id stringlengths 36 36 | title stringlengths 1 52 | text stringlengths 203 274k | lang stringclasses 1 value | source stringclasses 1 value | char_len int64 203 274k |
|---|---|---|---|---|---|
2b23d56c-5b41-4f00-a6de-c7d819d86f8f | Bengalische Sprache | Die bengalische Sprache (auch Bengali, Eigenbezeichnung []) gehört zum indoarischen Zweig der indoiranischen Untergruppe der indogermanischen Sprachen. Bengalisch wird von über 200 Millionen Menschen, hauptsächlich in Bangladesch und Indien (Bundesstaat Westbengalen), als Muttersprache gesprochen. Damit gehört das Bengalische zu den meistgesprochenen Sprachen der Welt.
Klassifikation
Das Bengalische zählt zusammen mit der assamesischen Sprache zu den bengalisch-assamesischen Sprachen, die auch Gauda-Kamarupa-Sprachen heißen. Diese Gruppe bildet zusammen mit dem Oriya die ostindoarischen Sprachen, die nach dem Magadhan-Prakrit, auf das sie zurückgehen, auch Magadhan-Sprachen genannt werden. Das Ostindoarische wiederum ist eine Untergruppe der indoarischen Sprachen, die zum indoiranischen Zweig der indogermanischen Sprachfamilie gehören.
Verbreitung und Sprecherzahl
mini|links|Ungefähres Verbreitungsgebiet der bengalischen Sprache in Südasien
Bengalisch wird in der Region Bengalen im Osten des indischen Subkontinents sowie in der weltweiten Diaspora gesprochen. Es ist die Hauptsprache Bangladeschs und des indischen Bundesstaates Westbengalen. In Bangladesch sprechen laut der Volkszählung 2011 rund 108 Millionen Menschen Bengalisch als Muttersprache. Dies entspricht fast 99 Prozent der Gesamtbevölkerung. In Indien wird Bengali laut der dortigen Volkszählung 2011 von 97 Millionen Menschen als Muttersprache gesprochen. Damit ist das Bengalische die Sprache mit den zweitmeisten Sprechern in Indien; nur Hindi hat mehr. In den Bundesstaaten Westbengalen und Tripura stellen Bengalisch-Sprecher die Bevölkerungsmehrheit. Größere bengalischsprachige Minderheiten gibt es auch in den Bundesstaaten Assam, Jharkhand, Bihar und Odisha.Census of India 2011: Data on Language and Mother Tongue. Part A: Distribution of the 22 scheduled languages-India/States/Union Territories – 2011 census. Größere Gruppen von Bengalisch-Sprechern in der Diaspora finden sich unter anderem in den Vereinigten Staaten (260.000),United States Census Bureau: Detailed Languages Spoken at Home and Ability to Speak English for the Population 5 Years and Over for United States: 2009–2013. im Vereinigten Königreich (220.000 allein in England und Wales)2011 Office for National Statistics: 2011 Census: Quick Statistics for England and Wales, March 2011. sowie in den Golfstaaten.
Das Bengalische dient in Bangladesch und in den indischen Bundesstaaten Westbengalen und Tripura als Amtssprache. Auf überregionaler Ebene ist es in Indien als eine von 22 Verfassungssprachen anerkannt.
Schrift
mini|„Ich liebe dich“ in bengalischer Schrift, transkribiert: Ami tomake bhalobashi
Bengalisch wird in einer eigenen Schrift geschrieben. Es handelt sich dabei um eine Brahmi-Schrift, die mit der Devanagari, mit der unter anderem Hindi und Sanskrit geschrieben werden, verwandt ist. Das Alphabet besteht aus elf Vokalzeichen und 36 Konsonantzeichen. Neben zehn Vokalkurzzeichen, die in silbischen Verbindungen den dem Konsonanten folgenden Vokal kennzeichnen, gibt es drei sekundäre Lautzeichen zur Kenntlichmachung der Aussprache des Vokals (nasaliert, behaucht). Es existieren über 200 weitere Schriftzeichen für Konsonant-Vokal-Verbindungen und Konsonantencluster aus zwei oder drei Konsonanten, aus deren Form sich Art und Abfolge der Einzelbuchstaben jedoch weitgehend erschließen lassen.
Bengalische Ziffern werden mit eigenen Zahlzeichen geschrieben; zunehmend werden jedoch die international gebräuchlichen Indischen Ziffern verwendet.
Grammatik
Bengalisch folgt der Subjekt-Objekt-Verb-Satzstellung. Es verwendet Postpositionen. Es gibt kein grammatikalisches Geschlecht.
Adjektive und Substantive verändern sich wenig. Verben verändern sich häufig je nach Person, Zeit und Höflichkeitsform, jedoch nicht nach dem Numerus.
Geschichte
Die ältesten literarischen Zeugnisse der bengalischen Sprache sind die Charyapada, eine Sammlung von 47 Liedern verschiedener Dichter, die bereits vor 1000 n. Chr. geschrieben wurde. Dies sind mystische Lieder, die von verschiedenen buddhistischen Seher-Dichtern komponiert wurden: Luipada, Kanhapada, Kukkuripada, Chatilpada, Bhusukupada, Kamlipada, Dhendhanpada, Shantipada, Shabarapada usw. Zwischen den Jahren 1350 bis 1800 wurden viele literarische Werke mit religiösen Themen verfasst. Aufgrund der Sammlungsbemühungen der Nepal Royal Court Library, später auch der Asiatic Society, war eine Wiederentdeckung möglich.
Die Zeitleiste der bengalischen Literatur ist in zwei Perioden unterteilt – mittelalterliche (1360–1800) und moderne (nach 1800). Die mittelalterliche bengalische Literatur besteht aus verschiedenen poetischen Genres, darunter hinduistische religiöse Schriften (z. B. Mangalkavya), islamische Epen (z. B. Werke von Syed Sultan und Abdul Hakim (Dichter)), Übersetzungen von Sanskrit, arabischen und persischen Texten, Vaishnava-Texten (z. B. Biografien von Chaitanya Mahaprabhu), und weltliche Texte muslimischer Dichter (z. B. Werke von Alaol).
Eine sprachwissenschaftliche Untersuchung der bengalischen Grammatik, , wurde erst in den Jahren 1734–1742 von dem Portugiesen Manuel da Assumpção verfasst, der in Bhawal Missionsarbeit leistete. Im 19. Jahrhundert wurde die Sprache hauptsächlich von Ram Mohan Roy, Ishwarchandra Vidyasagar, und Rabindranath Tagore systematisiert. Vidyasagar schrieb das Sadhu Bangla, woraus später das Barna-Parichaya entwickelt wurde, ein Text, der noch immer eine große Rolle im Sprachunterricht in bengalischen Schulen spielt. Das erste gedruckte Buch in Bengali ist ein Bengeli-Grammatikbuch. Dieses Buch wurde 1776 von Nathaniel Brassey Halhed geschrieben. William Carey von Serampore übersetzte die Bibel ins Bengalische und veröffentlichte sie 1793 und 1801.
Mitte des 19. Jahrhunderts wurden Romane in die bengalische Literatur eingeführt. Rabindranath Tagore, Dichter, Dramatiker, Schriftsteller, Maler, Essayist, Musiker und Sozialreformer, ist die weltweit bekannteste Figur der bengalischen Literatur. Er gewann 1913 den Nobelpreis für Literatur. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts begannen auch muslimische Religionsgelehrte zunehmend auf die bengalische Sprache zurückzugreifen. Einer der Pioniere in dieser Hinsicht war Muhammad Naimuddin (1832–1908), der 1873 mit seinem Werk Jobdātal masāyel (Zubdat al-masāʾil; „Essenz der Streitfragen“) das erste islamische Rechtshandbuch auf Bengalisch veröffentlichte und 1892 mit der Publikation einer bengalischen Koranübersetzung begann, die auch einen umfangreichen Kommentar einschloss.Sufia M. Uddin: Constructing Bangladesh. Religion, Ethnicity, and Language in an Islamic Nation. S. 78–81 und 96–116.
Die bengalische Sprache trug zur Herausbildung einer eigenen nationalen Identität im ehemaligen Ostpakistan und schließlich zur Entstehung eines unabhängigen Staates Bangladesch bei. Bangladesch war von 1947 bis 1971 ein Teil Pakistans, das aus den überwiegend islamischen Landesteilen Britisch-Indiens gebildet wurde. In den Jahren 1947–52 versuchte die Zentralregierung Pakistans, Urdu als einzige Amtssprache durchzusetzen. Dagegen agitierte die Bengalische Sprachbewegung, die vor allem von Intellektuellen und Studenten getragen wurde. Besondere Bedeutung erlangten die gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen protestierenden bengalischen Studenten und der pakistanischen Polizei am 21. Februar 1952 in Dhaka.
Auch im indischen Bundesstaat Assam kam es am 19. Mai 1961 und am 21. Juli 1986 zu Ausschreitungen, jeweils nachdem die Landesregierung Assams versucht hatte, Asamiya als einzige Amtssprache auch für die in Assam lebende bengalische Bevölkerung einzuführen.
In der Zeit nach der Teilung umfasst die bengalische Literatur die Literaturen von Bangladesch und Westbengalen.
Literatur
Rahul Peter Das: Lehrbuch der modernen bengalischen Hochsprachen. 3. Auflage. (Südasienwissenschaftliche Arbeitsblätter 14). Halle (Saale) 2020, ISBN 978-3-96670-056-6. doi:10.11588/xarep.00004387
Elvira Friedrich: Einführung in die indischen Schriften, Tl. 2. Gujarati, Gurmukhi, Bengali, Oriya. Hamburg 2002, ISBN 3-87548-219-0.
Rainer Krack: Kauderwelsch, Bengali Wort für Wort. Reise-Know-How-Verlag, Bielefeld 2000, ISBN 3-89416-513-8.
Colin P. Masica: Indo-Aryan Languages. Cambridge University Press, Cambridge 1991, ISBN 0-521-23420-4.
William Radice: Teach yourself Bengali. 2003, ISBN 0-07-141368-5.
Sufia M. Uddin: Constructing Bangladesh. Religion, Ethnicity, and Language in an Islamic Nation. Chapel Hill 2006, ISBN 978-0-8078-3021-5.
Dušan Zbavitel: Lehrbuch des Bengalischen. 2. Auflage. Heidelberg 1996, ISBN 3-87276-142-0.
Weblinks
Fußnoten
Belege
Kategorie:Einzelsprache | de | wikipedia | 8,689 |
d1616394-7d7c-4ccd-8eef-4970cd121f02 | Astronomie | mini|Sternwarte auf La Palma, das astronomische Observatorium am Roque de los Muchachos
Die Astronomie (;Vgl. Eintrag ἀστρονομία in Liddell-Scott-Jones: A Greek-English Lexicon. von ‚Stern‘ und ‚Gesetz‘) oder Sternkunde ist die Wissenschaft der Gestirne. Sie erforscht mit naturwissenschaftlichen Mitteln die Positionen, Bewegungen und Eigenschaften der Objekte im Universum, also der Himmelskörper (Planeten, Monde, Asteroiden, Sterne einschließlich der Sonne, Sternhaufen, Galaxien und Galaxienhaufen), der interstellaren Materie und der im Weltall auftretenden Strahlung. Darüber hinaus strebt sie nach einem Verständnis des Universums als Ganzes, seiner Entstehung und seines Aufbaus.
Obwohl die Astronomie nur an wenigen Schulen ein Unterrichtsfach ist, finden ihre Forschungsergebnisse in der Öffentlichkeit viel Interesse; als Amateurastronomie ist sie ein verbreitetes Hobby. Dies hängt einerseits mit dem „erhebenden“ Eindruck zusammen, den der Sternhimmel auch bei freisichtiger Beobachtung macht, andererseits mit ihrer thematischen Vielfalt, der Berührung philosophischer Fragen und der Verbindung zur Raumfahrt.
Im Gegensatz zu früheren Zeiten wird die Astronomie als Naturwissenschaft heute streng abgegrenzt von der Astrologie, die aus Stellung und Lauf der Gestirne auf irdische Geschehnisse schließen will. Die Abgrenzung erfolgt auch, da die Astrologie eine Pseudowissenschaft ist – während die Astronomie auf empirischer Basis die Beschaffenheit, Bewegungen und Beziehungen von Himmelskörpern untersucht. Dennoch werden, wohl wegen der Ähnlichkeit beider Bezeichnungen, Astrologie und Astronomie von Laien nicht selten verwechselt.
An den Universitäten wurde die Astronomie um etwa 1800 zu einer eigenen Studienrichtung, wird heute aber oft dem Physikstudium zugeordnet. In der deutschen Hochschulpolitik wird sie seit 2018 gemeinsam mit der Astrophysik nicht mehr als Kleines Fach, sondern als mittelgroßes Fach eingestuft.
Geschichte
mini|Tagundnachtgleiche von der prähistorischen Stätte bei Pizzo Ventowikiloc.com bei Fondachelli-Fantina, Sizilien
mini|Flammarions Holzstich wurde oft für eine authentische Darstellung eines mittelalterlichen Weltbildes gehalten (Illustration in Camille Flammarion: La forme du ciel, Paris 1888)
mini|Planet Saturn, Aufnahme der Raumsonde Cassini 2004
Die Astronomie gilt als eine der ältesten Wissenschaften. Ihre Anfänge liegen im Nachdenken über die Himmelserscheinungen, in der kultischen Verehrung der Gestirne und im Erarbeiten von Kalender bzw. Zeitbestimmung.Dazu im Schöpfungsbericht der Genesis 1,14: Und Gott sprach: Lichter sollen am Himmelsgewölbe sein, um Tag und Nacht zu scheiden [...] und zur Bestimmung von Festzeiten, von Tagen und Jahren dienen [...]. In einem jahrtausendelangen Prozess – besonders gut erkennbar in der Himmelskunde Mesopotamiens und Griechenlands – trennten sich zunächst Astronomie und („Natur“)-Religion, später Astronomie und Meteorologie, in der Frühmoderne dann Astronomie und Astrologie.Vgl. z. B. Ferenc Némethy: Astronomisches und medizinisches Doppelfragment zu Budapest. Untersuchung der lateinischen und der deutschen Handschrift im Kodex 19167/S. 91 der Semmelweis-Bibliothek für Geschichte der Medizin (mit kritischer Textausgabe). Würzburg 1998 (= Würzburger medizinhistorische Forschungen. Band 26) Wesentliche Meilensteine für unser Wissen über das Weltall waren die Erfindung des Fernrohrs vor etwa 400 Jahren, das die kopernikanische WendeVgl. etwa Fritz Krafft: Nicolaus Copernicus. Astronomie und Weltbild an der Wende zur Neuzeit. In: Hartmut Boockmann, Bernd Moeller, Karl Stackmann (Hrsg.): Lebenslehren und Weltentwürfe im Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit. Politik – Bildung – Naturkunde – Theologie. Bericht über Kolloquien der Kommission zur Erforschung der Kultur des Spätmittelalters 1983 bis 1987 (= Abhandlungen der Akademie der Wissenschaften in Göttingen: philologisch-historische Klasse. Folge III, Nr. 179). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1989, ISBN 3-525-82463-7, S. 283–335. vollendete, sowie später im 19. Jahrhundert die Einführung der Fotografie und Spektroskopie.
Seit den 1960er-Jahren haben Astronomen mit der unbemannten und bemannten Raumfahrt die Möglichkeit, die Erdatmosphäre zu überwinden und ohne ihre Einschränkungen zu beobachten – also ohne Luftunruhe und in allen Bereichen des elektromagnetischen Spektrums. Dazu kommt erstmals die Möglichkeit, die untersuchten Objekte direkt zu besuchen und dort andere als nur rein beobachtende Messungen durchzuführen. Parallel dazu werden immer größere Teleskope für bodengebundene Beobachtungen gebaut.
Fachgebiete
mini|Eine Darstellung des beobachtbaren Universums mit Bildern mehrerer Teleskope
Die astronomische Wissenschaft gliedert sich nach den untersuchten Objekten und der Art der Forschung, die entweder theoretischer oder beobachtender Natur ist. Zu den wichtigsten grundlegenden Fachgebieten zählen die beobachtende Astronomie, die Astrophysik, die Astrometrie und die Himmelsmechanik. Die theoretische Astronomie hingegen entwickelt analytische und numerisch-physikalische Modelle zur Beschreibung von Himmelskörpern und kosmischen Phänomenen.
Die bedeutendsten Untersuchungsgebiete der Astronomie umfassen:
die Physik des Sonnensystems – insbesondere die Sonnenphysik, die Planetologie und die Meteorastronomie,
die Erforschung anderer Planetensysteme und von Exoplaneten,
die Galaktische Astronomie, welche die Milchstraße, ihre Struktur und ihr Zentrum erforscht,
die Extragalaktische Astronomie, die den Aufbau anderer Galaxien und ihrer aktiven Kerne untersucht, aber auch Gammablitze als die energiereichsten Vorgänge im Universum,
sowie die relativistische Astrophysik, die sich etwa mit Schwarzen Löchern beschäftigt.
Die Stellarastronomie untersucht Geburt, Entwicklung und Tod der Sterne, gestützt durch Spektralanalyse und Stellarstatistik.
Die Kosmologie hat Entwicklung und Struktur des gesamten Universums zum Gegenstand und untersucht mit Hilfe der Quantenphysik das Universum auch im atomaren und subatomaren Bereich,
während die Kosmogonie die Entstehung des Universums beinhaltet. Letztere kann als Teildisziplin der Kosmologie verstanden werden.
Die Integration vieler Messmethoden bringt es mit sich, dass man die Beobachtende Astronomie immer weniger nach benutzten Wellenlängenbereichen (Radioastronomie, Infrarotastronomie, Visuelle Astronomie, Ultraviolettastronomie, Röntgenastronomie und Gammaastronomie) einteilt, weil die Forschergruppen und (im Idealfall) auch der einzelne Wissenschaftler Informationen aus allen diesen Quellen heranziehen kann.
Die bis etwa 1900 vorherrschenden Methoden der klassischen Astronomie sind weiterhin als Basis für andere Teilgebiete unentbehrlich. Sie erforschen als Positionsastronomie mittels astrometrischer Verfahren, der Himmelsmechanik und Stellarstatistik den Aufbau des Weltalls und katalogisieren die Himmelskörper (v. a. durch Sternkataloge, Bahnbestimmungen und Ephemeriden). Im Gegensatz zu diesen überwiegend geometrischen Verfahren erforscht die Astrophysik mit ihren heute sehr vielfältigen Beobachtungstechniken die Physik der astronomischen Objekte und des ferneren Weltalls. Daneben kann die Raumfahrt als experimentelle Astronomie angesehen werden, und die Kosmologie als theoretische Disziplin.
Astronomie und andere Wissenschaften
mini|hochkant|Planetarischer Nebel M57, der Ringnebel im Sternbild Leier
Mit der Astronomie sehr eng verbunden sind die Physik und die Mathematik; die Fachgebiete haben sich vielfach befruchtet und sind auch im Astronomie-Studium als Einheit zu sehen. Das Universum erweist sich in vielen Fällen als Laboratorium der Physik, viele ihrer Theorien können nur in seinen Weiten und an heißen, energiereichen Objekten getestet werden. Nicht zuletzt waren die aufwändigen Berechnungen der Astronomie Triebfeder der modernen numerischen Mathematik und der Datenverarbeitung.
Traditionell ist die Zusammenarbeit der Astronomie mit der Geodäsie (Astrogeodäsie, Orts- und Zeitbestimmung, Bezugsysteme, Navigation), mit der Zeit- und Kalenderrechnung (Astronomische Chronologie) sowie mit der Optik (Entwicklung astronomischer Instrumente und Sensoren). Instrumentell und methodisch sind auch starke Bezüge zur Technik, Raumfahrt und Mathematik gegeben (Messgeräte, Satellitentechnik, Modellierung von Bahnen und Himmelskörpern). Geodätische Methoden werden auch zur Bestimmung des Gravitationsfeldes sowie der Figur anderer Himmelskörper angewandt.
In den letzten Jahrzehnten ist auch die Zusammenarbeit der Astronomie mit der modernen Geologie und der Geophysik immer wichtiger geworden, da sich das Arbeitsgebiet der Geowissenschaften mit Teilen der Planetologie deckt. Die Mineralogie analysiert die Gesteine der Erde mit ähnlichen Methoden wie jene anderer Himmelskörper. Die Kosmochemie als Teil der Chemie untersucht die Entstehung und Verteilung der chemischen Elemente und Verbindungen im Universum und die chemische Evolution, die Astrobiologie die Umstände von Entstehung, Ursprung und Existenz von Leben im Universum.
Des Weiteren kommt es zunehmend zu interdisziplinärer Forschung mit ursprünglich eher geisteswissenschaftlich ausgerichteten Disziplinen der Wissenschaft:
Die Astronomiegeschichte als Teil der Geschichtswissenschaften untersucht die Geschichte der Astronomie.
Bauten und Funde aus vor- und frühgeschichtlicher Zeit werden vermehrt in astronomischem Zusammenhang interpretiert (Archäoastronomie).
Da sich die Astronomie außerdem im Rahmen der Kosmologie mit den Fragen nach der Entstehung, der Entwicklung und dem Ende des Universums beschäftigt, gibt es darüber hinaus Schnittpunkte zu Theologie und Philosophie.
Ein konkretes Beispiel für die Verbindung zwischen Theologie und Astronomie ist die Berechnung des Osterdatums, die über Jahrhunderte hinweg eine zentrale Herausforderung der Kalenderwissenschaft darstellte. Seit dem Erstes Konzil von Nicäa Konzil von Nicäa im Jahr 325 n. Chr. gilt die Regel, Ostern am ersten Sonntag nach dem ersten Frühlingsvollmond zu feiern – eine Festlegung, die präzise astronomische Kenntnisse über Sonnen- und Mondzyklen voraussetzt.
Im Zuge der gregorianischen Kalenderreform von 1582 wurde unter Papst Gregor XIII. eine neue Schaltregel eingeführt, die das Sonnenjahr exakter abbildete. Verantwortlich für die Umsetzung war der Jesuit Christophorus Clavius, der auch als Wegbereiter der späteren Vatikanischen Sternwarte gilt. Diese wurde 1891 unter Papst Leo XIII. gegründet und unterhält heute gemeinsam mit der University of Arizona das Vatican Advanced Technology Telescope (VATT).
Ein weiteres Beispiel für die Verbindung von Astronomie und Mathematik ist die Gaußsche Osterformel, mit der Carl Friedrich Gauß um 1800 eine algorithmische Berechnung des Osterdatums entwickelte – sie findet bis heute Anwendung in kirchlichen und weltlichen Kalenderberechnungen.
Siehe auch
Astrophysik
Astronomiepark
Internationales Jahr der Astronomie 2009
Literatur
Einzelwerke
Albrecht Unsöld, Bodo Baschek: Der neue Kosmos. ISBN 3-540-42177-7
Alfred Weigert, Heinrich Johannes Wendker, Lutz Wisotzki: Astronomie und Astrophysik. Ein Grundkurs. Wiley-VCH, Weinheim 2010, ISBN 978-3-527-40793-4.
Jeffrey Bennett et al.: Astronomie. Die kosmische Perspektive (Hrsg. Harald Lesch), 5., aktualisierte Auflage 2010. Pearson Studium Verlag, München, ISBN 978-3-8273-7360-1
Meyers Handbuch Weltall, Wegweiser durch die Welt der Astronomie. 1994 (7., überarbeitete Auflage), ISBN 3-411-07757-3
P. Murdin (Hrsg.): Encyclopedia of Astronomy & Astrophysics. 2001, ISBN 0-333-75088-8 – http://eaa.crcpress.com/
Der Brockhaus Astronomie: Planeten, Sterne, Galaxien. F. A. Brockhaus, Mannheim – Leipzig 2006, ISBN 3-7653-1231-2
Joachim Herrmann: dtv-Atlas Astronomie, 15. Auflage 2005. Deutscher Taschenbuch-Verlag München, ISBN 3-423-03267-7
Kurt Hopf: Von der Erde ins All – Das Weltall in Beispielen – Didaktische Materialsammlung auf CD-ROM für Kindergärten, Schulen, Sternwarten und Planetarien, COTEC-Verlag Rosenheim
Harry Nussbaumer: Das Weltbild der Astronomie. 2007, ISBN 978-3-7281-3106-5, 2., erweiterte und aktualisierte Auflage. vdf Hochschulverlag.
M. Wächter: Kleine Entdeckungsgeschichte(n) der Astronomie im Kontext von Zeitgeschichte und Physik, Verlag Königshausen und Neumann, Würzburg 2018, ISBN 978-3-8260-6511-8
R.A. Freedman, W.J. Kaufmann: Universe. Freeman, NY 2004, ISBN 0-7167-9884-0
Arnold Hanslmeier: Einführung in Astronomie und Astrophysik. Spektrum Akad. Verl., Berlin 2007, ISBN 978-3-8274-1846-3
Hans-Ulrich Keller: Kompendium der Astronomie: Einführung in die Wissenschaft vom Universum. Franckh-Kosmos, 6. aktual. & erw. Auflage, Stuttgart 2019, ISBN 978-3-440-16276-7
Edward Brooke-Hitching: Der Atlas des Himmels. Eine kleine Geschichte der Astronomie. Übersetzt von Lutz-W. Wolff. Knesebeck Verlag, München 2020, ISBN 978-3-95728-424-2
Periodika
Sterne und Weltraum, Monatszeitschrift für Astronomie
Sternenbote, österreichische Monatszeitschrift für Astronomie
Interstellarum, ehemalige 2-Monats-Zeitschrift für Astronomie
Astronomie + Raumfahrt, 2-Monats-Zeitschrift für Unterricht, Fortbildung, Freizeit
Orion, 2-Monats-Zeitschrift der Schweizerischen Astronomischen Gesellschaft
Regiomontanusbote, Quartalsschrift der Nürnberger Astronomischen Gesellschaft und Nürnberger Astronomischen Arbeitsgemeinschaft,
Weblinks
Weltraumbild des Tages (APOD) – Deutsche Übersetzung von Astronomy Picture of the Day
NASA ADS – Datenbank astronomischer Forschungsliteratur (englisch)
Astronomie.de – Deutschsprachige Website über Astronomie
sternsucher.com – Astronomie für Einsteiger und Fortgeschrittene mit Blog und Tipps für die eigene Beobachtung
Astrotreff-Deep-Sky.de – Informationen zum Einstieg in das Hobby Astronomie
Lexikon der Alten Musik BR-Klassik: Astronomie in: br-klassik.de, 22. Dezember 2019; abgerufen am 29. Juli 2021 (Lexikonartikel mit zusätzlichem Audiobeitrag inkl. Musikbeispielen)
Videos
Einzelnachweise
Kategorie:Wissenschaftliches Fachgebiet
Kategorie:Studienfach
Kategorie:Astronomisches Thema als Namensgeber für einen Asteroiden | de | wikipedia | 14,150 |
6d402ea6-445c-4001-b9b9-008f1b6a88e6 | Babylon | Babylon oder Babel, , sumerisch , akkadisch , babylonisch Bāb-ili(m), (tiberianisch Babel), . war als Hauptstadt Babyloniens eine der wichtigsten Städte des Altertums. Sie lag am Euphrat, etwa 90 km südlich Bagdads im heutigen Irak (Provinz Babil). Die Ruinen der Stadt sind unter anderem von Robert Koldewey Anfang des 20. Jahrhunderts teilweise freigelegt worden. Der Ort war die Hauptstadt des gleichnamigen Stadtstaates, der zeitweise über weite Teile des südlichen Zweistromlandes sowie Gebiete westlich des Zweistromlandes (Syrien, Israel) herrschte. Die Blütezeit der antiken „Weltstadt“ Babylon lag zwischen 1800 und 140 v. Chr.Ab etwa 140 v. Chr. rapider Niedergang und Bedeutungsverlust durch regionale Schwerpunktverlagerung des städtischen Hauptzentrums Babyloniens nach Seleukeia-Ktesiphon und nicht endenwollende Kriege zwischen den (griechisch-makedonischen) Seleukiden und den (iranischen) Parthern um die Hegemonie in der Region. Babylon/Babel diente in der westlichen Kulturgeschichte als Sinnbild von Neid, Hochmut und Niedergang („Sündenbabel“); diese Vorstellung geht auf die biblischen Berichte über die Stadt zurück (Turmbau zu Babel, babylonische „Gefangenschaft“ der Juden).
Etymologie
Der akkadische Name Babylons lautete als piktographisches Sumerogramm geschrieben KÁ.DINGIR.RAKI (, , =a(k) Genitiv, Determinativ für Städtenamen), in akkadischer Silbenschrift jedoch .
Ab Anfang des zweiten Jahrtausends v. Chr. wechselte er in die aus dem Sumerogramm hergeleitete babylonische Entsprechung ( [sc. von ], [Gen. von ]), wovon sich später ableitete.Dietz Otto Edzard: Geschichte Mesopotamiens. Von den Sumerern bis zu Alexander dem Großen. Beck, München 2004, S. 121. Bei der gebräuchlichen mesopotamischen Übersetzung von Babillu, Babilim, Babilani als ,Tor des Gottes‘, ‚Gottestor’ handelt es sich aber wahrscheinlich um eine volksetymologische Ableitung der Urform, wobei die alte Bedeutung des akkadischen Stadtnamens nach wie vor unklar bleibt.
Spätestens unter Naram-Sin findet sich die Schreibung (noch ohne das Genitivsuffix =a(k)), die Naram-Sin als ‚Tor des Gottes’ deutete. In der Ur-III-Zeit ist die um den Genitiv erweiterte schriftliche Form belegt, gesprochen als . In der altbabylonischen Sprache ist daneben als weitere Variante bezeugt.Dietz Otto Edzard: Namen, Namengebung (A). In Dietz Otto Edzard u. a.: Reallexikon der Assyriologie und vorderasiatischen Archäologie, Bd. 9. de Gruyter, Berlin 2001, ISBN 3-11-017296-8, S. 102, vgl. auch Dietz Otto Edzard, Gertrud Farber: Répertoire Géographique des Textes Cunéiformes II, Die Orts- und Gewässernamen der Ur III Zeit. In: Beihefte zum Tübinger Atlas des Vorderen Orients (TAVO). Reihe B, Nr. 7/2. Wiesbaden 1974, S. 21.
Ins Griechische wurde der Name aus der Form übernommen, wobei die Abdumpfung des ā zu ō verrät, dass die Griechen den Namen offenbar aus einem westsemitischen Dialekt übernommen haben, in dem der Name , bzw. ausgesprochen wurde.
Die im Zusammenhang der alttestamentlichen Erwähnung Babylons hergestellte Namenserklärung basiert ebenfalls auf späteren Überlieferungen und zugleich auf anderen Motiven.Miklós Köszeghy: Der Streit um Babel in den Büchern Jesaja und Jeremia. Kohlhammer, Stuttgart 2007, ISBN 978-3-17-019823-4, S. 116. Das in verwendete hebräische Verb , „verwirren“ mit der Grundbedeutung „verrühren, vermischen“, bezieht sich auf den Turmbau zu Babel.Klaus Seybold: Der Turmbau zu Babel: Zur Entstehung von Genesis XI 1–9. In: Vetus Testamentum, Band 26, Nr. 4, Oktober 1976, S. 453–479, hier S. 466. Die entsprechende Übersetzung von Babylon als „Durcheinander“ gründet sich daher primär auf die „Sprachverwirrung“ beziehungsweise auf das „Durcheinander der Sprachen“ und kann deshalb nicht als etymologischer Beleg zur Klärung herangezogen werden.Othmar Keel: Die Geschichte Jerusalems und die Entstehung des Monotheismus. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2007, ISBN 978-3-525-50177-1, S. 603.
Geschichte
Altbabylonisches Reich
mini|Detail des babylonischen Ischtar-Tores (Pergamonmuseum, Berlin)
Es gibt schon gegen Ende des 3. Jahrtausends v. Chr. erste Erwähnungen Babylons, jedoch nur als unbedeutende Kleinstadt.
Šumu-abum (1894–1881 v. Chr.), Begründer der I. Dynastie von Babylon, machte die Stadt zum Verwaltungszentrum seines Reiches. Unter dem König Hammurapi I. (1792–1750 v. Chr.), dem bekanntesten altbabylonischen Herrscher, erlebte Babylon seine erste Blütezeit. Texte der ersten Dynastie aus Babylon selbst sind selten; keiner von ihnen stammt aus dem bisher unentdeckten Palastarchiv.Amanda H. Podany: The Land of Hana. Kings, chronology and scribal tradition. CDL-Press, Bethesda 2002, S. 1, Anm. 2.
Die Eroberung Babylons durch die Hethiter unter König Muršili I. (1620–1595 v. Chr.) ist nur schlecht belegt, das genaue Datum ist unbekannt. Sie fand unter der Herrschaft von Šamšu-ditana statt, der der letzte Herrscher der 1. Dynastie war. Nach der mittleren Chronologie wird der Fall 1595 angesetzt, nach Gasches ultrakurzer Chronologie 1499.H. Gasche et al., Dating the fall of Babylon: a reappraisal of second-millennium chronology. Mesopotamian history and environment, Memoirs 4. Ghent, University of Ghent and the Oriental Institute of the University of Chicago 1998. Nach dem Fall Babylons setzen schriftliche Dokumente ganz aus, die nächsten stammen aus der Zeit der Kassitenherrschaft und sind vermutlich etwa 100 Jahre später anzusetzen.Amanda H. Podany: The Land of Hana. Kings, chronology and scribal tradition. 2002, S. 2.
In der Folge, vielleicht nach einer Episode unter Gulkišar, einem König der Meerland-Dynastie, übernahmen die Kassiten für 400 Jahre die Herrschaft über die Stadt. Als im 14. Jahrhundert v. Chr. König Kuri-galzu I. (1390–1370 v. Chr.) die Residenzstadt Dur-Kurigalzu gründete, blieb Babylon geistig-religiöses Zentrum. Um 1225 v. Chr. wurde Babylon durch den assyrischen König Tukulti-Ninurta I. (regierte ca. 1233–1197 v. Chr.) erobert, der die Statue des Stadtgottes Marduk wiederum verschleppte, diesmal nach Assyrien. Kurz darauf überfiel der elamische König Šutruk-Naḫḫunte II. (1190–1155 v. Chr.) die Stadt und raubte viele Kunstwerke und Götterbilder, die er in seine Hauptstadt Susa (Persien) brachte. Damit endete die Herrschaft der Kassiten in Babylon.
Babylon erstarkte unter König Nebukadnezar I. (1126–1104 v. Chr.) aus der II. Dynastie von Isin, der die Marduk-Statue zurückholte. Später eroberten assyrische Truppen unter Tiglat-pileser I. (1115–1076 v. Chr.) die Stadt. Nebukadnezar I. schaffte es jedoch, Babylon wieder von der assyrischen Herrschaft zu befreien.Klaus D. Christof und Renate Haass: Weihrauch: der Duft des Himmels. J. H. Röll Verlag, 2006, ISBN 3-89754-252-8, S. 119.
Babylon verlor mit dem Aufstieg Assyriens stark an Bedeutung und wurde im 7. Jahrhundert v. Chr. zweimal von den Assyrern zerstört, 689 v. Chr. durch Sanherib.
Neubabylonisches Reich und Eroberung durch die Perser
626 v. Chr. ließ sich Nabopolassar nach einem erfolgreichen babylonischen Aufstand gegen Assyrien zum König ausrufen und besiegte die Assyrer, deren Hauptstadt Ninive er 612 v. Chr. mit Hilfe der Meder zerstörte. Nebukadnezar II., sein Sohn, wehrte eine Invasion der Ägypter ab und regierte über ein Gebiet von Palästina bis an den Persischen Golf. In seiner Regierungszeit stiegen Stadt und Reich zu neuer Blüte auf.
Jedoch währte diese Blütezeit nicht sehr lange. König Nabonid bestieg 556 v. Chr. den Thron Babylons. Er führte die von Nebukadnezar II. begonnenen Wirtschaftsreformen durch und entzog den Tempeln der Marduk-Priesterschaft die Ländereien. Zusätzlich setzte er Sin, den Mondgott, als oberste Gottheit ein. Dies führte dazu, dass die ihm nun feindlich gesinnte Priesterschaft Babylons mit dem Perserkönig Kyros II., der sich zu Marduk bekannte, bei dessen Eroberung der Stadt 539 v. Chr. kooperierte und maßgeblich an seinem Sturz und dem Babyloniens beteiligt war.
Nachruhm
Alexander der Große eroberte die Stadt nach seinem Sieg in der Schlacht von Gaugamela und wurde als Befreier begrüßt. Alexander machte Babylon später zum Sitz seines Reiches, wo er dann auch am 10. Juni 323 v. Chr. verstarb. In der Zeit der Diadochen gehörte Babylon zum Seleukidenreich, verlor unter makedonischer Herrschaft jedoch an Macht, als die neue Hauptstadt Seleukeia am Tigris gebaut wurde und viele Bewohner Babylons dorthin umgesiedelt wurden. Umstritten ist, ob Babylon im Hellenismus eine Polis griechischen Typs gewesen ist. Fraglos verfügte Babylon spätestens seit Antiochos IV. über die typischen Bauwerke (Theater, Gymnasion, Agora), überdies werden politai ‚Bürger‘ erwähnt, doch andererseits fehlt bislang jeder Hinweis auf die typischen Institutionen einer Polis (Volksversammlung, Rat, Magistrate).
Lange Zeit nahm man in der Forschung an, Babylon habe unter den Seleukiden einen Niedergang erlebt und sei spätestens unter parthischer Herrschaft endgültig verlassen worden. Der römische Kaiser Trajan soll hier um 115 n. Chr. nur noch Ruinen gesehen haben. Inzwischen sind aber Zweifel an dieser Sichtweise aufgekommen; so nennt der wohl im ersten Jahrhundert entstandene so genannte 1. Brief des Petrus (5,13) Babylon als einen Wirkungsort des Petrus, und in der Spätantike erwähnt Prokopios von Caesarea Babylon (De Aed. 1,1,53) als Produktionsstätte von Asphalt. Wann genau Babylon jede Bedeutung verlor, wird daher inzwischen wieder kontrovers diskutiert. Der Hinweis im Petrusbrief wurde allerdings schon in der Antike als Hinweis auf Rom gedeutet, und die Bemerkung von Prokopios bezieht sich streng genommen auf Babylon zur Zeit von Semiramis.
Es wird geschätzt, dass Babylon von ca. 1770 bis 1670 v. Chr. und wiederum von ca. 612 bis 320 v. Chr. die größte Stadt der Welt war. Sie war vielleicht die erste Stadt, die eine Bevölkerung von mehr als 200.000 Einwohnern erreichte.Tertius Chandler. Four Thousand Years of Urban Growth: An Historical Census (1987), St. David’s University Press . ISBN 0-88946-207-0.
Die Schätzungen über die maximale Ausdehnung der Stadtfläche reichen von 890Marc van de Mieroop: The Ancient Mesopotamian City. Oxford University Press, Oxford 1997, ISBN 978-0-19-158845-7, S. 95 (). bis 900 Hektar.Tom Boiy: Late Achaemenid and Hellenistic Babylon. (=Orientalia Lovaniensia Analecta. Band 136) Peeters Publishers, Leuven 2004, ISBN 90-429-1449-1, S. 233 ().
Aufbau der Stadt
Der Aufbau Babylons im dritten und zweiten Jahrtausend vor Christus ist wenig bekannt. Entsprechende Nachforschungen scheiterten lange Zeit am hohen Grundwasserspiegel in diesem Areal und in jüngerer Vergangenheit an der Sicherheitslage im Irak.
Neubabylonische Zeit
Antike Berichte
Laut dem antiken griechischen Historiker Herodot war Babylon . Babylon wurde von einem riesigen Festungsgürtel umschlossen. Diese Mauern von Babylon besaßen laut Herodot angeblich eine Länge von 86 Kilometern mit einhundert Toren. Ausgrabungen Koldeweys ergaben, dass die Mauern „nur“ 18 Kilometer lang waren. Außerdem soll es in der Stadt auch drei- und vierstöckige Gebäude gegeben haben. Im Tempelbezirk befand sich seinen Berichten zufolge auch ein Turm, von dem es im Alten Testament heißt, man wollte damit den Himmel erreichen. Er erwähnte jedoch nicht die Hängenden Gärten.
Ausgrabungsergebnisse
Koldewey begriff schon bald nach Beginn seiner Ausgrabungen, dass die Größenangaben Herodots stark übertrieben waren, auch wenn der Umfang der Stadt mit 18 Kilometern immer noch imposant erscheint. Babylon war auf beiden Seiten des Euphrat errichtet. Die Stadt war von einer inneren Doppelmauer und einem äußeren Mauerring auf dem Ostufer umgeben, die im Norden durch eine Festung noch zusätzlich geschützt wurden, welche auch als Sommerresidenz des Königs diente.
Die eigentliche Stadt befand sich jedoch im Inneren der doppelten Befestigungsmauer mit einem rechteckigen Grundriss von 1,5 × 2,5 km. Das Ischtar-Tor, eines der neun Tore, kann man heute im Berliner Pergamonmuseum besichtigen. Direkt neben dem Tor stand der Ninmaḫ-Tempel. Eine Prozessionsstraße führte hindurch in die Stadt, vorbei am Palast des Königs zum Marduktempel und dem Zikkurat von Etemenanki, besser bekannt als der Turm zu Babel.
Der von Nabopolassar (gestorben 605 v. Chr.) erbaute Palast hatte den des assyrischen Königs Sanherib zum Vorbild. Er besaß einen quadratischen Innenhof, drei kleine Privaträume und zwei große Säle, war also von verhältnismäßig bescheidener Größe. Nebukadnezar II. (regierte 605 bis 562 v. Chr.) ließ drei weitere identische Gebäude errichten und sie durch Gänge mit dem ursprünglichen Komplex verbinden; eines von ihnen beherbergte den 52 Meter langen Thronsaal des Königs. Daneben wurden neue Wohnräume für die Bediensteten, aber auch Verwaltungs- und Vorratsräume gebaut. Vermutlich waren auch die Hängenden Gärten dort untergebracht.
Der Tempel des Marduk mit dem Namen Esaĝila befand sich im heiligen Bezirk Babylons. Das Gebäude war ähnlich wie eine Festung mit quadratischem Umriss aufgebaut. Nach dem Betreten des Tempels kamen die Priester in den Raum, in dem sich die heilige Statue Marduks befand. In dem Heiligtum wurden jedoch auch viele andere Götter verehrt, die alle Marduk dienen sollten. Neben dem Tempel ragte der zuvor bereits angesprochene Turm auf.
Wohnbauten konnten im Merkes-Viertel, das sich südlich des Ischtar-Tores befand, ausgegraben werden. Vor allem die Häuser der neubabylonischen Zeit waren gut erhalten: Bauten mit massiven Lehmziegelmauern und einem Hof im Zentrum.
Hellenistische Zeit
Aus der Seleukidenzeit (3. bis 2. Jahrhundert v. Chr.) sind nur wenige Neubauten erhalten, doch sind überall in der Stadt Umbauten festzustellen. Eine griechische Inschrift (OGIS 253) aus dem Jahr 166 v. Chr. bezeichnet Antiochos IV. als Gründer Babylons, womit gemeint sein dürfte, dass dieser König einen Teil der Stadt in eine griechisch-makedonische Polis umwandelte, wie er es auch in Jerusalem tat. Die neubabylonischen Häuser im Merkesviertel sind im Laufe der seleukidischen Periode wieder bewohnt worden, nachdem sie anscheinend einige Zeit leer gestanden hatten. In einem Haus fanden sich im Hof vier Säulenbasen, die andeuten, dass dort ein Peristyl griechischen Stils eingebaut wurde. Die Säulen sind nicht erhalten, bestanden aber einst vielleicht aus Holz. Im selben Haus wurde auch ein Türdurchgang vermauert und eine Badewanne in der so entstandenen Nische eingebaut. Im Osten der Stadt wurde ein hellenistisches Theater errichtet, und die alten Paläste wurden weiterhin benutzt, zeigen aber architektonische Elemente, die offensichtlich griechisch sind. In fast allen Palästen der Stadt fanden sich so Antefixe, die belegen, dass diese Bauten weiterhin benutzt und teilweise griechischem Geschmack angepasst wurden.
Unter parthischer Herrschaft
Bald nach der Mitte des 2. Jahrhunderts v. Chr. geriet Babylonien unter die Herrschaft der parthischen Arsakiden. Nach Aussage literarischer Quellen erlebte die Stadt unter den Parthern einen langsamen Niedergang, während gleichzeitig Ktesiphon zur wichtigsten Metropole im Zweistromland aufstieg. Allerdings gibt es vor allem in der Wohnstadt zahlreiche Befunde, die bezeugen, dass die Stadt weiter bewohnt wurde. Da die parthischen Schichten zuoberst liegen, sind sie aber meist nur schlecht erhalten. Es ist vor allem zu beobachten, dass die Straßenführung der alten Stadt aufgegeben wurde und durch eine neue ersetzt wurde. Das griechische Theater bestand weiter und wurde sogar renoviert. Andere öffentliche Gebäude können dieser Zeit bisher nicht mit Sicherheit zugeordnet werden. Aus den parthischen Schichten stammen viele Bestattungen, die vor allem unter den Fußböden der Häuser stattfanden. Da, wie erwähnt, noch Prokopios im 6. Jahrhundert Babylon möglicherweise als bewohnte Stadt erwähnt (siehe oben), scheint der Ort auch noch unter den Sassaniden besiedelt gewesen zu sein.
Forschungsgeschichte
mini|Lageplan von Babylon und Umgebung (1829) von Robert Mignan
mini|Babylon im Jahr 1932
Obwohl Babylon seit jeher nicht nur bei Autoren der klassischen Antike, sondern auch bei vielen Reisenden auf großes wissenschaftliches Interesse stieß, stellen doch erst die systematischen Ausgrabungen des Briten Claudius James Rich in den Jahren 1811 bis 1817 die Anfänge archäologischer Aktivitäten an diesem Ort dar.
Im Laufe des 19. Jahrhunderts wurden die Arbeiten mit Unterbrechungen weitergeführt: 1830 fanden zwei Grabungskampagnen unter Robert Mignan statt, 1850 wurde Austen Henry Layard in Babylon aktiv, und ab 1851 begann ein drei Jahre andauerndes Großprojekt der Franzosen Fulgence Fresnel, Jules Oppert und Félix Thomas. Henry Creswicke Rawlinson führte 1854, wenn auch nur äußerst oberflächlich, die Arbeiten seiner französischen Vorgänger fort. Auch William Beaumont Selby (1859), Henri Pacifique Delaporte (1862) und Hormuzd Rassam (1879) beschränkten ihre archäologischen Aktivitäten in Babylon auf Kurzkampagnen.
1899 begann eine langfristig angelegte Forschungsmaßnahme im Auftrag der ein Jahr zuvor gegründeten Deutschen Orient-Gesellschaft unter der Leitung des Architekten Robert Koldewey. Dieser betrieb erstmals für die Archäologie in Mesopotamien Bauaufnahmen, in der die Lage der einzelnen Steine und Mauern erkennbar blieb und nachfolgende Archäologen daraus die Grundrisse in ihrer historischen Abfolge beurteilen können.
Abgesehen vom allgemeinen Interesse für die freigelegten Großbauten waren vor allem die Grabungen im Wohngebiet Merkes (Markaz) durch ihre besondere Vorgehensweise für die Fachwelt richtungsweisend. Neben anderen grub hier 1907 und 1908 Oscar Reuther, dem es primär um die Schichtenabfolge ging. Hierzu legte er Grabungsquadrate an, zwischen denen drei Meter breite Grabungsstege stehenblieben, an denen die Schichten beurteilt werden konnten. Nachdem stattliche Häuser aus neubabylonischer Zeit zum Vorschein gekommen waren, ging man 1912 dazu über, eine sich auf diese Schicht konzentrierende Flächengrabung durchzuführen.Eva Strommenger, Wolfram Nagel, Christian Eder: Von Gudea bis Hammurapi. Grundzüge der Kunst und Geschichte in Altvorderasien. Böhlau Verlag, Köln 2005, S. 217 f.
Die Ausgrabungen liefen 18 Jahre fast ohne Unterbrechungen. Erst im Jahre 1917, gegen Ende des Ersten Weltkrieges, kamen die Arbeiten angesichts der gegen Bagdad vorrückenden britischen Truppen zum Erliegen. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde die Grabungstätigkeit wiederaufgenommen, vor allem durch die irakische Antikenverwaltung. Außerdem fanden Ausgrabungen des Deutschen Archäologischen Institutes unter der Leitung von Hansjörg Schmid (ab 1962) und Jürgen Schmidt (1967–1973) statt.
Im Rahmen des Projekts „Electronic Babylonian Literature“ gelang Enrique Jiménez an der Ludwig-Maximilians-Universität München 2025 die Wiederentdeckung eines Hymnus auf Babylon, der um 1.000 vor Christus entstanden ist. Mithilfe der KI-gestützten Plattform wurden 30 weitere Manuskripte identifiziert, die zur wiederentdeckten Hymne gehören. So konnte der lückenhafte Text auf der Tontafel ergänzt und die Dichtung komplett entschlüsselt werden. „Es handelt sich um einen faszinierenden Hymnus, der Babylon in seiner größten Blütezeit beschreibt und Einblicke in das Leben seiner Einwohner und auch seiner Einwohnerinnen gibt.“
Die irakischen Aktivitäten in Babylon konzentrierten sich auf Rekonstruktionen öffentlicher Bauwerke. Darüber hinaus ließ der irakische Diktator Saddam Hussein, der sich als Nachfolger des babylonischen Königs Nebukadnezar II. verstand, für sich einen neuen Palast bauen.
Heutige Nutzung
mini|US-Marines vor Babylon
Nach dem Irakkrieg richteten US-amerikanische Truppen im April 2003 einen Stützpunkt um Babylon ein, um die antike Stadt vor Plünderern und Grabräubern zu schützen. Polnische Truppen stießen einige Monate später hinzu und übernahmen am 3. September 2003 die Lagerführung. Der Stützpunkt beherbergte bis zu 2000 Soldaten.
Beim Bau des Lagers wurden Flächen für Park- und Hubschrauberlandeplätze freigeräumt und mit Schotter aufgeschüttet. Zudem wurden Schützengräben gebaut und Sandsäcke mit Sand aus den Ausgrabungsstätten gefüllt. Laut zweier Berichte des Konservators des British Museum John Curtis aus den Jahren 2003 und 2005 wurde die Ruinenstadt erheblich beschädigt. Unter anderem seien die Drachen des Ischtar-Tors bei dem Versuch eines Unbekannten, Steine herauszubrechen, in Mitleidenschaft gezogen worden. Zudem sei die 2600 Jahre alte gepflasterte Prozessionstraße durch die Befahrung mit schweren Militärfahrzeugen zerstört worden.Archäologie: Die zweite Zerstörung des großen Babylon (welt.de, 19. Juni 2008, abgerufen am 5. April 2013) Mohammed Tahir al-Shahk Hussein, Archäologe des irakischen Staatsrates für Antiquitäten und Kulturerbe und ehemaliger Museumsdirektor, relativiert hingegen die Kriegsschäden und sieht das größere Problem in den unter Saddam Hussein errichteten Neubauten.Reiner Luyken: „Der Banausen-Bau zu Babel“ – Die Zeit (2009) Nr. 31, S. 27.
Tausende von Menschen leben derzeit in Babylon innerhalb der alten äußeren Stadtmauern, und die Bevölkerung wächst schnell. Gesetze schränken den Bau ein.
Babylon hatte einen Bahnhof an der Bahnstrecke Bagdad–Basra.Neil Robinson: World Rail Atlas. Band 8: The Middle East and Caucasus. World Rail Atlas Ltd. England 2006. ISBN 954-12-0128-8, Taf. 30 (englisch).
Rezeption
Sieben Weltwunder
Die Stadt war Zentrum Babyloniens und ist auch durch die Hängenden Gärten der Semiramis, eines der Sieben Weltwunder der Antike, bekannt. Ursprünglich gehörte auch die mächtige Stadtmauer zu den Weltwundern.
Wie oben erwähnt, beschrieb Herodot die Stadt ausführlich.
Platon
In der wissenschaftlichen Literatur über Platons Atlantis-Dialoge Timaios und Kritias wird Babylon als eine mögliche Vorlage für Platons Atlantisbeschreibung diskutiert.
Bibel
mini|hochkant=1.6|Rekonstruktion der Zikkurat von Ur.
In der jüdischen Tora und dem christlichen Alten Testament wird für das antike Babylon der hebräische Name Babel verwendet, gedeutet als angelehnt von bâlal' „überfließen, vermischen, verwirren“. Es wird ein gewaltiger Turmbau zu Babel erwähnt . Um die Macht der Menschen zu beschränken, habe Gott die Menschen verwirrt und ihnen verschiedene Sprachen gegeben . Aufgrund dieser Kommunikationsstörung mussten sie dann den Bau beenden. Diese Geschichte ist der Ursprung der Redensart „babylonisches Sprachgewirr“ oder „babylonische Verwirrung“.
Um 600 v. Chr. eroberte Nebukadnezar II. Jerusalem und veranlasste die Umsiedelung von Teilen der Bevölkerung, vor allem der Oberschicht, nach Babylon. Dieses babylonische Exil war ausschlaggebend für die Entwicklung eines Identitätsgefühls als jüdisches Volk und wird in der Bibel ausführlich beschrieben: Babylon wird als Ort des Unglaubens, der Unzucht und der Unterdrückung dargestellt, eine Sichtweise, die sich später im Neuen Testament wiederfindet. Dabei ist zu bedenken, dass die Bibelautoren das Exil als große Gefahr für den jüdischen Glauben ansahen, dementsprechend negativ gefärbt ist ihre Beschreibung des Aufenthalts, der als Sklaverei wahrgenommen wurde. Die meisten Hebräer führten jedoch ein angenehmes Leben in der Metropole; babylonische Keilschrifttafeln zeigen, dass viele von ihnen hohe Positionen in Militär und Wirtschaft einnahmen.
Im Folgenden ein Überblick über die relevantesten namentlichen Erwähnungen Babylons im Tanach:
Babylon als Teil von Nimrods Herrschaftsgebiet (Gen 10,10)
Turmbau in Babylon (Gen 11,9)
Eine Gesandtschaft aus Babylon pflegt diplomatische Beziehungen mit König Hiskia von Juda (2Kön 20,12–15; 2Chr 32,31)
Ankündigung des babylonischen Exils (2Kön 20,16–18)
König Manasse von Juda wird nach Babylon deportiert (2Chr 33,11)
Tributabhängigkeit des Königs Jojakim von Juda gegenüber dem König aus Babylon (2Kön 24,1); Jojakim wird nach Babylon deportiert (2Chr 36,6) und geplünderte Tempelschätze werden ebenso dorthin gebracht (2Chr 36,7)
Belagerung Jerusalems durch das Heer aus Babylon zur Zeit des Königs Jojachim von Juda (2Kön 24,10) mit anschließender Deportation nach Babylon (2Kön 24,12.15–16; 1Chr 9,1) – darunter auch Mordechai (Est 2,6) – und weiteren Plünderungen zugunsten Babylons (2Chr 36,10)
König Zedekia wird von Babylon als Marionettenkönig eingesetzt (2Kön 24,17; 2Chr 36,10), wendet sich aber von Babylon dann ab (2Kön 24,20; 2Chr 36,13).
Erneute Belagerung Jerusalems (2Kön 25,1) mit anschließender Vernichtung oder Deportation nach Babylon (2Kön 25,6–7.11.21); Deportation impliziert unter anderem Sklaverei in Babylon (2Chr 36,20) und wird als Strafe Gottes gedeutet (Esr 5,12)
Nebusaradan kommt aus Babylon nach Jerusalem, um den Tempel zu plündern und zu zerstören; die Beute wird nach Babylon gebracht (2Kön 25,8.13.20; 2Chr 36,18)
Von Babylon wird Gedalja als Herrscher über die Übriggebliebenen eingesetzt (2Kön 25,22–26)
Jojachin wird in Babylon begnadigt (2Kön 25,27–30; Jer 52,31–34)
Die Rückkehr der Menschen von Juda aus Babylon (Esr 2,1; 8,1; Neh 7,6) unter Kyrus dem Perser bedeutet unter anderem die Zurückbringung der geplünderten Gegenstände (Esr 1,11; 5,14; 6,5), den Wiederaufbau des Tempels (Esr 5,13), die Karriere Esras (Esr 7,6.9), Unterstützung der Rückkehrenden durch die Wirtschaftskraft Babyloniens (Esr 7,16)
Das Buch Daniel spielt in Babylonien (zum Beispiel Dan 2,12)
Daneben wird Babylonien in prophetischen Schriften erwähnt, vor allem in Jes, Jer und Ez
Im Neuen Testament wird der Name Babylon bzw. das Attribut babylonisch zwölfmal erwähnt. Dies geschieht zum einen in Rückblicken auf die Geschichte Israels, zum anderen in der Offenbarung des Johannes in prophetischen Bildern über die Zukunft der Welt. wird Babylon die Große als eine in Purpur und Scharlach gekleidete, reichgeschmückte Frau beschrieben, die auf einem scharlachfarbenen wilden Tier mit sieben Köpfen und zehn Hörnern sitzt. Auf ihrer Stirn steht ein Name geschrieben, „ein Geheimnis: ‚Babylon die Große, die Mutter der Huren und der abscheulichen Dinge der Erde‘“. Babylon bezeichnet hier das irdische widerchristliche Machtzentrum im Gegensatz zur Stadt Gottes, dem himmlischen Jerusalem,
dessen Zerstörung in den letzten Gerichten Gottes vorausgesagt wird.
In 1. Petrus grüßt der apostolische Schreiber seine Gemeinde aus Babylon. Manche Ausleger vermuten, dass hier Babylon als ein Pseudonym für Rom gebraucht wird. Andere hingegen verweisen auf den nicht genau feststellbaren Zeitpunkt des Verfalls der Stadt und nehmen die Bezeichnung Babylon wörtlich.
Christentum
In der von der Offenbarung des Johannes geprägten christlichen Symbolik gilt Babylon als gottesfeindliche Macht und Hort der Sünde und Dekadenz. Martin Luther deutete das ihm verhasste Papsttum als Hure Babylon.
Musikalische Rezeption
Zumeist bauen Lieder, die mit Babylon zu tun haben, auf die Bedeutung der Stadt im Alten Testament als ein Ort des Exils und der Versklavung. Der Bezug zum geschichtlichen Hintergrund, der eine Versklavung nicht bestätigt, wird meistens nicht hergestellt. Gelegentlich nehmen Lieder aber auch den neutestamentlichen theologischen Mythos der Stadt als Zentrum des Bösen auf.
Georg Friedrich Händel hat 1745 in seinem Oratorium Belshazzar (deutsch: Belsazar) die Eroberung der Stadt durch Kyros und die Befreiung der Juden aus der babylonischen Gefangenschaft verewigt. Giuseppe Verdi vertonte 1842 in Nabucco ebenfalls eine Episode aus dem jüdischen Exil in Babylon. William Walton komponierte 1930/31 mit Belshazzars Feast ein Chorwerk, dessen Libretto Bibeltexte über Belsazars Gastmahl in Babylon zum Thema hat. Bertold Hummel benannte den 2. Satz seiner 1996 entstandenen 3. Sinfonie JEREMIAS mit dem Namen der Stadt Babylon. 2012 wurde die Oper Babylon von Jörg Widmann auf ein Libretto von Peter Sloterdijk an der Bayerischen Staatsoper uraufgeführt.
Bekannt ist die Vertonung des Lieds By the waters of Babylon von Don McLean, eine Nachdichtung des 137. Psalms. Der Song Rivers of Babylon der jamaikanischen Band The Melodians, der in der Version von Boney M. große Bekanntheit erlangte, behandelt ebenfalls den Text des 137. Psalms. Ebenso nahm Leonard Cohen in seinem Song By the Rivers Dark auf Babylon Bezug: Babylon ist anknüpfend an die jüdische und christliche Symbolik sowohl Ort des Exils (Gottesferne) als auch Sinnbild sündigen, verblendeten Lebenswandels sowie zugleich Stätte einer mysteriösen Erfahrung.Leonard Cohen: Ten New Songs Musikalbum, 2001. Die deutsche Vertonung Die Legende von Babylon von Bruce Low handelt jedoch vom Turmbau zu Babel und hat nichts mit dem babylonischen Exil zu tun.
Durch die Etablierung der Reggae-Musik in den 1970er Jahren wurde der Rastafari-Begriff Babylon-System weltweit populär und hat heute einen festen Platz in der schwarzen Musik und anderen Stilen der Pop-Musik. Bekannt wurde der Begriff erstmals durch den Song Babylon System, komponiert vom jamaikanischen Reggaemusiker Bob Marley und auf dem Album Survival veröffentlicht, der vom westlichen „vampirischen“ System handelt, das die Menschheit unterdrückt und vor der Einheit zurückhält. Vorher jedoch ging schon Desmond Dekker in seinem Lied Israelites auf das Thema ein und erzählt die Leidensgeschichte des Israeliten in Ägypten im Vergleich zum Leben als schwarzer Sklave auf Jamaika.
Die griechische Band Aphrodite’s Child befassten sich in ihrem Konzeptalbum 666 unter anderem mit Babylon, zu dem es auch ein Stück auf dem Album gibt. Vordergründig ist das Album eine Adaption von Abschnitten der Offenbarung des Johannes (666), in der Lyrik und im Aufbau jedoch sehr experimentell gestaltet. Das Album wird stilistisch dem Progressive Rock zugeordnet.
In ihrem 2004 veröffentlichten Lied On Ebay – From Babylon back to Babylon prangert die britische Popband Chumbawamba den Raub von Ausstellungsstücken, zu denen auch solche aus Babylon gehörten, aus dem Irakischen Nationalmuseum an. www.fluter.de, 1. November 2005
Babylon-System bei den Rastafari
In der unter Nachfahren schwarzer Sklaven in Jamaika entstandenen Rastafari-Bewegung ist Babylon-System oder kurz Babylon, in Anlehnung an die biblische Hure Babylon, ein Ausdruck für die herrschende „westliche“ Industriegesellschaft, die als korrupt und unterdrückerisch wahrgenommen wird. Die Rastafari erkannten in der biblischen Geschichte vom babylonischen Exil der Israeliten Parallelen zur Verschleppung ihrer eigenen afrikanischen Vorfahren nach Amerika und münzten Babylon-System (auch: shitstem) als Ausdruck für die westliche Welt. Babylon, das als jamaikanisches Grundübel gilt, umfasst nach modernem Verständnis Großbritannien als ehemalige Kolonialmacht in Jamaika, die USA als weltweit größte Industrienation, den bürgerlichen Staat Jamaika sowie die Kirche.
Durch den Erfolg der Reggae-Musik wurde der Begriff weltweit etabliert. Je nach persönlichem, politischem und kulturellem Hintergrund variiert die Auslegung des Begriffs.
Siehe auch
Liste der babylonischen Könige
Liste persischer Königsstädte
das Volk der Babylonier
Babylonische Religion
Literatur
Eva Cancik-Kirschbaum, Margarete van Ess, Joachim Marzahn (Hrsg.): Babylon. Wissenskultur in Orient und Okzident. De Gruyter, Berlin/New York 2011, ISBN 978-3-11-022212-8 ( OpenAccess).
Domenique Charpin, Dietz Otto Edzard, Marten Stol: Mesopotamien – die altbabylonische Zeit (= Orbis biblicus et orientalis. Band 160, Nummer 4). Academic Press u. Vandenhoeck & Ruprecht, Freiburg/Göttingen 2004, ISBN 3-525-53063-3, .
Dietz Otto Edzard: Geschichte Mesopotamiens. Von den Sumerern bis zu Alexander dem Großen. Beck, München 2004, ISBN 3-406-51664-5.
Oliver Fischer: Babylon. Eine Stadt trifft ihren Gott. In: Mythos Babylon. Die Geburt der Zivilisation 3300–500 v. Chr. (= Geo Epoche. Heft 87). Gruner + Jahr, Hamburg 2017, ISBN 978-3-652-00646-0, S. 132–149 (Artikelvorschau bei Geo.de).
Frank Kürschner-Pelkmann: Babylon. Mythos und Wirklichkeit. Steinmann, Rosengarten bei Hamburg 2015, ISBN 978-3-927043-65-7.
Joan Oates: Babylon. Stadt und Reich im Brennpunkt des Alten Orient. Gondrom-Verlag, Bindlach 1990, ISBN 3-8112-0727-X.
Olof Pedersén: Babylon. The Great City. Zaphon, Münster 2021, ISBN 978-3-96327-136-6 (Open Access).
Karen Radner. A Short History of Babylon. Bloomsbury Academic, 2020, ISBN 978-1-83860-169-0.
Johannes Renger (Hrsg.): Babylon. Focus mesopotamischer Geschichte, Wiege früher Gelehrsamkeit, Mythos in der Moderne. SDV, Saarbrücken 1999, ISBN 3-930843-54-4.
Ulrike Sals: Die Biographie der „Hure Babylon“. Studien zur Intertextualität der Babylon-Texte in der Bibel. Mohr Siebeck Verlag, Tübingen 2004, ISBN 3-16-148431-2.
Staatliche Museen zu Berlin (Hrsg.): Babylon. Mythos und Wahrheit. (= Begleitkataloge zur gleichnamigen Doppel-Ausstellung im Pergamonmuseum). 2 Bände. Hirmer, München 2008, ISBN 978-3-7774-5005-6.
Johannes Strempel: Babylon. In: Michael Schaper (Hrsg.): Alexander der Große. Eroberer eines Weltreichs, 356–323 v. Chr. (= GEO Epoche. Nummer 63). Gruner + Jahr, Hamburg 2013, ISBN 978-3-652-00236-3, S. 78–93.
Ausgrabungsberichte:
Robert Koldewey: Das wieder erstehende Babylon. 4., erweiterte Auflage. Leipzig 1925; Neuauflage Beck, München 1990, ISBN 3-406-31674-3.
Robert Koldewey: Die Königsburgen von Babylon, Die Südburg (= Ausgrabungen der Deutschen Orient-Gesellschaft in Babylon. Band 5). Leipzig 1931–1932.
Robert Koldewey: Die Königsburgen von Babylon, Die Hauptburg und der Sommerpalast Nebukadnezars im Hügel Babil (= Ausgrabungen der Deutschen Orient-Gesellschaft in Babylon. Band 6). Leipzig 1931.
F. Wetzel, E. Schmidt, Alfred Mallwitz: Das Babylon der Spätzeit (= Wissenschaftliche Veröffentlichungen der Deutschen Orient-Gesellschaft. Band 62). Berlin 1957.
Weblinks
Babylon. In: Livius.org (englisch)
Babylon. In: Ancient.eu (englisch)
Babylon in der Encyclopædia Britannica (englisch)
UNESCO-Welterbe Babylon. In: UNESCO.de
Babylon – Stadt des Marduk und Zentrum des Kosmos. In: Orient-Gesellschaft.de
Babylon – Beherrscht vom Größenwahn. In: BibelAbenteurer.de
Anmerkungen
Kategorie:Antike mesopotamische Stadt
Kategorie:Archäologischer Fundplatz im Irak
Kategorie:Geisterstadt
Kategorie:Ort in der Bibel
Kategorie:Ehemalige Hauptstadt (Irak)
Kategorie:Forschungsprojekt des Deutschen Archäologischen Instituts
Kategorie:Stadt als Namensgeber für einen Asteroiden
Kategorie:Welterbestätte in Asien
Kategorie:Welterbestätte im Irak
Kategorie:Weltkulturerbestätte
Kategorie:Archäologischer Fundplatz (Alter Orient) | de | wikipedia | 34,414 |
7dc2c7c2-3f55-4469-a3f1-07ab18de5324 | Germania (Tacitus) | mini|Germania-Handschrift „Codex Aesinas Latinus 8“ (Faksimile)
mini|Germania Erstausgabe durch Wendelinus de Spira, Venedig 1472.Tacitus-Gesamtausgabe ohne Agricola. Gleichfalls die Erstausgabe für Annales 11–16, Historiae und Dialogus et Oratoribus.
Die Germania ist eine kurze ethnographische Schrift des römischen Historikers Tacitus (ca. 58–120 n. Chr.) über die Germanen. Sie wurde seit der Frühen Neuzeit verstärkt gelesen und entfaltete auf diese Weise eine erhebliche Breitenwirkung. In der neueren Forschung wird das Werk durchaus kritischer betrachtet und auf die problematische Rezeptionsgeschichte hingewiesen.
Datierung
Die Germania wird in aller Regel in das Jahr 98 n. Chr. datiert, auf der Grundlage der Formulierung:
Das zweite Konsulat Trajans fiel in das Jahr 98 n. Chr. Jedoch handelt es sich bei dieser Zeitangabe lediglich um einen terminus post quem, an dem das Werk frühestens verfasst worden sein kann; ein absolutes Datum liegt somit nicht vor.Rudolf Much: Die Germania des Tacitus. 3. Auflage unter Bearbeitung durch Wolfgang Lange und Herbert Jankuhn, Winter, Heidelberg 1967, S. 420.
Ein Vorschlag von Roland SchuhmannRoland Schuhmann: Eine textkritische Anmerkung zu Tacitus, Germania c. 1,1 und ihre Bedeutung für die Datierung der Schrift, in: Glotta 80 (2004), S. 251–261. nimmt an, dass die Abfassung der Germania nach 103–106 n. Chr. anzusetzen ist, weil der Name Pannoniis im ersten Satz des Textes die Existenz zweier pannonischer Provinzen (Pannonia superior und inferior, entstanden durch Teilung der Provinz Pannonien) voraussetzt, wenn er als Ländername verstanden wird; die traditionelle Auffassung sieht ihn als Völkernamen.
Titel
Die Schrift Germania ist ohne einen einheitlichen Titel überliefert. Die erste Erwähnung der Schrift findet sich in einem Brief des Humanisten Antonio Beccadelli an Guarino da Verona von April 1426: Compertus est Cor. Tacitus de origine et situ Germanorum („Cornelius Tacitus de origine et situ Germanorum ist in Erfahrung gebracht“). In einem Inventar von Niccolò Niccoli aus dem Jahre 1431 steht: Cornelii taciti de origine & situ germanorum liber incipit sic („de origine et situ Germanorum liber des Cornelius Tacitus fängt so an“). Pier Candido Decembrio, der den Codex Hersfeldensis (nach 1455, s. u. Rezeption) in Rom einsah, gibt den Titel als: Cornelii taciti liber … de Origine et situ Germaniae („von Cornelius Tacitus das Buch de Origine et situ Germaniae“).Vgl. auch Beck (1998), S. 100f. Beide Titelvarianten gehen auf den Hersfelder Codex zurück; die zweite Variante ist semantisch inkonsistent.
Aus der Antike ist kein Titel des Werks überliefert. Es gibt nur zwei Titel, die einigermaßen plausibel erscheinen: De origine et situ Germanorum („Über Ursprung und geographische Lage der Germanen“) und De origine et moribus Germanorum („Über Ursprung und Sitten der Germanen“). Für einen Werktitel De origine et situ Germanorum könnten zwei parallele Titelformulierungen Senecas sprechen: De situ Indiae („Die geographische Lage Indiens“) und De situ et sacris Aegyptiorum („Über die geographische Lage und die Heiligtümer der Ägypter“). Beide Titel bilden jedoch keine genauen Entsprechungen zur Germania. India ist anders als der Völkername Germani ein Ländername, während in Senecas zweitem Buch nicht vom Ursprung, sondern von den Heiligtümern der Ägypter die Rede ist. Der aus der Renaissance überlieferte Titel De origine et situ Germanorum erscheint gewissermaßen als Kombination aus den beiden Titeln Senecas. Für De origine et moribus Germanorum würde eine Passage im Text selbst sprechen, denn in Germania c. 27,2 heißt es: Haec in commune de omnium Germanorum origine ac moribus accepimus („Dies haben wir im Allgemeinen über Ursprung und Sitten aller Germanen vernommen“). Der Titel erweckt allerdings den Eindruck, dass er aus diesem Kapitel übernommen ist. Da keiner der beiden Titel über jeden Zweifel erhaben ist, hat man der Schrift den Arbeitstitel Germania gegeben.
mini|Rekonstruierter Wachturm des Limes nahe dem Kastell Zugmantel im Taunus
Zeitgeschichtliche Einordnung
Zu Tacitus’ Lebzeiten befand sich das römische Reich auf seinem Höhepunkt. Geographisch hatte es fast seine größte Ausdehnung erreicht und erlebte auch kulturell eine Blüte. Die Grenzen zu Germanien waren gezogen und weitgehend gesichert worden. Nach der Varusschlacht im Jahre 9 n. Chr. waren die römischen Offensiven schließlich 16 n. Chr. eingestellt worden (siehe Germanicus); erst im späten 1. Jahrhundert hatten die Römer die Grenze unter Domitian leicht vorverschoben (siehe Agri decumates) und die beiden Rheinprovinzen (Germania inferior, Germania superior) eingerichtet. Einige germanische Stämme hatten sich mit dem neuen mächtigen Nachbarn durchaus arrangiert, andere standen Rom allerdings weiterhin feindlich gegenüber. Diese Situation erforderte lange Zeit eine hohe und kostspielige Truppenpräsenz an der Grenze des römischen Reiches zu den Germanen.Eine Siedlung der Ubier wurde sogar zur Keimzelle der römischen Stadt Colonia Claudia Ara Agrippinensium (das spätere Köln). Die Chatten hingegen lieferten sich immer wieder Kämpfe mit römischen Truppen. Das Besondere an den germanisch-römischen Beziehungen ergibt sich daraus, dass im Unterschied zur anderen großen Grenzzone […] im Norden keine organisierte Großmacht Rom gegenüberstand.Bleckmann (2009), S. 45f.
Inhalt
mini|Stämme der Germanen um 50 n. Chr.
In der Germania, die sich in einen allgemeinen und einen besonderen Teil gliedert, beschreibt Tacitus Germanien, ansatzweise auch dessen Geographie und benennt verschiedene germanische Stämme vom Rhein bis zur Weichsel. Er stellt Sitten und Gebräuche der Germanen dar und hebt dabei ihre ihm zufolge sittliche Lebensweise hervor, wie ihr streng geregeltes Familienleben, ihren treuen und aufrichtigen Charakter, ihre Tapferkeit im Krieg und ihren Freiheitswillen. Er weist aber auch auf Schwächen hin, wie ihre Trägheit, ihren Hang zu Würfelspiel und übermäßigem Alkoholkonsum.
Allgemeiner Teil
Kapitel 1–5: Allgemeine Beschreibung
Tacitus beginnt mit den Grenzen Germaniens, seinem Volk, der Beschaffenheit des Landes und den Bodenschätzen. Dabei betrachtet er die Germanen als abgehärtet, ursprünglich und unvermischt mit anderen Völkern, als Urbevölkerung ihrer Heimat, da sie phänotypisch seinen Schilderungen nach keiner Ethnie der bekannten damaligen Welt ähnlich seien, und er sich auch nicht vorstellen könne, dass jemand freiwillig in solch eine Region, die seiner Ansicht nach sehr rau, unwirtlich und nur schwer überhaupt zu erreichen sei, einwandern könne. Er beschreibt Land und Klima als unfreundlich und trostlos,Tacitus, Germania 2. arm an fruchtbarem Boden und ohne wertvolle Bodenschätze.Tacitus, Germania 5.
Kapitel 6–15: Das öffentliche Leben
Er fährt fort mit der Beschreibung der Kriegsführung, der Religion und Volksversammlungen, spricht dann über die germanische Rechtsprechung und die Rolle der Fürsten im Krieg. Dabei beschreibt er die Germanen als wilde Barbaren, schwach bewaffnet, aber tapfer im Kampf und voller Wertschätzung für ihre Frauen, als fromme Menschen, die auf Vorzeichen und Orakel vertrauen. Entscheidungen fielen, so Tacitus, in Versammlungen, die abhängig vom Stand des Mondes abgehalten würden. Hier kritisiert er aber eine gewisse Disziplinlosigkeit.Germania, 11: Ihre Ungebundenheit hat eine üble Folge: Sie finden sich nie gleichzeitig […] zur Versammlung ein. Der Kampf, meint Tacitus, sei bei den Germanen höher bewertet als die Mühe täglicher Arbeit. Er zeichnet sogar das Bild eines faulen, dem Müßiggang verfallenen Volkes, das lieber seine Frauen und Alten arbeiten lasse als sich selber um Haus, Hof und Feld zu kümmern.
Kapitel 16–27: Das private Leben
Die nächsten Abschnitte beschäftigen sich mit den Behausungen der Germanen, ihrer Wohnweise und Kleidung; es folgen Exkurse über Ehe, Erziehung und Erbrecht, bis die Rede auf Gastfreundschaft, Feiern und Spiele kommt. Der allgemeine Teil endet schließlich in einer Beschreibung des Ackerbaus und der Totenbestattung. Tacitus zeichnet auch hier wieder das Bild eines wilden, nachlässig bekleideten Volkes, das sich allerdings, und dafür lobt er die Germanen ausdrücklich, durch hohe Sittsamkeit auszeichne. Die Germanen seien monogam und dem Ehepartner gegenüber treu ergeben. Besonders diese Bemerkung führte zur Annahme, die Germania stelle einen Sittenspiegel dar, der an die Adresse der römischen Gesellschaft gerichtet sei. An kaum einer anderen Stelle betont Tacitus eine Eigenart germanischen Lebens so nachdrücklich.
Die Gastfreundschaft der Germanen wird lobend hervorgehoben, die dabei auftretenden Ausschweifungen aber auch dargestellt. Ihre Feiern, so Tacitus, dauerten oft tagelang und endeten nicht selten in Schlägereien der Betrunkenen und Totschlag. Hier erwähnt der Autor auch ihr einfaches Essen und das ihm unbekannte alkoholische Getränk (Bier), das die Germanen im Übermaß konsumierten. Es überrascht, dass fast im selben Atemzug ihre absolute Ehrlichkeit gerühmt wird. Verwundert stellt Tacitus dann fest, dass so ziemlich das Einzige, was die Germanen nüchtern und ernsthaft betrieben, das Würfelspiel sei. Hier setzten sie sogar ihre persönliche Freiheit als letzten Einsatz ein und ließen sich als Sklaven verkaufen. Landwirtschaft betrieben sie zwar gemeinschaftlich, aber stets auf niedrigem Niveau. Letzter Punkt dieses Teils ist die Darstellung der Totenbestattung, die als einfach und prunklos beschrieben wird, jedoch in würdevoller Verehrung der Verstorbenen.
Besonderer Teil
In den letzten elf Kapiteln beschreibt Tacitus Bräuche und Besonderheiten einzelner Stämme und kommt auch auf diejenigen zu sprechen, die Germanien verlassen und sich in Gallien angesiedelt haben.
Kapitel 28–29: Stämme im Westen und Süden
Erwähnt werden hier anfangs gallische Stämme, Helvetier und Bojer (Boier), die nach Germanien gezogen seien. Dem stellt er Treverer und Nervier gegenüber, die, seiner Darstellung nach, als Germanen in Gallien leben. Diese Zuordnung ist allerdings nicht ganz unproblematisch, wenngleich schon Gaius Iulius Caesar vermerkte, dass ein großer Teil der Belger sich germanischer Abstammung rühmte.Caesar, de bello Gallico 2,4,1. Vgl. zu diesem Problem bei Tacitus auch Harald v. Petrikovits: Germani Cisrhenani. In: H. Beck (Hrsg.): Germanenprobleme aus heutiger Sicht. Berlin 1986. S. 88–106, hier S. 100. Tacitus erwähnt Vangionen, Triboker und Nemeter am Rhein, besonders hebt er die Ubier hervor, die dem römischen Reich treu ergeben seien. Als besonders tapfer werden die Bataver am Niederrhein beschrieben, die Rom ebenso treu zur Seite stünden wie die Mattiaker in der Gegend um das heutige Wiesbaden.
Kapitel 30–31: Die Chatten
Den kräftigen und militärisch gut organisierten Chatten sagt Tacitus nach, sie schnitten Haupthaar und Bart erst nach der Tötung eines Feindes. Dies sei die Bestimmung ihres Daseins.
Kapitel 32–34: Weitere Stämme im Westen
Die Tenkterer seien geschulte Reiter, deren Nachbarn, die Brukterer, von anderen Germanen vernichtet worden seien.Germania 33: Es bleibe, so flehe ich, und bestehe fort bei diesen Völkern, wenn nicht Liebe zu uns, so doch gegenseitiger Hass. Er erwähnt hier die Angrivarier und Chamaver, die Dulgubnier und Chasuarier, schließlich die Friesen am Rand des Weltmeeres.
Kapitel 35–37: Stämme im Norden
Als Nachbarn der Friesen erwähnt Tacitus die Chauken, die von der Nordseeküste bis an das Gebiet der Chatten siedeln. Sie seien, frei von Habgier und Herrschsucht, bei den übrigen Germanen sehr angesehen. Er kommt auf die Cherusker zu sprechen, nennt sie Tölpel und Toren – vielleicht in einem Reflex auf die verlorene Schlacht im Teutoburger Wald gegen den Arminius – und endet mit der Erwähnung der ruhmreichen Kimbern und der für die Römer ebenfalls verlustreichen Kimbernkriege.
Kapitel 38–45: Die Sueben
Den vorletzten und größten Abschnitt des besonderen Teils widmet Tacitus den Sueben. Diese bewohnten einen großen Teil Germaniens. Sie seien, anders als andere Stämme, keine einheitliche Volksgruppe und unterschieden sich von den übrigen durch ihre Haartracht (Suebenknoten). Bis in das hohe Alter hinein knoteten sie ihr Haar zu einer kunstvollen Frisur, allerdings nicht aus Schönheitsgründen, sondern um groß und furchterregend zu erscheinen. Er erwähnt öffentliche Menschenopfer bei der Untergruppe der Semnonen, nennt weiter Langobarden und andere Stämme. Ihre Verehrung gelte der Mutter Erde (Nerthus), der sie in einem Heiligtum auf einer Insel des Weltmeeres huldigen.Man vermutete diesen Ort später auf der Insel Rügen. Vgl. Spitra, Kersken (2009) S. 113.
Der suebische Stamm der Hermunduren sei den Römern hingegen treu ergeben, sie dürften als einziger germanischer Stamm ohne Beaufsichtigung über die römische Grenze ziehen und Handel treiben. Neben vielen anderen erwähnt Tacitus Narister, Markomannen und Quaden, auch die rechts des suebischen Meeres (an der Ostküste der Ostsee) lebenden Aesti, die in Lebensweise und Religion den Sueben ähnelten, ihre Sprache aber gleiche der britannischen Sprache (also einer Form des Keltischen). Sie sammelten Bernstein (Glesum) und verkaufen ihn an die Römer, ohne zu wissen, wie er entstehe oder wo er herkomme. Tacitus endet mit den Sithonen, die so tief in die Knechtschaft gesunken seien, dass sie von einer Frau regiert würden.
Kapitel 46: Grenzvölker im Osten
Im letzten Kapitel der Germania bespricht Tacitus Peukiner, Veneter und Fenni, Stämme jenseits des Gebietes der Sueben, von denen er nicht weiß, ob er sie den Germanen zuordnen soll.
Diskussion
Quellen
Tacitus selbst war nie in Germanien gewesen. Wahrscheinlich ist, dass er sein Wissen größtenteils aus literarischen Quellen bezog, wie aus Gaius Iulius Caesars Werk über den Gallischen Krieg (De bello Gallico) und dem darin enthaltenen Germanenexkurs.Vgl. Caesar, de bello Gallico, 6, 11–28. Womöglich zog er auch andere schriftliche Quellen zu Rate, in Frage kommen unter anderem der Germanenexkurs im Geschichtswerk des Titus Livius und die bella Germaniae („Germanenkriege“) des älteren Plinius. Beide Werke sind nicht oder nicht vollständig erhalten.Vgl. knapp zusammenfassend Pohl (2004), S. 62. Erwähnung in der Germania findet jedoch allein Caesar.Vgl. Tacitus, Germania, Kapitel 28. Es gilt als wahrscheinlich, dass auch mündliche Berichte von zeitgenössischen Germanien-Reisenden in sein Werk eingeflossen sind.Vgl. Nachwort von Fuhrmann, in: Tacitus, Germania. Reclam, 1997, S. 66. Die Beschreibung des Sueben-Knotens, der Opferriten und die Bestrafung der treulosen Ehefrau werden auf tatsächliche Beobachtung zurückgeführt.Vgl. Allan A. Lund: Zur Gesamtinterpretation der Germania des Tacitus, in: Hildegard Temporini, Wolfgang Haase (Hrsg.): Aufstieg und Niedergang der römischen Welt Teil II, Bd. 33.3, De Gruyter, Berlin/New York 1991, S. 1858ff., hier: S. 1863 und S. 1953.
Tacitus’ Germanenbild
Tacitus beschreibt seiner Leserschaft ein Volk, das sich anscheinend grundlegend von dem eigenen unterscheidet. Es ist anzunehmen, dass das Objekt seiner Beschreibung, die Germanen, dem römischen Volk äußerst fremd vorgekommen sein müsste, hätte er sich dabei nicht der Methode bedient, das Fremde „begrifflich und inhaltlich in die eigene Welt zu integrieren“.Vgl. Schmal (2005), S. 38 Diese römische Interpretation (Interpretatio Romana) fällt besonders bei der Beschreibung der germanischen Götter auf. So spricht Tacitus von Merkur (für Odin) als dem höchsten Gott und erwähnt Herkules (für Thor) und Mars (für Tyr). Auch bei der Beschreibung des Heerwesens (hier die Truppeneinteilung in Hundertschaften/Centurien) sowie der Trennung von Öffentlicher Sache (res publica) und Privatangelegenheiten (res privatae) ist dies erkennbar.
Tacitus sieht alle Germanen als ursprünglich an, d. h. alle haben dieselbe Herkunft und sind nicht mit anderen Völkern vermischt und seien auch nicht nach Germanien eingewandert. Charakterzüge, die er im allgemeinen Teil dem gesamten Volk zuschreibt, führt er auf diese gemeinsame Herkunft zurück. Das kann Tacitus allerdings nicht belegen, er geht schlicht davon aus, dass kein Volk freiwillig in dieses karge Land gezogen sein könnte, um sich mit den Germanen zu vermischen.
In der ganzen Germania ist erkennbar, dass er das Bekannte seiner Welt in der Welt der Germanen sucht, um es für sein römisches Publikum zu beschreiben und zu vergleichen. Das durchaus polarisierende Bild, das Tacitus dabei gibt (ehrenwerte Sitten, Freiheitsliebe und Moral versus primitive, lasterhafte und faule Lebensweise), lässt den heutigen Leser auch einen Eindruck der römischen Gesellschaft zu Zeiten Tacitus’ erahnen. Insofern kann die Germania nicht nur als Ethnographie der Germanen gesehen werden, sondern auch als Anhaltspunkt für das Verständnis von Tacitus’ eigener, römischen Gesellschaft.
Tacitus’ Absichten
Um die Germania richtig verstehen zu können, ist es unumgänglich, Tacitus’ Beweggründe zu kennen. Will er an seiner Zeit und Gesellschaft Kritik üben oder Überlegenheit beweisen? Will er lediglich ein fremdes Volk beschreiben und seinen römischen Zeitgenossen näher bringen, was ihnen selbst fremd und barbarisch erscheint? Dies zu verstehen ist Grundlage für die Bewertung seiner Arbeit.
Tacitus selbst äußert sich dazu jedoch nicht. Auch existiert zur Germania weder eine Einleitung noch ein Nachwort des Autors, in denen mögliche Absichten erläutert oder zumindest angedeutet werden. Die Forschung kann also nur vergleichbare Werke heranziehen (auch heutige Ethnographien) und/oder die Schrift im Kontext ihrer damaligen Zeit sehen.Tatsächlich wird auch der lateinische Quelltext genau unter die Lupe genommen. Dies kann aber bei dieser Kernfrage nur bedingt helfen. Tacitus’ Germania ist einzigartig für ihre Zeit. Antike ethnographische Schriften, die keine weitere Erläuterung (Exkurs) enthalten, sind uns nicht bekannt, was die Klärung dieser zentralen Frage erschwert.So schreibt Lund (1991): Die antike Ethnographie in ihrer typischen Form besteht nämlich nicht in der ethnographischen Monographie, sondern im ethnographischen Exkurs. Dieser wurde in größeren historiographischen oder geographischen Werken eingelegt, um dem Leser den kulturellen Hintergrund zum Verständnis erwähnter Bevölkerungsgruppen zu vermitteln… und bezieht sich dabei auf Caesar und Strabon. Die Wissenschaft zieht deswegen auch Tacitus’ andere Werke, hauptsächlich den Agricola, heran. Das Werk im Kontext seiner Zeit zu sehen wird dadurch erschwert, dass wir nicht viel über die damalige öffentliche Meinung wissen.Andererseits weiß man wenig von den Themen, die damals die öffentliche Meinung beschäftigt haben, Fuhrmann, Nachwort in der Reclam-Übersetzung, S. 68
In der Forschung ist die Frage nach den Absichten Tacitus’ ein zentraler Punkt und stark umstritten. Einige Theorien dominieren diese Diskussion, können aber vermutlich nie vollständig veri- oder falsifiziert werden. Möglich ist, dass alle zu einem gewissen Teil ihre Berechtigung haben.
Sittenspiegel-Theorie
Möglicherweise wollte Tacitus der Dekadenz der römischen Sitten ein positives Gegenbeispiel (Sittenspiegel) entgegenhalten; dafür spricht, dass er die Germanen an einigen Stellen stark idealisierte. Beispielsweise stellt er der Sittsamkeit germanischer Frauen lüsterne Schauspiele und Verführung durch aufreizende Gelage in Rom gegenüber.Vgl. Tacitus, Germania, Kapitel 19. Es findet sich sogar explizite Kritik an den römischen Verhältnissen: Tacitus macht eigene Zwietracht und Bürgerkrieg für germanische Erfolge verantwortlich.Er bezieht sich dabei auf den Bürgerkrieg rund um das sog. Vierkaiserjahr 68/69 n. Chr., vgl. Tacitus, Germania, Kapitel 37.
Ethnographie-Theorie
Andere Forscher halten das Werk nicht für eine sittliche Mahnung zur Aufrichtung der römischen Moral, sondern für eine objektive Ethnographie. Diese stellenweise stark polarisierenden negativen und positiven Gegensätze zu Tacitus’ eigener Kultur dienten demnach lediglich dem Verständnis des Andersartigen.Vgl. Lund (1991), S. 1866. Dafür spricht, dass sich viele seiner Beschreibungen als richtig herausgestellt haben und durch die moderne Archäologie bestätigt wurden.
Allerdings sei die römische Ethnographie stets zweckgebunden gewesen, so Ernst Baltrusch: Tacitus’ Werk sei „Ausdruck eines […] römischen Interesses an den Charaktereigenschaften der Untertanen“,Ernst Baltrusch: Römische Ethnographie. In: Germanen. Eine archäologische Bestandsaufnahme. Hrsg. Staatliche Museen zu Berlin und Landesmuseum Bonn, Darmstadt 2020, S. 379–399, hier: S. 383. ihren Stärken und Schwächen, ihrer Bekämpfbarkeit oder ihrem Integrationspotenzial, ihrer Tauglichkeit als Untertanen oder ihrer Rolle als Kriegsgegner.Baltrusch 2020, S. 385 f. Auch „Charakter-Kataloge“ wie der des Tacitus über die Undiszipliniertheit und Trunksucht der Germanen, ihre Vorliebe für das Nichtstun und ihre Abneigung gegen den Ackerbau, schließlich über ihre Selbstsicht und ihre Handlungsunfähigkeit als Großgruppe waren in diesem Sinne römisches Herrschaftswissen.Baltrusch 2020, S. 389–395 Baltrusch hält Tacitus’ differenzierende Sicht auf einzelne Stammesgruppen für ansatzweise realistisch: Er „dünnt die Germanen sowohl nach Osten als auch nach Westen hin aus: hier zivilisierter, dort wilder als die ‚Durchschnittsgermanen‘. Von einer festen Grenze ist keine Rede; Migrationen werden durchaus berücksichtigt.“Baltrusch 2020, S. 387
Weitere Ansätze
Diskutiert wird auch, dass Tacitus womöglich aufzeigen wollte, warum Rom in jahrzehntelangen Versuchen Germanien nie vollständig erobern konnte. Der Grund sei demnach die Gesellschaftsform und der freiheitsliebende Charakter der Germanen.Tacitus schrieb dementsprechend sein Portrait der Germanen, um dem römischen Publikum die Natur der Germanen zu erklären und ihm verständlich zu machen, warum sie … noch nicht besiegt waren. Lund (1991), S. 1956 Neuere Deutungen gehen sogar noch weiter: Tacitus wolle nicht nur erklären, warum Germanien nicht besiegt werden konnte, sondern sogar vor weiteren Eroberungsversuchen warnen.Dieses … Volk … verfolgt keine bedrohliche Strategie, dafür ist es viel zu unorganisiert. Am Besten sollte man es in Frieden lassen, denn wehrhaft ist es allemal. Schmal (2005), S. 42.
Rezeption
Die Schrift hat, zusammen mit den anderen „Kleinen Schriften“ des Tacitus, nur in einem einzigen Exemplar die Zeit des Humanismus erreicht. Es wurde von Enoch von Ascoli in der Abtei Hersfeld aufgefunden und ca. 1455 nach Italien gebracht. Als Erster hat sich Enea Silvio Piccolomini, der spätere Papst Pius II., mit der Schrift befasst. Im mittelalterlichen Deutschland spielte der Begriff Germanen als Selbstbezeichnung für „die Deutschen“ kaum eine Rolle, versuchte man sich doch historisch in die Nähe der Römer zu stellen.Vgl. Pohl (2004), S. 5.
Um Begeisterung für einen Kreuzzug gegen die Türken zu entfachen, wurde die Germania auf dem Regensburger Reichstag 1471 benutzt, indem die kriegerischen Eigenschaften der Germanen hervorgehoben wurden.Sogenannte Türkenrede des päpstlichen Gesandten Giannantonio Campano, vgl. Bleckmann (2009), S. 37. Es waren aber erst die deutschen Humanisten, die auf Tacitus aufmerksam wurden (Conrad Celtis, Aventinus, vor allem Ulrich von Hutten). Von da an hielt das Interesse der Deutschen an dem, was sie als „ihre Urgeschichte“ betrachteten, lange Zeit an, wenngleich jede Epoche ihre eigene, jeweils unterschiedliche Auslegung hatte. Die Humanisten schwärmten für die angebliche „germanische Reinheit“ und die Ursprünglichkeit ihrer Vorfahren, in diesem Sinne diente die Germania einer anachronistischen Identitätsstiftung. Erst mit Jacob Grimm (und Karl Müllenhoff) kam eine wissenschaftliche Betrachtungsweise hinzu.
Bereits im 19. Jahrhundert begann aber auch die wissenschaftliche Konstruktion eines Germanenmythos durch die Altertumswissenschaften. Über Gustaf Kossinna trug diese Entwicklung mit zur Entstehung der pseudo-wissenschaftlichen Rassenlehre des Nationalsozialismus bei. Nationalsozialistische Rassenpolitiker, allen voran Heinrich Himmler und die von ihm mitgegründete „Forschungsgemeinschaft Deutsches Ahnenerbe“, entstellten und missbrauchten die Aussagen bei Tacitus als Argumente für eine angebliche „rassische Überlegenheit“ der Deutschen und ihren millionenfachen Massenmord in den NS-Konzentrations- und Vernichtungslagern. Abgerufen am 5. Mai 2014.
In der neueren Forschung wird hingegen auf die problematische Rezeptionsgeschichte und die Instrumentalisierung des Inhalts der Schrift kritisch hingewiesen, zumal die Gleichsetzung Germanen/Deutsche längst nicht mehr haltbar ist.Christopher B. Krebs: Ein gefährliches Buch – Die „Germania“ des Tacitus und die Erfindung der Deutschen. München 2012; Dieter Mertens: Die Instrumentalisierung der „Germania“ des Tacitus durch die deutschen Humanisten. In: Heinrich Beck (Hrsg.): Zur Geschichte der Gleichung „germanisch-deutsch“. Berlin 2004, S. 37–101. Die Behandlung durch Eduard Norden, der das Werk 1920 in das Umfeld der antiken Ethnographie gestellt hat, auch und gerade im Vergleich zu der weithin herrschenden Germanenideologie, ist immer noch grundlegend.Eduard Norden: Die germanische Urgeschichte in Tacitus Germania. Leipzig/Berlin 1920 (online). Die moderne Forschung betrachtet die Germania (etwa bezüglich Intention und Quellenkritik) kritischer als die ältere und ist teilweise auch zu neuen Bewertungen gelangt.Einen Überblick bietet der Kommentar bei J. B. Rives (Hrsg.): Tacitus: Germania. Oxford 1999.
Die Germania wurde in die Zeit-Bibliothek der 100 Bücher aufgenommen.
Ausgaben, Übersetzungen und Kommentare
Einsprachig lateinische Ausgaben
Erich Koestermann (Hrsg.): Cornelius Tacitus. Germania, Agricola, Dialogus de oratoribus. Teubner, Stuttgart 1970 [Reprint 3. Auflage 2011], ISBN 978-3-11-095884-3 (P. Cornelii Taciti libri qui supersunt, T. 2,2)
Alf Önnerfors (Hrsg.): De origine et situ Germanorum liber. Teubner, Stuttgart 1983 [Reprint 2011], ISBN 978-3-11-096377-9 (P. Cornelii Taciti libri qui supersunt, T. 2,2)
Rodney P. Robinson: The Germania of Tacitus. A critical edition. (= Philological Monographs published by the American Philological Association, no. 5). Middletown, Connecticut 1935. Reprint: Olms Verlag, Hildesheim u. a. 1991, ISBN 3-487-09523-8.
Übersetzungen, teils mit Kommentar
Maurice Hutton (Hrsg.): Agricola and Germania. In: Tacitus, Agricola. Germania. Dialogus (Loeb Classical Library). William Heinemann/Macmillan, London/New York 1914, S. 147–354, hier S. 255–333. Neuausgabe, Harvard University Press/W. Heinemann, Cambridge (Mass.)/London 1970 (die Germania überarbeitet von Eric Herbert Warmington).
Curt Woyte (Hrsg.): Tacitus, Germania. Ins Deutsche übertragen und mit Einleitung und Anmerkungen versehen. Reclam, Leipzig 1925 (mehrere Neuauflagen).
Wilhelm Reeb (Hrsg.): Tacitus, Germania. Kommentar W. Reeb unter Mitarbeit von H. Klenk mit Beiträgen von A. Dopsch, H. Reis, K. Schumacher. B. G. Teubner, Berlin/Leipzig 1930 (Digitalisat SLUB Dresden).
Arno Mauersberger: Tacitus, Germania. Lateinisch und Deutsch. Übertragen und erläutert (= Sammlung Dieterich. Band 100). Dieterich, Leipzig 1942.
Karl Büchner (Hrsg.): Publius Cornelius Tacitus, Die historischen Versuche. Agricola, Germania, Dialogus (= Kröners Taschenausgabe. Band 225). Alfred Kröner, Stuttgart 1955, S. 125–148 (Einführung) und S. 149–179 (deutsche Übersetzung).
Manfred Fuhrmann (Hrsg.): Tacitus, Germania. Lateinisch/Deutsch. Reclam, Stuttgart 1972, ISBN 3-15-009391-0 (mehrere Neuauflagen).
Gerhard Perl: Tacitus. Germania – Lateinisch und Deutsch. In: Joachim Hermann (Hrsg.): Griechische und Lateinische Quellen zur Geschichte Mitteleuropas bis zur Mitte des 1. Jahrtausends u.Z. (= Schriften und Quellen der Alten Welt. Band 37,2). Akademie-Verlag, Berlin 1990, ISBN 3-05-000349-9.
Allan A. Lund (Hrsg.): P. Cornelius Tacitus, Germania. Interpretiert, herausgegeben, übertragen, kommentiert und mit einer Bibliographie versehen. Universitätsverlag Carl Winter, Heidelberg 1988, ISBN 3-533-03875-0.
Alfons Städele (Hrsg.): Cornelius Tacitus, Agricola. Germania (Sammlung Tusculum). Artemis und Winkler, München 1991, ISBN 3-7608-1664-9.
Anthony R. Birley (Hrsg.): Tacitus. Agricola and Germany. Oxford University Press, Oxford 1999, ISBN 0-19-283300-6.
James B. Rives (Hrsg.): Tacitus, Germania. Clarendon Press, Oxford 1999, ISBN 0-19-815050-4 (englische Übersetzung mit ausführlicher Einleitung und umfangreichem Kommentar).
Wissenschaftliche Kommentare
Rudolf Much: Die Germania des Tacitus. Winter, Heidelberg 1937 (3. Auflage unter Bearbeitung durch Wolfgang Lange und Herbert Jankuhn, 1967, ).
Roland Schuhmann: Geographischer Raum und Lebensform der Germanen: Kommentar zu Tacitus’ „Germania“, c. 1–20. Dissertation Uni Jena 2006, (Volltext PDF; 4,3 MB).
Literatur
Über die Germanen allgemein
Bruno Bleckmann: Die Germanen. C.H.Beck, München 2009, ISBN 3-406-58476-4.
Ulrike Peters: Die Germanen. Marix Verlag, Wiesbaden 2014, ISBN 978-3-86539-989-2.
Walter Pohl: Die Germanen. 2. Auflage. Oldenbourg Wissenschaftsverlag, München 2004, ISBN 3-486-56755-1.
Über Tacitus und die Germania
Jan-Wilhelm Beck: 'Germania' – 'Agricola': Zwei Kapitel zu Tacitus' zwei kleinen Schriften. Untersuchungen zu ihrer Intention und Datierung sowie zur Entwicklung ihres Verfassers. Hildesheim 1998, ISBN 3-12-645000-8 (Spudasmata 68).
Herbert Jankuhn, Dieter Timpe (Hrsg.): Beiträge zum Verständnis der Germania des Tacitus, Teil 1. Bericht über die Kolloquien der Kommission für die Altertumskunde Nord- und Mitteleuropas im Jahr 1986. Göttingen 1989, ISBN 3-525-82459-9 (AbhGöttingen 175).
Christopher B. Krebs: Negotiatio Germaniae. Tacitus’ Germania und Enea Silvio Piccolomini, Giannantonio Campano, Conrad Celtis und Heinrich Bebel. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2005, ISBN 3-525-25257-9 (Hypomnemata 158).
Allan A. Lund: Zur Gesamtinterpretation der Germania des Tacitus. In: Hildegard Temporini, Wolfgang Haase (Hrsg.): Aufstieg und Niedergang der römischen Welt. Teil II, Bd. 33.3. De Gruyter, Berlin/New York 1991, S. 1858–1988, ISBN 3-11-012541-2, ISBN 978-3-11-012541-2.
Allan A. Lund: Kritischer Forschungsbericht zur ‘Germania’ des Tacitus. In: Hildegard Temporini, Wolfgang Haase (Hrsg.): Aufstieg und Niedergang der römischen Welt. Teil II, Bd. 33.3. De Gruyter, Berlin/New York 1991, S. 1989–2222 und S. 2341–2344.
Allan A. Lund: Zum Germanenbegriff bei Tacitus. In: Heinrich Beck (Hrsg.): Germanenprobleme in heutiger Sicht (= Reallexikon der Germanischen Altertumskunde – Ergänzungsbände 1). 2. Auflage, De Gruyter, Berlin/New York 1999, ISBN 3-11-016439-6, S. 53–87.
Günter Neumann, Henning Seemann (Hrsg.): Beiträge zum Verständnis der Germania des Tacitus, Teil 2. Bericht über die Kolloquien der Kommission für die Altertumskunde Nord- und Mitteleuropas im Jahr 1986 und 1987. Göttingen 1992, ISBN 3-525-82482-3 (AbhGöttingen 195).
Eduard Norden: Die germanische Urgeschichte in Tacitus Germania. 6. Auflage, unveränderter Abdruck der 1. Auflage 1920. Teubner, Stuttgart 1974, ISBN 3-519-07224-6.
Stephan Schmal: Tacitus. Georg Olms Verlag, Hildesheim 2005, ISBN 3-487-12884-5.
Dieter Timpe: Romano-Germanica: gesammelte Studien zur Germania des Tacitus. Teubner, Stuttgart und Leipzig 1995, ISBN 3-519-07428-1.
Zur Rezeption der Germania
Gerhard Binder: Vom Schicksal einer Schicksalsschrift der Deutschen im 19. Jahrhundert. Zur Germania des Tacitus. In: Manfred Jakubowski-Tiessen (Hrsg.): Religion zwischen Kunst und Politik. Aspekte der Sãkularisierung im 19. Jahrhundert. Gõttingen 2004, S. 26–47.
Ludwig Krapf: Germanenmythus und Reichsideologie. Frühhumanistische Rezeptionsweisen der taciteischen „Germania“ (= Studien zur deutschen Literatur. Band 59). Niemeyer, Tübingen 1979, ISBN 3-484-18055-2.
Christopher B. Krebs: „… jhre alte Muttersprache … unvermengt und unverdorben“: Zur Rezeption der taciteischen Germania im 17. Jahrhundert. In: Philologus. Band 154 (2010) 119–139 (academia.edu).
Christopher B. Krebs: Ein gefährliches Buch – Die „Germania“ des Tacitus und die Erfindung der Deutschen. DVA, München 2012.
Allan A. Lund: Germanenideologie im Nationalsozialismus. Zur Rezeption der „Germania“ des Tacitus im „Dritten Reich“. Universitätsverlag C. Winter, Heidelberg 1995.
Dieter Mertens: Die Instrumentalisierung der „Germania“ des Tacitus durch die deutschen Humanisten. In: Heinrich Beck (Hrsg.): Zur Geschichte der Gleichung „germanisch-deutsch“. De Gruyter, Berlin/New York 2004, S. 37–101 (online; PDF; 6,2 MB).
Ingo Wiwjorra: Der Germanenmythos. Konstruktion einer Weltanschauung in der Altertumsforschung des 19. Jahrhunderts. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2006, ISBN 3-534-19016-5.
Weblinks
Germania, lateinisch und deutsch mit weiterführenden Angaben
Lateinische Germania
Germania, lateinisch und deutsch mit Kommentar
Digitalisat der ersten deutschen Ausgabe der Germania, Nürnberg 1473/74. (abgerufen am 12. April 2015)
Anmerkungen
Kategorie:Literarisches Werk der Antike
Kategorie:Literatur (Latein)
Kategorie:Literatur (1. Jahrhundert)
Kategorie:Antikes Geschichtswerk
Kategorie:Politischer Mythos
Kategorie:Quellen (Germanen) | de | wikipedia | 33,195 |
c45adb29-1591-4470-8266-fbda7a644f0e | Aemilianus (Kaiser) | miniatur|320px|Antoninian des Aemilianus, auf dem der Kriegsgott Mars als Friedensstifter dargestellt wird.
Marcus Aemilius Aemilianus (kurz Aemilian; * 207 oder 213 in Djerba; † 253) war im Jahr 253 römischer Kaiser.
Leben
miniatur|320px|Cornelia Supera, Gattin des Aemilianus
Aemilianus wurde entweder 207 oder 213 im afrikanischen Djerba geboren; nach dem mittelbyzantinischen Historiker Johannes Zonaras war er ein Libyer. Seine Frau hieß Cornelia Supera, über eventuelle Kinder ist nichts bekannt.
Aemilianus wurde um 252 als Statthalter in die Provinz Niedermösien entsandt, wo ihm im Frühjahr 253 ein Sieg über den Gotenkönig Kniva gelang. Kniva forderte von Aemilianus eine Erhöhung der jährlichen römischen Tributzahlungen, die er von Trebonianus Gallus 251 erzwungen hatte. Aemilianus jedoch weigerte sich, worauf Kniva sein Heer in Bewegung setzte. Aemilianus versprach seinen Soldaten die Gelder, die bisher die Goten erhalten hatten; seine Truppen überraschten die Goten und schlugen sie vernichtend. Dieser unerwartete Sieg begeisterte seine Soldaten so sehr, dass sie ihn sofort nach Ende der Schlacht (wohl im Juli 253) zum Kaiser ausriefen.Zonaras 12,21. Aemilianus marschierte nun mit seiner Armee gegen Rom, um sich die Kaiserwürde zu sichern.
Kaiser Gallus und sein Sohn Gaius Vibius Volusianus zogen dem Usurpator auf der Via Flaminia entgegen, woraus man schließen kann, dass Aemilianus’ Truppen höchstwahrscheinlich nicht in der Überzahl waren. Aus den nachfolgenden Kämpfen bei Interamna, wo sich das Heer des Gallus auflöste, ging jedoch Aemilianus als Sieger hervor. Gallus und sein Sohn flohen und wurden darauf von ihren eigenen Soldaten ermordet. Aemilianus zog anschließend in Rom ein und ließ sich offiziell vom Senat bestätigen. Zonaras spricht davon, dass er dem Senat versprach, Thrakien zu sichern und gegen die Sassaniden im Osten zu ziehen.Zonaras 12,22.
Aemilianus kam jedoch nicht mehr dazu, seine Pläne in die Tat umzusetzen, denn kurz vor seinem Tode hatte Gallus noch den Kommandeur der oberrheinischen Truppen, Valerian, zu Hilfe gerufen. Valerian war nach dem Tod des Gallus selbst zum Kaiser ausgerufen worden, was typisch war für die chaotischen Zustände im Zeitalter der Reichskrise des 3. Jahrhunderts. Nun spielte sich fast dasselbe Schauspiel wie drei Monate zuvor ab: Als Aemilianus’ Soldaten das gegnerische Heer sahen, ermordeten sie ihn und liefen zu Valerian über; vermutlich ereignete sich dies im September 253 im Raum Spoleto. Mehreren Quellen zufolge spielte dabei auch der Umstand eine Rolle, dass die Soldaten nicht von Aemilianus’ Führungsstärke überzeugt waren und glaubten, Valerian würde ein besserer Kaiser sein.Zonaras 12,22; Zosimos 1,29. Dieser konnte sich auch gegen Silbannacus durchsetzen, der wahrscheinlich nach dem Tod des Aemilianus kurzzeitig in Rom den Kaisertitel beanspruchte.
Über die kurze Herrschaft des Aemilianus lässt sich kaum etwas mit Bestimmtheit sagen. Er soll maßvoll regiert und sich gut mit dem Senat verstanden haben. Schon die antiken Autoren sahen in ihm wenig mehr als ein kurzes Zwischenspiel in der wirren Zeit der Soldatenkaiser. Lakonisch meinte Eutropius:
Aemilianus entstammte einer völlig unbedeutenden Familie, seine Regierung war noch unbedeutender, und im dritten Monat wurde er erschlagen.Eutropius, Breviarium ab urbe condita 9,6.
Literatur
David S. Potter: The Roman Empire at Bay. Routledge, London/New York 2004, ISBN 0-415-10057-7.
Weblinks
Anmerkungen
Kategorie:Kaiser (Rom)
Kategorie:Geboren im 3. Jahrhundert
Kategorie:Gestorben 253
Kategorie:Mann
Kategorie:Herrscher (3. Jahrhundert) | de | wikipedia | 3,627 |
560c8d86-cca6-4f75-bd85-660b2dff7a03 | Biogas | mini|Speicher der Biogasanlage Güssing, Burgenland, Österreich
Biogas ist ein brennbares Gas, das durch Vergärung von Biomasse jeder Art entsteht. Es wird in Biogasanlagen hergestellt, wozu sowohl Abfälle als auch nachwachsende Rohstoffe vergoren werden.
Das Präfix Bio weist auf die „biotische“ Bildungsweise im Gegensatz zum fossilen Erdgas hin und ist hier nicht mit dem EU-weit geschützten Begriff Bio zu verwechseln. Das Gas kann zur Erzeugung von elektrischer Energie, zum Betrieb von Fahrzeugen oder zur Einspeisung nach Aufbereitung als Biomethan in ein Gasversorgungsnetz eingesetzt werden.
Rohstoffe
Ausgangsstoffe sind biogene Materialien wie die folgenden:
vergärbare, biomassehaltige Reststoffe wie Klärschlamm, Bioabfall oder Speisereste
Wirtschaftsdünger (Gülle, Mist)
bisher nicht genutzte Pflanzen sowie Pflanzenteile (beispielsweise Zwischenfrüchte, Pflanzenreste und dergleichen).
gezielt angebaute Energiepflanzen (Nachwachsende Rohstoffe)
Dabei ergeben verschiedene Ausgangsmaterialien unterschiedliche Biogaserträge und je nach ihrer Zusammensetzung ein Gas mit variablem Methangehalt, wie die nebenstehende Tabelle zeigt.
Ein Großteil der Rohstoffe, insbesondere Wirtschaftsdünger und Pflanzenreste, fallen prinzipiell kostenlos in der Landwirtschaft an, daher stellt dieser Wirtschaftszweig das größte Potenzial für die Produktion von Biogas. Ganz andere Auswirkungen hat der Anbau von Energiepflanzen:
die Produktion steht in Konkurrenz mit der Nahrungsmittelproduktion.
Monokulturen können eine Landschaftsverarmung bewirken.
Vorteile von Biogas kann man mit den (möglichen) Nachteilen von Energiepflanzen abwägen („Ökobilanz“).Zeit online: Biostrom, nein danke!
Entstehung
mini|hochkant=1.5|Übersicht über die anaerobe Verwertung von polymeren Substraten und Lipiden
Biogas entsteht durch den natürlichen Prozess des mikrobiellen Abbaus organischer Stoffe unter anoxischen Bedingungen. Dabei setzen Mikroorganismen die enthaltenen Kohlenhydrate, Eiweiße und Fette in die Hauptprodukte Methan und Kohlenstoffdioxid um.
Der Prozess besteht aus mehreren Stufen, die jeweils von Mikroorganismen verschiedener Stoffwechseltypen durchgeführt werden. Polymere Bestandteile der Biomasse, wie Zellulose, Lignin, Proteine, werden zunächst durch mikrobielle Exoenzyme zu monomeren (niedermolekularen) Stoffen umgewandelt. Niedermolekulare Stoffe werden durch gärende Mikroorganismen zu Alkoholen, organischen Säuren, Kohlenstoffdioxid (CO2) und Wasserstoff (H2) abgebaut. Die Alkohole und organischen Säuren werden durch acetogene Bakterien zu Essigsäure und Wasserstoff umgesetzt. In der letzten Stufe werden durch methanogene Archaeen aus Kohlenstoffdioxid, Wasserstoff und Essigsäure die Endprodukte Methan (CH4) und Wasser gebildet.
Die Bezeichnung Biogas für Gase, die aus organischen Reststoffen und nicht aus landwirtschaftlichen Produkten gewonnen werden, wird zusammenfassend für energiereiche Gase verwendet, die unter anoxischen Bedingungen durch Mikroorganismen aus biotischen Stoffen gebildet werden:
Klärgas: das bei der Faulung von Klärschlamm aus der Abwasserreinigung entstehende Gas, eine Unterform des Faulgas
Deponiegas: aus einer Mülldeponie austretendes Gas
Zusammensetzung
Die Zusammensetzung von Biogas ist sehr unterschiedlich, weil sie von der Substratzusammensetzung und der Betriebsweise des Faulbehälters abhängt. In der Schweiz wird Biogas ausschließlich aus Reststoffen produziert, z. B. über das Verfahren von Kompogas.
Vor der Biogasaufbereitung besteht die Gasmischung aus den Hauptkomponenten Methan (CH4) und Kohlenstoffdioxid (CO2). Darüber hinaus sind meist auch Stickstoff (N2), Sauerstoff (O2), Schwefelwasserstoff (H2S), Wasserstoff (H2) und Ammoniak (NH3) enthalten.
Wertvoll im wassergesättigt anfallenden Biogas ist das zu rund 60 % enthaltene Methan. Je höher dessen Anteil ist, desto energiereicher ist das Gas. Nicht nutzbar ist der Wasserdampf. Im Rohbiogas störend sind vor allem Schwefelwasserstoff und Ammoniak. Sie werden bei der Biogasaufbereitung vor der Verbrennung entfernt, um Gefährdungen des Menschen, Geruchsbelästigungen sowie Korrosion in Motoren, Turbinen und nachgeschalteten Komponenten (unter anderem Wärmetauscher) zu verhindern. Ebenfalls störend ist das CO2, das in bestimmten Anwendungsfällen abgeschieden und verwertet werden kann.
Klima- und Umweltschutz
Methan ist ein stark wirksames Treibhausgas. Deshalb ist die Prüfung der Dichtigkeit von Biogasanlagen und aller zugehörigen Komponenten ein relevanter Beitrag zum Klimaschutz. Allerdings müssen sie für Wartungsarbeiten zugänglich bleiben. Deshalb kann beim Betrieb einer Biogasanlage Methan entweichen, das auf mittlere Sicht eine etwa 25-mal stärkere aufheizende Wirkung auf das Klima hat als CO2.
Biogas erreicht seinen maximalen Wirkungs- und Versorgungsgrad, wenn es gleichzeitig zur Strom- und Wärmeerzeugung genutzt wird; in der so genannten Kraft-Wärme-Kopplung (KWK) weist es die beste Klimabilanz auf. Eine Stromerzeugung ohne Wärmenutzung oder die rein thermische Verwendung von aufbereitetem Biogas in Erdgasthermen sind hingegen erwartungsgemäß nicht optimal, wie die Agentur für Erneuerbare Energien ermittelte.vgl. Grafik-Dossier: Biogas-Nutzungspfade im Vergleich sowie Grafik-Dossier: Nutzungspfade von Biomasse, Energieholz, Energiepflanzen und Reststoffen.
Biogas verbrennt klimaneutral, da das entstehende CO2 vorher von Pflanzen aus der Luft gebunden wurde. Es gibt aber Faktoren, die die Klimabilanz von Biogasanlagen durch den Anbau von Energiepflanzen verschlechtern können:
Bei der Produktion von Energiepflanzen kommt es zu einem hohen Energieeinsatz. Eine mit Maissilage betriebene Anlage verbraucht im Gegensatz zur Abfallverwertung bei allen Produktionsschritten Energie: Saatvorbereitung, Säen, Düngen, Schutz vor Schädlingen (Pflanzenschutzmittelproduktion und Einsatz), Ernte, Transport, Silage, Vergärung unter Umwälzen und Rücktransport der Gärrestmenge auf die Felder. Die Klimabilanz der Energiepflanzen kann verbessert werden, wenn der für die Produktion nötige Energiebedarf selbst aus regenerativen Energien gedeckt wird, etwa wenn die eingesetzten Landmaschinen ebenfalls mit Treibstoffen aus Energiepflanzen oder Ökostrom betrieben werden.
Bei der Stickstoffdüngung, vornehmlich durch die Nutzung mineralischer Dünger, kann Distickstoffmonoxid (auch als „Lachgas“ bezeichnet) entstehen und muss in die Klimabilanz eingerechnet werden. Distickstoffmonoxid wird durch Mikroben gebildet, und zwar aus Luftsauerstoff und dem zugeführten Stickstoff. Distickstoffmonoxid hat ein ungefähr 300-mal größeres Treibhausgaspotenzial als CO2. Auch die Änderung der Landnutzung muss berücksichtigt werden: Beispielsweise setzen trockengelegte Moorflächen große Mengen CO2 frei, da der verfügbare Sauerstoff die mikrobielle Aktivität fördert und somit der langjährige Kohlenstoffspeicher abgebaut wird.
Der Anbau von Mais ist ökologisch umstritten. Mais (Zea mays) ist ein Gras tropischen Ursprungs. Der Anbau erfolgt so, dass Frost vermieden wird, die Aussaat also spät im Jahr stattfindet, die Pflanzen im Mai/Juni gut wachsen und die Ernte Ende September beginnt. Während des größten Teils des Jahres liegen die mit Mais bepflanzten Äcker somit frei, weshalb in Deutschland die Flächen in der Regel zusätzlich mit Zwischenfrüchten bestellt werden. Geschieht dies nicht, werden die Flächen durch Wind und Regen erodiert. Dadurch kann es zum Eintrag von Pflanzenschutzmitteln und Dünger in naheliegende Gewässer, aber auch ins Grundwasser kommen. Der Anbau von Mais ist allerdings nur in geringem Maße von Pflanzenschutzmaßnahmen betroffen. Er wird lediglich kurz vor Reihenschluss gegen Unkraut behandelt. Der Eintrag von Pflanzenschutzmitteln stellt ein Problem dar, da es sowohl zu Eutrophierungen als auch zu Verlandung der Gewässer kommen kann. Ebenso kann es zu Verwehungen von großen Mengen Staub aus trockenen Äckern kommen, was wiederum die Bodenfruchtbarkeit beeinträchtigt, weil hierdurch wichtige Bodenbestandteile verloren gehen; es besteht langfristig die Gefahr der Wüstenbildung, was insbesondere in den USA bekannt ist.
Durch den großflächigen Anbau von Mais-Monokulturen zur Produktion von Biogas kommt es zu weiteren ökologischen Auswirkungen. Weideland und Feuchtwiesen werden in Ackerland umgewandelt (in Deutschland nicht ohne Sondergenehmigung möglich), Brachflächen wieder genutzt. Dies hat Auswirkungen auf Vögel (z. B. Feldlerche, Rebhuhn), Insekten und andere Tiere, die dadurch Nahrungs- und Brutgebiete verlieren.
Anders als bei konventionell wirtschaftenden Betrieben mit Biogasanlagen spielt der Mais als Energiepflanze für die Ökolandwirte nur eine recht geringe Rolle, solange diese Ökolandwirte keine Biogasanlage betreiben. Betreiben sie eine Biogasanlage wird Mais zur Hauptenergiequelle, und sie müssen nur noch ein Bruchteil vom benötigten Mais selbst produzieren. Generell sind Kleegras und Reststoffe wie Gülle und Mist von großer Bedeutung, da sie den einzigen Dünger der ökologischen Landwirtschaft darstellen.
Der Ökolandbau bietet auch Anregungen für konventionell arbeitende Betriebe, was etwa den Anbau von Zwischenfrüchten und Untersaaten oder den gleichzeitigen Anbau mehrerer Pflanzen betrifft; so können auch konventionelle Betriebe für ihren Energiepflanzenanbau von den Erfahrungen der Ökobetriebe profitieren.Agentur für Erneuerbare Energien: Hintergrundpapier: Biogas und Ökolandbau Durch verschiedene Vorbehandlungsmethoden wird zudem versucht, den größt-möglichen Biogas- bzw. Methanertrag aus dem Substrat zu erzielen.
Potenziale
Im Jahr 2014 entsprach die Biogasproduktion in Deutschland etwa 20 % der damaligen Erdgasimporte aus Russland. Mit dem verbleibenden Potenzial können etwa weitere 10 % ersetzt werden, unter Berücksichtigung technischer und demografischer Entwicklungen bis zu insgesamt 55 %. In der EU entsprach die Biogasproduktion etwa 6 % dieser Erdgasimporte aus Russland. Mit dem verbleibenden Potenzial können etwa weitere 26 % ersetzt werden, unter Berücksichtigung technischer und demografischer Entwicklungen bis zu insgesamt etwa 125 %.DBFZ: Potenziale für Biogas und Biomethan in Deutschland und Europa. Berlin 2014.
Einspeisung in das Erdgasnetz
Nach einer umfassenden Biogasaufbereitung kann eine Einspeisung in das Erdgasnetz erfolgen. Neben dem Entfernen von Wasser, Schwefelwasserstoff (H2S) und Kohlendioxid (CO2) muss auch eine Anpassung an den Heizwert des Erdgases im jeweiligen Gasnetz (Konditionierung) stattfinden. Wegen des hohen technischen Aufwands lohnt sich die Aufbereitung und Einspeisung derzeit nur für überdurchschnittlich große Biogasanlagen. Erste Projekte dazu starteten 2007.Lichtblick verkauft auch Biogas, die tageszeitung vom 12. Juni 2008. Neuentwicklungen wie etwa die Hohlfasermembran der Evonik Industries aus Essen ermöglichen eine Reinigung von Biogas bis zu einem Reinheitsgrad von bis zu 99 Prozent und bringen es damit auf Erdgasqualität.Polyimid-EVONIK: Hohlfasern von Evonik Industries zur Biogasaufbereitung
Um Erdgasqualität zu erreichen, sind folgende Aufbereitungsschritte notwendig:
Entschwefelung: Die Entschwefelung ist notwendig, um Korrosion zu vermeiden. Schwefel findet sich als Schwefelwasserstoff (H2S) im Biogas, bei dessen Verbrennung entstünden bei Anwesenheit von Wasserdampf aggressive Säuren, nämlich Schweflige Säure (H2SO3) und Schwefelsäure (H2SO4). Meist ist der Schwefelwasserstoffanteil gering, kann aber bei proteinreichem Substrat (Getreide, Leguminosen, Schlachtabfälle und dergleichen) stark ansteigen. Es gibt verschiedene Möglichkeiten zur Entschwefelung, unter anderem sind biologische, chemische und adsorptive Verfahren möglich. Gegebenenfalls sind mehrere Stufen nötig wie Grob- beziehungsweise Feinentschwefelung.
Trocknung: Da Biogas wasserdampfgesättigt ist, würden bei Abkühlung unbehandelten Biogases erhebliche Kondensatmengen anfallen, welche zu Korrosion in Motoren führen können. Darüber hinaus soll die Bildung von Wassertaschen vermieden werden. Deshalb muss das Gas getrocknet werden. Dies erfolgt durch eine Abkühlung des Gases auf Temperaturen unterhalb des Taupunktes in einem Wärmetauscher, das kondensierte Wasser kann entfernt werden und das abgekühlte Gas wird durch einen zweiten Wärmetauscher geleitet und wieder auf Betriebstemperatur erwärmt. Gleichzeitig mit der Trocknung wird das gut wasserlösliche Ammoniak entfernt.
CO2-Abtrennung: Kohlenstoffdioxid (CO2) ist nicht oxidierbar und trägt daher nicht zum Heizwert des Biogases bei. Zur Erreichung von Erdgasqualität muss der Heizwert des Biogases dem des Erdgases angepasst werden. Da Methan die energieliefernde Komponente des Biogases ist, muss dessen Anteil durch Entfernung von CO2 erhöht werden. Die derzeit gängigen Verfahren der Methananreicherung durch CO2-Abtrennung sind Gaswäschen und die Druckwechsel-Adsorption (Adsorptionsverfahren an Aktivkohle).Biogasaufbereitung für Einspeisung ins Erdgasnetz Daneben sind weitere Verfahren wie die kryogene Gastrennung (mittels tiefer Temperaturen) oder die Gastrennung durch Membranen in der Entwicklung.
Konditionierung: Bei der Konditionierung wird das Biogas bezüglich Trockenheit, Druck und Heizwert den Erfordernissen angepasst. Je nach Herkunft hat Erdgas unterschiedliche Heizwerte, daher muss der obere Heizwert des aufbereiteten Biogases an das jeweilige Netz angepasst werden.
Verdichtung: Zur Einspeisung in das Erdgasnetz sind, abhängig von der jeweiligen Netzart, meistens niedrige bis mittlere Drücke bis etwa 20 bar notwendig. Seltener erfolgt eine direkte Einspeisung ins Ferngasnetz mit bis über 80 bar. Wenn das Biogas nach der Aufbereitung einen geringeren Druck als das Netz aufweist, muss es mit Hilfe eines Kompressors verdichtet werden.
Weitere Reinigungs- und Aufbereitungsschritte: In Deponie- und Klärgasen können Siloxane sowie halogenierte und cyclische Kohlenwasserstoffe enthalten sein. Siloxane verursachen stark erhöhten Motorenverschleiß. Halogen-Kohlenwasserstoffe führen zu Emissionen toxischer Verbindungen. Siloxane und Kohlenwasserstoffe können mittels Gaswäsche, Gastrocknung oder Adsorption an Aktivkohle aus dem Biogas entfernt werden.
Nutzung
Biogas eignet sich neben der Eigennutzung in der Landwirtschaft auch als Beitrag zu einem Energiemix aus erneuerbaren Energien. Dies, weil es zum einen grundlastfähig ist, das heißt, dass das Biogas im Gegensatz zu anderen erneuerbaren Energieträgern wie Wind oder Sonne kontinuierlich verfügbar ist, zum anderen lassen sich Biomasse und Biogas speichern, wodurch zum Energieangebot in Spitzenzeiten beigetragen werden kann. Deswegen bietet sich dieser Bioenergieträger zum Ausgleich kurzfristiger Schwankungen im Stromangebot der Wind- und Sonnenenergie an. Bisher werden die meisten Biogasanlagen kontinuierlich, quasi als Grundlastkraftwerk, betrieben. Zur Nutzung der enthaltenen Energie stehen die folgenden Möglichkeiten zur Wahl: Kraft-Wärme-Kopplung (KWK) vor Ort: Biogas wird in einem Blockheizkraftwerk (BHKW) für die Strom- und Wärmeerzeugung genutzt (KWK); der Strom wird vollständig ins Netz eingespeist, die ca. 60 Prozent ausmachende Abwärme kann vor Ort genutzt werden. Alternativ kann das Biogas nach entsprechender Aufbereitung ins Versorgungsnetz eingespeist werden.
Blockheizkraftwerke
In Deutschland ist die Verbrennung von Biogas in Blockheizkraftwerken (BHKW) am häufigsten, um zusätzlich zur Wärme auch Elektrizität zur Einspeisung in das Stromnetz zu produzieren.
Da der größte Teil der Biogaserträge durch den Stromverkauf erzielt wird, befindet sich beim Wärmeabnehmer ein BHKW, welches als Hauptprodukt Strom zur Netzeinspeisung produziert und Wärme im Idealfall in ein Nah- oder Fernwärmenetz einspeist. Ein Beispiel für ein Nahwärmenetz ist das Bioenergiedorf Jühnde. Bisher wird allerdings bei den meisten landwirtschaftlichen Biogasanlagen mangels Wärmebedarf vor Ort nur ein geringer Teil der Wärme genutzt, beispielsweise zur Beheizung des Fermenters sowie von Wohn- und Wirtschaftsgebäuden.
Biogasnetz
Eine Alternative ist der Transport von Biogas in Biogasleitungen über Mikrogasnetze. Die Strom- und Wärmeproduktion kann dadurch bei Wärmeverbrauchern stattfinden.
Weitere Nutzungsarten
Hauptartikel: Biomethan
Biogas kann als nahezu CO2-neutraler Treibstoff in Kraftfahrzeugmotoren genutzt werden. Da eine Aufbereitung auf Erdgasqualität notwendig ist, muss der CO2-Anteil weitestgehend entfernt werden. CO2 lässt sich nach der Abtrennung kommerziell verwerten, beispielsweise in der Getränkeindustrie.dvgw-innovation.dekarlsteiger.de Sogenanntes Biomethan oder Bioerdgas muss auf 200 bis 300 bar verdichtet werden, um in umgerüsteten Kraftfahrzeugen genutzt werden zu können.
In der Schweiz fahren Lastwagen der Walter Schmid AG und der dazugehörigen Firma Kompogas seit dem Jahr 1995 mit Biogas, der erste Lastwagen erreichte im Sommer 2010 seinen millionsten Kilometer. Ab 2001 fuhr auch die Migros Zürich mit Kompogas und seit 2002 auch McDonald’s Schweiz.
Bisher wird Biogas jedoch selten auf diesem Weg verwertet. 2006 wurde die erste deutsche Biogastankstelle in Jameln (Wendland) eröffnet.
Wegen der hohen elektrischen Wirkungsgrade könnte in Zukunft zudem die Verwertung von Biogas in Brennstoffzellen interessant sein. Der hohe Preis für die Brennstoffzellen, die aufwändige Gasaufbereitung und die in Praxisversuchen bisher noch geringe Standzeit verhindern bisher eine breitere Anwendung dieser Technik.
Biogas weltweit
Während Biogas erst in den letzten 10 Jahren in das Bewusstsein der europäischen Bevölkerung gerückt ist, wurde in Indien bereits Ende des 19. Jahrhunderts Biogas zur Energieversorgung eingesetzt. Die ökonomische Verbreitung der Biogasnutzung hängt vor allem von der Weltenergiepolitik (z. B. während der Erdölschwemme von 1955 bis 1972 und der Ölkrise von 1972 bis 1973) und den jeweiligen nationalen Gesetzgebungen (zum Beispiel dem Erneuerbare-Energien-Gesetz in Deutschland) ab. Unabhängig davon wurden kleine Biogasanlagen in Ländern wie Indien, Südkorea und Malaysia zur privaten Energieversorgung gebaut, wobei mit über 40 Millionen Haushaltsanlagen die meisten in China stehen.
Deutschland
mini|Entwicklung und Leistung der Biogasanlagen in Deutschland (Stand: 11/2010), Quelle: Fachverband Biogas e. V.
Von 1999 bis 2010 wuchs die Zahl der Biogasanlagen von etwa 700 auf 5905, die insgesamt rund 11 % des Stroms aus erneuerbaren Energien produzieren. Ende 2011 waren in Deutschland rund 7.200 Biogasanlagen mit einer installierten elektrischen Anlagenleistung von ca. 2.850 MW in Betrieb. Damit ersetzen Deutschlands Biogasbauern mehr als zwei Atomkraftwerke und versorgen über fünf Millionen Haushalte mit Strom.Biogas versorgt mehr als 5 Millionen Haushalte, Top Agrar Heute, 24. Januar 2012 Aufgrund unsicherer politischer Rahmenbedingungen hat sich der Zubau seit 2012 stark verringert, um nur noch 200 MW in 2013.
Im Jahr 2013 waren in Deutschland insgesamt 7.720 Biogasanlagen mit einer elektrischen Gesamtleistung von etwa 3.550 Megawatt installiert, die 27 Mio. Megawattstunden elektrischer Energie oder 4,3 % des deutschen Bedarfs oder eine Energiedichte von 2mw/m³ produzierten. Zusätzlich zur elektrischen Energie wurden weitere 13,5 Mio. MWh Wärmeenergie erzeugt, was einem Anteil von 0,9 % des deutschen Jahresbedarfs entspricht. Zur Versorgung dieser Biogasanlagen, von denen sich etwa 75 % im Besitz bäuerlicher Unternehmen befinden, wurden 1,268 Mio. Hektar Anbaufläche verwendet, was etwa 10,6 % der als Ackerland genutzten Flächen in Deutschland entsprach.
Es wird angenommen, dass die Erzeugung von Bioerdgas bis 2030 auf jährlich 10,3 Milliarden m³ Biomethan ausgebaut werden kann. Das entspräche einer Vervierfachung der Kapazitäten des Jahres 2007., Statistiken und Graphiken, BMU 2009. Das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) sichert eine gegenüber konventionellem Strom erhöhte und auf 20 Jahre garantierte Einspeisevergütung. Für die Nutzung der Wärme erhält der Anlagenbetreiber zusätzlich einen ebenfalls im EEG festgelegten Bonus für die Kraft-Wärme-Kopplung (KWK-Bonus). Die Wärmenutzung wird durch hohe Energiepreise und finanzielle Anreize und das seit Januar 2009 gültige Erneuerbare-Energien-Wärmegesetz gefördert.
Seit 2007 bieten in Deutschland Gaslieferanten zunehmend eine bundesweite Belieferung von reinem Biogas oder Beimischungen zu fossilem Erdgas für Endkunden an. Bundesweit können sich Gaskunden für mindestens einen, aber teilweise bis zu zehn Gastarifen mit einer Biogasbeimischung entscheiden.Bundesweit maximal zehn Biogastarife mit fünf Prozent Biogas verfügbar, Gastipp.de, 20. Dezember 2012. Abgerufen am 16. Januar 2013.
Besondere Bedeutung für den Strommarkt kommt flexibilisierten Biogasanlagen zu, die perspektivisch ein verfügbares Ausgleichspotenzial von insgesamt rund 16.000 MW anbieten können. Innerhalb weniger Minuten könnte diese Kapazität bei Überangebot im Netz gedrosselt oder bei steigender Nachfrage hochgefahren werden. Zum Vergleich: Die Kapazität der deutschen Braunkohlekraftwerke wird von der Bundesnetzagentur auf rund 18.000 MW beziffert. Diese fossilen Großkraftwerke könnten wegen ihrer technisch bedingten Trägheit jedoch nur wenige Tausend Megawatt für den kurzfristigen Ausgleich von Solar- und Windstrom zur Verfügung stellen.AEE: Bioenergie im Strommarkt der Zukunft. Renews Spezial 67 (2013).
Häufig wird von einer „Vermaisung“ der Landschaft gesprochen. Tatsächlich stieg der Anteil der Maisanbauflächen von 9,3 % im Jahr 1993 auf 14,9 % (2013). Dies ist jedoch auch vor dem Hintergrund der Gemeinsamen Agrarpolitik der EU zu sehen. Im Rahmen der festgelegten Flächenstilllegung, mussten landwirtschaftliche Betriebe bis zu 15 % der Betriebsflächen stilllegen, um eine landwirtschaftliche Überproduktion zu limitieren. 2000 wurden die Stilllegungen auf 10 %, 2005 auf 5 % reduziert und 2009 abgeschafft. Bereits Anfang der neunziger Jahre durften auf den Stilllegungsflächen allerdings nachwachsende Rohstoffe angebaut werden. Mit einer Zunahme von circa 5 % hat der Maisanbau für die Verwertung in Biogasanlagen kaum Auswirkungen auf den Kulturartenanbau in Deutschland. Hinsichtlich der Flächenverteilung bewegt sich der Anbau auf moderatem Niveau.Multerer, A. (2014): Einfluss der eingesetzten Biogassubstrate auf den Kulturpflanzenanbau. Potentialbewertung alternativer Einsatzstoffe. – ANLiegen Natur 36(1): 54–60, Laufen. PDF 0,7 MB
Im Zuge des Osterpakets 2022 des BMWKs, welches Änderungen am EEG beinhaltet, sollen die Ausschreibungsmengen von Biomasse ab 2023 zu Gunsten von Biomethan reduziert werden. Um dies zu erreichen, sollen 2023 600 MW, 2024 500 MW, 2025 400 MW und 2026 bis 2028 je 300 MW für Biogas ausgeschrieben werden. Der Maximalwert der Vergütung in den Ausschreibungen soll dabei um 0,5 ct/kWh erhöht werden. Außerdem soll Biomethan nur noch in hochflexiblen Kraftwerken zum Einsatz kommen dürfen. Auch der Substrateinsatz soll angepasst werden. So sollen zum Beispiel der Maisdeckel reduziert und Güllekleinanlagen bis zu einer Leistung von 150 kW, statt 100 kW wie zuvor, vergütet werden. Letzteres wurde von dem Deutschen Bauernverband als positiv gewertet, während dieser ansonsten den Mangel an Perspektive in der Überarbeitung des EEGs für die Aufrechterhaltung des Anlagenbestandes kritisierte.
Schweiz
mini|Ein mit Biogas betriebener Bus von Bernmobil
In der Schweiz wird reines Biogas oft als Kompogas bezeichnet. An vielen Schweizer Gastankstellen wird unter der Bezeichnung „Naturgas“ ein Gemisch von Kompogas und Erdgas verkauft. 2010 gab es in der Schweiz 119 Erdgastankstellen, an denen Naturgas mit einem Biogas-Anteil von mindestens 10 % angeboten wurde. Diese befanden sich überwiegend im Westen und Norden des Landes, also im dicht besiedelten Mittelland.
Seit dem 1. Januar 2009 gilt in der Schweiz die kostendeckende Einspeisevergütung (KEV); damit verbunden ist ein erhöhter Einspeisetarif (Einspeisevergütung für aus Biogas erzeugten Strom) für erneuerbare Energien, welcher auch Biogas einschließt. Die Vergütung besteht aus einem festen Abnahmepreis und einem zusätzlichen sogenannten Landwirtschaftsbonus, der gewährt wird, wenn mindestens 80 % der Substrate aus Hofdünger bestehen. Das schweizerische Fördermodell soll so die nachhaltige Entwicklung im Energiesektor forcieren, da sie insbesondere die güllebasierten und damit nachhaltigsten Biogasanlagen fördert.
Das schweizerische Förderinstrument für erneuerbare Energien (KEV) trägt bei der Biomasseverwertung dem Umstand Rechnung, dass keine Flächen für den Anbau von nachwachsenden Rohstoffen vorhanden sind. Bisher hat das Gesetz im Bereich der Nutzung von Gülle keinen substantiellen Zuwachs an landwirtschaftlichen Biogasanlagen bewirkt. Die geringe Attraktivität von Grüngut als Co-Substrat für landwirtschaftliche Anlagen und das somit energetisch ungenutzte Potenzial hat Biogasfirmen dazu bewogen neue Anlagenmodelle zu entwerfen.Thurgauer Zeitung – Neuer Schub für die Biogasbranche (PDF; 263 kB) Kombiniert mit Festmist, Speiseresten oder Bioabfällen aus Gemeinden,Biogas Journal – Bioabfälle bieten noch Potential für Biogas (PDF; 1,6 MB)Biogas Journal – Energieresource kommunale Bioabfälle (PDF; 989 kB) bieten sich neue Möglichkeiten, ohne die Rohstoffe über große Entfernungen zu zentralen Anlagen zu transportieren. Die gleichzeitige Möglichkeit zur Gülleveredelung stellt ein neuartiges Konzept zur Gewinnung erneuerbarer Energie dar.
Pionier für das Schweizer Kompogas war der an Energieeffizienz interessierte Bauunternehmer Walter Schmid. Auf dem heimischen Balkon stellte er nach dem Studium von Fachliteratur die ersten Versuche an und war Ende der 80er-Jahre überzeugt, das Gas aus organischen Abfällen nutzen zu können. Er nahm mit Unterstützung von Bund und Kanton im Jahr 1991 in Rümlang bei Zürich die erste Versuchsanlage in Betrieb, die 1992 als erste Kompogas-Anlage in den ordentlichen Betrieb ging. Das Unternehmen Kompogas erstellte weltweit weitere Anlagen und Schmid wurde 2003 mit dem Solarpreis ausgezeichnet. Im Jahr 2011 wurde die Kompogas-Gruppe vollständig von der axpo neue energien genannten Abteilung des Axpo-Konzerns als Axpo Kompogas AG übernommen.Porträt Pionier Walter Schmid, TA vom 6. Oktober 2010.
Die grösste Schweizer Stadt Zürich vergärt den Bioabfall seit 2013 in eigenen Vergärungsanlagen der Biogas Zürich AG.Geschichte Biogas Zürich AG, Internetauftritt Biogas Zürich AG Seit 2023 besteht dort eine Biotonnen-Pflicht für Immobilien, dank welcher bis 2026 flächendeckend Bioabfall gesammelt wird.In der Stadt Zürich fehlen noch 4500 Bioabfall-Container, Zueritoday, 28. September 2023Abfuhr Bioabfall, ERZ Internetauftritt Im Raum Basel hatte die Anlage von Pratteln schon 2006 den Betrieb aufgenommen,Biopower-Anlage Pratteln, Internetauftritt des Betreibers in Bern besteht die Möglichkeit seit 2015.Anmeldung Grüngut-ContainerProfi-Kompost und Biogas, Internetauftritt Kompostieranlage Seeland AG
Mit Stand 2022 lag der Biogasanteil am gesamten Gasverbrauch der Schweiz bei sechs Prozent. Insgesamt gab es 37 Anlagen die Biogas produzierten, der Rest des Bedarfs wird importiert. Verglichen mit dem Potenzial wurde laut einer Aussage im Jahr 2023 vermutlich nur etwa 10 Prozent des Möglichen produziert.Schweiz braucht Biogas und erneuerbare Gase, Pressedienst CNG, 13. Juli 2023 Die Versorgung mit Erdgas wird in diversen Schweizer Städten eingestellt; das Basler Gasnetz wird 2037 zurückgebaut sein, Zürich und Winterthur folgen bis 2040.Erdgas –Biogas –Power-to-Gas, Factsheet WWF Schweiz, 2023.
Frankreich
Frankreich stellt einen potenziell großen Biogasmarkt dar, der auch von deutschen Anlagenerzeugern bearbeitet wird. Das Land zeichnet sich aus durch eine produktive Landwirtschaft mit verschiedenen ergiebigen Substraten sowie durch ein stabiles Fördersystem für die Strom- und Wärmeerzeugung aus Biogas und für die Biomethaneinspeisung. Im Sommer 2013 gab es ca. 90 landwirtschaftliche Biogasanlagen. Der im April 2013 angekündigte Ausbauplan für landwirtschaftliche Anlagen („Plan EMAA“) mit einem Zielwert von 1.000 Anlagen bis 2020 signalisiert eine beschleunigte Marktentwicklung.Deutsche Energie-Agentur, Marktinfo Frankreich, September 2013, online:
Schweden
In Schweden war die Stromerzeugung aus Biogas bei niedrigeren Strompreisen von ca. 10 Euro-Cent/kWhKundkraft Sverige AB noch unrentabel. Der größte Teil des Biogases (53 %) wird zur Wärmegewinnung genutzt. Im Gegensatz zu anderen europäischen Staaten, wie beispielsweise Deutschland, ist in Schweden die Aufbereitung auf Erdgasqualität (Biomethan) und Nutzung als Treibstoff in Gasfahrzeugen mit 26 % eine weit verbreitete Variante.
Weblinks
Fachverband Biogas in Deutschland
Deutsches BiomasseForschungsZentrum (DBFZ)
Biogas aus der Landwirtschaft Basisinfo von BINE Informationsdienst
Portal „Biogas“ bei der Agentur für Erneuerbare Energie, einschließlich Hintergrundinformationen
European Biomass Association (AEBIOM), Infos und Statistiken zu Biogas in Europa
Biogashandbuch Bayern
Literatur
Biogas: Strom aus Gülle und Biomasse. Planung, Technik, Förderung, Rendite. Top agrar, Das Magazin für moderne Landwirtschaft. Landwirtschaftsverlag, o. O. 2000, ISBN 3-7843-3075-4
Martin Kaltschmitt, Hans Hartmann, Hermann Hofbauer (Hrsg.): Energie aus Biomasse. Grundlagen, Techniken und Verfahren, Springer, Berlin / Heidelberg 2009, ISBN 978-3-540-85094-6.
Martin Kaltschmitt, Wolfgang Streicher, Andreas Wiese (Hrsg.): Erneuerbare Energien. Systemtechnik, Wirtschaftlichkeit, Umweltaspekte. Springer Vieweg, Berlin / Heidelberg 2013, ISBN 978-3-642-03248-6.
Heinz Schulz, Barbara Eder: Biogas-Praxis. Grundlagen, Planung, Anlagenbau, Beispiele. Ökobuch, o. O. 2005, ISBN 3-922964-59-1
Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe e. V.: Frank Hofmann, André Plättner, Sönke Lulies, Frank Scholwin, Stefan Klinski, Klaus Diesel: Einspeisung von Biogas in das Erdgasnetz; Leipzig 2006, ISBN 3-00-018346-9 nachwachsende-rohstoffe.de
Einzelnachweise
Kategorie:Biogenes Brenngas
Kategorie:Sekundärbrennstoff
Kategorie:Fermentation | de | wikipedia | 30,086 |
fce4a1bb-f019-49c1-9c94-631143371f90 | Babylonien | Babylonien (assyrisch Karduniaš; altägyptisch Sangar) bezeichnet eine Landschaft am Unterlauf der Flüsse Euphrat und Tigris, zwischen der heutigen irakischen Stadt Bagdad und dem Persischen Golf. Das kulturelle Zentrum dieser fruchtbaren Ebene im Altertum war die Stadt Babylon, die im Laufe ihrer Existenz von Herrschern aus zahlreichen Volksstämmen erobert und regiert wurde. (Im Mittelalter war „Babylonien“ auch eine Bezeichnung für die Umgebung von Kairo bzw. Oberägypten.Otto Beßler: Prinzipien der Drogenkunde im Mittelalter. Aussage und Inhalt des Circa instans und Mainzer Gart. Mathematisch-naturwissenschaftliche Habilitationsschrift, Halle an der Saale 1959, S. 120.)
Altbabylonisches Reich
mini|Das erste babylonische Reich und die Einflussbereiche weiterer Kulturen bzw. Herrschaftsgebiete (Reiche), um 1800 v. Chr.
mini|Karte aus der Regierungszeit des Hammurapi (reg. 1792–1750 v. Chr.). Abgebildet ist das babylonische Territorium bei seinem Aufstieg 1792 v. Chr. (ockerfarben) und bei seinem Tod 1750 v. Chr. (hellgelb). Die Flussläufe und die Küstenlinie sind rekonstruiert und stammen aus dieser Zeit.
Das erste babylonische Reich wurde 1894/1830 v. Chr. vom semitischen Stamm der Amurriter unter Sumu-abum gegründet. Er ließ um die Stadt die Mauer Imgur-Enlil errichten, die allerdings erst durch seinen Nachfolger Sumulael fertiggestellt wurde. Hammurapi war von 1792 v. Chr. an für die Dauer von 43 Jahren der 6. babylonische König. Er verstand es zunächst, ohne kriegerische Auseinandersetzungen mit den benachbarten Stadtstaaten und Reichen, deren politische Situation auszunutzen und kontrollierte bald durch die schmalste Stelle zwischen Euphrat und Tigris wichtige Handelswege. In wenigen Jahren stieg Babylon, vom bis anhin unbedeutenden Stadtstaat, zu einer Vormacht in der Region auf.
Aus den ersten 28 Jahren der Regentschaft Hammurapis ist wenig überliefert. Der König hielt sich aus Kriegen weitgehend heraus und eroberte keine neuen Gebiete. Innenpolitisch erließ er zu Anfang Schulden. Damit verschaffte er sich die Loyalität seiner Untertanen. Babylon wurde mit Verteidigungsanlagen, insbesondere mit einer hohen Stadtmauer ausgebaut. Hammurapi legte umfangreiche Bewässerungsanlagen an und ließ großartige Bauten errichten; er organisierte das Land durch eine straffe Verwaltung und verfasste eine einheitliche Rechtsordnung, den Codex Hammurapi. Dieses Gesetzeswerk, mit 282 Paragraphen, hielt die Rechte aller Klassen fest. Die Gesetze wurden auf Stelen und Tontafel geschrieben und öffentlich in den Städten aufgestellt. Den Stadtgott von Babylon, Marduk, erhob Hammurapi zum Hauptgott des Landes.
Gegen Ende des dritten Jahrzehnts seiner Herrschaft änderte sich Hammurapis Politik ab 1765 v. Chr. grundlegend. Er erkannte Eroberungsabsichten des Nachbarreichs Elam, da dieses Babylon als Verbündeten gegen Larsa, gleichzeitig aber Larsa als Verbündeten gegen Babylon gewinnen wollte. Hammurapi ergriff die Initiative und verbündete sich mit Larsa und Mari gemeinsam gegen Elam. Die ausgeklügelte Bündnisstrategie wurde durch Boten auf Tontafeln festgehalten und zwischen den Reichen übermittelt; diese Tafeln wurden 1930 in Mari gefunden. Hammurapi wurde mit diesen Zeitdokumenten als einer der ersten außenpolitisch aktiv agierenden Politiker der Geschichte erkennbar. Als Elam den in der Folge ausgebrochenen Krieg zu gewinnen schien, retteten Aufstände und Meutereien im Gebiet und in der Armee Elams Babylon vor der Eroberung und möglichen Zerstörung. Hammurapis Bündnispolitik hatte sich bewährt. Als Nächstes eroberte er gemeinsam mit Mari Larsa, da dieses nicht wie zuvor vereinbart Truppen gegen Elam bereitgestellt hatte. Diese Eroberung dehnte sein Reich auch über die ehemaligen Königreiche Sumer und Akkad aus. Durch die Schwächung Elams und die weiteren geschickt taktierten Unterwerfungen von Mari, Subartu und Ešnunna wurde Hammurapi auch Herrscher von Aššur. Damit wurde Babylonien zum dominierenden Reich in Mesopotamien.Marc Van de Mieroop: King Hammurabi of Babylon. Plackwell, Oxford 2005. ISBN 1-4051-2660-4 (englisch)
Schon sein Sohn musste gegen die aufständischen Stämme im Süden des Reiches in den Krieg ziehen. Nach und nach verlor das Reich an Einfluss und Herrschaftsbereich. Durch zahlreiche innere Unruhen und durch Angriffe von außen geschwächt, wurde es schließlich von dem Hethiterkönig Muršili I. 1595/1531 v. Chr. eingenommen. Das sogenannte Altbabylonische Reich fand damit sein Ende.
Nachfolgedynastien
Die nachfolgende Zeit wird als dunkle Periode der babylonischen Geschichte bezeichnet, weil Schriftzeugnisse selten sind. Die Kassiten regierten etwa 400 Jahre lang (siehe Königsliste). Sie erweiterten das Reich vom Euphrat bis zum Zagros-Gebirge und machten das Land zur Großmacht. Im 15. Jahrhundert v. Chr. gehörte es zu den vier wichtigsten Mächten in Vorderasien (neben den Ägyptern, Mittani und Hethitern). Kurze Zeit später löste sich Assyrien vom Mittanireich und begann eine territoriale Expansion, die auch babylonisches Gebiet berührte.
1155 v. Chr. wurde die Stadt von den Elamitern erobert. Sie plünderten und brandschatzen und brachten unter anderem die Gesetzesstele Hammurapis in ihre Hauptstadt Susa. König Nebukadnezar I. von Isin gelang es 1137 v. Chr., die Kassitendynastie abzusetzen und die zweite Dynastie von Isin in Babylon zu etablieren. Anschließend ging er gegen die Elamiter vor, die nach einem jahrelangen Krieg unterlagen. Ihre Hauptstadt Susa wurde völlig zerstört.
Jeder Versuch Nebukadnezars, das Reich auszudehnen, wurde von den Assyrern beobachtet und zum Teil verhindert. Eine direkte Konfrontation gab es jedoch nicht. Kurze Zeit später eroberte Aššur aber Babylon. Die Zerstörung eines babylonischen Tempels wurde von den Assyrern als Sakrileg empfunden. König Salmanassar III. (858–824 v. Chr.) verheiratete seinen Sohn Šamši-Adad V. mit der Babylonierin Šammuramat. Es ist anzunehmen, dass sie eine Tochter oder jedenfalls nahe Verwandte von König Marduk-zākir-šumi I. gewesen ist. Umstritten ist, ob sie nach dem Tod ihres Mannes als Mitregentin des minderjährigen Sohnes selbst für einige Jahre die Macht übernahm, bis Adad-nīrārī III. für den Antritt seines Erbes alt genug war. Sicher ist, dass die in einem Bündnis gipfelnde freundschaftliche Annäherung beider Reiche unter Salmanassar III. nicht von Dauer war. Zwar leistete Marduk-zākir-šumi I. seinem Bündnispartner beim Aufstand dessen ältesten Sohnes Unterstützung und schloss nach dessen Tod auch einen Vertrag mit dem Thronfolger, versuchte aber die Schwäche der Assyrer auszunutzen und behandelte ihn als Vasallen. Nicht zuletzt unter tatkräftiger Mitwirkung von Šammuramat, die als Vorbild der Legende von Semiramis gilt, fand das assyrische Reich bald zu seiner Stärke zurück und zwang nun umgekehrt den Thronerben in Babylon in die Rolle des Vasallen.
Versuche der Babylonier, die Macht der Assyrer mit Hilfe der Elamiter zu brechen, blieben erfolglos. 689 v. Chr. zerstörte der Assyrer Sanherib die Stadt gänzlich. Sein Sohn Asarhaddon versuchte, die Stadt wieder aufzubauen und im alten Glanz erstrahlen zu lassen. Zu diesem Zeitpunkt änderte Assyrien die Politik gegenüber Babylon und schlug einen harten Kurs ein. Die Folge waren Kriege und Zerstörung. 648 v. Chr. musste sich Babylon nach einer zweijährigen Belagerung dem assyrischen König Assurbanipal geschlagen geben. Nach dem Tod Assurbanipals, des letzten großen Königs Assyriens, brach dessen Reich aber auseinander.
Neubabylonisches Reich
mini|Umrisse des Neubabylonischen Reichs (etwa 580 v. Chr.)
In Babylon bestieg der General Nabopolassar 626 v. Chr. den Thron. Mit ihm begann das sogenannte Neubabylonische Reich. Er vereinigte die lokalen Volksstämme und verbündete sich mit den Medern, die das Erbe der Elamiter im Osten antraten. Die beiden Reiche schlossen in diesem Zusammenhang ein Bündnis. Außerdem heiratete der Sohn Nabopolassars die Enkelin des Mederkönigs. Durch den Bündnisvertrag war der Weg nach Ninive, der assyrischen Hauptstadt, frei. Sie konnte 612 v. Chr. nach einer dreimonatigen Belagerung eingenommen werden. Bis zum Jahr 610 v. Chr. wurden auch die restlichen versprengten assyrischen Heeresteile gänzlich aufgerieben.
Nach Nabopolassars Tod trat Nebukadnezar II. (605–562 v. Chr.) die Thronfolge an. Er entwickelte außerordentliche Fähigkeiten als Staatsmann, Heerführer, Friedensstifter und Bauherr. Nebukadnezar ließ die Tempel in allen Städten des Landes wieder aufbauen, errichtete Kanäle, die sogenannte Medische Mauer und die Prozessionsstraße mit dem Ischtar-Tor.
Mit Syrien und Jehuda führte Nebukadnezar Krieg. Die unterworfenen Länder wurden tributpflichtig und hatten hohe Abgaben an Babylon abzuliefern. Jehuda versuchte mehrere Aufstände, die nach ihrer Niederschlagung zu einer zweimaligen Eroberung und schließlich 587 v. Chr. zur vollständigen Zerstörung Jerusalems und des Tempels Salomons, des höchsten Heiligtums der Juden, führten.Günther Schauerte, Bernd Müller-Neuhof, Katja Sternitzke, Joachim Marzahn (Hrsg.): Babylon Wahrheit. Hirmer 2008. Teile der Bevölkerung wurden in das babylonische Exil geführt, das erst in der Perserzeit aufgegeben wurde.
Im Jahr 562 v. Chr. starb Nebukadnezar nach 40 Regierungsjahren. Der rasche Niedergang des babylonischen Reichs begann. In kurzer Folge wechselten sich die Nachfolger ab. Amēl-Marduk, der Sohn Nebukadnezars, folgte auf den Königsthron. Nach nur zwei Jahren wurde Amēl-Marduk bei einem Aufstand getötet und der babylonische General Nergal-šarra-uṣur bestieg den Thron. Starke Streitigkeiten mit der Priesterschaft führten dazu, dass sich 556 v. Chr. Nabonid des Throns bemächtigte. Nabonid war Anhänger des Gottes Sin und wollte die Macht der Marduk-Priesterschaft eindämmen. Das brachte ihm heftige Auseinandersetzungen bei der Neuordnung des Landwirtschafts- und Pachtsystems ein.
Nabonid überließ den Schutz des Reiches seinem Sohn Belsazar und zog sich in die Oase Tayma zurück, 1000 Kilometer entfernt von Babylon. Dadurch kontrollierte er zwar die wichtigen Handelswege und konnte wirtschaftlichen Druck auf Ägypten ausüben. Gleichzeitig fielen jedoch durch die Abwesenheit des Königs die traditionsreichen Neujahrsfeste in Babylon und damit auch die Verehrung des Gottes Marduk aus. Priester und Volk wandten sich daher von Nabonid ab. Nachdem die Perser die Lydier bezwungen hatten, war Babylonien vom Persischen Reich eingeschlossen und wurde 539 v. Chr. von Kyros II. nach einer kurzen militärischen Auseinandersetzung besiegt.
Folgezeit
Nach dem Sieg der Perser wurde Babylonien zu einer wichtigen Satrapie des Achämenidenreiches. Die aramäische Sprache wurde Amtssprache. Die Wissenschaftler nutzten weiterhin die akkadische Sprache und Schrift. Viele Gelehrte aus Ägypten, Persien, Indien und Griechenland kamen, um ihr Wissen zu erweitern. Im 5. Jahrhundert v. Chr. errechneten die Astronomen Babylons das Sonnenjahr und entwickelten im Jahr 410 v. Chr. das erste Horoskop. Während dieser Zeit wurde aus den Astrallehren der Babylonier die chaldäische Astrologie entwickelt, die später den Boden für die hellenistische bildete.
Alexander der Große traf 333 v. Chr. auf die persischen Streitkräfte und besiegte sie in den Schlachten von Issos und Gaugamela. Das Perserreich der Achämeniden wurde anschließend in das Alexanderreich annektiert. Die Griechen tolerierten die babylonische Kultur und erweiterten sie um das Theater und zusätzliche Errungenschaften der griechischen Zivilisation. Nach dem Tode Alexanders des Großen verwüsteten Kriege seiner zerstrittenen Heerführer das gesamte Gebiet. Plünderungen und Zerstörungen führten zu einer Hungersnot. Nach Verdrängung der griechisch-makedonischen Seleukiden übernahmen die iranischen Parther die Macht in Babylonien gegen Ende des 2. Jahrhunderts v. Chr.
Siehe auch
Babylonischer Kalender
Babylonische Mathematik
Babylonische Religion
Literatur
Jaume Llop Raduà: Aportació a l’estudi de les relacions polítiques i militars entre Assíria i Babilònia durant la segona meitat del segon mil.leni a.C. Barcelona 2001 (esp.; online).
Weblinks
Einzelnachweise
Kategorie:Mesopotamien
Kategorie:Historischer Staat (Vorderasien) | de | wikipedia | 12,190 |
4148a71e-2c25-456c-bd5e-21c664287344 | Algerien | "Algerien (; ,Vgl. Tamendawt s tmazight 2016 (Algerische Verfassung auf Kabylisch von 2016) und Tame(...TRUNCATED) | de | wikipedia | 84,406 |
90d513e3-cec0-46fe-b2fc-3baecea66c3d | Archäologie | "mini|Ausgrabung eines Bodendenkmals (In-situ-Archäologie)\nmini|Funddokumentation in der Unter(...TRUNCATED) | de | wikipedia | 48,611 |
5f262a60-d33d-4a89-ab35-d12205ece93d | BMI | "BMI steht für:\n Body-Mass-Index, eine Maßzahl für die Bewertung des Körpergewichts eines Mensc(...TRUNCATED) | de | wikipedia | 1,378 |
End of preview. Expand
in Data Studio
💎 APEX DATASETS
"Believe in Apex. Become what's Next."
💎 The "Art" of Clean Data
This is not just a dataset; it's a masterpiece of data engineering. We have processed raw German Wikipedia dumps, removing all HTML tags, boilerplate, and noise, leaving only the purest linguistic structures for your AI training needs.
"Quality over Quantity. But we give you both." — Apex Datasets
🏗️ Dataset Structure (Sample)
We provide a ready-to-use split, formatted in Parquet for maximum efficiency.
| File Name | Rows | Usage Scenario | Description |
|---|---|---|---|
sample_train.parquet |
400 | 🏋️ Fine-Tuning | Rich, diverse sentences for teaching the model context. |
sample_test.parquet |
100 | 🧪 Evaluation | Unseen data for testing model performance (perplexity). |
dataset_statistics.json |
- | 📊 Analysis | Complete metadata and statistical breakdown. |
📊 Quick Stats (Full Version)
- Total Size: 8.21GB+
- Sentences: 3,000,000+
- Format: Apache Parquet (Snappy compression)
- Encoding: UTF-8
🚀 How to Use
from datasets import load_dataset
# Download the sample directly
dataset = load_dataset("Apex-Datasets/German-Wikipedia-Cleaned-Sample")
print(dataset['train'][0])
- Downloads last month
- 33