfestspiele von Cannes 2012: Europäischer Filmpreis für ein Lebenswerk Filminterviews 2013 hatte der Dokumentarfilm Bertolucci on Bertolucci von Walter Fasano und Luca Guadagnino auf dem Filmfestival in Venedig Premiere. Der Film beruht auf Interviews, die Bertolucci im Lauf von 50 Jahren gegeben hat. Bernardo Bertolucci: Der Regisseur, der gerne mit jungen Menschen dreht. Gespräch mit Video-Einspielungen, Frankreich, Deutschland, 2013, 43:30 Min., Moderation: Vincent Josse, Produktion: arte, Reihe: Square, Erstsendung: 27. Oktober 2013 bei arte. . Weblinks Einzelnachweise Kategorie:Filmregisseur Kategorie:Drehbuchautor Kategorie:PCI-Mitglied Kategorie:Oscarpreisträger Kategorie:Golden-Globe-Preisträger Kategorie:Träger des Europäischen Filmpreises Kategorie:Träger des Verdienstordens der Italienischen Republik (Großoffizier) Kategorie:Künstler (Parma) Kategorie:Italiener Kategorie:Geboren 1941 Kategorie:Gestorben 2018 Kategorie:Mann
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Augustus
mini|hochkant=1.2|Augustus mit Bürgerkrone (Corona civica)Sogenannter „Augustus Bevilacqua“, Münchner Glyptothek. Augustus (* 23. September 63 v. Chr. als Gaius Octavius in Rom;Sueton, Augustus 5,1. † 19. August 14 n. Chr. in Nola bei Neapel) war der erste römische Kaiser. Der Großneffe und Haupterbe Gaius Iulius Caesars gewann die Bürgerkriege, die auf dessen Ermordung im Jahr 44 v. Chr. folgten, und war von 31 v. Chr. bis zu seinem Tod faktisch Alleinherrscher des Römischen Reiches. Unter der Devise der vorgeblichen Wiederherstellung der Republik – restitutio rei publicae – betrieb er in Wirklichkeit deren dauerhafte Umwandlung in den quasi-monarchischen Prinzipat, der rund 300 Jahre lang bestand, bis zur Reichskrise des 3. Jahrhunderts. Damit setzte er dem Jahrhundert der Römischen Bürgerkriege ein Ende und begründete die Julisch-Claudische Kaiserdynastie. Seine Herrschaft, nach außen durch zahlreiche Expansionskriege geprägt, mündete im Inneren in eine lang anhaltende Konsolidierungs- und Friedensphase, die als Pax Augusta verklärt wurde. Namen und Titel des Augustus mini|hochkant=1.3|Inschrift auf dem Markttor von Ephesos mit der offiziellen Titulatur des Augustus Der Geburtsname des späteren Augustus lautete Gaius Octavius. Laut Sueton trug er ursprünglich das Cognomen Thurinus, das sonst nicht belegt ist.Sueton, Augustus 7,1. Sueton gibt an, es auf einer Büste gelesen zu haben, die er einem Kaiser seiner Zeit (Trajan oder Hadrian?) zum Geschenk gemacht habe. Außerdem erwähnt er, dass Marcus Antonius es als Ausdruck seiner Verachtung gebraucht habe. Sueton ist sich nicht sicher, aus welchen Gründen der junge Gaius Octavius das Cognomen Thurinus erhalten hatte. Er gibt zwei Möglichkeiten an: Es könne die Herkunft der Familie aus der Gegend von Thurii anzeigen (die Oktavier stammten jedoch wahrscheinlich aus Velitrae) oder in Verbindung zum Sieg seines Vaters regione Thurina stehen. Dies bezweifelt jedoch F. X. Ryan, Kaipias. Ein Beiname für Augustus. In: Studia humaniora Tartuensia. Bd. 6, Art. 2, 2005, Anmerkung 2 (online) aufgrund der Inschrift , die keinen entsprechenden Sieg erwähnt. Cassius Dio nennt den Namen Kaipias als weiteres, jedoch wenig beachtetes Cognomen des Augustus.Cassius Dio 45,1,1: . Verschiedene Interpretationen wurden hierzu versucht, wie beispielsweise eine fehlerhafte Übertragung von Copiae (lat. für Thurii) ins Griechische. Ryan, Kaipias sieht hierin eine Verbindung zum Sternzeichen des Augustus (Capricornus). Das sehr seltene Cognomen Caipias wurde allerdings auf einem Altar aus dem 1. Jahrhundert v. Chr. in der Krypta der Franziskanerkirche von Montefalco entdeckt, so dass die Familie der Octavier aus Umbrien stammen könnte. Nach der testamentarischen Adoption durch Caesar im Jahr 44 v. Chr. nahm er dessen Namen offiziell an: C. Iulius Caesar oder in vollständiger Form mit Filiation Gaius Iulius C. f. Caesar.Mit C. f. für Gaii filius („Sohn des Gaius“). Vgl. auch Appians Darstellung als „Caesar, Caesars Sohn“ (Appian, Bürgerkriege 3,11,38). Cicero, ad Atticum 14,12, berichtet, dass er sich bereits vor der öffentlichen Annahme seiner Adoption Caesar nannte, was von Cassius Dio 45,3 bestätigt wird. Eine intermediäre Form Octavius Caesar ist in Appian, Bürgerkriege 4,8,31 ff. für das Jahr 43 v. Chr. zu finden, wird jedoch nicht als historisch relevant, teilweise gar als Fälschung angesehen. Den Namenszusatz Octavianus, wie er nach einer Adoption eigentlich üblich gewesen wäre, hat er wohl selbst nie geführt, wenngleich andere, darunter Marcus Tullius Cicero, ihn so nannten.Aus diesem Grund wird Octavianus in der Forschung häufig in Klammern gesetzt: C. Iulius C. f. Caesar (Octavianus) (vgl. auch Ronald Syme: The Roman Revolution. Oxford 1939, S. 307 ff., 322 ff.; Hubert Cancik: Zum Gebrauch militärischer Titulaturen im römischen Herrscherkult und im Christentum. In: Heinrich von Stietencron: Der Name Gottes. Düsseldorf 1975, S. 112–130, hier: 113f.). Auch die moderne geschichtswissenschaftliche Literatur verwendet für die Zeit seines Aufstiegs meist die Namen Octavian oder Oktavian, um ihn sowohl von Gaius Iulius Caesar als auch von seiner späteren Rolle als Augustus zu unterscheiden. Spätestens nach der offiziellen Apotheose Iulius Caesars im Jahr 42 v. Chr. lautete der neue Name seines Adoptivsohns Gaius Iulius Divi filius Caesar.Selten: Gaius Iulius Divi Iuli(i) filius Caesar. Auch hier ist die Überlieferung des Cassius Dio 47,18,3, der Ronald Syme: Imperator Caesar. A study in nomenclature. In: Historia. Bd. 7, 1958, S. 172–188, noch folgt, fraglich. Andreas Alföldi (Der Einmarsch Octavians in Rom, August 43 v. Chr. In: Hermes. Bd. 86, 1958, S. 480–496) – sowie ebenfalls von Kraft (1952–1953) in Erwägung gezogen, jedoch zunächst noch angezweifelt – datiert die ersten Münzen mit DIVI IVLI•F• und DIVI•F• in das Jahr 43 v. Chr. nach Octavians Übernahme der kapitolinischen Münzprägestätte. Diese Ansicht wird untermauert von Nikolaos von Damaskus (FGrHist 18,55) und Appian (Bürgerkriege 3,11,38), wonach deutlich wird, dass Octavian dazu neigte, sein politisches Handeln durch religiöse Weihung zu erhöhen. Nach der Annahme des Titels Imperator als Vorname – vielleicht 38 v. Chr., spätestens 31 v. Chr. – verwendete er das ursprüngliche Cognomen Caesar an Stelle des Gentilnamens Iulius (Imperator Caesar Divi filius).Vgl. Ronald Syme: Imperator Caesar. A study in nomenclature. In: Historia. Bd. 7, 1958, S. 172–188. Am 16. Januar 27 v. Chr. verlieh ihm der Senat den Ehrennamen Augustus (dt.: „der Erhabene“), so dass sich als vollständige Form Imperator Caesar Divi filius Augustus ergab.Vgl. Ronald Syme: Imperator Caesar. A study in nomenclature. In: Historia. Bd. 7, 1958, S. 172–188. Der Name Augustus wurde wie der Name Caesar mit Beginn der Regierungszeit seines Nachfolgers Tiberius zum Bestandteil der römischen Kaisertitulatur.Caesar in der Titulatur, vor allem in der des ersten Augustus, evoziert vorsichtig die persönliche, geschichtliche Dimension, ohne die soziale und politische Stellung zu sehr zu betonen. Augustus (wie der Titel pater patriae) weist in den Stadtgründungsmythos Roms (siehe Quirinus bzw. Romulus). Die Bezeichnung Imperator dagegen wurde von den ersten Nachfolgern des Augustus noch nicht als Praenomen geführt. Zum Zeitpunkt seines Todes lauteten sein Name und seine vollständige Titulatur: Imperator Caesar Divi filius Augustus, Pontifex maximus, Co(n)s(ul) XIII, Imp(erator) XXI, Trib(uniciae) pot(estatis) XXXVII, P(ater) p(atriae) (zu deutsch etwa: „Imperator Caesar, Sohn des Vergöttlichten,Gemeint ist hier der vergöttlichte Diktator Caesar (Divus Iulius). Die Titulatur (bzw. der Namensbestandteil) Divi filius („Gottessohn“) wurde von allen Kaisern verwendet, die Söhne eines divus waren, so zum Beispiel Tiberius als Divi Augusti filius und Titus als Divi Vespasiani filius. der Erhabene, Höchster Oberpriester, 13 Mal Konsul, 21 Mal Imperator,Die beigefügte Zahl XXI bezieht sich auf Siege, die Augustus selbst oder dessen Feldherren unter seiner Herrschaft errangen. Imperator ist somit kein Amtstitel, sondern ein echtes Praenomen sowie ein „Name der Macht“ (Syme und Béranger, in: Cancik 1975). Octavians erste „imperatorische Akklamation“ erfolgte 43 v. Chr. nach seinem Sieg über Antonius bei Mutina. 37 Mal Inhaber der tribunizischen Gewalt, Vater des Vaterlandes“). Nach seiner Konsekration im Jahr 14 n. Chr. wurde sein offizieller Name als Divus Augustus Divi filius weitergeführt.Vereinzelte Tempel und Altäre in Italien und den Provinzen weisen bereits auf eine Verehrung des Augustus als Gott zu seinen Lebzeiten hin, unabhängig vom Kult des genius Augusti, jedoch nicht als Divus Augustus, sondern als Divi filius, evtl. auch fälschlicherweise als Divus Iulius (Ittai Gradel: Emperor Worship and Roman Religion. Oxford 2002). Leben Die Lebensgeschichte des Kaisers Augustus handelt von zwei scheinbar gegensätzlichen Persönlichkeiten: einerseits von einem jungen, ehrgeizigen, mitunter grausamen Politiker, der im Kampf um die Macht weder Gesetz noch Skrupel kannte, andererseits von dem Kaiser, der – einmal im Besitz dieser Macht – äußerst klugen Gebrauch von ihr machte und mit dem Prinzipat eine neue, dauerhafte Staatsordnung an die Stelle der in 100 Jahren Bürgerkrieg zerrütteten Republik setzte.Klaus Bringmann: Augustus. Darmstadt 2007, S. 13. Diese Paradoxie prägt auch die Darstellung von Werner Dahlheim: Augustus. Aufrührer – Herrscher – Heiland. Eine Biographie. München 2010. Herkunft und Jugend Der spätere Augustus und seine Schwester Octavia waren die Kinder des Gaius Octavius und seiner Frau Atia, einer Nichte Gaius Iulius Caesars. Über seinen Großvater Marcus Atius Balbus war Augustus mit Gnaeus Pompeius Magnus verwandt. Dessen Großvater, Gnaeus Pompeius, war zugleich Augustus’ Ururgroßvater. Die Familie der Octavier gehörte den Equites, dem römischen Ritterstand an.Sueton: Augustus 2,1 benutzt den Ausdruck minores gentes, der für die plebejischen Familien benutzt wurde, die im römischen Senat vertreten waren. Sie war wohlhabend, aber wenig bedeutend. Als Erster seines Familienzweigs seit über 100 Jahren schlug Gaius Octavius den Cursus honorum ein, stieg in den Senat auf und gelangte 61 v. Chr. bis zur Praetur. Nach dem überraschenden Tod des Vaters im Jahr 59 oder 58 v. Chr. heiratete die Mutter Lucius Marcius Philippus, der 56 v. Chr. das Konsulat bekleidete. Der junge Gaius wurde seiner Großmutter Iulia, einer älteren Schwester Caesars, zur Erziehung übergeben. Auf ihrem Landgut in Velitrae wuchs er auf, bis sie im Jahr 51 v. Chr. starb. Laut Sueton hielt Gaius die Leichenrede für seine Großmutter. Den Rest seiner Kindheit verbrachte er im Haus seines Stiefvaters Philippus in Rom. Im Jahr 49 v. Chr. legte er die Männertoga (toga virilis) an.Sueton, Augustus 8,1. Da Caesar keinen gesetzlich anerkannten Sohn hatte, nahm er sich seines Großneffen an. So wurde Octavius dank Caesars Fürsprache 48 v. Chr. in das Kollegium der Pontifices aufgenommen. 47 v. Chr. wurde er für die Dauer des Latinerfestes, an dem sich die Konsuln und die übrigen Magistrate traditionsgemäß außerhalb Roms aufhielten, zum Praefectus urbi, das heißt zum stellvertretenden Oberhaupt der Republik, ernannt.Dietmar Kienast: Augustus. Prinzeps und Monarch. 4., bibliographisch aktualisierte und um ein Vorwort ergänzte Auflage, Darmstadt 2009, S. 3–4. Im Jahr 46 v. Chr. ließ Caesar ihn an seinem Triumphzug anlässlich des Sieges im Bürgerkrieg teilnehmen. Im Jahr darauf begleitete Gaius Octavius seinen Großonkel auf dessen Kriegszug gegen die Söhne des Pompeius nach Spanien, wo er Caesar angeblich durch seine Tapferkeit beeindruckte. Als Reiterführer (magister equitum) sollte er auch an dem geplanten Partherkrieg teilnehmen und war mit seinen Freunden Marcus Vipsanius Agrippa und Quintus Salvidienus Rufus Salvius bereits nach Apollonia im heutigen Albanien vorausgeschickt worden. Dort erreichte ihn im Frühjahr 44 v. Chr. die Nachricht von Caesars Ermordung. Während seiner Rückreise nach Rom erfuhr er, dass der Diktator ihn durch Testamentsverfügung adoptiert und zum Haupterben seines Privatvermögens eingesetzt hatte.Dietmar Kienast: Augustus. Prinzeps und Monarch. 4., bibliographisch aktualisierte und um ein Vorwort ergänzte Auflage, Darmstadt 2009, S. 26. Caesar hatte diese Verfügung nach der Ermordung seines zunächst als Erbe vorgesehenen Neffen Sextus Iulius Caesar getroffen, mit dem er, anders als mit Octavius, in männlicher Linie verwandt gewesen war. Aufstieg zur Macht mini|hochkant=1|Bronzebüste des Octavian(Fund aus Meroe, Nubien; heute London, Britisches Museum) Die testamentarische Adoption eines Erwachsenen war zwar ungewöhnlich, entsprach aber geltendem Recht.Jochen Bleicken: Augustus. Eine Biographie. Berlin 2000, S. 35ff. u. S. 692ff.; Dietmar Kienast: Augustus. Prinzeps und Monarch. 3. durchgesehene und erweiterte Auflage, Darmstadt 1999, S. 6ff.; Klaus Bringmann: Augustus. Darmstadt 2007, S. 256. Dagegen vertritt Leonhard Schumacher in Oktavian und das Testament Caesars. In: Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte. Romanistische Abteilung. 116, 1999, S. 49–70, die Ansicht, Octavian habe durch die Annahme des Testaments zunächst nur Caesars Eigentum geerbt und in die gens Iulia sei er erst 43 v. Chr. eingetreten, nachdem die Bestätigung der Adoption durch ein Kuriatsgesetz erfolgt war. Daher nahm Gaius Octavius, sobald er zurück in Rom war, das Testament sowie alle damit verbundenen Verpflichtungen an und nannte sich fortan nach seinem Adoptivvater Gaius Iulius Caesar. Die moderne Geschichtsschreibung bezeichnet ihn von diesem Zeitpunkt an – wie schon einige Zeitgenossen – als Octavian. In dem Konflikt zwischen Caesars Anhängern – die sich um Marcus Antonius scharten – und den republikanisch gesinnten Caesarmördern um Gaius Cassius Longinus sowie Marcus und Decimus Iunius Brutus spielte er sehr schnell eine wichtige Rolle, da er von Caesars Veteranen, aber auch von den politischen Freunden des toten Diktators unterstützt wurde.Ronald Syme: The Roman Revolution, 2., verb. Auflage, Oxford 1952, S. 114–122; Krešimir Matijević: Marcus Antonius: Consul – Proconsul – Staatsfeind. Die Politik der Jahre 44 und 43 v.Chr. Rahden/Westf. 2006, S. 111–129. Marcus Antonius beanspruchte als Unterfeldherr Caesars und dessen Mitkonsul für das Jahr 44 v. Chr. die Führung der caesarianischen Gefolgsleute für sich. So weigerte er sich zunächst, das Vermögen des Diktators an Octavian herauszugeben. Dieser zahlte dennoch die in Caesars Testament vorgesehenen Legate an dessen Veteranen und die Bevölkerung Roms aus. Dafür nutzte er die in Apollonia beschlagnahmte, für den Partherkrieg vorgesehene Kriegskasse, versteigerte aber auch eigene Güter. Dieses Vorgehen brachte ihm rasch eine große Zahl von Anhängern und damit auch politisches Gewicht ein. Der einflussreiche Senator und Konsular Marcus Tullius Cicero, der nicht zu den Verschwörern gehört hatte, aber mit der republikanischen Sache sympathisierte, unterstützte den scheinbar unerfahrenen jungen Mann, in der Hoffnung, ihn als politisches Gegengewicht zu Marcus Antonius aufbauen zu können. Octavian ging vordergründig darauf ein, verfolgte aber seine eigenen Pläne und stützte sich dabei auf eigene, erfahrene Ratgeber. Dazu gehörten persönliche Freunde wie der wohlhabende Gaius Maecenas, Marcus Vipsanius Agrippa und Quintus Salvidienus Rufus Salvius sowie sein Stiefvater Philippus. Als Lehrer und philosophische Berater zog Octavian Athenodoros von Tarsos und Areios von Alexandria zu Rate. Von besonderer Bedeutung war, dass Octavian sofort zwei der engsten Berater Caesars für sich gewinnen konnte: Gaius Oppius und Lucius Cornelius Balbus. Oppius hatte zuvor Caesars Korrespondenz verwaltet und seinem Nachrichtendienst vorgestanden; Balbus war Caesars Privatsekretär gewesen, hatte als „graue Eminenz“ hinter dem Diktator gegolten und während dessen häufiger Abwesenheit von Rom inoffiziell die Amtsgeschäfte geführt.Jürgen Malitz: Die Kanzlei Caesars. In: Historia 36, 1987, S. 51–72. Oppius und Balbus wurden zu wichtigen Vertrauensmännern Octavians, die starken Einfluss auf seine ersten Schritte als Caesars Erbe nahmen. So stand dem vermeintlich unerfahrenen Octavian vom Beginn seiner politischen Laufbahn an ein umfangreicher Beraterstab zur Verfügung, der ihn nachhaltig unterstützte.Andreas Alföldi: Oktavians Aufstieg zur Macht. Habelt, Bonn 1976; Klaus Bringmann: Augustus. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2007, S. 38. Bündnis mit den Republikanern Während Antonius Ende des Jahres 44 v. Chr. in Gallia cisalpina Decimus Iunius Brutus Albinus angriff, baute Octavian in Italien ein Heer aus Veteranen Caesars auf. Auf Drängen Ciceros, der den Kampf gegen Marcus Antonius forderte und dazu Octavians Truppen benötigte, legitimierte der Senat Anfang 43 v. Chr. dessen angemaßte militärische Befehlsgewalt. Darüber hinaus ernannte er den noch nicht 20-Jährigen zum Senator, verlieh ihm ein proprätorisches Kommando über seine Legionen sowie den Rang eines Konsularen und gestattete ihm die Übernahme aller Ämter zehn Jahre vor dem gesetzlich festgelegten Mindestalter. Octavian ging jetzt sogar ein Bündnis mit den Republikanern ein. Noch im selben Jahr besiegte er Antonius gemeinsam mit einem Senatsheer unter den Konsuln Aulus Hirtius und Gaius Vibius Pansa Caetronianus in der Schlacht von Forum Gallorum und einer weiteren Schlacht bei Mutina.Werner Eck: Augustus und seine Zeit. München 1998 S. 15–16. Beide Oberhäupter der Republik kamen im Mutinensischen Krieg um, und Octavian verlangte nun eines der freigewordenen Konsulate für sich. Als der Senat dies verweigerte, marschierte Octavian mit seinen Truppen auf Rom und bemächtigte sich staatsstreichartig der Stadt. Am 19. August 43 v. Chr. erzwang er seine Wahl zum Konsul sowie die Ächtung der Caesarmörder. Mittlerweile hatte Antonius wieder mehr Legionen unter seinen Befehl gebracht als vor seiner Niederlage. Daher – und weil Octavian auf der politischen Bühne Roms nun als „Rächer“ seines Adoptivvaters auftrat – wechselte er die Seiten und ging ein Bündnis mit den Caesarianern ein: Zusammen mit Marcus Antonius und dem ehemaligen Reiterführer Caesars, Marcus Aemilius Lepidus, bildete er im Oktober 43 v. Chr. das so genannte zweite Triumvirat. Es beruhte, anders als das erste Triumvirat zwischen Caesar, Pompeius und Crassus nicht auf privaten politischen Absprachen, sondern wurde gesetzlich verankert.Werner Eck: Augustus und seine Zeit. München 1998 S. 16–18. Zur Bekräftigung des Bündnisses heiratete Octavian Antonius’ Stieftochter Clodia. Zweites Triumvirat mini|hochkant=1.6|Aureus der beiden Triumvirn Marcus Antonius (Vorderseite) und Octavian (Rückseite), 41 v. Chr. Die „Dreimännerherrschaft zur Ordnung des Staates“ (tresviri rei publicae constituendae), wie das Bündnis offiziell hieß, beruhte vor allem auf der militärischen Macht der Triumvirn, also auf ihrer Verfügungsgewalt über die römischen Legionen.Zur Triumviratszeit vgl. Josiah Osgood: Caesar’s Legacy. Civil War and the Emergence of the Roman Empire. Cambridge 2006. Sie ließen sich von der Volksversammlung am 27. November 43 v. Chr. mittels der lex Titia weitgehende Machtbefugnisse auf fünf Jahre übertragen. Zwar erhielten sie quasi-diktatorische Vollmachten, die Bezeichnung Diktatur wurde aber vermieden, da Antonius dieses Amt nach Caesars Ermordung per Gesetz hatte abschaffen lassen. Wie zur Zeit Sullas wurden nun Proskriptionslisten veröffentlicht und alle, die darauf verzeichnet waren, für vogelfrei erklärt. Laut Sueton soll sich Octavian anfangs gegen die Proskriptionen gewehrt, sie dann aber unnachsichtiger durchgeführt haben als seine beiden Kollegen.Sueton: Augustus 27,1. Von den Proskriptionen waren 300 Senatoren und 2000 Ritter betroffen.Klaus Bringmann: Augustus. Darmstadt 2007, S. 64. Auf Antonius’ Betreiben fiel dem Massaker an den politischen Gegnern der Triumvirn auch Cicero zum Opfer. Die Proskriptionen erfüllten zwar nicht die finanziellen Erwartungen der Triumvirn, doch sie dezimierten die republikanische Führungsschicht im Senat von Rom, dessen Lücken die Machthaber mit loyalen Anhängern füllten. Ähnlich verfuhren sie mit den Magistraten anderer Städte. Diese und andere Maßnahmen verschoben die Gewichte innerhalb der römischen Führungsschicht entscheidend zu Ungunsten der republikanisch gesinnten Kräfte. Es waren diese Umwälzungen, die der Augustus-kritische Althistoriker Ronald Syme als „roman revolution“ bezeichnete.Ronald Syme: The Roman revolution. Oxford u. a. 1939. Im Jahr 42 v. Chr. gingen Antonius und Octavian nach Griechenland, wo die Caesarmörder Marcus Iunius Brutus und Gaius Cassius Longinus ihre Streitkräfte gesammelt hatten. Deren Niederlage in der Schlacht bei Philippi in Makedonien im Herbst besiegelte den Untergang der römischen Republik. Da der Sieg im Wesentlichen Antonius zu verdanken war, gewann seine Stimme innerhalb des Triumvirats weiter an Gewicht.Werner Eck: Augustus und seine Zeit. München 1998 S. 20. Als die Triumvirn nach Philippi ihre Einflusssphären absteckten, erhielt Antonius zusätzlich zu Gallia Comata die Gallia Narbonensis und gab dafür die Gallia cisalpina auf, die fortan gemeinsam mit Italien verwaltet wurde. Ferner sollte er die Verhältnisse in den wohlhabenden Ostprovinzen ordnen. Lepidus wurden, nachdem er ursprünglich hätte ganz ausgeschaltet werden sollen, die beiden nordafrikanischen Provinzen zugesprochen – damals die Kornkammer Roms. Octavian erhielt die beiden spanischen Provinzen und die schwierige Aufgabe, die Veteranen in Italien anzusiedeln, das von den Triumvirn gemeinsam verwaltet wurde.Werner Eck: Augustus und seine Zeit. München 1998 S. 21. Die Versorgung der so genannten Heeresklientel mit Landbesitz wurde seit der marianischen Heeresreform von jedem Feldherrn erwartet, der sich die politische Unterstützung seiner Veteranen sichern und das Vertrauen künftiger Legionäre erwerben wollte. Bei den Landverteilungen kam es zu brutalen Enteignungen und Vertreibungen nicht nur einzelner Landbesitzer, sondern ganzer Stadtbevölkerungen. Octavian war damals allgemein verhasst. Überdies kam es wegen der Landverteilung zu schweren Differenzen mit Antonius’ Ehefrau Fulvia und seinem Bruder Lucius Antonius, die Octavian aber im Perusinischen Krieg (41/40 v. Chr.) besiegte. Nach der Eroberung Perusias setzte eine Hinrichtungswelle ein, bei der auch der wichtige vormalige Verbündete Octavians, der Volkstribun des Jahres 44 v. Chr., Tiberius Cannutius, starb. Antonius landete daraufhin mit seinen Truppen in Italien. Die Legionen beider Triumvirn verweigerten aber den Kampf gegeneinander und zwangen sie zu einem erneuten Bündnis. Der Vertrag von Brundisium vom Herbst 40 v. Chr. sah unter anderem die Heirat zwischen Antonius und Octavia vor, der Schwester Octavians.Werner Eck: Augustus und seine Zeit. München 1998 S. 21–23. Er selbst ging in jenem Jahr ein weiteres familiäres Zweckbündnis ein: Nach der Trennung von seiner ersten Frau – Clodia – heiratete er Scribonia, eine Verwandte von Pompeius’ Sohn Sextus.Sueton, Augustus 62,1; Cassius Dio 48,5,3. Ihre gemeinsame Tochter Iulia sollte sein einziges leibliches Kind bleiben. Aber noch vor Iulias Geburt verstieß er ihre Mutter wieder, um im Jahr 38 v. Chr. Livia Drusilla zu ehelichen. Der Skandal wurde noch dadurch vergrößert, dass er Livia in sein Haus aufnahm, noch bevor sie sich von ihrem bisherigen Mann, dem überzeugten Republikaner Tiberius Claudius Nero, hatte scheiden lassen können. Die Frau, die zu seiner engsten Ratgeberin wurde, brachte die beiden Söhne Tiberius und Drusus mit in die Ehe. Tiberius sollte der Nachfolger seines Stiefvaters als Kaiser werden. Konflikt mit Sextus Pompeius mini|hochkant=1.4|Karte des Römischen Reiches nach dem Vertrag von Misenum im Sommer 39 v. Chr. Der letzte politische Gegner der Triumvirn, der noch über nennenswerte militärische Macht verfügte, war Sextus Pompeius mit seiner Flotte. Er kontrollierte unter anderem Sizilien und gefährdete die Kornzufuhr von dort nach Rom, was Octavians Autorität zusätzlich untergrub. Auf Druck des Senats schlossen Octavian und Antonius 39 v. Chr. mit Sextus Pompeius den Vertrag von Misenum, nach dem Sextus Sardinien, Korsika sowie Sizilien behalten durfte und von Antonius zusätzlich die Peloponnes erhalten sollte; ferner mussten die Triumvirn Sextus ein Konsulat für das Jahr 35 v. Chr. zusichern. Das Triumvirat wurde 37 v. Chr. im Vertrag von Tarent um weitere fünf Jahre verlängert.Unklar ist dabei, ob die Verlängerung des Ende 38 v. Chr. abgelaufenen Triumvirats rückwirkend ab dem 1. Januar 37 v. Chr. oder aber erst ab dem 1. Januar 36 v. Chr. galt. Vgl. Werner Eck: Augustus und seine Zeit. 6., überarbeitete Auflage. München 2014, S. 26. Da die Zugeständnisse im Vertrag von Misenum Octavians Macht erheblich einschränkten, setzte er bereits im folgenden Jahr alles daran, Pompeius’ Einfluss zurückzudrängen. Erst nach mehreren schweren Rückschlägen und Niederlagen gelang es seinem neuen Flottenführer Marcus Vipsanius Agrippa 36 v. Chr., Sextus Pompeius’ Streitmacht in der Seeschlacht von Naulochoi vor der Nordküste Siziliens zu vernichten. Kurz darauf entmachtete Octavian auch Lepidus, indem er dessen Truppen in Sizilien dazu brachte, zu ihm überzulaufen.Jochen Bleicken: Augustus. Eine Biographie. Berlin 1998, S. 229f. Er beherrschte nun den gesamten Westen des Reichs und hatte die für die Getreideversorgung wichtigen Provinzen Sicilia und Africa unter seiner Kontrolle. Nach dem Sieg über Pompeius stellte die rasche Befriedung Italiens und die Veteranenversorgung die vordringliche Aufgabe dar. Italien hatte durch die fehlende Getreideversorgung während der Blockade des Pompeius schwer gelitten. Statt wie in den Jahren zuvor geschehen, Güter gewaltsam zu enteignen, wurden die 20.000 Mann, die Octavian nun aus seiner riesigen Armee entlassen konnte, mit Bauernstellen in Italien, Sizilien und Gallien abgefunden. 30.000 entlaufene Sklaven, die im Heer des Pompeius gedient hatten, wurden nach Rom geschickt, um ihren Herren übergeben zu werden. 6.000 herrenlose Sklaven wurden gekreuzigt.Dietmar Kienast: Augustus. Prinzeps und Monarch. 3., durchgesehene und erweiterte Auflage, Darmstadt 1999, S. 57. Kampf mit Antonius um die Alleinherrschaft Nachdem Octavian Pompeius und Lepidus ausgeschaltet hatte, stand ihm im Kampf um die Alleinherrschaft nur noch Antonius im Wege. Vom Frühjahr 35 bis 33 v. Chr. brachte er bei kleineren Feldzügen in Dalmatien ein schlagkräftiges Heer in Form.Jochen Bleicken: Augustus. Eine Biographie. Berlin 1998, S. 252–255. Unterdessen führte sein Rivale einen erfolglosen Krieg gegen das Partherreich, wobei die Parther bereits 40 v. Chr. unter dem Befehl des Quintus Labienus, eines Anhängers der republikanischen Sache, in Syrien eingedrungen waren. Zudem ging Antonius eine dauerhafte Beziehung mit Königin Kleopatra VII. von Ägypten ein, deretwegen er im Jahr 32 v. Chr. die in Rom äußerst populäre Octavia verstieß. Bereits 34 v. Chr. war er darangegangen, Teile des römischen Ostens an Kleopatra und ihre gemeinsamen Kinder zu verschenken, und hatte dadurch in Rom viel Rückhalt verloren. Octavian nutzte Antonius’ Verhalten propagandistisch geschickt aus. Um ihm auch noch seine letzten Anhänger abspenstig zu machen, schreckte er nicht einmal vor einem Sakrileg zurück: Er zwang die Vestalinnen zur Herausgabe des bei ihnen hinterlegten Testaments des Antonius und ließ es in Auszügen vor dem Senat und der Volksversammlung verlesen. Zuvor hatten zwei Zeugen der Testamentsausfertigung, die Senatoren Lucius Munatius Plancus und Marcus Titius, die im Herbst 32 v. Chr. von Antonius abgefallen waren, Octavian über den Inhalt des Dokuments informiert: Danach hatte Antonius Kleopatras Kinder als Erben römischer Gebiete eingesetzt, Caesarion als leiblichen Sohn Caesars anerkannt und bestimmt, dass er neben Kleopatra in Alexandria bestattet werden wolle.Vgl. auch Dietmar Kienast: Augustus. Prinzeps und Monarch. 3., durchgesehene und erweiterte Auflage, Darmstadt 1999, S. 66f; Velleius Paterculus, Römische Geschichte 2,83; Plutarch, Antonius 58; Cassius Dio 50,13. Als dies bekannt wurde, enthob der Senat Antonius aller Ämter. Da Octavian die ägyptische Königin als Urheberin von Antonius’ „romfeindlichem“ Verhalten darstellte, erklärte der Senat sie zur Staatsfeindin und Ägypten den Krieg. Mit diesem Schachzug war es Octavian gelungen, den Kampf gegen einen innenpolitischen Gegner in einen Krieg Roms gegen einen äußeren Feind umzumünzen. Wer Antonius von da an noch unterstützte, half damit auch diesem äußeren Feind und musste in den Augen traditionell denkender Römer als Verräter erscheinen. Octavians und Antonius’ triumvirale Befugnisse waren formell schon am 1. Januar 32 v. Chr. abgelaufen und ihre prokonsularischen Kompetenzen bestanden nur noch provisorisch. Daher benötigte Octavian zur Kriegführung die Verleihung einer neuen Amtsgewalt. Er ließ sich zum „Führer Italiens“ (dux Italiae) ausrufen, dem der gesamte Westen den Treueid leisten musste.Res gestae Divi Augusti 25: Den Gefolgschaftseid hat mir ganz Italien aus freien Stücken geleistet und mich in dem Krieg, in dem ich Sieger bei Actium war, nachdrücklich als Führer gefordert [ducem depoposcit]. Den gleichen Eid geleistet haben die Provinzen Galliens und Spaniens, Afrika, Sizilien und Sardinien. Mit der Selbstbeschreibung ducem depoposcit wies Augustus darauf hin, dass er den Titel dux Italiae und das Oberkommando aufgrund eines Volksbeschlusses erhalten hatte. Damit verbunden war auch die Übertragung einer erweiterten militärischen Befehlsgewalt. Zudem übernahm er für das folgende Jahr erneut das Konsulat. Aus dieser rechtlich abgesicherten Position heraus eröffnete Octavian Anfang 31 v. Chr. den – offiziell gegen Kleopatra gerichteten – Ptolemäischen Krieg, indem er mit seinen Truppen nach Griechenland übersetzte, das zu Antonius’ Machtbereich gehörte. Am Ausgang des Ambrakischen Golfs in Epirus gelang es Agrippas Flotte und Octavians Heer, die See- und Landstreitkräfte des Antonius einzuschließen und vom Nachschub abzuschneiden. Die monatelange Blockade zeitigte verheerende Folgen für Antonius’ Armee, so dass er sich schließlich gezwungen sah, mit seinen Schiffen einen Durchbruchsversuch aus dem Golf in das offene Ionische Meer zu wagen. Dabei kam es am 2. September 31 v. Chr. zur alles entscheidenden Seeschlacht bei Actium, in der Antonius und Kleopatra den Streitkräften Octavians und Agrippas unterlagen. Diese nahmen im folgenden Jahr Alexandria ein, woraufhin Antonius und Kleopatra Selbstmord begingen. Ägypten verlor seine Selbstständigkeit und wurde als neue römische Provinz annektiert. Damit endeten der Krieg zweier Männer um die Macht in Rom und zugleich die 100 Jahre währende Epoche der römischen Bürgerkriege. Als Zeichen dafür, dass im ganzen Reich Frieden herrsche, wurden am 12. Januar 29 v. Chr. die Tore des Janustempels auf dem Forum Romanum geschlossen. Dies geschah laut Titus Livius erst zum dritten Mal seit der sagenhaften Gründung Roms 753 v. Chr.Titus Livius, Ab urbe condita 1,19. Die folgenden Jahre verbrachte Octavian damit, seine im Bürgerkrieg gewaltsam erworbene überragende Machtstellung schrittweise in eine für die Römer akzeptable, legale Form zu überführen. 28 v. Chr. hob er so demonstrativ alle seine „unrechtmäßigen“ Verfügungen aus der Zeit des Triumvirats auf.Cassius Dio 53,2,5. Augustus als Princeps Am 13. Januar des Jahres 27 v. Chr. begann im Senat von Rom ein mehrtägiger Staatsakt, der den Ausnahmezustand des Bürgerkriegs auch offiziell beendete. Formal wurde damit die alte Ordnung der Republik wiederhergestellt, tatsächlich aber eine völlig neue, monarchische Ordnung mit republikanischer Fassade geschaffen: das spätere römische Kaisertum in Gestalt des Prinzipats. Auf Vorschlag des Lucius Munatius Plancus verlieh der Senat Octavian am 16. Januar den neu geschaffenen Ehrennamen Augustus. In den Jahren nach Actium stand der Alleinherrscher vor drei großen Aufgaben: den Staat neu aufzubauen, das Reich nach innen und außen zu sichern und die Nachfolge zu regeln, um seinem Werk auch über seinen Tod hinaus Dauer zu verleihen. Da Augustus all das gelang, markiert der Staatsakt vom Januar 27 v. Chr. nicht nur den Beginn seiner 40-jährigen Regierungszeit als Princeps, sondern auch den einer ganz neuen Epoche der römischen Geschichte. Begründung des Prinzipats Frage der Neuordnung des Staates mini|hochkant=1|Augustus als Triumphator(Kamee, Lotharkreuz) Als Octavian im Sommer 29 v. Chr. aus dem Osten nach Rom zurückgekehrt war und einen dreifachen Triumphzug abgehalten hatte,Die drei Triumphzüge fanden jeweils am 13., 14. und 15. August 29 v. Chr. statt. Gefeiert wurde der Sieg über die dalmatinischen Stämme (33 v. Chr.), der Sieg von Actium (31 v. Chr.) und die Eroberung Ägyptens (30 v. Chr.). Auf den vierten Triumph über Sextus Pompeius hatte Octavian schon 36 v. Chr. verzichtet und stattdessen nur die ovatio angenommen. Damals wurde ihm sowohl die corona triumphalis (genauer die goldene corona laurea) als auch die Unverletzlichkeit eines Volkstribunen (potestas sacrosancta) lebenslang zuerkannt. stand er vor dem gleichen Problem, an dem Caesar 15 Jahre zuvor gescheitert war: Eine Staatsordnung zu schaffen, die für das in mehr als 400 Jahren gewachsene, republikanische Rechtsverständnis der Römer akzeptabel war und zugleich der Tatsache gerecht wurde, dass sich die tatsächliche Macht seit 70 Jahren mehr und mehr verlagert hatte: weg vom Senat, den Konsuln und den anderen republikanischen Institutionen, hin zu den Befehlshabern der Legionen. Von Marius und Sulla bis zum ersten und zweiten Triumvirat hatten immer wieder militärische Machthaber eine außerordentliche politische Gewalt errungen. Die einfache Wiederherstellung der alten Adelsrepublik kam für ihn aus zwei Gründen nicht in Frage: Zum einen war die staatstragende Bevölkerungsschicht der Republik, der Senatsadel, durch die Bürgerkriege weitgehend vernichtet worden. Zum anderen erforderte die Ausdehnung des Reichs eine große Zahl von Legionen, deren Befehlshaber stets versucht sein konnten, die Macht auf ungesetzliche Weise an sich zu reißen. Da in der Republik die großen Adelsfamilien und politische Gruppierungen wie Optimaten und Popularen permanent um Macht und Einfluss kämpften, war dies in den Jahrzehnten des Bürgerkriegs – von Marius über Sulla bis zu Caesar – immer wieder geschehen. Scheinbare Wiederherstellung der Republik Aus all dem folgte wiederum zweierlei: Octavian musste zum einen bestrebt sein, die außerordentliche politische Gewalt, die Militärdespoten wie er selbst immer wieder errungen hatten, in eine ordnungsgemäße umzuwandeln, sie also rechtlich in das bisherige Staatsgefüge zu integrieren. Zum anderen musste er das imperium, die militärische Befehlsgewalt über die Mehrzahl der Legionen, auf denen die politische Macht nun beruhte, in einer Hand zu vereinen suchen. Kurz: Er musste die Heeresklientel monopolisieren und eine dauerhafte Alleinherrschaft errichten. Sein Vorteil war, dass sich sein persönliches Machtstreben mit der Notwendigkeit und dem allgemeinen Bedürfnis traf, erneute Machtkämpfe und Bürgerkriege zu verhindern. Denn nach den Wirren der vorangegangenen Jahrzehnte waren auch viele traditionell eingestellte Römer, die jede Art von Alleinherrschaft stets abgelehnt hatten, notgedrungen bereit, die militärische und politische Macht in die Hand nur eines Mannes zu legen. Wie schon im Kampf gegen Antonius erwies sich Octavian auch bei dieser Aufgabe als Meister der politischen Propaganda. Dies geht aus seinem Tatenbericht (Res gestae divi Augusti) hervor, in dem er gegen Ende seines Lebens folgendes Bild von seiner Handlungsweise zeichnete: Die Realität hinter diesem Bild sah jedoch anders aus: Octavian war zwar so klug, nicht den allgemein verhassten Königstitel anzustreben, aber er ließ sich von den bestehenden republikanischen Amtsgewalten all jene übertragen, die ihm in ihrer Bündelung faktisch zu einer monarchischen, königsgleichen Stellung verhalfen. Da er aber die republikanische Ordnung formal wiederherstellte, konnte er sich gleichzeitig als Retter und Beschützer der Republik darstellen. Letztlich ging er einen Kompromiss mit der Senatsaristokratie ein, indem er ihre politische Macht zwar massiv beschnitt, sie aber nicht völlig von der Machtausübung ausschloss. Zudem fügte er ihr – anders als Sulla und Caesar – keine Demütigungen zu und erlaubte ihr so, ihre Würde und ihr Sozialprestige (dignitas) zu wahren. Daher ist umstritten, ob man den Prinzipat als reine Monarchie bezeichnen kann. Aloys Winterling etwa argumentiert dagegenAloys Winterling: Das römische Kaisertum des 1. und 2. Jahrhunderts n. Chr. In: Stefan Rebenich (Hrsg.): Monarchische Herrschaft im Altertum, Berlin 2017, S. 413 ff., Egon Flaig dafür.Egon Flaig: Stabile Monarchie – sturzgefährdeter Kaiser. Überlegungen zur augusteischen Monarchie. In: Ernst Baltrusch (Hrsg.): Der Erste. Augustus und der Beginn einer neuen Epoche. Mainz 2016, S. 8 ff. Sicherung der Macht Gleich nach seiner Rückkehr aus dem Krieg gegen Antonius suchte Octavian die Unterstützung der alten Adelsgeschlechter und ging daran, das Ansehen der republikanischen Institutionen zu stärken. So ließ er aus dem Senat etwa 190 Mitglieder ausschließen, die offiziell als nicht standesgemäß galten. Gleichzeitig füllte er die gelichteten Reihen des Senatsadels wieder auf, indem er verdiente Personen und Anhänger in den Patrizierstand erhob. Er selbst nannte sich – betont bescheiden – princeps senatus, Erster des Senats, ein Titel, den es früher schon gegeben, der aber lediglich einen primus inter pares bezeichnet hatte, einen Ersten unter Gleichen. Daraus entwickelte sich die Bezeichnung Prinzipat für die augusteische Herrschaftsform, die so viel bedeutet wie „Herrschaft des ersten Bürgers“. Starke propagandistische Wirkung erzielte der Princeps damit, dass er Ende des Jahres 28 v. Chr. alle seine widerrechtlichen Anordnungen aus der Zeit des Triumvirats aufheben ließ.Cassius Dio 53,2,5. Siehe auch Tacitus, Annalen 3,28,1f. Ferner den bekannten Aureus mit der Legende leges et iura p(opuli) r(omani) restituit. Ob Octavian Anfang 27 außer dem Konsulat weitere Vollmachten innehatte und worin diese gegebenenfalls bestanden, wird in der Forschung bereits seit Theodor Mommsen kontrovers diskutiert.Hierzu zuletzt Henning Börm, Wolfgang Havener: Octavians Rechtsstellung im Januar 27 v. Chr. und das Problem der „Übertragung“ der res publica. In: Historia. Bd. 61, 2012, S. 202–220 (online). Jedenfalls legte er am 13. Januar 27 v. Chr., am ersten Tag des Staatsakts, seine außerordentliche Allgewalt (potens rerum omnium) über die Provinzen und Legionen demonstrativ in die Hände des „gesäuberten“ Senats. Damit bildete dieser formal wieder das zentrale Herrschaftsorgan. Die Republik war äußerlich wiederhergestellt. Allgemein war von der res publica restituta die Rede. So weit stimmten die Tatsachen mit Augustus’ propagandistischer Version überein. Gleich in seiner nächsten Sitzung aber, nur vier Tage später, übertrug der Senat das militärische Kommando in der Hälfte der Provinzen offiziell an Octavian – und zwar in jener Hälfte, die an den Rändern des Imperiums lagen und in denen daher das Gros der Legionen stand. Vertreten wurde er dort durch Legaten. Der Beschluss wurde damit begründet, dass diese Gebiete besonders gefährdet seien, und dass Octavian nach ihrer Befriedung das Kommando dort niederlegen werde. Auf diese Weise erhielt er eine den Provinzstatthaltern übergeordnete Befehlsgewalt (imperium proconsulare) über den weitaus größten Teil der Armee. Octavian blieb also Militärmachthaber und alleiniger Patron der Heeresklientel, nun aber formal im Rahmen der Gesetze. Das Reich gliederte sich fortan de facto in kaiserliche und senatorische Provinzen. Ein weiteres republikanisches Element der neuen Staatsordnung war die Rückkehr zur jährlichen Neubesetzung der Magistrate. Eines der zwei Konsulate nahm der Princeps in den nächsten Jahren allerdings regelmäßig für sich in Anspruch. Dies änderte sich mit der Revision der Prinzipatsverfassung am 1. Juli 23 v. Chr. Bis auf zwei Jahre verzichtete Augustus von da an auf das Konsulat. Stattdessen ließ er sich auf Lebenszeit die tribunizische Gewalt (tribunicia potestas) übertragen, also nicht das Amt des Volkstribunen, sondern „nur“ dessen Amtsbefugnisse. Damit gewann er das Recht, den Senat und die Volksversammlungen einzuberufen, diesen Gesetze vorzuschlagen, sein Veto gegen Senats- und Volksbeschlüsse einzulegen und sogar den Konsuln Amtshandlungen zu verbieten. Um auch den Magistraten in Rom und Italien Anweisungen geben zu können, wurden der tribunicia potestas des Augustus alle konsularischen Sonderrechte hinzugefügt, die einem Volkstribunen eigentlich nicht zustanden. Damit wurde die tribunizische Gewalt zur Quelle der kaiserlichen Macht in Rom und Italien. Durch die Aufgabe des ständigen Konsulats verlor Augustus jedoch seine Weisungsbefugnis gegenüber den Prokonsuln des Senats und damit auch gegenüber den senatorischen Provinzen. Um diese wiederherzustellen, ließ er sich eine übergeordnete prokonsularische Gewalt (imperium proconsulare maius) übertragen. Außerdem ließ er im Jahr 23 das Volk eine lex de imperio (auch lex Augusti oder lex regia genannt) beschließen: Durch eine Generalklausel galt hinfort alles, was Augustus wünschte, als Gesetz. Dadurch hatte ihm das Volk, so die auch später nie bezweifelte Auslegung, das ihm zustehende imperium übertragen und ihn damit zu außerordentlicher gesetzesvertretender Normsetzung ermächtigt.Okko Behrends: Princeps legibus solutus. In: derselbe: Zur römischen Verfassung. Ausgewählte Schriften. Hrsg. v. Martin Avenarius, Cosima Möller. Wallstein, Göttingen 2014, ISBN 978-3-8353-2570-8, S. 493–513, hier: S. 493 f. Mit der Revision der Prinzipatsverfassung legte Augustus zwar formal das Konsulat nieder, behielt aber faktisch alle Befugnisse eines Konsuls. Durch seinen Verzicht auf das Konsulat hatte er jedoch bis auf die Purpurtoga und die Corona triumphalis alle äußeren Rangabzeichen verloren, die auf seine zentrale Stellung hindeuteten. Um auch dies auszugleichen, wurden dem Princeps 19 v. Chr. die konsularischen Ehrenrechte zuerkannt: So wurde er wieder ständig von zwölf Liktoren begleitet und durfte im Senat zwischen den beiden amtierenden Konsuln Platz nehmen. Augustus verzichtete also augenscheinlich auf die absolute Macht, indem er den Senatsadel daran teilhaben ließ, behielt aber in Wirklichkeit alle wichtigen Funktionen in Staat und Militär in seiner Hand. Augustus-Titel und weitere Ehrungen mini|hochkant=1.6|Augustus als Princeps, mit der Corona triumphalis auf dem Haupt Der Ehrenname Augustus, „der Erhabene“, den der Senat Octavian am letzten Tag des Staatsakts vom Januar 27 v. Chr. verlieh, erinnerte an das augurium, eine Kulthandlung zur Deutung des Willens der Götter, die der Sage nach schon Romulus vorgenommen hatte. Der Name setzte seinen Träger also mit dem legendären Gründer der Stadt Rom gleich und verlieh der obersten politischen Gewalt im Staat eine sakrale Aura, wie sie die Konsuln zu Zeiten der Republik nie besessen hatten. Mit dem neuen Titel verlieh der Senat dem Princeps auch einen Ehrenschild (clipeus virtutis), auf dem Tapferkeit, Milde, Gerechtigkeit sowie Pflichterfüllung gegenüber den Göttern und dem Vaterland als die Tugenden des Augustus gepriesen wurden. Eine weitere Ehrung war die erstmalige Feier der decennalia, des zehnjährigen Regierungsjubiläums des Princeps, im Jahr 17 v. Chr. Das Fest ging darauf zurück, dass Augustus die ihm übertragene Machtstellung formell nur für 10 Jahre akzeptiert hatte. In seinem Verlauf gab er wie schon 27 v. Chr. die Macht in die Hände des Senats zurück, der sie ihm umgehend erneut übertrug. Auch die decennalia dienten also dem Zweck, den Anschein einer fortbestehenden Senatsherrschaft zu erwecken und die tatsächlichen Machtverhältnisse in Rom zu verschleiern. Die sakrale Würde des Princeps wurde weiter gestärkt, als im Jahre 13 oder 12 v. Chr. Marcus Aemilius Lepidus starb. Augustus’ einstiger Kollege im Triumvirat hatte nach seiner Entmachtung lediglich das Amt des Pontifex maximus behalten dürfen. Nun übernahm Augustus auch dieses Amt; als oberster Priester des römischen Staatskultes konnte er nun auch alle Belange der religio Romana in seinem Sinne regeln. Im Jahr 8 v. Chr. beschloss der Senat, den Monat Sextilis in Augustus umzubenennen. Als Grund für die Wahl dieses Monats anstelle von Augustus’ Geburtsmonat September wurde angeführt, dass er im Sextilis erstmals Konsul geworden sei und drei Triumphe gefeiert habe. Außerdem markiere dieser Monat, in dem Ägypten erobert worden war, das Ende der Bürgerkriege.Macrobius, Saturnalien 1,12,35; kürzer Sueton, Augustus 31,2. Der eigentliche Grund könnte aber gewesen sein, dass der heute August genannte Monat direkt auf den nach Caesar benannten Juli folgte.So Jochen Bleicken: Augustus. Eine Biographie. Berlin 1998, S. 379 und 732. Am 5. Februar des Jahres 2 v. Chr. verlieh der Senat Augustus schließlich den Titel pater patriae („Vater des Vaterlandes“), auf den er besonders stolz war, denn er war mehr als eine bloße Ehrenbezeichnung. Vielmehr führte er jedermann vor Augen, dass dem Kaiser gegenüber allen Reichsangehörigen die gleiche Autorität zustand wie jedem römischen Familienoberhaupt, dem pater familias, über die Seinen. Akzeptanz der neuen Ordnung Die Neuordnung des Staatswesens wurde von den Römern nicht widerspruchslos hingenommen. Insbesondere die patrizischen Familien des alten Senatsadels, die Augustus als Emporkömmling ansahen, konnten sich mit ihrer Entmachtung nur schwer abfinden. Einige Quellen berichten, dass Augustus sich in der Zeit nach seiner Rückkehr aus dem Osten nur mit einem Brustpanzer unter der Toga in den Senat wagte und Senatoren nur einzeln und nach eingehender Leibesvisitation empfing. Verschwörungen wie die des Fannius Caepio, die im Jahr 23 oder 22 v. Chr. aufgedeckt wurde, zeigen, dass Augustus’ Politik noch lange Zeit erheblichen Widerstand hervorrief. Da der Zeitpunkt der Verschwörung nicht genau datiert werden kann, ist bis heute ungeklärt, ob sie auslösender Faktor oder Folge der im Jahr 23 v. Chr. erfolgten Neujustierung der Prinzipatsordnung war. Dass das neue Herrschaftssystem schließlich doch akzeptiert wurde, lag sicher nur zum Teil daran, dass Augustus den republikanischen Institutionen und den althergebrachten Rechten und Sitten, dem mos maiorum, seinen Respekt erwies. Die Römer konnten sich zwar sagen, dass die alte Republik und ihre Institutionen der Form nach weiterhin bestanden, aber die politisch Interessierten dürften Augustus’ Propaganda durchschaut haben. Ausschlaggebend war am Ende die schlichte Tatsache, dass der Prinzipat funktionierte – im Gegensatz etwa zu den Ordnungsmodellen Sullas oder Caesars – und dass es zu Augustus keine realistische Alternative gab. Darüber hinaus war der Faktor Zeit entscheidend für den Erfolg der neuen Herrschaftsordnung: Augustus regierte nach der Erringung der Alleinherrschaft noch mehr als 40 Jahre, länger als jeder seiner Nachfolger. Die Römer gewöhnten sich in dieser langen Zeit an die Herrschaft des Ersten Bürgers. Als der Kaiser starb, waren kaum noch Römer am Leben, die die alte Republik noch bewusst erlebt hatten. So setzte mit der Errichtung des Prinzipats eine lange Periode des inneren Friedens und des Wohlstands ein. Augustus’ neue Ordnung sollte 300 Jahre – bis zur Herrschaft Diokletians – Bestand haben. Selbst der Geschichtsschreiber Tacitus, einer der schärfsten Kritiker des Prinzipats, erkannte in dieser Konsolidierungspolitik ein klares Verdienst des Augustus. Deren Mustergültigkeit zeigt sich im Begriff der „Augusteischen Schwelle“, mit dem die neuere Politikwissenschaft die gelungene Überführung eines wachsenden aber instabilen Imperiums in einen dauerhaft stabilen Zustand beschreibt. Hinsichtlich der Beurteilung durch antike Historiker ist jedoch zu berücksichtigen, dass unter Augustus die ersten Bücherverbrennungen stattfanden. Betroffen waren Geschichtswerke, die seine Herrschaft kritisch bewerteten. Selbst wenn einzelne Exemplare dieser Werke in Privatbeständen überlebten und später erneut Verbreitung fanden, war der Informationsfluss hierdurch schwer beeinträchtigt.Seneca: Controversiae 10 praef. 5–8; Sueton: Caligula 16,1. Hierzu insgesamt Krešimir Matijević: Asinius Pollio und Augustus: Geschichtsschreibung im frühen Principat. In: Frankfurter elektronische Rundschau zur Altertumskunde 38 (2019), S. 30–43 (online). Der spätere Kaiser Claudius soll zudem durch seine Mutter und seine Großmutter davon abgehalten worden sein, in seinem Geschichtswerk die Zeit nach Caesars Ermordung ausführlicher zu thematisieren.Sueton: Claudius 42,2. Wirtschaftliche und gesellschaftliche Neuordnung mini|hochkant=1.5|Mitglieder der kaiserlichen Familie,Relief an der Südwand der Ara Pacis, Rom Eine ebenso anspruchsvolle Aufgabe wie der Umbau der Staatsverfassung war die innere und äußere Stabilisierung des Reichs, seine wirtschaftliche Erholung, die Wiederherstellung von Recht und Ordnung in Rom und den Provinzen und die Sicherung der Grenzen. Die Voraussetzungen für einen allgemeinen Wirtschaftsaufschwung waren nach Actium besser denn je in den vorangegangenen Jahrzehnten. Augustus konnte mehr als ein Drittel der rund 70 Legionen entlassen, das heißt etwa 80.000 der 230.000 Mann, die 31 v. Chr. noch unter Waffen gestanden hatten. Ein solches Heer wäre für Friedenszeiten nicht nur zu groß und zu kostspielig gewesen; es hätte immer auch eine potenzielle Gefahr dargestellt, so viele Soldaten unter Waffen zu belassen. Anders als 12 Jahre zuvor musste er für die Abfindung der Veteranen nicht auf Konfiskationen zurückgreifen, sondern konnte die ungeheure Beute, die ihm mit dem ägyptischen Staatsschatz in die Hände gefallen war, für Landkäufe nutzen. So entstand in Italien und den Provinzen eine breite Schicht ihm ergebener Bauern. Auch seine Anhänger in Rom – etwa im neuen Senat – wurden mit Geld und Posten bedacht. So schuf Augustus selbst die neuen Gesellschaftsschichten, auf denen die Staatsordnung des Prinzipats ruhen sollte. Neuordnung der Provinzen In die Provinzen, die bis dahin immer wieder von Kontributionen, Truppenaushebungen und durchziehenden Heeren heimgesucht worden waren, kehrte allmählich ein gewisser Wohlstand zurück, denn der Prinzipat stellte Rechtssicherheit her und verhinderte vor allem die bis dahin übliche Ausplünderung durch ehemalige Magistrate der Republik. Diese hatten sich in den Provinzen stets für die Kosten schadlos gehalten, die ihr politisches Engagement in Rom verursachte. Der Geschichtsschreiber Velleius Paterculus fasste die Wirksamkeit von Augustus’ Politik wenige Jahre nach dessen Tod folgendermaßen zusammen: „Die Äcker fanden wieder Pflege, die Heiligtümer wurden geehrt, die Menschen genossen Ruhe und Frieden und waren sicher im Besitz ihres Eigentums.“Velleius Paterculus 2,89,3. Anfangs übernahm der Kaiser die Neuordnung der Provinzen noch selbst. Bereits im Sommer des Jahres 27 v. Chr. brach er zu einer mehrjährigen Inspektionsreise durch den Nordwesten des Reiches auf. Gallien war seit der Eroberung durch Caesar sich selbst überlassen geblieben. Nach der Ordnung der Verhältnisse dort eroberte Augustus diejenigen Gebiete im Norden der Iberischen Halbinsel, die bis dahin noch nicht zum Reich gehört hatten, und gliederte sie der Provinz Hispania Tarraconensis ein. In Tarraco trat er sein 8. und 9. Konsulat an.Sueton, Augustus 26,3. Auf der Rückreise nach Rom im Jahr 23 v. Chr. erkrankte Augustus schwer. Obwohl mit seinem baldigen Ableben gerechnet wurde, designierte Augustus keinen neuen Nachfolger. Agrippa und Marcellus galten als die aussichtsreichsten Kandidaten.Hans Ulrich Instinsky: Augustus und die Adoption des Tiberius. In: Hermes. Band 94, 1966, S. 324–343, hier S. 338–340. Der Princeps überlebte schließlich, entschloss sich aber, seine Legionen künftig nicht mehr persönlich zu führen. Sittenpolitik mini|hochkant=1|Augustus als Oberster Priester(Rom, Museo Nazionale Romano) Zu einem Kennzeichen der Herrschaft des Augustus wurde auch seine Betonung althergebrachter Sitte und Moral. In den Jahren seines Aufstiegs hatte er selbst nicht eben ein Muster altrömischer Tugenden abgegeben. Einmal an der Macht, sah er in ihnen aber ein Mittel, diese Macht zu festigen und die Wunden der Kriegsjahre zu heilen. Der von ihm beklagte „Sittenverfall“, den er aufhalten wollte, war allerdings eher eine Folge der Bürgerkriege gewesen, nicht deren Ursache, wie Augustus, Horaz und viele andere in der Führungsschicht des Reiches dachten.Werner Dahlheim: Augustus. Aufrührer, Herrscher, Heiland. München 2013, S. 221. Im Jahr 19 v. Chr. ließ sich der Princeps vom Senat die cura morum übertragen, die Sittenaufsicht. In den im Jahr darauf beschlossenen Leges Iuliae wurden beispielsweise die Strafvorschriften für Ehebruch, Unzucht und Kuppelei verschärft. Für alle Männer zwischen 25 und 60 und alle Frauen zwischen 20 und 50 Jahren wurde eine Pflicht zur Ehe eingeführt. Kinderreiche Familien erhielten Privilegien, Ehepaare mit weniger als drei Kindern mussten dagegen rechtliche Nachteile hinnehmen. Die lex Papia von 9 n. Chr. wiederum verbot bestimmte Ehen, etwa die von Prostituierten und die zwischen Senatoren und Freigelassenen. Die Gesetze stießen bei der Bevölkerung auf Ablehnung und Spott, zumal Augustus’ eigener laxer Umgang mit altrömischer Sitte und Moral allgemein bekannt war. Die erzwungene Scheidung seiner Frau Livia von ihrem früheren Mann und seine zweifelhafte Beziehung zu Terentia, der Frau seines Freundes Gaius Maecenas, waren dafür nur die hervorstechendsten Beispiele.Werner Dahlheim: Augustus. Aufrührer, Herrscher, Heiland. München 2013, S. 222. Augustus selbst war von den Bestimmungen ausgenommen: , „der Prinzeps ist von den Gesetzen befreit“, wie es in einem Kommentar hieß. Ob diese Befreiung für alle oder nur für die Ehegesetze galt, ist umstritten. Gegen Theodor Mommsen, der letzteres annimmt, argumentiert Okko Behrends, dass dieselbe Formel später ohne Einschränkung in der lex de imperio Vespasiani gebraucht wurde. Dies deute darauf hin, dass bereits Augustus als legibus solutus galt.Okko Behrends: Princeps legibus solutus. In: derselbe: Zur römischen Verfassung. Ausgewählte Schriften. Herausgegeben von Martin Avenarius, Cosima Möller. Wallstein, Göttingen 2014, S. 493–513, hier: S. 494 ff. Würde und Autorität des Princeps erforderten jedoch, dass Augustus und seine Familie ein gutes Beispiel abgaben, auch wenn Anspruch und Wirklichkeit auseinanderklafften. Dies führte schließlich zum Zerwürfnis mit seiner Tochter Iulia, die sich den väterlichen Moralvorschriften nicht unterwerfen wollte. Im Jahr 2 v. Chr. ließ Augustus selbst sie vor dem Senat des Ehebruchs anklagen und auf die kleine Insel Pandateria verbannen. Neun Jahre später, 8 n. Chr., ereilte den Dichter Ovid, den Autor der Ars amatoria („Liebeskunst“), das gleiche Schicksal: Er wurde nach Tomis am Schwarzen Meer verbannt. Das propagandistische Bild vom Princeps als treusorgendem altrömischem Patron, der über das Wohl der Seinen wacht, fand sichtbaren Ausdruck in einem umfangreichen Bauprogramm in Rom (publica magnificentia). Dazu gehörten Zweckbauten wie Aquädukte und eine riesige Sonnenuhr (das Solarium Augusti), vor allem aber Repräsentationsbauten wie das Augustusforum, das Marcellustheater und zahlreiche Tempel, die dazu dienten, den Römern Macht und Autorität des Augustus vor Augen zu führen. Der Kaiser spricht in seinem Tatenbericht von 82 Tempeln, die er in einem Jahr habe instand setzen, Vergil in der Aeneis von 300 Tempeln, die er insgesamt habe bauen lassen. Außenpolitik und Grenzsicherung mini|hochkant=1.4|Das Römische Reich unter Augustus: mini|Augusteische Münze von 19 v. Chr., auf der die friedliche Rückgabe der Legionsadler als militärischer Sieg dargestellt wird. Augustus’ Außenpolitik wurde lange als defensiv beurteilt. Historiker des 19. Jahrhunderts sahen in ihr nur eine Arrondierung und Sicherung der Reichsgrenzen. Zu dieser Sicht trug unter anderem die Tatsache bei, dass Augustus den Plan Caesars zu einem Feldzug gegen das Partherreich nicht wieder aufnahm. Eine militärische Machtdemonstration gegenüber dem Nachbarn im Südosten genügte, um den Partherkönig Phraates IV. im Jahr 20 v. Chr. zu einer vertraglichen Grenzregelung und zur Herausgabe der in der Schlacht bei Carrhae 53 v. Chr. erbeuteten, symbolträchtigen Legionsadler zu veranlassen. In Rom wurde als großer militärischer Sieg propagiert, was in Wirklichkeit eine friedliche Lösung darstellte. Die Eingliederung Ägyptens verlief weitgehend problemlos. Im Jahr 25 v. Chr. gewann Rom die neue Provinz Galatia in Kleinasien aufgrund einer testamentarischen Verfügung des letzten Galater-Königs Amyntas. Zudem geriet eine Reihe neuer Klientelstaaten wie Armenien, Kappadokien und Mauretanien in Abhängigkeit zu Rom.Dietmar Kienast: Augustus. Prinzeps und Monarch. 4., bibliographisch aktualisierte und um ein Vorwort ergänzte Auflage, Darmstadt 2009, S. 338–342. Dennoch ließ sich die These von der prinzipiell friedlichen, defensiven Außenpolitik nicht aufrechterhalten. Kein republikanischer Feldherr und kein Kaiser hat dem Römischen Reich so große Territorien einverleibt wie Augustus – und dies vor allem durch kriegerische Eroberungen. Pläne für eine Eroberung Arabiens scheiterten zwar schon im Ansatz, da der Feldzug des Aelius Gallus 25/24 v. Chr. erfolglos blieb.Dietmar Kienast: Augustus. Prinzeps und Monarch. 4., bibliographisch aktualisierte und um ein Vorwort ergänzte Auflage, Darmstadt 2009, S. 333–335. Im sechsjährigen Kantabrischen Krieg von 25 bis 19 v. Chr. eroberten Augustus’ Truppen jedoch die letzten nichtrömischen Gebiete im Norden der iberischen Halbinsel. Das Land der besiegten Kantabrer wurde als Teil der Provinz Hispania Tarraconensis dem Reich eingegliedert. Nachdem 17 v. Chr. bei den Säkularfeiern in Rom noch die Friedensordnung des Prinzipats gefeiert worden war, ging das Reich im darauffolgenden Jahr erneut zur Offensive über. Der Grund dafür ist bis heute ungeklärt. Womöglich fing als kleinere Grenzstreitigkeit mit germanischen Stämmen an, was mit ausgedehnten militärischen Operationen an den nordöstlichen Grenzen und der Eingliederung von nicht weniger als fünf neuen Provinzen endete. Von der Ostgrenze Galliens, den Alpen und dem dalmatinischen Küstengebirge wurde die Reichsgrenze bis zu Donau und Rhein, zeitweise sogar bis zur Elbe vorgeschoben. Südlich der Donau entstanden die neuen Provinzen Raetia – mit der 15 v. Chr. gegründeten und nach dem Princeps benannten Hauptstadt Augusta Vindelicum – Noricum, Pannonia, Illyricum und Moesia. Im Gegensatz zu diesen Erfolgen endeten die augusteischen Germanenkriege in einer Katastrophe. Der Versuch, die rechtsrheinische Germania magna zu erobern, war durch die Feldzüge von Augustus’ Stiefsohn Drusus von 12 bis 9 v. Chr. weit vorangetrieben und nach Drusus’ Tod durch seinen Bruder Tiberius fortgeführt. Nach der Niederschlagung des Germanenaufstands der Jahre 1 bis 5 n. Chr. schien die Eroberung abgeschlossen. Auch neuere archäologische Funde wie die einer römischen Siedlung bei Waldgirmes sprechen dafür, dass die Provinzialisierung Germaniens zwischen Rhein und Elbe zu Augustus’ Zeit bereits weit vorangeschritten war. Im Jahr 9 n. Chr. aber vernichtete ein von dem Cheruskerfürsten Arminius initiiertes Bündnis germanischer Stämme im „saltus Teutoburgiensis“ – wahrscheinlich die Region um Kalkriese bei Osnabrück – drei römische Legionen unter dem Befehl des Provinzstatthalters Publius Quinctilius Varus. Nach Bekanntwerden der Niederlage, einer der größten in der Geschichte des Römischen Reichs, soll der Kaiser Aufstände in Rom selbst befürchtet und eine Verstärkung der Stadtwachen veranlasst haben. Auch persönlich zeigte sich Augustus von der Nachricht schwer getroffen, zumal Varus als Ehemann seiner Großnichte Claudia Pulchra zum weiteren Familienkreis gehörte. Sueton überliefert Augustus Ausruf Quinctili Vare, legiones redde! („Quinctilius Varus, gib die Legionen zurück!“). Der Kaiser habe sich als Zeichen der Trauer monatelang Haupthaar und Bart wachsen lassen und den Jahrestag der Varusschlacht stets als Trauertag begangen.Sueton, Augustus 23,3 Die Ordnungszahlen der drei vernichteten Truppenteile, der XVII., XVIII. und XIX. Legion, wurden nie wieder vergeben. Erst nach Augustus’ Tod, in den Jahren 14 bis 16 n. Chr., unternahm Drusus’ Sohn Germanicus verlustreiche Rückeroberungsversuche. Schließlich aber zogen sich die Römer auf die Rhein-Donau-Linie zurück und errichteten den Limes als befestigte Grenze gegen Germanien. Regelung der Nachfolge mini|hochkant=1.4|Die Gemma Augustea (um 10 n. Chr.) zeigt Augustus als Jupiter, der im Kreise der Götter den siegreichen Tiberius empfängt (Kunsthistorisches Museum Wien) mini|hochkant=2|Stammbaum der Julisch-Claudischen Dynastie, aus der Augustus und vier weitere Kaiser hervorgingen Obwohl Augustus in fast allen Quellen zu seinem Leben als gut aussehender Mann geschildert wird, war er seit seiner Kindheit von schwacher Konstitution. Er überlebte mehrere schwere Krankheiten wie die im Jahre 23 v. Chr. nur knapp und konnte nicht damit rechnen, das für die damalige Zeit sehr hohe Alter von fast 76 JahrenWie bei allen Zeitspannen, die sich über die christliche Zeitenwende erstrecken, ist auch beim Lebensalter des Augustus zu beachten, dass es in unserer Zeitrechnung kein Jahr null gibt. Dem 31. Dezember 1 v. Chr. folgt unmittelbar der 1. Januar 1 n. Chr. Deshalb liegen zwischen 23. September 63 v. Chr. und 19. August 14 n. Chr. also knapp 76 Jahre und nicht 77, wie man vermuten könnte. zu erreichen. Für sein Bestreben, der neu geschaffenen Herrschaftsordnung Dauer zu verleihen, stellte die Erbfolgeregelung daher eine zentrale Aufgabe dar. Während seine Frau Livia einen ihrer Söhne von Tiberius Claudius Nero auf dem Thron sehen wollte, verfolgte Augustus den Plan, die Nachfolge in der eigenen, julischen Familie zu sichern. Da der Kaiser keine Söhne hatte, zwang er seine Tochter Iulia, nacheinander mehrere Nachfolgekandidaten zu heiraten. Dies war im Jahr 25 v. Chr. zunächst Marcellus, der Sohn seiner Schwester Octavia und ihres ersten Mannes. Die Bevorzugung seines Neffen führte offenbar zeitweise zu Spannungen zwischen Augustus und seinem Feldherrn Agrippa, der sich selbst begründete Hoffnungen auf die Nachfolge machte. Doch Marcellus starb kaum 20-jährig Ende des Jahres 23 v. Chr. und Agrippa galt nun als aussichtsreicher Nachfolgekandidat. Augustus drängte den alten Freund im Jahr 21 v. Chr., sich von seiner Frau scheiden zu lassen und die 25 Jahre jüngere Iulia zu heiraten. Die beiden hatten zwei Töchter und drei Söhne, Gaius Caesar, Lucius Caesar und den nachgeborenen Agrippa Postumus. Spätestens seit Agrippas Tod 12 v. Chr. betrachtete Augustus die beiden älteren Enkel als seine bevorzugten Nachfolger. Aus diesem Grund hatte er sie schon zu Agrippas Lebzeiten als Söhne adoptiert. Beide Enkel waren aber 12 v. Chr. noch so jung, dass sie nach einem vorzeitigen Tod des Augustus nicht sofort die Nachfolge hätten antreten können. Bis sie als Nachfolgekandidaten alt genug sein würden und der römischen Öffentlichkeit vorgestellt werden konnten, benötigte der Princeps einen Stellvertreter. Dieser sollte Augustus bei den Regierungsgeschäften unterstützen und anstatt der zu jungen Enkel beerben. Diese Rolle, die einst Agrippa innegehabt hatte, sollte nun Tiberius ausfüllen. Augustus zwang ihn, sich von seiner Frau Vipsania, einer Tochter Agrippas, zu trennen, Iulia zu heiraten und sich zum Schutz der beiden jungen Prinzen zu verpflichten. Augustus scheint sich damals aber weder Tiberius noch dessen jüngeren Bruder Drusus, zu dem er ein besseres Verhältnis hatte, als Nachfolger gewünscht zu haben. Zudem kam Drusus bereits 9 v. Chr. auf einem Kriegszug in Germanien ums Leben. Augustus machte deutlich, dass Tiberius nur ein „Platzhalter“ für die beiden Enkel sein und nur für eine Übergangszeit als Nachfolgekandidat dienen solle.Zur Rolle des Tiberius als Platzhalter für die jungen Caesares siehe: Jochen Bleicken: Augustus. Eine Biographie. Berlin 1998, S. 631ff. Dies führte zum Zerwürfnis mit dem Stiefsohn, der die erzwungene Ehe mit Iulia zudem als Qual empfand. Tiberius legte daher 5 v. Chr. alle Ämter nieder und ging als Privatmann nach Rhodos ins Exil. Zu einer Aussöhnung kam es erst, nachdem Iulia wegen ihres Lebenswandels und der möglichen Verwicklung in eine gegen ihren Vater gerichtete Verschwörung auf die Insel Pandateria verbannt worden war. Als Julias ältere Söhne Lucius und Gaius Caesar kurz hintereinander, 2 und 4 n. Chr., starben, war die Nachfolgefrage erneut völlig offen. Am 26. Juni des Jahres 4 traf Augustus daher eine neue Regelung: Er adoptierte seinen Stiefsohn Tiberius gemeinsam mit seinem letzten noch lebenden Enkel, dem 16-jährigen Agrippa Postumus. Tiberius wiederum musste Germanicus adoptieren, den Sohn seines verstorbenen Bruders Drusus und Großneffe des Augustus, denn er entstammte als Enkel der Octavia zugleich dem julischen und dem claudischen Familienzweig. Da Germanicus zu diesem Zeitpunkt aber noch zu jung war, um Augustus direkt nachzufolgen, wies der Princeps ihm die Rolle des Nachfolgers von Tiberius zu. Nach dieser familienpolitischen Weichenstellung bis in die dritte Generation übertrug Augustus Tiberius im selben Jahr die tribunizische Amtsgewalt (tribunicia potestas). Aber erst im Jahr vor seinem Tod, 13 n. Chr., verlieh Augustus ihm auch die prokonsularischen Befugnisse (imperium proconsulare maius) und designierte Tiberius damit öffentlich als einzig möglichen Nachfolger. Agrippa Postumus war bereits im Jahr 7 aus nie ganz geklärten Gründen auf die Insel Planasia bei Elba verbannt worden, wo er unmittelbar nach Augustus’ Tod ermordet wurde. Ob dies auf eine letztwillige Verfügung des Princeps zurückging oder, wie Tacitus meinte, auf einen Befehl des Tiberius, konnte nie geklärt werden. Auch Augustus’ Tochter Julia starb kurz nach ihm, angeblich an Hunger, da Tiberius sie vom Erbe ausgeschlossen und ihr jeglichen Unterhalt verweigert habe. In seinem umfangreichen Testament hatte Augustus sein gesamtes materielles Vermögen Tiberius und Livia vermacht. Darüber hinaus setzte er Legate für die Bürger Roms und die Prätorianer aus. Ferner regelte er sein Begräbnis und gab Anweisungen für Tiberius und den Staat.Cassius Dio 56,32 Tod und Begräbnis mini|hochkant=1.6|Münze aus der Regierungszeit des Tiberius mit Büste des vergöttlichten Augustus und Umschrift „DIVVS AVGVSTVS PATER“ auf der Vorderseite Im Sommer des folgenden Jahres unternahm der Kaiser eine Reise, die ihn über Capri nach Benevent führen sollte. Er erkrankte bereits auf Capri an Diarrhoe, reiste aber noch weiter aufs Festland bei Neapel und ließ sich nach Nola bringen – angeblich in dasselbe Haus, in dem 71 Jahre zuvor sein Vater Gaius Octavius gestorben war. Dort verstarb der Kaiser in Gegenwart seiner Frau Livia und einer Reihe herbeigeeilter Würdenträger am 19. August des Jahres 14, am gleichen Tag, an dem er über 50 Jahre zuvor sein erstes Konsulat angetreten hatte. Laut Sueton soll der Mann, der in seinem Leben so viele Masken getragen hatte, sich mit einer Formel verabschiedet haben, die Komödianten am Ende eines Stückes sprachen: „Hat das Ganze Euch gefallen, nun so klatschet Beifall unserem Spiel, und entlasst uns alle mit Dank.“Sueton, Augustus 99. Augustus’ Leiche wurde auf dem Marsfeld in Rom verbrannt und die Asche in dem prachtvollen Augustusmausoleum beigesetzt, das der Kaiser dort für sich und seine Familie hatte errichten lassen. Zudem wurde er – wie die meisten römischen Caesaren nach ihrem Tod – zum Staatsgott (divus) erklärt. Zwischen Kapitol und Palatin wurde ein Tempel des Divus Augustus geweiht. Der kultische Dienst dort oblag einem Kollegium von 21 Priestern, den Augustales, in das nur die höchsten Mitglieder des Senats und des Kaiserhauses berufen wurden. Augusteisches Zeitalter mini|hochkant=1|Augustusstatue von Primaporta(Rom, Vatikanische Museen) Schon Zeitgenossen des Augustus betrachteten ihre Gegenwart als „apollinische Ära“, geprägt von Apoll, dem Gott des Lichts, der Künste und der Musik, der Weisheit und der Weissagung. Der Kaiser ließ ihm Heiligtümer bei Actium und bei seinem eigenen Wohnhaus auf dem palatinischen Hügel in Rom errichten. Ein Beispiel dafür, welche Verehrung dem Princeps schon zu Lebzeiten zuteilwurde, ist ein Kultlied des HorazHoraz, Carmina 4, 5, 17 ff. (Übersetzung nach Werner Dahlheimzit. nach Werner Dahlheim: Augustus. In: Manfred Clauss (Hrsg.): Die römischen Kaiser. 55 historische Portraits von Caesar bis Iustinian. München 1997, S. 26–50, hier: S. 45f.): tutus bos etenim rura perambulat, nutrit rura Ceres almaque Faustitas, pacatum volitant per mare navitae; culpari metuit fides, […] quis Parthum paveat, quis gelidum Scythen, quis Germania quos horrida parturit fetus incolumi Caesare? quis ferae bellum curet Hiberiae? […] Nunmehr zieht seines Wegs sicher der Stier dahin, Ceres segnet die Flur wieder mit reicher Saat, Friedlich schaukelt das Schiff durch die versöhnte Flut Treu und Glauben sind neu erwacht (…) Wen erfüllt noch mit Angst Parther und Skythe jetzt? Wen Germaniens Brut, Söhne der rauen Luft Wen, da Caesar uns lebt, kümmert des Krieges Dräun Fern im wilden Iberien? (…) Vollends verklärt wurde die Regierungszeit des ersten Kaisers nach seinem Tod unter dem Begriff der Pax Augusta, des „augusteischen Friedens“. Im Vergleich zum vorangegangenen Jahrhundert und zur Herrschaft vieler Nachfolger des ersten Kaisers brachte die augusteische Ära – das Saeculum Augustum – Rom, Italien und den meisten Provinzen in der Tat eine lange währende Zeit von innerem Frieden, Stabilität, Sicherheit und Wohlstand. Nach den Verheerungen der Bürgerkriege blühte die Wirtschaft nun ebenso auf wie Kunst und Kultur. Die Zeit brachte Dichter wie Vergil, Horaz, Ovid und Properz, Historiker wie Titus Livius oder Architekten wie Vitruv hervor. Der Kaiser selbst versuchte sich als Tragödienautor, vernichtete aber sein Drama Ajax, dessen Unzulänglichkeit ihm bewusst war, mit dem Kommentar: Mein Ajax ist in den Schwamm gefallen. mini|hochkant=1.4|Das Marcellustheater, dahinter die Portikus der Octavia und links der Circus Flaminius auf dem Marsfeld (Modell im Museo della Civiltà Romana, Rom) Rom wandelte sich, wie Augustus meinte, von einer Stadt aus Ziegeln zu einer Stadt aus Marmor. Beeindruckende architektonische Zeugnisse dieser Zeit haben sich bis heute erhalten, etwa das Marcellus-Theater, das von Agrippa erbaute und unter Kaiser Hadrian erneuerte Pantheon und nicht zuletzt Augustus’ Mausoleum und die Ara Pacis, der Friedensaltar aus dem Jahre 9 v. Chr., der auf einem Relief eine Prozession der kaiserlichen Familie zeigt. Das Bild, das der Kaiser mit solchen Bauten den Römern vermitteln wollte, kontrastierte aber spätestens seit dem Jahr 16 v. Chr. wieder mit den unablässigen Kriegen, die an den Grenzen geführt wurden. Das Reich expandierte unter Augustus in einem Maß wie nie zuvor und nie wieder danach. Neben dem reichen Ägypten und Galatia wurden ihm Provinzen an Rhein und Donau hinzugefügt, deren Eroberung nur mit der Galliens durch Caesar vergleichbar war. Von Krieg aber war im Inneren des Reichs und der Provinzen nach dem Jahr 31 v. Chr. nur noch wenig zu spüren. Frieden und Wohlstand nahmen deshalb auch schon die Zeitgenossen als prägendes Kennzeichen der Epoche wahr. Dies war der Grund, warum sie sich letztlich mit der Einführung der Monarchie und dem Ende der Republik abfanden, zumal der Versuch einer Rückkehr zu deren oligarchischer Ordnung neue Bürgerkriege hätte hervorrufen können. Und es war kein Zufall, dass die Anhänger eines neuen Glaubens später einen Zusammenhang herstellten zwischen der Herrschaft des vergöttlichten, als Retter und Friedensfürst gefeierten Augustus und der Geburt ihres Religionsstifters, den sie als Gottessohn, Heiland und Verkünder eines Reichs des Friedens verehrten.Vgl. Werner Dahlheim: Augustus. In: Manfred Clauss (Hrsg.): Die römischen Kaiser. 55 historische Portraits von Caesar bis Iustinian. München 1997, S. 26–50, hier: S. 49. Augustus in Nachwelt und Forschung Das Bild des Princeps hat sich in den 2000 Jahren seit seinem Tod immer wieder gewandelt. Mit seiner Person und seiner Politik hatten diese Veränderungen meist wenig bis gar nichts zu tun. Augustusbilder von der Antike bis zur frühen Neuzeit Augustus hatte alles dafür getan, der Nachwelt ein möglichst positives Bild von sich zu hinterlassen. Seine Selbstbiographie ging zwar verloren, aber sein „Tatenbericht“, die sogenannten Res gestae divi Augusti, vermitteln einen guten Eindruck davon, wie der Herrscher selbst gesehen werden wollte. Auch Nikolaos von Damaskus war in seiner nur fragmentarisch erhaltenen Biografie des Augustus darum bemüht, ihn nur im besten Licht darzustellen. Zu diesem positiven Gesamtbild trug auch die Nachahmung vieler Aspekte von Augustus’ Politik und Selbstdarstellung durch seine Nachfolger bei, die mit dem modernen Forschungsbegriff imitatio Augusti bezeichnet wird.Zur imitatio Augusti siehe Philipp Brockkötter: Die imitatio Augusti in der frühen Kaiserzeit (= Studien zur Alten Geschichte. Band 39). Verlag Antike, Göttingen 2025, ISBN 978-3-911065-15-3. Allerdings finden sich in der antiken Geschichtsschreibung auch Spuren einer anderen, kritischen Beurteilung. Der Geschichtsschreiber Tacitus etwa, ein erklärter Anhänger der früheren, republikanischen Verhältnisse, schrieb im frühen 2. Jahrhundert in seinem Werk Annalen über die Begründung des Principats: Nach einer kritischen Passage über die in seinen Augen übertriebenen postumen Ehrungen des Augustus schrieb Tacitus über den Princeps selbst: Bestimmte Schilderungen Tacitus’ sowie des im frühen 3. Jahrhundert schreibenden Senators Cassius Dio weisen einige Übereinstimmungen auf. Während aber Tacitus ein eher negatives Bild vom ersten Princeps zeichnete, da er den Untergang der Republik bedauerte und die Machtpolitik des Augustus als solche erkannte, war Dios Darstellung positiver. Da sein Werk neben den mit Tacitus übereinstimmenden Passagen zusätzliches Material bietet, ist man sich in der Forschung weitgehend einig, dass Dio nicht Tacitus, sondern dass beide eine heute verlorene, gemeinsame Quelle verwendet haben. Wie die meisten antiken Geschichtsschreiber benannte auch Tacitus nur selten seine Quellen. Aus der senatorischen Geschichtsschreibung sind jedoch mehrere Werke aus der Zeit vor ihm bekannt, darunter das des Aulus Cremutius Cordus, der Brutus und Cassius anscheinend recht positiv dargestellt hat. Auch Aufidius Bassus schilderte wenigstens teilweise die Herrschaft des Augustus; allerdings ist nicht bekannt, ab welchem Zeitpunkt seine Historien einsetzten. Wahrscheinlich schrieb auch Servilius Nonianus über die Herrschaft des Princeps.Vgl. zu den vor-taciteischen Historikern John Wilkes: Julio-Claudian Historians. In: Classical World. Bd. 65, 1972, S. 177ff. Sueton verarbeitete Material aus verlorenen Werken dieser Zeit in seinen Kaiserviten. Tacitus mag aber der erste Geschichtsschreiber gewesen sein, dessen Gesamturteil über Augustus negativ gefärbt war.So Bernd Manuwald: Cassius Dio und das ‚Totengericht‘ über Augustus bei Tacitus. In: Hermes. Bd. 101, 1973, S. 353–374, hier: 373f. Zweieinhalb Jahrhunderte nach Tacitus übernahm Kaiser Julian das zwiespältige Urteil der senatorischen Geschichtsschreibung über seinen Vorgänger. In seiner Satire Caesares („Die Kaiser“) beschrieb er Augustus wegen seiner Wechselhaftigkeit als Chamäleon. Trajan und Mark Aurel seien ihm daher als Charaktere vorzuziehen.Julian, Caesares, 309a. In: Wilmer Cave Wright: Julian the Emperor. Band 2. Harvard University Press, London und Cambridge [MA] 1913, S. 350 f. (Digitalisat). Auch abseits der genannten Geschichtsschreiber fand Augustus in der restlichen römischen Kaiserzeit häufig Erwähnung im politischen und literarischen Diskurs. Auf ihn und seine Regierungszeit wurde verwiesen, um die eigene Herrschaft auf einen berühmten Vorgänger zurückzuführen, um im Vergleich mit der augusteischen Epoche Phänomene und Probleme der eigenen Zeit zu diskutieren und um aus dieser berühmten Phase der römischen Geschichte Beispiele (exempla) für den Umgang mit unterschiedlichsten gesellschaftlichen Aspekten heranzuziehen. Im Laufe der Jahrhunderte wurden dabei negative Sichtweisen auf Augustus tendenziell häufiger und die Bezugnahme auf seine Regierung erfolgte gelegentlich auch in Form einer Abgrenzung.Marco Besl: Augustus als Programm. Eine Rezeptionsgeschichte des ersten Princeps (14–500 n. Chr.). Stuttgart 2025. Eine wesentliche Umdeutung erfuhren Augustus und seine Zeit nach der Christianisierung des Römischen Reichs. Seit Spätantike und Mittelalter haben Christen immer wieder versucht, die pax Augusta mit der pax Christiana gleichzusetzen, da Jesus von Nazaret im augusteischen Zeitalter geboren worden war. Im Spätmittelalter nutzten die römisch-deutschen Könige und Kaiser diesen Umstand auch politisch, um ihren Vorrang gegenüber dem Papsttum zu begründen. Während des Weihnachtsdienstes wurde indirekt hervorgehoben, dass es zur Zeit von Jesu Geburt bereits einen römischen Kaiser aber noch keinen Papst gegeben habe.Hermann Heimpel: Königlicher Weihnachtsdienst im späteren Mittelalter. In: Deutsches Archiv für Erforschung des Mittelalters. Bd. 39, 1983, S. 131–206 (Digitalisat) Auch in der Neuzeit wollten Politiker aus jeweils unterschiedlichen Motiven heraus immer wieder Parallelen zwischen der eigenen und der Zeit des Augustus konstruieren. Während der Französischen Revolution wurde zum Beispiel die Errichtung des Direktoriums nach der Terrorherrschaft der Jakobiner im Jahr 1794 mit der Errichtung des Prinzipats verglichen. Im 20. Jahrhundert wiederum entfachten die italienischen Faschisten ein regelrechtes Augustusfieber. Auch in der Zeit des Nationalsozialismus versuchten zahlreiche Althistoriker, darunter Wilhelm Weber, die Herrschaftsweise des Augustus als Vorbild für die so genannte nationale Erneuerung Deutschlands durch das „Führerprinzip“ darzustellen. Augustus in der modernen Geschichtswissenschaft Noch ganz anders hatte im 19. Jahrhundert der Althistoriker Theodor Mommsen geurteilt: Er hatte Augustus’ Prinzipatsordnung nicht als Allein-, sondern als Doppelherrschaft gedeutet, die sich Senat und Princeps geteilt hätten.Theodor Mommsen: Römisches Staatsrecht. Bd. 2, 3. Auflage, Leipzig 1887, S. 748. Gegen dieses Bild wiederum wandte sich Ronald Syme, dessen 1939 erschienenes Werk The Roman Revolution vor allem aufgrund seines reichhaltigen Materials als Ausgangspunkt der modernen Augustus-Forschung gilt. Symes Darstellung war von der Ausbreitung faschistischer Bewegungen im Europa seiner Zeit geprägt. Er wollte in Augustus einen Diktator und in seinem Aufstieg Parallelen zu den Anfängen des Faschismus erkennen. Ähnlich sah dies auch Benito Mussolini selbst, auch wenn er Symes negative Bewertung nicht teilte. Nach Syme ist Augustus’ Regime aus einer Revolution hervorgegangen. Er selbst sei ein Parteimann gewesen, der gestützt auf Geld und Waffen die alte Führungsschicht beseitigt und durch eine neue ersetzt habe. Als kalkulierender Machtmensch habe er die alte, zerfallende Republik zu Grabe getragen, um unter einer scheinbar republikanischen Fassade eine Alleinherrschaft zu begründen. Der Historiker Jochen Bleicken urteilte zwar kritisch, aber nicht abwertend über den Princeps: In der antiken Geschichte gebe es nur Alexander und Caesar, deren Leistungen sich mit denen des Augustus vergleichen ließen. Dennoch könne man ihn nicht mit diesen „Großen“ gleichsetzen, die im Grunde nur zerstörend gewirkt hätten. Augustus hingegen sei vor allem der wegweisende „Baumeister des Römischen Kaiserreichs“ und „Erzieher“ der neuen Eliten des Prinzipats gewesen.Jochen Bleicken: Augustus. Eine Biographie. Berlin 1998, S. 684f. Von einer Heuchelei des Augustus oder von einem Fassadencharakter seines Regimes könne keine Rede sein.Jochen Bleicken: Augustus. Eine Biographie. Berlin 1998, S. 374. Dietmar Kienast sah in Augustus gar den selbstlosesten Machthaber der gesamten Geschichte.Dietmar Kienast: Augustus. Prinzeps und Monarch. 3., durchgesehene und erweiterte Auflage. Darmstadt 1999, S. 517. Auch Klaus Bringmann (2007) zog in seiner Augustus-Biographie eine insgesamt positive Bilanz der Regierungszeit des ersten römischen Kaisers: Anders als Ronald Syme sieht er in dessen Leistungen den Beleg dafür, dass der Besitz der Macht für Augustus kein bloßer Selbstzweck war.Klaus Bringmann: Augustus. Darmstadt 2007, S. 244. Werner Dahlheim (2010) stellt den „mörderischen Winkelzüge[n] der ersten Jahre“Werner Dahlheim: Augustus. Aufrührer – Herrscher – Heiland. Eine Biographie. München 2010, S. 389. des jungen Octavian das positive Urteil über dessen zweite Lebenshälfte gegenüber. Ihm erscheint Augustus, gemessen an der Dauerhaftigkeit seiner staatsmännischen Leistung, als „großer Mann“.Werner Dahlheim: Augustus. Aufrührer – Herrscher – Heiland. Eine Biographie. München 2010, S. 405. Aus Anlass des 2000. Todestages des Kaisers wurde in den Scuderie del Quirinale in Rom von Oktober 2013 bis Februar 2014 die Ausstellung „Augusto“ gezeigt.Dirk Schümer: Augustus-Ausstellung in Rom. Ein rabiater Europäer der ersten Stunde. Er war der Großneffe von Julius Cäsar und erfand das römische Kaisertum: Eine große Ausstellung in Rom feiert das Heldentum und die Herrlichkeit des Herrschers Augustus. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung#FAZ.NET, 30. Oktober 2013. Aus dem gleichen Anlass organisierten Ernst Baltrusch und Christian Wendt an der FU Berlin eine Ringvorlesung mit 12 Beiträgen von Fachkolleginnen und -kollegen zu wichtigen Aspekten der Politik und Kultur der Epoche des ersten Princeps und ihrer Bedeutung für die Nachwelt, die 2016 in einem Sammelband publiziert wurden.Ernst Baltrusch, Christian Wendt (Hrsg.): Der Erste. Augustus und der Beginn einer neuen Epoche. Darmstadt 2016. Werke Augustus war Verfasser einer Vielzahl von Schriften unterschiedlicher Gattung und unterschiedlichen Inhalts. Annähernd vollständig erhalten sind davon nur die Res gestae divi Augusti, ein von Augustus selbst verfasster Tatenbericht, der an Bronzesäulen vor seinem Mausoleum angebracht war. Kopien wurden als Inschriften in mehreren Orten in Kleinasien gefunden, die vollständigste – mit einer griechischen Übersetzung – in einem Tempel in Ankara, nach der das Werk auch als Monumentum Ancyranum bezeichnet wird. Es gibt zahlreiche Ausgaben, unter anderem eine lateinisch-griechisch-deutsche Ausgabe mit Kommentar hrsg. von Ekkehard Weber, München u. Zürich 1975. Text (lateinisch), Text (lateinisch/griechisch/englisch). Die übrigen Werke sind nur als 'Fragmente', das heißt zumeist als Zitate oder Paraphrasen bei späteren Autoren überliefert. Zu nennen sind hier unter anderem: De vita sua: eine Autobiografie, die in dreizehn Büchern die Zeit bis zum Cantabrischen Krieg behandelte, aber praktisch vollständig verloren ging. (Moderne „Rekonstruktionen“ von O. K. Gilliam, Philipp Vandenberg und Allan Massie gehören in das Genre des historischen Romans.) Sicilia: verloren gegangenes Epos in Hexametern, nur von Sueton bezeugt. Ajax: Tragödie, von Augustus selbst vernichtet. Briefe; Reste von Privatbriefen des Augustus, etwa an Familienmitglieder, aber auch an Gaius Maecenas und die Dichter Vergil und Horaz,Zu den Briefen an Horaz vgl. Henning Ohst: ‚Irasci me tibi scito‘. Augustus und sein Verhältnis zu Horaz im Spiegel der Fragmente seiner Privatkorrespondenz. In: Jessica Bartz, Martin Müller, Rolf Frank Sporleder (Hrsg.): ‚Augustus immortalis‘. Aktuelle Forschungen zum Princeps im interdisziplinären Diskurs. (…). Berlin 2020, S. 81–88 (Online). sind in recht großem Umfang als Zitate bei späteren Autoren (vor allem Sueton) überliefert. Amtsbriefe sind zum Teil auch in inschriftlicher Form erhalten. Ausgaben Enrica Malcovati: Imperatoris Caesaris Augusti operum fragmenta. 5. Auflage. Paravia, Turin 1969 (kritische Ausgabe aller Fragmente von Schriften des Augustus sowie der Res gestae, in ihrer Gesamtheit bislang unüberholt) John Scheid: Res gestae divi Augusti (= Collection Budé [série latine]. Bd. 386). Les Belles Lettres, Paris 2007, ISBN 978-2-251-01446-3 (derzeit maßgebliche Ausgabe des 'Tatenberichts' mit französischer Übersetzung) Rezension: Josiah Osgood, in: Bryn Mawr Classical Review, 2007.10.40 (Online) Klaus Bringmann, Dirk Wiegandt: Augustus. Schriften, Reden und Aussprüche (= Texte zur Forschung. Bd. 91). Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2008, ISBN 3-534-19028-9 (Studienausgabe auf Grundlage von Malcovati mit deutscher Übersetzung und historischem Kommentar) Rezension: Andreas Klingenberg, in: H-Soz-Kult, 19. Mai 2008 (Online) Henning Ohst: Die ‚Epistulae ad familiares‘ des Kaisers Augustus. Studien zur Textgeschichte in der Antike, Edition und Kommentar (= Untersuchungen zur antiken Literatur und Geschichte. Bd. 152). De Gruyter, Berlin/Boston 2023, ISBN 978-3-11-119151-5, S. 99–238 (kritische Ausgabe der Privatbrieffragmente mit Übersetzung und philologischem Kommentar; teilweise anders zusammengesetzt und angeordnet als in dem entsprechenden Abschnitt der Ausgabe Malcovatis) Quellen Appian, Römische Geschichte. Bd. 2: Bürgerkriege. Übersetzt von Otto Veh, 1988. Text (englisch) bei LacusCurtius Cassius Dio, Römische Geschichte. Übersetzt von Otto Veh, Artemis-Verlag, Zürich 1985, (englische Übersetzung) Nikolaos von Damaskus, Das Leben des Augustus. Oft kritisierte Biografie, die nicht immer zuverlässig ist und nur in byzantinischen Exzerpten erhalten ist. Zweisprachige Übersetzung von Jürgen Malitz, Nikolaos von Damaskus. Das Leben des Kaisers Augustus, Darmstadt 2003. Text (englisch) Text (deutsch) (PDF; 77 kB) Sueton, Divus Augustus. Ausführlichste antike Biografie aus der Sammlung der Kaiserbiografien von Gaius Iulius Caesar bis Domitian. Zahlreiche Ausgaben, beispielsweise in Sämtliche erhaltene Werke, Essen 2004 (deutsche Übersetzung). Text (lateinisch), (englische Übersetzung) Tacitus, Annalen. Das Geschichtswerk setzt erst mit dem Tod des Augustus ein, enthält aber zahlreiche Rückblicke auf seine Herrschaft. Zahlreiche Ausgaben, beispielsweise lateinisch und deutsch hrsg. von Erich Heller, München/Zürich 1982. Text (lateinisch/englisch) Literatur Biographien Jochen Bleicken: Augustus. Eine Biographie. Alexander Fest, Berlin 1998, ISBN 3-8286-0027-1 (Neuauflage mit Nachwort von Uwe Walter, Rowohlt, Reinbek 2010, ISBN 978-3-499-62650-0). Klaus Bringmann: Augustus (= Gestalten der Antike.). Primus, Darmstadt 2007, ISBN 978-3-89678-605-0. Karl Christ: Geschichte der römischen Kaiserzeit. Von Augustus bis zu Konstantin. 4. durchgesehene und aktualisierte Auflage. C. H. Beck, München 2002, ISBN 3-406-36316-4, S. 47 ff. Werner Dahlheim: Augustus. Aufrührer – Herrscher – Heiland. Eine Biographie. C. H. Beck, München 2010, ISBN 978-3-406-60593-2 (Rezension von Christoph Michels in H-Soz-Kult, 2010 Online). Werner Dahlheim: Augustus. In: Manfred Clauss (Hrsg.): Die römischen Kaiser. 55 historische Portraits von Caesar bis Iustinian. 4. aktualisierte Auflage. C. H. Beck, München 2010, ISBN 978-3-406-60911-4, S. 26–50 (Kurzbiografie). Werner Eck: Augustus und seine Zeit. 6. überarbeitete Auflage. C. H. Beck, München 2014, ISBN 978-3-406-41884-6 (knappe Einführung). Karl Galinsky: Augustus. Sein Leben als Kaiser. Aus dem Englischen von Cornelius Hartz. Philipp von Zabern, Mainz 2013, ISBN 978-3-8053-4677-1. Dietmar Kienast: Augustus. Prinzeps und Monarch. 4., bibliographisch aktualisierte und um ein Vorwort ergänzte Auflage. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2009, ISBN 978-3-534-23023-5 (problemorientierte, aber schwer lesbare Darstellung mit umfassendem wissenschaftlichem Apparat). Anne-Marie Lewis: Celestial inclinations. A life of Augustus. Oxford University Press, New York 2023, ISBN 978-0-19-759967-9. Angela Pabst: Kaiser Augustus. Neugestalter Roms. Reclam, Stuttgart 2014, ISBN 978-3-15-010988-5. Daniel Carlo Pangerl: Augustus. In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon. Band 46, Bautz, Nordhausen 2023, ISBN 978-3-95948-590-6, Sp. 73–79. Gilles Sauron: Auguste. L’emprise des signes (= Mondes anciens. Band 13). Les Belles Lettres, Paris 2025, ISBN 978-2-251-45705-5. Pat Southern: Augustus. Magnus, Essen 2005, ISBN 3-88400-431-X. Heinrich Schlange-Schöningen: Augustus. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2005, ISBN 3-534-16512-8 (knappe Darstellung). Einordnung und wichtige Einzelaspekte Ernst Baltrusch, Christian Wendt (Hrsg.): Der Erste. Augustus und der Beginn einer neuen Epoche, Zaberns Bildbände zur Archäologie. Sonderbände der Antiken Welt, Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt 2016, ISBN 978-3-8053-5033-4. Jochen Bleicken: Verfassungs- und Sozialgeschichte des Römischen Kaiserreiches. 2 Bände, 3. bzw. 4. Auflage, Schöningh, Paderborn 1981, ISBN 3-8252-0838-9, ISBN 3-8252-0839-7. Alan K. Bowman (Hrsg.): The Cambridge Ancient History. Vol. 10. The Augustan Empire. Cambridge University Press, Cambridge 1996, ISBN 0-521-26430-8 (detaillierte Gesamtdarstellung). Klaus Bringmann, Thomas Schäfer: Augustus und die Begründung des römischen Kaisertums. Akademie-Verlag, Berlin 2002, ISBN 3-05-003054-2 (Studienbuch mit Quellenteil). Maria H. Dettenhofer: Herrschaft und Widerstand im augusteischen Prinzipat. Die Konkurrenz zwischen res publica und domus Augusta (= Historia Einzelschriften. Band 140). Franz Steiner, Stuttgart 2000, ISBN 3-515-07639-5. Jörg Fündling: Das Goldene Zeitalter. Wie Augustus Rom neu erfand. WBG, Darmstadt 2013, ISBN 978-3-86312-035-1. Manuel Flecker, Stefan Krmnicek, Johannes Lipps, Richard Posamentir, Thomas Schäfer (Hrsg.): Augustus ist tot Lang lebe der Kaiser! Internationales Kolloquium anlässlich des 2000. Todesjahres des römischen Kaisers vom 20.–22. November 2014 in Tübingen (= Tübinger archäologische Forschungen. Bd. 24). Verlag Marie Leidorf, Rahden 2017, ISBN 978-3-89646-915-1. Karl Galinsky (Hrsg.): The Cambridge Companion to the Age of Augustus. Cambridge University Press, Cambridge 2005, ISBN 0-521-00393-8 (Aufsatzsammlung). Wolfgang Havener: Imperator Augustus. Die diskursive Konstituierung der militärischen „persona“ des ersten römischen „princeps“ (= Studies in ancient monarchies. Bd. 4). Steiner, Stuttgart 2016, ISBN 978-3-515-11220-8. A. J. S. Spawforth: Greece and the Augustan Cultural Revolution. Cambridge University Press, Cambridge 2012. Ronald Syme: Die römische Revolution. Machtkämpfe im antiken Rom. Grundlegend revidierte und erstmals vollständige Neuausgabe, herausgegeben von Christoph Selzer und Uwe Walter. Klett-Cotta, Stuttgart 2003, ISBN 3-608-94029-4 (klassische Darstellung, die zum Ausgangspunkt der modernen Augustus-Forschung geworden ist). Paul Zanker: Augustus und die Macht der Bilder. 3. Auflage. Beck, München 1997, ISBN 3-406-34514-X (Gesamtdarstellung der propagandistischen und repräsentativen Politik des Augustus). Rezeption Marco Besl: Augustus als Programm. Eine Rezeptionsgeschichte des ersten Princeps (14–500 n. Chr.) (= Historia Einzelschriften. Band 276). Franz Steiner, Stuttgart 2025, ISBN 978-3-515-13794-2. – Rezension von Penelope J. Goodman, sehepunkte 25 (2025), Nr. 9, 15. September 2025; Olivier Hekster, Bryn Mawr Classical Review 2025.10.32 Philpp Brockkötter: Die imitatio Augusti in der frühen Kaiserzeit. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2025. Penelope J. Goodman (Hrsg.): Afterlives of Augustus, AD 14–2014. Cambridge University Press, Cambridge 2018. Emmanuel Lyasse: Le Principat et son fondateur. L’Utilisation de la référence à Auguste de Tibère à Trajan. Éditions Latomus, Brüssel 2008. Ines Stahlmann: Imperator Caesar Augustus. Studien zur Geschichte des Principatsverständnisses in der deutschen Altertumswissenschaft bis 1945. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1988, ISBN 3-534-03890-8. Weblinks Ausführliche Informationen zu Leben und Werk des Augustus Mary Beard: The new Augustus. In: The Times Literary Supplement, Januar 2014, zu den Augustus-Ausstellungen in Rom und Paris 2013–2014 Vinzenz Völkel/Siegfried Höhne: Augustus – Friedenskaiser und Gewaltherrscher Bayern 2 Radiowissen. Ausstrahlung am 29. Juli 2019 (Podcast) Anmerkungen Kategorie:Kaiser (Rom) Kategorie:Konsul (Römische Republik) Kategorie:Praefectus urbi (Römische Republik) Kategorie:Praefectus urbi (Römische Kaiserzeit) Kategorie:Censor Kategorie:Augur Kategorie:Julier Kategorie:Octavier Kategorie:Römischer Mäzen Kategorie:Person im Neuen Testament Kategorie:Gaius Iulius Caesar Kategorie:Herrscher (1. Jahrhundert) Kategorie:Geboren 63 v. Chr. Kategorie:Gestorben 14 Kategorie:Mann
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92,012
de5a914c-c436-4621-8b4c-3a8e31838216
Attac
mini|Attac weltweit Attac (ursprünglich association pour une taxation des transactions financières pour l’aide aux citoyens; seit 2009: association pour la taxation des transactions financières et pour l’action citoyenne; Vereinigung zur Besteuerung von Finanztransaktionen im Interesse der Bürger‘) ist eine globalisierungskritische Nichtregierungsorganisation. Attac hat weltweit circa 90.000 Mitglieder und agiert in 50 Ländern, hauptsächlich jedoch in Europa. Gründung Attac wurde am 3. Juni 1998 in Frankreich gegründet. Den Anstoß zur Gründung gab ein LeitartikelIgnacio Ramonet: . In: Le Monde diplomatique vom 12. Dezember 1997, S. 1. von Ignacio Ramonet, der im Dezember 1997 in der Zeitung Le Monde diplomatique veröffentlicht wurde und die Gründung einer Association pour une taxe Tobin pour l’aide aux citoyens (deutsch: „Vereinigung für eine Tobin-Steuer zum Nutzen der Bürger“) vorschlug. Seine Idee war, auf weltweiter Ebene eine Nichtregierungsorganisation (NGO) ins Leben zu rufen, die Druck auf Regierungen ausüben sollte, um eine internationale „Solidaritätssteuer“ zur Kontrolle der Finanzmärkte, genannt Tobin-Steuer, einzuführen. Gemeint war damit die durch den US-amerikanischen Ökonomen James Tobin Ende der 1970er Jahre vorgeschlagene Steuer in Höhe von 0,1 % auf spekulative internationale Devisengeschäfte. Der von Ramonet gleichzeitig vorgeschlagene Name dieser Organisation „attac“Abkürzung für association pour une taxe Tobin pour l’aide aux citoyens, deutsch: ‚Vereinigung für eine Tobinsteuer zum Wohle der Bürger‘ sollte, aufgrund seiner sprachlichen Nähe zum französischen Wort attaque, zugleich den Übergang zur „Gegenattacke“ signalisieren, nach Jahren der Anpassung an die Globalisierung. Die Aktivitäten von Attac weiteten sich schnell über den Bereich der Tobinsteuer und die „demokratische Kontrolle der Finanzmärkte“ hinaus aus. Mittlerweile umfasst der Tätigkeitsbereich von Attac auch die Handelspolitik der WTO, die Verschuldung der Dritten Welt und die Privatisierung der staatlichen Sozialversicherungen und öffentlichen Dienste. Die Organisation ist inzwischen in einer Reihe von afrikanischen, europäischen und lateinamerikanischen Ländern präsent. Im deutschsprachigen Raum hatten 1999 die NGOs Weltwirtschaft, Ökologie und Entwicklung (WEED) und Kairos Europa die Initiative zur Gründung von Attac ergriffen. Attac Deutschland Attac Deutschland ist ein Projekt des eingetragenen Vereins Attac Trägerverein e. V. Der Verein ist beim Amtsgericht Frankfurt am Main unter der Vereinsregisternummer VR 12648 registriert. In Frankfurt/Main beschlossen am 22. Januar 2000 circa 100 Teilnehmer der Gründungsversammlung ein „Netzwerk zur demokratischen Kontrolle der internationalen Finanzmärkte“ zu gründen. Dieses soll eng mit der im Jahr 1998 gegründeten französischen Organisation Attac zusammenarbeiten. Attac Deutschland besteht aus Mitgliedsorganisationen und Einzelmitgliedern (Stand April 2018: über 29.000) Attac versteht sich als „Bildungsbewegung“ mit Aktionscharakter und Expertise. Über Vorträge, Publikationen, Podiumsdiskussionen und Pressearbeit sollen die Zusammenhänge der Globalisierungsthematik einer breiten Öffentlichkeit vermittelt und Alternativen zum „neoliberalen Dogma“ aufgezeigt werden. Seit mehreren Jahren begleitet ein wissenschaftlicher Beirat die Arbeit von Attac. Mit Aktionen soll Druck auf Politik und Wirtschaft zur Umsetzung der Alternativen erzeugt werden. Mit dem Jugendnetzwerk junges Attac sollen insbesondere junge Menschen für globalisierungskritische Themen angesprochen werden. Attac versteht sich als Netzwerk, in dem sowohl Einzelpersonen als auch Organisationen aktiv sein können. In Deutschland gehören circa 200 Organisationen Attac an, darunter ver.di, BUND, Pax Christi, Evangelische StudentInnengemeinde in Deutschland (Bundes-ESG) Deutsche Friedensgesellschaft – Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen (DFG-VK), Medico international und viele entwicklungspolitische und kapitalismuskritische Gruppen. Momentan sind von den über 29.000 Mitgliedern viele in den etwa 170 Regionalgruppen oder den bundesweiten Arbeitsgruppen aktiv. Attac Deutschland ist Mitglied im Tax Justice Network. Struktur Wissenschaftlicher Beirat (Auswahl) Im 2001 gegründeten wissenschaftlichen Beirat von Attac Deutschland arbeiteten circa 100 Professoren, Wissenschaftler und Experten mit. Engagiert waren Ökonomen, Soziologen, Politologen, Juristen, Psychologen und Fachleute anderer Professionen. Der Beirat war an Buchveröffentlichungen beteiligt. Seit Mai 2021 befindet sich der Wissenschaftliche Beirat in einer Phase der Reorganisation. Im alten Beirat waren vertreten (Auswahl): Quelle: Mitgliedsorganisationen von Attac Deutschland (Auswahl) Attac Deutschland versteht sich als Netzwerk, dem neben ca. 29.000 Einzelmitgliedern (2015) etwa 200 Organisationen angehören, darunter: Bekannte Personen und Prominente bei Attac Auswahl aus der Kategorie:Attac-Mitglied Themen mini|Attac-Fahne Köln, 2004 mini|Attac-Transparent bei der Kundgebung gegen die EU-Dienstleistungsrichtlinie 2005 in Brüssel Ursprünglich setzte sich Attac vor allem für die Einführung der Tobin-Steuer auf Finanztransaktionen und eine demokratische Kontrolle der internationalen Finanzmärkte ein. Inzwischen hat sich Attac auch anderer Themen der globalisierungskritischen Bewegung angenommen, als deren Teil es sich sieht. Seine Mitglieder nehmen häufig an Aktionen und Demonstrationen teil, die tendenziell dem linken politischen Spektrum zugeordnet werden. Attac kritisiert dabei die neoliberale Globalisierung und versucht u. a. mit Demonstrationen und Bildungs- und Aufklärungsarbeit gegen Armut und Ausbeutung zu kämpfen. Attac befasst sich in Deutschland vor allem mit folgenden Themen, zu denen es zum Großteil auch gesonderte bundesweite Arbeitszusammenhänge gibt: demokratische Kontrolle der Finanzmärkte (z. B. Tobin-Steuer), internationale Steuern und Abschaffung von Steueroasen, Fairer Handel statt Freihandel, Solidarische Ökonomie, Sicherstellung der Sozialsysteme und der öffentlichen Daseinsvorsorge, Mindestlohn, Bedingungsloses Grundeinkommen, Prekarisierung sowie die Verteilung von Arbeit, Globalisierung und Ökologie, Globalisierung und Krieg, Wissensallmende und freier Informationsfluss, für eine konzernfreie, soziale, ökologische und demokratisch kontrollierte öffentliche Daseinsvorsorge – gegen Privatisierung (von Energie, Strom, Wasser, Bildung usw.), Geschlechtergerechtigkeit, Migration, ökonomische Alphabetisierung Konsum- und Konzernkritik Demokratie und Eigentumsverteilung „Neoliberale“ Entwicklungen durch EU und WTO (insbesondere GATS und TRIPS, sowie EPAs und der Festlegung einer „neoliberalen Wirtschaftsform mit Verfassungsrang“ in einer vorerst gescheiterten EU-Verfassung), spezifische Entwicklungen in Lateinamerika. Attacs Hauptkritik an den „Kräften der neoliberalen Globalisierung“ (im Sprachverständnis von Attac zu unterscheiden von kultureller, ökologischer, politischer Globalisierung) ist, dass diese das Versprechen eines „Wohlstands für alle“ nicht haben einlösen können. Im Gegenteil: Die Kluft zwischen Arm und Reich werde immer größer, sowohl innerhalb der Gesellschaften als auch zwischen Nord und Süd. Motor dieser Art von Globalisierung seien die internationalen Finanzmärkte. Banker und Finanzmanager setzten täglich Milliardenbeträge auf diesen Finanzmärkten um und nähmen über ihre Anlageentscheidungen immer mehr Einfluss auf die gesellschaftliche Entwicklung. Damit würden die Finanzmärkte letztendlich die Demokratie untergraben. Deshalb plädiert Attac, neben anderen Maßnahmen, für die besagte Besteuerung von Finanztransaktionen, die so genannte Tobin-Steuer. Attac behauptet, neoliberale Entwicklungen seien politisch gewollt, d. h. die Politik sei nicht Opfer, sondern Hauptakteur dieses Prozesses. Attac tritt für eine „demokratische Kontrolle“ und Regulierung der internationalen Märkte für Kapital, Güter und Dienstleistungen ein. Politik müsse sich an den Leitlinien von Gerechtigkeit, Demokratie und ökologisch verantwortbarer Entwicklung ausrichten. Nur so könne die durch die kapitalistische Wirtschaftsweise entstehende gesellschaftliche Ungleichheit ausgeglichen werden. Attac möchte nach eigenen Angaben ein breites gesellschaftliches Bündnis als Gegenmacht zu den internationalen Märkten bilden. Die Behauptung, Globalisierung in ihrer jetzt herrschenden Form sei ein alternativloser Sachzwang, wird von Attac als reine Ideologie zurückgewiesen. Stattdessen wird unter Stichworten wie Alternative Weltwirtschaftsordnung, Global Governance, Deglobalisierung, Re-Regionalisierung und Solidarische Ökonomie über Alternativen diskutiert. Der Begriff „Ökonomische Alphabetisierung“ bezeichnet die Strategie von Attac, eine Vermittlung von ökonomischen Grundkenntnissen an weite Teile der Bevölkerung vorzunehmen. Da immer mehr Bereiche des öffentlichen Lebens den marktwirtschaftlichen Prinzipien unterworfen würden, seien immer öfter ökonomische Grundkenntnisse für eine Partizipation im demokratischen Prozess und für die Meinungsbildung erforderlich. Arbeitsweise mini|Attac-Ratschlag Hamburg, 2004 mini|Paul Singer auf dem Ratschlag in Gladbeck, 2007 Attac sagt über sich selbst, Grundsatz sei ein ideologischer Pluralismus. Inhaltlich bestehe allerdings auch ein unüberbrückbarer Gegensatz zum wirtschaftlichen Liberalismus. Attac möchte seine politischen Ziele friedlich und respektvoll durchsetzen und auf Gewalt deeskalierend reagieren. Entscheidungen werden bei Attac nicht nach dem Mehrheits-, sondern nach dem Konsensprinzip getroffen. Das heißt, dass Entscheidungen zunächst diskutiert und – falls niemand widerspricht – von allen mitgetragen werden. So können Entscheidungen auch auf vorläufiger Basis getroffen und später erneut diskutiert werden, falls eine Seite dazu anrät. Auf diese Weise kann das Meinungsspektrum der Mitglieder und Mitgliedsorganisationen besser integriert werden und kann sich keine Kultur von Mehrheitsabstimmungen entwickeln, die zum Übergehen von Minderheiten führen würde. Da Attac keine politische Partei ist, die zu jedem Thema einen abrufbaren und einheitlichen Standpunkt bereithalten muss, fallen die Nachteile des Konsensprinzips aus der Sicht der Aktivisten kaum ins Gewicht. Die Mitwirkung bei Attac findet vorwiegend in Arbeitskreisen (AKs) oder Arbeitsgemeinschaften (AGs) statt, die es sowohl auf regionaler als auch auf nationaler Ebene zu den verschiedenen Themengebieten gibt, sowie in zahlreichen Regionalgruppen. Meinungen von Attac zu wirtschaftspolitischen Themen werden zum Teil auch gesellschaftlich wahrgenommen, wie die vermehrten Auftritte von Attac-Mitgliedern in den Medien (DeutschlandRadio, Phönix) und bei Politik-Talkshows (z. B. Sven Giegold bei Sabine Christiansen, Maybrit Illner oder Jutta Sundermann als Gast von Bettina Böttinger im Kölner Treff) zeigten. Ratschlag Der Attac-Ratschlag ist bei Attac Deutschland das höchste Entscheidungsgremium. Er trifft sich zweimal jährlich, und zwar einmal als Attac-Basistreffen mit dem Schwerpunkt auf Erfahrungsaustausch und ein weiteres Mal als Entscheidungsgremium unter anderem mit den jährlichen Wahlen zum Attac-Rat und zum Koordinierungskreis. Beide Treffen sind öffentliche Vollversammlungen. Der Attac-Ratschlag ist ein bundesweites, öffentliches Treffen aller interessierten Menschen aus den Mitgliedsorganisationen, Ortsgruppen sowie den bundesweiten Arbeitszusammenhängen und aktiver Nichtmitglieder. Entscheidungen werden im Wesentlichen im Konsensverfahren getroffen, Abstimmungen sollen die Ausnahme sein. Für den Fall von Abstimmungen und Wahlen werden von den Mitgliedsorganisationen und Ortsgruppen Delegierte bestimmt. Auf dem Ratschlag haben alle Anwesenden, egal ob Attac-Mitglieder oder nicht, Rede- und Stimmrecht zu inhaltlichen Fragen. Die Verabschiedung des Haushaltes und die Wahlen der Gremien sind jedoch den Delegierten vorbehalten. Diese Delegierten werden von Attac-Gruppen, Mitgliedsorganisationen und bundesweiten Arbeitszusammenhängen bestimmt, jeweils nach ihren eigenen Verfahren, die nicht zentral geregelt sind. Jede Attac-Ortsgruppe bestimmt zwei Delegierte. Attac-Gruppen mit mehr als 100 Attac-Mitgliedern bestimmen vier Delegierte. Gruppen mit mehr als 200 Attac-Mitgliedern bestimmen sechs Delegierte. Die bundesweit tätigen Mitgliedsorganisationen bestimmen jeweils zwei Delegierte. Bundesweite Arbeitsgruppen, Kampagnen, feminist attac (früher: Frauennetzwerk), wissenschaftlicher Beirat usw. bestimmen auch jeweils zwei Delegierte. (Beschluss Ratschläge Frankfurt 2002 und Aachen 2003) Für die Delegationen zum Ratschlag gilt eine Frauenquote. Die Delegierten der Attac-Gruppen sollen so gewählt werden, dass mindestens die Hälfte der Delegierten Frauen sein können, aber maximal die Hälfte Männer. D. h.: bleiben Frauenplätze unbesetzt, sind diese nicht durch Männer auffüllbar, jedoch können leere Männerplätze durch Frauen besetzt werden. Rechtsstreit um die Gemeinnützigkeit Im Oktober 2014 erkannte das Finanzamt Frankfurt am Main Attac die Gemeinnützigkeit ab und begründete diesen Schritt mit „den allgemeinpolitischen Zielen“ der Organisation. Gemeinnützigkeit beziehe sich auf eingegrenzte Ziele wie z. B. den Umweltschutz, nicht auf ein breites gesellschaftspolitisches Engagement zu unterschiedlichen Themen, wie es Attac betreibe. Attac erhob Einspruch gegen die Entscheidung des Finanzamts. Im November 2016 wurde dem Widerspruch durch das Hessische Finanzgericht stattgegeben und damit die Gemeinnützigkeit gerichtlich festgestellt. Gegen das Urteil ging das Finanzamt allerdings auf Weisung des Bundesfinanzministeriums mit einer Nichtzulassungsbeschwerde vor, die der Bundesfinanzhof am 13. Dezember 2017 annahm. Damit blieb das Urteil des hessischen Landesgerichtes bis zu einer Entscheidung im Revisionsverfahren ohne Rechtskraft und Attac ohne anerkannte Gemeinnützigkeit. Am 26. Februar 2019 gab der Bundesfinanzhof bekannt, dass er der Revision weitgehend stattgibt, aber zur endgültigen Entscheidung erneut an das Hessische Finanzgericht verweist. Gemeinnützige Vereine hätten kein allgemeinpolitisches Mandat, das aber Attac durch Pressemitteilungen zu sehr unterschiedlichen Themen wahrnehme. Die öffentliche Meinung „im Sinne eigener Auffassungen“ zu beeinflussen, sei durch den gemeinnützigen Zweck der politischen Bildung nicht abgedeckt. Diese setze „ein Handeln in geistiger Offenheit voraus“ und schließe nur die Erarbeitung von Lösungsvorschlägen ein. Die FAZ verwies darauf, dass diese Beschränkung in gleicher Weise für parteinahe Stiftungen gelte. Weiter argumentierte der Bundesfinanzhof, dass einseitig beeinflussendes politisches Engagement nur zugunsten einer eng begrenzten Zahl von gemeinnützigen Zwecken erfolgen darf, unter anderem Natur- und Tierschutz sowie „die allgemeine Förderung des demokratischen Staatswesens“. attac stellte den „Dominoeffekt“ heraus, den die Entscheidung des Bundesfinanzhofs mit sich bringen würde, denn es gehe nicht nur um attac. Eine der größten deutschen gesellschaftspolitischen Kampagnenorganisationen, Campact, begann im Zuge des Rechtsstreites damit, keine Spendenbescheinigungen mehr auszustellen, da sie fürchtet, den Status der Gemeinnützigkeit ebenfalls entzogen zu bekommen. Mit dem Entzug der Gemeinnützigkeit mache man Organisationen „mundtot“, die Kampagnen mit allgemeinpolitischem Charakter unterstützen. Bereits mit und vor dem Urteil von 2014 wurde eine Beschränkung der steuerbegünstigten politischen Ziele durch die Abgabenordnung kritisiert. „Politik ist nicht nur Sache der Parteien, das spiegelt nicht die Zivilgesellschaft von heute“ wider, sagte etwa Ulrich Müller, Geschäftsführer von LobbyControl. Unabhängig von dem laufenden Rechtsstreit fordert attac eine Erweiterung des Gemeinnützigkeitsrechts in Deutschland. Der Satzungszweck „Förderung des demokratischen Staatswesens“ müsse wie Umwelt- und Naturschutz als gemeinnütziger Zweck anerkannt werden. Im März 2021 reichte Attac Verfassungsbeschwerde gegen den Entzug der Gemeinnützigkeit ein. Aktionen von Attac (Auswahl) Regelmäßige Veranstaltungen jährlich stattfindende Attac-Sommerakademie (2009 – Karlsruhe: gekoppelte Sommerakademie mit Ratschlag; 2008 – Leipzig: gekoppelte Sommerakademie mit Frühjahrsratschlag; 2007 – Fulda: 1. gekoppelte Ratschlagsakademie; 2006 – Karlsruhe; 2005 – Göttingen; 2004 – Dresden; 2003 – Münster; 2002 – Marburg), im Mai 2008 stattdessen eine Ratschlagsakademie („Maitage“) in Leipzig 1.–6. August 2008: erste Europäische Attac-Sommeruniversität in Saarbrücken; 9.–14. August 2011: European Network Academy in Freiburg jährlich stattfindende Attac-Aktionsakademie seit 2006 jährlich stattfindende Attacademie,attacademie in der Aktive in Seminaren ein Jahr lang alles über Theorie und Praxis emanzipativer Globalisierungskritik sowie das notwendige Handwerkszeug für wirkungsvolle gesellschaftspolitische Arbeit lernen können Mitorganisation von bundesweiten Kongressen, z. B. McPlanet.com, Solidarische Ökonomie 2006, Klimacamp 2008, Lateinamerika-Kongress 2008, Kapitalismuskongress 2009, Bankentribunal 2010, Postwachstumskongress 2011 Die Demonstration Wir haben es satt! wird gemeinsam von Attac und anderen Organisationen getragen. Die Veranstaltung findet jedes Jahr Anfang Januar in Berlin statt. Kampagnen 2002 STOPP-GATS-Kampagne 2003 Mobilisierung gegen den Irakkrieg mit Großdemo am 15. Februar 2003 in Berlin Attac-Aktion SPD erhängt den Sozialstaat am 5. September 2003 (Ein Aktivist seilte sich vom Willy-Brandt-Haus in Berlin ab) 2004 Anlässlich des Kauf-nix-Tags Versteigerungsversuch von Nix bei eBay Beteiligung an Demonstrationen gegen die Agenda 2010 gemeinsam mit DGB und anderen Kampagne „Vodaklau“ gegen die steuersparenden Abschreibungspläne von Vodafone nach der Übernahme von Mannesmann, „Her mit den 20.000.000.000 Euro“ 2005 Aktion gegen die Umsetzung der Biopatentrichtlinie. Kampagne gegen die EU-Verfassung, auch gemeinsam mit Attac Frankreich Kampagne für die Veröffentlichung aller Nebeneinkünfte von Politikern – in Kooperation mit Campact, dem BUND und Mehr Demokratie Aktionen gegen die Europäische Dienstleistungsrichtlinie, europaweite Großdemonstration am 19. März 2005 in Brüssel Online-Demo gemeinsam mit Campact: Gesicht zeigen gegen Softwarepatente Beginn einer mehrjährigen Kampagne gegen Produktions- und Arbeitsbedingungen beim Discounter Lidl 2006 Kampagne für internationale Steuern mit Aktionen zur Einführung einer Flugticketabgabe in Paris und Berlin Beteiligung am Bündnis Bahn für Alle gegen den geplanten Börsengang der Deutschen Bahn AG im Jahr 2006 und 2007 2007 Beteiligung an der Vorbereitung der Proteste gegen den G8-Gipfel in Deutschland Mitorganisation des Klima-Aktionstags am 8. Dezember 2007 mit Demonstrationen vor dem Kraftwerk Neurath und in Berlin Veröffentlichung eines Aktionsplans zur Schließung von Steueroasen. 2008 Protestaktion von Attac in der Frankfurter Börse, im Oktober 2008 live übertragen bei diversen Nachrichten- und Börsensendern. Kampagne power to the people ab Anfang 2008 gegen das Oligopol bei der Energie-/Stromversorgung und für die demokratische Kontrolle der Stromnetze 2009 Im März 2009 verteilte Attac in 90 deutschen Städten 150.000, auf den 1. Mai 2010 datierte, Plagiate der Wochenzeitung Die Zeit, in denen eine – nach den Wünschen der Globalisierungskritiker in 13 Monaten realisierbare – mögliche Zukunft nach der Wirtschaftskrise dargestellt wird. Sie folgt damit einem früheren Plagiat der New York Times mit ähnlichen Zielen. Ein Exemplar der Fälschung lag der Ausgabe der taz vom 23. März 2009 bei. Auch die Webseite von Zeit Online wurde plagiiert, wozu eigens eine Webseite (die-zeit.net). eingerichtet wurde. Im Oktober 2010 erhielt Attac für die Zeitung den renommierten Otto-Brenner-Preis. Ende März 2009 kamen in Berlin und Frankfurt 55.000 Menschen zu den Demos Wir zahlen nicht für Eure Krise!, die von Attac und einem breiten Bündnis organisiert wurden. Seit Ende 2009 ist Attac Mitglied im Koordinierungskreis des Bündnisses Steuer gegen Armut, das sich für die Einführung der Finanztransaktionssteuer, eine der Gründungsforderungen Attacs, einsetzt. Aktionen waren das Sammeln von rund 60.000 Unterschriften für eine Petition an den Deutschen Bundestag sowie die Veröffentlichung eines Kampagnenspots mit Heike Makatsch und Jan Josef Liefers. 2010 Im April 2010 organisierte Attac ein zivilgesellschaftliches Bankentribunal, das die Ursachen des Finanzcrashs beleuchtete und die politischen Maßnahmen zur Rettung der Banken kritisierte. Im Sommer 2010 protestiert Attac mit Demos und Aktionen sowie einem alternativen Umverteilungspaket gegen das von der Bundesregierung vorangetriebene Sparpaket. Bankenaktionstag am 29. September 2010 mit Aktionen in zirka 75 Städten, darunter auch einige Bankenblockaden und -besetzungen. Zu diesem Tag erschien die Financial Crimes, ein weiteres Zeitungsplagiat in Anlehnung an die gefälschte Zeit (siehe März 2009), die laut Angaben von Attac in 120.000 Exemplaren verteilt worden ist. Im November 2010 Unautorisierte Öffentlichmachung eines Gutachtens über die Verantwortung des Freistaats Bayerns an der Krise der Bayerischen Landesbank. Zum Jahreswechsel 2010/11 Proteste gegen die Übernahme des Ökotextilherstellers Hess Natur durch den Private-Equity-Fonds Carlyle sowie Unterstützung der Gründung von HNGeno, die Hess Natur als Genossenschaft von Beschäftigten, Kunden und Investoren aufkaufen und betreiben möchte. 2011 Im Februar 2011 beteiligte Attac sich an den Großdemos und dezentralen Aktionstagen gegen Atomkraft unter dem Eindruck der Fukushima-Katastrophe. Auch in den Jahren zuvor mobilisierte Attac zu den in der Regel von .ausgestrahlt organisierten Demos und Menschenketten. Im Juni 2011 Start der Konsumentenkampagne Bank wechseln – Politik verändern! Für den 15. Oktober 2011 mobilisierte Attac zu dezentralen Demos zur Finanzmarktkrise, die bemerkenswerten Zulauf erhielten und die als Geburtsstunde der deutschen Occupy-Bewegung gelten. Im November 2011 organisierte Attac im Bündnis Banken in die Schranken die zeitgleiche Umzingelung des Bankenviertels in Frankfurt und des Regierungsviertels in Berlin mit zusammen rund 18.000 Beteiligten. 2012 Bis Mai 2012 Mobilisierung und Organisation der Blockupy-Proteste gegen die Krisenpolitik der Troika aus EZB, EU-Kommission und IWF. Im April 2012 Start diverser Aktionen gegen den Europäischen Fiskalpakt, unter anderem eine Online-Aktion unter www.fiskalpakt-stoppen.de, die in einem breiten Bündnis beworben wurde. Empörung unter einigen Bundestagsabgeordneten Deutschlands löste die Postkartenaktion einer Attac-Regionalgruppe an sie Ende Juni 2012 aus. Attac Aachen vergleicht die Zustimmung zum Fiskalpakt und zum ESM mit dem Ermächtigungsgesetz von 1933 in Nazideutschland.Attac-Aktion gegen Fiskalpakt löst Empörung aus und Rückseite der Postkarte von Attac Aachen bei der Fotostrecke von Spiegel Online vom 29. Juni 2012. Attac Deutschland hat sich nach Bekanntwerden der Aktion sofort davon distanziert und erklärt, dass es derartige Vergleiche für unangemessen hält. Anschluss Attacs an das Bündnis Umfairteilen.Christian Weßling (Redaktion): , Unterseite auf umverteilen.de, abgerufen am 30. September 2012. 2013 Start einer Kampagne unter dem Namen Sparbucks gegen Steuervermeidung durch Konzerne und für eine Gesamtkonzernsteuer. 2016 Attac ist Erstunterzeichner des bundesweiten Bündnis „Aufstehen gegen Rassismus“. Unterzeichnung des Aufrufes von Ende Gelände, einer Großaktion des zivilen Ungehorsams für den Klimaschutz. 2017 Start der Kampagne Reichtum Umverteilen – ein gerechtes Land für alle gemeinsam mit Oxfam, Verdi, GEW und über 20 weiteren Organisationen. Attac hat sich beim Protest gegen den G20-Gipfel in Hamburg aktiv beteiligt, so haben sie den Alternativgipfel mitorganisiert, waren im Bündnis „Grenzenlose Solidarität statt G20“ und haben zur Blockade „Block G20 – Colour the Red Zone“ aufgerufen. Zum Jahreswechsel 2017/18 Protestaktionen gegen Steuertricks von Apple. 2018 Im April 2018 gemeinsame Protestaktion von Attac mit dem Bündnis „Make Amazon Pay“ und der Gewerkschaft Verdi in Berlin gegen die Ausbeutung von Arbeitskräften bei Amazon. Protestaktion #seebrücke von Attac und einem breiten Bündnis aus anderen Organisationen für sichere Häfen in Europa. Attac beteiligt sich in landesweiten Bündnissen an den Protesten gegen die Verschärfungen der Polizeigesetze. Am 15. September 2018 haben etwa 50 Aktivisten zum 10. Jahrestag des Höhepunktes der Weltfinanzkrise die Frankfurter Paulskirche besetzt. Attac Österreich mini|Logo Attac-Österreich mini|Attac beim Aktionstag anlässlich des 100. Internationalen Frauentages in Wien mini Attac Österreich ist ein in Wien unter der Nummer ZVR 969464512 eingetragener bundesweiter Verein und wurde am 6. November 2000 gegründet. Die Gründung war von 50 Personen aus allen Gesellschaftsbereichen vorbereitet worden. Zur Auftaktveranstaltung in Wien kamen mehr als 300 Interessierte. Neben den Proponenten saßen die Politikwissenschaftlerin Susan George von Attac Frankreich, Stephan Schulmeister vom Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung (WIFO) und Brigitte Unger, Professorin für Ökonomie an der Wirtschaftsuniversität Wien, auf dem Podium. Der Verein hat über 5400 Einzelmitglieder und mehr als 70 Mitgliedsorganisationen. Prominente Unterstützer sind unter anderem die Schriftsteller Franzobel und Robert Menasse. Zu den wichtigsten regelmäßigen Veranstaltungen zählen eine jährliche Sommerakademie an wechselnden Orten Österreichs sowie seit 2009 eine gemeinsam mit Greenpeace und anderen NGOs veranstaltete Aktionsakademie. Attac Österreich zeichnet auch für die Initiative Wege aus der Krise verantwortlich. Zu den Unterstützern dieser Initiative zählen die Armutskonferenz, die Gewerkschaft der Gemeindebediensteten, Kunst, Medien, Sport und freie Berufe (GdG-KMSfB), Global 2000 Österreich, die Gewerkschaft der Privatangestellten (GPA), Greenpeace Austria, die Katholische ArbeitnehmerInnen Bewegung Österreich (KAB), die Österreichische Hochschülerinnen- und Hochschülerschaft, die Gewerkschaft PRO-GE, SOS Mitmensch und die Gewerkschaft Vida sowie eine Reihe weiterer Organisationen. Arbeitsweise Attac Österreich ist ein unabhängiger, in Wien eingetragener bundesweiter Verein. Attac Österreich steht nach eigenen Angaben keiner Partei nahe. Die koordinierende Stelle ist der auf der jährlichen Generalversammlung gewählte Vorstand. Bei der konstituierenden Generalversammlung am 20. Mai 2001 wurde das Prinzip des Gender-Mainstreaming in den Statuten Attacs verankert. Der Vorstand besteht laut diesen Statuten zu mindestens 50 Prozent aus Frauen. Der Großteil der Arbeit basiert auf dem Engagement ehrenamtlicher Aktivisten in knapp 30 Regional- und zahlreichen Inhaltsgruppen. Veranstaltungen Attac Österreich organisiert seit 2001 eine Sommerakademie, bei der sich bis zu 300 Teilnehmer über ein inhaltliches Schwerpunktthema in Workshops, Seminaren und Podiumsdiskussionen austauschen. Seit 2023 wurde das Format überarbeitet und als Sommerakademie der Sozialen Bewegungen fortgesetzt. Von 2009 bis 2016 wurden auch Aktionsakademie (mit Kooperationspartnern wie z. B. Greenpeace, Südwind oder Amnesty International und z. T. auch gemeinsam mit Attac Deutschland) veranstaltet. Im Rahmen einer Kooperation mit dem WUK Wien wird die Reihe „Welt(en) in Bewegung“ organisiert, bei der regelmäßig Diskussionsrunden und Filmvorführungen stattfinden. Mitgliedsorganisationen von Attac Österreich (Auszug) Arbeitnehmerorganisationen Alternative und Grüne GewerkschafterInnen/Unabhängige GewerkschafterInnen (AUGE/UG) Gewerkschaft der Privatangestellten (Gewerkschaft GPA) Gewerkschaft Hotel, Gastgewerbe und Persönliche Dienste (HGPD) Gewerkschaft Kunst, Medien, Sport, freie Berufe Gewerkschaft PRO-GE, Produktionsgewerkschaft Gewerkschaft Bau-Holz ÖGB Oberösterreich ÖGB Tirol Kirche Caritas Innsbruck Katholische Aktion Österreich Katholische Frauenbewegung Österreichs Katholische Jugend Österreich Katholische Sozialakademie Österreich Katholische ArbeitnehmerInnen Bewegung Österreich Entwicklungspolitik Südwind Wien Südwind Niederösterreich Südwind Oberösterreich Südwind Entwicklungspolitik Salzburg Arbeitsmarkt, Soziales, Pensionen, Sozialismus Arbeit für Gerechtigkeit EXIT-Sozial – Verein für psychosoziale Dienste SOS Mitmensch Sozialistische Jugend Oberösterreich Volkshilfe Österreich Gemeinden Molln Gallneukirchen Ebensee am Traunsee Publikationen Klimasoziale Politik – Eine gerechte und emissionsfreie Gesellschaft gestalten, gemeinsam mit Armutskonferenz und Beigewum, Bahoe Books, Wien 2021, ISBN 978-3-903290-65-5. Attac Schweiz In der Schweiz wurde Attac bereits 1999 gegründet und besteht aus etwa einem Dutzend Lokalgruppen. Im Gegensatz zur Schreibweise in Deutschland und anderen Ländern schreibt sich ATTAC Schweiz mit Großbuchstaben.Homepage von ATTAC Schweiz deutsch französisch Kritik Allgemeine Kritik Eine Innenansicht mit Kritik am Organisierungsmodell von Attac und den prägenden Inhalten ist im 2004 veröffentlichten Buch Mythos Attac von Jörg Bergstedt zu finden. Parallel zum Buch sind Internetseiten mit gesammelten Kritiken und Zitaten aus der Organisation entstanden. James Tobin, der „Erfinder“ der Tobin-Steuer, distanzierte sich in einem Interview mit dem deutschen Magazin Der Spiegel im Jahr 2001 von Attac und anderen Globalisierungskritikern: „Ich kenne wirklich die Details der Attac-Vorschläge nicht genau. Die jüngsten Proteste sind ziemlich widersprüchlich und uneinheitlich, ich weiß nicht einmal, ob all das Attac widerspiegelt. Im großen Ganzen sind deren Positionen gut gemeint und schlecht durchdacht. Ich will meinen Namen nicht damit assoziiert wissen.“ Antisemitismuskontroverse Attac wurde von verschiedenen Seiten eine Nähe zum Antisemitismus vorgeworfen. In Deutschland dementierte der Attac-Koordinierungskreis im Dezember 2002 diese Vorwürfe in Form eines Diskussionspapieres. Darin heißt es, dass Attac sich als pluralistisches und offenes Bündnis verstehe. Pluralismus würde jedoch nicht als prinzipienlose Beliebigkeit definiert, sondern fände dort seine Grenzen, wo Rassismus, Antisemitismus und Nationalismus ins Spiel kämen. Auch nach dieser Darstellung gab es weitere Kritik in diesem Bereich, zum Beispiel im Hinblick auf ein Plakat, das auf dem Attac-Ratschlag 2003 neben der Bühne stand und das nach Ansicht von Kritikern die Zinsknechtschaft anprangerte oder ein Aufruf der Attac-AG Globalisierung und Krieg zum Boykott von Waren aus jüdischen Siedlungen in Palästinensergebieten. Toralf Staud konstruierte in der Wochenzeitung Die Zeit unter anderem durch seine Interpretation eines gezeigten Plakats den Vorwurf, dass, wenn über „das Finanzkapital“ oder „die Wall Street“ geraunt würde, dies das alte Vorurteil vom geldgierigen Juden wachrufe. Etliche Globalisierungskritiker erlägen seiner Ansicht nach der Versuchung, für unübersichtliche Entwicklungen Sündenböcke verantwortlich zu machen. Die komplexen Zusammenhänge der Globalisierung reduzierten sie auf ein „Komplott dunkler Mächte“. In Österreich veranstaltete Attac vom 18. bis 20. Juni 2004 den Kongress Blinde Flecken der Globalisierungskritik gegen antisemitische Tendenzen und rechtsextreme Vereinnahmung, unterstützt vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes. Der Kongress ist in einem Reader dokumentiert, in welchem die Thematik kritisch betrachtet, und die generelle einhellige Ablehnung rechtsextremer Ideologien bei Attac formuliert wird. (PDF; 4,4 MB) Rezeption Die Aberkennung der Gemeinnützigkeit von attac Deutschland durch deutsche Gerichte bedeutete einen Einschnitt in die Arbeit von attac in der Bundesrepublik. Die spendenbasierte finanzielle Grundlage der Organisationsstrukturen musste neu ausgerichtet werden. Heribert Prantl schrieb in der Süddeutschen Zeitung zur Bedeutung von attac: „Egal wie man zu den Aktionen von Attac steht; man muss den Verein … nicht unbedingt mögen, um das Unwerturteil des Gerichts und dessen Begründung als höchst sonderbar zu kritisieren. Das Urteil besagt letztendlich, dass aus Sicht des Steuerrechts das pointierte Agieren in der Zivilgesellschaft, also das Werben für politische Projekte und Positionen eine irgendwie suspekte, jedenfalls nicht förderungswürdige Sache sei.“ Das Urteil habe eine „toxische Wirkung“ für die gesamte Zivilgesellschaft. Siehe auch Internationaler Währungsfonds Weltbank Weltsozialforum Schriften (Auswahl) Zwischen Konkurrenz und Kooperation. Analysen und Alternativen zum Standortwettbewerb, Mandelbaum Verlag, Wien 2006, ISBN 978-3-85476-190-7. Konzernmacht brechen! Von der Herrschaft des Kapitals zum Guten Leben für Alle, Mandelbaum Verlag, Wien 2016, ISBN 978-3-85476-650-6 (Buch als PDF-Datei). Entzauberte Union. Warum die EU nicht zu retten und ein Austritt keine Lösung ist, Mandelbaum Verlag, Wien 2017, ISBN 978-3-85476-669-8. Literatur Udo Baron: Die Anti-Globalisierungsbewegung und der Linksextremismus. Das globalisierungskritische Netzwerk „Attac“. In: Uwe Backes, Eckhard Jesse (Hrsg.): Jahrbuch Extremismus & Demokratie, 17. Jahrgang (2005), Nomos, Baden-Baden 2005, ISBN 3-8329-1665-2, S. 160–172. Weblinks Offizielle Website von Attac International (deutsch, englisch, französisch, spanisch) Grafik: Weltweite Verbreitung des Politiknetzwerks Attac, aus: Zahlen und Fakten: Globalisierung, www.bpb.de „Zwischen Protest und Pragmatismus. Zehn Jahre Attac“, Radio-Feature, SWR2, 25. Januar 2008 Einzelnachweise Kategorie:Globalisierungskritische Organisation Kategorie:Abkürzung Kategorie:Internationale Organisation (Paris) Kategorie:Verein (Paris) Kategorie:Eingetragen im Lobbyregister des Deutschen Bundestags Kategorie:Gründung einer politischen Organisation 1998
de
wikipedia
34,021
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Alexander Fleming
mini|200px|Alexander Fleming Sir Alexander Fleming (* 6. August 1881 in Darvel, East Ayrshire, Schottland; † 11. März 1955 in London) war ein britischer Mediziner und Bakteriologe. Er erhielt 1945 als einer der Entdecker des Antibiotikums Penicillin den Nobelpreis. Außerdem entdeckte er das Lysozym, ein Enzym, das starke antibakterielle Eigenschaften aufweist und in verschiedenen Körpersekreten wie Tränen und Speichel vorkommt. Leben mini|Alexander Fleming auf einer Briefmarke der Färöer mini|Alexander Fleming (Mitte) bei der Verleihung des Nobelpreises durch König Gustaf V. von Schweden im Jahr 1945 mini|Gedenktafel am Grab Sir Flemings in der St.-Pauls-Kathedrale, London Alexander Fleming wurde 1881 auf dem Bauernhof Lochfield (Gemeinde Darvel) geboren. Er studierte ab 1902 Medizin an der St Mary’s Hospital Medical School in Paddington. 1906 schloss er sein Studium ab, blieb aber weiterhin am Institut. Ab 1921 war er stellvertretender Leiter und ab 1946 Direktor des Instituts, das 1948 in Wright-Fleming-Institut umbenannt wurde. Von 1928 bis 1948 hatte er an der Londoner Universität den Lehrstuhl für Bakteriologie inne. In seinen jungen Jahren beschäftigte sich Fleming mit Autovaccinen. 1921 isolierte er das Enzym Lysozym, das im Eiweiß des Hühnereis sowie in zahlreichen menschlichen Körpersekreten vorkommt und in der Lage ist, Bakterien zu zerstören.Alexander Fleming: On a remarkable bacteriolyte substance found in secretions and tissues. In: Proceedings of the Royal Society of London. Series B. Band 93, Nr. 653, (1. Mai) 1922, S. 306–317 (Digitalisat: JSTOR). Er bemerkte zufällig am 28. September 1928 im Labor, wie Schimmelpilze der Gattung Penicillium, die in eine seiner Staphylokokken-Kulturen hineingeraten waren, eine wachstumshemmende Wirkung auf diese Bakterien hatten. Weitere Untersuchungen führten später zum Antibiotikum Penicillin.Roy Porter: Die Kunst des Heilens, Heidelberg, 2003, S. 459 f. Bereits 1874 hatte der Chirurg Theodor Billroth in Wien zweifelsfrei den das Wachstum von Bakterien hemmenden Effekt des Pilzes Penicillium erkannt.[Ernst Kern: Echter und vermeintlicher Fortschritt in der Chirurgie. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. Band 9, 1991, S. 417–429, hier: S. 418.] Im Jahr 1923 erforschte in San José Clodomiro Picado Twight, ein ehemaliger Wissenschaftler des Institut Pasteur, die wachstumshemmende Wirkung auf Staphylokokken und Streptokokken. Seine Forschungsergebnisse wurden 1927 von der Société de biologie in Paris veröffentlicht. Für seine Wieder-Entdeckung wurde Fleming vielfach geehrt. Am 4. Juli 1944 wurde er als Knight Bachelor geadelt, und 1945 bekam er zusammen mit Howard Walter Florey und Ernst Boris Chain, die seine Untersuchungen weitergeführt hatten, „für die Entdeckung des Penicillins und seiner heilenden Wirkung bei verschiedenen Infektionskrankheiten“ den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin. Weiterhin war er Ehrendoktor von zwölf amerikanischen und europäischen Universitäten, Kommandeur der französischen Ehrenlegion und Ehrendirektor der Universität Edinburgh. Fleming war in erster Ehe von 1915 bis zu ihrem Tod mit Sarah Marion McElroy (1881–1949) verheiratet. unter https://www.rse.org.uk/cms/files/fellows/biographical_index/fells_indexp1.pdf, abgerufen am 25. März 2020 Ihr einziges Kind war Robert Fleming (1924–2015), der Arzt wurde. bei jpress.co.uk, abgerufen am 6. August 2016 Nach dem Tod seiner ersten Frau heiratete Fleming 1953 in zweiter Ehe die griechische Ärztin Amalia Koutsouri-Vourekas (1912–1986). Alexander Fleming starb am 11. März 1955 in London an einem Herzinfarkt und wurde in der Londoner St Paul’s Cathedral begraben. Es existieren unterschiedliche Legenden, nach denen Alexander Fleming das Leben von Winston Churchill gerettet haben soll oder die Ausbildung Flemings von Churchills Vater finanziert worden sei. Diese Anekdoten sind allerdings nicht durch historische Quellen verifizierbar und wurden von verschiedenen Autoren widerlegt und als Mythos nachgewiesen.Héloise Dufour und Sean Carroll: Große Mythen sterben langsam vom 14.10.2013 auf spektrum.deThe International Churchill Society: Sir Alexander Fleming Twice Saved Churchill’s Life. The myth of Fleming saving Churchill’s lifeAlexander Fleming’s Father and Winston Churchill auf snopes.com Fleming selbst bezeichnete zum Beispiel die Geschichte, nach der sein Vater dem jungen Churchill das Leben gerettet hätte und dessen Vater wiederum dafür Flemings Studium finanziert haben soll, in einem Brief als „A wondrous fable“.Kevin Brown: Penicillin Man: Alexander Fleming and the Antibiotic Revolution, Stroud, Sutton, 2004, Anmerkung 44 zu Kapitel 2. Freimaurerei Fleming war Freimaurer, ab 1925 mehrfach Meister vom Stuhl der Santa Maria Freimaurer Nummer 2692 und ab 1936 der Misericordia Lodge No. 3286. 1934 wurde ihm London Grand Rank als Altmeister vom Stuhl verliehen, 1942 wurde er "Erster Großschaffner" (Senior Grand Deacon) der Vereinigten Großloge von England und ab 1948 deren "Alt-Großaufseher" (Past Senior Grand Warden).Jürgen Holtorf: Die Logen der Freimaurer. Nikol, Hamburg o. J. (2000), ISBN 3-930656-58-2, S. 143.Vereinigte Großloge von England: Sir Alexander Fleming Ebenso war er Mitglied der London Scottish Rifles Lodge No. 2319 und erreichte den 30. Grad des Alten und Angenommenen Schottischen Ritus. Ehrungen Der Fleming Point, ein Kap auf der antarktischen Brabant-Insel, trägt seinen Namen. Nach ihm wurde 1970 auch der Mondkrater Fleming (zusammen mit Williamina Fleming) und 2007 der Asteroid (91006) Fleming benannt.Eintrag des Asteroiden (91006) Fleming auf der Website des Kleť-Observatoriums (englisch) Im Jahr 2013 wurde in Stuttgart die neu gegründete „Berufliche Schule für Gesundheit und Pflege“ nach ihm benannt.Website der Alexander-Fleming-Schule in Stuttgart, aufgerufen am 11. September 2013 Der Alexander Fleming Award der Infectious Diseases Society of America ist nach ihm benannt. In Leitring wurde die Dr.-Alexander-Fleming-Gasse nach ihm benannt. Im Planegger Stadtteil Martinsried wurde die Alexander-Fleming-Straße nach ihm benannt. Zwischen 1954 und 1957 wurde in Wien-Ottakring der Fleming-Hof gebaut, der ein keramisches Mosaik von Günther Baszel trägt, das den Namensgeber des Gemeindebaues zeigt. Literatur Beverly Birch: Alexander Fleming (Augenblicke, die die Welt veränderten). Aus dem Englischen übersetzt von Michael Steinbacher. Bitter, Recklinghausen 1993, ISBN 3-7903-0479-4 . Alexander Fleming: Penicillin: Its practical application. London 1946. Alexander Fleming: The story of penicillin. In: J Am Inst Homeopath 39, 1946: 154–157. Christof Goddemeier: Alexander Fleming (1881–1955): Penicillin. In: Deutsches Ärzteblatt, Bd. 103 (2006), H. 36, S. A2286. Heinz Graupner: Alexander Fleming: Der Entdecker des Penicillins. In: Hans Ernst Schneider und Wilhelm Spengler (Hrsg.): Forscher und Wissenschaftler im heutigen Europa. 2. Mediziner, Biologen, Anthropologen. (= Gestalter unserer Zeit. Band 4). Hrsg. von Stalling, Oldenburg 1955, S. 151–157 (die Herausgeber waren ehemalige SS-Kader). Gwyn MacFarlane: Alexander Fleming. The Man and the Myth. Harvard University Press, Cambridge 1984. André Maurois: Alexander Fleming. Arzt und Forscher. List, München 1960. Fred Rihner: Sir Alexander Fleming. Gedenkschrift zum 100. Geburtstag. Selbstverlag, Zürich 1981. Weblinks Penicillin - Eine Erfolgsgeschichte mit Nebenwirkungen von Schweizer Radio und Fernsehen vom 27. Februar 2016 (Audio) A. Fleming Eintrag bei der Königlich Niederländischen Akademie der Wissenschaften Siehe auch Walther Flemming Einzelnachweise Kategorie:Bakteriologe Kategorie:Mediziner (20. Jahrhundert) Kategorie:Erfinder Kategorie:Pharmakologe Kategorie:Freimaurer (Vereinigtes Königreich) Kategorie:Freimaurer (19. Jahrhundert) Kategorie:Freimaurer (20. Jahrhundert) Kategorie:Nobelpreisträger für Physiologie oder Medizin Kategorie:Knight Bachelor Kategorie:Mitglied der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften Kategorie:Mitglied der Royal Society Kategorie:Mitglied der Ehrenlegion (Kommandeur) Kategorie:Mitglied der Königlich Niederländischen Akademie der Wissenschaften Kategorie:Mitglied der Académie des sciences Kategorie:Mitglied der Royal Society of Edinburgh Kategorie:Ehrendoktor der Universität Graz Kategorie:Person als Namensgeber für einen Asteroiden Kategorie:Person als Namensgeber für einen Mondkrater Kategorie:Schotte Kategorie:Entwickler eines Medikaments Kategorie:Brite Kategorie:Geboren 1881 Kategorie:Gestorben 1955 Kategorie:Mann
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Afghanistan
Afghanistan (paschtunisch und ; paschtunisch Da Afġānistān Islāmī Dschomhoriyat, persisch Dschomhuri-ye Eslāmi-ye AfghānestānAuswärtiges Amt.) ist ein Binnenstaat an der Schnittstelle von Südasien, Zentralasien und Vorderasien, der an Iran, Turkmenistan, Usbekistan, Tadschikistan, die Volksrepublik China und Pakistan grenzt. Drei Viertel des Landes bestehen aus schwer zugänglichen Gebirgsregionen. Nach dem Einmarsch der Sowjetunion 1979 unterstützten und finanzierten die Vereinigten Staaten, Saudi-Arabien und Pakistan Mudschaheddin gegen die von der Sowjetunion gestützte Regierung. Nach dem Abzug der Sowjets und dem Untergang der Sowjetunion besiegten die Mudschaheddin 1992 diese Regierung. Die Aufteilung der Machtbereiche scheiterte jedoch an Rivalitäten; die fundamentalistisch islamisch ausgerichteten Taliban-Milizen kamen 1997 an die Macht und setzten eine radikale Interpretation des Islam und insbesondere der Scharia mit aller Härte durch. Nach den Terroranschlägen am 11. September 2001 in den Vereinigten Staaten wurde das Taliban-Regime, das Mitgliedern von Terrororganisationen Unterschlupf gewährt hatte, im maßgeblich von den Vereinigten Staaten geführten Krieg gegen den Terror gestürzt. Seither bestimmte dieser auch in Afghanistan geführte Krieg lange das Geschehen. Das Land konstituierte sich während der internationalen Stabilisierungsmission (ISAF) durch die Verfassung von 2004 als demokratische Islamische Republik, wurde aber zeit ihres Bestehens autoritär regiert. Nach dem Abzug der internationalen Truppen Ende August 2021 erlangten die Taliban schnell wieder die Kontrolle über das Land und proklamierten erneut das Islamische Emirat Afghanistan. Seither regieren die Taliban wieder totalitär und verüben Menschenrechtsverletzungen. Unter ihrem Regime kommt es zu willkürlichen Festnahmen, Folter und extralegalen Tötungen. Frauen werden unterdrückt, und Meinungsfreiheit ist praktisch inexistent. Im weltweiten Demokratieindex belegt Afghanistan seit 2021 jährlich mit Abstand den letzten Platz. Das Land ist von den mehr als vier Jahrzehnten Bürgerkrieg geprägt. Die humanitäre Lage in Afghanistan gilt als katastrophal. Die große Mehrheit in Afghanistan lebt in Armut und knapp ein Drittel der Bevölkerung leidet unter Hunger. Geographie Topografie Afghanistan ist ein Binnenstaat mit strategischer Bedeutung in der Region. Das Land ist größtenteils Gebirgsland. Weniger als 10 Prozent der Landesfläche liegen unterhalb von . Das zentrale Bergland besteht aus mehreren Gebirgszügen, deren höchster der Koh-e Baba (bis ) ist. Der Hindukusch (bis ) liegt im Nordosten, der Safed Koh (bis ) im Osten an der Grenze zu Pakistan. An dieser 2643 Kilometer langen Demarkationslinie befindet sich die Durand-Linie. Im Südwesten befindet sich eine abflusslose Ebene mit dem Hilmendsee an der Grenze zu Iran. Sein wichtigster Zufluss ist der Hilmend, der im Osten des Landes nahe der Hauptstadt Kabul entspringt. Afghanistan ist vor allem ein Gebirgsland im östlichen Iranischen Hochland. Nur im Norden liegen Ebenen am Amudarja und im Südwesten kleinere wüstenartige Becken. Der Nordosten wird vom Hindukusch durchzogen. Zwischen dem Becken von Kabul und dem nördlichen Landesteil besteht seit 1964 eine winterfeste Straßenverbindung über den Gebirgskamm mit einem fast 3 km langen Tunnel (Salangpass-Straße). Durch den Wachankorridor im Pamirgebirge besitzt Afghanistan auch mit der Volksrepublik China eine gemeinsame Grenze. mini|Landschaften in Afghanistan Der südliche Hindukusch fällt steil in die Landschaft Nuristan ab, die teilweise noch von Nadelwäldern bedeckt ist. Die Landschaften zwischen der Hauptstadt Kabul und dem Chaiber-Pass an der Grenze zu Pakistan sind der politische und wirtschaftliche Kernraum des Landes. Siedlungskern im westlichen Afghanistan ist die Stadt Herat. Das südliche und südwestliche Afghanistan besteht aus Wüsten und Halbwüsten. Es wird nur vom Hilmend durchflossen, der der längste afghanische Fluss ist. Der Hilmend endet in den Salzseen von Sistan an der Grenze zu Iran. Östlich des Hilmend liegt die Wüste Rigestan („Sandland“) und westlich des Hilmend die vorwiegend aus Schotter und Lehmflächen bestehende Dascht-e Margo. Im nordöstlichen Hindukusch-Gebirgszug und in Teilen der Provinz Badachschan bebt häufig die Erde. Solche Erdbeben verursachen Erdrutsche und im Winter Schneelawinen. In einem starken Erdbeben am 30. Mai 1998 im Gebiet der Provinz Badachschan starben ungefähr 6000 Menschen.volcanodiscovery.com. Auch im März 2002 starben dort tausende Menschen. 2012 zerstörte ein Erdbeben über 2000 Häuser; elf Menschen starben. In Afghanistan gibt es Kohle, Kupfer, Eisenerz, Lithium, Uran, Metalle der Seltenen Erden, Chromit, Gold, Zink, Talk, Baryt, Schwefel, Blei, Marmor, Schmuckstein, Erdgas, Erdöl und weitere Rohstoffe. 2010 schätzten die US-amerikanische und die afghanische Regierung den Wert der bis 2007 gefundenen, aber noch ungenutzten Mineralvorkommen auf einen Wert zwischen 900 und 3000 Milliarden US-Dollar. Der höchste Punkt des Landes ist der Gipfel des hohen Noshak im Hindukusch. Der tiefstgelegene Punkt () liegt in der Flussebene des Amudarja an der Grenze zu Turkmenistan. Die Band-e-Amir-Seen bei Bamiyan zählen zu den in der westlichen Welt bekanntesten Sehenswürdigkeiten. Sie sind seit 2009 als erster Nationalpark in Afghanistan ausgewiesen. Klima mini|Schnee am Salang-Tunnel In Afghanistan herrscht ein kontinentales Klima mit heißen trockenen Sommern (nur im äußersten Südosten bringt der Monsun Regen) und sehr kalten Wintern. Die winterlichen Westwinde bringen meist mäßige Niederschläge. Im Winter sind wegen der großen Höhe des Landes vor allem im Norden gelegentlich auch Schneefälle bis in die Täler möglich. Klimatisch gehört der Süden des Landes bereits zu den wärmeren Subtropen, in denen der Anbau von Dattelpalmen möglich ist, während der Norden eher zur gemäßigten Zone gehört. Im Jahr 2000 hatte die Hälfte der Bevölkerung unter einer der häufig auftretenden schweren Dürren zu leiden. Solche Dürren könnten sich in Zukunft häufen; die Globale Erwärmung könnte dazu führen, dass vor allem im Winter und Frühjahr weniger Niederschläge fallen (→ arideres Klima). Für den vom Monsun betroffenen Süd-Osten steht hingegen zu erwarten, dass die Niederschlagsmengen im Sommer stärker variieren; durch die zusätzliche Erwärmung der Atmosphäre wird auch das indische Monsunsystem labiler. Besonders die Landwirtschaft (in der viele Afghanen arbeiten) könnte negativ betroffen werden. + Tages-/Nachttemperaturen Ort im Januar im Juli Herat 9 °C / −3 °C 37 °C / 21 °C Kabul 5 °C / −7 °C 32 °C / 15 °C Kandahar 12 °C / 0 °C 40 °C / 23 °C In den diese Orte umgebenden Gebirgen und Hochgebirgen ist es kälter; die Lufttemperatur sinkt gemäß der Höhenformel um typisch 0,65 °C pro 100 m Höhe. Flora Die Flora und Vegetation Afghanistans ist die eines kontinentalen und von Gebirgen geprägten Landes, das trotz weiträumig starker Trockenheit eine große Habitatdiversität mit sehr unterschiedlichen ökologischen Bedingungen bietet. Dies ist nicht zuletzt dadurch bedingt, dass Afghanistan im Schnittpunkt mehrerer biogeographischer Zonen liegt.Siegmar-W. Breckle: Flora and Vegetation of Afghanistan. In: Basic and Applied Dryland Research. Band 1, Nr. 2, 2007, ISSN 1864-3191, S. 155–194. Mit bis zu 5000 vermuteten höheren Pflanzenarten weist Afghanistan demzufolge eine angesichts der Trockenheit recht hohe Artenzahl aus (zum Vergleich: für die etwa halb so große Bundesrepublik Deutschland werden um die 4000 Pflanzenarten geschätzt). Mit einem Anteil endemischer Arten von rund 30 % ist die afghanische Flora dabei sehr reich an Pflanzen, die sonst nirgends auf der Welt vorkommen.mini|Im Band-e-Amir NationalparkWeite Teile des Landes sind durch menschlichen Einfluss umgestaltet, jahrtausendelange Überweidung, Entwaldung und landwirtschaftliche Nutzung haben trotz der Größe des Landes dazu geführt, dass nur sehr wenige, insbesondere abgelegene Regionen, noch eine natürliche Vegetation aufweisen. Der Etablierung eines systematischen Naturschutzes steht die seit Jahrzehnten instabile politische Situation des Landes entgegen, erst 2009 wurden mit den Band-e-Amir-Seen bei Bamiyan der erste Nationalpark in Afghanistan ausgewiesen. Eine kontinuierliche floristische Erforschung Afghanistans begann erst Mitte des 20. Jahrhunderts, auch sie ist durch die politische Situation des Staates erschwert. Städte Im Jahr 2023 lebten 27 Prozent der Einwohner Afghanistans in Städten. 5 Prozent leben als Nomaden. Die größten Städte waren im Jahr 2019: Kabul (4,273 Mill. Einwohner) Herat (556.200 Ew.) Kandahar (506.800 Ew.) Masar-e Scharif (469.200 Ew.) Dschalalabad (263.300 Ew.) Kundus (183.300 Ew.) Bevölkerung Demografie mini|271x271px|Bevölkerungs­entwicklung, Fertilitäts- und Netto­reproduktions­raten von 1950 bis 2021; Prognose der Bevölkerungs­entwicklung bis 2032; Schätzung der Vereinten Nationen 2022Blaue Kurve (linke y-Achse): Gesamt­bevölkerung jeweils zum 1. Juli in TausendBlaue gepunktete Kurve (linke y-Achse): Gesamt­bevölkerung jeweils zum 1. Juli in Tausend, Mittlere Prognose (Medium variant)Rote Kurve (rechte y-Achse): Gesamt­frucht­barkeits­rate (Lebendgeburten pro Frau)Gelbe Kurve (rechte y-Achse): Netto­reproduktions­rate (überlebende Töchter pro Frau) mini|Afghanistan hat eine sehr junge Bevölkerung Afghanistan hatte 2022 41,1 Millionen Einwohner. Das jährliche Bevölkerungswachstum betrug +2,5 %. Zum Bevölkerungswachstum trug ein Geburtenüberschuss (Geburtenziffer: 35,1 pro 1000 Einwohner vs. Sterbeziffer: 6,9 pro 1000 Einwohner) bei. Afghanistan hatte damals eine der jüngsten und am schnellsten wachsenden Bevölkerungen weltweit, die Bevölkerungszahl hatte sich bis 2022 trotz mehrerer Kriege von 13,4 Millionen Menschen im Jahr 1980 verdreifacht. Die Anzahl der Geburten pro Frau lag 2022 statistisch bei 4,5. Außerhalb Afrikas ist Afghanistan das Land mit der höchsten Fruchtbarkeitsrate der Welt. Die meisten Frauen haben keinen Zugang zu Verhütungsmitteln und werden oft sehr jung schwanger. Der Median des Alters der Bevölkerung lag im Jahr 2021 bei 16,7 Jahren. Im Jahr 2022 waren 43,1 Prozent der Bevölkerung unter 15 Jahre, während der Anteil der über 64-Jährigen 2,4 Prozent der Bevölkerung betrug. 2050 soll Afghanistan gemäß einer Schätzung 61 Millionen Einwohner haben, was die begrenzten Ressourcen des Landes stark belasten würde. Bevölkerungsstruktur mini|Vereinfachte Darstellung der Siedlungsgebiete der größten ethnischen Gruppen Afghanistans (nach Daten der CIA 1981) mini|Mädchen im US-amerikanischen Camp Phoenix in Kabul bei einem Programm zur Unterstützung afghanischer Frauen mit einer zivilen Mitarbeiterin der ISAF, 2012 Die Bevölkerung des Landes fühlt sich einer Vielzahl ethnischer Gruppen und Stämme zugehörig; aus historischen Gründen sehen sich die Paschtunen, die größte Ethnie Afghanistans, oft als staatstragendes Volk. In vielen Gegenden leben mehrere Volksgruppen miteinander; die Zugehörigkeit zu einer der Gruppen ist statistisch nicht erfasst und kann nur geschätzt werden. Die Zuordnung des Einzelnen zu einer bestimmten ethnischen Gruppe ist zudem nicht immer eindeutig, da sich Selbstidentifikation und Fremdzuschreibung häufig unterscheiden. Die im Folgenden angegebenen Werte basieren auf der Bevölkerungszahl des Jahres 2009.Conrad Schetter: II. Strukturen und Lebenswelten – Stammesstrukturen und ethnische Gruppen In: Bernhard Chiari (Hrsg.): Wegweiser zur Geschichte. Afghanistan. 3., durchges. und erw. Auflage. Ferdinand Schöningh, Paderborn 2009, ISBN 978-3-506-76761-5, S. 124 (); vgl.: Conrad Schetter: Ethnizität und ethnische Konflikte in Afghanistan. Reimer, 2003, ISBN 3-496-02750-9. Die Paschtunen, historisch als „Afghanen“ bezeichnet, sind die Begründer und Namensgeber des Landes. Sie machen etwa 42–60 %https://www.worlddata.info/asia/afghanistan/index.php der Bevölkerung aus. Die zahlenmäßig größten Untergruppen sind die Durrani (Süden und Westen) und die Ghilzai (Osten). Den Paschtunen zugeordnet sind auch mehrere Nomadenstämme, allen voran die Kutschi mit rund 5 Millionen Menschen. Tadschiken sind mit etwa 20–27 % die zweitgrößte Gruppe des Landes. „Tadschik“ ist eine allgemeine Bezeichnung der persischsprachigen Bevölkerung in Afghanistan, oft wird diese auch als „Parsiwan“ („Persischsprecher“) oder, im Osten und Süden, als „Dihgan“ und „Dihwar“ („Dorfbesitzer“, im Sinne von „sesshaft“) bezeichnet.R. Ghirshman: Afghanistan, (ii) ethnography, in: The Encyclopaedia of Islam. New Edition, CD-ROM Edition v. 1.0 ed. Die Tadschiken sind keine von der persischstämmigen Bevölkerung der Nachbarstaaten abgegrenzte Ethnie; im Westen des Landes bilden sie die direkte Fortsetzung der persischsprachigen Bevölkerung Irans, im Norden die der persischsprachigen Bevölkerung Zentralasiens, die ebenfalls als Tadschiken bezeichnet wird (vgl. Tadschikistan). Der Begriff „Tadschik“ wird von anderen Gruppen oft als Sammelname für jene Bevölkerungsteile verwendet, die keiner Stammesgesellschaft angehören, Persisch sprechen und überwiegend sunnitischen Glaubens sind. Auch andere persischsprachige Gruppen, z. B. die „Qizilbasch“ und die „Aimaken“, identifizieren sich zunehmend als Tadschiken.Bernt Glatzer: Afghanistan: Ethnic and tribal disintegration? In: William Maley (Hrsg.): Fundamentalism Reborn?: Afghanistan And The Taliban. New York University Press, New York 1998, ISBN 0-8147-5585-2, S. 170. Hazara, ebenfalls persischsprachig, jedoch größtenteils schiitischen Glaubens und mongolischer Abstammung, stellen etwa 9–15 % der Bevölkerung dar. Aufgrund ihrer ethnischen und religiösen Zugehörigkeit wurden sie in Afghanistan diskriminiert, verfolgt und zuweilen gezielt getötet. Die Usbeken, eines der vielen Turkvölker Zentralasiens, stellen etwa 6–9 % der Bevölkerung Afghanistans. Daneben gibt es mehrere kleine Gruppen: die Aimaken (0,5–4 %), Turkmenen (1,9–3 %), Belutschen (0,9–2 %), Nuristani und zahlreiche weitere Ethnien (ca. 3,9 %). Nach 1992 prägten ethnische Konflikte die Auseinandersetzungen zwischen den Mudschaheddin. Die traditionellen Herrscher Afghanistans waren die Paschtunen, sie bilden auch die große Mehrheit der Taliban-Bewegung. Der Sturz des Taliban-Regimes im Jahr 2001 gab einer Allianz aus Tadschiken, Hazara und Usbeken die Gelegenheit, ein Abkommen über die Aufteilung der Macht durchzusetzen. Die Paschtunen sahen sich in der Folge Vergeltungsangriffen ausgesetzt. Unter den Taliban war es darüber hinaus zu Auseinandersetzungen zwischen Sunniten und Schiiten gekommen. Im Jahre 2017 waren 0,4 % der Bevölkerung im Ausland geboren. Frauen mini|Eine afghanische Frau mit ihrem Kind, 1939 Unter Amanullah Khan gab es 1923 den Vorschlag einer neuen Verfassung, die Wahlrechte für Frauen enthielt. Nadir Schah und Zahir Schah strichen die frauenfreundlichen Maßnahmen, und Frauen wurde das Wahlrecht verweigert.Kumari Jayawardena: Feminism and nationalism in the Third World. 5. Auflage. Zed Books, London 1994, S. 71–72. In der Verfassung von 1963, die 1964 in Kraft trat, erhielten Frauen das aktive und passive Wahlrecht. Doch es war auf Frauen beschränkt, die lesen und schreiben konnten. Diese Beschränkung wurde später gestrichen. Vor allem in Städten und größeren Orten gehen Frauen meist nur mit Ganzschleier (Burka) aus dem Haus. Allerdings wurde die Burka nur in größeren Städten üblich. Auf dem Land war die Burka nicht üblich, da sie etwa bei der Feldarbeit hinderlich ist. Nur in der kurzen Phase der kommunistischen Regierung 1978 und während deren Unterstützung durch sowjetische Truppen seit 1979 erhielten Frauen teilweise formale Selbstständigkeit, Freiheit und Schulbildung. Die Taliban verpflichteten Mitte der 1990er Jahre alle Frauen zum Tragen einer Burka. Bei den Tadschiken und den anderen Volksgruppen war diese Tradition bis dahin nicht weit verbreitet. Die Burka-Pflicht wurde 2001 offiziell wieder aufgehoben, die Burka bleibt jedoch weiterhin die gewöhnliche Kleidung für die meisten Frauen. Nur wenige Frauen wagen es, sich ohne männliche Begleitung in der Öffentlichkeit zu bewegen. Übergriffe gegen Frauen sind in Kabul und anderen größeren Städten nicht selten. Unter den Taliban war Frauen die Berufstätigkeit verboten, auch den Mädchen war es untersagt, eine Schule zu besuchen. Da es durch den Krieg allein in Kabul etwa 30.000 Witwen gab, waren diese völlig auf sich allein gestellt. Vielen blieb nichts anderes übrig, als zu betteln. Der eheliche Beischlaf ist seit 2009 in Artikel 132 des Gesetzes zur Regelung des Familienlebens verpflichtend. Dort steht: „Die Frau ist verpflichtet, den sexuellen Bedürfnissen ihres Mannes jederzeit nachzukommen.“ Nach Artikel 133 können Ehemänner ihre Frauen von unnötiger Beschäftigung abhalten. Auch wenn Frauen das Haus verlassen wollen, müssen sie zuerst die Erlaubnis des Ehemanns einholen.Matthias Gebauer, Shoib Najafizada: Gesetz regelt Sexualverkehr mit Ehemännern. In: Spiegel Online, 4. April 2009. Im August 2020 bekundete Präsident Aschraf Ghani die Absicht, vor den geplanten Friedensgesprächen mit den Taliban einen Hohen Rat für Frauen zu schaffen, mit 26 Vertretern gesellschaftlicher Gruppen, die sich für Frauenrechte einsetzen, darunter Menschenrechtler, Aktivistinnen, Politiker und Beamte. Hunderte Frauen forderten unterdessen die Taliban in einem offenen Brief auf, ihre Rechte zu respektieren. Im März 2021 verbot das afghanische Erziehungsministerium allen Mädchen über zwölf Jahren, in Anwesenheit von Männern zu singen. Mit der Machtergreifung der Taliban im Jahr 2021 wurden die wenigen Frauenrechte, die bis dahin während des Krieges in Afghanistan implementiert worden waren, wieder abgeschafft. So schlossen die Taliban die Schulen für Mädchen ab 13 Jahren. Seit November 2022 ist Frauen in der Hauptstadt Kabul der Aufenthalt in öffentlichen Parks, Fitnessstudios und Freizeitparks auf Weisung der Taliban verboten. Einen Monat später erließen die Taliban ein Hochschulbildungsverbot gegen Frauen bzw. schlossen diese von Hochschulen aus. 2024 wurde die Ausbildung von Frauen zu Hebammen verboten, eine der letzten Ausbildungsmöglichkeiten, die ihnen bis dahin verblieben war.Josephine Bewerunge: Neues Verbot der Taliban. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20. September 2025, S. 16. 2025 wurden von Frauen verfasste Bücher, auch solche zu naturwissenschaftlichen Themen, aus den Universitätsbibliotheken entfernt. Männer Seit Sommer 2024 müssen Männer einen Bart und mindestens knielange Hosen tragen. Solche Vorgaben machten die Taliban auch schon zwischen 1996 und 2001. Flüchtlinge Ab 1980 waren mehr als 6 Millionen Afghanen in die benachbarte Islamische Republik Pakistan und in die Islamische Republik Iran geflohen. Viele kamen zwar zurück, doch durch die Kämpfe im Jahr 2001 entstand eine neue Flüchtlingswelle; Hunderttausende wurden innerhalb des Landes vertrieben. Mit 3,2 Millionen Rückkehrern aus Pakistan und 860.000 aus Iran hat das UNHCR von 2002 bis 2007 rund 4 Millionen Afghanen bei ihrer Rückkehr ins Heimatland unterstützt. Etwa 3 Millionen registrierte Afghanen befanden sich Ende 2007 noch im Exil, davon zirka 2 Millionen in Pakistan, insbesondere in Peschawar, und 910.000 in Iran. Die Aufnahme des Programms der freiwilligen Rückkehr aus Pakistan wurde ab März 2008 fortgesetzt. Afghanistan hat eine wachsende Diaspora in westlichen Staaten. 2018 lebten rund 257.000 Personen afghanischer Herkunft in Deutschland. Rund 580.000 Menschen kehrten von Januar bis September 2018 auch aufgrund der wirtschaftlichen Lage aus Iran nach Afghanistan zurück.dpa/NZZ vom 3. Oktober 2018 auf Seite 2. Infolge der Machtübernahme der Taliban im Jahr 2021 und des damit verbundenen Anstiegs der Armut nahmen die Flüchtlingszahlen wieder zu. Ende 2023 verzeichnete Afghanistan laut dem Internal Displacement Monitoring Centre (IDMC) mit 1,5 Millionen die meisten durch Naturkatastrophen intern Vertriebenen weltweit. Die Anzahl der durch Gewalt und Konflikte im Land Vertriebenen lag bei 4,2 Millionen. Waisen Stand 2021 gab es rund 120.000 minderjährige Vollwaisen. Etwa 20.000 von ihnen waren in staatlichen oder privaten Einrichtungen in Obhut. Sprachen mini|Distrikte mit der jeweils demographisch dominanten Sprache (nach dem Nationalen Atlas der Demokratischen Republik Afghanistan 1985): In Afghanistan werden etwa 49 SprachenHarald Haarmann: Sprachen-Almanach – Zahlen und Fakten zu allen Sprachen der Welt. Campus-Verl., Frankfurt/Main 2002, ISBN 3-593-36572-3, S. 273–274; Afghanistan. und über 200 verschiedene Dialekte gesprochen. 1964 bestimmte die Große Ratsversammlung (Loja Dschirga) im Rahmen der Bestätigung einer neuen Verfassung Persisch („Dari“) und Paschto als offizielle Landes- und Regierungssprachen (Amtssprachen). Paschto Paschto, die Sprache der größten Ethnie Afghanistans, der Paschtunen, ist per königlichem Dekret seit 1936 Amtssprache und wird Schätzungen aus dem Jahr 2023 zufolge von 52,4 % der Bevölkerung als Muttersprache gesprochen. Andere Schätzungen aus Kriegszeiten gehen von rund 35 bis 38 % aus,Ralf Elger: Kleines Islam-Lexikon. In: Verlag C. H. Beck, 2008, S. 23. was die Anzahl der Paschtunen im Land deutlich unterschreitet und ein Zeichen dafür sein kann, dass diese, gerade in Großstädten wie Kabul oder Herat, ihre Muttersprache nicht sprachen. Traditionell wird die Nationalhymne Afghanistans in Paschto gesungen. Auch militärische Titel sind der paschtunischen Sprache entliehen. Persisch (Dari) Dari () ist die offizielle in Afghanistan gebräuchliche Bezeichnung für die persische Sprache. Der Begriff ist von Fārsī-ye Darbārī, „Persisch des königlichen Hofes“ () abgeleitet. Etwa 32,1 % der Bevölkerung des Landes sprechen Dari als Muttersprache (Stand: 2023), insbesondere von den Tadschiken und Hazara, aber auch von Teilen der paschtunischen Bevölkerung, den Aimaken, Qizilbasch etc. Persisch war seit dem Mittelalter die dominierende Verwaltungs- und Kultursprache der Region bis hin nach Nordindien. Die persische Schriftsprache diente seit der Staatsgründung Afghanistans als Amts- und Verwaltungssprache. Das Persisch Irans unterscheidet sich dabei von Dari hauptsächlich in der Phonetik, der Akzentuierung und Silbenstruktur. Das Dari der Bewohner der Hauptstadt Kabul prägt nicht nur die Regierungs- und Wirtschaftssprache Afghanistans, sondern dient auch jenen Volksgruppen, deren Muttersprache weder Paschto noch Dari ist, als Lingua franca. Bis in die 1960er Jahre war der Titel des in afghanischen Schulen gebräuchlichen Lesebuchs Qerahate Farsi (Persisches Lesebuch). 1964 benannte das zuständige Ministerium es in Qerahate Farsi e Dari und schließlich in Qerahate Dari um. Während die Bevölkerung die Landessprache häufig noch Farsi nennt, verwenden die staatlichen Institutionen und Medien die Bezeichnung Dari. Johann Friedrich Kleuker verwendete 1776/77 erstmals im deutschen Sprachraum die Bezeichnung Deri für das Persische, das sich seit der Sassanidenzeit als Hofsprache aller Länder des iranischen Hochlandes entwickelt hatte.Johann Friedrich Kleuker, Zend-Avesta: Zoroasters lebendiges Wort, worin die Lehren und Meinungen […], Band 2, Riga 1777, S. 37–38, 92–93. 1818 verwendete Joseph von Hammer-Purgstall dieselbe Bezeichnung bei seiner Übersetzung des Diwans des Dichters Hafis.Josep von Hammer-Purgstall: Schönen Redekünste Persiens, mit einer Blühtenlese aus zweihundert persischen Dichter. Wien 1818, S. 3. Die Bezeichnung Dari kam im 9./10. Jahrhundert am Hof der Samaniden in Mittelasien auf, die das Persische zur Hofsprache erhoben hatten.Peter Snoy in: Willi Kraus (Hrsg.): Afghanistan: Natur, Geschichte u. Kultur, Staat, Gesellschaft. 1975, S. 183. Das afghanische Persisch oder Dari ist eng verwandt mit dem Tadschikischen, und die größte persischsprachige Bevölkerungsgruppe in Afghanistan sind Tadschiken. Dennoch ist die Sprachbezeichnung Tadschikisch nur für das Persische Tadschikistans und einiger anderer Gebiete der ehemaligen Sowjetunion üblich, in denen tadschikische Minderheiten leben. Tadschikisch wird meist in kyrillischer Schrift geschrieben, während Dari ebenso wie Persisch in persisch-arabischer Schrift geschrieben wird. Regionale Nationalsprachen Daneben sind fünf Minderheitensprachen seit 1980 in jenen Regionen als Nationalsprachen anerkannt, in denen diese von der Mehrheit gesprochen werden; die Wichtigste ist Usbekisch. Auch Turkmenisch, Belutschisch, Paschai und Nuristani (Kati) haben unter der Regierung Hamid Karzais eine Aufwertung erfahren. Englisch Englisch war bereits zu Zeiten Britisch-Indiens die Handels- und Geschäftssprache in Afghanistan. Auch nach der Unabhängigkeit vom Vereinigten Königreich im Jahr 1919 wurde in Afghanistan Englisch als internationales Kommunikationsmittel gelernt. Die afghanische Verfassung ist auch in englischer Sprache verfügbar. Auch auf Plakaten, in der Werbung und der offiziellen Beschilderung wird es verwendet. Es gab Bestrebungen, Englisch zur dritten Amtssprache Afghanistans zu erheben. Urdu Die Muttersprache der Hindu- und Sikh-Minderheit in Afghanistan ist Urdu. Die große Beliebtheit von indischen und pakistanischen Filmen führte dazu, dass auch in anderen Bevölkerungsteilen Urdukenntnisse vorkommen. Urdu wird von einigen afghanischen Dichtern als Literatursprache verwendet und zudem in manchen afghanischen Schulen als Fremdsprache unterrichtet. Religion mini|Muslimische Afghanen beim Gebet (2009) Über 99,9 % der Bevölkerung sind Muslime, davon etwa vier Fünftel meist hanafitische Sunniten und ein Fünftel imamitische Schiiten. Der Islam ist in Afghanistan über die Jahrhunderte von den Afghanen sehr konservativ ausgelegt worden, wobei das Stammesrecht der Paschtunen eine Rolle spielte. Jedoch wird der Islam je nach ethnischer Gruppe, Region und Bildungsstand unterschiedlich verstanden und interpretiert. Eine wichtige Rolle spielen bis heute die vorislamischen Bräuche der Bevölkerung, wie zum Beispiel das Feiern des Neujahrs (persisch Nouruz) nach dem iranischen Kalender oder die Verwendung von segenbringenden Weihrauch (persisch Espand), beides auf zoroastrische bzw. altiranische Gebräuche zurückgehend. Die Lage der christlichen Minderheit in Afghanistan hatte sich Anfang Juni 2010 zugespitzt, nachdem der private Fernsehsender „Noorin TV“ und andere Kanäle einen Film über die Taufe von Konvertiten ausgestrahlt und ihre Gesichter gezeigt hatten. Danach riefen afghanische Regierungsvertreter dazu auf, Islam-„Abtrünnige“ mit dem Tode zu bestrafen. Staatspräsident Hamid Karzai wies Regierung und Staatsschutz an, dafür zu sorgen, dass es keine weiteren Übertritte gebe. Der stellvertretende Parlamentspräsident Abdul Satter Chowasi (Kabul) forderte die öffentliche Hinrichtung von Personen, die vom Islam zum Christentum übertreten. Ein Abgeordneter erklärte, die Ermordung von Christen, die zuvor Muslime gewesen waren, sei kein Verbrechen. Seither sind zahlreiche christliche Familien untergetaucht oder ins Ausland geflohen. Humanitäre Hilfswerke werden einer strengen staatlichen Kontrolle unterzogen. Zwei, die den Begriff „Kirche“ im Namen tragen, mussten ihre Aktivitäten einstellen – die Norwegische Kirchenhilfe und die US-amerikanische Organisation World Church Services (Kirchliche Weltdienste). Daneben gibt es noch höchstens 15.000 Hindus und einige wenige hundert Sikhs. Zebulon Simentov war der letzte bucharische Jude, der im Jahr 2021 Afghanistan verließ. Über die Zahl der Christen ist wenig bekannt. Bildung mini|UIS Lesefähigkeit der erwachsenen Bevölkerung Afghanistans 1980–2015 Invasion, Bürgerkrieg und die Kulturfeindlichkeit der Taliban ließen große Teile der Bevölkerung ohne jeden Zugang zu Bildung aufwachsen. Frauen sind vom Ausschluss aus dem Bildungssystem stärker betroffen als Männer. Die Analphabetenquote war 2015 mit 61,8 % im internationalen Vergleich sehr hoch (Frauen: 75,8 %; Männer: 48 %). Der Analphabetismus ist eines der größten Hindernisse beim Wiederaufbau des Landes. Nach dem Ende des Taliban-Regimes entstanden mit ausländischer Hilfe zahlreiche Schulen mit zum Teil neu ausgebildetem Lehrpersonal, sodass ein großer Teil der Kinder und Jugendlichen, vor allem auch Mädchen, Zugang zu einer Schulbildung erlangten. Die mittlere Schulbesuchsdauer über 25-Jähriger stieg von 1,5 Jahren im Jahr 1990 auf 3,6 Jahre im Jahr 2015. Die Bildungserwartung lag 2018 bei 10,1 Jahren. Im Jahr 2014 gab es in Afghanistan 17 Universitäten und 17 „Institutions of Higher Education“ (IHE; vergleichbar mit einer Berufsschule) unter staatlicher Kontrolle. Daneben gibt es eine wachsende Anzahl an Privatuniversitäten von sehr unterschiedlicher Qualität. Finanziell gefördert werden lediglich Universitäten und Hochschulen, deren Namen aus den „bisherigen nationalen […] Fachausdrücken“ bestehen. Der Staat macht die Anerkennung und Förderung der Hochschulen und Universitäten in den nicht-paschtunischen Gebieten von der paschtunischen Benennung der Hochschule abhängig, was darin seine Begründung findet, dass Paschto eine der beiden Amts- und Landessprachen ist. In den paschtunischen Gebieten kann die persische Benennung der Hochschulen jedoch fehlen, ohne dort Sanktionen zu fürchten. Der letzte Absatz des Artikels 16 der Verfassung („die bisherigen nationalen […] und administrativen Fachausdrücke werden beibehalten“ – in Anspielung auf den Status der paschtunischen Sprache als Nationalsprache in der Zeit von Mohammad Zahir Khan, 1933–1973) hebt die vorangegangenen, eigentlich demokratischen Absätze über Sprachenfreiheit wieder auf. Hatten die Taliban im März 2022 angekündigt, Mädchen den Besuch von weiterführenden Schulen (Sekundarstufe I und II) zu erlauben, änderten die Taliban noch im selben Monat ihre Bildungspolitik und schlossen die Mädchenschulen für alle Kinder ab 13 Jahren. Unterricht für die Mädchen ab jener Altersgruppe findet daher, wenn überhaupt, nur durch Ehrenamtliche im Geheimen statt. Gesundheitswesen mini|Entwicklung der Kindersterblichkeit seit 1960 (Tode pro 1000 Geburten) Im Jahr 2018 praktizierten in Afghanistan 3 Ärztinnen und Ärzte je 10.000 Einwohner. Die ländliche Bevölkerung hat nur zu etwa 66 Prozent Zugang zu medizinischer Versorgung. 80 Prozent der Ärzte arbeiten in Kabul. In der Hauptstadt sind auch 60 Prozent der Krankenhausbetten und 40 Prozent der Apotheken. Afghanistan hat eine der höchsten Mutter-Kind-Sterblichkeitsraten der Welt. Nur bei 19 Prozent der Geburten steht medizinisches Fachpersonal zur Verfügung. Jährlich sterben etwa 24.000 Frauen vor, während oder direkt nach einer Entbindung. Laut Weltbank konnte die Kindersterblichkeit stark gesenkt werden. Die Sterblichkeit bei unter 5-Jährigen betrug 2022 57,7 pro 1000 Lebendgeburten. 1980 betrug sie noch 244 pro 1000 Lebendgeburten. Im Jahr 2019 waren 26 % der Bevölkerung unterernährt. Im Jahr 2001 betrug die Rate noch 48 %. Die Lebenserwartung der Einwohner Afghanistans ab der Geburt lag 2022 bei 62,9 Jahren (Frauen: 66,2, Männer: 59,8). Landesname Afghanistan bedeutet wörtlich „Land der Afghanen“. Die persische Endung -stan geht auf den indoiranischen Ausdruck für „Platz“ oder „Ort, an dem man steht“ zurück. Ein Afghane ist hierbei nicht im modernen Sinne als Staatsbürger Afghanistans zu verstehen, sondern als Angehöriger des Volkes und der Stämme der Paschtunen, die im persischen Sprachraum länderübergreifend als Afghanen und auf dem Indischen Subkontinent als Pathanen bezeichnet werden. Heute hingegen ist in der Verfassung Afghanistans ausdrücklich geregelt, dass alle Staatsbürger Afghanistans unabhängig von ihrer Ethnizität als Afghanen verstanden werden. 1801 wurde der Name Afghanistan im anglo-persischen Friedensvertrag im Zusammenhang mit den paschtunischen Siedlungsgebieten zum ersten Mal offiziell erwähnt, nachdem er bereits in den tschagataischsprachigen Memoiren Baburs aus dem 16. Jahrhundert, in einem regional begrenzten Sinne und auf die paschtunischen Stämme südlich von Kabul bezogen, erwähnt worden war.Baburnama in der Übersetzung von Annette S. Beveridge, vgl. Fußnote 2. Erst 1919, mit der vollen Unabhängigkeit Afghanistans vom Britischen Weltreich, wurde der Name offiziell anerkannt und 1936, mit der ersten Verfassung des Landes, etabliert. Eine andere Bezeichnung für den Großteil des Gebietes ist Kabulistan oder Königreich von Kabul, die im 19. Jahrhundert vom schottischen Geschichtsschreiber Mountstuart Elphinstone als Landesbezeichnung bevorzugt verwendet wurde.M. Elphinstone: An account of the kingdom of Caubul, and its dependencies, in Persia, Tartary, and India. London 1815; published by Longman, Hurst, Rees, Orme & Brown. Der wohl bekannteste historische Name dieser Region ist Chorasan, der über viele Jahrhunderte hinweg für die islamische und persische Blütezeit stand. Noch zu Elphinstones Zeit war die Bezeichnung Chorasan für den afghanischen Staat unter Einheimischen gängig. So erwähnte er, dass er bei seinem ersten Besuch in dem Land, das für die Außenwelt als Afghanistan bekannt war, von den Einheimischen in Chorasan willkommen geheißen wurde. Geschichte Von der Antike bis zur Neuzeit In der Antike gehörte das Gebiet des heutigen Afghanistan, das dem Osten des antiken „Aryānām Xšaθra“ entspricht, zum Perserreich. Später entstand in Baktrien ein Griechisch-Baktrisches Königreich, das von den Nachfolgern Alexanders des Großen regiert wurde. Das Gebiet wurde seit dem 2. Jahrhundert v. Chr. von verschiedenen Gruppen beherrscht und gehörte großenteils zum Parther- und Sassanidenreich. In der Spätantike siedelten dort die sogenannten iranischen Hunnen, bevor deren letztes Herrschaftsgebilde, das Hephthalitenreich, von Sassaniden und Göktürken vernichtet wurde. Nach dem Fall der persischen Sassaniden im Zuge der Invasion der muslimischen Araber (siehe Islamische Expansion) und dem langsamen Zerfall des Kalifats der Abbasiden, dominierten dort iranische Dynastien, die dem Kalifat höchstens nominell unterstanden. Der Islam setzte sich dennoch in dieser Region verhältnismäßig langsam gegen den Widerstand der Turk-Schahi und der Hindu-Shahi durch. Erst gegen Ende des 10. Jahrhunderts, mit der Eroberung der Region durch türkische Nomaden und Militärsklaven (unter anderem die Ghaznawiden und Seldschuken), sollen nach einer islamischen Chronik die meisten Einwohner im Raum Ghor (zwischen Herat und Kabul) Muslime gewesen sein. In dieser Zeit, unter den Ghaznawiden und Ghuriden, war das heutige Afghanistan das Kernland mächtiger Großreiche. Im 15. Jahrhundert machten die Timuriden Herat zu ihrer Hauptstadt. Vom 16. bis zum 18. Jahrhundert stand die Region im Mittelpunkt der Konflikte zwischen den persischen Safawiden im Westen, dem indischen Mogulreich im Südosten und den usbekischen Schaibaniden im Norden. Aufstieg der Paschtunen mini|hochkant|Ahmad Schah Durrani Die Geschichte des modernen Afghanistan ist unzertrennlich mit der nationalen Geschichte der Paschtunen verbunden. Unzählige paschtunische Aufstände gegen die jeweiligen Herrscher (persische Safawiden und indische Mogulen) führten schließlich mit dem Aufstand des Stammes Ghilzai (1719) zum Sturz der Safawiden in Persien (1722). Dieser Sieg der Paschtunen hielt aber nicht lange an. Nur sieben Jahre später wurden sie von Nader Schah besiegt und zurück nach Kandahar verdrängt. Durch die folgenden Eroberungen Nader Schahs (1736–1747) erlangte das persische Reich vorübergehend wieder die Gewalt über die Region, die heute Afghanistan heißt. Nach dessen Ermordung übernahm der Stamm der Durranis, die mit Nader Schah gegen die Ghilzai verbündet waren und unter seinem Befehl kämpften, selbständig die Macht. Staatsgründung und Namensgebung Der Paschtune Ahmad Schah Durrani begründete im Jahr 1747 nach dem Tod Nader Schah Afschars, im Osten seines Reiches, ein selbstständiges, paschtunisches Königreich, das als Vorgänger des modernen Staates Afghanistan betrachtet werden kann. Damit gilt er allgemein als der Begründer Afghanistans. Das von Ahmed Schah Durrani gegründete Reich zerbrach später an inneren Streitigkeiten und Einmischungen von außen. Wenig später geriet Afghanistan in den Einflussbereich der expandierenden Briten. Der Name „Afghanistan“ wurde erst im 19. Jahrhundert eingeführt und erst 1919 als Staatsname etabliert. Einflussbereich britischer und russischer Interessen mini|hochkant|Dost Mohammed In Afghanistan kollidierten russische und britische Kolonialinteressen (The Great Game). Seit der Aufstellung der Kaiserlich Russischen Marine durch Zar Peter den Großen war es Ziel russischer Expansionspolitik, zum Indischen Ozean vorzustoßen und dort einen eisfreien Hafen zu bauen. Um Russland zuvorzukommen, sollte Afghanistan erobert und als Teil des Britischen Weltreichs an das spätere Britisch-Indien angegliedert werden. Dazu kämpfte 1839–1842 eine große anglo-indische Armee im ersten Anglo-Afghanischen Krieg gegen einen relativ schlecht ausgerüsteten afghanischen Widerstand. Die Briten konnten zwar das Land besetzen, jedoch nicht ihre Ziele durchsetzen. 1842 wurde ein Waffenstillstand vereinbart, bei dem die Briten sich bereit erklärten, ihre Truppen zurückzuziehen. Diese wurden jedoch kurz darauf am Chaiber-Pass angegriffen und alle Soldaten, darunter 690 britische und 2840 indische, aber auch 12.000 Zivilisten getötet. Als Reaktion auf diese Niederlage wurde eine Strafexpedition unter Generalmajor George Pollock entsandt, die am 15. September 1842 Kabul einnahm. Schon am 11. Oktober 1842 zogen sich die britischen Truppen aus Kabul und in der Folge aus Afghanistan vollständig zurück. Dieser Krieg hatte zur Folge, dass die britische Kolonialverwaltung lange Zeit keine direkten weiteren Aktionen in Afghanistan unternahm und erschwerte ihre politisch-wirtschaftlichen Bestrebungen wie die Kontrolle der Handelswege in Zentralasien und den von dort versuchten Angriff auf die chinesische Qing-Dynastie. Die Katastrophe in Afghanistan erregte auch viele Inder, da die britisch-indische Armee zu einem großen Teil aus Belutschen bestand. mini|hochkant|Amanullah Khan Angetrieben durch die vorangegangene Demütigung erklärte 1878 die britische Regierung erneut den Krieg gegen Afghanistan. Trotz kleiner militärischer Erfolge der Afghanen im zweiten Anglo-Afghanischen Krieg, wie bei der Schlacht von Maiwand 1880, wurde der Widerstand von den Briten niedergeschlagen, die Hauptstadt Kabul aus Rache niedergebrannt und eine Marionette als König installiert. Gleichzeitig übernahmen die Briten für die folgenden 40 Jahre die afghanische Außenpolitik. Aufgrund vieler Aufstände in Afghanistan wurde 1893 das Land durch die Durand-Linie von den Briten geteilt und das südöstliche Gebiet (die heutigen pakistanischen Provinzen NWFP, FATA und ein kleiner Teil Belutschistans) der indischen Kronkolonie einverleibt. Um diese Linie kontrollieren zu können, wurde das aus Afridis, einem Paschtunenstamm, bestehende Regiment Khyber Rifles im Jahr 1880 aufgestellt, da sich nur Einheimische in diesem Gebiet ungehindert bewegen können. Das Regiment besteht auch heute noch als Bestandteil der Pakistanischen Armee. Der dritte anglo-afghanische Krieg im Mai 1919 – ein letzter Versuch Afghanistans, sich von den britischen Kolonialbestrebungen zu befreien – führte schließlich durch geschicktes Verhandeln der afghanischen Diplomaten unter Amanullah KhanFischer Weltalmanach 2003. (die Afghanen drohten den Briten, sich Russland weiter anzunähern) zum Vertrag von Rawalpindi und am 8. August 1919 zur Anerkennung Afghanistans als souveräner und unabhängiger Staat durch Großbritannien. Somit hatte Afghanistan nach mehr als 60 Jahren britischer Vorherrschaft seine volle Unabhängigkeit erlangt, während ein großer Teil der Gebiete wie Teile der pakistanischen Nordwestprovinz als frontier area, auch als tribal area (Stammesgebiete unter Bundesverwaltung) bezeichnet, an die Briten verloren ging und später dem Staat Pakistan zugesprochen wurde. Das unabhängige Afghanistan bildete einen Puffer zwischen russischen und britischen Interessen. Dies schlug sich auch in der Grenzziehung nieder und ist noch heute am Wachankorridor ersichtlich. Afghanistan nach der Unabhängigkeit mini|hochkant|Mohammed Zahir Schah Seit 1933 bestand mit Mohammed Zahir Schah (Mohammedzai) an der Spitze ein konstitutionelles Königreich. Zahir Schah läutete jedoch eine demokratische Wende in Afghanistan ein. Unter seiner Herrschaft wurden unter anderem Wahlen, ein Zwei-Kammern-Parlament, die Emanzipation der Frauen bis hin zum Frauenwahlrecht, eine Modernisierung der Infrastruktur und Pressefreiheit etabliert. Schahs fortschrittliche und westliche Politik war jedoch nicht unumstritten unter der afghanischen Bevölkerung. Seit 1946 ist Afghanistan Mitglied der Vereinten Nationen. 1973 stürzte der sich an die Sowjetunion anlehnende Mohammed Daoud Khan das Königshaus und rief die Republik aus. Nach Daouds Sturz 1978 in der Saurrevolution übernahm die von Nur Muhammad Taraki geführte, kommunistisch geprägte Demokratische Volkspartei Afghanistans die Macht in Kabul, rief die Demokratische Republik Afghanistan aus und versuchte mit sowjetischer Unterstützung eine gesellschaftliche Umgestaltung, zum Beispiel eine Alphabetisierung der Landbevölkerung. Diese Reformen untergruben die traditionelle Stammesordnung und provozierten Widerstand in ländlichen Gebieten. Gleichzeitig unterdrückte die Regierung die Opposition brutal mit Tausenden von politischen Hinrichtungen. Bis zu 27.000 wurden im Gefängnis Pul-e Charkhi hingerichtet.Robert D. Kaplan: Soldiers of God. With Islamic Warriors in Afghanistan and Pakistan. Vintage, 2001, ISBN 1-4000-3025-0, S. 115. (Google Books). Diese stieß in einigen Regionen auf militärischen Widerstand, der unter anderem von den USA und Pakistan unterstützt wurde. Mit dem Einmarsch sowjetischer Truppen im Dezember 1979 entwickelte sich der Bürgerkrieg zu einem zehnjährigen Stellvertreterkrieg (→ Sowjetischer Einmarsch in Afghanistan) zwischen sowjetischer Besatzungsmacht und den von den Vereinigten Staaten, Saudi-Arabien und Pakistan unterstützten islamischen Guerillas (Mudschahedin), siehe dazu Operation Cyclone. 1989 erfolgte der Abzug der sowjetischen Truppen. Nach unterschiedlichen Schätzungen wurden in dem Krieg unter anderem 600.000 bis 2 Millionen Zivilisten getötet. Die sowjetisch gestützte Regierung unter Präsident Mohammed Nadschibullāh konnte sich nach dem sowjetischen Abzug noch bis zur Einnahme Kabuls 1992 durch die Mudschahedin halten.Nikolas K. Gvosdev: The Soviet Victory That Never Was. In: Foreign Affairs. 10. Dezember 2009, abgerufen am 5. Juli 2020 (englisch). Im April 1992 wurde der Islamische Staat Afghanistan durch die Peschawar-Abkommen gegründet. Neuer Präsident wurde Burhānuddin Rabbāni. Die Vereinten Nationen präsentierten einen Übergangsplan, jedoch kam es bereits vor Ort zu zahlreichen Kämpfen verschiedener konkurrierender Mudschahedin in wechselnden Allianzen unter den neuen Warlords. Die Mudschahedin verweigerten dem zurückgetretenen Präsidenten Nadschibullāh den Gang ins Exil, der daraufhin in ein UN-Gebäude floh. Zwei wichtige, jeweils vom pakistanischen Geheimdienst ISI trainierte, konkurrierende Warlords waren dabei Gulbuddin Hekmatyār und Ahmad Schah Massoud, der unter Rabbāni Verteidigungsminister wurde. Ebenso führte der zu den Mudschahedin kurz vor dem Ende der Regierung Nadschibullāh übergelaufene General Abdul Raschid Dostum Truppen an. Als Hekmatyār Kabul einnehmen wollten, kamen ihm die Truppen von Massoud und Dostum zuvor und übernahmen die meisten Ministerien. Friedensverhandlungen scheiterten und Hekmatyārs Truppen, unterstützt von Pakistan, beschossen Kabul. Für die Kämpfe machten sich die verschiedenen Fraktionen gegenseitig verantwortlich. Es kam zu zahlreichen Menschenrechtsverbrechen bei diesen Machtkämpfen. Wie Human Rights Watch berichtete, war es praktisch jederzeit möglich, in Kabul getötet zu werden, sowohl der Artilleriebeschuss von Hekmatyārs Truppen als auch der konkurrierender Mudschahedinfraktionen trafen viele zivile Einrichtungen. Es kam zudem von den verschiedenen Seiten der Mudschahedin – unter Hekmatyār, Massoud, Dostum als auch weiteren Fraktionen – zu zahlreichen Entführungen, Plünderungen, Vergewaltigungen und Morden. 1993 kam es im Kabuler Stadtteil Afschar etwa zu einem Massaker durch die Truppen unter den Warlords Sayyaf und Massoud, bei dem geschätzt etwa 750 Menschen, hauptsächlich Angehörige der schiitischen Minderheit der Hazara, getötet oder verschleppt wurden. Bereits bis 1993 flohen mehr als eine halbe Million Menschen aus Kabul. Nach Verhandlungen wurde im Juni 1993 Hekmatyār zum afghanischen Premierminister ernannt. Der Frieden hielt jedoch nicht und es kam 1994 und 1995 wieder zu Kämpfen zwischen den konkurrierenden Milizen. Die Kämpfe hörten erst mit dem Einmarsch der Taliban auf, der wiederum von vielen Menschenrechtsverstößen begleitet wurde. Der Süden Afghanistans war überwiegend weder unter der Kontrolle der Zentralregierung noch unter der Kontrolle der Milizen vom Norden. Lokale Milizen- oder Stammesführer beherrschten den Süden. 1994 traten die fundamentalistischen Taliban in der südlichen Stadt Kandahar erstmals in Erscheinung. Die Taliban-Bewegung bestand aus Personen, die früher als Mudschahedin kämpften, und rekrutierte sich weiter aus religiösen Schulen für afghanische Flüchtlinge in Pakistan.Matinuddin, Kamal: The Taliban Phenomenon, Afghanistan 1994–1997, Oxford University Press, (1999), S. 25–6. In den Schulen wurde auch den Dschihad glorifizierendes Propagandamaterial, das von den USA hergestellt wurde, verwendet. Die Kämpfe zwischen den Milizen der Mudschahedin und die Hoffnung auf Frieden durch eine neue Ordnung gaben den Taliban Auftrieb. Ihr Anführer und späteres Staatsoberhaupt wurde Mohammed Omar. Im Laufe des Jahres 1994 übernahmen die Taliban die Macht in verschiedenen südlichen und westlichen Provinzen Afghanistans. Bis März 1995 hatten die Taliban sechs Provinzen eingenommen und Kabul erreicht. Anfang 1995 führten die Taliban Verhandlungen sowohl mit der Regierung Rabbānis als auch mit der schiitischen Miliz Hizb-i Wahdat, die jedoch nicht zu einem Frieden führten. Während die Taliban zunächst den Kampf um Kabul verloren, waren sie im Westen des Landes weiter auf dem Vormarsch. Dabei kam es zu einem vorübergehenden geheimen Bündnis zwischen den Taliban und dem Warlord Dostum (siehe Afghanischer Bürgerkrieg (1989–2001)). Mit logistischer Unterstützung des ISI und neuen Waffen und Fahrzeugen aus Pakistan und Saudi-Arabien reorganisierten die Taliban ihre Truppen nach einigen Niederlagen im Land und planten 1996 auch eine erneute Offensive gegen Kabul. Am 26. September 1996 befahl Verteidigungsminister Massoud einen Rückzug der Truppen in den Norden Afghanistans. Am 27. September 1996 marschierten die Taliban in Kabul ein und errichteten das Islamische Emirat Afghanistan, das lediglich von Pakistan, Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten anerkannt wurde. mini|Territoriale Kontrolle Afghanistans im Herbst 1996: Massoud (blau), Taliban (grün), Dostum (rosa), Hezb-i Wahdat (gelb) Der entmachtete Präsident Rabbāni, Massoud und Dostum, frühere Gegner, gründeten als Reaktion auf die Talibanoffensiven die Vereinte Front (bekannt als Nordallianz). Als mächtigster Mann im Bündnis galt Massoud, der Vereinten Front trat unter anderem auch der spätere Präsident Hamid Karzai bei. Iran und Russland unterstützen die Truppen Massouds, Pakistan intervenierte militärisch auf Seiten der Taliban. Nach freigegebenen Dokumenten von US-Behörden (National Security Archive) versorgte die pakistanische Regierung die Taliban nach ihrer Machtübernahme in Kabul 1996 unter anderem logistisch mit Waffen, Treibstoff und Nahrung. Bei der Offensive von 25.000 Taliban-Kämpfern gegen die nördliche Allianz waren geschätzt auch rund 10.000 islamistische Milizionäre aus arabischen Ländern, Pakistan und anderen asiatischen Ländern wie Usbekistan aktiv. Anfang 2001 wandte die Vereinte Front eine neue Strategie von lokalem militärischem Druck an. Massoud bereiste 2001 Russland und die EU, wo er sich zudem mit einem Abgesandten der CIA traf und um militärische Unterstützung bat. Massoud bekannte sich dort in seinen Reden zu einem moderaten islamischen Staat und warnte die Staaten vor al-Qaida. Die Tour war ein PR-Erfolg. Jedoch wurde er später 2001 durch einen Bombenanschlag getötet.Defense Intelligence Agency (2001) report. In: George Washington University (PDF, englisch). Die Taliban setzten in den von ihnen kontrollierten Gebieten ihre politische und juristische Interpretation des Islam durch. Die Frauen lebten quasi unter Hausarrest. Im Verlaufe der Kämpfe radikalisierten sich die Taliban weiter und führten radikale gegen Nicht-Moslems gerichtete Maßnahmen durch. Am 10. März zerstörten sie trotz enormer Proteste auch in der islamischen Welt durch Sprengladungen und Artilleriebeschuss die Buddha-Statuen von Bamiyan. Nach einem Bericht der Vereinten Nationen begingen die Taliban systematische Massaker unter der Zivilbevölkerung, während sie versuchten, ihre Kontrolle im Westen und Norden Afghanistans zu konsolidieren. Dabei kam es etwa zu einem Massaker in Masar-e Scharif und den Dörfern Bedmushkin und Nayak. Sowohl die Taliban als auch die Nordallianz-Truppen nahmen unter anderem bei ihrem Beschuss Kabuls laut Amnesty und HRW keine Rücksicht auf Zivilisten. In den Jahren 1999 und 2000 kam es zudem zu einer schweren Dürre in Afghanistan, welche die Not im Land weiter verschärfte. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 Am 9. September 2001 wurde Massoud ermordet. Zwei Tage danach wurden terroristische Anschläge in den Vereinigten Staaten verübt, die zum Tod von mindestens 2993 Menschen führten und als terroristischer Massenmord angesehen werden.Hans Joachim Schneider: Internationales Handbuch der Kriminologie: Grundlagen der Kriminologie. Band 1, 1. Auflage. Walter de Gruyter, 2007, ISBN 978-3-89949-130-2, S. 802. Die Vereinigten Staaten identifizierten Mitglieder des Terrornetzwerks Al-Qaida, das seine Basis im Emirat der Taliban hatte und mit den Taliban verbündet war, als Täter der Terroranschläge des 11. Septembers 2001. Die Taliban verweigerten jedoch die Auslieferung der Verantwortlichen um Osama bin Laden, der sich zu den Attentaten bekannt hatte. Daraufhin begannen die Vereinigten Staaten im Oktober 2001 eine Invasion Afghanistans mit Hilfe eines Militärbündnisses unter ihrer Führung. Die US-Regierung unter Präsident George W. Bush nutzte als Legitimation dieser Invasion einen Entschluss des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen, der den USA das Recht zur Selbstverteidigung zusprach. Infolge dieser Invasion gelang es, die in den meisten Regionen Afghanistans herrschenden Taliban zügig von der Macht zu verdrängen, wobei die Vereinte Front den Großteil der Bodentruppen stellte. Im Dezember 2001 trafen sich Führer der Vereinten Front sowie afghanischer Exilgruppen auf der Afghanistan-Konferenz in Königswinter bei Bonn, auf der sie sich auf die sogenannte Bonner Vereinbarung einigten. Diese sah einen Stufenplan zur Demokratisierung des Landes sowie die Bildung einer provisorischen Regierung mit dem Durrani-paschtunischen Stammesführer Hamid Karzai als Vorsitzenden vor. Mitglieder der siegreichen Vereinten Front übernahmen Schlüsselpositionen in der neuen Regierung. Außerdem wurde um die Stationierung einer einem Mandat der Vereinten Nationen unterstellten internationalen Truppe ersucht, um die Sicherheit der provisorischen Regierung zu gewährleisten. Diese Aufgabe übernahm die internationale Afghanistan-Schutztruppe International Security Assistance Force (ISAF). Die Taliban zogen sich vorerst in schwer zugängliche Bergregionen zurück. Die provisorische Regierung wurde im Juni 2002 durch eine von einer landesweiten außerordentlichen Loja Dschirga bestimmten Übergangsregierung abgelöst, wiederum mit Karzai als Übergangspräsidenten an der Spitze. Ende 2003 wurde eine verfassungsgebende Loja Dschirga einberufen, welche die neue afghanische Verfassung im Januar 2004 ratifizierte. Die am 9. Oktober 2004 durchgeführte Präsidentschaftswahl bestätigte Karsai als Präsidenten. Die demokratische Legitimität der Wahl kann jedoch angezweifelt werden, da am Tag der Wahl alle 15 Gegenkandidaten geschlossen ihren Rückzug und Boykott aufgrund von Betrugsvorwürfen verkündeten. Den Abschluss des im Petersberger Abkommen vorgesehenen Demokratisierungsprozesses markierten die Parlamentswahlen im September 2005, aus denen sich das erste gewählte afghanische Parlament seit 1973 konstituierte. Allerdings dokumentierte die Wahlbeobachtungsmission der Europäischen Union auch bei dieser Wahl „Unregelmäßigkeiten und Betrugsvorwürfe, die einen Schatten auf die Integrität der Wahlen werfen“ sowie „signifikante Defizite“ bei der Stimmenauszählung. Die Wahlen sollten ursprünglich im Juni 2004 stattfinden, mussten aber aufgrund von Verzögerungen bei der Wahlregistrierung mehrmals verschoben werden. Viele Taliban flohen über die Durand-Linie nach Pakistan und formierten sich dort neu. 2003 traten sie erstmals wieder in Erscheinung. Ab Anfang 2006 verübten sie zusammen mit dem Haqqani-Netzwerk und der Hizb-i Islāmī von Gulbuddin Hekmatyār verstärkt Anschläge gegen afghanische Zivilisten und Soldaten der ISAF. Selbstmordattentate, die vorher in Afghanistan völlig unbekannt waren, und Bombenanschläge auf nichtmilitärische Ziele nahmen stark zu. Babak Chalatbari beschrieb in einem Artikel für die Bundeszentrale für politische Bildung die Motive des „Terrors der Taliban“ wie folgt: „Die terroristische Taktik hinter der massiven Einschüchterung zielt darauf ab, dass kaum noch jemand wagt, sich den Auffassungen der theologisch meist nicht sonderlich ausgebildeten Masterminds der Taliban zu widersetzen.“ Die Zahl der versuchten und ausgeführten Selbstmordanschläge nahmen von drei im Jahr 2003 auf 106 im Jahr 2006 stark zu, zu denen sich meist die Taliban – insbesondere das Haqqani-Netzwerk – bekannten.. Im Süden und Osten von Afghanistan existierten Gebiete, die von ausländischen Hilfsorganisationen und auch ISAF-Truppen gemieden wurden. Pakistan spielt eine zentrale Rolle in Afghanistan. Eine Analyse der London School of Economics and Political Science aus dem Jahr 2010 führt aus, dass der pakistanische Geheimdienst (ISI) eine „offizielle Politik“ der Unterstützung der Taliban betreibe. Der ISI finanziere und bilde die Taliban aus. Dies passiere, obwohl Pakistan sich offiziell als Verbündeter der NATO ausgebe. Als Ergebnis hält die Analyse fest: „Pakistan scheint ein Doppelspiel erstaunlichen Ausmaßes zu spielen.“ Amrullah Saleh, der ehemalige Geheimdienstchef Afghanistans, kritisierte 2010: „Wir reden über all diese Stellvertreter [Taliban, Haqqani, Hekmatyar], aber nicht ihren Meister: Die pakistanische Armee. Die Frage ist, was will Pakistans Armee erreichen […]? Sie wollen an Einfluss in der Region gewinnen.“ Die Taliban und Gulbuddin Hekmatyārs Truppen richteten sich in Anschlägen gezielt gegen die afghanische Zivilbevölkerung. Im Jahr 2009 waren sie laut Angaben der Vereinten Nationen für über 76 % der Opfer unter afghanischen Zivilisten verantwortlich. Auch im Jahr 2010 waren die Taliban für über Dreiviertel der zivilen Todesopfer in Afghanistan verantwortlich. Zivilisten waren mehr als doppelt so häufig das Ziel tödlicher Anschläge der Taliban wie afghanische Regierungstruppen oder ISAF-Truppen. Die Afghanistan Independent Human Rights Commission (AIGRC) nannte die gezielten Anschläge der Taliban gegen die Zivilbevölkerung ein „Kriegsverbrechen“. Religiöse Führer verurteilten die Anschläge der Taliban als Verstoß gegen die islamische Ethik. Menschenrechtsgruppen haben den Internationalen Gerichtshof in Den Haag dazu veranlasst, eine vorläufige Untersuchung gegen die Taliban auf Grund von Kriegsverbrechen vorzunehmen. In der Folgezeit kam es zu Spannungen zwischen Teilen der ehemaligen Vereinten Front und Hamid Karzai, nachdem dieser die Taliban als „Brüder“ bezeichnet hatte. Akteure um den ehemaligen Geheimdienstchef Amrullah Saleh und andere befürchteten, dass Karzai ein Abkommen mit den Taliban und Gulbuddin Hekmatyār schließen könne, das eine Rückkehr der Taliban abseits des demokratischen Prozesses ermögliche. Eine Abspaltung von Gulbuddin Hekmatyārs Partei Hizb-i Islāmī gab ab Herbst 2009 an, mit Karzai verbündet zu sein, und stellte mit Abdul Hadi Arghandiwal von 2010 bis 2017 den Wirtschaftsminister. Diese angeblichen Verbündeten Karzais ließen 2011 jedoch in öffentlichen Stellungnahmen keinen Zweifel an ihrer Loyalität gegenüber Hekmatyār. Der große Einfluss der Vereinten Front auf die Regierung wurde mit den Jahren reduziert. Bei der afghanischen Präsidentschaftswahl im August 2009 trat Abdullah Abdullah, ehemaliger Außenminister bis 2006 und einst einer der engsten Vertrauten Ahmad Schah Massouds, gegen Hamid Karzai an und galt als Mitfavorit. Karzai schien zunächst dennoch gewonnen zu haben. Bei der Stimmauszählung mehrten sich allerdings die Vorwürfe der internationalen Beobachter, dass massiver Wahlbetrug betrieben worden sei. Eine Beschwerdekommission ermittelte mehrere Wochen und gab Mitte Oktober bekannt, dass hunderttausende Stimmen ungültig seien. Damit verlor Amtsinhaber Karzai die absolute Mehrheit, und es wurde eine Stichwahl zwischen diesem und Abdullah am 7. November 2009 vereinbart. Ende Oktober 2009, knapp eine Woche vor der Wahl, drohte Abdullah laut Medienberichten, sich von der Stichwahl zurückzuziehen. Vorausgegangen waren gescheiterte Gespräche mit Karzai. Abdullah hatte unter anderem die Entlassung des Vorsitzenden der umstrittenen Wahlkommission (IEC) gefordert, um eine „freie und faire“ Stichwahl ermöglichen zu lassen.Abdullah droht mit Boykott. In: sueddeutsche.de. 31. Oktober 2009, abgerufen am 13. Mai 2020. Sechs Tage vor der geplanten Stichwahl erklärte er seinen Boykott der Abstimmung.Abdullah boykottiert Stichwahl in Afghanistan. In: Die Welt, 1. November 2009. Als seine Anhänger auf die Straßen ziehen wollten, hielt Abdullah sie zurück, um die fragile Stabilität Afghanistans nicht zu gefährden. Nach der Tötung von Osama bin Laden durch US-Einsatzkräfte in der Operation Neptune Spear im Mai 2011 nahmen Anschläge auf prominente afghanische Politiker stark zu, so wurden unter anderem Expräsident Burhānuddin Rabbāni, Mohammed Daud Daud, Dschan Mohammed Chan und Präsident Karzais Halbbruder Ahmad Wali Karzai ermordet. Im Oktober 2011 begannen afghanische und NATO-Truppen eine Offensive gegen das Haqqani-Netzwerk im südöstlichen Grenzgebiet des Landes. 2014 wurde der erste demokratische Machtwechsel in Afghanistan durchgeführt, bei dem jedoch erneut massive Korruption und Fälschung vermutet wurde. Präsident Aschraf Ghani unterschrieb ein Abkommen mit der NATO, in dem die Nachfolgemission der ISAF, Resolute Support, legitimiert wurde. Diese begann am 1. Januar 2015 und unterstützte die afghanischen Sicherheitskräfte bis 2021 in der Ausbildung. Das Land wurde seit 2015 auch vom Islamischen Staat bedroht und weiterhin von Seiten der Taliban mit Gewalt überzogen. Im Februar 2020 unterzeichneten die Vereinigten Staaten und die Taliban ein Friedensabkommen. Die USA und die NATO verpflichteten sich dabei, ihre Streitkräfte innerhalb von 14 Monaten aus Afghanistan abzuziehen. Im Gegenzug garantierten die Taliban, innerhalb von zwei Wochen Friedensgespräche mit der afghanischen Regierung aufzunehmen und dem Terrorismus abzuschwören bzw. diesen in Afghanistan nicht zu dulden. Die afghanische Regierung hatte als Konfliktpartei das Abkommen nicht mitunterzeichnet. Da auch die Taliban keine Repräsentanten des Staates sind, handelte es sich bei dem Abkommen formal nicht um einen völkerrechtlichen Friedensvertrag. Der Vertrag berührte nicht die künftige Gestaltung des politischen Systems in Afghanistan oder die Verteilung der politischen Macht. Anschließend begannen im März 2020 Verhandlungen über einen Gefangenenaustausch zwischen der Taliban-Führung und der afghanischen Regierung, durch die bis zu 5000 gefangene Taliban freigelassen werden sollten, sofern im Gegenzug die Taliban 1000 ihrer Gefangenen frei ließen. Tatsächlich begann die afghanische Regierung bis einschließlich Mai 2020 mit der Freilassung von über 1000 der 5000 gefangenen Taliban, während diese Miliz einige hundert Regierungstreue freiließ. Gleichzeitig wurden aber vor allem durch terroristische Anschläge in Afghanistan im Mai 2020 der Terror in Afghanistan fortgesetzt, so dass der afghanische Präsident Aschraf Ghani im selben Monat bekannt gab, die Taliban fortan wieder bekämpfen zu wollen. Innerhalb einer Woche im Juni, so vermeldete die afghanische Regierung, hätten die Taliban 222 Terrorattacken im Land verübt, wodurch 422 staatliche Sicherheitskräfte getötet oder verwundet worden seien. Nach dem Ende des NATO-Einsatzes 2021 mini|Gebietskontrolle in Afghanistan im Juli 2021. Ende Juli 2021 endete der NATO-Einsatz; nur US-amerikanische und türkische Soldaten befanden sich zu diesem Zeitpunkt noch unter nationalem Kommando in Afghanistan. Die Bundeswehr hatte das Land bereits im Juni verlassen. Nach dem Rückzug der internationalen Truppen hatten die Taliban innerhalb kurzer Zeit die Kontrolle über große Teile des gesamten Landes übernommen, da die Regierungstruppen den Widerstand weitgehend aufgegeben hatten. Nachdem schließlich nur noch die Hauptstadt Kabul als einzige größere Stadt unter Kontrolle der Regierung gestanden hatte, kündigte am 15. August 2021 der zu diesem Zeitpunkt amtierende Innenminister Abdul Sattar Mirzakwal eine friedliche Übergabe Kabuls, und damit fast ganz Afghanistans, an die Taliban an. Präsident Ghani floh nach Tadschikistan und die Taliban verkündeten nach der Einnahme des Präsidentenpalastes und großer Teile Kabuls noch am selben Tag ihren Sieg.Taliban verkünden „Sieg“ im Präsidentenpalast von Kabul, BR24 vom 15. August 2021; Zugriff am 15. August 2021. Ein kleines Gebiet, das Pandschschir-Tal, war teilweise noch unter Kontrolle von Resten der afghanischen Armee und Regierung (siehe Pandschschir-Widerstand). Am 6. September 2021 gaben die Taliban an, auch diesen Teil Afghanistans erobert zu haben. Medienberichten zufolge flohen daraufhin die Anführer des Widerstands, Vizepräsident Amrullah Saleh und Ahmad Massoud, nach Tadschikistan. Nach der Übernahme durch die Taliban verschlechterte sich die humanitäre Situation Afghanistans, als westliche Nationen aufhörten, humanitäre Hilfe zu leisten, und die Weltbank und der Internationale Währungsfonds auch ihre Zahlungen an Afghanistan einstellten. Im Oktober 2021 erklärten die Vereinten Nationen, dass mehr als die Hälfte der 39 Millionen Menschen in Afghanistan von akuter Nahrungsmittelknappheit betroffen seien. Führende Politiker der Welt haben Afghanistan humanitäre Hilfe in Höhe von 1,2 Milliarden US-Dollar zugesagt. Am 22. Dezember 2021 verabschiedete der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen einstimmig eine von den USA vorgeschlagene Resolution, um humanitäre Hilfe bei der Versorgung verzweifelter Afghanen zu unterstützen und gleichzeitig zu versuchen, Gelder aus den Händen der Taliban fernzuhalten. Nach Angaben der Welthungerhilfe sei die humanitäre Lage „katastrophal“. So sei ohne eine Verbesserung der Versorgungslage im Jahr 2022 mit einem Anstieg der Armutsrate auf 97 Prozent zu rechnen. In der weite Teile des Landes umfassenden Region Chorasan kommt es seit Abzug der internationalen Truppen zu vermehrten Scharmützeln von Taliban und dem Islamischen Staat – Provinz Khorasan (IS-PK), einem Ableger des dschihadistischen Islamischen Staats, dessen Erfolge auch als Gefahr für andere europäische und eurasische Staaten erachtet werden. Ende September 2025 wurde durch die Taliban-Regierung das Glasfasernetz und damit die Kommunikation mit dem und via Internet abgeschaltet. Politik Obwohl ganz Afghanistan de facto von den Taliban und dem von ihnen ausgerufenen, theokratischen Islamischen Emirat Afghanistan kontrolliert wird, erkennt nur Russland das Regime an. Im Gegensatz dazu erkennen die meisten Staaten und die Vereinten Nationen nach wie vor de jure die geflohene Exilregierung der bis 2021 herrschenden, demokratischen Islamischen Republik Afghanistan an, obwohl diese mittlerweile ihre Arbeit praktisch aufgegeben hat. Beide konkurrierende Regierungen werden daher im Folgenden dargestellt. Politisches System des Islamischen Emirats Afghanistan mini|Flagge des Islamischen Emirats Afghanistan Nach der Machtübernahme der Taliban gaben diese am 7. September 2021 eine Übergangsregierung bekannt. Unter einem als Amir al-Mu’minin bezeichneten Staatsoberhaupt wurden ein Interims-Premierminister und zwei Stellvertreter ernannt. Insgesamt umfasst die Regierung 33 Mitglieder. Im September 2021 erklärten die Taliban, für die Zeit der Übergangsregierung auf die Verfassung des Königreichs Afghanistan aus der Amtszeit von König Sahir Schah zurückzugreifen. Jedoch wurde auch diese als inkompatibel mit der Scharia gewertet. Daher unterliegt die Regierung der Taliban derzeit keiner konstitutionellen Verfassung, jedoch wurde erklärt, dass diese zukünftig erstellt werden soll. Politisches System der Islamischen Republik Afghanistan mini|Flagge der Islamischen Republik Afghanistan mini|Milli Tharana, Nationalhymne der Islamischen Republik Afghanistan Die Präsidialrepublik gab sich im Jahr 2004 eine Verfassung, laut der ein direkt gewählter Präsident für eine fünfjährige Amtszeit gewählt wurde. Weiterhin bestimmte sie eine aus zwei Kammern bestehende Legislative, wobei die Wolesi Dschirga nach dem System Nicht übertragbare Einzelstimmgebung mit maximal 250 Parlamentariern besetzt wird, während die Meschrano Dschirga mit lokalen Würdenträgern und Experten besetzt ist. Die letzten Wahlen für die Präsidentschaft fanden im Jahr 2019 statt, die letzten Parlamentswahlen im Jahr 2018. Politische Indizes +Von Nichtregierungsorganisationen herausgegebene politische IndizesName des IndexIndexwertWeltweiter RangInterpretationshilfeJahrFragile States Index103,9 von 1207 von 179Stabilität des Landes: großer Alarm0 = sehr nachhaltig / 120 = sehr alarmierendRang: 1 = fragilstes Land / 179 = stabilstes Land2024Demokratieindex0,25 von 10167 von 167Autoritäres Regime0 = autoritäres Regime / 10 = vollständige Demokratie2024Freedom in the World Index6 von 100—Freiheitsstatus: unfrei0 = unfrei / 100 = frei2024Rangliste der Pressefreiheit17,9 von 100175 von 180Sehr ernste Lage für die Pressefreiheit100 = gute Lage / 0 = sehr ernste Lage2025Korruptionswahrnehmungsindex (CPI)17 von 100165 von 1810 = sehr korrupt / 100 = sehr sauber2024 Menschenrechte Die Lage der Menschenrechte war bereits vor der Machtübernahme der Taliban schlecht. Amnesty International dokumentierte in zahlreichen Hafteinrichtungen in Afghanistan Folter und Misshandlungen. Journalisten wurden festgenommen, geschlagen oder getötet. Bei bestimmten Verbrechen konnte die Todesstrafe verhängt werden. Viele Kinder wurden in Afghanistan zwangsverheiratet. Häusliche Gewalt war weit verbreitet,Afghanistan: Kinderehen und häusliche Gewalt gefährden Fortschritt. In: Human Rights Watch, 4. September 2013. zudem gab es Kindesmisshandlungen und sexuellen Missbrauch von Kindern etwa durch die Praktik von Bacha bazi.Joseph Goldstein: U.S. Soldiers Told to Ignore Sexual Abuse of Boys by Afghan Allies. In: The New York Times, 20. September 2015 (englisch). Durch die erneute Machtübernahme der Taliban im Jahr 2021 hat sich die Lage der Menschenrechte weiter verschlechtert. Mitte November 2022 forderte das Taliban-Oberhaupt Achundsada die Richter des Landes dazu auf, öffentliche Hinrichtungen, Steinigungen und Auspeitschungen sowie die Amputation von Gliedmaßen konsequent als Strafen auszusprechen. Etwa eine Woche später wurde erstmals öffentlich bestätigt, dass Peitschenhiebe als Strafe gerichtlich angeordnet und öffentlich durchgeführt werden. Internationale Aufmerksamkeit erhielt vor allem die fast vollständige Abschaffung der Gleichberechtigung der Frauen seit der Machtübernahme. Außerdem werden Unterstützungsangebote für Betroffene sexueller Gewalt abgebaut und Personen, die wegen Gewalt gegen Frauen und Mädchen inhaftiert waren, freigelassen – Gewaltopfer sind hingegen selbst von Inhaftierungen bedroht.Taliban bauen Hilfen für Gewaltopfer ab. In Glaube und Heimat vom 12. Dezember 2021, S. 14. Verfolgung der Hazara Ende des 19. Jahrhunderts erlitten die Hazara aufgrund ihrer ethnischen und religiösen Zugehörigkeit einen von dem paschtunischen Emir Abdur Rahman Khan zu verantwortenden Völkermord. Bis heute werden die Hazara in Afghanistan diskriminiert und verfolgt. Am 11. Februar 1993 richteten Regierungstruppen unter dem damaligen Präsidenten Rabbani, dem damaligen Verteidigungsminister Ahmad Schah Massoud und militärischen Anführer (der Gruppierung Ittihad) Sayyaf ein schweres Massaker gegen die schiitische und ethnische Minderheit der Hazara im Kabuler Stadtteil Afschar an und ermordeten bis zu 1000 Zivilisten. Dieses Massaker wird jedoch von vielen Tadschiken abgestritten und der ehemalige (ethnisch tadschikische) Verteidigungsminister stattdessen als Nationalheld gefeiert.Blood-Stained Hands. In: Human Rights Watch, 6. Juli 2005 (englisch).Afshar Massacre 1993. In: Hazara International, 2010 (englisch). Mit der Machtübernahme der Taliban im Jahr 2021 begann die Vertreibung der Hazara in Afghanistan erneut. Außenpolitik Zur Zeit der Demokratischen Republik Afghanistan von 1978 bis 1992 unterhielt das Land enge Beziehungen mit den Staaten des Ostblocks, einschließlich der Sowjetunion. Während der später folgenden Herrschaft der Taliban war das Land außenpolitisch nahezu komplett isoliert. Lediglich Pakistan, Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate unterhielten in dieser Zeit offizielle Beziehungen zu dem Land. Seit dem Sturz des Regimes der Taliban 2001 bis zu ihrer erneuten Machtübernahme 2021 verfügte Afghanistan über eine enge Westanbindung. Mit den Staaten der Europäischen Union und den USA arbeitete das Land in politischer, militärischer und wirtschaftlicher Hinsicht eng zusammen. Afghanistan stand deshalb auf der Liste der Major non-NATO Ally der Vereinigten Staaten. Afghanistan erhofft sich dabei eine Verbesserung seiner Sicherheitslage und eine verbesserte ökonomische und soziale Lage aufgrund eines stärkeren wirtschaftlichen Austauschs. Aufgrund seiner Binnenlage im Herzen Asiens kann es sich nicht von den regionalen Ereignissen abkoppeln. Die Beziehungen zu den Nachbarstaaten sind deshalb von entscheidender Bedeutung für Afghanistan. Mit Pakistan führt Afghanistan komplizierte und gelegentlich belastete Beziehungen. Afghanistan wirft Pakistan weiterhin die Unterstützung der Afghanischen Taliban vor. Pakistan unterstützt seit dem Beginn der sowjetischen Invasion des Landes die Taliban massiv mit Waffen und finanziellen Mitteln, um mithilfe der Taliban Einfluss auf das politische Geschehen im Land zu gewinnen. Eine Strategie, die sich inzwischen in Form einer verstärkten Präsenz der Taliban in Pakistan selbst gerächt hat. Gleichzeitig gibt es starke kulturelle Gemeinsamkeiten zwischen beiden Nationen. So lebt die Volksgruppe der Paschtunen in beiden Ländern. Pakistan hat 1,3 Millionen Flüchtlinge aus Afghanistan aufgenommen. Um dem zu starken Einfluss Pakistans zu entkommen, versucht das Land die Beziehungen mit Pakistans regionalem Rivalen Indien zu intensivieren. Indien ist einer der wichtigsten Investoren (unter anderem im Rohstoffsektor) in Afghanistan und mit rund 2 Mrd. US-Dollar seit 2001 größter regionaler und fünftgrößter Geber von Entwicklungshilfe insgesamt. Zu Iran bestehen enge sprachliche und kulturelle Verbindungen. Belastet werden die Beziehungen zu Iran durch Konflikte um die Kontrolle von Wasserressourcen, dem Drogenschmuggel und afghanischen Flüchtlingen in Iran. Chinas wirtschaftlicher und politischer Einfluss in Afghanistan wuchs ebenfalls an. Beide Länder waren vor allem an einer Intensivierung der wirtschaftlichen Beziehungen interessiert. Chinesische Direktinvestitionen im Land kamen dabei vor allem dem Rohstoffabbau zugute. Wichtigster Partner in der sicherheits- und wirtschaftspolitischen Zusammenarbeit waren die USA. Die staatlichen und politischen Strukturen des Landes in der Zeit nach der Überwindung der Taliban-Herrschaft 2001 wurden zum größten Teil unter Anleitung und Aufsicht der Vereinigten Staaten konzipiert. Die USA waren der mit Abstand größte Geber von Entwicklungshilfe im Land. Zudem waren in Afghanistan weiterhin amerikanische Truppen stationiert. Im August 2017 wurde eine Aufstockung der amerikanischen Truppen in Afghanistan von 3.000 auf 14.000 Mann angekündigt. Nach der Machtübernahme der Taliban, wurde deren Regierung zunächst nicht international anerkannt. Bei den Vereinten Nationen wurden die Taliban weiterhin von Diplomaten, die von der vorhergehenden Regierung eingesetzt worden waren, vertreten. In der Folge konnten die Taliban in einigen Staaten wie Russland und China die Botschaften übernehmen. Auch erklärten sie im Juni 2024, dass die Botschaften in anderen Staaten, die weiterhin die Politik der Vorgängerregierung vertraten, irregulär seien. Afghanistan und Deutschland Die deutsche Regierung gehörte zu den ersten Staaten, die die Regierung von Amanullah Khan und damit die Unabhängigkeit Afghanistans anerkannten. Zwischen deutschen Firmen und afghanischen Herrschern bestanden bereits seit 1898 Kontakte, diplomatische Beziehungen pflegten beide Länder jedoch erst ab 1922. 2017 lebten 252.000 Afghanen in Deutschland. Internationale Organisationen Afghanistan ist seit 1946 Mitglied der Vereinten Nationen. Es hat Beobachterstatus in der WTO und ist Vertragsstaat des ICC.Der Fischer Weltalmanach 2008. Fischer Taschenbuch-Verlag, Frankfurt 2007, ISBN 978-3-596-72008-8. Daneben ist es Mitglied der Organisation für Islamische Zusammenarbeit sowie Mitglied der Bewegung der Blockfreien Staaten. Seit 2007 ist Afghanistan zudem vollständiges Mitglied der SAARC (Südasiatische Vereinigung für regionale Kooperation). Nach der Machtübernahme der Taliban im August 2021 bemühten sich die neuen Machthaber darum, den noch von der Regierung unter Mohammad Ashraf Ghani entsandten UN-Botschafter Ghulam Isaczai durch einen eigenen Vertreter zu ersetzen. Nachdem dies vom Beglaubigungsausschuss der Generalversammlung der Vereinten Nationen im Dezember 2021 abgelehnt wurde, besteht die ungewöhnliche Situation, dass Afghanistan bei den Vereinten Nationen weiterhin durch Ghani vertreten wird, der auch für das Land spricht und an Abstimmungen teilnimmt,UN-Resolution für sofortige Waffenruhe im Gaza von 120 Ländern darunter Spanien und Frankreich angenommen – Deutschland enthielt sich. In: Nachrichten.es, 27. Oktober 2023, abgerufen am 29. Oktober 2023. obwohl die De-facto-Regierung von Afghanistan ihn nicht als Vertreter anerkennt. Provinzen mini|hochkant=1.3|Provinzen und Distrikte in Afghanistan Afghanistan gliedert sich in 34 Provinzen (velayat), die wiederum in 329 Distrikte (woluswali) unterteilt sind. Den Provinzen steht jeweils ein Gouverneur (waali) vor, der von der Regierung in Kabul ernannt oder bestätigt wird. Sicherheit Sicherheitskräfte mini|Afghanische Nationalarmee im Jahr 2010 mini|Afghanische Nationalpolizei Nach dem vorübergehenden Sturz der Taliban, die nach der Einnahme von Kabul im Jahr 2021 Afghanistan wieder übernahm, hatten die an der ISAF beteiligten Nationen großes Interesse daran, den Afghanen auch auf dem Gebiet der Sicherheitspolitik wieder volle Souveränität garantieren zu können. Deshalb bauten sie unter Führung der Vereinigten Staaten die Polizei, Militär und Geheimdienst auf. Afghanistan stand von 2012 bis 2022 auf der Liste der Major non-NATO ally und gehörte damit zu den engsten diplomatischen und strategischen Partnern der USA außerhalb der NATO. Die Afghanische Nationalarmee (ANA) verfügte im Januar 2011 über ca. 150.000 Mann und bis Oktober 2014 war eine Truppenstärke von etwa 260.000 Mann angestrebt. Da der Aufbau und Unterhalt einer einsatzfähigen Luftwaffe teuer war, übernahmen die Vereinigten Staaten die Sicherung des afghanischen Luftraums. Die Notwendigkeit einer afghanischen Luftwaffe wurde debattiert, aufgrund der geographischen Gegebenheiten galt diese aber als vorhanden. Die Kommandostruktur orientierte sich an der der Vereinigten Staaten. So sollte Afghanistan unter militärisch sinnvollen Regionalkommandos aufgeteilt werden, vergleichbar den US-Streitkräften. Vorrangiges Ziel blieb aber zunächst die Verbesserung von Ausbildung, Moral und Ausrüstung sowie die Bereinigung des Militärs von Spionen und Saboteuren. In Zusammenarbeit mit Deutschland und der EU bildeten die Vereinigten Staaten afghanische Polizisten aus.Katja Gelinsky: Obama will Afghanistans Armee massiv stärken. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20. März 2009. Der neu gegründete afghanische Geheimdienst, die Nationale Sicherheitsdirektion (NDS) unterstützte die afghanische Regierung durch Informationsgewinnung und -auswertung. In ihrer jungen Geschichte fiel die NDS international durch Einsperrungen von Journalisten und durch Tötung eines Politikers auf. Sicherheitslage In den Jahren von 2014 bis 2019 sind nach Angaben der afghanischen Regierung 45.000 Soldaten der afghanischen Streitkräfte im Kampf gegen Gruppierungen wie den Taliban und den islamischen Staat gefallen. Im Sommer 2016 standen 36 von 400 Regionen oder bis zu einem Drittel Afghanistans nicht mehr unter Kontrolle der Regierung.Afghanische Regierung kontrolliert nur noch zwei Drittel des Landes. In: Der Spiegel, 29. Juli 2016. Trotz Friedensverhandlungen zwischen der afghanischen Regierung und den Taliban im Jahr 2020 war das Land von Kampfhandlungen zwischen den Soldaten und Milizen dieser beiden Akteure überzogen. In den Jahren von 2016 und 2020 töteten die Taliban laut UNAMA jährlich zwischen etwa 1300 und 1625 Zivilisten. Außerdem wurden jährlich zwischen etwa 2500 und 3600 Zivilisten direkt oder indirekt durch IEDs der Taliban verletzt.https://unama.unmissions.org/sites/default/files/afghanistan_protection_of_civilians_report_2020_revs3.pdf Laut dem Lagebericht des Auswärtigen Amtes tragen organisierte Kriminalität und Stammeskonflikte zu einer komplexen Sicherheitslage in Afghanistan bei. Landminen Afghanistan ist stark mit Landminen belastet. Nach Angaben des United Nations Mine Action Service (UNMAS) ist das Land auf 530 km² mit 10 Millionen Minen kontaminiert. Die Hauptstadt Kabul gilt als am stärksten von Landminen belastete Stadt der Welt. Die Minen stammen aus der Zeit der sowjetischen Besatzung von 1979 bis 1989 sowie von den Vereinigten Staaten, Großbritannien und Iran aus der Zeit des Bürgerkrieges. Die Taliban setzten pakistanische Landminen ein. Die Minen sind eine ständige Gefahr für die Zivilbevölkerung. Allein im Jahr 2002 zählte das Rote Kreuz 1286 Landminenopfer, wobei von einer hohen Dunkelziffer auszugehen ist. Afghanistan trat 2002 der Ottawa-Konvention zum Verbot von Landminen bei. Es besteht jedoch der Verdacht, dass die Taliban seitdem zur Bekämpfung der ausländischen Militärpräsenz weiterhin Minen eingesetzt haben.Mary Wareham: Afghanistan: Ein unsichtbarer Feind. In: Human Rights Watch, 2. Oktober 2003. Wirtschaft Nach zwei Jahrzehnten Krieg war die Wirtschaft des Landes im Jahr 2001 weitgehend zerstört, ebenso ein Großteil der Viehbestände. Das Bruttoinlandsprodukt lag im Jahr 2016 bei geschätzten 18,8 Milliarden US-Dollar. Damit zählte Afghanistan zu den ärmsten Staaten weltweit. Bei der Entstehung des BIP war der Landwirtschaftssektor mit geschätzten 60 % beteiligt, die Industrie mit geschätzten 15 % und Dienstleistungen mit geschätzten 25 %. Bis zum Jahr 2017 sank der Anteil des Landwirtschaftssektors auf 23 %, die Anteile der Industrie und des Dienstleistungssektors stiegen dagegen auf 21 % und 52 %. Die Arbeitslosenquote lag im Jahr 2017 bei 23,9 %, dazu kommt Unterbeschäftigung, die weit verbreitet ist. 2017 arbeiteten 44,3 % aller Arbeitskräfte in der Landwirtschaft, 18,1 % in der Industrie und 37,6 % im Dienstleistungssektor. Die Gesamtzahl der Beschäftigten wird für 2017 auf 8,5 Millionen geschätzt; davon sind nur 17,3 % Frauen. Im Wirtschaftsjahr 2008/2009 lag das Wirtschaftswachstum bei 3,6 %. Der Grund für das niedrige Wachstum lag vor allem am fast vollständigen Ausfall der Getreideernte durch eine Dürre. 2009/2010 stieg das Wachstum auf 15 % an., abgerufen am 8. März 2011. 2016 wuchs die Wirtschaft nur um 2,4 %. Für die nächsten Jahre wird ein Wachstum von 3 bis 4 Prozent erwartet, was als nicht ausreichend für eine nachhaltige Senkung der Armut und hohen Arbeitslosigkeit bzw. Unterbeschäftigung gilt. Im Index für wirtschaftliche Freiheit belegt Afghanistan 2017 Platz 163 von 180 Ländern. Im Ease of Doing Business Index der Weltbank belegt Afghanistan 2018 Platz 183 von 190 Ländern. Das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen zählt das Land zu den Ländern mit geringer menschlicher Entwicklung. Trotz bestehender Probleme wie mangelhafte Infrastruktur, teils unsicherer Sicherheitslage und Korruption haben in den letzten Jahren große Investitionen in Afghanistan stattgefunden: Verschiedene staatliche Unternehmen wurden privatisiert, durch den Krieg zerstörte Industrie wurde wieder aufgebaut. Die im Jahr 2003 gegründete Afghanistan Investment Support Agency (kurz: AISA) registriert neue Unternehmen und betreut Investoren bei Problemen nach der Unternehmensgründung. Zu den wichtigsten Handelspartnern zählt neben Staaten der Region, vor allem Pakistan und Iran, auch die Europäische Union. Mit Stand 2021 beruhte rund ein Zehntel der afghanischen Wirtschaftsleistung auf der Gewinnung des Rauschmittels Opium. Armut und Mangelernährung Afghanistans Bevölkerung leidet, unter anderem aufgrund von Dürren, mindestens seit Ende der 2010er Jahre unter einer Hungersnot. Ende des Jahres 2021 lebten laut den Vereinten Nationen (UN) etwa die Hälfte der 38 Millionen Afghanen unterhalb der Armutsgrenze. Der prozentuale Anteil der Bevölkerung in Armut stieg im Jahr 2022 drastisch, laut UN-Prognosen auf bis zu 97 Prozent, an. 38 Prozent der Bevölkerung (23,34 Millionen Menschen) erhält Lebensmittelhilfen. Die Zahl der Menschen, die unter akuter Lebensmittelunsicherheit leiden, lag im Jahr 2021 bei 22,8 Millionen Menschen und im Jahr 2022 bei 19,7 Millionen. Laut einer Schätzung der UN leiden im Jahr 2022 höchstwahrscheinlich 1,1 Millionen Kinder unter fünf Jahren unter schwerster Unterernährung. Kennzahlen Alle BIP-Werte sind in US-Dollar (Kaufkraftparität) angegeben. Jahr2002200320042005200620072008200920102011201220132014201520162017BIP(Kaufkraftparität)18,76 Mrd.20,81 Mrd.21,52 Mrd.24,84 Mrd.26,97 Mrd.31,39 Mrd.33,24 Mrd.40,39 Mrd.44,33 Mrd.48,18 Mrd.55,92 Mrd.60,05 Mrd.62,78 Mrd.64,29 Mrd.66,65 Mrd.69,55 Mrd.BIP pro Kopf(Kaufkraftparität) 845 900 896 9991.0521.1911.2301.4581.5611.6551.8751.9662.0072.0091.9231.957BIP Wachstum(real)… 8,7 % 0,7 %11,8 % 5,4 %13,3 % 3,9 %20,6 % 8,6 % 6,5 %14,0 % 5,7 % 2,7 % 1,3 % 2,4 % 2,5 %Staatsverschuldung(in Prozent des BIP)346 %271 %245 %206 % 23 % 20 % 19 % 16 % 8 % 8 % 7 % 7 % 9 % 9 % 8 % 7 % Landwirtschaft mini|Fruchtbare Ebenen umgeben von waldlosen Bergen in Badachschan mini|Felder am Flusslauf des Pech mini|Kartoffelanbau in Bamyan mini|Entwicklung der Schlafmohn-Anbaufläche seit 1994 Obwohl nur etwa 6 % der Staatsfläche landwirtschaftlich nutzbar sind und diese Nutzung meist von künstlicher Bewässerung abhängt, sind 67 % der Bevölkerung in der Landwirtschaft tätig (Stand 2001). Weitreichende Waldrodungen, Überweidung der Böden und unkoordiniertes Abpumpen von Grundwasser während der Bürgerkriegsjahre bewirkten einen Rückgang der landwirtschaftlich nutzbaren Ressourcen des Landes. Dadurch ist die Versorgung des Landes empfindlicher gegenüber Dürren und anderen Naturkatastrophen geworden. So sind die Ernten regelmäßig durch Dürren bedroht, die in ihrer Häufigkeit und Intensität in den letzten drei Jahrzehnten zugenommen haben. Dabei trockneten in manchen Fällen bestimmte Flüsse und Seen völlig aus. Teile der Bevölkerung sind auf Nahrungsmittelhilfen angewiesen. Eine Reihe von Organisationen befassen sich daher mit der Erhebung, Überwachung und dem Entwickeln von Nutzungskonzepten der Wasserressourcen des Landes. Drogenanbau Afghanistan ist der größte Opiumproduzent der Welt. Im Juli 2000 wurde der Opiumanbau durch das Taliban-Regime verboten, worauf die Opiumproduktion völlig einbrach und im Jahre 2001 fast auf null sank. Nach dem US-geführten Krieg stieg die Produktion wieder an und ist seit 2004 höher als in den Jahren zuvor.UNODC . (PDF; 2 MB). 2006 betrug der Handel mit Opium 46 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Die Anbaufläche für Schlafmohn stieg seit der Beseitigung des Taliban-Regimes kontinuierlich, im Jahr 2006 erneut um 59 Prozent auf rund 193.000 Hektar. Nach Angaben des Büros der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC) wurden im Jahr 2006 über 6000 Tonnen Opium geerntet, das entspricht 92 Prozent der gesamten Weltproduktion. Der Exportwert dieses Opiums liegt nach Angaben des Außenministeriums der Vereinigten Staaten bei 3,1 Milliarden US-Dollar, dagegen liegt der Straßenpreis bei rund 38 Milliarden US-Dollar. Im Herbst 2007 wurden in Afghanistan rund 8200 Tonnen Opium geerntet, davon mehr als die Hälfte in der afghanischen Provinz Helmand. Das übersteigt den weltweiten Verbrauch um 3000 Tonnen. Der einzelne Opiumfarmer erzielt hierbei etwa 122 US-Dollar pro Kilogramm Opium („“). Somit ist für diesen der Schlafmohnanbau um etwa das Zehnfache lukrativer als der Weizenanbau.Special Report: Opiates for the masses. In: Nature. Band 449, 20. September 2007, S. 268–269. Die neue Talibanregierung verbot 2022, wirksam mit Ernte 2023 den Anbau von Schlafmohn, aus dem Opium gewonnen wird. Die Mohnanbaufläche ging von 233.000 Hektar (2022) auf 10.800 ha im Jahr 2023, also ein Zwanzigstel, zurück. In: ORF.at. 5. November 2023, abgerufen am 6. November 2023. Afghanistan ist auch größter Ertragsproduzent von Haschisch wie 2010 von der UNODC festgestellt wurde. Nach Angaben der UNODC-Studie werden in Afghanistan pro Hektar 145 Kilogramm Cannabisharz gewonnen. In Marokko, dem größten Cannabisanbauland der Welt, sind es zum Vergleich pro Hektar nur 40 Kilogramm.. In: n24.de, 31. März 2010, abgerufen am 5. April 2013. In der Provinz Nimrus wird Ephedrin, ein Vorstoff von Crystal Meth, hergestellt aus einer Meerträubel Art, einer heimischen Pflanze. Die Jahresproduktion wird auf 350.000 Kilogramm geschätzt. Zur Bekämpfung der Drogenkriminalität wird in Afghanistan seit dem Jahr 2002 die „Counter Narcotics Police of Afghanistan“ (CNPA) aufgebaut. Im Rahmen von Felderzerstörungen der afghanischen Drogenvernichtungseinheit (Afghan Eradiction Force) und der nationalen Polizei wird seit 2005 in zunehmendem Umfang der Opiumanbau bekämpft. Nachteil dieser von westlichen Geberländern geforderten Maßnahme ist, dass zahlreiche Bauern, deren Lebensgrundlage zerstört wurde, zu Anhängern lokaler Kriegsherren wurden, ein Grund für die Verschlechterung der Sicherheitslage seit dieser Zeit. Ein wirtschaftlich negativer Effekt ist, dass Marktverknappung der derzeitigen Überschussproduktion den Drogenhändlern in die Hände spielt, weil sie die Preise steigen lässt. 2003 betrug bei einer Ernte von 4000 Tonnen das von den Bauern erzielbare Bruttoeinkommen noch das 27fache des Weizenanbaus. Der erneute Anbau von Opium wird durch die Vernichtung von Feldern lukrativer, die politische Macht der Drogenbarone wird dagegen nicht angegriffen.Janet Kursawe: Afghanischer Teufelskreis. In: suedasien.info, 5. April 2007. Der überwiegende Anteil der Gewinne am Handel mit Opiaten wird im Ausland erzielt. im Frühjahr 2018 lag der Preis für Opium in Afghanistan bei etwa 60 bis 80 US-Dollar pro Kilogramm, der Preis für das hochwertigste Heroin bei 2.000 US-Dollar. In Iran verdreifacht sich der Heroinpreis auf 5.800 US-Dollar beinahe, in Istanbul steigt der Preis auf etwa 15.000 US-Dollar. In Deutschland ist das Heroin dann etwa 35.000 US-Dollar wert und in Großbritannien sogar 40.000 US-Dollar. In London lassen sich für das gestreckte Heroin bis zu 74.000 Dollar pro Kilogramm erzielen. Bergbau und Industrie Die bedeutendsten Bodenschätze sind Eisen- und Kupfererze, Erdgas, Kohle, Schmucksteine (hauptsächlich Lapislazuli) und Erdöl. In den 1880ern führte der britische Geologe Karl Griesbach geologische Explorationen durch und dokumentierte reichhaltige Vorkommen an Mineralien. Insgesamt konnten in Afghanistan bisher rund 200 Mineralarten nachgewiesen werden, so unter anderem Lasurit als farbgebender Bestandteil von Lapislazuli sowie verschiedene Beryll-, Korund- und Turmalinvarietäten. Für die Minerale Afghanit (entdeckt in der Lapislazuli-Lagerstätte Ladjuar Medam nahe Sar-e-Sang) und Khanneshit (entdeckt im Khanneshin-Karbonatit-Komplex im Distrikt Reg, Helmand) ist Afghanistan zudem Typlokalität (erster Fundort) und für das erstgenannte Mineral Namensgeber.Fundort Afghanistan beim Mineralienatlas (deutsch) und bei Mindat (englisch), abgerufen am 13. Januar 2025. 1937 vergab Afghanistan eine Konzession zum Abbau der Mineral- und Ölvorkommen über einen Zeitraum von 75 Jahren an eine US-Firma. Diese verzichtete jedoch schon bald auf die Wahrnehmung der Konzession, weil die wirtschaftliche Verwertung eine Investition von mehreren hundert Millionen US-Dollar erfordert hätte. Ab den 1950ern investierte die Sowjetunion in Explorationen, die bis in die 1980er fortgeführt wurden. Die wichtigsten Funde waren die Kupfererz-Vorkommen bei Aynak, etwa 30 km südlich der Hauptstadt gelegen, die Eisenerz-Vorkommen in Hajigak im zentralafghanischen Bamiyan und die Gasfelder nahe Scheberghan. Die Sowjetunion stellte 1967 eine 101 km lange Gaspipeline nach Wachsch in der tadschikischen Sowjetrepublik fertig und von da an wurden etwa 90 Prozent der afghanischen Gasvorkommen in die Sowjetunion exportiert. 2007 nutzte der United States Geological Survey ein luftgestütztes Erkennungsverfahren, um weitere Mineralienvorkommen zu dokumentieren. Dabei wurden im Norden des Landes Lagerstätten entdeckt, die das 18fache der ursprünglich geschätzten Menge an Ölvorkommen und etwa das dreifache an Gasvorkommen enthalten. Im Jahr 2010 gab es eine Reihe von Presseberichten, in denen von Funden an Bodenschätzen im Wert von bis zu einer Billion US-Dollar, bei entsprechender Förderung auch bis zu vier Billionen US-Dollar, die Rede war. So soll Afghanistan zum Beispiel über Vorkommen an Lithium verfügen wie bisher nur Bolivien. Der überwiegende Anteil der Entdeckungen geht jedoch auf Explorationen der Sowjetunion zurück. Zahlreiche der früher ausschließlich als Staatseigentum angesehenen Minen und Lagerstätten wurden inzwischen privatisiert, was die Beteiligung ausländischer Investoren erst ermöglicht. Bei Erhebungen des möglichen Abbaus vorhandener nicht-fossiler Bodenschätze wurden 20 Lagerstätten identifiziert, die das Potenzial für einen wirtschaftlichen Abbau besitzen sollen. Voraussetzung für einen Produktionsbeginn ist jedoch eine ausreichende Sicherheitslage, die vielerorts noch nicht gegeben ist. 2008 vergab die afghanische Regierung eine Konzession zum Abbau der mit 5,5 bis 11,3 Millionen Tonnen bedeutendsten Kupfervorkommen in Aynak an den chinesischen Staatskonzern China Metallurgical Construction Corporation (MCC), der zugesichert hatte, 2,9 Milliarden US-Dollar in das Projekt zu investieren.5,5 bis 11,3 Millionen Tonnen sind etwa 1 bis 2 % der weltweiten Vorkommen, die wirtschaftlich gefördert werden können. (nach United States Geological Survey, World Mine Production, Reserves, and Reserve Base (PDF; 86 kB), 2008, abgerufen am 26. Oktober 2009). Das Projekt verzögerte sich jedoch aufgrund von Vertragsstreitigkeiten und der kritischen Sicherheitslage. Eine Konzession für den Abbau der Eisenerze bei Hajigak wurde an ein Konsortium von sieben indischen Firmen und ein kleinerer Teil an eine kanadische Firma vergeben. Seit 2009 unterstützen die USA Afghanistan beim Aufbau einer eigenen Rohstoffindustrie. Tourismus mini|Nationalpark Band-e-Amir-Seen mini|links|hochkant|Minarett von Dschām, UNESCO-Welterbe mini|Wakhan-Nationalpark in Badachschan In Kabul sind einige Hotels und Gästehäuser für Ausländer geöffnet. Reisen außerhalb der Hauptstadt sind gefährlich. Viele Kulturschätze wie zum Beispiel die berühmten Buddha-Statuen von Bamiyan wurden zerstört oder geplündert. Afghanistan veröffentlicht keine offiziellen Zahlen zum Tourismus. In den 1960er und 1970er Jahren führte der sogenannte Hippie trail von Europa nach Südasien durch Afghanistan. Für Afghanistan existiert eine Reisewarnung des Auswärtigen Amtes der Bundesrepublik Deutschland (Stand: 28. April 2016). Reisen gelten als gefährlich, und von ihnen wird dringend abgeraten, da eine Rettung (besonders aus den Provinzen) im Unglücksfall nur unter schwersten Bedingungen möglich ist und nicht garantiert werden kann. Telekommunikation 2008 wurde das Mobile Payment mit M-Pesa von Afghanistans Telekomunternehmen Roshan und Vodafone eingeführt. Ab 2009 nutzte dann die Afghanische Nationalpolizei M-Pesa in einigen Landesteilen zur Bezahlung, wodurch nicht vorhandene Polizisten aufgespürt werden konnten und das übliche teilweise Einbehalten des Gehaltes durch die oberen Polizeiränge verhindert werden konnte.. Korruption Afghanistan gehört zu den weltweit korruptesten Ländern. Korruption ist in allen Teilen der Wirtschaft und des Staates verbreitet. Milliarden an Hilfsgeldern für den wirtschaftlichen Aufbau des Landes sind durch Korruption versickert. Finanzwirtschaft In Afghanistan gibt es derzeit keine offizielle eigene Wertpapierbörse. Eine Zentralbank existiert jedoch mit der Da Afghanistan Bank. Staatshaushalt Der Staatshaushalt umfasste 2016 Ausgaben von umgerechnet 6,39 Mrd. US-Dollar, dem standen Einnahmen von umgerechnet 1,70 Mrd. US-Dollar gegenüber, zusätzlich erhielt Afghanistan internationale Finanzhilfen in Höhe von 2,7 Mrd. US-Dollar. Daraus ergibt sich ein Haushaltsdefizit in Höhe von 10,5 % des BIP. Die Staatsverschuldung betrug 2016 1,540 Mrd. US-Dollar oder 8,2 % des BIP. 2010 wurden Afghanistan von den Staaten des Pariser Clubs 441 Mio. US-Dollar erlassen, ein Erlass von weiteren 585 Mio. US-Dollar wird angestrebt.. 17. März 2010. Bereits 2007 waren Afghanistan im Rahmen der HIPC-Initiative Staatsschulden in Milliardenhöhe erlassen worden, 2006 lag die externe Staatsschuld bei umgerechnet 11,6 Mrd. USD.Pajhwok Afghan News: . 7. August 2007.IMF and World Bank Announce US$1.6 Billion in Debt Relief to Afghanistan. Press Release No: 2010/242/SAR. In: News & Broadcast. Weltbank, 26. Januar 2010, abgerufen am 25. August 2013. 2006 betrug der Anteil der Staatsausgaben (in Prozent des BIP) folgender Bereiche: Bildung: k. A. Gesundheit:Der Fischer Weltalmanach 2010: Zahlen Daten Fakten. Fischer, Frankfurt, 8. September 2009, ISBN 978-3-596-72910-4. 9,2 % Militär: 1,9 % Infrastruktur Das Land hat eine kaum vorhandene Infrastruktur, die zudem in diversen Kriegen stark beschädigt wurde. Im Logistics Performance Index, der von der Weltbank erstellt wird, belegte Afghanistan den letzten Platz unter 160 Ländern. Bei der Qualität der vorhandenen Infrastruktur belegte das Land den drittletzten Platz unter allen untersuchten Staaten. Pipelines mini|Der 1953 erbaute Kajakai-Damm staut den Fluss Hilmend Afghanistan wird bereits seit Jahrzehnten als mögliches Transitland für fossile Brennstoffe in Betracht gezogen; dies aufgrund seiner Lage zwischen den turkmenischen Erdöl- und Erdgasfeldern des Kaspischen Meeres und dem Indischen Ozean. Der Baubeginn der seit längerem geplanten Turkmenistan-Afghanistan-Pakistan-Pipeline (kurz: TAP), die Pakistan und gegebenenfalls Indien mit turkmenischem Erdgas beliefern würde, hätte 2006 stattfinden sollen. Das Projekt wurde aber aufgrund der unsicheren Sicherheitslage und unklarer Finanzierung auf unbestimmte Zeit verschoben und kommt möglicherweise nicht mehr zustande. Der Bau der Pipeline würde tausende Arbeitsplätze schaffen und dem Staat jährlich etwa 100 bis 300 Millionen US-Dollar an Transitgebühren einbringen. Energieversorgung Nachdem die Taliban 2001 in Afghanistan von der Macht vertrieben worden waren, war die elektrische Infrastruktur in weiten Teilen des Landes zerstört: 2003 hatten nur 6–7 % der Bevölkerung Zugang zu elektrischem Strom, der jedoch nur etwa vier Stunden am Tag zur Verfügung stand. 30 % aller Stromanschlüsse des Landes befanden sich in Kabul; die damals vorhandenen 42 Kraftwerke leisteten nur 240 MW statt den nominellen 454 MW. Afghanistans Energienetz war in den folgenden Jahren in miteinander nicht verbundene Teilnetze getrennt. Im Norden gab es Teilnetze zwischen einzelnen Gebieten und den Nachbarländern: Bei Scheberghan (Erdgasförderung und Verstromung in einem 100 MW Kraftwerk), bei Masar-e Scharif und bei Kundus, im Osten gab es unverbundene Netze bei Kabul und Dschalalabad, im Westen bei Herat und im Süden ein Teilnetz zwischen Kandahar, Laschkar Gah, Musa Qala und der Kajakai-Talsperre.. Nachdem in den ersten Jahren hauptsächlich lokale Wasserkraftwerke instand gesetzt worden waren, wie etwa das Sarobi Wasserkraftwerk nahe Kabul, entstand der Plan für ein überregionales Energiesystem, das innerhalb weniger Jahre aufgebaut werden könnte. 2009. erreichten die ersten 90 Megawatt (später dann bis zu 150 Megawatt) Kabul über eine 442 Kilometer lange Stromtrasse aus Usbekistan, wobei mehrere Städte in der Nähe der Hochspannungsleitung zu diesem Zeitpunkt ebenfalls angeschlossen wurden, zum Beispiel Pol-e Chomri, oder die demnächst angeschlossen werden. Auch die schnell wachsende Stadt Masar-e Scharif bekam über eine Abzweigung, zusätzlich zu einer schon bestehenden Verbindungen, aus Usbekistan Energie geliefert. Damit stieg der Versorgungsgrad wieder an, wenn auch auf niedrigem Niveau. 2009 lag der Pro-Kopf-Verbrauch an elektrischer Energie bei 49 kWh, was einer der niedrigsten Werte weltweit war. 2011 verfügten 28 % der Bevölkerung über einen Stromanschluss. Das Land hatte eine installierte Leistung von rund 500 MW, verteilt auf Wasserkraftwerke und Dieselgeneratoren. Der Stromverbrauch lag bei insgesamt 3086 GWh, wovon 73 % aus dem Ausland importiert wurden.Ahmad Murtaza Ershad et al.: Analysis of solar photovoltaic and wind power potential in Afghanistan. In: Renewable Energy 85, (2016), 445-453, doi:10.1016/j.renene.2015.06.067. Im Jahr 2021 importierte Afghanistan knapp 80 Prozent seines Stroms aus dem Ausland (vor allem aus den zentralasiatischen Nachbarländern). Stand 2021 hatten 35 % aller Haushalte einen Stromanschluss. In Afghanistan wird insbesondere der Wasserkraft viel Potential eingeräumt: Es ist geplant, unter anderem die Kajakai-Talsperre mit einem zusätzlichen Wasserkraftwerk Kajakai II auszubauen.Afghan Energy Information Center (AEIC) , 17. März 2004. Abgerufen am 25. August 2017. Auch andere erneuerbare Energien wie Windenergie und Solarenergie, die, von dezentralen Inselanlagen abgesehen, bisher über keine nennenswerte Rolle spielen, verfügen über großes Potential. Gründe für ihren Ausbau sind u. a. geringere Abhängigkeit von Energieimporten aus den Nachbarstaaten mit schwankenden und unvorhersehbaren Lieferbedingungen, längere Reichweite heimischer Energieressourcen Kohle und Erdgas sowie Reduzierung von Dieselimporten, deren Kosten ansteigen sowie Umweltschäden verursachen. Als besonders erfolgversprechend gilt der Einsatz von Windkraft- und Photovoltaikanlagen in den Provinzen Herat und Balch, wo ohne größere Abregelung ein Wind- und Solarstromanteil von 65 bis 70 % erreicht werden könnte. In Herat bläst z. B. an ca. 120 Tagen im Jahr starker Wind.afghaneic.org: . Verkehrsinfrastruktur mini|Hauptverkehrswege in Afghanistan Straße Das Straßennetz befindet sich im Wiederaufbau und wird zudem erweitert. Die sogenannte Ring Road, die Hauptverkehrsader des Landes, in deren Umgebung rund 60 Prozent der Bevölkerung leben, wurde wieder instand gesetzt. So wurden bis 2007 bereits 715 Kilometer von ihr erneuert. Die Fertigstellung des letzten rund 400 km langen, neu trassierten Teilstücks, das die letzte Lücke im Nordwesten des Landes schließen würde, verzögert sich jedoch wegen der lokal prekären Sicherheitslage.Peter Wonacott: Afghan Road Project Shows Bumps in Drive for Stability, auf The Wall Street Journal-Online, 17. August 2009, abgerufen am 24. Oktober 2009. Außerdem wurden bis Mitte 2007 über 800 km an sekundären Straßen erneuert oder neu angelegt.USAID Afghanistan: Infrastructure. . Abgerufen am 24. Oktober 2009. Das gesamte Straßennetz umfasste 2017 etwa 34.903 km, davon 17.903 km asphaltiert. Der Grenzfluss Amudarja beziehungsweise dessen Quellfluss Pandsch stellt ein natürliches Hindernis für Überlandtransporte in die nördlich gelegenen Nachbarländer Usbekistan und Tadschikistan dar, da nur wenige Brücken über diese beiden Flüsse existieren. Es besteht teilweise eine hohe Minengefahr und viele Straßen sind je nach Jahreszeit oft stark unterspült. Um 2000 wurde die Straßenverkehrsordnung der DDR übernommen, weil viele afghanische Soldaten in der DDR ausgebildet worden waren. Luftverkehr In Afghanistan gibt es über 60 Flugplätze und Flughäfen, überwiegend handelt es sich um einfache Schotterpisten. Nur in einigen Städten sind größere Flughäfen vorhanden, diese werden auch beziehungsweise überwiegend von der U. S. Air Force militärisch genutzt.Islamic Republic of Afghanistan Ministry of Transport and Civil Aviation , abgerufen am 16. März 2009. Der größte Flughafen des Landes ist der Flughafen Kabul. Über ein Dutzend Fluggesellschaften fliegen Ziele in Afghanistan an.Islamic Republic of Afghanistan Ministry of Transport and Civil Aviation , abgerufen am 17. März 2009. Afghanische Fluggesellschaften sind Ariana Afghan Airlines, Kam Air und Pamir Airways. Schiene Das afghanische „Schienennetz“ hatte Anfang 2024 eine Länge von 227 km.Afghanistan Railway Authority: Plans for the development of Railways in Afghanistan. In: OSJD Bulletin 1/2024, S. 6–8 (6). Es besteht aus vier Inselbetrieben, die von den Bahnnetzen benachbarter Länder als Stichstrecken über die Grenze gebaut wurden. Hinzu kommt die in einem kurzen Abschnitt grenzüberschreitende Bahnstrecke Peschawar–Landi Khana aus Pakistan, die aber stillgelegt ist. Eisenbahnbehörde des Landes und Keimzelle einer künftigen afghanischen Staatsbahn ist die Afghanistan Railway Authority. Sie verfolgt umfangreiche Pläne, ein mehr als 5000 km umfassendes nationales Eisenbahnnetz zu errichten. Angesichts der wirtschaftlichen und politischen Lage im Land erscheint das sehr optimistisch. Ein erhebliches technisches Problem für die Eisenbahn in Afghanistan ergibt sich daraus, dass das Land die Schnittstelle für drei unterschiedliche Spurweiten bilden wird. Die im Norden angrenzenden Staaten verwenden die russische Spur von 1520 mm, Pakistan hat die indische Breitspur von 1676 mm und die Eisenbahn Irans baut ihre Strecken nach europäischen Normen in Normalspur von 1435 mm. Telekommunikation Es existieren vier Mobilfunknetze.. Anfang 2008 gab es in Afghanistan 4,5 Millionen Mobilfunknutzer. Das Telekommunikationsnetz der Afghan Telecom versorgt alle 34 afghanischen Provinzhauptstädte sowie 254 Orte und Dörfer. Im Jahr 2020 nutzten 18,4 Prozent der Einwohner Afghanistans das Internet. Kultur mini|Bagh-e Babur in Kabul mini|Nouruz 2011. Das Ali-Mausoleum in Masar-e Scharif ist die bedeutendste Wallfahrtsstätte Afghanistans. mini|Afghanischer Teppich Die Region war etwa vom 2. bis etwa zum 10. Jahrhundert buddhistisch geprägt. Aus dieser Zeit sind zahlreiche Überreste buddhistischer Stätten erhalten. Der Islam, der das Gebiet im 7. Jahrhundert erreicht hatte, verbreitete sich zunächst eher langsam. Eine der größten Sehenswürdigkeiten waren die Buddha-Statuen von Bamiyan. Im Jahre 2001 wurden diese in eine Felswand eingearbeiteten Kunstwerke durch die Taliban zerstört. Die zahlreichen Überreste von Klöstern, ausgemalten Höhlen, Statuen und Festungsanlagen im Bamiyan-Tal stehen auf der Liste des UNESCO-Welterbes, wie auch das sich in der Provinz Ghor befindliche Minarett von Dschām mit den dortigen archäologischen Überresten.UNESCO World Heritage: Afghanistan. Abgerufen am 19. März 2009. Die Taliban zerstörten und plünderten viele Kunstwerke (unter anderem Gemälde und Figuren aus buddhistischer Zeit), vor allem die, die Menschen darstellten. Mitarbeitern des örtlichen Institutes für Kunst gelang es, Kunstwerke vor den Taliban zu retten. Zu den kulinarischen Spezialitäten der afghanischen Küche zählen Khabilie Palau mit delikaten Gemüsesoßen, Borani-Badendschan und Aschak. Literatur Die afghanische Literatur umfasst unter anderem die Literatur in Dari und Paschto, die von Autoren auf dem Gebiet des seit dem 18. Jahrhundert existierenden afghanischen Staats verfasst wurde. Dari sprechen als Muttersprache vor allem Tadschiken und Hazara, aber auch immer mehr Paschtunen. Die Verbreitung der paschtunischen Sprache, einer ostiranischen Sprache, die sich aber stark vom Dari unterscheidet, deckt sich nicht mit dem heutigen afghanischen Staatsgebiet; sie reicht bis nach Pakistan. Umgekehrt wird auch das in Pakistan verbreitete Urdu von einer Minderheit in Afghanistan gesprochen und von einigen Autoren als Literatursprache genutzt. Paschto Das Paschto brachte eine nennenswerte, jedoch außerhalb des paschtunischen Sprachraums kaum beachtete bzw. wenig bekannte Literatur hervor. Die Anfänge der Paschto-Literatur gehen ins 17. Jahrhundert zurück und sind stark vom Persischen beeinflusst. Die Echtheit älterer Manuskripte aus der voriranischen Zeit, die möglicherweise von Mohammed Hotak erst 1728–1729 verfasst wurden, wird bezweifelt.Georg Morgenstierne: Die afghanische Literatur. In: Kindlers neues Literatur-Lexikon. Band 20. München 1988, S. 541. Pīr Roschān (1525–1581/1585), ein Krieger, Dichter und Sufi-Meister aus dem Ormur-Stamm, entwickelte eine eigene Schrift, die die Lautstruktur des Paschto besser wiedergab als die arabische Schrift. Als bekannteste Dichter und Literaten des Paschto der klassischen Epoche gelten Khushal Khan Khattak (Hushal Han, 1613–1689), ein auf dem Gebiet des heutigen Pakistan geborener Stammesherrscher, Führer des Aufstands gegen die Mogulherrscher und Meister des landai, einer Form zweizeiliger paschtunischer Kurzgedichte, der gelegentlich auch in persischer Sprache dichtete, sowie der mystisch-erotische Dichter Abd ur-Rahman Mohmand (Rahman Baba, 1653–1709/1711) und der weltliche Liebeslyriker Abd ul-Hamid (* ~1732). Sie bedienten sich der Vorlagen und Formen der klassischen persischen Poesie, z. B. des Ghasel, deren Metrum der Paschto-Volksdichtung angepasst wurde. Rahman Babas Gedichte genossen bei den Paschtunen größte Verehrung. Nazo Tokhi („Nazo Ana“, „Großmutter Nazo“, ca. 1651–1717), eine Tochter des Häuptlings des Tokhi-Stammes, wurde als Kriegerin ebenso bekannt wie als Dichterin. Aber auch der erste König Afghanistans, Ahmad Schah Durrani (1724–1773), ging als großer Dichter in die Geschichte des Landes ein. Der Enkel Kushal Khans, Afzal Khan Khattak, kompilierte um 1708 mit dem Tarich-e morassa eine Geschichte Afghanistans aus verschiedenen Quellen. Daneben existiert die reiche Volksdichtung, die zuerst im 19. Jahrhundert (allerdings in der Gegend von Peschawar im heutigen Pakistan) von James Darmesteter dokumentiert wurde.James Darmesteter: Chants populaires des Afghans. Paris 1888–1890, 3 Bde. Die afghanischen Barden waren jedoch meist keine Hofpoeten, sondern volksnahe Häuptlinge (so bis in die Neuzeit die des Kahttak-Clans in Pakistan) oder Derwische, die in Paschto dichteten. Der Abstand zwischen Volkssprache und literarischer Sprache ist gering.Sa’duddin Schpun/Aschraf Ghani: Die moderne Prosa in Paschtu (= Geistige Begegnung. Band 54). Erdmann Verlag, Tübingen/Basel 1977, S. 32 ff. In Kabul wurde 1931 eine Paschtoakademie gegründet. Diese bemüht sich ebenso um die Pflege der paschtunischen Sprache wie ihr Gegenstück, die Pakhto Akedemi in Peschawar, dem literarischen Zentrum des Paschto im heutigen Pakistan. In den dreißiger Jahren setzten sich vor allem in den Feuilletons die westlichen Gattungen wie Novelle, Kurzgeschichte, Theaterstück und (Fortsetzungs-)Roman durch. Das war nicht einfach, da auch die Prosa in Paschto an das Ideal des persischen höfischen Stils gebunden war. Es kristallisierten sich zwei große Stoffgebiete heraus: historische Themen, die mit verklärendem Patriotismus behandelt wurden, und realistische Gegenwartskritik, wobei an den religiösen und gesellschaftspolitischen Grundregeln der islamischen Gesellschaft nicht gerüttelt wurde.Monika Pappenfuß: Die moderne Literatur Afghanistans. In: kabulnath.de. Nach dem Zweiten Weltkrieg kam es zu einer Radikalisierung der Literatur. Federführend war die allerdings kurzlebige literarische Vereinigung Wesch zalmayan (Wache Jugend). Abdul Rauf Benawa (1913–1987) und Gul Pacha Ulfat (1909–1977) waren wichtige Autoren dieser Zeit. Beide verfassten u. a. Lehrgedichte. In Benawas Gedichtzyklus Preschana afka (Traurige Gedanken 1957) geht es um die Machtlosigkeit, Verlassenheit und Entrechtung der Menschen. Der Sozialaktivist Benawa thematisiert die Unterschiede zwischen Arm und Reich in seinem Land und die Willkürherrschaft von Beamten, der die Masse der Besitzlosen ausgesetzt ist, während Ulfat der Klage der Frauen über ihre gesellschaftliche Stellung eine Stimme verleiht. Allerdings verwendeten die jungen Radikalen Stereotype, die bis zur Karikatur verzerrt waren: der Dorfherr mit dickem Bauch und Gewehr, der Bauer barfuß unter der Peitsche des Feudalherrn, seine zwangsverheiratete Tochter, der im Ausland ausgebildete Arzt, der Mullah usw. Benawa musste emigrieren und starb 1987 im amerikanischen Exil. Auch Nur Muhammad Taraki (1917–1979), Übersetzer, Diplomat und zeitweise im Exil, veröffentlichte sozialkritische Kurzgeschichten, die nicht frei von Klischees waren. 1978 bis 1979 war er Ministerpräsident und wurde vermutlich ermordet. Der Verfasser patriotischer Gedichte, Schriftsteller und Psychologe Kabir Stori (1942–2006) studierte in Deutschland. Er wurde 1983 in Pakistan verhaftet und konnte nur wegen des erfolgreichen internationalen Drucks nach Deutschland emigrieren. Dari Ein Wegbereiter der Modernisierung nach der Unabhängigkeit 1919 war Mahmud Tarzi (1865/68?–1935), der die politischen Reformen unterstützte, die erste wichtige Zeitung Seraj ul akhbar (Leuchte der Nachrichten) herausgab und 1919 Außenminister wurde. Er übersetzte die schöngeistige Literatur aus europäischen Sprachen ins Dari und führte die moderne westliche Begrifflichkeit (Nation, Freiheit, Ausbeutung, Wissenschaft, Eisenbahn, Flugzeug, …) in die Paschtuliteratur ein, wo früher Begriffe wie Liebe, Blume, Nachtigall und die Traditionen der Stammesgesellschaft dominierten.Schpun, Ghani, S. 38.Latif Nazimi: Die moderne Prosa in Dari. In: Afghanistan. Moderne Erzähler der Welt (= Geistige Begegnung. Band 54). Erdmann Verlag, Tübingen/Basel 1977, S. 14 ff. Die Erzähltradition blieb lange Zeit lyrisch geprägt.Zum Folgenden vgl. auch Sayed Haschmatullah Hossaini: Die Erzählprosa der Dari-Literatur in Afghanistan 1900–1978. (= Poetica – Schriften zur Literaturwissenschaft, Band 108.) Verlag Dr. Kovac, Hamburg 2010. ISBN 978-3-8300-5000-1. Die ersten modernen Kurzgeschichten erschienen etwa 1933; die meisten Autoren waren zugleich Übersetzer und Journalisten. Der erste Roman Afghanistans wurde 1938 publiziert; sein Autor war Sayed Mohammed Ibrahim Alemschahi. Im gleichen Jahr erschienen weitere Romane und Fortsetzungsromane, so Chandschar (Dolch) von Dschalaluddin Choschnawa und Begom von Suleiman Ali-Dschaguri, die von der traditionellen Erzählkunst beeinflusst waren, aber traditionelle Zustände durchaus kritisierten. Berühmtester Dramatiker der 1940er Jahre war Aburraschid Latifi.Nazimi, S. 23 f. Azizurrahman Fathi wurde bekannt durch zwei große sozialkritische Romane von 1949 (Sonnenaufgang) und 1952 (Unter der wilden Rose), durch die er neue Maßstäbe für die Langprosa setzte. Seit etwa 1953 wurden Autoren wie Balzac, Maupassant, Dickens, Jack London, Hemingway, Dostojewski, Tschechow und Maxim Gorki in Dari übersetzt. Seither gewann die realistische, regional-volkstümliche, oft auch absurde Kurzgeschichte – auch unter dem Einfluss der iranischen Linken und der kommunistischen Bewegung in Afghanistan – an Boden. Zu erwähnen sind Abdul-Ghafur Berschna (1912–1982), der seine Stoffe aus Volkserzählungen gewann, Babrak Arghand (* 1946), Jalal Nurani, Rahnaward Zaryab (1944–2020) und Akram Osman. Rosta Bakhtari schrieb unter dem Einfluss des Symbolismus und der Literatur des Absurden. Obwohl die Hoffnung auf Demokratisierung sich rasch zerschlug, verbesserte sich insbesondere die Lage der Frauen, was sich auch im Werk der Autorin und Übersetzerin Roqqiya Abu Bakr (1919–2004) ausdrückte. Der in Paschto und Dari schreibende, bei der Schilderung des Alltags der Eliten Klischees keineswegs meidende Lyriker und Erzähler Schafiq (1932–1979), ein studierter islamischer Theologe und Jurist, wurde 1971 Außenminister und 1972 bis 1973 Ministerpräsident. Nach dem kommunistischen Umsturz vom April 1978 wurde Schafiq 1979 ermordet. Mahbub emigrierte 1979 nach Pakistan, Indien und später nach Kanada. Gegen die sowjetische Okkupation regte sich literarischer Widerstand, u. a. von Layla Sarahat (1958–2004), Partov Naderi (* 1952) und Gholamschah Sarschar Schomali (1930–1981), der im Gefängnis starb. Als literarische Repräsentanten des neuen Regimes können die Romanautoren Assadullah Habib (* 1941), Babrak Arghand und Alim Eftekhar gelten. Als Erzählerinnen traten Maga Rahmani und Marjam Mahbub (* 1955) (Das trostlose Haus 1990) hervor. Der Schriftsteller, Literaturwissenschaftler und Präsident der afghanischen Schriftstellervereinigung Assadullah Habib war 1982 bis 1988 Rektor der Universität Kabul. Während der Talibanherrschaft gingen viele Intellektuelle ins Exil, und zwar aufgrund der Sprachverwandtschaft meist nach Iran, aber auch in die USA, so z. B. der Erzähler und Verfasser klassischer Gedichte Razeq Fani. Zu den Autoren, die ihre Arbeit im westlichen Exil fortsetzten, gehörten Spôjmaï Zariâb (* 1949), Tamim Ansary und der Friedenspädagoge Ahmad Jawed. Auch Marjam Mahbub publizierte in Kanada weitere Werke in Dari. Die Erfolg versprechende Lyrikerin Nadia Anjuman wurde 2005 im Alter von 25 Jahren von ihrem Ehemann erschlagen. Urdu Rahbeen Khorshid und Mohammad Afsar Rahbin,Mohammad Afsar Rahbin: ‘Drugs Threaten the Entire Nation-building Process’ In: The Huffington Post, 6. November 2014 (Interview mit Mohammad Afsar Rahbin, englisch). der eigentlich Dari spricht, dichten (auch) in Urdu. Typisch für die Urdu-Literatur ist das Muschaira, das Dichter-Symposion, auf dem viele Poeten ihre Gedichte rezitieren. Medien Laut dem Bericht der Nichtregierungsorganisation Reporter ohne Grenzen ist die Situation der Pressefreiheit im Land „schwierig“. Die Pressefreiheit ist zwar von der Verfassung garantiert, wird jedoch in der Realität von lokalen Machthabern und unterschiedlichen politischen Gruppen nicht respektiert. In den von Taliban beherrschten Regionen des Landes gibt es keine Medienfreiheit. 1906 erschien die erste afghanische Tageszeitung in Dari, die bereits nach einer Ausgabe wieder verboten wurde. 1911 wurde sie von Mahmud Tarzi wieder ins Leben gerufen. Nach 1919 wurde das Presse- und Zeitungswesen sehr gefördert, bereits 1921 erschien die erste Frauenzeitschrift. Nach der Machtübernahme der Taliban 1996 gab es fünf Jahre lang keine Fernsehsender, heute sind es bereits 16 Sender, die hauptsächlich Filme und Serien aus dem Ausland wie Indien, Pakistan und Iran im Unterhaltungsprogramm ausstrahlen. Freizügige Kleidung in der Werbung oder in indischen Serien wird durch Bildfilter unkenntlich gemacht oder verschwommen gezeigt. Informationssendungen und Talkshows werden auch von Frauen moderiert. Kalender Gesetzliche oder staatliche und landwirtschaftliche Feiertage und Feste wie Nouruz, Unabhängigkeitsfest sowie staatliche Gedenktage werden nach dem iranischen Sonnenkalender gefeiert. Religiöse Feste werden nach dem islamischen Mondkalender gefeiert. Der Kalender nach dem Sonnenjahr ist Staatskalender, auch wenn er im Laufe der Geschichte auf dem Boden des heutigen Landes, aber auch seit der Namensgebung „Afghanistan“ im 19. Jahrhundert wiederholt außer Kraft gesetzt worden ist. Zuletzt wurde der Solarkalender im Jahre 1996 von den Taliban für ungültig erklärt. Der islamische Lunarkalender war der Kalender des „Islamischen Emirats Afghanistan“. Seit der Loja Dschirga von 2004 ist der auf dem Sonnenjahr beruhende Kalender abermals in der Verfassung verankert. Demnach basiert der Kalenderanfang auf dem Zeitpunkt der Pilgerfahrt (Hidschra) des Propheten Mohammed. Die Arbeitsgrundlage des Staatswesens ist der auf jener Pilgerfahrt beruhende Sonnenkalender. 22 Sonnenjahre entsprechen 23 Mondjahren. Die zwölf Monatsnamen des Sonnenkalenders entsprechen in Afghanistan den Tierkreiszeichen. Sport mini|Afghanistans Cricket-Nationalmannschaft bei der ICC World Cricket League Division One 2010 in Rotterdam Afghanistans Sportkultur wird vor allem von seinen zentral- und südasiatischen Nachbarländern beeinflusst. Wie in anderen Ländern Zentralasiens stellt das Reitspiel Buzkaschi den traditionellen Wettkampfsport Afghanistans dar, der vor allem bei Volksfesten ausgetragen wird. Basketball, Volleyball, Taekwondo und Gewichtheben genossen einige Zeit lang breite Popularität in Afghanistan. Fußball und allen voran Cricket genießen jedoch die größte Popularität unter den Mannschaftssportarten in Afghanistan. Cricket ist auch der einzige Sport, der von den Taliban geduldet wird und von der geografischen Lage Afghanistans nahe Pakistan und Indien profitiert, wo die Mannschaftssportart einen hohen Grad der Professionalisierung erreicht hat. Die afghanische Cricket-Nationalmannschaft wurde 2001 gegründet und zeigte seitdem einen konstanten Aufwärtstrend. Afghanistan nahm 2009 erstmals an der Qualifikation für die Cricket-Weltmeisterschaft 2011 teil und qualifizierte sich schließlich für die Turniere 2015, 2019 und 2023. Am 22. Juni 2017 wurde Afghanistan zusammen mit Irland der Teststatus zuerkannt, was zur Teilnahme an der angesehensten Stufe des Crickets berechtigt. Auch nach der erneuten Machtübernahme der Taliban im August 2021 trägt die Cricket-Nationalmannschaft weiterhin Trikots in den Farben der schwarz-rot-grünen Trikolore der Islamischen Republik Afghanistan, ebenso wird die frühere Nationalhymne Milli Tharana verwendet. Beim T20 World Cup 2024 erreichte das Team erstmals das Halbfinale bei einem internationalen Cricketturnier, unterlag jedoch Südafrika. Ihnen gelang auch die Qualifikation für die Champions Trophy 2025, in der sie jedoch in der Vorrunde ausschieden. Die afghanische Fußballnationalmannschaft wurde bereits 1933 gegründet und nimmt seit 1941 am internationalen Sportgeschehen teil. Zwischen 1984 und 2002 bestritt sie jedoch keine Spiele mehr; heute ist die Mannschaft wieder aktiv und absolviert Pflichtspiele, ihr gelang jedoch noch nicht die Qualifikation für eine Fußball-Weltmeisterschaft. 2013 gewann Afghanistan bei der Fußball-Südasienmeisterschaft seinen ersten internationalen Titel. Seit 2012 gibt es die erste Fußball-Profiliga Afghanistans, die Afghan Premier League. Am 4. November 2016 fand ein Marathonlauf in Bamiyan statt, an dem erstmals Sportlerinnen teilnahmen.. Dilli, Dilli – Geschichten aus Delhi von Markus Spieker, 11. November 2016, 9:13 Uhr, 8 Min., abgerufen am 14. November 2016. Nach der Machtübernahme der Taliban haben diese den Druck erhöht, dass die Frauen im Land sich nicht an sportlichen Aktivitäten beteiligen sollen. Auf internationaler Ebene wurde Afghanistan jedoch von Sportlerinnen, die im Ausland leben, vertreten, so beispielsweise bei den Olympischen Spielen 2024. Siehe auch Literatur Nile Green (Hrsg.): Afghanistan’s Islam: From Conversion to the Taliban. University of California Press, Oakland 2007, ISBN 9780520294134. Florian Weigand: Waiting for Dignity: Legitimacy and Authority in Afghanistan. Columbia University Press, New York 2022, ISBN 978-0-231-20049-3. Weblinks Botschaft der Islamischen Republik Afghanistan in der Bundesrepublik Deutschland AGA. Wissenschaftliche Arbeitsgemeinschaft Afghanistan. Eigene Beiträge und umfangreiche kommentierte Linkliste Länderinformationen des Auswärtigen Amtes zu Afghanistan Thorsten Hölzer: Afghanistan. In: LIPortal (mit Überblicken zu Geschichte & Staat, Wirtschaft & Entwicklung, Gesellschaft und Alltag) Selected Internet Resources, Library of Congress (englisch) UNHCR: 2010 country operations profile – Afghanistan (englisch) Einzelnachweise Kategorie:Staat in Asien Kategorie:Least Developed Country Kategorie:Islamische Republik Kategorie:Binnenstaat Kategorie:Mitgliedstaat der Vereinten Nationen Kategorie:Namensgeber für ein Mineral Kategorie:Staatsgründung in den 1910er Jahren
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Admiral
mini|Admiral Dieter Wellershoff, Generalinspekteur der Bundeswehr (1991) Admiral (Plural: Admirale, auch Admiräle) ist ein Dienstgrad der Marinestreitkräfte in den meisten Staaten und häufig zugleich die Sammelbezeichnung für die Gruppe der Flaggoffiziere, also aller Admiralsdienstgrade. Etymologie Die Bezeichnung leitet sich ab von einem arabischen Titel wie o. ä.Beleg u. a. DWDS, Art. Admiral Vergleiche Ammiratus.zuvor stand dort amir al-bahr, was in etwa Führer der See bedeutet und sinnig ist, aber eben nicht amir al-3li transkribiert. Im 10. und 11. Jahrhundert führten Flottenführer in Griechenland (Byzantinisches Reich) die Bezeichnung Amiralios (entsprach etwa dem Grad des Admirals), während die Heeresführer Amiras (etwa General) hießen; beide Begriffe sind vom selben arabischen Substantiv ʾamīr abgeleitet. Im 12. Jahrhundert erhielten zunächst die Befehlshaber der Flotten von Genua und Sizilien die Bezeichnung, im 13. Jahrhundert dann auch die von England und Frankreich, denen die anderen europäischen Staaten später folgten. Im Deutschen ist das Wort zunächst ab dem 12. Jahrhundert in unterschiedlichen Schreibweisen Formvarianten wie amiral, ammiralt, admirat u. ä. belegt, zunächst noch in der Bedeutung ‚muslimischer Befehlshaber‘, ‚Kalif‘. Ab dem 14. Jahrhundert wurde es dann in der neuen Bedeutung ‚Flottenbefehlshaber‘ aus dem Französischen neu entlehnt.F. Kluge, E. Seebold: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, Berlin 1995.M. Lexer: Mittelhochdeutsches Handwörterbuch Online. Dabei war die Bezeichnung „Admiral“, als letzte Instanz in einer Flotte, nicht nur auf militärische Verbände beschränkt. Bis ins 17. Jahrhundert konnte in Konvois aus Handelsschiffen in einer Kapitäns- oder Schifferversammlung eines der Mitglieder zum Admiral gekürt werden. Dieser Verband segelte dann in einer Admiralschaft. Ebenso konnte auch der Befehlshaber eines Konvoischiffes zum Admiral werden. Dieser Kapitän konnte der Befehlshaber eines städtischen, eines landesherrlichen oder auch privaten Kriegsschiffes sein. Wurde er von den Handelskapitänen zu ihrem Schutz angestellt oder angenommen, zahlten sie also entsprechende Abgaben – das so genannte „Convoigeld“ –, wurde er zum Admiral dieses geschützten Konvois. Auch hier segelte man dann in einer Admiralschaft.A. Bijl: De Nederlandse Convooidienst. Den Haag 1951, S. 71. Marinestreitkräfte der deutschen Staaten Kaiserliche Marine 1918 In der Kaiserlichen Marine wurden von 1872 bis 1918 die Dienstgrade Konteradmiral (bis 1898 Contreadmiral), Vizeadmiral und Admiral sowie Großadmiral (Hans von Koester (1905), Heinrich von Preußen (1909), Alfred von Tirpitz (1911) und Henning von Holtzendorff (1918)) vergeben. Der Großadmiral entsprach dem Generalfeldmarschall im Heer. Admirale der Kaiserlichen Marine bis 1918 Bezeich-nung Großadmiral(GrsAdm) Admiral(Adm) Vizeadmiral(VAdm) Konteradmiral(KAdm) Schulter­stück zentriert|55px zentriert|50px zentriert|50px zentriert|50px Reichsmarine bis 1935 In der Reichsmarine von 1922 bis 1935 wurden die Ränge Konteradmiral, Vizeadmiral und Admiral vergeben. Kriegsmarine bis 1945 In der deutschen Kriegsmarine wurden von 1935 bis 1945 die Ränge Kommodore, Konteradmiral, Vizeadmiral, Admiral und Generaladmiral sowie Großadmiral Erich Raeder (1939), Karl Dönitz (1943) für die Oberbefehlshaber vergeben. Zum Dienstgrad Admiral der Kriegsmarine war das Äquivalent der General der Waffengattung bei Heer und Luftwaffe. Admirale der deutschen Kriegsmarine bis 1945 Bezeich-nung Großadmiral(GrsAdm) Generaladmiral(GenAdm) Admiral(Adm) Vizeadmiral(VAdm) Konteradmiral(KAdm) Schulter­stück zentriert|55px zentriert|50px zentriert|50px zentriert|50px zentriert|50px Ärmel-streifen zentriert|50px zentriert|50px zentriert|50px zentriert|50px zentriert|50px Kom-mando-flagge zentriert|75px zentriert|65px zentriert|60px zentriert|60px zentriert|60px Volksmarine bis 1990 mini|DDR-Admiral Wilhelm Ehm und Vizeadmiral Gustav Hesse 1979 In den Seestreitkräften bzw. der Volksmarine (ab 1960) der DDR gab es bis 1982 die drei Admiralsdienstgrade Konteradmiral, Vizeadmiral und Admiral. Mit Beschluss des Staatsrates der DDR vom 25. März 1982 wurde zudem der Dienstgrad des Flottenadmirals, äquivalent zum Armeegeneral, geschaffen, jedoch nie verliehen. Der Admiral war in der Volksmarine der DDR der zweithöchste Dienstgrad im Admiralsrang. Er entsprach dem Generaloberst der NVA. Das Dienstgradabzeichen bestand aus Schulterstücken mit marineblauem Untergrund und darauf einer geflochtenen gold-silbernen Schnur, auf der drei fünfeckige silberfarbene Generalssterne („Pickel“) angebracht waren. Schulterstücke wurden zu allen Uniformteilen getragen. Das Ärmelabzeichen bestand aus einem breiten gelbfarbigen Streifen und drei weiteren einfachen Streifen. Darüber war ein fünfzackiger Stern angebracht, in dessen Innerem sich das Wappen der DDR befand. Im Unterschied zu allen übrigen deutschen Marinestreitkräften bedeckten die Ärmelabzeichen nur zu ca. 40 % den Ärmelumfang. Die Admiralskragenspiegel zeigten eine goldfarbene Ranke, die am unteren Ende einen Winkel von 90° aufwies. Waldemar Verner, Wilhelm Ehm und Theodor Hoffmann waren die einzigen Admirale in der Volksmarine. In diesen Dienstgrad wurde man nur in Verbindung der Dienststellung des Ministers für Nationale Verteidigung oder seines Stellvertreters befördert. Bis 1989 war der Chef der Volksmarine gleichzeitig stellvertretender Minister. Theodor Hoffmann wurde anlässlich seiner Berufung zum Minister für Nationale Verteidigung zum Admiral befördert und behielt den Dienstgrad auch als Chef der Nationalen Volksarmee unter dem Minister für Abrüstung und Verteidigung Rainer Eppelmann. Waldemar Verner wurde während seiner Zeit als Chef der Politischen Hauptverwaltung, ebenfalls Stellvertreter des Ministers, zum Admiral befördert. Flaggoffiziere der Volksmarine OF-9 bis 6 OF-9 OF-8 OF-7 OF-6 Arabesken Lampassen Flottenadmiral (im Rang) Admiral (im Rang) Admiral Vizeadmiral Konteradmiral Minister für Nationale Verteidigung Stv. MfNV / Chef VM Chef Volksmarine zentriert|80px zentriert|120px 55px55px 55px 55px 55px Ärmelstreifen zentriert|50px zentriert|50px zentriert|50px zentriert|50px zentriert|50px Kommandoflaggen zentriert|110px zentriert|100px zentriert|90px zentriert|80px zentriert|70px zentriert|70px Bundeswehr Der Admiral ist der höchste Dienstgrad der Bundeswehr für Marineuniformträger. Gesetzliche Grundlage ist die Anordnung des Bundespräsidenten über die Dienstgradbezeichnungen und die Uniform der Soldaten und das Soldatengesetz. Dienststellungen Innerhalb der Kommandostruktur der Teilstreitkraft Marine sind keine Dienststellungen für Admirale ausgeplant. Beispielsweise kann aber der Generalinspekteur der Bundeswehr ein Admiral sein. Denkbar ist auch eine Verwendung in höheren Stäben der NATO. Bisher gab es erst sechs Offiziere im Dienstgrad Admiral. Dienstgradabzeichen Die Dienstgradabzeichen des Admirals zeigen einen handbreiten, darüber drei mittelbreite Ärmelstreifen auf beiden Unterärmeln.In der ZDv 37/10 sind neben der in der Anordnung des Bundespräsidenten über die Dienstgradbezeichnungen und die Uniform der Soldaten beschriebenen Form als Ärmelabzeichen auch entsprechende (d. h. ähnlichgestaltete) Schulterabzeichen für Marineuniformträger beschrieben. Auffällig ist, dass bei Admiralen der handbreite Ärmelstreifen (5,2 cm) der Ärmelabzeichen auf den Schulterklappen nur halb so breit (2,6 cm) ausgeführt wird. Alle anderen Tressenbreiten für alle anderen Dienstgrade sind für Ärmel- und Schulterabzeichen sonst stets identisch breit. Sonstiges Die Dienstgradbezeichnung ranggleicher Luftwaffen- und Heeresuniformträger lautet General. Hinsichtlich Befehlsbefugnis, Ernennung, Sold, Dienststellungen, den nach- und übergeordneten Dienstgraden sind Admirale und Generale gleichgestellt. Beide Dienstgrade wurden durch die Anordnung des Bundespräsidenten über die Dienstgradbezeichnungen und die Uniform der Soldaten vom 7. Mai 1956 neu geschaffen. Verwendung als Sammelbezeichnung Gemäß Duden lautet der Plural Admirale oder Admiräle,Implizit wird im Fall der Umlautung damit das Wort „Admiral“ ganz analog zum „General“ mehr als deutsches denn als fremdsprachiges Wort aufgefasst, vgl. wobei in der Umgangssprache (meist auch im Sprachgebrauch der Bundeswehr) die Pluralform „Admirale“ vorherrscht.Vgl. dazu Gemäß der Zentralen Dienstvorschrift (ZDv) A-1420/24 „Dienstgrade und Dienstgradgruppen“ existiert keine Dienstgradgruppe „Admirale“ oder „Admiräle“. Vielmehr zählen die höheren Marineuniformträger zur Dienstgradgruppe der Generale. Dennoch wird der Plural neben einer Zusammenfassung mehrerer Soldaten im Dienstgrad Admiral auch als Sammelbezeichnung für mehrere Dienstgrade verwendet. Aufgrund des inoffiziellen Charakters ist nicht immer klar, ob Admirale nur alle Soldaten meint, die mit HerrFrau Admiral angeredet werden (also nur die Dienstgrade Flottillenadmiral, Konteradmiral, Vizeadmiral und Admiralvgl. auch vgl. auch vgl. dazu auch Anrede der Offiziere der Dienstgradgruppe der Generale) oder darüber hinaus alle weiteren Marineuniformträger (also einschließlich entsprechender Sanitätsoffiziere) der Dienstgradgruppe der Generale mit einschließt. Streitkräfte des Vereinigten Königreichs Der erste englische Admiral der Royal Navy war William of Leybourne, der 1297 von König Edward I. zum Admiral of the sea of the King of England ernannt wurde. Der Admiral als Marineoffizier darf nicht verwechselt werden mit dem Amt des Admiral of England oder Lord High Admiral, dessen Inhaber die Verantwortung für die gesamte Marine hatte, also ein Marineminister im heutigen Sinne war. In der Royal Navy gab es seit dem 16. Jahrhundert die Funktion der Vize- und Konteradmirale (Vice- beziehungsweise Rear-Admirals), die ursprünglich Stellvertreter des kommandierenden Admirals waren. Ein kommandierender Admiral konnte seine Flotte von der Spitze oder von der Mitte aus führen. Befand er sich auf einem Schiff in der Mitte der Flotte, hatte er in der Spitze einen Stellvertreter, den Vizeadmiral. Einen weiteren Stellvertreter hatte er im hinteren, der Spitze entgegengesetzten Bereich, den Konter- oder Rear-Admiral (von lateinisch contra, gegen, beziehungsweise englisch rear für hinten). Im elisabethanischen Zeitalter wurde die Flotte so groß, dass sie in Geschwader (squadrons) unterteilt werden musste. Das Geschwader des Admirals führte einen roten Stander, das des Vizeadmirals einen weißen und das des Konteradmirals einen blauen. Nachdem auch diese Geschwader immer mehr angewachsen waren, wurde jedes davon von einem Admiral mit jeweils einem Vize- und Konteradmiral geführt. Die Bezeichnung für die Befehlshaber lautete dann Admiral of the White, Admiral of the Blue usw. Die Rangfolge der Flotten und damit auch ihrer Admirale war in absteigender Folge: Rot, Weiß, Blau. Die Beförderung zum Admiral erfolgte in Abhängigkeit vom Dienstalter als Kapitän und galt auf Lebenszeit. Man konnte demnach erst dann weiterbefördert werden, wenn der Inhaber des höheren Ranges gestorben war oder seinen Abschied genommen hatte. Eine andere Möglichkeit war, einen unfähigen Admiral oder einen, der den Unwillen der Lords der Admiralität erregt hatte, ohne Kommando zu befördern. Man bezeichnete diese Praxis als Yellowing und den auf diese Weise aus dem Weg Geräumten als Yellow Admiral. Die Rangfolge der Flaggoffiziere / Admirale (absteigend) Admiral of the Fleet Admiral of the Red (ab 1805) Admiral of the White Admiral of the Blue Vice Admiral of the Red Vice Admiral of the White Vice Admiral of the Blue Rear Admiral of the Red Rear Admiral of the White Rear Admiral of the Blue Als Lord Nelson starb, war er Vice Admiral of the White. Im 18. Jahrhundert begann man damit, die ursprünglich neun Dienststellungen mit mehreren Inhabern zu besetzen. 1864 wurde die Unterteilung der Flotte in verschiedenfarbige Divisions ganz aufgegeben. Die rote Flagge wurde der Handelsmarine zugewiesen, die weiße der Kriegsmarine und die blaue der Reserve und den Hilfsschiffen. Heute sind die Dienstgrade der Flaggoffiziere der Royal Navy der Rear Admiral, Vice Admiral, Admiral und Admiral of the Fleet. Seit 1996 wird der Dienstgrad Admiral of the Fleet in Friedenszeiten nicht mehr vergeben. Ausnahmen von dieser Regel werden nur für Mitglieder der königlichen Familie gemacht. Die vor diesem Termin ernannten Flottenadmirale behalten aber ihren Rang auf Lebenszeit. Der Rang des Commodore (deutsch bis 1945 Kommodore, heute in etwa Flottillenadmiral) war bis 1996 in der Royal Navy kein Admiralsdienstgrad, sondern eine an den Dienstposten gebundene Bezeichnung für einen dienstälteren Captain, die nach Verlassen des Dienstpostens wieder entfiel. Seit 1996 ist der Dienstgrad “Commodore” ein offizieller Dienstgrad in der Royal Navy. Er ist dem Captain übergeordnet und dem Rear Admiral untergeordnet (NATO-Code: OF 6). Flaggoffiziere der Royal Navy Admiral of the Fleet(AdmF)Admiral(Adm)Vice-Admiral(VAdm) Rear Admiral(RAdm) OF-10 OF-9 OF-8 OF-7 zentriert|65px zentriert|65px zentriert|65px zentriert|65px Russische Streitkräfte Die Russische Seekriegsflotte hat seit 1992 folgende Admiralsränge. Admirale der Russischen Seekriegsflotte 50px Ärmelabzeichen 70px 70px 70px 70px Schulterstücke 70px 70px 70px 70px Dienstgrad(deutsch) Flottenadmiral Admiral Vizeadmiral Konteradmiral NATO-Rangcode OF-9 OF-8 OF-7 OF-6 Dienstgrad(russisch) Адмирал флота Адмирал Вице-адмирал Контр-адмирал Französische Streitkräfte In der Marine Nationale werden die vier Admiralsränge Contre-amiral (zwei Sterne), Vice-amiral (drei Sterne), Vice-amiral d’escadre (vier Sterne) und Amiral (fünf Sterne) vergeben. 90px|rechts Der Titel Amiral de France (Admiral von Frankreich) – manchmal auch Amiral de la flotte – wurde von 1302 bis 1870 an 28 Marineoffiziere verliehen. Er entsprach dem Rang eines Maréchal de France (Marschall von Frankreich). Nur einmal wurde dann wieder der Titel Amiral de la flotte (Admiral der Flotte) 1939 an François Darlan verliehen. Heute (Gesetz von 1972) ist der Titel Admiral von Frankreich eine staatliche Würde, die bisher nicht verliehen wurde. Dienstgrad Anrede DienststellungRangabzeichen (Admiral) – Amiral Amiral weiblich: Amiral 140px Vizeadmiral – Vice-amiral d’escadre Amiral weiblich: Amiral 140px Konteradmiral Vice-amiral Amiral weiblich: Amiral 140px Flottillenadmiral Contre-amiral Amiral weiblich: Amiral 140px Streitkräfte und Behörden der Vereinigten Staaten Flaggoffiziere mini|Schirmmütze eines US-Admirals mit doppelter Eichenlaubverzierung Die United States Navy hatte bis 1862 überhaupt keine Admiräle, obwohl die Einrichtung dieses Dienstgrades immer wieder gefordert wurde, unter anderem auch von John Paul Jones, der die Meinung vertrat, dass die kommandierenden Marineoffiziere mit den Armeegeneralen auf einer Stufe stehen sollten. Außerdem hielt er höherrangige Offiziere für nötig, um Streitigkeiten zwischen den rangälteren Kapitänen zu vermeiden oder zu schlichten. Statt des Dienstgrades Admiral waren der Ehrentitel eines Commodore und zwischen 1857 und 1862 der Dienstgrad Flag Officer in Benutzung. Die verschiedenen Marineminister schlugen dem Kongress wiederholt vor, den Rang eines Admirals zu schaffen, um eine Gleichstellung mit den Marinen anderer Staaten herzustellen, weil die höheren Offiziere der US Navy immer wieder in protokollarische Schwierigkeiten mit Offizieren anderer Nationen gerieten. Schließlich stimmte der Kongress am 16. Juli 1862 zu, neun Rear Admirals zu ernennen, was aber wohl weniger mit der Anpassung an internationale Erfordernisse zu tun hatte, als vielmehr mit der schnell anwachsenden Stärke der Marine im Amerikanischen Bürgerkrieg. Zwei Jahre später erlaubte der Kongress, einen der neuen Rear Admirals, David Farragut, zum Vice Admiral zu ernennen. Im Juli 1866 autorisierte er US-Präsident Johnson, Farragut zum Admiral und David Dixon Porter zum Vice Admiral zu ernennen. Als Farragut 1870 starb, wurden Porter Admiral und Stephen C. Rowan Vice Admiral. Nach dem Tod der beiden ranghöchsten Admirale wurden keine weiteren Beförderungen mehr bewilligt, so dass es bis 1915 keinen Admiral oder Vizeadmiral mehr gab, bis der Kongress zustimmte, je einen Admiral und Vizeadmiral für die Atlantikflotte, die Pazifikflotte und die Asiatische Flotte zu ernennen. Trotzdem gab es in der Zwischenzeit einen höherrangigen Admiral. 1899 würdigte der Kongress George Deweys Verdienste im Spanisch-Amerikanischen Krieg, indem er Präsident McKinley ermächtigte, ihn zum Admiral of the Navy zu ernennen, was er bis zu seinem Tode 1917 blieb. Dewey war bis heute der einzige US-amerikanische Marineoffizier mit diesem Rang. 1944 genehmigte der Kongress den Rang des Flottenadmirals (Admiral of the Fleet). Die ersten und bisher einzigen Inhaber dieses Dienstgrads waren Ernest J. King, William D. Leahy, Chester W. Nimitz (alle im Dezember 1944) und William F. Halsey, der seinen fünften Stern im Dezember 1945 erhielt. Der Rang entspricht dem des General of the Army bzw. General of the Air Force bei Heer und Luftwaffe. Der Rang ist nicht mit dem des Flottillenadmirals zu verwechseln, weil es sich hierbei um einen niedrigeren Rang (Rear Admiral Lower Class) handelt, der der untersten Rangstufe der amerikanischen Admiräle entspricht. Flaggoffiziere der United States Navy und der United States Coast Guard Fleet AdmiralFADM AdmiralADM Vice AdmiralVADM Rear Admiral (uh)RADM Rear Admiral (lh)RDML OF-10 OF-9 OF-8 OF-7 OF-6 zentriert|60px zentriert|60px zentriert|60px zentriert|60px zentriert|60px zentriert|60px zentriert|60px zentriert|60px zentriert|60px Das Commissioned Officer Corps der National Oceanic and Atmospheric Administration und das Commissioned Corps des United States Public Health Service sind Uniformed Services innerhalb ziviler Bundesbehörden, also außerhalb der Streitkräfte. Die Commissioned Corps beider Bundesbehörden bestehen – wie die Bezeichnung Commissioned bereits nahelegt – nur aus Offizieren ohne Mannschafts- oder Unteroffiziersdienstgrade. Mit Ausnahme der Militärgerichtsbarkeit, der sie nicht unterliegen, gelten für sie alle Rechte und Pflichten eines Offiziers gemäß Title 10. Im Dienst werden Uniformen getragen, die an die Uniform der US-Navy angelehnt, jedoch mit anderen Insignien bestückt sind. Flaggoffiziere des United States Public Health Service Commissioned Corps und NOAA Commissioned Officer Corps AdmiralADM Vice AdmiralVADM Rear Admiral (uh)RADM Rear Admiral (lh)RDML OF-9 OF-8 OF-7 OF-6 zentriert|60px zentriert|60px zentriert|60px zentriert|60px zentriert|60px zentriert|60px zentriert|60px Dienstgrad In der United States Navy und der United States Coast Guard ist der Dienstgrad Admiral ein Rang, der in der Hierarchie über dem Vice Admiral und unter den Fleet Admiral rangiert. Die US-Soldstufe ist O-10. Damit entspricht der Rang einem Vier-Sterne-General der United States Army bzw. der United States Air Force. Der NATO-Rangcode ist OF-9. Der Dienstgrad des Admirals ist mit bestimmten Dienststellungen verbunden und wird nicht dauerhaft verliehen10 U.S. Code § 601 - Positions of importance and responsibility: generals and lieutenant generals; admirals and vice admirals, so können bspw. der Vorsitzende und die Mitglieder der Joint Chiefs of Staff Admirale (alternativ: Generale) sein. Operativ kann der Admiral auch ein höheres Kommando führen oder den Oberbefehl über ein regionales Einsatzgebiet innehaben. Der Commandant of the Coast Guard und dessen Stellvertreter sind ebenfalls im Dienstgrad Admiral. Für eine solche Dienststellung, und damit für eine Beförderung über den Dienstgrad eines Konteradmiral () hinaus, muss der Soldat für den bestimmten Dienstposten vom Präsidenten nominiert und vom Senat mit einfacher Mehrheit bestätigt werden. Die Verwendung auf dem Dienstposten beträgt im Regelfall drei Jahre. Gesetzliche Voraussetzung ist mindestens der Dienstgrad Rear Admiral (lower half), jedoch wird in der Praxis entweder ein Vice Admiral oder Admiral nominiert. Nach der vorgesehenen Dienstzeit auf dem Dienstposten wird für den Offizier entweder die Nominierung verlängert, er wird für einen neuen Dienstposten vorgeschlagen oder er geht in den Ruhestand. Die früher durchaus übliche Praxis in den Dienstgrad eines Rear Admiral zurückzukehren, wird heutzutage nicht mehr durchgeführt. Beim United States Public Health Service Commissioned Corps gibt es nur einen Admiral. Es ist der Assistant Secretary for Health des US-Ministerium für Gesundheitspflege und Soziale Dienste. Das Commissioned Corps selbst wird durch einen Vizeadmiral, dem Surgeon General of the United States geführt. Das NOAA Commissioned Officer Corps hat keinen Dienstgrad Admiral. Streitkräfte Österreich-Ungarns Admirale der k.u.k. Kriegsmarine 1918 Bezeich-nung Großadmiral Admiral Viceadmiral Kontreadmiral Ärmel-streifen zentriert|70px zentriert|70px zentriert|70px zentriert|70pxKom-mando-flaggen zentriert|75px zentriert|75px zentriert|75px zentriert|75px ab 1915- zentriert|75px zentriert|75px zentriert|75px 1853 bis 1915 In der Österreichischen (k. k.) Kriegsmarine (ab 1868 k. u. k. Kriegsmarine) wurden von 1849 bis 1918 die Ränge Kontreadmiral (im 20. Jh. auch Konteradmiral), Viceadmiral, und Admiral sowie, seit 1916, Großadmiral vergeben. Bekannte österreichische bzw. österreichisch-ungarische Admirale waren: Hans Birch Freiherr von Dahlerup 1849 Viceadmiral, Marinekommandant (1849–1851) Erzherzog Ferdinand Max 1854 Viceadmiral, Marinekommandant (1854–1860), Chef der Marinesektion (1860–1864) Ludwig Ritter von Fautz 1860 Viceadmiral, Marinekommandant (1860–1865), Chef der Marinesektion (1865–1868) Wilhelm von Tegetthoff 1865 Viceadmiral, Marinekommandant (1865–1871), Chef der Marinesektion ab 1868 in Personalunion Friedrich Freiherr von Pöck 1872 Admiral, Marinekommandant (1871–1883) Maximilian Freiherr Daublebsky von Sterneck 1888 Admiral, Marinekommandant (1883–1897) Hermann Freiherr von Spaun 1899 Admiral, Marinekommandant (1897–1904) Rudolf Graf Montecuccoli 1904 Admiral, Marinekommandant (1904–1913) Anton Haus 1916 Großadmiral, Marinekommandant (1913–1917), Flottenkommandant Maximilian Njegovan 1917 Admiral, Marinekommandant, Flottenkommandant Karl Kailer von Kaltenfels 1917 Viceadmiral, Chef der Marinesektion d. Reichskriegsministeriums Alfred von Koudelka 1917 Viceadmiral, Seebezirkskmdt. von Triest Paul Fiedler 1914 Viceadmiral, Kommandant der Kreuzerflottille Miklós Horthy 1918 Viceadmiral, Flottenkommandant Siehe auch Liste deutscher Admirale Reichsadmiral, Holmadmiral Weblinks Anmerkungen Einzelnachweise Kategorie:Admiralsdienstgrad Kategorie:Dienstgrad für Marineuniformträger (Bundeswehr) Kategorie:Dienstgrad (Nationale Volksarmee)
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Bulgarien
Bulgarien (; amtliche Bezeichnung seit 1990 Republik Bulgarien, bulgarisch ) ist eine Republik in Südosteuropa mit etwa 6,5 Millionen Einwohnern. Das Land nimmt den Großteil der östlichen Balkanhalbinsel ein und grenzt im Norden an Rumänien, im Westen an Serbien und Nordmazedonien, im Süden an Griechenland und die Türkei und im Osten an das Schwarze Meer. Bulgarien umfasst ein Gebiet von 110.994 Quadratkilometern und liegt in der gemäßigten Klimazone. Sofia ist die Hauptstadt und gleichzeitig die größte Stadt des Landes; andere größere Städte sind Plowdiw, Warna und Burgas. Bulgarien ist seit 2004 Mitglied der NATO und trat 2007 der Europäischen Union bei. Auf dem Gebiet des heutigen Bulgariens befinden sich die bislang frühesten Belege für die Anwesenheit des Menschen (Homo sapiens) in Europa und mit der neolithischen Karanowo-Kultur, die bis ins Jahr 6500 v. Chr. zurückreicht, eine der frühesten Siedlungen des Kontinents. Im 6. bis 3. Jahrhundert v. Chr. geriet die Region ins Spannungsfeld der Thraker, Perser, Kelten und Griechen. Stabilität kam, als es dem Römischen Reich im Jahr 45 n. Chr. gelang, die Region zu erobern. Mit dem Niedergang und der Aufteilung des Reiches begannen in der Region erneut Invasionen unterschiedlicher Gruppen. Im 4. Jahrhundert wanderten die Goten ein und erschufen hier die einzige Schriftquelle ihrer Sprache. Um das 6. Jahrhundert wurden die Gebiete von den frühen Slawen besiedelt. Die Ur-Bulgaren, angeführt von den Brüdern Asparuch und Kuwer, verließen das Gebiet des (alten) (Groß-)Bulgariens und siedelten sich im späten 7. Jahrhundert dauerhaft auf der Balkanhalbinsel an. Sie gründeten zwei Reiche mit dem Namen Bulgarien, eines zwischen Donau und Balkangebirge und eines im Gebiet um das heutige Bitola im Westen der Halbinsel. Das Donaureich, das 681 vom Oströmischen Reich vertraglich anerkannt wurde, vereinigte sich im Laufe der Zeit mit dem Reich von Kuwer. Dieses Erste Bulgarische Reich beherrschte den größten Teil der südlichen Balkanhalbinsel und beeinflusste die slawischen Kulturen maßgeblich durch die Entwicklung der kyrillischen Schrift am Hofe der bulgarischen Zaren und die Gründung des Bulgarischen Patriarchats. Die altbulgarische Literatur und das bulgarische Schrifttum bildeten das drittgrößte kulturelle und religiöse Gebiet im mittelalterlichen Europa. Das Reich existierte bis Anfang des 11. Jahrhunderts, als der byzantinische Kaiser Basilius II. es eroberte und unterwarf. Ein erfolgreicher bulgarischer Aufstand im Jahr 1185 begründete ein Zweites Bulgarisches Reich, das unter Ivan Asen II. (1218–1241) seinen Höhepunkt erreichte. Nach zahlreichen erschöpfenden Kriegen und Feudalkämpfen löste sich das Reich 1396 auf und die Region geriet fast fünf Jahrhunderte lang unter osmanische Herrschaft. Das heutige Bulgarien entstand 1878 im Zuge des Russisch-Osmanischen Krieges (1877–1878) und des Zerfalls des Osmanischen Reiches zunächst als autonomes Fürstentum und nach der Ausrufung der Unabhängigkeit (1908) als Zarentum Bulgarien. Im Zweiten Weltkrieg wurde Bulgarien 1944 von der Sowjetunion besetzt, die Monarchie abgeschafft und eine realsozialistische Volksrepublik ausgerufen, die mit dem Zerfall des Realsozialismus 1991 aufgelöst wurde. Heute ist Bulgarien eine parlamentarische Republik, die aus 28 Provinzen mit einem hohen Grad an politischer, administrativer und wirtschaftlicher Zentralisierung besteht. Mit einer Wirtschaft im oberen mittleren Einkommensbereich zählt das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen Bulgarien zu den Ländern mit hoher menschlicher Entwicklung. Seine Marktwirtschaft ist Teil des europäischen Binnenmarktes und basiert weitgehend auf Dienstleistungen, gefolgt von Industrie – insbesondere Maschinenbau und Bergbau – und Landwirtschaft. Bulgarien ist der weltweit größte Lavendelölproduzent und hat eine lange Tradition im Rosenanbau und der Rosenölherstellung. Das Land ist mit einer demografischen Krise konfrontiert, da seine Bevölkerung seit Beginn der 1990er Jahre stetig abnimmt, vom Höchststand von fast neun Millionen Einwohnern im Jahr 1988 auf heute nur etwa 6,5 Millionen. Bulgarien ist seit 29. März 2004 Mitglied der NATO und seit 1. Januar 2007 Mitglied der Europäischen Union (EU) und des Europarates, Gründungsmitglied der OSZE und hat dreimal einen Sitz im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen eingenommen. Seit dem 1. Januar 2025 ist Bulgarien Teil des Schengen-Raumes, seit dem 1. Januar 2026 ist es Teil der Eurozone. Geographie mini|hochkant=1.5|Topografische Karte BulgariensDie Republik Bulgarien liegt im Osten der Balkanhalbinsel. Bulgarien grenzt im Norden an Rumänien, im Westen an Serbien und Nordmazedonien, im Süden an Griechenland und die Türkei. Die Grenzen zur Türkei (270 km), Nordmazedonien (148 km) und zu Serbien (318 km) sind zugleich EU-Außengrenzen. Rumänien, Griechenland und Bulgarien sind EU-Mitglieder. Die Grenze zu Rumänien ist 631 km lang; zum größten Teil ist die Donau die Grenze. Die Grenze zu Griechenland ist 259 km lang.ГЕОГРАФСКО ПОЛОЖЕНИЕ И ГРАНИЦИ НА БЪЛГАРИЯ, geografia.kabinata.com (bulgarisch) Im Osten bildet das Schwarze Meer die natürliche Grenze. Die Küstenlinie ist rund 354 km lang. Hauptstadt und Regierungssitz der Republik Bulgarien ist Sofia. Weitere bedeutende wirtschaftliche, administrative und kulturelle Zentren sind die Städte Plowdiw, Warna, Burgas, Russe und Stara Sagora. Das Territorium Bulgariens besteht zu zwei Dritteln aus den Tiefebenen, die von den Flüssen Donau und Mariza und ihren zahlreichen Nebenflüssen entwässert werden. Es hat zwei große Gebirgsketten: das Balkangebirge () und die Rhodopen. Die höchsten Erhebungen des Balkangebirges sind der Berg Botew () und der Tschumerna (). Die nördlich des Balkangebirges gelegene Donautiefebene wird durch die Donau begrenzt, die hier die Staatsgrenze zu Rumänien darstellt. In ihr liegen die Städte Plewen, Rasgrad, Russe und Schumen sowie Warna am Schwarzen Meer. Südlich des Balkangebirges erstreckt sich die Oberthrakische Tiefebene, auch Mariza-Ebene genannt. In diesem Mittelbulgarischen Becken finden sich die Städte Plowdiw und Stara Sagora sowie Burgas am Schwarzen Meer. Diese Ebene wird im Westen und im Süden durch die Rhodopen sowie die Gebirge Sakar und Strandscha im Süden begrenzt. Die höchste Erhebung der Rhodopen ist der Berg Großer Perelik (). Im Südwesten des Landes befinden sich mit dem Rila- und dem Pirin-Gebirge zwei weitere Hochgebirge mit Gipfeln zwischen 2000 und 3000 Metern Höhe, wobei der Berg Musala () der höchste auf der gesamten Balkanhalbinsel ist. Bulgarien verfügt über drei National- (Rila, Zentrales Balkangebirge und Pirin), elf Naturparks und 55 Naturreservate. Das Land hat Anteile am Grünen Band Europas und liegt im Blauen Herzen Europas. (PDF)SCHWARZ, U. (2012): Balkan Rivers – The Blue Heart of Europe, Hydromorphological Status and Dam Projects, Report, 151 S. (PDF; 6,2 MB) Klima Norden: Im Norden Bulgariens herrscht kontinentales Klima mit heißen und trockenen Sommern sowie kalten, schneereichen Wintern. Stara Planina (Balkangebirge): Auf der Nordseite schneereiche Winter, auf der Südseite zur gleichen Jahreszeit selten Schneefälle. Besonders im Westen sowie im Rila- und Piringebirge herrscht das sogenannte alpine Klima. mini|hochkant=1.5|Bulgarien im Mai: Schneebedeckte Gebirge im Norden und Westen. Wolkenbildung über dem Schwarzen Meer. Zentralbulgarien und Südwesten: Südlich des Balkangebirges liegt die Oberthrakische Tiefebene, in welche das Kontinentalklima nicht vordringen kann. Südlich des Gebirges sorgen also maritime Einflüsse für einen gemäßigten Winter, ein regenreiches Frühjahr und einen warmen Sommer. An der Grenze zu Griechenland und zur Türkei – unter dem Einfluss der Ägäis – verstärkt sich der mediterrane Charakter des Klimas. Bulgarische Rhodopen: Die drei Gebirge Rila, Pirin und Rhodopen nehmen die westliche Hälfte Südbulgariens ein. Im Gegensatz zu den deutlich höheren Schwestergebirgen weisen die Rhodopen nur im Westen Gebirgsklima auf, im Osten zeigt sich bereits der Übergang zum Küstenklima. Schwarzes Meer: Das Klima an der Küste zeigt ein mediterranes Profil, jedoch weht der Wind zumeist vom Schwarzen Meer aus östlicher Richtung übers Land. In der Folge sind die Sommer weniger warm als in den Subtropen und die sehr niederschlagsreichen Winter sind milder.Klima und Wetter in Bulgarien, bulgarien.org Von Mai bis September steigt die Temperatur in der Regel täglich über 20 °C. Im kältesten Monat, dem Januar, fällt sie nur selten unter den Gefrierpunkt.Bulgarien Klima & Wetter: Klimatabelle, Temperaturen und beste Reisezeit, beste-reisezeit.org Städte Im Jahr 2023 lebten 77 Prozent der Einwohner Bulgariens in Städten. Unter den Großstädten spielen als Verwaltungszentren die bulgarische Metropole Sofia sowie der Regierungssitz mehrerer Gemeinden und eines Bezirks (Oblast) Plowdiw eine zentrale Rolle. Weiter sind noch Varna und Burgas zu nennen, die als administrative Zentren der bulgarischen Schwarzmeerküste fungieren. Hier konzentrieren sich daher auch Medien- und Dienstleistungsunternehmen sowie die Kulturinstitutionen des Landes. Aufgrund ihrer vergleichsweise höher entwickelten Infrastruktur haben sie auch die regional höchste Bedeutung für Verkehr und Handel und zeigen die dynamischste Wirtschaftsentwicklung. In Bulgarien gab es nach dem Zensus von 2011 sieben Städte, die mehr als 100.000 Einwohner hatten: Sofia, Plowdiw, Varna, Burgas, Russe, Stara Sagora und Plewen. Bevölkerung Demografie mini|Demographische Entwicklung 1960–2020 (Millionen Einwohner) mini|Bevölkerungspyramide 2016: Bulgarien ist eine stark alternde Gesellschaft Bulgarien hatte 2021 6,5 Millionen Einwohner, 2,4 Millionen bzw. ein Viertel weniger als die 8,9 Millionen von 1985. Das jährliche Bevölkerungswachstum betrug −0,6 %. Zum Bevölkerungsrückgang trug ein Sterbeüberschuss (Geburtenziffer: 8,8 pro 1000 Einwohner vs. Sterbeziffer: 18,4 pro 1000 Einwohner) bei. Die Anzahl der Geburten pro Frau lag 2022 statistisch bei 1,8, die der Europäischen Union betrug 1,5. Der Median des Alters der Bevölkerung lag im Jahr 2021 bei 44,5 Jahren. Im Jahr 2023 waren 14,0 Prozent der Bevölkerung unter 15 Jahre, während der Anteil der über 64-Jährigen 22,3 Prozent der Bevölkerung betrug. Die Bevölkerungsdichte lag bei 64 Einwohnern/km². Der Großteil der Bevölkerung lebt in den Städten südlich des Balkangebirges. Viele Bulgaren verließen nach 1990 sowie nach dem EU-Beitritt das Land und ließen sich in verschiedenen süd- und mitteleuropäischen Ländern nieder, vor allem in Spanien, Italien und Deutschland. In dieser Periode konnten nur die zwei Provinzen Sofia-Stadt (+ 120.749 Personen) und Warna (+ 13.061 Personen) sowie lediglich die vier Städte Sofia, Warna, Burgas und Weliko Tarnowo einen Bevölkerungszuwachs verzeichnen. In vier Provinzen (Sofia-Stadt, Burgas, Warna und Plowdiw) liegt die Bevölkerungszahl über 400.000. 39,2 % der Bevölkerung leben in neun Gemeinden, die eine Einwohnerzahl von jeweils mehr als 100.000 Einwohnern aufweisen. In 60 Gemeinden liegt die Einwohnerzahl unter 6000. Der Volkszählung zufolge lebt die Bevölkerung Bulgariens in 255 Städten und 5047 Dörfern. 5.339.001 Personen bzw. 72,5 Prozent der Einwohner leben in Städten und 2.025.569 bzw. 28,9 % auf dem Land. 33,6 % der Bevölkerung leben in den sieben größten Städten. Bulgarien verliert aufgrund von Auswanderung, niedriger Geburtenrate und einer relativ niedrigen Lebenserwartung jedes Jahr Einwohner. Bis 2050 könnte die Einwohnerzahl auf 5,4 Millionen absinken.Population of Bulgaria 2050, populationpyramid.net; abgerufen am 19. August 2021. Einwohnerzahlen Bulgariens seit 1900Einwohnerzahlen Bulgariens nach Jahren in (PDF) oder Census 2011 (PDF; 1,1 MB), S. 9. Jahr Einwohner 1900 3.744.283 1905 4.035.575 1910 4.337.513 1920 4.846.971 1926 5.478.741 1934 6.077.939 1946 7.029.349 1956 7.613.709 Jahr Einwohner 1965 8.227.866 1975 8.727.771 1985 8.948.649 1992 8.487.317 2001 7.928.901 2011 7.364.570 2021 6.519.789  Bevölkerungsstruktur mini|hochkant=1.5|Anteil der Türken nach Bezirken mini|hochkant=1.5|Gemeinden nach Sprache: Nach der Volkszählung 2021 sind 84,6 % der Bevölkerung Bulgaren; 8,4 % sind Türken (siehe: Türken in Bulgarien), 4,4 % Roma. Der Anteil der Roma dürfte höher liegen als nach der offiziellen Angabe; er wurde 2006 vom Europarat auf rund 800.000, also fast 12 % geschätzt.Norbert Mappes-Niediek schätzte 2024 den Bevölkerungsanteil der Roma in Bulgarien (und Rumänien) auf rund ein Zehntel der Bevölkerung (Quelle) Außerdem leben Russen (14.000), Armenier (5306), Walachen, im Norden Rumänen, im Süden Aromunen und die muslimischen, Bulgarisch sprechenden Pomaken in Bulgarien. Etwa ein Viertel bis ein Drittel der heutigen bulgarischen Bevölkerung sind Nachkommen von bulgarischen Flüchtlingen aus Makedonien (→ Makedonische Bulgaren) und Thrakien (→ Thrakische Bulgaren). Im Jahre 2017 waren 2,2 % der Bevölkerung Migranten. Häufigste Herkunftsländer waren Russland, Griechenland und die Türkei. Trotz dieser Distanz nehmen diese Gruppen rege am gesellschaftlichen und politischen Leben Bulgariens teil. Beispielsweise war die Bewegung für Bürgerrechte und Freiheiten (DPS), die überwiegend von türkischstämmigen und muslimischen Bürgern unterstützt wird, zwischen 2001 und 2009 in zwei Koalitionsregierungen vertreten. Die türkische Minderheit lebte 2001 laut der damaligen Volkszählung besonders zahlreich in den Bezirken Kardschali, Rasgrad, Targowischte, Silistra und Schumen. Pomaken lebten vor allem im Bezirk Smoljan. 2009 gründeten überwiegend pomakischstämmige Bürger die Partei Fortschritt und Wohlstand, da sie mit der Politik der DPS unzufrieden waren. Die bulgarische Verfassung von 1991 (Artikel 11) verbietet aber das Gründen von Parteien auf ethnischer, rassischer oder religiöser Grundlage. Die Roma gehören in Bulgarien zu den am stärksten von Marginalisierung betroffenen Bevölkerungsgruppen.Norbert Mappes-Niediek: Die Last der Geschichte: Die Lage der Roma in Bulgarien und Rumänien. Warum kommen die Roma in Bulgarien und Rumänien aus dem Elend nicht heraus? (24. Februar 2024) Ihre soziale Lage ist von Armut, Arbeitslosigkeit, einem zumeist niedrigen Ausbildungsniveau sowie gesellschaftlicher Stigmatisierung geprägt. Ihre Lebenssituation hat sich durch den Transformationsprozess der 1990er Jahre verstärkt und trifft besonders die Roma-Frauen, die unter sozialer Perspektivlosigkeit und unter patriarchalen Familienstrukturen leiden. Bulgarien wird, ähnlich wie Israel und einige weitere osteuropäische und asiatische Staaten, als ethnische Demokratie beschrieben, in der „die Dominanz einer ethnischen Gruppe institutionalisiert ist“.Oded Haklai: Regime transition and the emergence of ethnic minorities. In: Jacques Bertrand, Oded Haklai (Hrsg.): Democratization and Ethnic Minorities. Conflict of Compromise? Routledge, 2014, S. 18–38, hier S. 18; Robert J. Kaiser: Czechoslovakia: the Desintegration of a Binational State. In: Graham Smith (Hrsg.): Federalism: The Multiethnic Challenge. Routledge, London/New York 2014, ISBN 978-0-582-22578-7, S. 208–236, hier S. 228; Leo Suryadinata: The Making of Southeast Asian Nations. State, Ethnicity, Indigenism and Citizenship. World Scientific Publishing, Singapure 2015, S. 9. Sprachen Nach Art. 3 der Verfassung von 1991 ist die Amtssprache Bulgarisch. Nach Art. 36 sind das Erlernen und der Gebrauch der bulgarischen Sprache das Recht und die Pflicht der bulgarischen Bürger. Bulgarische Staatsangehörige, deren Muttersprache eine andere Sprache ist, haben daneben das Recht, auch ihre Sprache zu erlernen und zu benutzen. Das Gesetz kann festlegen, in welchen Fällen nur die Amtssprache verwendet werden darf. Als Minderheitensprachen kommen Türkisch, Romani und Armenisch in Betracht. Dabei ist die in Bulgarien gesprochene türkische Sprache ein Dialekt, der sich teils vom Standard-Türkischen in der Türkei unterscheidet und durch das Bulgarische besonders im lexikalischen Bereich beeinflusst ist.Nina Janich, Albrecht Greule: „Bulgarisch“; in „Sprachkulturen in Europa: ein internationales Handbuch“; Gunter Narr Verlag, 2002, S. 27 In Bulgarien wird offiziell die kyrillische Schrift gebraucht. Religionen Artikel 13 der bulgarischen Verfassung von 1991 garantiert die Konfessionsfreiheit, hebt jedoch das orthodoxe Christentum als „traditionelle Religion Bulgariens“ hervor. Die Autokephalie der Bulgarisch-Orthodoxen Kirche wurde bereits 927 durch das Patriarchat von Konstantinopel anerkannt. Die Verfassung schreibt weiter die Trennung von Staat und Religion vor und verpflichtet den Staat zu religiöser Neutralität und Parität. 21,8 % der Befragten bei der Volkszählung 2011 (PDF). beantworteten die Frage nach der Konfessionszugehörigkeit nicht, wobei der Anteil der jüngeren Generationen überwog. 77,9 % der Menschen, die eine Antwort auf diese Frage gegeben haben, bezeichnen sich als Christen (4.374.135 Menschen). Demnach gehören die meisten der bulgarisch-orthodoxen Kirche (76,0 %), der römisch-katholischen Kirche in Bulgarien (0,8 %) und der Evangelischen Kirche (1,1 %) an. Weitere 577.139 Menschen (10 %) bezeichnen sich als Muslime. Bei der Volkszählung 2001 haben sich dagegen 83,9 % der Bevölkerung als Christen und 12,2 % als Muslime definiert. Außerdem gibt es eine rapide schwindende jüdische Minderheit (653 Mitglieder im Jahr 2001, 1992 noch 2580 gegenüber fast 50.000 im Jahr 1947). Dabei handelt es sich vor allem um sephardische Juden (siehe auch hier). Im deutschen Sprachraum am bekanntesten ist der Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger Elias Canetti. Eine repräsentative Umfrage im Auftrag der Europäischen Kommission im Rahmen des Eurobarometers ergab 2020, dass für 60 % der Menschen in Bulgarien Religion wichtig ist, für 30 % ist sie weder wichtig noch unwichtig und für 10 % ist sie unwichtig. Gesundheit Die Gesundheitsausgaben des Landes betrugen im Jahr 2021 8,6 % des Bruttoinlandsprodukts. Im Jahr 2018 praktizierten in Bulgarien 41,7 Ärzte je 10.000 Einwohner. Die Sterblichkeit bei unter 5-Jährigen betrug 2022 6,1 pro 1000 Lebendgeburten. Die Lebenserwartung der Einwohner Bulgariens ab der Geburt lag 2022 bei 74,4 Jahren (Frauen: 78,1, Männer: 70,8). Geschichte mini|Reste des Antiken Theaters in Trimontium mini|Der Reiter von Madara zählt zum kulturellen Erbe der Bulgaren und der UNESCO mini|Bulgarien und die Balkanhalbinsel unter Iwan Assen II. Die ältesten Funde im heutigen Bulgarien liegen aus dem Pleistozän vor. So gaben Forscher im Mai 2020 bekannt, in der Batscho-Kiro-Höhle die bislang frühesten Belege für die Anwesenheit des Menschen (Homo sapiens) in Europa entdeckt zu haben. Aus der Jungsteinzeit sind die Karanowo-Kulturen, aber vor allem die Varna-Kultur, deren Goldschatz zu den ältesten der Welt zählt, bekannt. In der Bronzezeit herrschten die indogermanischen Thraker. Der größte thrakische Stamm, die Odrysen, konnte um 450 v. Chr. ein eigenes Reich gründen, das sich bis zur Donau und zum Strymon erstreckte. Heute werden regelmäßig große Funde, beispielsweise im Tal der thrakischen Könige von Archäologen gemeldet, die sich auf diese historische Periode beziehen. So wurde im Jahr 2000 das thrakische Heiligtum Perperikon in den Ostrhodopen und 2003 das Felsenheiligtum Beglik Tasch ausgegraben. Das Orakel von Perperikon war neben dem Orakel von Delphi eine der wichtigsten Kultstätten in der antiken Welt. In der Zeit der griechischen Kolonisation entstanden an der Schwarzmeerküste mehrere Stadtstaaten, so genannte Poleis. Einige von ihnen wie Apollonia oder Mesambria wurden zu Handelsmächten und konnten sich anfänglich auch gegen die Römer behaupten. Nach der Eroberung durch die Römer im Jahr 29 v. Chr. begann die Romanisierung der Bewohner. Thrakien und die Stadtstaaten an der Küste wurden ein Teil des römischen Reiches. Aus der römischen Zeit sind die großangelegten Bauten von Karasura, Trimontium, Nicopolis ad Istrum, Ulpia Augusta Trajana, Marcianopolis, Ratiaria oder Augusta bekannt. Im 4. Jahrhundert entstand in Nicopolis ad Istrum die Wulfilabibel, die einzige Quelle der gotischen Sprache und damit der ältesten überlieferten germanischen Schriftsprache. Bulgarische Reiche im Mittelalter und Einfluss auf die europäische Kultur Die Anfänge der bulgarischen Staatlichkeit werden im Jahre 632 gesehen, als das Großbulgarische Reich gegründet wurde. Seit dem 6. Jahrhundert drangen Slawen – im Jahr 678, nachdem das Großbulgarische Reich zerfallen war – auch die Protobulgaren unter Asparuch auf die Balkanhalbinsel ein. Gemeinsam mit der verbliebenen thrakischen und römischen Bevölkerung gründeten sie das Erste Bulgarische Reich (679 bis 1018; 681 durch Byzanz anerkannt), das zeitweise fast die ganze Balkanhalbinsel umfasste. Erste Hauptstadt wurde Pliska. Damit wurde Bulgarien zum dritten anerkannten Staat in Europa und einer der wenigen, dem das Oströmische Reich tributpflichtig war. Aus der Verschmelzung der Einwanderer mit der örtlichen Bevölkerung entstand das Volk der Bulgaren. Boris I. trat 864 zum byzantinischen Christentum über. Sein Sohn Simeon I. (893–927), der bedeutendste Herrscher Bulgariens, besiegte die Serben, Ungarn und Byzantiner, errichtete das bulgarische Patriarchat und förderte die altbulgarische Literatur. Während seiner Herrschaft entstand am kaiserlichen Hof auch die kyrillische Schrift. Simeon I. war der erste Herrscher, der den Titel Zar trug, er selbst nannte sich „Zar der Bulgaren und Rhomäer“ (= Oströmer bzw. Byzantiner). Unter der Dynastie der Komitopulen wurde Ohrid bulgarische Hauptstadt; das Reich kam jedoch ab 972 bis 1018 sukzessive unter die Herrschaft von Byzanz. Seit der Regentschaft Boris I. von Bulgarien im 10. Jahrhundert wurde das Land von Konstantinopel aus christianisiert, weshalb die Mehrzahl der Bulgaren bis heute dem orthodoxen Glauben angehört. Die Christianisierung führte zur ersten kulturellen Blütezeit im Zarenreich. In Preslaw, Pliska und Ohrid entstanden Schulen, von denen aus sich die altbulgarische Sprache und Kultur auch auf die anderen slawischen Völker verbreitete. Obwohl die bulgarische Kultur stark von der byzantinischen geprägt war, spricht man von dem „Ersten Südslawischen Einfluss“ und von der altkirchenslawischen Sprache. Bulgarien war lange Zeit ein mächtiges Kaiserreich, das sich militärisch mit dem Byzantinischen Reich messen konnte. Während der Zeit des Zaren Petar I. entstand die christliche Religionsgemeinschaft der Bogomilen, die mit ihrer Literatur zu den Vorkämpfern gegen die Dogmatik der Kirche zählt und die Katharerbewegung in Westeuropa beeinflusst hat. Unter Zar Boris II. verringerte sich die Macht durch innere Streitigkeiten und 963/69 spaltete sich ein Westbulgarisches Reich ab. 971 eroberte Byzanz das ostbulgarische Restreich und die Hauptstadt wurde nacheinander nach Sredez, Skopje, Prespa, Bitola und Ohrid verlegt. Unter Zar Samuil (976–1014) wurde Ohrid Hauptstadt des Reiches. Nach der Niederlage des Heeres unter Samuil in der Schlacht von Kleidion 1014 und unter Iwan Wladislaw im Jahr 1018 wurde unter Knjaz Presian II. ganz Bulgarien durch Basileios II. von Byzanz, den sogenannten Bulgarentöter, unterworfen. Die Brüder Johann und Theodor Peter aus dem Hause Assen errichteten im 12. Jahrhundert das Zweite Bulgarische Reich mit Tarnowo (Tarnowgrad) im Balkangebirge als neuer Hauptstadt. Das zwischen 1186 und 1393 bestehende Reich erlangte unter dem Zaren Iwan Assen II. seine größte Ausdehnung. Die Hauptstadt Tarnowo wurde zum neuen kulturellen, geistlichen und politischen Zentrum Südosteuropas. Tarnowo wurde von Zeitgenossen als „neues Jerusalem, Rom und Konstantinopel zugleich“ bezeichnet.Gerhard Podskalsky: „Theologische Literatur des Mittelalters in Bulgarien und Serbien 815–1459.“ Beck, München 2000, ISBN 3-406-45024-5, S. 74. Vom Zweiten Südslawischen Einfluss spricht man, als infolge des Vordringens der Osmanen auf den Balkan viele slawische, vornehmlich bulgarische Gelehrte der Tarnower Schule (wie zum Beispiel der spätere Metropolit Kiprian) seit dem Ende des 14. Jahrhunderts in der mittlerweile erstarkten Moskauer Rus Zuflucht fanden. Osmanische Herrschaft, Aufklärung und Unabhängigkeitskampf mini|hochkant=0.7|links|Schipka-Denkmal der Gefallenen im Russisch-Türkischen Krieg mini|Wiedergeburtsarchitektur in Scherawna Zwischen 1393 und 1396 kam ganz Bulgarien unter osmanische Herrschaft, die fast 500 Jahre andauerte. 1444 scheiterte der Versuch der Befreiung Bulgariens durch ein polnisch-ungarisches Heer unter Władysław III., König von Polen und Ungarn, in der Schlacht bei Varna. Teile der bulgarischen Bevölkerung traten in den folgenden Jahrhunderten zum Islam über. Um 1700 erhob sich der geistig-nationale Widerstand mit der Forderung nach Unabhängigkeit. In Bulgarien kam es zu einer Ära der Bulgarischen Nationalen Wiedergeburt. Ähnlich wie in Westeuropa knüpfte sie an antike und frühere bulgarische und byzantinische Traditionen an, bekämpfte jedoch die Hellenisierung in der Gesellschaft und forderte die Wiederherstellung der Bulgarischen Kirche und förderte die Bildungsinstitutionen wie das Tschitalischte. mini|Massaker von Batak Die blutige Niederschlagung des April-Aufstands durch die Osmanen 1876 und die in Europa erzeugte Empörung führte zum russisch-türkischen Krieg 1877/1878. Dieser wurde mit außerordentlicher Härte und massiven Verlusten auf beiden Seiten geführt. Nach der Überquerung der Donau und des Balkangebirges mitten im Winter gewannen die russischen Truppen die Oberhand und rückten bis kurz vor Konstantinopel vor. Mit dem Frieden von San Stefano wurden die Grundlagen für den modernen bulgarischen Staat gelegt. Fürstentum und Zarentum mini|hochkant|links|Ferdinand I., erster neuzeitlicher Zar von Bulgarien Nach dem Berliner Vertrag von 1878, der ein Machtkompromiss der Großmächte war, wurden zwei bulgarische Staaten gegründet, die nominell dem Osmanischen Sultan unterstanden. Nördlich des Balkangebirges und südlich der Donau wurde das dem Osmanischen Reich tributpflichtige Fürstentum Bulgarien gegründet, das auch die Region um die neue Hauptstadt Sofia miteinschloss. Südlich des Balkangebirges wurde mit Plowdiw als Regierungssitz die osmanische Provinz Ostrumelien gegründet, die über eine eigene Verfassung und Miliz verfügte und durch einen vom osmanischen Sultan eingesetzten, jedoch von den Großmächten gebilligten christlich-bulgarischen Gouverneur regiert wurde. Makedonien, das noch im Vertrag von San Stefano Teil des bulgarischen Staates war, blieb ganz unter osmanischer Hoheit. mini|Gewinne und Verluste des Zaren­tums Bulgarien in den Balkankriegen: Am 16. April 1879 wurde die erste demokratische Verfassung in Weliko Tarnowo verabschiedet. Fürst Alexander I. (1879–1886) versuchte innere Reformen durchzusetzen, vereinigte die zwei bulgarischen Staaten und besiegte Serbien, wurde aber durch einen von Russland veranlassten Putsch gestürzt. 1887 wurde Ferdinand von Coburg-Gotha Fürst, der 1908 die völlige Loslösung vom Osmanischen Reich erklärte und den Zarentitel annahm, womit aus dem Fürstentum das Zarentum Bulgarien wurde. Die Erfolge der bulgarischen Truppen im Ersten Balkankrieg, mit der Eroberung von Adrianopel, wiederholten sich im Zweiten Balkankrieg nicht. Während die bulgarische Streitmacht an der griechischen und serbischen Front gebunden war, drangen die Rumänen bis nach Sofia vor. Die Türken eroberten Adrianopel wieder zurück. Im Ersten und Zweiten Weltkrieg kämpfte Bulgarien auf der Seite der Mittel- bzw. Achsenmächte. Das Königshaus und die Bevölkerung widersetzten sich erfolgreich der Deportation jener Juden, die in den Grenzen von 1941 lebten. In den besetzten Gebieten wurden jedoch den Deutschen 11.343 Juden ausgeliefert (siehe auch Holocaust).Raul Hilberg: „Täter, Opfer, Zuschauer. Die Vernichtung der Juden 1933–1945.“ Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt am Main 1990, ISBN 3-596-24417-X, S. 807. Sozialistische Ära – Volksrepublik Bulgarien mini|hochkant|Todor Schiwkow, langjähriger Staats- und Parteichef der Volksrepublik Bulgarien (1954 bis 1989) mini|hochkant|Wappen der Volksrepublik Bulgarien (bis 1990) Am 8. und 9. September 1944 wurde Bulgarien von der Roten Armee besetzt, obwohl sich das Land nicht an der Invasion der Sowjetunion beteiligt hatte und mit der Sowjetunion offiziell nicht im Kriegszustand befand. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs geriet Bulgarien unter sowjetischen Einfluss und wurde Mitglied des Warschauer Paktes. Während in anderen Ländern immer wieder Unmut über die sozialistische Herrschaft aufkam, gab es in Bulgarien sehr wenig organisierten und individuellen Widerstand gegen die Führung der Bulgarischen Kommunistischen Partei (BKP). Der Aufstieg der BKP resultierte aus dem Einmarsch der Sowjetunion im September 1944. Unter sowjetischer Kontrolle wurde der früheren politischen Elite zwischen Dezember 1944 und Februar 1945 der „Prozess gemacht“, so dass insgesamt mehr als 2700 Menschen zum Tode verurteilt wurden und eine unbestimmte Zahl in Lager gesteckt oder umgesiedelt wurde oder einfach verschwand. Am 1. Februar 1945 begann man mit der Vollstreckung der Todesurteile. In dieser Zeit wuchs auch die Mitgliederzahl der BKP auf über 250.000 an. Zentrale Ziele waren in dieser Zeit die Entwicklung einer kommunistischen Gesellschaft, „die sich durch Klassenlosigkeit, Gerechtigkeit, Gleichheit, Humanität in den sozialen Beziehungen, Streben nach Höherem, Wohlstand und Modernität auszeichnen würde“.Brunnbauer: 16 f. Dies war eine große Herausforderung, da sich Bulgariens Gesellschaft überwiegend aus kleinbäuerlichen Strukturen zusammensetzte und nur wenig industriell geprägt war. Das Frauenwahlrecht wurde in der Volksrepublik Bulgarien Gesetz. Bereits am 18. Januar 1937 war zwar ein Gesetz beschlossen worden, das Frauen auf lokaler Ebene ein Wahlrecht gab. Doch Frauen und Männer wurden nicht gleich behandelt: Frauen durften wählen, wenn sie legal verheiratet und Mütter waren, und während für Männer Wahlpflicht herrschte, war das Wählen für Frauen freiwillig. 1937 erhielten verheiratete, verwitwete und geschiedene Frauen das Recht, Abgeordnete in die Nationalversammlung zu wählen. Damit war das Frauenwahlrecht vom Status der Frau gegenüber einem Mann abhängig.Krassimira Daskalova: Women’s Suffrage in Bulgaria. In: Blanca Rodríguez-Ruiz, Ruth Rubio-Marín: The Struggle for Female Suffrage in Europe. Voting to Become Citizens. Koninklijke Brill NV, Leiden und Boston 2012, ISBN 978-90-04-22425-4, S. 321–337, S. 329–330. Die Frauen konnten dieses Wahlrecht im folgenden Jahr ausüben.June Hannam, Mitzi Auchterlonie, Katherine Holden: International Encyclopedia of Women’s Suffrage. ABC-Clio, Santa Barbara, Denver, Oxford 2000, ISBN 1-57607-064-6, S. 45. Die Einführung des unbeschränkten aktiven und passiven Frauenwahlrechts erfolgte am 16. Oktober 1944.Mart Martin: The Almanac of Women and Minorities in World Politics. Westview Press Boulder, Colorado, 2000, S. 52. Das allgemeine Wahlrecht für Männer war bereits 1879 eingeführt worden.Blanca Rodríguez-Ruiz, Ruth Rubio-Marín: Introduction: Transition to Modernity, the Conquest of Female Suffrage and Women’s Citizenship. In: Blanca Rodríguez-Ruiz, Ruth Rubio-Marín: The Struggle for Female Suffrage in Europe. Voting to Become Citizens. Koninklijke Brill NV, Leiden und Boston 2012, ISBN 978-90-04-22425-4, S. 1–46, hier S. 46. Nach dem Einmarsch der Roten Armee in Bulgarien im September 1944 war Kimon Georgiew einer der Anführer des Staatsstreichs der Vaterländischen Front, die am 9. September 1944 zum Sturz der Übergangsregierung von Konstantin Wladow Murawiew führte. Als dessen Nachfolger wurde Kimon Georgiew zum zweiten Mal, nach einer kurzen Amtszeit von 1934 bis 1935, am 9. September 1944 Ministerpräsident und unterzeichnete in Moskau das Waffenstillstandsabkommen. Wassil Kolarow wurde am 15. September 1944 zum provisorischen Präsidenten der neu gegründeten Volksrepublik Bulgarien ernannt, wobei er dieses Amt nur kurzzeitig bis zum 23. November 1946 innehatte, da an diesem Tag Georgi Dimitrow als neues, gewähltes Staatsoberhaupt ins Amt eingesetzt wurde. Wassil Kolarow war noch ein zweites Mal Staatsoberhaupt Bulgariens, nämlich nachdem Dimitrow am 2. Juli 1949 verstorben war. Kolarow war jedoch ebenfalls von einer schweren Krankheit gezeichnet, so dass er seine Ämter nicht mehr ausüben konnte und sein zukünftiger Nachfolger ihn vertrat. Am 23. Januar 1950 starb er in Sofia. Nach 22 Jahren Exil kam Georgi Dimitrow im November 1945 zurück nach Bulgarien und wurde am 23. November 1946 neuer Ministerpräsident, nachdem am 8. September eine Volksabstimmung die Abschaffung der Monarchie besiegelt hatte. Unter seiner Regierung festigte sich die Macht der Kommunistischen Partei, er ließ u. a. den Oppositionspolitiker Nikola Petkow unter dem Vorwurf des Hochverrats hinrichten und unterzeichnete die neue Verfassung der Republik Bulgarien, die sich eng an der der UdSSR orientierte und in Paragraph 12 die Planwirtschaft als Wirtschaftsrichtung vorgegeben hatte. Seit 1947 näherte sich Dimitrow dem jugoslawischen Staatschef Josip Broz Tito an und schloss einen Freundschaftsvertrag zwischen beiden Ländern. Ziel war eine Föderation zwischen beiden Ländern, zu der Dimitrow 1948 auch Rumänien öffentlich einlud. Diese Pläne waren nicht mit Moskau abgesprochen und stießen daher auf die scharfe Kritik Stalins, der Tito und Dimitrow für den 10. Februar 1948 nach Moskau beorderte. Georgi Dimitrow starb am 2. Juli 1949 im Sanatorium Barwicha (Барвиха) bei Moskau. Sein Leichnam wurde einbalsamiert und in einem eigens errichteten Mausoleum in Sofia beigesetzt. Walko Tscherwenkow übernahm im Jahre 1949 als Stellvertreter Kolarows die Regierungsgeschäfte. Nachdem er am 3. Februar 1950 zum Vorsitzenden des Ministerrates gewählt worden war, war er auch offiziell das Staatsoberhaupt Bulgariens. Walko Tscherwenkow war ein großer Anhänger Stalins und übernahm seinen Regierungsstil, was ihm nach dessen Tod am 5. März 1953 scharfe Kritik einbrachte, so dass er als Generalsekretär der KP durch Todor Schiwkow abgelöst wurde. Am 17. April 1956 wurde er auch gezwungen, als Ministerpräsident zurückzutreten und dieses Amt an seinen Stellvertreter Anton Jugow abzugeben. In dieser Zeit wurde Bulgarien am 14. Dezember 1955 in den Vereinten Nationen aufgenommen. Nach Tscherwenkows erzwungenem Rücktritt forcierte Jugow als neuer Präsident des Ministerrats, zu dem er am 17. April 1956 ernannt wurde, die Entstalinisierung Bulgariens. Große Unterstützung hierbei erhielt er von seinem späteren Nachfolger Todor Schiwkow. Auf dem achten Parteikongress im November 1962 wurde ihm im Zusammenhang mit Tscherwenkow parteischädigendes Verhalten vorgeworfen, so dass er am 27. November aller Partei- und Regierungsämter enthoben wurde. Auf dem letzten Parteitag der KPB im Jahre 1990 wurde Jugow rehabilitiert. Heute nimmt man an, dass Jugow aufgrund seiner Kritik zu Schiwkows Wirtschaftspolitik seine Ämter verlor. Der wohl prägendste Politiker in Bulgariens sozialistischer Phase war Todor Schiwkow, der am 20. November 1962 nach dem achten Parteikongress das Amt des Ministerpräsidenten übernahm. Bis dahin war er der Vorsitzende des Zentralkomitees (ZK) der KP und somit bereits mächtigster Mann im Staat. Bereits auf dem siebten Parteikongress im Juni 1958 der BKP forderte Schiwkow „vermehrte Anstrengungen zur Schaffung des Neuen Menschen und zur Anpassung der Lebensweise an die bereits in einem sozialistischen Sinne umgestaltete Gesellschaft“.Brunnbauer: S. 295. Aufgabe der Partei war es somit, Methoden zu entwickeln, wie die Bürger außerhalb der Arbeit nach dem sozialistischen Muster geformt werden konnten. Schiwkow wies auch auf die Notwendigkeit einer „sozialistischen Kulturrevolution“ hin. Zweimal (1963 und 1973) wurde während der Regierungszeit Schiwkows in geheimen Treffen des ZK vergeblich die Auflösung der Volksrepublik Bulgarien als souveräner Staat und die Eingliederung als 16. SSR in die Sowjetunion beraten. Der politische Umbruch Während in anderen Ländern immer wieder Unmut über die sozialistische Herrschaft aufkam, gab es in Bulgarien bis Anfang der 1980er sehr wenig organisierten und individuellen Widerstand gegen die Führung der Kommunistischen Partei. In den letzten Jahren des realsozialistischen Regimes musste vor allem die muslimische Bevölkerung leiden. So erwirkte das Regime die Vertreibung von bis zu 370.000 Menschen in Richtung Türkei. Durch verstärkten innerparteilichen Druck (der somit nicht wie beispielsweise in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) durch bürgerliche Gegenbewegungen entstand) trat Todor Schiwkow am 10. November 1989, also einen Tag nach der Berliner Maueröffnung, zurück. Parteiintern hatte es zuvor einige Konflikte gegeben, da der bereits 1988 eingeleitete Reformkurs nicht schnell genug vorangetrieben wurde. Ziel der Parteielite war es, „die Macht weiter in den Händen einer reformierten BKP zu sichern und allenfalls eine Modifikation des Systems, nicht aber einen generellen Systemwechsel einzuleiten. Überstürzt wurden alte Weggefährten Schiwkows aus der Parteiführung entlassen und seine über dreißigjährige Amtszeit einer harschen Kritik unterzogen“.Brahm/Deimel: S. 197 f. Als eine der ersten Maßnahmen wurde am 17. November 1989 Petar Mladenow zum neuen Vorsitzenden des Staatsrates benannt und einen Monat später, am 18. Dezember, Todor Schiwkow aus der Partei ausgeschlossen. Ebenso benannte man die BKP in Bulgarische Sozialistische Partei (BSP) um. Am 18. November 1989 fanden in Sofia und anderen großen Städten des Landes die ersten Demonstrationen statt, nachdem bekannt geworden war, dass die BKP keine grundlegenden Änderungen des politischen Systems verfolge. Diese Demonstrationen waren von informellen Organisationen wie der Gewerkschaft Podkrepa, der Unabhängigen Gesellschaft zum Schutz der Menschenrechte und der ökologischen Bewegung Ekoglasnost organisiert. Am 7. Dezember vereinigten sich mehrere Organisationen und gründeten die demokratische Oppositionsbewegung Union der Demokratischen Kräfte SDS (), die von diesem Zeitpunkt an die Demonstrationen anführte. Nach der Wende mini|Logo der Union der Demokratischen Kräfte Das Ende der realsozialistischen Ära wurde 1990 durch freie Wahlen eingeleitet. In den folgenden Jahren wurden politische und wirtschaftliche Reformen vorangetrieben. Die größte demokratische Oppositionsbewegung war die 1990 gegründete Union Demokratischer Kräfte SDS, die den friedlichen Sturz des realsozialistischen Bulgariens herbeiführte. Bis 1997 regierten jedoch die ehemaligen Kommunisten (BSP) in mehreren Legislaturperioden mittels Koalitionen. Die EU-Integration wurde wesentlich von einer bis Juli 2001 konservativ geführten SDS-Regierung unter Iwan Kostow beschleunigt. Sie kooperierte umfänglich mit internationalen Institutionen, senkte die Inflation, stabilisierte die Wirtschaftslage und stellte Weichen für den NATO-Beitritt (2004, zusammen mit sechs anderen mitteleuropäischen Staaten) und für den EU-Beitritt zum 1. Januar 2007. Präsident zu dieser Zeit war der Demokrat Petar Stojanow von Januar 1997 bis Januar 2002. Die Parlamentswahl am 17. Juni 2001 gewann überraschend mit 42,7 % der Stimmen die erst kurz zuvor gegründete Nationale Bewegung Simeon II., NDSW um den ehemaligen bulgarischen Zaren Simeon II. von Sachsen-Coburg und Gotha, der nach 55 Jahren aus dem spanischen Exil zurückgekehrt war. Wegen des stark betonten republikanischen Prinzips in der Verfassung slawisierte er seinen Namen zu Simeon Sakskoburggotski und legte monarchische Namenszusätze ab, nachdem die Wahlbehörde die Rechtsauffassung geäußert hatte, er sei als früherer König nicht wählbar. Wesentlichen Anteil an dem Erfolg hatte das Versprechen, innerhalb von 800 Tagen eine deutliche Verbesserung des Lebensstandards herbeizuführen. Dazu schlug er eine Erhöhung des Lohnniveaus und Steuersenkungen vor. mini|hochkant=1|Die bulgarische Nationalgarde auf den Champs Elysées in Paris Im Wesentlichen behielt jedoch die amtierende Regierung den konservativen Kurs ihrer Vorgängerin bei, insbesondere die Politik der EU-Integration. 2003/04 amtierte Bulgarien als Mitglied des UNO-Sicherheitsrates und schloss sich mit Chile und Spanien demonstrativ der von den USA geführten Anti-Irak-Fraktion an, die einen gewaltsamen Regierungswechsel im Irak unterstützte. Die tendenziell US-freundliche Außenpolitik Bulgariens und der Dissens mit den reservierten Ländern Deutschland (Kabinett Schröder II) und Frankreich (Staatspräsident war Jacques Chirac) führten unter anderem dazu, dass auf Betreiben des Außenministers Solomon Pasi die deutschen Anti-ABC-Einheiten umgehend durch bulgarische und polnische Truppen ersetzt wurden. Ähnlich den USA hatte auch Bulgarien vor dem Zweiten Golfkrieg den Irak umfangreich mit konventionellen Waffen beliefert. Bulgarien und sechs weitere Staaten traten am 29. März 2004 der NATO bei (NATO-Osterweiterung). In der Wirtschaft kam es nach Simeons Reformen zu einem weiter anhaltenden Aufschwung, von dem allerdings eher in- und ausländische Investoren und städtische Oberschichten als Durchschnittsbürger profitierten. In vielen ländlichen Gebieten herrschten hohe Arbeitslosigkeit (im Landesdurchschnitt etwa 12 % für das 1. Quartal 2012Die Arbeitslosigkeit im 1. Quartal 2012 betrug 12,9 % (). Dnevnik, abgerufen am 4. Mai 2012.) und Korruption. Die traditionelle Landwirtschaft erwirtschaftete mit 26 % der Beschäftigten 13 % des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Zum 1. Januar 2007 wurden Bulgarien und Rumänien in die Europäische Union aufgenommen. Der vollständige Beitritt zum Schengen-Raum erfolgte zum 1. Januar 2025, gemeinsam mit Rumänien. Ein Beitrittstermin im Jahre 2011 konnte wegen unerfüllter Kriterien (Korruptionsbekämpfung etc.) nicht realisiert werden. Angesichts der Flüchtlingskrise in Europa seit 2015 verzögerte sich ein Beitritt weiter. Ende März 2024 war Bulgarien gemeinsam mit Rumänien, beschränkt auf den Flug- und Schiffsverkehr, in den Schengen-Raum aufgenommen werden. mini|Proteste in Bulgarien 2020 Der von 2005 bis 2009 von den Sozialisten unter Sergei Stanischew angeführten Drei-Parteien-Koalition (BSP, NDSW, DPS) wurde nach dem Stopp der EU-Finanzhilfen ein Scheitern der EU-Politik sowie Korruption, eine unzureichende Bekämpfung der Mafia und das Fehlen einer angemessenen Jugendpolitik vorgeworfen., 29. Januar 2009. Anfang 2009 schenkten ihr nur noch 15 % der Bulgaren Vertrauen, 76 % äußerten Misstrauen.Предстоят "особени" избори, mediapool.bg, 27. Januar 2009. Die regierenden Parteien verloren die Europawahl 2009 und die Parlamentswahl am 5. Juli 2009; die vormals mitregierende NDSW erhielt nur 3 % der Stimmen (nach 16,9 % 2005) und keinen Sitz im Parlament. Beide Wahlen wurden von der GERB-Partei des ehemaligen Bürgermeisters von Sofia, Bojko Borissow, gewonnen. Die Regierung Borissow war eine Minderheitsregierung der GERB-Partei, die zunächst von konservativen Kräften der Blauen Koalition unterstützt wurde. Anfangs unterstützten auch die Parteien Ordnung, Sicherheit und Gerechtigkeit sowie die nationalistische Ataka die Regierung, entzogen ihr aber 2010 diese Unterstützung. Bei den Präsidentschaftswahlen im Oktober 2011 gewann der Kandidat der Regierungspartei Rossen Plewneliew die Stichwahl am 30. Oktober 2011 gegen den ehemaligen Außenminister Iwajlo Kalfin mit 52,6 % der Stimmen. Plewneliew trat sein Amt am 22. Januar 2012 an und löste damit Georgi Parwanow ab. Bei der Präsidentschaftswahl 2016 gewann der parteipolitisch unabhängige General Rumen Radew. Nach den Parlamentswahlen im April 2021 und im Juli 2021 konnte keine Partei oder Koalition eine Mehrheit der Stimmen im Parlament hinter sich bringen, weshalb unter Stefan Janew zwei Interimsregierungen (Janew I, Janew II) nacheinander gebildet wurden. Die Regierung Janew II bereitete die Neuwahl des Parlaments und die gleichzeitig im November stattfindende Präsidentschaftswahl vor. Mit der Bestätigung Rumen Radews im Präsidialamt in der Stichwahl am 21. November und der Vereidigung der Regierung unter Kiril Petkow am 13. Dezember 2021 endete das Superwahljahr. 2021 war auch geprägt durch die COVID-19-Pandemie und durch gestiegene Energiepreise, die vor und nach dem Beginn des russischen Überfalls stiegen. Wie in anderen europäischen Ländern traf die Energiekrise die einkommensschwachen Menschen in Bulgarien besonders stark, wozu das neugewählte Parlament bereits im Dezember eine Strompreisbremse und Energiehilfen für diese Bevölkerungsschichten verabschiedete. Dennoch konnte Bulgarien das Jahr 2021 mit 3 % Staatsdefizit und 17 % mehr Einnahmen zum Vorjahr beenden. Im Januar 2026 trat Präsident Radew ein Jahr vor dem regulären Ende seiner Amtszeit von seinem Amt zurück; das Präsidentschaftsamt übernahm die bisherige Vizepräsidentin Ilijana Jotowa (und damit erstmals eine Frau). Politik mini|Das politische und juristische System BulgariensBulgarien ist eine parlamentarische Republik mit einem Präsidenten als Staatsoberhaupt, der weitestgehend repräsentative Funktion hat. Das politische System ist geprägt von zahlreichen Wahlen und Regierungswechseln. Allein im Jahr 2021 fanden drei Parlamentswahlen statt, da es den Parteien nicht gelungen war, eine Koalition zu schmieden. Parlament mini|Gebäude der Nationalversammlung in Sofia Das Parlament Bulgariens ist die Nationalversammlung (Narodno Sabranie) mit 240 Abgeordneten. Die Wahlen erfolgen nach dem Verhältniswahlrecht. Es gibt eine Vier-Prozent-Hürde. Viele Jahre lang war die konservative GERB die dominierende Partei. Ihr Parteichef Bojko Borissow war lange Zeit Ministerpräsident (mit Unterbrechungen von Juli 2009 bis Mai 2021).Juli 2009 bis März 2013, November 2014 bis 27. Januar 2017 und Mai 2017 bis Mai 2021 Bei der Wahl im November 2021 (der dritten im Jahr 2021) erhielt die GERB jedoch ihr schlechtestes Ergebnis seit ihrer Gründung 2006. Auch die Bulgarische Sozialistische Partei erhielt ihr schlechtestes Ergebnis seit der Demokratisierung des Landes 1990. Die neu gegründete pro-westliche Antikorruptionspartei Wir setzen den Wandel fort (PP) von Kiril Petkow gewann die Wahl im November 2021 mit 25,7 %. Sie bildete eine Vier-Parteien-Koalition mit der Partei Es gibt ein solches Volk (ITN), den Sozialisten und dem Wahlbündnis Demokratisches Bulgarien (DB). Die Wahlbeteiligung lag bei nur 37 %. Das Parteiensystem ist geprägt von zwei wesentlichen sozialpolitische Konfliktlinien: Zum einen dem Konflikt zwischen konservativen und liberalen Parteien, zum anderen zwischen pro-russischen und pro-westlichen Parteien. Ein dritter Konflikt änderte sich nach den Balkankriegen 1912/13 und dem Ersten Weltkrieg von Stadt gegen Land zu einem Konflikt Kapital gegen Arbeit, der ebenfalls bis heute besteht. Es gab und gibt in Bulgarien keinen Konflikt Kirche gegen Staat. Die Bulgarisch-Orthodoxe Kirche hatte eine bedeutende Rolle bei der Gründung des heutigen Bulgarien und eine hohe Legitimität. Präsident mini|Unabhängigkeitsplatz in Sofia mit Regierungspalais (links), ehem. BKP-Zentrale (mittig) und Präsidentenpalais (rechts) Seit dem 23. Januar 2026 ist Ilijana Jotowa Präsidentin Bulgariens. Politische Indizes + Von Nichtregierungsorganisationen herausgegebene politische Indizes Name des IndexIndexwertWeltweiter RangInterpretationshilfeJahrFragile States Index49,4 von 120133 von 179Stabilität des Landes: stabiler0 = sehr nachhaltig / 120 = sehr alarmierendRang: 1 = fragilstes Land / 179 = stabilstes Land2024Demokratieindex6,34 von 1061 von 167Unvollständige Demokratie0 = autoritäres Regime / 10 = vollständige Demokratie2024Freedom in the World Index77 von 100—Freiheitsstatus: frei0 = unfrei / 100 = frei2024Rangliste der Pressefreiheit60,8 von 10070 von 180Erkennbare Probleme für die Pressefreiheit100 = gute Lage / 0 = sehr ernste Lage2025Korruptionswahrnehmungsindex (CPI)43 von 10076 von 1800 = sehr korrupt / 100 = sehr sauber2024 In EU-Vergleichen steht Bulgarien meist auf den hinteren Rängen. Gründe dafür sind zum Beispiel ein hohes Maß an Korruption und eine eingeschränkte Pressefreiheit. Kritische Journalisten berichten von Schmutzkampagnen, Ermittlungsverfahren, tätlichen Übergriffen und der Gefahr, wegen ihrer Berichterstattung ermordet zu werden. Investigative Journalisten lebten 2019 gefährlicher als Soldaten in Afghanistan. Die meisten Medien sind in der Hand führender Politiker oder von Oligarchen, die enge Beziehungen zur Politik pflegen und die öffentliche Meinung in ihrem Sinne zu beeinflussen suchen – allen voran Deljan Peewski (* 1980), der neben zahlreichen TV- und Radiosendern 40 % aller Zeitungen besitzt. Desinformation, Zensur und Selbstzensur sind daher weit verbreitet. Die Süddeutsche Zeitung nannte 2020 die Lage der Medienfreiheit „katastrophal schlecht“. Außenpolitik Bulgarien ist seit dem 1. Januar 2007 Mitglied der Europäischen Union und seit 2004 Mitglied der NATO. Weiters ist Bulgarien unter anderem Mitglied der Welthandelsorganisation (WTO), des Kooperationsrates für Südosteuropa (SEECP) und der Schwarzmeer-Wirtschaftskooperation (BSEC). Im Dezember 2010 ergab eine Untersuchung, dass fast die Hälfte der bulgarischen Botschafter und Konsuln nach der Wende Angehörige der berüchtigten Staatssicherheit (DS) waren. Darunter waren damals 13 bulgarische Botschafter in EU-Ländern wie Deutschland, Großbritannien und Spanien tätig. Der damalige bulgarische Präsident Georgi Parwanow, ebenfalls ein ehemaliger Mitarbeiter der DS, verweigerte die Forderungen des bulgarischen Ministerpräsidenten Borissow und des Außenministers Mladenow, diese zurückzuberufen.Vgl.: Viele bulgarische Botschafter sind Ex-Geheimdienstler; Bulgarian PM Pledges to Fire Discredited Ambassadors; ; Bulgarischer Premier will frühere Stasi-Mitarbeiter aus Außenamt feuern, RIA Novosti, 16. Dezember 2010. Die Ernennung der bulgarischen Botschafter fällt in die alleinige Kompetenz des jeweiligen Präsidenten und 97 von 127 der von ihm ernannten Botschafter waren Mitarbeiter der Staatssicherheit. Militär Die bulgarischen Streitkräfte () gliedern sich in Heer, Marine und Luftwaffe und zählen insgesamt circa 25.000 Soldaten.„Defence Expenditure of NATO Countries (2013–2019)“, Press Release Communique PR/CP(2019)123, NATO Public Diplomacy Division, 29. November 2019 (PDF; 0,5 MB) Die bulgarischen Streitkräfte sind eine Berufsarmee, die Wehrpflicht wurde 2008 abgeschafft. Oberbefehlshaber der Armee ist der bulgarische Präsident. Bulgarien war Mitglied des Warschauer Pakts und hatte Ende der 1980er Jahre 167.000 Mann unter Waffen. Die militärischen Strukturen dieses Bündnisses wurden am 31. März 1991 aufgelöst. Seit 2004 ist Bulgarien NATO-Mitglied. Die Armee war bzw. ist an internationalen Einsätzen in Kambodscha, Angola, Tadschikistan, Kroatien, Bosnien und Herzegowina, Eritrea, Afghanistan und auch im Irak beteiligt. Justiz In Bulgarien gibt es die folgenden Gerichte: das Verfassungsgericht ()Art. 147 der Verfassung von Bulgarien das Oberste Kassationsgericht () 5 Appellationsgerichte () und ein Appellationsgericht für organisierte Kriminalität () 28 Bezirksgerichte () und ein Strafgericht für organisierte Kriminalität () 113 Kreisgerichte () ein Militärappellationsgericht () 3 Militärgerichte () das Oberste Verwaltungsgericht () 28 Verwaltungsgerichte ().vgl. Art. 119 der Verfassung von Bulgarien; europa.eu: Gerichtsorganisation der Mitgliedstaaten – Bulgarien Homosexualität Homosexuelle Handlungen wurden 1962 in Bulgarien legalisiert. Durch die Gleichbehandlungsrahmenrichtlinie der EU werden Lesben und Schwule vor Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt geschützt, gleichgeschlechtliche Partnerschaften werden staatlich jedoch nicht anerkannt. Politische Gliederung mini|hochkant=2.2|Die 266 Gemeinden Bulgariens Nach Artikel 2 der bulgarischen Verfassung von 1991 gilt Bulgarien als „Einheitsstaat mit örtlicher Selbstverwaltung“, in dem keine autonomen Gebiete zugelassen sind. Der Verfassungsartikel 135 wiederum legt den staatlichen Aufbau in Gemeinden und Gebiete fest. Die grundlegende administrativ-territoriale Einheit ist die Gemeinde (), in welcher die Organe der örtlichen Selbstverwaltung die kommunalen Interessen vertreten und politisch gestalten. Die Bürger können sich an der Verwaltung der Gemeinde unmittelbar durch ein Referendum oder eine Vollversammlung der Einwohner beteiligen. Die Wahlen zu den Organen der örtlichen Selbstverwaltung (Gemeinderäten, ) finden alle vier Jahre statt, wobei der Bürgermeister () als Organ der Exekutive der Gemeinde direkt gewählt wird. Die Gemeinde hat ein Recht auf eigenes Eigentum und einen selbstständigen Haushalt; darüber hinaus hat sie den Anspruch auf finanzielle Unterstützung durch den Staat. Im Gegensatz zu den Gemeinden wird die zweite territoriale Einheit, das Gebiet oder der Bezirk (), administrativ nicht durch gewählte Organe vertreten. Die Oblast ist vielmehr eine administrativ-territoriale Einheit, die ein vom Ministerrat ernannter Bezirksverwalter () im Interesse der staatlichen Zentralverwaltung kontrolliert. Der Verwalter soll laut Art. 143 der Verfassung die Durchführung der staatlichen Politik sichern und ist für den Schutz nationaler Interessen, der Gesetzlichkeit und der öffentlichen Ordnung verantwortlich. Es bestehen 28 Gebiete, die in insgesamt 266 Gemeinden aufgeteilt sind. Wirtschaft Wirtschaftsgeschichte Bulgarien gehört zu den Ländern, die als Agrarstaat in den Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW) eingetreten sind und ihre Industrialisierung diesem im Wesentlichen zu verdanken haben. Das bedeutete die Steigerung der energie- und rohstoffintensiven Schwerindustrie, von denen einige Bereiche (Pharmazeutika, Maschinenbau, Elektronik) durchaus erfolgreich in den ehemaligen Märkten agierten. Die Computermarken Prawez, Izot, IMKO und ES EVM produzierten zeitweise bis zu 40 % aller im RGW getauschten Desktopcomputer. Nach dem Wegfall des Marktes der Sowjetunion, zu dem die meisten Beziehungen bestanden, geriet die Wirtschaft in eine schwere Krise, aus der sie sich erst seit 2004 erholt hat. Die einstmals gut entwickelte Industrie für Computerhardware verschwand vollständig. In den Jahren 1989 bis 1995 gingen die Realeinkommen und der Lebensstandard zurück. Das Sozialsystem, insbesondere das System der Kranken- und Rentenversicherungen, brach weitgehend zusammen. Die sozialistische Regierung unter Schan Widenow schaffte hier keine Abhilfe, sondern bediente die Interessen der ehemaligen Nomenklatura. Im Frühjahr 1996 kam es infolge der hohen Staatsverschuldung zu einer schweren Wirtschaftskrise. Banken brachen praktisch über Nacht zusammen; der Staat geriet in Zahlungsschwierigkeiten gegenüber seinen ausländischen Kreditgebern. In der Hoffnung auf Unterstützung von Weltbank und IWF verabschiedete die sozialistische Regierung ein Strukturprogramm. 134 marode Staatsbetriebe sollten geschlossen werden, durch Steuervergünstigungen versuchte man vor allem ausländische Investoren anzulocken. Doch die Privatisierung ging dem IWF zu langsam und er forderte als Bedingung für weitere Kredite die Einführung eines Währungsrates sowie die Bindung des bulgarischen Lew an die D-Mark im Verhältnis 1:1. Seit der Einführung des Euros ist der bulgarische Lew an ihn im Verhältnis 1:1,95583 gekoppelt. Inzwischen haben einige internationale Unternehmen Standorte in Bulgarien. So befindet sich eines der globalen Service-Center von Hewlett-Packard, das für Europa, den Mittleren Osten und Afrika zuständig ist, in Sofia.HP: „Eines dieser globalen Service-Center wurde Anfang dieses Jahres in der bulgarischen Hauptstadt Sofia eröffnet, um Kunden in Europa, dem Mittleren Osten und Afrika beim Infrastruktur-Management über Remote-Zugriff zu unterstützen.“ Der chinesische Automobilhersteller Great Wall Motor eröffnete im Februar 2012 ein Werk nahe Lowetsch. Die Handelsunternehmen METRO, HIT, Lidl, Kaufland, dm sowie die Rewe Group mit der Marke Billa sind in Bulgarien präsent. Aktuelle Entwicklung Die Wirtschaft Bulgariens ist vor allem im Süden des Landes konzentriert. Die am stärksten entwickelten Regionen sind Sofia, Burgas, Stara Zagora sowie in Nordostbulgarien Varna. Die Region Nordwestbulgarien ist die am wenigsten wirtschaftlich entwickelte Region Bulgariens (Stand 2008). (PDF; 374 kB), eurostat, Pressemitteilung 28/2011 von 24. Februar 2011. Bulgarien selbst hatte 2009 eine der höchsten Armutsquoten (21,8 %) aller Mitgliedstaaten der Europäischen Union. Nach Angaben von Eurostat besteht in Bulgarien auch das höchste Armutsrisiko für Menschen mit körperlichen Einschränkungen innerhalb der EU.Being at-risk-of-poverty or social exclusion (AROPE): higher prevalence among the population with activity limitation auf ec.europa.eu (englisch), abgerufen am 7. Januar 2022 Die Arbeitslosenquote sank bis Juni 2018 auf 4,8 % und lag damit unter dem EU-Durchschnitt. Im Jahr 2017 betrug die Jugendarbeitslosigkeit 14,4 %. 2016 arbeiteten 6,8 % aller Arbeitskräfte in der Landwirtschaft, 26,6 % in der Industrie und 66,6 % im Dienstleistungssektor. Die Gesamtzahl der Beschäftigten wurde 2017 auf 3,6 Millionen geschätzt; davon waren 46,4 % Frauen. Die Löhne waren die niedrigsten in der EU. Im Global Competitiveness Index, der die Wettbewerbsfähigkeit eines Landes misst, belegte Bulgarien Platz 49 von 137 Ländern (Stand 2017–2018). Der Index für wirtschaftliche Freiheit 2024 des Landes war der 31. höchste von 176 Ländern. Die wichtigsten Wirtschaftszweige sind: Chemische Industrie, Nahrungsmittel und Nahrungsmittelverarbeitung, Tabakindustrie, Metallindustrie, Maschinenbau, Textilindustrie, Glas- und Porzellanindustrie, Kohleförderung, Stahlproduktion, Energiewirtschaft, Tourismus. + Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts (BIP) und anderer KennzahlenJahr 2010 2015 2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022 2023 2024BIP in Mrd. USD(Kaufkraftparität) 120,4 139,6 145,2 151,8 161,4 177,4 179,3 203,2 226,4 239,2 252,0BIP pro Kopf in USD(Kaufkraftparität) 16.044 19.512 20.442 21.537 23.060 25.524 25.929 29.706 35.112 37.111 39.151BIP-Wachstum(real) 1,6 % 3,4 % 3,0 % 2,7 % 2,5 % 3,8 % −3,2 % 7,8 % 4,0 % 1,9 % 2,8 %Inflation(in Prozent) 3,0 % −1,1 % −1,3 % 1,2 % 2,6 % 2,5 % 1,2 % 2,8 % 13,0 % 8,6 % 2,6 %Staatsverschuldung(in Prozent des BIP) 14 % 25 % 27 % 23 % 20 % 18 % 23 % 24 % 22 % 23 % 24 % Import und Export Die wichtigsten Aus- und Einfuhrgüter Bulgariens sind:Bulgarien als Handels- und Investitionspartner, auswaertiges-amt.de, abgerufen am 25. März 2011. Ausfuhr: chemische Produkte, Elektrizität, Konsumartikel, Maschinen und Ausrüstungen, Nahrungs- und Genussmittel, Rohmetall- und Stahlprodukte, Textilprodukte. Einfuhr: chemische Erzeugnisse, Konsumgüter, Maschinen und Ausrüstungen, mineralische Produkte und Brennstoffe (insbesondere Rohöl und Gas aus Russland), Rohstoffe. + Haupthandelspartner (2020) Ausfuhr (in %) nach Einfuhr (in %) von 16,0 12,0 9,1 7,3 6,9 7,1 6,6 7,1 6,4 6,1 3,8 5,1 3,5 4,9 sonstige Staaten 47,7 sonstige Staaten 50,3Quelle: GTAI PDF Energiewirtschaft Die Energieabhängigkeit Bulgariens ist etwas niedriger als der Durchschnitt für die EU. Das Land bezog im Jahr 2008 52,3 % seiner Energie aus dem Ausland. Damit lag das Land unter dem europäischen Durchschnitt von 54,8 %.Energieabhängigkeit, EUROSTAT, 25. März 2011 In Bulgarien gibt es zwei aktive Kernreaktoren, die etwa ein Drittel des bulgarischen Strombedarfs decken. mini|Nabucco-Pipeline Aufgrund seiner strategischen Lage sowie des einheimischen Bedarfs plante Bulgarien mehrere Strategieprojekte, die für die nationale, regionale und europäische Versorgungssicherheit wichtig sein sollten. Die Projekte umfassten die Erdgasleitungen Nabucco und South Stream und die Burgas-Alexandroupolis-Ölpipeline. Die Erdgasleitungen Nabucco und South Stream wurden jedoch nicht realisiert. Stattdessen wurde 2019/2020 die Transadriatische Pipeline durch Griechenland, Albanien und das Adriatische Meer nach Süditalien gebaut mit einem Anschluss an Bulgarien. Auch die Burgas-Alexandroupolis-Ölpipeline wurde nicht gebaut. Es gab Bürgerbegehren gegen dieses Projekt und Proteste von Umweltschützern. Mitte Dezember 2011 erklärte die Regierung Bulgariens den Ausstieg aus dem Projekt. Erdgas Die einzigen Unternehmen, die Erdgas in Bulgarien fördern, sind „Melrose Ressourcen Sarl“Bulgaria Operations (englisch) der Melrose Ressourcen, abgerufen am 26. März 2011. und „Exploration und Gewinnung von Öl und Gas AG“. Sie förderten 2009 zusammen rund 9 % des Erdgasverbrauchs. Vor der Küste entdeckte der österreichische OMV-Konzern ein Erdgasfeld; 2012 begannen im Gebiet von Warna Probebohrungen. Der übrige Erdgasbedarf wird großteils über die Druschba-Trasse aus Russland importiert. Zur Verringerung der Abhängigkeit vom russischen Erdgas fördert die EU den Bau sogenannter Interkonnektoren mit den Nachbarländern.EU backs Bulgaria-Serbia gas interconnector with €25m loan (31. Mai 2021. Zitat: The project includes the construction of around 108 kilometres of a bi-directional gas pipeline between Niš (Serbien) and Dimitrovgrad (Serbien) as well as from Dimitrovgrad to the border with Bulgaria.) Durch den Anschluss an die Transadriatische Pipeline kann Bulgarien seit 2020 bis zu einem Drittel seines Bedarfs an Erdgas aus dieser Pipeline decken. Weitere Verbindungen mit Serbien und Rumänien sind im Bau. Der größte Erdgasnetzbetreiber ist die Aktiengesellschaft Bulgargaz EAD, die sich zu 100 % im Staatseigentum befindet. Zur Holding gehören außerdem der Gasanbieter Bulgargaz EAD und der kombinierte Lieferant Bulgartransgaz EAD, die für die Versorgung des Landes mit Erdgas sowie für Transport und Lagerung verantwortlich sind. In der Gaswirtschaft existiert auf Verteilungsebene eine Vielzahl privater Unternehmen, darunter Overgaz AG als größter Gasversorger. Erdöl mini|Die Lukoil-Neftochim-Raffinerie bei Burgas Das einzige Unternehmen, das in Bulgarien Erdöl fördert, ist die „Exploration und Gewinnung von Öl und Erdgas AG“; die geförderten Mengen sind minimal. Damit ist das Land fast vollständig auf Importe angewiesen. Der bulgarische Markt für Erdöl und Erdölprodukte ist vollständig liberalisiert. In Bulgarien befindet sich die größte Raffinerie Südosteuropas, die Lukoil Neftochim Burgas AD. Sie dominiert den Markt mit Kraftstoffen, Diesel, Kerosin und Petrochemie; ein großer Teil der Produktion wird exportiert. Das Unternehmen hat eine stabile Marktposition in Südosteuropa. Ende Januar 2012 gab LUKOIL Neftochim Burgas bekannt, bis 2015 Investitionen in Höhe von 1,5 Mrd. US-Dollar zu tätigen und dadurch 3000 neue Arbeitsplätze zu schaffen. Dabei sollen neue Anlagen für Hydrocracken und Katalytisches Reforming gebaut, bzw. die bestehenden ersetzt werden. Dadurch soll auch die Luftverschmutzung verringert werden. Die Burgas-Alexandroupolis-Ölpipeline nach Alexandroupolis (Griechenland) wurde als Teil der Nabucco-Pipeline 2016 aufgegeben. Als in Verbindung mit dem Russischen Überfall auf die Ukraine 2022 Sanktionen gegen den Export russisches Erdöls verhängt wurden, reaktivierten bulgarische Politiker die Idee der Pipeline Burgas-Alexandroupolis jedoch in umgekehrter Richtung (von Griechenland nach Burgas), so dass sie die Versorgungssicherheit der Ölraffinerie Neftochim bei Burgas sicherstellen könnte. Stromerzeugung Im Kernkraftwerk Kosloduj wurden insgesamt sechs Druckwasserreaktoren russischer Bauart mit einer Gesamtleistung von 3.760 MW errichtet. Zur Erfüllung der Vorgaben zum EU-Beitritt wurden zwei Kraftwerksblöcke 2004 und zwei 2007, vor Ablauf der vorgesehenen Betriebsdauer, stillgelegt. Die in Betrieb befindlichen Reaktoren 5 und 6 haben zusammen eine Kapazität von 2000 MW; sie produzieren etwa ein Drittel des bulgarischen Strombedarfs. Im Januar 2008 unterzeichneten Bulgarien und Atomstroiexport einen Bauvertrag für das Kernkraftwerk Belene. RWE stieg im Oktober 2009 aus dem Projekt aus; die Gesamtkosten betrügen inzwischen 10 Mrd. Euro statt der ursprünglich veranschlagten 4 Mrd. Euro. Im April 2012 gab Bulgarien das Projekt auf. Einige Kohlekraftwerke (Liste hier) erzeugen Strom aus heimischer Steinkohle. Das Wärmekraftwerk Bobow Dol (630 MW),Bulgariens Kohle befeuert undurchsichtige Geschäfte derstandard.de vom 23. Januar 2018 das Wärmekraftwerk Varna EAD (1260 MW), das Wärmekraftwerk Maritza Istok-3 (840 MW), die zukünftige Ersatzleistung auf dem Gelände des Wärmekraftwerks Maritza Istok-1 (670 MW), das Wärmekraftwerk Maritza 3 (120 MW) und das Wärmekraftwerk Russe (110 MW) sind mehrheitlich oder vollständig in Privateigentum. Es gibt zahlreiche kleinere privatwirtschaftlich betriebene Wasserkraftwerke. 2013 waren Windkraftanlagen mit einer Kapazität von 677 MW installiert; sie gehörten privaten – meist ausländischen – Unternehmen. Windparks befinden sich hauptsächlich im Osten Bulgariens (Liste hier). Wirtschaftsbeziehungen Bulgarien ist Mitglied der Schwarzmeer-Wirtschaftskooperation (SMWK) und unterhält seit 1994 ein Freihandelsabkommen mit der Europäischen Freihandelsassoziation (EFTA). Deutschland ist der wichtigste Handelspartner Bulgariens. Über 5000 deutsche Firmen sind im Handel mit Bulgarien tätig, davon sind 1200 vor Ort vertreten. Das Gesamthandelsvolumen 2007 erreichte circa 35 Mrd. Euro, das Handelsvolumen mit Deutschland etwa 3,7 Mrd. Euro (10,5 %). Die deutschen Exporte nach Bulgarien beliefen sich auf 2,3 Mrd. Euro, die Importe aus Bulgarien auf 1,4 Mrd. Euro. Über die Hälfte entfiel auf die Bundesländer Nordrhein-Westfalen, Bayern und Baden-Württemberg. Seit März 2004 besteht in Sofia die Deutsch-Bulgarische Industrie- und Handelskammer (DBIHK), die bereits über 350 Mitglieder zählt. Die ausländischen Direktinvestitionen erreichten 2007 einen Höchstwert von 5,7 Mrd. Euro und 2008 einen Wert von 5,4 Mrd. Euro. Mit Investitionen in Höhe von 605 Millionen Euro (11,2 %) im Jahr 2008 lag Deutschland an dritter Stelle der ausländischen Investoren hinter Österreich und den Niederlanden. Der hohe Investitionsbedarf der bulgarischen Wirtschaft, der zusammen mit niedrigen Löhnen und gut ausgebildetem Personal viele Chancen für langfristig orientierte Investoren, insbesondere in lohnintensiven Fertigungsbereichen (Maschinenbau, Nahrungsmittelverarbeitung, Kfz-Teileherstellung, Textilproduktion, Softwareentwicklung etc.) bietet, wird jedoch trotz dieser Entwicklung noch einige Zeit fortbestehen. Gute Aussichten für Investitionen bestehen u. a. auch weiterhin im Tourismusbereich. Mehr als 580.000 Deutsche besuchten 2008 Bulgarien. Ausbaufähig erscheint besonders der Bereich Individualtourismus, insbesondere Öko-, Wander- und Bädertourismus, aber auch der Wintersportbereich. Das Investitionsklima für Ausländer ist im Wesentlichen gut, trotz erheblicher Defizite im Justizbereich. 2005 erreichte die Investitionsquote Bulgariens 22 Prozent des BIP (2004 21 %). Ende 2007 wurden die steuerlichen Bedingungen durch die Einführung einer zehnprozentigen Pauschalsteuer verbessert. Landwirtschaft Bulgarien ist eines der Hauptanbauländer für Orient-Tabak. Bulgarien war ehemals der weltgrößte Exporteur von Tabak. Seit 2010 fördert die EU jedoch Tabakanbau nicht mehr, da dies der Gesundheitsrichtlinie widersprechen würde. Die Einkommen der Tabakbauern, typisch Familienbetriebe, leiden darunter. Die Tabakstadt ist ein Stadtteil von Plowdiw, die historischen Häuser der reichen Tabakhändler sind als Ensemble denkmalgeschützt. Im März 2016 wurde eines dieser denkmalgeschützten Häuser abgerissen. Der Zigarettenhersteller Bulgartabak, ehemals Staatskonzern, wurde 2011 privatisiert. Im Land gibt es einen bedeutenden Schwarzmarkt für Zigaretten.Dokumentarfilm: „Geschichten aus der Tabakstadt“Journal Panorama: Der Niedergang einer Kulturpflanze: Tabakanbau in Bulgarien Ö1-Radio, orf.at, 10. Jänner 2016 (30 Min). Im Tal der Rosen in Zentralbulgarien befindet sich die weltweit bedeutendste Anbauregion von Rosenblüten (Rosa damascena) zur Gewinnung von Rosenöl. Umweltbelastung Nach 1950 wurden die Industrialisierung und die Intensivierung der Landwirtschaft im Rahmen der Planwirtschaft betrieben, oft zu Lasten der Umwelt. Die Förderung vor allem der Schwerindustrie, des Energiesektors und des Bergbaus sowie der Einsatz veralteter Technologien verursachten zum Teil erhebliche Luft-, Boden- und Wasserverschmutzungen. Mit der Schließung vieler industrieller Produktionsstätten nach der Wende haben sich die Umweltbelastungen stetig verringert. Obwohl Bulgarien seit Mitte der 1990er Jahre im Umweltbereich deutliche Fortschritte erzielt hat, sind nach Schätzungen der Weltbank für die Umsetzung des EU-Acquis im Umweltbereich bis zum Jahr 2020 Investitionen von rund neun Milliarden Euro erforderlich. Jährlich müssten demnach Investitionen in Höhe von rund 11 % des BIP getätigt werden. Der Umweltschutz wurde durch die Gründung des Umweltministeriums 1990 erstmals institutionalisiert und als Staatsziel in der bulgarischen Verfassung von 1991 (Art. 15) verankert. Im Umweltschutzgesetz vom September 2002 hat die bulgarische Regierung erstmals das Prinzip der Nachhaltigkeit gesetzlich festgeschrieben. Korruption Korruption auf allen Ebenen des Staates stellt in Bulgarien ein gravierendes Problem dar und wird als staatsgefährdend bewertet. Beim Korruptionswahrnehmungsindex von Transparency International belegt Bulgarien unter allen EU-Mitgliedsstaaten seit 2012 konstant einen der schlechtesten Ränge. Seit seinem EU-Beitritt ist das Land nicht nur eines ihrer korruptesten Mitglieder, sondern auch einer der Staaten mit den schlechtesten Werten in Sachen Rechtsstaatlichkeit. 2021 teilte das US-Außenministerium mit, es habe Wirtschaftssanktionen gegen mehrere prominente Bulgaren und ihre Unternehmen verhängt. Damit wolle man korrupte Akteure zur Rechenschaft ziehen und die Rechtsstaatlichkeit und die Stärkung demokratischer Institutionen in Bulgarien unterstützen. Das Eingreifen der USA, um in einem EU-Staat Rechtsstaat und Demokratie zu schützen, wurde als Unfähigkeit der EU gesehen, selbst auf den Mitgliedsstaat einzuwirken. Der Politiker-Oligarch Deljan Peewski und zwei weitere Geschäftsleute wurden im Juni 2021 wegen Beteiligung an bedeutender Korruption sanktioniert. Das in den USA gelagerte Vermögen ihrer 64 Unternehmen wurde beschlagnahmt und ein USA-weites Handelsverbot gegen jene Unternehmen ausgesprochen. Das Europäische Amt für Betrugsbekämpfung (OLAF) bemängelte bereits mehrfach Korruption und Veruntreuung von EU-Geldern in Bulgarien. Im November 2008 kürzte die Europäische Union Bulgarien aufgrund mangelnder Fortschritte in der Korruptionsbekämpfung 220 Millionen Euro Fördergelder. Bereits im Juli 2008 waren 825 Mio. Euro an Hilfen vorübergehend eingefroren worden. Tourismus Der Tourismus ist bereits seit den 1970er Jahren ein wichtiger Devisenbringer für das Land. Mit über 8,2 Mio. Touristen stand Bulgarien 2016 auf Platz 41 der meistbesuchten Länder der Welt. Die Tourismuseinnahmen beliefen sich im selben Jahr auf 3,6 Mrd. US-Dollar. In Bulgarien gibt es insgesamt zehn UNESCO-Welterbestätten. mini|hochkant=1.5|Sonnenstrand Staatshaushalt Laut The World Factbook umfasste der Staatshaushalt 2020 Ausgaben in Höhe von umgerechnet 26,54 Mrd. US-Dollar, dem standen Einnahmen von umgerechnet 24,49 Mrd. US-Dollar gegenüber. Die Staatsverschuldung betrug 2020 14,2 Mrd. US-Dollar oder 30,3 % des BIP. Bulgarien gehört damit zu den am niedrigsten verschuldeten Ländern in der Europäischen Union. 2020 betrug der Anteil der Staatsausgaben (in % des BIP) folgender Bereiche: Gesundheit: 8,5 % Bildung: 4,0 % Militär: 2,2 % (2024) Gewerkschaften Die beiden größten Gewerkschaftsbünde Confederation of Independent Trade Unions of Bulgaria (KNSB/CITUB)Website des KNSB (bulgarisch), abgerufen am 25. Juni 2018. und PODKREPAWebsite PODKREPA (bulgarisch), abgerufen am 25. Juni 2018. sind Mitglieder des Internationalen Gewerkschaftsbundes (IGB) und des Europäischen Gewerkschaftsbundes (EGB). Die Zahl der Mitglieder in den zur KNSB gehörenden Einzelgewerkschaften wird mit 200.000 Mitgliedern angegeben, für PODKREPA mit 150.500 (Stand: November 2017).Mitgliederliste des IGB, Stand: November 2017, abgerufen am 15. Juni 2018Abweichende Zahlen bei Daniel Blackburn, Ciaran Cross: Trade unions of the world. International Centre for Trade Union Rights, London 2016, ISBN 978-0-9933556-0-8, S. 67–70, dort auch weiterführende Informationen. Infrastruktur mini|Bulgarien und die paneuropäischen Verkehrskorridore Bulgarien ist ein wichtiges Transitland zwischen Mitteleuropa und Vorderasien. Die paneuropäischen Verkehrskorridore IV (Dresden–Budapest–Craiova–Sofia–Thessaloniki), VII (Donau), VIII (Durrës-Tirana–Skopje–Sofia–Burgas) und IX (Helsinki–Moskau–Bukarest–Dimitrowgrad–Alexandropolis) führen durch Bulgarien. Die Achse Sofia–Burgas ist auch Teil des Transeuropäischen Transportnetzes (TEN) der Europäischen Union. Das Land verfügt über ein relativ gut ausgebautes Verkehrsnetz: Eisenbahnnetz (Bulgarische Eisenbahninfrastrukturgesellschaft), Straßennetz (jedoch bislang nur wenige Autobahnen), vier internationale Flughäfen (Flughafen Sofia, Flughafen Warna, Flughafen Burgas und Flughafen Plowdiw), zwei Hochseehäfen (Hafen Burgas, Hafen Warna) und mehrere kleinere Seehäfen (Sosopol, Baltschik) sowie Binnenhäfen (an der Donau). Bis ins späte Mittelalter spielte die Binnenfahrt auf dem Fluss Mariza eine wichtige Rolle. Der Schiffsverkehr auf der Donau spielt für Bulgarien nur eine geringe Rolle. In den Häfen Russe, Widin, Lom und Silistra findet ein begrenzter Güterumschlag statt; in Russe legen Kreuzfahrtschiffe an. Straßenverkehr Das gesamte asphaltierte Straßennetz umfasste 2011 etwa 19.512 km. Der Verkehr in Bulgarien findet vor allem auf der Straße statt. Zwischen den Großstädten verkehren Busse mehrerer Busunternehmen. Regionalverbindungen in die kleineren Städte gibt es von der jeweiligen Provinzhauptstadt. In der Sommerzeit werden auch direkte Verbindungen von Sofia und anderen Großstädten in die meisten Tourismusorte an der Schwarzmeerküste angeboten. Die Busverbindungen in die Groß- und Hauptstädte der Nachbarländer stellen eine preiswertere Alternative dar und sind gut ausgebaut. Insgesamt hat Bulgarien mit der Türkei drei Grenzübergänge, mit Griechenland vier (ein weiterer in Bau), mit Nordmazedonien drei (weitere drei in Planung), mit Serbien fünf (weitere drei in Planung) und mit Rumänien zwölf (ein weiterer wurde 2013 mit der Donaubrücke 2 eröffnet). Das bulgarische Autobahnnetz befindet sich noch im Ausbau. Durch die Schließung der letzten Lücken der Autobahn Trakia (A 1) besteht seit Mitte 2013 eine direkte Autobahnverbindung zwischen der Hauptstadt Sofia und dem Schwarzen Meer. Anders als in den Nachbarländern gibt man in Bulgarien geographisch bedingt den Ost-West-Verbindungen Priorität vor Nord-Süd-Verbindungen. Schienenverkehr mini|hochkant=1.5|Das bulgarische Bahnnetz Alle großen Städte Bulgariens werden von der Bulgarischen Staatsbahn erschlossen. Die Hauptstrecken werden ausgebaut, jedoch werden Zugverbindungen in kleinere Orte gestrichen. Auf der Strecke Sofia–Burgas (ca. 400 km) dauert eine Zugfahrt etwa sechseinhalb Stunden, während eine Busfahrt nur fünf Stunden benötigt. Aus diesem Grund wird die bulgarische Bahn eher gemieden, ist jedoch auf einigen Strecken preiswerter als eine Busfahrt. Hochgeschwindigkeitsverkehr existiert in Bulgarien bisher nicht. Eine Hochgeschwindigkeitsstrecke zwischen Sofia und Istanbul, via Plowdiw soll als Teil des IV. Paneuropäischen Korridors entstehen und im zweiten Schritt von Sofia via Wraza zur Donaubrücke 2 an der rumänischen Grenze bei Widin fortgeführt werden. Das Projekt soll finanziell bis zur Hälfte von der EU getragen werden. Ein realistischer Zeitpunkt, zu dem es in Betrieb gehen kann, ist nicht bekannt. Einige bulgarische Städte (Sofia, Burgas u. a.) sind Beginn und Ziel mehrerer europäischer Zugverbindungen (siehe: Internationale Strecken). Auch der Orient-Express durchquerte Bulgarien. Der bulgarische Schienengüterverkehr hat eine Transportleistung von jährlich 4,5 Milliarden Tonnenkilometern und hat damit einen Anteil am Modal Split von ungefähr einem Fünftel.Güterverkehr in der EU Das bulgarische Schienennetz ist mit dem der Nachbarländer verbunden. Eine Ausnahme stellt Nordmazedonien dar: hier ist eine Gleisverbindung seit 2017 in Planung. Während des Zweiten Weltkrieges unterstützte die deutsche Wehrmacht den Bau einer direkten Schienenverbindung zwischen den Hafenstädten Burgas und Varna, jedoch konnte sie von Burgas damals nur bis Pomorie fertiggestellt werden. Aktuell (März 2018) gibt es pro Tag zwei direkte Verbindungen mit Regionalzügen zwischen beiden Städten, etwas schneller geht es jedoch in Schnellzügen, trotz einmaligem Umsteigen in Karnobat. Eine Zugfahrt auf der circa 120 km langen Strecke dauert vier bis fünf Stunden. Die bekannteste Schmalspurbahn Bulgariens, die Rhodopenbahn, führt von Septemwri nach Dobrinischte. Ihre Strecke liegt entlang der Gebirge Rhodopen, Rila und Pirin und überquert Awramowo, den höchstgelegenen Bahnhof der Balkanhalbinsel (1267 m). Feuerwehr In der Feuerwehr in Bulgarien waren im Jahr 2019 landesweit 6.476 Berufsfeuerwehrleute und 3.138 freiwillige Feuerwehrleute organisiert, die in 243 Feuerwachen und Feuerwehrhäusern, in denen 693 Löschfahrzeuge und 66 Drehleitern bzw. Teleskopmasten bereitstehen, tätig sind. Die bulgarischen Feuerwehren wurden im selben Jahr zu 68.610 Einsätzen alarmiert, dabei waren 42.141 Brände zu löschen. Hierbei wurden 134 Tote bei Bränden von den Feuerwehren geborgen und 293 Verletzte gerettet. Die nationale Feuerwehrorganisation Министерство на вътрешните работи repräsentiert die bulgarische Feuerwehr mit ihren Feuerwehrangehörigen im Weltfeuerwehrverband CTIF. Kultur Medien Bulgarien verfügt über je einen staatlichen Radio- und Fernsehsender (BNR und BNT) und eine Vielzahl an privaten Sendern. Die wichtigsten darunter sind: bTV, Nova televizija, SKAT und TV Evropa. Unter den Radiosendern dominiert das private „Darik Radio“. An der Anpassung und Anwendung der EU-Vorschriften zum Übergang zu Digital-Fernsehen und -Hörfunk wird gearbeitet. Die marktführende New Bulgarian Media Group (NBMG) kontrolliert vier überregionale Zeitungen, ein Magazin, einen Fernsehkanal sowie eine Nachrichtenagentur (Stand: 2014).treffpunkteuropa.de:Pressefreiheit Europas Sorgenkinder Italien, Bulgarien und Ungarn Die Presselandschaft ist vielfältig. Die größten Tageszeitungen im Land, Trud und 24 Časa gehörten bis Ende 2010 der WAZ-Gruppe; der neue Eigentümer heißt BG Printinvest. Daneben gibt es auch andere ausländische Investoren in diesem Bereich. Weitere bedeutende Tageszeitungen sind Dnevnik, „Monitor“, Standart, „Sega“ und „Duma“. Einflussreiche Wochenzeitungen bzw. Zeitschriften sind Capital, Tema und Politika. Im Jahr 2023 nutzten 80,4 Prozent der Einwohner Bulgariens das Internet. Die Nichtregierungsorganisation Reporter ohne Grenzen sieht in Bulgarien erkennbare Probleme für die Pressefreiheit. Die Unabhängigkeit der Presse wird vor allem durch enge Verbindungen zwischen Medien, Politik und einflussreichen Geschäftsleuten untergraben. Der Oligarch Deljan Peewski verkaufte Ende der 2020er Jahre seine Medien, bleibt aber ein einflussreicher Akteur in Bulgarien. Die bulgarische Regierung und Behörden vergeben öffentliche Gelder und EU-Fördermittel intransparent und scheinbar regellos an Medienfirmen, wodurch diese regierungsfreundlich werden. Auf der anderen Seite geht der Staat juristisch gegen Medienunternehmen wie Bivol und die Economedia Group vor. Besonders investigativ arbeitende Journalisten sind Übergriffen von Polizei und Geschäftsleuten ausgesetzt. Kunst und Architektur Die Kunst hat auf dem Gebiet Bulgariens eine lange Tradition. Aus dem 2. Jahrtausend v. Chr. sind zahlreiche thrakische Hügelgräber (Kurgane) und Goldschmiedearbeiten (siehe hierzu thrakische Kunst) erhalten. Mittelalter und Renaissance mini|Ikone von Theodor Stratelates, in der Preslawer Keramik gefasst Als wichtigstes Denkmal aus der frühesten bulgarischen Zeit gilt das in der UNESCO-Weltkulturerbe-Liste eingetragene lebensgroße Felsenrelief Reiter von Madara (8. Jahrhundert). Die erste Hauptstadt Pliska wurde noch nach römisch-byzantinischem Vorbild mit starken Festungsanlagen umgeben, besaß jedoch auch Paläste, Kirchen, Bäder und andere öffentliche Bauten, deren Bauformen und -technik ihren Ursprung zum Teil in Mittelasien und im Vorderen Orient hatten. Dies genügte jedoch nicht dem Herrschaftsanspruch der bulgarischen Zaren und Zar Simeon I., genannt der Große, verlegte 863 die Hauptstadt in das ebenfalls stark befestigte Preslaw. Von ihren Kirchen und Klöstern ist die Runde (auch Goldene) Kirche mit vielfarbigem Schmuck und glasierten Tonplatten (Preslawer Keramik) zu nennen, der für die bulgarische Kunst dieser Periode kennzeichnend ist. Mit der Christianisierung des bulgarischen Reiches wurden auch in anderen Städten Sakralbauten neu errichtet (wie etwa die Sophienkirche (Ohrid) in Ohrid (heute Nordmazedonien) als untypische Pfeilerbasilika errichtet, oder die Stephanoskirche in Nessebar) oder umgebaut (Alte Metropolitenkirche in Nessebar oder Sophienkirche in Sofia). Im Unterschied zur byzantinischen Kirchenarchitektur zeigte sich bereits vor Mitte des 10. Jahrhunderts die Tendenz zu sehr dekorativem Mauerwerk (Blendbogennischen, Mosaikschmuck, bemalte Keramik, Freskenmalerei). mini|Außenbemalung der Hauptkirche im Rila-Kloster Mit der byzantinischen Herrschaft (1018–1185/86) verstärkten sich auch die Einflüsse von Byzanz in der bulgarischen Kunst. Mit der Restauration des Bulgarischen Reiches im Jahre 1185 fand die Kunst des Ersten Bulgarischen Reiches ihre Fortsetzung. In Tarnowo, der neuen Hauptstadt, entstand ein kleinerer, meist einschiffiger, von Byzanz übernommener Kirchentyp, dessen Gewölbe und Böden zur Kuppel überleiten (Beispiele für Kreuzkuppelkirchen sind die Nikolauskirche in Melnik, die Pantokratorkirche und Johannes-Aleiturgetos-Kirche in Nessebar sowie die 40-Märtyrer-Kirche in Tarnowo). Sie blieben jedoch im Unterschied zur byzantinischen Kunst in den dekorativen Tendenzen in der sakralen Baukunst bestimmend (buntes, mit glasierter Keramik verziertes Sichtmauerwerk, Blendnischen und -arkaden). Die Außenwände sind durch Blendbögen gegliedert und durch rhythmische Wechsel roter und weißer Steine oder auch Keramik. mini|Klosterkirche in Zemen Größere Selbstständigkeit erreichte die Malerei in den Fresken von Bojana (1259). Die in reiner Freskotechnik (fresco buono) ausgeführte Malerei in der Kirche von Bojana gehört somit zu der besterhaltenen aus dieser Periode in Südosteuropa und trägt renaissancehafte Züge. Die Fresken der Höhlenkirche von Iwanowo (kurz nach 1232, gestiftet von Iwan Assen II.) bereiteten den Boden für die künstlerische Renaissance unter den Palaiologen Ende des 13./Anfang des 14. Jahrhunderts. Die Fresken der Johanneskirche von Zemen (um 1300) sind mit vorikonoklastischen Elementen durchsetzt. Seit dieser Zeit, 13. und 14. Jahrhundert, ist Bulgarien auch für seine Ikonenmalerei bekannt. Die Vertreter der Malschule von Tarnowo überschritten die überlieferten Regeln der traditionellen Ikonenmalerei und schufen damit die bedeutendste eigenständige Schule der ostkirchlichen Kunst. Von den erhaltenen Bilderhandschriften sind die reichlich illustrierten Tetraevangeliar von Zar Alexander und die Manasses-Chronik des Zaren Iwan Alexander die bekanntesten (die erste befindet sich heute im British Museum in London, die zweite in der Vatikanischen Bibliothek). Bulgarische Wiedergeburt Nach der osmanischen Eroberung wurde die bulgarische christliche Kunst fast nur in den abgelegenen Klöstern gepflegt. Bulgarische Künstler waren jedoch an der regen osmanischen Bautätigkeit von öffentlichen Gebäuden und Bauten in der Zeit nach der Eroberung beteiligt. Vom 15. bis 18. Jahrhundert war die von der Mönchsrepublik Athos ausgehende Kunst bestimmend. Mit der bulgarischen Wiedergeburt am Ende der osmanischen Besatzung entstanden überall in den bulgarischen Ländereien neue Kunstschulen (über 40 sind bekannt), die alle dem so genannten Wiedergeburtsstil angehörten. In dieser Zeit entwickelte sich die Holzschnitzerei als spezifische bulgarische Kunst. Die bekanntesten Kunstschulen waren die Kunstschule von Tschiprowzi, Kunstschule von Debar und die Kunstschule von Samokow. Aus der letzten gingen viele der Maler hervor, welche die Bemalung von vielen Klöstern und Kirchen ausführten, darunter des mittlerweile in der Liste des UNESCO-Welterbes aufgenommenen Rila-Klosters. Wichtig für die neuere Zeit war Jules Pascin, der 1885 in Widin geboren wurde. Eigentlich hieß er Julius Pinkas. Da er lange Zeit in Frankreich verbrachte, wo er auch 1930 starb, wird er als bulgarisch-französischer Maler und Grafiker bezeichnet. Neuzeit Der bekannteste bulgarische Künstler ist wohl Christo Jawaschew, der unter seinem Vornamen und zusammen mit seiner Frau Jeanne-Claude bekannt wurde. Er verhüllte etwa das Reichstagsgebäude in Berlin und den Pont Neuf in Paris. In der Zeit des Sozialismus wurden in vielen bulgarischen Städten monumentale Bauten zu Ehren der Staatsphilosophie oder ihrer Vertreter errichtet.Forgotten monuments from the communist era in Bulgaria: Darstellung aller Denkmale und Kulturbauten mit Abbildung und Erklärungstext (englisch); abgerufen am 16. Januar 2014. Gegen die Monumentalskulpturen begehrt eine Gruppe junger Künstler auf, die unter dem Namen Destructive Creation diese Skulpturen illegal künstlerisch umwidmet. Dieses Projekt ist Teil eines Dokumentarfilms, den die Regisseurin Susanna Schürmann im Jahr 2019 auf Arte unter dem Titel Das Rote Erbe – Künstler und die sozialistische Vergangenheit veröffentlichte. Neben der Künstlergruppe begleitet der Film den Fotografen Nikola Mihov, der seit vielen Jahren diese Skulpturen fotografiert und berichtet über das Goatmilk-Festival der bulgarischen Kulturmanagerin und Journalistin Diana Ivanova. Musik Bulgarien verfügt über eine große Tradition des Chorgesangs. Der staatliche Chor wurde durch einen eigenen Stil sehr erfolgreich, zahllose bulgarische Frauenchöre wie etwa Angelite sind heute international bekannt. Das bulgarische Nationalinstrument ist, neben der dreiteiligen Längsflöte Kaval, der Dudelsack Gaida. In den meisten Landesteilen wird die hochgestimmte Thrakische Gaida (Djura Gaida) gespielt, überwiegend zum Tanz, während im rhodopischen Gebirge die tief gestimmte Kaba Gaida zur Begleitung meist trauriger Balladen genutzt wird. Seltener sind die kleineren, einteiligen Hirtenflöten Swirka und Duduk. Das Doppelrohrblattinstrument Zurna wird traditionell von Roma und der türkischen Minderheit gespielt. Das bekannteste Saiteninstrument ist die gestrichene Kurzhalslaute Gadulka. Des Weiteren finden die Langhalslaute Tambura, das Streichinstrument Gusle sowie die Trommeln Tapan (Tupan, verwandt mit der türkischen Davul) und Tarambuka (Darbuka) in der traditionellen bulgarischen Volksmusik Verwendung. Bekannte bulgarische Sänger sind unter anderem Ari Leschnikow, der von 1928 bis zur Auflösung in den 1930er Jahren den Comedian Harmonists als Tenor angehörte und der Opernsänger Boris Christow, der als einer der weltbesten Bassisten galt. Die gebürtige Bulgarin Wesselina Kassarowa gehört heute zu den gefragtesten Mezzosopranistinnen der Welt. Mit Anna-Maria Ravnopolska-Dean kommt eine der bekanntesten Harfenistinnen der Gegenwart aus Bulgarien. Aber auch die bulgarischen Folklorelieder wurden durch die Sängerinnen von Le Mystère des Voix Bulgares und Walja Balkanska weltberühmt. Auch die populäre französische Chanson- und Pop-Sängerin Sylvie Vartan ist eine gebürtige Bulgarin. Die bulgarische Volksmusik verfügt über eine große rhythmische Vielfalt. Ungerade Takte, wie zum Beispiel 5/8, 7/8 und 9/8, machen diese Musik schwierig zu spielen. Viele moderne Musiker in den verschiedensten Genres benutzen Elemente bulgarischer beziehungsweise südosteuropäischer Volksmusik. Literatur mini|hochkant|Simeon Laudatio Die Anfänge der bulgarischen Literatur wurden im 8./9. Jahrhundert gelegt. Dabei handelte es sich zunächst um Chroniken, Bau- und Grabinschriften bulgarischer Herrscher und Adligen auf Griechisch, selten aber auch in der Sprache der Urbulgaren. Die altbulgarische Literatur wurde in der nach der Christianisierung im 10. Jahrhundert in Bulgarien entstandenen kyrillischen Schrift geschrieben. Die altbulgarische Sprache wurde damit in den beiden Schriftformen des mittelalterlichen Bulgarischen Reiches überliefert, dem älteren glagolitischen und dem jüngeren kyrillischen Alphabet.Helmut Wilhelm Schaller (Hrsg.): Die bulgarische Sprache in Vergangenheit und Gegenwart. Vom Altbulgarischen zur Sprache der Europäischen Union, AVM.edition, 2017, ISBN 978-3-95477-078-6. S. 62–65 In Pliska, der Residenz des Fürsten Boris I., im westlich gelegenen Ohrid (hier Sp. 1377: … Die Schule von Ohrid hat einen Großteil der (alt-)bulgarischen Literatur hervorgebracht.) sowie in Weliki Preslaw, wohin Simeon I. die bulgarische Hauptstadt verlegt hatte, waren einige der Schüler der Slawenapostel Kyrill und Method tätig, darunter Kliment von Ohrid, Konstantin von Preslaw, Ioan Exarch und Tschernorizec Hrabar. Der letzte verfasste das auch in Serbien und Russland bekannte Traktat zur Verteidigung der slawischen Schrift „O Pismenach“ (auf Deutsch Über die Buchstaben). Die Regierungszeit von Boris I. und Simeon I. gilt als das „goldene Zeitalter“ der bulgarischen Literatur. Die altbulgarische Literatur und das bulgarische Schrifttum bilden das drittgrößte kulturelle und religiöse Gebiet im mittelalterlichen Europa. mini|hochkant|Tetraevangeliar der Schule von Tarnowo Die Mittelbulgarische Literatur wiederum wurde in Mittelbulgarisch (Kirchenslawisch) verfasst. In dieser Zeit wurden Apokryphen, Lebensbeschreibungen, Geschichtschroniken aus dem Griechischen ins Mittelbulgarische übersetzt. Eine zweite Blütezeit erlebte die bulgarische Literatur während des 13. und 14. Jahrhunderts mit einem in der Nähe von Tarnowo 1350 gegründeten Kloster als Zentrum. Zu dieser Schule zählten unter anderem der Mönch Kiprian, Grigorij Camblak und Konstantin Kostenezki, die nach der Eroberung Bulgariens die formalen Prinzipien der bulgarischen Literatur auch in Gebiete der heutigen Staaten Russland, Rumänien und Serbien brachten. Einige der wichtigsten Autoren während der Zeit der osmanischen Herrschaft waren Wladislaw Gramatik, Païssi von Hilandar, Sophronius von Wraza, die Brüder Miladinowi deren Werke vor allem durch die Suche nach der bulgarischen Identität gekennzeichnet waren. Im 18. Jahrhundert bildeten sich zwei Genres heraus, die Histographie und die Autobiographie. Im Zuge der Bulgarischen Wiedergeburt erreichte die bulgarische Literatur einen weiteren Höhepunkt. Die patriotischen Gedichte der Revolutionäre wie Christo Botew, Ljuben Karawelow und die Werke von Jordan Jowkow und dem Patriarchen der bulgarischen Literatur Iwan Wasow haben die Zeit des Kampfes für ein freies Bulgarien und die Zeit danach maßgeblich geprägt. Die Memoirenliteratur wiederum gelangte in den Werken von Sachari Stojanow und Simeon Radew zu ihrer Blüte. Durch symbolistische Dichter wie Nikolai Liliew, Dimtscho Debeljanow, Pejo Jaworow, Christo Jassenow, Teodor Trajanow oder Nikolai Rainow fand die bulgarische Dichtung Anschluss an die moderne Weltliteratur der Jahrhundertwende. Verstärkt wurde dies vor allem durch das Engagement des Expressionisten und Übersetzers Geo Milew, der jedoch 1925 durch regierungsnahe Kräfte ermordet wurde. Nach Autoren wie Atanas Daltschew, Fani Popowa-Mutafowa, Elin Pelin oder Nikola Wapzarow wird die heutige bulgarische Literatur von Autoren wie Nedjalko Jordanow, Jordan Raditsckow, Nikolai Haitow oder Georgi Markow geprägt. Zu erfolgreichen modernen Autoren zählen unter anderem Alek Popow, Emil Andreew, Christo Karastojanow sowie Georgi Gospodinow, der 2023 den international anerkannten Booker Prize gewann. Folklore und Brauchtum mini|Ostbulgarische Musiker spielen auf ihrer handgefertigten Gajda mini|Abgelegte Marteniza mini|Kukeri während ihrer Ritualtänze Eine besondere Rolle in der Kulturgeschichte Bulgariens spielt die Folklore und das Brauchtum, die während der osmanisch-türkischen Herrschaft nicht nur zur Bewahrung der nationalen Identität, sondern auch zu den weiteren Entwicklungen der Kunst und der Literatur beitrug. Eng verbunden mit der damaligen Lebensweise und Kämpfen gegen die Osmanen sind vor allem die Volkslieder (Helden-, Hajduken-, Fest-, Ritual-, Liebes- und epische Lieder), die wegen der Vielfalt der Texte und Rhythmen (ungerade Takte wie zum Beispiel 5/8, 5/16, 7/16 etc.) und der originellen Melodik (dorische, phrygische Tonart, mensurische Metrik etc.) auch heute populär sind. In Bulgarien werden Gruppen- und Solotänze unterschieden (choro bzw. ratscheniza), die vor allem durch komplizierte Tanzschritte gekennzeichnet sind. Die Tänze werden meist von der Hirtenflöte Kaval, der Sackpfeife Gajda, der Zylindertrommel Tapan sowie den Streichinstrumenten Gadulka und Gusla begleitet. Ein beliebter Brauch ist das Verschenken von Martenizas (), kleinen rot-weißen Stoffanhängern oder Armbändern, zum Frühlingsanfang am 1. März. Die Martenizas sollen, damit sie Glück und Gesundheit bringen, getragen werden, bis man den ersten Storch sieht. Dann soll man die Marteniza an einen Zweig (vorzugsweise der Kornelkirsche) binden und sich etwas wünschen. Weiter wird im Südosten Bulgariens, in der Region Strandscha, dem Feuerlauf nachgegangen. Zur bäuerlichen Tradition gehören in den Dürreperioden im späten Frühling und im Sommer zwei Regenriten: German ist eine phallische Puppe, die in Nordbulgarien von Frauen rituell bestattet und beweint wird. Im Osten Bulgariens ziehen Paparuda (Regenmädchen) von Haus zu Haus und singen Regenbittlieder. In allen Regionen sind die Karnevalspiele der Kukeri vertreten, die eine Art Volkstheater darstellen. Sie treten in der Woche vor Beginn der orthodoxen Fastenzeit in Ostbulgarien und zwischen Weihnachten und Dreikönigsfest in Restbulgarien auf. Ähnlich wie in Deutschland während der Karnevalszeit, oder während der Rauhnächte werden Straßentänze und verschiedene Bräuche abgehalten, die symbolisch für die Geisteraustreibung oder -beschwörung, Winteraustreibung, für Fruchtbarkeit, Gesundheit, gute Saat und Ernte und Weiteres stehen. Hochentwickelt war im Mittelalter auch das Kunstgewerbe, das man heute vor allem in den phantasiereichen Nationaltrachten (bunte Stoffe mit Stickereien, schwerer metallener Schmuck, verschiedene Kopfbedeckungen) wiederfindet. Das Interesse für die Folklore und das Brauchtum bestand schon während der nationalen Wiedergeburt. In der Zeit der Herrschaft der Kommunisten wurde die Bewahrung der Tradition durch die Organisation mehrerer Folklore-Festivals, folkloristische Orchester, Tanzensembles, eine Hochschule in Kotel und andere Initiativen gefördert, jedoch gerieten Elemente der Volkskultur (Bräuche, Rituale, Sitten), die in das Gesamtbild der sozialistischen Gesellschaft aus ideologischer Sicht nicht passten, in Vergessenheit (unter anderem das Besuchen der Liturgie zu den kirchlichen Feiertagen, wie Ostern oder Weihnachten). Seit der Demokratisierung wurden jedoch die alten Traditionen neu belebt. In Bulgarien gilt abweichend von der sonst europaweiten üblichen Konvention das Kopfnicken als Verneinung, das Kopfschütteln als Bejahung. Der Sage nach geht dies auf das Verhör eines Freiheitskämpfers zurück, der mit unter dem Kinn gehaltener Schwertspitze gefragt wurde, ob er leben bleiben wolle. Küche Eine typische bulgarische Mahlzeit beginnt mit einem Schopska-Salat () oder Thrakijska-Salat () zu einem Rakija und im Sommer mit der kalten Suppe Tarator (). Als Hauptgericht gelten die Kebaptscheta () oder ein typischer Festtagslammbraten, das Tschewerme (), Kawarma () sowie andere Grillspeisen. Zum Schluss nimmt man die Baniza () zu sich. In der bulgarischen Küche sind zudem das Bohnenkraut Tschubriza () und die kräftig gewürzte, hauptsächlich aus Paprika- und Tomatenpüree bestehende Ljuteniza () sowie die besonderen Wurstarten Lukanka () und Sucuk () sehr beliebt. Feiertage Datum Name Deutscher Name Anmerkungen 1. Januar (gregorianisch) Neujahr 3. März Nationalfeiertag, eingeführt 1880, Tag der Befreiung Bulgariens vom Osmanischen Reich 1878, Frieden von San Stefano julianisch Ostern 1. Mai и на международната работническа солидарност Internationaler Tag der Arbeit und der internationalen Arbeitersolidarität 6. Mai Georgstag, Tag der Tapferkeit und der bulgarischen Armee 24. Mai Tag der Heiligen Kyrill und Method, des bulgarischen Alphabets, der Aufklärung und Kultur und der slawischen Literatur (der Feiertag ist eng verknüpft mit der Kreation des kyrillischen Alphabets) schulfrei 6. September Tag der Vereinigung Bulgariens 1885 mit Ostrumelien 22. September Tag der Unabhängigkeit Bulgariens 1908 1. November Tag der nationalen Erweckung schulfrei 24. Dezember (gregorianisch) Heiligabend 25./26. Dezember (gregorianisch) Weihnachten, Geburt Christi Gedenktage Am 19. Januar 2011 beschloss die bulgarische Regierung, den 1. Februar als Gedenktag für die Opfer des Kommunismus einzuführen.Правителството обяви 1 февруари за ден за почит към жертвите на комунизма, mediapool.bgКабинетът обяви 1 февруари за ден на почит към жертвите на комунистическия режим - България - Дневник, dnevnik.bg Am 2. Juni wird in ganz Bulgarien durch das Einschalten der Luftsirenen am Mittag um 12:00 Uhr und einer Gedenkminute das Leben und Werk des Freiheitskämpfers Christo Botew geehrt. Ein weiterer Gedenktag ist der 18. Februar, Todestag des Revolutionärs und Ideologen Wassil Lewski. Dabei finden am 19. Februar im ganzen Land Gedenkfeiern mit Blumenniederlegungen und Andachtsgottesdiensten statt. Wissenschaft/Erfindungen Der berühmteste Wissenschaftler bulgarischer Herkunft ist wahrscheinlich der in den USA geborene John Vincent Atanasoff. Er ist der Erfinder des elektronischen digitalen Rechners und lehrte mathematische Physik. Ebenfalls ein berühmter US-amerikanisch-österreichisch-bulgarischer Wissenschaftler ist Carl Djerassi, der auch als der Vater der Antibabypille bezeichnet wird. Sport Vor der Wende war Sport Staatspolitik und viele bulgarische Sportler sorgten weltweit für Aufmerksamkeit. Die größten Erfolge wurden in den Individualsportarten erzielt. Nach dem Fall des Realsozialismus und mit dem Wegfall staatlicher Unterstützung konnten sich nur Sportler beweisen, die äußerst große Talente waren und meist aus Sportlerfamilien kamen. Bekanntes Beispiel sind die Maleeva-Schwestern im Tennis, die alle in den Top 10 gestanden haben und deren letztes Mitglied, Magdalena Maleeva, 2005 zurücktrat. In Bulgarien gibt es eine lange Tradition im Schach, Kraftsport (Ringen, Gewichtheben, Boxen), Volleyball, in der Leichtathletik und in der rhythmischen Sportgymnastik. Der Ringer Nikola Stantschew war der erste bulgarische Olympiasieger. Schach Bulgarien kann eine lange Tradition im Schachspielen vorweisen. Bulgarien hat seit der Einführung des Großmeistertitels 1970 durch den Weltschachbund FIDE 39 Großmeister hervorgebracht (Stand: September 2012). Dazu gehören der ehemalige Schachweltmeister Wesselin Topalow und die ehemalige Schachweltmeisterin Antoaneta Stefanowa, des Weiteren bekannte Schachspieler wie Iwan Tscheparinow, Julian Radulski, Iwan Radulow, Ljuben Spassow und Kiril Georgiew. Volleyball Volleyball ist nach Fußball die zweite Ballsportart, die nicht nur in Bulgarien beliebt, sondern in der das Land auch international erfolgreich ist. Die Männermannschaft erreichte zuletzt 2007 den dritten Platz bei der Weltmeisterschaft und nimmt zurzeit (August 2016) den 16. Platz der Volleyball-Weltrangliste ein. Die Frauen erreichten den Gipfel ihrer sportlichen Erfolge mit dem Europatitel im Jahre 1981. Zu den bekanntesten bulgarischen Volleyballspielern zählen Plamen Konstantinow, Daniel Peew, Nikolaj Scheljaskow, Ljubomir Ganew, Martin Stoew, Wladimir Nikolow und Matej Kasijski sowie bei den Frauen Zwetana Boschurina und Jordanka Bontschewa. 2012 erreichte Bulgarien bei den Olympischen Spielen in London den vierten Platz bei den Männern. 2025 wurden die bulgarischen Juniorinnen (U-19 Mädchen) Weltmeisterinnen, ein Jahr nachdem dieselbe Frauenmannschaft Europameisterinnen wurden. Fußball Die bulgarische Fußballnationalmannschaft konnte sich mehrmals für Europa- und Weltmeisterschaften qualifizieren. Derzeitiger Nationaltrainer ist der ehemalige Bundesliga-Profi Krassimir Balakow. Der größte Erfolg des bulgarischen Fußballs war der 4. Platz der Nationalmannschaft bei der Fußball-Weltmeisterschaft 1994 in den USA. Unter den Fußballern der „Goldenen Generation“ ist neben Balakow vor allem der Träger des Ballon d’Or, Christo Stoitschkow zu nennen. Der erfolgreichste bulgarische Verein ist ZSKA Sofia, der zweimal im Halbfinale des Europapokals der Landesmeister stand. Weitere wichtige Fußballvereine sind Lewski Sofia, Slawia Sofia, Lokomotive Sofia und Litex Lowetsch. Meister (2011/12) war Ludogorez Rasgrad. Weitere bekannte bulgarische Fußballspieler sind: Emil Kostadinow, Ljuboslaw Penew, Trifon Iwanow, Jordan Letschkow, Georgi Asparuchow, Dimitar Berbatow, Martin Petrow, Stilian Petrow, Waleri Boschinow. Gewichtheben, Motorradsport und Special Olympics Bulgarien hat auch eine lange Tradition im Gewichtheben. Bekannteste Gewichtheber sind Iwan Abadschiew, Norair Nurikjan, Milena Trendafilowa oder Iwan Iwanow. Naim Süleymanoğlu und Halil Mutlu sind bekannte Gewichtheber aus der türkischen Minderheit. Beide wanderten in die Türkei aus. Die Städte Schumen und Targowischte sind die bulgarischen Speedway-Hochburgen und auf diesen Bahnen wurden bereits seit den 1970er Jahren mehrere Qualifikationsrennen zu Weltmeisterschaften ausgetragen. Der bulgarische Motorsport-Verband ist indes bemüht, das Stadion in Targowischte so zu modernisieren, dass ein Speedway-WM-Grand-Prix von Bulgarien dort ausgefahren werden kann. Special Olympics Bulgarien wurde 1994 gegründet und nahm mehrmals an Special Olympics Weltspielen teil. Siehe auch Rettung der bulgarischen Juden Literatur Sabine Riedel: Das Politische System Bulgariens. In: Wolfgang Ismayr (Hrsg.): Die politischen Systeme Osteuropas. VS Verlag für Sozialwissenschaften, 2010, ISBN 978-3-531-16201-0, S. 677–729. Robert Schmitt: Kleines Handbuch Bulgarien. Baltic Sea Press, Rostock 2012, ISBN 978-3-942654-55-5. Weblinks Website der Regierung der Republik Bulgarien (bulgarisch, englisch) Statistikamt Bulgarien (bulgarisch, englisch) Landesinformationen des deutschen Auswärtigen Amtes zu Bulgarien Steven W. Sowards: Twenty-five Lectures on Modern Balkan History (The Balkans in the Age of Nationalism). (Vorlesungen gehalten am Swarthmore College, USA, 1995) Einzelnachweise Kategorie:Staat in Europa Kategorie:Mitgliedstaat der Europäischen Union Kategorie:Mitglied des Europarats Kategorie:Mitgliedstaat der NATO Kategorie:Mitgliedstaat der Vereinten Nationen Kategorie:Verwaltungseinheit als Namensgeber für einen Asteroiden
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